Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 52"
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| − | Schatzjade änderte seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort waren nicht nur die beiden Schwestern Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".</ref> und Schatzzither zu Besuch, sondern auch | + | Schatzjade änderte seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort waren nicht nur die beiden Schwestern Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".</ref> und Schatzzither zu Besuch, sondern auch Höhlennebel Strafe<ref>Chin. 邢岫烟 Xíng Xiùyān, „Fräulein Xing, Felsenrauch".</ref>. Zu viert sassen sie um den Räucherofen und plauderten über Alltägliches. Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, „Purpurkuckuck".</ref> sass im warmen Alkoven am Fenster und nähte. |
Als sie Schatzjade hereinkommen sahen, sagten alle lächelnd: „Da kommt noch einer! Aber ein Sitzplatz ist für dich nicht mehr da!" | Als sie Schatzjade hereinkommen sahen, sagten alle lächelnd: „Da kommt noch einer! Aber ein Sitzplatz ist für dich nicht mehr da!" | ||
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Schatzzither antwortete: „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht. Für ein Mädchen aus dem Ausland ist es wirklich erstaunlich." | Schatzzither antwortete: „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht. Für ein Mädchen aus dem Ausland ist es wirklich erstaunlich." | ||
| − | Schatzspange sagte: „Warte noch, ehe du es vorträgst! Wir müssen erst unser Wolkchen [Anm.: Xiangji<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, "Xiangfluss-Wolke".</ref>/Xiangfluss-Wolke, 湘云] holen lassen, damit sie es auch hört." Dann rief sie Xiaoluo und befahl: „Geh zu uns hinüber und sage: Hier ist eine ausländische Schönheit gekommen, die wunderbare Gedichte schreibt. Die 'Gedichtverrückte' soll kommen und sie sich ansehen — und unsere 'Gedichtnärrin' [Anm.: Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, "Duftende Wasserkastanie".</ref>/ | + | Schatzspange sagte: „Warte noch, ehe du es vorträgst! Wir müssen erst unser Wolkchen [Anm.: Xiangji<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, "Xiangfluss-Wolke".</ref>/Xiangfluss-Wolke, 湘云] holen lassen, damit sie es auch hört." Dann rief sie Xiaoluo und befahl: „Geh zu uns hinüber und sage: Hier ist eine ausländische Schönheit gekommen, die wunderbare Gedichte schreibt. Die 'Gedichtverrückte' soll kommen und sie sich ansehen — und unsere 'Gedichtnärrin' [Anm.: Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, "Duftende Wasserkastanie".</ref>/Duftkastanie, 香菱] soll sie auch mitbringen." |
Xiaoluo ging lächelnd davon. | Xiaoluo ging lächelnd davon. | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Kapitel 52
Die hübsche Friedchen[1] vertuscht aus Mitgefühl den Krebsfühler-Armreif — Die tapfere Heitermuster[2] stopft trotz Krankheit den Pfauengoldumhang
Die Herzoginmutter[3] sagte: „Das ist genau der springende Punkt. Schon neulich wollte ich es ansprechen, aber ich sah, dass ihr mit wichtigeren Dingen mehr als genug zu tun habt. Wenn jetzt auch das noch hinzukäme, würdet ihr, die ihr nie zu murren wagt, bestimmt denken, mir lägen nur meine Enkelkinder am Herzen und ich machte mir keine Gedanken um euch, die ihr den Haushalt führt. Um so besser, dass du es jetzt selbst vorgeschlagen hast!"
Da auch Tante Schnee[4] und Tante Li zugegen waren und Dame Strafe[5] sowie Dame Sonders[6] ebenfalls herübergekommen waren, um ihren Gruß zu entbieten, und noch nicht wieder gegangen waren, wandte sich die Herzoginmutter an Dame König[7] und die Anderen: „Heute möchte ich einmal etwas sagen, was ich bisher nicht sagte. Einerseits fürchtete ich, dem Phönixglanz[8]-Mädchen könnte es zu Kopf steigen, andererseits konnten sich die Übrigen vielleicht nicht damit abfinden. Aber heute seid ihr alle hier versammelt — jede von euch hat als Schwiegertochter und Schwägerin Erfahrung. Nun sagt: Gibt es noch jemanden, der so umsichtig wäre wie sie?"
Tante Schnee, Tante Li, Dame Sonders und alle anderen antworteten einmütig lächelnd: „So jemanden trifft man wahrlich selten! Bei anderen ist es nur Höflichkeit und äußerer Schein, sie aber hat ihre jüngeren Schwäger und Schwägerinnen wirklich gern. Und auch der alten gnädigen Frau gegenüber ist sie wahrhaft pflichtergeben."
Die Herzoginmutter nickte seufzend: „Ich mag sie sehr, aber ich fürchte, dass zu viel Klugheit auch nicht gut sein könnte."
Phönixglanz lachte sofort: „Da irrt Ihr Euch, alte Ahnherrin! In der Welt heißt es, wer zu klug und gescheit sei, lebe nicht lange. Das sagen alle, und alle glauben es. Aber gerade Ihr dürft es weder sagen noch glauben! Ihr, alte Ahnherrin, seid noch zehnmal klüger als ich — und erfreut Euch der besten Gesundheit und des höchsten Alters! Vielleicht übertreffe ich Euch eines Tages noch um das Doppelte! Ich lebe tausend Jahre und sterbe erst, nachdem Ihr, alte Ahnherrin, gen Westen eingegangen seid!"
Die Herzoginmutter lächelte: „Wenn alle anderen gestorben sind und nur wir beiden alten Hexen übrigbleiben — was hätten wir dann noch davon?"
Alle lachten darüber.
Schatzjade[9], der in Gedanken bei Heitermuster und Dufthauch[10] war, ging, ohne die anderen abzuwarten, zurück in den Garten. Als er sein Zimmer betrat, war alles von Arzneiduft erfüllt, aber kein Mensch war zu sehen. Nur Heitermuster lag allein auf dem Ofenbett, das Gesicht feuerrot. Er legte die Hand darauf — glühend heiß. Rasch wärmte er sich die Hände am Kohlenbecken, schob sie unter die Decke und fühlte ihren Körper — ebenfalls brennend heiß.
„Dass die anderen fort sind, mag angehen", sagte er, „aber dass auch Moschusmond[11] und Herbstmuster so herzlos sind und sich einfach davonmachen!"
Heitermuster sagte: „Herbstmuster habe ich selbst zum Essen geschickt. Moschusmond ist eben von Friedchen abgeholt worden. Die beiden taten ganz geheimnisvoll — ich weiß nicht, was sie zu besprechen haben. Bestimmt reden sie darüber, dass ich krank bin und trotzdem nicht weggegangen bin."
Schatzjade sagte: „So eine ist Friedchen nicht. Außerdem wusste sie gar nicht, dass du krank bist, und ist bestimmt nicht deinetwegen gekommen. Wahrscheinlich hatte sie mit Moschusmond etwas zu besprechen, und als sie zufällig sah, dass du krank bist, sagte sie nebenbei, sie sei gekommen, um nach dir zu sehen — das ist ganz normal, so ein geistesgegenwärt artiges Eingehen auf die Situation. Selbst wenn du hierbleibst und etwas schiefgeht — was hätte das mit ihr zu tun? Ihr habt euch immer gut verstanden, wegen solch einer Nichtigkeit wird sie ihre Haltung dir gegenüber bestimmt nicht ändern."
Heitermuster sagte: „Da hast du wohl recht. Mich wunderte nur, warum sie plötzlich Heimlichkeiten vor mir hat."
Schatzjade lächelte: „Lass mich durch die Hintertür gehen und unter dem Fenster lauschen, worüber sie reden. Dann komme ich zurück und erzähle es dir."
Und tatsächlich ging er durch die Hintertür hinaus und schlich sich unter das Fenster.
Er hörte Moschusmond leise fragen: „Wie hast du ihn denn zurückbekommen?"
Friedchen antwortete: „Als er neulich beim Händewaschen verschwand, hat die junge Herrin [Anm.: Phönixglanz] verboten, deswegen Lärm zu schlagen. Sobald wir den Garten verlassen hatten, ließ sie sofort allen Ammen in den verschiedenen Gartenhäusern auftragen, unauffällig danach zu suchen. Wir verdächtigten zunächst Fräulein Xings Mädchen — die sind von Haus aus arm, und so ein Kind hat vielleicht noch nie so etwas gesehen und es einfach genommen. Aber wir hätten nie gedacht, dass es jemand aus eurem Haushalt sein könnte. Glücklicherweise war die junge Herrin gerade nicht zu Hause, als dann Amme Song kam und den Armreif brachte. Sie sagte, die kleine Magd Zhuier habe ihn gestohlen, sie habe es entdeckt und wolle es der jungen Herrin melden. Ich nahm den Armreif sofort an mich und überlegte: Schatzjade hält so große Stücke auf euch und setzt sich immer nach Kräften für euch ein. Damals gab es schon die Geschichte mit Liang'er, die den Jadeschmuck stahl — das ist erst seit ein, zwei Jahren in Vergessenheit geraten, und immer noch bringt es jemand schadenfroh zur Sprache. Und jetzt ist auch noch Gold gestohlen worden, und das auch noch bei den Nachbarn! Für Schatzjade wäre das ein Schlag ins Gesicht.
Darum schärfte ich Amme Song sofort ein, sie dürfe Schatzjade kein Sterbenswort davon sagen und solle tun, als sei nichts geschehen, und auch vor keinem anderen etwas erwähnen. Zum zweiten wären auch die alte gnädige Frau und die gnädige Frau zörnig geworden, wenn sie davon erfahren hätten. Und zum dritten hättet ihr mit Dufthauch ebenfalls schlecht dagestanden.
Also sagte ich der jungen Herrin einfach: 'Als ich bei der älteren jungen Herrin [Anm.: Frau Li[12]] war, muss sich der Verschluss des Armreifs unbemerkt gelöst haben. Er fiel auf den Rasen in den tiefen Schnee, wo ich ihn nicht sehen konnte. Heute ist der Schnee geschmolzen, und da lag er goldglänzend in der Sonne — ich habe ihn einfach aufgehoben.' Die junge Herrin hat es geglaubt.
Darum bin ich jetzt hier, um euch zu sagen: Gebt auf Zhuier acht und schickt sie nirgendwohin. Wenn Dufthauch zurück ist, besprecht euch untereinander und sorgt dafür, dass Zhuier unter einem Vorwand fortgeschickt wird — dann ist die Sache erledigt."
Moschusmond sagte: „Dieses kleine Hurenbiest! Sie hat doch schon genug kostbare Dinge gesehen — warum musste sie jetzt so dumm sein?"
Friedchen sagte: „Der Armreif wiegt ja nicht einmal viel. Die junge Herrin sagt, so etwas heiße 'Krebsfühlerfiligran' — das Wertvollste daran ist noch die Perle. Heitermuster, das kleine Biest, darf davon nichts erfahren! Sie ist wie ein Stück Glut, das jeden Moment hochgeht. Wenn sie es erfährt, kann sie sich nicht beherrschen und schlägt oder beschimpft Zhuier — und dann kommt alles heraus. Darum sage ich es nur dir allein, damit du achtgibst." Damit verabschiedete sie sich und ging.
Schatzjade hatte alles gehört. Er war zugleich erfreut, wütend und musste seufzen. Erfreut war er über Friedchens Einfühlungsvermögen. Wütend war er über Zhuiers Diebstahl. Und seufzen musste er, weil ein so kluges Mädchen sich zu solch einer Schandtat hatte hinreißen lassen.
Er kehrte ins Zimmer zurück und berichtete Heitermuster Wort für Wort, was Friedchen gesagt hatte. Dann fügte er hinzu: „Friedchen meinte, ehrgeizig wie du bist, würdest du noch kränker, wenn du davon erführst. Darum wollte sie es dir erst sagen, wenn du wieder gesund bist."
Heitermuster war tatsächlich so wütend, dass ihre geschwungenen Brauen steil in die Höhe gingen und ihre Phönixaugen sich weit öffneten. Auf der Stelle rief sie nach Zhuier.
Schatzjade redete hastig auf sie ein: „Wenn du jetzt nach ihr rufst, machst du zunichte, was Friedchen aus Rücksicht auf dich und mich getan hat! Besser, wir halten uns an ihren Vorschlag und sorgen nachher dafür, dass Zhuier fortgeschickt wird."
Heitermuster sagte: „Das sagst du so leicht — aber wie soll ich meinen Zorn bezähmen?"
Schatzjade sagte: „Was gibt es da zu zürnen? Du musst jetzt vor allem gesund werden."
Heitermuster trank ihre Medizin. Am Abend nahm sie die zweite Dosis. In der Nacht schwitzte sie zwar etwas, aber die Besserung blieb aus — sie fieberte weiter, hatte Kopfschmerzen, verstopfte Nase und belegte Stimme. Am nächsten Tag kam Hofarzt König erneut, untersuchte sie und änderte die Rezeptur. Das Fieber ging zwar etwas zurück, doch der Kopfschmerz blieb.
Schatzjade befahl Moschusmond: „Hol Schnupftabak und lass sie etwas davon aufziehen. Wenn sie ein paar kräftige Nieser tut, werden sich die Hohlräume öffnen."
Moschusmond ging tatsächlich und brachte eine flache, goldgefasste Dose aus Aventurin-Glas [Anm.: Goldflitter-Glas] mit Doppelverschluss. Sie reichte sie Schatzjade. Dieser klappte den Deckel auf. Innen zeigte sich eine europäische Emailmalerei: ein Mädchen mit goldenem Haar und nacktem Körper, an den Seiten kleine Flügel. [Anm.: Eine Darstellung eines Engelchens nach westlichem Vorbild.] Darin lag eine Portion echten europäischen Wang-Qia-Schnupftabaks.
Heitermuster hatte nur Augen für das Bildchen, worauf Schatzjade sie mahnte: „Zieh eine Prise auf! Wenn der Duft verfliegt, taugt er nichts mehr."
Heitermuster hörte das und nahm eilig mit dem Fingernagel etwas Tabak auf, zog ihn in die Nase — keine besondere Wirkung. Also nahm sie noch mehr und zog es kräftig ein. Plötzlich stieg ihr ein scharfes, saures Brennen durch die Nase bis in die Schädeldecke. Sie nieste fünf-, sechsmal hintereinander, und sofort rannen ihr die Tränen und der Nasenschleim.
Eilig schloss sie die Dose und rief lächelnd: „Unglaublich, wie scharf! Gebt mir schnell Papier!"
Ein kleines Mädchen reichte ihr sogleich einen Stapel feines Papier, und Heitermuster nahm Blatt um Blatt, um sich die Nase zu putzen.
Schatzjade fragte lächelnd: „Und, wie fühlst du dich?"
Heitermuster lächelte: „Tatsächlich etwas freier. Nur die Schläfen tun noch weh."
Schatzjade lächelte: „Dann kurieren wir auch das noch mit europäischer Medizin!" Und er befahl Moschusmond: „Geh zur zweiten jungen gnädigen Frau [Anm.: Phönixglanz] und sage ihr, ich hätte gesagt, sie habe immer ein europäisches Kopfschmerzpflaster, das sich 'Yifuna' nenne — sie möge mir ein wenig davon geben."
Moschusmond sagte „Jawohl" und ging. Nach einiger Zeit kam sie tatsächlich mit einem halben Stück zurück. Dann suchte sie ein Stückchen roten Seidenatlas heraus, schnitt zwei fingerkuppengroße runde Flecken aus, wärmte die Salbe am Feuer auf und strich sie mit einem Haarnadel-Stiel auf die Stoffstückchen. Heitermuster nahm einen Handspiegel und klebte sich die Pflaster selbst auf beide Schläfen.
Moschusmond lächelte: „Krank sahst du aus wie ein struppiges Gespenst, aber jetzt mit den Pflastern siehst du richtig hübsch aus! Die zweite junge gnädige Frau trägt sie ständig, da fallen sie gar nicht mehr auf." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die zweite junge gnädige Frau lässt auserichten: Morgen ist der Geburtstag des Onkels mütterlicherseits. Die gnädige Frau hat angeordnet, dass du hingehst. Was wirst du morgen anziehen? Heute Abend könnten wir schon alles zurechtlegen, damit es morgen früh schneller geht."
Schatzjade sagte: „Was gerade zur Hand ist, das ziehe ich an — fertig! Das ganze Jahr über gibt es Geburtstage, da kommt man ja gar nicht mehr mit." Damit stand er auf und ging hinaus, um Bedauerfrühling[13] zu besuchen und beim Malen zuzusehen.
Gerade trat er aus dem Hoftor, als er Schatzzither[14]s kleine Magd Xiaoluo vorüberkommen sah. Schatzjade lief ihr nach und fragte: „Wohin gehst du?"
Xiaoluo lächelte: „Unsere beiden Fräulein sind bei Fräulein Lin [Anm.: Kajaljade[15]], und ich gehe jetzt auch dorthin."
Schatzjade änderte seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort waren nicht nur die beiden Schwestern Schatzspange[16] und Schatzzither zu Besuch, sondern auch Höhlennebel Strafe[17]. Zu viert sassen sie um den Räucherofen und plauderten über Alltägliches. Purpurkuckuck[18] sass im warmen Alkoven am Fenster und nähte.
Als sie Schatzjade hereinkommen sahen, sagten alle lächelnd: „Da kommt noch einer! Aber ein Sitzplatz ist für dich nicht mehr da!"
Schatzjade lächelte: „Was für ein herrliches 'Winterkammer-Schöne-Mädchen-Bild'! Nur schade, dass ich einen Augenblick zu spät komme. Aber hier ist es wärmer als in den anderen Räumen — auf diesem Stuhl wird mir nicht kalt sein." Damit setzte er sich auf den Stuhl mit dem Graupelz-Polster, auf dem gewöhnlich Kajaljade sass.
Da erblickte er auf dem warmen Ofenbett eine längliche Kette, in der sich ungefüllte Narzissen in Dreier- und Fünfertuffs zwischen Xuanshi-Miniaturfelsen drängten. Laut rief er: „Was für herrliche Blumen! Je wärmer es hier im Zimmer ist, desto reiner duften sie. Gestern habe ich sie noch nicht gesehen."
Kajaljade erklärte: „Die Frau eures Hauptverwalters Lai Da hat Schatzzither zwei Töpfe Wintersüßduft [Anm.: chinesische Winterblüte, Chimonanthus praecox] und zwei Schalen Narzissen geschenkt. Davon hat sie mir eine Schale Narzissen gegeben und Erkundefrühling[19] einen Topf Wintersüßduft. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber ich fürchtete, Schatzzithers Gefühle zu verletzen. Wenn du möchtest, schenke ich sie dir weiter."
Schatzjade sagte: „Ich habe auch zwei Schalen bei mir, aber sie sind nicht so schön wie diese hier. Etwas weiterverschenken, was Schatzzither dir geschenkt hat — das darfst du auf keinen Fall!"
Kajaljade sagte: „Bei mir kommt den ganzen Tag der Arzneitiegel nicht vom Feuer — ich lebe geradezu von Medizin. Wie soll ich da noch Blumenduft vertragen? Er macht mich nur schwächer. Außerdem verdirbt der Arzneigeruch den Blumenduft. Nimm die Schale lieber zu dir — dort kann sich der reine Blumenduft entfalten, ohne dass andere Gerüche ihn trüben."
Schatzjade lächelte: „Bei mir wird heute auch Arznei für eine Kranke gekocht! Woher weißt du das?"
Kajaljade lächelte: „Was für eine seltsame Frage! Ich habe das ganz ohne Hintergedanken gesagt. Wer weiß denn schon, was in deinen Räumen vorgeht? Du hättest früher kommen sollen, um Geschichten aus alter Zeit zu hören, statt jetzt erst aufzutauchen und grundlos Verdacht zu schöpfen."
Schatzjade lächelte: „Das nächste Dichterbund-Treffen hat dann ein Thema: Wir besingen Narzissen und Wintersüßduft!"
Kajaljade hörte das, lächelte und sagte: „Nein, nein! Ich traue mich nicht mehr, Gedichte zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich eins schreibe, werde ich bestraft — wie beschämend!" Und sie schlug beide Hände vors Gesicht.
Schatzjade lächelte: „Was soll das nur? Musst du dich wieder über mich lustig machen? Ich müsste mich schämen, aber du schlägst die Hände vors Gesicht!"
Schatzspange schaltete sich lächelnd ein: „Beim nächsten Mal rufe ich den Bund zusammen und gebe vier Gedichtthemen und vier Liedthemen auf. Jeder schreibt vier Gedichte und vier Lieder. Das erste Gedichtthema: 'Besingen des Taiji-Diagramms' [Anm.: yin-yang-Symbol der chinesischen Philosophie]. Reimgruppe 'yi xian', fünfsilbiges Regelgedicht. Alle Reime der Gruppe müssen verwendet werden, kein einziger darf übrigbleiben."
Schatzzither lächelte: „Das zeigt doch, dass Schwester gar nicht wirklich den Bund einberufen, sondern uns nur auf die Probe stellen will! Natürlich könnte man sich etwas abquälen, aber was für einen Spaß macht es, die Sätze aus dem 'Buch der Wandlungen' [Anm.: Yijing, eines der chinesischen Klassiker] in anderer Reihenfolge zu wiederholen?
Als ich acht Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater an die Westküste, weil er dort überseeische Waren einkaufen wollte. Dort trafen wir unverhofft auf ein Mädchen aus dem Land Zhenzhen [Anm.: wahrscheinlich eine Anspielung auf ein westliches Land]. Sie war erst fünfzehn Jahre alt, und ihr Gesicht glich den Schönen auf europäischen Gemälden. Goldblondes Haar trug sie in Zöpfen, und auf dem Kopf funkelten lauter Edelsteine — Korallen, Katzenaugen, Smaragde. Bekleidet war sie mit einem Kettenhemd aus Goldfäden und einer Jacke aus ausländischem Brokat. An der Seite trug sie einen japanischen Dolch, ebenfalls mit Gold und Edelsteinen verziert. Selbst die Schönen auf Gemälden konnten sich nicht mit ihr messen.
Man erzählte uns, sie kenne sich in der chinesischen Literatur aus, verstehe über die Fünf Kanonischen Bücher zu diskutieren und könne Gedichte und Lieder verfassen. Darum bat mein Vater sie über einen Dolmetscherbeamten, etwas für ihn zu schreiben, und sie schrieb ihm ein selbstverfasstes Gedicht auf."
Alle staunten ungläubig. Schatzjade bat eifrig lächelnd: „Liebe Schwester, bring das Blatt her, ich möchte es sehen!"
Schatzzither lächelte: „Es liegt in Nanjing aufbewahrt — wie soll ich es jetzt von dort holen?"
Schatzjade war tief enttäuscht: „Kein Glück! So etwas Seltenes bekomme ich nicht zu sehen."
Kajaljade lachte und zog Schatzzither am Arm: „Führ uns nicht an der Nase herum! Ich weiß genau, dass du bei deiner Ankunft hier solche Dinge bestimmt nicht zu Hause gelassen, sondern mitgebracht hast. Jetzt aber lügst du und behauptest, du hättest es nicht dabei. Die anderen mögen dir das glauben — ich glaube es nicht!"
Schatzzither wurde rot, senkte den Kopf und lächelte leise, ohne ein Wort zu erwidern.
Schatzspange lächelte: „Ausgerechnet unser Runzelmädchen [Anm.: Spitzname für Kajaljade] versteht es, einen in die Enge zu treiben!"
Kajaljade sagte: „Wenn du es mitgebracht hast, lass es uns doch sehen."
Schatzspange lächelte: „Sie hat einen ganzen Haufen Kisten und Körbe mitgebracht, die noch nicht alle ausgepackt sind. Wie soll sie da wissen, in welchem Gepäckstück es steckt? Wenn alles ausgepackt und sortiert ist und sie es findet, können wir es uns alle ansehen." Dann wandte sie sich an Schatzzither: „Wenn du dich an das Gedicht erinnerst, warum sagst du es nicht einfach auf?"
Schatzzither antwortete: „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht. Für ein Mädchen aus dem Ausland ist es wirklich erstaunlich."
Schatzspange sagte: „Warte noch, ehe du es vorträgst! Wir müssen erst unser Wolkchen [Anm.: Xiangji[20]/Xiangfluss-Wolke, 湘云] holen lassen, damit sie es auch hört." Dann rief sie Xiaoluo und befahl: „Geh zu uns hinüber und sage: Hier ist eine ausländische Schönheit gekommen, die wunderbare Gedichte schreibt. Die 'Gedichtverrückte' soll kommen und sie sich ansehen — und unsere 'Gedichtnärrin' [Anm.: Duftkastanie[21]/Duftkastanie, 香菱] soll sie auch mitbringen."
Xiaoluo ging lächelnd davon.
Nach einiger Zeit hörte man Xiangji draußen lachend fragen: „Was für eine ausländische Schönheit ist denn gekommen?"
Während sie noch sprach, kam sie schon herein, zusammen mit Duftkastanie. Alle lächeltewn: „Man hörte sie, ehe man sie sah."
Schatzzither bat sie sogleich Platz zu nehmen und wiederholte die Geschichte noch einmal.
Xiangji lächelte: „Sag es schnell auf! Lass uns das Gedicht hören!"
Schatzzither begann:
Gestern noch träumt' ich im Prachtgemach, heute sing' ich am Ufer des Inselreichs. Wolken dampfen empor vom großen Meer, Nebeldunst verbindet sich mit dichtem Wald. Der Mond ist derselbe seit alter Zeit, doch Gefühle kennen Tiefe und Seichte. Im Süden des Han-Flusses grünt's überall — wie könnt' es mich nicht rühren?
Alle hörten es und sagten: „Erstaunlich! Dieses Mädchen übertrifft ja uns Chinesen!"
Kaum waren diese Worte gesprochen, kam Moschusmond herein und meldete: „Die gnädige Frau hat jemanden geschickt, um dem jungen Herrn auszurichten: Morgen früh soll er zum Onkel gehen und sagen, die gnädige Frau fühle sich nicht wohl und könne nicht persönlich kommen."
Schatzjade stand eilig auf und sagte: „Jawohl." Dann fragte er Schatzspange und Schatzzither, ob sie ebenfalls gingen.
Schatzspange sagte: „Wir gehen nicht. Gestern haben wir lediglich Geschenke geschickt."
Alle plauderten noch ein Weilchen, dann ging man auseinander. Schatzjade ließ die Mädchen vorangehen und blieb als letzter zurück. Kajaljade hielt ihn noch auf und fragte: „Wann kommt Dufthauch eigentlich zurück?"
Schatzjade sagte: „Natürlich erst nach der Beerdigung."
Kajaljade schien noch etwas sagen zu wollen, brachte es aber nicht heraus. Einen Moment starrte sie geistesabwesend vor sich hin, dann sagte sie: „Geh nur."
Auch Schatzjade fühlte, dass ihm viele Worte auf dem Herzen lagen, wusste aber nicht, wie er sie ausdrücken sollte. Nach kurzem Nachdenken lächelte er: „Unterhalten wir uns morgen weiter." Er stieg die Treppe hinab, den Kopf gesenkt, im Begriff loszugehen, drehte sich dann aber nochmals hastig um und fragte: „Die Nächte sind jetzt immer länger — wie oft hustest du nachts? Wie oft wachst du auf?"
Kajaljade sagte: „Letzte Nacht war es besser. Ich hustete nur zweimal, schlief aber nur in der vierten Nachtwache ein Weilchen, danach konnte ich nicht mehr einschlafen."
Schatzjade sagte lächelnd: „Gerade fällt mir noch etwas Wichtiges ein." Er trat näher an sie heran und flüsterte: „Die Schwalbennester, die Schwester Schatzspange dir geschickt hat —"
Er hatte den Satz noch nicht beendet, als Nebenfrau Zhao hereinkam und Kajaljade fragte: „Geht es dem Fräulein in letzter Zeit besser?"
Kajaljade wusste, dass Nebenfrau Zhao von Erkundefrühling kam und nur hereinschaute, weil ihr Weg sie hier vorüberführte — eine beiläufige Höflichkeit. Dennoch bot sie ihr lächelnd einen Platz an: „Wie aufmerksam, dass Ihr trotz der Kälte persönlich kommt und an mich denkt!" Rasch ließ sie Tee einschenken und warf Schatzjade dabei einen Blick zu.
Schatzjade verstand und ging hinaus.
Es war gerade Zeit für das Abendessen. Er ging zu Dame König, die ihn nochmals ermahnte, am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Schatzjade kehrte in seine Räume zurück und sah nach, ob Heitermuster ihre Medizin eingenommen hatte. An diesem Abend ließ er Heitermuster nicht aus dem warmen Alkoven kommen, sondern schlief selbst davor. Das Kohlenbecken ließ er vor den Alkoven stellen, und Moschusmond schlief am Kohlenbecken. Die Nacht verging ohne Vorkommnisse.
Am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, weckte Heitermuster Moschusmond: „Du solltest aufstehen — du schläfst doch nie genug! Geh hinaus und lass jemand Tee für ihn vorbereiten. Ich wecke ihn dann."
Moschusmond warf sich eilig ihre Kleidung über, stand auf und sagte: „Wecken wir ihn lieber zuerst, lassen ihn sich anziehen und stellen das Kohlenbecken weg, bevor wir die anderen hereinrufen. Die alten Ammen haben gesagt, er soll nicht hier im Zimmer schlafen, damit die Krankheit nicht auf ihn überspringt. Wenn sie sehen, dass wir so dicht beieinander gelegen haben, werden sie wieder nörgeln."
Heitermuster sagte: „Genau das dachte ich auch."
Als sie Schatzjade wecken wollten, war er bereits wach, stand rasch auf und warf sich etwas über. Moschusmond rief zuerst die kleinen Mädchen herein, und erst als alles aufgeräumt war, befahl sie Herbstmuster und Tanyun, hereinzukommen und Schatzjade zu dritt beim Waschen und Kämmen beizustehen.
Moschusmond sagte: „Der Himmel sieht schon wieder trüb aus, es wird wohl schneien. Zieh die Filzsachen an."
Schatzjade nickte und wechselte die Kleidung. Ein kleines Mädchen brachte auf einem kleinen Tablett eine Deckelschale mit Suppe aus Bau-Lotoskernen und roten Jujuben. Schatzjade trank zwei Schluck. Moschusmond reichte ihm noch ein Schälchen mit eingelegtem Ingwer, und Schatzjade nahm ein Stück in den Mund. Dann gab er Heitermuster noch ein paar Anweisungen und ging hinüber zur Herzoginmutter.
Die Herzoginmutter war noch nicht aufgestanden, aber da sie wusste, dass Schatzjade ausgehen sollte, ließ sie ihm die Tür öffnen und bat ihn herein. Hinter dem Rücken der Herzoginmutter erblickte Schatzjade Schatzzither, die mit dem Gesicht zur Wand schlief und noch nicht wach war.
Die Herzoginmutter sah, dass Schatzjade eine litschirote Jacke aus Duoluoni-Wollstoff [Anm.: ein feiner ausländischer Wollstoff] mit Himmelspferd-Ärmeln [Anm.: hufförmige Manschetten] trug, und darüber ein Obergewand aus leuchtrend rotem Orang-Utan-Filz, bestickt mit goldenen Kreisen und bunten Mustern, die Kanten mit azuritblauem gemustertem Atlas gesäumt und mit Fransen versehen.
Die Herzoginmutter fragte: „Schneit es denn?"
Schatzjade sagte: „Der Himmel ist bewölkt, aber es schneit noch nicht."
Die Herzoginmutter rief Mandarinenente[22] und befahl: „Gib ihm den gestern erwähnten Umhang mit dem Wuwlkenleopard-Futter."
Mandarinenente sagte „Jawohl", ging hinaus und brachte tatsächlich einen Umhang. Als Schatzjade ihn betrachtete, glänzte und blitzte er golden und grün — ganz anders als der Wildentenfedern-Umhang, den Schatzzither bekommen hatte.
Die Herzoginmutter erklärte lächelnd: „Das nennt man 'Pfauengoldstoff'. In Russland werden dafür Pfauenfedern zu Fäden gesponnen und zu diesem Stoff verwebt. Neulich habe ich deiner kleinen Schwester den Umhang aus Wildentenfedern geschenkt — dieser hier ist für dich."
Schatzjade machte einen Kowtau und legte sich den Umhang um. Die Herzoginmutter lächelte: „Zeig ihn erst deiner Mutter, bevor du gehst."
Schatzjade sagte „Jawohl" und ging hinaus. Dort stand gerade Mandarinenente und rieb sich die Augen. Seit jenem Tag, an dem sie ihren großen Schwur geleistet hatte [Anm.: nie zu heiraten, wie in Kap. 46 geschildert], sprach sie nicht mehr mit Schatzjade, und dieser quälte sich Tag und Nacht deswegen. Als er sah, dass sie ihm auch jetzt ausweichen wollte, trat er auf sie zu und sagte lächelnd: „Liebe Schwester, schau doch — steht mir das gut?"
Aber Mandarinenente winkte nur ab und ging ins Zimmer der Herzoginmutter zurück.
Schatzjade begab sich zu Dame König, zeigte ihr den Umhang, kehrte dann in den Garten zurück und zeigte sich auch Heitermuster und Moschusmond. Anschließend ging er nochmals zur Herzoginmutter und berichtete: „Die gnädige Frau hat den Umhang angesehen und gesagt, er sei zu schade. Sie hat mir befohlen, sorgfältig damit umzugehen und ihn nicht zu verderben."
Die Herzoginmutter sagte: „Es ist das allerletzte Stück dieser Art. Wenn du es verdirbst, gibt es kein weiteres. So etwas eigens für dich anfertigen zu lassen ist unmöglich." Dann ermahnte sie ihn noch: „Trink nicht zu viel Wein und komm früh zurück."
Schatzjade sagte mehrmals hintereinander „Jawohl".
Die alten Ammen begleiteten ihn bis zur Haupthalle. Dort warteten bereits sein Milchbruder Li Gui und König Rong, Zhang Ruojin, Zhao Yihua, Qian Qi sowie Zhou Rui — sechs Mann — zusammen mit den vier Burschen Mingyan, Banhe, Chuyao und Saohong. Einer trug ein Kleiderbündel auf dem Rücken, ein anderer ein Sitzpolster unter dem Arm. Die übrigen hielten einen Schimmel mit geschnitztem Sattel und buntem Zaumzeug bereit und warteten schon lange.
Die alte Amme gab den sechs Älteren noch ein paar Anweisungen, die sie mit mehrfachem „Jawohl" beantworteten. Dann griffen sie nach Peitsche und Steigbügel. Schatzjade schwang sich gemächlich aufs Pferd. Li Gui und König Rong führten es am Zaum, Qian Qi und Zhou Rui gingen voran, Zhang Ruojin und Zhao Yihua ritten dicht hinter Schatzjade.
Vom Pferd herab sagte Schatzjade lächelnd: „Bruder Zhou, Bruder Qian — nehmen wir das Seitentor, damit ich vor der Bibliothek des gnädigen Herrn nicht absteigen muss."
Zhou Rui wandte sich um und lächelte: „Der gnädige Herr ist nicht zu Hause, die Bibliothek ist täglich verschlossen — da müsst Ihr doch nicht absteigen, junger Herr."
Schatzjade lächelte: „Auch vor der verschlossenen Bibliothek muss ich absteigen."
Qian Qi, Li Gui und die anderen lachten: „Der junge Herr hat recht. Selbst wenn er sich drücken wollte und nicht abstiege — wenn uns zufällig Herr Lai Da oder Herr Lin begegneten, würden sie zwar dem jungen Herrn nichts sagen können, aber ein paar ermahnende Worte gäbe es schon. Die Schuld aber würde man uns aufbürden, dass wir dem jungen Herrn keine Manieren beibringen."
Zhou Rui und Qian Qi führten den Zug geradeswegs auf das Seitentor zu.
Während sie noch sprachen, kam ihnen tatsächlich Lai Da entgegen. Schatzjade zügelte sofort das Pferd und wollte absteigen. Lai Da trat rasch heran und umfasste sein Bein. Schatzjade stellte sich in die Steigbügel, ergriff lächelnd Lai Das Hand und wechselte ein paar Worte mit ihm.
Dann erblickte er einen Burschen, der mit zwanzig, dreißig Leuten, die Besen und Kehrschaufeln trugen, hereinkam. Als diese Schatzjade sahen, stellten sie sich alle mit herabhangenden Armen an der Mauer auf. Nur der anführende Bursche kniete halb nieder und wünschte Schatzjade Wohlergehen. Schatzjade kannte seinen Namen nicht, lächelte nur und nickte. Als das Pferd vorbei war, führte der Bursche seine Leute weiter.
Am Seitentor angekommen, stießen sie draußen auf die Burschen von Li Gui und den anderen. Zusammen mit einigen Pferdeknechten hielten sie zehn Pferde bereit. Kaum aus dem Tor, schwangen sich alle in die Sättel. Voran und an den Seiten, wie eine Rauchwolke verschwanden sie. Mehr soll davon nicht die Rede sein.
Heitermuster, die trotz der Medizin noch keine Besserung spürte, schimpfte auf den Arzt: „Der versteht nur, den Leuten das Geld abzuknöpfen, aber eine anständige Medizin verschreibt er nicht!"
Moschusmond mahnte sie lächelnd: „Du bist zu ungeduldig. Das Sprichwort sagt: 'Die Krankheit kommt wie ein Bergsturz, aber sie geht wie das Abwickeln eines Seidenfadens.' Es ist doch keine Wunderpille des Götterfürsten Laozi! Wo gäbe es solch eine Wundermedizin! Leg dich nur ein paar Tage still hin, dann wirst du von allein gesund. Je ungeduldiger du bist, desto schlimmer wird es."
Heitermuster schimpfte auf die kleinen Mädchen: „Wo habt ihr euch alle verkrochen? Kaum bin ich krank, werdet ihr frech und macht euch davon! Wenn ich erst wieder gesund bin, ziehe ich euch eine nach der anderen das Fell über die Ohren!"
Erschrocken kam die kleine Zhuan'er hereingestürzt: „Was braucht Ihr, Fräulein?"
Heitermuster sagte: „Sind etwa alle anderen gestorben und nur du übriggeblieben?"
Währenddessen schob sich auch Zhuier herein.
Heitermuster sagte: „Seht euch dieses Biest an! Wenn man sie nicht ruft, kommt sie nicht. Aber wenn Monatsgeld verteilt oder Obst ausgegeben wird, drängelt sie sich nach vorn. — Komm näher! Ich bin kein Tiger und fresse dich nicht!"
Zhuier trat zögernd näher. Plötzlich schnellte Heitermuster unverhofft vor, packte Zhuiers Hand, zog mit der anderen einen langen Haarpfeil [Anm.: einen „Zhang Qing", einen spitzen Stab] unter dem Kopfkissen hervor und stach damit wild auf Zhuiers Hand ein, währenddessen sie schimpfte: „Wozu ist diese Pfote nütze? Nadel und Faden kann sie nicht halten, nur nach dem Essen langt sie! Dummdreist und langfingrig, bringt nichts als Schande über uns — ich steche sie dir lieber kaputt!"
Zhuier schrie und weinte vor Schmerz. Moschusmond riss sie rasch los, drückte Heitermuster aufs Kissen zurück und sagte lächelnd: „Willst du dir den Tod holen? Du hast doch eben erst geschwitzt. Wenn du gesund bist, kannst du sie schlagen, soviel du willst — aber warum jetzt dieses Theater?"
Heitermuster ließ Amme Song rufen und sagte: „Der junge Herr hat mir vorhin aufgetragen, Euch Bescheid zu geben: Zhuier sei zu faul. Wenn er ihr etwas aufträgt, rührt sie sich nicht; wenn Dufthauch ihr Anweisungen gibt, schimpft sie hinter ihrem Rücken. Sie soll heute noch fortgeschickt werden — morgen meldet der junge Herr es persönlich der gnädigen Frau."
Amme Song verstand natürlich, dass es um die Sache mit dem Armreif ging, und erwiderte lächelnd: „Trotzdem wäre es besser, zu warten, bis Fräulein Dufthauch zurück ist und Bescheid weiß, ehe wir sie fortschicken."
Heitermuster erregte sich: „Der junge Herr hat es mir eigens tausendmal eingeschärft! Was hat 'Fräulein Blume' oder 'Fräulein Gras' damit zu tun? Wir haben unseren eigenen Verstand! Tu, was ich sage, und lass sofort jemanden von ihrer Familie kommen, der sie abholt!"
Moschusmond sagte: „Das ist auch richtig. Früher oder später muss sie weg — je eher sie abgeholt wird, desto eher haben wir hier Ruhe."
Amme Song hatte keine Wahl mehr und ließ Zhuiers Mutter kommen. Diese packte Zhuiers Sachen zusammen, kam dann zu Heitermuster und den anderen und sagte: „Was haben denn die Fräulein? Wenn mein Mädchen etwas falsch gemacht hat, könntet Ihr sie doch erziehen — warum muss sie gleich hinausgeworfen werden? Lasst uns doch wenigstens unser Gesicht wahren!"
Heitermuster sagte: „Damit musst du warten, bis Schatzjade zurück ist und ihn fragen — mit uns hat das nichts zu tun."
Die Frau lächelte kalt: „Als ob ich das wagte, ihn zu fragen! Es gibt doch keine Angelegenheit, in der er nicht nach dem Willen der Fräulein handelt. Selbst wenn er nachgeben wollte — wenn die Fräulein nicht nachgeben, nützt es nichts. Gerade eben zum Beispiel, als Ihr hinter seinem Rücken spracht — da nanntet Ihr ihn einfach beim Namen. Euch steht es frei, so etwas zu tun, aber uns würde man als Rüpel betrachten."
Heitermuster wurde vor Wut feuerrot: „Wenn ich ihn beim Namen genannt habe, dann geh doch zur alten gnädigen Frau und zeig mich an! Sag ihr, ich sei rüpelhaft gewesen und müsste ebenfalls hinausgeworfen werden!"
Moschusmond schaltete sich rasch ein: „Schwäglerin, nimm dein Mädchen und geh. Was zu sagen ist, kann später gesagt werden. Hier ist nicht der Ort, an dem du herumschreien und Anstand predigen kannst. Hast du jemals erlebt, dass uns jemand Anstand gepredigt hätte? Von dir ganz zu schweigen — selbst Frau Lai Da und Frau Lin müssen uns einiges nachsehen.
Und dass wir ihn beim Namen nennen — das geschieht von Kindesbeinen an bis heute auf Befehl der alten gnädigen Frau, wie euresgleichen ja wohl bekannt sein dürfte. Aus Sorge, ihn zu verlieren, ließ sie seinen Kindsnamen auf Zettel schreiben und überall ankleben, damit alle ihn aussprechen und so sein Leben sichern. Wenn sogar Wasserträger, Latrinenreiniger und Bettler ihn beim Namen nennen dürfen — dürfen wir es dann nicht? Erst gestern hat die alte gnädige Frau Frau Lin gescholten, weil sie ihn 'junger Herr' nannte. Das ist das eine.
Zum anderen: Wenn wir der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau Bericht erstatten, nennen wir ihn natürlich beim Namen. Oder sollten wir da vielleicht 'junger Herr' sagen? Zweihundertmal am Tag sprechen wir den Namen 'Schatzjade' aus — und gerade das willst du uns vorwerfen? Wenn du demnächst einmal Zeit hast, komm und hör dir an, wie wir ihn vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau beim Namen rufen.
Du hast natürlich nie die Ehre gehabt, der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau unmittelbar zu dienen, und treibst dich das ganze Jahr nur hinter den dritten Toren herum — kein Wunder, dass du die Regeln nicht kennst, die bei uns gelten.
Hier ist auch nicht der Ort, wo du dich lange aufhalten kannst. Gleich kommt jemand und fragt dich, was du hier zu suchen hast. Was hast du dann zu sagen? Also nimm dein Mädchen und geh! Wenn du etwas zu besprechen hast, wende dich an Frau Lin und lass sie mit dem jungen Herrn reden. Bei tausend Leuten im Haus — heute läuft die eine herein, morgen die andere — da können wir nicht einmal alle Namen und Gesichter auseinanderhalten!"
Dann rief sie ein kleines Mädchen: „Hol den Wischlappen und wisch den Fußboden!"
Die Frau konnte nichts darauf erwidern und wagte nicht länger zu bleiben. Sie schluckte ihren Ärger herunter und wollte mit Zhuier davongehen.
Amme Song rief ihr nach: „Kein Wunder, dass du die Anstandsregeln nicht kennst, Schwägegin! Nachdem deine Tochter eine Weile hier gedient hat, muss sie beim Abschied doch wenigstens vor den Fräulein ihren Kowtau machen. Abschiedsgeschenke braucht es keine — darauf legt hier niemand Wert —, aber einen Kowtau muss sie machen, um ihren Respekt zu zeigen. Wie kann sie einfach so davongehen?"
Zhuier kam widerwillig zurück und machte vor Heitermuster und Moschusmond je zwei Kowtaus. Dann suchte sie auch Herbstmuster und die anderen auf, aber diese würdigten sie keines Blickes.
Die Mutter seufzte und stöhnte, wagte aber kein Wort mehr zu sagen, und ging verbittert davon.
Heitermuster, die sich vorhin erneut der Zugluft ausgesetzt und außerdem aufgeregt hatte, fühlte sich jetzt noch schlechter als zuvor. Sie wälzte sich auf dem Bett, bis es Zeit war, die Lampen anzuzünden, und hatte sich gerade etwas beruhigt, als Schatzjade zurückkam. Schon beim Eintreten seufzte er und stampfte mit dem Fuß auf.
Moschusmond fragte eilig nach dem Grund. Schatzjade sagte: „Heute früh hat mir die alte Ahnherrin freudestrahlend diesen Umhang geschenkt, und nun habe ich mich nicht vorgesehen — am Rückenteil ist eine Stelle verbrannt. Zum Glück war es schon Abend, und die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben nicht genau hingesehen."
Er legte den Umhang ab. Moschusmond besah ihn — tatsächlich, ein Brandloch, so groß wie eine Fingerkuppe.
„Bestimmt ist ein Funke aus dem Handöfchen darauf gesprungen", sagte sie. „Das ist nicht schlimm. Lass ihn heimlich zu einem tüchtigen Kunststopfer bringen, der das Loch ausbessert." Schon steckte sie den Umhang in einen Kleiderbeutel und übergab ihn einer alten Frau: „Bis zum Hellwerden muss er zurück sein. Und auf keinen Fall dürfen die alte Ahnherrin oder die gnädige Frau davon erfahren!"
Die Alte ging, kam aber nach längerer Zeit mit dem Umhang zurück: „Nicht nur die besten Kunststopfer, auch Schneider, Sticker und Näherinnen habe ich gefragt — keiner wusste, was für ein Gewebe das ist, und keiner wagte den Auftrag anzunehmen."
Moschusmond sagte: „Was nun? Dann trägst du ihn eben morgen nicht."
Schatzjade sagte: „Morgen ist die eigentliche Feier. Die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben ausdrücklich gesagt, ich solle ihn wieder tragen. Gleich am ersten Tag ein Brandloch — das verdirbt doch alle Freude."
Heitermuster hatte die ganze Zeit still zugehört und konnte sich nicht länger zurückhalten. Sie drehte sich um und sagte: „Gebt ihn mir, ich sehe ihn mir an. Wenn dir das Schicksal nicht bestimmt hat, ihn zu tragen, dann eben nicht — was regst du dich nur so auf?"
Schatzjade lächelte: „Da hast du recht." Er reichte ihr den Umhang und rückte die Lampe näher.
Heitermuster betrachtete den Schaden eine Weile und sagte: „Das ist aus Pfauengoldfäden gewebt. Wenn wir jetzt auch Pfauengoldfaden nehmen und das Loch mit 'Grenzstichen' [Anm.: eine spezielle Sticktechnik, die das Gewebe nachahmt, indem sie abwechselnd wie Webfäden gesetzt wird] fein und dicht zunähen, können wir uns vielleicht damit durchmogeln."
Moschusmond lächelte: „Pfauengoldfaden haben wir vorrätig, aber wer außer dir beherrscht den Grenzstich?"
Heitermuster sagte: „Dann muss ich wohl mein Leben riskieren."
Schatzjade wandte eilig ein: „Das geht doch nicht! Du bist kaum ein wenig genesen — wie kannst du da schon wieder arbeiten?"
Heitermuster sagte: „Sei nicht so ängstlich — ich weiß, was ich tue!"
Sie setzte sich auf, band das Haar zurück, legte sich eine Jacke um die Schultern — doch es war ihr schwindelig, der Körper war schwach, vor den Augen tanzten goldene Sterne. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Aber wenn sie es nicht tat, würde Schatzjade sich aufregen. Also biss sie die Zähne zusammen und kämpfte sich durch.
Sie befahl Moschusmond, die Fäden zu drehen. Dann nahm sie einen Faden und verglich ihn mit dem Gewebe: „Ganz identisch ist er zwar nicht, aber wenn das Loch damit gestopft ist, wird es nicht übeermäßig auffallen."
Schatzjade sagte: „Das genügt völlig — woher sollten wir einen russischen Schneider nehmen?"
Heitermuster trennte zuerst das Futter auf, spannte die beschädigte Stelle über einen winzigen Bambusrahmen, nicht größer als eine Teeschale, und schabte mit einem kleinen goldenen Messer die versengten Fäden weg. Dann markierte sie mit zwei Nadelfäden Kette und Schuss, um anschließend in der Grenzstich-Technik erst das Untergewebe und darauf das ursprüngliche Muster nachzuarbeiten. Nach jedem zweiten Stich hielt sie inne und betrachtete ihr Werk, beim Kunststopfen verglich sie es immer wieder mit dem Original.
Doch ihr schwindelte und die Augen wurden dunkel, der Atem ging stoßweise und die Kräfte ließen nach. Kaum drei bis fünf Stiche konnte sie machen, dann musste sie sich schon aufs Kissen legen und ausruhen.
Schatzjade stand neben ihr. Bald fragte er: „Möchtest du einen Schluck heißes Wasser?" Bald befahl er: „Ruh dich aus!" Bald legte er ihr einen Umhang aus grauem Eichhörnchenfell über den Rücken, bald ließ er ein Stützkissen bringen, damit sie sich anlehnen konnte.
Schließlich bat Heitermuster gereizt: „Kleiner Ahnherr! Schlaf doch einfach! Wenn du die halbe Nacht aufbleibst und morgen eingefallene Augen hast — was sollen wir dann machen?"
Schatzjade sah ein, dass er sie nur nervös machte, und legte sich hin, konnte aber nicht einschlafen. Nach einiger Zeit schlug die Uhr viermal — Heitermuster hatte die Stopfarbeit gerade beendet und bürstete nun behutsam mit einer kleinen Zahnbürste die Fußeln heraus.
Moschusmond sagte: „Das ist dir gelungen! Wer nicht genau hinsieht, merkt nichts."
Schatzjade ließ sich den Umhang geben, betrachtete die Stelle und sagte: „Wirklich, es sieht ganz genauso aus!"
Heitermuster hatte mehrmals gehustet, das Loch mit Mühe und Not zu Ende gestopft und sagte nur noch: „Gestopft ist es, aber das Wahre ist es nicht. Ich kann nicht mehr!" Mit einem Schmerzenslaut sank sie nieder und konnte sich nicht mehr rühren.
Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".
- ↑ Chin. 晴雯 Qíngwén, „Heiteres Wolkenmuster".
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".
- ↑ Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee/Xuē".
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén, „Frau/Dame Strafe".
- ↑ Chin. 尤氏 Yóu Shì, „Dame Sonders".
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, „Schatz Kaufmann-Jade".
- ↑ Chin. 袭人 Xírén, „die Angreifende/der Dufthauch".
- ↑ Chin. 麝月 Shèyuè, "Moschusmond".
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán, "Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, „Bedaure-den-Frühling".
- ↑ Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schatzzither Schnee".
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, "Kajal Wald-Jade".
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".
- ↑ Chin. 邢岫烟 Xíng Xiùyān, „Fräulein Xing, Felsenrauch".
- ↑ Chin. 紫鹃 Zǐjuān, „Purpurkuckuck".
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, "Erkundefrühling".
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, "Xiangfluss-Wolke".
- ↑ Chin. 香菱 Xiānglíng, "Duftende Wasserkastanie".
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, „Mandarinenente".