Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 112"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 112 mit Navigation und Fussnoten) |
(DE4 Korrektur-Update Kap. 112) |
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| − | < | + | Die lebendige Sünderin Wunderjade<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.</ref> erleidet ein großes Unglück. Die tote Feindin Nebenfrau Zhao geht vor das Gericht der Unterwelt. |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref> befahl, die Nachtwächterinnen zu fesseln und zum Verhör ins Lager zu bringen. Die Frauen knieten auf dem Boden und flehten um Gnade. Lin Zhixiao und Edelrose Kaufmann sagten: „Euer Bitten ist zwecklos. Der gnädige Herr hat uns beauftragt, das Haus zu bewachen. Wenn nichts passiert, ist das unser Glück. Jetzt, da etwas geschehen ist, werden alle zur Verantwortung gezogen – wer kann euch retten? Wenn es sich um Zhou Ruis Adoptivsohn handelt, ist vom Dienerschaft bis hinauf zur Gnädigen Frau alles in diese Sache verstrickt." | |
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| − | Es wird erzählt, dass Phönixglanz<ref> | ||
Phönixglanz sagte keuchend: „Das ist alles Schicksal – was nutzt es, mit ihnen zu reden? Bringt sie fort. Die gestohlenen Sachen – meldet der Garnison, dass es Besitztümer der Ahnherrin sind. Nur die Herren kennen die Einzelheiten. Wenn wir Meldung erstattet und die Herren zurückgerufen haben, schicken wir eine Verlustliste. Bei der Zivilbehörde machen wir es ebenso." | Phönixglanz sagte keuchend: „Das ist alles Schicksal – was nutzt es, mit ihnen zu reden? Bringt sie fort. Die gestohlenen Sachen – meldet der Garnison, dass es Besitztümer der Ahnherrin sind. Nur die Herren kennen die Einzelheiten. Wenn wir Meldung erstattet und die Herren zurückgerufen haben, schicken wir eine Verlustliste. Bei der Zivilbehörde machen wir es ebenso." | ||
| − | + | Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.</ref> weinte nur und sagte kein Wort: „So etwas habe ich noch nie gehört! Warum trifft es ausgerechnet uns zwei? Wenn Vater und Mutter zurückkommen – wie soll ich ihnen unter die Augen treten? Man hat uns das Haus anvertraut, und jetzt ist es so weit gekommen – wie sollen wir weiterleben?" | |
Phönixglanz sagte: „Wollen wir es etwa? Wir haben Nachtwächterinnen dort." | Phönixglanz sagte: „Wollen wir es etwa? Wir haben Nachtwächterinnen dort." | ||
| − | + | Bedauerfrühling sagte: „Du kannst wenigstens noch reden, und außerdem bist du krank. Ich habe gar nichts zu sagen. Das ist alles die Schuld meiner Schwägerin – sie hat die Gnädige Frau überredet, mich als Hauswächterin einzusetzen. Wo bleibt jetzt mein Gesicht?" Sie weinte bitterlich. | |
Phönixglanz sagte: „Fräulein, denk nicht so! Wenn wir von Gesichtsverlust reden, trifft es uns alle gleich. Wenn du so verwirrt denkst, kann ich erst recht nicht mehr." | Phönixglanz sagte: „Fräulein, denk nicht so! Wenn wir von Gesichtsverlust reden, trifft es uns alle gleich. Wenn du so verwirrt denkst, kann ich erst recht nicht mehr." | ||
| − | Während sie noch sprachen, hörte man jemanden draußen im Hof laut schimpfen: „Ich habe immer gesagt, diese Nonnen und Wahrsagerinnen darf man nicht hereinlassen! Bei uns in der Familie | + | Während sie noch sprachen, hörte man jemanden draußen im Hof laut schimpfen: „Ich habe immer gesagt, diese Nonnen und Wahrsagerinnen darf man nicht hereinlassen! Bei uns in der Familie Echt wurde sowas nie erlaubt. Aber hier achtet man nicht darauf. Gestern, kaum war der Sarg der Ahnherrin hinausgetragen, wollte diese Nonne aus irgendeinem Kloster unbedingt herein. Ich habe sie angebrüllt und nicht reingelassen, aber die alten Frauen am Seitentor haben mich beschimpft und sie doch hereingelassen. Das Tor war mal offen, mal zu – ich weiß nicht, was die da getrieben haben. Ich war misstrauisch und wagte nicht zu schlafen. Um die vierte Nachtwache ging dann hier der Lärm los, und als ich anklopfte, wurde nicht aufgemacht. Als es dann dringend wurde, öffnete ich die Tür und sah im Westhof jemanden stehen – den habe ich totgeschlagen. Jetzt erst erfahre ich, dass das die Gemächer der vierten Herrin waren, und die Nonne war drinnen. Heute vor Tagesanbruch ist sie herausgeschlüpft – war es nicht diese Nonne, die die Diebe hereingelassen hat?" |
| − | Friedchen | + | Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> und die anderen sagten: „Wer ist das, so unverschämt? Die Fräulein und die Herrin sind hier – wie kann man draußen so herumbrüllen!" |
| − | Phönixglanz sagte: „Er spricht von der Familie | + | Phönixglanz sagte: „Er spricht von der Familie Echt – ist das nicht der Rüpel, den die Zhens empfohlen haben?" |
| − | + | Bedauerfrühling hatte alles gehört und war noch aufgewühlter. Phönixglanz fragte Bedauerfrühling: „Was für eine Nonne ist das, von der der Mann redet? Habt ihr etwa eine Nonne bei euch wohnen lassen?" | |
| − | + | Bedauerfrühling erzählte, wie Wunderjade sie besucht, Schach gespielt und bei ihr übernachtet habe. Phönixglanz sagte: „Ausgerechnet sie? Das passt gar nicht zu ihr. Aber wenn dieser Unruhestifter es hinausposaunt und der gnädige Herr davon erfährt, ist das auch nicht gut." | |
| − | + | Bedauerfrühling wurde immer ängstlicher und wollte gehen. Phönixglanz konnte zwar selbst kaum sitzen, fürchtete aber, Bedauerfrühling könnte sich etwas antun, und hielt sie zurück: „Geh noch nicht. Wir müssen erst die übrig gebliebenen Sachen zusammenräumen und Wächter aufstellen, dann können wir gehen." | |
Friedchen sagte: „Wir dürfen nichts anfassen – erst wenn die Beamten kommen und die Bestandsaufnahme gemacht haben, können wir einräumen." | Friedchen sagte: „Wir dürfen nichts anfassen – erst wenn die Beamten kommen und die Bestandsaufnahme gemacht haben, können wir einräumen." | ||
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Am nächsten Tag erfuhren sie, dass He San tot war und beide Behörden – Zivil und Militär – eingeschaltet waren. Da sie sich nicht mehr verstecken konnten, beschlossen sie, sich eilig den Großbanditen auf hoher See anzuschließen, bevor ein Steckbrief sie an den Kontrollposten aufhielt. | Am nächsten Tag erfuhren sie, dass He San tot war und beide Behörden – Zivil und Militär – eingeschaltet waren. Da sie sich nicht mehr verstecken konnten, beschlossen sie, sich eilig den Großbanditen auf hoher See anzuschließen, bevor ein Steckbrief sie an den Kontrollposten aufhielt. | ||
| − | Einer der Räuber, besonders dreist, sagte: „Wir gehen – aber ich kann diese Nonne nicht vergessen, die war wirklich eine Schönheit." So kehrten zwei von ihnen in der folgenden Nacht zurück und entführten | + | Einer der Räuber, besonders dreist, sagte: „Wir gehen – aber ich kann diese Nonne nicht vergessen, die war wirklich eine Schönheit." So kehrten zwei von ihnen in der folgenden Nacht zurück und entführten Wunderjade gewaltsam. Sie wurde in ein Boot gezwungen und fortgebracht. Ihr weiteres Schicksal soll hier nicht erzählt werden. |
Was Nebenfrau Zhao betrifft: Sie war im Tempel in eine heftige Krankheit verfallen. Mit weniger Leuten um sie herum wurde ihr Phantasieren noch schlimmer. Zwei Frauen stützten sie, während sie auf den Knien lag und abwechselnd redete und weinte. Manchmal warf sie sich zu Boden und schrie: „Schlagt mich nicht! Rotbärtiger Herr, ich wage es nie wieder!" Manchmal faltete sie die Hände und schrie vor Schmerz, die Augen traten hervor, Blut floss aus dem Mund, die Haare waren aufgelöst. Alle hatten Angst und wagten nicht, sich zu nähern. | Was Nebenfrau Zhao betrifft: Sie war im Tempel in eine heftige Krankheit verfallen. Mit weniger Leuten um sie herum wurde ihr Phantasieren noch schlimmer. Zwei Frauen stützten sie, während sie auf den Knien lag und abwechselnd redete und weinte. Manchmal warf sie sich zu Boden und schrie: „Schlagt mich nicht! Rotbärtiger Herr, ich wage es nie wieder!" Manchmal faltete sie die Hände und schrie vor Schmerz, die Augen traten hervor, Blut floss aus dem Mund, die Haare waren aufgelöst. Alle hatten Angst und wagten nicht, sich zu nähern. | ||
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Am nächsten Tag sprach sie nicht mehr, schnitt nur Grimassen und riss sich selbst die Kleider vom Leib, als würde jemand sie häuten. Ihr Leid war entsetzlich. Als der Arzt kam, wagte er nicht einmal, den Puls zu fühlen. „Bereitet die Bestattung vor", sagte er nur und ging. | Am nächsten Tag sprach sie nicht mehr, schnitt nur Grimassen und riss sich selbst die Kleider vom Leib, als würde jemand sie häuten. Ihr Leid war entsetzlich. Als der Arzt kam, wagte er nicht einmal, den Puls zu fühlen. „Bereitet die Bestattung vor", sagte er nur und ging. | ||
| − | Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Fühlt wenigstens den Puls, damit ich zu Hause berichten kann." Der Arzt legte die Hand auf – kein Puls mehr. Kaufmann | + | Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Fühlt wenigstens den Puls, damit ich zu Hause berichten kann." Der Arzt legte die Hand auf – kein Puls mehr. Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.</ref> begann erst jetzt laut zu weinen. Alle kümmerten sich um Unheil Kaufmann – niemand um Nebenfrau Zhao, die mit aufgelöstem Haar und bloßen Füßen tot auf dem Bett lag. |
Nur die andere Nebenfrau, Frau Zhou, dachte bei sich: „So endet eine Nebenfrau! Sie hatte immerhin noch einen Sohn – wie wird es mir einmal ergehen, wenn ich sterbe?" Und sie weinte erst recht bitterlich. | Nur die andere Nebenfrau, Frau Zhou, dachte bei sich: „So endet eine Nebenfrau! Sie hatte immerhin noch einen Sohn – wie wird es mir einmal ergehen, wenn ich sterbe?" Und sie weinte erst recht bitterlich. | ||
| − | Kaufmann | + | Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> wurde benachrichtigt und schickte Leute für die Beisetzung. Unheil Kaufmann sollte drei Tage bleiben und dann zurückkehren. |
Bald wusste jeder: Nebenfrau Zhao hatte mit Giftzauber Menschen geschadet und wurde dafür von den Richtern der Unterwelt zu Tode geprügelt. „Und Phönixglanz wird es wohl auch nicht schaffen – hat sie etwa bei der Unterwelt Anklage erhoben?" | Bald wusste jeder: Nebenfrau Zhao hatte mit Giftzauber Menschen geschadet und wurde dafür von den Richtern der Unterwelt zu Tode geprügelt. „Und Phönixglanz wird es wohl auch nicht schaffen – hat sie etwa bei der Unterwelt Anklage erhoben?" | ||
| − | Diese Gerüchte drangen zu Friedchens Ohren, die sich große Sorgen machte. Phönixglanz' Zustand war wirklich hoffnungslos. Zudem war Kaufmann | + | Diese Gerüchte drangen zu Friedchens Ohren, die sich große Sorgen machte. Phönixglanz' Zustand war wirklich hoffnungslos. Zudem war Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> ihr gegenüber längst nicht mehr so liebevoll wie früher. Friedchen tröstete Phönixglanz nach Kräften. Die Gnädigen Frauen Xing und Wang kamen seit einigen Tagen nur noch durch Boten fragen, ohne selbst zu erscheinen. Phönixglanz' Bitterkeit wuchs. Kette Kaufmann kam nach Hause, ohne ein warmherziges Wort. |
| − | Phönixglanz wünschte sich nur noch den Tod. In Fieberphantasien sah sie die | + | Phönixglanz wünschte sich nur noch den Tod. In Fieberphantasien sah sie die Zweitschwester Sonders<ref>Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.</ref> von hinten kommen und ans Bett treten: „Schwester, lange nicht gesehen! Ich habe dich so vermisst. Jetzt bin ich endlich hereingekommen. All deine Pläne waren vergebens – unser Zweiter Herr ist undankbar und erkennt deine Mühen nicht an. Er macht dir Vorwürfe wegen seiner verlorenen Karriere." |
| − | Phönixglanz murmelte: „Jetzt bereue ich, dass mein Herz zu eng war. Schwester, du trägst mir nichts nach und kommst mich besuchen." Friedchen hörte es und sagte: „Herrin, was redet Ihr?" Phönixglanz erwachte, erinnerte sich, dass die | + | Phönixglanz murmelte: „Jetzt bereue ich, dass mein Herz zu eng war. Schwester, du trägst mir nichts nach und kommst mich besuchen." Friedchen hörte es und sagte: „Herrin, was redet Ihr?" Phönixglanz erwachte, erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders tot war und sie verfolgen musste. Erschrocken sagte sie: „Ich war wohl geistesabwesend – habe im Schlaf geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken." |
| − | Da kam ein kleines Mädchen und meldete: | + | Da kam ein kleines Mädchen und meldete: „Oma Liu<ref>Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.</ref> ist da und lässt der Herrin ihre Aufwartung machen." Friedchen sagte: „Die Herrin ruht sich aus. Lass sie warten." Doch Phönixglanz hatte es gehört und rief: „Friedchen, komm her! Wenn jemand freundlich zu Besuch kommt, darf man ihn nicht kalt behandeln. Bitte Oma Liu herein – ich möchte mit ihr sprechen." |
Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau aufs Bett zukommen sah. Sie schrie nach Friedchen, doch es kamen Fenger und Kleine Rot. Phönixglanz erkannte, dass es eine Halluzination war, und schwieg. | Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau aufs Bett zukommen sah. Sie schrie nach Friedchen, doch es kamen Fenger und Kleine Rot. Phönixglanz erkannte, dass es eine Halluzination war, und schwieg. | ||
| − | Friedchen kam mit der alten Liu zurück. | + | Friedchen kam mit der alten Liu zurück. Oma Liu war erschrocken über Phönixglanz' Zustand und weinte. Phönixglanz sagte schwach: „Oma Liu, wir sehen uns wohl zum letzten Mal. Ich habe viele Sünden auf mich geladen – betet für mich!" Dann bat sie Friedchen, die kleine Jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> zu bringen, und gab sie der alten Liu in die Arme: „Großmutter, meine Tochter ist ein armes Kind. Bewahre sie – ich vertraue sie dir an." |
| − | + | Oma Liu weinte und versprach es. Phönixglanz' Atem wurde immer schwächer. Oma Liu betete: „Erlöse sie, Guanyin-Bodhisattva!" | |
Friedchen weinte leise. Phönixglanz sagte noch: „Friedchen, ich war so schlecht zu dir – verzeih mir..." Dann schloss sie die Augen. | Friedchen weinte leise. Phönixglanz sagte noch: „Friedchen, ich war so schlecht zu dir – verzeih mir..." Dann schloss sie die Augen. | ||
Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
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| − | < | + | <small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 112 Die lebendige Sünderin Wunderjade[1] erleidet ein großes Unglück. Die tote Feindin Nebenfrau Zhao geht vor das Gericht der Unterwelt.
Es wird erzählt, dass Phönixglanz[2] befahl, die Nachtwächterinnen zu fesseln und zum Verhör ins Lager zu bringen. Die Frauen knieten auf dem Boden und flehten um Gnade. Lin Zhixiao und Edelrose Kaufmann sagten: „Euer Bitten ist zwecklos. Der gnädige Herr hat uns beauftragt, das Haus zu bewachen. Wenn nichts passiert, ist das unser Glück. Jetzt, da etwas geschehen ist, werden alle zur Verantwortung gezogen – wer kann euch retten? Wenn es sich um Zhou Ruis Adoptivsohn handelt, ist vom Dienerschaft bis hinauf zur Gnädigen Frau alles in diese Sache verstrickt."
Phönixglanz sagte keuchend: „Das ist alles Schicksal – was nutzt es, mit ihnen zu reden? Bringt sie fort. Die gestohlenen Sachen – meldet der Garnison, dass es Besitztümer der Ahnherrin sind. Nur die Herren kennen die Einzelheiten. Wenn wir Meldung erstattet und die Herren zurückgerufen haben, schicken wir eine Verlustliste. Bei der Zivilbehörde machen wir es ebenso."
Bedauerfrühling[3] weinte nur und sagte kein Wort: „So etwas habe ich noch nie gehört! Warum trifft es ausgerechnet uns zwei? Wenn Vater und Mutter zurückkommen – wie soll ich ihnen unter die Augen treten? Man hat uns das Haus anvertraut, und jetzt ist es so weit gekommen – wie sollen wir weiterleben?"
Phönixglanz sagte: „Wollen wir es etwa? Wir haben Nachtwächterinnen dort."
Bedauerfrühling sagte: „Du kannst wenigstens noch reden, und außerdem bist du krank. Ich habe gar nichts zu sagen. Das ist alles die Schuld meiner Schwägerin – sie hat die Gnädige Frau überredet, mich als Hauswächterin einzusetzen. Wo bleibt jetzt mein Gesicht?" Sie weinte bitterlich.
Phönixglanz sagte: „Fräulein, denk nicht so! Wenn wir von Gesichtsverlust reden, trifft es uns alle gleich. Wenn du so verwirrt denkst, kann ich erst recht nicht mehr."
Während sie noch sprachen, hörte man jemanden draußen im Hof laut schimpfen: „Ich habe immer gesagt, diese Nonnen und Wahrsagerinnen darf man nicht hereinlassen! Bei uns in der Familie Echt wurde sowas nie erlaubt. Aber hier achtet man nicht darauf. Gestern, kaum war der Sarg der Ahnherrin hinausgetragen, wollte diese Nonne aus irgendeinem Kloster unbedingt herein. Ich habe sie angebrüllt und nicht reingelassen, aber die alten Frauen am Seitentor haben mich beschimpft und sie doch hereingelassen. Das Tor war mal offen, mal zu – ich weiß nicht, was die da getrieben haben. Ich war misstrauisch und wagte nicht zu schlafen. Um die vierte Nachtwache ging dann hier der Lärm los, und als ich anklopfte, wurde nicht aufgemacht. Als es dann dringend wurde, öffnete ich die Tür und sah im Westhof jemanden stehen – den habe ich totgeschlagen. Jetzt erst erfahre ich, dass das die Gemächer der vierten Herrin waren, und die Nonne war drinnen. Heute vor Tagesanbruch ist sie herausgeschlüpft – war es nicht diese Nonne, die die Diebe hereingelassen hat?"
Friedchen[4] und die anderen sagten: „Wer ist das, so unverschämt? Die Fräulein und die Herrin sind hier – wie kann man draußen so herumbrüllen!"
Phönixglanz sagte: „Er spricht von der Familie Echt – ist das nicht der Rüpel, den die Zhens empfohlen haben?"
Bedauerfrühling hatte alles gehört und war noch aufgewühlter. Phönixglanz fragte Bedauerfrühling: „Was für eine Nonne ist das, von der der Mann redet? Habt ihr etwa eine Nonne bei euch wohnen lassen?"
Bedauerfrühling erzählte, wie Wunderjade sie besucht, Schach gespielt und bei ihr übernachtet habe. Phönixglanz sagte: „Ausgerechnet sie? Das passt gar nicht zu ihr. Aber wenn dieser Unruhestifter es hinausposaunt und der gnädige Herr davon erfährt, ist das auch nicht gut."
Bedauerfrühling wurde immer ängstlicher und wollte gehen. Phönixglanz konnte zwar selbst kaum sitzen, fürchtete aber, Bedauerfrühling könnte sich etwas antun, und hielt sie zurück: „Geh noch nicht. Wir müssen erst die übrig gebliebenen Sachen zusammenräumen und Wächter aufstellen, dann können wir gehen."
Friedchen sagte: „Wir dürfen nichts anfassen – erst wenn die Beamten kommen und die Bestandsaufnahme gemacht haben, können wir einräumen."
Die Räuber waren von He San und seinen Kumpanen angeheuert worden. Sie hatten massenhaft Gold und Silber gestohlen und hinaustransportiert. Als sie verfolgt wurden und merkten, dass die Verfolger harmlos waren, wollten sie auch noch die Westräume ausrauben. Durchs Fenster sahen sie im Lampenlicht zwei Schönheiten – ein Fräulein und eine Nonne. Die Banditen, die um ihr Leben ohnehin nicht bangten, fassten üble Absichten und wollten einbrechen. Doch als Bao Yong zur Verfolgung herbeieilte, flohen sie mit der Beute. Nur He San blieb zurück – von ihnen erschlagen.
Am nächsten Tag erfuhren sie, dass He San tot war und beide Behörden – Zivil und Militär – eingeschaltet waren. Da sie sich nicht mehr verstecken konnten, beschlossen sie, sich eilig den Großbanditen auf hoher See anzuschließen, bevor ein Steckbrief sie an den Kontrollposten aufhielt.
Einer der Räuber, besonders dreist, sagte: „Wir gehen – aber ich kann diese Nonne nicht vergessen, die war wirklich eine Schönheit." So kehrten zwei von ihnen in der folgenden Nacht zurück und entführten Wunderjade gewaltsam. Sie wurde in ein Boot gezwungen und fortgebracht. Ihr weiteres Schicksal soll hier nicht erzählt werden.
Was Nebenfrau Zhao betrifft: Sie war im Tempel in eine heftige Krankheit verfallen. Mit weniger Leuten um sie herum wurde ihr Phantasieren noch schlimmer. Zwei Frauen stützten sie, während sie auf den Knien lag und abwechselnd redete und weinte. Manchmal warf sie sich zu Boden und schrie: „Schlagt mich nicht! Rotbärtiger Herr, ich wage es nie wieder!" Manchmal faltete sie die Hände und schrie vor Schmerz, die Augen traten hervor, Blut floss aus dem Mund, die Haare waren aufgelöst. Alle hatten Angst und wagten nicht, sich zu nähern.
Gegen Abend wurde ihre Stimme immer heiserer – ein Geheul wie von Geistern. Niemand blieb bei ihr; man rief ein paar mutige Männer herein. Zwischendurch verlor sie das Bewusstsein, kam aber wieder zu sich. So ging es die ganze Nacht.
Am nächsten Tag sprach sie nicht mehr, schnitt nur Grimassen und riss sich selbst die Kleider vom Leib, als würde jemand sie häuten. Ihr Leid war entsetzlich. Als der Arzt kam, wagte er nicht einmal, den Puls zu fühlen. „Bereitet die Bestattung vor", sagte er nur und ging.
Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Fühlt wenigstens den Puls, damit ich zu Hause berichten kann." Der Arzt legte die Hand auf – kein Puls mehr. Unheil Kaufmann[5] begann erst jetzt laut zu weinen. Alle kümmerten sich um Unheil Kaufmann – niemand um Nebenfrau Zhao, die mit aufgelöstem Haar und bloßen Füßen tot auf dem Bett lag.
Nur die andere Nebenfrau, Frau Zhou, dachte bei sich: „So endet eine Nebenfrau! Sie hatte immerhin noch einen Sohn – wie wird es mir einmal ergehen, wenn ich sterbe?" Und sie weinte erst recht bitterlich.
Aufrecht Kaufmann[6] wurde benachrichtigt und schickte Leute für die Beisetzung. Unheil Kaufmann sollte drei Tage bleiben und dann zurückkehren.
Bald wusste jeder: Nebenfrau Zhao hatte mit Giftzauber Menschen geschadet und wurde dafür von den Richtern der Unterwelt zu Tode geprügelt. „Und Phönixglanz wird es wohl auch nicht schaffen – hat sie etwa bei der Unterwelt Anklage erhoben?"
Diese Gerüchte drangen zu Friedchens Ohren, die sich große Sorgen machte. Phönixglanz' Zustand war wirklich hoffnungslos. Zudem war Kette Kaufmann[7] ihr gegenüber längst nicht mehr so liebevoll wie früher. Friedchen tröstete Phönixglanz nach Kräften. Die Gnädigen Frauen Xing und Wang kamen seit einigen Tagen nur noch durch Boten fragen, ohne selbst zu erscheinen. Phönixglanz' Bitterkeit wuchs. Kette Kaufmann kam nach Hause, ohne ein warmherziges Wort.
Phönixglanz wünschte sich nur noch den Tod. In Fieberphantasien sah sie die Zweitschwester Sonders[8] von hinten kommen und ans Bett treten: „Schwester, lange nicht gesehen! Ich habe dich so vermisst. Jetzt bin ich endlich hereingekommen. All deine Pläne waren vergebens – unser Zweiter Herr ist undankbar und erkennt deine Mühen nicht an. Er macht dir Vorwürfe wegen seiner verlorenen Karriere."
Phönixglanz murmelte: „Jetzt bereue ich, dass mein Herz zu eng war. Schwester, du trägst mir nichts nach und kommst mich besuchen." Friedchen hörte es und sagte: „Herrin, was redet Ihr?" Phönixglanz erwachte, erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders tot war und sie verfolgen musste. Erschrocken sagte sie: „Ich war wohl geistesabwesend – habe im Schlaf geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken."
Da kam ein kleines Mädchen und meldete: „Oma Liu[9] ist da und lässt der Herrin ihre Aufwartung machen." Friedchen sagte: „Die Herrin ruht sich aus. Lass sie warten." Doch Phönixglanz hatte es gehört und rief: „Friedchen, komm her! Wenn jemand freundlich zu Besuch kommt, darf man ihn nicht kalt behandeln. Bitte Oma Liu herein – ich möchte mit ihr sprechen."
Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau aufs Bett zukommen sah. Sie schrie nach Friedchen, doch es kamen Fenger und Kleine Rot. Phönixglanz erkannte, dass es eine Halluzination war, und schwieg.
Friedchen kam mit der alten Liu zurück. Oma Liu war erschrocken über Phönixglanz' Zustand und weinte. Phönixglanz sagte schwach: „Oma Liu, wir sehen uns wohl zum letzten Mal. Ich habe viele Sünden auf mich geladen – betet für mich!" Dann bat sie Friedchen, die kleine Jie[10] zu bringen, und gab sie der alten Liu in die Arme: „Großmutter, meine Tochter ist ein armes Kind. Bewahre sie – ich vertraue sie dir an."
Oma Liu weinte und versprach es. Phönixglanz' Atem wurde immer schwächer. Oma Liu betete: „Erlöse sie, Guanyin-Bodhisattva!"
Friedchen weinte leise. Phönixglanz sagte noch: „Friedchen, ich war so schlecht zu dir – verzeih mir..." Dann schloss sie die Augen.
Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
- ↑ Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
- ↑ Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
- ↑ Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.
- ↑ Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.
- ↑ Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.