Hongloumeng/de/Chapter 80
Achtzigstes Kapitel
Die schöne Duftlinse wird unschuldig vom habgierigen Ehemann geschlagen — Der Daoist Wang erfindet ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht
Als Jin Gui [金桂] das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog die Lippen, schnaubte durch die Nase und sagte händeklatschend mit kühlem Lächeln: »Wer hat je gehört, dass Wassernussblüten duften? Wenn man behauptet, Wassernüsse seien duftend, wo bleiben dann die wirklich duftenden Blumen? Das ist der größte Unsinn!«
Duftlinse [香菱] entgegnete: »Nicht nur die Wassernussblüten, selbst Lotusblätter und Lotuskapseln verströmen einen feinen Duft. Freilich kann man ihn nicht mit dem von Blumen vergleichen. Aber wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, am frühen Morgen oder um Mitternacht ganz aufmerksam auf ihn achtet, dann ist dieser Duft sogar lieblicher als der von Blumen. Auch Wassernüsse, Euryale-Früchte, Schilfblätter und Schilf-Wurzeln verströmen, wenn sie Tau und Wind empfangen, eine frische Reinheit, die das Herz erquickt.«
Jin Gui sagte: »Wenn ich dir glauben soll, duften Orchideen und Osmanthus also nicht so gut?«
Duftlinse war in der Hitze des Gesprächs und hatte die Tabuworte vergessen, und so platzte sie heraus: »Der Duft von Orchideen und Osmanthus ist mit dem anderer Blumen gar nicht zu vergleichen!«
Noch bevor sie ausgesprochen hatte, zeigte Jin Guis Zofe namens Baochan [宝蟾, »Jade-Kröte«] mit dem Finger auf Duftlinses Gesicht und rief: »Willst du sterben, willst du sterben? Wie kannst du den Namen des Fräuleins einfach so aussprechen!« [1]
Duftlinse wurde sich ihres Fehlers plötzlich bewusst, errötete und sagte eilig mit entschuldigendem Lächeln: »Es ist mir in der Eile einfach so herausgerutscht. Die gnädige Frau möge es mir bitte nicht nachtragen.«
Jin Gui sagte lachend: »Ach was, du bist wirklich zu vorsichtig. Aber ich denke mir schon die ganze Zeit, dass das Zeichen 'Duft' [香] in deinem Namen eigentlich nicht passt. Ich habe vor, es durch ein anderes zu ersetzen. Ich weiß nur nicht, ob du einverstanden bist?«
Duftlinse erwiderte hastig lachend: »Was sagt die gnädige Frau da! In diesem Augenblick gehören mir nicht einmal Leib und Leben selbst, alles gehört der gnädigen Frau. Wie sollte ich es da wagen, mich über eine Namensänderung zu beschweren? Die gnädige Frau bestimme, welches Zeichen gut ist, und das soll es sein.«
Jin Gui sagte lachend: »Du hast zwar recht, aber ich fürchte, das Fräulein [Schatzspange] könnte empfindlich reagieren und sagen: 'Den Namen habe ich ihr gegeben, und der soll schlechter sein als deiner? Du bist doch kaum ein paar Tage hier und maßt dir an, mich zu korrigieren?'«
Duftlinse erwiderte lachend: »Die gnädige Frau kennt die Umstände nicht. Als ich damals gekauft wurde, war ich zunächst der alten gnädigen Frau [Tante Schnee] zugeteilt, und darum hat das Fräulein mir den Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn aufwarte, habe ich mit dem Fräulein nichts mehr zu schaffen. Und jetzt, da die gnädige Frau da ist, erst recht nicht. Außerdem ist das Fräulein ein höchst verständiger Mensch — wie sollte sie sich darüber ärgern?«
Jin Gui sagte: »Wenn das so ist, dann passt das Zeichen 'Duft' wirklich nicht so gut wie das Zeichen 'Herbst' [秋]. Wassernüsse und Wassernussblüten gedeihen ja im Herbst, und so hat das Zeichen 'Herbst' mehr Bezug als 'Duft'.«
Duftlinse sagte: »Dann sei es so, wie die gnädige Frau bestimmt.«
Von da an wurde sie »Qiuling« [秋菱, »Herbst-Wassernuss«] genannt, und Schatzspange kümmerte sich nicht weiter darum.
Nun war Xue Pan [薛蟠] von Natur aus ein Mensch, der stets begehrte, was er noch nicht hatte [2]. Nachdem er Jin Gui geheiratet hatte und sah, dass ihre Zofe Baochan ein recht hübsches Gesicht und ein frivol-anmutiges Wesen hatte, versuchte er ständig, sie unter dem Vorwand, Tee oder Wasser zu verlangen, zu umgarnen. Baochan war zwar durchaus weltklug, fürchtete aber Jin Gui und wagte es nicht, eigenmächtig zu handeln, sondern wartete auf deren Zeichen. Jin Gui ihrerseits hatte seinen Blick sehr wohl bemerkt und überlegte bei sich: »Gerade jetzt will ich Duftlinse fertigmachen, finde aber keinen Anlass dazu. Wenn er sich jetzt für Baochan interessiert, so gebe ich ihm Baochan hin — dann wird er sich gewiss von Duftlinse entfernen, und ich kann sie mir ungestört vornehmen. Baochan ist ohnehin mein Mensch und wird leicht zu handhaben sein.« So fasste sie ihren Plan und wartete auf den richtigen Zeitpunkt.
Eines Abends war Xue Pan leicht angetrunken und ließ Baochan Tee bringen. Als er ihr die Schale abnahm, drückte er ihr absichtlich die Hand. Baochan tat verschämt und zog hastig die Hand zurück. Beide verfehlten den Griff, und mit einem Klirren fiel die Teeschale zu Boden, Tee bespritzte Kleider und Fußboden. Xue Pan tat verlegen und behauptete, Baochan habe die Schale nicht richtig gehalten. Baochan entgegnete: »Der junge Herr hat sie nicht richtig angenommen.«
Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Euer beider Getue ist ja kaum noch auszuhalten. Glaubt bloß nicht, dass irgendjemand hier dumm ist.«
Xue Pan senkte den Kopf und lächelte schweigend, Baochan lief rot an und ging hinaus. Als man sich zur Nachtruhe begab, jagte Jin Gui Xue Pan absichtlich fort und schickte ihn anderswo schlafen: »Damit mir deine gierigen Augen erspart bleiben!« Xue Pan lachte nur.
Jin Gui sagte: »Wenn du etwas willst, dann sag es mir offen, statt hinter meinem Rücken herumzuschleichen — das ist erbärmlich!«
Als Xue Pan das hörte, nutzte er den Mut, den der Wein ihm gab, kniete sich auf dem Bett nieder, ergriff Jin Guis Hand und sagte lachend: »Liebe Schwester, wenn du mir Baochan schenkst, dann kannst du mit mir machen, was du willst. Du willst meinen Kopf? Ich bringe ihn dir!«
Jin Gui sagte lachend: »Was für ein Unsinn! Wenn du jemanden begehrst, dann sag es offen und nimm sie als Nebenfrau auf, damit die Leute nichts Ungebührliches sehen müssen. Was sollte ich mir davon wünschen?«
Als Xue Pan das hörte, war er überglücklich, dankte ihr überschwänglich und ließ in dieser Nacht nichts an ehelicher Zuneigung vermissen, um Jin Gui zufriedenzustellen. Am nächsten Tag ging er nicht einmal aus dem Haus, blieb den ganzen Tag daheim und wurde immer dreister.
Am Nachmittag ging Jin Gui absichtlich fort, um den beiden Gelegenheit zu geben. Xue Pan begann sogleich, Baochan zu bedrängen. Baochan wusste im Grunde, worum es ging, und leistete nur halbherzigen Widerstand. Gerade als sie sich vereinigen wollten, erschien — denn Jin Gui hatte absichtlich gewartet und den günstigsten Moment abgepasst — die kleine Zofe Xiao She'er [小舍儿].
Diese kleine Zofe war bei Jin Gui aufgewachsen und diente ihr seit ihrer Kindheit. Da sie früh beide Eltern verloren hatte und es niemanden gab, der sich um sie kümmerte, nannten sie alle nur »Kleine Waise«, und sie verrichtete die gröbsten Arbeiten. Jin Gui ließ sie jetzt eigens kommen und befahl ihr: »Geh zu Qiuling [Duftlinse] und sage ihr, sie solle aus meinem Zimmer mein Taschentuch holen. Sag nicht, dass ich dich geschickt habe.«
Die Kleine ging und fand Duftlinse: »Schwester Ling, die gnädige Frau hat ihr Taschentuch im Zimmer vergessen. Wenn du es ihr holst und hinbringst, wäre das doch nett.«
Duftlinse hatte in letzter Zeit ständig unter Jin Guis Schikanen zu leiden, ohne zu begreifen warum, und tat alles, um sich bei ihr beliebt zu machen. Als sie das hörte, eilte sie sofort ins Zimmer, um das Taschentuch zu holen. Ahnungslos platzte sie just in dem Moment hinein, als sich die beiden in inniger Umarmung befanden. Vor Scham lief sie rot an bis über die Ohren und wandte sich hastig zum Rückzug.
Xue Pan meinte, die Sache sei bereits offiziell genehmigt, und außer Jin Gui habe er niemanden zu fürchten, deshalb hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als er Duftlinse sah, empfand er zwar eine leichte Verlegenheit, maß der Sache aber keine große Bedeutung bei. Baochan hingegen, die stets großmäulig und auf ihren Ruf bedacht war, hätte sich vor Duftlinse am liebsten in den Erdboden versenkt. Rasch stieß sie Xue Pan von sich und rannte davon, wobei sie noch unaufhörlich schimpfte und behauptete, er habe sie vergewaltigt.
Xue Pan hatte mühsam so weit umworben und war kurz vor dem Ziel gewesen, doch nun hatte Duftlinse alles verdorben. Seine ganze Leidenschaft verwandelte sich in Zorn, und der richtete sich gegen Duftlinse. Ohne ein Wort der Erklärung zuzulassen, lief er ihr nach, spuckte sie zweimal an und schimpfte: »Verfluchtes Luder, was schleichst du hier herum wie ein Gespenst!«
Duftlinse ahnte Unheil, und mit zwei, drei Sätzen war sie davongelaufen. Xue Pan suchte dann nach Baochan, doch die war spurlos verschwunden, und so schimpfte er nur noch auf Duftlinse. Am Abend nach dem Essen, schon recht betrunken, verbrühte er sich beim Baden den Fuß, weil das Wasser etwas zu heiß war. Sofort behauptete er, Duftlinse habe ihn absichtlich verletzen wollen, jagte sie splitternackt durch die Räume und trat und schlug ein paarmal auf sie ein. Duftlinse hatte niemals zuvor solches Unrecht erlitten, aber die Lage erlaubte ihr keine Gegenwehr. Sie konnte nur still für sich weinen und klagen und sich davonmachen.
Inzwischen hatte Jin Gui heimlich mit Baochan vereinbart, dass Xue Pan in dieser Nacht in Duftlinses Zimmer mit Baochan die Ehe vollziehen solle, während Duftlinse herüberkommen und bei ihr schlafen müsse. Zunächst weigerte sich Duftlinse, worauf Jin Gui ihr vorwarf, sie halte sich für zu fein dafür; dann sagte sie, Duftlinse wolle nur ihre Ruhe und scheue den nächtlichen Dienst. Schließlich schimpfte sie: »Dieser Herr ohne Anstand, der sich in jede verguckt, hat mir meine Leute weggenommen und dich nicht einmal herbestellt. Was hat er eigentlich vor? Mich in den Tod treiben, nicht wahr?«
Als Xue Pan das hörte und fürchtete, die Sache mit Baochan könnte noch platzen, rannte er herbei und beschimpfte Duftlinse ebenfalls: »Undankbares Geschöpf! Wenn du nicht sofort gehst, bekommst du Prügel!«
Duftlinse blieb nichts anderes übrig, als ihre Bettdecke zu nehmen und hinüberzugehen. Jin Gui ließ sie auf dem Fußboden schlafen. Duftlinse fügte sich. Kaum hatte sie sich hingelegt, rief Jin Gui nach Tee; kurz darauf wollte sie sich die Beine kneten lassen. So ging es die ganze Nacht sieben- oder achtmal, ohne dass Duftlinse auch nur ein einziges Mal in Ruhe liegen konnte.
Xue Pan seinerseits, der nun Baochan besaß wie einen kostbaren Schatz, kümmerte sich um nichts anderes mehr. Jin Gui aber schwor im Stillen voller Hass: »Lass dich nur ein paar Tage vergnügen — wenn ich dann alles eingefädelt habe, kannst du mir nichts mehr vorwerfen!« Einerseits hielt sie an sich, andererseits schmiedete sie Pläne gegen Duftlinse.
Nach etwa einem halben Monat stellte sie sich plötzlich wieder krank und klagte über unerträgliche Herzschmerzen und Lähmung in allen vier Gliedmaßen. Der herbeigerufene Arzt konnte nichts ausrichten, und alle sagten, Duftlinse habe sie so weit gebracht.
Nach zwei Tagen des Getöses schüttelte man plötzlich aus Jin Guis Kopfkissen eine Papierpuppe heraus, auf der Jin Guis Geburtsdaten geschrieben waren. Fünf Nadeln steckten in der Herzgrube und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. Daraufhin gerieten alle in Aufruhr, und sofort wurde Tante Schnee [薛姨妈] benachrichtigt. Tante Schnee geriet ganz außer sich, Xue Pan erst recht — er wollte augenblicklich alle foltern lassen.
Jin Gui sagte lachend: »Warum Unschuldige beschuldigen? Es wird wohl Baochans Schadenzauber sein.«
Xue Pan sagte: »Sie hatte in letzter Zeit kaum Gelegenheit, in dein Zimmer zu kommen. Warum einem Unschuldigen etwas anhängen?«
Jin Gui erwiderte mit kühlem Lächeln: »Wenn nicht sie, wer dann? Etwa ich selbst? Zwar gibt es noch andere, aber wer wagte es, in mein Zimmer zu kommen?«
Xue Pan sagte: »Duftlinse ist jetzt Tag für Tag bei dir. Sie muss es wissen — befrage sie zuerst unter der Folter, dann wird sich alles klären.«
Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Wen du auch foltern lässt, niemand wird es zugeben. Meiner Meinung nach sollten wir am besten so tun, als wüssten wir von nichts, und die Sache auf sich beruhen lassen. Ob ich daran sterbe, ist ja nicht weiter wichtig — ihr könnt euch ja dann eine Bessere nehmen. Wenn ich ehrlich bin: Es sind nur ihr drei, die mich, die eine, loswerden wollen.« Bei diesen Worten fing sie laut an zu weinen.
Xue Pan wurde durch diese Worte erst recht in Rage versetzt, griff nach einem Türriegel und stürmte auf Duftlinse zu. Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, prügelte er blindlings auf ihren Kopf und ihr Gesicht ein und behauptete steif und fest, sie stecke dahinter.
Duftlinse schrie, sie sei unschuldig. Tante Schnee eilte herbei und fuhr Xue Pan an: »Erst einmal nachfragen und dann schlagen! Dieses Mädchen hat dir jahrelang gedient — wann hat sie je nachlässig oder untreu gewesen? Wie könnte sie jetzt so etwas Gewissenloses tun! Frage erst einmal nach, was Sache ist, bevor du zuschlägst!«
Als Jin Gui hörte, dass ihre Schwiegermutter so sprach, fürchtete sie, Xue Pan könnte weich werden, und heulte noch lauter. Zugleich schrie sie schluchzend: »Einen halben Monat hat er mir meine Baochan weggenommen und sie nicht in mein Zimmer gelassen, nur Qiuling [Duftlinse] schläft bei mir. Wenn ich Baochan befragen will, stellst du dich schützend vor sie. Und jetzt schlägst du aus Wut auf sie los. Bringt mich doch um und nehmt euch eine Reichere und Hübschere, wozu diese Scherereien!«
Durch diese Worte wurde Xue Pan noch aufgeregter. Tante Schnee wiederum hörte Jin Guis Worte, die den Sohn Satz für Satz manipulierten und in der boshaftesten Weise beschuldigten, und war zutiefst empört. Aber ihr Sohn war nun einmal kein Mann von Rückgrat und ließ sich von seiner Frau am Gängelband führen. Dazu hatte er sich auch noch mit der Zofe eingelassen und wurde von der Ehefrau beschuldigt, er habe Baochan »an sich gerissen« — während Jin Gui sich selbst als die nachgiebige, großzügige Gattin darstellte. Was den Schadenzauber betraf, so wusste wahrhaftig niemand, wer ihn verübt hatte. Es war, wie das Sprichwort sagt: »Selbst ein weiser Richter kann häusliche Streitigkeiten nicht schlichten«, und hier konnte man ergänzen: Auch Schwiegereltern können die Angelegenheiten im Schlafgemach nicht beurteilen.
So blieb Tante Schnee nichts anderes übrig, als wütend auf Xue Pan zu schimpfen: »Du nichtsnutziger Taugenichts! Selbst ein räudiger Hund hat mehr Anstand als du! Klammheimlich hast du dich an die mitgebrachte Zofe herangemacht, und deine Frau kann dir vorwerfen, du habest das Mädchen an dich gerissen — wie willst du dich so noch unter die Leute wagen? Niemand weiß, wer den Zauber angestellt hat, und du schlägst drauflos, ohne Fragen zu stellen! Ich weiß, du bist einer von denen, die das Neue lieben und das Alte wegwerfen, und du setzt all meine guten Absichten von damals aufs Spiel. Wenn sie nicht mehr gut genug ist, darfst du sie trotzdem nicht schlagen. Ich rufe sofort einen Menschenhändler und lasse sie verkaufen, dann hast du deine Ruhe!« Dann befahl sie Duftlinse: »Pack deine Sachen und komm mit mir!« Gleichzeitig schickte sie jemanden los: »Holt schnell einen Menschenhändler her! Ob viel oder wenig Silber — verkauft sie, dann ist der Dorn aus dem Fleisch und der Splitter aus dem Auge, und wir haben alle unseren Frieden!«
Als Xue Pan sah, dass seine Mutter in Zorn geraten war, senkte er demütig den Kopf.
Jin Gui aber rief, als sie das hörte, durchs Fenster hinaus und weinte: »Nur zu, verkauft sie, Frau Mutter! Aber kommt mir nicht mit 'den einen meinen, den anderen treffen'. Sind wir etwa solche Eifersüchtigen, die niemanden neben sich dulden? Was soll das heißen, 'Dorn aus dem Fleisch, Splitter aus dem Auge'? Wer ist hier der Dorn und wer der Splitter? Wenn ich sie wirklich nicht leiden könnte, hätte ich dann zugelassen, dass man mir mein eigenes Mädchen wegnimmt?«
Tante Schnee hörte das und zitterte vor Wut: »Wo gibt es so etwas? Die Schwiegermutter spricht, und die Schwiegertochter fährt ihr durchs Fenster in die Parade! Und das will ein Kind aus gutem Hause sein! Das ganze Haus zusammenzuschreien — was soll das!«
Xue Pan stampfte verzweifelt mit dem Fuß: »Hört auf, hört auf! Die Leute hören alles und lachen sich tot!«
Doch Jin Gui dachte sich: Wer A sagt, muss auch B sagen, und fing erst recht an zu toben und zu schreien: »Mir ist es gleich, ob die Leute lachen! Deine Nebenfrau setzt mir mit Zauberei zu, und ich soll mich vor dem Gelächter der Leute fürchten? Wenn es so nicht geht, dann behaltet sie und verkauft mich! Jeder weiß, dass die Familie Xue reich ist und bei jeder Gelegenheit mit Geld um sich wirft und ihre feinen Verwandten hat, um andere einzuschüchtern. Worauf wartet ihr noch? Wenn ich euch nicht gut genug bin — wer hat euch gezwungen, unter tausend Bitten und Beteuerungen zu uns zu kommen und um mich zu werben? Jetzt bin ich hier, das Gold und Silber der Mitgift ist übergeben, und wer nur halbwegs vorzeigbar aussieht, wird euch auch noch weggenommen — da ist es wohl an der Zeit, mich loszuwerden!«
Während sie so schrie und weinte, wälzte sie sich auf dem Boden und schlug sich selbst. Xue Pan war so aufgelöst, dass ihm alles gleich war — reden war falsch, beschwichtigen war falsch, schlagen war falsch, flehen war falsch. Er konnte nur noch seufzen und stöhnen und sich über sein Unglück beklagen.
Inzwischen war Tante Schnee bereits von Schatzspange [薛宝钗] ins Haus zurückgeführt worden. Sie ließ Leute kommen, um Duftlinse zu verkaufen. Schatzspange aber sagte lachend: »In unserer Familie hat man immer nur Leute gekauft, nie verkauft. Mama, du bist wohl vor Wut ganz durcheinander geraten! Wenn das jemand hört, wäre es doch peinlich. Wenn Bruder und Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann soll sie mir dienen — ich habe ohnehin zu wenig Leute.«
Tante Schnee sagte: »Wenn wir sie behalten, gibt es nur wieder Ärger. Besser, wir schicken sie fort und haben Ruhe.«
Schatzspange erwiderte lachend: »Wenn sie bei mir ist, ist es dasselbe. Sie darf eben nicht mehr nach vorne gehen. Von nun an ist die Verbindung dorthin abgebrochen, und es ist, als wäre sie verkauft worden.«
Duftlinse war längst zu Tante Schnee gelaufen, weinte bitterlich und flehte, sie nicht wegzuschicken — lieber wolle sie dem Fräulein folgen. Und so ließ Tante Schnee es dabei bewenden.
Von diesem Tag an blieb Duftlinse wirklich bei Schatzspange und brach jeden Kontakt nach vorne ab. Doch es verging keine Nacht, in der sie nicht traurig zum Mond aufblickte und beim Lampenlicht über ihr Schicksal klagte. Sie war von jeher von schwächlicher Konstitution, und obwohl sie mehrere Jahre in Xue Pans Gemach verbracht hatte, war sie aufgrund einer Erkrankung des Blutes nie schwanger geworden. Jetzt kamen noch Zorn, Gram und Erniedrigung von innen und außen hinzu, und schließlich entwickelte sich bei ihr die Krankheit des ausgetrockneten Blutes [干血之症]: Tag für Tag wurde sie hagerer, sie fieberte, hatte keinen Appetit mehr, und die Medikamente, die der Arzt verschrieb, zeigten keinerlei Wirkung.
In der Zwischenzeit machte Jin Gui noch mehrmals Skandal, so dass Tante Schnee und ihre Tochter nur noch im Stillen Tränen vergossen und das Schicksal verwünschten. Xue Pan hatte zwar zwei- oder dreimal im Weinmut Anlauf genommen, den Knüppel erhoben und zuschlagen wollen, doch Jin Gui bot ihm jedes Mal ihren Leib dar und sagte: »Schlag zu, soviel du willst!« Und wenn er nach dem Messer griff und drohte, sie zu töten, reckte sie ihm den Hals hin. Xue Pan konnte es natürlich nicht über sich bringen, ihr etwas anzutun, und so blieb es bei lautem Geschrei und Getöse. Inzwischen war er an dieses Treiben so gewöhnt, dass Jin Guis Übermut nur noch wuchs und Xue Pans Rückgrat nur noch weicher wurde.
Zwar lebte Duftlinse noch im Haus, doch es war, als gäbe es sie nicht mehr. Auch wenn Jin Gui nicht völlig zufrieden war, störte Duftlinse sie zumindest nicht mehr, und so ließ sie vorläufig von ihr ab. Stattdessen nahm sie sich nun schrittweise Baochan vor. Baochan jedoch war von ganz anderem Temperament als Duftlinse — ein wahres Pulverfass. Nachdem sie mit Xue Pan zusammengekommen war, hatte sie Jin Gui kurzerhand vergessen. Als Jin Gui anfing, sie zu drangsalieren, wollte sie sich nicht im Geringsten unterordnen. Erst kam es zu Wortgefechten, dann, als Jin Gui in Rage geriet, zu Beschimpfungen, und schließlich zu Handgreiflichkeiten. Baochan wagte zwar nicht, zurückzuschlagen oder zu widersprechen, aber sie spielte die große Szene: Sie warf sich auf den Boden, wälzte sich herum, drohte mit Selbstmord — tagsüber mit Messer und Schere, nachts mit dem Strick, und machte bei jeder Gelegenheit einen Aufstand.
Xue Pan konnte es unmöglich beiden recht machen, schwankte hilflos zwischen den beiden hin und her, und wenn der Lärm gar zu schlimm wurde, flüchtete er aus dem Haus und versteckte sich im Außenquartier. Wenn Jin Gui gerade keinen Wutanfall hatte und guter Laune war, trommelte sie Leute zum Kartenspiel und Würfeln zusammen. Ihre größte Leidenschaft war das Abnagen von Knochen: Jeden Tag mussten Hühner und Enten geschlachtet werden, das Fleisch wurde den Dienern gegeben, und sie selbst aß einzig und allein in Fett knusprig gebackene Knochen zu ihrem Wein. Wenn sie schlechte Laune bekam oder das Essen sie langweilte, schimpfte sie wild drauflos: »Andere Nichtsnutze und Huren amüsieren sich prächtig, warum soll ich es nicht?«
Tante Schnee und ihre Tochter ließen sie einfach gewähren. Xue Pan hatte auch kein Mittel dagegen und bereute nur Tag und Nacht, diesen Unruhestifter geheiratet zu haben. Es fehlte ihm schlichtweg an einem Plan. In beiden Häusern, dem Ning- und dem Rong-Anwesen, wusste von hoch bis niedrig jedermann davon, und es gab niemanden, der nicht seufzte.
Zu dieser Zeit hatte Schatzjade [贾宝玉] seine hundert Tage hinter sich und durfte wieder ausgehen. Auch er hatte Jin Gui besucht und festgestellt: »Ihr Äußeres und ihr Benehmen sind gar nicht abstoßend, sie sieht aus wie eine frische Blume und eine zarte Weide, den anderen Schwestern durchaus ebenbürtig — wie kann sie nur ein solches Wesen haben? Das ist in höchstem Grade verwunderlich.« Das gab ihm sehr zu denken.
Als er an diesem Tag Frau Wang [王夫人] seinen Morgengruß entbot, traf er gerade Yingchuns [迎春] Amme, die zu Besuch gekommen war und von Sun Shaozus [孙绍祖] unwürdigem Betragen berichtete: »Das Fräulein weint nur noch heimlich für sich und wünscht sich nichts sehnlicher, als ein paar Tage nach Hause zu kommen, um sich zu erholen.«
Frau Wang sagte: »Ich wollte sie in den letzten Tagen ohnehin abholen lassen, aber bei all den Widrigkeiten habe ich es vergessen. Neulich war Schatzjade dort und hat mir bei seiner Rückkehr auch davon erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, dann lassen wir sie holen.«
Gerade als sie das besprachen, schickte die Herzoginmutter [贾母] jemanden, um Schatzjade zu suchen, mit der Nachricht: »Morgen in aller Frühe zum Tianqi-Tempel [天齐庙], um ein Gelübde einzulösen.«
Schatzjade konnte es ohnehin kaum erwarten, endlich wieder einmal auszugehen. Als er das hörte, war er so aufgeregt, dass er die ganze Nacht kein Auge zumachte und sehnsüchtig auf den Morgen wartete.
Am nächsten Tag in aller Frühe, nachdem er sich gewaschen, frisiert und angekleidet hatte, fuhr er mit zwei oder drei alten Ammen im Wagen zum Tianqi-Tempel vor dem westlichen Stadttor, um Räucherstäbchen zu verbrennen und sein Gelübde einzulösen. Im Tempel war bereits seit dem Vortag alles vorbereitet worden.
Schatzjade war von Natur aus furchtsam und scheute die finsteren Statuen von Göttern und Dämonen. Dieser Tianqi-Tempel war in einer früheren Dynastie erbaut worden und einst von gewaltiger Pracht gewesen. Inzwischen jedoch war er nach langen Jahren äußerst verfallen. Die Lehmstatuen im Inneren hatten allesamt ein furchteinflößendes Aussehen. Darum eilte Schatzjade durch die Zeremonie des Papierverbrennens und zog sich dann in den Ruheraum des klösterlichen Nebengebäudes zurück.
Nachdem er dort zu Mittag gegessen hatte, streiften die alten Ammen und Li Gui [李贵, Schatzjades Diener] mit ihm eine Weile umher, um sich zu zerstreuen. Dann wurde Schatzjade müde und kehrte in das stille Zimmer zurück, um sich auszuruhen. Die alten Ammen fürchteten, er könnte einschlafen, und baten den Vorsteher des Tempels, den alten Daoisten Wang, herein, um ihm Gesellschaft zu leisten.
Dieser alte Daoist Wang war ein Mann, der sich mit Wundermitteln und Quacksalbereien seinen Lebensunterhalt verdiente. Vor dem Tempel hing sein Schild mit dem Angebot aller erdenklichen Pillen, Pulver, Salben und Elixiere. Da er auch in den Ning- und Rong-Anwesen ein- und ausging, hatten ihm alle den Spitznamen »Wang Ein-Pflaster«[3] gegeben, weil seine Pflaster angeblich so wirksam waren, dass ein einziges alle Krankheiten heilen konnte.
Wang Ein-Pflaster trat ein. Schatzjade lag gerade halb schlafend auf dem Kang [4]. Li Gui und die anderen redeten auf ihn ein, er solle nicht einschlafen. Als sie Wang Ein-Pflaster kommen sahen, riefen sie lachend: »Da kommt er ja, da kommt er ja! Meister Wang, Ihr könnt so gut Geschichten erzählen, erzählt eine für unseren jungen Herrn!«
Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Ganz recht! Junger Herr, schlaft nur nicht ein, sonst spielen euch die Teigtaschen im Bauch einen Streich!« Darüber lachte das ganze Zimmer. Auch Schatzjade lachte, setzte sich auf und richtete seine Kleider.
Wang Ein-Pflaster rief seinen Lehrlingen zu, sie sollten schnell guten starken Tee aufbrühen.
Mingyun [茗烟, Schatzjades Diener] sagte: »Unser junger Herr trinkt nicht Euren Tee! Schon dass er in diesem Zimmer sitzt, stört ihn der Pflastergeruch!«
Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Was für ein unbedarfter Junge! Pflaster werden nie in dieses Zimmer gebracht. Da ich wusste, dass der junge Herr heute kommen würde, habe ich schon vor drei bis fünf Tagen mit Räucherwerk durchgeräuchert, und nochmals und nochmals.«
Schatzjade sagte: »Das stimmt wohl. Man hört ja täglich, wie gut Eure Pflaster sein sollen, aber gegen welche Krankheiten wirken sie eigentlich?«
Wang Ein-Pflaster sagte: »Wenn der junge Herr nach meinen Pflastern fragt, so ist das eine lange Geschichte, die ich in einem Satz nicht erklären kann. Es sind insgesamt hundertundzwanzig Zutaten, Herrscher und Diener in harmonischem Zusammenspiel, Gäste in rechter Gesellschaft, warm und kühl zugleich angewendet, für Vornehm und Gering in verschiedener Rezeptur. Innerlich regulieren sie das Urprinzip, stärken das Qi, öffnen den Magen, pflegen den Blutkreislauf, beruhigen den Geist, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Speisen und Schleim auf. Äußerlich harmonisieren sie die Blutbahnen, entspannen die Sehnen, entfernen totes Fleisch, lassen neues wachsen, vertreiben Wind und zerstreuen Giftstoffe. Die Wirkung ist göttlich — wer es einmal ausprobiert hat, weiß Bescheid.«
Schatzjade sagte: »Ich glaube nicht, dass ein einziges Pflaster all diese Krankheiten heilen kann. Aber ich frage dich: Gibt es eine bestimmte Krankheit, die es auch heilen kann?«
Wang Ein-Pflaster sagte: »Hundert Krankheiten und tausend Leiden, alle wirkt es sofort. Wenn es nicht wirkt, kann der junge Herr mich am Bart packen, mir ins alte Gesicht schlagen und meinen Tempel abreißen lassen! Nennt mir nur die Krankheit.«
Schatzjade sagte lachend: »Rate mal! Wenn du es errätst, dann kannst du es auch heilen.«
Wang Ein-Pflaster überlegte eine Weile und sagte lachend: »Das ist allerdings schwer zu erraten. Ich fürchte, mein Pflaster hat seine Wirkung eingebüßt.«
Schatzjade befahl Li Gui und den anderen: »Geht erst einmal hinaus und tretet etwas an die Luft. Bei so vielen Leuten wird es hier immer stickiger.«
Li Gui und die anderen gingen hinaus, nur Mingyun blieb. Mingyun hielt ein Stäbchen Traumsüß-Räucherwerk in der Hand. Schatzjade ließ ihn neben sich sitzen und lehnte sich an ihn.
Wang Ein-Pflaster, der sich seinen Teil dachte, kam grinsend näher und flüsterte: »Ich glaube, ich habe es erraten. Der junge Herr hat jetzt wohl Gemachsangelegenheiten und braucht stärkende Mittel, nicht wahr?«
Noch bevor er ausgesprochen hatte, fuhr Mingyun ihn an: »Halt die Schnauze, das setzt Ohrfeigen!«
Schatzjade hatte nicht verstanden und fragte rasch: »Was hat er gesagt?«
Mingyun sagte: »Glaubt ihm doch sein dummes Geschwätz nicht.«
Wang Ein-Pflaster erschrak und wagte nicht mehr zu fragen, sondern sagte nur: »Der junge Herr sage es mir bitte geradeheraus.«
Schatzjade sagte: »Ich frage dich: Gibt es ein Pflaster gegen die Eifersuchts-Krankheit der Frauen?«
Wang Ein-Pflaster klatschte in die Hände und sagte lachend: »Da hört es auf! Nicht nur, dass ich kein Mittel dagegen habe — ich habe nicht einmal je davon gehört!«
Schatzjade sagte lachend: »Das wäre ja noch gar nichts Besonderes.«
Wang Ein-Pflaster sagte hastig: »Ein Pflaster gegen Eifersucht kenne ich allerdings nicht, aber es gibt eine Trank-Medizin, die vielleicht wirkt — nur dauert es etwas und wirkt nicht auf der Stelle.«
Schatzjade fragte: »Was für ein Trank, und wie wird er eingenommen?«
Wang Ein-Pflaster sagte: »Er heißt 'Eifersuchts-Heiltrank'.[5] Man nehme eine erstklassige Herbstbirne, zwei Qian [6] Kandiszucker und ein Qian getrocknete Mandarinenschale, dazu drei Schalen Wasser, und koche, bis die Birne gar ist. Jeden Morgen eine Birne essen, und mit der Zeit wird es besser.«
Schatzjade sagte: »Das ist ja keine große Sache, aber ob es wirklich wirkt?«
Wang Ein-Pflaster sagte: »Wirkt eine Dosis nicht, isst man zehn. Hilft es heute nicht, isst man morgen weiter. Hilft es dieses Jahr nicht, isst man bis zum nächsten Jahr. Diese drei Zutaten befeuchten die Lunge, regen den Magen an und schaden niemandem. Es schmeckt angenehm süß und hilft gegen Husten obendrein. Wenn man es hundert Jahre lang isst — nun, dann stirbt der Mensch sowieso. Wer tot ist, ist auch nicht mehr eifersüchtig! Dann hat es gewirkt!«
Daraufhin lachten Schatzjade und Mingyun ohne Ende und schimpften ihn einen »glitschzüngigen Ochsenkopf«.
Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Das war nur zum Zeitvertreib, um die Mittagsmüdigkeit zu verscheuchen. Was macht das schon! Wenn ich euch zum Lachen bringe, hat es sich gelohnt. Ehrlich gesagt — sogar meine Pflaster sind alle unecht. Wenn ich echte Medizin hätte, würde ich sie selbst nehmen und ein Unsterblicher werden. Wer echte Mittel hat, kommt nicht hierher, um sich durchzuschlagen!«
Gerade als sie so plauderten, war die günstige Stunde gekommen, und Schatzjade wurde gebeten, hinauszugehen, um Opfergeld und -papier zu verbrennen und die Segnungen zu verteilen. Nachdem die Zeremonien beendet waren, fuhr er in die Stadt zurück.
Yingchun [迎春] war zu diesem Zeitpunkt schon seit geraumer Zeit zu Hause. Die Frauen und Schwiegertöchter der Familie Sun hatten bereits zu Abend gegessen und waren nach Hause geschickt worden. Yingchun weinte und klagte in Frau Wangs Gemächern und schilderte ihre Nöte. Sie sagte, Sun Shaozu [孙绍祖] sei »durch und durch ein Wüstling, Spieler und Trinker, der bereits beinahe alle Mägde und Schwiegertöchter im Hause geschändet habe. Wenn sie ihm zwei- oder dreimal sanft zugeredet habe, beschimpfe er sie als 'Essigweib'. Auch behaupte er, der Herr Vater habe von ihm fünftausend Liang Silber entgegengenommen und hätte sie nicht ausgeben dürfen. Er habe sie nun schon zwei- oder dreimal zurückgefordert, doch vergeblich. Da zeige er auf mein Gesicht und sage: 'Bilde dir nicht ein, die vornehme Dame spielen zu können! Dein Vater hat mir fünftausend Liang Silber abgenommen und dich als Gegenleistung an mich verkauft. Wenn es dir nicht passt, prügle ich dich und jage dich in die Kammern der Dienerinnen zum Schlafen. Damals, als dein Großvater noch lebte, hat er nach unserem Reichtum gegriffen und sich an uns herangemacht. Genau genommen gehöre ich zur selben Generation wie dein Vater, und jetzt hat man mir zwangsweise eine Generation aufgedrückt. Außerdem hätte man diese Heirat gar nicht erst eingehen sollen, denn so sieht es aus, als hätte man nur unser Geld gewollt.'«
Während sie erzählte und dabei schluchzend weinte, blieb kein Auge trocken — weder Frau Wang noch die Schwestern vergossen Tränen.
Frau Wang tröstete sie so gut sie konnte: »Du bist nun einmal an einen solchen Menschen geraten, was soll man machen? Damals hat dein Onkel [Kaufmann Aufrecht] deinem Vater zweimal abgeraten, diese Verbindung einzugehen. Aber dein Vater wollte nicht hören und bestand eigensinnig darauf, und nun ist es schiefgegangen. Mein Kind, das ist eben dein Schicksal.«
Yingchun weinte und sagte: »Ich kann nicht glauben, dass mein Schicksal so schlecht ist! Von klein auf hatte ich keine Mutter, und glücklicherweise durfte ich ein paar ruhige Jahre bei der Frau Tante verbringen. Und jetzt muss es so enden!«
Frau Wang redete ihr einerseits gut zu und fragte sie andererseits, wo sie übernachten wolle. Yingchun sagte: »Gerade erst von den Schwestern getrennt, denke ich Tag und Nacht an sie. Außerdem vermisse ich meine alten Räume. Wenn ich nur drei oder fünf Tage in meinem alten Zimmer im Garten wohnen könnte, würde ich selbst den Tod in Kauf nehmen. Wer weiß, ob ich beim nächsten Mal noch die Möglichkeit haben werde!«
Frau Wang ermahnte sie rasch: »Rede keinen Unsinn! Es ist nur der übliche Streit unter jungen Eheleuten, wie er überall auf der Welt vorkommt. Warum sprichst du so düstere Worte?«
Sie ließ sofort die Gemächer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herrichten und wies die Schwestern an, Yingchun Gesellschaft zu leisten und aufzuheitern. Außerdem befahl sie Schatzjade: »Kein Wort davon darf an die Ohren der Herzoginmutter dringen! Wenn sie von alldem erfährt, werde ich dich dafür verantwortlich machen.«
Schatzjade gehorchte gehorsam. Yingchun schlief in dieser Nacht in ihrem alten Quartier. Die Schwestern überboten sich an Herzlichkeit und Zuneigung. Drei Tage blieb sie, dann ging sie zu Dame Xing [邢夫人] hinüber. Zuvor verabschiedete sie sich von der Herzoginmutter und Frau Wang, dann von den Schwestern, wobei alle voller Trauer und Schmerz waren. Erst Frau Wang und Tante Schnee konnten sie besänftigen und trösten, sodass sie schließlich hinüberging.
Nachdem sie noch zwei Tage bei Dame Xing verbracht hatte, kamen Leute von Sun Shaozu, um sie abzuholen. Yingchun wollte nicht gehen, aber sie fürchtete Sun Shaozus Bösartigkeit und zwang sich, ihre Gefühle zu unterdrücken und Abschied zu nehmen. Dame Xing war ihr ohnehin gleichgültig; sie fragte weder nach dem ehelichen Zusammenleben noch nach den häuslichen Schwierigkeiten und tat nur das Nötigste.
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ Jin Gui hatte verboten, das Zeichen 桂 (gui = Osmanthus) zu benutzen, da es Teil ihres Namens ist
- ↑ wörtlich 得陇望蜀, »hat man Longyou, begehrt man Sichuan«
- ↑ 王一贴 (Wáng Yītiē), wörtlich „Wang Ein-Pflaster“. Der komische Spitzname des daoistischen Quacksalbers, der behauptet, ein einziges seiner Pflaster heile alle Krankheiten. Die Episode ist eine satirische Einlage.
- ↑ gemauerte beheizbare Liege
- ↑ 疗妒汤 (Liáo Dù Tāng), Wang Ein-Pflasters absurdes „Rezept“ — Birne, Kandiszucker und Mandarinenschale — ist eine komische Pointe: Es gibt kein Mittel gegen Eifersucht, und wer hundert Jahre wartet, stirbt ohnehin.
- ↑ ca. 7,5 Gramm