Hongloumeng/de4/Chapter 7

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第七回 送宫花贾琏戏熙凤 宴宁府宝玉会秦钟

Kapitel 7 Beim Überbringen der Palastblumen vergnügt sich Kaufmann Jadeschale [贾琏] mit Phönixglanz [熙凤] — Beim Festmahl im Ning-Guofu trifft Schatzjade [宝玉] auf Qin Zhong[1]

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Dem Kapitel vorangestellt:

   Zwölf Blumengesichter, die frischesten von allen —
   Wer weiß, wer die Blumen hütet?
   Wenn man bei der Begegnung nach dem Namen fragt:
   Am Südufer des Yangtze daheim, vom Geschlecht der Qin.

Nachdem Frau Zhou die alte Liu verabschiedet hatte, ging sie hinauf, um Frau Wang Bericht zu erstatten. Frau Wang war jedoch nicht in ihren Gemächern — die Dienerinnen sagten, sie sei bei Tante Schnee[2] [薛姨妈] zum Plaudern hinübergegangen. Frau Zhou machte sich also zum Birnenduft-Hof auf. Am Eingang sah sie die Dienerin Goldarmreif[3] [金钏儿], die mit einem kleinen Mädchen auf den Stufen spielte. Als Goldarmreif Frau Zhou kommen sah, deutete sie mit dem Kinn nach innen. Frau Zhou schob leise den Vorhang beiseite und sah Frau Wang und Tante Schnee in ein langes Gespräch über Familienangelegenheiten und gesellschaftliche Beziehungen vertieft.

Da Frau Zhou sie nicht stören wollte, ging sie ins Nebenzimmer. Dort saß Schatzspange[4] in Hauskleidung, die Haare lose zusammengesteckt, am Rand des Ofenbettes über einem kleinen Tisch gebeugt, zusammen mit ihrer Dienerin Yinger [莺儿] Stickmuster abzeichnend. Als Schatzspange [宝钗] sie eintreten sah, legte sie den Pinsel nieder, drehte sich lächelnd um und bot ihr Platz an. Frau Zhou setzte sich an den Bettrand und fragte: „In den letzten zwei, drei Tagen war das Fräulein nicht drüben — hat der junge Herr Schatzjade sie vielleicht verschnupft?" Schatzspange lachte: „Nein, ganz und gar nicht. Nur hat meine alte Krankheit wieder eingesetzt, daher bin ich in den letzten Tagen nicht ausgegangen." Frau Zhou fragte besorgt nach der Ursache und riet ihr, einen guten Arzt aufzusuchen.

Schatzspange lachte: „Ach, redet nicht vom Medizinnehmen! Für diese Krankheit haben wir schon unzählige Ärzte bezahlt — kein einziger Berühmter hat geholfen. Schließlich kam ein kahlköpfiger Mönch, der sagte, er heile namenlose Krankheiten. Er diagnostizierte ein angeborenes ‚Hitzegift' aus dem Mutterleib — zum Glück sei meine Konstitution robust. Gewöhnliche Medizin helfe nicht. Er verschrieb ein Rezept namens ‚Methode vom Meer' und gab ein Päckchen merkwürdig duftendes Pulver dazu. Er sagte, bei einem Anfall solle man eine Pille nehmen. Erstaunlicherweise wirkt seine Medizin tatsächlich."

Frau Zhou fragte nach dem Rezept. Schatzspange lachte: „Die Zutaten selbst sind nicht schwer zu beschaffen — nur die ‚Zufälle' sind das Problem: Man braucht zwölf Liang [两] weiße Pfingstrosenblüten vom Frühling, zwölf Liang weiße Lotosblüten vom Sommer, zwölf Liang weiße Hibiskusblüten vom Herbst und zwölf Liang weiße Pflaumenblüten vom Winter. Diese vier Blütensorten trocknet man am Tagundnachtgleiche-Tag des folgenden Frühlings und mischt sie unter das Pulver. Dazu braucht man zwölf Qian [钱] Regenwasser vom Tag des ‚Regenwasser'-Sonnenwendepunkts [雨水] ..." Frau Zhou rief: „Ach du meine Güte! Das dauert ja drei Jahre! Und wenn es am Regenwasser-Tag gar nicht regnet?" Schatzspange lachte: „Eben! Wo gibt es solche Zufälle? Wenn es nicht regnet, muss man eben ein weiteres Jahr warten. Dazu braucht man zwölf Qian Tautropfen vom Tag des ‚Weißen Taus' [白露], zwölf Qian Reif vom Tag des ‚Reiffalls' [霜降] und zwölf Qian Schnee vom Tag des ‚Kleinen Schnees' [小雪]. Diese vier Wässer mischt man gleichmäßig unter die Arznei, fügt zwölf Qian Honig und zwölf Qian weißen Zucker hinzu, formt Pillen so groß wie Longanfrüchte und bewahrt sie in einem alten Porzellankrug auf, der unter Blumenwurzeln vergraben wird. Bei einem Anfall nimmt man eine Pille mit zwölf Teilen Huangbai-Absud [黄柏, Phellodendron] ein."

Frau Zhou lachte: „Amitabha Buddha! Das ist ja ein Ding! In zehn Jahren trifft sich das vielleicht nicht einmal!" Schatzspange sagte: „Und doch — in ein, zwei Jahren nach seinem Besuch ergab sich tatsächlich alles wie von selbst. So konnte endlich eine Charge hergestellt werden. Sie ist aus dem Süden mitgebracht und liegt jetzt unter dem Birnbaum vergraben." Frau Zhou fragte: „Hat die Medizin einen Namen?" Schatzspange antwortete: „Ja — auch den hat der kahlköpfige Mönch gesagt: ‚Pille des Kalten Duftes' [冷香丸]." Frau Zhou fragte noch nach den Symptomen. Schatzspange sagte: „Es ist nicht schlimm — nur etwas Husten und Kurzatmigkeit. Eine Pille, und es wird besser."

Frau Zhou wollte noch etwas sagen, als Frau Wang von nebenan rief: „Wer ist dort?" Frau Zhou eilte hinaus und antwortete, erstattete bei der Gelegenheit Bericht über den Besuch der alten Liu. Nach einer kurzen Pause, als Frau Wang nichts weiter sagte, wollte sie sich zurückziehen. Da rief Tante Schnee lachend: „Warte! Ich habe etwas, das du mitnehmen sollst." Sie rief nach Xiangling[5] [香菱]. Man hörte den Vorhang rascheln, und das kleine Mädchen, das vorhin mit Goldarmreif gespielt hatte, kam herein und fragte: „Was wünscht die gnädige Frau?" Tante Schnee sagte: „Hol die Blumen aus dem Kästchen." Xiangling brachte ein kleines Brokatkästchen. Tante Schnee sagte: „Das sind zwölf Blumen aus dem Palast — ganz neue Mode, aus Gaze aufgetürmt. Gestern fiel mir ein, dass es schade wäre, sie einfach liegen zu lassen — warum nicht den Mädchen zum Tragen geben? Gestern wollte ich sie schicken und habe es dann vergessen. Gut, dass du heute da bist — nimm sie gleich mit. Für die drei jungen Damen in eurem Haus je ein Paar; von den restlichen sechs gib Kajaljade zwei, und die übrigen vier bekommt Phönixglanz." Frau Wang meinte: „Behalte sie doch für Schatzspange." Tante Schnee lachte: „Die Schwester kennt Schatzspange nicht — sie hat noch nie etwas für Blumen und Puder übrig gehabt."

Frau Zhou nahm das Kästchen und ging hinaus. Vor der Tür saß Goldarmreif noch in der Sonne. Frau Zhou fragte sie: „Diese kleine Xiangling — ist das nicht die, die man immer erwähnt, die beim Aufbruch nach der Hauptstadt gekauft wurde und derentwegen der Mordprozess stattfand?" Goldarmreif bestätigte es. Da kam Xiangling lächelnd herbei. Frau Zhou nahm sie bei der Hand, betrachtete sie genau und sagte zu Goldarmreif: „Ein hübsches Ding! Sie hat tatsächlich Ähnlichkeit mit der jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Goldarmreif stimmte zu. Frau Zhou fragte Xiangling nach ihrem Alter, ihren Eltern, ihrer Herkunft — doch Xiangling schüttelte bei jeder Frage den Kopf: „Ich erinnere mich nicht." Frau Zhou und Goldarmreif seufzten vor Mitleid.

Dann trug Frau Zhou die Blumen hinter Frau Wangs Hauptgemächern hindurch. Die Großmutter hatte kürzlich befunden, die Enkelinnen seien zu viele an einem Ort, und nur Schatzjade und Kajaljade[6] [黛玉] bei sich behalten; Willkommensfrühling[7] [迎春], Spürfrühling[8] [探春] und Bewahrfrühling[9] [惜春] waren in drei kleine Zimmer hinter Frau Wangs Gemächern umgezogen, wo Li Schleierfrau[10] [李纨] sie betreute. Frau Zhou ging daher zuerst dorthin. Willkommensfrühlings Dienerin Schachspielerin [司棋] und Spürfrühlings Dienerin Shishu [侍书] kamen gerade heraus. Frau Zhou fand Willkommensfrühling und Spürfrühling beim Schachspielen am Fenster, überreichte die Blumen und erklärte den Anlass. Beide dankten höflich und ließen die Blumen von den Dienerinnen verwahren.

Dann ging Frau Zhou zu Bewahrfrühling, die sie mit der kleinen Nonne Zhineng [智能儿] vom Wassermond-Kloster [水月庵] beim Spielen und Lachen fand. Bewahrfrühling lachte: „Gerade sage ich zu Zhineng, morgen lasse ich mir auch den Kopf scheren und werde Nonne — und da bringt man mir Blumen! Wenn ich mir den Kopf scheren lasse, wo soll ich die denn hintragen?" Alle lachten; Bewahrfrühling ließ ihre Dienerin Ruhua [入画] die Blumen verwahren.

Frau Zhou fragte Zhineng nach ihrer Meisterin und den monatlichen Opfergeldern. Dann machte sie sich auf zu Phönixglanz. Sie durchquerte den Verbindungsgang, passierte Li Schleierfraus Hinterfenster, stieg über die westliche Blumenmauer und betrat Phönixglanzs Hof. Im Durchgangsraum saß die kleine Dienerin Fenr [丰儿] auf der Schwelle und winkte Frau Zhou hastig zum östlichen Zimmer. Frau Zhou schlich auf Zehenspitzen hinein und fand die Amme, die die kleine Dajie in den Schlaf wiegte. Frau Zhou flüsterte: „Macht die junge gnädige Frau Mittagsschlaf? Soll sie nicht geweckt werden?" Die Amme schüttelte den Kopf. Da hörte man von nebenan Lachen — und die Stimme Kaufmann Jadeschales. Dann ging die Zimmertür auf, und Friedchen kam mit einem großen Kupferbecken heraus und rief Fenr, Wasser zu bringen. [Anm.: Die Szene deutet an, dass Kaufmann Jadeschale und Phönixglanz sich tagsüber vergnügt haben.] Friedchen kam herüber, sah Frau Zhou und nahm das Kästchen entgegen. Sie öffnete es, nahm vier Blumen heraus und ging zurück. Nach einer Weile kam sie mit zwei Blumen und wies den Diener Caiming [彩明] an: „Bring die zur jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Dann schickte sie Frau Zhou mit Dank zurück.

Frau Zhou begab sich nun zur Großmutter. Im Durchgang traf sie plötzlich ihre Tochter, die gerade von ihren Schwiegereltern kam und einen dringenden Fall zu besprechen hatte: Ihr Schwiegersohn — kein anderer als Leng Selbstaufsteiger[11] [冷子兴], Yucuns alter Freund — war in einen Rechtsstreit wegen Antiquitätenhandels geraten und sollte in seine Heimat zurückgeschickt werden. Die Tochter bat Frau Zhou um Vermittlung. Frau Zhou beruhigte sie und schickte sie nach Hause — abends werde sie Phönixglanz um Hilfe bitten, das sei eine Kleinigkeit.

Dann ging Frau Zhou zu Kajaljade. Kajaljade war jedoch nicht in ihrem eigenen Zimmer, sondern bei Schatzjade, wo sie zusammen ein Rätselspiel mit neun Ringen spielten. Frau Zhou trat lächelnd ein: „Fräulein Lin, die Frau Tante Schnee schickt Ihnen Blumen." Schatzjade rief: „Was für Blumen? Zeig her!" und griff nach dem Kästchen. Es waren kunstvolle Palastblumen aus aufgetürmter Gaze. Kajaljade warf nur einen Blick darauf und fragte: „Sind die nur für mich allein, oder haben alle Mädchen welche bekommen?" Frau Zhou antwortete: „Alle haben schon welche — diese beiden sind die Ihren." Kajaljade lachte kalt: „Das habe ich mir gedacht — was andere nicht mehr haben wollen, gibt man mir."

Frau Zhou verstummte. Schatzjade fragte: „Schwester Zhou, was hast du drüben gemacht?" Sie erzählte von ihrem Auftrag. Schatzjade fragte: „Was macht die Schwester Schatzspange? Warum kommt sie in den letzten Tagen nicht herüber?" Frau Zhou antwortete: „Ihr geht es nicht gut." Schatzjade schickte sogleich seine Dienerin Qianxue [茜雪] mit Grüßen hinüber und ließ fragen, was für eine Krankheit es sei und welche Medizin sie nehme, und er werde sie demnächst persönlich besuchen. Frau Zhou ging, und damit war diese Sache erledigt. [Anm.: Der Schwiegersohn von Frau Zhou ist eben jener Leng Selbstaufsteiger. Frau Zhou bat abends Phönixglanz um Hilfe, und die Sache war schnell erledigt.]

Am Abend erschien Phönixglanz abgeschminkt bei Frau Wang zum Bericht: Die Zhens hatten Geschenke geschickt; man müsse die Gegengeschenke mit deren Schiffen zurücksenden. Dann besprachen sie das Geburtstagsgeschenk für die alte Fürstin des Grafen von Lin'an und andere Angelegenheiten. Phönixglanz erwähnte, die Schwägerin Zhen [尤氏] habe sie für morgen zu einem Besuch eingeladen. Frau Wang erlaubte es: „Ob es Geschäfte gibt oder nicht — da sie nicht uns, sondern nur dich einlädt, zeigt es ihre aufrichtige Absicht, dich zu zerstreuen. Du solltest gehen." Phönixglanz stimmte zu. Li Schleierfrau und die Schwestern kamen noch zur Gute-Nacht-Visite, dann gingen alle in ihre Zimmer.

Am nächsten Tag frühstückte Phönixglanz, meldete sich bei Frau Wang ab und verabschiedete sich bei der Großmutter. Als Schatzjade hörte, sie fahre zum Ning-Guofu, wollte er mit. Phönixglanz willigte ein; die beiden stiegen in die Kutsche und fuhren zum Ning-Guofu. Dort empfingen sie Kaufmann Juwel[12] [贾珍]s Gattin You [尤氏] und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉]s Gattin Qin Keqing[13] [秦氏], Schwiegermutter und Schwiegertochter, mit einem Gefolge von Nebenfrauen und Dienerinnen am Zeremonielltor. You begrüßte Phönixglanz wie gewohnt mit neckenden Scherzen, nahm Schatzjade bei der Hand, und sie gingen gemeinsam in den Empfangsraum. Qin servierte Tee. Phönixglanz fragte: „Wozu habt ihr mich hergebeten? Wenn ihr mir etwas Gutes anbieten wollt, dann schnell — ich bin beschäftigt!" You und Qin hatten noch nicht geantwortet, als einige Nebenfrauen lachend sagten: „Wenn die Zweite Schwiegertochter schon da ist, gehört sie uns — sie kann sich nicht mehr wehren!"

Gerade da kam Kaufmann Herrlichkeit herein und begrüßte alle. Schatzjade fragte: „Ist der Große Bruder [Kaufmann Juwel] heute nicht zu Hause?" You antwortete: „Er ist aufs Land gefahren, um den alten Herrn zu besuchen. Du langweilst dich doch hier — warum gehst du nicht ein wenig spazieren?"

Qin lachte: „Heute trifft es sich gut: Der jüngere Bruder, den der junge Onkel Bao letztes Mal unbedingt sehen wollte, ist heute auch da — wahrscheinlich im Studierzimmer. Warum geht der junge Onkel nicht hin?" Schatzjade sprang sofort auf. You und Phönixglanz riefen: „Vorsicht! Wohin so eilig!" Sie gaben den Dienern Anweisungen, gut auf ihn achtzugeben. Phönixglanz sagte: „Warum bringt man diesen jungen Herrn Qin nicht herein? Ich möchte ihn auch sehen." You lachte: „Lass nur! Unsere Kinder sind wildes Herumtollen gewöhnt. Seine Kinder sind fein erzogen — wenn er dich Raufboldin sieht, wird man uns auslachen!" Phönixglanz lachte: „Alle Welt — ich lache über sie, und ein Knirps soll über mich lachen?" Kaufmann Herrlichkeit sagte entschuldigend: „Er ist eben schüchtern und hat große Gesellschaft nicht gewöhnt — die Tante würde sich nur ärgern." Phönixglanz rief: „Und wenn er Nezha wäre — ich will ihn sehen! Rede keinen Unsinn, oder du bekommst eine Ohrfeige!"

Kaufmann Herrlichkeit ging lachend hinaus und brachte tatsächlich einen jungen Mann herein — etwas schlanker als Schatzjade, mit feinen Brauen und klaren Augen, rosigem Gesicht und roten Lippen, von anmutiger Gestalt und elegantem Auftreten, das Schatzjades vielleicht noch übertraf. Nur war er schüchtern und verschämt, mit einer mädchenhaften Zurückhaltung, und verbeugte sich zaghaft vor Phönixglanz. Phönixglanz war entzückt, stieß Schatzjade an und lachte: „Gegen den siehst du alt aus!" Sie ergriff des Jünglings Hand, ließ ihn neben sich sitzen und fragte nach seinem Alter und seinen Studien. Sie erfuhr, dass sein Schulname Qin Zhong [秦钟] war. Phönixglanzs Dienerinnen bemerkten, dass sie kein Begrüßungsgeschenk mitgebracht hatten, und eilten zu Friedchen, die eigenständig ein Stück Seide und zwei kleine Goldklumpen mit der Aufschrift „Erster Platz bei der Palastprüfung" [状元及第] herüberschickte. Phönixglanz sagte scherzhaft, das sei zu wenig. Qin dankte. Man aß gemeinsam, und dann spielten You, Phönixglanz und Qin Mahjong.

Schatzjade und Qin Zhong saßen beisammen und plauderten. Schatzjade war beim ersten Anblick von Qin Zhongs feiner Erscheinung wie verzaubert und sann eine Weile nach. Er dachte: „Welch ein Mensch! Neben ihm bin ich ein Schwein aus Schlamm und ein räudiger Hund! Wie bedauerlich, dass ich in einem Fürstenhaus geboren wurde! Wäre ich in einer bescheidenen Familie aufgewachsen, hätte ich mich längst mit ihm angefreundet — dann wäre mein Leben nicht umsonst gewesen. Trotz meines höheren Ranges — Seide und Brokat umhüllen nur dieses tote Holz; feiner Wein und Lammbraten füllen nur diese Schmutzgrube. Die zwei Worte ‚Reichtum und Adel' werden durch mich geschändet!" Qin Zhong seinerseits bewunderte Schatzjades außergewöhnliche Erscheinung und sein vornehmes Auftreten und dachte bei sich: „Kein Wunder, dass alle ihn verhätscheln! Wie schade, dass ich in ärmlichen Verhältnissen geboren bin und ihm nicht nahe sein kann. Die Kluft zwischen Arm und Reich — das ist wahrlich die größte Ungerechtigkeit der Welt!" Beide versanken in ähnliche Grübeleien. Dann fragte Schatzjade, was Qin Zhong lese; dieser antwortete aufrichtig. Nach zehn Sätzen hin und her fühlten sie sich einander schon eng verbunden.

Man brachte Tee und Obst; Schatzjade schlug vor, sich ins Nebenzimmer zurückzuziehen, um die Spielerinnen nicht zu stören. Qin kam herein und ermahnte Schatzjade, ihren jüngeren Bruder nachsichtig zu behandeln, falls er sich ungeschickt ausdrücke, und warnte auch ihren Bruder. Dann ging sie zurück zu Phönixglanz.

Schatzjade und Qin Zhong sprachen über Familienangelegenheiten. Qin Zhong erzählte, sein Hauslehrer sei letztes Jahr gestorben, sein Vater sei alt und krank und habe noch keinen neuen Lehrer gefunden; er wiederhole einstweilen seine alten Lektionen zu Hause. Schatzjade rief begeistert: „Genau! Wir haben eine Familienschule — alle Clanangehörigen, die sich keinen Privatlehrer leisten können, dürfen dort lernen. Da auch mein Lehrer letztes Jahr verreist ist, bin ich gerade unbeschäftigt. Mein Vater wollte mich in die Familienschule schicken, aber meine Großmutter fürchtet, die anderen Jungen seien zu wild. Warum bittet Ihr Euren Vater nicht, und Ihr kommt zu uns in die Schule? Dann lernen wir zusammen — das wäre doch wunderbar!" Qin Zhong freute sich sehr: „Mein Vater hat das tatsächlich schon erwogen! Wenn der junge Onkel mich empfiehlt, gibt es keinen Grund zu zögern!" Die beiden fassten den Plan, und Schatzjade versprach, die Großmutter zu bitten.

Beim Abendessen stellte sich heraus, dass Qin und You beim Kartenspiel verloren hatten und in einigen Tagen ein Festmahl schuldig waren. Es wurde dunkel; You ordnete an, den jungen Qin von zwei Dienern nach Hause bringen zu lassen. Man meldete jedoch, dass der Alte Jiao Da[14] [焦大] für den Dienst eingeteilt worden sei — und betrunken schimpfe. You und Qin sagten: „Warum ausgerechnet der? Es gibt genug junge Leute!" Phönixglanz tadelte You: „Ich sage doch immer, Ihr seid zu nachgiebig — solche Zustände dürft Ihr nicht dulden!"

You seufzte: „Du kennst diesen Jiao Da doch. Selbst der alte Herr kümmert sich nicht um ihn. Er war schon als Junge bei den Vorfahren und hat drei, vier Feldzüge mitgemacht. Er hat dem alten Herrn das Leben gerettet — trug ihn aus dem Leichenhaufen heraus, hungerte selbst, brachte seinem Herrn gestohlenes Essen, ging zwei Tage ohne Wasser und gab eine halbe Schale dem Herrn, trank selbst Pferdeurin. Wegen dieser Verdienste hat man ihn seit Generationen geschont. Jetzt ist er alt, achtet nicht mehr auf sein Benehmen und säuft nur noch — und wenn er betrunken ist, beschimpft er jeden. Ich sage den Verwaltern immer: Gebt ihm keine Aufgaben, behandelt ihn wie tot. Und trotzdem hat man ihn heute eingeteilt."

Phönixglanz schlug vor, ihn weit weg auf ein Landgut zu schicken. Dann fragte sie, ob die Kutsche bereit sei. Als sie und Schatzjade aufbrachen und You sie zur Halle geleitete, war Jiao Da in hellem Aufruhr. Betrunken schimpfte er zunächst den Oberverwaltter Lai Er [赖二], er sei ungerecht und feige — gute Aufträge gebe er anderen, aber so einen Nachtdienst ihm. „Undankbare Hurensöhne! Scheinoberaufseher! Ihr solltet mal nachdenken — wenn der alte Jiao Da den Fuß hebt, ist er höher als euer Kopf! Vor zwanzig Jahren gab es für den alten Jiao Da keinen, der zählte! Von eurem Pack ganz zu schweigen!"

Da kam Kaufmann Herrlichkeit, um Phönixglanzs Kutsche hinauszubegleiten. Man versuchte Jiao Da zu beruhigen, aber vergeblich. Kaufmann Herrlichkeit schimpfte ihn und ließ ihn fesseln: „Morgen, wenn er nüchtern ist, fragen wir ihn, ob er noch Lust aufs Sterben hat!" Aber Jiao Da nahm Kaufmann Herrlichkeit nicht ernst und brüllte ihm nach: „Jüngelchen Rong! Spiel nicht den Herrn vor dem alten Jiao Da! Nicht mal dein Vater und dein Großvater dürfen sich gegen mich aufbäumen! Ohne mich allein hättet ihr kein Amt, keinen Ruhm, keinen Reichtum! Euer Ahnherr hat unter Lebensgefahr das Familienvermögen aufgebaut — und jetzt, statt mir zu danken, spielt ihr den Herrn vor mir! Redet nicht weiter — sonst geht das rote Messer rein und das weiße kommt raus!"

Phönixglanz rief aus der Kutsche Kaufmann Herrlichkeit zu: „Warum schickt ihr diesen gesetzlosen Kerl nicht endlich weg! Wenn Verwandte und Freunde das erfahren, lachen sie uns aus!" Kaufmann Herrlichkeit bestätigte. Die Diener packten Jiao Da, der nun sogar Kaufmann Juwel beim Namen nannte und brüllte: „Ich gehe zum Ahnentempel und weine beim alten Herrn! Was für Bestien sind da herangewachsen! Tag für Tag stehlen sie Hunde und treiben es mit Hühnern! Der eine kriecht in die Asche [Anm.: ‚die Asche kratzen' (爬灰) = Inzest mit der Schwiegertochter], die andere hält sich einen kleinen Schwager [Anm.: Ehebruch]! Ich weiß alles! Bei uns ‚bricht man sich den Arm und versteckt ihn im Ärmel'!" Die Diener erschraken zu Tode über diese unsäglichen Worte, packten ihn, fesselten ihn und stopften ihm den Mund mit Erde und Pferdemist.

Phönixglanz und Kaufmann Herrlichkeit hörten alles aus der Ferne, taten aber so, als hätten sie nichts gehört. Schatzjade, der die Szene vom Wagen aus beobachtet hatte, fand es recht unterhaltsam und fragte Phönixglanz: „Schwester, was bedeutet ‚die Asche kratzen'?" Phönixglanz fuhr ihn zornig an: „Halt den Mund! Das ist betrunkenes Gewäsch! Du solltest so tun, als hättest du nichts gehört, statt noch nachzufragen! Warte nur, ich erzähle es der Mama — dann bekommst du Prügel!" Schatzjade erschrak und bat um Verzeihung. Phönixglanz wurde wieder freundlich: „Brav so! Wenn wir zu Hause sind, sagen wir der Großmutter, dass du mit dem jungen Neffen Qin zusammen in die Schule gehen sollst — das ist wichtiger." Damit fuhr sie zurück zum Rong-Guofu.

   Nicht die Schönheit macht zum Freund —
   Die Empfindsamkeit erst führt zum Buch.

[Ende des siebten Kapitels]

  1. Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Qin-Glocke", jüngerer Bruder von Qin Keqing.
  2. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee", Mutter von Schatzspange und Schwester von Dame Wang.
  3. Chin. 金钏儿 Jīn Chuàn'ér, wörtl. „Goldenes Armband".
  4. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange aus dem Hause Schnee".
  5. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftende Lotosknolle", das geraubte Kind Zhen Shiyin's.
  6. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Jade in Kajal-Schwarz" aus dem Hause Lin.
  7. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Den Frühling willkommen heißen", zweite der Jia-Schwestern.
  8. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Den Frühling erspüren".
  9. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Den Frühling hüten".
  10. Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Feingespinst", die junge Witwe von Kaufmann Aufrechts ältestem Sohn.
  11. Chin. 冷子兴 Lěng Zìxīng, wörtl. „Kalt-Selbstaufsteiger", ein Antiquitätenhändler.
  12. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Kaufmann Juwel", Oberhaupt des Ning-Guofu.
  13. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Schwiegertochter im Ning-Guofu, von rätselhafter Herkunft.
  14. Chin. 焦大 Jiāo Dà, wörtl. „Verbrannter Großer", alter Diener, der dem Ahnherrn des Ning-Guofu im Krieg das Leben rettete.