Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 87"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 87) |
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ||
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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| + | 第八十七回 | ||
| + | 感秋声抚琴悲往事 | ||
| + | 坐禅寂走火入邪魔 | ||
却说黛玉叫进宝钗家的女人来,问了好,呈上书子,黛玉叫他去喝茶,便将宝钗来书打开看时,只见上面写着: | 却说黛玉叫进宝钗家的女人来,问了好,呈上书子,黛玉叫他去喝茶,便将宝钗来书打开看时,只见上面写着: | ||
妹生辰不偶,家运多艰,姊妹伶仃,萱亲衰迈;兼之猇声狺语,旦暮无休;更遭惨祸飞灾,不啻惊风密雨。夜深辗侧,愁绪何堪!属在同心,能不为之愍恻乎?回忆海棠结社,序属清秋,对菊持螯,同盟欢洽。犹记“孤标傲世偕谁隐,一样花开为底迟”之句,未尝不叹冷节馀芳,如吾两人也。感怀触绪,聊赋四章,匪曰无故呻吟,亦长歌当哭之意耳。 | 妹生辰不偶,家运多艰,姊妹伶仃,萱亲衰迈;兼之猇声狺语,旦暮无休;更遭惨祸飞灾,不啻惊风密雨。夜深辗侧,愁绪何堪!属在同心,能不为之愍恻乎?回忆海棠结社,序属清秋,对菊持螯,同盟欢洽。犹记“孤标傲世偕谁隐,一样花开为底迟”之句,未尝不叹冷节馀芳,如吾两人也。感怀触绪,聊赋四章,匪曰无故呻吟,亦长歌当哭之意耳。 | ||
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茂叶包蟹势、黄莺(疑为“黄鹰”之误)搏兔势、三十六局杀角势、十龙走马──皆为围棋术语。具体不详。 | 茂叶包蟹势、黄莺(疑为“黄鹰”之误)搏兔势、三十六局杀角势、十龙走马──皆为围棋术语。具体不详。 | ||
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| − | + | Siebenundachtzigstes Kapitel | |
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| − | + | Im Klang des Herbstes spielt die Zither und betrauert Vergangenes, | |
| − | + | In der Stille der Meditation verfällt der Geist dem Irrwahn | |
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| − | + | Wie berichtet, ließ Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> die Botin aus Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref>s Haus herein, erkundigte sich nach dem Wohlergehen und nahm den Brief entgegen. Sie schickte die Frau zum Tee und öffnete Schatzspanges Schreiben. Es lautete: | |
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| − | + | „Meine Schwester, deren Geburtstag unter keinem glücklichen Stern stand, deren Familie vom Unglück verfolgt wird; Schwestern allein und verlassen, die geliebte Mutter in die Jahre gekommen; dazu der keifende Lärm, der nie zur Ruhe kommt, Tag und Nacht; und nun auch noch ein furchtbares Unglück wie ein Sturmwind und Platzregen. In langen Nächten wälze ich mich schlaflos — wie soll ich den Gram ertragen! Da wir einander so verbunden sind, wie sollte mich das nicht zutiefst bewegen? Ich erinnere mich an unsere Begonien-Dichtergesellschaft, im klaren Herbst; wie wir bei den Chrysanthemen die Krabben verspeisten und in froher Eintracht beisammensaßen. Noch klingen mir die Verse im Ohr: ‚Einsam in stolzer Haltung — mit wem sich verbergen vor der Welt? Ein und dieselbe Blüte — warum so spät erblüht?' Unwillkürlich denke ich an den kühlen Festtag und seine letzten Blüten — gleich uns beiden. Von Wehmut und Rührung ergriffen, habe ich vier Strophen verfasst — nicht als grundloses Stöhnen, sondern im Sinne jenes Wortes: ‚Ein langes Lied singe statt des Weinens.'" | |
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| − | + | Traurig, dass die Jahreszeiten wechseln — und wieder ist es klarer Herbst! | |
| − | + | Bedrückt durch das Unglück meines Hauses — allein im Gram der Trennung. | |
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| − | + | Nordwärts steht das Vergissmeinkraut — doch wie soll es den Kummer bannen? | |
| − | + | Nichts kann ihn lösen — und mein Herz ist voller Seufzer. | |
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| − | + | Wolken türmen sich — im Herbstwind wird mir weh ums Herz. | |
| − | + | Ich schreite durch den Hof — auf trocknem Reiflaub trete ich. | |
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| − | + | Wohin gehen, wohin wenden — verloren ist mir alle frühere Freude! | |
| − | + | Besinne ich mich still — zerschneidet es mir Lunge und Leber. | |
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| − | + | Wohl hat der Stör seinen Teich — wohl der Kranich sein Wehr, | |
| − | + | Schuppenpanzer verbirgt sich in der Tiefe — und Gefieder, wie lang es wächst! | |
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| − | + | Ich kratze mir den Kopf und frage — in die Weite, | |
| − | + | Hoher Himmel, tiefe Erde — wer kennt meinen ewigen Schmerz? | |
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| + | Die Silberstraße flimmert — kalte Luft dringt ein, | ||
| + | Mondlicht fällt schräg — und die Wasseruhr versinkt. | ||
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| + | Mein sorgenvolles Herz lodert — und entlockt mir Klagelieder; | ||
| + | Ich singe und singe — und sende sie meiner Seelenfreundin. | ||
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| + | Kajaljade war beim Lesen tief ergriffen. Dann dachte sie: „Dass die Schwester Bao dieses Gedicht nicht an andere, sondern gerade an mich schickt — das zeigt, dass wir verwandte Seelen sind, die einander zu schätzen wissen." | ||
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| + | Noch war sie versunken, als draußen jemand rief: „Ist die Schwester Lin zu Hause?" Kajaljade faltete hastig Schatzspanges Brief zusammen und antwortete: „Wer ist da?" Schon kamen mehrere Personen herein — Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref>, Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref>, Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume. Man begrüßte sich, Schneegans schenkte Tee ein, und alle plauderten. Als die Chrysanthemengedichte von vor zwei Jahren zur Sprache kamen, sagte Kajaljade: „Seit Schwester Schatzspange ausgezogen ist, war sie nur zweimal hier; jetzt kommt sie nicht einmal mehr, wenn etwas anliegt — wirklich seltsam! Ob sie wohl jemals wieder zu uns kommt?" Erkundefrühling lächelte: „Natürlich kommt sie — früher oder später. Nur hat jetzt ihre Schwägerin so ein Temperament, und die Tante wird alt, und dann gibt es noch Becken Schnees Angelegenheit — da muss Schatzspange sich natürlich um alles kümmern. Wo soll sie da die Zeit hernehmen wie früher!" | ||
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| + | Während sie sprachen, erhob sich plötzlich ein Windstoß, der mit lautem Rauschen eine Menge Blätter gegen die Fensterpapiere warf. Nach einer Weile drang ein feiner Duft herein. Alle rochen es und sagten: „Woher kommt dieser Duftwind? Was für ein Duft ist das?" Kajaljade meinte: „Es scheint Osmanthus zu sein." Erkundefrühling lachte: „Schwester Lin verrät sich als Südländerin! Wir haben Mitte des neunten Monats — wo soll da noch Osmanthus blühen?" Kajaljade lachte: „Eben deshalb habe ich ja auch nicht direkt ‚Osmanthus' gesagt, sondern nur ‚es scheint wie'." Xiangfluss-Wolke sagte: „Dritte Schwester, so leicht darfst du auch nicht reden. Erinnerst du dich an die Verse ‚Zehn Li Lotosblüten, drei Herbste Kassienkinder'? Im Süden ist gerade die Zeit, da der späte Osmanthus blüht. Du hast es nur noch nicht gesehen — wenn du einmal in den Süden kommst, wirst du es schon merken." Erkundefrühling lachte: „Was sollte ich im Süden zu suchen haben? Übrigens wusste ich das längst — ihr braucht es mir nicht zu erklären." Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume kicherten nur still. | ||
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| + | Kajaljade sagte: „Schwesterchen, da kann man nie wissen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mensch ist ein irdischer Unsterblicher' — heute hier, morgen wer weiß wo. Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin eine Südländerin — wie bin ich hierhergekommen?" Xiangfluss-Wolke klatschte in die Hände und lachte: „Heute hat die Schwester Lin die Dritte Schwester in die Enge getrieben! Nicht nur sie kommt aus dem Süden — nehmen wir uns alle: Manche stammen von hier aus dem Norden; manche haben ihre Wurzeln im Süden, sind aber im Norden aufgewachsen; manche sind im Süden aufgewachsen und dann in den Norden gekommen. Dass wir heute alle hier beisammen sitzen, zeigt doch, dass über jedem Menschen ein Schicksal waltet. Zwischen Menschen und Orten gibt es eben Bestimmung." Alle nickten; auch Erkundefrühling musste lachen. | ||
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| + | Man plauderte noch eine Weile, dann brach man auf. Kajaljade begleitete sie bis zur Tür. Alle sagten: „Du bist gerade erst ein wenig gesunder — komm nicht hinaus, pass auf den Wind auf." | ||
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| + | Kajaljade stand an der Tür und wechselte noch einige herzliche Worte, dann sah sie ihnen nach, wie sie den Hof verließen. Zurück im Zimmer, sah sie, wie die Vögel in die Berge zurückkehrten und die Abendsonne im Westen sank. Durch Xiangfluss-Wolkes Worte über den Süden kam ihr in den Sinn: „Wenn Vater und Mutter noch lebten — die Landschaft des Südens: Frühlingsblumen, Herbstmond, klares Wasser, leuchtende Berge, die Vierundzwanzig Brücken, die Stätten der Sechs Dynastien. Zahlreiche Diener stünden bereit, in allen Dingen könnte man seinen Willen haben, ohne jedes Wort abzuwägen. Blumengeschmückte Wagen, bemalte Boote, rote Aprikosen, blaue Vorhänge — unangefochtene Herrin. Doch heute, als Gast unter fremdem Dach, muss ich bei allem auf der Hut sein, mag es noch so viel Fürsorge geben. Welche Schuld habe ich in einem früheren Leben auf mich geladen, dass ich in diesem Leben so einsam und verlassen bin? Wahrhaftig wie Li Houzhu sagte: ‚In diesem Dasein wasche ich mir Tag und Nacht das Gesicht nur mit Tränen!'" So sann sie vor sich hin und merkte nicht, wie ihr Geist in die Ferne abschweifte. | ||
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| + | Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> trat ein und erkannte sofort: Das Gespräch über Süden und Norden hatte Kajaljades wunden Punkt getroffen. Sie fragte: „Die Fräulein haben lange geplaudert — gewiss hat sich das Fräulein wieder angestrengt. Ich habe vorhin Schneegans in die Küche schicken lassen, um dem Fräulein eine Suppe aus geräuchertem Fleisch und Chinakohl zu kochen, mit ein wenig getrockneten Shrimps, grünem Spargel und Seetang — wäre dem Fräulein das recht?" Kajaljade sagte: „Das mag angehen." Purpurkuckuck fügte hinzu: „Außerdem habe ich etwas Klebreis-Brei gekocht." Kajaljade nickte und sagte: „Den Brei müsst ihr beide aber selbst kochen — nicht aus der Küche nehmen." Purpurkuckuck sagte: „Ich fürchte auch, die Küche arbeitet nicht sauber genug; wir kochen ihn selbst. Und die Suppe — da habe ich Schneegans gesagt, sie solle es mit Frau Liu besprechen und auf Sauberkeit achten. Frau Liu hat versprochen, alles sorgfältig herzurichten und in ihrem Zimmer von Wu'er die Suppe bewachen zu lassen." Kajaljade sagte: „Mir geht es nicht darum, dass andere unreinlich wären. Nur war ich so viele Tage krank, und alles, was ich brauche, muss ich von anderen erbitten, und jetzt auch noch Suppe und Brei — damit mache ich mich allen lästig." Dabei röteten sich ihre Augenränder. Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein macht sich zu viele Gedanken. Sie ist die Enkelin der Alten Ahnin, ihr Augapfel — andere wünschen sich, dem Fräulein gefällig zu sein, und können es nicht. Wer sollte sich da beschweren?" | ||
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| + | Kajaljade nickte und fragte dann: „Die Wu'er, die du eben erwähnt hast — ist das nicht das Mädchen, das neulich mit Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Herrn Bao zusammen war?" Purpurkuckuck bestätigte: „Genau die." Kajaljade fragte: „Sollte sie nicht bei uns eintreten?" Purpurkuckuck sagte: „Doch. Aber dann wurde sie krank; und als sie wieder gesund war, kam gerade die Sache mit Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> und den anderen dazwischen, und so wurde es aufgeschoben." Kajaljade sagte: „Mir scheint, das Mädchen sieht recht ordentlich aus." | ||
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| + | Da brachte draußen eine Dienerin die Suppe. Schneegans ging hinaus, um sie entgegenzunehmen. Die Frau sagte: „Frau Liu lässt dem Fräulein ausrichten: Die Suppe hat Wu'er selbst zubereitet, nicht in der großen Küche, weil das Fräulein die vielleicht zu schmutzig findet." Schneegans nahm die Suppe in Empfang. Kajaljade, die im Zimmer alles gehört hatte, sagte: „Bestell der alten Frau, sie solle sich bedanken lassen." Schneegans ging hinaus und richtete es aus; die alte Frau ging. | ||
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| + | Schneegans stellte Kajaljades Geschirr und Stäbchen auf den kleinen Tisch und fragte: „Wir haben noch den eingelegten fünferlei Rettich aus dem Süden — mit etwas Sesamöl und Essig, wäre das recht?" Kajaljade sagte: „Geht auch — nur macht kein großes Aufheben." Man trug den Brei auf. Kajaljade aß eine halbe Schale, löffelte zwei Schlucke Suppe und hörte auf. Die beiden Mädchen räumten ab, wischten den Tisch, trugen ihn hinaus und stellten den gewöhnlichen kleinen Tisch hin. Kajaljade spülte den Mund, wusch sich die Hände und fragte: „Purpurkuckuck, hast du schon Weihrauch nachgelegt?" Purpurkuckuck sagte: „Gleich." Kajaljade sagte: „Esst ihr beide die Suppe und den Brei — der Geschmack ist gut, und es ist alles sauber. Ich lege den Weihrauch selbst nach." Die beiden sagten zu und aßen im Vorzimmer. | ||
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| + | Kajaljade legte Weihrauch auf und setzte sich. Sie wollte gerade ein Buch nehmen, als sie im Garten den Wind hörte, der von Westen nach Osten durch die Bäume fegte und das Laub zum Rauschen und Rascheln brachte. Bald klirrten auch die eisernen Windglocken unter dem Dachvorsprung unablässig. | ||
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| + | Schneegans war zuerst fertig und kam herein. Kajaljade fragte: „Es wird kalt. Neulich habe ich euch gebeten, die kleinen Pelzsachen zu lüften — habt ihr das getan?" Schneegans sagte: „Alles gelüftet." Kajaljade: „Bring mir eins zum Überwerfen." Schneegans holte ein Bündel kleiner Pelzkleidungsstücke, öffnete die Filzhülle und ließ Kajaljade wählen. Dazwischen lag ein Seidenpäckchen. Kajaljade griff danach und öffnete es — es waren die alten Seidentücher, die Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> ihr während seiner Krankheit geschickt hatte, mit ihren eigenen Gedichten darauf; die Tränenflecken waren noch sichtbar. Darin eingewickelt lagen der zerschnittene Duftsäckchen, die Fächertaschen und die Quaste von Schatzjades magischem Jadestein. Beim Lüften der Kleider hatte Purpurkuckuck sie in der Truhe gefunden und aus Angst, sie könnten verloren gehen, in die Filzhülle gesteckt. Kajaljade brauchte nur einen Blick darauf zu werfen — sie vergaß völlig, welches Kleidungsstück sie anziehen wollte, hielt nur die beiden Seidentücher in der Hand und starrte stumm auf die alten Gedichte. Nach einer Weile begannen die Tränen leise zu rinnen. | ||
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| + | Purpurkuckuck kam gerade aus dem Vorzimmer herein und sah Schneegans reglos mit dem Filzbündel dastehen. Auf dem kleinen Tisch lagen der zerschnittene Duftsäckchen, zwei oder drei Stücke einer Fächertasche und die abgerissene Quaste. Kajaljade aber hielt zwei alte Seidentücher mit Schriftzügen in der Hand und weinte darüber. Wahrlich: | ||
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| + | Wem das Schicksal nicht lacht, der trifft auf leidvolles Geschehen; | ||
| + | Neue Tränenspuren mischen sich mit alten. | ||
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| + | Purpurkuckuck verstand: Kajaljade war durch die Gegenstände an Vergangenes erinnert worden, und Zureden half nichts. Also lächelte sie: „Fräulein, wozu schaut Ihr Euch solche alten Sachen an? Das stammt alles aus der Zeit, als der Zweite Herr Bao und das Fräulein noch klein waren — bald vertrugen sie sich, bald stritten sie sich, lauter komische Geschichten. Wenn man so respektvoll miteinander umgeht wie jetzt, hätte man solche Dinge doch nicht sinnlos zerstört." Diese Worte waren als Aufmunterung gedacht, doch gerade sie riefen die Erinnerungen an Kajaljades erste Zeit mit Schatzjade noch lebhafter wach, und die Perlentröpfchen flossen nur stärker. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Schneegans wartet — zieht doch ein Stück über." Erst dann legte Kajaljade die Tücher hin. Purpurkuckuck hob sie auf, wickelte die Duftsäckchen und übrigen Sachen ein und trug sie fort. | ||
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| + | Kajaljade warf sich einen Pelz über die Schultern, ging grübelnd ins Vorzimmer und setzte sich. Auf dem Tisch lag noch Schatzspanges unverwahrter Brief; sie nahm ihn heraus und las ihn noch zweimal. Seufzend sprach sie: „Die Umstände sind verschieden, doch der Schmerz ist derselbe. Ich will ebenfalls vier Strophen dichten, sie in eine Qin-Melodie übertragen, singbar und spielbar — morgen schreibe ich sie ab und schicke sie als Antwort." Sie ließ Schneegans Pinsel und Tusche vom äußeren Tisch holen, tauchte den Pinsel ein und verfasste vier Strophen. Dann schlug sie das Qin-Notenbuch auf, entlehnte die Melodien der „Elegie auf die Orchidee" und der „Sehnsucht nach dem Weisen" und setzte ihre Verse dazu in Töne. Anschließend schrieb sie alles ins Reine, um es Schatzspange zu senden. Dann ließ sie Schneegans aus der Truhe die kurze Zither holen, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, spannte die Saiten auf und übte die Grifftechnik. Kajaljade war von Natur hochbegabt und hatte im Süden einige Zeit geübt; zwar waren die Hände eingerostet, doch kaum griff sie zur Zither, kam alles wieder. Nach einigem Spielen war die Nacht weit fortgeschritten; sie ließ Purpurkuckuck alles aufräumen und ging schlafen. | ||
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| + | Was nun Schatzjade betraf: An diesem Morgen stand er auf, machte sich zurecht und ging mit Beiming zur Schule. Da kam Moyu lachend angelaufen und rief: „Zweiter Herr, heute haben Sie Glück: Der Großonkel ist nicht im Schulzimmer — Schule fällt aus!" Schatzjade fragte: „Wirklich?" Moyu sagte: „Wenn der Zweite Herr es nicht glaubt — seht, da kommen der Dritte Herr und der junge Herr Lan!" Schatzjade sah Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> und Orchidee Kaufmann mit ihren Dienern kommen, beide lachend und schwatzend. Als sie Schatzjade sahen, blieben sie mit gesenkten Händen stehen. Schatzjade fragte: „Warum seid ihr schon zurück?" Unheil Kaufmann sagte: „Heute hat der Großonkel etwas vor und gibt uns einen Tag frei; morgen geht es weiter." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade ging zunächst zur Großmutter und zu Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref>, um es zu melden, und kehrte dann in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> fragte: „Warum bist du schon wieder da?" Schatzjade erzählte es ihr. Kaum hatte er sich gesetzt, wollte er schon wieder hinaus. Dufthauch sagte: „Wohin denn so eilig? Wenn schon schulfrei, solltest du dich ein wenig erholen." Schatzjade blieb stehen, senkte den Kopf und sagte: „Da hast du recht. Aber man bekommt so selten einen freien Tag — sollte ich mich nicht wenigstens ein bisschen zerstreuen? Hab doch ein wenig Erbarmen." Dufthauch sah sein flehendes Gesicht und lachte: „Dann geh, Herr." | ||
| + | |||
| + | Da wurde gerade das Essen aufgetragen. Schatzjade aß notgedrungen hastig, spülte den Mund und rannte wie der Blitz zu Kajaljades Zimmer. An der Tür sah er Schneegans im Hof Seidentücher trocknen. Schatzjade fragte: „Hat das Fräulein gegessen?" Schneegans sagte: „Heute Morgen hat sie nur eine halbe Schale Brei getrunken und wollte nicht essen; jetzt nickt sie gerade ein. Der Zweite Herr sollte erst anderswohin gehen und später wiederkommen." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade musste umkehren. Ohne rechtes Ziel fiel ihm ein, dass er Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> schon seit Tagen nicht gesehen hatte, und schlenderte zur Liaofeng-Veranda. Am Fenster war alles totenstill. Er dachte, sie halte ihren Mittagsschlaf, und wollte nicht stören. Gerade als er sich abwenden wollte, hörte er im Innern ein leises Klacken. Er blieb stehen und lauschte. Nach einer Weile — noch ein Klacken. Er konnte es noch nicht zuordnen, als eine Stimme sagte: „Du hast hier einen Stein gesetzt — willst du dort nicht antworten?" Da wusste er: Sie spielten Go<ref>Go (围棋, Wéiqí): Strategisches Brettspiel, in China seit über 2.500 Jahren gespielt, eines der „vier Künste" des Gelehrten.</ref>. Nur wessen Stimme war das? Dann hörte er Bedauerfrühling: „Keine Angst! Du schlägst mich dort, ich antworte dort; du schlägst hier, ich antworte hier — ich habe noch einen Zug in Reserve, am Ende verbinde ich alles." Die andere Stimme sagte: „Und wenn ich so schlage?" Bedauerfrühling rief: „Ah! Da ist ja noch ein Gegenschlag versteckt — den habe ich übersehen!" | ||
| + | |||
| + | Schatzjade lauschte: Die Stimme kam ihm sehr bekannt vor, war aber keine seiner Schwestern. Er überlegte, dass Bedauerfrühling keinen Besuch von Fremden bekam, und hob leise den Vorhang. Da saß — niemand anders als Wunderjade<ref>Wunderjade: Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersamer Jade".</ref> aus dem Longsui-Kloster, die „Fremde jenseits aller Schwellen". Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Wunderjade und Bedauerfrühling waren beide in tiefes Nachdenken versunken und bemerkten ihn nicht. Schatzjade stellte sich daneben und beobachtete das Spiel. Wunderjade fragte mit gesenktem Kopf: „Willst du diese Ecke aufgeben?" Bedauerfrühling sagte: „Warum sollte ich? Deine Steine dort sind alle tot — was soll ich fürchten?" Wunderjade sagte: „Sei nicht zu sicher — probier es aus." Bedauerfrühling sagte: „Dann schlag ich zu — mal sehen, was du machst!" Wunderjade aber lächelte leise, setzte am Rand einen Stein, bog mit einem Gegenzug ab und schlug Bedauerfrühlings ganze Ecke heraus. Lachend sagte sie: „Das nennt man die ‚Umgekehrte-Stiefel-Stellung'." | ||
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| + | Noch ehe Bedauerfrühling antworten konnte, platzte Schatzjade vor Begeisterung mit einem lauten Lachen heraus, was beide fürchterlich erschreckte. Bedauerfrühling fuhr ihn an: „Was soll das? Kommt herein, ohne ein Wort zu sagen, und erschreckt uns so! Seit wann bist du hier?" Schatzjade sagte: „Ich bin schon vorher hereingekommen und habe zugesehen, wie ihr um diese Ecke gestritten habt." Damit verbeugte er sich vor Wunderjade und fragte lachend: „Die verehrte Meisterin verlässt sonst selten ihre Klause — was führt sie heute unter die Sterblichen?" Wunderjade wurde plötzlich rot im Gesicht, gab keine Antwort und senkte den Blick auf das Spielbrett. Schatzjade merkte, dass er sich daneben benommen hatte, und sagte entschuldigend: „Natürlich ist ein Mensch der Entsagung nicht wie wir weltliche Laien. Erstens: Ihr Herz ist still. Stille schafft Klarheit, Klarheit schafft Weisheit." Kaum hatte er es ausgesprochen, hob Wunderjade langsam den Blick, sah Schatzjade kurz an und senkte den Kopf wieder. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Schatzjade sah, dass sie ihn nicht beachtete, und setzte sich verlegen an die Seite. | ||
| + | |||
| + | Bedauerfrühling wollte weiterspielen. Wunderjade sagte nach langem Schweigen: „Ein andermal." Sie stand auf, ordnete ihre Kleidung, setzte sich wieder und fragte Schatzjade mit abwesendem Blick: „Woher kommst du?" Schatzjade hätte dieses eine Wort nicht lieber hören können — endlich konnte er seine vorherige Unbeholfenheit erklären. Doch dann dachte er: „Oder ist das eine Zen-Frage?" Er wurde rot und konnte nicht antworten. Wunderjade lächelte leicht. Bedauerfrühling dagegen lachte: „Zweiter Bruder, was ist daran so schwer? Hast du nicht gehört, was die Leute immer sagen: ‚Ich komme von dort, woher ich komme'? Dafür muss man doch nicht rot werden, als hätte man einen Fremden vor sich." | ||
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| + | Als Wunderjade diese Worte hörte, dachte sie unwillkürlich an ihre eigene Lage: Ihr Herz regte sich, ihre Wangen brannten — gewiss waren auch sie rot. Es wurde ihr peinlich. Sie stand auf und sagte: „Ich war zu lange hier — ich muss zurück ins Kloster." Bedauerfrühling kannte Wunderjades Wesen und hielt sie nicht zurück, sondern begleitete sie zur Tür. Wunderjade lachte: „Ich war so lange nicht hier — die vielen Windungen und Kurven verwirren mich, ich finde den Rückweg nicht mehr." Schatzjade sagte: „Da muss ich wohl den Weg weisen — einverstanden?" Wunderjade sagte: „Ich danke. Der Zweite Herr gehe voran." | ||
| + | |||
| + | So verabschiedeten sich die beiden von Bedauerfrühling und verließen die Liaofeng-Veranda. Auf verschlungenen Pfaden näherten sie sich dem Xiaoxiang-Pavillon, als plötzlich ein heller Ton erklang — ding-dong. Wunderjade fragte: „Woher kommt dieser Zitherton?" Schatzjade antwortete: „Das muss Schwester Lin sein, die Zither spielt." Wunderjade sagte: „Sie beherrscht das auch? Wie kommt es, dass davon nie die Rede war?" Schatzjade erzählte ihr Kajaljades ganze Geschichte. Dann sagte er: „Lasst uns zu ihr gehen und zuschauen." Wunderjade entgegnete: „Seit alters ‚hört' man eine Zither — man ‚schaut' sie nicht an." Schatzjade lachte: „Ich sagte ja, ich bin ein Laie." | ||
| + | |||
| + | Die beiden setzten sich auf einen Felsen vor dem Xiaoxiang-Pavillon und lauschten still. Die Melodie war klar und durchdringend. Dann hörten sie eine leise Stimme singen: | ||
| + | |||
| + | Der Wind pfeift — tief ist der Herbst, | ||
| + | Die Schöne ist tausend Meilen fern — in einsames Sinnen versunken. | ||
| + | Wo ist mein Heimatland? | ||
| + | Am Geländer stehend — benetzen Tränen den Kragen. | ||
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| + | Nach einer Pause wurde weitergesungen: | ||
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| + | Berge ziehen in die Ferne — lang ist das Wasser, | ||
| + | Helles Mondlicht fällt durch mein Fenster. | ||
| + | Schlaflos in langer Nacht — die Milchstraße fern und verschwommen, | ||
| + | Mein leichtes Seidenkleid zittert — im Wind und Tau wird mir kalt. | ||
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| + | Wieder eine Pause. Wunderjade sagte: „Eben war die ‚Qin'-Reimgruppe, die erste Strophe. Jetzt die ‚Yang'-Reimgruppe, die zweite. Hören wir weiter." Von drinnen erklang: | ||
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| + | Dein Schicksal, Schwester, ist nicht frei gewählt, | ||
| + | Mein Los ist voller Gram. | ||
| + | Du und ich — unsere Herzen schlagen im gleichen Takt; | ||
| + | Gedenken wir der Weisen des Altertums — auf dass wir ohne Vorwurf seien. | ||
| + | |||
| + | Wunderjade sagte: „Noch eine Strophe. Was für tiefer Kummer und Sehnsucht!" Schatzjade sagte: „Ich verstehe nichts davon, aber allein der Klang ist mir schon zu traurig." Drinnen stimmte man eine Weile die Saiten. Wunderjade bemerkte: „Die Jun-Saite ist zu hoch gestimmt — sie passt wohl nicht zum Wushe-Modus." Dann erklang von drinnen: | ||
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| + | In dieser Welt sind wir wie leichter Staub, | ||
| + | Zwischen Himmel und Erde — ich fühle die Bande früherer Leben. | ||
| + | Bande, die sich nicht lösen lassen – | ||
| + | Mein reines Herz — gleicht es dem Mond am Himmel? | ||
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| + | Wunderjade hörte es und wurde bleich vor Bestürzung: „Wie kommt sie plötzlich in den Bianzhi-Modus? Der Klang könnte Gold und Stein zerreißen! Nur — es ist zu viel." Schatzjade fragte: „Was heißt ‚zu viel'?" Wunderjade antwortete: „Ich fürchte, es kann nicht von Dauer sein." In diesem Augenblick riss die Jun-Saite mit einem lauten Bong. Wunderjade sprang auf und ging sofort davon. Schatzjade rief: „Was ist?" Wunderjade erwiderte: „In Zukunft wirst du es verstehen. Frag nicht weiter." Damit war sie verschwunden. Schatzjade stand da, den Kopf voller Rätsel, und kehrte niedergeschlagen in den Hof der Roten Freude zurück. | ||
| + | |||
| + | Was Wunderjade betraf: Als sie das Kloster erreichte, empfing sie eine Klosterfrau an der Tür. Man schloss das Tor. Sie saß eine Weile, rezitierte die täglichen Sutras, aß zu Abend, entzündete Weihrauch und betete zu den Bodhisattvas. Dann schickte sie die Klosterfrauen schlafen. Auf ihrem Meditationsbett war alles für die Sitzung bereitgestellt. Sie hielt den Atem an, senkte den Blick, nahm die Lotossitzposition ein und suchte die Gedanken abzuschneiden und sich dem Wahren Sosein zuzuwenden. | ||
| + | |||
| + | Nach der dritten Nachtwache hörte sie auf dem Dach ein polterndes Geräusch. In der Angst vor Einbrechern stieg sie vom Meditationsbett, ging auf die vordere Veranda hinaus — und sah nur Wolkenschatten am Himmel und Mondlicht wie Wasser. Das Wetter war noch nicht kalt; allein stand sie eine Weile am Geländer. Da hörte sie auf dem Dach zwei Katzen, die abwechselnd schrien. Plötzlich fielen ihr Schatzjades Worte vom Tage ein, und das Herz schlug ihr schneller, die Ohren brannten. Hastig versuchte sie, ihren Geist zu sammeln, ging zurück ins Meditationszimmer und setzte sich wieder aufs Bett. Doch der Geist wollte nicht zur Ruhe kommen; es war, als galoppierten zehntausend Pferde. Das Meditationsbett begann zu schwanken; ihr war, als sei sie nicht mehr im Kloster. Prinzen und vornehme Herren kamen, um sie zu freien; Kupplerinnen zerrten und schoben sie in einen Wagen; sie wollte nicht gehen. Dann überfielen sie Räuber mit Messern und Knüppeln und bedrängten sie; sie konnte nur weinen und um Hilfe schreien. | ||
| + | |||
| + | Das weckte die Nonnen und Klosterfrauen. Alle kamen mit Lichtern herbeigelaufen und sahen: Wunderjade lag mit ausgebreiteten Armen, Schaum vor dem Mund. Als man sie weckte, starrten ihre Augen gerade nach oben, beide Wangenknochen leuchteten rot, und sie schrie: „Ich stehe unter dem Schutz der Bodhisattvas — was bildet ihr Räuber euch ein?" Alle waren entsetzt und riefen: „Wir sind es! Wach auf!" Wunderjade sagte: „Ich will nach Hause — gibt es hier einen guten Menschen, der mich zurückbringt?" Die Klosterfrau sagte: „Dies ist dein Zuhause." Gleichzeitig betete eine andere Nonne vor der Guanyin<ref>Guanyin (观音): Bodhisattva des Mitgefühls, eine der wichtigsten Figuren des chinesischen Buddhismus.</ref>-Statue; man zog ein Orakelstäbchen und schlug die Deutung nach: Eine weibliche Yin-Kraft im Südwesten habe sie befallen. Eine sagte: „Stimmt — in der südwestlichen Ecke des Gartens der Großen Anschauung wohnt niemand, dort gibt es durchaus Yin-Energie." Man kochte Tees und Heiltränke in heller Aufregung. | ||
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| + | Die eine Nonne, die Wunderjade aus dem Süden mitgebracht hatte, pflegte sie hingebungsvoller als alle anderen und saß bei ihr auf dem Meditationsbett. Wunderjade drehte sich um: „Wer bist du?" Die Nonne sagte: „Ich bin es." Wunderjade sah genauer hin: „Ach, du bist es." Sie umarmte die Nonne und begann laut zu weinen: „Du bist doch meine Mama! Wenn du mich nicht rettest, sterbe ich!" Die Nonne weckte sie sanft und rieb ihr den Körper. Eine Klosterfrau brachte Tee. Erst bei Tagesanbruch schlief Wunderjade endlich ein. | ||
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| + | Die Nonne schickte nach einem Arzt. Einer sagte, es sei Milzschwäche durch Grübeln; ein anderer meinte, Fieber habe die Gebärmutter angegriffen; ein dritter sprach von einem bösen Geist; ein vierter diagnostizierte Erkältung von innen und außen — man kam zu keiner Einigung. Schließlich wurde ein Arzt geholt, der fragte: „Hat sie regelmäßig meditiert?" Die Klosterfrau bejahte. Der Arzt fragte: „Kam die Krankheit plötzlich, letzte Nacht?" Die Frau bejahte. Der Arzt sagte: „Das kommt vom Fehlgehen des inneren Feuers während der Meditation." Man fragte, ob Gefahr bestehe. Der Arzt sagte: „Zum Glück meditiert sie noch nicht lange — die Besessenheit ist noch nicht tief eingedrungen; sie kann gerettet werden." Er verschrieb eine Arznei zur Beruhigung des Herzfeuers; nach einer Dosis besserte sich der Zustand etwas. | ||
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| + | Draußen dichteten müßige Taugenichtse allerlei Gerüchte: „In ihrem Alter — wie soll sie sich da zurückhalten? Zumal sie von so elegantem Aussehen und feinem Verstand ist. Wer weiß, in wessen Hände sie am Ende fällt — wer das Glück haben wird!" | ||
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| + | Nach einigen Tagen ging es Wunderjade zwar etwas besser, doch der Geist war noch nicht wiederhergestellt, und ein gewisser Schleier der Verwirrung blieb. | ||
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| + | Eines Tages saß Bedauerfrühling still in ihrem Zimmer, als Caiping hereinkam und fragte: „Weiß das Fräulein von der Sache mit der Meisterin Wunderjade?" Bedauerfrühling fragte: „Was ist mit ihr?" Caiping sagte: „Gestern habe ich gehört, wie das Fräulein Xing mit der Ersten Schwägerin darüber sprach: Seit dem Tag, als Wunderjade hier Go gespielt hat und abends zurückging, wurde sie nachts von einem bösen Geist befallen und schrie, Räuber kämen, um sie zu entführen. Bis heute ist sie nicht wieder gesund. Fräulein, ist das nicht seltsam?" | ||
| − | + | Bedauerfrühling hörte es und versank in Schweigen. Sie dachte: „Wunderjade ist zwar rein, doch ihre irdischen Bindungen sind noch nicht gelöst. Schade, dass ich in so eine Familie hineingeboren wurde und nicht einfach ins Kloster eintreten kann. Wenn ich Nonne würde — welche Dämonen könnten mich dann behelligen? Wenn kein einziger Gedanke entsteht, ruhen zehntausend Bande in Stille." Bei diesem Gedanken durchzuckte sie eine Erleuchtung, als hätte sie etwas begriffen. Spontan dichtete sie einen Gatha<ref>Gatha (偈, Jì): Kurzes buddhistisches Lehrgedicht in Versform, das eine Einsicht oder Erleuchtung ausdrückt.</ref>: | |
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| − | + | Die große Schöpfung kennt kein Maß – | |
| − | + | Wie sollte man irgendwo verweilen? | |
| − | + | Aus der Leere gekommen, | |
| − | + | Soll man in die Leere zurückkehren. | |
| − | + | Dann ließ sie das Mädchen Weihrauch entzünden, saß still eine Weile und schlug die Go-Sammlung auf. Sie las einige Partien von Kong Rong, König Jixin und anderen. Die Formationen „Dichte Blätter umschließen die Krabbe" und „Der Habicht greift den Hasen" waren nichts Besonderes; die „Sechsunddreißig Eck-Tötungszüge" waren auf Anhieb schwer zu begreifen und zu merken; erst die „Zehn Drachen jagen das Pferd" fand sie wirklich faszinierend. Gerade war sie ins Grübeln vertieft, als jemand draußen den Hof betrat und nach Caiping rief. | |
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| − | + | Wer es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren. | |
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| − | + | <references /> | |
| − | + | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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第八十七回 感秋声抚琴悲往事 坐禅寂走火入邪魔 却说黛玉叫进宝钗家的女人来,问了好,呈上书子,黛玉叫他去喝茶,便将宝钗来书打开看时,只见上面写着: 妹生辰不偶,家运多艰,姊妹伶仃,萱亲衰迈;兼之猇声狺语,旦暮无休;更遭惨祸飞灾,不啻惊风密雨。夜深辗侧,愁绪何堪!属在同心,能不为之愍恻乎?回忆海棠结社,序属清秋,对菊持螯,同盟欢洽。犹记“孤标傲世偕谁隐,一样花开为底迟”之句,未尝不叹冷节馀芳,如吾两人也。感怀触绪,聊赋四章,匪曰无故呻吟,亦长歌当哭之意耳。 悲时序之递嬗兮又属清秋,感遭家之不造兮独处离愁。 北堂有萱兮何以忘忧?无以解忧兮我心咻咻。 云凭凭兮秋风酸,步中庭兮霜叶干。 何去何从兮失我故欢,静言思之兮恻肺肝。 惟鲔有潭兮惟鹤有梁,鳞甲潜伏兮羽毛何长。 搔首问兮茫茫,高天厚地兮谁知余之永伤? 银河耿耿兮寒气侵,月色横斜兮玉漏沉。 忧心炳炳兮发我哀吟,吟复吟兮寄我知音。 黛玉看了,不胜伤感。又想:“宝姐姐不寄与别人,单寄与我,也是惺惺惜惺惺的意思。” 正在沉吟,只听见外面有人说道:“林姐姐在家里呢么?”黛玉一面把宝钗的书叠起,口内便答应道:“是谁?”正问着,早见几个人进来,却是探春、湘云、李纹、李绮。彼此问了好,雪雁倒上茶来,大家喝了,说些闲话。因想起前年的菊花诗来,黛玉便道:“宝姐姐自从挪出去,来了两遭,如今索性有事也不来了,真真奇怪!我看他终久还来我们这里不来?”探春微笑道:“怎么不来?横竖要来的。如今是他们尊嫂有些脾气,姨妈上了年纪的人,又兼有薛大哥的事,自然得宝姐姐照料一切,那里还比得先前有工夫呢!” 正说着,忽听得唿喇喇一片风声,吹了好些落叶打在窗纸上。停了一会儿,又透进一阵清香来。众人闻着,都说道:“这是何处来的香风?这像什么香?”黛玉道:“好像木樨香。”探春笑道:“林姐姐终不脱南边人的话,这大九月里的,那里还有桂花呢?”黛玉笑道:“原是啊,不然,怎么不竟说是桂花香,只说似乎像呢?”湘云道:“三姐姐,你也别说。你可记得‘十里荷花,三秋桂子’?在南边,正是晚桂开的时候了。你只没有见过罢了,等你明日到南边去的时候,你自然也就知道了。”探春笑道:“我有什么事到南边去?况且这个也是我早知道的,不用你们说嘴。”李纹、李绮只抿着嘴儿笑。 黛玉道:“妹妹,这可说不齐。俗语说‘人是地行仙’,今日在这里,明日就不知在那里。譬如我原是南边人,怎么到了这里呢?”湘云拍着手笑道:“今儿三姐姐可叫林姐姐问住了。不但林姐姐是南边人到这里,就是我们这几个人就不同:也有本来是北边的;也有根子是南边,生长在北边的;也有生长在南边,到这北边的。今儿大家都凑在一处,可见人总有一个定数。大凡地和人,总是各自有缘分的。”众人听了都点头,探春也只是笑。 又说了一会子闲话儿,大家散出。黛玉送至门口,大家都说:“你身上才好些,别出来了,看着了风。” 于是黛玉一面说着话儿,一面站在门口,又与四人殷勤了几句,便看着他们出院去了。进来坐着,看看已是林鸟归山,夕阳西坠。因史湘云说起南边的话,便想着:“父母若在,南边的景致:春花秋月,水秀山明,二十四桥,六朝遗迹。不少下人伏侍,诸事可以任意,言语亦可不避。香车画舫,红杏青帘,惟我独尊。今日寄人篱下,纵有许多照应,自己无处不要留心。不知前生作了什么罪孽,今生这样孤凄?真是李后主说的‘此中日夕只以眼泪洗面’矣!”一面思想,不知不觉神往那里去了。 紫鹃走来,看见这样光景,想着必是因刚才说起南边北边的话来,一时触着黛玉的心事了。便问道:“姑娘们来说了半天话,想来姑娘又劳了神了。刚才我叫雪雁告诉厨房里,给姑娘作了一碗火肉白菜汤,加了一点儿虾米儿,配了点青笋、紫菜,姑娘想着好么?”黛玉道:“也罢了。”紫鹃道:“还熬了一点江米粥。”黛玉点点头儿,又说道:“那粥得你们两个自己熬了,不用他们厨房里熬才是。”紫鹃道:“我也怕厨房里弄的不干净,我们自己熬呢。就是那汤,我也告诉雪雁,合柳嫂儿说了,要弄干净着。柳嫂儿说了:他打点妥当,拿到他屋里,叫他们五儿瞅着炖呢。”黛玉道:“我倒不是嫌人家腌臜。只是病了好些日子,不周不备,都是人家,这会子又汤儿粥儿的调度,未免惹人厌烦。”说着,眼圈儿又红了。紫鹃道:“姑娘这话也是多想。姑娘是老太太的外孙女儿,又是老太太心坎儿上的,别人求其在姑娘跟前讨好儿还不能呢,那里有抱怨的?” 黛玉点点头儿。因又问道:“你才说的五儿,不是那日合宝二爷那边的芳官在一处的那个女孩儿?”紫鹃道:“就是他。”黛玉道:“不是听见说要进来么?”紫鹃道:“可不是。因为病了一场,后来好了,才要进来,正是晴雯他们闹出事来的时候,也就耽搁住了。”黛玉道:“我看那丫头倒也还头脸儿干净。” 说着,外头婆子送了汤来。雪雁出来接时,那婆子说道:“柳嫂子叫回姑娘:这是他们五儿作的,没敢在大厨房里作,怕姑娘嫌腌臜。”雪雁答应着,接了进来。黛玉在屋里已听见了,吩咐雪雁:“告诉那老婆子回去说,叫他费心。”雪雁出来说了,老婆子自去。 这里雪雁将黛玉的碗箸安放在小几儿上,因问黛玉道:“还有咱们南边来的五香大头菜,拌些麻油、醋,可好么?”黛玉道:“也使得,只不必累赘了。”一面盛上粥来。黛玉吃了半碗,用羹匙舀了两口汤喝,就搁下了。两个丫鬟撤下来了,拭净了小几,端下去,又换上一张常放的小几。黛玉漱了口,盥了手,便道:“紫鹃,添了香了没有?”紫鹃道:“就添去。”黛玉道:“你们就把那汤合粥吃了罢,味儿还好,且是干净。待我自己添香罢。”两个人答应了,在外间自吃去了。 这里黛玉添了香,自己坐着,才要拿本书看,只听得园内的风自西边直透到东边,穿过树枝,都在那里唏里哗喇不住的响。一会儿,檐下的铁马也只管叮叮当当的乱敲起来。 一时雪雁先吃完了,进来伺候。黛玉便问道:“天气冷了,我前日叫你们把那些小毛儿衣裳晾晾,可曾晾过没有?”雪雁道:“都晾过了。”黛玉道:“你拿一件来我披披。”雪雁走去,将一包小毛衣裳抱来,打开毡包,给黛玉自拣。只见内中夹着个绢包儿。黛玉伸手拿起,打开看时,却是宝玉病时送来的旧绢子,自己题的诗,上面泪痕犹在。里头却包着那剪破了的香囊、扇袋并宝玉通灵玉上的穗子。原来晾衣裳时,从箱中检出,紫鹃恐怕遗失了,遂夹在这毡包里的。这黛玉不看则已,看了时,也不说穿那一件衣裳,手里只拿着那两方手帕,呆呆的看那旧诗。看了一会,不觉得簌簌泪下。 紫鹃刚从外间进来,只见雪雁正捧着一毡包衣裳,在旁边呆立,小几上却搁着剪破了的香囊和两三截儿扇袋并那铰折了的穗子。黛玉手中却拿着两方旧帕子,上边写着字迹,在那里对着滴泪呢。正是: 失意人逢失意事,新啼痕间旧啼痕。 紫鹃见了这样,知是他触物伤情,感怀旧事,料道劝也无益,只得笑着道:“姑娘,还看那些东西作什么?那都是那几年宝二爷和姑娘小时,一时好了,一时恼了,闹出来的笑话儿。要像如今这样厮抬厮敬的,那里能把这些东西白糟蹋了呢?”紫鹃这话原给黛玉开心,不料这几句话更提起黛玉初来时和宝玉的旧事来,一发珠泪连绵起来。紫鹃又劝道:“雪雁这里等着呢,姑娘披上一件罢。”那黛玉才把手帕撂下。紫鹃连忙拾起,将香袋等物包起拿开。 这黛玉方披了一件皮衣,自己闷闷的走到外间来坐下。回头看见案上宝钗的诗启尚未收好,又拿出来瞧了两遍,叹道:“境遇不同,伤心则一。不免也赋四章,翻入琴谱,可弹可歌,明日写出来寄去,以当和作。”便叫雪雁将外边桌上笔砚拿来,濡墨挥毫,赋成四叠。又将琴谱翻出,借他《猗兰》、《思贤》两操,合成音韵,与自己做的配齐了,然后写出,以备送与宝钗。又即叫雪雁向箱中将自己带来的短琴拿出,调上弦,又操演了指法。黛玉本是个绝顶聪明人,又在南边学过几时,虽是手生,到底一理就熟。抚了一番,夜已深了,便叫紫鹃收拾睡觉,不提。 却说宝玉这日起来,梳洗了,带着焙茗正往书房中来,只见墨雨笑嘻嘻的跑来,迎头说道:“二爷今日便宜了:太爷不在书房里,都放了学了。”宝玉道:“当真的么?”墨雨道:“二爷不信,那不是三爷和兰哥来了?”宝玉看时,只见贾环、贾兰跟着小厮们,两个笑嘻嘻的,嘴里咭咭呱呱,不知说些什么,迎头来了。见了宝玉,都垂手站住。宝玉问道:“你们两个怎么就回来了?”贾环道:“今日太爷有事,说是放一天学,明儿再去呢。” 宝玉听了,方回身到贾母、贾政处去禀明了,然后回到怡红院中。袭人问道:“怎么又回来了?”宝玉告诉了他。只坐了一会儿,便往外走。袭人道:“往那里去,这样忙法?就放了学,依我说,也该养养神儿了。”宝玉站住脚,低了头,说道:“你的话也是。但是好容易放一天学,还不散散去,你也该可怜我些儿了。”袭人见说的可怜,笑道:“由爷去罢。” 正说着,端了饭来。宝玉也没法儿,只得且吃饭。三口两口忙忙的吃完,漱了口,一溜烟往黛玉房中去了。走到门口,只见雪雁在院中晾绢子呢。宝玉因问:“姑娘吃了饭了么?”雪雁道:“早起喝了半碗粥,懒怠吃饭,这时候打盹儿呢。二爷且到别处走走,回来再来罢。” 宝玉只得回来,无处可去,忽然想起惜春有好几天没见,便信步走到蓼风轩来。刚到窗下,只见静悄悄一无人声。宝玉打量他也睡午觉,不便进去。才要走时,只听屋里微微一响,不知何声。宝玉站住再听,半日,又拍的一响。宝玉还未听出,只听一个人道:“你在这里下了一个子儿,那里你不应么?”宝玉方知是下棋呢,但只急切听不出这个人的语音是谁。底下方听见惜春道:“怕什么?你这么一吃我,我这么一应;你又这么吃,我又这么应:还缓着一着儿呢,终久连的上。”那一个又道:“我要这么一吃呢?”惜春道:“阿嗄!还有一着反扑在里头呢,我倒没防备。” 宝玉听了听,那一个声音很熟,却不是他们姊妹。料着惜春屋里也没外人,轻轻的掀帘进去。看时,不是别人,却是那栊翠庵的槛外人妙玉。这宝玉见是妙玉,不敢惊动。妙玉和惜春正在凝思之际,也没理会。宝玉却站在旁边,看他两个的手段。只见妙玉低着头,问惜春道:“你这个畸角儿不要了么?”惜春道:“怎么不要?你那里头都是死子儿,我怕什么?”妙玉道:“且别说满话,试试看。”惜春道:“我便打了起来,看你怎么着?”妙玉却微微笑着,把边上子一接,却搭转一吃,把惜春的一个角儿都打起来了,笑着说道:“这叫做‘倒脱靴势’。” 惜春尚未答言,宝玉在旁情不自禁,哈哈一笑,把两个人都唬了一大跳。惜春道:“你这是怎么说?进来也不言语,这么使促狭唬人。你多早晚进来的?”宝玉道:“我头里就进来了,看着你们两个争这个畸角儿。”说着,一面与妙玉施礼,一面又笑问道:“妙公轻易不出禅关,今日何缘下凡一走?”妙玉听了,忽然把脸一红,也不答言,低了头自看那棋。宝玉自觉造次,连忙陪笑道:“倒是出家人比不得我们在家的俗人。头一件,心是静的。静则灵,灵则慧。”宝玉尚未说完,只见妙玉微微的把眼一抬,看了宝玉一眼,复又低下头去,那脸上的颜色渐渐的红晕起来。宝玉见他不理,只得讪讪的旁边坐了。 惜春还要下子,妙玉半日说道:“再下罢。”便起身理理衣裳,重新坐下,痴痴的问着宝玉道:“你从何处来?”宝玉巴不得这一声,好解释前头的话。忽又想道:“或是妙玉的机锋?”转红了脸,答应不出来。妙玉微微一笑,自合惜春说话。惜春也笑道:“二哥哥,这什么难答的?你没有听见人家常说的‘从来处来’么?这也值得把脸红了,见了生人的似的。” 妙玉听了这话,想起自家:心上一动,脸上一热,必然也是红的,倒觉不好意思起来。因站起来说道:“我来得久了,要回庵里去了。”惜春知妙玉为人,也不深留,送出门口。妙玉笑道:“久已不来,这里弯弯曲曲的,回去的路头都要迷住了。”宝玉道:“这倒要我来指引指引,何如?”妙玉道:“不敢。二爷前请。” 于是二人别了惜春,离了蓼风轩,弯弯曲曲,走近潇湘馆,忽听得叮咚之声。妙玉道:“那里的琴声?”宝玉道:“想必是林妹妹那里抚琴呢。”妙玉道:“原来他也会这个吗?怎么素日不听见提起?”宝玉悉把黛玉的事说了一遍。因说:“咱们去看他。”妙玉道:“从古只有听琴,再没有看琴的。”宝玉笑道:“我原说我是个俗人。”说着,二人走至潇湘馆外,在山子石上坐着静听,甚觉音调清切。只听得低吟道: 风萧萧兮秋气深,美人千里兮独沉吟。 望故乡兮何处?倚栏杆兮涕沾襟。 歇了一会,听得又吟道: 山迢迢兮水长,照轩窗兮明月光。 耿耿不寐兮银河渺茫,罗衫怯怯兮风露凉。 又歇了一歇。妙玉道:“刚才‘侵’字韵是第一叠,如今‘阳’字韵是第二叠了。咱们再听。”里边又吟道: 子之遭兮不自由,予之遇兮多烦忧。 之子与我兮心焉相投,思古人兮俾无尤。 妙玉道:“这又是一拍。何忧思之深也!”宝玉道:“我虽不懂得,但听他声音,也觉得过悲了。”里头又调了一会弦。妙玉道:“君弦太高了,与无射律只怕不配呢。”里边又吟道: 人生斯世兮如轻尘,天上人间兮感夙因。 感夙因兮不可惙,素心何如天上月? 妙玉听了,讶然失色道:“如何忽作变徵之声?音韵可裂金石矣!只是太过。”宝玉道:“太过便怎么?”妙玉道:“恐不能持久。”正议论时,听得君弦磞的一声断了。妙玉站起来,连忙就走。宝玉道:“怎么样?”妙玉道:“日后自知,你也不必多说。”竟自走了。弄得宝玉满肚疑团,没精打彩的归至怡红院中,不表。 且说妙玉归去,早有道婆接着,掩了庵门。坐了一会,把禅门日诵念了一遍。吃了晚饭,点上香,拜了菩萨,命道婆子自去歇着。自己的禅床靠背俱已整齐,屏息垂帘,跏趺坐下,断除妄想,趋向真如。 坐到三更以后,听得房上嗗一片响声。妙玉恐有贼来,下了禅床,出到前轩,但见云影横空,月华如水。那时天气尚不很凉,独自一个凭栏站了一会,忽听房上两个猫儿一递一声厮叫。那妙玉忽想起日间宝玉之言,不觉一阵心跳耳热。自己连忙收摄心神,走进禅房,仍到禅床上坐了。怎奈神不守舍,一时如万马奔驰,觉得禅床便晃荡起来,身子已不在庵中。便有许多王孙公子要来娶他,又有些媒婆扯扯拽拽扶他上车,自己不肯去。一会儿,又有盗贼劫他,持刀执棍的逼勒,只得哭喊求救。 早惊醒了庵中女尼、道婆等众,都拿火来照看,只见妙玉两手撒开,口中流沫。急叫醒时,只见眼睛直竖,两颧鲜红,骂道:“我是有菩萨保佑,你们这些强徒敢要怎么样?”众人都唬的没了主意,都说道:“我们在这里呢,快醒转来罢!”妙玉道:“我要回家去,你们有什么好人,送我回去罢。”道婆道:“这里就是你住的房子。”说着,又叫别的女尼,忙向观音前祷告。求了签,翻开签书看时,是触犯了西南角上的阴人。就有一个说:“是了,大观园中西南角上本来没有人住,阴气是有的。”一面弄汤弄水的在那里忙乱。 那女尼原是自南边带来的,伏侍妙玉自然比别人尽心,围着妙玉坐在禅床上。妙玉回头道:“你是谁?”女尼道:“是我。”妙玉仔细瞧了一瞧道:“原来是你。”便抱住那女尼,呜呜咽咽的哭起来,说道:“你是我的妈呀!你不救我,我不得活了。”那女尼一面唤醒他,一面给他揉着。道婆倒上茶来喝了。直到天明才睡了。 女尼便打发人去请大夫来看脉。也有说是思虑伤脾的,也有说是热入血室的,也有说是邪祟触犯的,也有说是内外感冒的:终无定论。后请得一个大夫来看了,问:“曾打坐过没有?”道婆说道:“向来打坐的。”大夫道:“这病可是昨夜忽然来的么?”道婆道:“是。”大夫道:“这是走火入魔的原故。”众人问:“有碍没有?”大夫道:“幸亏打坐不久,魔还入得浅,可以有救。”写了降伏心火的药,吃了一剂,稍稍平复些。 外面那些游头浪子听见了,便造作许多谣言,说:“这样年纪,那里忍得住?况且又是很风流的人品,很乖觉的性灵。以后不知飞在谁手里,便宜谁去呢!” 过了几日,妙玉病虽略好了些,神思未复,终有些恍惚。 一日,惜春正坐着,彩屏忽然进来回道:“姑娘知道妙玉师父的事吗?”惜春道:“他有什么事?”彩屏道:“我昨日听见邢姑娘和大奶奶在那里说呢:他自从那日合姑娘下棋回去,夜间忽然中了邪,嘴里乱嚷,说强盗来抢他来了。到如今还没好呢。姑娘,你说这不是奇事吗?” 惜春听了,默默无语。因想:“妙玉虽然洁净,毕竟尘缘未断。可惜我生在这种人家,不便出家;我若出了家时,那有邪魔缠扰?一念不生,万缘俱寂。”想到这里,蓦与神会,若有所得,便口占一偈云: 大造本无方,云何是应住。 既从空中来,应向空中去。 占毕,即命丫头焚香。自己静坐了一会,又翻开那棋谱来,把孔融、王积薪等所著看了几篇。内中“茂叶包蟹势”、“黄莺搏兔势”,都不出奇;“三十六局杀角势”,一时也难会难记;独看到“十龙走马” ,觉得甚有意思。正在那里作想,只听见外面一个人走进院来,连叫彩屏。 未知是谁,下回分解。 坐禅寂走火入邪魔──坐禅寂:“坐禅禅寂”的省略。 坐禅:佛家指静坐息虑,凝心参悟。《晋书·姚兴载记上》:“起浮图于永贵里,立波若台于中宫,沙门坐禅者恒有千数。” 禅寂:佛家以寂灭为宗旨,故谓寂静为禅寂。《维摩诘经·方便品》:“一心禅寂,摄诸乱意。” 走火入邪魔:多作“走火入魔”,亦作“走魔入火”。 旧小说常用语。是指僧尼坐禅、道士修炼或武侠练功时心不专一,妄念横生,以致邪魔侵入,轻则神志不清,重则导致残废,甚至丧命。 此回目指妙玉在坐禅时心不专一,暗恋宝玉,以致邪魔侵入,精神失控,大病一场。 萱亲──指母亲。 萱:萱草,俗称金针菜、黄花菜,别称紫萱、忘忧草、疗愁花。南朝梁·任昉《述异记》:“萱草,一名紫萱,又呼曰忘忧草,吴中书生呼疗愁花。嵇中散(康)《养生论》云:‘萱草忘忧。’”因其可以使人忘忧,故用以代指母亲。典出《诗经·卫风·伯兮》:“焉得谖草,言树之背。”毛传:“谖草令人忘忧;背,北堂也。”按“谖”通“萱”。意思是怎么能找到萱草,种于北堂,使自己忘掉烦恼。又因北堂为主妇的居室,于是“萱草”、“萱堂”、“萱室”、“萱亲”皆为母亲的代称。 猇(xiāo消)声狺(y í n银)语──本指虎吼之声和狗叫之声。引申以比喻大吵大闹,恶语伤人。这里指夏金桂闹得家翻宅乱。 惨祸飞灾──指薛蟠打死人命,身陷囹圄。 冷节馀芳──这是薛宝钗以秋菊的高洁自喻,也喻林黛玉。 长歌当哭──长歌:放声高歌。 当:比得上,抵得上。 语本古辞《悲歌行》(见《乐府诗集》卷六二):“悲歌可以当泣,远望可以当归。”意谓放声高歌可以抵得上哭泣。多指用诗文抒发心中的抑郁和悲愤之情。 遭家之不造──语出《诗经·周颂·闵予小子》:“闵予小子·遭家不造,嬛嬛(同“茕茕”)在疚。” 意谓家庭遭到不幸。 离愁──即哀愁。 离:这里作“悲哀”解。 北堂有萱兮何以忘忧──这里是反用“萱堂”之典,意谓恰恰是由于有老母在堂而更加忧愁,因为夏金桂的吵闹往往伤及吾母,故而不能不担心。 “惟鲔”四句──惟:这里作语助词用,无实义。 鲔(wè i未):鲟鱼的别称。明·李时珍《本草纲目·鳞部四·鲟鱼》以为鲔即鲟鱼,并具体描述曰:“其状如鳣,而背上无甲,其色青碧,腹下色白。其鼻与身等,口在颔下,食而不饮。颊下有青斑纹,如梅花状。尾歧如柄。” 梁:在水中所筑的捕鱼堤坝。《诗经·邶风·谷风》有“毋逝我梁”句,孔引达疏曰:“梁,水堰。” 永伤:无穷无尽的悲伤。 前两句为后两句的反衬,意思是:鲟鱼尚可在深水中任意潜游,白鹤也可在堤坝上悠闲地梳理羽毛,惟独我(薛宝钗)只有无穷无尽的悲伤。 惺惺惜惺惺──惺惺:聪明机灵的人。 惜:爱惜,重视。 语出元·关汉卿《小令·普天乐·崔张十六事·酬和情诗》:“五言诗句语清,两下里为媒证。遇着风流知音性,惺惺的偏惜惺惺。”意谓聪明人爱惜聪明人。引申以指同类人互相爱惜。 十里荷花,三秋桂子──宋·柳永《望海潮》词 “三秋桂子,十里荷花”的颠倒。其词后半阕曰:“重湖叠巘清嘉。有三秋桂子,十里荷花。羌管弄晴,菱歌泛夜,嬉嬉钓叟莲娃。千骑拥高牙。乘醉听箫鼓,吟赏烟霞。异日图将好景,归去凤池夸。”原指晚秋杭州西湖的景致。这里泛指江南晚秋正当桂花开放之时。 人是地行仙──谚语“人是地行仙,一日不见走三千(一作“十天不见走一千”)”的省略。意谓人在不断活动,说不定到哪里去。 地行仙:佛家所说的十种仙人之一。见于《楞严经》卷八:“人不及处有十种仙:阿难,彼诸众生,坚固服饵而不休息,食道圆成,名地行仙。” 二十四桥──扬州名胜,故址在今江苏扬州市江都县西郊。但所指却有二说:一说指古扬州有二十四座桥。此说见于宋·王象之《舆地纪胜》,略谓:隋代已有二十四桥,并以城门、坊市为名。至宋代韩令坤重筑扬州城,又别立桥梁。今则“所谓二十四桥者,或存或废,不可得而考”。又见于宋·沈括《梦溪补笔谈·卷三·杂志》:“扬州在唐时最盛,旧城南北十五里一百一十步,东西七里十三步,可纪者有二十四桥。”即由西向东共有桥二十四座,但沈括只列出二十二桥:茶园桥、大明桥、九曲桥、下马桥、作坊桥、洗马桥、南桥、南阿师桥、周家桥、小市桥、广济桥、新桥、开明桥、顾家桥、通泗桥、太平桥、利园桥、万岁桥、青园桥、参佐桥、东水门桥、山光桥。一说指古扬州的一座桥,二十四桥为其桥名。此说见于清·李斗《扬州画舫录·冈西录》:“廿四桥即吴家砖桥,一名红药桥……《扬州鼓吹词序》云:此桥因古之二十四美人吹箫于此,故名。” 六朝遗迹──“六朝”指三国吴、晋朝以及南朝之宋、齐、梁、陈,这六个朝代皆建都于建康(今江苏南京)。这六个朝代皆尚奢华,故留下不少人文景观,世称“六朝遗迹”。 惟我独尊──语出佛教传说,见《大唐西域记·卷六·腊伐尼林》、《敦煌变文集·太子成道经》、五代·释静、释筠《祖堂集·卷一·释迦牟尼佛》、宋·释惟白《建中靖国续灯录·宗元庵主》、宋·释普济二○卷本《五灯会元·卷一·释迦牟尼佛》等:释迦牟尼佛一降生,即一手指天,一手指地,周行七步,目顾四方曰:“天上天下,惟我(一作“吾”)独尊。”原为佛教推崇佛祖释迦牟尼之辞。引申以形容人独立自主,逍遥自在,想干什么就干什么。 此中日夕只以眼泪洗面──此语为南唐后主李煜亡国归宋后写给旧时宫人信中的话,见于宋·王铚《默记》卷下引龙衮《江南录》:“李国主小周后随后主归朝,封郑国夫人,例随命妇入宫。每一入,辄数日而出,必大泣骂后主,声闻于外。(后主)多宛转避之。又韩玉汝家有李国主归朝后与金陵旧宫人书云:‘此中日夕只以眼泪洗面。’”盖因宋太祖赵匡胤欺李后主为亡国之君,公然奸污其妻子而只能忍受,故只能“以眼泪洗面”。林黛玉则借喻自己父母双亡,寄人篱下之苦。 新啼痕间旧啼痕──语出宋·无名氏(或误作秦观、李清照)《鹧鸪天·春闺》词:“枝上流莺和泪闻。新啼痕间旧啼痕。一春鱼鸟无消息,千里关山劳梦魂。 无一语,对芳尊。安排肠断到黄昏。甫能炙得灯儿了,雨打梨花深闭门。”这里指林黛玉的眼泪落到了旧帕子原有的泪痕之上。 《思贤》──未见有《思贤操》的记载,可能是《思亲操》之误。宋·郭茂倩《乐府诗集·卷五七·琴曲歌辞一·思亲操》题解曰:“《古今乐录》曰:‘舜游历山,见乌飞,思亲而作此歌。’谢希逸《琴论》曰:‘舜作《思亲操》,孝之至也。’ ”其歌词曰:“陟彼历山兮崔嵬,有鸟翔兮高飞。瞻彼鸠兮徘徊,河水洋洋兮青(一作“清”)泠。深谷鸟鸣兮莺莺(一作“嘤嘤”),设罥张罝(一作“设罝张罥”)兮思我父母力耕。日与月兮往如驰,父母远兮吾当(一作“将”)安归?”(罥、罝:捕捉鸟兽的网和捕捉兔子的网。泛指捕捉鸟兽的网。)林黛玉正因思亲而作此歌,因而借用《思亲操》可谓顺理成章。 倒脱靴势——围棋术语。这是转败为胜的一着。指甲方的一片棋子将被乙方棋子围死,故意诱使乙方吃子,乘机将那片棋子救活,并反转来吃掉乙方一片棋子。 禅关──即僧、尼坐禅静修的佛寺和尼庵。 机锋──佛教用语。指禅宗问答时使用迅捷锐利、不落痕迹、含义深刻的话语。 耿耿不寐──耿耿:心事重重,烦躁不安。 寐:睡,入睡。 语出《诗经·邶风·柏舟》:“耿耿不寐,如有隐忧。”意谓心事重重,烦躁不安,难以入睡。 银河渺茫──银河已模糊不清。指天将拂晓,故银河不太明亮。 “侵”字韵──即以“侵”字打头的韵部,也就是下平声第十二韵部,此韵部共七十字。 “阳”字韵──即以“阳”字打头的韵部,也就是下平声第七韵部,此韵部共二百七十字。 思古人兮俾无尤──古人:通“故人”,即死去的人。 俾:使。 尤:过失,罪过。 语出《诗经·邶风·绿衣》:“绿兮衣兮,绿衣黄里;心之忧矣,曷维其已。绿兮衣兮,绿衣黄裳;心之忧矣,曷维其亡。绿兮丝兮,女所治兮;我思古人,俾无尤兮。絺兮綌兮,凄其以风;我思古人,实获我心。” 原为丈夫思念亡妻,意谓我经常思念你,能使我不犯或少犯过错。林黛玉将“古人”作为古代贤人,将“尤”作为“忧”的借用字,意谓我和你(薛宝钗)应经常思念古代贤人,使自己减少忧愁。 君弦——亦称“大弦”、“初弦”。即古琴最粗、发音最低的一根弦。因它是确定基音的弦,故称。其他弦称之为“臣弦”或“小弦”。汉·蔡邕《琴操》曰:“大弦者君也,宽和而温。小弦者臣也,清廉而不乱。” 无射律——我国古乐分为十二律(调)。其中阳律六:黄钟、太簇、姑洗、蕤宾、夷则、亡(无)射;阴律六:大吕、夹钟、中吕、林钟、南吕、应钟。以与农历十二个月相配。无射律配九月。《史记·律书》:“九月也,律中无射。无射者,阴气盛用事,阳气无馀也,故曰无射。”无射律为悲伤之调,故妙玉说:“何忧思之深也!”宝玉说:“我虽不懂得,但听他声音,也觉得过悲了。” 变徵——我国古代七音阶中的第四音阶。七音阶是宫、商、角、变徵、徵、羽、变宫。曲调以变徵音为起点的称变徵调式,曲调高亢,多表现悲壮的情绪。如《史记·刺客列传》:荆轲赴秦刺秦王,燕太子丹及众宾客在易水送行。“高渐离击筑,荆轲和而歌,为变徵之调,士皆垂泪涕泣。”林黛玉突然由凄凉之调改弹变徵之调,故妙玉表示惊讶。 真如——佛教用语。指宇宙的本体。《成唯识论》卷九解释曰:“真谓真实,显非虚妄:如谓如常,表无变易。谓此真实,于一切位,常如其性,故曰真如。” 神不守舍——神:神魂。 守:守候,安居,呆在。 舍:指身体,躯体。 语本“魂不守宅”,出自《三国志·魏志·管辂传》“闻晏颺皆诛,然后舅氏乃服”裴松之注引《管辂别传》:“何(晏)之视候,则魂不守宅,血不华色,精爽烟浮,容若槁木。”意谓好像神魂不能安居在躯体之内。形容人精神恍惚,神驰意荡。 热入血室——中医术语。指热邪进入下焦(一说子宫)。据《金匮要略》说,此症使人神志恍惚,“暮则谵语,如见鬼状”。 “大造”二句──大造:天地间,大自然。 无方:变幻无常。 住:“住相”的略称。佛教用语。意谓佛教徒在尘世只是暂住。 这两句是说天地间本来就是变幻无常的,人也是变幻无常的,因此尘世间根本不值得留恋,只是暂时寄居而已。 “既从”二句──前一个“空”即“色空”,指万物生于因缘,虚幻不实。《维摩经·入不二法门品》:“色即是空,非色灭空,色性自空。”后一个“空”指“空门”,也就是佛门。 这两句是说人生本来就是虚幻的,因而应该出家当和尚或尼姑。 孔融、王积薪等所著──孔融:汉末鲁国人,字文举。曾官北海相。有文名,为“建安七子”之一。尤善围棋。最后为曹操杀害。著有《孔北海集》,其围棋著作不详。 王积薪:唐代人。以其棋艺精湛,为翰林书艺局翰林。据唐·薛用弱《集异记·王积薪》载:安史之乱起,王积薪随唐玄宗逃往四川。沿途邮亭狭窄,每宿,皆为高官显宦所占,王积薪只能自找住处。一日借宿于深山中一家屋檐下,忽听婆媳二人一在东房,一在西房,以口对弈,王积薪窃听默记。次晨,王积薪求教,婆婆对媳妇说:“是子可教以常势耳。”“妇乃指示攻守杀夺救应防拒之法,其意甚略。”积薪请求再授,婆婆说:“止此已无敌于人间矣。”王积薪辞行十几步,回头已不见房舍,方知是仙人有意点化于他。从此,王积薪之棋艺更无敌于天下。著有《围棋十诀》,未见。 茂叶包蟹势、黄莺(疑为“黄鹰”之误)搏兔势、三十六局杀角势、十龙走马──皆为围棋术语。具体不详。 |
Siebenundachtzigstes Kapitel Im Klang des Herbstes spielt die Zither und betrauert Vergangenes, In der Stille der Meditation verfällt der Geist dem Irrwahn Wie berichtet, ließ Kajaljade[1] die Botin aus Schatzspange[2]s Haus herein, erkundigte sich nach dem Wohlergehen und nahm den Brief entgegen. Sie schickte die Frau zum Tee und öffnete Schatzspanges Schreiben. Es lautete: „Meine Schwester, deren Geburtstag unter keinem glücklichen Stern stand, deren Familie vom Unglück verfolgt wird; Schwestern allein und verlassen, die geliebte Mutter in die Jahre gekommen; dazu der keifende Lärm, der nie zur Ruhe kommt, Tag und Nacht; und nun auch noch ein furchtbares Unglück wie ein Sturmwind und Platzregen. In langen Nächten wälze ich mich schlaflos — wie soll ich den Gram ertragen! Da wir einander so verbunden sind, wie sollte mich das nicht zutiefst bewegen? Ich erinnere mich an unsere Begonien-Dichtergesellschaft, im klaren Herbst; wie wir bei den Chrysanthemen die Krabben verspeisten und in froher Eintracht beisammensaßen. Noch klingen mir die Verse im Ohr: ‚Einsam in stolzer Haltung — mit wem sich verbergen vor der Welt? Ein und dieselbe Blüte — warum so spät erblüht?' Unwillkürlich denke ich an den kühlen Festtag und seine letzten Blüten — gleich uns beiden. Von Wehmut und Rührung ergriffen, habe ich vier Strophen verfasst — nicht als grundloses Stöhnen, sondern im Sinne jenes Wortes: ‚Ein langes Lied singe statt des Weinens.'" Traurig, dass die Jahreszeiten wechseln — und wieder ist es klarer Herbst! Bedrückt durch das Unglück meines Hauses — allein im Gram der Trennung. Nordwärts steht das Vergissmeinkraut — doch wie soll es den Kummer bannen? Nichts kann ihn lösen — und mein Herz ist voller Seufzer. Wolken türmen sich — im Herbstwind wird mir weh ums Herz. Ich schreite durch den Hof — auf trocknem Reiflaub trete ich. Wohin gehen, wohin wenden — verloren ist mir alle frühere Freude! Besinne ich mich still — zerschneidet es mir Lunge und Leber. Wohl hat der Stör seinen Teich — wohl der Kranich sein Wehr, Schuppenpanzer verbirgt sich in der Tiefe — und Gefieder, wie lang es wächst! Ich kratze mir den Kopf und frage — in die Weite, Hoher Himmel, tiefe Erde — wer kennt meinen ewigen Schmerz? Die Silberstraße flimmert — kalte Luft dringt ein, Mondlicht fällt schräg — und die Wasseruhr versinkt. Mein sorgenvolles Herz lodert — und entlockt mir Klagelieder; Ich singe und singe — und sende sie meiner Seelenfreundin. Kajaljade war beim Lesen tief ergriffen. Dann dachte sie: „Dass die Schwester Bao dieses Gedicht nicht an andere, sondern gerade an mich schickt — das zeigt, dass wir verwandte Seelen sind, die einander zu schätzen wissen." Noch war sie versunken, als draußen jemand rief: „Ist die Schwester Lin zu Hause?" Kajaljade faltete hastig Schatzspanges Brief zusammen und antwortete: „Wer ist da?" Schon kamen mehrere Personen herein — Erkundefrühling[3], Xiangfluss-Wolke[4], Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume. Man begrüßte sich, Schneegans schenkte Tee ein, und alle plauderten. Als die Chrysanthemengedichte von vor zwei Jahren zur Sprache kamen, sagte Kajaljade: „Seit Schwester Schatzspange ausgezogen ist, war sie nur zweimal hier; jetzt kommt sie nicht einmal mehr, wenn etwas anliegt — wirklich seltsam! Ob sie wohl jemals wieder zu uns kommt?" Erkundefrühling lächelte: „Natürlich kommt sie — früher oder später. Nur hat jetzt ihre Schwägerin so ein Temperament, und die Tante wird alt, und dann gibt es noch Becken Schnees Angelegenheit — da muss Schatzspange sich natürlich um alles kümmern. Wo soll sie da die Zeit hernehmen wie früher!" Während sie sprachen, erhob sich plötzlich ein Windstoß, der mit lautem Rauschen eine Menge Blätter gegen die Fensterpapiere warf. Nach einer Weile drang ein feiner Duft herein. Alle rochen es und sagten: „Woher kommt dieser Duftwind? Was für ein Duft ist das?" Kajaljade meinte: „Es scheint Osmanthus zu sein." Erkundefrühling lachte: „Schwester Lin verrät sich als Südländerin! Wir haben Mitte des neunten Monats — wo soll da noch Osmanthus blühen?" Kajaljade lachte: „Eben deshalb habe ich ja auch nicht direkt ‚Osmanthus' gesagt, sondern nur ‚es scheint wie'." Xiangfluss-Wolke sagte: „Dritte Schwester, so leicht darfst du auch nicht reden. Erinnerst du dich an die Verse ‚Zehn Li Lotosblüten, drei Herbste Kassienkinder'? Im Süden ist gerade die Zeit, da der späte Osmanthus blüht. Du hast es nur noch nicht gesehen — wenn du einmal in den Süden kommst, wirst du es schon merken." Erkundefrühling lachte: „Was sollte ich im Süden zu suchen haben? Übrigens wusste ich das längst — ihr braucht es mir nicht zu erklären." Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume kicherten nur still. Kajaljade sagte: „Schwesterchen, da kann man nie wissen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mensch ist ein irdischer Unsterblicher' — heute hier, morgen wer weiß wo. Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin eine Südländerin — wie bin ich hierhergekommen?" Xiangfluss-Wolke klatschte in die Hände und lachte: „Heute hat die Schwester Lin die Dritte Schwester in die Enge getrieben! Nicht nur sie kommt aus dem Süden — nehmen wir uns alle: Manche stammen von hier aus dem Norden; manche haben ihre Wurzeln im Süden, sind aber im Norden aufgewachsen; manche sind im Süden aufgewachsen und dann in den Norden gekommen. Dass wir heute alle hier beisammen sitzen, zeigt doch, dass über jedem Menschen ein Schicksal waltet. Zwischen Menschen und Orten gibt es eben Bestimmung." Alle nickten; auch Erkundefrühling musste lachen. Man plauderte noch eine Weile, dann brach man auf. Kajaljade begleitete sie bis zur Tür. Alle sagten: „Du bist gerade erst ein wenig gesunder — komm nicht hinaus, pass auf den Wind auf." Kajaljade stand an der Tür und wechselte noch einige herzliche Worte, dann sah sie ihnen nach, wie sie den Hof verließen. Zurück im Zimmer, sah sie, wie die Vögel in die Berge zurückkehrten und die Abendsonne im Westen sank. Durch Xiangfluss-Wolkes Worte über den Süden kam ihr in den Sinn: „Wenn Vater und Mutter noch lebten — die Landschaft des Südens: Frühlingsblumen, Herbstmond, klares Wasser, leuchtende Berge, die Vierundzwanzig Brücken, die Stätten der Sechs Dynastien. Zahlreiche Diener stünden bereit, in allen Dingen könnte man seinen Willen haben, ohne jedes Wort abzuwägen. Blumengeschmückte Wagen, bemalte Boote, rote Aprikosen, blaue Vorhänge — unangefochtene Herrin. Doch heute, als Gast unter fremdem Dach, muss ich bei allem auf der Hut sein, mag es noch so viel Fürsorge geben. Welche Schuld habe ich in einem früheren Leben auf mich geladen, dass ich in diesem Leben so einsam und verlassen bin? Wahrhaftig wie Li Houzhu sagte: ‚In diesem Dasein wasche ich mir Tag und Nacht das Gesicht nur mit Tränen!'" So sann sie vor sich hin und merkte nicht, wie ihr Geist in die Ferne abschweifte. Purpurkuckuck[5] trat ein und erkannte sofort: Das Gespräch über Süden und Norden hatte Kajaljades wunden Punkt getroffen. Sie fragte: „Die Fräulein haben lange geplaudert — gewiss hat sich das Fräulein wieder angestrengt. Ich habe vorhin Schneegans in die Küche schicken lassen, um dem Fräulein eine Suppe aus geräuchertem Fleisch und Chinakohl zu kochen, mit ein wenig getrockneten Shrimps, grünem Spargel und Seetang — wäre dem Fräulein das recht?" Kajaljade sagte: „Das mag angehen." Purpurkuckuck fügte hinzu: „Außerdem habe ich etwas Klebreis-Brei gekocht." Kajaljade nickte und sagte: „Den Brei müsst ihr beide aber selbst kochen — nicht aus der Küche nehmen." Purpurkuckuck sagte: „Ich fürchte auch, die Küche arbeitet nicht sauber genug; wir kochen ihn selbst. Und die Suppe — da habe ich Schneegans gesagt, sie solle es mit Frau Liu besprechen und auf Sauberkeit achten. Frau Liu hat versprochen, alles sorgfältig herzurichten und in ihrem Zimmer von Wu'er die Suppe bewachen zu lassen." Kajaljade sagte: „Mir geht es nicht darum, dass andere unreinlich wären. Nur war ich so viele Tage krank, und alles, was ich brauche, muss ich von anderen erbitten, und jetzt auch noch Suppe und Brei — damit mache ich mich allen lästig." Dabei röteten sich ihre Augenränder. Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein macht sich zu viele Gedanken. Sie ist die Enkelin der Alten Ahnin, ihr Augapfel — andere wünschen sich, dem Fräulein gefällig zu sein, und können es nicht. Wer sollte sich da beschweren?" Kajaljade nickte und fragte dann: „Die Wu'er, die du eben erwähnt hast — ist das nicht das Mädchen, das neulich mit Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Herrn Bao zusammen war?" Purpurkuckuck bestätigte: „Genau die." Kajaljade fragte: „Sollte sie nicht bei uns eintreten?" Purpurkuckuck sagte: „Doch. Aber dann wurde sie krank; und als sie wieder gesund war, kam gerade die Sache mit Heitermuster[6] und den anderen dazwischen, und so wurde es aufgeschoben." Kajaljade sagte: „Mir scheint, das Mädchen sieht recht ordentlich aus." Da brachte draußen eine Dienerin die Suppe. Schneegans ging hinaus, um sie entgegenzunehmen. Die Frau sagte: „Frau Liu lässt dem Fräulein ausrichten: Die Suppe hat Wu'er selbst zubereitet, nicht in der großen Küche, weil das Fräulein die vielleicht zu schmutzig findet." Schneegans nahm die Suppe in Empfang. Kajaljade, die im Zimmer alles gehört hatte, sagte: „Bestell der alten Frau, sie solle sich bedanken lassen." Schneegans ging hinaus und richtete es aus; die alte Frau ging. Schneegans stellte Kajaljades Geschirr und Stäbchen auf den kleinen Tisch und fragte: „Wir haben noch den eingelegten fünferlei Rettich aus dem Süden — mit etwas Sesamöl und Essig, wäre das recht?" Kajaljade sagte: „Geht auch — nur macht kein großes Aufheben." Man trug den Brei auf. Kajaljade aß eine halbe Schale, löffelte zwei Schlucke Suppe und hörte auf. Die beiden Mädchen räumten ab, wischten den Tisch, trugen ihn hinaus und stellten den gewöhnlichen kleinen Tisch hin. Kajaljade spülte den Mund, wusch sich die Hände und fragte: „Purpurkuckuck, hast du schon Weihrauch nachgelegt?" Purpurkuckuck sagte: „Gleich." Kajaljade sagte: „Esst ihr beide die Suppe und den Brei — der Geschmack ist gut, und es ist alles sauber. Ich lege den Weihrauch selbst nach." Die beiden sagten zu und aßen im Vorzimmer. Kajaljade legte Weihrauch auf und setzte sich. Sie wollte gerade ein Buch nehmen, als sie im Garten den Wind hörte, der von Westen nach Osten durch die Bäume fegte und das Laub zum Rauschen und Rascheln brachte. Bald klirrten auch die eisernen Windglocken unter dem Dachvorsprung unablässig. Schneegans war zuerst fertig und kam herein. Kajaljade fragte: „Es wird kalt. Neulich habe ich euch gebeten, die kleinen Pelzsachen zu lüften — habt ihr das getan?" Schneegans sagte: „Alles gelüftet." Kajaljade: „Bring mir eins zum Überwerfen." Schneegans holte ein Bündel kleiner Pelzkleidungsstücke, öffnete die Filzhülle und ließ Kajaljade wählen. Dazwischen lag ein Seidenpäckchen. Kajaljade griff danach und öffnete es — es waren die alten Seidentücher, die Schatzjade[7] ihr während seiner Krankheit geschickt hatte, mit ihren eigenen Gedichten darauf; die Tränenflecken waren noch sichtbar. Darin eingewickelt lagen der zerschnittene Duftsäckchen, die Fächertaschen und die Quaste von Schatzjades magischem Jadestein. Beim Lüften der Kleider hatte Purpurkuckuck sie in der Truhe gefunden und aus Angst, sie könnten verloren gehen, in die Filzhülle gesteckt. Kajaljade brauchte nur einen Blick darauf zu werfen — sie vergaß völlig, welches Kleidungsstück sie anziehen wollte, hielt nur die beiden Seidentücher in der Hand und starrte stumm auf die alten Gedichte. Nach einer Weile begannen die Tränen leise zu rinnen. Purpurkuckuck kam gerade aus dem Vorzimmer herein und sah Schneegans reglos mit dem Filzbündel dastehen. Auf dem kleinen Tisch lagen der zerschnittene Duftsäckchen, zwei oder drei Stücke einer Fächertasche und die abgerissene Quaste. Kajaljade aber hielt zwei alte Seidentücher mit Schriftzügen in der Hand und weinte darüber. Wahrlich: Wem das Schicksal nicht lacht, der trifft auf leidvolles Geschehen; Neue Tränenspuren mischen sich mit alten. Purpurkuckuck verstand: Kajaljade war durch die Gegenstände an Vergangenes erinnert worden, und Zureden half nichts. Also lächelte sie: „Fräulein, wozu schaut Ihr Euch solche alten Sachen an? Das stammt alles aus der Zeit, als der Zweite Herr Bao und das Fräulein noch klein waren — bald vertrugen sie sich, bald stritten sie sich, lauter komische Geschichten. Wenn man so respektvoll miteinander umgeht wie jetzt, hätte man solche Dinge doch nicht sinnlos zerstört." Diese Worte waren als Aufmunterung gedacht, doch gerade sie riefen die Erinnerungen an Kajaljades erste Zeit mit Schatzjade noch lebhafter wach, und die Perlentröpfchen flossen nur stärker. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Schneegans wartet — zieht doch ein Stück über." Erst dann legte Kajaljade die Tücher hin. Purpurkuckuck hob sie auf, wickelte die Duftsäckchen und übrigen Sachen ein und trug sie fort. Kajaljade warf sich einen Pelz über die Schultern, ging grübelnd ins Vorzimmer und setzte sich. Auf dem Tisch lag noch Schatzspanges unverwahrter Brief; sie nahm ihn heraus und las ihn noch zweimal. Seufzend sprach sie: „Die Umstände sind verschieden, doch der Schmerz ist derselbe. Ich will ebenfalls vier Strophen dichten, sie in eine Qin-Melodie übertragen, singbar und spielbar — morgen schreibe ich sie ab und schicke sie als Antwort." Sie ließ Schneegans Pinsel und Tusche vom äußeren Tisch holen, tauchte den Pinsel ein und verfasste vier Strophen. Dann schlug sie das Qin-Notenbuch auf, entlehnte die Melodien der „Elegie auf die Orchidee" und der „Sehnsucht nach dem Weisen" und setzte ihre Verse dazu in Töne. Anschließend schrieb sie alles ins Reine, um es Schatzspange zu senden. Dann ließ sie Schneegans aus der Truhe die kurze Zither holen, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, spannte die Saiten auf und übte die Grifftechnik. Kajaljade war von Natur hochbegabt und hatte im Süden einige Zeit geübt; zwar waren die Hände eingerostet, doch kaum griff sie zur Zither, kam alles wieder. Nach einigem Spielen war die Nacht weit fortgeschritten; sie ließ Purpurkuckuck alles aufräumen und ging schlafen. Was nun Schatzjade betraf: An diesem Morgen stand er auf, machte sich zurecht und ging mit Beiming zur Schule. Da kam Moyu lachend angelaufen und rief: „Zweiter Herr, heute haben Sie Glück: Der Großonkel ist nicht im Schulzimmer — Schule fällt aus!" Schatzjade fragte: „Wirklich?" Moyu sagte: „Wenn der Zweite Herr es nicht glaubt — seht, da kommen der Dritte Herr und der junge Herr Lan!" Schatzjade sah Unheil Kaufmann[8] und Orchidee Kaufmann mit ihren Dienern kommen, beide lachend und schwatzend. Als sie Schatzjade sahen, blieben sie mit gesenkten Händen stehen. Schatzjade fragte: „Warum seid ihr schon zurück?" Unheil Kaufmann sagte: „Heute hat der Großonkel etwas vor und gibt uns einen Tag frei; morgen geht es weiter." Schatzjade ging zunächst zur Großmutter und zu Aufrecht Kaufmann[9], um es zu melden, und kehrte dann in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch[10] fragte: „Warum bist du schon wieder da?" Schatzjade erzählte es ihr. Kaum hatte er sich gesetzt, wollte er schon wieder hinaus. Dufthauch sagte: „Wohin denn so eilig? Wenn schon schulfrei, solltest du dich ein wenig erholen." Schatzjade blieb stehen, senkte den Kopf und sagte: „Da hast du recht. Aber man bekommt so selten einen freien Tag — sollte ich mich nicht wenigstens ein bisschen zerstreuen? Hab doch ein wenig Erbarmen." Dufthauch sah sein flehendes Gesicht und lachte: „Dann geh, Herr." Da wurde gerade das Essen aufgetragen. Schatzjade aß notgedrungen hastig, spülte den Mund und rannte wie der Blitz zu Kajaljades Zimmer. An der Tür sah er Schneegans im Hof Seidentücher trocknen. Schatzjade fragte: „Hat das Fräulein gegessen?" Schneegans sagte: „Heute Morgen hat sie nur eine halbe Schale Brei getrunken und wollte nicht essen; jetzt nickt sie gerade ein. Der Zweite Herr sollte erst anderswohin gehen und später wiederkommen." Schatzjade musste umkehren. Ohne rechtes Ziel fiel ihm ein, dass er Bedauerfrühling[11] schon seit Tagen nicht gesehen hatte, und schlenderte zur Liaofeng-Veranda. Am Fenster war alles totenstill. Er dachte, sie halte ihren Mittagsschlaf, und wollte nicht stören. Gerade als er sich abwenden wollte, hörte er im Innern ein leises Klacken. Er blieb stehen und lauschte. Nach einer Weile — noch ein Klacken. Er konnte es noch nicht zuordnen, als eine Stimme sagte: „Du hast hier einen Stein gesetzt — willst du dort nicht antworten?" Da wusste er: Sie spielten Go[12]. Nur wessen Stimme war das? Dann hörte er Bedauerfrühling: „Keine Angst! Du schlägst mich dort, ich antworte dort; du schlägst hier, ich antworte hier — ich habe noch einen Zug in Reserve, am Ende verbinde ich alles." Die andere Stimme sagte: „Und wenn ich so schlage?" Bedauerfrühling rief: „Ah! Da ist ja noch ein Gegenschlag versteckt — den habe ich übersehen!" Schatzjade lauschte: Die Stimme kam ihm sehr bekannt vor, war aber keine seiner Schwestern. Er überlegte, dass Bedauerfrühling keinen Besuch von Fremden bekam, und hob leise den Vorhang. Da saß — niemand anders als Wunderjade[13] aus dem Longsui-Kloster, die „Fremde jenseits aller Schwellen". Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Wunderjade und Bedauerfrühling waren beide in tiefes Nachdenken versunken und bemerkten ihn nicht. Schatzjade stellte sich daneben und beobachtete das Spiel. Wunderjade fragte mit gesenktem Kopf: „Willst du diese Ecke aufgeben?" Bedauerfrühling sagte: „Warum sollte ich? Deine Steine dort sind alle tot — was soll ich fürchten?" Wunderjade sagte: „Sei nicht zu sicher — probier es aus." Bedauerfrühling sagte: „Dann schlag ich zu — mal sehen, was du machst!" Wunderjade aber lächelte leise, setzte am Rand einen Stein, bog mit einem Gegenzug ab und schlug Bedauerfrühlings ganze Ecke heraus. Lachend sagte sie: „Das nennt man die ‚Umgekehrte-Stiefel-Stellung'." Noch ehe Bedauerfrühling antworten konnte, platzte Schatzjade vor Begeisterung mit einem lauten Lachen heraus, was beide fürchterlich erschreckte. Bedauerfrühling fuhr ihn an: „Was soll das? Kommt herein, ohne ein Wort zu sagen, und erschreckt uns so! Seit wann bist du hier?" Schatzjade sagte: „Ich bin schon vorher hereingekommen und habe zugesehen, wie ihr um diese Ecke gestritten habt." Damit verbeugte er sich vor Wunderjade und fragte lachend: „Die verehrte Meisterin verlässt sonst selten ihre Klause — was führt sie heute unter die Sterblichen?" Wunderjade wurde plötzlich rot im Gesicht, gab keine Antwort und senkte den Blick auf das Spielbrett. Schatzjade merkte, dass er sich daneben benommen hatte, und sagte entschuldigend: „Natürlich ist ein Mensch der Entsagung nicht wie wir weltliche Laien. Erstens: Ihr Herz ist still. Stille schafft Klarheit, Klarheit schafft Weisheit." Kaum hatte er es ausgesprochen, hob Wunderjade langsam den Blick, sah Schatzjade kurz an und senkte den Kopf wieder. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Schatzjade sah, dass sie ihn nicht beachtete, und setzte sich verlegen an die Seite. Bedauerfrühling wollte weiterspielen. Wunderjade sagte nach langem Schweigen: „Ein andermal." Sie stand auf, ordnete ihre Kleidung, setzte sich wieder und fragte Schatzjade mit abwesendem Blick: „Woher kommst du?" Schatzjade hätte dieses eine Wort nicht lieber hören können — endlich konnte er seine vorherige Unbeholfenheit erklären. Doch dann dachte er: „Oder ist das eine Zen-Frage?" Er wurde rot und konnte nicht antworten. Wunderjade lächelte leicht. Bedauerfrühling dagegen lachte: „Zweiter Bruder, was ist daran so schwer? Hast du nicht gehört, was die Leute immer sagen: ‚Ich komme von dort, woher ich komme'? Dafür muss man doch nicht rot werden, als hätte man einen Fremden vor sich." Als Wunderjade diese Worte hörte, dachte sie unwillkürlich an ihre eigene Lage: Ihr Herz regte sich, ihre Wangen brannten — gewiss waren auch sie rot. Es wurde ihr peinlich. Sie stand auf und sagte: „Ich war zu lange hier — ich muss zurück ins Kloster." Bedauerfrühling kannte Wunderjades Wesen und hielt sie nicht zurück, sondern begleitete sie zur Tür. Wunderjade lachte: „Ich war so lange nicht hier — die vielen Windungen und Kurven verwirren mich, ich finde den Rückweg nicht mehr." Schatzjade sagte: „Da muss ich wohl den Weg weisen — einverstanden?" Wunderjade sagte: „Ich danke. Der Zweite Herr gehe voran." So verabschiedeten sich die beiden von Bedauerfrühling und verließen die Liaofeng-Veranda. Auf verschlungenen Pfaden näherten sie sich dem Xiaoxiang-Pavillon, als plötzlich ein heller Ton erklang — ding-dong. Wunderjade fragte: „Woher kommt dieser Zitherton?" Schatzjade antwortete: „Das muss Schwester Lin sein, die Zither spielt." Wunderjade sagte: „Sie beherrscht das auch? Wie kommt es, dass davon nie die Rede war?" Schatzjade erzählte ihr Kajaljades ganze Geschichte. Dann sagte er: „Lasst uns zu ihr gehen und zuschauen." Wunderjade entgegnete: „Seit alters ‚hört' man eine Zither — man ‚schaut' sie nicht an." Schatzjade lachte: „Ich sagte ja, ich bin ein Laie." Die beiden setzten sich auf einen Felsen vor dem Xiaoxiang-Pavillon und lauschten still. Die Melodie war klar und durchdringend. Dann hörten sie eine leise Stimme singen: Der Wind pfeift — tief ist der Herbst, Die Schöne ist tausend Meilen fern — in einsames Sinnen versunken. Wo ist mein Heimatland? Am Geländer stehend — benetzen Tränen den Kragen. Nach einer Pause wurde weitergesungen: Berge ziehen in die Ferne — lang ist das Wasser, Helles Mondlicht fällt durch mein Fenster. Schlaflos in langer Nacht — die Milchstraße fern und verschwommen, Mein leichtes Seidenkleid zittert — im Wind und Tau wird mir kalt. Wieder eine Pause. Wunderjade sagte: „Eben war die ‚Qin'-Reimgruppe, die erste Strophe. Jetzt die ‚Yang'-Reimgruppe, die zweite. Hören wir weiter." Von drinnen erklang: Dein Schicksal, Schwester, ist nicht frei gewählt, Mein Los ist voller Gram. Du und ich — unsere Herzen schlagen im gleichen Takt; Gedenken wir der Weisen des Altertums — auf dass wir ohne Vorwurf seien. Wunderjade sagte: „Noch eine Strophe. Was für tiefer Kummer und Sehnsucht!" Schatzjade sagte: „Ich verstehe nichts davon, aber allein der Klang ist mir schon zu traurig." Drinnen stimmte man eine Weile die Saiten. Wunderjade bemerkte: „Die Jun-Saite ist zu hoch gestimmt — sie passt wohl nicht zum Wushe-Modus." Dann erklang von drinnen: In dieser Welt sind wir wie leichter Staub, Zwischen Himmel und Erde — ich fühle die Bande früherer Leben. Bande, die sich nicht lösen lassen – Mein reines Herz — gleicht es dem Mond am Himmel? Wunderjade hörte es und wurde bleich vor Bestürzung: „Wie kommt sie plötzlich in den Bianzhi-Modus? Der Klang könnte Gold und Stein zerreißen! Nur — es ist zu viel." Schatzjade fragte: „Was heißt ‚zu viel'?" Wunderjade antwortete: „Ich fürchte, es kann nicht von Dauer sein." In diesem Augenblick riss die Jun-Saite mit einem lauten Bong. Wunderjade sprang auf und ging sofort davon. Schatzjade rief: „Was ist?" Wunderjade erwiderte: „In Zukunft wirst du es verstehen. Frag nicht weiter." Damit war sie verschwunden. Schatzjade stand da, den Kopf voller Rätsel, und kehrte niedergeschlagen in den Hof der Roten Freude zurück. Was Wunderjade betraf: Als sie das Kloster erreichte, empfing sie eine Klosterfrau an der Tür. Man schloss das Tor. Sie saß eine Weile, rezitierte die täglichen Sutras, aß zu Abend, entzündete Weihrauch und betete zu den Bodhisattvas. Dann schickte sie die Klosterfrauen schlafen. Auf ihrem Meditationsbett war alles für die Sitzung bereitgestellt. Sie hielt den Atem an, senkte den Blick, nahm die Lotossitzposition ein und suchte die Gedanken abzuschneiden und sich dem Wahren Sosein zuzuwenden. Nach der dritten Nachtwache hörte sie auf dem Dach ein polterndes Geräusch. In der Angst vor Einbrechern stieg sie vom Meditationsbett, ging auf die vordere Veranda hinaus — und sah nur Wolkenschatten am Himmel und Mondlicht wie Wasser. Das Wetter war noch nicht kalt; allein stand sie eine Weile am Geländer. Da hörte sie auf dem Dach zwei Katzen, die abwechselnd schrien. Plötzlich fielen ihr Schatzjades Worte vom Tage ein, und das Herz schlug ihr schneller, die Ohren brannten. Hastig versuchte sie, ihren Geist zu sammeln, ging zurück ins Meditationszimmer und setzte sich wieder aufs Bett. Doch der Geist wollte nicht zur Ruhe kommen; es war, als galoppierten zehntausend Pferde. Das Meditationsbett begann zu schwanken; ihr war, als sei sie nicht mehr im Kloster. Prinzen und vornehme Herren kamen, um sie zu freien; Kupplerinnen zerrten und schoben sie in einen Wagen; sie wollte nicht gehen. Dann überfielen sie Räuber mit Messern und Knüppeln und bedrängten sie; sie konnte nur weinen und um Hilfe schreien. Das weckte die Nonnen und Klosterfrauen. Alle kamen mit Lichtern herbeigelaufen und sahen: Wunderjade lag mit ausgebreiteten Armen, Schaum vor dem Mund. Als man sie weckte, starrten ihre Augen gerade nach oben, beide Wangenknochen leuchteten rot, und sie schrie: „Ich stehe unter dem Schutz der Bodhisattvas — was bildet ihr Räuber euch ein?" Alle waren entsetzt und riefen: „Wir sind es! Wach auf!" Wunderjade sagte: „Ich will nach Hause — gibt es hier einen guten Menschen, der mich zurückbringt?" Die Klosterfrau sagte: „Dies ist dein Zuhause." Gleichzeitig betete eine andere Nonne vor der Guanyin[14]-Statue; man zog ein Orakelstäbchen und schlug die Deutung nach: Eine weibliche Yin-Kraft im Südwesten habe sie befallen. Eine sagte: „Stimmt — in der südwestlichen Ecke des Gartens der Großen Anschauung wohnt niemand, dort gibt es durchaus Yin-Energie." Man kochte Tees und Heiltränke in heller Aufregung. Die eine Nonne, die Wunderjade aus dem Süden mitgebracht hatte, pflegte sie hingebungsvoller als alle anderen und saß bei ihr auf dem Meditationsbett. Wunderjade drehte sich um: „Wer bist du?" Die Nonne sagte: „Ich bin es." Wunderjade sah genauer hin: „Ach, du bist es." Sie umarmte die Nonne und begann laut zu weinen: „Du bist doch meine Mama! Wenn du mich nicht rettest, sterbe ich!" Die Nonne weckte sie sanft und rieb ihr den Körper. Eine Klosterfrau brachte Tee. Erst bei Tagesanbruch schlief Wunderjade endlich ein. Die Nonne schickte nach einem Arzt. Einer sagte, es sei Milzschwäche durch Grübeln; ein anderer meinte, Fieber habe die Gebärmutter angegriffen; ein dritter sprach von einem bösen Geist; ein vierter diagnostizierte Erkältung von innen und außen — man kam zu keiner Einigung. Schließlich wurde ein Arzt geholt, der fragte: „Hat sie regelmäßig meditiert?" Die Klosterfrau bejahte. Der Arzt fragte: „Kam die Krankheit plötzlich, letzte Nacht?" Die Frau bejahte. Der Arzt sagte: „Das kommt vom Fehlgehen des inneren Feuers während der Meditation." Man fragte, ob Gefahr bestehe. Der Arzt sagte: „Zum Glück meditiert sie noch nicht lange — die Besessenheit ist noch nicht tief eingedrungen; sie kann gerettet werden." Er verschrieb eine Arznei zur Beruhigung des Herzfeuers; nach einer Dosis besserte sich der Zustand etwas. Draußen dichteten müßige Taugenichtse allerlei Gerüchte: „In ihrem Alter — wie soll sie sich da zurückhalten? Zumal sie von so elegantem Aussehen und feinem Verstand ist. Wer weiß, in wessen Hände sie am Ende fällt — wer das Glück haben wird!" Nach einigen Tagen ging es Wunderjade zwar etwas besser, doch der Geist war noch nicht wiederhergestellt, und ein gewisser Schleier der Verwirrung blieb. Eines Tages saß Bedauerfrühling still in ihrem Zimmer, als Caiping hereinkam und fragte: „Weiß das Fräulein von der Sache mit der Meisterin Wunderjade?" Bedauerfrühling fragte: „Was ist mit ihr?" Caiping sagte: „Gestern habe ich gehört, wie das Fräulein Xing mit der Ersten Schwägerin darüber sprach: Seit dem Tag, als Wunderjade hier Go gespielt hat und abends zurückging, wurde sie nachts von einem bösen Geist befallen und schrie, Räuber kämen, um sie zu entführen. Bis heute ist sie nicht wieder gesund. Fräulein, ist das nicht seltsam?" Bedauerfrühling hörte es und versank in Schweigen. Sie dachte: „Wunderjade ist zwar rein, doch ihre irdischen Bindungen sind noch nicht gelöst. Schade, dass ich in so eine Familie hineingeboren wurde und nicht einfach ins Kloster eintreten kann. Wenn ich Nonne würde — welche Dämonen könnten mich dann behelligen? Wenn kein einziger Gedanke entsteht, ruhen zehntausend Bande in Stille." Bei diesem Gedanken durchzuckte sie eine Erleuchtung, als hätte sie etwas begriffen. Spontan dichtete sie einen Gatha[15]: Die große Schöpfung kennt kein Maß – Wie sollte man irgendwo verweilen? Aus der Leere gekommen, Soll man in die Leere zurückkehren. Dann ließ sie das Mädchen Weihrauch entzünden, saß still eine Weile und schlug die Go-Sammlung auf. Sie las einige Partien von Kong Rong, König Jixin und anderen. Die Formationen „Dichte Blätter umschließen die Krabbe" und „Der Habicht greift den Hasen" waren nichts Besonderes; die „Sechsunddreißig Eck-Tötungszüge" waren auf Anhieb schwer zu begreifen und zu merken; erst die „Zehn Drachen jagen das Pferd" fand sie wirklich faszinierend. Gerade war sie ins Grübeln vertieft, als jemand draußen den Hof betrat und nach Caiping rief. Wer es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). |