Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 103"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 103) |
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= Kapitel 103 = | = Kapitel 103 = | ||
| − | == Ein Giftanschlag geht fehl — | + | == Ein Giftanschlag geht fehl — Goldosmanthus <ref>Chinesisch: 金桂</ref> verbrennt sich selbst == |
| − | == Wahre Zen-Erkenntnis bleibt verborgen — | + | == Wahre Zen-Erkenntnis bleibt verborgen — Regendorf begegnet vergeblich einem Alten == |
| − | Die Erzählung greift den Faden dort auf, wo Kaufmann | + | Die Erzählung greift den Faden dort auf, wo Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> zu Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> gegangen war und ihr alles ausführlich berichtet hatte. Am nächsten Tag begab er sich ins Ministerium, erledigte die nötigen Bestechungen und kehrte dann wieder zu Frau König zurück, um ihr von den Absprachen im Personalministerium zu berichten. Frau König sagte: "Hast du dich auch genau erkundigt? Wenn es wirklich so ist, wird auch der Herr zufrieden sein, und die ganze Familie kann aufatmen. Dieser Provinzposten war doch ohnehin nicht das Richtige! Wäre die Sache nicht so gelaufen, hätten diese nichtsnutzigen Kerle den Herrn womöglich um sein Leben gebracht!" Kette Kaufmann fragte: "Woher weiß Tante das?" Frau König erwiderte: "Seit dein Onkel diesen Außenposten angetreten hat, hat er keinen einzigen Heller nach Hause geschickt, dafür aber etliches aus dem Haushalt mitgenommen. Schau dir nur mal die Leute an, die mit dem Herrn gegangen sind: Ihre Männer waren noch nicht lange draußen, da schmückten sich deren Nebenfrauen schon mit goldenem und silbernem Kopfputz. Haben die etwa nicht hinter dem Rücken des Herrn Geld gemacht? Dein Onkel ließ sie einfach gewähren. Wenn daraus eine Affäre entsteht, verliert er nicht nur sein eigenes Amt, sondern womöglich werden auch die Verdienste der Vorfahren ausgelöscht." Kette Kaufmann sagte: "Tante hat völlig recht. Als ich vorhin hörte, dass er angeklagt worden sei, erschrak ich furchtbar und beruhigte mich erst, als ich die Einzelheiten in Erfahrung gebracht hatte. Ich wünsche mir auch, dass der Herr ein Amt in der Hauptstadt bekommt, wo er einige Jahre in Ruhe und Frieden arbeiten kann, um seinen guten Ruf ein Leben lang zu bewahren. Wenn die alte Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> davon erfährt, wird auch sie beruhigt sein — nur sollte Tante es ihr möglichst schonend beibringen." Frau König sagte: "Das weiß ich. Geh du nur und erkundige dich weiter." |
| − | Kaufmann | + | Kette Kaufmann stimmte zu und wollte sich gerade verabschieden, als eine alte Dienerin aus dem Hause der Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> völlig aufgeregt hereingestürzt kam. Sie lief direkt in Frau Königs inneres Zimmer, ohne sich überhaupt zu verbeugen, und rief: "Unsere Herrin schickt mich, der Tante hier Bescheid zu sagen: Bei uns zu Hause ist etwas Furchtbares passiert! Es gibt schon wieder Ärger!" Frau König fragte: "Was für Ärger denn?" Die Alte sagte wieder: "Furchtbar, furchtbar!" Frau König schnaubte: "Du dummes Ding! Wenn es so dringend ist, dann rede endlich!" Die Alte sagte: "Unser zweiter Herr ist nicht zu Hause, kein einziger Mann ist da. Bei dieser Sache — was sollen wir bloß tun? Wir bitten die gnädige Frau, ein paar Herren zu schicken, die sich der Sache annehmen." Frau König verstand nicht und drängte ungeduldig: "Was sollen die Herren denn machen?" Die Alte sagte: "Unsere große Schwiegertochter ist tot!" Frau König spuckte verächtlich aus: "Pfui! Dieses Frauenzimmer — wenn sie tot ist, dann ist sie eben tot. Ist das etwa ein Grund für solch ein Theater?" Die Alte sagte: "Sie ist nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern bei einem wüsten Streit umgekommen. Bitte schickt schnell jemanden, der sich darum kümmert!" Damit wollte sie schon wieder gehen. Frau König war halb verärgert, halb amüsiert und sagte: "Diese alte Frau ist wirklich unmöglich! Kette, geh du lieber selbst hinüber und sieh nach — auf dieses verwirrte Geschöpf ist kein Verlass." Die Alte hatte nicht gehört, dass jemand geschickt wurde, sondern nur den Satz "kümmert euch nicht darum" aufgeschnappt und lief wütend davon. |
| − | Tante | + | Tante Schnee wartete drüben voller Sorge, doch es kam und kam niemand. Endlich kehrte die Alte zurück. "Wen schickt die Tante?", fragte sie. Die Alte seufzte: "Man sollte nie in Not geraten. Was nützen einem die besten Verwandten? Die Tante will uns nicht nur nicht helfen, sie hat mich auch noch beschimpft und dumm genannt!" Tante Schnee war gleichermaßen wütend und verzweifelt: "Wenn die Tante sich nicht kümmert — was hat denn meine Schwiegertochter gesagt?" Die Alte antwortete: "Wenn die Tante schon nicht hilft, wird sich unser Fräulein natürlich erst recht nicht darum kümmern. Ich bin gar nicht erst hingegangen." Tante Schnee spuckte aus: "Die Tante ist eine Fremde, aber das Fräulein ist meine eigene Tochter! Wie sollte sie sich nicht kümmern?" Die Alte besann sich: "Ach ja, natürlich! Dann gehe ich noch einmal hin." |
| − | Gerade als sie dies sagten, kam Kaufmann | + | Gerade als sie dies sagten, kam Kette Kaufmann herein, begrüßte Tante Schnee, sprach sein Beileid aus und sagte: "Meine Tante hat von dem Tod der jungen Schwiegertochter erfahren, aber die alte Dienerin konnte sich nicht verständlich ausdrücken, und Frau König war ganz verzweifelt. Sie hat mich hergeschickt, um Näheres zu erfahren, und ich soll hier auch bei der Abwicklung helfen. Was immer nötig ist, Tante Schnee braucht es nur zu sagen." Tante Schnee, die vor Kummer geweint hatte, ohne dass Tränen kamen, sagte, als sie Kette Kaufmanns Worte hörte, schnell: "Wie gut, dass der zweite Herr sich die Mühe macht! Ich wusste doch, dass die Tante uns am meisten zugetan ist. Diese dumme Alte konnte sich nur nicht verständlich machen und hätte fast alles verdorben. Bitte setzt Euch, ich will Euch die Sache der Reihe nach erzählen." Dann fuhr sie fort: "Es geht um nichts anderes, als dass meine Schwiegertochter keines natürlichen Todes gestorben ist." Kette Kaufmann fragte: "Hatte sie sich etwa wegen der Verurteilung meines Vetters aus Verzweiflung das Leben genommen?" |
| − | Tante | + | Tante Schnee sagte: "Wenn es so wäre, wäre es noch einfach. Vor ein paar Monaten tobte sie jeden Tag barfuß und mit zerzausten Haaren wie eine Wahnsinnige herum. Als sie dann erfuhr, dass euer Vetter zum Tode verurteilt worden war, weinte sie zwar einmal bitterlich, danach aber begann sie sich wieder zu schminken und herauszuputzen. Wenn ich sie zurechtweisen wollte, gab es jedes Mal einen fürchterlichen Streit, also ließ ich sie in Ruhe. Eines Tages kam sie aus irgendeinem Grund und verlangte, dass Duftkastanie <ref>Chinesisch: 香菱</ref> ihr Gesellschaft leiste. Ich sagte: 'Du hast doch Schatzkröte <ref>Chinesisch: 宝蟾</ref>, wozu brauchst du Duftkastanie? Außerdem kannst du sie ohnehin nicht leiden, warum willst du dir Ärger einhandeln?' Aber sie bestand darauf. Mir blieb nichts anderes übrig, als Duftkastanie in ihr Zimmer zu schicken. Die arme Duftkastanie wagte nicht, sich meiner Anweisung zu widersetzen, und ging trotz ihrer Krankheit hin. Zu meiner Überraschung behandelte Goldosmanthus sie dann sehr freundlich, worüber ich mich freute. Eure älteste Schwester aber, als sie davon erfuhr, sagte: 'Das ist bestimmt nicht gut gemeint.' Ich schenkte dem keine Beachtung. In den ersten Tagen, als Duftkastanie krank daniederlag, kochte Goldosmanthus ihr eigenhändig Suppe. Doch das Glück war Duftkastanie nicht hold: Gerade als sie ihr die Schale reichte, verbrühte sie sich die Hand, und die Schale zerschellte am Boden. Ich dachte, sie würde ihren Zorn bestimmt an Duftkastanie auslassen, aber sie wurde gar nicht böse, nahm selbst den Besen und kehrte auf, wischte den Boden mit Wasser und war weiterhin freundlich zu Duftkastanie. Gestern Abend nun ließ sie Schatzkröte wieder zwei Schalen Suppe zubereiten und sagte, sie wolle sie zusammen mit Duftkastanie trinken. Nach einer Weile hörten wir Lärm aus ihrem Zimmer, Schatzkröte schrie wild durcheinander. Dann schrie auch Duftkastanie und kam, sich an der Wand abstützend, heraus, um Hilfe zu rufen. Ich eilte hin und sah, wie meiner Schwiegertochter Blut aus Nase und Augen strömte, sie wälzte sich auf dem Boden, die Hände krallten sich in die Brust, die Füße strampelten wild — ich war zu Tode erschrocken! Man konnte sie nichts mehr fragen, sie konnte nicht mehr sprechen, und nach kurzem war sie tot. Es sah ganz so aus, als hätte sie Gift genommen. Schatzkröte kam weinend angerannt und zerrte an Duftkastanie und behauptete, sie habe die Herrin vergiftet. Aber Duftkastanie ist nicht die Art von Mensch, die so etwas tut; außerdem war sie so krank, dass sie sich kaum aufrichten konnte — wie sollte sie jemanden vergiften können? Aber Schatzkröte behauptete es steif und fest. Ach, mein guter Herr, was soll ich nur tun? Mir blieb nichts anderes übrig, als mir ein Herz zu fassen, Duftkastanie von den alten Dienerinnen fesseln zu lassen und sie Schatzkröte zu übergeben, dann sperrte ich die Zimmertür von außen ab. Zusammen mit eurer zweiten Schwester hielt ich die ganze Nacht Wache, und erst als heute Morgen die Tore des Anwesens geöffnet wurden, schickte ich die Nachricht los. Zweiter Herr, Ihr seid ein verständiger Mann — was sollen wir bloß tun?" |
| − | Kaufmann | + | Kette Kaufmann fragte: "Weiß die Familie Xia schon Bescheid?" Tante Schnee antwortete: "Erst muss die Sache aufgeklärt werden, dann können wir es melden!" Kette Kaufmann sagte: "Meiner Meinung nach muss die Sache amtlich untersucht werden, sonst bekommen wir sie nicht in den Griff. Wir würden natürlich Schatzkröte verdächtigen, aber andere Leute könnten fragen: Warum sollte Schatzkröte ihre eigene Herrin vergiften? Wenn man den Verdacht auf Duftkastanie lenkt, ließe sich das schon eher begründen." |
| − | Gerade als sie noch sprachen, kamen Dienstmädchen aus dem | + | Gerade als sie noch sprachen, kamen Dienstmädchen aus dem Prunkwille-Anwesen herein und meldeten: "Unsere zweite junge Herrin ist da." Kette Kaufmann war zwar Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref>s Schwager, aber da sie seit der Kindheit miteinander verkehrten, wich er nicht aus. Schatzspange kam herein, begrüßte ihre Mutter und Kette Kaufmann und ging dann ins innere Zimmer, um sich zu Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 薛宝琴</ref> zu setzen. Tante Schnee folgte und erzählte auch ihr die ganze Geschichte. Schatzspange sagte daraufhin: "Wenn wir Duftkastanie fesseln, sieht es doch so aus, als würden auch wir behaupten, dass Duftkastanie die Mörderin sei! Mama sagte doch, die Suppe habe Schatzkröte gekocht — dann sollte man Schatzkröte fesseln und verhören! Gleichzeitig müssen wir die Familie Xia benachrichtigen und die Behörden einschalten." |
| − | Tante | + | Tante Schnee fand das einleuchtend und fragte Kette Kaufmann um seine Meinung. Kette Kaufmann sagte: "Die zweite Schwester hat völlig recht. Für die Meldung an die Behörden sollte ich besser persönlich zu jemandem im Strafministerium gehen, damit bei der Leichenschau und den Verhören alles in geordneten Bahnen verläuft. Nur Schatzkröte zu fesseln und Duftkastanie freizulassen, das könnte schwierig werden." Tante Schnee sagte: "Ich wollte Duftkastanie ja gar nicht fesseln, ich fürchtete nur, sie könnte sich in ihrer Krankheit und ihrem unverschuldeten Elend vor Verzweiflung etwas antun und wir hätten noch eine Tote zu beklagen. Deshalb habe ich sie fesseln und Schatzkröte übergeben lassen — das war eine Vorsichtsmaßnahme." Kette Kaufmann sagte: "Das mag sein, aber wir haben damit Schatzkröte in die Hände gespielt. Wenn wir jemanden freilassen, müssen wir alle freilassen; wenn wir jemanden fesseln, müssen wir alle fesseln. Die drei waren zusammen im Raum. Wir brauchen nur jemanden zu schicken, der Duftkastanie beruhigt." |
| − | Tante | + | Tante Schnee ließ die Tür öffnen. Schatzspange befahl den mitgebrachten Dienerinnen, Schatzkröte zu fesseln. Duftkastanie hatte sich fast zu Tode geweint. Schatzkröte dagegen war ganz selbstzufrieden; als sie sah, dass man auch sie fesseln wollte, fing sie an zu schreien. Aber gegen die Leute aus dem Prunkwille-Anwesen, die sie anfuhren, kam sie nicht an und wurde ebenfalls gefesselt. Die Tür ließ man diesmal offen, damit die beiden bewacht werden konnten. Gleichzeitig war der Bote zur Familie Xia bereits unterwegs. |
| − | Die Familie Xia hatte ursprünglich nicht in der Hauptstadt gewohnt. Da ihre Verhältnisse in den letzten Jahren ärmlicher geworden waren und sie sich um ihre Tochter sorgten, waren sie kürzlich in die Stadt gezogen. Der Vater war bereits verstorben, nur die Mutter lebte noch. Dazu hatten sie einen adoptierten Sohn aufgenommen, einen Nichtsnutz, der das verbliebene Familienvermögen durchgebracht hatte und ständig die Familie | + | Die Familie Xia hatte ursprünglich nicht in der Hauptstadt gewohnt. Da ihre Verhältnisse in den letzten Jahren ärmlicher geworden waren und sie sich um ihre Tochter sorgten, waren sie kürzlich in die Stadt gezogen. Der Vater war bereits verstorben, nur die Mutter lebte noch. Dazu hatten sie einen adoptierten Sohn aufgenommen, einen Nichtsnutz, der das verbliebene Familienvermögen durchgebracht hatte und ständig die Familie Schnee besuchte. Goldosmanthus war eine leichtfertige Natur und konnte das leere Bett unmöglich hüten. Zudem dachte sie Tag und Nacht an Xue Ke und war so hungrig geworden, dass sie nicht mehr wählerisch war. Leider war ihr adoptierter Stiefbruder ein Dummkopf — er mochte zwar gewisse Regungen verspüren, war aber noch nicht zum Ziel gelangt. Darum ging Goldosmanthus oft nach Hause und steckte ihm auch etwas Geld zu. |
| − | In diesen Tagen wartete man bei den Xias gerade sehnsüchtig auf | + | In diesen Tagen wartete man bei den Xias gerade sehnsüchtig auf Goldosmanthus' Besuch. Als die Leute von der Familie Schnee kamen, dachte der Stiefbruder: "Was bringen sie uns diesmal wohl mit?" Doch als man ihm sagte, das Fräulein habe Gift genommen und sei tot, geriet er außer sich und fing an, wild zu toben und zu schimpfen. Goldosmanthus' Mutter brach erst recht in Geschrei und Geheul aus: "Meine kerngesunde Tochter, in deren Haus — warum hat sie Gift genommen?" Heulend und schreiend nahm sie ihren Sohn mit, wartete nicht einmal auf eine Kutsche und machte sich zu Fuß auf den Weg. Die Familie Xia stammte aus einer Kaufmannsfamilie und hatte jetzt kein Geld mehr, da kümmerte man sich wenig ums Gesicht. Der Sohn lief voraus, die Mutter folgte mit einer hinkenden alten Dienerin, verließ weinend und jammernd das Tor, mietete auf der Straße einen schäbigen Karren und fuhr geradewegs zum Haus der Familie Schnee. |
| − | Kaum durch die Tür, sprach sie kein Wort der Begrüßung, sondern begann sogleich fürchterlich zu heulen und zu schreien. Kaufmann | + | Kaum durch die Tür, sprach sie kein Wort der Begrüßung, sondern begann sogleich fürchterlich zu heulen und zu schreien. Kette Kaufmann war zum Strafministerium gegangen, um Hilfe zu holen. Zu Hause waren nur Tante Schnee, Schatzspange und Kostbarzither Schnee — die hatten so etwas noch nie erlebt und waren vor Angst ganz verstummt. Als Tante Schnee versuchte, vernünftig mit ihr zu reden, hörte die Xia gar nicht hin, sondern schrie: "Was hat meine Tochter in eurer Familie je Gutes erfahren? Von früh bis spät geschlagen und beschimpft, das ging so eine ganze Weile. Dann habt ihr sie nicht einmal mehr mit ihrem Mann zusammen sein lassen. Ihr habt hinter ihrem Rücken meinen Schwiegersohn ins Gefängnis gebracht! Ihr Mutter und Tochter habt euch dank eurer feinen Verwandtschaft ein schönes Leben gemacht, und meine Tochter war euch noch ein Dorn im Auge! Ihr habt sie vergiften lassen und behauptet, sie habe Gift genommen! Warum sollte sie denn Gift nehmen?" Damit stürzte sie direkt auf Tante Schnee los. Tante Schnee musste zurückweichen und rief: "Liebe Gevatterin! Schau dir doch erst einmal deine Tochter an, frag Schatzkröte, und dann kannst du immer noch böse Reden führen!" |
| − | Schatzspange und | + | Schatzspange und Kostbarzither Schnee konnten nicht nach draußen kommen, um Tante Schnee zu schützen, denn draußen lauerte der Sohn der Xia-Familie. So konnten sie nur drinnen ängstlich warten. |
| − | Zum Glück hatte Frau | + | Zum Glück hatte Frau König Frau Zhou hergeschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Kaum durch die Tür, sah sie eine alte Frau, die mit dem Finger auf Tante Schnees Gesicht zeigte und sie heulend beschimpfte. Frau Zhou erkannte sofort, dass es Goldosmanthus' Mutter sein musste, und trat vor: "Ist das die Gevatterin Xia? Die junge Herrin hat sich selbst vergiftet, was hat das mit unserer Tante Schnee zu tun? Man muss doch nicht so ausfällig werden!" Goldosmanthus' Mutter fragte: "Wer bist du denn?" Tante Schnee, deren Mut durch diese Unterstützung etwas gewachsen war, antwortete für sie: "Das ist jemand von unseren Verwandten, der Familie Kaufmann." Goldosmanthus' Mutter höhnte: "Wer kennt nicht eure mächtigen Verwandten! Nur dank deren Macht konntet ihr meinen Schwiegersohn ins Gefängnis bringen. Und jetzt soll meine Tochter einfach so umsonst gestorben sein?" Damit packte sie Tante Schnee und schrie: "Wie habt ihr meine Tochter umgebracht? Zeigt sie mir!" |
| − | Frau Zhou versuchte zu beruhigen: "Geht nur hin und seht sie euch an, aber hört auf zu zerren und zu reißen!" Mit einer leichten Handbewegung schob sie die Xia-Frau zur Seite. Da rannte der Sohn der Familie Xia herein und empörte sich: "Willst du etwa meine Mutter schlagen, nur weil du von den Kaufmanns kommst?" Er warf einen Stuhl nach ihr, traf sie aber nicht. Die Dienerinnen, die drinnen bei Schatzspange gewesen waren, hörten den Tumult, eilten herbei und drängten sich, teils beschwichtigend, teils drohend, vor. Mutter und Sohn Xia aber ließen sich auf keine Kompromisse ein und gerieten völlig außer sich: "Wir kennen ja die Macht eurer | + | Frau Zhou versuchte zu beruhigen: "Geht nur hin und seht sie euch an, aber hört auf zu zerren und zu reißen!" Mit einer leichten Handbewegung schob sie die Xia-Frau zur Seite. Da rannte der Sohn der Familie Xia herein und empörte sich: "Willst du etwa meine Mutter schlagen, nur weil du von den Kaufmanns kommst?" Er warf einen Stuhl nach ihr, traf sie aber nicht. Die Dienerinnen, die drinnen bei Schatzspange gewesen waren, hörten den Tumult, eilten herbei und drängten sich, teils beschwichtigend, teils drohend, vor. Mutter und Sohn Xia aber ließen sich auf keine Kompromisse ein und gerieten völlig außer sich: "Wir kennen ja die Macht eurer Prunkwille-Familie! Unsere Tochter ist schon tot, jetzt ist uns auch alles egal!" Damit stürzten sie sich erneut auf Tante Schnee. Obwohl genug Leute da waren, konnte man sie nicht aufhalten. Wie das alte Sprichwort sagt: "Wenn einer sein Leben aufs Spiel setzt, können ihm Zehntausend nicht standhalten." |
| − | Gerade in diesem kritischen Moment kehrte Kaufmann | + | Gerade in diesem kritischen Moment kehrte Kette Kaufmann mit sieben oder acht Dienern zurück. Als er die Lage sah, ließ er den Sohn der Xia-Familie sofort hinausziehen und rief: "Hört auf zu toben! Wenn ihr etwas zu sagen habt, sagt es in Ruhe. Räumt hier schnell auf — die Herren vom Strafministerium kommen gleich zur Leichenschau!" Goldosmanthus' Mutter war mitten in ihrem Tobsuchtsanfall, als sie einen Beamten eintreten sah, dem mehrere Untergebene vorauseilten und Befehle brüllten, während die anderen mit hängenden Armen respektvoll dastanden. Die Mutter wusste nicht, wer aus der Familie Kaufmann das war; dann sah sie, wie ihr Sohn von den Leuten gepackt wurde; und als sie hörte, dass das Strafministerium zur Leichenschau kommen würde — sie hatte eigentlich vorgehabt, zuerst die Leiche zu sehen, dann ein furchtbares Spektakel zu veranstalten und danach selbst die Behörden einzuschalten — hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Behörden bereits verständigt waren, und ihr Kampfgeist ließ deutlich nach. |
| − | Tante | + | Tante Schnee war vor Schreck ganz benommen. Es war Frau Zhou, die berichtete: "Sie sind hereingekommen und haben, ohne auch nur einen Blick auf ihre Tochter zu werfen, sofort Tante Schnee angegriffen. Als ich versuchte, sie zu beruhigen, kam ein wilder Kerl hereingerannt und schlug mitten unter den Damen um sich — hat das Gesetz denn gar keine Geltung mehr?" Kette Kaufmann sagte: "Es hat jetzt keinen Sinn, mit ihnen zu vernünfteln. Später werden wir ihn unter Schlägen befragen: Was hat ein Mann bei den Damen verloren? Zumal hier lauter Fräulein und junge Frauen sind. Außerdem hätte seine Mutter doch nach der Tochter sehen können. Dass er hereingestürmt ist — sieht das nicht aus, als wollte er rauben und plündern?" Die Diener hielten ihn mit guten und weniger guten Worten in Schach. |
| − | Frau Zhou, durch die vielen Leute ermutigt, sagte: "Gevatterin Xia, Ihr versteht gar nichts von der Sache. Da Ihr schon einmal hier seid, solltet Ihr erst die Umstände klären. Eure Tochter hat sich selbst vergiftet, oder aber | + | Frau Zhou, durch die vielen Leute ermutigt, sagte: "Gevatterin Xia, Ihr versteht gar nichts von der Sache. Da Ihr schon einmal hier seid, solltet Ihr erst die Umstände klären. Eure Tochter hat sich selbst vergiftet, oder aber Schatzkröte hat ihre Herrin vergiftet. Warum klärt Ihr das nicht erst auf, ohne die Leiche auch nur angesehen zu haben, und wollt uns gleich erpressen? Meint Ihr, wir lassen eine junge Frau einfach so umsonst sterben? Schatzkröte ist gefesselt. Da Eure Tochter etwas kränklich war, hat Duftkastanie sie auf Bitten Eurer Tochter begleitet und war mit ihr in einem Zimmer. Deshalb werden beide dort bewacht. Wir warten auf Euch, damit Ihr bei der Leichenschau des Strafministeriums dabei seid und die Wahrheit ans Licht kommt!" |
| − | + | Goldosmanthus' Mutter war nun allein und hilflos und folgte Frau Zhou in das Zimmer ihrer Tochter. Sie sah das Gesicht ganz mit schwarzem Blut bedeckt, die Tote lag steif auf dem Kang, und sie brach in lautes Weinen aus. Schatzkröte, als sie die Leute ihrer Familie kommen sah, heulte los: "Unsere Herrin war so gut zu Duftkastanie, ließ sie bei sich wohnen, und die hat die erstbeste Gelegenheit genutzt, um unsere Herrin zu vergiften!" Da riefen alle Leute der Familie Schnee wie aus einem Mund: "Unsinn! Die Herrin hat Suppe getrunken und ist daran gestorben — und diese Suppe, wer hat die gekocht?" Schatzkröte sagte: "Die Suppe habe ich gemacht, ich habe sie hereingebracht, aber dann musste ich etwas erledigen und ging hinaus. Bestimmt hat Duftkastanie sich aufgerafft und etwas hineingetan!" Goldosmanthus' Mutter wollte, bevor Schatzkröte noch zu Ende gesprochen hatte, schon auf Duftkastanie losgehen, wurde aber von allen festgehalten. Tante Schnee sagte: "Das sieht nach einer Arsenvergiftung aus. Solch ein Gift gibt es in unserem Haus bestimmt nicht. Ob es nun Duftkastanie war oder Schatzkröte — irgendjemand muss es für sie besorgt haben. Bei der Untersuchung wird die Wahrheit zweifellos ans Licht kommen. Jetzt legt die Leiche erst einmal ordentlich zurecht, damit die Beamten sie untersuchen können." Die alten Dienerinnen richteten die Leiche her. | |
| − | Schatzspange sagte: "Hier sind überall Männer. Räumt die Frauensachen zusammen und bringt sie in Ordnung!" Unter der Matratze auf dem Kang fand man ein zerknülltes Papierpäckchen. | + | Schatzspange sagte: "Hier sind überall Männer. Räumt die Frauensachen zusammen und bringt sie in Ordnung!" Unter der Matratze auf dem Kang fand man ein zerknülltes Papierpäckchen. Goldosmanthus' Mutter sah es und hob es auf. Es war leer, und sie warf es weg. Schatzkröte aber rief: "Da ist der Beweis! Dieses Päckchen kenne ich: Vor ein paar Tagen waren die Ratten unerträglich, und die Herrin hat bei einem Besuch zu Hause ihren Bruder gebeten, Rattengift zu besorgen. Als sie zurückkam, legte sie es in ihr Schmuckkästchen. Bestimmt hat Duftkastanie es gesehen und damit die Herrin vergiftet. Wenn ihr mir nicht glaubt, schaut im Schmuckkästchen nach, ob es noch dort ist." |
| − | + | Goldosmanthus' Mutter tat, was Schatzkröte sagte, und holte das Kästchen hervor. Es enthielt nur ein paar silberne Haarnadeln. Tante Schnee fragte: "Wo ist der ganze Schmuck geblieben?" Schatzspange ließ die Schränke und Truhen öffnen — alles war leer. Sie fragte: "Wo sind die Sachen der Schwägerin hin? Da müssen wir wohl Schatzkröte befragen." Goldosmanthus' Mutter wurde innerlich unsicher, und als Tante Schnee Schatzkröte ins Verhör nahm, warf sie ein: "Von den Sachen meiner Tochter versteht sie doch nichts!" Frau Zhou sagte: "Gevatterin, so geht das aber nicht. Fräulein Schatzkröte war Tag und Nacht bei der jungen Herrin. Wie kann sie da nichts wissen?" Schatzkröte, in die Enge getrieben, musste die Wahrheit sagen: "Die Herrin hat die Sachen immer selbst nach Hause mitgenommen. Was konnte ich schon dagegen tun?" Da riefen alle: "Was für eine feine Gevatterin! Hinterrücks die Sachen der Tochter einheimsen, und wenn nichts mehr da ist, sie zum Selbstmord treiben und uns erpressen! Schön! Bei der Untersuchung wird das genau so dargestellt!" Schatzspange ließ nach draußen ausrichten, man solle dem zweiten Herrn Kette sagen, die Leute der Familie Xia dürften auf keinen Fall gehen. | |
| − | + | Goldosmanthus' Mutter geriet in Panik und beschimpfte Schatzkröte: "Du freches Ding! Hör auf zu lügen! Wann hat meine Tochter jemals Sachen zu mir nach Hause gebracht?" Schatzkröte erwiderte: "Die Sachen sind Nebensache, aber für das Leben des Fräuleins muss jemand geradestehen." Kostbarzither Schnee sagte: "Wenn wir die Sachen finden, finden wir auch den Schuldigen. Schnell, fragt den zweiten Herrn Kette, ob der Sohn der Xia-Familie den Arsenkauf zugibt — das brauchen wir für die Untersuchung." | |
| − | + | Goldosmanthus' Mutter geriet in große Aufregung: "Diese Schatzkröte ist doch vom Teufel besessen, so einen Unsinn zu erzählen! Wann hat meine Tochter jemals Arsen gekauft? Wenn schon, dann hat Schatzkröte sie vergiftet!" Schatzkröte schrie empört: "Andere mögen mir die Schuld zuschieben, aber dass ihr mir auch noch die Schuld gebt! Habt ihr nicht immer zu eurem Fräulein gesagt, sie solle sich nicht alles gefallen lassen, die Familie Schnee zugrunde richten, dann alles zusammenpacken und sich davonmachen und einen besseren Mann suchen? Stimmt das oder nicht?" Bevor Goldosmanthus' Mutter antworten konnte, fiel Frau Zhou ein: "Von der eigenen Dienerin angezeigt! Was gibt es da noch zu leugnen?" Goldosmanthus' Mutter, vor Wut mit den Zähnen knirschend, schalt Schatzkröte: "Habe ich dich etwa schlecht behandelt? Warum verrätst du mich? Bei der Untersuchung werde ich sagen, dass du sie vergiftet hast!" Schatzkröte starrte sie wütend an: "Lasst bitte Duftkastanie frei, gnädige Frau. Es ist nicht nötig, eine Unschuldige zu quälen. Vor dem Richter werde ich schon meine Aussage machen." | |
| − | Schatzspange hatte den Kern der Sache begriffen und ließ | + | Schatzspange hatte den Kern der Sache begriffen und ließ Schatzkröte sogleich losbinden. Sie sagte: "Du warst immer eine aufrichtige Person. Warum solltest du dich in solche Machenschaften hineinziehen lassen? Du wirst nur darunter leiden. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es uns jetzt! Sag die Wahrheit, und die Sache ist aus der Welt!" Schatzkröte fürchtete sich davor, bei der Untersuchung gefoltert zu werden, und gab nach: "Jeden Tag klagte die Herrin: 'Wie konnte mir meine blinde Mutter das nur antun, statt mich mit dem zweiten Herrn zu verheiraten, hat sie mich an diesen Nichtsnutz verkuppelt! Wenn ich auch nur einen Tag mit dem zweiten Herrn verbringen könnte, würde ich gern dafür sterben.' Und dann verfluchte sie immer Duftkastanie. Zuerst habe ich nicht darauf geachtet. Später, als ich sah, wie gut sie plötzlich zu Duftkastanie war, dachte ich, Duftkastanie habe sie irgendwie besänftigt. Ich ahnte nicht, dass die Suppe von gestern böse gemeint war!" Goldosmanthus' Mutter warf ein: "Das ergibt doch keinen Sinn! Wenn sie Duftkastanie vergiften wollte, warum hat sie sich dann selbst vergiftet?" |
| − | Schatzspange wandte sich an | + | Schatzspange wandte sich an Duftkastanie: "Duftkastanie, hast du gestern von der Suppe getrunken?" Duftkastanie antwortete: "Vor ein paar Tagen, als ich so krank war, dass ich den Kopf nicht heben konnte, bot die Herrin mir Suppe an. Ich wagte nicht, nein zu sagen. Gerade als ich mich mühsam aufrichten wollte, hatte sie sich die Hand verbrüht, und die Schale zerschellte am Boden. Das bereitete der Herrin viel Umstände, und ich fühlte mich sehr schuldig. Gestern nun wurde mir wieder Suppe angeboten. Ich konnte nichts herunterbringen, aber ich konnte nicht anders — gerade als ich trinken wollte, wurde mir plötzlich schwindelig. Ich sah, wie Schwester Schatzkröte die Schale wegtrug, und war erleichtert. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, kam die Herrin selbst mit der Suppe und forderte mich auf, sie zu probieren. Sie trank selbst davon und ich zwang mich, auch zwei Schlucke zu nehmen." |
| − | + | Schatzkröte ließ sie kaum ausreden und sagte: "So war es! Jetzt will ich die Wahrheit sagen. Gestern befahl mir die Herrin, zwei Schalen Suppe zu kochen, angeblich für sie und Duftkastanie zusammen. Ich ärgerte mich und dachte: 'Was bildet sich Duftkastanie ein, dass ich ihr Suppe kochen soll?' Ich gab absichtlich in eine Schale eine Extra-Portion Salz und machte ein geheimes Zeichen daran — die war für Duftkastanie gedacht. Kaum hatte ich die Suppe gebracht, da schickte mich die Herrin hinaus, ich solle die Burschen eine Kutsche bestellen lassen, sie wolle heute noch nach Hause fahren. Ich ging hinaus und erledigte den Auftrag. Als ich zurückkam, stand die versalzene Schale vor der Herrin. Ich fürchtete, sie würde das Salz schmecken und mich beschimpfen. Zum Glück ging die Herrin gerade kurz nach hinten. Als sie nicht hinsah, tauschte ich schnell die Schalen aus. Es muss wohl Schicksal gewesen sein: Als die Herrin zurückkam, nahm sie die Suppe und brachte sie an Duftkastanies Bett, forderte sie auf zu trinken, und trank selbst aus der anderen Schale. Duftkastanie schien das Salz nicht zu bemerken, und beide tranken ihre Schalen leer. Ich lachte innerlich und dachte, was für einen stumpfen Gaumen Duftkastanie haben müsse. Ich wusste nicht, dass die Herrin vorhatte, Duftkastanie zu vergiften, und das Arsen hineingestreut hatte, als ich draußen war. Und sie wusste nicht, dass ich die Schalen vertauscht hatte. Das ist wahrhaftig himmlische Gerechtigkeit — sie hat sich selbst gerichtet!" | |
| − | Alle dachten genau nach über Baoschans Schilderung, und es stimmte alles haargenau. So ließ man | + | Alle dachten genau nach über Baoschans Schilderung, und es stimmte alles haargenau. So ließ man Duftkastanie frei und half ihr zurück ins Bett. |
| − | Nun wollen wir nicht weiter von | + | Nun wollen wir nicht weiter von Duftkastanie berichten, sondern uns Goldosmanthus' Mutter zuwenden, deren Gewissen schlecht war. Sie versuchte noch, die Vorwürfe zu entkräften. Tante Schnee und die anderen warfen ihr mal dies, mal jenes vor und verlangten schließlich, dass ihr Sohn für Goldosmanthus' Tod zur Verantwortung gezogen werde. Als der Streit auf dem Höhepunkt war, rief Kette Kaufmann von draußen: "Genug geredet! Macht alles fertig, der Herr vom Strafministerium ist gleich da!" Da bekamen es nur Mutter und Sohn Xia mit der Angst zu tun. Sie sahen ein, dass sie in jedem Fall den Kürzeren ziehen würden, und baten am Ende kleinlaut Tante Schnee: "Tausend Fehler, zehntausend Fehler — es ist alles die Schuld meiner toten Tochter, die vom rechten Weg abgekommen ist. Das hat sie sich selbst eingebrockt. Wenn die Leichenschau des Strafministeriums stattfindet, sieht es auch für Eure Familie nicht gut aus. Bitte lasst die Sache auf sich beruhen!" Schatzspange sagte: "Das geht nicht. Es ist bereits gemeldet, wie soll man das jetzt noch zurücknehmen?" Frau Zhou und die anderen versuchten, einen Kompromiss zu finden: "Wenn die Sache beigelegt werden soll, dann müsste die Gevatterin Xia selbst den Beamten entgegentreten und um Einstellung des Verfahrens bitten. Dann würden wir keine Anschuldigungen mehr erheben." Kette Kaufmann draußen hatte auch dem Sohn gedroht, und der erklärte sich bereit, den Beamten des Strafministeriums entgegenzugehen und eine schriftliche Bitte um Einstellung der Untersuchung vorzulegen. Alle stimmten zu. Tante Schnee ordnete den Kauf eines Sarges und die Bestattung an. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten. |
| − | Nun wenden wir uns Kaufmann | + | Nun wenden wir uns Regendorf Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾雨村</ref> zu, der zum Präfekten der Hauptstadt befördert worden war und zusätzlich die Steuerverwaltung übernahm. Eines Tages verließ er die Hauptstadt, um neu erschlossenes Ackerland zu inspizieren. Sein Weg führte ihn durch den Kreis Erkenntnis an den Strom der reißenden Furt. Als er gerade übersetzen wollte, ließ er die Sänfte am Ufer halten und wartete auf seine Gefolgsleute. Am Dorfrand bemerkte er einen kleinen Tempel mit halb eingestürzten Mauern, durch die einige alte Kiefern hervorragten — ein Bild urtümlicher Würde. Regendorf stieg aus der Sänfte und schlenderte gemächlich in den Tempel. Die Vergoldung blätterte von den Götterstatuen, die Hallen standen schief. Daneben lag eine zerbrochene Steintafel, deren verwitterte Inschrift kaum noch lesbar war. Als er zur hinteren Halle weitergehen wollte, sah er im Schatten einer Zypresse eine strohgedeckte Hütte, in der ein daoistischer Mönch mit geschlossenen Augen meditierte. |
| − | + | Regendorf trat näher und betrachtete sein Gesicht — es kam ihm eigenartig bekannt vor, als habe er den Mann schon einmal irgendwo gesehen, doch er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wo. Seine Begleiter wollten den Daoisten anbrüllen, doch Regendorf hielt sie zurück, trat langsam vor und rief: "Ehrwürdiger Meister!" Der Daoist öffnete leicht die Augen und lächelte schwach: "Was führt Euch her, Herr Beamter?" Regendorf antwortete: "In amtlicher Mission unterwegs, kam ich hier vorbei. Als ich Euch, ehrwürdiger Meister, in stiller Versenkung sah und Eure tiefe Gelehrsamkeit erahnte, wagte ich, Euch um eine Belehrung zu bitten." Der Daoist sprach: "Woher man kommt, hat seinen Grund; wohin man geht, hat seine Richtung." | |
| − | + | Regendorf erkannte an diesen Worten, dass der Mann tiefgründig war. Mit einer tiefen Verbeugung fragte er: "Welcher Schule gehört Ihr an, Meister? Wie heißt dieser Tempel? Wie viele leben hier? Wenn Ihr wahre Einkehr sucht — wäre da ein berühmter Berg nicht besser geeignet? Wenn Ihr gute Werke tun wollt — wäre dann nicht eine belebte Straße angemessener?" Der Daoist antwortete: "In einem Flaschenkürbis lässt sich leben — wozu eine Hütte auf berühmtem Berg? Der Tempelname ist längst vergessen, doch die zerbrochene Steintafel zeugt noch davon. Gestalt und Schatten gehen stets zusammen — wozu Almosen sammeln? Ich bin nicht jener, der 'die Jade im Kasten feilbietet und auf den rechten Käufer wartet, oder die Haarnadel im Kästchen, die auf ihre Zeit zum Fliegen harrt'." | |
| − | + | Regendorf war stets ein aufgeweckter Geist gewesen. Beim Wort "Flaschenkürbis" und dem Paar "Haarnadel" und "Jade" erinnerte er sich sofort an den alten Zhen Wahrheitsverberger. Er betrachtete den Daoisten noch einmal genau und erkannte sein unverändertes Gesicht. Er entließ seine Begleiter und fragte vertraulich: "Seid Ihr nicht der alte Herr Zhen?" Der Daoist lächelte leise: "Was ist wahr? Was ist falsch? Ihr müsst verstehen: 'Wahr' ist 'falsch', und 'falsch' ist 'wahr'." | |
| − | Als | + | Als Regendorf das Wort "Kaufmann" heraushörte — denn "falsch" klang wie der Familienname Kaufmann — war er sich nun völlig sicher. Er verbeugte sich erneut und sagte: "Seit Ihr mir damals so großzügig den Weg in die Hauptstadt ermöglicht habt, bestand ich dank Eures Segens die Prüfung und wurde in die Nähe Eures Wohnortes berufen. Dort erfuhr ich, dass Ihr die Erleuchtung erlangt und der Welt entsagt hattet, um in die Sphäre der Unsterblichen aufzusteigen. Obwohl ich Euch sehnlichst suchte, fürchtete ich als staubbefleckter Beamter, Euer heiliges Antlitz nicht noch einmal erblicken zu dürfen. Wie glücklich bin ich, Euch hier wieder zu begegnen! Ich flehe Euch an, heiliger Meister, mich von meiner Unwissenheit zu befreien. Wenn Ihr Euch herablasst, lade ich Euch ein, mit in meine nahe Residenz zu kommen, damit ich täglich von Eurer Weisheit lernen kann." Der Daoist erhob sich und erwiderte die Verbeugung: "Jenseits meiner Gebetsmatte weiß ich nichts von der Welt. Von dem, was Ihr soeben gesprochen habt, habe ich kein einziges Wort verstanden." Damit setzte er sich wieder hin. |
| − | + | Regendorf begann wieder zu zweifeln. 'Wenn er nicht Wahrheitsverberger ist', dachte er, 'warum gleicht ihm dann Gesicht und Stimme so sehr? Neunzehn Jahre sind vergangen, und sein Aussehen ist fast unverändert. Gewiss hat er einen hohen Grad der Kultivierung erreicht und will seine frühere Identität nicht preisgeben. Doch er ist mein Wohltäter; jetzt, da ich ihn gefunden habe, darf ich die Gelegenheit nicht verpassen. Mit Reichtum kann ich ihn nicht locken, und von Frau und Tochter zu sprechen, wäre erst recht zwecklos.' Nach kurzem Nachdenken sagte er: "Wenn der unsterbliche Meister die Vergangenheit nicht preisgeben will — könnte er dann nicht wenigstens seinem Schüler ein Zeichen der Anerkennung geben?" | |
| − | Er wollte sich gerade niederwerfen, als seine Begleiter hereinkamen und meldeten: "Es wird dunkel, bitte überquert schnell den Fluss!" | + | Er wollte sich gerade niederwerfen, als seine Begleiter hereinkamen und meldeten: "Es wird dunkel, bitte überquert schnell den Fluss!" Regendorf zögerte unschlüssig. Da sprach der Daoist: "Gelangt schnell ans andere Ufer, Euer Gnaden! Wir werden uns wiedersehen. Wartet Ihr zu lange, kommt ein Sturm auf. Wenn Ihr wirklich wiederkommt, warte ich hier an der Furt auf Euch." Er schloss die Augen und versank wieder in Meditation. |
| − | + | Regendorf verabschiedete sich widerwillig und verließ den Tempel. Er hatte gerade das Flussufer erreicht, als er jemanden auf sich zurennen sah. | |
Wer diese Person war, erfährt man im nächsten Kapitel. | Wer diese Person war, erfährt man im nächsten Kapitel. | ||
Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 103
Ein Giftanschlag geht fehl — Goldosmanthus [1] verbrennt sich selbst
Wahre Zen-Erkenntnis bleibt verborgen — Regendorf begegnet vergeblich einem Alten
Die Erzählung greift den Faden dort auf, wo Kette Kaufmann [2] zu Frau König [3] gegangen war und ihr alles ausführlich berichtet hatte. Am nächsten Tag begab er sich ins Ministerium, erledigte die nötigen Bestechungen und kehrte dann wieder zu Frau König zurück, um ihr von den Absprachen im Personalministerium zu berichten. Frau König sagte: "Hast du dich auch genau erkundigt? Wenn es wirklich so ist, wird auch der Herr zufrieden sein, und die ganze Familie kann aufatmen. Dieser Provinzposten war doch ohnehin nicht das Richtige! Wäre die Sache nicht so gelaufen, hätten diese nichtsnutzigen Kerle den Herrn womöglich um sein Leben gebracht!" Kette Kaufmann fragte: "Woher weiß Tante das?" Frau König erwiderte: "Seit dein Onkel diesen Außenposten angetreten hat, hat er keinen einzigen Heller nach Hause geschickt, dafür aber etliches aus dem Haushalt mitgenommen. Schau dir nur mal die Leute an, die mit dem Herrn gegangen sind: Ihre Männer waren noch nicht lange draußen, da schmückten sich deren Nebenfrauen schon mit goldenem und silbernem Kopfputz. Haben die etwa nicht hinter dem Rücken des Herrn Geld gemacht? Dein Onkel ließ sie einfach gewähren. Wenn daraus eine Affäre entsteht, verliert er nicht nur sein eigenes Amt, sondern womöglich werden auch die Verdienste der Vorfahren ausgelöscht." Kette Kaufmann sagte: "Tante hat völlig recht. Als ich vorhin hörte, dass er angeklagt worden sei, erschrak ich furchtbar und beruhigte mich erst, als ich die Einzelheiten in Erfahrung gebracht hatte. Ich wünsche mir auch, dass der Herr ein Amt in der Hauptstadt bekommt, wo er einige Jahre in Ruhe und Frieden arbeiten kann, um seinen guten Ruf ein Leben lang zu bewahren. Wenn die alte Herzoginmutter [4] davon erfährt, wird auch sie beruhigt sein — nur sollte Tante es ihr möglichst schonend beibringen." Frau König sagte: "Das weiß ich. Geh du nur und erkundige dich weiter."
Kette Kaufmann stimmte zu und wollte sich gerade verabschieden, als eine alte Dienerin aus dem Hause der Tante Schnee [5] völlig aufgeregt hereingestürzt kam. Sie lief direkt in Frau Königs inneres Zimmer, ohne sich überhaupt zu verbeugen, und rief: "Unsere Herrin schickt mich, der Tante hier Bescheid zu sagen: Bei uns zu Hause ist etwas Furchtbares passiert! Es gibt schon wieder Ärger!" Frau König fragte: "Was für Ärger denn?" Die Alte sagte wieder: "Furchtbar, furchtbar!" Frau König schnaubte: "Du dummes Ding! Wenn es so dringend ist, dann rede endlich!" Die Alte sagte: "Unser zweiter Herr ist nicht zu Hause, kein einziger Mann ist da. Bei dieser Sache — was sollen wir bloß tun? Wir bitten die gnädige Frau, ein paar Herren zu schicken, die sich der Sache annehmen." Frau König verstand nicht und drängte ungeduldig: "Was sollen die Herren denn machen?" Die Alte sagte: "Unsere große Schwiegertochter ist tot!" Frau König spuckte verächtlich aus: "Pfui! Dieses Frauenzimmer — wenn sie tot ist, dann ist sie eben tot. Ist das etwa ein Grund für solch ein Theater?" Die Alte sagte: "Sie ist nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern bei einem wüsten Streit umgekommen. Bitte schickt schnell jemanden, der sich darum kümmert!" Damit wollte sie schon wieder gehen. Frau König war halb verärgert, halb amüsiert und sagte: "Diese alte Frau ist wirklich unmöglich! Kette, geh du lieber selbst hinüber und sieh nach — auf dieses verwirrte Geschöpf ist kein Verlass." Die Alte hatte nicht gehört, dass jemand geschickt wurde, sondern nur den Satz "kümmert euch nicht darum" aufgeschnappt und lief wütend davon.
Tante Schnee wartete drüben voller Sorge, doch es kam und kam niemand. Endlich kehrte die Alte zurück. "Wen schickt die Tante?", fragte sie. Die Alte seufzte: "Man sollte nie in Not geraten. Was nützen einem die besten Verwandten? Die Tante will uns nicht nur nicht helfen, sie hat mich auch noch beschimpft und dumm genannt!" Tante Schnee war gleichermaßen wütend und verzweifelt: "Wenn die Tante sich nicht kümmert — was hat denn meine Schwiegertochter gesagt?" Die Alte antwortete: "Wenn die Tante schon nicht hilft, wird sich unser Fräulein natürlich erst recht nicht darum kümmern. Ich bin gar nicht erst hingegangen." Tante Schnee spuckte aus: "Die Tante ist eine Fremde, aber das Fräulein ist meine eigene Tochter! Wie sollte sie sich nicht kümmern?" Die Alte besann sich: "Ach ja, natürlich! Dann gehe ich noch einmal hin."
Gerade als sie dies sagten, kam Kette Kaufmann herein, begrüßte Tante Schnee, sprach sein Beileid aus und sagte: "Meine Tante hat von dem Tod der jungen Schwiegertochter erfahren, aber die alte Dienerin konnte sich nicht verständlich ausdrücken, und Frau König war ganz verzweifelt. Sie hat mich hergeschickt, um Näheres zu erfahren, und ich soll hier auch bei der Abwicklung helfen. Was immer nötig ist, Tante Schnee braucht es nur zu sagen." Tante Schnee, die vor Kummer geweint hatte, ohne dass Tränen kamen, sagte, als sie Kette Kaufmanns Worte hörte, schnell: "Wie gut, dass der zweite Herr sich die Mühe macht! Ich wusste doch, dass die Tante uns am meisten zugetan ist. Diese dumme Alte konnte sich nur nicht verständlich machen und hätte fast alles verdorben. Bitte setzt Euch, ich will Euch die Sache der Reihe nach erzählen." Dann fuhr sie fort: "Es geht um nichts anderes, als dass meine Schwiegertochter keines natürlichen Todes gestorben ist." Kette Kaufmann fragte: "Hatte sie sich etwa wegen der Verurteilung meines Vetters aus Verzweiflung das Leben genommen?"
Tante Schnee sagte: "Wenn es so wäre, wäre es noch einfach. Vor ein paar Monaten tobte sie jeden Tag barfuß und mit zerzausten Haaren wie eine Wahnsinnige herum. Als sie dann erfuhr, dass euer Vetter zum Tode verurteilt worden war, weinte sie zwar einmal bitterlich, danach aber begann sie sich wieder zu schminken und herauszuputzen. Wenn ich sie zurechtweisen wollte, gab es jedes Mal einen fürchterlichen Streit, also ließ ich sie in Ruhe. Eines Tages kam sie aus irgendeinem Grund und verlangte, dass Duftkastanie [6] ihr Gesellschaft leiste. Ich sagte: 'Du hast doch Schatzkröte [7], wozu brauchst du Duftkastanie? Außerdem kannst du sie ohnehin nicht leiden, warum willst du dir Ärger einhandeln?' Aber sie bestand darauf. Mir blieb nichts anderes übrig, als Duftkastanie in ihr Zimmer zu schicken. Die arme Duftkastanie wagte nicht, sich meiner Anweisung zu widersetzen, und ging trotz ihrer Krankheit hin. Zu meiner Überraschung behandelte Goldosmanthus sie dann sehr freundlich, worüber ich mich freute. Eure älteste Schwester aber, als sie davon erfuhr, sagte: 'Das ist bestimmt nicht gut gemeint.' Ich schenkte dem keine Beachtung. In den ersten Tagen, als Duftkastanie krank daniederlag, kochte Goldosmanthus ihr eigenhändig Suppe. Doch das Glück war Duftkastanie nicht hold: Gerade als sie ihr die Schale reichte, verbrühte sie sich die Hand, und die Schale zerschellte am Boden. Ich dachte, sie würde ihren Zorn bestimmt an Duftkastanie auslassen, aber sie wurde gar nicht böse, nahm selbst den Besen und kehrte auf, wischte den Boden mit Wasser und war weiterhin freundlich zu Duftkastanie. Gestern Abend nun ließ sie Schatzkröte wieder zwei Schalen Suppe zubereiten und sagte, sie wolle sie zusammen mit Duftkastanie trinken. Nach einer Weile hörten wir Lärm aus ihrem Zimmer, Schatzkröte schrie wild durcheinander. Dann schrie auch Duftkastanie und kam, sich an der Wand abstützend, heraus, um Hilfe zu rufen. Ich eilte hin und sah, wie meiner Schwiegertochter Blut aus Nase und Augen strömte, sie wälzte sich auf dem Boden, die Hände krallten sich in die Brust, die Füße strampelten wild — ich war zu Tode erschrocken! Man konnte sie nichts mehr fragen, sie konnte nicht mehr sprechen, und nach kurzem war sie tot. Es sah ganz so aus, als hätte sie Gift genommen. Schatzkröte kam weinend angerannt und zerrte an Duftkastanie und behauptete, sie habe die Herrin vergiftet. Aber Duftkastanie ist nicht die Art von Mensch, die so etwas tut; außerdem war sie so krank, dass sie sich kaum aufrichten konnte — wie sollte sie jemanden vergiften können? Aber Schatzkröte behauptete es steif und fest. Ach, mein guter Herr, was soll ich nur tun? Mir blieb nichts anderes übrig, als mir ein Herz zu fassen, Duftkastanie von den alten Dienerinnen fesseln zu lassen und sie Schatzkröte zu übergeben, dann sperrte ich die Zimmertür von außen ab. Zusammen mit eurer zweiten Schwester hielt ich die ganze Nacht Wache, und erst als heute Morgen die Tore des Anwesens geöffnet wurden, schickte ich die Nachricht los. Zweiter Herr, Ihr seid ein verständiger Mann — was sollen wir bloß tun?"
Kette Kaufmann fragte: "Weiß die Familie Xia schon Bescheid?" Tante Schnee antwortete: "Erst muss die Sache aufgeklärt werden, dann können wir es melden!" Kette Kaufmann sagte: "Meiner Meinung nach muss die Sache amtlich untersucht werden, sonst bekommen wir sie nicht in den Griff. Wir würden natürlich Schatzkröte verdächtigen, aber andere Leute könnten fragen: Warum sollte Schatzkröte ihre eigene Herrin vergiften? Wenn man den Verdacht auf Duftkastanie lenkt, ließe sich das schon eher begründen."
Gerade als sie noch sprachen, kamen Dienstmädchen aus dem Prunkwille-Anwesen herein und meldeten: "Unsere zweite junge Herrin ist da." Kette Kaufmann war zwar Schatzspange [8]s Schwager, aber da sie seit der Kindheit miteinander verkehrten, wich er nicht aus. Schatzspange kam herein, begrüßte ihre Mutter und Kette Kaufmann und ging dann ins innere Zimmer, um sich zu Kostbarzither Schnee [9] zu setzen. Tante Schnee folgte und erzählte auch ihr die ganze Geschichte. Schatzspange sagte daraufhin: "Wenn wir Duftkastanie fesseln, sieht es doch so aus, als würden auch wir behaupten, dass Duftkastanie die Mörderin sei! Mama sagte doch, die Suppe habe Schatzkröte gekocht — dann sollte man Schatzkröte fesseln und verhören! Gleichzeitig müssen wir die Familie Xia benachrichtigen und die Behörden einschalten."
Tante Schnee fand das einleuchtend und fragte Kette Kaufmann um seine Meinung. Kette Kaufmann sagte: "Die zweite Schwester hat völlig recht. Für die Meldung an die Behörden sollte ich besser persönlich zu jemandem im Strafministerium gehen, damit bei der Leichenschau und den Verhören alles in geordneten Bahnen verläuft. Nur Schatzkröte zu fesseln und Duftkastanie freizulassen, das könnte schwierig werden." Tante Schnee sagte: "Ich wollte Duftkastanie ja gar nicht fesseln, ich fürchtete nur, sie könnte sich in ihrer Krankheit und ihrem unverschuldeten Elend vor Verzweiflung etwas antun und wir hätten noch eine Tote zu beklagen. Deshalb habe ich sie fesseln und Schatzkröte übergeben lassen — das war eine Vorsichtsmaßnahme." Kette Kaufmann sagte: "Das mag sein, aber wir haben damit Schatzkröte in die Hände gespielt. Wenn wir jemanden freilassen, müssen wir alle freilassen; wenn wir jemanden fesseln, müssen wir alle fesseln. Die drei waren zusammen im Raum. Wir brauchen nur jemanden zu schicken, der Duftkastanie beruhigt."
Tante Schnee ließ die Tür öffnen. Schatzspange befahl den mitgebrachten Dienerinnen, Schatzkröte zu fesseln. Duftkastanie hatte sich fast zu Tode geweint. Schatzkröte dagegen war ganz selbstzufrieden; als sie sah, dass man auch sie fesseln wollte, fing sie an zu schreien. Aber gegen die Leute aus dem Prunkwille-Anwesen, die sie anfuhren, kam sie nicht an und wurde ebenfalls gefesselt. Die Tür ließ man diesmal offen, damit die beiden bewacht werden konnten. Gleichzeitig war der Bote zur Familie Xia bereits unterwegs.
Die Familie Xia hatte ursprünglich nicht in der Hauptstadt gewohnt. Da ihre Verhältnisse in den letzten Jahren ärmlicher geworden waren und sie sich um ihre Tochter sorgten, waren sie kürzlich in die Stadt gezogen. Der Vater war bereits verstorben, nur die Mutter lebte noch. Dazu hatten sie einen adoptierten Sohn aufgenommen, einen Nichtsnutz, der das verbliebene Familienvermögen durchgebracht hatte und ständig die Familie Schnee besuchte. Goldosmanthus war eine leichtfertige Natur und konnte das leere Bett unmöglich hüten. Zudem dachte sie Tag und Nacht an Xue Ke und war so hungrig geworden, dass sie nicht mehr wählerisch war. Leider war ihr adoptierter Stiefbruder ein Dummkopf — er mochte zwar gewisse Regungen verspüren, war aber noch nicht zum Ziel gelangt. Darum ging Goldosmanthus oft nach Hause und steckte ihm auch etwas Geld zu.
In diesen Tagen wartete man bei den Xias gerade sehnsüchtig auf Goldosmanthus' Besuch. Als die Leute von der Familie Schnee kamen, dachte der Stiefbruder: "Was bringen sie uns diesmal wohl mit?" Doch als man ihm sagte, das Fräulein habe Gift genommen und sei tot, geriet er außer sich und fing an, wild zu toben und zu schimpfen. Goldosmanthus' Mutter brach erst recht in Geschrei und Geheul aus: "Meine kerngesunde Tochter, in deren Haus — warum hat sie Gift genommen?" Heulend und schreiend nahm sie ihren Sohn mit, wartete nicht einmal auf eine Kutsche und machte sich zu Fuß auf den Weg. Die Familie Xia stammte aus einer Kaufmannsfamilie und hatte jetzt kein Geld mehr, da kümmerte man sich wenig ums Gesicht. Der Sohn lief voraus, die Mutter folgte mit einer hinkenden alten Dienerin, verließ weinend und jammernd das Tor, mietete auf der Straße einen schäbigen Karren und fuhr geradewegs zum Haus der Familie Schnee.
Kaum durch die Tür, sprach sie kein Wort der Begrüßung, sondern begann sogleich fürchterlich zu heulen und zu schreien. Kette Kaufmann war zum Strafministerium gegangen, um Hilfe zu holen. Zu Hause waren nur Tante Schnee, Schatzspange und Kostbarzither Schnee — die hatten so etwas noch nie erlebt und waren vor Angst ganz verstummt. Als Tante Schnee versuchte, vernünftig mit ihr zu reden, hörte die Xia gar nicht hin, sondern schrie: "Was hat meine Tochter in eurer Familie je Gutes erfahren? Von früh bis spät geschlagen und beschimpft, das ging so eine ganze Weile. Dann habt ihr sie nicht einmal mehr mit ihrem Mann zusammen sein lassen. Ihr habt hinter ihrem Rücken meinen Schwiegersohn ins Gefängnis gebracht! Ihr Mutter und Tochter habt euch dank eurer feinen Verwandtschaft ein schönes Leben gemacht, und meine Tochter war euch noch ein Dorn im Auge! Ihr habt sie vergiften lassen und behauptet, sie habe Gift genommen! Warum sollte sie denn Gift nehmen?" Damit stürzte sie direkt auf Tante Schnee los. Tante Schnee musste zurückweichen und rief: "Liebe Gevatterin! Schau dir doch erst einmal deine Tochter an, frag Schatzkröte, und dann kannst du immer noch böse Reden führen!"
Schatzspange und Kostbarzither Schnee konnten nicht nach draußen kommen, um Tante Schnee zu schützen, denn draußen lauerte der Sohn der Xia-Familie. So konnten sie nur drinnen ängstlich warten.
Zum Glück hatte Frau König Frau Zhou hergeschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Kaum durch die Tür, sah sie eine alte Frau, die mit dem Finger auf Tante Schnees Gesicht zeigte und sie heulend beschimpfte. Frau Zhou erkannte sofort, dass es Goldosmanthus' Mutter sein musste, und trat vor: "Ist das die Gevatterin Xia? Die junge Herrin hat sich selbst vergiftet, was hat das mit unserer Tante Schnee zu tun? Man muss doch nicht so ausfällig werden!" Goldosmanthus' Mutter fragte: "Wer bist du denn?" Tante Schnee, deren Mut durch diese Unterstützung etwas gewachsen war, antwortete für sie: "Das ist jemand von unseren Verwandten, der Familie Kaufmann." Goldosmanthus' Mutter höhnte: "Wer kennt nicht eure mächtigen Verwandten! Nur dank deren Macht konntet ihr meinen Schwiegersohn ins Gefängnis bringen. Und jetzt soll meine Tochter einfach so umsonst gestorben sein?" Damit packte sie Tante Schnee und schrie: "Wie habt ihr meine Tochter umgebracht? Zeigt sie mir!"
Frau Zhou versuchte zu beruhigen: "Geht nur hin und seht sie euch an, aber hört auf zu zerren und zu reißen!" Mit einer leichten Handbewegung schob sie die Xia-Frau zur Seite. Da rannte der Sohn der Familie Xia herein und empörte sich: "Willst du etwa meine Mutter schlagen, nur weil du von den Kaufmanns kommst?" Er warf einen Stuhl nach ihr, traf sie aber nicht. Die Dienerinnen, die drinnen bei Schatzspange gewesen waren, hörten den Tumult, eilten herbei und drängten sich, teils beschwichtigend, teils drohend, vor. Mutter und Sohn Xia aber ließen sich auf keine Kompromisse ein und gerieten völlig außer sich: "Wir kennen ja die Macht eurer Prunkwille-Familie! Unsere Tochter ist schon tot, jetzt ist uns auch alles egal!" Damit stürzten sie sich erneut auf Tante Schnee. Obwohl genug Leute da waren, konnte man sie nicht aufhalten. Wie das alte Sprichwort sagt: "Wenn einer sein Leben aufs Spiel setzt, können ihm Zehntausend nicht standhalten."
Gerade in diesem kritischen Moment kehrte Kette Kaufmann mit sieben oder acht Dienern zurück. Als er die Lage sah, ließ er den Sohn der Xia-Familie sofort hinausziehen und rief: "Hört auf zu toben! Wenn ihr etwas zu sagen habt, sagt es in Ruhe. Räumt hier schnell auf — die Herren vom Strafministerium kommen gleich zur Leichenschau!" Goldosmanthus' Mutter war mitten in ihrem Tobsuchtsanfall, als sie einen Beamten eintreten sah, dem mehrere Untergebene vorauseilten und Befehle brüllten, während die anderen mit hängenden Armen respektvoll dastanden. Die Mutter wusste nicht, wer aus der Familie Kaufmann das war; dann sah sie, wie ihr Sohn von den Leuten gepackt wurde; und als sie hörte, dass das Strafministerium zur Leichenschau kommen würde — sie hatte eigentlich vorgehabt, zuerst die Leiche zu sehen, dann ein furchtbares Spektakel zu veranstalten und danach selbst die Behörden einzuschalten — hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Behörden bereits verständigt waren, und ihr Kampfgeist ließ deutlich nach.
Tante Schnee war vor Schreck ganz benommen. Es war Frau Zhou, die berichtete: "Sie sind hereingekommen und haben, ohne auch nur einen Blick auf ihre Tochter zu werfen, sofort Tante Schnee angegriffen. Als ich versuchte, sie zu beruhigen, kam ein wilder Kerl hereingerannt und schlug mitten unter den Damen um sich — hat das Gesetz denn gar keine Geltung mehr?" Kette Kaufmann sagte: "Es hat jetzt keinen Sinn, mit ihnen zu vernünfteln. Später werden wir ihn unter Schlägen befragen: Was hat ein Mann bei den Damen verloren? Zumal hier lauter Fräulein und junge Frauen sind. Außerdem hätte seine Mutter doch nach der Tochter sehen können. Dass er hereingestürmt ist — sieht das nicht aus, als wollte er rauben und plündern?" Die Diener hielten ihn mit guten und weniger guten Worten in Schach.
Frau Zhou, durch die vielen Leute ermutigt, sagte: "Gevatterin Xia, Ihr versteht gar nichts von der Sache. Da Ihr schon einmal hier seid, solltet Ihr erst die Umstände klären. Eure Tochter hat sich selbst vergiftet, oder aber Schatzkröte hat ihre Herrin vergiftet. Warum klärt Ihr das nicht erst auf, ohne die Leiche auch nur angesehen zu haben, und wollt uns gleich erpressen? Meint Ihr, wir lassen eine junge Frau einfach so umsonst sterben? Schatzkröte ist gefesselt. Da Eure Tochter etwas kränklich war, hat Duftkastanie sie auf Bitten Eurer Tochter begleitet und war mit ihr in einem Zimmer. Deshalb werden beide dort bewacht. Wir warten auf Euch, damit Ihr bei der Leichenschau des Strafministeriums dabei seid und die Wahrheit ans Licht kommt!"
Goldosmanthus' Mutter war nun allein und hilflos und folgte Frau Zhou in das Zimmer ihrer Tochter. Sie sah das Gesicht ganz mit schwarzem Blut bedeckt, die Tote lag steif auf dem Kang, und sie brach in lautes Weinen aus. Schatzkröte, als sie die Leute ihrer Familie kommen sah, heulte los: "Unsere Herrin war so gut zu Duftkastanie, ließ sie bei sich wohnen, und die hat die erstbeste Gelegenheit genutzt, um unsere Herrin zu vergiften!" Da riefen alle Leute der Familie Schnee wie aus einem Mund: "Unsinn! Die Herrin hat Suppe getrunken und ist daran gestorben — und diese Suppe, wer hat die gekocht?" Schatzkröte sagte: "Die Suppe habe ich gemacht, ich habe sie hereingebracht, aber dann musste ich etwas erledigen und ging hinaus. Bestimmt hat Duftkastanie sich aufgerafft und etwas hineingetan!" Goldosmanthus' Mutter wollte, bevor Schatzkröte noch zu Ende gesprochen hatte, schon auf Duftkastanie losgehen, wurde aber von allen festgehalten. Tante Schnee sagte: "Das sieht nach einer Arsenvergiftung aus. Solch ein Gift gibt es in unserem Haus bestimmt nicht. Ob es nun Duftkastanie war oder Schatzkröte — irgendjemand muss es für sie besorgt haben. Bei der Untersuchung wird die Wahrheit zweifellos ans Licht kommen. Jetzt legt die Leiche erst einmal ordentlich zurecht, damit die Beamten sie untersuchen können." Die alten Dienerinnen richteten die Leiche her.
Schatzspange sagte: "Hier sind überall Männer. Räumt die Frauensachen zusammen und bringt sie in Ordnung!" Unter der Matratze auf dem Kang fand man ein zerknülltes Papierpäckchen. Goldosmanthus' Mutter sah es und hob es auf. Es war leer, und sie warf es weg. Schatzkröte aber rief: "Da ist der Beweis! Dieses Päckchen kenne ich: Vor ein paar Tagen waren die Ratten unerträglich, und die Herrin hat bei einem Besuch zu Hause ihren Bruder gebeten, Rattengift zu besorgen. Als sie zurückkam, legte sie es in ihr Schmuckkästchen. Bestimmt hat Duftkastanie es gesehen und damit die Herrin vergiftet. Wenn ihr mir nicht glaubt, schaut im Schmuckkästchen nach, ob es noch dort ist."
Goldosmanthus' Mutter tat, was Schatzkröte sagte, und holte das Kästchen hervor. Es enthielt nur ein paar silberne Haarnadeln. Tante Schnee fragte: "Wo ist der ganze Schmuck geblieben?" Schatzspange ließ die Schränke und Truhen öffnen — alles war leer. Sie fragte: "Wo sind die Sachen der Schwägerin hin? Da müssen wir wohl Schatzkröte befragen." Goldosmanthus' Mutter wurde innerlich unsicher, und als Tante Schnee Schatzkröte ins Verhör nahm, warf sie ein: "Von den Sachen meiner Tochter versteht sie doch nichts!" Frau Zhou sagte: "Gevatterin, so geht das aber nicht. Fräulein Schatzkröte war Tag und Nacht bei der jungen Herrin. Wie kann sie da nichts wissen?" Schatzkröte, in die Enge getrieben, musste die Wahrheit sagen: "Die Herrin hat die Sachen immer selbst nach Hause mitgenommen. Was konnte ich schon dagegen tun?" Da riefen alle: "Was für eine feine Gevatterin! Hinterrücks die Sachen der Tochter einheimsen, und wenn nichts mehr da ist, sie zum Selbstmord treiben und uns erpressen! Schön! Bei der Untersuchung wird das genau so dargestellt!" Schatzspange ließ nach draußen ausrichten, man solle dem zweiten Herrn Kette sagen, die Leute der Familie Xia dürften auf keinen Fall gehen.
Goldosmanthus' Mutter geriet in Panik und beschimpfte Schatzkröte: "Du freches Ding! Hör auf zu lügen! Wann hat meine Tochter jemals Sachen zu mir nach Hause gebracht?" Schatzkröte erwiderte: "Die Sachen sind Nebensache, aber für das Leben des Fräuleins muss jemand geradestehen." Kostbarzither Schnee sagte: "Wenn wir die Sachen finden, finden wir auch den Schuldigen. Schnell, fragt den zweiten Herrn Kette, ob der Sohn der Xia-Familie den Arsenkauf zugibt — das brauchen wir für die Untersuchung."
Goldosmanthus' Mutter geriet in große Aufregung: "Diese Schatzkröte ist doch vom Teufel besessen, so einen Unsinn zu erzählen! Wann hat meine Tochter jemals Arsen gekauft? Wenn schon, dann hat Schatzkröte sie vergiftet!" Schatzkröte schrie empört: "Andere mögen mir die Schuld zuschieben, aber dass ihr mir auch noch die Schuld gebt! Habt ihr nicht immer zu eurem Fräulein gesagt, sie solle sich nicht alles gefallen lassen, die Familie Schnee zugrunde richten, dann alles zusammenpacken und sich davonmachen und einen besseren Mann suchen? Stimmt das oder nicht?" Bevor Goldosmanthus' Mutter antworten konnte, fiel Frau Zhou ein: "Von der eigenen Dienerin angezeigt! Was gibt es da noch zu leugnen?" Goldosmanthus' Mutter, vor Wut mit den Zähnen knirschend, schalt Schatzkröte: "Habe ich dich etwa schlecht behandelt? Warum verrätst du mich? Bei der Untersuchung werde ich sagen, dass du sie vergiftet hast!" Schatzkröte starrte sie wütend an: "Lasst bitte Duftkastanie frei, gnädige Frau. Es ist nicht nötig, eine Unschuldige zu quälen. Vor dem Richter werde ich schon meine Aussage machen."
Schatzspange hatte den Kern der Sache begriffen und ließ Schatzkröte sogleich losbinden. Sie sagte: "Du warst immer eine aufrichtige Person. Warum solltest du dich in solche Machenschaften hineinziehen lassen? Du wirst nur darunter leiden. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es uns jetzt! Sag die Wahrheit, und die Sache ist aus der Welt!" Schatzkröte fürchtete sich davor, bei der Untersuchung gefoltert zu werden, und gab nach: "Jeden Tag klagte die Herrin: 'Wie konnte mir meine blinde Mutter das nur antun, statt mich mit dem zweiten Herrn zu verheiraten, hat sie mich an diesen Nichtsnutz verkuppelt! Wenn ich auch nur einen Tag mit dem zweiten Herrn verbringen könnte, würde ich gern dafür sterben.' Und dann verfluchte sie immer Duftkastanie. Zuerst habe ich nicht darauf geachtet. Später, als ich sah, wie gut sie plötzlich zu Duftkastanie war, dachte ich, Duftkastanie habe sie irgendwie besänftigt. Ich ahnte nicht, dass die Suppe von gestern böse gemeint war!" Goldosmanthus' Mutter warf ein: "Das ergibt doch keinen Sinn! Wenn sie Duftkastanie vergiften wollte, warum hat sie sich dann selbst vergiftet?"
Schatzspange wandte sich an Duftkastanie: "Duftkastanie, hast du gestern von der Suppe getrunken?" Duftkastanie antwortete: "Vor ein paar Tagen, als ich so krank war, dass ich den Kopf nicht heben konnte, bot die Herrin mir Suppe an. Ich wagte nicht, nein zu sagen. Gerade als ich mich mühsam aufrichten wollte, hatte sie sich die Hand verbrüht, und die Schale zerschellte am Boden. Das bereitete der Herrin viel Umstände, und ich fühlte mich sehr schuldig. Gestern nun wurde mir wieder Suppe angeboten. Ich konnte nichts herunterbringen, aber ich konnte nicht anders — gerade als ich trinken wollte, wurde mir plötzlich schwindelig. Ich sah, wie Schwester Schatzkröte die Schale wegtrug, und war erleichtert. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, kam die Herrin selbst mit der Suppe und forderte mich auf, sie zu probieren. Sie trank selbst davon und ich zwang mich, auch zwei Schlucke zu nehmen."
Schatzkröte ließ sie kaum ausreden und sagte: "So war es! Jetzt will ich die Wahrheit sagen. Gestern befahl mir die Herrin, zwei Schalen Suppe zu kochen, angeblich für sie und Duftkastanie zusammen. Ich ärgerte mich und dachte: 'Was bildet sich Duftkastanie ein, dass ich ihr Suppe kochen soll?' Ich gab absichtlich in eine Schale eine Extra-Portion Salz und machte ein geheimes Zeichen daran — die war für Duftkastanie gedacht. Kaum hatte ich die Suppe gebracht, da schickte mich die Herrin hinaus, ich solle die Burschen eine Kutsche bestellen lassen, sie wolle heute noch nach Hause fahren. Ich ging hinaus und erledigte den Auftrag. Als ich zurückkam, stand die versalzene Schale vor der Herrin. Ich fürchtete, sie würde das Salz schmecken und mich beschimpfen. Zum Glück ging die Herrin gerade kurz nach hinten. Als sie nicht hinsah, tauschte ich schnell die Schalen aus. Es muss wohl Schicksal gewesen sein: Als die Herrin zurückkam, nahm sie die Suppe und brachte sie an Duftkastanies Bett, forderte sie auf zu trinken, und trank selbst aus der anderen Schale. Duftkastanie schien das Salz nicht zu bemerken, und beide tranken ihre Schalen leer. Ich lachte innerlich und dachte, was für einen stumpfen Gaumen Duftkastanie haben müsse. Ich wusste nicht, dass die Herrin vorhatte, Duftkastanie zu vergiften, und das Arsen hineingestreut hatte, als ich draußen war. Und sie wusste nicht, dass ich die Schalen vertauscht hatte. Das ist wahrhaftig himmlische Gerechtigkeit — sie hat sich selbst gerichtet!"
Alle dachten genau nach über Baoschans Schilderung, und es stimmte alles haargenau. So ließ man Duftkastanie frei und half ihr zurück ins Bett.
Nun wollen wir nicht weiter von Duftkastanie berichten, sondern uns Goldosmanthus' Mutter zuwenden, deren Gewissen schlecht war. Sie versuchte noch, die Vorwürfe zu entkräften. Tante Schnee und die anderen warfen ihr mal dies, mal jenes vor und verlangten schließlich, dass ihr Sohn für Goldosmanthus' Tod zur Verantwortung gezogen werde. Als der Streit auf dem Höhepunkt war, rief Kette Kaufmann von draußen: "Genug geredet! Macht alles fertig, der Herr vom Strafministerium ist gleich da!" Da bekamen es nur Mutter und Sohn Xia mit der Angst zu tun. Sie sahen ein, dass sie in jedem Fall den Kürzeren ziehen würden, und baten am Ende kleinlaut Tante Schnee: "Tausend Fehler, zehntausend Fehler — es ist alles die Schuld meiner toten Tochter, die vom rechten Weg abgekommen ist. Das hat sie sich selbst eingebrockt. Wenn die Leichenschau des Strafministeriums stattfindet, sieht es auch für Eure Familie nicht gut aus. Bitte lasst die Sache auf sich beruhen!" Schatzspange sagte: "Das geht nicht. Es ist bereits gemeldet, wie soll man das jetzt noch zurücknehmen?" Frau Zhou und die anderen versuchten, einen Kompromiss zu finden: "Wenn die Sache beigelegt werden soll, dann müsste die Gevatterin Xia selbst den Beamten entgegentreten und um Einstellung des Verfahrens bitten. Dann würden wir keine Anschuldigungen mehr erheben." Kette Kaufmann draußen hatte auch dem Sohn gedroht, und der erklärte sich bereit, den Beamten des Strafministeriums entgegenzugehen und eine schriftliche Bitte um Einstellung der Untersuchung vorzulegen. Alle stimmten zu. Tante Schnee ordnete den Kauf eines Sarges und die Bestattung an. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Nun wenden wir uns Regendorf Kaufmann [10] zu, der zum Präfekten der Hauptstadt befördert worden war und zusätzlich die Steuerverwaltung übernahm. Eines Tages verließ er die Hauptstadt, um neu erschlossenes Ackerland zu inspizieren. Sein Weg führte ihn durch den Kreis Erkenntnis an den Strom der reißenden Furt. Als er gerade übersetzen wollte, ließ er die Sänfte am Ufer halten und wartete auf seine Gefolgsleute. Am Dorfrand bemerkte er einen kleinen Tempel mit halb eingestürzten Mauern, durch die einige alte Kiefern hervorragten — ein Bild urtümlicher Würde. Regendorf stieg aus der Sänfte und schlenderte gemächlich in den Tempel. Die Vergoldung blätterte von den Götterstatuen, die Hallen standen schief. Daneben lag eine zerbrochene Steintafel, deren verwitterte Inschrift kaum noch lesbar war. Als er zur hinteren Halle weitergehen wollte, sah er im Schatten einer Zypresse eine strohgedeckte Hütte, in der ein daoistischer Mönch mit geschlossenen Augen meditierte.
Regendorf trat näher und betrachtete sein Gesicht — es kam ihm eigenartig bekannt vor, als habe er den Mann schon einmal irgendwo gesehen, doch er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wo. Seine Begleiter wollten den Daoisten anbrüllen, doch Regendorf hielt sie zurück, trat langsam vor und rief: "Ehrwürdiger Meister!" Der Daoist öffnete leicht die Augen und lächelte schwach: "Was führt Euch her, Herr Beamter?" Regendorf antwortete: "In amtlicher Mission unterwegs, kam ich hier vorbei. Als ich Euch, ehrwürdiger Meister, in stiller Versenkung sah und Eure tiefe Gelehrsamkeit erahnte, wagte ich, Euch um eine Belehrung zu bitten." Der Daoist sprach: "Woher man kommt, hat seinen Grund; wohin man geht, hat seine Richtung."
Regendorf erkannte an diesen Worten, dass der Mann tiefgründig war. Mit einer tiefen Verbeugung fragte er: "Welcher Schule gehört Ihr an, Meister? Wie heißt dieser Tempel? Wie viele leben hier? Wenn Ihr wahre Einkehr sucht — wäre da ein berühmter Berg nicht besser geeignet? Wenn Ihr gute Werke tun wollt — wäre dann nicht eine belebte Straße angemessener?" Der Daoist antwortete: "In einem Flaschenkürbis lässt sich leben — wozu eine Hütte auf berühmtem Berg? Der Tempelname ist längst vergessen, doch die zerbrochene Steintafel zeugt noch davon. Gestalt und Schatten gehen stets zusammen — wozu Almosen sammeln? Ich bin nicht jener, der 'die Jade im Kasten feilbietet und auf den rechten Käufer wartet, oder die Haarnadel im Kästchen, die auf ihre Zeit zum Fliegen harrt'."
Regendorf war stets ein aufgeweckter Geist gewesen. Beim Wort "Flaschenkürbis" und dem Paar "Haarnadel" und "Jade" erinnerte er sich sofort an den alten Zhen Wahrheitsverberger. Er betrachtete den Daoisten noch einmal genau und erkannte sein unverändertes Gesicht. Er entließ seine Begleiter und fragte vertraulich: "Seid Ihr nicht der alte Herr Zhen?" Der Daoist lächelte leise: "Was ist wahr? Was ist falsch? Ihr müsst verstehen: 'Wahr' ist 'falsch', und 'falsch' ist 'wahr'."
Als Regendorf das Wort "Kaufmann" heraushörte — denn "falsch" klang wie der Familienname Kaufmann — war er sich nun völlig sicher. Er verbeugte sich erneut und sagte: "Seit Ihr mir damals so großzügig den Weg in die Hauptstadt ermöglicht habt, bestand ich dank Eures Segens die Prüfung und wurde in die Nähe Eures Wohnortes berufen. Dort erfuhr ich, dass Ihr die Erleuchtung erlangt und der Welt entsagt hattet, um in die Sphäre der Unsterblichen aufzusteigen. Obwohl ich Euch sehnlichst suchte, fürchtete ich als staubbefleckter Beamter, Euer heiliges Antlitz nicht noch einmal erblicken zu dürfen. Wie glücklich bin ich, Euch hier wieder zu begegnen! Ich flehe Euch an, heiliger Meister, mich von meiner Unwissenheit zu befreien. Wenn Ihr Euch herablasst, lade ich Euch ein, mit in meine nahe Residenz zu kommen, damit ich täglich von Eurer Weisheit lernen kann." Der Daoist erhob sich und erwiderte die Verbeugung: "Jenseits meiner Gebetsmatte weiß ich nichts von der Welt. Von dem, was Ihr soeben gesprochen habt, habe ich kein einziges Wort verstanden." Damit setzte er sich wieder hin.
Regendorf begann wieder zu zweifeln. 'Wenn er nicht Wahrheitsverberger ist', dachte er, 'warum gleicht ihm dann Gesicht und Stimme so sehr? Neunzehn Jahre sind vergangen, und sein Aussehen ist fast unverändert. Gewiss hat er einen hohen Grad der Kultivierung erreicht und will seine frühere Identität nicht preisgeben. Doch er ist mein Wohltäter; jetzt, da ich ihn gefunden habe, darf ich die Gelegenheit nicht verpassen. Mit Reichtum kann ich ihn nicht locken, und von Frau und Tochter zu sprechen, wäre erst recht zwecklos.' Nach kurzem Nachdenken sagte er: "Wenn der unsterbliche Meister die Vergangenheit nicht preisgeben will — könnte er dann nicht wenigstens seinem Schüler ein Zeichen der Anerkennung geben?"
Er wollte sich gerade niederwerfen, als seine Begleiter hereinkamen und meldeten: "Es wird dunkel, bitte überquert schnell den Fluss!" Regendorf zögerte unschlüssig. Da sprach der Daoist: "Gelangt schnell ans andere Ufer, Euer Gnaden! Wir werden uns wiedersehen. Wartet Ihr zu lange, kommt ein Sturm auf. Wenn Ihr wirklich wiederkommt, warte ich hier an der Furt auf Euch." Er schloss die Augen und versank wieder in Meditation.
Regendorf verabschiedete sich widerwillig und verließ den Tempel. Er hatte gerade das Flussufer erreicht, als er jemanden auf sich zurennen sah.
Wer diese Person war, erfährt man im nächsten Kapitel.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.