Difference between revisions of "Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 5"

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= 第五回 / Kapitel 5 =
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| 5.Auf einem Spaziergang durch Wahngefilde wird das Schicksal von zwölf Mädchen gedeutet,beim Feenwein werden die Gesänge des Traums im prachtvollen Frauengemach vorgetragen.
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| Im vierten Kapitel ist geschildert worden, wie Tante Hsüä mit ihren Kindern für einige Zeit ins Jung-guo-Anwesen zog. Davon kann in diesem Kapitel einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr soll wieder von Lin Dai-yü erzählt werden.
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| Im Wandel durch das Traumreich enthüllt sich das Rätsel der Zwölf Schönheiten —
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5.Auf einem Spaziergang durch Wahngefilde wird das Schicksal von zwölf Mädchen gedeutet,beim Feenwein werden die Gesänge des Traums im prachtvollen Frauengemach vorgetragen.
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Im vierten Kapitel ist geschildert worden, wie Tante Hsüä mit ihren Kindern für einige Zeit ins Jung-guo-Anwesen zog. Davon kann in diesem Kapitel einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr soll wieder von Lin Dai-yü erzählt werden.
| Seitdem Dai-yü ins Jung-guo-Anwesen gekommen war, hatte ihr die Herzoginmutter in jeder Weise ihre Liebe zuteil werden lassen. Ihre Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war die gleiche wie für Bau-yü; die drei Enkelinnen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun aber mußten dahinter zurückstehen. Die Vertrautheit und Herzlichkeit zwischen Bau-yü und Dai-yü war anders als bei den übrigen. Am Tage waren sie zusammen, wo sie gingen und saßen, bei Nacht ruhten und schliefen sie nebeneinander. Sie harmonierten in Worten und in Gedanken, und es gab zwischen ihnen nicht den mindesten Zwist.
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Seitdem Dai-yü ins Jung-guo-Anwesen gekommen war, hatte ihr die Herzoginmutter in jeder Weise ihre Liebe zuteil werden lassen. Ihre Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war die gleiche wie für Bau-yü; die drei Enkelinnen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun aber mußten dahinter zurückstehen. Die Vertrautheit und Herzlichkeit zwischen Bau-yü und Dai-yü war anders als bei den übrigen. Am Tage waren sie zusammen, wo sie gingen und saßen, bei Nacht ruhten und schliefen sie nebeneinander. Sie harmonierten in Worten und in Gedanken, und es gab zwischen ihnen nicht den mindesten Zwist.
| Beim Trinken des Götterweins erklingt die Oper vom Traum der Roten Kammer
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Jetzt aber war plötzlich Hsüä Bau-tschai hier aufgetaucht, die zwar nicht viel älter war, aber geradlinig in ihrer Art und blühend in ihrem Aussehen, so daß die meisten sagten, Dai-yü reiche an sie nicht heran. Überdies war Bau-tschai verständig in ihren Handlungen und wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen. Sie war nicht so erhaben und so stolz wie Dai-yü, die über den Staub der Welt einfach hinwegsah, darum fand sie viel größere Sympathie beim Gesinde, und auch die kleinen Sklavenmädchen waren am liebsten mit ihr zusammen. Darüber war Dai-yü etwas bekümmert und unzufrieden, aber davon merkte Bau-tschai nicht das geringste.
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Bau-yü war noch ganz ein Kind, dazu von Natur aus töricht und verschroben. Er sah alle Schwestern, Kusinen, Brüder und Vettern mit denselben Augen an und machte keinen Unterschied zwischen nahen und fernen Verwandten. Mit Dai-yü war er bei der Herzoginmutter Tag und Nacht zusammen, darum war er ihr etwas näher als den anderen Kusinen. Durch die Nähe war er vertrauter mit ihr, und durch die Vertrautheit mußte es unvermeidlich manchmal zu Vorwürfen kommen, die aber gut gemeint waren, und zu Zerwürfnissen, die man nicht voraussehen konnte.
| Jetzt aber war plötzlich Hsüä Bau-tschai hier aufgetaucht, die zwar nicht viel älter war, aber geradlinig in ihrer Art und blühend in ihrem Aussehen, so daß die meisten sagten, Dai-yü reiche an sie nicht heran. Überdies war Bau-tschai verständig in ihren Handlungen und wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen. Sie war nicht so erhaben und so stolz wie Dai-yü, die über den Staub der Welt einfach hinwegsah, darum fand sie viel größere Sympathie beim Gesinde, und auch die kleinen Sklavenmädchen waren am liebsten mit ihr zusammen. Darüber war Dai-yü etwas bekümmert und unzufrieden, aber davon merkte Bau-tschai nicht das geringste.
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Als es eines Tages aus irgendeinem Grund in einem Gespräch zwischen ihnen zu einem Mißklang gekommen war, saß Dai-yü wieder einmal ärgerlich allein in ihrem Zimmer und weinte, während Bau-yü bereute, mit seinen Worten so unüberlegt gewesen zu sein. Erst als er zu ihr ging und sein Unrecht eingestand, wurde sie ihm allmählich wieder gut.
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Da im Garten des Ning-guo-Anwesens im Osten die Aprikosenbäume in voller Blüte standen, richtete Djia Dschëns Gattin, Frau You, eine Weintafel her und lud die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang und die anderen zur Blütenschau ein. Zusammen mit Djia Jungs Frau kam sie herüber, um die Einladung persönlich auszusprechen. Also ging die Herzoginmutter nach dem Frühstück mit den anderen zusammen hinüber und spazierte durch den Garten der Gesammelten Düfte. Zuerst tranken sie Tee, dann Wein, aber es war nur eine kleine Feier der weiblichen Familienangehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, und es gibt nichts Neuartiges oder Interessantes darüber zu berichten.
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Bau-yü fühlte sich bald müde und wollte seinen Mittagsschlaf halten, und so befahl die Herzoginmutter, man solle ihn schön in den Schlaf lullen, und wenn er ein Weilchen geruht habe, solle er wiederkommen. Da meldete Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, rasch mit einem Lächeln: „Wir haben hier ein Zimmer für Onkel Bau-yü vorbereitet. Ihr könnt ihn mir getrost überlassen, alte Ahne!“ Dann wandte sie sich an Bau-yüs Ammen und Sklavenmädchen und sagte: „Bittet meinen Onkel Bau-yü, er solle mir folgen!“
| Bau-yü war noch ganz ein Kind, dazu von Natur aus töricht und verschroben. Er sah alle Schwestern, Kusinen, Brüder und Vettern mit denselben Augen an und machte keinen Unterschied zwischen nahen und fernen Verwandten. Mit Dai-yü war er bei der Herzoginmutter Tag und Nacht zusammen, darum war er ihr etwas näher als den anderen Kusinen. Durch die Nähe war er vertrauter mit ihr, und durch die Vertrautheit mußte es unvermeidlich manchmal zu Vorwürfen kommen, die aber gut gemeint waren, und zu Zerwürfnissen, die man nicht voraussehen konnte.
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Die Herzoginmutter war seit jeher der Meinung, daß Frau Tjin ein trefflicher Mensch sei.
| Dem Kapitel vorangestellt:
 
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| Als es eines Tages aus irgendeinem Grund in einem Gespräch zwischen ihnen zu einem Mißklang gekommen war, saß Dai-yü wieder einmal ärgerlich allein in ihrem Zimmer und weinte, während Bau-yü bereute, mit seinen Worten so unüberlegt gewesen zu sein. Erst als er zu ihr ging und sein Unrecht eingestand, wurde sie ihm allmählich wieder gut.
 
| Frühjahrsmüde, geborgen in der üppigen Brokat-Decke,
 
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| Da im Garten des Ning-guo-Anwesens im Osten die Aprikosenbäume in voller Blüte standen, richtete Djia Dschëns Gattin, Frau You, eine Weintafel her und lud die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang und die anderen zur Blütenschau ein. Zusammen mit Djia Jungs Frau kam sie herüber, um die Einladung persönlich auszusprechen. Also ging die Herzoginmutter nach dem Frühstück mit den anderen zusammen hinüber und spazierte durch den Garten der Gesammelten Düfte. Zuerst tranken sie Tee, dann Wein, aber es war nur eine kleine Feier der weiblichen Familienangehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, und es gibt nichts Neuartiges oder Interessantes darüber zu berichten.
 
| Folgt sie, als träumte sie, der Fee und lässt die Welt des Staubes hinter sich.
 
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| Bau-yü fühlte sich bald müde und wollte seinen Mittagsschlaf halten, und so befahl die Herzoginmutter, man solle ihn schön in den Schlaf lullen, und wenn er ein Weilchen geruht habe, solle er wiederkommen. Da meldete Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, rasch mit einem Lächeln: „Wir haben hier ein Zimmer für Onkel Bau-yü vorbereitet. Ihr könnt ihn mir getrost überlassen, alte Ahne!“ Dann wandte sie sich an Bau-yüs Ammen und Sklavenmädchen und sagte: „Bittet meinen Onkel Bau-yü, er solle mir folgen!“
 
| Wer ist in den Traum von Huaxu eingetreten? —
 
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| Die Herzoginmutter war seit jeher der Meinung, daß Frau Tjin ein trefflicher Mensch sei. Sie war schlank und zierlich von Gestalt, und ihr Betragen war sanft und friedfertig. Unter den Frauen der Enkelsöhne war sie ihr die liebste. Deshalb war sie auch ganz ruhig,
 
 
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第五回 / Kapitel 5

贾宝玉神游太虚境

警幻仙曲演红楼梦

DE3 (Schwarz/Woesler) DE4 (Woesler, 4. Aufl.)

5.Auf einem Spaziergang durch Wahngefilde wird das Schicksal von zwölf Mädchen gedeutet,beim Feenwein werden die Gesänge des Traums im prachtvollen Frauengemach vorgetragen. Im vierten Kapitel ist geschildert worden, wie Tante Hsüä mit ihren Kindern für einige Zeit ins Jung-guo-Anwesen zog. Davon kann in diesem Kapitel einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr soll wieder von Lin Dai-yü erzählt werden. Seitdem Dai-yü ins Jung-guo-Anwesen gekommen war, hatte ihr die Herzoginmutter in jeder Weise ihre Liebe zuteil werden lassen. Ihre Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war die gleiche wie für Bau-yü; die drei Enkelinnen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun aber mußten dahinter zurückstehen. Die Vertrautheit und Herzlichkeit zwischen Bau-yü und Dai-yü war anders als bei den übrigen. Am Tage waren sie zusammen, wo sie gingen und saßen, bei Nacht ruhten und schliefen sie nebeneinander. Sie harmonierten in Worten und in Gedanken, und es gab zwischen ihnen nicht den mindesten Zwist. Jetzt aber war plötzlich Hsüä Bau-tschai hier aufgetaucht, die zwar nicht viel älter war, aber geradlinig in ihrer Art und blühend in ihrem Aussehen, so daß die meisten sagten, Dai-yü reiche an sie nicht heran. Überdies war Bau-tschai verständig in ihren Handlungen und wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen. Sie war nicht so erhaben und so stolz wie Dai-yü, die über den Staub der Welt einfach hinwegsah, darum fand sie viel größere Sympathie beim Gesinde, und auch die kleinen Sklavenmädchen waren am liebsten mit ihr zusammen. Darüber war Dai-yü etwas bekümmert und unzufrieden, aber davon merkte Bau-tschai nicht das geringste. Bau-yü war noch ganz ein Kind, dazu von Natur aus töricht und verschroben. Er sah alle Schwestern, Kusinen, Brüder und Vettern mit denselben Augen an und machte keinen Unterschied zwischen nahen und fernen Verwandten. Mit Dai-yü war er bei der Herzoginmutter Tag und Nacht zusammen, darum war er ihr etwas näher als den anderen Kusinen. Durch die Nähe war er vertrauter mit ihr, und durch die Vertrautheit mußte es unvermeidlich manchmal zu Vorwürfen kommen, die aber gut gemeint waren, und zu Zerwürfnissen, die man nicht voraussehen konnte. Als es eines Tages aus irgendeinem Grund in einem Gespräch zwischen ihnen zu einem Mißklang gekommen war, saß Dai-yü wieder einmal ärgerlich allein in ihrem Zimmer und weinte, während Bau-yü bereute, mit seinen Worten so unüberlegt gewesen zu sein. Erst als er zu ihr ging und sein Unrecht eingestand, wurde sie ihm allmählich wieder gut. Da im Garten des Ning-guo-Anwesens im Osten die Aprikosenbäume in voller Blüte standen, richtete Djia Dschëns Gattin, Frau You, eine Weintafel her und lud die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang und die anderen zur Blütenschau ein. Zusammen mit Djia Jungs Frau kam sie herüber, um die Einladung persönlich auszusprechen. Also ging die Herzoginmutter nach dem Frühstück mit den anderen zusammen hinüber und spazierte durch den Garten der Gesammelten Düfte. Zuerst tranken sie Tee, dann Wein, aber es war nur eine kleine Feier der weiblichen Familienangehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, und es gibt nichts Neuartiges oder Interessantes darüber zu berichten. Bau-yü fühlte sich bald müde und wollte seinen Mittagsschlaf halten, und so befahl die Herzoginmutter, man solle ihn schön in den Schlaf lullen, und wenn er ein Weilchen geruht habe, solle er wiederkommen. Da meldete Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, rasch mit einem Lächeln: „Wir haben hier ein Zimmer für Onkel Bau-yü vorbereitet. Ihr könnt ihn mir getrost überlassen, alte Ahne!“ Dann wandte sie sich an Bau-yüs Ammen und Sklavenmädchen und sagte: „Bittet meinen Onkel Bau-yü, er solle mir folgen!“ Die Herzoginmutter war seit jeher der Meinung, daß Frau Tjin ein trefflicher Mensch sei. Sie war schlank und zierlich von Gestalt, und ihr Betragen war sanft und friedfertig. Unter den Frauen der Enkelsöhne war sie ihr die liebste. Deshalb war sie auch ganz ruhig, als sie sah, daß Frau Tjin jetzt Bau-yü schlafen legen wollte. Frau Tjin führte den ganzen Troß in den Innenraum eines Hauptgebäudes. Als Bau-yü dort den Kopf hob, erblickte er als Erstes ein Bild an der Wand. Die Figuren darauf waren gut gemalt, das Thema war „Liu Hsiang studiert beim Licht eines brennenden Gänsefußsteckens“. Ohne darauf zu sehen, wer das Bild gemalt hatte, fühlte Bau-yü sich unfroh. Außer dem Bild hing noch ein Parallelsatzpaar an der Wand, das lautete: „Die Welt zu durchschauen heißt Wissen;

das Leben zu kennen ist Bildung.“

Als Bau-yü die beiden Sätze gelesen hatte, wollte er auf keinen Fall hier bleiben, wie schön das Zimmer und wie prächtig die Ausstattung auch sein mochte. „Schnell fort, schnell fort!“ sagte er. „Wohin können wir gehen, wenn es dir nicht einmal hier gefällt?“ sagte Frau Tjin lächelnd. „Wenn nicht anders, müssen wir in mein Zimmer gehen.“ Bau-yü nickte lächelnd, aber eine der Ammen bemerkte: „Wie kann ein Onkel im Zimmer seiner Nichte schlafen?!“ „Ach, du meine Güte!“ erwiderte Frau Tjin lächelnd. „Auch wenn er sich darüber ärgert, aber wie groß ist er denn schon, daß so etwas tabu sein sollte? Habt ihr nicht im vergangenen Monat meinen Bruder gesehen, als er hier war? Er ist genausoalt wie Bau-yü, aber wenn sie nebeneinander stehen, ist er bestimmt ein Stück größer.“ „Warum habe ich ihn nicht getroffen?“ fragte Bau-yü. „Bring ihn her, damit ich ihn sehen kann!“ Alle lachten darüber und sagten: „Er ist zwanzig, dreißig Li von hier entfernt, wie sollen wir ihn da holen? Du wirst ihn schon noch zu sehen bekommen.“ Bei diesen Worten waren sie an Frau Tjins Zimmer angelangt, und schon an der Tür umfing sie ein lieblicher Duft. Bau-yü merkte, wie ihm die Augen zufallen wollten und die Glieder schlaff wurden. „Wie gut es hier riecht!“ sagte er ein paarmal hintereinander. Als sie eintraten, erblickte er an der Wand ein Bild „Frühlingsschlaf unter Zierapfelblüten“ von Tang Bo-hu. Links und rechts davon hing ein Parallelsatzpaar von der Hand des Sung-Gelehrten Tjin Tai-hsü: „Die Frische stört ihren Schlummer, der Frühling ist kühl.

Ein Hauch umfängt sie, das Aroma von Wein.“

Auf einem Tisch stand ein kostbarer Spiegel aus dem Spiegelkabinett der Wu Dsë-tiän, daneben lag auf einem goldenen Teller, auf dem einst Fee- yän getanzt hatte, die Quitte, mit der An Lu-schan seinerzeit Tai-dschën an der Brust verletzt hatte, als er nach ihr warf. Auf dem Bett hatte im Han-dschang-Palast die Prinzessin Schou-tschang geschlafen. Die Perlenschnüre, die daran hingen, hatte die Prinzessin Tung-tschang gefertigt. „Hier ist es schön!“ sagte Bau-yü immer wieder und lächelte dazu. „Mein Zimmer wäre wohl für einen Gott nicht zu schlecht“, sagte Frau Tjin lächelnd. Mit eigener Hand schlug sie die seidene Decke zurück, die einst Hsi-dsï gewaschen hatte, und rückte das mit Mandarinenten bestickte Kissen zurecht, das einst Hung-niang im Arm gehalten hatte. Die Ammen halfen Bau-yü sich hinlegen, dann gingen sie gemächlich hinaus. Nur die vier Sklavenmädchen Hsi-jën, Mee-jën, Tjing-wën und Schë-yüä blieben zur Gesellschaft zurück. Den anderen kleinen Sklavenmädchen befahl Frau Tjin, schön draußen unter dem Dachvorsprung zu bleiben und zuzusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten. Bau-yü schlief ein, kaum daß er die Augen geschlossen hatte. Ihm war, als ob Frau Tjin vor ihm ginge, und er folgte ihr leichtfüßig bis in eine Gegend, wo er rote Geländer und weißen Stein, grüne Bäume und klare Bäche erblickte. Hier war kaum die Spur eines Menschen zu finden, und kein Staub drang hierher. Erfreut dachte Bau-yü im Traum: „Welch reizender Ort! Hier würde ich gern mein Leben lang bleiben, auch wenn ich mich deswegen von der Familie trennen müßte. Das wäre doch besser, als Tag für Tag von den Eltern und Lehrern Schläge zu bekommen!“ Während er so seinen törichten Gedanken nachhing, hörte er plötzlich, wie hinter einem Berg jemand sang: „Frühlingsträume mit den Wolken vergehen,

fallende Blüten trägt der Strom mit sich fort.
Sagt es den Jungen, den Mädchen nur allen:

Wozu sich unnütz mit Sorgen beladen?!“ Bau-yü hörte, daß es eine Mädchenstimme war, und noch ehe das Lied zu Ende war, sah er die Sängerin hervorkommen. Ihr tänzelnder Gang und ihr graziler Wuchs unterschieden sie von den Menschen. Hier ist eine Ode als Beleg dafür:

Gerade tritt sie aus dem Weidenhain,
eben verläßt sie das Blumenhaus.
Wohin sie kommt,
verstecken die Vögel sich auf den Bäumen.
Wo sie sich naht,
streift ihr Schatten über den Bogengang.
Flattert ihr Ärmel,
riecht es nach Moschus und Orchideen.
Bauscht sich ihr Gewand
klimpern die Gürtelgehänge aus Jade.
Die Wangen wie Pfirsichblüten gefärbt,
die Haare wie Wolken getürmt,
die Lippen wie geplatzte Kirschen,
die Zähne wie Granatapfelkerne.
Zart ist ihre schlanke Taille –
            wirbelnder Wind, tanzender Schnee.
Perlen und Jade blitzen
 auf der Stirn, gelb wie Entenküken geschminkt.
Sie schlüpft durch die Blumen,
wie zürnend, wie lachend.
Sie gleitet über den Teich,
wie fliegend, wie flatternd.
Sie lacht mit gerunzelten Brauen,
scheint sprechen zu wollen und schweigt.
Sie schreitet mit Lotosschritten,
scheint stocken zu wollen und geht.
Lieblich ist ihr Wesen,
wie Eis so klar, wie Jade so rein.
Herrlich ist ihr Kleid,
es leuchten darauf die Muster.
Niedlich ist ihr Gesicht,
wie aus Duftholz geschnitzt, aus Jade geschliffen.
Zierlich ist ihre Haltung,
wie ein tanzender Phönix, ein fliegender Drache.
Wem gleicht ihre Weiße?
Einer Aprikosenblüte, im Frühlingsschnee erblüht.
Wem gleicht ihre Reinheit?
Einer Chrysantheme, in Herbstreif gehüllt.
Wem gleicht ihre Erhabenheit?
Einer Kiefer, einsam im Talgrund gewachsen.
Wem gleicht ihre Schönheit?
Einer Abendwolke, im stillen Teich gespiegelt.
Wem gleicht ihre Erscheinung?
Einem Drachen, der prächtig im Wasser schwimmt.
Wem gleicht ihre Seele?  Dem Mond, der den frostigen Fluß bescheint.
Sie müßte die Hsi-dsï beschämen, die Wang Tjiang neidisch machen.
Ein Wunder fürwahr!
 Wo ist sie geboren? Wo kommt sie her?
Es gibt wirklich nicht ihresgleichen,
nicht am Jadeteich, nicht im Purpurpalast.
Wer mag sie sein, so schön, wie sie ist?

Als Bau-yü erkannte, daß es eine Fee war, trat er erfreut vor sie hin, verbeugte sich rasch mit zusammengelegten Händen und sagte: „Schwester Fee, ich weiß nicht, woher du kommst, wohin du gehst und wo wir hier sind, ich bitte nur, daß du mich mitnimmst.“ Lächelnd erwiderte die Fee: „Ich wohne am Himmel des Trennungsschmerzes, inmitten des Kummernährenden Meeres, in den Wahngefilden der Großen Leere, in der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges. Ich bin die Fee Warnendes Trugbild und wache über die Herzensangelegenheiten und die Liebesschulden der Menschen, über Mädchenkummer und Männertorheit in der Welt des Staubes. Weil sich unlängst Liebesnarren hier versammelt haben, bin ich hergekommen, um die Gelegenheit zu erkunden und Sehnsucht auszustreuen. Auch dir bin ich nicht zufällig begegnet. Mein Reich ist nicht fern von hier. Aber ich habe nichts anderes für dich als eine Schale Feentee, den ich selber gepflückt habe, einen Kübel schönen Wein, den ich selber bereitet ha- be, ein paar Sängerinnen, die in magischen Tänzen geübt sind, und zwölf neue Feenlieder vom Traum im prachtvollen Frauengemach. Willst du versuchen, mit mir zu gehen?“ Als Bau-yü das hörte, vergaß er, wo Frau Tjin geblieben war, und folgte der Fee. Sie kamen an ein steinernes Schmucktor, das den Weg überspannte und auf dem oben in großen Schriftzeichen geschrieben stand ‚Wahngefilde der Großen Leere‘. Ein Parallelsatzpaar auf beiden Seiten lautete: „Wenn Falsches wahr ist, wird auch Wahres falsch,

wo Nichtsein Sein ist, wird auch Sein zum Nichts.“

Als sie durch das Schmucktor gebogen waren, kamen sie an ein Palasttor, über dem quer die Schriftzeichen standen „Meer der Sünde, Himmel der Liebe“. Auch hier gab es eine Parallelinschrift. Sie hieß: „Stark ist die Erde, der Himmel ist hoch – ein Elend nur, daß die ewige Liebe kein Ende nimmt.

Törichte Männer, kummervolle Mädchen –

ein Jammer nur, daß sich Liebesschuld nicht zurückzahlen läßt.“ „So ist das also“, dachte Bau-yü, als er die Inschriften gelesen hatte. „Ich weiß nur nicht, was ›ewige Liebe‹ und ›Liebesschuld‹ ist. Ich will doch zusehen, daß ich es in Zukunft verstehe!“ Dabei merkte er nicht, wie ihm mit diesem Gedanken ein böser Zauber tief ins Mark drang. Nun folgte er der Fee durch ein Innentor, hinter dem auf beiden Seiten Nebengebäude standen, jedes mit einer Namenstafel und einem Parallelsatzpaar, wovon er in der Eile nicht viel lesen konnte. Einige Namen aber erkannte er: „Amt der törichten Liebe“, „Amt des blindwütigen Hasses“, „Amt der morgendlichen Tränen“, „Amt des nächtlichen Kummers“, „Amt der Frühlingsgefühle“ und „Amt des Herbstleids“. „Darf ich dich bitten, mich durch diese Ämter zu führen?“ fragte Bau-yü. „In diesen Ämtern werden die Schicksalsbücher über Vergangenheit und Zukunft der Mädchen der ganzen Welt aufbewahrt“, sagte die Fee. „Du mit deinen profanen Augen und deinem irdischen Leib solltest diese Dinge besser nicht im voraus erfahren.“ Wie hätte Bau-yü wohl nachgeben mögen, nachdem er das gehört hatte! Er bettelte immer wieder, bis der Fee kein anderer Ausweg blieb, als zu sagen: „Schon gut, dann sieh dich in diesem Amt ein wenig um!“ Bau-yü war außer sich vor Freude und hob den Kopf, um nach der Namenstafel zu sehen. „Amt des widrigen Geschicks“ las er. Und das Parallelsatzpaar auf beiden Seiten besagte: „Frühlingskummer und Herbstleid, alles ist eigene Schuld.

Blumengesicht und Mondesantlitz, für wen seid ihr so schön?“

Bau-yü seufzte bewegt, als er es gelesen hatte. Dann trat er durch die Tür und erblickte mehr als zehn große Schränke, die alle mit Papierstreifen versiegelt waren. Auf diesen Papierstreifen standen die Ortsnamen der einzelnen Provinzen. Gespannt suchte er nach seinem Heimatort, andere Provinzen interessierten ihn nicht. Da erblickte er auf einem Schrank den Vermerk „Hauptregister der zwölf Mädchen von Djin-ling“ und fragte, was das bedeutete. „Es ist das Register der zwölf ersten Mädchen deiner Heimat, darum heißt es Hauptregister“, sagte die Fee. „Ich habe oft davon erzählen gehört, wie groß Djin-ling ist“, wunderte sich Bau-yü. „Warum sind es nur zwölf Mädchen? Allein in unserer Familie gibt es alles in allem ein paar hundert.“ „Freilich gibt es dort viele Mädchen“, sagte die Fee und lächelte kühl. „Hier sind nur die wichtigsten verzeichnet. In den nächsten beiden Schränken sind die weniger wichtigen. Für den profanen Rest gibt es keine Register.“ Bau-yü sah sich die nächsten beiden Schränke an, und tatsächlich stand dort ‚Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘ und ‚Zweites Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘. Also streckte er die Hand aus, öffnete zuerst den Schrank mit dem zweiten Nebenregister und nahm ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er auf dem ersten Blatt ein Bild, aber es zeigte weder einen Menschen noch eine Landschaft, über das ganze Blatt waren nur mit schwarzer Tusche dunkle Wolken und trüber Nebel gemalt. Daneben standen die Zeilen: „Selten erblickt man den klaren Mond,

bunte Wolken zerflattern so schnell.
Das Herz erhabener als der Himmel,
 der Leib aber niedrig und gering.
Anmut und Witz erwecken die Mißgunst der Leute,
Verleumdung führt zum frühen Tod.
Sinnlos trauert der gefühlvolle junge Herr.“

Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü ein Bund frischer Blumen und eine zerrissene Matte. Daneben stand: „Vergeblich alle Nachgiebigkeit und Gefügigkeit,

umsonst der Vergleich mit Duftblüte und Orchidee.
Ein Schauspieler trägt den Preis davon,
leer geht aus der junge Herr.“

Bau-yü verstand nicht, was das heißen sollte. Darum warf er das Heft hin, öffnete den Schrank mit dem Nebenregister und nahm dort ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er ein Bild mit einem Duftblütenstrauch und einem ausgetrockneten Teich davor, in dem eine verdorrte Lotosblume stand. Daneben war zu lesen: „Der Lotosblume Gefährtin und duftig wie sie,

ist ihr Schicksal nur Jammer und Not.
Taucht noch endlich der Duftblütenstrauch auf,
geht sie zur ewigen Ruhe ein.“

Wieder verstand Bau-yü nicht, was er da sah, darauf warf er auch dieses Heft hin und griff nach dem Hauptregister. Auf dem ersten Blatt sah er zwei abgestorbene Bäume, um die ein Jadegürtel geschlungen war. In einer Schneewehe darunter lag ein goldener Haarpfeil. Daneben stand der Vierzeiler: „Beklagenswert ihre sittliche Tugend,

bedauernswert ihr schönes Talent.
 Der Jadegürtel hängt in den Bäumen,
 den Haarpfeil der Schnee bedeckt.“

Auch das konnte Bau-yü nicht verstehen. Schon wollte er fragen, aber er sagte sich, daß die Fee ihm bestimmt nichts verraten würde. Er war schon im Begriff, auch dieses Heft wegzulegen, aber dann brachte er es nicht über sich und blätterte weiter. Jetzt erblickte er einen Bogen, an dem eine Zitrone hing. Daneben stand das Gedicht: „Zwanzig Jahre wußte sie Recht und Unrecht zu scheiden,

die Granatapfelblüte ziert das Palastgemach.
Drei Frühlinge kommen dem ersten nicht gleich;
der Traum ist aus, als Tiger und Nashorn sich treffen.“

Auf dem nächsten Bild waren zwei Menschen zu sehen, die einen Drachen steigen ließen. Auf dem weiten Meer schwamm ein großes Schiff, darauf stand ein Mädchen, das sich die Hände vors Gesicht hielt und weinte. Vier Sätze besagten: „Blühend war ihr Talent, hoch ging ihr Streben,

doch zu spät geboren, ist Unglück ihr Los.
Zum Tjing-ming-Fest ein Abschied mit Tränen,
tausend Li weit der Ostwind weht, fern geht ihr Traum.“

Das folgende Bild zeigte fliegende Wolken und strömendes Wasser. Dazu hieß es: „Was nutzen Reichtum und hohe Geburt,

wird man schon in den Windeln zur Waise?
Ein einziger Augenblick, und die Sonne versinkt,
das Wasser des Hsiang strömt dahin, die Wolken von Tschu entfliegen.“

Dann war da ein Bild, auf dem ein schöner Jadestein im Schmutz lag. Der Urteilsspruch dazu lautete: „Du strebtest nach Reinheit, hast du Reinheit erreicht?

Du sprachst von der Scheinwelt, doch war sie nur Schein?
Welch Jammer – ein Wesen wie aus Gold und Jade,
und muß doch schließlich im Schmutz versinken.“

Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü plötzlich einen reißenden Wolf, der sich auf ein schönes Mädchen stürzte, um es zu verschlingen. Daneben stand: „Ehemann Sun erweist sich als herzloser Wolf,

sobald er das Ziel seiner Wünsche erreicht.
Eine zarte Blume aus reichem Hause,
erfüllt sich in nur einem Jahr ihr Geschick.“

Auf dem folgenden Bild saß in einem alten Tempel einsam ein schönes Mädchen und las ein Buch. Der Spruch dazu hieß:„Nicht lange währt dreifaches Frühlingsglück,

dann ersetzt ihr das Nonnengewand den Putz.
Ein vornehmes Kind aus Prunkgemächern
schläft einsam neben dem Buddhabild.“

Nun kam das Bild eines Gletschers mit einem Phönixweibchen darauf, dazu die Worte: „Ein Phönix erscheint in der Zeit des Verfalls,

und jedermann liebt ihr seltnes Talent.
Sie folgt, sie befiehlt, dann wird sie verstoßen,
kehrt weinend nach Djin-ling zurück.“

Auf dem nächsten Bild saß ein schönes Mädchen in der ärmlichen Hütte eines kleinen Dorfes und spann Garn. Der zugehörige Spruch besagte: „Was heißt denn ›vornehm‹ ohne Macht?

Was gelten noch ruinierte Verwandte?
Nur weil die alte Liu einmal Hilfe bekam,
findet ein Retter sich in der Not.“

Ein weiteres Bild zeigte üppig blühende Orchideen in einer Blumenschale, daneben stand eine schöne Frau mit Phönixkrone und Zeremonialgewand. Auch hierzu gab es wieder einen Spruch: „Der Frühling endet mit den Früchten.

Wer kommt allein der Orchidee gleich?
Die Reinheit von Wasser, die Klarheit von Eis
wird zu Unrecht beschwatzt und beneidet.“

Jetzt kam ein Bild mit hohen Häusern und großen Hallen. An einem Dachbalken hatte sich eine Schöne erhängt. Daneben stand: ‚Himmel und Meer der Liebe und ein Trugbild, aus Liebe geworden;

wo Lieb auf Liebe trifft, herrscht die Lust.
Zwar schiebt man die Schuld auf das Jung-guo-Anwesen,
doch im Ning-guo-Anwesen fing alles an.‘

Bau-yü wollte das Heft noch weiter ansehen, aber die Fee wußte um seine hohe Begabung und seine scharfsichtige Art und befürchtete daher, es könnten doch Feengeheimnisse durchsickern, darum hielt sie das Heft mit beiden Händen zu und sagte lächelnd: „Geh lieber mit mir die Wunderansichten besehen, als hier über unverständlichen Rätseln zu brüten!“ Gedankenverloren legte Bau-yü das Heft weg und ging mit der Fee weiter. Er erblickte Perlenvorhänge und gestickte Portieren, bemalte Balken und geschnitzte Dachvorsprünge. Unmöglich, all die rotglänzenden Türen und die goldbelegten Böden zu beschreiben, die schneeblitzenden Fenster und die jadegefügten Paläste. Dann sah er duftende Wunderblumen und wohlriechende Zauberpflanzen. Es war wirklich ein schöner Ort. Nun hörte er, wie die Fee Warnendes Trugbild lachend rief: „Kommt schnell heraus und begrüßt den teuren Gast!“ Ihre Worte waren noch nicht verklungen, da sah er mehrere Feen aus dem Haus treten. Ihre Lotosärmel wallten, und ihre Federkleider flatterten. Sie waren anmutig wie Frühlingsblumen und schön wie der Herbstmond. Kaum daß sie Bau-yü erblickt hatten, warfen sie der Fee Warnendes Trugbild böse vor: „Wir wußten nicht, wer der Gast ist, für den wir so schnell herauskommen mußten. Du hattest gesagt, die Seele von Schwester Purpurperle werde heute um diese Stunde kommen, darum haben wir lange gewartet. Warum bringst du statt dessen dieses schmutzige Ding mit, das die Stätten reiner Mädchen besudelt?“ Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er am liebsten weggelaufen wäre, wenn er gekonnt hätte, und kam sich wirklich unerträglich schmutzig vor. Da faßte Warnendes Trugbild seine Hand und sagte zu den anderen: „Ihr wißt ja nicht, worum es hier geht. Als ich heute zum Jung-guo-Anwesen wollte, um Purpurperle abzuholen, kam ich am Ning-guo-Anwesen vorüber und bin zufällig den Seelen der beiden Herzöge Ning-guo und Jung-guo begegnet, die mir folgendes aufgetragen haben: „Seit Gründung der Dynastie haben sich in unserer Familie Ruhm und Wohlstand von Generation auf Generation vererbt, aber nach hundert Jahren ist es jetzt mit unserem Glück unwiderruflich vorbei. Deshalb kann von unseren nachgebliebenen Söhnen und Enkeln keiner das Werk fortsetzen, obwohl sie zahlreich sind. Der Enkel Bau-yü, Sohn einer Hauptfrau, ist der einzige, aus dem trotz seiner verschrobenen Art und seines eigenartigen Charakters vielleicht noch etwas werden kann. Aber wenn er auch klug und scharfsinnig ist, ist nun einmal unser Schicksal besiegelt, und es gibt wohl niemanden, der ihn auf den rechten Weg führen kann. Jetzt kommst zufällig du hier vorbei, schöne Fee, und da hoffen wir, daß du ihm in seiner Torheit mit Hilfe der Begierde nach Schönheit und Musik eine Warnung erteilst, damit er vielleicht den Schlingen der Verwirrung entgeht und später einmal den rechten Weg findet. Das würde auch für uns Brüder das Glück bedeuten.“ Aufgrund dieses Auftrages habe ich Milde walten lassen und den Knaben hergeführt. Zuerst ließ ich ihn die Schicksalsbücher der erst-, zweit- und drittrangigen Mädchen seiner Familie ansehen, aber das hat ihn noch nicht zu erwecken vermocht. So brachte ich ihn hierher, um ihn den Wahn von Essen, Trinken, Musik und Frauenschönheit kosten zu lassen. Wer weiß, ob man nicht hoffen kann, daß er doch noch zur Erkenntnis gelangt!“ Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, führte sie Bau-yü ins Haus, wo er einen feinen Weihrauchgeruch verspürte,aber nicht festzustellen vermochte, was da verbrannt wurde. Er konnte sich nicht enthalten zu fragen, und Warnendes Trugbild sagte mit kühlem Lächeln: „Diesen Weihrauch gibt es nicht in der Welt des Staubes. Woher solltest du ihn kennen? Es ist die Essenz seltener junger Gräser von berühmten Bergen und bekannten Stätten, gemischt mit dem Harz edler Bäume, und heißt ‚Mark der gesammelten Düfte‘.“ Bau-yü war ganz Entzücken. Als sich alle gesetzt hatten, brachten Mägde den Tee, und Bau-yü bemerkte, daß er ein frisches Aroma und einen ungewöhnlichen Geschmack hatte und von außerordentlicher Reinheit war. Darum fragte er wieder, was das sei. „Dieser Tee kommt aus der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges und ist mit dem Nachttau von Feenblumen und Geisterblättern gebrüht“, erläuterte Warnendes Trugbild. „Er heißt ‚Tausendfaches Rot in einer Höhlung‘.“ Bau-yü nickte bewundernd und sah sich um. Da sah er kostbare Bronzegefäße und jadegeschmückte Zithern, alte Bilder und neue Gedichte – alles, was man sich denken konnte. Noch mehr aber freute es ihn, daß auch hier die abgebissenen Enden von Stickfäden unter dem Fenster lagen und daß Puderreste zwischen den Schminkkästchen verstreut waren. Dann erblickte er an der Wand ein Parallelsatzpaar: „Verborgener Ort, von geisterhafter Schönheit erfüllt;

 Himmelswelt, in der man sich nicht zu lassen weiß.“

Nachdem Bau-yü alles angesehen hatte, war er voll Bewunderung und fragte nach den Namen der Feenmädchen. Eine hieß Fee der Törichten Träume, eine andere Heilige der Innigen Liebe, eine dritte Kummerbringendes Goldmädchen und eine vierte Leiddurchmessende Erleuchtete. So nannte jede ihren Namen. Wenig später stellten kleine Sklavenmädchen Tische und Stühle zurecht und trugen Wein und Speisen auf. Hier konnte man wirklich sagen: Flüssiger Edelstein füllt die gläsernen Becher, starker Jadesaft blinkt in den Bernsteinschalen. Von der Üppigkeit der Speisen muß nicht erst die Rede sein. Als Bau-yü das reine, edle Aroma wahrnahm, das dieses Getränk von gewöhnlichem Wein unterschied, konnte er sich wieder nicht enthalten, sich danach zu erkundigen. „Dieser Wein ist aus hunderterlei Blütenknospen und tausenderlei Baumsäften mit einem Zusatz aus Einhornmark und Phönixmilchhefe bereitet“, gab Warnendes Trugbild Auskunft. „Darum heißt er ‚Zehntausend Köstlichkeiten in einem Pokal‘.“ Bau-yü wurde nicht müde, sein Entzücken zu äußern. Während sie tranken, kamen zwölf Tänzerinnen herein und fragten, was sie aufführen sollten. „Tragt uns die zwölf neuen Lieder des Traums im prachtvollen Frauengemach vor!“ sagte Warnendes Trugbild. Die Tänzerinnen bestätigten ihren Auftrag, ließen leise die Holzklappern ertönen und schlugen langsam die silbernen Zithern. Dazu sangen sie: „Im Chaos der Schöpfung...“ Nach dieser Zeile wurden sie von Warnendes Trugbild unterbrochen, die sagte: „Diese Gesänge sind etwas anderes als die Arien der Dramen in der Welt des Staubes, wo es unbedingt Männer- und Frauen-, Haupt- und Nebenrollen geben muß und stets die neun Tonarten des nördlichen und des südlichen Stils zu unterscheiden sind. Hier wird nur ein Mensch besungen oder eines Ereignisses gedacht. Wird zufällig eine Arie daraus, kann man sie mit Instrumenten begleiten. Wer kein Eingeweihter ist, kann den Reiz nicht verstehen, der darin liegt. Wahrscheinlich sind dir auch die Melodien nicht sehr verständlich. Wenn du also nicht zuerst die Texte liest und dann die Gesänge anhörst, wird es so geschmacklos für dich werden, als ob du Wachs kaust.“ Dann wandte sie den Kopf, befahl einem kleinen Sklavenmädchen, das Manuskript des ‚Traums im prachtvollen Frauengemach‘ zu bringen, und gab es Bau-yü. Dieser schlug es auf und las mit den Augen den Text, während seine Ohren dem Gesang folgten, der lautete: „Prolog

Im Chaos der Schöpfung
wo war‘n die Gefühle?
Es gab nur das Sehnen von Wind und von Mond.
Unter ratlosem Himmel,
an schmerzvollem Tage,
in einsamer Stunde
versuch ich, mein Herz zu erleichtern,
und sing diese Klage um Jade und Gold.
Ein Fehler fürs ganze Leben
Alle nenn‘s den glücklichen Bund von Jade und Gold,
ich aber gedenke des Schwurs nur von Holz und Stein.
Sinnlos steh ich vor der Edlen, dem gleißenden Schnee,
niemals vergeß ich die Schöne, den einsamen Wald.
Seufzend erkenn ich, das Gute bleibt unvollkommen.
Für immer nur bleibt es bei höflicher Form,
und nie wird befriedigt mein sehnendes Herz.
Umsonst die Brauen gerunzelt
Eins eine Wunderblume im Feenpalast,
das andre ein Jadestein ohne Makel.
Wenn es nicht ihre Bestimmung war,
warum mußten als Mensch sie sich treffen?
Doch wenn es für sie so bestimmt war,
warum ward die Hoffnung zuschanden?
Das eine in einsamer Klag sich ergeht,
das andre in stummem Gedenken.
Das eine ist nur im Wasser der Mond,
das andre die Blume im Spiegel.
Wie viele Tränen hält das Auge bereit,
daß sie fließen vom Herbst durch den Winter
und weiter vom Lenz bis zum Sommer?“

Bau-yü kamen diese Texte verworren und nebelhaft vor, er konnte nichts Gutes daran finden. Nur die melodischen Töne dazu konnten einem die Sinne berauschen. Darum unterließ er es, nach Zusammenhängen zu forschen und den Ursprung zu erfragen, und sah es als einen Zeitvertreib an. Weiter las er: „Jammer um die Unbeständigkeit des Seins

Mitten ins prächtigste Blühen
trägt der Bote des Todes das Leid.
Mit weit geöffneten Augen
läßt alles sie fahren dahin.
Schwankend und wankend entrinnet
die duftige Seele ihr.
Weit entfernt liegt die Heimat,
darum sagt sie‘s den Eltern im Traum:
›Ich ging zu den Gelben Quellen,
denkt an den Rückzug auch ihr!‹
Trennung von Fleisch und Bein
Durch dreitausend Li Wind und Regen
getrennt liegt das Elternhaus.
Daß euch nicht Tränen das Alter vergällen,
denkt an die Tochter nicht mehr!
Ist unser Schicksal feste Bestimmung,
muß auch die Trennung es sein.
Soll‘n an zwei Orten wir leben,
sei uns Friede dabei gegönnt,
drum denkt an die Tochter nicht mehr!
Kummer in der Freude
Schon in den Windeln zur Waise geworden,
erwuchs sie in Reichtum, doch ungeliebt.
Weil sie klug schon zur Welt gekommen,
ward ihr Herz nicht von Liebe betört.
Selbst so klar wie Mondschein auf Jadehallen,
wird ihr ein edler Jüngling zuteil.
Nun glaubt sie, ihr Glück sei gewonnen,
das Leid ihrer Kindheit gesühnt.
Doch die Wolken von Gau-tang vergehen,
und das Wasser des Hsiang verströmt.
In der Welt heißt‘s, dem Schicksal sich fügen,
wozu der unnütze Gram?
Verschmäht von der Welt
Ein orchideenhaft schönes Wesen,
an Talenten Unsterblichen gleich,
jedoch überspannt zum Erstaunen.
Fleisch nennst du stinkendes Aas,
Seide hältst du für gewöhnlich.
Doch die Menschen mögen nicht große Würde,
und zuviel Reinheit widert sie an.
Nun welkst du im Dämmerlicht eines Tempels,
hast dem Puder, dem Luxus entsagt.
Doch wenn du auch stolz dich behauptest,
bist du gleichwohl nur Jade im Schmutz.
Wie sollte der junge Herr nicht klagen!
Der Mann – ein Feind
Der Wolf von Dschung-schan
ist ein herzloses Tier.
Vergangene Güte gilt ihm nichts mehr,
er kennt nur Verschwendung und wilden Genuß.
Das edle Herzogskind schätzt er gering,
mißhandelt die Tochter aus fürstlichem Haus.
Ein Jahr nur,
und die duftige Seele schwindet dahin.
Erkenntnis des nichtigen Blühens
Drei Frühlinge hab ich durchschaut –
was wird aus Pfirsichrot und Weidengrün?
So entsage ich aller Blütenpracht
und strebe nach himmlischer Harmonie.
Was heißt hier, 
üppig der Pfirsich erblüht, herrlich die Aprikose?
Welche Blüte überdauert den Herbst?
Ich hör nur der Toten Klagelied,
das Jammergeschrei armer Seelen;
himmelhoch steht auf den Gräbern das Gras.
Im Wechsel des Glücks reibt der Mensch sich auf,
Blühn und Vergehn ist der Blumen Geschick.
Wer könnte der Fügung von Geburt und Sterben entgehen?
Im Westen wächst, sagt man, der Posuo-Baum,
er trägt die Früchte des ewigen Lebens.
Zuviel Schlauheit
Alles wußte sie klug zu berechnen,
bis sie daran zugrunde ging.
Noch im Leben das Herz zerrissen,
hat mit dem Tod ein Ende ihr Witz.
Die Familie reich, friedlich die Menschen,
doch dann bricht alles zusammen.
Umsonst in ständiger Sorge gelebt –
wie ein nächtlicher Traum, der formlos zerflattert,
wie ein Haus, das krachend zusammenfällt,
wie eine Lampe, die knisternd verlöschen will,
wandelt Freude sich plötzlich in Leid.
Ach, auf nichts ist Verlaß im Leben!
Vergoltene Güte
Durch der Mutter Verdienst,
durch der Mutter Verdienst
schickt der Zufall ihr einen Retter.
Ein Glück nur,
ein Glück nur,
daß die Mutter verborgen einst Gutes getan.
Laß ein jeder sich raten,
die Bedrängten zu retten, den Armen zu helfen,
ungleich den schurkischen Onkeln und Vettern,
die aus Habgier verraten ihr Fleisch und ihr Blut.
Denn wahrlich, der Himmel schickt Strafe und Lohn.
Späte Pracht
Gefühle nur mehr im Spiegel?
Was sollen mir Ruhm und Ehre im Traum?
Wie schnell ist die Jugend verflogen,
kein Gedanke mehr an das eh‘liche Bett.
Eine glänzende Perlenkrone,
ein phönixbesticktes Gewand,
sie halten das Ende nicht auf.
Frei sei ein jeder von Armut im Alter!
Doch wo sind die Taten,
für die deine Kinder einst ernten den Lohn?
Stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck,
stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck,
an seiner Brust glänzt ein goldenes Siegel.
Ihm wurde ein hohes Amt zuteil,
ihm wurde ein hohes Amt zuteil,
aber nah ist der Weg ins Düster der Gelben Quellen.
Wo sind die Generäle und Kanzler von einst?
Leere Namen sind‘s, die die Nachfahren ehren.
Das Gute hat ein Ende
Ein junges Leben endet –
vom bunten Balken fällt duftender Staub.
In Liebessehnen und schönem Gesicht
liegt die Wurzel für der Familie Verderb.
Mit Herzog Djia Djing fing alles an,
im Ning-guo-Anwesen die Hauptschuld liegt,
das ererbte Übel jedoch ist die Liebe.
Epilog: Die Vögel zerstreun sich im Walde
Eine Beamtenfamilie zerfällt,
ein reiches Haus geht zugrunde.
Wohltäter kommen mit dem Leben davon, 
die Herzlosen trifft sichere Rache.
Wer Tod verschuldet, den trifft der Tod,
wer Tränen geschuldet, hat ausgeweint.
Erbfeindschaft entsteht nicht von ungefähr,
Begegnung und Trennung das Schicksal bestimmt.
Für ein kurzes Leben such im vorigen Leben den Grund,
Reichtum und Ehre im Alter nur der Zufall bringt.
Wer die Welt durchschaut, flieht vor der Welt,
die Verblendeten opfern achtlos ihr Leben.
Ist das Futter alle, zerstreun sich die Vögel im Wald,
zurück bleibt ein kahler Fleck Erde.“

Als dieses Lied zu Ende war, wollten die Mädchen noch einen Zusatz singen, aber Warnendes Trugbild hatte bemerkt, daß Bau-yü keinen Geschmack daran fand, darum seufzte sie: „Der törichte Knabe ist noch nicht erweckt.“ Auch Bau-yü sagte rasch, die Sängerinnen brauchten sich nicht weiter zu bemühen. Er fühlte sich so konfus und benommen, daß er bat, seinen Rausch ausschlafen zu dürfen. Also befahl Warnendes Trugbild, die Reste des Festmahls abzutragen, und führte Bau-yü zu einem Gemach, das so üppig ausgestattet war, wie er es noch nie gesehen hatte. Noch verwirrender aber war, daß sich längst ein Mädchen in dem Raum befand. Durch ihre frische, liebliche Art erinnerte sie an Bau-tschai, gleichzeitig ähnelte sie durch ihre elegante Zartheit auch Dai-yü, und Bau-yü wußte wirklich nicht, was er davon halten sollte. Plötzlich sagte Warnendes Trugbild: „In wie vielen reichen und vornehmen Familien in der Welt das Staubes wird die Reinheit der edlen Gemächer durch verdorbene Jünglinge und leichtfertige Mädchen befleckt! Und was noch schlimmer ist, wie viele flatterhafte Nichtstuer haben seit alters her von ‚Sinnesfreude ohne Ausschweifung‘ und von ‚unverdorbenen Gefühlen‘ gesprochen, womit sie nur ihre Untaten bemänteln und ihre Schande verdecken! Sinnesfreude ist Ausschweifung, und erst recht ist es verdorben, Gefühle zu haben. Die ‚Begegnungen mit der Fee vom Berg Wu-schan‘ und die ‚Freuden aus Wolken und Regen‘ werden dadurch bewirkt, daß sich die Sinne an der Schönheit erfreuen und das Herz sich nach Gefühlen sehnt. Dich mag ich, weil du der ausschweifendste Mensch bist, der je auf Erden gelebt hat.“ Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er rasch erwiderte: „Du irrst, Schwester Fee! Wohl haben die Eltern mich immer wieder belehrt und gescholten, weil ich träge beim Lernen bin, aber wann hätte ich mir Ausschweifungen zuschulden kommen lassen? Außerdem bin ich noch klein und weiß nicht, was Ausschweifungen sind.“ „Das stimmt nicht“, sagte Warnendes Trugbild. „Dem Prinzip nach ist die Ausschweifung dieselbe, aber dem Sinn nach gibt es Unterschiede. Die üblichen Liebhaber von Ausschweifungen haben nur Freude an schönen Gesichtern, sie lieben Gesang und Tanz, sind unermüdlich im Kosen und geben sich immerzu dem Spiel von Wolken und Regen hin. Sie bedauern es nur, daß sie nicht alle schönen Mädchen des Reiches für einen Augenblick der Lust haben können. Das sind Narren, die vor Geilheit triefen. Dir aber hat der Himmel ein törichtes Gefühl verliehen, das wir geistige Ausschweifung nennen. Diese geistige Ausschweifung kann man nur mit dem Herzen verstehen, aber nicht mit Worten ausdrücken. Du allein erfährst heute diesen Begriff. Bei den Mädchen kannst du damit ein guter Freund werden, in den Augen der Welt jedoch wirst du unvermeidlich als Sonderling gelten. Alle Münder werden dich verspotten, alle Augen werden dich scheel ansehen. Nachdem ich heute deine Ahnen, die Herzöge Ning-guo und Jung-guo, getroffen habe und sie mir ihr Herz ausgeschüttet haben, kann ich es nicht ertragen, daß du nur den Glanz der Mädchengesichter erhöhen sollst und von der Welt verachtet wirst. Deshalb habe ich dich hierher geführt, habe dir Geisterwein und Feentee vorgesetzt und dich mit kunstvollen Liedern gewarnt. Jetzt will ich dich noch mit meiner jüngeren Schwester vermählen. Ihr Kindheitsname ist Djiän-mee, ihr Ehrenname Kë-tjing. Heute nacht ist eine glückliche Stunde, um die Ehe zu vollziehen. Aber du mußt verstehen, was sogar hier im Wahnreich von Feen so ist, gilt um so mehr für die Welt des Staubes. Von nun an mußt du unbedingt über dein bisheriges Leben ins klare kommen und endlich erwachen, du mußt deinen Sinn auf die Lehren von Kung-dsï und Mëng-dsï richten und dich den Prinzipien der Staatsverwaltung widmen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, belehrte sie ihn diskret über die Praxis des Wolken-und-Regen-Spiels, schob ihn ins Zimmer, schloß die Tür und ging davon. Verwirrt befolgte Bau-yü die Anweisungen der Fee, und so tat sich unvermeidlich das, was sich zwischen Jünglingen und Mädchen tut und was man schlecht ausführlich beschreiben kann. Am nächsten Tag war Bau-yü so voll Zärtlichkeit und Anhänglichkeit, fand so viele Schmeichelworte und Liebkosungen, daß er von Kë-tjing nicht zu trennen war. Als sie Hand in Hand zu einem Spaziergang hinausgingen, gerieten sie auf einmal in eine Gegend, wo dichtes Gestrüpp die Erde bedeckte und Wölfe und Tiger in Rudeln umherschweiften. Vor ihnen versperrte ein schwarzer Fluß den Weg, über den keine Brücke führte. Während sie unschlüssig darauf zugingen, sahen sie plötzlich Warnendes Trugbild herbeieilen. „Geht nicht weiter! Kehrt nur rasch um!“ sagte sie. „Wo sind wir hier?“ fragte Bau-yü und blieb stehen. „Das ist die Furt der Verwirrung“, erklärte Warnendes Trugbild. „Sie ist zehntausend Dschang tief und eintausend Li breit, und es gibt hier kein Boot, auf dem man übersetzen könnte, nur ein Floß, das von einem hölzernen Buddha gesteuert und von einem tönernen Standbild gestakt wird. Sie nehmen kein Gold oder Silber als Fährlohn an, sondern setzen nur den über, dem es vorherbestimmt ist. Du bist durch Zufall hierher geraten, und wenn du hineingefallen wärst, wären meine aufrichtigen Warnungen umsonst gewesen.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als das Wasser in der Furt plötzlich mit Donnergetöse aufbrauste. Eine Schar von Teufeln und Wassergeistern wollte Bau-yü in die Tiefe zerren. Vor Schreck brach kalter Schweiß wie Regen aus seinem Körper, und der Schrei entfuhr ihm: „Kë-tjing, rette mich!“ Erschrocken stürzte Hsi-jën mit den anderen Sklavenmädchen rasch zu ihm, nahm ihn in die Arme und rief: „Hab keine Angst, Bau-yü! Wir sind hier.“ Frau Tjin aber, die vor der Tür gerade den kleineren Sklavenmädchen sagte, sie sollten schön zusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten, hörte plötzlich, wie Bau-yü sie im Traum bei ihrem Kindheitsnamen rief, und fragte sich verwundert: ‚Meinen Kindheitsnamen hat hier nie jemand erfahren. Woher weiß er ihn, daß er ihn im Traum rufen kann?‘ Wahrlich: Mit wem führt ein seltsamer Traum uns zusammen?

Von allen, die jemals liebten, bin ich der einzige Narr.

Dem Kapitel vorangestellt:

Frühjahrsmüde, geborgen in der üppigen Brokat-Decke,

   Folgt sie, als träumte sie, der Fee und lässt die Welt des Staubes hinter sich.
   Wer ist in den Traum von Huaxu eingetreten? —
   Der Stifter allen Liebeswirrs seit alters her.

Von Tante Schnees Aufenthalt im Prunkwille-Anwesen war schon die Rede; darüber braucht in diesem Kapitel nichts mehr gesagt zu werden. Nun aber zu Kajaljade [林黛玉]: Seit sie im Prunkwille-Anwesen lebte, überschüttete die Großmutter sie mit zehntausendfacher Liebe; in Essen, Schlafen und täglichem Leben wurde sie genau wie Schatzjade [宝玉] behandelt, während die drei leiblichen Enkelinnen Willkommensfrühling [迎春], Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling [惜春] zurückstehen mussten. Was die innige Vertrautheit zwischen Schatzjade und Kajaljade [黛玉] betrifft — sie war von Anfang an anders als bei den anderen. Tagsüber gingen und saßen sie zusammen, nachts schliefen sie nebeneinander — in vollkommener Harmonie, ohne je die geringste Unstimmigkeit.

Unerwartet aber kam nun eine gewisse Schatzspange [薛宝钗]. Sie war zwar nicht viel älter, aber von gesetztem Charakter und blühender Schönheit, und viele sagten, Kajaljade könne sich nicht mit ihr messen. Überdies war Schatzspange [宝钗] von umgänglichem Wesen und passte sich den Umständen an — anders als Kajaljade, die hochmütig und selbstbezogen war und die gewöhnlichen Dinge unter ihrer Würde hielt. Deshalb gewann Schatzspange weit mehr die Herzen der Dienerinnen — selbst die kleinen Mägde spielten lieber mit Schatzspange. Kajaljade empfand darüber einen stillen Unmut und Groll, den Schatzspange jedoch gar nicht bemerkte. Schatzjade befand sich noch im Kindesalter und war von Natur aus mit einer eigensinnigen Naivität ausgestattet: Er behandelte alle Geschwister gleich, ohne Unterschied von nah und fern. Da er mit Kajaljade zusammen bei der Großmutter lebte, war er mit ihr etwas vertrauter als mit den anderen. Und je vertrauter, desto inniger — je inniger, desto unvermeidlicher wurden kleine Zwistigkeiten aus übertriebener Empfindlichkeit. Eines Tages gerieten die beiden aus unbekanntem Anlass in einen Wortwechsel; Kajaljade weinte allein in ihrem Zimmer, und Schatzjade bereute seine unbedachten Worte und kam demütig zu ihr — erst dann beruhigte sich Kajaljade allmählich.

Da im Garten des Stillfriede-Anwesen die Pflaumenblüten in voller Pracht standen, richtete Herrlichkeit Kaufmanns Gattin You [尤氏] ein Festmahl aus und lud die Großmutter, Frau Strafe, Dame König und andere zum Blumenbetrachten ein. Zuvor kam sie mit der Gattin Hibiskus Kaufmann [贾蓉]s persönlich, um die Einladung zu überbringen. Nach dem Frühstück kamen die Großmutter und die anderen und vergnügten sich im Garten der Blumenversammlung [会芳园] — erst Tee, dann Wein; es war ein ganz gewöhnliches Familienfest der Damen beider Häuser, und es gibt nichts Besonderes zu berichten.

Nach einer Weile wurde Schatzjade müde und wollte ein Mittagsschläfchen halten. Die Großmutter befahl, man solle ihn gut unterhalten und nach einer Ruhepause zurückbringen. Herrlichkeit Kaufmanns Gattin Anmutig Anmutig Minne[1] [秦氏] erbot sich lächelnd: „Wir haben hier ein Zimmer für den jungen Onkel Bao vorbereitet. Die Urgroßmutter kann unbesorgt sein — sie braucht ihn nur mir zu überlassen." Zu Schatzjades Ammen und Dienerinnen sagte sie: „Liebe Damen, bitte folgt mir mit dem jungen Onkel." Die Großmutter wusste, dass Anmutig Anmutig Minne eine äußerst zuverlässige Person war — zierlich und anmutig, sanft und friedfertig, die Lieblingsurenkelschwiegertochter. Da sie Schatzjade bei ihr in guten Händen wusste, war sie beruhigt.

Anmutig Anmutig Anmutig Minne[2] führte die kleine Schar in ein inneres Gemach des Hauptgebäudes. Schatzjade blickte auf und sah an der Wand ein Gemälde — die dargestellten Figuren waren zwar gut gemalt, doch das Motiv war „Das Studium beim Licht einer brennenden Fackel" [燃藜图, ein Bild fleißigen Studierens]. Ohne auch nur nachzusehen, von wem es gemalt war, wurde ihm unwohl. Daneben hing ein Spruchband:

Wer die Dinge der Welt durchschaut, dem ist alles Gelehrsamkeit;

   Wer die Menschen kennt und geschickt mit ihnen umgeht, dem ist alles Literatur.

Nachdem er diese beiden Sätze gelesen hatte, weigerte er sich trotz der Pracht des Raumes entschieden, hier zu bleiben, und rief: „Hinaus, hinaus!" Anmutig Anmutig Minne lachte: „Wenn es hier nicht gut genug ist, wo denn dann? Vielleicht in meinem Zimmer?" Schatzjade nickte lächelnd. Eine Amme wandte ein: „Wo gibt es das, dass ein Onkel im Zimmer seiner Nichtenschwiegertochter schläft?" Anmutig Anmutig Minne lachte: „Ach, ärgert ihn nicht! Wie alt ist er denn, dass man sich um solche Dinge kümmern müsste! Letzten Monat war mein jüngerer Bruder zu Besuch — er ist gleich alt wie der junge Onkel, und wenn die beiden nebeneinanderstünden, wäre jener sogar noch größer!" Schatzjade fragte: „Warum habe ich ihn nie gesehen? Bring ihn her, damit ich ihn anschaue!" Alle lachten: „Er wohnt zwanzig, dreißig Li weit weg — den kann man nicht einfach herbeibringen! Ihr werdet ihn schon noch sehen." Damit kamen sie alle in Qins Zimmer.

Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, schlug ihnen ein feiner, süßer Duft entgegen. Schatzjade fühlte, wie seine Augen schwer und seine Knochen weich wurden, und rief: „Was für ein Duft!" Im Zimmer erblickte er an der Wand ein Gemälde von Tang Bohu[3] [唐伯虎]: „Haitang-Blüte im Frühlingsschlummer". Zu beiden Seiten hing ein Spruchband des Song-Gelehrten Qin Taixu [秦太虚, d.h. Qin Guan]:

Zarter Frost hält den Traum im Bann, weil der Frühling fröstelt;

   Duftende Luft umhüllt den Schlafenden — es ist der Weinhauch.

Auf dem Tisch stand der Spiegel, den einst Kaiserin Wu Zetian[4] in ihrem Spiegelkabinett aufgestellt hatte; daneben die goldene Schale, auf der die Schöne Zhao Feiyan getanzt hatte, und darin die Papaya, die An Lushan nach der Kaiserlichen Konkubine Yang geworfen und deren Brust verletzt hatte. [Anm.: Diese Gegenstände sind natürlich fiktiv-poetische Übertreibungen.] Oben stand das Ruhelager, auf dem einst Prinzessin Shouchang in der Halle der Enthaltenen Schönheit geschlafen hatte, und darüber hing der Perlenvorhang, den Prinzessin Tongchang gefertigt hatte. Schatzjade lachte: „Hier ist es schön!" Anmutig Minne lachte: „In meinem Zimmer könnte wohl auch ein Unsterblicher wohnen." Sie breitete eigenhändig die Gazedecke aus, die einst die Schöne Xishi gewaschen hatte, und schob das Mandarinenenten-Kissen zurecht, das Hongniang einst gehalten hatte. Die Ammen betteten Schatzjade und zogen sich leise zurück; nur Dufthauch[5] [袭人], Meiren [媚人], Heitermuster [晴雯][6] und Moschusmond [麝月][7], vier Dienerinnen, blieben als Begleitung. Anmutig Minne wies die kleinen Mägde an, draußen unter dem Dachvorsprung gut aufzupassen, dass die Katzen und Hunde sich nicht rauften.

Kaum hatte Schatzjade die Augen geschlossen, versank er in traumhaften Schlummer. Es war, als stünde Anmutig Minne noch vor ihm. Sanft schwebend folgte er ihr zu einem wunderbaren Ort: Zinnoberrote Geländer, weißer Stein, grüne Bäume, klare Bäche — wahrhaftig ein Ort, an den kaum je ein Menschenfuß gelangt und den kein Staubkorn berührt. Schatzjade freute sich im Traum und dachte: „Dieser Ort ist herrlich! Hier möchte ich mein ganzes Leben verbringen — selbst wenn ich mein Zuhause verlöre, wäre es mir recht. Besser, als jeden Tag von Eltern und Lehrern geschlagen zu werden!" Während er noch so sann, hörte er plötzlich hinter dem Berg jemanden singen:

Frühlingsträume zerstreuen sich mit den Wolken,

   Fallende Blüten folgen dem fließenden Wasser.
   Sagt allen jungen Herzen:
   Warum sucht ihr euch selbst den müßigen Kummer?

Schatzjade erkannte eine Frauenstimme. Noch war der Gesang nicht verklungen, da trat von drüben eine Gestalt hervor — anmutig schwebend, wahrhaft wie von einer anderen Welt. Ein Preisgedicht in Prosa beschreibt sie:

Eben hat sie die Weidenlaube verlassen, tritt gerade aus dem Blütengemach. Wohin sie geht, erschrecken die Vögel in den Hofbäumen; wenn sie sich nähert, gleitet ihr Schatten durch den Wandelgang. Wenn ihr feengleiches Gewand aufflattert, riecht man den Duft von Moschus und Orchideen; wenn ihr Lotoskleid sich regt, hört man das Klingen der Gürteljade. Ihre Grübchen lachen wie Frühlingsblüten, und Wolken türmen sich in der blauschwarzen Frisur; ihre Lippen sind wie Kirschkerne, Granatapfelzähne verströmen Duft. Ihre schlanke Taille, so zart — wie tanzt der Schnee im Wirbelwind; der Glanz ihres Perlenschmucks — goldgelbes Rouge bedeckt die Stirn. Sie erscheint und verschwindet zwischen den Blumen — bald zürnend, bald fröhlich; sie wandelt am Teich — als schwebte sie, als flöge sie. Wenn die Mondsichelbrauen lächeln, will sie sprechen und schweigt doch; wenn die Lotosschritte sich bewegen, will sie verharren und geht doch weiter. Bewundernswert ihre edle Natur: Eisklar und jadeglatt. Bewundernswert ihre Prachtgewänder: funkelnd und schillernd. Bezaubernd ihr Antlitz: wie aus Duft geformt und Jade gemeißelt. Prachtvoll ihre Haltung: wie der Phönix aufschwingt und der Drache sich erhebt. Ihre Reinheit? Wie Frühlingspflaumen, die im Schnee erblühen. Ihre Makellosigkeit? Wie Herbstchrysanthemen, von Reif bedeckt. Ihre Stille? Wie eine Kiefer im leeren Tal. Ihre Schönheit? Wie Abendrot, die sich im klaren Teich spiegelt. Ihr Geist? Wie der Mond, der den eisigen Fluss bescheint. Xishi müsste sich schämen, und Wang Zhaojun sich verbergen. Wunderbar! Wo ist sie geboren, woher kommt sie? Wahrlich: Im Jadefee-Teich gibt es keine Zweite, im Purpurpalast keine ihresgleichen!

Schatzjade sah, dass es eine Fee war, eilte freudig herbei, verbeugte sich und fragte: „Unsterbliche Schwester, woher kommt Ihr und wohin geht Ihr? Ich weiß nicht, wo dies ist — bitte nehmt mich mit!" Die Fee lachte: „Ich wohne über dem Himmel der Trennungssehnsucht, inmitten des Meeres der Kummerbewässerung. Ich bin die Fee Warnende die Fee des Warnenden Traums[8] aus der Grotte des Ausgesandten Duftes am Berg des Freigelassenen Frühlings im Reich der Großen Leere und Illusion. Ich verwalte die Liebesschulden und Mondscheinaffären der Menschenwelt und wache über die Klagen der Frauen und den Wahn der Männer. Da in jüngster Zeit Liebesschuldner sich hier verwickelt haben, bin ich gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und die Sehnsucht auszusäen. Dass ich dich heute treffe, ist kein Zufall. Mein Palast ist nicht weit von hier; ich habe nichts Besonderes zu bieten — nur eine Tasse selbstgepflückten Feentee, einen Krug selbstgebrauten edlen Weins, einige geübte Tänzerinnen und Sängerinnen und zwölf frisch gedichtete Feenlieder zum ‚Traum der Roten Kammer'. Möchtest du mich begleiten?" Schatzjade vergaß sogleich, wo Anmutig Minne geblieben war, und folgte der Fee zu einem Ort, wo ein steinernes Ehrentor quer über dem Weg stand, darauf die vier großen Zeichen: „Reich der Großen Leere und Illusion"[9] [太虚幻境]. Zu beiden Seiten ein Spruchband:

Wenn das Falsche zum Wahren wird, wird auch das Wahre falsch;

   Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.

Hinter dem Tor lag ein Palasteingang mit den vier Zeichen: „Meer der Sünde, Himmel der Liebe" [孽海情天]. Schatzjade dachte bei sich: „So also verhält es sich. Aber was sind die Liebesschulden von einst und heute, was die Schulden des Mondscheins und Windes? Ich möchte es schon gern erfahren." Indem er so dachte, hatte er sich bereits die bösen Geister in sein Innerstes gerufen. Zusammen mit der Fee trat er durch das zweite Tor; in den Seitenhallen hingen überall Tafeln und Spruchbänder — zu viele, um alles zu lesen. Er sah jedoch die Aufschriften einiger Abteilungen: „Kammer der Vernarrtheit", „Kammer des Grolls", „Kammer der Morgentränen", „Kammer der Nachtseufzer", „Kammer der Frühlingsrührung", „Kammer der Herbsttrauer".

Schatzjade wandte sich an die Fee: „Dürfte ich die ehrwürdige Fee bitten, mich in diese Kammern zu führen? Wäre das möglich?" Die Fee antwortete: „In jeder dieser Kammern sind die Schicksalsbücher aller Frauen unter dem Himmel aufbewahrt — Vergangenheit und Zukunft. Du mit deinen irdischen Augen und deinem sterblichen Leib darfst das nicht im Voraus wissen." Schatzjade ließ sich nicht abweisen und bat noch inständiger. Die Fee seufzte: „Nun gut — gehen wir wenigstens in diese eine Kammer und werfen einen Blick hinein." Schatzjade war überglücklich, blickte auf und las das Schild über der Kammer: „Kammer der Unglückseligen"[10] [薄命司]. Zu beiden Seiten ein Spruchband.

Schatzjade trat ein und sah Dutzende großer Schränke, alle versiegelt. Auf den Siegeln standen Provinznamen. Er suchte nur nach dem Siegel seiner Heimatprovinz und beachtete die anderen nicht. Da sah er auf einem Schrank in großen Zeichen: „Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling"[11] [金陵十二钗正册]. Er fragte: „Was bedeutet ‚Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling'?" Die Fee antwortete: „Das sind die Einträge der zwölf herausragendsten Frauen Eurer Provinz — darum das Hauptregister." Schatzjade sagte: „Jinling ist riesig — wie kann es nur zwölf Frauen geben? Allein in unserem Haus gibt es Hunderte von Mädchen!" Die Fee lachte kühl: „Frauen gibt es in Eurer Provinz freilich viele — aber nur die wichtigsten werden aufgezeichnet. Die beiden unteren Schränke enthalten die nächsten Ränge. Alle übrigen, die gewöhnlichen und unbedeutenden, haben kein Buch."

Schatzjade öffnete zuerst den untersten Schrank — das „Dritte Register" [又副册] — und nahm ein Buch heraus. Auf der ersten Seite war ein Bild: weder Figuren noch Landschaft, nur Tuschewolken und trüber Nebel auf dem ganzen Blatt. Dahinter einige Zeilen:

Selten wie Mondlicht nach dem Regen, flüchtig wie bunte Wolken.

   Das Herz höher als der Himmel, der Stand niedriger als der Staub.
   Geist und Anmut erregen Neid —
   Früher Tod durch Verleumdung,
   Und der empfindsame junge Herr trauert vergebens.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Heitermuster 晴雯.]

Dann sah er ein Bild: ein Strauß frischer Blumen und ein zerbrochenes Bettgestell. Dazu einige Verse:

Vergebens so sanft und gefügig,

   Vergebens gerühmt als duftend wie Osmanthus und Orchidee.
   Beneidenswert, dass die Schauspielerin das Glück hat —
   Wer hätte gedacht, dass der junge Herr leer ausgeht.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Dufthauch 袭人.]

Schatzjade verstand es nicht, legte es weg und nahm das „Zweite Register" [副册] zur Hand. Auf der ersten Seite war ein Osmanthusbaum gemalt, darunter ein Teich mit verdorrtem Schlamm, verwelktem Lotus und verfaulten Wurzeln. Dahinter stand:

Gleicher Wurzel mit dem Lotus, an einem Stiel duftend,

   Ein ganzes Leben voll leidvoller Begegnungen.
   Seit an zwei Orten ein einsamer Baum wuchs,
   Kehrte die Duftseele in die Heimat zurück.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Duftkastanie[12] 香菱, die entführte Heldenlotus.]

Schatzjade verstand auch dies nicht und griff nun zum Hauptregister. Auf der ersten Seite waren zwei verdorrte Bäume gemalt, an denen ein jadegrüner Gürtel hing, und daneben ein Schneehaufen, unter dem eine goldene Haarnadel begraben lag. Dazu vier Verse:

Beklagenswert die Tugend des angehaltenen Webstuhls, [Anm.: Schatzspange]

   Bedauernswert das Talent der Schnee-Dichterin. [Anm.: Kajaljade]
   Ein Jadegürtel hängt im Wald, [Anm.: 林 Lín = Wald + 玉 Jade = Kajaljade]
   Eine goldene Nadel liegt im Schnee begraben. [Anm.: 薛 Xuē = Schnee + 钗 Nadel = Schatzspange]

Schatzjade verstand es noch immer nicht. Er wollte fragen, wusste aber, dass die Fee es nicht verraten würde; weglegen mochte er es auch nicht. So blätterte er weiter. Er sah einen gemalten Bogen mit einer daran hängenden Zedratfrucht [香橼]. Dazu ein Lied:

Zwanzig Jahre lang — wer erkennt sie da noch?

   Granatapfelblüten erleuchten die Palastgemächer.
   Drei Frühlinge reichen nicht an den ersten Frühling heran —
   Wenn Tiger und Hase sich treffen, kehrt der große Traum heim.

[Anm.: Orakel für Urfrühling 元春. „Drei Frühlinge" = die drei jüngeren Schwestern mit „Frühling" im Namen.]

Dann zwei Personen, die Drachen steigen lassen; ein großes Meer und ein großes Schiff, darin eine Frau, die sich das Gesicht bedeckt und weint:

Begabt und klarsichtig, von hohem Geist,

   In einer sterbenden Welt geboren, da schwindet das Glück.
   Am Qingming-Fest, unter Tränen, am Flussufer stehend —
   Tausend Li Ostwind, ein ferner Traum.

[Anm.: Orakel für Erkundefrühling 探春.]

Dann einige Wolkenfetzen und ein verrinnender Bach:

Was nützt aller Reichtum? — Als Wickelkind die Eltern verloren.

   Ein Blick in die sinkende Abendsonne,
   Am Xiang-Fluss verrinnt das Wasser, die Chu-Wolken fliegen.

[Anm.: Orakel für Xiangfluss-Wolke[13] Geschichte.]

Dann ein schöner Jadestein, gefallen in Schlamm und Schmutz:

Rein sein wollen und doch nicht rein,

   Leer sein wollen und doch nicht leer!
   Schade um die Natur von Gold und Jade —
   Gefallen und versunken im Morast.

[Anm.: Orakel für Wunderjade 妙玉.]

Dann ein böser Wolf, der ein schönes Mädchen verfolgt und verschlingen will:

Der Sohn ist ein Wolf vom Zhongshan-Berg — [Anm.: Sprichwort für Undankbare]

   Kaum hat er Erfolg, wird er maßlos.
   Die zarte Blüte aus der goldenen Kammer —
   Ein einziges Jahr, dann geht es zum Gelben Quell.

[Anm.: Orakel für Willkommensfrühling 迎春.]

Dann ein alter Tempel, darin eine schöne Frau, die allein vor einem Sutra sitzt:

Durchschaut, dass drei Frühlinge nicht von Dauer sind,

   Tauscht sie das schwarze Gewand gegen die einstige Tracht.
   Schade um die Tochter aus gesticktem Tor und Adelshaus —
   Einsam liegt sie beim grünen Licht vor dem alten Buddha.

[Anm.: Orakel für Bedauerfrühling 惜春.]

Dann ein Eisberg, darauf ein weiblicher Phönix:

Ein gewöhnlicher Vogel aus der Endzeit — [Anm.: 凡鸟 = 凤 Feng = Phönixglanz [熙凤]]

   Alle bewundern ihr Talent.
   „Erst gehorchen, dann befehlen, dann nichts als Holz" — [Anm.: Rätselhafte Prophezeiung über Phönixglanz [王熙凤]s Schicksal]
   Weinend gen Jinling — die Dinge werden noch trauriger.

[Anm.: Orakel für Phönixglanz 王熙凤.]

Dann ein ödes Dorf mit einer Schenke, darin eine schöne Frau, die am Spinnrad sitzt:

Wenn die Lage sich wendet, rede nicht von Adel;

   Wenn die Familie untergeht, sprich nicht von Verwandtschaft.
   Zufällig half sie einer gewissen Liu —
   Und traf durch Zufall auf eine Wohltäterin.

[Anm.: Orakel für Pfiffigmädchen 巧姐, Phönixglanzs Tochter.]

Dann ein üppiger Orchideenstrauch, daneben eine schöne Frau in Phönixkrone und Regenbogengewand:

Im Frühlingswind reifen Pfirsich und Pflaume — vollendet.

   Wer gleicht am Ende einem Topf Orchideen?
   Ob Eis, ob Wasser — eifersüchtig umsonst,
   Ein leeres Gerede für andere Leute.

[Anm.: Orakel für Seidenweiß Pflaume 李纨.]

Dann ein hoher Palast, darin eine schöne Frau, die sich am Balken erhängt hat:

Am Himmel der Liebe, im Meer der Liebe — ein Körper aus Liebe,

   Wo Liebe sich trifft, herrscht stets die Lust.
   Man sage nicht, alle Untugend stamme aus dem Prunkwille-Anwesen —
   Die Quelle allen Unheils liegt im Ning.

[Anm.: Orakel für Qin Lieblich 秦可卿.]

Schatzjade wollte noch weiterlesen, doch die Fee wusste um seinen hohen Verstand und sein feines Gespür und fürchtete, die himmlischen Geheimnisse könnten sich enthüllen. Sie schloss das Buch, lachte und sprach: „Komm lieber mit mir und sieh dir die Wunder an — wozu hier Rätsel knacken!" Schatzjade, noch ganz benommen, legte das Buch beiseite und folgte der Fee nach hinten. Dort sah er Perlenvorhänge und bestickte Wandschirme, bemalte Balken und geschnitzte Dachtraufen — ein unbeschreiblicher Glanz. Er sah Feenblumen duften und seltsame Kräuter blühen — wahrlich ein wunderbarer Ort.

Da lachte die Fee: „Kommt schnell heraus und empfangt den edlen Gast!" Kaum hatte sie ausgesprochen, traten mehrere Feen aus dem Zimmer — alle in wallenden Lotosgewändern und flatternden Federkleidern, schön wie Frühlingsblumen und anmutig wie der Herbstmond. Als sie Schatzjade sahen, beklagten sie sich bei der Fee: „Wir wissen nicht, was für ein ‚edler Gast' das sein soll, derentwegen wir herausgerufen werden! Schwester, du sagtest, heute zu dieser Stunde werde die Seele der Purpurperlenschwester [绛珠妹子, d.h. Kajaljade] zum Besuch kommen, deshalb warteten wir so lange. Warum bringst du stattdessen dieses schmutzige Wesen mit, um unseren reinen Mädchenort zu beflecken?" Schatzjade erschrak und fühlte sich tatsächlich schmutzig und unwürdig; er wollte sich zurückziehen, konnte aber nicht.

Die Fee ergriff seine Hand und sprach zu den Schwestern: „Ihr kennt die Zusammenhänge nicht. Ich war heute eigentlich zum Prunkwille-Anwesen unterwegs, um die Purpurperle abzuholen, doch als ich am Stillfriede-Anwesen vorbeikam, traf ich auf die Geister der Ahnen Ning und Rong. Sie baten mich: ‚Unsere Familie hat seit der Reichsgründung über Generationen Ruhm und Reichtum genossen — doch nach hundert Jahren ist das Schicksal erschöpft und lässt sich nicht aufhalten. Von den zahlreichen Nachkommen ist keiner imstande, das Erbe fortzuführen. Einzig der Erblingsenkel Schatzjade — von eigenwilligem Charakter und seltsamen Neigungen, doch klug und begabt genug, um vielleicht Hoffnung zu geben; aber da das Schicksal unserer Familie zu Ende geht, fürchten wir, dass niemand ihn auf den rechten Weg führt. Wenn die Feenkönigin so gütig wäre — möge sie ihn zuerst durch die Verlockungen der Liebe und der Sinnesfreuden aus seiner Verblendung wecken, damit er vielleicht zur Vernunft kommt und sich dem rechten Weg zuwendet. Das wäre unser beider großes Glück.' — Auf dieses inständige Bitten hin erbarmte ich mich und brachte ihn hierher. Zuerst habe ich ihm die Schicksalsbücher der Frauen — obere, mittlere und untere Klasse — gezeigt und gründlich lesen lassen, doch er hat nichts begriffen. Deshalb führe ich ihn nun hierher, damit er Wein, Speise, Gesang und Tanz erlebt — vielleicht wird er eines Tages erwachen."

Darauf führte die Fee Schatzjade in ein Gemach, wo ein geheimnisvoller Duft wehte — von unbekannter Herkunft. Als Schatzjade danach fragte, lachte die Fee spöttisch: „Diesen Duft gibt es in der irdischen Welt nicht — wie könntest du ihn kennen? Er ist aus dem Blütenessenz seltener Pflanzen berühmter Berge und dem Harz kostbarer Bäume gewonnen; sein Name ist ‚Essenz aller Blüten' [群芳髓]." Man nahm Platz. Eine kleine Dienerin brachte Tee. Schatzjade schmeckte ein reines, unvergleichliches Aroma und fragte nach dem Namen. Die Fee antwortete: „Dieser Tee stammt vom Berg des Freigelassenen Frühlings, aus der Grotte des Ausgesandten Duftes, gebrüht mit dem Morgentau von Feenblumen und Geisterblättern. Sein Name ist ‚Tausend Rote, ein einziger Kelch'[14] [千红一窟]." [Anm.: 窟 kū klingt wie 哭 kū ‚weinen' — also ‚Tausend Rote — ein einziger Klagegesang'.]

Die Fee wies auf ein Spruchband an der Wand:

Zarteste Stätte von Geist und Anmut,

   Ein Himmel des Unabänderlichen.

Dann stellten sich die Feen vor: Eine hieß „Fee des Vernarrten Traumes", eine „Große Bodhisattva der Liebe", eine „Goldmädchen der Herbeigezogenen Sorge", eine „Bodhisattva des Überwundenen Grolls" — jede mit anderem Titel. Bald darauf wurden Tisch und Stühle hergerichtet und Wein und Speisen aufgetragen. Schatzjade bemerkte den klaren, milden Duft des Weins und fragte danach. Die Fee antwortete: „Dieser Wein ist aus den Kelchen hunderter Blumen, dem Saft zehntausender Bäume, dem Mark des Qilin und der Milch des Phönix gebraut; sein Name ist ‚Zehntausend Reize, ein einziger Becher' [万艳同杯]." [Anm.: 杯 bēi klingt wie 悲 bēi ‚traurig' — also ‚Zehntausend Reize — ein einziger Klagegesang'.]

Während des Trinkens traten zwölf Tänzerinnen vor und fragten, welches Stück gespielt werden solle. Die Fee sagte: „Spielt die zwölf Lieder des neu komponierten ‚Traum der Roten Kammer'." Die Tänzerinnen verneigten sich, schlugen leise die Sandelholzklöppel und griffen sanft in die silberne Zither. Sie begannen zu singen:

Die Fee erklärte Schatzjade: „Diese Lieder sind anders als die Opernmelodien der irdischen Welt, die festen Rollen und den neun Tonarten folgen müssen. Hier besingt man bald eine Person, bald ein Ereignis; jedes Stück kann vertont werden. Wer nicht selbst betroffen ist, versteht den Zauber nicht. Da du vermutlich diese Melodien nicht durchdringst, solltest du erst den Text lesen und dann die Musik hören — sonst wäre alles wie Wachs kauen." Sie ließ das Manuskript des ‚Traum der Roten Kammer' bringen und reichte es Schatzjade. Er las den Text und hörte zugleich den Gesang:

    • Erste Strophe — Vorspiel zum Traum der Roten Kammer:**

Am Anfang der Schöpfung — Wer war der Keim der Liebe? Alles nur wegen der Leidenschaft für Wind und Mondschein. In diesem Himmel des Unabänderlichen, diesem Tag des Herzeleids, dieser Stunde der Einsamkeit, Versuche man, das törichte Herz auszudrücken. Und so wurde aufgeführt dieser „Traum der Roten Kammer", Der um Gold trauert und Jade beweint.

    • Zweite Strophe — Ein ganzes Leben fehlgeleitet:**

Alle sagen, die Verbindung von Gold und Jade sei vom Schicksal bestimmt, Doch ich denke nur an den alten Bund von Stein und Holz. Vergebens sitze ich einer Einsiedlerin aus den Bergen gegenüber, die wie kristallener Schnee leuchtet — Nie vergesse ich die Fee aus dem Jenseits im einsamen Wald. Ach, in der Menschenwelt — Jetzt erst glaube ich, dass im Schönsten der Mangel liegt. Selbst wenn die Gatten einander die Speise auf Augenhöhe reichen — Am Ende bleibt das Herz unruhig.

    • Dritte Strophe — Vergeblich die zusammengezogenen Brauen:**

Eine ist eine Wunderblüte aus dem Feengarten, Der andere ein makelloser Edelstein. Wenn kein Wunderschicksal sie verbindet — Warum treffen sie sich just in diesem Leben? Und wenn ein Wunderschicksal sie verbindet — Warum muss die Herzensangelegenheit zuletzt zunichte werden? Die eine seufzt vergebens, Der andere sorgt sich umsonst. Die eine ist der Mond im Wasser, Der andere die Blüte im Spiegel. Die Augen — wie viele Tränenperlen haben sie? Wie sollen sie reichen vom Herbst durch den Winter, vom Frühling bis zum Sommer?

Schatzjade hörte dies — es war zerstreut und ohne festen Handlungsfaden, er sah keinen besonderen Wert darin. Doch der wehmütige Klang durchdrang ihm die Seele. So fragte er nicht weiter nach Herkunft und Zusammenhang und lauschte einfach, um sich die Zeit zu vertreiben. Er las weiter:

    • Vierte Strophe — Groll gegen die Unbeständigkeit:**

Wie schön das Glück der Herrlichkeit, Da kommt der Tod — der Unbeständige. Die Augen aufgerissen, wirft man alles hin; Schaukelnd schwindet die Blütenseele. Die Heimat — fern, der Berg — hoch. So suchte sie im Traum die Eltern: „Mein Schicksal ist im Gelben Quell besiegelt — Ihr Lieben, zieht euch beizeiten zurück!"

    • Fünfte Strophe — Trennung von Fleisch und Blut:**

Dreitausend Li durch Wind und Wellen — Knochen und Blut, Heim und Garten zurückgelassen. Fürchte, die restlichen Jahre unter Tränen zu enden. Sagt den Eltern: Denkt nicht an mich! Seit jeher sind Armut und Glück vom Schicksal bestimmt, Und Trennung und Vereinigung geschehen nicht ohne Grund. Von nun an auf zwei Seiten der Welt — Jeder bewahre den Frieden für sich.

    • Sechste Strophe — Freude im Leid:**

Als Wickelkind schon verwaist — die Eltern beide tot. Im Überfluss aufgewachsen — wer kennt die Zärtlichkeit? Zum Glück von Natur aus großherzig und weit, Hat sie nie Liebesgefühle im Herzen getragen. Wie Mondlicht nach dem Regen strahlt die Jadehalle. Dem ebenbürtigen Gatten vermählt — Verdiente sie sich den ewigen Bund, Der die Mühsal der Jugendjahre aufwiegt. Doch am Ende zerstreuen sich die Wolken über Gaotang, Das Wasser des Xiang-Flusses versiegt. So will es das Schicksal der irdischen Welt — Warum vergeblich trauern!

    • Siebte Strophe — Von der Welt nicht geduldet:**

Edel wie eine Orchidee, begabt wie eine Fee, Von Geburt an eigenartig — ein Rätsel für alle. Du magst verschmähen, Fleisch zu essen, es sei widerlich, Und Seide und Brokat als vulgär verachten — Doch weißt du nicht: Je höher man steht, desto mehr Neid erregt man, Und allzu rein, da schilt einen die ganze Welt. Wie schade — beim grünen Licht im alten Tempel altert sie; Verschwendet hat sie die Jugend im roten Schmuckgemach. Am Ende ist es doch der schmutzige Staub der Welt, der ihren Wunsch durchkreuzt — Wie eine makellose Jade, versunken im Schlamm. Was müssen die Prinzen und Edelleute noch klagen?

    • Achte Strophe — Freude über den Feind:**

Der Wolf vom Zhongshan-Berg, ein gefühlloses Tier, Vergisst vollkommen die alte Verbindung. Nur Hochmut, Verschwendung, Lust und Gier. Was kümmert es ihn, dass die edle Schöne aus dem Adelstor Wie Strauchweide behandelt wird? Die Tochter aus herzoglich Haus — zur Magd erniedrigt! Ach, die liebliche Seele — ein einziges Jahr, Und sie schaukelt ins Jenseits.

    • Neunte Strophe — Erkenntnis der Leeren Blüte:**

Drei Frühlinge hat sie durchschaut — nichts dauert. Was sollen Pfirsichrot und Weidengrün? Sie löscht die Blüte der Jugend aus Und sucht die Gelassenheit des Himmels. Was soll das Gerede von Himmelspfirsichen und Wolkenaprikosen? Am Ende — wer übersteht den Herbst? Schau nur das Weinen der Menschenmenge im Weidenland, Die Klagelieder der Geister unter den Ahornbäumen. Verwachsenes Gras bedeckt die Gräber — Gestern arm, heute reich — lauter Mühsal, Frühling blüht, Herbst welkt — Blumenqual. So ist das Leben — zwischen Tod und Qual — Wer kann dem entrinnen? Man sagt, im Westen steht der Baum Poluoshu — Daran die Frucht des Ewigen Lebens.

    • Zehnte Strophe — Vom Klügsein bestraft:**

Alle Ränke und Listen zu klug ersonnen — Am Ende kosten sie dich dein Leben. Im Leben schon das Herz zerbrochen, Im Tod der Geist verweht. Die Familie wohlhabend, die Menschen in Frieden — Zuletzt zerstreut sich alles, jeder flieht. Umsonst ein halbes Leben voll Ehrgeiz, Wie ein schaukelnder Traum um Mitternacht. Peng — da stürzt der Palast wie ein Kartenhaus! Dunkel und trüb — die Lampe verlischt. Ach! Ein Fest in Freude — plötzlich Leid. So ist die Menschenwelt — nie zu bestimmen!

    • Elfte Strophe — Verdienst der Ahnen:**

Glücksreste, Glücksreste — plötzlich trifft man den Wohltäter! Dank der Mutter, dank der Mutter — die Verdienste der Ahnen! Seid gütig, helft den Armen — Seid nicht wie der geldgierige, herzlose Onkel und der betrügerische Bruder! Geben und Nehmen, Plus und Minus — darüber wacht der Himmel.

    • Zwölfte Strophe — Abendliche Blüte:**

Im Spiegel die Liebe — und dann noch Ruhm im Traum! Wie schnell schwindet die schöne Jugendzeit! Rede nicht mehr von der bestickten Liebesdecke. Die Perlenkrone und das Phönixgewand Wiegen den Tod nicht auf. Obwohl man sagt: Armut im Alter sei hart — Sammle Verdienste für Kinder und Enkel! Stolz die Beamtenmütze, der Gürtel mit dem Goldsiegel — Hell das Ansehen und die hohe Würde — Und düster schon der Weg zum Gelben Quell! Welche Feldherren und Minister der Vergangenheit leben noch? Nichts als ein leerer Name, von der Nachwelt verehrt.

    • Dreizehnte Strophe — Ende der schönen Dinge:**

Am geschmückten Balken fällt der Frühlingsstaub. Wer den Wind der Liebe beherrscht und die Schönheit des Mondes besitzt — Der ist die Wurzel des Untergangs einer Familie. Die Verwahrlosung des Erbes begann bei Jing [贾敬], Der Ruin der Familie — die größte Schuld liegt bei Ning [宁国府]. Alle alten Sünden — alles entspringt der Liebe.

    • Vierzehnte Strophe — Schlussgesang: Die Vögel fliegen heim in ihren Wald:**

Der Beamte — sein Familienbesitz verfällt. Der Reiche — sein Gold und Silber ist aufgezehrt. Wer Güte empfing — entkommt dem Tod. Wer gefühllos war — bekommt seine Rechnung. Wer ein Leben schuldet — hat es zurückgezahlt. Wer Tränen schuldet — hat sie alle vergossen. Schuld um Schuld, das ist kein Spaß — Trennung und Vereinigung sind vorherbestimmt. Willst du wissen, warum das Leben kurz ist — frag das vorige Leben. Wer im Alter reich wird — hat wahrhaft Glück gehabt. Wer es durchschaut hat — tritt ins Kloster ein. Wer noch verblendet ist — gibt sein Leben umsonst hin. Wie Vögel, die ihren Wald verloren — Am Ende bleibt nur die weite, weiße Leere, wahrhaft rein!

Nach dem Gesang erklangen weitere Melodien. Die Fee bemerkte, dass Schatzjade wenig Interesse zeigte, und seufzte: „Verblendeter Junge — noch immer nicht erwacht!" Schatzjade bat die Sängerinnen aufzuhören, fühlte sich benommen und bat, sich niederlegen zu dürfen. Die Fee ließ die Reste abräumen und führte Schatzjade in ein duftiges Schlafgemach — so prächtig, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Noch erstaunlicher: In dem Gemach befand sich bereits eine junge Frau, deren frische Schönheit und Anmut teils an Schatzspange, teils an Kajaljade erinnerten.

Die Fee sprach: „In der irdischen Welt gibt es so viele reiche Familien, deren Frauengemächer von lüsternen Wüstlingen und zügelosen Mädchen befleckt werden. Noch hassenswürdiger: Seit alters her haben sich viele leichtsinnige Jünglinge mit der Formel ‚Schönheitsliebend, aber nicht lüstern' geschmückt oder sich auf ‚Empfindsam, aber nicht lüstern' berufen — alles nur Beschönigungen. Wer Schönheit liebt, ist lüstern; wer empfindet, erst recht. Denn die Vereinigung auf dem Wolkenberg und die Freude von Wind und Regen entstehen stets daraus, dass man zuerst die Schönheit begehrt und dann das Gefühl dazukommt. Was ich an dir liebe: Du bist der größte ‚Lüstling' aller Zeiten!"

Schatzjade erschrak: „Die Feenkönigin irrt! Ich bin schon zu faul zum Lernen — meine Eltern ermahnen mich ständig. Wie wagte ich das Wort ‚lüstern'? Außerdem bin ich noch zu jung und weiß gar nicht, was es bedeutet." Die Fee antwortete: „Nein! ‚Lüstern' ist zwar ein einziges Prinzip, doch sein Sinn ist vielfältig. Die gewöhnlichen Lüstlinge der Welt begehren nur Schönheit und Tanz, suchen Vergnügen ohne Ende und wollten am liebsten alle Schönheiten der Welt für ihre flüchtige Lust — das sind nur stumpfe Fleisch-und-Haut-Lüstlinge. Du hingegen bist von Geburt an mit einer besonderen Empfindsamkeit ausgestattet, die wir ‚Lust des Herzens'[15] [意淫] nennen. Diese ‚Lust des Herzens' kann nur das Herz erfassen, nicht der Mund aussprechen; nur der Geist vermitteln, nicht die Sprache beschreiben. Du allein besitzt diese beiden Zeichen. Im Frauengemach kannst du damit ein vortrefflicher Freund sein — doch in der Welt der Menschen wirst du als sonderbar und verschroben gelten und hunderttausend Münder werden dich verspotten. Da ich nun dem Flehen deiner Urgroßväter Ning und Rong nachgekommen bin — um dir nicht nur die Ehre meines Mädchenreiches zu gönnen, sondern dich auch vor dem Verderben der Welt zu bewahren —, habe ich dich hierhergebracht, dir Feenwein und Feentee eingeschenkt, dich mit Wunderliedern ermahnt, und will dir nun meine Schwester — mit dem Milchnamen Jianmei [兼美, ‚Vereinte Schönheit'] und dem Beinamen Lieblich [可卿] — als Gattin anvertrauen. Heute Nacht ist die rechte Stunde für die Hochzeit. Damit du begreifst: Alles in diesem Feenreich und Traumland ist so — wie erst die Liebe in der irdischen Welt! Von nun an löse dich, erkenne, ändere deinen Sinn und widme dich mit Eifer und Fleiß dem rechten Weg der Wirtschaft und des Dienens."

Damit lehrte sie ihn die Geheimnisse der Liebe und schob ihn hinter den Vorhang. In jenen Tagen erlebte Schatzjade mit Lieblich zärtliche Innigkeit — es sei darüber kein weiteres Wort verloren.

Eines Tages führte die Fee Schatzjade und Lieblich auf einen Ausflug an einen Ort, wo Dornen und Gestrüpp den Boden bedeckten und Wölfe und Tiger in Rudeln umherstreiften. Plötzlich versperrte ein breiter Fluss den Weg — schwarzes, reißendes Wasser, ohne Brücke oder Fähre. Schatzjade blieb ratlos stehen. Da hörte er die Fee rufen: „Schatzjade, geh nicht weiter! Kehre schleunigst um!" Schatzjade fragte erschrocken: „Was ist das für ein Ort?" Die Fee antwortete: „Das ist die Furt der Verirrung [迷津[16]]. Zehntausend Klafter tief, tausend Li weit, ohne Kahn oder Fähre — nur ein einziges Holzfloß, gesteuert vom Herrn des Toten Holzes [木居士] und gerudert vom Gehilfen aus Asche [灰侍者]. Sie nehmen weder Gold noch Silber — nur wer vom Schicksal bestimmt ist, wird übergesetzt. Wenn du in diese Tiefe stürzt, wäre alles umsonst gewesen, was ich dir mit Hilfe der Liebe an Erkenntnis und Wahrheit gelehrt habe."

Schatzjade wollte antworten, da dröhnte das Wasser der Furt wie Donner, und ein Ungeheuer wie ein Yaksha sprang heraus und stürzte sich auf ihn. Schatzjade brach der Schweiß aus wie Regen, und er schrie: „Lieblich, rette mich! Lieblich, rette mich!" — Da eilten Dufthauch, Meiren und die anderen herbei, stützten ihn und sprachen: „Schatzjade, hab keine Angst! Wir sind hier!" Anmutig Minne, die draußen alles gehört hatte, kam eilig herein und wunderte sich: „Mein Milchname — hier kennt ihn niemand. Wie hat er ihn im Traum gerufen?" —

So heißt es denn:

[Ende des fünften Kapitels]

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  1. Der Familienname 秦 Qín ist im Roman ein Homophon für 情 qíng „Leidenschaft/Liebe“. Wir übersetzen ihn als „Minne“ (mhd. für höfische Liebe), um diese verborgene Bedeutungsschicht im Deutschen hörbar zu machen. 秦可卿 klingt wie 情可轻 „Liebe kann leichtgenommen werden“; 秦钟 klingt wie 情种 „Liebessame“.
  2. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng. 可卿 kěqīng „die Liebenswerte". Der Name klingt auch wie 可倾 kěqīng „die zum Sturz Neigende" — ein Vorverweis.
  3. 唐伯虎 Táng Bóhǔ (1470–1524, eigentl. 唐寅 Táng Yín) — Maler, Dichter und Kalligraph der Ming-Zeit, einer der „Vier Meister von Wu" (吴中四才子). Berühmt für lebensvolle Frauen-Porträts und für seinen Ruf als Lebemann. Das im Roman erwähnte „Begonien im Frühlings-schlummer" (海棠春睡图) ist ein Standard-Topos der Boudoir-Malerei. Das danebenhängende Spruchpaar wird 秦太虚 Qín Tàixū (eigentl. 秦观 Qín Guān, 1049–1100) zugeschrieben — einem der bedeutendsten 婉约 wǎnyuē-„zarten" Ci-Dichter der Nördlichen Song. Beide Zuschreibungen sind fiktiv; sie evozieren eine Atmosphäre der sinnlichen Hochkultur.
  4. 武则天 Wǔ Zétiān (624–705) — einzige weibliche Kaiserin Chinas (reg. 690–705), berüchtigt für politische Härte. 赵飞燕 Zhào Fēiyàn (45–1 v. Chr.) — Tänzerin und spätere Kaiserin der Han, sprichwörtlich für ihre Leichtigkeit (sie soll auf der Handfläche getanzt haben). 杨贵妃 Yáng Guìfēi / 杨玉环 Yáng Yùhuán (719–756) — Konkubine des Tang-Kaisers Xuanzong, gilt als eine der „Vier Großen Schönheiten" Chinas. 安禄山 Ān Lùshān (703–757) — General, der die An-Shi-Rebellion auslöste, die das Tang-Reich erschütterte; angeblich Liebhaber Yang Guifeis, dessen werfender Apfel ihre Brust verletzt haben soll. Die Aufzählung dieser legendären Reliquien in Anmutig Minnes Schlafgemach ist eine literarisch-überspitzte Sinnlichkeits-Hyperbel.
  5. Chin. 袭人 Xírén — der Name spielt auf den Tang-Vers 花气袭人知昼暖 huāqì xírén zhī zhòunuǎn „Der Blütenduft überwältigt den Menschen — man erkennt, dass der Tag warm ist" (陆游 Lù Yóu, 《村居书喜》) an. 袭 xí „angreifen/überwältigen", 人 rén „Mensch". Schatzjades engste und treueste Kammerzofe; ursprünglicher Name 蕊珠 Ruǐzhū „Stempel-Perle".
  6. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". 晴 qíng „heiter/klar", 雯 wén „Wolkenmuster". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.
  7. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.
  8. Chin. 警幻仙姑 Jǐnghuàn Xiāngū. 警 jǐng „warnen/aufwecken"; 幻 huàn „Illusion/Traum"; 仙姑 xiāngū „Fee".
  9. 太虚幻境 Tàixū Huànjìng — paradiesisch-mythologische Sphäre, in der die Schicksale aller Frauen verzeichnet sind. 太虚 tàixū „Große Leere" stammt aus der daoistischen Kosmologie (Zhuangzi); 幻境 huànjìng „illusionärer Bezirk" verweist auf die buddhistische Auffassung der Welt als Trugbild (māyā). Der Ort ist Verwaltungsbezirk der Fee 警幻 Jǐnghuàn („Warnung-Illusion") und Aufbewahrungsort der zwölf Schicksalsregister. Die spätere kaiserliche Herberge 大观园 Dàguān yuán („Garten des Großen Anblicks") spiegelt das Tàixū Huànjìng als irdische Replik.
  10. 薄命司 Bómìng sī „Amt/Kanzlei der dünnen (= kurzen, schlechten) Lebensschicksale" — eine der Abteilungen des Tàixū Huànjìng, in der die Schicksalsbücher der für ein tragisches Ende bestimmten Frauen aufbewahrt werden. Der Begriff 薄命 bómìng „dünnes Schicksal" ist spätestens seit Su Shi (苏轼) ein literarischer topos für das Los schöner, hochbegabter Frauen: 自古佳人多薄命 zì gǔ jiārén duō bómìng „seit alters her haben schöne Frauen meist ein dünnes Schicksal".
  11. 金陵十二钗 Jīnlíng shí'èr chāi „Zwölf Haarspangen von Jinling" — frühester Titel des Romans (Cao Xueqins eigener Untertitel), metonymisch für die zwölf wichtigsten weiblichen Hauptfiguren. 钗 chāi „Haarspange" steht synekdochisch für „Frau". Das Hauptregister (正册) listet die zwölf Aristokratinnen (Schatzspange, Kajaljade, Urfrühling, Erkundefrühling, Geschichte, Wunderjade, Willkommens-frühling, Bedauerfrühling, Phönixglanz, Pfiffigmädchen, Seidenweiß Pflaume, Anmutig Minne); das Nebenregister (副册) und das dritte Register (又副册) listen Konkubinen, Schauspielerinnen und Zofen.
  12. Chin. 香菱 Xiānglíng. 香 xiāng „Duft"; 菱 líng „Wasserkastanie". Dies ist Heldenlotus' (英莲) neuer Name nach ihrer Entführung.
  13. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún. 史 shǐ „Geschichte" (Familienname); 湘 xiāng = der Xiang-Fluss in Hunan, berühmt für die Legende der weinenden Xiang-Konkubinen 娥皇 Éhuáng und 女英 Nǚyīng, deren Tränen die Bambusstangen befleckten (湘妃竹 Xiāngfēi-zhú); 云 yún = Wolke. Großnichte der alten Fürstin Shi (Großmutter Jia), eine der „Zwölf Schönheiten von Jinling".
  14. 千红一窟 Qiān hóng yī kū — der Teename „Tausend Rote in einer Höhle/einem Kelch" ist Wortspiel mit 千红一哭 qiān hóng yī kū „Tausend Rote in einem einzigen Weinen". Der Wein 万艳同杯 wàn yàn tóng bēi „Zehntausend Reize im selben Becher" entspricht analog 万艳同悲 wàn yàn tóng bēi „Zehntausend Reize in einer einzigen Trauer". Beide Namen formulieren das Romanthema: die zahllose Schönheit junger Frauen mündet in einer einzigen kollektiven Tragödie.
  15. 意淫 Yìyín „Geistige/Gedankliche Lust" — Cao Xueqins Schlüsselbegriff für eine reine, ästhetisch-empathische Liebe, die sich von der körperlich-grobsinnlichen 皮肤滥淫 pífū lànyín „Lust der Haut und des Fleisches" abhebt. 意 yì „Gedanke/Bedeutung", 淫 yín hier nicht „Wollust" im engen Sinn, sondern „übermäßige/leidenschaftliche Hingabe". Die Fee Jǐnghuàn lobt Schatzjade als denjenigen, der diese rare Form der Empfindsamkeit allein verkörpert — eine Selbstinszenierung des Romans, die tradierte konfuzianische Sittenkritik („das Sinnliche ist verwerflich") subtil ironisiert.
  16. 迷津 Mí jīn „Furt/Übergang der Verirrung" — buddhistische Metapher für den Zustand der Unwissenheit (avidyā), aus dem heraus die Wesen die Welt der Erscheinungen für die Wirklichkeit halten und so im saṃsāra (Kreislauf der Wiedergeburten) gefangen bleiben. Die Begleitfiguren 木居士 Mù-jūshì („Herr Holz/Verstorbenes") und 灰侍者 Huī-shìzhě („Diener Asche") personifizieren das Erloschene/Tote — wer durch die Furt durchkommt, hat alle Bindungen an die Welt aufgegeben. Der Yaksha am Ufer (im Traum) ist die Macht der Anhaftung, die den Schläfer am Übergang festhält.