Hongloumeng/de/Chapter 79
Neunundsiebzigstes Kapitel
Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Willkommensfrühling wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan[1] verheiratet
Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E [2] überliefert zu werden.«
Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht?«
Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?«
Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?«
Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze [3] bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?«
Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!«
Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze [4] miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!«
Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.«
Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.«
Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?«
Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.«
Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'«
Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.«
Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.«
Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall.
Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!«
Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg.
Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Roten Freude [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Dame König geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte.
Begnadigung Kaufmann hatte Willkommensfrühling [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Prunkwille-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung.
Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden.
Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen.
Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Willkommensfrühling das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Strafe [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Willkommensfrühling werde aus dem Garten der Großen Anschauung [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen.
Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Willkommensfrühling in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!«
So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse[5] umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin:
Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich, bläst ungerührt alle roten Blüten davon. Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum, schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder. Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag, Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter. Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere!
Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?«
Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftkastanie [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.«
Duftkastanie klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Becken Schnee] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!«
Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Roten Freude zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.
Duftkastanie erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.«
Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?«
Duftkastanie antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.«
Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über König-Familie verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!«
Duftkastanie sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.«
Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?«
Duftkastanie berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.«
Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?«
Duftkastanie erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing [6] reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.«
Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?«
Duftkastanie erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi [7].' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn.
Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren.
Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!«
Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.«
Unwillkürlich errötete Duftkastanie und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon.
Duftkastanies Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Roten Freude zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort.
Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Willkommensfrühling und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte.
Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Dame König machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben.
Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen.
Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Dame König blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche.
Dann hörte er, dass Becken Schnee [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen.
Einige Zeit später erfuhr er, dass Willkommensfrühling das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte.
In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Roten Freude in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten.
Erzählen wir nun von Duftkastanie. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten der Großen Anschauung.
Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Becken Schnee geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Becken Schnee selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftkastanie sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit.
Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen.
Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Becken Schnee von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftkastanie eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte [8]: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!«
Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte.
Becken Schnee war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Becken Schnees Selbstbehauptung merklich.
Eines Tages, nachdem Becken Schnee getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Becken Schnee konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.«
Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Becken Schnee eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!«
Von dieser Predigt überkam Becken Schnee tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Becken Schnee links liegenzulassen. Becken Schnee wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter.
Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Becken Schnee, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen.
Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftkastanie und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftkastanie antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftkastanie« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftkastanie antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.«
Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.«
Duftkastanie erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!«
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ 中山狼 (Zhōngshān Láng), Anspielung auf die Fabel „Der Wolf vom Zhongshan“ (中山狼传): Ein Gelehrter rettet einen Wolf, doch der Wolf will ihn anschließend fressen. Die Wendung bezeichnet einen Undankbaren — hier eine Anspielung auf Sun Shaozu.
- ↑ Cao E war ein Mädchen der Han-Dynastie, berühmt für ihre Kindesliebe; die Grabinschrift gilt als Meisterwerk
- ↑ 茜纱, qiansha, eine Art durchscheinender Seidenstoff
- ↑ Anspielung auf die Lunyu (Gespräche des Konfuzius), wo Zilu sagt, er würde seine Pferde und Pelze gerne mit Freunden teilen
- ↑ 紫菱洲 (Zǐlíng Zhōu), der Ort im Garten der Großen Anschauung, an dem Willkommensfrühling wohnte. Schatzjades wehmütige Besuche dort nach Willkommensfrühlings Weggang sind ein wiederkehrendes Motiv des Verlustes.
- ↑ ein Qing entspricht ca. 6,7 Hektar
- ↑ berühmte Schönheit des Altertums
- ↑ Anspielung auf Kaiser Taizu der Song-Dynastie, der das Südliche Tang-Reich besiegte