Hongloumeng/de4/Chapter 10

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第十回 金寡妇贪利权受辱 张太医论病细穷源

Kapitel 10 Kaufmann Juwels Ehefrau berät über einen Arzt für das Befinden der Schwiegertochter — Zhang Youshi erläutert ausführlich die Krankheitssymptome an der Pulsstelle

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Jin Rong [金荣] hatte sich der Übermacht beugen müssen, und da auch Kaufmann Glücksstein[1] [贾瑞] ihn dazu zwang, hatte er sich entschuldigt und vor Qin Zhong[2] [秦钟] einen Kotau gemacht. Erst dann gab Schatzjade[3] [贾宝玉] Ruhe. Alle gingen aus der Schule nach Hause. Jin Rong kehrte heim und wurde immer wütender, je länger er darüber nachdachte. „Qin Zhong ist nichts weiter als der kleine Schwager von Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉]", sagte er sich. „Er ist kein Spross der Familie Kaufmann — er ist bloß ein Gastschüler, genau wie ich. Nur weil Schatzjade ihn begünstigt, spielt er sich so auf und glaubt, er sei etwas Besseres als alle anderen. Wenn er sich schon so aufspielt, sollte er wenigstens anständige Dinge treiben, dann hätte niemand etwas zu sagen. Aber er treibt sich tagaus, tagein heimlich mit Schatzjade herum, als wären wir alle blind und sähen nichts! Und heute hat er wieder jemanden verführen wollen und ist mir geradewegs in die Augen gelaufen. Selbst wenn es deswegen Ärger gibt — was soll ich schon zu fürchten haben?"

Seine Mutter, Frau Hu, hörte ihn vor sich hin murren und fragte: „Worüber ärgerst du dich schon wieder? Ich habe mich mühsam an deine Tante gewandt, und deine Tante hat mit tausend Listen und hundert Kniffen die Zweitfrau Kaufmann Kette [贾琏] [d.i. Phönixglanz[4], 王熙凤] im Westanwesen dazu gebracht, dir diesen Studienplatz zu verschaffen. Ohne die Hilfe dieser Leute — hätten wir etwa das Geld, um uns einen eigenen Hauslehrer zu leisten? Außerdem sind in der Schule Tee und Mahlzeiten umsonst. Seitdem du dort lernst — das sind jetzt zwei Jahre —, haben wir zu Hause einen ganzen Haufen Essgeld gespart. Und vom Ersparten kaufst du dir gern ein schickes Gewand. Und wärst du nicht in dieser Schule, hättest du dann den Herrn Xue [薛蟠] kennengelernt? Dieser Herr Xue hat uns in den letzten zwei Jahren, ob er nun wollte oder nicht, mit siebzig, achtzig Liang Silber geholfen! Wenn du jetzt aus dieser Schule hinausfliegst und einen solchen Platz wiederfinden willst — das sage ich dir —, das ist schwerer, als zum Himmel hinaufzusteigen! Also sei brav, spiel noch ein Weilchen und geh schlafen — mehr habe ich nicht zu sagen."

Jin Rong schluckte seinen Zorn hinunter, und nach kurzer Zeit ging er tatsächlich schlafen. Am nächsten Tag besuchte er wie gehabt die Schule. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein.

Nun zu seiner Tante väterlicherseits: Sie war in die Hauptlinie der Kaufmann-Familie eingeheiratet, in die Generation mit dem Radikal „Jade" im Namen. Ihr Mann hieß Kaufmann Huang [贾璜]. Doch nicht alle Sippenangehörigen waren so wohlhabend und mächtig wie die Familien der beiden Anwesen Ning-guo und Jung-guo — das versteht sich von selbst. Die Eheleute Kaufmann Huang lebten von ihrem kleinen Besitz, statteten den beiden Anwesen regelmäßig Höflichkeitsbesuche ab und verstanden es, sich bei Phönixglanz [王熙凤] und Frau You[5] [尤氏] einzuschmeicheln. Darum unterstützten Phönixglanz und Frau You sie auch hin und wieder mit Zuwendungen, was ihnen so gerade zum Leben reichte.

An diesem Tag war zufällig das Wetter schön, und da zu Hause nichts Dringendes anlag, nahm sie eine alte Dienerin mit, stieg in eine Kutsche und fuhr zu ihrer Familie hinüber, um ihre verwitwete Schwägerin und ihren Neffen zu besuchen.

Im Laufe des Gesprächs kam Jin Rongs Mutter ausgerechnet auf den Vorfall in der Familienschule der Kaufmanns vom Vortag zu sprechen und erzählte ihrer Schwägerin die ganze Geschichte von Anfang bis Ende, Punkt für Punkt.

Frau Kaufmann Huang brauchte es nur zu hören, um in helle Empörung auszubrechen: „Dieser kleine Bengel Qin Zhong ist ein Verwandter der Kaufmanns — ist unser Rong'er etwa keiner? Die Leute sollten nicht so entsetzlich auf den Vorteil bedacht sein! Und überhaupt — was für ehrenwerte, schöne Dinge treiben denn die alle! Selbst Schatzjade hat keinen Grund, ihn derart zu begünstigen. Wartet nur, ich fahre ins Ostanwesen und besuche die Frau unseres Herrn Kaufmann Juwel[6] [贾珍]. Dann spreche ich auch mit Qin Zhongs Schwester [Qin Keqing[7], 秦可卿] und lasse sie beurteilen, ob das gerecht ist!"

Jin Rongs Mutter erschrak heftig und sagte hastig: „Das kommt nur von meiner vorschnellen Zunge, dass ich der Frau Tante das erzählt habe! Ich bitte die Frau Tante, nicht hinzugehen und sich nicht darum zu scheren, wer recht hat und wer nicht. Wenn es deswegen Krach gibt, wie soll er sich dann dort noch halten können? Wenn er seinen Platz verliert, können wir uns zu Hause nicht nur keinen Hauslehrer leisten, sondern er fällt uns obendrein als zusätzlicher Esser wieder zur Last!"

Frau Kaufmann Huang erwiderte: „So viel kann ich nicht bedenken! Warte nur, bis ich dort geredet habe — dann wirst du schon sehen!" Ohne sich von ihrer Schwägerin zurückhalten zu lassen, ließ sie ihre Dienerin die Kutsche herrichten und fuhr geradewegs zum Ning-guo-Anwesen.

Dort angekommen, fuhr sie durchs große Tor, stieg vor dem kleinen Seiteneingang an der Ostseite aus der Kutsche und ging hinein, um Kaufmann Juwels Ehefrau, Frau You, zu besuchen. Doch sie wagte es nicht, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. Mit betont herzlicher Höflichkeit erkundigte sie sich nach dem Befinden, plauderte über dies und jenes und fragte schließlich: „Warum ist die junge Frau Kaufmann Herrlichkeit [Qin Keqing] heute nicht zu sehen?"

Frau You seufzte: „Seit einigen Tagen geht es ihr irgendwie gar nicht gut. Ihre Regel ist seit über zwei Monaten ausgeblieben. Wir haben Ärzte kommen lassen, aber die sagen, eine Schwangerschaft sei es nicht. In den letzten Tagen mag sie sich nachmittags kaum noch bewegen, hat keine Lust zu sprechen, und vor den Augen wird ihr schwindlig.

Ich habe zu ihr gesagt: ‚Du brauchst dich nicht an die Etikette zu halten. Morgens und abends brauchst du nicht wie üblich bei mir zu erscheinen — pflege dich einfach ordentlich! Wenn Verwandte zu Besuch kommen, bin immer noch ich da. Und wenn die Älteren sich über dich beklagen, werde ich es ihnen erklären.'

Selbst dem jungen Kaufmann Herrlichkeit habe ich eingeschärft: ‚Du darfst sie nicht ermüden, du darfst sie nicht ärgern — lass sie in aller Ruhe gesund werden! Wenn sie Appetit auf etwas hat, soll sie es bei mir holen. Wenn ich es nicht habe, soll sie es bei der Frau von Kaufmann Kette [Phönixglanz] besorgen. Wenn ihr etwas zustößt und du eine solche Ehefrau wieder finden willst — eine von solcher Schönheit und solchem Wesen —, da kannst du mit der Laterne suchen und wirst sie nirgends finden!'

Ihr Betragen und ihre Art, die Dinge zu handhaben — welcher Verwandte, welcher Ältere in der Familie hat sie nicht gern? Deshalb bin ich in den letzten Tagen ganz außer mir vor Sorge. Und dann musste ausgerechnet heute Morgen ihr kleiner Bruder sie besuchen kommen! Dieses Kind versteht eben noch nicht, was sich gehört — wenn er sieht, dass seine Schwester nicht wohlauf ist, sollte er selbst bei etwas Wichtigem nichts davon sagen. Von einer solchen Kleinigkeit ganz zu schweigen — selbst wenn man zehntausendfaches Unrecht erlitten hat, hätte man es ihr nicht erzählen dürfen!

Aber nein — es gab gestern in der Schule eine Schlägerei, und irgendein Gastschüler hat ihn beleidigt. Es kamen auch einige anrüchige Geschichten dabei vor, und er hat ihr alles haarklein berichtet.

Du kennst ja unsere Schwiegertochter, Schwägerin: Nach außen hin ist sie heiter und gesellig und versteht es, mit allen umzugehen. Aber im Herzen ist sie empfindsam und nimmt sich alles schwer. Bei jedem Wort, das sie hört, grübelt sie drei Tage und fünf Nächte darüber nach. Ihre Krankheit kommt eben von diesem Naturell — vom zu vielen Grübeln!

Heute hat sie gehört, dass jemand ihren Bruder schikaniert hat, und da war sie zugleich empört und betrübt. Empört über diese Bande von nichtsnutzigen Fuchs- und Hundefreunden, die Gerüchte verbreiten und Streit säen. Betrübt darüber, dass ihr Bruder nichts Rechtes lernt und sich nicht auf seine Bücher konzentriert, sodass es zu solchem Tumult in der Schule kommt.

Nachdem sie das gehört hatte, hat sie heute nicht einmal gefrühstückt. Als ich das erfuhr, bin ich sofort zu ihr gegangen und habe sie eine Weile getröstet, dann habe ich ihrem Bruder ins Gewissen geredet. Ich habe ihn hinüber ins andere Anwesen geschickt, damit er Schatzjade aufsucht. Erst als sie unter meiner Aufsicht eine halbe Schale Schwalbennestersuppe zu sich genommen hatte, bin ich hierhergekommen.

Schwägerin, kannst du dir vorstellen, wie besorgt ich bin? Dazu kommt, dass wir einfach keinen guten Arzt finden. Wenn ich an ihre Krankheit denke, ist mir, als stäche man mir Nadeln ins Herz. Wisst ihr vielleicht von einem tüchtigen Arzt?"

Frau Kaufmann Huang hatte diese lange Rede angehört, und der ganze Zorn, mit dem sie eben noch bei ihrer Schwägerin Qin Keqing zur Rede stellen wollte, war ihr vor Schreck in die Fersen gefahren. Als Frau You sie fragte, ob sie einen guten Arzt kenne, beeilte sie sich zu antworten: „So, wie wir das hören, hat wirklich niemand einen guten Arzt empfohlen. Aber nach dem, was die Frau Schwägerin eben beschrieben hat, ist es am Ende doch vielleicht eine Schwangerschaft. Da sollte man nicht irgendwelche Pfuscher an sie heranlassen. Wenn die sich irren — das wäre nicht auszudenken!"

„Das ist wohl wahr", stimmte Frau You zu.

Während sie noch sprachen, kam Kaufmann Juwel von draußen herein, erblickte Frau Kaufmann Huang und fragte Frau You: „Ist das nicht die Frau von Kaufmann Huang?" Frau Kaufmann Huang trat vor und grüßte Kaufmann Juwel mit einer Verbeugung. Kaufmann Juwel sagte zu Frau You: „Bewirte die Schwester zum Essen, ehe sie geht." Damit ging er in ein anderes Zimmer hinüber.

Frau Kaufmann Huang war eigentlich gekommen, um Qin Keqing wegen der Beleidigung ihres Neffen durch Qin Zhong zur Rede zu stellen. Doch als sie von Qin Keqings Krankheit erfuhr, konnte sie die Sache nicht nur nicht ansprechen — sie wagte es nicht einmal, sie zu erwähnen. Zudem behandelten Kaufmann Juwel und Frau You sie so freundlich, dass sich ihr Zorn in Freude verwandelte. Sie plauderte noch eine Weile und fuhr dann nach Hause.

Nachdem Frau Kaufmann Huang gegangen war, kam Kaufmann Juwel herüber, setzte sich und fragte Frau You: „Hatte sie heute ein besonderes Anliegen?"

Frau You antwortete: „Eigentlich nicht. Als sie hereinkam, sah sie zwar so aus, als sei sie verärgert, aber nachdem wir lange geredet und die Krankheit unserer Schwiegertochter zur Sprache gekommen war, beruhigte sie sich allmählich. Als du ihr dann sagtest, sie solle zum Essen bleiben, war es ihr angesichts der Krankheit unserer Schwiegertochter nicht recht, noch länger sitzenzubleiben. Sie plauderte noch ein wenig und ging dann. Ein besonderes Anliegen hatte sie nicht.

Aber sprechen wir lieber über die Krankheit unserer Schwiegertochter: Du musst irgendwo einen guten Arzt finden, der sie untersucht — und bald! Die Ärzte, die bei uns ein und aus gehen, taugen doch nichts! Jeder Einzelne von ihnen hört nur auf das, was man ihm sagt, und wiederholt es dann mit ein paar gelehrten Redewendungen aufgeputzt. Eifrig sind sie allerdings — drei oder vier von ihnen wechseln sich ab und kommen vier- bis fünfmal am Tag, um den Puls zu fühlen. Dann beraten sie gemeinsam und stellen ein Rezept zusammen, aber die Arznei zeigt keine Wirkung. Dabei muss sie sich vier- bis fünfmal am Tag umziehen und sich aufsetzen, um die Ärzte zu empfangen — der Kranken schadet das nur."

Kaufmann Juwel sagte: „So ist es. Das Kind ist auch einfältig — warum muss sie sich denn ständig umziehen? Wenn sie sich dabei erkältet, kommt noch eine weitere Krankheit hinzu, und das wäre schlimm! Kleider, gleichgültig wie kostbar sie sind, was sind die schon wert? Die Gesundheit des Kindes ist das Wichtigste — selbst wenn sie jeden Tag einen neuen Anzug trüge, wäre das nichts.

Ich bin gerade hereingekommen, um dir etwas mitzuteilen: Vorhin war Feng Ziying [冯紫英] bei mir zu Besuch. Er bemerkte meinen trübsinnigen Ausdruck und fragte, was mir fehle. Da erzählte ich ihm, dass unsere Schwiegertochter plötzlich ernstlich erkrankt sei, dass wir keinen guten Leibarzt finden könnten, der zuverlässig feststelle, ob es sich um eine Schwangerschaft oder eine Krankheit handle, und ob Gefahr drohe oder nicht — weshalb ich mir seit Tagen ernsthafte Sorgen mache.

Da erzählte Feng Ziying, er habe einen Lehrer aus seiner Jugendzeit, mit Nachnamen Zhang [张], mit Vornamen Youshi [友士], einen Mann von außerordentlicher Gelehrsamkeit, der sich zudem auf die Heilkunst aufs Gründlichste verstehe und sogar über Leben und Tod eines Menschen Auskunft geben könne. Dieses Jahr sei er nach Peking gekommen, um für seinen Sohn ein Amt zu kaufen, und logiere derzeit bei ihm.

So betrachtet, scheint es geradezu vom Schicksal bestimmt, dass unsere Schwiegertochter durch seine Hände von ihrem Leiden befreit werden soll. Ich habe sofort einen Boten mit meiner Visitenkarte losgeschickt, um ihn einzuladen. Sollte er heute Abend nicht mehr kommen können, wird er sicher morgen erscheinen. Außerdem ist Feng Ziying sogleich persönlich nach Hause geeilt, um ihn zu bitten. Er hat sich verpflichtet, ihn auf jeden Fall herzubringen. Warten wir also auf diesen Herrn Zhang."

Frau You war erfreut und fragte: „Übermorgen ist der Geburtstag des Familienältesten — was sollen wir tun?"

Kaufmann Juwel berichtete: „Ich bin vorhin zum Familienältesten gegangen, um ihm meinen Gruß zu entbieten und ihn einzuladen, in unser Haus zu kommen und die Glückwünsche der ganzen Familie entgegenzunehmen. Aber der Familienälteste sagte: ‚Ich bin an Ruhe und Frieden gewöhnt — ich mag nicht in eure Streitarena gehen und mich ins Getümmel stürzen! Ihr werdet wohl sagen, es sei mein Geburtstag und ich solle kommen, damit alle vor mir ihren Kotau machen. Doch mir wäre es hundertmal lieber, wenn du meinen Kommentar zum Text der verborgenen Verdienste [Anm.: ein taoistisches Werk über himmlische Belohnung guter Taten] von jemandem sauber abschreiben und in Druckplatten schneiden ließest — das wäre besser, als mich grundlos all diese Kotaus über mich ergehen zu lassen!

Wenn übermorgen die ganze Familie kommt, dann bewirte sie ordentlich in deinem Hause — damit hat sich's. Ihr braucht mir auch nichts zu schicken, und du brauchst übermorgen auch nicht eigens zu kommen. Falls es dir im Herzen keine Ruhe lässt, kannst du schon heute deinen Kotau vor mir machen. Solltest du aber übermorgen mit einem ganzen Gefolge bei mir aufkreuzen und mich belästigen, werde ich das nicht hinnehmen!'

Nachdem er das wieder und wieder gesagt hat, traue ich mich übermorgen wahrlich nicht mehr hin. Lass Laisheng [来升] rufen und trag ihm auf, für zwei Tage ein Festmahl vorzubereiten."

Frau You ließ daraufhin Kaufmann Herrlichkeit rufen und wies ihn an: „Sag Laisheng, er soll wie üblich für zwei Tage ein üppiges Festmahl herrichten! Dann geh persönlich ins Westanwesen und lade die Herzoginmutter[8] [贾母], die Erste Gnädige Frau, die Zweite Gnädige Frau und die Frau von Kaufmann Kette [Phönixglanz] ein, uns zu besuchen. Dein Vater hat heute von einem guten Arzt erfahren und schon jemanden losgeschickt, um ihn einzuladen. Morgen wird er sicher kommen — dann musst du ihm die Krankheitssymptome der letzten Tage genau schildern."

Kaufmann Herrlichkeit sagte zu allem ja und ging hinaus. Dort traf er auf den Boten, der eben aus dem Hause des Feng Ziying zurückgekehrt war. Der berichtete: „Euer Diener war soeben bei Herrn Feng und hat mit der Visitenkarte des gnädigen Herrn den Arzt eingeladen. Der Herr Arzt sagte: ‚Der Herr hier hat mir eben davon erzählt. Aber ich habe den ganzen Tag Besuche abgestattet und bin gerade erst nach Hause gekommen. Im Augenblick reichen meine Kräfte nicht mehr aus — selbst wenn ich in Euer Haus käme, könnte ich den Puls nicht untersuchen. Lasst mich eine Nacht ausruhen — morgen komme ich bestimmt.'

Dann sagte er noch: ‚Meine medizinischen Kenntnisse sind nur oberflächlich, und eigentlich wage ich es nicht, dieser gewichtigen Empfehlung nachzukommen. Aber da sowohl Herr Feng als auch Euer gnädiger Herr darauf bestehen, kann ich nicht ablehnen. Richtet das Eurem Herrn aus! Die Visitenkarte Eures Herrn anzunehmen, wage ich wahrhaftig nicht.' Dann befahl er mir, die Karte zurückzubringen. Bitte, junger Herr, meldet das statt meiner!"

Kaufmann Herrlichkeit ging noch einmal hinein, erstattete Kaufmann Juwel und Frau You Bericht und kam dann heraus, um Laisheng rufen zu lassen und ihm die Vorbereitungen für das zweitägige Festmahl aufzutragen. Laisheng ging, um alles wie gewohnt herzurichten. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein.

Am nächsten Tag gegen Mittag wurde gemeldet: „Der eingeladene Arzt Zhang ist da!" Kaufmann Juwel ließ ihn in die große Empfangshalle führen, wo sie Platz nahmen. Nachdem der Tee getrunken war, begann Kaufmann Juwel: „Gestern hat mich Herr Feng über Eure vorzüglichen Fähigkeiten und Eure Gelehrsamkeit unterrichtet und auch darüber, wie tief Eure medizinischen Kenntnisse reichen. Meine Bewunderung kennt keine Grenzen!"

Arzt Zhang erwiderte: „Ich bin nur ein ungehobelter, unbedeutender Gelehrter, dessen Wissen seicht und beschränkt ist. Gestern hat mich Herr Feng darüber belehrt, dass man in Eurem hohen Hause auch bescheidenen Gelehrten mit Hochachtung begegnet. Da Ihr mich zudem habt rufen lassen — wie dürfte ich mich Eurem Befehl widersetzen? Doch ich habe keinerlei wirkliche Kenntnisse, und mein Schweiß der Beschämung verdoppelt sich."

„Warum so übertrieben bescheiden, Herr!" sagte Kaufmann Juwel. „Bitte geht hinein und untersucht meine Schwiegertochter! Ich setze alle Hoffnung in Eure Weisheit, damit mein besorgtes Herz Ruhe findet."

Daraufhin ging Kaufmann Herrlichkeit mit dem Arzt hinein. Als sie in die Gemächer kamen und der Arzt Qin Keqing erblickte, fragte er Kaufmann Herrlichkeit: „Das ist also Eure verehrte Gemahlin?" „So ist es", antwortete Kaufmann Herrlichkeit. „Bitte nehmt Platz. Darf ich Euch zunächst die Krankheit schildern, ehe Ihr den Puls fühlt?"

Der Arzt sagte: „Meiner bescheidenen Meinung nach wäre es besser, erst den Puls zu fühlen und dann zu sprechen. Ich betrete Euer erhabenes Haus zum ersten Mal und weiß von nichts. Nur weil Herr Feng so dringend darauf bestand, konnte ich nicht umhin zu kommen. Lasst mich nun den Puls fühlen, und dann urteilt, ob meine Diagnose zutrifft oder nicht. Anschließend könnt Ihr mir den Krankheitsverlauf der letzten Tage schildern, und gemeinsam werden wir ein Rezept erwägen. Ob es taugt oder nicht, könnt dann Ihr entscheiden."

„Ihr seid wahrhaft ein herausragender Arzt, und ich kann nur bedauern, Euch nicht früher begegnet zu sein!" sagte Kaufmann Herrlichkeit. „Bitte fühlt den Puls und sagt mir, ob Heilung möglich ist, damit meine Eltern beruhigt sind."

Die Dienerinnen brachten ein großes Unterlagekissen, und man streifte Qin Keqings Ärmel zurück, um ihre Handgelenke freizulegen. Erst jetzt legte der Arzt seine Hand auf die Pulsstelle des rechten Arms. Er regulierte seinen Atem, zählte die Pulsschläge und konzentrierte sich eine gute halbe Viertelstunde auf die feinsten Regungen des Pulses. Dann wechselte er zum linken Arm und verfuhr ebenso. Als er die Pulsdiagnose abgeschlossen hatte, sagte er: „Setzen wir uns draußen hin."

Kaufmann Herrlichkeit ging mit dem Arzt ins Vorzimmer hinaus, wo sie sich auf dem Ruhebett niederließen. Eine alte Dienerin brachte Tee. „Bitte", sagte Kaufmann Herrlichkeit und trank dem Arzt Gesellschaft. Dann fragte er: „Wie lautet Eure Diagnose? Ist die Krankheit noch heilbar?"

Der Arzt erklärte: „Bei Eurer verehrten Gemahlin zeigt der linke untere Puls [Anm.: die Pulsstelle, die dem Herzen zugeordnet ist] Schwäche und beschleunigte Schläge; der linke mittlere Puls [Anm.: der Leber zugeordnet] ist kaum spürbar; der rechte untere Puls [Anm.: der Lunge zugeordnet] ist zart und kraftlos; der rechte mittlere Puls [Anm.: der Milz zugeordnet] ist matt und ohne Energie.

Dass der linke untere Puls schwach und beschleunigt ist, zeigt an, dass die Lebenskraft des Herzens geschwächt ist, wodurch überschüssiges Feuer entsteht. Dass der linke mittlere Puls kaum spürbar ist, zeigt an, dass die Lebenskraft der Leber stockt und das Blut verarmt. Dass der rechte untere Puls zart und kraftlos ist, bedeutet, dass die Lebenskraft der Lungenbahn zu schwach ist. Und dass der rechte mittlere Puls matt und ohne Energie ist, zeigt an, dass das Erdelement der Milz vom Holzelement der Leber unterdrückt wird [Anm.: gemäß der Fünf-Elemente-Lehre der chinesischen Medizin überwindet Holz die Erde].

Bei geschwächter Herzenskraft und überschüssigem Feuer müssen Regelstörungen und Schlaflosigkeit auftreten. Bei stockender Leberkraft und Blutarmut muss es zu schmerzhafter Schwellung unter den Rippen kommen, die Regel muss ausbleiben, und im Herzen muss Hitze empfunden werden. Bei zu schwacher Lungenkraft wird der Kopf benommen, vor den Augen flimmert es, und in den frühen Morgenstunden zwischen drei und sieben Uhr treten unweigerlich Schweißausbrüche auf — ein Gefühl, als säße man in einem schwankenden Boot. Wenn das Erdelement der Milz vom Holzelement der Leber unterdrückt wird, fehlt der Appetit, der Geist ist matt, und die vier Gliedmaßen sind kraftlos und schmerzen.

Dies sind die Symptome, die nach meiner Beurteilung dieses Pulses vorliegen müssen. Wer diesen Puls als Zeichen einer Schwangerschaft deuten will — dem zu folgen wage ich nicht."

Eine alte Dienerin, die Qin Keqing persönlich bediente, bestätigte: „Genau so ist es! Der Herr Arzt spricht so unfehlbar, als wäre er ein Gott — wir brauchen gar nichts mehr zu schildern! Wir haben schon etliche Hofärzte gehabt, die sie untersuchten, aber keiner konnte so treffsicher diagnostizieren. Der eine sagt, sie sei schwanger, der andere, sie sei krank. Dieser sagt, es habe nichts auf sich, jener, sie müsse sich vor der Wintersonnenwende in Acht nehmen — nie weiß einer etwas Bestimmtes. Wir bitten den Herrn Arzt, uns klar und deutlich den Weg zu weisen!"

Der Arzt lächelte und sagte: „Die Krankheitssymptome der jungen gnädigen Frau sind durch diese Herren viel zu lange verschleppt worden. Hätte man gleich bei Einsetzen der ersten Regelblutung mit der richtigen Arznei begonnen, wäre es nicht nur nie zu dem heutigen Leiden gekommen — sie wäre inzwischen längst völlig genesen. Doch nachdem die Krankheit so weit fortgeschritten ist, musste dieses Unheil wohl eintreten.

Meiner Einschätzung nach bestehen noch drei Zehntel Aussicht auf Heilung. Wenn sie nach Einnahme meiner Arznei nachts schlafen kann, kommen noch zwei weitere Zehntel Zuversicht hinzu.

Wie ich den Puls lese, ist die junge gnädige Frau ein Mensch von höchstem Ehrgeiz und überragender Klugheit. Doch wer allzu klug ist, trifft unweigerlich auf Dinge, die nicht nach seinem Sinn sind, und wer ständig auf solche Dinge trifft, grübelt zu viel. Diese Krankheit rührt daher, dass sorgenschweres Grübeln die Milz geschädigt und das Holzelement der Leber übermächtig hat werden lassen — darum kann die Regelblutung nicht zur rechten Zeit kommen.

Darf ich fragen, wie es um die früheren Zyklen der jungen gnädigen Frau bestellt war? Die Regel kam gewiss nie zu früh, sondern immer zu spät — habe ich recht?"

Die alte Dienerin bestätigte: „Jawohl! Zu früh ist sie nie gekommen — manchmal zwei oder drei Tage zu spät, manchmal sogar ganze zehn Tage."

„Aha!" rief der Arzt. „Da haben wir die Krankheitsursache! Hätte man ihr rechtzeitig ein Mittel zur Stärkung des Herzens und Regulierung der Monatsblutung verabreicht, wäre es nie so weit gekommen. Jetzt zeigt sich deutlich das Muster: Das Wasserelement ist zu schwach und das Holzelement zu stark. Versuchen wir es mit einer Arznei."

Er schrieb ein Rezept und reichte es Kaufmann Herrlichkeit. Darauf stand:

Absud zur Stärkung der Lebenskraft, Nährung des Blutes, Kräftigung der Milz und Harmonisierung der Leber:

Ginsengwurzel (人参) — 2 Qian Atractylodes-Wurzel (白术), in Ofenlehm geröstet — 2 Qian Yünnan-Porling (云苓) — 3 Qian Aufbereitete Rehmannia-Wurzel (熟地) — 4 Qian Angelikawurzel (归身), mit Reiswein gewaschen — 2 Qian Weiße Päonie (白芍) — 2 Qian Szechuan-Liebstöckel (川芎) — 1½ Qian Tragantwurzel (黄芪) — 3 Qian Gemahlene Zypergraswurzel (香附米) — 2 Qian Mit Essig behandelte Hasenohrwurzel (醋柴胡) — 8 Fen Yamswurzel aus Huaining (怀山药), geröstet — 2 Qian Echter Eselsleim (真阿胶), mit Muschelschalenpulver geröstet — 2 Qian Lerchenspornwurzel (延胡索), in Reiswein gekocht — 1½ Qian Mit Honig kandiertes Süßholz (炙甘草) — 8 Fen

Zusätze: 7 Lotoskerne aus Fujian, ohne Keim; 2 rote Jujuben.

Kaufmann Herrlichkeit las das Rezept und sagte: „Das ist wahrhaft meisterhaft! Nur eine Frage noch: Ist die Krankheit letztendlich lebensbedrohlich oder nicht?"

Der Arzt lächelte und sagte: „Ihr seid ein kluger Mann und werdet verstehen: Eine Krankheit, die so weit fortgeschritten ist, ist nicht das Werk eines einzelnen Tages. Ob die Arznei wirkt, hängt auch vom Schicksal ab. Meiner Einschätzung nach besteht diesen ganzen Winter hindurch keine unmittelbare Gefahr. Wenn sie die Frühlings-Tagundnachtgleiche gut übersteht, darf man auf vollständige Genesung hoffen."

Kaufmann Herrlichkeit war verständig genug, nicht weiter nachzufragen. Er geleitete den Arzt hinaus und brachte dann das Rezept und die Diagnose Kaufmann Juwel. Er berichtete ihm und Frau You alles, was der Arzt gesagt hatte.

Frau You sagte zu Kaufmann Juwel: „So klar und bestimmt hat sich noch keiner der Ärzte geäußert. Ich denke, auf sein Rezept ist Verlass."

Kaufmann Juwel erwiderte: „Er ist ja auch kein gewöhnlicher Arzt, der seine Brötchen mit Medizin verdient. Nur weil ich mit Feng Ziying befreundet bin, hat der ihn mit größter Mühe dazu bewegen können zu kommen. Nun, da wir diesen Mann haben, wird unsere Schwiegertochter vielleicht wirklich gesund. Im Rezept steht Ginseng — dafür nehmen wir das Jin erstklassigen Ginseng, das wir neulich gekauft haben."

Kaufmann Herrlichkeit hörte alles an, ging hinaus und befahl einem Diener, die Arzneizutaten zu besorgen, sie zu kochen und den Trank Qin Keqing einzugeben.

Ob Qin Keqings Zustand sich nach Einnahme dieser Arznei besserte oder verschlechterte — das soll im nächsten Kapitel erzählt werden.

  1. Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, wörtl. „Kaufmann Glücksstein".
  2. Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Qin-Glocke".
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  4. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix im hellen Glanz".
  5. Chin. 尤氏 Yóu Shì, Ehefrau von Kaufmann Juwel im Ning-Guofu.
  6. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ning-Guofu.
  7. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Schwiegertochter im Ning-Guofu.
  8. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die greise Matriarchin.