Chinese Essay/de/Chapter 5 6

From China Studies Wiki
< Chinese Essay‎ | de
Revision as of 07:47, 26 March 2026 by Admin (talk | contribs) (Import: German text - Chapter_5_6)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

EN · DE · 中文 · 正體 · FR · ES · RU

5/6. Chinesische Essayistik der Gegenwart und fuenf Essayisten (1949-1995)

(5/6. 当代中国散文及其五位代表(1949—1995))

Chinesische Uebersetzung: 5/6. 当代中国散文及其五位代表(1949—1995)

5. Chinesische Essayistik der Gegenwart (seit 1949)

    Mit der '4.-Mai-Bewegung' war die junge westliche Essaytradition nach China gekommen. Sie unterschied sich in Form, Inhalt und Zielgruppe vom traditionellen chinesischen Essay. Der Essay im China der 1990er Jahre hat sich völlig aus der klassischen Tradition gelöst und erweist sich ebenfalls in den drei Kategorien Form, Inhalt und Zielgruppe als Pendant zum westlichen Essay. Dies erlaubt, den chinesischen Essay der Gegenwart mit internationaler literaturwissenschaftlicher Methodik zu untersuchen und ihn auch nach internationalen literaturwissenschaftlichen Wertungskriterien zu beurteilen.
    Zur Qualität der Literatur zu Beginn der 1980er Jahre erklärte Ba Jin:  "In letzter Zeit habe ich eine ganze Reihe von Kurzgeschichten und Erzählungen gelesen und fand, daß unsere Schriftsteller mit ihren Arbeiten heute bereits das Niveau der dreißiger und vierziger Jahre übertroffen haben."mdcclxxi
    Nähert man sich dem Gegenwartsessay, so helfen einige Lexika, zunächst einen groben Überblick über Entwicklung und Untergattungen zu gewinnen.

Nachschlagewerke zum Gegenwartsessay

    Zunächst seien drei Lexika vorgestellt, die seit 1990 erschienen sind: 
    Beachtung verdient das Ende 1990 von She Shusen 佘树森 und Niu Yunqing 牛运清 herausgegebene Lexikon der chinesischen Gegenwartsliteraturmdcclxxii. Dem Essay (hier mit Reportagen zusammengefaßt) sind in diesem Nachschlagewerk die Seiten 833 - 1009 gewidmet. Buch- und Texttitel sind nach Strichzahl des ersten Zeichens geordnet und jeweils mit einer kurzen Vorstellung des Inhalts aufgeführt. Es handelt sich um eine Auswahl aus Perspektive der VR China, es sind auch nur Autoren aus der VR China erfaßt.
    Während der Autor Yang Kuanghan 杨匡汉 die Anmaßung, in der VR China ein Fachlexikon des taiwanesischen Essays zu erstellen, als Zeichen der "Verstärkung des Kulturaustausches zwischen der VR Ch und Taiwan" sieht, ist es doch wohl eher im Rahmen des kulturellen Vormundschaftsanspruches der Volksrepublik zu sehen. Nichtsdestoweniger enthält das 1991 erstellte Lexikon eine recht ausgewogene Auswahl taiwanesischer Autoren.mdcclxxiii
    Das Mammutwerkmdcclxxiv Fachlexikon berühmter chinesischer Literatur der Gegenwart, mdcclxxv im August 1992 von einem Autorenkollektiv in Shenyang 沈阳 herausgegeben, ist ein zuverlässiges Nachschlagewerk. Nirgendwo anders als in China, wo eine Gruppe Intellektueller für wenig Geld für solche Mammutprojekte zu verpflichten ist, wäre es möglich gewesen, einen Querschnitt der chinesischen Gegenwartsliteratur ohne Rücksicht auf Autorenrechte in Auszügen abzudrucken. Dem Essay sind hier die Seiten 1490 - 1585 gewidmet. Behandelt sind 23 chinesische (darunter zwei Hongkonger) Essayisten jeweils mit einer Kurzvorstellung des Autors, Auszügen aus dessen Essays und einer Würdigung des Werks. Im Anhang auf S. 1586 - 1609 findet sich eine Übersicht über zwischen 1977 - 1986 prämierte Werke.
    Auch zum Gegenwartsessay seit 1949 gibt es entwicklungsgeschichtliche Darstellungen: Nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem chinesischen Essay schrieb She Shusen einen historischen Abriß des VR-chinesischen Essays, wobei er die einzelnen Texte auf der Basis seiner Ästhetik-Theorie beurteilte.mdcclxxvi
    Den Forschungsstand der Entwicklung des Gegenwartsessays markiert die Ende 1990 von Lu Qiyuan 卢启元 herausgegebene Geschichte des chinesischen Gegenwartsessaysmdcclxxvii. In seinem Vorwort schildert er die allgemeine Forschungslage zu Gegenwartsessays (einschließlich Essaygedichten) und der hier eingeschlossenen Reportagen. 

Essaytheorie und Entwicklung in Phasen

    In einem Rückblick zeichnen Mao Xin 冒忻 und Zhuang Hanxin 庄汉新 die Entwicklung des Essays nach und sehen im Ausblick eine starke Zunahme des Essayschaffens.mdcclxxviii
    Die Redakteure einer Buchreihe von Essaysammlungen konstatieren in ihrem Nachwort eine Wiederbelebung der Gattung des Essays in den 1990er Jahren.mdcclxxix Die Redakteure einer Essayzeitschrift sehen China als "großes Land des Essays" und versuchen der Flut der eingesandten Essays durch strenge ästhetische Kriterien Einhalt zu gebieten.mdcclxxx Wang Bixing 王必胜 weist auf den besonderen Essaystil von Romanciers hin.mdcclxxxi
    In Taiwan markiert bereits 1978 Zheng Minglis Sammlung von Aufsätzen eine erste Auseinandersetzung mit der Gattung, allerdings sind die Beiträge von auf Taiwan lebenden Chinesen verfaßt und beschränken sich auf die taiwanesische Essayistik.mdcclxxxii Ihre eigenen Studien seit 1986 betrachten dagegen den chinesischen Essay im Rahmen des erweiterten Rahmens des wenhua Zhongguo 文化中国 (chinesischer Kulturraum), sie sind auf S.  ff. genauer vorgestellt.
    1983 wird der 'Gelehrtenessay' in Taiwan in einem Aufsatz vorgestellt.mdcclxxxiii Es erscheint eine Monographie taiwanesischer Autoren mit einer Anleitung zum Verfassen von Essays.mdcclxxxiv 1993 zeigt das offiziöse Kompendium taiwanesischer Literatur anhand von 92 Essaykritiken von 66 Kritikern die immer stärkere Herausbildung der eigenen literarischen Identität: Es sind nur auf Taiwan entstandene Essays erfaßt.mdcclxxxv
    Der Literaturwissenschaftler Yang Changnian 杨昌年 (geb. 1930) stellt in seiner 1988 erschienenen Monographie Die neuen Formen des modernen Essays, dessen Vorwort auf den 15. Juni 1986 datiert ist, elf "neue" Untergattungen des Essays vor. Er versteht darunter unter anderem Essays, die im Schreibstil des Bewußtseinsstroms verfaßt sind, und solche, die besonders hohe ästhetische Ansprüche besitzen, die er dann mit neuen Begriffen belegt, z.B. yishu sanwen 艺术散文 (ästhetischer Essay). Jede Essayform wird von ihm mit ihren Eigenschaften beschrieben, der Schwerpunkt der biaoxian 表现 (Untergattung, Erscheinungsform) wird anhand ausgewählter Autoren und Texte analysiert. Seine Argumentation untermauert er teils mit Textauszügen, teils mit Hinweisen auf weiterführende Literatur. In jedem Abschnitt führt er neben Yu Guangzhong 余光中 auch jeweils etwa fünf westliche Titel (aus der französischen und englischen Literatur, u.a. Shakespeare) als Referenz auf.mdcclxxxvi
    Der Nutzen dieser Monographie ist nicht auf den ersten Blick erkenntlich: Nachdem bereits über die Einteilung und Benennung der einigermaßen etablierten Essayformen so wenig Einheitlichkeit unter chinesischen Literaturwissenschaftlern besteht, ist die Vorstellung von elf neuen Essaformen nicht unbedingt geeignet, die Klarheit zu schaffen, der Wissenschaft verpflichtet sein sollte. Auch ist eine Einteilung in Untergattungen allein aufgrund des Schreibstils (Bewußtseinsstrom) oder aufgrund so schwer faßbarer bzw. einfach subjektiver, nicht speziell definierter Kriterien wie Ästhetik nicht ausreichend, um die Erschaffung neuer Formen zu rechtfertigen. Der wesentliche Nutzen dieser Arbeit muß wohl darin gesehen werden, daß Yang Changnian durch das Zitieren westlicher und taiwanesischer Literatur über den Tellerrand der taiwanesischen Literaturkreise hinausschaut. Dies kann zu einer Bewußtwerdung des eigenen Platzes in der Weltliteratur beitragen.
    Seinem 1993 mit dem Essayband Debatte über den chinesischen Essay der Moderne und Gegenwartmdcclxxxvii erhobenen Anspruch, kulturelle Drehscheibe für den Austausch chinesischsprachiger Essays zu sein, wird Hongkong durch den Ende desselben Jahres erschienen Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysenmdcclxxxviii gerecht: Über 4000 Essays von knapp 2000 chinesischen Autoren aus der ganzen Welt werden kurz vorgestellt und besprochen. Positivistische Wertungskriterien für Gegenwartsessays entwirft der Hongkonger Essayforscher Huang Weiliang 黄维梁 1994.mdcclxxxix
    Auch in westlicher Sprache liegen einzelne Aufsätze vor, so vergleicht John Gannon 1978 den englischen Gelegenheitsessay mit seinem chinesischen Gegenstück,mdccxc Yeh Ching-ping untersucht im selben Jahr die Beziehungen zwischen dem informellen Essay und der damaligen Gesellschaft.mdccxci 
    Bei den folgenden Ausführungen kann der Verf. sich auch auf eigene Befragungen und Interviews stützen, die er mit folgenden Essayforschern geführt hat: Cai Yujia 蔡渝嘉 (6.7.1994), Liu Xiqing 刘锡庆 (6.7.1994), Zhong Shuhe 钟叔河 (19.7.1994), Huang Weiliang 黄维梁 (Juli 1994), Li Ruiteng 李瑞腾 (31.8.1994), Zheng Mingli 郑明娳 (7.9.1994).
    Ein nützliches Nachschlagewerk ist auch der 1995 erschienene Band mit Biographien zu Intellektuellen der Gegenwart aus der VR China.mdccxcii
    Liu Xiqing 刘锡庆 aus der VR China zeichnet die Entwicklung des Gegenwartsessays so nach: mdccxciii

1949-Mitte 1957 wurden viele Reportagen geschrieben. Von 1956 bis Mitte 1957 gab es einige gute Essays wie z.B. "Yang hua 养花" (Blumen ziehen) von Lao She 老舍, "Xiangshan hongye 香山红叶" (Die roten Blätter auf dem Duftberg) von Yang Shuo 杨朔 etc. 1957 - 1966 verhinderten die Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' von 1957 und der 'Große Sprung nach vorn' zunächst die Schaffung von Essays. 1961 war wieder ein "Jahr des Essays", es entstanden viele berühmte Texte wie "Chahua fu 茶花赋" (Fu-Gedicht an die Kamelie) von Yang Shuo 杨朔, "Changjiang san ri 长江三日" (Drei Tage auf dem Changjiang) von Liu Baiyu 刘白羽, "Huacheng 花城" (Blumenstadt) von Qin Mu 秦牧, "Yinghua fu 樱花赋" (Ode an die Japanische Kirsche) von Bing Xin 冰心, "Yu zhong deng Taishan 雨中登泰山" (Im Regen auf den Taishan steigen) von Li Jianwu 李健吾 etc. 1966 - 1976 ist aufgrund der 'Kulturrevolution' kein Essay zu erwähnen. Seit 1977 ist eine Wiederbelebung des Essays in China zu beobachten.

    1949 - Mitte 1957
    Zur ersten Phase ist zu ergänzen, daß der Einfluß des englischen Essays sich auch in den 1950er Jahren weiter nachweisen läßt, so war Lambs Dream Children: A Reveriemdccxciv an den Universitäten Unterrichtsstoff. 
    1957 - 66
    1961 erschienen bedeutende Essays von Bacon in der Zeitschrift Shijie wenxue 世界文学 (Weltliteratur).mdccxcv
    Auch in den frühen 1960er Jahren wurden Essays von Addison, Bacon, Goldsmith, Hazlitt, Lamb und Virginia Woolf mit chinesischen Annotationen und Kommentaren übersetzt.mdccxcvi
    Mit der 'Kulturrevolution' verschwanden ausländische Übersetzungen. Auch im Inland wurden bis auf Tagebücher, die die 'Kulturrevolution' häufig nicht überstanden, beinahe keine Essays mehr geschrieben.
    Qin Mu 秦牧 (geb. 1919) wurde in dieser Phase mit seinem Essay "Huacheng 花城" (Blumenstadt) bekannt. Er steht auf Platz 5 der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 17 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ). 
    Seit 1977
    In den 1980er Jahren finden sich zwei Sorten Essays:  die rückwärtsgewandten, die die Vergangenheit der 'Kulturrevolution' bewältigen und bekenntnishaften Charakter haben (Ba Jin) sowie die naiv-innovativen, die die Formen der 1920er Jahre wiederholen oder Westliches unreflektiert übernehmen, häufig ohne sich dessen bewußt zu sein. Gleichzeitig erleben die Essays der Moderne eine so deutliche Renaissance, daß sie in den Buchläden genauso stark vertreten sind wie die Essays der Gegenwart, einzelne Autoren (Lu Xun, Zhou Zuoren) sogar stärker. Einzelne Essayisten übernahmen nach den Juniereignissen 1989 und angesichts der gesellschaftlichen Probleme während des Reformprozesses sowie in Opposition zur Massenkultur mahnende Funktion (Wang Meng). Auch aus dem Ausland werden der Reformprozeß und die Identitätsfindung kritisch begleitet (Liu Zaifu). Durch die globale Vernetzung gelangt diese Kritik ins Inland. Dadurch ist auch erstmals der direkte Vergleich mit anderen Gesellschaftssystemen möglich, insgesamt werden die Bürger durch die zunehmenden Informationsmöglichkeiten mündiger.
    In den 1990er Jahren beginnen die Essayisten zunehmend, ihre Inhalte zynischer und gesellschaftskritischer darzustellen. Einzelne Autoren sind sich des kulturellen Chinas mit allen seinen peripheren Kulturen (Singapur, Malaysia,mdccxcvii Taiwan, Hongkong, Exilchinesen) bewußt (insbesondere Auswanderer wie Yu Guangzhong).
    Im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik insbesondere ab 1979 veröffentlichten zahlreiche chinesische Zeitschriften wieder Übersetzungen englischer Essays von A.C. Benson, De Quincey, Chesterton, Lamb, Lynd und Virginia Woolf.mdccxcviii Eine Übersicht über die ausländischen Essaysammlungen in chinesischer Übersetzung liefert folgende Auswahlliste:mdccxcix

• Gao Jian 高健 (Hg., Übers.): Yingmei sanwen liushi jia 英美散文六十家 (Sechzig englische und amerikanische Essayisten), Taiyuan 太原: Shanxi renmin chubanshe 山西人民出版社 (Volksverlag Shanxi) 1983 • Liu Bingshan 刘炳善 (Hg., Übers.): Yingguo sanwen xuan 英国散文选 (Auswahl englischer Essays), Shanghai yiwen chubanshe 上海译文出版社 (Übersetzungsverlag Shanghai) 1985/86 • Lan Renzhe 蓝仁哲 et al. (Hgg., Übers.): Xiandai Yingguo sanwen xuan 现代英国 散文选 (Auswahl moderner englischer Essays), Chongqing 重庆: Chongqing chubanshe 重庆出版社 (Verlag Chongqing) 1986 • Zhang Guozuo 张国佐, Huang Shaoxin 黄绍鑫 (Hgg., Übers.): Yingguo bashi shiji sanwen xuan 英国十八世纪散文选 (Auswahl englischer Essays des 18. Jahrhunderts), Changsha 长沙: Hu'nan renmin chubanshe 湖南人民出版社 (Volksverlag Hu'nan) • Gu Zhengkun 辜正坤 (Hg., Übers.): Yingguo langmanpai sanwen jinghua 英国浪 漫派散文精华 (Die besten Essays englischer Romantiker), Peking 北京: Zuojia chubanshe 作家出版社 (Autorenverlag) • Bacon: Peigen lunshuo wenji 培根论说文集 (Bacons Essaysammlung), Peking 北京: Beijing shangwu yinshuguan 北京商务印书馆 (Peking Commercial Press), chinesische Übers. von Shui Tiantong 水天同 • George Gissing: Siji suibi 四季随笔 (Die privaten Aufzeichnungen von Henry Ryecroft), Nachdruck: Shanxi renming chubanshe 陕西人民出版社 (Volksverlag Shanxi), chinesische Übers. von Li Jiye 李霁野 • George Gissing: Siji suibi 四季随笔 (Die privaten Aufzeichnungen von Henry Ryecroft), Changsha 长沙: Hu'nan renmin chubanshe 湖南人民出版社 (Volksverlag Hu'nan), chinesische Übers. von Zheng Yitang 郑翼堂 • Ruskin: Zhima yu baihe 芝麻与百合 (Sesame and Lilies), Changsha 长沙: Hu'nan renmin chubanshe 湖南人民出版社 (Volksverlag Hu'nan), chinesische Übers. von Liu Kunzun 刘坤尊 • De Qiuincey: Yingguo yinjunzi zibai 英国瘾君子自白 (Confessions of an English Opium Eater), Liu Zhongde 刘重德, Changsha 长沙: Hu'nan renmin chubanshe 湖 南人民出版社 (Volksverlag Hu'nan) • Charles Lamb: Yiliya suibi xuan 伊利亚随笔选 (Essays von Elia), Peking 北京: Sanlian shudian 三联书店 (Union-Verlag), chinesische Übers. von Liu Bingshan 刘炳善

    Zur neuen Tendenz der chinesischen Essayschreibung wies Wang Zengqi 汪曾祺mdccc 1993 in seinem "Vorwort zum Kompendium zum Gebiet des Gegenwartsessays"mdccci auf die Vielzahl qualitativ hochwertiger Essays von Frauen in jüngster Zeit hin. Als Gründe führt er ihre feineren Empfindungen und Gefühle an. Sie stünden auf einer höheren Ebene, um die Welt zu betrachten, seien unabhängig von Interessen und Politik und genössen dadurch eine grö ßere Freiheit, die sich vor allem in den Essays niederschlage.
    Eine allgemeine Tendenz der Schreibenden Zunft zum Genre des Essays kann man an Gründungen von Monatsschriften wie Sanwen shijie 散文世界mdcccii (Welt des Essays), Sanwen xuankan 散文选刊mdccciii (Auswahlheft Essays) und Sanwen yuekan 散文月刊mdccciv (Monatsschrift Essays) erkennen sowie an Buchreihen wie Dangdai mingjia suibi congshu 当代名家随笔丛书 (Buchreihe lockerer Essays berühmter Gegenwartsautoren) oder Mingjia xiaopin 名家小品mdcccv (Essays berühmter Autoren).
    Yang Mu (geb. 1940) ist Herausgeber von Essaysammlungen, Dichter und Essayist. The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature enthält seinen Essay "1972".mdcccvi Er ist Absolvent der Donghai-Universität in Taizhong, der Universität von Iowa und Berkeley. In den 1990er Jahren war er Professor für Chinesisch und vergleichende Literatur an der Universität von Washington.
    Zur aktuellen Essayforschung sei auf Cai Yujia 蔡渝嘉mdcccvii, Huang Weiliangmdcccviii, Li Ruiteng 李瑞腾mdcccix und Liu Xiqingmdcccx verwiesen, deren für den Essay relevante Hauptthesen auf S.  zusammengefaßt sind. Hervorzuheben ist Zheng Mingli: 

Stand der Forschung zum chinesischen Gegenwartsessay in Taiwan: Zheng Mingli 郑明娳mdcccxi

    Nachdem im ersten Teil die Essaytheorie und die Forschungsergebnisse zum modernen Essay erläutert wurden, werden in diesem Teil die Forschungsergebnisse zum Gegenwartsessay kurz vorgestellt, die auf denen zum modernen Essay aufbauen.
    Zheng Mingli liefert seit 1978 mit den Ergebnissen von jeweils einigen Jahren Forschung mehrere Werke, die Meilensteine in der taiwanesischen Essaytheorie darstellen. Unverändertes Thema ist der xiandai sanwen 现代散文 (moderne Essay), unter dem in Taiwan der Essay seit 1917 verstanden wird, dieser entspricht auf dem Festland dem xiandangdai sanwen 现当代散文 (Essay der Moderne und Gegenwart). Aufgrund ihrer Bedeutung seien Zhengs wichtigste Werke kurz kommentierend vorgestellt: Sie berücksichtigt in ihren Werken vorwiegend Literatur aus Taiwan, weniger aus der Volksrepublik und Hongkong. Westliche Essayisten (Francis Bacon und Michel Eyquem de Montaigne) bemüht sie nur zum Nachweis des Einflusses.mdcccxii
    Ihre Anfangswerke Würdigung moderner Essaysmdcccxiii und Querfeldein-Diskussionmdcccxiv zeigen bereits ihre analytische und rationale Begabung. Da sich der Inhalt mit den späteren Texten von ihr überschneidet, die zudem einen aktuelleren Forschungsstand aufweisen, seien zwei neuere Werke genauer vorgestellt: 
    In Über die Untergattungenmdcccxv reflektiert Zheng Mingli ihre Motivation, Essayforschung zu betreiben: Diese sei seit der Erneuerungsbewegung in der Literatur 1917 bis zum damaligen Zeitpunkt von vielen betrieben worden, aber nur wenige hätten sich dabei um Essays der Gegenwart gekümmert. In der ganzen Zeit habe es keine systematischen Theorien gegeben, und aus Desinteresse fehle es auch an richtiger Essaykritik. Diese Erscheinung habe sie bereits zehn Jahre zuvor beobachtet und deshalb konsequenterweise an ihrer damaligen Danjiang 淡江 -Universität den essaytheoretisch orientierten Nachwuchs gefördert.mdcccxvi
    Als junge Wissenschaftlerin sei sie von folgenden Werken beeinflußt worden: 1980 von der Essaysammlung aus der VR Ch mit mehr als 60 Autoren: Lin Fei 林非 (Hg.): Bitan sanwen 笔谈散文 (Über Essays. Eine Sammlung). 1983 von Yu Yuangui 俞元桂 et al. (Hgg.): Zhongguo xiandai sanwen lilun 中国现代散文理论 (Theorie des modernen chinesischen Essays), in dessen Vorwort Yu angibt, sich nunmehr auch mit Gegenwartsessays in China befassen zu wollen. Im Oktober 1984 habe das Buch von She Shusen 佘树森 Sanwen yishu chutan 散文艺术初探 (Beginn der Diskussion Literarischer Essays) das für sie erstaunliche intensive akademische und scharfsinnige Interesse der Volksrepublik an Essays gezeigt. An dieser Studie übte sie aber eine Kritik, die ihre eigene Forschung entscheidend motivieren sollte: Die Beurteilung der Essayisten sei unter politischem Aspekt und damit unwissenschaftlich, häufig nach dem Schema "links oder rechts", vorgenommen worden. Wenn sich ein Autor der jeweils herrschenden politischen Ansicht nicht angepaßt habe, sei er nicht erwähnt worden. Verstorbene Autoren seien entweder als fortschrittlich und kämpferisch, somit positiv, oder als konservativ und somit sehr negativ eingestuft worden. Der Schaden, den diese Art von 'Forschungsarbeit' für die chinesische Literaturwissenschaft verursacht habe, sei schwer wiedergutzumachen. Deswegen habe sie selbst eine neue essaytheoretische Forschungsarbeit begründen wollen.mdcccxvii
    Zheng Mingli geht folgendermaßen vor: Sie definiert die Stellung der Gattung Essay innerhalb der Literatur sowie seine verschiedenen Untergattungen. Dabei bemüht sie sich nach eigener Aussage um eine an den "Realitäten" orientierte Kritik und Bewertung von Essays. Sie berücksichtigt Fachbücher über Essays und biographische Informationen zu den Essayisten, vergleicht die Gattung mit anderen Gattungen, berücksichtigt die Geschichte des Essays und strebt den Blickwinkel einer westlich-chinesischen Komparatistik an. Lediglich beim letzten Punkt bleibt sie hinter den selbst gestellten Forderungen zurück.
    Zheng Mingli sieht das Schaffen als primären, die Zuordnung in Gattungen und Untergattungen als sekundären Akt an. Die Gattungen (Roman/Essay etc.) hätten sich zufällig durch bestimmte Häufungen ähnlicher Texte ergeben. Diese Zuordnung sei ständigem Wandel unterworfen, da das Vorhandensein bestimmter eingebürgerter Gattungen den Autor im Schaffensprozeß beeinflußten. Seit 1917 habe es eine Neudefinition der Essaytheorie gegeben. Zheng Mingli erklärt, sie wolle auf den historischen Hintergrund der Essays Rücksicht nehmen.
    In dem vorliegenden Buch beschränkte sich Zheng Mingli zunächst darauf, drei Funktionen der Essays festzuhalten. Sie äußert darin ihre Hoffnung, daß ein vollständiges theoretisches System des Essays und seiner Untergattungen aufgebaut und die Entstehung der Untergattungen festgestellt werden könnten. Dadurch ließen sich Rückschlüsse auf Schaffensmethoden ziehen und der Erfolg der Essayisten innerhalb der 70 Jahre der Moderne analysieren. Die wichtigste Essayform sei der qingqu xiaopin 情趣小品 (erfreuender Essay). Dieser sei am meisten verbreitet und existiere bereits am längsten. Die zweite Funktion des Essays sei die Dokumentation, die Essayform sei baodao wenxue 报道文学 (Reportageliteratur). Die meisten dieser Texte beschränkten sich jedoch auf die reine Information und hätten damit ihren literarischen Charakter verloren. Dem ist entgegenzuhalten, daß Reportagen eine Mischform von Gebrauchsliteratur (Zeitungsnachricht) und Fiktion sind, denn die Reportagen betten die Fakten häufig in eine fiktionale "story" ein. Die dritte Form schließlich sei die Biographie. Die Formen Tagebuch und Brief stagnierten stilistisch seit 70 Jahren.
    In den Einzelbeiträgen führt Zheng eine Grundsatzdiskussion und erläutert den Ursprung des Essays, hier seien zwei herausgegriffen: Enttäuschend ist ihr Aufsatz "Definition des modernen Essays". Hier finden sich lediglich ein literarhistorischer Hinweis auf den Ursprung des Wortes "Essay" und unter der Zwischenüberschrift "Inhalt" eine Aufzählung von Bereichen, die bei der literaturwissenschaftlichen Untersuchung von Essays zu berücksichtigen seien. Der erste Bereich sei das Umfeld des essayistischen Werks, also biographische Angaben, der Schreibstil, der persönliche Charakter und die Mentalität des Autors, gewählte Themen, Weltanschauung und Intelligenz. Werkimmanent seien folgende Fragen zu beantworten: Welche Komponenten das Thema enthalte, wie offen die Form sei, wie sich die Struktur im Textverlauf ändere und ob der Text in Alltagssprache geschrieben sei. Im zweiten der herausgegriffenen Beiträge werden "Untergattungen" und "Haupterscheinungsformen" des modernen Essays vorgestellt (siehe S. 48 ff.). Eine solche Kategorisierung sei Grundlage für das Schaffen und die literaturwissenschaftliche Forschung, zudem ließe sich damit die Entwicklungstendenz der Essays analysieren. Dem ist entgegenzuhalten, daß Zheng keinen wissenschaftlichen Nutzen aus dieser Kategorisierung ziehen kann. Sinnvoll wäre eine Einteilung in Kategorien und Untergattungen z.B. dann, wenn gezeigt werden könnte, daß etwa der "beschreibende" Essay den "lyrischen" verdränge.
    Mit dem Aufbau der Essays befaßt sich Zheng Minglis Band Über die Strukturmdcccxviii.
    Der Band Diskussion über die Untergattungenmdcccxix von 1992 enthält einige neue Aspekte, die der intensiven Neuorientierung der taiwanesischen Gesellschaft im Hinblick auf Regionalbewußtsein, kommerzielle Literatur und Demokratie Rechnung tragen: 
    Zheng Mingli glaubt, das Erscheinungsbild der Literatur sei von drei Aspekten beeinflußt. 
    Der erste Aspekt sei die allgemeine Umgebung (förderlich seien politische Stabilität, wirtschaftliches Wachstum, liberale Kulturpolitik)mdcccxx. Die Kulturpolitik in den 1950er Jahren habe einen großen Einfluß auf ihn gehabt, seit den 1980er Jahren sei dieser Einfluß aber verschwunden. Seitdem habe die Literatur eine neue Gestalt angenommen. Auch auf die offensichtliche Einflußnahme der regierungstreuen und neuerdings auch oppositionellen Medien aus dem Ausland weist Zheng  Mingli hin: Die Literaturbeilage in der Zeitung Shibao 时报 (Zeit) zum Beispiel habe die Literatur immer zu beeinflussen versucht und dabei Literatur und Politik vermischt. Einen Überblick über die Beeinflussung der Literatur durch Politik 1976 bis 1989 liefert He Yuhuai,mdcccxxi in den 1980er Jahren Scharf,mdcccxxii 1990 bis 1994 H. Martin.mdcccxxiii
    Allerdings hätten die Medien auch eine neue Form der Reportage geschaffen. Deutlicher Trend seit den 1980er Jahren bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften sei das kommerzielle Interesse; diese Tendenz lasse dem Schriftsteller keinen Raum für freie Phantasie, als Beleg führt Zheng den kurzen und oberflächlichen Stil in Artikeln und Literatur an.
    Der zweite Aspekt sei die "Hauptkonstitution", d.h. wohin sich der Essay entwickle, und von welchen Elementen er beeinflußt werde.mdcccxxiv Im Gegensatz zu Anfang der 1990er Jahren habe man früher den Essay stärker beachtet und erforscht. 
    Der dritte Aspekt sei die Innenwelt, d.h. die eigenen Gefühle des Essayisten zur Außenwelt, sein individueller Geschmack und seine Vorlieben, in denen sich nicht selten die Zugehörigkeit zu einer ideologischen Richtung zeige.mdcccxxv Diese drei Aspekte hätten einander stets beeinflußt.
    Die Aufsätze widmen sich alle ausschließlich dem modernen und gegenwärtigen taiwanesischen Essay. Beschrieben werden seine Erscheinungen, seine Krisemdcccxxvi, das erhabene Gefühl beim Essayschreiben und -lesen, die Vaterfigur der weiblichen Essayistinnnen, der Kreuzungspunkt zwischen Presse und Essay, die Essayforschung und Erscheinungen der gegenwärtigen Kulturpolitik.
    Im folgenden sollen Anforderungen an den Essay und Fördermöglichkeiten aufgezeigt werden: 

Anforderungen an den Essay

    Für den Essay der Gegenwart fordert Wang Zengqi 汪曾祺, man solle sich innerhalb eines Essays auf jeweils ein Thema beschränken.mdcccxxvii
    Liu Xiqing 刘锡庆 stellt folgende vier Anforderungenmdcccxxviii an den Essay: 

1. In jedem Essay sei zwingend ein "Ich" erforderlich, die Individualität müsse augenfällig sein. Der Essay sei eine Form der Literatur, in der der Autor über sich selbst schreibe, die die "Individualität" zum Ausdruck bringe. 2. Der Essay solle die Innenwelt des Menschen wiedergeben, dabei solle er unter den Kleinigkeiten die wichtigsten widerspiegeln. Die Themen sollten ebenfalls "klein und konkret" gewählt werden. 3. Das Schreiben solle wirklichkeitsgetreu, natürlich und frei sein. 4. Ein Essay solle "ganz kurz", aber "geschmackvoll" sein.

    Die Sanwen yuekan 散文月刊 (Monatsschrift Essays) fordert:  Bei einem guten Essay müsse der Leser ähnlich wie der Autor empfinden. Er dürfe nicht in der Lage sein, beim Lesen innezuhalten, und müsse anschließend noch lange nachdenklich gestimmt sein. Manche Autoren wiederholten zu viel, ihr Gedankengang sei zu eindeutig, manche hätten mit ihren Gefühlen eine Mauer gebaut und ließen den Leser außen vor, was den Lesegenuß einschränke. Die Redaktion sieht es als die hohe Kunst des Autors an, den Grad herauszufinden, wie weit er sich - abhängig vom jeweiligen Text - in seinem Essay dem Leser öffnen solle.mdcccxxix China sei ein großes Land des Essays. Viele Essays stammten jedoch von "Köchen", die "zu große Hände" zum Schreiben hätten. Manche äßen unverdaubare Reste, gäben nur Vorhandenes wieder. Erst wenn es etwas eigenes sei, sei es Schöpfung, sei es "verdaubar". Formal dürfe ein Essay nicht mehr als 500 Zeichen umfassen.mdcccxxx

Förderung des Essays

    Liu Xiqing 刘锡庆mdcccxxxi und Wang Meng 王蒙mdcccxxxii (in leicht abgewandelter Formulierung) führen folgende fünf Aspekte an, wodurch der Essay gefördert werden könne: 

1. Durch eine Umgebung, in der die Politik klar und durchsichtig ist, das Denken befreit, die Kunst "demokratisch" und Individualität möglich. 2. Durch die Atmosphäre: Zur Zeit hätten Roman und Reportage Konjunktur. Die Atmosphäre sei mit dem Bedarf der Zeit und dem Lesergeschmack verbunden. 3. Durch die Tradition: Die Essayisten sollten einerseits die guten Traditionen weiterführen, andererseits den Weg ebnen, nach "innen" zu gehen, großen Wert auf "Gefühle" legen, nach "Schönheit" streben. 4. Durch die Mithilfe des einzelnen: Das Ausbildungsniveau des einzelnen Schriftstellers, der Essays schreibe, solle erhöht werden. Viele Schriftsteller, die Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte, Lyrik und Kommentare schrieben, verfaßten auch Essays. 5. Durch Anleitung: Theorie und Kritik sollten auf die den Essays zugrundeliegenden Ideen anregend wirken.

    Liu Xiqing 刘锡庆 gibt im Vorwort seiner Auswahl von Kunstessays der Gegenwartmdcccxxxiii eine klare Definition seines Verständnisses vom heutigen Essay und dessen Entstehung. Zur Abgrenzung gegenüber der Nebenbedeutung "nicht-fiktionale Prosa" des Begriffes sanwen 散文 und wegen der Betonung der "literarischen Qualität" als Charakteristikum des Essays verwendet er den Begriff yishu sanwen 艺术散文 (künstlerischer Essay).mdcccxxxiv Er versteht darunter die Methode des Ich-Erzählers, mit wirklichkeitsgetreuem und formal freiem Schreiben zunächst seine eigene Individualität, Gefühlswelt und Geisteshaltung zum Ausdruck zu bringen. Damit sieht er den Essay in der Nähe des Gedichtes. Unter allen Gattungen seien diese beiden am geeignetsten, Gefühle auszudrücken.
    Nachdem im dritten Abschnitt die fünf zu behandelnden Essayisten der Gegenwart repräsentativ ausgewählt wurden und im vierten Abschnitt ein Überblick über die Entwicklung des Gegenwartsessays gegeben wurde, wird nun - entsprechend der Vorgehensweise beim Essay der Moderne - der Essay der Gegenwart anhand einiger Vertreter vorgestellt.
    Seit 1949 stand nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob die Essayisten aus Protest unpolitisch schrieben, denn von den neuen Autoren wurde ein politisches Bekenntnis abverlangt,mdcccxxxv vielmehr soll im folgenden ihre politische Haltung im Wandel der wechselhaften Zeit insbesondere der 'Kulturrevolution' beleuchtet werden. Dem Anspruch, der Utopie der Ideologie bedingungslos zu dienen, stand die negative Realisierung durch fehlerhafte Staatsparteien entgegen. Als Intellektuelle – häufig mit Auslandsstudium – erkannten sie das Fehlschlagen der Politik der Kommunistischen Partei der VR China in vielfacher Hinsicht sowie der Guomindang auf Taiwan mit ihrem 'Weißen Terror'. Die Frage ist hier, wie sie ihre Kritik an dieser Politik anbrachten. Ausnahmen unter den neun näher betrachteten Essayisten sind hier der erst nach 1950 geborene Jia Pingwa, der sich der neuen Mündigkeit der Schriftsteller von Dengs Öffnungspolitik erfreuen und politisch indifferent halten konnte, sowie der taiwanesische Schriftsteller Yu Guangzhong, der die Fehler der Guomindang sicherlich klar sah, aber aus Interesse am Amt eines Kulturministers verleugnete - im Gegensatz zu Wang Meng etwa, der sich vorsichtig kritisch zur Kommunistischen Partei äußerte.
    Fünf chinesische Essayisten der Gegenwart (1949 - 1995) werden im folgenden sechsten Abschnitt vorgestellt. Den Anfang macht Ba Jin, der in seinen Essays seit der Staatsgründung aufgrund seiner unumstrittenen Position und von einem Verlag aus der sicheren britischen Kolonie Hongkong Gesellschaftskritik übte.

6. Fünf Vertreter des Gegenwartsessays in China (1949 - 1995) 6.1 Laute Gedanken - Der aufrichtige Zeuge der 'Kulturrevolution' - Ba Jin 巴金 (1904 - 2005) 在中国能够 独立思考的人还是占大多数 […]要是他们真的大“鸣”起来,教条主义者的棍子就只好收起来了。mdcccxxxvi In China können viele noch unabhängig denken. […] Würden sie wirklich "aufschreien", könnten die Dogmatiker ihre Knüppel einpacken.

    Ba Jin ist sowohl Vertreter des modernenmdcccxxxvii wie des Gegenwartsessays.mdcccxxxviii Seine späten Essays aus den 1980er Jahren dürfen jedoch als die bedeutenderen gelten, weshalb er hier unter den Gegenwartsautoren aufgeführt ist.  Ba Jin zeichnet sein kompromißloses Auftreten aus, seine aufrechte Selbstanalyse bis zur Erniedrigung des Selbst in der 'Kulturrevolution' und seine schonungslose Offenheit. Er erwartet von Literatur zunächst, daß sie die Wahrheit sagt. Ba Jin steht mit Feng Zikai auf Platz 6 der Gesamtliste und auf Platz 2 der Liste der gegenwärtigen Essayisten (Rangliste siehe S. ).
    Von Ba Jin liegen zahlreiche Essays, insbesondere aus der Spätphase, in deutscher oder englischer Übersetzung vor. Neben diesen werden die in chinesischen Anthologien am häufigsten abgedruckten, die ins Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysenmdcccxxxix mit Inhaltsangabe aufgenommenen sowie einzelne gesellschaftspolitisch relevantemdcccxl berücksichtigt, insbesondere werden die anderen Schaffensphasen von Ba Jin abgedeckt, teils mit eigenen Übersetzungen. Die Auswertung der Essays der Spätphase erfolgt nach Themenblöcken. Dies ist ergiebiger als eine chronologische Auswertung, da innerhalb von den im folgenden beschriebenen vier Jahren der Spätphase, in denen Ba Jin seine Gedankenmdcccxli verfaßte, keine Entwicklung nachzuweisen ist. Die Quellenlage ist gut, die meisten Texte liegen in Hongkonger Ausgaben vor, daneben gibt es auch Gesammelte Werke.
    Das Werk von Ba Jin ist teils nur in Ausgaben in Hongkong zugänglich. Im einzelnen umfassen folgende Titel folgende Werkabschnitte: Ba Jin. Gesammelte Werkemdcccxlii enthält Ba Jins Werk von seinen Romanen aus der Pariser Zeit bis zum Roman Han ye 寒夜 (Kalte Nächte) von vor 1949. Für die Zeit bis 1961 liegt eine Werkausgabemdcccxliii vor. Ba Jin. Neue Werkemdcccxliv enthält zehn Essays von 1977 bis 1978, eine Erzählung und eine Übersetzung. Ba Jin. Ausgewählte Werkemdcccxlv ist eine vom Autor selbst redigierte, mit etwa 50.000 Exemplaren auflagenstarke Werkausgabe mit den Texten von 1927 bis 1981. Essays sind in den Bänden 8, 9 und 10 enthalten: Band 8mdcccxlvi enthält 93 Essays aus dem Zeitraum 1927 bis 1946, Band 9mdcccxlvii 100 Essays aus dem Zeitraum 1933 - 1980 und Band 10mdcccxlviii 93 Essays aus dem Zeitraum 1933 - 1980. In diesem Band ist auch der für den gesellschaftspolitischen Standpunkt Ba Jins wichtige Essay "Mut und Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller" enthalten (siehe unten). Weiter liegt eine Sammlung von Vor- und Nachwortenmdcccxlix mit 51 Texten von Ba Jin aus dem Zeitraum von 1928 bis 1982 vor.
    In Übersetzung des essayistischen Werks liegen vor: Eine Übertragung des kompletten ersten Bandes Gedanken von Barmé ins Englische,mdcccl eine deutsche Übersetzung des Bandes Garten der Ruhe,mdcccli Essays aus den fünf Bänden Gedanken,mdccclii geordnet nach den drei Bereichen Biographie, Literaturtheorie und Gesellschaftskritik in einer deutschsprachigen Übersetzung mit Nachwort. The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature hat den am meisten rezipierten Essay von Ba Jin, "Erinnerung an Xiao Shan"mdcccliii aufgenommen. Die chinesischsprachige Anthologie Erinnerungen an das Schaffen enthält zwei Essays von Ba Jin.mdcccliv Auch einige Romane und Erzählungen liegen auf Deutsch und Englischmdccclv sowie eine Werkauswahlmdccclvi auf Englisch vor.
    An biographischen Aufsätzen liegt ausreichend Material vor. Autobiographische Essays sind "Mein Leben und die Literatur"mdccclvii und "Zum Band 'Erkundungen'".mdccclviii Die Jugendjahre sind in  der Trilogie Reißende Strömungmdccclix beschrieben. Die Studienjahre in Shanghai und Nanking sowie der Einschnitt am 30. Mai 1925 durch das Massaker an demonstrierenden Shanghaier Jugendlichen und Textilarbeitern durch Japaner sind vor allem im Roman Sonnenuntergangmdccclx festgehalten.
    Auch die Sekundärliteratur hat Ba Jins Schaffen allgemein und einzelne Aspekte bereits ausführlich untersucht. So hat Olga Lang 1967mdccclxi Ba Jins Schaffenstrieb in ihrer detaillierten biographischen Studie auf seine anarchistischen Tendenzen aufgrund seiner Emanzipation vom autoritären und feudalistischen Elternhaus zurückgeführt und sich - neben dem Nachweis des westlichen Einflusses - stärker mit dem erzählerischen Werk befaßt. Es sind nur die Werke bis zu den 1960er Jahren berücksichtigt, der Entstehungszeitpunkt 1967 macht verständlich, daß sie vom Klassenstandpunkt aus argumentiert. Nathan Kao hat 1978 eine Monographie zu Ba Jin vorgelegt.mdccclxii Das Augenmerk ist aber noch nie allein auf sein Essayschaffen gerichtet worden.
    Auf Chinesisch liegt ein Band Materialien zu Ba Jinmdccclxiii mit Biographie, Autobiographie und einiger Sekundärliteratur vor. Die Attacken der 'Kulturrevolution' sind im Anhang besonders gekennzeichnet. Weiter sind eine Bibliographie mit Sekundärliteratur und eine Werkbibliographie abgedruckt. Auf Deutsch liegt ein Artikelmdccclxiv und ein "Nachwort zu Ba Jin"mdccclxv vor, ein Porträt des Autors, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, daß Ba Jin aufgrund seines kompromißlosen Auftretens von der jungen Generation der Schriftsteller verehrt werde. Er habe Chinas Intellektuelle ermahnt, ihre moralische Integrität zu bewahren oder wiederzugewinnen. Ein vereinfachender und polarisierender Lebensüberblick im journalistischen Stil findet sich in einer "Anmerkung des Übersetzers".mdccclxvi Weiter liegt eine Studiemdccclxvii zum Einfluß der russischen Literatur auf Ba Jin vor, die vor allem aufgrund der anarchistischen Überzeugungen des frühen Ba Jin von Belang ist.
    Ba Jin veröffentlichte in einem Zeitraum von über 60 Jahren - mit einem Jahrzehnt Unterbrechung durch die 'Kulturrevolution' - 39 Essaysammlungen. Sein Essayschaffen läßt sich in die Phasen "1927 - 1949", "1949 - 1977" und "seit 1978" einteilen.mdccclxviii
    Li Shaotang 李尧堂 (Zi-Name Feigan 芾甘, Künstlername ab 1929 Ba Jin 巴金) wurde am 25. November 1904 in einer wohlhabenden Gentry-Familie in Chengdu 成都 (Provinz Sichuan) geboren, die seit drei Generationen Beamtenposten bekleidete. 1907 zog die Familie nach Guangyuan um, wo der Vater Richter im Yamen war und mit Bambusstockschlägen für Geständnisse sorgte. Ba Jin akzeptierte aus jugendlicher Protesthaltung die hierarchische Ordnung in der ihn umgebenden Welt nicht, er war lieber mit Dienstboten zusammen und erkannte keine Autorität an, auch nicht die seines älteren Bruders. Seine Mutter machte ihn mit klassischer chinesischer Literatur vertraut. In seinem 1958 geschriebenen Essay "Tan wo de sanwen 谈我的散文"mdccclxix (Über meine Essays) erinnert sich Ba Jin an die Art, wie er mit 13 gelehrt worden war, Essays nach dem Vorbild von Tao Yuanming oder Han Yu zu schreiben.
    1914 starb die Mutter, 1917 der Vater, sein Zuhause brach zusammen. Er lernte Englisch und Französisch in einer Mittelschule in Chengdu. 1919 erfuhr er von der Revolution durch Zeitschriften wie Xin qingnian 新青年 (Neue Jugend) und schloß sich innerlich dem Wunsch nach sozialen Reformen an. Im Mai 1923 zog er nach Shanghai: mdccclxx "Ich verließ diese Familie, so wie man versucht, einen schrecklichen Schatten abzuschütteln."mdccclxxi Auch in Shanghai hielt es ihn nicht lange, zum Jahr 1926 schreibt er: "Mit zweiundzwanzig Jahren rannte ich aus Shanghai davon in das mir völlig fremde Paris, um einen Ausweg zu suchen."mdccclxxii Dort las er über zwei anarchistische Arbeiter: In einem Essaymdccclxxiii berichtet er über sein Mitgefühl mit den in Chicago zum Tode verurteilten italienischen Arbeitern Sacco und Vanzetti.mdccclxxiv Letzterer schrieb ihm aus der Todeszelle einen Antwortbrief, in dem er seine Hoffnung auf die Jugend setzte. Ba Jin verfaßte eine schmale Essaysammlung zu diesem Thema, die 1926 in San Francisco erschien.mdccclxxv Seine anarchistische Tendenz hat er nie abgestritten.mdccclxxvi In Paris vergrub sich Ba Jin in seine Bücher, fühlte sich als Ausgestoßener Rousseau verwandt und trug sich mit Suizidgedanken.mdccclxxvii Die Lektüre von Kropotkinsmdccclxxviii Aufruf an die Jugendmdccclxxix (1880) beeinflußte ihn in Richtung des Anarchismus,mdccclxxx sie veranlaßte ihn auch zu politischer Aktion: Mit Freunden gründete er eine "Gesellschaft für Gleichheit" und entschloß sich 1927, die Schriftstellerei zum Beruf zu machen.mdccclxxxi Dabei veröffentlichte er zunächst nur politische Texte, etwa über die Möglichkeiten des Anarchismus.mdccclxxxii Ba Jin nahm sich russische Heldinnen zum Vorbild; er druckte und vervielfältigte seine Pamphlete teils illegal.mdccclxxxiii 
    Im Sommer 1928 studierte Ba Jin an der Hochschule in Chateau-Thierry, er las über die französische und die russische Revolution. Seine anarchistische Ausrichtung bildet den biographischen Hintergrund zum Roman Miewang 灭亡mdccclxxxiv (Zerstörung), der 1929 bereits unter dem Künstlernamen Ba Jin 巴金mdccclxxxv in vier Folgen von Ye Shengtao in der Xiaoshuo Yuebao veröffentlicht wurde und ihn schon in Abwesenheit in China bekanntmachte. Das Pseudnonym wählte er nach den anarchistischen Vorbildern Bakunin*mdccclxxxvi und Kropotkin mdccclxxxvii, letzteren übersetzte er ebenso wie etwa Gorkij.
    1929 kehrte er ohne Studienabschluß nach China zurück, ließ sich in Shanghai nieder und veröffentlichte viel, seine Texte blieben weiter politisch engagiert.mdccclxxxviii Während die meisten chinesischen Intellektuellen 1930 bereits darüber spekulierten, wann der Kapitalismus in China wohl in den Kommunismus übergehen werde, dachte Ba Jin darüber nach, wie der Kapitalismus in den Anarchismus übergehe.mdccclxxxix Er zog sich manchmal bis zu neun Monate zum Schreiben zurück und reiste dann herum, um seine Freunde zu besuchen, die häufig die Veröffentlichung der Texte besorgten. Diese Lebensführung mag auch der Grund für seine späte Heirat mit 40 Jahren gewesen sein.mdcccxc
    Die Essays der Frühphase sind zurückhaltend und häufig von melancholischer Grundstimmung: Insgesamt veröffentlichte er 15 Essaysammlungen: Haixing zaji 海 行杂记mdcccxci (Vermischte Aufzeichnungen einer Seereise), Sheng zhi chanhui 生之忏 悔mdcccxcii (Sündenbekenntnis eines Lebens), 1940 Lütu tongxun 旅途通讯mdcccxciii (Nachrichten von einer Fernreise), 1946 Lütu zaji 旅途杂记mdcccxciv (Vermischte Aufzeichnung einer Fernreise), Wuti 无题mdcccxcv (Ohne Titel), Heitu 黑土 (Schwarze Erde), Long 龙 (Drache), Hu 虎 (Tiger), Gou 狗 (Hund), Feiyuan wai 废园外 (Außerhalb des aufgegebenen Gartens), Huainian 怀念 (Erinnerungen) und Jingye de beiju 静夜的悲剧 (Tragödie in stiller Nacht).mdcccxcvi Einige Essaysammlungen erinnern an Titel Zhou Zuorens.mdcccxcvii
    Die bedeutenderen der Essaysammlungen seien im weiteren Verlauf vorgestellt.
    Im Frühjahr 1931 beging sein ältester Bruder, der die Verantwortung für die Großfamilie übernommen hatte, wegen Bankrott Selbstmord. Kurz danach erschien noch im selben Jahr Ba Jins Roman Jia 家mdcccxcviii (Die Familie). Ba Jin beschreibt hier semi-autobiographisch das Zusammenbrechen der alten konfuzianischen Ordnung auch unter dem Ansturm des Westens am Beispiel einer Großfamilie. In überschwenglichem Stil beschreibt er, wie die Jugend auf Orientierungssuche im Kommunismus neuen Halt fand. Der Roman wurde später zur Jiliu sanbuqu 激流三部曲mdcccxcix (Trilogie Reißende Strömung) vervollständigt: Es folgten die Fortsetzungen Chun 春mcm (Frühling), Qiu 秋mcmi (Herbst).
    Das Erlebnis des Bombardements der Shanghaier Vorstadt Zhabei 闸北 1931 durch die Japaner veranlaßte Ba Jin zum Verfassen des propagandistischen Romans Meerestraum. 1932 beendete er die Erzählung "Shading 砂丁"mcmii (Shading).
    Im Essay "Das Vogelparadies"mcmiii schildert Ba Jin eine Kindheitserinnerung mit detaillierter Landschaftsbeschreibung. Der Essay ist auf den 17. Juli datiert und möglicherweise 1932 entstanden. Er ist repräsentativ für die nicht-gesellschaftskritischen autobiographischen Jugendbeschreibungen und die Reiseberichte. Auch hier wird ein Erkenntnisprozeß beschrieben: Bei einem ersten Besuch des 'Vogelparadieses' entdeckt Ba Jin keinen einzigen Vogel, weshalb er die Bezeichnung für falsch hält. Bei einem zweiten Besuch zu einer günstigeren Tageszeit und mit grüßerer Geduld entdeckt er zahlreiche Vögel und kann sich kaum vom 'Vogelparadies' trennen. Es liegt sicherlich in der Intention des Autors, dem Leser die Einsicht zu vermitteln, daß man seinen Augen und seinem ersten Eindruck nicht immer trauen darf. Die Tatsache, daß Ba Jin in dieser bewegten Zeit neben propagandistischen Texten auch Texte wie diesen mit reinem Kunstcharakter und ohne Blick auf die Tagespolitik schrieb,läßtihn mehr in Zhou Zuorens als in Lu Xuns Nähe erscheinen.
    Die Sammlung Vermischte Aufzeichnung einer Seereise enthält 40 Essays, darunter ein Vorwort des Autors, datiert auf "Shanghai, Oktober 1932". Die Essays beschreiben seine Reise nach Frankreich, insbesondere Paris, das Quartier Latin etc.mcmiv Der Redakteur des Vorworts zu dieser Sammlung, der aus der VR Ch stammt, unterteilt Ba Jins Essays in Reiseberichte, philosophische Essays und Memoiren. Der gesellschaftskritische Aspekt wird hier völlig ausgeblendet. Die Essaysammlung Feiyuan wai 废园外 (Außerhalb des aufgegebenen Gartens) liegt in der englischen Übersetzung Outside a desolated Garden des Fremdsprachenliteraturverlages vor. Sie bildet den vierten Band der Selected Works von Ba Jin.
    Die Kämpfe, bei denen Arbeiter 1932 in Shanghai die Kontrolle über kulturelle Institutionen erreichen wollten, veranlaßten Ba Jin zu einem Umzug.
    Im Essay "Freund" beschreibt er die Beobachtung, daß zwischen befreundeten Menschen eine freundschaftliche gefühlsmäßige Verbindung bestehe. Auch in sorgenvollen Zeiten könnten wahre Freunde Mitgefühl und Respekt geben. Freunde zu verlieren, sei wie sein halbes Leben zu verlieren. Er appelliert an den Leser, wahre Freunde zu finden. Ba Jin klagt darüber, daß es in der damaligen sozialen Lebenswirklichkeit an Liebe und Verständnis gefehlt habe.mcmv
    Ende 1934 reiste er aufgrund des Zensurklimas in Shanghai (seine Erzählung "Sproß"mcmvi kam auf den Index) nach Japan. 1934 erschien die Sammlung mit Reiseberichten Lütu suibi 旅途随笔mcmvii (Lockere Aufzeichnung einer Fernreise). Im August 1934 gab er Reihen in einem Shanghaier Verlag heraus und schrieb selbst weniger.
    Im Essay "Regen" schildert Ba Jin, man habe früher Wein getrunken, wenn man Kummer gehabt habe, er dagegen lasse sich gern vom Regen durchnässen. Regen verneble zwar die Sicht, aber wasche die Luft auch rein. Er habe (auch wenn dies sinnlos erscheinen möge) auch bei fehlendem Sonnenschein den Regen gemocht.mcmviii
    1935 fuhr Ba Jin auf der Suche nach einer Wahrheit, mit der er China retten könne, nach Europa. Egal, wie sich die Dinge auf der Erde entwickelten, so argumentiert Ba Jin im dort entstandenen optimistischen Essay "Sonnenaufgang auf dem Meer",mcmix die Sonne gebe dem Menschen ein Gefühl von Hinanstreben, Helligkeit, Lebenskraft. Er vergleicht das langsame Aufsteigen der Sonne mit dem Weg der Menschen in China auf der Suche nach dem 'Licht' der Aufklärung. Die Sprache ist lyrisch, Ba Jin verleiht seinen tiefen patriotischen Gefühlen Ausdruck.
    Ba Jin stellte 1936 eine Geschichte der russischen sozialen und der 'Nihilistischen Bewegung' zusammen, bei der er sich im Wesentlichen auf Kravchinskiis Underground Russia und Prelookers Heroes und Heroines of Russia stützte.mcmx
    1937 erschienen die Essaysammlungen Duanjian 短简mcmxi (Kurze Unterhaltungen) und die politisch engagierte Ziyou xue: wuyi xun dao zhe de wushi zhounian 自由血:五一殉道者的五十周年 (Blut der Freiheit: Zum fünfzigsten Jahrestag des Märtyrertods von fünf Genossen).mcmxii
    Seit Ausbruch des Antijapanischen Krieges 1937 zog Ba Jin mehrmals um und schrieb dabei unermüdlich und unter teils schwierigen Umständen.mcmxiii Er irrte durch ganz China, war weiter als Herausgeber tätig, lehnte aber ein Engagement in führenden literarischen Gesellschaften oder direkt in der kommunistischen Bewegung ab.
    Im September 1938 erschien die Essaysammlung Meng yu zui 梦与醉 (Traum und Trunkenheit),mcmxiv darin parliert Ba Jin im Essay "Betrunken"mcmxv über die verschiedenen Arten der Trunkenheit. Man könne sich im Rausch häufig selbst vergessen. Wenn man im trunkenen Zustand an Freunde und an seine Liebste denke, sei dies eine gehobene Art der Trunkenheit. Wenn man an die Gesellschaft und den Staat denke, so vergesse man sich selbst. Ba Jin bemüht sich, eine Verbindung zwischen seinen eigenen Gefühlen und denen seiner Mitmenschen zu schaffen. Themen des Essays sind die Gefühle gegenüber dem Vaterland, die Hoffnung auf die Jugend und die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.
    1941 erschien in Anlehnung an Albert Camus' nihilistische Erzählung "J'accuse" eine gleichnamige Essaysammlung.mcmxvi Im Dezember desselben Jahres erschien eine weitere Sammlung mit Essays unter dem Titel Long, hu, gou 龙·虎·狗mcmxvii (Drache, Tiger, Hund), aus der im folgenden einige Essays vorgestellt werden sollen:
    Einen gesellschaftspolitischen Bezug hat der Essay "Mond":mcmxviii Ba Jin kann sich nicht erklären, wie der Mond angesichts des tatsächlichen Zustands der Gesellschaft noch voll sein könne. Auch der kurze Essay "Tag"mcmxix besitzt einen deutlichen Nebensinn: Ba Jin drückt darin seine Hoffnung aus, daß es hell und heiß werde. Er vergleicht sich mit einer Motte, die nach Idealen und Herzlichkeit strebe. Die stummen Sterne mit ihrem milden Licht sind für Ba Jin Trostspender für die Menschen, dieses Bild findet er im Essay "Sterne".mcmxx In seinem Kosmos werde es immer Sterne geben. Der Stil ist lyrisch und geprägt von Mitgefühl und Verständnis für die Mitmenschen.
    Im Juni 1942 erschien die Essaysammlung Außerhalb des aufgegebenen Gartens.mcmxxi Zwei bekanntere Essays daraus seien vorgestellt: 
    Im Essay "Lampen"mcmxxii benennt Ba Jin die Funktionen, die Lampen für den Menschen besäßen: Sie spendeten Wärme, Licht, Hoffnung, Kraft. Lampen könnten pessimistische Menschen wieder froh stimmen und den Weg erhellen. Dieser Essay enthält reichhaltige Assoziationen und ist auf einer zweiten Bedeutungsebene eine Allegorie für die Gesellschaft. Der Essay zeichnet eine Entwicklung vom Dunklen zum Licht, vom Gefühl des Nicht-mehr-Aushaltens bis zum Wohlsein nach.
    "Außerhalb des aufgegebenen Gartens"mcmxxiii beschreibt die Allegorie eines Mädchens, das in einem Garten aufgewachsen ist, die Außenwelt noch nicht gesehen hat und von einer englischen oder französischen Bombe getötet wird. Ba Jin entwirft diese Allegorie, um anhand der Zerstörung einer absoluten, unschuldigen Jugend die absolute Schlechtigkeit des Krieges umso deutlicher zu zeichnen. Der Autor bezieht klar Stellung, wem seine Liebe und wem sein Haß gilt.
    1944 heiratete Ba Jin Chen Yunzhen (Schriftstellername Xiao Shan) in Guiyang. 1944/45 floh er in die provisorische Hauptstadt der Nationalregierung Chongqing, dort entstanden die Romane Garten der Ruhemcmxxiv und Kalte Nächtemcmxxv.
    Nach 1949 war Ba Jin den neuen Machthabern dienstbar und wurde als Repräsentant mehrfach ins Ausland geschickt. Dem Aufruf, den "neuen Menschen" zu beschreiben, konnte Ba Jin nicht auf Kommando nachkommen, Mao Zedong bemerkte dazu im "Brief an Ministerpräsident Zhou Enlai": "Ba Jin meint, Essays zu schreiben, sei schwer."mcmxxvi
    Trotz dieser Skepsis gegenüber dem Erfolg des kommunistischen Systems in Bezug auf die Schaffung eines "neuen Menschens" ließ sich Ba Jin in der zweiten essayistischen Schaffensphase zwischen 1949 und 1965 für politisch affirmative Literatur gewinnen, wenngleich seine Literaturproduktion zurückging. Diese Zeitläßtsich unter dem Thema "Lobgesang in neuen Tönen" fassen. Ba Jin veröffentlichte 12 Essaysammlungen: Huasha cheng de jieri - Bolan zaji  华沙城的节日- 波兰杂记mcmxxvii (Feiertag in Warschau - Vermischte Aufzeichnungen aus Polen), Weiwenxin ji qita 慰 问信及其他 (Beileidsbriefe und anderes), Shenghuo zai yingxiongmen zhongjian 生 活在英雄们中间 (Leben unter Helden), Ba Jin sanwen xuan 巴金 散文选 (Ba Jin. Essayauswahl), Baowei heping de renmen 保卫和平的人们 (Menschen, die den Frieden verteidigen), Tan Qi Hefu 谈契诃夫 (Über Qi Hefu), Da huanle de rizi 大欢乐的 日子mcmxxviii (Freudentage), Xin sheng ji 新声集 (Sammlungen neuer Töne), Youyi ji 友谊 集mcmxxix (Freundschaftssammlung), Zan'ge ji 赞歌集 (Sammlung von Lobgesängen), Qingtu bujin de ganqing 倾吐不尽的感情 (Gefühle ohne Vorbehalte), Xianliang qiaopan 贤良桥畔 (Die fähige und pflichttreue Brückenseite).mcmxxx
    Den höchsten Bekanntheitsgrad unter diesen grüßtenteils affirmativen Essaysammlungen mit gesellschaftspolitischem Bezug erlangte die Anthologie Leben unter Helden. In ihr beschreibt Ba Jin seine Liebe zu Berufssoldaten. Daneben veröffentlichte er aber auch zahlreiche Essays, die sich nicht mit der Situation in China beschäftigten, sondern den Blick auf internationale Ebene weiteten, wie "Huashachen de jieri 华沙城的节日" (Feiertage in Warschau), "Yinxiang 印象" (Eindrücke), "Ganxiang 感想" (Gefühle und Gedanken), "Huiyi 回忆" (Erinnerungen).mcmxxxi
    Der Essay "Erinnerung an Herrn Lu Xun",mcmxxxii nur zehn Tage nach Staatsgründung der VR China entstanden, verdeutlicht das Verhältnis Ba Jins zu Lu Xun, der eine Generation älter war. Ba Jin gestaltet seinen Essay hier, wie dem Lu Xun-Kenner schon bei den ersten Sätzen klar wird, Lu Xuns Essaygedicht "Bettler" aus den Wilden Gräsern nach. Ba Jin erinnert sich an Lu Xuns Tod 13 Jahre zuvor. Er habe von ihm persönlich und auch durch seine Essays Ermutigung erhalten. Am Sarg habe er geschworen, Lu Xuns Erwartungen an die Jugend nicht zu enttäuschen. Gegen Ende des Essays schwenkt Ba Jin auf die Propagandalinie ein, daß Lu Xuns Hoffnung auf ein 'Neues China' jetzt verwirklicht worden sei, wobei er bedauert, daß Lu Xun dies nicht mehr habe erleben dürfen. Der Essay endet mit dem Blick nach vorn.
    1951 begann Ba Jin, seine Werke umzuschreiben, damit sie den neuen ideologischen Richtlinien entsprachen. Später distanzierte er sich von diesen gekürzten Fassungen. 
    1952/53 fuhr er an die Front im Korea-Krieg. Er schrieb Erzählungen und Essays über die Soldaten des Korea-Kriegs 1952. Die Verfilmung Heldenhafte Söhne und Töchter der Erzählung "Wiedervereinigung" wurde durch Zhou Enlais Fürsprache in ganz China gezeigt und erhielt das Prädikat: "ein guter Film über den Krieg gegen die US-Aggression und zur Unterstützung Koreas".mcmxxxiii Zu Beginn der 'Kulturrevolution' wurden diese Erzählungen und Essays jedoch als "pazifistische Antikriegsliteratur" eingestuft. 25 Essays von Ba Jin aus dem Zeitraum 1952 bis 1954 über die 'heldenhafte Rolle' der chinesischen Soldaten im Koreakrieg, aber auch mit leisen Tönen der Kritik am Krieg und am Sterben überhaupt, konnten erst nach der 'Kulturrevolution' veröffentlicht werden: Die Heldengeschichtenmcmxxxiv erschienen 1979, weiterhin mit Erzählungen.
    Wenn Ba Jins Essays der 1950er Jahre von Barmé als "hurrapatriotisch"mcmxxxv bezeichnet werden, so ist dies auch ein Zeichen für eine pauschale Ablehnung der Essays Ba Jins in dieser Zeit durch die westliche Literaturwissenschaft. Die Essays haben aber weit mehr zu bieten als patriotische Gedanken, sie waren mutige Belege einer leisen kritischen Stimme im Chor der patriotischen Kriegsbefürworter und wurden als solche in China kritisiert. Wenn man nicht auch zwischen den Zeilen liest, wird man sicherlich nur Essays über heldenhafte junge Soldaten lesen. Aber warum werden die Sinnlosigkeit und Brutalität beschrieben, mit denen dieses junge Leben zerstört wird?mcmxxxvi Hier rebelliert Ba Jins Humanismus gegen einen von seinen Kollegen allenthalben mit Vaterlandsliebe gerechtfertigten Krieg.
    Wegen der pauschalen Ablehnung des Autors durch einige Wissenschaftler im Westen ist auch zu erklären, daß zwei seiner kritischen Essays übersehen wurden, auf die er selbst in seinen Gedanken unter der Zeit hinweist. Diese beiden Essays stellen in ihrer Aussage ein oppositionelles Manifest dar und sind deswegen auch bisher in der chinesischen Sekundärliteratur häufig 'übersehen' worden.
    1955 erschien Ba Jins Essaysammlung Tan Jiehefu 谈契诃夫mcmxxxvii (Über (echov ).
    Ba Jin erklärt in seinen Gedanken unter der Zeit 1982mcmxxxviii zu seinem Essay "Unabhängig denken"mcmxxxix – freilich ohne den Titel des Essays zu nennen – daß er ihn in der kurzen freien Phase 1956 geschrieben habe. Kurz darauf habe ihn die Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' jedoch zum Verleugnen gezwungen. Als wieder ein etwas freieres Klima herrschte, habe er einen weiteren Essay "dieser Art" geschrieben (es handelt sich um "Mut und Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller"mcmxl) danach sei jedoch die 'Kulturrevolution' ausgebrochen. Auch hier nennt Ba Jin den Titel nicht.mcmxli Der Verf. konnte die beiden Essays zunächst in keiner Sekundärquelle aus der VR China und Taiwans finden. Sowohl das taiwanesische Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysenmcmxlii wie die Übersetzer und Essayanthologien haben diese Essays nicht berücksichtigt. Schließlich wurde er bei der Durchsicht von Primärliteratur fündig: Der Essay "Unabhängig denken" aus dem Jahr 1956 ist aufgenommen in: Li Jisheng, Li Xiaolin (Hgg.): Ba Jin. Werkauswahl 1986. Er propagiert die Freiheit des Individuums und der Gedanken. Der kritische Charakter muß jedoch vor dem Hintergrund gesehen werden, daß er in der Phase der '100-Blumen-Kampagne' entstand, in der Kritik von oben gefordert worden war, Ba Jin entsprach also auch mit diesem Essay noch dem 'mainstream', wenngleich seine Kritik ungewöhnlich scharf war. Wesentlich deutlicher gegen den 'mainstream' gerichtet war eine Rede aus dem Jahr 1962:
    "Mut und Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller" ist auf 1962 datiert und möglicherweise vor Mai entstanden. Es existiert auch eine gekürzte Fassung, die an sieben kritischen Stellen von der Originalfassung abweicht. Es handelt sich um eine Rede auf dem zweiten großen Shanghaier Kongreß der Literatur- und Kunstschaffenden. Ba Jin geht darin hart mit sich und seinen Kollegen ins Gericht: Bei verschiedenen Kampagnen gegen einzelne Werke sei man den wechselnden politischen Vorgaben opportunistisch gefolgt und habe sich dadurch selbst verraten. Das zweite Ziel seines Angriffs sind die Zensoren und Kritiker, die ohne Rechtsgrundlage mehr Macht als die Schriftsteller besäßen. Ba Jin interpretierte die Yan'aner Reden zur Kunst und Literatur von Mao in der Form, daß die Schriftsteller selbst Verantwortung übernehmen sollten.
    Bei der weiteren Suche fand der Verf. dieser Studie dann doch noch eine Quelle aus dem Jahr 1993 aus der VR Ch,mcmxliii die diese Essays nicht nur erwähnte, sondern positiv wertete: Weil Ba Jin eine "gründliche demokratische Überzeugung" gehabt habe, habe er 1956 und 1962 über einige bürokratische Erscheinungen nach der Gründung der Volksrepublik die Essays "Unabhängig denken" und "Mut und Verantwortungsbewußtsein der Schrifsteller" geschrieben, um die zeitgenössischen Leser zu warnen.
    In seinem auf Oktober 1956 datierten Essay "Über 'Die Familie'"mcmxliv schildert Ba Jin das Bedauern seiner Leser, daß die Handlung im Roman Die Familie bereits vor der Staatsgründung geendet habe und es den Figuren darin nicht mehr "vergönnt war, den Glanz des neuen China mitzuerleben".mcmxlv Es handelt sich hierbei nicht um eine bewußte Weglassung Ba Jins, die letzte Fortsetzung des Romans erschien bereits 1940. In diesem EssayläßtBa Jin den autobiographischen Hintergrund des Romans Revue passieren.
    Nach der '100-Blumen-Kampagne' wurde Ba Jin 1957 in der Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' kritisiert, schwor offiziell seinem Anarchismus ab und redigierte seine 14-bändige Werkausgabe entsprechend.
    Die seit 1949 unternommenen Reisen ins Ausland, wo er das "neue Leben in China" und die "Völkerfreundschaft" pries, wurden zu seinem Erstaunen in der 'Kulturrevolution' als "Schuldbeweis", als "Giftkräuter" interpretiert: "mich sperrte man als 'Literaturdespoten' und 'großen alten K'mcmxlvi in den 'Kuhstall', wo ich alle möglichen geistigen Torturen und körperlichen Demütigungen erdulden mußte und zehn Jahre lang aller bürgerlichen Rechte und jeglicher Publikationsfreiheit beraubt war."mcmxlvii 
    In einem Lexikon der VR Ch heißt es lapidar, er habe zwischen 1967 und 1976 für zehn Jahre "den Stift beiseite gelegt".mcmxlviii Tatsächlich schrieb er ständig Tagebuch,mcmxlix Selbstkritiken, veröffentlichte regimefreundliche Artikel etc. Im einzelnen ist die Veränderung der Schreibsituation folgendermaßen zeitlich zu fixieren: In den ersten drei Jahren der 'Kulturrevolution' arbeitete Ba Jin als Pförtner im Shanghaier Schriftstellerverband.mcml Zu dieser Zeit war er dazu entschlossen, das Schreiben ganz aufzugeben. "Damals hätte ich sehr leicht Selbstmord begehen können, aber meine Frau Xiao Shan stand mir zur Seite".mcmli Nach sieben Jahren Schreibverbot wurde ihm das Übersetzen wieder erlaubt, und er führte seine etwa 1940 begonnene Übersetzung von Alexandr Herzensmcmlii Hauptwerk Gedanken und Lebenserinnerungen fort, mit dem ihn die Wut auf das Regime (hier 'Viererbande', dort Zar Nikolaus I.) verband.
    1975 wurde er vornehmlich von französischer Seite zum Nobelpreis vorgeschlagen,mcmliii was ihn jedoch nicht davor schützte, daß seine Werke gegen Ende der 'Kulturrevolution' im Rahmen einer Kampagne aus den Buchläden verbannt wurden. Erst 1978 wurde er rehabilitiert. 1980 benannte er dafür die Schuldigen: "Die 'Viererbande' hat meine Bücher verbrannt und mich aus der Literatur vertrieben."mcmliv
    In der Spätphase seines essayistischen Schaffens seit 1978 schrieb er sorgenvolle Gedankenskizzen und betrieb wissenschaftliche Untersuchungen.mcmlv Er verkörperte in den 1980er Jahren als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes mit Shen Congwen 沈从文 die Republikliteratur.
    Als Ba Jin Herzens Gedanken und Lebenserinnerungen übersetzte, brachte ihn dies auf die Idee, selbst "Gedanken unter der Zeit" festzuhalten.mcmlvi Ba Jin war einer der wenigen Autoren der zweiten Generation, die in den 1980er Jahren noch einmal zum Stift griffen. Nach 1978 verlagerte sich sein Schaffensschwerpunkt wieder auf die Essays: mcmlvii
    Er schrieb von Dezember 1978 bis August 1986 die in fünf Bänden unterteilten 150 Essays Ba Jin suixiang lu 巴金随想录 (Ba Jin. Gedanken unter der Zeit).mcmlviii Die einzelnen Gedanken erschienen seit Ende 1978 zunächst in der Kunstbeilage der Dagong bao (Hongkong), dann wurden sie in Einzelbänden und schließlich in einem Sammelband zusammengefaßt.
    1979 entstand der erste Band der gleichnamigen fünfbändigen Reihe Gedanken,mcmlix der Gedanke 1 bis 30 sowie ein Nachwort enthält. Ba Jin erhielt 1984 für diesen Band den "Nationalen Ehrenpreis für Essaysammlungen".mcmlx 1980 entstand der Band Erkundungenmcmlxi mit den Gedanken 31 bis 60, mit einem weiteren Essay im Anhang und einem Nachwort, 1981 bis Juni 1982 Wahrheitmcmlxii mit den Gedanken 61 bis 90 und einem Nachwort. Ein Lexikon aus der VR Ch erwähnt als wichtigste Werke Ba Jins neben seiner Romantrilogie die Essays im dritten Band Zhenhua ji 真话集 (Wahrheitssammlung).mcmlxiii
    Außerhalb der Gedanken-Reihe veröffentlichte Ba Jin 1982 die Sammlung Erkundungen und Erinnerungen.mcmlxiv
    Der nächste Band der Reihe, Auf dem Krankenlager,mcmlxv enthält Gedanke 91 - 120, einen Essay im Anhang und ein Nachwort. Diese Essays entstanden im Zeitraum Juli 1982 bis Februar 1984. Ohne Titel. Sammlungmcmlxvi enthält Gedanke 121 - 150, einen Essay im Anhang und ein Nachwort aus dem Zeitraum September 1984 bis August 1986.
    Ba Jins Essays in der Spätphase zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich in ihren Hauptthemen inhaltlich nicht wiederholen. Am Rande erwähnte Themen können häufiger auftauchen, z.B. die Forderung nach der Schaffung eines Literaturarchivs, das Lob der jüngeren Schriftstellergeneration und die Warnung vor einer Wiederholung der 'Kulturrevolution'. In der Themenvielfalt zeigt Ba Jin auch, daß er auf mehreren Gebieten bewandert ist. Nur einige Fundamente sind allen Essays gemeinsam: Wahrheitsanspruch und aufklärerischer Charakter. Ba Jin bemerkte einmal über Rousseau: "Es war Rousseau, der mich zuerst in der Romanschreiberei unterwies. Der Autor der Confessions hat mich gelehrt, aufrichtig zu sein und nicht zu lügen."mcmlxvii "Manche ausländischen Freunde, die sich für China einsetzten, haben jetzt noch unter dem Verlust ihrer Glaubwürdigkeit zu leiden, und sie haben sie verloren, weil sie unsere Lügen verbreitet haben."mcmlxviii In seinen Essays machte Ba Jin keinen Hehl daraus, daß ihn Kritik jeder Art kalt ließ und ihn nicht von seiner Meinung abbringen konnte, solange er glaubte, die Wahrheit sei auf seiner Seite.mcmlxix
    Die deutsche Auswahl von Gedanken unter der Zeit enthält 41 Essays, es ist somit nur eine kleine Auswahl von den 150 "Gedanken", die bei Erscheinen der Übersetzung auch noch nicht vollständig vorlagen. H. Martin hat die Essays neu unter den Themengruppen "Biographisches", "Literatur", "Gesellschaft" geordnet. Vor allem wurden die zahlreichen Kondolenzessays aussortiert. Titelüberschriften wurden wegen der Neuordnung geringfügig geändert. Der Band enthält eine Konkordanz zu den jeweiligen chinesischen Sammlungen, ein Glossar sowie ausführliche Anmerkungen. Die dort dargebotene Übersetzung liegt auch den hier ausgewerteten Essays der Reihe zugrunde, soweit nicht anders angegeben. In der deutschen Essaysammlung sind auch Vorworte und Reden enthalten. Etwas verwirrend ist die Bezeichnung der deutschen Übersetzungen mit eigenen Nummern, wodurch Verweise im Text in die Irre führen können. In der vorliegenden Arbeit werden bei Verweisen auf die Nummer jeweils beide Zählungen angegeben.
    Bereits 1980, nach dem Erscheinen der ersten Gedanken, wurde Kritik seitens der Studenten der Chinesisch-Abteilung der Chinese University of Hongkong laut. Sie bezeichneten diese Essays als "nachlässig, was die literarische Qualität angeht", "wortreich", "repetitiv", "schlaff" und "stilistisch ungeschliffen".mcmlxx
    Im folgenden soll zunächst ein Essay vorgestellt und generelle Aussagen zu den Sammlungen getroffen werden, bevor die in deutscher Übersetzung vorliegenden und die häufig abgedruckten Essays aus der Gedanken-Reihe nach thematischen Gesichtspunkten geordnet vorgestellt werden.
    Zum auf den 4. Januar 1980 datierten Gedanken 36, "Der kleine Hund Baodi"mcmlxxi sei exemplarisch eine ausführlichere Interpretation durchgeführt:
    Der Essay entstand 1980. Ba Jin erinnert sich darin an die Zeit zwei Jahrzehnte zuvor, und zwar an seinen Hund, den er 1959 erhielt und mit der Zeit liebgewann. Aufgrund der Gefahren durch Gesellschaft und Zeitumstände (damals wüteten die 'Roten Garden') mußte er das Leben seines Hundes 1966 opfern. Ba Jin beschreibt detailliert das Tierschicksal und seine eigene Resignation, als er erkannte, daß er den Hund nicht beschützen konnte.
    In der Dichtung geht es in Ost und West weniger um Seinswahrheit als um fiktionale Wahrheit. Bei der Lektüre der Geschichte fällt auf, daß Ba Jin zahlreiche Kunstmittel einsetzt. Zusätzlich zu den Erfahrungen, die er tatsächlich mit seinem Hund gemacht haben mag, stellt er eine Ouvertüre an den Anfang. Diese Ouvertüre weist unrealistische Elemente auf, die besser in ein Märchen passen. So kauft der Protagonist nach seinem Gefängnisaufenthalt Fleischfutter und sucht erst anschließend den Hund, um dann umso enttäuschter über dessen Ableben zu sein. In der Realität hätte er sich zunächst nach dem derzeitigen Aufenthalt des Hundes erkundigt. Ba Jin bemüht sich, diese seine fiktionale Wahrheit als eine realistische erscheinen zu lassen, indem er zahlreiche unwichtige Details einflicht, wie die Japanerin, die sich nach dem Hund erkundigt. Tatsächlich ist angesichts der fiktionalen Wahrheit Ba Jins unwichtig, ob er so tut, als handle es sich um Seinswahrheit.
    Die Ouvertüre weist weiterhin das künstlerische rhetorische Mittel der Analogie auf: Der Mensch hält dem Hund die Treue und will ihn nach dem Gefängnisaufenthalt mit Fleisch belohnen, wie schon zuvor der Hund treu bei seinem Herrchen blieb, auch als er mit Stangen vertrieben werden sollte. Neben der Treue verbindet den Hund und sein Herrchen noch, daß auch dem Hund ein Bein gebrochen wurde. Der Hund verkörpert höchste Ideale des Menschen: Er ist treu bis zur Selbstaufopferung, selbst wenn sich alle anderen abwenden, er leckt die Wunden und stirbt vor Trauer. Hier wird der Inhumanität im menschlichen Hund ein Spiegel vorgehalten: Der Hund erscheint als wahrer Mensch.
    Dasselbe gilt - nach der "Ouvertüre" - genauso für den Kern des Essays selbst. Mag der Essay anfangs noch das scheinbar unbedeutende, allenfalls persönlich bedeutsame Schicksal des Hundes Baodi darstellen, so wird angesichts des übrigen schriftstellerischen Lebenswerks Ba Jins bald deutlich, daß es ihm nicht um die Darstellung eines Hundeschicksals geht, sondern um die Darstellung der Grausamkeit der Kulturrevolution. Der Leser erkennt: wenn man dies damals einem unschuldigen Hund antat, was hat man dann erst den Menschen angetan, die man für schuldig hielt. 
    Nicht nur in der Ouvertüre wird der Hund "vermenschlicht", werden Analogien gezogen: Auch Ba Jin selbst zieht in der Hauptgeschichte eine Analogie zu seinem Hund, als er sich auf dem Seziertisch liegen sieht. Selbst Baodis Tod ist nützlich, er dient der Wissenschaft - könnte ein Mensch selbstloser sein?
    Ba Jin vermittelt anhand der Schilderung der Leidensgeschichte des Hundes einen Eindruck von der Grausamkeit der Kulturrevolution. Am Ende des Essays über den Hund Baodi erwähnt Ba Jin seine Frau in schmerzlicher Erinnerung, die während der Kulturrevolution erkrankte und starb.
    Um den Zusammenhang verstehen zu können, muß der Inhalt des Essays "In Erinnerung an meine Frau Xiao Shan" vorausgesetzt werden. Darin hatte er 1979 seine schweren Schuldgefühle anläßlich des Todes seiner Frau bekannt. Im genannten Essay schreibt er, daß ihr die medizinische Hilfe versagt worden sei, da sie seine Frau gewesen sei. In seinen Bekenntnissen geht er bis zur teils ungerechtfertigten Selbstbezichtung, wie etwa, daß er sich für den Tod seiner Frau Xiao Shan verantwortlich fühlt, was ihn bis in die Träume verfolgt. Ba Jin hat zwei Essays über seine Frau geschrieben, die in derselben Essayreihe suixiang lu diesem Essay vorausgingen.
    Durch die Nicht-Erwähnung der Kulturrevolution als Grund für den Tod seiner Frau wird der Schmerz umso anklagender, insbesondere vor dem Hintergrund des vergleichsweise unbedeutenden Hundelebens. Im Essay über den Hund Baodi gestaltet er die Grausamkeit der Kulturrevolution dichterisch, entlarvt sie durch die Fiktion eines Hundeschicksals. Seine erschreckende Erkenntnis ist die der Ohnmacht: Er hat weder Hund noch Frau schützen können. Daß es Ba Jin auch in dem Essay über den Hund Baodi im Grunde genommen um die Ohnmacht des Individuums gegenüber der kollektiven Grausamkeit geht, zeigt er, indem er die Beschreibung seiner Frau an den Schluß des Essays setzt.
    Vergleicht man den vorliegenden Essay mit anderen aus dem Jahr 1979, so liegt er im allgemeinen Trend der Kritik an der Kulturrevolution. Allerdings negierten Autoren wie Bing Xin die Kulturrevolution, verarbeitete Wang Meng sie humorvoll, Ba Jins Essays ragen durch ihre Schonungslosigkeit und den Bekenntnischarakter heraus.
    Die Beseelung des Hundes ist ein in der chinesischen Literatur wenig verbreitetes Motiv. Der Hund selbst wird deutlich mit dem Ausland assoziiert: Schweden und Japan. Dies hängt sicherlich mit Ba Jins Auslandserfahrungen in Paris zusammen.
    Ba Jin enttäuscht bewußt die Lesererwartung: Nach der drollig-einfühlsamen Schilderung des Hundes erwarten sowohl der westliche wie der chinesische Leser ein gutes Ende. Selbst als der Hund ins Krankenhaus geschickt wurde, mag der Leser noch nicht an das Aus für den Hund glauben. Diese Erwartung wird hier bewußt enttäuscht, indem wie beiläufig nachträglich erklärt wird, daß mit der Weggabe des Hundes ans Krankenhaus sein Einschläfern und Sezieren besiegelt war. Diese Geschichte aus dem Alltagsleben erweist sich als eine Dichtung mit politischer Anklage.
    Im auf den 4. Januar 1985 datierten "Vorwort Ba Jins zu dieser Ausgabe"mcmlxxii wird die deutsche Auswahl vorgestellt.
    In einer Literaturkritik in der VR Ch wird die Gedanken-Reihe als Zeugnis der 'Shi nian haojie 十年浩劫' (Zehnjährigen Katastrophe) bezeichnet, das Hauptthema sei die Wahrheit.mcmlxxiii Weiter werden von seinen späten Essays folgende hervorgehoben: "Xiang qian kan 向前看" (Nach vorne schauen), der 1986 verfaßte "Wenge bowuguan 「文革」博物馆"mcmlxxiv (Museum für die 'Kulturrevolution'), "Ershi nian qian 二十年前" (Vor 20 Jahren) und "Xiang hou kan 向后看" (In die Zukunft schauen). Ba Jin habe seinen Zeitgenossen das Bild eines mutigen Mannes geliefert, der in der Neuzeit fortgefahren sei, gegen den Feudalismus zu kämpfen.mcmlxxv In Kritiken aus der VR Ch werden vor allem das "Ich"mcmlxxvi und die Bedeutung der Gefühle in diesen Essays hervorgehoben.
    Im April 1980 wurde Ba Jin Präsident des wiederbegründeten chinesischen PEN-Clubs. Als 1981 Mao Dunmcmlxxvii starb, wurde Ba Jin Präsident und Aushängeschild des chinesischen Schriftstellerverbandes. 1982 erhielt er als berühmtester lebender Schriftsteller den Dante-Preis in Italien.mcmlxxviii In der 'Kampagne gegen geistige Verschmutzung', die bis April 1984 dauerte, schwieg er, ihm wurde aber dennoch der Vorsitz des Schriftstellerverbandes in Shanghai entzogen.
    Ba Jins Essays zeichneten sich im Wesentlichen durch zwei Themen in zwei Schaffensphasen aus: In der Republikzeit bis zum Ausbruch der 'Kulturrevolution' rief er in seinen Texten zum Widerstand gegen feudalistische Denkstrukturen auf. Nach der 'Kulturrevolution' beschäftigte er sich überwiegend mit einer Bewältigung des Traumas eben dieser 'Kulturrevolution'.
    Die Essays der 1980er Jahre widmeten sich im Wesentlichen den Themen Autobiographisches, Literatur, Gesellschaft. Ba Jin begründet seine Themenschwerpunkte Antifeudalismus und 'Kulturrevolution' damit, daß er - wie oben erwähnt - vergeblich versucht habe, über den "neuen Menschen" nach 1949 zu schreiben.mcmlxxix
    Bei einem erneuten Besuch in Hongkong im Juli 1997 stieß der Verf. auf den Nachfolgeband Erneute Gedanken,mcmlxxx der nun wieder in Shanghai erschien und zwar in einer Auflagenhöhe von 10.000 Exemplaren. Er enthält 49 Essays, darunter zahlreiche Vorworte, unter anderem zu den einzelnen Bänden seiner Ba Jin quanji 巴金 全集 (Gesamtausgabe Ba Jin).

Thema: Autobiographisches

    Einen Themenbereich seiner Essays macht die Beschreibung seiner Erfahrungen im Laufe seines Autorlebens aus. Es ging ihm in seinen Essays um die Wahrheit und darum, ein Bekenntnismcmlxxxi abzulegen.mcmlxxxii Seine Essays seien "Erkundungen", der Inhalt wichtiger als die teils als "ungeschliffen" kritisierte Form. Er schreibe, um das Leiden und die Entmenschlichung während der 'Kulturrevolution' zu analysieren. In seiner Analyse kommt er zu dem Schluß, daß man nicht alles der 'Viererbande' anlasten könne.mcmlxxxiii Seine Bekenntnisse sind schonungslos bis zur teils ungerechtfertigten Selbstbezichtung,mcmlxxxiv wie etwa, wenn er sich für den Tod seiner Frau Xiao Shan verantwortlich fühlt,mcmlxxxv was ihn bis in die Träume verfolge.mcmlxxxvi
    Ba Jin sieht sich in seinem Schaffen beeinflußt durch die Gedanken des Anarchismus, aber auch der Aufklärung,mcmlxxxvii der Gleichberechtigung und des Fortschritts.mcmlxxxviii Diese Vorstellungen hatten ihn schon während seiner Zeit in Frankreich beschäftigt. Weiter sieht er sich durch russische und japanische Autoren sowie durch Dickens und Lu Xun geprägt. Das Schreibverbot während der 'Kulturrevolution' habe ihn nachher umso mehr zum Schreiben angespornt,mcmlxxxix selbst Krankheit habe ihn nicht vom Schreiben abhalten können,mcmxc bisweilen sei sein Schreiben ein "Wettlauf mit dem Tod".mcmxci Das Prädikat des "komplizierten Denkers", mit dem in den 1980er Jahren oppositionelle Autoren etikettiert wurden, trägt Ba Jin mit Stolz.mcmxcii
    Im folgenden werden die autobiographischen Essays unter den Gedanken einzeln vorgestellt: 
    Das in deutscher Übersetzung vorliegende Vorwort "Zum ersten Band der 'Gedanken'", das auf den 11. August 1979 datiert ist, erklärt die Motivation für Ba Jin, seine Gedanken niederzuschreiben. Dies sei, wie oben erläutert, ein Nebenprodukt seiner Übersetzung der Essays von Alexandr Herzen: "Ich möchte den Lesern die Wahrheit sagen. Die Gedanken sind ein freiwillig verfaßtes 'Bekenntnis'".mcmxciii
    Im auf den 26. Oktober 1980 datierten Vorwort "Zum Band 'Erkundungen"mcmxciv erklärt Ba Jin, der Titel des Bandes treffe auf alle darin enthaltenen Essays zu, auch wenn nur einzelne in der Überschrift so bezeichnet seien. Kritik an seinem "ungeschliffenen" Stil weist er zurück: "Ich habe auch nie daran gedacht, mich gefällig und schmuck zu präsentieren, und noch weniger ist es mir in den Sinn gekommen, hübsche Geschichtchen zur Unterhaltung zu liefern. Wie ich früher schon betont habe, trieben mich die Leiden derart vieler Menschen und mein eigenes Unglück zum Schreiben, so daß ich seither nie mehr damit aufhören konnte."mcmxcv Ba Jin will eine Bilanz der "zehnjährigen Katastrophe " ziehen.mcmxcvi Er fragt "Wodurch haben sich Menschen in "Monster" verwandelt?"mcmxcvii und gelangt zu der Erkenntnis: "Wir können nicht alles der 'Viererbande' anlasten".mcmxcviii
    In Gedanke 77, dem "Vorwort zur japanischen Übersetzung der 'Gedanken'"mcmxcix urteilt Ba Jin über die 'Kulturrevolution': "allesamt sind wir nur mit knapper Not dem Tod entronnen."mm Er setzt sich das Ziel, nach seiner Selbstbezichtigung in tiefere Schichten der Ursachen der 'Kulturrevolution' vorzustoßen.mmi Ähnlich äußert er sich im "Vorwort zum ersten Band 'Suixiang lu'",mmii das kurz nach Ende der 'Kulturrevolution' im Dezember 1978 geschrieben wurde.
    Beim Essay "Fünfzig Jahre mit der Literatur"mmiii handelt es sich um die autobiographische Schilderung seines Widerstands gegen die Unterdrückung im Feudalismus. Er berichtet darin über seine Sympathie mit den zum Tode verurteilten italienischen 'anarchistischen' Arbeitern Sacco und Vanzetti, letzterer schrieb ihm aus der Todeszelle einen Antwortbrief, in dem er seine Hoffnung auf die Jugend setzte. Dies bildete einen Teil des biographischen Hintergrunds des Romans Zerstörung, der 1929 in vier Folgen von Ye Shengtao in der Monatsschrift Erzählungen veröffentlicht wurde. Als Lehrmeister bezeichnet Ba Jin in diesem Essay Rousseau, Zola, Hugo und Romain Rolland sowie Herzen, Turgenjev*, Tolstoij, Gorkij, von denen er auch Romane und Erzählungen übersetzte. Weiter nennt er Dickens und einige japanische Autoren. "Mein chinesischer Lehrer war Lu Xun".mmiv Es folgen autobiographische Angaben. Einmal habe er sich ein Jahr eingeschlossen: "Meine Hand eilte unermüdlich über das Papier, als wollten viele, viele Menschen ihren Kummer durch sie ausschütten. […] Ich wurde zu einem schreibenden Instrument."mmv Ba Jin beschreibt seine Zeit des Schreibverbots in der 'Kulturrevolution' und bedauert, daß ihm die 'Kulturrevolution' ein Stück seines Lebens gestohlen habe. Als sie vorüber war, habe er zunächst ein Gefühl der Befreiung verspürt, doch dann sei ihm bewußt geworden, daß ihm mit 76 Jahren nur noch wenige Jahre zum Schreiben blieben.mmvi Jedes seiner Bücher sei ein Ruf nach Licht.mmvii Ba Jin vergleicht die Funktion des Schriftstellers in der Gesellschaft mit der des Herzens im menschlichen Körper. Er betrachtet alle fortschrittsfeindlichen Systeme als seinen Feind.
    Ba Jin versucht am 13. Juli [1980] das Etikett der "'Komplizierten Gedanken'"mmviii im gleichnamigen Gedanken 47, das in den 1980er Jahren oppositionellen Denkern und Dissidenten angeheftet wurde, auf sein Selbstverständnis umzudeuten. Ihm habe erstmals ein schlechter Autor "komplizierte Gedanken" nachgesagt, als er sich zu dessen Versuchen und dessen Scheitern als Autor nicht äußerte. Mit diesem Prädikat könne er gut leben.
    Im Gedanken 120, "Nochmals in Gedenken an Xiao Shan",mmix datiert auf den 21. Januar 1984, schreibt Ba Jin: "Nacht für Nacht, immer wieder höre ich aus der Urne ihr leises Rufen, ihr unterdrücktes Weinen."
    Im Gedanken 16, "Wiederbegegnung mit Paris"mmx berichtet Ba Jin, wie er nach 50 Jahren nach Paris zurückkehrte. Im auf den 22. Mai 1979 datierten Essay hält er seine Gedanken angesichts einer Statue seines 'Lehrmeisters' Rousseau fest, der gegen Ungleichheit und Unterdrückung gekämpft habe.
    Im Rahmen eines Japanbesuchs verwirklichte Ba Jin einen lange vergeblich angestrebten "Besuch in Hiroshima",mmxi den er im Gedanken 44 dokumentiert, der auf  den 5. Juni 1980 datiert ist. Er habe in Japan viele Freunde, und er zeigt sich erschüttert angesichts des Unglücks des Atombombenabwurfs, aber ebenso erstaunt angesichts der 'Kräfte des Friedens', die auf Trümmern eine blühende Stadt aufgebaut hätten. Ba Jin vergleicht die 'Kulturrevolution' und den Atombombenabwurf in ihren Auswirkungen, ohne auf die Vergleichbarkeit oder Schuldfrage einzugehen.
    Im Gedanken 113, "Während meiner Krankheit (Teil 4)",mmxii der auf den 20. Dezember 1983 datiert ist, macht er sich Gedanken über seine Schreibversuche während Phasen, in denen er einen Beinbruch kurierte oder an Erscheinungen der Parkinsonschen Krankheit litt.

Thema Literatur

    Ein weiteres Thema Ba Jins sind die Entwicklung der chinesischen Literatur und die Position des Schriftstellers. Er setzt sich ebenso für die Unabhängigkeitmmxiii des Autors wie für internationalen Austausch ein, etwa durch die Weltsprache Esperanto. Er setzt sich gegen Zensur ein,mmxiv führt das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Freiheit der Kunst an und spricht sich gegen eine genauere und somit einschränkende Regelung durch ein Kunstgesetz aus.mmxv Weiter spricht er sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Schriftstellern ausmmxvi und setzt seine Hoffnung auf die junge Schriftstellergeneration, die zwar manchmal über die Stränge schlage, aber deren Innovationsfunktion notwendig sei.mmxvii
    Die Literatur habe Macht, Menschen zu helfen, die sich an sie erinnerten, auch wenn sie nicht lesen durften (wie in der 'Kulturrevolution') oder konnten (wie bei Krankheit). Ba Jin schließt sich dem stalinistischen Verständnis des Schriftstellers als eines "Ingenieurs der Seele" an.mmxviii Für ihn ist die bewußtseinsverändernde Funktion der Literatur wichtiger als die propagandistische oder pädagogische.mmxix Literatur habe weder Kritik noch Instanzen zu fürchten, sie müsse nur die Prüfung durch die Zeit bestehen.mmxx Seine Trilogie Reißende Strömung sei bei der Veröffentlichung bereits Eigentum der Gesellschaft geworden und habe daher seine Wirkung trotz der 'kulturrevolutionären' Selbstkritik des Autors entfalten können.mmxxi Man solle mehr westliche Literatur lesen.mmxxii
    Diese Erkenntnisse zum Thema Literatur werden im folgenden an einzelnen Essays aus der Reihe Gedanken belegt:
    Im Gedanken 42, dem Essay "Seidenraupen",mmxxiii appelliert Ba Jin am 28. April 1980 gegen das Schreiben für andere, das in China im Beruf des Schreibers Tradition hatte. Er vergleicht seine Entschlossenheit zu schreiben mit dem Willen der Seidenraupe, ihren Faden zu spinnen.
    Im auf den 15. Mai 1980 datierten "Vorwort zu 'Ausgewählte Romane und Novellen' sowie zu 'Vermischte Schriften'"mmxxiv äußert sich Ba Jin zustimmend zu dem Gedanken, sein Schreiben sei ein Wettlauf mit dem Tod.
    Gedanke 94 ist "Ein Vorwort",mmxxv datiert auf den 24. September und 4. Oktober 1982. Ba Jin wirbt für Esperanto, das er selbst einmal beherrschte. Er spricht sich gegen eine eigenhändig gekürzte Fassung seines Romans Die Familie aus, die unter Druck zustande gekommen sei.mmxxvi
    "Meine 'Schatzkammer'"mmxxvii lautet der Titel von Gedanke 108, der auf den 20. November 1983 datiert ist. Darin begreift Ba Jin während einer Krankheit seine Erinnerung an Werke, die er gelesen hat, als "Schatzkammer", da er sich an sie auch in Augenblicken erinnern habe können, in denen er keine Möglichkeit zu lesen hatte. So etwa, als ihm während der 'Kulturrevolution' Bücher vorenthalten wurden. Auch in diesem Essay übernimmt Ba Jin Stalins Formel des Schriftstellers als eines "Ingenieurs der menschlichen Seele".
    Im Gedanken 9, "Die Funktionen von Literatur",mmxxviii der auf den 27. Januar 1979 datiert ist, weist Ba Jin neben der propagandistischen und pädagogischen Funktion von Literatur vor allem auf die bewußtseinsverändernde Funktion hin, wenn man über einen langen Zeitraum hinweg lese. Er selbst lese Bücher aller Couleur, insbesondere viel ausländische Literatur. Er erklärt, daß er vergeblich versucht habe, über den "neuen Menschen" nach 1949 zu schreiben. Stattdessen könne er besser über etwas schreiben, mit dem er sich auskenne, wie z.B. mit dem Leiden während der 'Kulturrevolution'.
    Im Essay "Ein Archiv für zeitgenössische Literatur",mmxxix Gedanke 64, datiert auf den 4. April 1981, erinnert er sich an die 'Kulturrevolution', während der er selbst an die Propaganda geglaubt und sich zum Ziel gesetzt habe, sich "allen Wissens zu entledigen": mmxxx "Ich verleugnete mich selbst bis zum letzten."mmxxxi Die Erfahrung, daß die moderne chinesische Literatur während der 'Kulturrevolution' im Ausland weiter hochgehalten worden war, veranlaßte ihn, ein Archiv der modernen chinesischen Literatur zu fordern, das vor allem auch die Werke der Autoren der '4.-Mai-Bewegung' dokumentieren solle.mmxxxii
    Im Gedanken 37 "Erkundung",mmxxxiii  der auf den 9. Februar 1980 datiert ist, übt Ba Jin unterschwellige Kritik an der Tagespolitik, indem er darauf drängt, neue Ideen zu entwickeln und Erkundungenmmxxxiv anzustellen, damit man etwas verändern könne. Er erinnert sich an seine Kindheit, als er mit vier oder fünf Jahren die Etikette seiner Magistratenfamilie verabscheute und lieber mit Menschen aus der 'Unterschicht' verkehrte. Der Drang nach Veränderung sei auch seine Schreibmotivation. Er sei in der Kulturrevolution beinahe zum Roboter geworden, doch er lebe und werde weiter 'erkunden'.
    Im philosophierenden Gedanken 38 "Weitere Gedanken über das Erkunden",mmxxxv datiert auf den 25. Februar 1980, stellt sich Ba Jin der Frage, wie man ein guter Mensch sein könne. Fleißiges Lesen bilde den Leser und mache ihn nicht mehr so leicht durch einzelne Werke beeinflußbar. Ba Jin nimmt eine zwiespältige Position zur 'Narbenliteratur' ein, die eindeutig die Schwächen Chinas aufzeige, er definiert demgegenüber seine Position patriotischer und konstruktiver. 
    Gegen den Einfluß von sogenannten 'Instanzen' auf Literatur spricht sich Ba Jin im Gedanken 40 "Nochmals Erkundungen"mmxxxvi aus, der auf den 29. Februar 1980 datiert ist, da der Autor seine Literatur letztlich allein zu verantworten habe. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, daß die Qualität seiner Literatur abnehme, sobald er im Blick auf jemand anderen schreibe.
    "Mehr Ermutigung, weniger Bevormundung"mmxxxvii ist der Titel eines Essays, der zwischen November 1979 und Februar 1980 entstanden sein muß. Ba Jin denkt darin über die Frage des Wirkungsgrades von Literatur nach und fordert bessere Arbeitsbedingungen für Intellektuelle.
    Im Gedanken 45 "Bevormundung und Propaganda"mmxxxviii äußert sich Ba Jin am 11. Juli 1980 in Bezug auf Literatur, diese habe Kritik nicht zu fürchten, sie müsse nur die Prüfung durch die Zeit bestehen. Propaganda wirke nicht überzeugend, überzeugend sei nur, was ein Mensch von Innen heraus annehme. Ba Jin setzt sich für "kompliziertes", also nicht-linientreues Denken und für die Koexistenz unterschiedlicher Meinungen in der Literatur ein.
    Im Gedanken 3 "Mehr westliche Literatur veröffentlichen?"mmxxxix kritisiert Ba Jin die 'Viererbande' mit gewagten Vergleichen: "Als gelehrige Schüler des Ersten Kaisers Qin Shihuang und Hitlers veranstalteten sie sogar Bücherverbrennungen."mmxl Er spricht sich für mehr Übersetzungen aus westlicher Literatur aus. Der Essay ist auf den 2. Januar 1979 datiert.
    Im am 16. Januar 1979 entstandenen Gedanken 5 "In Gedenken an meine verstorbene Frau Xiao Shan"mmxli erinnert er sich in gefühlsbetonter Schreibweise an über 30 Jahre Eheleben mit seiner Gattin Xiao Shan (eigentlich Chen Yunzhen), die 1973 an Krebs starb. Er fühlt sich für ihren Tod verantwortlich, da ihr als Ehefrau von Ba Jin lange ärztliche Behandlung verweigert worden sei. Als sie ihren Mann einmal beschützen wollte, sei sie zuvor von den Roten Garden mit bronzebesetzten Lederriemen geschlagen worden.mmxlii Sie mußte auch morgens die Straße ihres Viertels fegen. Die mangelhafte ärztliche Behandlung schreibt er jedoch wenig später im Esssaymmxliii der allgemeinen Lage zu. Weiter beschreibt er die letzten Tage und Stunden seiner Frau. Die unvergeßlichste Zeit sei die der 'Kulturrevolution' gewesen, die großes Leid, aber auch sehr erfreuliche Ereignisse gebracht habe. In oberflächlich sehr sanfter Sprache drückt er tiefe Gefühle für seine verstorbene Frau aus.
    Gegenüber einer ausländischen Schriftstellerin schilderte Ba Jin in Gedanke 95 "Ein Antwortbrief"mmxliv vom 26. Oktober 1982 die großen Liberalisierungen in der Literaturszene in China zwischen 1975 und 1982. Die schöne Form scheint hier eine Priorität gegenüber dem Inhalt zu haben.
    In Gedanken 55 "Genosse Zhao Dan"mmxlv lobt Ba Jin den ihm persönlich bekannten Schauspieler Zhao Dan, der am 8. Oktober 1980, kurz vor seinem Krebstod am 10. Oktober in der Volkszeitung einen Artikel veröffentlichte, der den Führungsanspruch der KP in der Kunst in Frage stellte, sich für Individualismus und gegen Zensur einsetzte. Kampfkritiksitzungen hätten schon 1964 begonnen, weshalb der Beginn der 'Kulturrevolution' nicht genau einzugrenzen sei. Der Essay wurde am Tag nach dem Tod des Schauspielers begonnen und am 13. Oktober 1980 abgeschlossen.
    Im Gedanken 27 "Brauchen wir ein 'Kunstgesetz'?",mmxlvi datiert auf den 5. August 1979, erklärt Ba Jin, das in der Verfassung garantierte Recht auf freie künstlerische Betätigung werde in der Realität durch Repressionen außer Kraft gesetzt. Wenn Künstler den tatsächlich freien Rahmen der Kunst im Rahmen der ideologischen Vorgaben gesetzlich garantieren wollten, empfindet Ba Jin das als Rückschritt gegenüber dem Verfassungsrecht. Zudem sei ein solches Gesetz auch nicht praktikabel, da sich die Vorgaben der Politik an die Kunst so schnell änderten wie die Politik an sich: "Als während der 'Kulturrevolution' jemand geäußert hatte, künstlerische Arbeit sei gefährlich, kam prompt eine Zeit, in der alle 'die Theorie, daß künstlerische Arbeit gefährlich sei', kritisieren mußten.".mmxlvii
    Im Gedanken 54 "Noch einmal über kleine Betrüger",mmxlviii datiert auf den 9. Oktober 1980, wendet sich Ba Jin gegen Privilegiendenken, das kleine Betrügereien erst möglich mache.
    In Gedanke 61 "Wahrheit",mmxlix der auf den 29. Januar 1981 datiert ist, beschäftigt sich Ba Jin noch einmal mit kleinen Betrügereien, mit denen Privilegien erstritten wurden. Es handelt sich um einen Bericht von Alltagsschwindeleien, etwa eines Freundes, der angab, an seiner Wiederverheiratung teilgenommen zu haben, die aber tatsächlich gar nicht stattgefunden hatte.
    Gedanke 28 "Das werden wir nie vergessen",mml datiert auf den 6. August 1979, ist ein Appell, nach vorne zu schauen, aber die elf Jahre der 'Kulturrevolution' nicht zu vergessen und auch die 'Narbenliteratur' nicht zu kritisieren. Ba Jin bekennt sich zu Patriotismus.
    Gedanke 58 "Die Schriftsteller",mmli datiert auf den 17. Oktober 1980, ist ein Plädoyer für die jungen Schriftsteller, auch wenn sie sich nicht höflich benähmen und Schriftsteller der älteren Generation wie ihn nicht respektierten.
    Die Rede "Mit aller Kraft für das Gedeihen der Literatur arbeiten (Eröffnungs- und Schlußrede des chinesischen Schriftstellerverbandes)",mmlii datiert auf den 17. und 22. Dezember 1981, enthält Lob für die junge Schriftstellergeneration. Ba Jin drückt hierin seine Freude über die freie Entfaltung der Literatur seit dem Ende der 'Kulturrevolution' aus. Er wiederholt frühere Äußerungen wie die Forderung nach Schaffung eines Archivs für moderne chinesische Literatur.
    Besonderes Augenmerk verdient sein Verhältnis zu den jungen Schriftstellern. Die Wirksamkeit von Essays hänge wesentlich von der Rezeptionshaltung der Leser ab. Ba Jin besitzt, wie Wang Meng eine Generation später, bei den Nachwuchsschriftstellern Autorität, allerdings mit einer anderen Grundhaltung. Im November 1980 erklärt er während der Angriffe gegen die Modernistenmmliii: 

In ihren Augen bin ich auch nicht viel mehr als ein komischer alter Kauz. Das ist die neue Generation von Autoren, die erhobenen Hauptes den Weg in die Literatur einschlagen, um den Platz, der ihnen zusteht, einzunehmen. Sie sind offen, schlicht und ehrlich, frei von hierarchischem Denken und zur Unterwürfigkeit nicht in der Lage. Und sie verlangen von niemandem, daß er ihre Entwicklung fördere - das hat das Leben schon selbst besorgt. Es mag Leute geben, die sie unhöflich finden und sich an der Vehemenz stören, mit der sie hereinbrechen… aber ehrlich gesagt, mir gefallen sie.mmliv Thema: Gesellschaft

    Ba Jin habe nach eigener Aussage während der 'Kulturrevolution' selbst an die Propaganda geglaubt, wie er sagt: "Ich verleugnete mich selbst bis zum letzten." Er fordert, wie erwähnt, ein Archiv für die Literatur der '4.-Mai-Bewegung'.mmlv Seine Schreibmotivation sei die Veränderung; auch in der Gesellschaft müßten ständig neue Ideen entwickelt werden. Während des Feudalismus habe er bereits die fehlende Legitimation für die hierarchische Gruppenstruktur der Gesellschaft verurteilt.mmlvi Er empfiehlt fleißiges Lesen als Rezept gegen Beeinflussung. Ba Jin nimmt eine zwiespältige Position zur 'Narbenliteratur' ein, die eindeutig die Schwächen Chinas aufzeige, er definiert demgegenüber seine Position patriotischer und konstruktiver.mmlvii
    Schwach wirkt Ba Jins konservative Argumentation gegen die Zeichen des 'moralischen Verfalls' der Gesellschaft, z.B. seine Kritik am Phänomen der Geldheirat.mmlviii Ba Jin kritisiert Privilegiendenken anhand einiger Beispiele, in denen dies zu kleinen Betrügereien genutzt wurde.mmlix Nach dem Ende der 'Kulturrevolution' müsse man nun nach vorne schauen.mmlx Er trauert über Kulturschändungen während der 'Kulturrevolution'mmlxi und spricht sich gegen die Abschaffung, Vereinfachung oder Reglementierung der Schriftzeichen aus.mmlxii Weiter setzt er sich gegen autoritäre Erziehung, Selbstkritik bei Schülern, das Prüfungswesen und mechanisches Eintrichtern aus.mmlxiii Den Feudalismus sieht Ba Jin in neuen Erscheinungen, etwa im Kult um die 'Viererbande'.mmlxiv Zwischen 1975 und 1982 hätten große Liberalisierungen in der Literaturszene in China stattgefunden.mmlxv 
    So wie Ba Jin den Schauspieler Zhao Dan lobt, der zwei Tage vor seinem Krebstod in einem Artikel in der Volkszeitung den Führungsanspruch der Kommunistischen Partei in der Kunst in Frage stellte, sich für Individualismus und gegen Zensur einsetzte (siehe S. 443),mmlxvi so nimmt auch er in seiner Spätphase kein Blatt mehr vor den Mund (siehe S. 437). Während er bei den Kampfkritiksitzungen der 'Kulturrevolution' noch opportunistisch dachte, verzeiht er im nachhinein seinen Anklägern und freut sich, wieder ein "unabhängiger Denker" geworden zu sein.mmlxvii Ba Jin berichtet, er habe vergeblich versucht, während der 'Kulturrevolution' Tagebuch zu schreiben.mmlxviii 1965 habe er unter Druck einen Kollegen öffentlich angreifen müssen. Derjenige, der ihn unter Druck gesetzt hatte, habe selbst so unter Druck gestanden, daß er sich wenig später umbrachte.mmlxix Die Kritik an seinem Einsatz für "unabhängiges Denken" (1956) und "Mut und Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller" (1962) habe ihn fast in den Selbstmord getrieben.mmlxx Ba Jin philosophiert über die Wahrheit: Niemand habe während der 'Kulturrevolution' an die Propaganda geglaubt, am wenigsten die Ankläger oder ihre Zuhörer.mmlxxi Für die Unmenschlichkeit der 'Kulturrevolution' fand Ba Jin Bilder: Menschen hätten sich in "Monster" verwandelt, in seinen Träumen verwandelten sich seine Peiniger in "Bestien" und "fraßen Menschen".mmlxxii 
    Diese Erkenntnisse zum Thema Gesellschaft werden im folgenden an einzelnen Essays aus der Reihe Gedanken belegt:
    Der Gedanke 119,mmlxxiii datiert auf den 9. Februar 1984, beschäftigt sich mit dem Thema "Geldheirat":  Während in den 1920er bis 1950er Jahren in antifeudalistischer Tradition Hochzeiten möglichst einfach begangen wurden, berichtet Ba Jin von einem Wiederaufleben feudaler Sitten. Der Schreibanlaß war die Mitteilung seiner Nichte, daß sie für die Hochzeit ihres Sohnes einen hohen Geldbetrag anspare. Nicht sehr überzeugende Schilderung anhand eines Einzelfalls, in dem jemand, nachdem er zu Geld gekommen war, wegen Korruption verurteilt wurde. Ba Jin stellt verallgemeinernd einen Kausalzusammenhang her: Dies sei ein "Resultat der Geldheirat".
    In Gedanke 106 "Erneuter Besuch am Westsee bei Hangzhou",mmlxxiv datiert auf den 19. Oktober 1983, schildert Ba Jin, wie er 1983 wie beinahe jedes Jahr an den Westsee fuhr. Er berichtet in diesem Essay über dessen wachsende Schönheit durch die Anlage neuer Gärten und die zunehmende touristische Erschließung und drückt sein Bedauern darüber aus, daß während der 'Kulturrevolution', die in einer Höhle dort vorhandenen Buddha-Statuen abgeschlagen wurden. Ba Jin bedauert ebenfalls seine altersbedingte Unbeweglichkeit. 
    In Gedanke 98 "Über Schriftreform",mmlxxv datiert auf den 9. Juli 1983, spricht sich Ba Jin gegen die Überlegungen aus, die Schriftzeichen abzuschaffen. Er plädiert für eine langsame, geringe Vereinfachung. Sogar die bereits durchgeführte Schriftreform kritisiert er dahingehend, daß sie die Verständigung zwischen Festländern und anderen Chinesen erschwere. "[…] jede Sprache, sofern es sich nicht um Sprache und Schrift eines untergegangenen Volkes handelt, entwickelt sich immer vielfältiger und reicher, um das komplizierte Denken des Menschen exakter und schöner ausdrücken zu können."mmlxxvi Ba Jin bezieht sich hier auf einen zuvor geschriebenen Essay.
    In Gedanke 75 "Die kleine Duanduan",mmlxxvii datiert auf den 20. Januar 1982, äußert sich Ba Jin aufgrund der Erfahrungen in seiner Familie zur Erziehung seiner Enkelin Duanduan. Er kritisiert das Schelten und mechanische Eintrichtern und fordert, man solle sich auf den eigenen Kopf verlassen. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, daß er etwas nur wirklich gelernt habe, wenn er es verstanden habe. Er kritisiert Prüfungen; noch mit 60 habe er welche absolvieren müssen. Ihm fällt die Parallele der Selbstkritiken auf, die er während der 'Kulturrevolution' und die seine Enkelin in der Gegenwart schreiben mußten. Der Grund für diese Bestrafung der Enkelin war, daß sie bei einer Freundin spielen war, statt wie angegeben in der Schule.
    In Gedanke 84 "Selbstzergliederung",mmlxxviii der am 24. April 1982 entstand, als Ba Jin krank in Hangzhou lag, berichtet er von seinen Erfahrungen bei den Kampfkritiksitzungen. Im Rückblick verzeiht er seinen Anklägern und freut sich darüber, wieder zu einem "unabhängigen Denken"mmlxxix gefunden zu haben. Anlaß für diesen Essay sei ein früherer Essay gewesen, in dem er von einer Kritiksitzung Oktober 1967 im Shanghaier Zirkus sprach. 
    In Gedanke 111 "Mein Tagebuch",mmlxxx datiert auf den 2. Januar 1984, beschreibt Ba Jin ein Tagebuch der 'Kulturrevolution' von Yang Mo, die unter anderem die Kampfkritiksitzungen, die Quälerei und Schläge für Lao She beschrieb, der danach unter ungeklärten Umständen starb. Anläßlich dieses Tagebuchs erinnert sich Ba Jin, daß auch er während der 'Kulturrevolution' mehrmals Tagebücher begonnen habe, diese aber stets nach einiger Zeit vernichtet worden seien, bis er das Tagebuchschreiben aufgegeben habe.
    Seine erzwungene Selbstkritik etwa an der Trilogie Reißende Strömung während der 'Kulturrevolution' habe nichts an der Wirkung seiner Bücher geändert. Zu dieser Einsicht gelangt Ba Jin in Gedanke 115 "Eine gründliche Lehre",mmlxxxi datiert auf den 17. Januar 1984. Den Grund dafür sieht er darin, daß die Bücher mit der Veröffentlichung bereits Eigentum der Gesellschaft geworden seien.
    In "Literatur auf Befehl",mmlxxxii datiert auf den 24. Januar 1979, gibt Ba Jin zu, 1965 unter Druck eine negative Kritik des Films Stadt ohne Nacht verfaßt zu haben, in der die sozialistische Umgestaltung der Shanghaier Textilindustrie dokumentiert wird. Ye Yiqun, der ihn dazu veranlaßt hatte, habe selbst so unter Druck gestanden, daß er sich später, wie oben erwähnt, noch während der 'Kulturrevolution' umgebracht habe.
    Die Kritik an seinen Gedanken weist Ba Jin in Gedanke 49 "Noch einmal zum Thema, die Wahrheit zu sagen",mmlxxxiii datiert auf den 2. Oktober 1980, zurück. Die Wahrheit darin werde auch Kritik nicht kleinkriegen. Ba Jin findet anklagende Worte für Opportunisten, er kritisiert die unkritische Übernahme von Kritik etwa an Antonionis Film Chinammlxxxiv auch in der italienischen linken Presse. Ihm seien die wenigen Male, als er die Wahrheit sagte, etwa in seinem genannten Essay von 1956 und seiner Rede 1962, angelastet worden. Dadurch habe er Suizidgedanken gehegt.mmlxxxv "Zuerst machte ich mir etwas vor, um mich umzuerziehen, dann log ich, um mich selbst zu schützen."mmlxxxvi
    Im Gedanken 79 "Zum dritten Mal über die Wahrheit",mmlxxxvii datiert auf den 12. März 1982, denkt Ba Jin anläßlich von Shen Rongs Roman Zhenzhen jiajia 真真假假 (Halb wahr, halb unwahr)mmlxxxviii über die Angewohnheit nach, auf Versammlungen nur leeres Gerede von sich zu geben und unabhängiges Denken außen vor zu lassen. Während der 'Kulturrevolution' hätten alle zum Selbstschutz und zum Schutz ihrer Familien gelogen. Ba Jin habe damals jedoch zeitweise noch an seine eigenen Lügen geglaubt. Nachdem er aber die Anschuldigungen gehört hatte, "wuchs mein Mut automatisch wieder. Ich begriff, daß selbst die Redner ihre eigenen Worte nicht glaubten, geschweige denn die Zuhörer."mmlxxxix
    In Gedanke 11 "Die Pfirsichstein-Farce",mmxc datiert auf den 12. Februar 1979, kritisiert Ba Jin den abergläubischen Kult der 'Viererbande' als "feudalistisch".
    Gedanke 114 "Meine Alpträume",mmxci datiert auf den 9. Januar 1984, berichtet, wie Ba Jin häufig schrie, während er Alpträume hatte. "Mein Kampf mit den Alpträumen endete […] immer mit Niederlagen".mmxcii Seine Peiniger während der 'Kulturrevolution' verwandelten sich in diesen Träumen in Bestien und "fraßen Menschen".mmxciii
    Im Vorwort "Fortsetzung der 'Gedanken'"mmxciv erklärt Ba Jin, die in dieser Sammlung aufgenommenen 150 Essays spiegelten Alltagsleben, Vorlieben, Entrüstung und Trauer gewöhnlicher Menschen wider. Er habe die Geschichte nachgezeichnet, aber auch seine Gefühle der Trauer und die Gedanken der Menschen. Er setze sich dafür ein, im Namen der Wahrheit ein Museum für die 'Kulturrevolution' zu errichten.
    Im Essay "Zehn Jahre - ein Traum"mmxcv berichtet Ba Jin von autobiographischen Erlebnissen während der "zehn Jahre Chaos" (gemeint ist die 'Kulturrevolution') und vom Änderungsprozeß der eigenen Gemütsverfassung. Er erklärt darin, daß ihm die zehn Jahre im nachhinein wie ein Alptraum erschienen seien. Das Schlimmste und am meisten zu Fürchtende sei das Quälen und die Versklavung des Geistes. Die Sprache dieses Essays ist feurig, Ba Jins Erregung ist zu spüren. In der schlimmsten Zeit sei er sehr entrüstet gewesen. Mit diesen Bekenntnissen bereut Ba Jin öffentlich seine Fehler.

Form und Stil

    "Ich persönlich vertrete seit jeher die Ansicht, daß die Form zweitrangig ist, sie dient dem Inhalt",mmxcvi erklärt Ba Jin selbst. Sein Stilläßtsich mit folgenden Eigenschaften charakterisieren: 

- weitschweifig

    Anfangs, so bemerkt Ba Jin selbst, hätten sich in seinen Werken viele europäisierende Satzperioden gefunden,mmxcvii er schreibe aber nicht um der Unterhaltung willen. 

- fließend

    Ba Jin spricht in seinen Essays häufig davon, daß er von einem inneren Feuer zum Schreiben angetrieben werde und die Essays in einem Zug niederschreibe. Ba Jins Sprache ist auch wesentlich flüssiger und plaudernder als z.B. Lu Xuns.

- bildhaft

    Im Gegensatz zu Lu Xun, der den direkten Vergleich oder die übertragbare Allegorie liebte, verwendet Ba Jin zuweilen lyrische Bilder, wie jenes von einer Versammlung mit leerem Geschwätz: "während einer Versammlung im Sitzungssaal kam es mir vor, als laufe die Zeit mit einem Seufzer draußen vor der Tür vorbei."mmxcviii

- direkt

    Ba Jin drückt seine Gefühle direkt aus.mmxcix Die Besonderheit der Essays von Ba Jin liegt darin, daß er mit feuriger, geradeheraus formulierter Leidenschaft seine Eindrücke und Ansichten zur Gesellschaft und zu zwischenmenschlichen Gefühlen beschreibt. Den Leser mag vor allem Ba Jins vor nichts haltmachende Aufrichtigkeit bewegen.mmc
    Der Aufbau der Essays ähnelt sich häufig: Zunächst schildert Ba Jin eine Beobachtung oder ein Problem, bringt dann Beispiele und nimmt dazu Stellung, dann liefert er einen Kommentar und findet zum Schluß eines jeden Essays klare Worte, zumeist einen Appell.

Gesellschaftspolitische Ansichten

    Ba Jins gesellschaftspolitische Ansichten lassen sich unter folgenden Stichworten zusammenfassen: 

- Patriot und Anarchie-Sympathisant

    Ba Jin war als junger Mann Sympathisant der anarchistischen Bewegung, sein Leben hindurch zudem stets Patriot.mmci Seine anarchistischen Ansichten waren gemäßigt: Im frühen Essay "Wu zhengfu zhuyi yu kongbu zhuyi 无政府主义与恐怖主 义"mmcii (Anarchismus und Terrorismus) spricht sich Ba Jin gegen Terrorismus aus.

- Glaube an gesellschaftspolitische Wirkung der Literatur

    Diesen Glauben mag ein Zitat erhellen: 

Was ich sagte, galt nicht viel, und um eine öffentliche Meinung herzustellen, fehlte mir der Propagandaapparat. Meine einzige Chance waren die Vor- und Geleitworte, Nachworte, Schlußbemerkungen, Worte zum Ausklang. …und ich ließ mir keine Gelegenheit entgehen, einem Buch noch etwas mit auf den Weg zu geben.mmciii - Unabhängiger Denker

    Ba Jin freute sich über die Kritik, daß seine Gedanken als "kompliziert" bezeichnet werden, obwohl dies im Sinne von "nicht linientreu" gemeint war.mmciv Er fordert zum "unabhängigen Denken" auf.mmcv

- Antifeudalist

    Auch hier mag ein Zitat diese Haltung, die seine Essays bis zur Kulturrevolution bestimmte, genügen: 

Wer sind meine grüßten Feinde? Alle alten traditonellen Ansichten, alle unvernünftigen Systeme, die den gesellschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung der Menschheit behindern, alle Mächte, die uns die Liebe zerstören. Ich habe seit jeher meine Position verteidigt und nie Kompromisse geschlossen.mmcvi - Universalist

    Ba Jin lernte 1924 Esperanto und war kurze Zeit Geschäftsführer der Esperanto-Vereinigung Shanghai.mmcvii Mit 16 Jahren veröffentlichte er in der in Chengdu erscheinenden Zeitschrift Banyue 半月 (Halber Monat) den Essay "Das Besondere an Esperanto". Sein Roman Die Familie wurde von Wei Yida in Esperanto übersetzt. 

- Selbstzensor nur unter Druck

    Ba Jin kürzte die erste Fassung der Familie auf Druck des Herausgebers und strich alles, was nicht der Propaganda dienlich war (wie das Füßebinden oder Spucken). Später sprach er sich gegen diese Fassung aus.mmcviii

- Fürsprecher für Archiv

    Die Erfahrung, daß die moderne chinesische Literatur während der 'Kulturrevolution' im Ausland weiter hochgehalten worden war, veranlaßte ihn, wie bei der Einzelbesprechung der Essays bereits erwähnt, ein Archiv der modernen chinesischen Literatur zu fordern, das tatsächlich 1985 in Peking eröffnet wurde.mmcix

- Humanist

    Auch hier mag ein Zitat das Engagement Ba Jins erläutern:

Lächerlich war, daß ich auch glaubte, die Menschenrechte seien eine Sache der Bourgeoisie und uns 'Rinderteufeln und Schlangengeistern' stünden sie nicht zu.mmcx - Pazifist

    Ein in seinen Essays immer wieder betontes Ideal ist der Friede.mmcxi
    Zusammenfassendläßtsich sagen, daß das Besondere an Ba Jin ist, daß er detailliert schildert, wie er vielfach zunächst Opfer des Systems war und erst später die notwendige Distanz zur Kritik gewann. Dies war einmal der Fall bei der Selbstzensur seines Romans Die Familie, bei der späteren Verleugnung des Romans, als dieser in der 'Kulturrevolution' verboten war, bis zur Einsicht, daß der Roman längst Zeitgeschichte geworden war, in den Herzen der Leser weiterlebte und jedes nachträgliche Verbot den Roman umso unvergeßlicher machte. Ein anderes Beispiel für seine gewandelte Einsicht war die Tatsache, daß Ba Jin zunächst an die Richtigkeit der gegen ihn erhobenen Vorwürfe glaubte und verzweifelt versuchte, sich zu bessern, bis er erkannte, daß die Vorwürfe immer absurder wurden und selbst diejenigen, die die Vorwürfe erhoben, nicht daran glaubten. Ba Jin hat verschiedene Ansätze unternommen, die Unabhängigkeit des Denkens und des Schriftstellers einzufordern und wurde stets später dafür angeklagt. Nach dem Trauma der 'Kulturrevolution' befreite sich Ba Jin endgültig aus der Umklammerung der ideologischen Bevormundung und schrieb fortan, sicherlich auch aus der Sicherheit des Hongkonger Verlags und mit der Autorität des alten, mahnenden Beobachters, unverblümt, was er dachte. Er formulierte so Einsichten (z.B., daß die 'Viererbande' aus mehreren Millionen Menschen bestanden hätte), die sicherlich viele wie er hatten, aber nicht auszusprechen wagten.
    Nach einem Exkurs zu einzelnen Essayisten wird der nächste der ausgewählten fünf chinesischen Essayisten der Gegenwart vorgestellt: Wang Zengqi. Er hielt die chinesische Tradition auch im Gegenwartsessay hoch.


Lao She, Liu Baiyu, Qin Mu, Wei Wei, Wu Boxiao

    Die bekanntesten Essayisten der Zeit von 1949 bis 1966 waren nach Liu Xiqing 刘锡庆 der auch schon vor 1949 einflußreiche Lao She 老舍mmcxii (1899 - 1966) mit Yang hua 养花 (Blumen ziehen), Liu Baiyu 刘白羽mmcxiii (geb. 1916), der auf Platz 7 der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 22 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ), Qin Mu 秦牧mmcxiv und Yang Shuo (siehe folgender Abschnitt).mmcxv Weiterhin nennt er Wei Wei 魏巍mmcxvi (geb. 1920), der in den 1990er Jahren Reportagen verfaßt, sowie Wu Boxiao 吴伯萧mmcxvii (geb. 1906),mmcxviii der mit Feng Jicai auf Platz 9 der Liste der Essayisten der Gegenwart und mit Lao She auf Platz 27 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. )
    Qin Mu erhielt 1984 für seine Essaysammlung Qin Mu sanwen xuan 秦牧散文 选 (Essaysammlung von Qin Mu) und Liu Baiyu für Fangcao ji 芳草集 (Duftende Gräser) jeweils den "Nationalpreis für Essaysammlungen".mmcxix
    Zu Liu Baiyu 刘白羽 und Yang Shuo 杨朔 bemerkt Wang Meng 王蒙 im "Interview" 1994: 

In der Vergangengheit gaben Yang Shuo 杨朔 und Liu Baiyu 刘白羽 häufig in ihren Essays ihren Gefühlen Ausdruck. Wenn solche Gefühle allerdings weiter zurückliegen, erscheinen sie manchmal auch sehr fiktiv.

Von Partei, Soldaten, Helden und Natur - Yang Shuo 杨朔 (1913 - 1968)

    Biographische Angaben und eine Beurteilung der Essays enthält das Fachlexikon ausgewählter berühmter chinesischer Literaturwerke der Gegenwart.mmcxx In einer Prosa-Auswahl in englischer Übersetzung aus Pekingmmcxxi sind eine Biographiemmcxxii sowie eine englische Übersetzung der Texte "Rote Blätter auf dem Duftberg"mmcxxiii und "Ode an die Kamelie"mmcxxiv enthalten. Auf Chinesisch liegt die Sammlung Essays von Yang Shuommcxxv vor. 1993, in fünfter Auflage 1995, erschienen 39 Essays von Yang Shuo in der Essayauswahl von Yang Shuommcxxvi mit einem Vorwort der Herausgeber Xu Borong 徐柏容, Zhen Faqing 郑法清, die auf eine Auflagenhöhe von 27.000 Exemplare kam.
    Yang Shuo 杨朔 (1913 - 1968), ursprünglich Yang Yujin 杨毓###, stammt aus Penglai 蓬莱, Provinz Shandong. Er kämpfte im Widerstandskrieg gegen Japan und erlangte Berühmtheit mit der Schilderung der Menschen in Yan'an: "Bomiergaoyuan de liumai 帕米尔高原的流脉" (Pamirs Adern). Er steht auf Platz 11 der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 30 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    1939 nahm Yang Shuo am Marsch der 8. Armee teil, wurde dann Aktivist und Propagandist, studierte 1943 an der Parteischule in Yan'an. Er erlernte die Schriftstellerei durch Selbststudiummmcxxvii und verfaßte zahlreiche Romane und Erzählungen, in denen häufig Soldaten vorkamen.mmcxxviii
    Nach 1955 wechselte er von der Gattung der Kurzgeschichte zu der künstlerischer Essays.mmcxxix
    Verschiedene Quellen aus der Volksrepublik loben durchgängig seine propagandistischen Essays und Erzählungen. Erwähnenswert sind dagegen zumindest ebenso seine Natur- und Gefühlsbeschreibungen im  "Xiangshan hongye 香山红叶" (Die roten Blätter auf dem Duftberg, 1956) und das Beispiel für eine gelungene, gefühlsbetonte Naturbeschreibung "Chahua fu 茶花赋"mmcxxx (Loblied auf die Kamelie, 1961), die in der Biographie Yang Shuos unter zwölf Werken nicht erwähnt werden.mmcxxxi Im Essay über die roten Blätter steht die Farbe "rot" einmal nicht für die Ideologie, sondern ist explizit ein Naturphänomen und wird bewußt mit einem freundlichen alten Mann assoziiert, der eine Gruppe von Leuten behende den Duftberg hinaufführt.
    Nach seiner ersten Erzählung "Pamirs Adern" schrieb er hauptsächlich Essays, davon waren die wichtigsten: "Wangu qingchun 万古青春" (Ewige Jugend),mmcxxxii "Yazhou richu 亚洲日出" (Asiatischer Sonnenaufgang), "Hai shi 海市" (Der Küstenmarkt), "Dongfeng di yi zhi 东风第一枝" (Der erste Blütenzweig im Ostwind)mmcxxxiii und "Shengming quan 生命泉" (Lebensquelle). Seine wichtigste Essaysammlung ist Yang Shuo sanwen ji 杨 朔散文集 (Essays von Yang Shuo).mmcxxxiv
    Yang Shuos Essays hatten vor allem in den 1950er und 1960er Jahren große Wirkung: Mittel- und Hochschüler wurden dazu angehalten, seine Schreibweise nachzuahmen.mmcxxxv Yang Shuo schrieb seine meisten Essays um 1960.mmcxxxvi Bing Xin bezeichnete die Sprache seiner Essays als "klar wie Wasser".mmcxxxvii Im Essay "Honig von Litschipflaumen",mmcxxxviii datiert auf 1960, beschrieb Yang die eigene gewandelte Einstellung zu Honigbienen und zum Wohlgeschmack des Honigs.
    In Kritik aus der VR Ch wird der poetische Charakter der Essays hervorgehoben, Yang Shuo habe in affirmativer Form Helden und Natur beschrieben.mmcxxxix "Mit seiner Kombination von Poesie und Essayistik hat er den ästhetischen Wert der Essays erhöht." Aber es wird auch Kritik geübt: "Einen wahren Schwachpunkt haben die Essays von Yang Shuo in folgendem: Sie sind nicht offen genug, danyuan 淡远 (fade und realitätsfern), da sie keine politische Waffe sind, die Struktur scheint von einem Gefühl der blinden Zustimmung bestimmt, die Sprache ist ein wenig gekünstelt."mmcxl

Zhou Erxia, Bo Yang, Cao Jinghua, Zhou Libo, Huang Zongying

    Das Lexikon des chinesischen Essaysmmcxli widmet neben den obengenannten Vertretern noch Zhou Erxia 周而夏mmcxlii (geb. 1914) und Bo Yang 柏杨mmcxliii (geb. 1920) einen ausführlichen Beitrag. Zhu Jinshun 朱金顺 nennt zudem noch die nicht im Lexikon des chinesischen Essays aufgeführten Cao Jinghua 曹靖华, Zhou Libo 周立波 und Huang Zongying 黄宗英.mmcxliv
    Grundsätzlich sei hier noch einmal darauf hingewiesen, daß bei der dieser Studie zugrundeliegenden Auswahl der bekanntesten Essayisten aus dem Zeitraum seit 1966 auch Einschätzungen aus der VR Ch zugrundeliegen,mmcxlv die durch Auswertung des Lexikons des chinesischen Essays ergänzt und mit aktuellen Literaturangaben von Büchern bereichert wurden, die Mitte 1994 in der Volksrepublik in den Buchhandlungen zugänglich waren und auf eine bis heute bestehende Präsenz der Autoren hinweisen. Es werden nur Essayisten berücksichtigt, die in der Rangliste der Statistischen Auswertung (siehe oben) in den oberen Plätzen zu finden sind.

Sun Li, Yang Jiang, Chen Baichen

    Sun Li 孙犁 schrieb mehr als zehn Bände Sun Li sanwen xuan 孙犁散文选 (Sun Lis Essays. Eine Auswahl).mmcxlvi Er steht auf Platz fünf der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 17 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ). Stellvertretend sei hier der Essay "Eine Zeitungsgeschichte",mmcxlvii datiert auf den 9. Februar 1982, erwähnt: Es ist ein Bericht über das einfache Landleben und die Schwierigkeiten, dort eine Zeitung zu abonnieren. Vor dem Hintergrund der mangelnden Bildung der Landbevölkerung wird das "Wissen" in Form der Zeitung personifiziert und glorifiziert. Sun Li wird zur 'Hehuajian pai 荷花淀派' (Lotosbucht-Schule) gerechnet. Von ihm liegen vor allem aus den 1980er Jahren interessante Essays vor.
    Die Essayistin Yang Jiang 杨绛 (Yang Litang 杨李唐, geb. 1911), Ehefrau von Qian Zhongshu, wird mit Ganxiao liu ji 干校六记mmcxlviii (Sechs Berichten von der Kaderschule) 1981 ebenfalls von Stimmen aus der VR Ch hervorgehoben. Darin berichtet sie von ihrem Leben auf der Kaderschule und von der Zeit der Literaturreform. Diese Sammlung wurde ins Englische, Französische und Japanische übersetzt.mmcxlix In deutscher Übersetzung liegt ihr Roman Xi zao 洗澡mmcl (Sich Waschen) vor.
    Weiter wird Chen Baichen 陈白尘 von Wissenschaftlern aus der VR China genannt. Seine bedeutendste Essaysammlung war Yunmeng duanyi 云梦断忆 (Fragmentarische Erinnerungen an den Wolkentraum).

6.2 Der klassische Gelehrte - Traditionalist Wang Zengqi 汪曾祺 (1920 - 1997) “随笔”的特点[…]在一个“随”字,随意、随便。想到就写,意尽就收,轻轻松松,坦坦荡荡。mmcli Das Charakteristikum des "lockeren Essays" liegt [...] im Wort "locker", d.h. er ist beliebig. Niederschreiben, was man denkt und wenn es gesagt ist, den Stift beiseite legen, unbeschwert, weitherzig.

    Biographische Angaben sind einmal in einem autobiographischen Abrißmmclii von Wang Zengqi selbst zu erfahren sowie aus dem Fachlexikon ausgewählter berühmter chinesischer Literaturwerke der Gegenwart.mmcliii The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature bezeichnet Wang Zengqi als "berühmten Essayisten",mmcliv wenngleich dort kein Essay von ihm enthalten ist. In Übersetzung liegen mehrere Erzählungen von Wang Zengqi vor.mmclv Ergebnisse eines Interviews vom Verf. mit Wang Zengqi 1996 sind hier ebenfalls eingeflossen.
    Wang Zengqi 汪曾祺mmclvi wurde am 5. März 1920 in Gaoyou 高邮 (Provinz Jiangsu 江苏) geboren. Sein Vater war Blumenmaler, der im "Xieyi 写意"mmclvii-Stil malte, er selbst lernte zunächst das Malen und sollte es immer als die direktere Art des Gefühlsausdrucks als das Schreiben empfinden. Seine Erfahrungen in Bezug auf Struktur und Stimmung in der Malerei übertrug er auf seine literarischen Werke.mmclviii In der Liste der Essayisten der Gegenwart steht er auf Platz 3, in der Gesamtliste auf Platz 11 (Rangliste siehe S. ).
    In der ersten Klasse der Mittelschule sang Wang Zengqi bereits Pekingopern zum Huqin 胡琴-Spiel seines Vaters. Auf der Flucht vor den Japanern mußte er nach Huaian 淮安 und Yancheng 盐城. An der Mittelschule machten Essays des Qing-Autors Gui Youguang 归有光 den tiefsten Eindruck auf ihn.mmclix Er lernte damals etwa 100 Essays der tongcheng 桐城mmclx-Schule (u.a. von Yao Nai 姚鼐) auswendig, was seine Essays bis heute beeinflußt.mmclxi Insbesondere die Lehrelemente Beginn und Schluß, innere Ordnung, richtiges Tempo, gute Übergänge und "wenqi 文气" (literarischer Atem) übernahm Wang Zengqi.mmclxii 
    Die höheren Klassen der Mittelschule besuchte er in Jiangyin 江阴. Von 1939 studierte er vier Jahre in Kunming 昆明 an der Chinesisch-Abteilung der Xi'nan lianda 西南联大 (Vereinigte Südwestuniversität). Dort hatte vor allem Shen Congwen 沈从文mmclxiii auf seinen späteren Stil starken Einfluß: Viele Erzählungen haben eine ähnliche Regionalfärbung, die Figuren sind mit einer vergleichbaren "warmherzigen" "Sympathie"mmclxiv gezeichnet. Wang Zengqi lernte von Shen Congwen, der Autor müsse sich mit seinen Figuren auf eine Stufe stellen, um sie authentisch zeichnen zu können. Gefühle der Figuren sollten mit den Beschreibungen der sie umgebenden Landschaften ausgedrückt werden.mmclxv Shen Congwen habe seine in den frühen Werken spürbare resignative Einstellung gegenüber dem Leben in eine enthusiastische korrigiert.
    Wenn Wang Zengqi über Shen Congwen schreibt: "Selbst im Alter von achtzig Jahren arbeitete Shen täglich mehr als zehn Stunden und vollendete seine gigantischen Forschungen zu klassischen chinesischen Trachten"mmclxvi, so ist zum richtigen Verständnis notwendig zu wissen, daß dahinter das tragische Schicksal eines Mannes steckt, der sich aus Enttäuschung über die politische und literarische Entwicklung in "ungefährliche" Studien vergrub.
    1940 begann Wang Zengqi, Kurzgeschichten, Gedichte und Essaygedichte zu schreiben.mmclxvii 1948 kam eine Sammlung mit Erzählungen heraus.mmclxviii Mit Gründung der Volksrepublik hörte Wang Zengqi auf zu schreiben.mmclxix 1955 publizierte er eine Pekingoper.mmclxx Mit dieser Vielfalt - nebenbei malte Wang Zengqi auch - entsprach er dem Bild des allgemeingebildeten literatus. Wang Zengqi betrachtet sich als orthodoxen Konfuzianer im Sinne des Konfuzianismus vor der Song-Zeit.mmclxxi 1958 erhielt er den Hut eines 'Rechtsabweichlers' aufgesetztmmclxxii. Nach der Rehabilitation bekam er eine Stelle als Textschreiber für die Pekinger Operntruppe, die er mehr als zwanzig Jahre innehatte. Dabei setzte er sich für eine Verbesserung der literarischen Qualität der Pekingoper ein. 1962 schrieb er drei Kurzgeschichten, 1963 erschien eine weitere Erzählsammlung.mmclxxiii In den zehn Jahren der 'Kulturrevolution' und noch einige Jahre danach schrieb er einige einflußreiche Dramenbücher für die Pekingoper,mmclxxiv redigierte Jiang Qings Modellopern und verfaßte auch Libretti dafür. Mit kurzen Unterbrechungen verfaßte Wang Zengqi über dreißig Jahre Pekingoperntexte im traditionellen Stil. Er setzte sich für die Verschmelzung von Altem und Neuem, Chinesischem und Fremdem ein.mmclxxv Während dieser Zeit schrieb er keine Essays und Erzählungen. Er meldete sich nach der 'Kulturrevolution' mit einer Abhandlung über 'Das verzierte Versmaß' zurück, in dem es um Folklore-Literatur aus Gansu ging.
    Seit Ende der 1970er Jahre schrieb Wang Zengqi verstärkt Essays, auch wieder einige Kurzgeschichten.mmclxxvi Zum Unterschied zwischen beiden Gattungen erklärte er: "Meine Essays stehen eher in chinesischer Tradition als meine Erzählungen."mmclxxvii
    Gleichzeitig plädiert Wang Zengqi für eine Symbiose aus chinesischem und westlichem Essay, zu letzterem erklärt er: "Mir gefallen eher ausländische Essays im Stil des Bewußtseinsstroms. Die englischsprachige Schriftstellerin Woolf schrieb über manches, das scheinbar in keiner Beziehung zueinander stand. Aber ihre Essays sind sehr schön. Obwohl sie unrealistisch und für manche unverständlich sind, drückte sie meiner Meinung nach ihre Fürsorge und Sympathie für das menschliche Leben aus."mmclxxviii
    Seit 1950 gab er die Zeitschrift Beijing wenxue 北京文学 (Peking-Literatur), seit 1955 Shuoshuo changchang 说说唱唱 (Volkstümliches Erzählen und Singen), daneben die Renmin wenxue 人民文学 (Volksliteratur) heraus.
    Der Stil in seinen Essaysammlungen Pu Qiao ji 蒲桥集 (Sammlung von Pu Qiao) und in der nach 1966 geschriebenen Pian xiang chuantong 偏向传统 (Traditionell ausgerichtete Texte) ähnele "den Essays der Ming- und Qing-Dynastie".mmclxxix Wang Meng erklärt im "Interview" 1994: 

Dann gibt auch einige Essayisten, wie z.B. Wang Zengqi 汪曾祺, die es lieben, in ihrem Werk die Gefühle alter Menschen auszudrücken, die sich gerne nach vergangenen Zeiten und früheren Bekannten zurücksehnen. Ein alter Mann scheint uns längst Vergangenes zu erzählen.mmclxxx

    Für seinen unabhängigen "shuqing xianshi zhuyi 抒情现实主义" (empfindsamer Realismus), für die Strichführung seiner Sittengemälde erhielt er gewöhnlich positive Kritiken.mmclxxxi Er schrieb insgesamt nur wenige Essaysammlungen.mmclxxxii
    Es seien einige Essays vorgestellt, die einen Einblick in den typischen Essaystil Wangs geben: 
    Im autobiographischen Essay "Bericht über ein Amphibion",mmclxxxiii datiert auf den 17. September 1982, beschreibt er seine Vorliebe, Pekingoper-Texte zu verfassen, und seine Neigung zur Malerei. "Heute noch kann man aus meinen Essays den Einfluß von Gui Youguang und der tongcheng-Schulemmclxxxiv herauslesen".mmclxxxv Gui Youguang war ein bekannter Essayist der Qing-Zeit. Der Essay enthält zahlreiche autobiographische Angaben, die hier mit eingeflossen sind.
    1983 beschrieb Wang im schöngeistigen Essay "Tian-Berg. Reiseszenerie"mmclxxxvi Berge, Gewässer, Wälder, Bäume, Vögel, kleine Tiere, Landschaften und ländliche Sitten. Die verschiedenen Schönheiten des Tian-Berges erstehen bei der Lektüre bildlich vor dem Auge des Lesers. Die Sprache ist treffend, Wang vermag seine tiefen Gefühle glaubhaft zu beschreiben, die die Landschaften bei ihm wachrufen.
    Unter dem Oberthema "Insekten des Sommers"mmclxxxvii werden verschiedene Insekten in kurzen Essaystücken beschrieben. Diese Essayreihe ist neben dem Essay "Jianzi schlagen"mmclxxxviii am häufigsten abgedruckt (siehe Rangliste S. ), darin wird ein selbst hergestelltes Kinderspiel beschrieben.
    Ein weiterer Essay, der häufig abgedruckt wurde (siehe Rangliste S. ), ist "Kunming de yu 昆明的雨"mmclxxxix (Der Regen in Kunming). Er ist auf den 19. Mai 1984 datiert. Dazu erklärt Wang Zengqi: 

Im Allgemeinen zielen meine Essays ganz und gar auf den Ausdruck meiner Gefühle ab. Ich habe insgesamt sieben Jahre in Kunming gewohnt. Der Regen dort machte einen sehr tiefen Eindruck auf mich. Z.B. schrieb ich im "Regen in Kunming", daß man den Kaktus verkehrt herum aufhängt. Das zeigte, daß die Luft sehr feucht war. Darüber hinaus ließ ich in meinen Essays auch meine Einstellung zum Leben erkennen.mmcxc

    Wang Zengqi schildert hier in anschaulichen Worten das Besondere an der Regenzeit in Kunming. Ausgehend von einem Gemälde bedient er sich einer bildhaften Sprache und beschreibt dem Leser anschaulich die Stimmung und die zahlreichen Früchte, die sich in der Regenzeit in Kunming finden. Aufgrund des Regens wurde er mit einem Freund längere Zeit an einem Ort festgehalten, der ihn mit seiner Atmosphäre so fesselte, daß er noch Jahre später darüber ein Gedicht verfaßte, das er ans Ende des Essays stellte. Dies entspricht einer alten Tradition der literati.
    Der Essay "Sirenenlauf"mmcxci ist ebenfalls einer der am häufigsten abgedruckten. Darin erinnert sich Wang Zengqi im Februar 1985 an die Zeit von 1939/1940, als japanische Flugzeuge unaufhörlich Kunming bombardierten. Wang schildert die schnelle und schlaue Reaktion der Lehrer und Studenten der Vereinigten Universität beim Versuch, den Bomben zu entkommen. Der Essay erschien in einer Kunminger Zeitschrift. Wang Zengqi gibt einige interessante Ereignisse der damaligen Zeit wieder: Er beschreibt Flucht und Zerstreuung bei Fliegeralarm, aber auch die Ruhe innerhalb der Aufregung, die die Chinesen aufgrund der langen Tradition, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, entwickelt hätten. Der Essay ist geistreich und humorvoll geschrieben.
    Essays und Erzählungen enthält die 1987 erschienene Sammlung Wang Zengqi. Selbstauswahl Essays.mmcxcii Eine weitere Sammlung mit Rezensionen ist Abendliches Smaragdgrün,mmcxciii die 1988 erschien.
    Im Dezember 1988 erschien der Essay "Der Mönch Wu Dalang und Siebeneinhalbfaustgroß",mmcxciv der mit am häufigsten abgedruckt wurde (siehe Rangliste S. ), in der Volkszeitung. Dabei bezieht Wang Zengqi die Figuren aus dem Roman Die Räuber vom Liangshanmoor auf die Gegenwart. Im Roman hatte der Mönch Wu Dalang einen gutgehenden kleinen Laden mit Teigwaren, aber eine junge hübsche Frau, die ihn betrog. Sie ließ ihn mit seinem Kind sitzen und brannte mit ihrem Liebhaber durch. Das Gegenstück aus der Gegenwart, Siebeneinhalbfaustgroß, hat auch einen kleinen Laden, aber der Besitzer wird als aufgeweckt geschildert, sehr geschäftstüchtig und vermögend. Der Autor ist der Meinung, daß diese zweite Person die schönste Frau bekommen kann und diese Frau ihn auch wirklich lieben und sich um ihn sorgen werde. Im Essay geht es um kleine Alltagsdinge, mit denen historische Veränderungen veranschaulicht werden sollen: Wang Zengqi beurteilt die Fortschrittsgesellschaft positiv. Der Essay ist humorvoll und bewegend geschrieben.
    Zur Demokratiebewegung 1989 erklärte er: "Irgendwann wird es einen Tag geben, an dem die Juniereignisse neu bewertet werden, aber dieser Tag wird erst nach langer Zeit kommen."
    1989 erschienen zwei Sammlungen, die erste trug den sprechenden Titel Traditionell ausgerichtete Texte,mmcxcv die zweite Sammlung von Puqiao.mmcxcvi Folgender Essay darin mag als repräsentativ gelten: Wang Zengqi stellt im Essay "Höchstes kaiserliches Erziehungsamt",mmcxcvii der mit am häufigsten abgedruckt wurde (siehe Rangliste S. ), zunächst die Eigenarten der Wirtschaft, der Finanzen und des Beamtensystem im kaiserlichen China dar. Er beschreibt das florierende Jixian 集贤-Tor in Peking, ferner Zeremonien, palastähnliche Räumlichkeiten, Steingravuren. Wang liefert in diesem Essay einige in dieser Form einzigartige historische Beschreibungen. In nur 5000 Zeichen zeichnet er einige Gepflogenheiten der kaiserlichen Erzieher nach. Der Stil ist natürlich und zeigt eine sichere Beherrschung des Stoffes.mmcxcviii
    Der Essay "Rund um den Tee",mmcxcix datiert auf den 16. September 1989, ist ein geist- und anekdotenreicher Reisebericht durch die Geschmackslandschaft des Tees in China, der ebenfalls zu den Essays gehört, die mit am häufigsten abgedruckt wurden (siehe Rangliste S. ). Wang Zengqi beschreibt verschiedene Geschmacksrichtungen, Zubereitungsarten, regionale Traditionen und versäumt es auch nicht, auf das Wasser und Zubereitungszeremonien einzugehen. Nebenbei erwähnt er gemeinsame Teeerfahrungen mit Ba Jin, Lu Wenfu und Lao She. 
    Eine Pekingoper, die Wang Zengqi 1989 veröffentlichte, erlangte besondere Bekanntheit.mmcc
    1992 erschien der Band Wang Zengqimmcci mit einer Auflage von 3.700 Exemplaren. Er enthält 17 Essays, darunter 1 Vorwort. Weiterhin sind 33 Erzählungen enthalten. 1993 erschien die bereits bei der Nennung darin enthaltener früherer Essays erwähnte Sammlung Lockere Essays auf der Pagodemmccii mit 21.000 Exemplaren. Die Sammlung enthält 59 Essays, darunter ein Vorwort. Ende 1993 versammelte Wang Zengqi in der Sammlung Essays chinesischer Gegenwartsautoren - Bd Wang Zengqi,mmcciii die eine Auflage von 10.000 Exemplaren erzielte, nach eigenen Angaben alle Essays, die nicht den Rubriken Reisebericht, Laudatio, literartheoretische Abhandlung und gefühlsbetonter Essay entsprechen.mmcciv Die Sammlung enthält 74 Essays, darunter ein Vorwort. 
    1995 wurden 18 Essays in der Essaysammlung Lockere Essays großer Autorenmmccv mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren wiederabgedruckt. Enthalten sind 129 Essays von vier VR Ch-Autoren, die anderen Essayisten sind Wang Meng, Liu Xinwu, He Xing'an 贺兴安. Letzterer steht auf Platz 13 der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 33 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    Bei einem Besuch 1996 erklärte Wang Zengqi dem Verf. dieser Studie, er habe das Schreiben aufgegeben. Wie zum Beweis verehrte er dem Besucher ein soeben fertig gestelltes Bild.
    Wang Zengqi nennt selbst weitere Essays: 

Ich habe darüberhinaus einige Abhandlungen geschrieben. In 'Suiou er an 随遇而安' (Sich überall heimisch fühlen), einer relativ berühmten dieser Abhandlungen, forderte ich, daß man in jeder mißlichen Lage Lebensfreude finden soll. Außerdem habe ich eine andere relativ bekannte Erörterung mit einem Satz meines Vaters benannt, nämlich 'Duonian fuzi cheng xiongdi 多年父子成兄弟' (Der alte Vater wird zum Bruder). Mein Vater meinte, daß er nach vielen Jahren mein Bruder wurde. Meines Erachtens drückte er damit seine Einstellung zum Leben und zur Ethik aus. Ich halte es für lobenswert, daß er trotz der einschneidenden Beschränkung in der damaligen feudalistischen Gesellschaft die Beziehungen zwischen Vater und Sohn als frei und gleichberechtigt betrachten konnte.mmccvi

    Die Werkausgabe Wang Zengqi. Werkemmccvii kündigte der Autor in einem autobiographischen Abriß an.mmccviii Der Umfang solle etwa 1,2 Millionen der insgesamt 2 Millionen von ihm hinterlassenen Zeichen ausmachen.mmccix
    Wang Zengqi starb am 16. Mai 1997 in Peking im Alter von 77 Jahren.
    Zusammenfassend sei festgehalten, daß Wang Zengqi Jiang Qings Modellopern redigierte und auch Libretti dafür verfaßte, damit unterstützte er aktiv den Kahlschlag an der traditionellen Kunst, wie ihn die 'Roten Garden' während der 'Kulturrevolution' durchsetzten. Auf der anderen Seite setzte er sich nach der 'Kulturrevolution', als die alten Opern wieder zugelassen wurden, für ein Anheben der literarisch erbärmlichen Qualität der Peking-Oper ein. Bei seinem gesamten Schaffen äußerte er sich nicht direkt politisch, sondern konzentrierte sich auf traditionelle Themen (Kaiserliches Erziehungsamt, Die Räuber vom Liangshan-Moor) und Landschaftsbeschreibungen (Kunming). Damit folgt Wang Zengqi seinem Lehrer Shen Congwen. 
    Nach Ba Jin, der sich nach anfänglich politisch-affirmativer Orientierung spätestens seit der 'Kulturrevolution' zum erbitterten Kritiker entwickelt hat, und Wang Zengqi, der sich nach Modell-Opern-'Sünden' literarisch nicht mehr politisch äußerte, seien noch einige andere Essayisten kurz vorgestellt, ehe dann der nächste der fünf repräsentativen Essayisten der Gegenwart, Yu Guangzhong, behandelt wird. Er ist der am häufigsten abgedruckte Essayist der Gegenwart aus Taiwan.

Zhang Jie, Zong Pu, Ding Ning, Wang Yingqi, Su Ye, Ye Meng, Si Yu etc.

    Neben den bereits angeführten bekannten Essayisten glaubt Liu Xiqing 刘锡庆, in den letzten Jahren zahlreiche begabte Essayistinnen auftauchen zu sehen. Er nennt drei ältere, zunächst Ding Ning 丁宁 (geb. 1924) und Zong Pu 宗璞mmccx (geb. 1928), die 1984 für ihre Essaysammlung Ding xiang jie 丁香结 (Früchte des Gewürznelkenbaums) den "Nationalpreis für Essaysammlungen" erhielt.mmccxi Darin gewährte sie einen tiefen Einblick in das Trauma der 'Kulturrevolution', das sie erlebte. 1993, mit zweiter Auflage 1994, erschien Zong Pu. Essayauswahlmmccxii in der Reihe Baihua sanwen shuxi 百花散文书系 (Essayreihe des Hundert-Blumen-Verlages). Dieser Band erzielte eine Auflage von 7.000 Exemplaren und enthält 112 Essays aus den Jahren 1961 bis 1993. Der Herausgeber schreibt im Vorwort, Zong Pu sei über Reiseberichte zum Essayschreiben gekommen.
    Liu nennt weiter Zhang Jie 张洁 (geb. 1937). Sie berichtet im Essay "Weizenährenlese"mmccxiii über ihre Erfahrung als junges Mädchen, wie sie einen alten Mann schon als Kind lieb gewann, ihn aber schließlich verlor, als er starb.
    Von den jüngeren nennt Liu Xiqing fünf: 

- Wang Yingqi 王英琦 (geb. 1953); - die Fujianer Nachwuchsautorin Tang Min 唐敏 mit dem Bestseller "Nühaizi de hua 女孩子的花" (Des Mädchens Blume), ein aus westlicher Sicht unerträglich kitschiger Text; - die Nankinger Essayistin Su Ye 苏叶 mit der Essaysammlung Zongshi nanwang 总是难忘 (Immer schwer zu vergessen), nach der auch Zhang Jie eine Anthologie mit Essays zahlreicher Essayistinnen benannt hat; - die Schriftstellerin Ye Meng 叶梦 (geb. 1950) aus Hu'nan mit Yueliang, shengming, chuangzao 月亮,生命,创造 (Mond, Leben, Schöpfung). Ihr Essay "Der Berg der Schamhaften Frau"mmccxiv ist eine erotisierende Beschreibung eines Berges, der die Form einer schlafenden jungen Frau besitzt. Der Berg wird schließlich durch den Vergleich mit der Göttin Nüwa überhöht. Dieser Essay wurde im Rahmen der Untersuchung übersetzt, eine Veröffentlichung ist in Vorbereitung. Schließlich nennt Liu Xiqing noch - Si Yu 斯妤 (geb. 1954), bekannt geworden mit Si Yu sanwen jingxuan 斯妤散文 精选 (Si Yus Essays. Eine Auslese) ist eine sehr mutige, junge Pekinger Schriftstellerin. Mit Bing Xin hat sie die Buchreihe Nüxing sanwen 女性散文 (Weibliche Essays) herausgebracht. Neben ihren gefühlsbetonten Essays zeigt "Der Alp",mmccxv daß Si Yu auch bittere Lebenserfahrungen in der Form des tiefenpsychologisch aussagekräftigen Traums verarbeitet hat: In diesem Essay schildert sie einen Alptraum, der die Autorin zu Selbstmordgedanken treibt. Sie beschreibt sich, wie sie willenlos einem unwirklichen Transformationsprozeß in eine Katze ausgeliefert ist und von einer alten Frau schikaniert wird. Mitte der 1990er Jahre schrieb sie mehr Kurzgeschichten.mmccxvi

    Für die Bestimmung aktueller bedeutender Vertreter des Gegenwartsessays in der VR Ch sei hier ergänzend auf einige bisher unerwähnte Essayisten hingewiesen, die einen aktuellen Eindruck von der weiteren Auswahl der stichprobenartig besuchten Buchhandlungen 1994 geben:
    Die Reihe Essays bedeutender chinesischer Gegenwartsautoren hat zum Jahreswechsel 1993/94 noch zwei weiteren Autoren je einen Band gewidmet: Lin Jinlan 林斤澜mmccxvii und Xiao Qian 萧乾mmccxviii.
    Als Hongkongermmccxix Vertreter sind Ye Lingfeng 叶灵风 und Lu Weiluan 卢玮銮 zu nennen, die wichtigsten Vertreter aus Taiwan sind Yu Guangzhong (siehe S.  ff.), San Xiaofeng und die Autorin San Mao 三毛 (Chen Ping 陈平) mit der Essaysammlung von 1992 Gedanken.mmccxx Zu deren Unterhaltungsliteratur liegt eine deutschsprachige Magisterarbeitmmccxxi vor, eine Dissertationmmccxxii zu ihren Reiseberichten ist in Vorbereitung.
    Aus den Vereinigten Staaten ist Xu Daran zu nennen, der auch Essayanthologien kompilierte.

Bo Yang, Fang Xu, Cong Weixi, Feng Jicai

    Bo Yang 柏杨 (geb. 1920) schreibt kulturkritische,mmccxxiii der Pekinger Essayist Fang Xu 方旭 (geb. 1953) gefühlsbetonte Essays. Nur wenig äußert er sich über seine Schaffenserfahrungen als Schriftsteller, wie man in seiner Essaysammlung Fang Xummccxxiv, die von Wang Meng mit einem kalligraphischen Geleitwort unterstützt wurde, nachlesen kann. Ein Essay beschäftigt sich mit Wang Meng (siehe S. ). Die Sammlung erlebte eine Auflage von 4.000 Exemplaren. Sie enthält 106 Essays aus der gesamten Schaffensperiode bis dahin, darunter ein Vorwort.
    Der aus der Provinz Hebei stammende Wahl-Pekinger Cong Weixi 从维熙mmccxxv reflektiert im ersten Teil einer Essaysammlung mit dem irreführenden Titel Die Nacht der Leidenschaftmmccxxvi seine Erfahrungen während der Gefangenschaft in der 'Kulturrevolution'. Letztlich vertraut er jedoch den Reformierungsversprechen der Partei. Der zweite Teil enthält vermischte Essays. Dort beschreibt er beispielsweise, was sich in Peking verändert hat, als er nach längerer Zeit heimkehrt. Dieser Teil enthält z.B. auch Vorworte, Reisebeschreibungen von Heidelberg, dem Rhein und der Loreley und Schilderungen von Menschen, die den Schritt ins Wirtschaftsleben wagen.
    Feng Jicai 冯骥才 (geb. 1924), der mit Wu Boxiao auf Platz 9 der Liste der Essayisten der Gegenwart und mit Lao She auf Platz 27 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ), hat einen lockeren Schreibstil. Er schreibt, ohne sich vorher ein theoretisches Konzept gemacht zu haben. Der Stil erinnert eher an Kurzgeschichten oder literarische Reportagen. Wie in seinen Erzählungenmmccxxvii bildet die 'Kulturrevolution' auch in seinen Essays das zentrale Thema. Feng Jicai erhielt 1984 für seine Essaysammlung Zhenzhu niao 珍珠鸟 (Perlenvogel) den "Nationalpreis für Essaysammlungen".mmccxxviii
    1993 publizierte er zwei Essaybände. Im ersten, Essays bedeutender chinesischer Gegenwartsautoren - Bd Feng Jicai,mmccxxix mit 54 Essays und einer Auflage von 10.000 Exemplaren, vollführt er Gedankenspiele, gibt aber auch interessante Beobachtungen wieder. Ein Essay handelt, wie bereits erwähnt, von Wang Meng. 
    Im zweiten Band Herbstmusikmmccxxx setzt er sich in seinen Erinnerungen mit der 'Kulturrevolution' auseinander und fordert den Bau eines Museums, so könne man ein Wiederholen der 'zehnjährigen Katastrophe' verhindern. Ein Essay beschäftigt sich wiederum mit Wang Meng (siehe S. ). Er äußert sich in Reiseberichten und Beschreibungen der Bewohner zu westlichen Ländern, am meisten über die Vereinigten Staaten, aber auch über Deutschland und seine Bewohner. Im Vorwort schreibt Feng, Essays seien aus ihrem künstlerischen Selbstverständnis heraus der Wahrheit verpflichtet.
    1994 veröffentlichte Feng Jicai 94 Essays unter dem Titel Selbstauswahl von vermischten und lockeren Essaysmmccxxxi mit einer Auflagenhöhe von 5.000 Exemplaren. Im Vorwort erklärt er, er schreibe Essays, da sie ihm eine besondere Befriedigung verschafften.
    1995 erschien eine Auswahl von 66 Essays Feng Jicais in der aufwendig gestalteten Reihe Chinas Essays in Sammlerausgabe.mmccxxxii Diese Reihe erscheint in einer Auflage von 10.000 Exemplaren.

Gaylord Leung [Liang Xihua]

    Zu Gaylord Leung (geb. um 1950) finden sich biographische Angabenmmccxxxiii, einzelne deutsche Übersetzungen von Essaysmmccxxxiv und deutschsprachige Sekundärliteratur zu seiner Essayistik.mmccxxxv 
    Gaylord Leung [Liang Xihua] 梁锡华mmccxxxvi ist ein Literaturwissenschaftler mit klassischer Bildung und klassischem Sprachvermögen aus Hongkong, der an der Universität London promoviert wurde und 1982 gegen die revolutionär begeisterten Sinologen auf der internationalen Konferenz in Paris den Rang von Mao Dun und Guo Moruo aufgrund ihrer mangelnden sprachlichen Ausdruckskraft in Frage stellte. Er schrieb mehr als 20 Werke, darunter seit 1976, als er nach Hongkong zurückkehrte, zahlreiche Essaysammlungen.mmccxxxvii Seine Themen sind Erinnerungen, Reisebeschreibungen, Lebensbetrachtungen und Sprachreflexionen. Er verwendet Humor und setzt den Essay konstruktiv als 'Skalpell' gegen 'Erkrankungen' ein.mmccxxxviii Mit seiner detaillierten Betrachtung des Unscheinbaren in historischen und geistigen Zusammenhängen kritisiert er die Zivilisation, macht aber auch deren Komplexität erkennbar und fordert konstruktiv zu einer besseren Bewältigung des Lebens auf. Im Gegensatz zu Bing Xin, die Berge als Mangel betrachtete, eröffnet Gaylord Leung dem Leser in seinem Neuen Klassiker der Berge und Meere die spirituelle Seite der Berge und nimmt eine Umwertung vor.mmccxxxix
    Mit dem Motiv des Kreises in seinem Essay "Verhängnisvolle Kreise"mmccxl bringt Leung verschiedenste Erscheinungen menschlicher Existenz in Raum und Zeit zusammen. Den Zusammenhang liefert die Feststellung, daß nichts alleine betrachtet werden dürfe.
    Beim Essay "Das Ver'nicht'en"mmccxli wird das Wort "nicht" spielerisch durch die Verwendung in Religion (Bibel), Ideologie (Marxismus) und Literatur verfolgt, wobei Leung zeigt, daß das unscheinbare Wort Aufstände und großes Unglück verursachen könne.
    Eine entspannte Stimmung erzeugt Liang im Essay "Ting si zuo ai qiuxiawan 停思坐爱秋霞晚"mmccxlii (Abschalten, sich niedersetzen und nur die herbstliche Abendröte genießen). 
    Zehn Essays sind in Yu Daxiang (Hg.): Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysen 1993mmccxliii aufgenommen: Im Reisebericht "Ba xian zhi lian 八仙之恋"mmccxliv (Gefühle gegenüber dem Berg Baxian) beschreibt Liang, wie ihn der Berg Baxian beeindruckt habe. Im Essay "Ni bu ken, wo jiu…… 你不肯,我 就……"mmccxlv (Wenn du nicht willst, werde eben ich …), geht Liang auf die Erpressungsformel ein, mit der Verschmähte Liebende Selbstmord androhen. Von der Freude, die gegenseitige Korrespondenz bringen kann, berichtet Liang Xihua im Essay "Lai hong qu yan 来鸿去雁"mmccxlvi (Es kommt eine Schwanengans, es geht eine Wildgans). Im Essay "Hong hong, lü lü 红红绿绿"mmccxlvii (Rot und grün) wendet sich Liang Xihua gegen Äußerlichkeit, besonders in der Politik. In satirischer Form beschreibt Liang im Essay "Dao dao 盗道"mmccxlviii (Tugendraub), wie Politiker sich gegenseitig ihre ursprünglich guten Absichten verderben. Im Essay "Gui ge you chunfeng - ji faguo hanxue jiaoshou Yu Rubo 贵格又春风-记法国汉学教授于儒 伯"mmccxlix (Frühlingswind - Über den französischen Sinologen Robert Ruhlmann) beschreibt Liang, daß sein französischer Kollege der Religionsrichtung der Quäker angehört. Langsame Zeitgenossen beschreibt Liang im Essay "Manyu manwoniu 漫语慢蜗牛"mmccl (Plauderei über lahme Schnecken). Im Essay "Sui chouchang, que reqie 虽惆怅,却热切"mmccli (Trotz Enttäuschung aufrichtig) vergleicht er den literarischen Erfolg von Gebildeten in China und im Westen. Die Liebe eines Ehepaares zu Elstern, die sie großzogen, beschreibt Liang im Essay "Que ai 鹊爱"mmcclii (Elsternliebe).
    Schon wenige Jahre, nachdem in Taiwan zum Ende der japanischen Periode wieder Chinesisch geschrieben werden durfte,mmccliii nahm der Essay in Taiwan eine eigenständige Entwicklung. Die politisch bedingte weitgehende Trennung dieser Kulturlandschaft vom Festland führte zwar anfänglich noch, was die hier behandelte Gattung betrifft, zu vergleichbaren Entwicklungen, etwa dem Einsatz von Essays für Propagandazwecke,mmccliv insgesamt war die Entwicklung des Essays auf Taiwan jedoch kontinuierlicher als auf dem Festland,mmcclv wo die 'Kulturrevolution' eine Zäsur markierte und westlicher Einfluß erst seit den 1980er Jahren wieder zugelassen wurde.
    Die Entwicklung des taiwanesischen Essaysläßtsich wie bei kaum einem anderen Autor an Yu Guangzhong (auch Yu Kwang-chung, geb. 1928) aufzeigen.

6.3 Produktiver Essayist im Nachkriegstaiwan, Politagitator und Sprachkünstler Yu Guangzhong 余光中 (geb. 1928) 剪掉散文的辨子!mmcclvi Schneidet dem Essay den Zopf ab!

    In westlicher Sekundärliteratur machte Martin als erster auf Yu Guangzhong aufmerksam.mmcclvii Yu Guangzhong ist in zahlreichen Essaysammlungen aufgenommen, unter anderem in die taiwanesischen Auswahlausgaben von Taiwan-Autoren Sammlung vier Meere,mmcclviii Auswahl von Dichter-Essaysmmcclix sowie in der Kompendium der modernen chinesischen Literatur - Essays, Bd 2.mmcclx Der Essay "So sprechen Freunde in Abwesenheit" wurde in die Columbia Anthology aufgenommen. Er ist allerdings nicht repräsentativ: der Essay ist in keiner der anderen untersuchten 30 Sammlungen enthalten.mmcclxi Es liegt zahlreiche, zumeist unkritische Sekundärliteratur zu Yu Guangzhong auf Chinesisch vor.mmcclxii
    Yu siedelte Ende 1948 nach Taiwan über. Mit seinem produktiven Essayschaffenmmcclxiii während der gesamten taiwanesischen Nachkriegsgeschichte und seinen Beiträgen zur Dichtungs- und Essaytheoriemmcclxiv hat er in Taiwan mehr Widerhall als andere gefunden.mmcclxv Allerdings ist Yu außerhalb des chinesischsprachigen Raums kaum rezipiert worden.mmcclxvi Bei der folgenden Beschreibung des essayistischen Werks wird neben dem historischen Hintergrund auch Yus Biographie herangezogen.
    Yu Guangzhong 余光中 wurde am 9. September 1928 in Nanking (Fujian) geboren. Er studierte an den Universitäten Jinlu 金陆 und Xiamen 厦门 fremdsprachige Literatur. 1948 zog er mit seinen Eltern nach Hongkong, Ende desselben Jahres nach Taiwan. An der National Taiwan University in Taipeh schloß er 1952 sein Studium der westlichen Literatur ab. 1953 war er Mitbegründer der "lanxing shishe 蓝星诗社" (Dichtergesellschaft Blauer Stern). 1953 bis 1956 arbeitete er als Redakteur und Übersetzer in der Guomindang-Armee, die er 1956 zugunsten einer Lehrtätigkeit an der Universität verließ. Er ging in die Vereinigten Staaten und schloß 1958 ein "Master"-Studium an der Universität Iowa ab, später übte er noch einige Male Lehrtätigkeiten in den Vereinigten Staaten aus. Nachdem er zweimal eine Gastprofessur in den Vereinigten Staaten angenommen habe, wechselte er zur Chinesischen Universität von Hongkong, und war 1996 Professor für westliche Literatur an der Nationalen Sun Yatsen-Universität in Gaoxiong. Schließlich ging er zur Zhongshan-Universität Gaoxiong. 1974 bis 1985 war Yu an der Chinesischen Universität Hongkong tätig, die er aufgrund seiner politisch rechten Ausrichtung verlassen mußte.
    Während der antikommunistischen Propaganda in den 1950er Jahren beschränkte sich Yu Guangzhong im Wesentlichen auf seine Lehrtätigkeit und das Schreiben von Gedichten. Doch stets, lautstark von 1948 bis 1961mmcclxvii, trat er für die Übernahme westlicher Stilmittel einmmcclxviii und nannte westliche Vorbilder: die romantische Literaturströmung, John Keats, William Butler Yeats, Robert Frost.mmcclxix In der taiwanesischen Dichtung herrschten in den 1950er und 1960er Jahren westliche Themen und chinesische Formen vor, Ende der 1960er Jahre kam eine bewußt an der Romantik ausgerichtete Literaturströmung auf.mmcclxx Seine gefühlsbetonten Essays, so heißt es im Vorwort zu einer Werkauswahl, seien originell, schöpferisch und "weltbekannt".mmcclxxi Zumindest die letzte Behauptung kann aufgrund der fehlenden Sekundärliteratur im Westen nicht bestätigt werden. Zumindest steht Yu aber in dieser Studie auf Platz 1 der Liste der taiwanesischen Essayisten der Gegenwart, auf Platz 14 der Liste der chinesischsprachigen Essayisten der Gegenwart und auf Platz 36 der Gesamtliste (Rangliste siehe S.  ff.).
    Seit 1948 schrieb und veröffentlichte er Gedichte, insgesamt 12 Bändemmcclxxii. In acht Bänden stellte er fremdsprachige Lyrik in Übersetzung vor. 1949 begann er Essays zu schreiben und veröffentlichte seinen ersten Essay in der Zeitschrift Xinsheng bao 新生报 (Zeitung Neues Leben), bis 1995 veröffentlichte er 15 Bände, darunter drei, die keine neuen Essays enthielten. Neben seinem berühmtesten Essay "Die Wölfe kommen"mmcclxxiii wurden hier zur Vorstellung Yus aus den 15 Bänden folgende drei Themenbereiche in vier Bänden ausgewählt: 
    1. Die bedeutendste literaturtheoretische Essaysammlung heißt Zhang shang yu 掌上雨 (Regen auf der Kaktee), sie ist Yus zweite Essaysammlung und enthält Essays von 1959 bis 1963, Neuauflagen erfolgten bis 1986. 1980 bezeichnet Yu selbst diese Essays als "voller Feuer". Sie vertreten klare Standpunkte in den damaligen Literaturdebatten: Yu setzt sich darin für die konsequente Verwendung von moderner Umgangssprache und klassischer Literatursprache ein,mmcclxxiv für moderne statt traditionelle Gedichte und für Modernisierung im Allgemeinen.
    2. Gesellschaftspolitische freie Essays finden sich in Ping yi zhang ditu 凭一张 地图 (Sich auf eine Landkarte stützen): 48 literaturtheoretische, politische bzw. sprachpolitische Essays mit einer Länge von bis zu 2000 Zeichen (darunter auch ein paar Reiseberichte) aus Zeitungen, in denen Yu seine polarisierende Meinung kundtut - ein Mosaik seiner Ansichten in prägnanter Kürze. Dieser Band enthält den Essay "Wir wollen ein System, wir wollen keine Parolen"mmcclxxv, der mit seiner Forderung nach einer Politisierung Hongkongs zu Yus unfreiwilligem Abschied aus Hongkong beigetragen haben mag. Dies ist Yus elfte Essaysammlung, sie wurde 1988 veröffentlicht. Yus politischer Standpunkt ist Guomindang-nah, er strebte lange Zeit danach, Taiwans erster Kultusminister zu werden, dieses Amt wurde jedoch nie geschaffen.
    3. Yus youji 游记 (Reiseberichte) finden sich in der Sammlung vier Meeremmcclxxvi mit vier Texten und in der Essaysammlung Geshui hudu 隔水呼渡 (Am Ufer stehen und den Fährmann rufen) mit 17 "reinen"mmcclxxvii Essays, darunter 13 Reiseberichte, aus dem Zeitraum 1985 bis 1988. Er berichtet darin über seine Reisen durch Taiwan seit dem Ende der 'Kulturrevolution' und zuvor durch das Festland. Die letztgenannte Ausgabe erlebte vier Auflagen. Darunter findet sich der in A Comprehensive Anthology of Contemporary Chinese Literature in Taiwan wiederabgedruckte gleichnamige Essay "Am Ufer stehen und den Fährmann rufen"mmcclxxviii, der die Naturbelassenheit einer taiwanesischen Gebirgsgegend und die Ursprünglichkeit ihrer Bewohner beschreibt. Seine Auslandsreisen hat Yu ebenfalls in Reiseberichten festgehalten, er beschreibt neben England, Spanien, Schweiz und Thailand auch Deutschland in "Deguo zhi sheng 德国之声" (Die deutschen Klänge). Die Sehnsucht nach der volksrepublikanischen Heimat kommt in "Guanshan wu yue 关山无月" (Kein Mond über dem Guanberg) zum Ausdruck. Beliebtes Stilmittel ist für ihn der Ausdruck der eigenen Gefühle anhand von Landschaftsbeschreibungen wie in "Gubao yu heita 古堡与黑 塔" (Altes Fort und schwarze Pagode), einer Beschreibung von Edinburgh.
    Die Auswahl dieser drei Themenbereiche, die den Schwerpunkt in den genannten vier Bänden bilden, war aufgrund der Stoffülle notwendig. Die anderen Bände lagen dem Verf. teilweise nicht vor, teilweise enthielten sie Wiederholungen oder nicht so bekannte bzw. weniger rezipierte Essays.
    Es existiert keine westliche Sekundärliteratur zu Yus Essays,mmcclxxix die hier durchgeführte Auswertung basiert im Wesentlichen auf der Auswertung der Primär- und der chinesischen Sekundärliteratur (insbesondere Huang Weiliang 1979mmcclxxx, 1994mmcclxxxi). Die vorliegendenmmcclxxxii Rezeptionsbände 1979mmcclxxxiii und 1989mmcclxxxiv entsprechen jedoch nicht einem westlichen Objektivitätsanspruch: Sie sind durchweg affirmativ, obwohl sich aus westlicher Sicht Kritik üben ließe und auch unter den taiwanesischen Quellen durchaus kritische Aufsätze,mmcclxxxv sogar Pamphletemmcclxxxvi zu finden sind. Auffällig ist auch, daß die Bewertungskriterien für die Beurteilung in den Sekundärbänden dem literaturtheoretischen Vokabular Yus entstammen.mmcclxxxvii Aufgabe der hier vorgelegten literaturwissenschaftlichen Betrachtung ist es also auch, Gründe für diese positive Beurteilung aufzuzeigen: Förderlich für eine positive Aufnahme waren Yus Autorität als Herausgeber der taiwanesischen Literatur-Anthologien,mmcclxxxviii sein rüder Umgang mit ihm unliebsamen Personen wie Hu Lancheng 胡兰成mmcclxxxix oder den Opfern seines Essays "Die Wölfe kommen"mmccxc (siehe unten) und seine persönliche Beziehung zu den Rezensentenmmccxci. Tatsächlich bemerkt Lin Yaode 林耀德 im Vorwort seines Interviews mit Yu Guangzhong,mmccxcii daß die Beiträge für den ersten Sekundärband ursprünglich auch kritische Aufsätze enthielten, die von Huang Weiliang zensiert wurden.mmccxciii Das durch die einseitige Rezension verbreitete Bild Yus muß also im folgenden auch durch Kritik geradegerückt werden.
    Yu setzt ein weiteres Mittel ein, das ihm in der Tradition der literati Autorität verschafft: Er verwendet insbesondere in seinen Titeln seltene Zeichen, die dem Leser den Eindruck einer großen Belesenheit vermitteln. Tatsächlich liebt Yu es nach eigenen Angaben, sich von zufällig aus einem Spiel mit Schriftzeichenwürfeln herausgegriffenen Zeichen inspirieren zu lassen.

Yus Essays im Spiegel seiner Biographie und der literaturgeschichtlichen Entwicklung Taiwans - Umstrittenheit Yus

    Yu machte sich früh als Gegner des 'mainstreams'mmccxciv unbeliebt und bekannt: 1964 wetterte er "nicht fehlerfrei, aber durchaus konstruktiv"mmccxcv gegen die Glorifizierung der Literaturreform der '4.-Mai-Bewegung' und forderte: "Holt die halbe Flagge der '4.-Mai-Bewegung' ein". mmccxcvi Unter anderem griff er das Vorbild Hu Shi an: Seine Forderung nach "flüssigen, fröhlichen" Essays leite den Leser in die Irre.mmccxcvii Auch bei den folgenden Literaturdebatten in Taiwan schwomm Yu stets gegen den Strom. Mag der junge Autor dies aus Publicity-Gründen getan haben, mit zunehmender Bekanntheit wurde es zu seinem Markenzeichen, dem er auch als anerkannte Literaturinstitution treu blieb.

- Yus Einsatz für einen Ausgleich zwischen Moderne und Tradition

    Im Taiwan der 1960er Jahre wurden die Modernisten, die sich am europäischen Existenzialismus bzw. Symbolismus, etwa mit Bai Xianyong, orientierten, zur Hauptströmung. Auch Yu ist mit seinen Gedichten einer der Väter der modernen Lyrik in Taiwan.mmccxcviii In seinen damaligen Essays spiegelt sich sein Einsatz für einen Ausgleich zwischen Moderne und Tradition wider: 1963 erschien Yus erster Essayband Der linkshändige Miu Si,mmccxcix in dem er sich mit dem Verhältnis zwischen Gedichten und Essays auseinandersetzte. 
    1964 erschien sein zweiter Band Regen auf der Kaktee. Im einzelnen vertrat Yu folgende Positionen, die heiß diskutiert wurden: 

- Die moderne Umgangssprache müsse die klassische Schriftsprache ablösen.mmccc - Die Gedichte müßten modernisiert werdenmmccci und sich an westlichen Vorbildern orientierenmmcccii. Hier setzt sich Yu vor allem mit seinen Kontrahenten in dieser Frage Yan Xi 言曦mmccciii und Chen Shaopeng 陈绍鹏 auseinander. - Die Gesellschaft müsse modernisiert werden.mmccciv - Die modernen Gedichte müßten chinesische Traditionen weiterführenmmcccv und auch westliche adaptieren.mmcccvi - Die Dichter sollten sich bewußt sein, daß die modernen taiwanesischen Gedichte nur der Form nach verwestlicht seien, es seien immer noch chinesische Gedichte.mmcccvii - Gedichte sollten klar verständlichmmcccviii und auf der Höhe der Zeit seinmmcccix.

    Im Rückblick erklärt Yu 1980, er habe eingesehen, daß jeder Autor diese Fragen mit sich selbst ausmachen müsse.mmcccx Plakativ wirkt Yus Kritik, die intellektuellen Leser seien zu vulgärmmcccxi. Wenn Yus literaturtheoretische Beiträge auch viel Widerspruch hervorriefenmmcccxii,läßtsich ihre enorme Wirkung an der Neuauflage dieses Bandes 1980 mit neuem Vorwort ablesen.mmcccxiii 
    Es folgt eine inhaltliche Übersicht zu den in dieser Sammlung enthaltenen Essays: 
    Die Sammlung Regen auf der Kaktee versammelt Essays aus der Zeit von 1959 bis 1963, die Yu 1980 im "Vorwort zur neuen Auflage"mmcccxiv rückblickend als "voller Feuer" aus der "Zeit der Teilnahme an Literaturdebatten" bezeichnete. Damals seien drei Themen debattiert worden, zu denen er Essays geschrieben habe: Der Konflikt zwischen baihuawen 白话文 (moderner Umgangssprache) und wenyanwen 文言文 (vormoderner Literatursprache), die Einführung von modernen Gedichten und die Modernisierung allgemein. Er habe die modernen Gedichte im ersten Abschnitt der Debatte gegen großen Widerstand in der Gesellschaft verteidigt. Im zweiten Abschnitt habe er sich in den Konflikt zwischen Verhaftetsein in der Tradition und Modernisierung innerhalb der modernen Dichter eingemischt. Den Prozeß von den klassischen Gedichten über die der '4.-Mai-Bewegung' bis hin zu den modernen sehe er als notwendig an. Er räumt ein, daß die modernen Gedichte in ihrem frühen Stadium noch fehlerhaft seien.mmcccxv Die modernen Gedichte gewännen an Qualität und würden auch verstärkt klassische Traditionen berücksichtigen. Yu kritisiert, daß die Dichter seit den 1970er Jahren Moden anhingen, statt geistig unabhängig zu sein.mmcccxvi Er widerspricht der Auffassung, daß die taiwanesische Literatur in den 1960er Jahren bereits völlig verwestlicht sei, indem er Beispiele von typisch chinesischen Autoren nennt. Seit den mehr als zehn Jahren, als er Regen auf der Kaktee geschrieben habe, habe er nur selten Beiträge für Debatten geschrieben, da jeder Dichter Fragen wie diese mit sich selbst ausmachen solle.mmcccxvii Yu kritisiert die mangelnde Qualität seiner eigenen Essays im wiederaufgelegten Band, er habe sich inzwischen weiterentwickelt. Damals seien ihm die modernen Gedichte als "Kakteen in der Literaturwüste" vorgekommen. Die hier versammelten Essays seien eine "Verteidigung" des modernen Gedichts.mmcccxviii
    Im Essay "Über die Literatur von Nicht-Berufslesern"mmcccxix übt Yu Kritik an modernen Intellektuellen:  Sie bevorzugten immer noch die Lektüre von gefühlsbetonten romantischen Stoffen, besäßen einen vulgären Geschmack und seien noch unreif. Sie propagierten Melancholie, Idealismus und Individualismus.
    Die wichtigste Voraussetzung für das Schreiben von Gedichten sei ihr geistiger Gehalt. Die Botschaft des Dichters, die der Leser aus der Lektüre erkennen müsse, erklärt Yu im Essay "Über den geistigen Gehalt".mmcccxx Der wichtigste Bestandteil des geistigen Gehalts sei der Vergleich. Weiter erklärt er, je dichter ein Gedicht geschrieben sei, desto besser.
    Im Essay "Über das Klare"mmcccxxi sieht Yu das moderne chinesische Gedicht zwei Gefahren ausgesetzt: Der Bedeutungslosigkeit des Inhalts und der Unzugänglichkeit der Form. Es gebe verständliche und obskure Gedichte. Yu setzt sich für Klarheit im Ausdruck von Gedichten ein, insbesondere solle hohe Tugend klar zum Ausdruck kommen.
    Liebesgedichte seien die besten unter den gefühlsbetonten Gedichten, erklärt Yu im Essay "Über Liebesgedichte".mmcccxxii Yu streicht vier besondere Eigenschaften der Liebesgedichte in Vergangenheit und Gegenwart sowie im In- und Ausland heraus. Der Charakter sei illusionär, der Dichter öffne sich beim Schreiben, er wecke fleischliche Begierde und verwende das Mittel der Überhöhung.
    Im Essay "Über Plagiieren" unterscheidet Yu drei Arten des Plagiierens: 1. Ungekennzeichnetes Zitieren von Vorgängern, 2. ungekennzeichnetes Zitieren von Zeitgenossen und 3. ständiges Wiederholen der eigenen Werke. Er grenzt das Plagiieren vom Aufnehmen positiver Dinge ab.mmcccxxiii
    Gedichte seien der Atem der Zeit, erklärt er im Essay "Der Rhythmus der modernen Gedichte".mmcccxxiv "Jiezou 节奏" (Rhythmus) sei der Atem der Gedichte - dies ist ein Ausdruck aus Yus Essaytheorie. Er fordert, den Atem der Zeit im Rhythmus der Gedichte festzuhalten.
    Im Essay "Über die Sprache der neuen Gedichte"mmcccxxv sagt Yu, die Sprache der neuen Gedichte sei nicht nur baihua. Er zeigt die Unterschiede zwischen wenyan und baihua auf und fordert, wenyan nur durchgängig zu verwenden, nicht wortweise innerhalb von baihua. Einige Gedichte forderten schon von ihrem Inhalt her die baihua- oder wenyan-Form.
    Yu stellt im Essay "Übersetzung eines modernen Gedichtes"mmcccxxvi den modernen amerikanischen Dichter Hart Crane (1890 - 1932) vor und analysiert sein Gedicht "At Malville's Tomb".
    Im Essay "Von einem Tang-Gedicht ausgehend"mmcccxxvii assoziiert Yu zu einem Gedicht des tang-zeitlichen Dichters Jia Dao 贾岛 klassische und zeitgenössische Gedichte.
    Zu Verhaerens "Sterne und Menschen bilden die Welt" zieht Yu im Essay "Die Dichter und die Astronomie"mmcccxxviii die Parallele, Gedichte und Menschen bildeten die Welt. Er gibt Beispiele von klassischen westlichen Dichtern, die Astronomen waren: Quintilian, Housman, Auden. Er erklärt, Astronomie sei damals die einzige Wissenschaft gewesen. Das Schaffen der genannten Dichter sei durch die Astronomie inspiriert gewesen. Einige heutige Dichter nähmen sich dies als Vorbild.
    Im Essay "Meine Schreiberfahrung",mmcccxxix der auf Januar 1961 datiert ist, beschreibt Yu den Entstehungsprozeß eines Gedichtes. Ein Schriftsteller müsse eine reiche Lebenserfahrung besitzen.
    Yu setzt sich im Essay "Die stachelige Kaktee in der kulturellen Wüste"mmcccxxx kritisch mit dem Aufsatz "Über die neuen Gedichte" von Yan Xi 言曦 auseinander. Yu widerspricht Yans Auffassung, Gedichte müßten heute noch vertonbar sein, wie klassische Gedichte.
    Im Essay "Die neuen Gedichte und die Tradition"mmcccxxxi erklärt Yu, die neuen Gedichte seien Protest gegen die Tradition, gleichzeitig seien sie aber auch nie von der Tradition abgefallen. Die Ablehnung des Vergangenen stecke schon im Titel. Er fordere, daß auch in den neuen Gedichten das Positive aus den alten Gedichten aufgenommen werde. Die klassische Tradition wiederum habe selbst klassische Traditionen aufgenommen. Er kommt zu dem Fazit, daß neue Gedichte Einflüsse aus Tradition und Moderne aufnehmen sollten. Neue Gedichte unter westlichem Einfluß blieben chinesische Gedichte, da die Autorschaft entscheidend sei. Kritisch ist hier anzumerken, daß dieses Verständnis nicht dem der internationalen Literaturwissenschaft entspricht, die ethnische Herkunft eines Autors wird nicht üblicherweise als Kriterium für die Zuordnung von Texten zu Nationalliteraturen genommen.
    Yu setzt sich im Essay "Einen Elefanten streicheln und einen Tiger malen"mmcccxxxii ein weiteres Mal kritisch mit dem Aufsatz "Über die neuen Gedichte" von Yan Xi 言曦 auseinander. Im Gegensatz zu Yan Xi, der die klassische Literatur idealisiere, solle man jede Literatur vor ihrem zeithistorischen Hintergrund beurteilen und ihre historische Funktion sowie ihre Funktion für die Entwicklung der Literatur insgesamt bewerten. Yu gibt zu, daß die neuen Gedichte aufgrund ihrer "Jugend" noch keine Reife besäßen und somit in einigen Punkten angreifbar seien.
    Der sprichwörtliche Titel des Essays "Einen Elefanten streicheln und die Hand auf eine Laus legen"mmcccxxxiii soll den Vorwurf der Spitzfindigkeit umschreiben. Yu weise die Kritik an den neuen Gedichten als spitzfindig zurück. Die Kritik von Chen Shaopeng 陈绍鹏 an den neuen Gedichten gibt er so wieder: Man solle ein neues Gedicht nicht mehr nur danach beurteilen, ob man es verstehe oder nicht, sondern ob es in sich stimmig und logisch sei. Yu hält dagegen, daß Gedichte Kunst seien und nicht in sich stimmig und logisch sein müßten.
    Der Essay "Junge 'Modernitis'"mmcccxxxiv bezeichnet die Haltung einiger Leute, die Tradition kategorisch abzulehnen, in Anspielung an eine krankhafte Erscheinung als "xiandai bing 现代病" (Modernitis). Er fordert, daß man vor der Verurteilung der Tradition diese erst einmal verstehen müsse.
    Im Essay "Auf Wiedersehen, Bedeutungslosigkeit"mmcccxxxv verteidigt Yu sein Gedicht "Über den Himmelswolfstern", über das Luo Fu 洛夫 eine Rezension geschrieben hatte. Yu gibt zwei Kritikpunkte Luos wieder: Moderne Gedichte sollten existenzialistisch und surrealistisch sein, Yus Gedicht sei aber stattdessen konservativ. Diese Rezension zeige, so erklärt Yu in diesem polemischen Essay, daß die moderne Lyrik in einer Krise der Bedeutungslosigkeit stecke, die alles negiere.
    Yu analysiert im Essay "Moderne Gedichte: Leser und Autoren"mmcccxxxvi die Situation der modernen Gedichte. Für den Leser seien diese schwer zu verstehen. Aus Sicht der Autoren könnten die Leser ihnen nicht folgen. Yu macht Vorschläge, um zum Verständnis zwischen Autor und Leser beizutragen: Die Leser könnten sich mehr einlesen, die Autoren sollten keine Dinge schreiben, die sie selbst nicht verstünden oder nicht mögen würden. Sie sollten auch nicht blind den Widerstand gegenüber der Tradition übernehmen.
    Im Essay "Von den klassischen zu den modernen Gedichten"mmcccxxxvii stellt Yu die Entwicklung des Literaturggenusses und des Schaffensprozesses vom Altertum bis zur Gegenwart dar sowie von Meinungen von Gegenwartsschriftstellern zu modernen Gedichten.
    Yu schildert im Essay "Die chinesische Renaissance willkommen heißen"mmcccxxxviii einige renaissance-artige Ansichten: Man müsse die eigene Tradition weiterführen, entwickeln und entfalten, um eine neue, lebendige Tradition zu schaffen. Die Modernisierung der chinesischen Kunst und Kultur mit der Aufnahme von westlichen Einflüssen sei Auftakt einer 'Renaissance'. Es handle sich um die eigentümliche Entwicklung des eigenen Volkes. Dem muß kritisch entgegengehalten werden, daß die Aufnahme westlicher Einflüsse auch Zeichen eines Globalisierungsprozesses ist.
    Der Essay "Zwischen Antiquitätenladen und Dienstleistungsbüro"mmcccxxxix formuliert die konkreten Forderungen, wie die Zukunft und das Ziel der modernen Gedichte in China aussehen müßten: Sie sollten sich einen typisch chinesischen Platz zwischen der antiken chinesischen Tradition und dem westlichen Dienstleistungsprinzip erkämpfen. Egal, ob es sich um Verwestlichungmmcccxl oder Sinisierung handle, Ziel sei es, moderne chinesische Gedichte zu schaffen.
    Der Essay "Übersetzung und Kritik"mmcccxli beschäftigt sich mit Übersetzungsproblemen und Rezensionskultur.
    Im "Nachwort"mmcccxlii erklärt Yu zu dem Essayband, er sei sein zweiter und die meisten Essays darin seien theoretischer Natur. Jetzt erscheine es ihm, als habe er damals viele Gedicht-Rezensionen mit großem Feuer geschrieben. Er kritisiert Xiao Shimin, der sich nicht akzeptiere und annehme, sondern Belanglosigkeiten festhalte, was aber lediglich Dokumentationswert habe.

Dem Essay den Zopf abschneiden - Yus "Essayreform"

    Yu entwickelte eine eigene Essaytheorie, zu der es vier bedeutende Essays gibt.mmcccxliii
    Yus generelle Literaturkritik bezog sich auch auf den Essay selbst: 1963 rief er dazu auf, "Dem Essay den Zopf ab[zu]schneiden", das heißt, nach Liedern, Gedichten und Erzählungen nunmehr auch den Essay zu "modernisieren".mmcccxliv Hier sei insbesondere auf seinen Aufruf zur "Revolution des Essays"mmcccxlv verwiesen, dem viele Landsleute folgten. Der moderne Essay müsse folgende drei Qualitätsansprüchemmcccxlvi erfüllen: 1. Elastizität im Stilwechsel,mmcccxlvii 2. geistige Komprimiertheitmmcccxlviii und 3. bewußte Wortwahl.mmcccxlix 1989 formulierte er im Interview mit Lin Yaode diese Idealvorstellung.mmcccl
    1963 bis 1965 entstanden gefühlsbetonte Essays sowie konventionelle und "rebellische" Literatur- und Kunstkritik. Diese Essays (darin die oben erwähnten zur '4.-Mai-Bewegung', zur Essayreform etc.) sammelte Yu in seinem dritten Essayband Der sorglose Herumtreibermmcccli, der 1965 erschien. Dabei sei es ihm in erster Linie um Schreibübungen zur Verbesserung des "Schreibflusses", der "geistigen Komprimiertheit" und der "Elastizität" seiner eigenen Essays gegangen, die er wiederum in seiner Reform für den Essay allgemein gefordert hatte.

Eingängige Bilder

    Bleibendes Thema seiner Essays und Gedichte sind die nostalgisch verklärten, sehnsüchtigen Erinnerungen an die volksrepublikanische Heimat in Form von Landschaftsbeschreibungen. Erst nach der 'Kulturrevolution' begann Yu auch taiwanesische Themen zu behandeln.mmccclii
    Der Höhepunktmmcccliii von Yus moderner Lyrikproduktion lag zwischen 1964 und 1969.mmcccliv War Yus Vorbild 1964 in "Lian de lianxiang 莲的联想" (Assoziationen zum Lotos) noch explizit die chinesische Klassik, so ist er seit 1974 mit "Baiyu kugua 白玉苦瓜" (Weiße Jade und Balsambirne) stärker gegenwartsorientiert. Yu schrieb durchgängig Essays für Zeitungen und publizierte sie regelmäßig in Essaysammlungen: 1968 erschien Der Geist des Viehtreibers betrachtet die Heimat,mmccclv 1972 Kranichbratermmccclvi.
    1974 veröffentlichte er seinen sechsten Essayband Dem kalten Regen lauschen,mmccclvii dessen titelgebender Essay sich aus den anderen 52 durch seine eingängigen, intensiven Bilder abhebt. Dieser Essay wurde im Rahmen der Untersuchung übersetzt, eine Veröffentlichung ist in Vorbereitung. In diesem Essay wird eins der Erfolgsrezepte Yus deutlich: Selbst Landschaftsbeschreibungen erhalten bei Yu einen patriotischen Touch. Auf den westlichen Leser wirken Essays wie dieser teilweise unerträglich kitschig. Auch scheinbar reine Landschaftsbeschreibungen müssen bei Yu immer politisch interpretiert werden.
    Im Essay "Dem kalten Regen lauschen"mmccclviii beschreibt Yu die melancholischen Heimatgedanken an das Festland, die das vertraute Geräusch des Regens bei Yu Guangzhong auslöst. Eine einfühlsame, aber immer noch humoristisch gewürzte Stelle in dem titelgebenden Essay ist folgende: 

Einmal habe ich sie nach Hause gebracht. Damals trug ich einen Regenmantel und saß mit ihr in der Öltuchplane des Dreirades. Die Winzigkeit der Welt innerhalb der Plane war außerordentlich liebenswert und lag außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Polizei. Je grüßer die Tasche des Regenmantels war, desto besser. Dann konnte die Tasche eine meiner Hände und eine ihrer dünnen Hände, die in meiner lag, fassen. Die Regenzeit in Taiwan ist ziemlich lang. Es sollte irgend jemand einen breiten Doppelregenmantel erfinden. Jeder erhält einen Ärmel, die Teilungskriterien für die anderen Teile brauchen nicht so streng sein. Ganz gleich, wie sehr sich die Industriegesellschaft entwickelt, der Regenschirm darf derzeit noch nicht fehlen. Solange der Regen nicht wie aus Kannen gießt und der Wind nicht zu stark bläst, behält es seinen klassischen Reiz, im Regen einen Schirm aufzuspannen. Wir lassen die Regentropfen auf den schwarzen Stoffschirm oder den transparenten Regenschirm aus Plastik und Gummi trommeln. Dreht man den Griff, spritzen die Regentropfen in alle Richtungen. Ein fliegender Dachvorsprung entsteht rund um den Regenschirm. Eine schöne Form der Zusammenarbeit ist es, mit seiner Freundin nur einen Regenschirm aufzuspannen, am besten, wenn sie die erste Liebe ist. Ein bißchen aufgeregt, noch ein bißchen schamhaft, weder zu intim noch zu fremd. Es schadet nicht, wenn der Regen ein bißchen stärker wird. Bei der ersten Liebe ist man so aufgeregt, daß man überhaupt keinen Regenschirm braucht. Hand in Hand läuft das Paar durch den Regen und bietet die jungen Haarschöpfe dem ganz von Regen verhangenen Himmel dar. Dann küßt er sie auf Lippen und Wange und berührt das kalte süße Regenwasser. Aber dafür muß man sehr jung und leidenschaftlich sein und eigentlich passiert das nur in modernen französischen Filmen.mmccclix Intermezzo in Hongkong mit Wende

    1974 bis 1985 war Yu Guangzhong an der Chinesischen Universität in Hongkong tätig. Der Erfolg der bisherigen Sammlungen und das Interesse der Leserschaft an seinem neuen Wohnort Hongkong veranlaßten Yu 1975, ein Jahr nach seinem Umzug nach Hongkong, eine Auswahlmmccclx seiner bisherigen Essays zu veröffentlichen. 1977 erschien die Essaysammlung Der Kummer der Jugend.mmccclxi
    Seinen Wohnsitz in Hongkong hat er in dem eindrucksvollen Essay "Shatin shanju 沙田山居" (Bergwohnsitz in Shatin) festgehalten. Xie Chuancheng 谢川成 merkte dazu an: Der Essay sei ausdrucksstark, ziehe starke Vergleiche, er verbinde Berg, Meer und "Selbst". Das im Essay verwendete Bild des Mädchens vom Lande für den Bergpass sei treffend. Stilistisch sei dieser Essay durch Adverbialdopplungen der Muster ABB, AABB, AA, ABAC geprägt.
    Im Essay "Bergwohnsitz in Shatin"mmccclxii beschreibt Yu lyrisch die phantastische Aussicht von seinem Wohnsitz in den Bergen von Shatin und den Sonnenuntergang auf dem Meer. Gefühlsbetont vergleicht er dies dann mit dem noch unvergleichlicheren Blick auf das sich scheinbar unendlich weit dahinstreckende chinesische Festland, da er mit dem Land Heimatgefühle verbinde.
    Im August 1977 bezog er, bereits bekannt durch seinen Einsatz für moderne Lyrik während der Debatte 1960 und 1972, in der 'Heimatliteratur-Debatte'mmccclxiii (1970er Jahre bis 1979) im Essay "Die Wölfe kommen" Stellung gegen die taiwanesische Heimatliteratur, indem er sie als Ableger der volksrepublikanischen Literatur- und Kunstbewegung der Arbeiter, Soldaten und Bauern zu diskreditieren versuchte. Er griff die 'Heimatliteraten' polemisch an und verdächtigte eigene Landsleute der Anhängerschaft des 'Kommunismus'.mmccclxiv Noch 1989 warnte Yu vor einer "Festlegung auf die Heimatliteratur" und plädierte für eine grüßere thematische Vielfalt.mmccclxv
    Der Essay "Die Wölfe kommen"mmccclxvi ist ein polemischer und beleidigender Rundumschlag unter taiwanesischen Vertretern der Heimatliteratur, denen Yu in diesem Essay maoistisches Gedankengut unterstellt. Ausgehend von der damals in der taiwanesischen Literaturdebatte für Heimatliteratur gelegentlich verwendeten Bezeichnung "Literatur und Kunst der Arbeiter, Bauern und Soldaten" erläutert Yu Guangzhong die maoistischen Implikationen dieses Ausdrucks anhand Maos Yan'an-Reden. Er weist auf die Gefahr in, daß bei Mao diese Literaturbewegung nur Mittel für politische Zwecke war. Nachdem er einige Heimatliteraten der Kollaboration zur Vorbereitung einer kommunistischen Literatur auf Taiwan bezichtigt hatte, schließt Yu Guangzhong mit der Empfehlung an diese Autoren, sich auf ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen. Yu löste mit diesem Beitrag eine Debatte aus und trug damit zu seiner bis heute nachwirkenden Einschätzung als politisch extrem rechts bei. Der Titel spielt auf die Sage an, wie eine Schafhirtin in den Bergen Bergbauern mehrmals mit der Warnung: "Die Wölfe kommen" in Aufruhr versetzt habe. Als wirklich Wölfe kamen, habe ihr niemand mehr geglaubt. So seien alle mitsamt den Schafen gefressen worden. Der Herausgeber Yu Tiancong 尉天骢 kritisiert in seinem Vorwort Yu Guangzhongs Essay und weist auf die Protestwelle von Essays hin, die dieser auslöste. Der Essay ist auf "Hongkong, 1977.8" datiert.
    Von den Rezensionen, die Yu zwischen 1977 und 1981 schrieb, veröffentlichte er 1981 in Hongkong 24 in seiner neunten Essaysammlung Auf der Wasserscheidemmccclxvii, die erstmals nur Literaturkritiken enthält. Einzelne Beispiele analysierend kommt Yu auch zu allgemeinen literaturtheoretischen Aussagen, etwa in Bezug auf die moderne Umgangssprache, zur Nähe von Essay und Gedicht sowie über die Verwestlichung. Im Nachwort schildert Yu, wie es zu diesen Rezensionen kam.
    Yu, der 26 Jahre in Taipeh verbracht hatte und damals bereits über ein Jahr in Hongkong war, erhielt ein Buch aus Taipeh, das bei ihm Heimweh nach der Hauptstadt Taiwans auslöste und ihn veranlaßte, den Essay "Erinnerungen an Taipeh"mmccclxviii zu schreiben (1980 veröffentlicht). Das Heimweh gegenüber dem Festland überwog aber: 20 der zwischen 1978 bis 1985 verfaßten Reisebeschreibungen des Festlands faßte Yu in dem Band Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienenmmccclxix zusammen, der erst 1987 in Taiwan erschien. Dieser Band markierte nun einen Wendepunkt in Yus Ausrichtung: Während ihm bis dahin Gedichte wichtiger als Essays warenmmccclxx, waren sie ihm hier zumindest gleich wichtigmmccclxxi. Lin Yaode glaubt zu erkennen, daß sich Yus Schwerpunkt in den 1980er Jahren von den Gedichten zu den Essays verlagerte.mmccclxxii Der Problematik des Verhältnissses von Essay und Gedicht ist sich Yu bewußt.mmccclxxiii
    Auch als Vorbilder seiner Dichtung gibt Yu seit 1983 nicht mehr westliche Lyriker an, sondern Li Bai 李白, Du Fu 杜甫, Li Shangyin 李商隐, Qu Yuan 屈原.mmccclxxiv  1989 warnt er vor einer zu weitgehenden Orientierung auch der Essayisten an westlichen Vorbildern.mmccclxxv
    Zwischen Februar und September 1985 veröffentlicht Yu Guangzhong als Professor an der Chinesischen Universität von Hongkong in der Lianhebao fukan (Beilage zur Vereinten Literatur) in Taipeh einige politische Essays, darunter den brisanten Aufruf zur Politisierung Hongkongs: "Wir wollen ein System, wir wollen keine Parolen".mmccclxxvi In diesen Essays nimmt er einen extrem rechten Standpunkt ein. Nebenbei spricht er die sowohl der Festlandsregierung als auch der damaligen Gouverneursvertretung unliebsame Forderung aus, Hongkong brauche Demokratie. Kurz darauf muß er seinen Lehrstuhl räumen.

Das Jahrzehnt 1986 - 1995 in Taiwan

    Zurück in Taipeh, veröffentlichte Yu 1986 einige Essays über die Kolonialzeit und gegen die Engländer.mmccclxxvii Damit schuf er sich in Hongkong, dessen Rückgabe 1984 besiegelt worden war, weniger Freunde als in Peking, das zur Rückgabe Hongkongs in den Straßen den Spruch aushängen ließ "Xi qing guochi 洗清国耻" (Die nationale Schmach abwaschen).mmccclxxviii
    Die grüßte Wirkung auf die Entwicklung des taiwanesischen Essays hatte 1987 die Aufhebung des Kriegsrechts: In der entstehenden Pressefreiheit war der Essay die Paradegattung für kritische Meinungsäußerung. Die Einparteienherrschaft wurde beendet, die 'Heimatliteratur' lebte als 'Regionalismus'mmccclxxix noch einmal auf. Yu begrüßte die Aufhebung des Kriegsrechtes, bezog aber gegen den 'bentu 本土' (Eigenständigkeits)-Standpunkt Position.
    1988 veröffentlichte Yu in Taipeh seinen elften Essayband Sich auf eine Landkarte stützenmmccclxxx (siehe oben), der im ersten Teil noch einmal die ursprünglich für Tageszeitungen verfaßten gesellschaftspolitischen Kurzessays aus seiner Hongkonger Zeit enthielt und im zweiten Kurzessays aus Gaoxiong.
    Inhaltlich lassen sich die enthaltenen Essays so zusammenfassen: 
    Im Essay "Das Übersetzen ist ein breiter Weg"mmccclxxxi beschreibt Yu die grüßte Sorge der Autoren, daß ihnen der Stoff ausgehe. Übersetzer brauchten diese Sorge nicht zu haben. Die Wirkung könne unterschiedlich sein: Im besten Fall beeinflusse man die Kultur des eigenen Landes, im schlechtesten könne man damit etwas Geld verdienen. Yu verwendet die Metapher des breiten Wegs, um auszudrücken, daß man auf vielerlei Art übersetzen könne und daß nicht nur Experten übersetzten.
    Das Übersetzen sei eine anstrengende und von den Lesern nicht gewürdigte Arbeit, erklärt Yu im Essay "Nur Übersetzer sind schwach und matt".mmccclxxxii Übersetzen dauere länger als Schreiben. Der Übersetzer müsse zuweilen als Sündenbock für Fehler des Autors herhalten.
    Im Essay "Schöngeistiger und vermischter Essay"mmccclxxxiii erklärt Yu, der schöne Essay ("belles-lettres") stelle die "ganxing 感性" (Gefühle) in den Vordergrund, wohingegen der Vermischte Essay die "zhixing 知性" (Mündigkeit) betone. Diese beiden Elemente ließen sich nicht völlig klar trennen.
    Yu ermahnt die Volksrepublik im politischen Essay "Axt zum Reisigsammeln",mmccclxxxiv keine Zeit mehr zu verlieren und sich endlich gemäß dem Beispiel Taiwan, Singapur und Hongkong zu entwickeln.
    Mit dem "Gespräch zwischen Huhn und Ente"mmccclxxxv ist eine Sprache (hier: Kantonesisch in Hongkong) gemeint, die für einen Außenstehenden unverständlich ist. Yu bringt einige Beispiele für Anglizismen im Hongkonger Dialekt wie "shalü 沙律" (salad), "shidan 士丹" (stamp), "shiduobeili 士多啤利" (strawberry).
    Im Essay "Seltsame Gedichtrezension"mmccclxxxvi übt Yu Kritik an einer Rezension eines "Herrn He" 何, in der dieser behaupte, es gebe kein gutes Gedicht, das als Lied bekannt geworden sei. Yu führt als Gegenbeispiel die Ballade Pipaxing 琵琶行 (Die Lautenspielerin) von Ma Zhiyuan aus der Yuan-Dynastie an.
    Im politischen Essay "Wir wollen ein System, keine Parolen"mmccclxxxvii fordert Yu eine klare politische Ausrichtung Hongkongs, Parolen sollten verwirklicht werden. Er zeigt eine reaktionäre Einstellung gegenüber der Volksrepublik:  Die Volksrepublik habe das Volk nur in Parolen an die Spitze gestellt, in Hongkong solle man dies tatsächlich tun. Früher habe er Maos Gedanken nicht verstanden, inzwischen wüßte er, daß man sich nur die Folgen anschauen müsse: Nach der 'Kulturrevolution' sei das Festland arm und beschränkt.
    Yu stellt im Essay "Berufsleser"mmccclxxxviii verschiedene Lesergruppen vor, die aus beruflichem Interesse lesen: Z.B. Autoren, die für die Verbesserung ihres eigenen Schaffens lesen sollten, Dozenten, Übersetzer, Rezensenten und Redakteure, die selbst unbekannt sein könnten, aber immer die Macht hätten, Aufsätze zu beurteilen. Zensoren seien wiederum anderer Art.
    Yu gibt in seinem Essay "Gute Bücher werden herausgebracht, schlechte vom Platz gestellt"mmccclxxxix der Hoffnung Ausdruck, daß gewöhnliche Leser sich zu Büchern äußern könnten. Er drängt darauf, daß die Fahnenkorrektur gewissenhaft erfolgen solle.
    Im Essay "Drei Lesezimmer"mmcccxc stellt Yu seine drei Leseräume vor. Einer befinde sich in Xiamen 厦门, einer in seinem Wohnhaus in Shatin 沙田 (nördlicher Vorort von Hongkong auf dem Gebiet der New Territories), einer im Büro in der Chinesischen Universität Hongkong.
    Viele betrachteten Literatur aus Taiwan, Hongkong und Singapur als sekundäre chinesische Literatur, behauptet Yu in seinem Essay "Peripherieliteratur".mmcccxci Tatsächlich sei hier weitgehende Unabhängigkeit von der Politik gegeben. Er spricht in dem Essay seine Hoffnung aus, daß diese Literatur später vielleicht nicht mehr als sekundär betrachtet werde. Literatur solle der Politik nicht dienen.
    Im Essay "Hahn und Hund treffen sich"mmcccxcii schildert Yu seine Empfindungen beim ersten "Internationalen Kongreß zur klassischen chinesischen Literatur": Der Kongreß sei ein voller Erfolg gewesen. Taiwan und Hongkong bezeichnet er in dem Essay nicht als Ausland.
    Yu diskutiert die Situation von Zeitungen und Beilagen im Essay "Tanzbühne und Rednertribüne".mmcccxciii Wenn eine Literaturbeilage zur Tanzbühne werde, sei dies zu grell, wenn sie zur Rednertribühne werde, sei dies zu ernst. Yu empfiehlt den Mittelweg.
    Im Essay "Ist Ihr Ohr wertvoll?"mmcccxciv kritisiert Yu den Lärm in der taiwanesischen Gesellschaft. Er behauptet, je ruhiger es sei, desto fortschrittlicher sei die Gesellschaft.
    Den dritten Besuch auf den Philippinen benutzt Yu zum Anlaß, um neben seinen Reiseeindrücken den positiven Wandel zur Belebtheit dort im Essay "Mangos und Jiuchongge"mmcccxcv festzuhalten. Nebenbei beschreibt er die Herzlichkeit seiner Freunde dort.
    Der Essay "Nachtlektüre Shu Benhua" ist eine gewöhnliche Rezension über Shu Benhuas Stil, der sehr flüssig sei und ihn an seinen eigenen Stil erinnere.mmcccxcvi
    Ein gewöhnlicher Reisebericht ist die "Maireise nach Amerika".mmcccxcvii Die Reise unternahm er, um an einer Konferenz zur Wirtschaftsförderung teilzunehmen.
    Im Essay "Wang Erde spricht Kantonesisch"mmcccxcviii zeigt Yu an der Erfahrung von Wang Erde, daß man, egal, woher man komme, in Hongkong Kantonesisch sprechen müsse, um sich zu verständigen.
    Die Gründe für seinen Wunsch: "Wenn ich neun Leben hätte",mmcccxcix gibt Yu im gleichbetitelten Essay: Er könne sich dann sowohl um sein eigenes Leben kümmern, wie um seine Eltern, er könne gleichzeitig Ehemann, Vater, Freund, Leser usw. sein.
    Im Essay "In jeder Situation lachen"mmcd erscheint Yu wie Wang Meng als Optimist. Die beste Lösung zur Lebensbewältigung sei, auch in der schlimmsten Situation laut zu lachen. Daneben erklärt er noch, daß Wang Erdes Komödien keine Kinderspiele seien.
    Ein Reisebericht über Spanien mit Schilderung der aktuellen Situation ist der Essay "Schwer zu bändigendes Barcelona". Barcelona sei die zweitgrüßte Stadt, habe aber historisch, kulturell etc. den grüßten Einfluß auf Spanien.mmcdi
    Im Essay "Der endgültige Ort des berühmten Bildes"mmcdii berichtet Yu über das Bild "Guernica" von Picasso, das er bei einem Besuch im Prado-Museum Barcelona sah.
    Yu schildert im Essay "Bilder anschauen in Barcelona"mmcdiii einen Besuch in einer Picasso-Ausstellung in Colección Cambó. Er bedauert, daß die berühmten Gemälde nicht so besonders gut gepflegt würden.
    Im Essay "Tennisplatz und Orangengarten"mmcdiv berichtet Yu von einem Besuch in das impressionistische Museum "Galerie du Jeu de Paume" in Barcelona und das "Musée de l'Orangerie".
    Yu reiste von Südwestspanien nach Nordengland und berichtet darüber im Essay "Sommer in Westeuropa",mmcdv indem er die unterschiedlichen Eindrücke vom Sommer in den verschiedenen Ländern und Gegenden beschreibt.
    Im Essay "Erneuter Besuch im Cimman-Kloster"mmcdvi beschreibt Yu einen Besuch im Londoner Cimman-Kloster, dabei liefert er historische Hintergrundinformationen zur königlichen Familie.
    Anhand seiner eigenen Erfahrungen in Europa, insbesondere Großbritannien, berichtet Yu im Essay "Sich auf eine Landkarte stützen"mmcdvii über die Situation und Erfahrungen mit Mietwagen auf Reisen.
    Im Essay "Durchfahrt durch Westeuropa"mmcdviii berichtet Yu über seine eigenen Erfahrungen beim Autofahren in Spanien und Frankreich sowie über die unterschiedlichen Fahrgewohnheiten von Spaniern, die er als "meng 猛" (wild) bezeichnet, Franzosen, die "siwen 斯文" (vornehm) fahren würden und Briten, die er mit "you limao 有礼帽" (höflich) charakterisiert.
    Wie sich Gelehrte gegenüber der Erforschung des Todes verhalten, beschreibt Yu im Essay "Expedition an der Grenze".mmcdix
    Im Essay "Donner in der Ferne"mmcdx berichtet Yu, wie er zwar körperlich in Hongkong weile, seine Gedanken aber häufig nach Taiwan abschweiften. Seine Hoffnungen, so Yu in diesem Essay, setze er auf die junge Schriftstellergeneration in Taiwan.
    Die Hoffnung, Gaoxiong werde sich nicht mehr als kulturelle Wüste begreifen und nach Taipeh schauen, sondern ein eigenständiges kulturelles Bewußtsein entwickeln, drückt Yu im Essay "In einer schönen Landschaft erkennt man Weisheit und Güte"mmcdxi aus.
    Im Essay "Zum Vortrag ansetzen"mmcdxii analysiert Yu verschiedene Vortragsweisen. Yu wertet den Aufsatz als bedeutender als den Vortrag.
    Yu analysiert im Essay "Wortreichtum und Geplapper"mmcdxiii verschiedene Arten des Sprechens. Die häufigste sei der Dialog, es sei das natürlichste, daß viele Menschen miteinander sprächen. Der Rhythmus in der Gesellschaft sei so schnell, daß sich kaum noch Gelegenheit für das Gespräch ergebe. Ein Ergebnis sei das Schweigen der Individuen.
    Der Essay "Die zwei Arten, die Romantik zu unterteilen"mmcdxiv reflektiert inhaltlich eine Rede des damaligen amerikanischen Außenministers Shulz auf der 48. Tagung des PEN-Kongresses in New York.
    Im Essay "Künstlerische Aktivitäten zur Saison der Blüte des Kapokbaumes"mmcdxv berichtet Yu über die alljährlichen künstlerischen Aktivitäten in Gaoxiong zur saisonalen Blütezeit des Kapokbaumes. Yu drückt seine Hoffnung aus, daß sich die Kunstszene Gaoxiongs entwickeln möge.
    Über Errungenschaften (Zeitungsbeilagen, ordentliche Druckwerke) und negative Folgen (Luftverschmutzung, Lärmbelästigung) in der Kultur durch den Wandel der Gesellschaft berichtet Yu im Essay "Einsam und grob".mmcdxvi Wiederum formuliert Yu die Hoffnung, Gaoxiong möge seine Errungenschaften vermehren und seine Nachteile verringern.
    Im Essay "Ein grüner hoher Berg gegenüber einem grünen Berg in Sichuan"mmcdxvii zitiert Yu ein Gedicht des Sichuaner Gelehrten Yu Ping 禹平 über einen grünen hohen Berg.
    Yu dokumentiert im Essay "Gefühle alter Freunde beim Sonnenuntergang",mmcdxviii wie er zuhause sitze, den Sonnenuntergang betrachte und sich an seine alten Freunde auf dem Festland erinnere.
    Beim Essay "Reichtum genießt man gemeinsam"mmcdxix handelt es sich um ein Vorwort zu einem bebilderten Gedichtband. Aus Anlaß der Eröffnung eines Parks gibt Yu seiner Hoffnung auf Schutz der Umwelt Ausdruck.
    Yu drückt im Essay "Den Geist des Antijapanischen Widerstandskrieges anrufen"mmcdxx die Meinung aus, daß es zu wenige Leute gibt, die noch über den Antijapanischen Krieg schreiben. Dieser dürfe nicht in Vergessenheit geraten.
    Im Essay "Gedichte und Philosophie"mmcdxxi weist Yu darauf hin, daß Gedichte philosophische Gedanken enthalten könnten. Dies weist er an verschiedenen Gedichten nach, unter anderem an dem klassischen Dichter Su Shi 苏轼. Auch hier sieht er wieder die Dialektik zwischen "zhixing 知性" (Mündigkeit) und "ganxing 感性" (Gefühle).
    Zur Entwicklung der Literatur am Ende des Jahrhunderts erklärt Yu im Essay "Am Ende des Jahrhunderts wird der Drache seinen Kopf  heben",mmcdxxii daß die kulturellen Beziehungen zwischen Taiwan und der Volksrepublik noch hinter den touristischen zurücklägen. Auf dem Gebiet der Lyrik könnte in diesem Zeitraum eine thematische Hinwendung der Heimatgedichte zur Stadt und zur Industrie. Politische Gedichte würden weniger.
    Mit zwei Laudatien, "Auf den Herbst"mmcdxxiii und "Eine Lichter-Gedenkfeier für Liang Shiqiu"mmcdxxiv, würdigt Yu den bedeutenden Beitrag seines Lehrers Liang Shiqiu zur taiwanesischen Literatur.
    Im Essay "Starke Mikrophone"mmcdxxv schildert Yu seine Beobachtung, daß Lautsprecher im modernen alltäglichen Leben bereits zu einer Plage geworden seien. Für einige Zwecke sei die Verbreitung des Schalls erfreulich, bei anderen Zwecken könne man sich diesem nicht entziehen.
    Yus benennt im Essay "Kurze Notizen über vier Höhlen"mmcdxxvi als seine eigenen vier Höhlen Gedichte, Essays, Rezensionen und Übersetzungen. Er berichtet über die Schaffenssituation dieser vier Textsorten. Für den Essayisten sei es schwierig, aber erstrebenswert, Mündigkeit und Gefühle (siehe oben) in einem Essay unterzubringen.
    Im Essay "Wie aufrichtig kann man auf einmal sein"mmcdxxvii sieht Yu Autor und Essay als vorherbestimmte Verbindung. Nachdem er vom Auslandsstudium in Amerika zurückkam, veröffentlichte er einen Artikel in der Xiandai wenxue 现代文学 (Moderne Literatur) "Zuozhe yunqi shi 坐着,云起时" (Als ich saß, kamen Wolken auf). Damit begann er seine Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift. Er beschreibt seine Beziehungen zu ihr, bis er 1968 Herausgeber wurde.
    Yu beschreibt im Essay "Als ein Wunder geschah" die moralische Haltung und die Kunst des Reiseführers und Fotografen Wang Qinghua  王庆华, der ihn am Gao-Berg führte.mmcdxxviii
    Im "Nachwort"mmcdxxix zur Sammlung Sich auf eine Landkarte stützen bezeichnet Yu die versammelten Essays durchgehend als xiaopinwen 小品文 (freie Essays), fast alle blieben unter 2000 Zeichen. Der Schreibweise nach erinnerten sie an vermischte und gefühlsbetonte Essays, seien aber freie Essays. Der erste Teil sei von Februar bis September 1985 in Hongkong (bzw. auf kurzen Auslandsabstechern von dort aus) für die Lianhebao fukan 联合报副刊 (Beilage zur Vereinten Literatur) geschrieben, als sich Yu bereits in Aufbruchstimmung für Taiwan befand. Der zweite Teil sei zurück in Gaoxiong 高雄 für eine eigene Zeitungsrubrik geschrieben. Im Essay bedankt sich Yu für die Unterbringung mit Meeresblick an den Universitäten in Hongkong und Taiwan, dies sei für sein Schaffen sehr anregend gewesen.
    1989 faßte Yu einige bereits veröffentlichte Essays in seiner zwölften Sammlung Geisterregenmmcdxxx noch einmal zusammen.
    1989 erschien die Anthologie Taiwanesischer Gegenwartsliteratur 1970-89 als Reihe mit einem Vorwort Yus.mmcdxxxi Darin gibt Yu Guangzhong einen Überblick über seine Sicht der literaturgeschichtlichen Entwicklung der behandelten 20 Jahre, der hier im folgenden inhaltlich zusammengefaßt werden soll: Er betrachtet Literatur als Kind ihrer Zeit. Der jeweilige historische Hintergrund habe sich 1950 bis 1990 schnell verändert, insbesondere die Auswirkungen auf den Schriftsteller. Einen Einschnitt habe die Aufhebung des Kriegsrechts 1987 gebildet.mmcdxxxii In den 1940er Jahren sei die zentrale Frage gewesen, wie sich Taiwan verändert habe, in den 1980er Jahren, welchen gesellschaftlichen Problemen sich das entwickelte Taiwan gegenüber sehe.mmcdxxxiii In den 1970er Jahren habe die Entwicklung stagniert, nur noch 40% der alten Autoren hätten geschrieben.mmcdxxxiv Gedichte seien meist von jungen Schriftstellern, Essays von älteren geschrieben worden. Häufiger als früher hätten auch weibliche Schriftsteller geschrieben.mmcdxxxv In Taiwan liege der Schwerpunkt der Essayisten bei den Schriftstellerinnen.mmcdxxxvi In allen drei Bereichen hätten die taiwanesischen Schriftsteller mit zunehmender Tendenz geschrieben: Gedichte, Essays und Kurzgeschichten.mmcdxxxvii 
    Die Heimatliteratur der 1970er bis 1990er Jahre habe gegenüber den in den 1950er bis 1970er Jahren eine inhaltliche Wandlung durchgemacht: Früher habe sie nur "ehrlich" das alltägliche Leben dargestellt, heute erörtere sie auch gesellschaftliche und politische Fragen.mmcdxxxviii Die Schriftsteller hätten früher von den Fakultäten für fremdsprachige Literatur gestammt, heute mehr von den Fakultäten für inländische Literatur. Kritisch anzumerken ist hier, daß Yu nur statistisch auflistet und nicht folgert, daß sich die taiwanesischen Schriftsteller auf die eigene Kultur besinnen.
    Yu beschreibt die heutige Herausforderung durch das Informationszeitalter.mmcdxxxix Er glaubt einen Trend zu sehen, daß auch immer mehr Wissenschaftler aus naturwissenschaftlich-technischen Fächern stammten. Viele berühmte Institute hätten keine berühmten Schriftsteller mehr.mmcdxl In der Auswahl des Materials für die 1950er und 1970er Jahre sei am meisten aus der Volksrepublik, weniger aus Taiwan und am wenigstens aus Übersee ausgewählt worden. Inzwischen überwiege das Material aus Taiwan. Damals habe es an taiwanesischer Literatur nur Heimat- und städtische Literatur gegeben, durch die gesellschaftliche Entwicklung habe es mehr Themen für Geschichten gegeben.mmcdxli Die meisten Schriftsteller hätten sich von der Heimatliteratur zur Städtischen Literaturmmcdxlii bekehrt, darunter Li Li und Huang Fan.mmcdxliii Yu gibt in einem Essay seiner Hoffnung Ausdruck, das neue Literatur entstehen möge, die Mündigkeit und Sinnlichkeit enthalte. Bis 1989 habe sich die taiwanesische Gesellschaft täglich weiter geöffnet. Seit der Pressefreiheit  1989 seien auch politische Erzählungen und Gedichte entstanden. Am meisten Wirkung habe Huang Fan 黄凡 mit dem Werk Laisuo 赖索 erzielt. Darin habe er beschrieben, wie er als Jugendlicher zehn Jahre unschuldig im Gefängnis verbracht habe und wie seine politischen Idole ihn nach seiner Freilassung nicht anerkannten.mmcdxliv Neue Themen seien Frauenemanzipation, die Werke weiblicher Schriftsteller seien aber recht "wenjing 文静" (sanft).mmcdxlv Das Festland werde aus Sicht der taiwanesischen Literatur vor und nach der 'Kulturrevolution' in ein altes Festland der Erinnerung und ein neues unterteilt.mmcdxlvi 
    Die chinesische Literatur der Auslandschinesen habe sich im Ausland geändert, sie kümmerten sich nun mehr um die gesellschaftspolitische Entwicklung in Taiwan und auf dem Festland.mmcdxlvii Die Entwicklung des taiwanesischen Essays sei in den letzten 20 Jahren nicht so stark wie die in den Bereichen Gedichte und Erzählungen gewesen. Seit den 1960er Jahren habe es Modernismus bis zum Realismus der Heimatliteratur in den 1970er Jahren und zum Postmodernismus der 1980er Jahre  gegeben, bis zur politischen Öffnung auf dem Festland Ende der 1980er Jahre, die in Taiwan ein großes Interesse hervorgerufen und durch Publikationen Einfluß auf taiwanesische Schriftsteller ausgeübt habe.mmcdxlviii In den 1980er Jahren sei es bei der jungen Generation in der Volksrepublik in Mode gekommen, moderne Gedichte zu schreiben. Hongkonger Schriftsteller empfänden, daß die moderne Lyrik in der VR Ch in unübersichtlich viele Strömungen aufgelöst sei.mmcdxlix Unterschiede zwischen taiwanesischen und VR Ch-Autoren seien, daß die taiwanesischen Schriftsteller noch die Heimat- und Realismus-Literatur der 1930er Jahre in Taiwan im Gedächtnis behielten. Die neue Generation der VR Ch-Autoren schaue auf die westliche Literatur. Aufgrund der unterschiedlichen historischen Hintergründe sei ihre Zielsetzung in derselben zeitlichen Epoche unterschiedlich. Yu drückt in einem Essay seine Hoffnung aus, daß die hier veröffentlichten taiwanesischen Werke als chinesische Literatur angesehen würden. Noch gebe es viele Unterschiede, aber im Grunde handle es sich um die gleiche Kultur.mmcdl
    1989 erinnert er in einem Gedichtbandmmcdli an die Opfer der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
    Die "reinen" Essays (überwiegend Reiseberichte) aus dem Zeitraum 1985 bis 1988 faßt Yu in seinem 13. Essayband Am Ufer stehen und den Fährmann rufenmmcdlii zusammen (siehe oben), den Dai Tian rezensiert hat.mmcdliii
    Es folgt eine inhaltliche Vorstellung der in der Sammlung enthaltenen Essays: 
    Im "Vorwort des Autors"mmcdliv erklärt Yu, daß der Band Am Ufer stehen und den Fährmann rufen die dritte Essaysammlung nach Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienen 1987 und Sich auf eine Landkarte stützen 1988 sei, die reine Essays enthalte. Unter den 16 Essays seien 13 Reiseberichte: 
    Der Essay "Am Ufer stehen und den Fährmann rufen"mmcdlv ist ein Reisebericht über eine naturbelassene Gebirgsgegend. Yu beschreibt darin die Landschaft des Berges Nanrenhu 南仁湖 als natürlich und die dort lebenden Bergbewohner als unschuldig.
    Im gefühlsbetont geschriebenen Essay "Kein Mond über dem Guanberg"mmcdlvi schildert Yu, wie sein Geist in Erinnerungen durch die volksrepublikanische Heimat streift, während sein Körper in Taiwan weile. Seine Erinnerungen würden durch alte Lieder geweckt: "Manchmal kann einen ein Lied in eine andere Welt versetzen."
    Im Essay "Regen am Drachenloch"mmcdlvii beschreibt Yu die Landschaft des "Drachenlochs", bei dem es sich um eine kleine 'Nase' auf einer Halbinsel im Süden Taiwans handle. Yu habe dort eine regnerische Stimmung erlebt, als er über Weihnachten mit dem Auto hingefahren sei. Die Beschreibung schließt mit einem Dialog, in dem er mit einem Reisegefährten diskutiert, warum es dort zu der Zeit keine Seemöven gab.
    Westlich des Guanshan steht ein Pavillon mit Blick auf den Berg, verrät Yu im Essay "Der von Mond und Sternen erfüllte Pavillon".mmcdlviii Hier sitze Yu abends mit anderen Reisenden im Pavillon. Es folgt eine Beschreibung der dortigen Aussicht auf Mond, Sternenhimmel mit Sternschnuppen und das weite, ruhige Meer.
    Im Essay "Die Reise zu den Kapokbäumen" beschreibt Yu die harte, aufrechte, abstrakte Schönheit der blühenden Kapokbäume, zu denen Yu mit Freunden einen Spaziergang in der Nähe von Gaoxiong unternommen hatte.mmcdlix
    Die eigene Gefühlswelt drückt Yu im Essay "Altes Fort und schwarze Pagode"mmcdlx anhand der Beschreibung von Edinburgh aus. Er berichtet von einem alten Fort und der schwarzen Erinnerungspagode für Walter Scott, besingt dessen edles, gütiges und mutiges Wesen.
    Im Essay "Der Wind bläst nach Spanien"mmcdlxi beschreibt Yu die Trockenheit und menschenarme Ödnis in Spanien, wo er mit dem Auto von Sevilla aus nach Osten gefahren sei.
    Anläßlich einer Reise zum Palast Xuenongsha schildert Yu im Essay "Der Palast Xuenongsha"mmcdlxii die Geschicke des Palastes und seiner Besitzer durch die Jahrhunderte. Er beschreibt ebenfalls dessen stattliches Äußere in der Gegenwart.
    Im Essay "Die deutschen Klänge"mmcdlxiii beschreibt Yu verschiedene Klänge aus Deutschland, den Klang seiner bekannten Komponisten, den Lärm der Zuschauer bei der Übertragung von Fußball im Fernsehen, Glockenklang, Vogelgezwitscher. Er beschreibt Deutschlands Landschaft, Kultur, Reiseansichten und zitiert die "Loreley".
    Yu beschreibt natürliche und soziale Gegebenheiten sowie Menschen in der Schweiz im Essay "Schneelandschaft in Berggegend".mmcdlxiv Im einzelnen geht er auf Gesellschaft, Kultur und Geschichte ein.
    Im Essay "Mittagstraum in buddhistischer Umgebung"mmcdlxv beschreibt Yu Paläste und Statuen in buddhistischen Klöstern in Thailand.
    Technik und glücksbringende Funktion des Anlegens eines Armbandes in Thailand schildert Yu im Essay "Das gelbe Armband".mmcdlxvi
    Im Essay "Jesus und Schakjamuni in derselben Halle"mmcdlxvii beschreibt Yu Thailands natürliche und soziale Gegebenheiten sowie seine Menschen. Weiter schildert er Ähnlichkeiten und Unterschiede der östlichen und westlichen Kultur. Yu bemerkt europäischen Einfluß im Baustil der Paläste und Statuen in Thailand, schon früh habe man in Thailand Englisch, Französisch und Niederländisch gelernt.
    Moderne taiwanesische Musik werde zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten mißbraucht, erklärt Yu im satirischen Essay "Musik, Du hast mein Ohr aus Gnade am Leben gelassen".mmcdlxviii Es handle sich bereits um Lärmbelästigung.
    Im Essay "Vorherbestimmte Verbindung mit dem Meer"mmcdlxix berichtet Yu vom ästhetischen Reiz des Meeres und schildert seine Liebesgefühle gegenüber dem Meer.
    Die Gefühle Yus für seinen Lehrer Liang Shiqiu beschreibt er in seinem Essay "Der Aufsatz ist so niveauvoll wie die Stirn".mmcdlxx Er äußert sich darin zu Liangs Gedanken zur Literatur und zu den Besonderheiten seiner Essays. Er hebt Liangs Verdienst um die Literatur in Taiwan hervor und um die Übersetzung etwa der Werke Shakespeares.
    1989 erklärt Yu im Rückblick auf die Entwicklung seines bisherigen essayistischen Werks, je älter er werde, desto weniger bilde sein Selbst das Zentrum in seinen Essays und Reiseberichten.mmcdlxxi
    14 Rezensionen aus der Zeit 1981 bis 1993 veröffentlichte Yu 1994 in seiner 15. Essaysammlung Von Xu Xiake bis Fang Gummcdlxxii.

Unkritische Rezeption in der VR Ch

    Die Rezeption von Yus Essays in der Volksrepublikmmcdlxxiii ist symptomatisch: Eine Auswahl "humoristischer Essays"mmcdlxxiv erhält in China hohe Auflagen. Mit keinem Wort werden die rechte Einstellung des Autors, etwa als er Vertretern der Heimatliteratur Agententum für Arbeiter- und Bauernliteratur vorwirft,mmcdlxxv oder die bedeutenden politischen Essays erwähnt. Politisch hat Yu seine Standpunkte bisweilen überzogen formuliert: Literatur dürfe nicht der Politik dienen,mmcdlxxvi Hongkong müsse sich klar politisch ausrichten,mmcdlxxvii die VR China müsse sich nach dem Beispiel Hongkongs und Taiwans entwickeln.mmcdlxxviii Daß auch Schriftsteller Verantwortung trügen, erklärt Yu in seinem Essay "Welche Schuld haben die Dichter?"mmcdlxxix
    Der Essayforscher aus der VR Ch Liu Xiqing richtet seine Wertungskriterien nicht an der Wirkung der Essays aus, die Essays hervorrufen, sondern an der "Literarizität", es fehlen also in den von ihm zusammengestellten Anthologien etwa gesellschaftspolitische Essays.
    Um wieviel die Uhren in China langsamer gehen, mag man an dem Wiederabdruck eines Bandes nostalgischer Reiseessaysmmcdlxxx sehen, in dem kein Hinweis enthalten ist, daß er bereits vor über 20 Jahren in Taiwan erschienen war.mmcdlxxxi Liu Xiqing stellt eine qualitative Rangordnung auf, nach der die taiwanesischen Essays vor denen aus der VR Ch liegen und die volksrepublikanischen vor den Hongkonger Essays.mmcdlxxxii
    Ein Beispiel für die mangelnde Information über den taiwanesischen Autor ist das Große Lexikon der modernen chinesischen Schriftstellermmcdlxxxiii aus der VR China, das eine Auflage von 6000 Exemplaren aufweist. Es legt den Schwerpunkt auf Yu Guangzhongs Lehrtätigkeit und Gedichte und tut seine Essays mit einem Satz ab. Das Geburtsdatum ist im Gegensatz zu den meisten anderen Schriftstellern im Lexikon nur mit dem Jahr angegeben. Der Beginn des dichterischen Schaffens ist irrtümlich mit 1952 angegeben (richtig: 1949). Das Lexikon der neuen taiwanesischen Literatur,mmcdlxxxiv ebenfalls aus der VR China, gibt einen kurzen biographischen Abriß mit dem Schwerpunkt auf die Aufzählung seiner Werke. Das Lexikon der taiwanesischen Schriftsteller,mmcdlxxxv das in einer Auflage von 1700 Exemplaren vorliegt, gibt einen informativen Überblick über Yu Guangzhongs Rolle in den Literaturdebatten. Lediglich sein Aufruf zur Essayreform wurde hier übersehen. Die detailliertesten biographischen Hinweise innerhalb der Literaturangaben enthält das Lexikon der chinesischsprachigen Literatur außerhalb der Volksrepublik.mmcdlxxxvi
    Yang Changnian 杨昌年 (geb. 1930) stellte in seiner Monographie Die neuen Formen des modernen Essays,mmcdlxxxvii dessen Vorwort auf den 15. Juni 1986 datiert ist, elf "neue" Untergattungen von Essays vor (darunter den Essay im Bewußtseinsstrom, den künstlerischen Essay etc.), jeweils mit ihren Eigenschaften. Darin analysiert er ausgewählte Autoren und Texte. Aufgrund seiner Analyse kommt Yang zu dem Schluß, daß Yu ein Autor von internationalem Rang sei.
    Der Dozent an der Universität Suzhou, Fan Peisong 范培松, gelangt in seinem Beitrag für die Kantoner Essay-Konferenz 1994 "Übersicht über und Rezension der Essays Hongkonger Gelehrter"mmcdlxxxviii zu der Auffassung, Yu Guangzhong besäße eine "göttliche Begabung", mit der er gewöhnliche Dinge ungewöhnlich und leserwirksam beschreiben könne. Er zitiert Yu Guangzhong aus Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienen mit "Essays und Gedichte sind meine beiden Augen", er verweist auf vier weitere Essaysammlungen Xiaoyao you 逍遥游 (Freies und sorgloses Herumtreiben), Dem kalten Regen lauschen, Sich auf eine Landkarte stützen, Am Ufer stehen und den Fährmann rufen. Yus Essays hätten "qi 气" (Geist). Mengzi wird zitiert, der gefordert habe, daß Essays "haoran zhi qi 浩然之气" (sehr viel Geist) haben müßten. Dem sei kritisch entgegengehalten, daß Mengzi wohl Prosa und Vorläufer von Essays, aber wohl kaum Essays selbst gekannt hat, geschweige denn ästhetische Ratschläge gegeben haben könnte, die dann auch noch nach über zwei Jahrtausenden Gültigkeit haben sollten. Fan hebt Yus Reiseessays hervor, die natürlich, nicht mit Blick auf den Leser geschrieben seien. Er sei gewandt in freien Essays über Alltagsthemen. Im Vergleich zu Liang Xihuas 梁锡华 Essays sei Yus Stil autobiographischer. Neben Yu bespricht Fan in seinem Beitrag noch fünf weitere Autoren aus der VR Ch, Hongkong (Liu Xiqing) und Taiwan. Kritisch ist anzumerken, daß zwei der besprochenen Essayisten, Yu und Huang Weiliang, Kollegen von Fan sind und uneingeschränkt positiv beurteilt werden. Die Suzhouer Universität richtete die Konferenz zusammen mit der Chinese University of Hong Kong aus, an der Yu unterrichtete und Huang Weiliang unterrichtet.
    Sun Shaozhen 孙绍振 urteilt in seinem Konferenzbeitrag "Über die Empfindsamkeit und den Humor in chinesischen Essays"mmcdlxxxix Yu Guangzhong habe Essays geschrieben, die ebenso komisch und humorvoll wie einige von Liang Xihua 梁锡华 seien. Sun schreibt auch über Lin Yutang, Liang Shiqiu.
    Xu Xue 徐学 weist in seinem Konferenzbeitrag "Kurze Abhandlung über den Rhythmus des modernen Essays"mmcdxc darauf hin, Yu fordere, moderne Essays sollten Ernst und Lebendigkeit westlichen Satzbaus verwenden und die Schlichtheit des klassischen Chinesisch. Yu Guangzhongs Essays seien "schnell" zu lesen. Yus Essays aus den Jahren vor den 1980er Jahren seien qishipangbo 气势磅礴 (majestätisch).

Unkritische Rezeption in Hongkong

    Weiter liegt ein Beitrag von Huang Weiliang vor, der jedoch die tatsächliche Umstrittenheit Yus nicht referiert, sondern affirmativ ist.mmcdxci
    Huang Weiliang gab 1979 die Sammlung Feuergebadeter Phönixmmcdxcii heraus, die in drei Abschnitten und einem Anhang Sekundärliteratur über Yu Guangzhong enthält: 28 Aufsätze beschäftigen sich mit seinen Gedichten, neun mit seinen Essays,mmcdxciii sieben mit seiner Argumentation und anderem. Huang Weiliang steuerte das im folgenden vorgestellte Vorwort sowie fünf Aufsätze bei.
    Im "Daoyan 导言" (Vorwort) schreibt Huang Weiliang 黄维梁 im Abschnitt über Yus Essays: Yu habe bis 1979 200 Essays geschrieben, er habe einen charakteristischen Stil. Huang wertet Yus Essays gleich hoch mit seinen Gedichten. Seit der '4.-Mai-Bewegung' hätten die Essayisten keine Anforderungen an den Essay gestellt. Lu Xuns und Zhou Zuoren Essays seien Meinungsäußerungen (yilun 议论 (erörternd)) gewesen oder hätten der Verbreitung von (xuewen 学问 (Wissen)) gedient. Bing Xin und Zhu Ziqing hätten das Gefühl betont. He Qifang habe die Sentimentalität betont. Qian Zhongshu sei sehr "pangwei boyin, shenfu jizhi 旁微博引、甚富机智" (findig), Liang Shiqiu witzig, Lin Yutang humorvoll. Yu wolle ihnen nicht folgen, sondern seinen eigenen Stil finden, wie er im Nachwort von Frei und ungezwungen selbst mit seinem Phönix-Vergleich beansprucht habe. Er wolle die Schriftzeichen völlig neu zusammensetzen.mmcdxciv Yus Essays seien erfrischend und machtvoll.mmcdxcv Yus Essays gehörten zu den besten Chinas und nähmen einen glänzenden Platz in der chinesischen Essaygeschichte ein.mmcdxcvi
    In diesem Band und auch im folgenden Sekundärband Five flying colors zu Yu Guangzhong tauchen folgende Kontribuenten ein zweites Mal auf: Zheng Mingli, Huang Weiliang, Yan Yuanshu 颜元叔, Si Guo 思果, Huang Guobin 黄国彬mmcdxcvii (geb. 1946). Nicht mehr dabei sind die bekannten Liang Shiqiu, Chen Fangming, Xia Zhiqing.
    Der zweite von Huang Weiliang herausgegebene Sekundärliteraturband Five flying colorsmmcdxcviii über Yu Guangzhong umfaßt Beiträge aus dem Zeitraum 1979 bis 1993 und ist in vier Abschnitte und einen Anhang unterteilt: Enthalten sind 15 Aufsätze über seine Gedichte,mmcdxcix zehn über seine Essays,mmd acht über seine Rezensionen und Übersetzungstheorie,mmdi fünf über Alltagsthemen. Huang Weiliang steuerte Vor- und Nachwort sowie fünf Aufsätze bei. Im folgenden soll der Inhalt, soweit er weitere Erkenntnisse liefert, kurz kritisch vorgestellt werden: 
    In der "Einführung"mmdii zeichnet Huang Weiliang die Biographie nach: Nach dem Besuch der Universität in Xiamen sei er im Mai 1950 nach Taiwan gekommen und habe seither als Universitätsdozent gearbeitet. 1974 sei er Professor an der Hongkonger Universität geworden. 1985 sei er zurück nach Taiwan gegangen. Verschwiegen werden hier die Umstände, daß er eine Politisierung Hongkongs gefordert hatte und 'gegangen wurde'. Im Oktober 1991 habe eine Übersetzerkonferenz in Hongkong sein Werk prämiert,mmdiii in Gaoxiong sei er bis damals Zhongshan-Universitätsprofessor. Sein Frühwerk sei "qipo 气魄" (mutig) gewesen, xiongqi 雄奇 (herrlich und eigenartig), früh habe er einen eigenen, reichen Stil entwickelt. Er sei Dichter,mmdiv Essayist, Rezensent, Redakteur, Übersetzer.mmdv Der familiäre Hintergrund und seine vielfältigen Interessen wie Reisen hätten sein Werk neben den traditionell chinesischen Elementen um Westliches erweitert.mmdvi
    Zheng Mingli 郑明娳 analysierte in ihrem Beitrag "Über Yu Guangzhongs Essays"mmdvii fünf Essaysammlungen Yus aus dem Zeitraum 1963 bis 1970. Neben dem Dichter und Essayisten sei Yu auch Essay-Theoretiker. 1. Zu seiner essayistischen Theorie und Praxis erklärt sie, Yus Essaytheorie sei in den Nachworten von Zuoshou de miusi 左手的缪思 (Vom Linkshändigen nicht loskommen) und Xiaoyao you 逍遥游 (Der sorglose Herumtreiber) enthalten, einige Hinweise dazu fänden sich in Women xuyao ji ben shu 我们需要几本书 (Wir brauchen einige Bücher), drei konkrete Standpunkte in "Jiandiao sanwen de bianzi 剪掉散文的辨子" (Dem Essay den Zopf abschneiden). Yus theoretischen Ausdruck "tanxing 弹性" (Elastizität) erklärt sie so: Literarische Gattung und Sprechweise im Artikel sollten sich öfter verändern, um den Essay interessanter zu machen.mmdviii Dichte und Gehalt (midu 密度) erklärt sie mit "auf gewissem Raum Gutes schreiben".mmdix "Zhiliao 质料" (Qualität) sei, wenn Wortwahl und Zeichenwahl treffend seien.mmdx Zheng Mingli geht dann der Frage nach, wie Yu die drei Forderungen in seinen eigenen Essays umgesetzt habe. Sie konstatiert eine deutliche Satzformung, sorgfältige Auswahl des Rhythmuses. 2. Zu Yu Guangzhongs China-Bewußtsein schreibt sie,mmdxi Yu fühle sich von China angezogen. Er habe im alten China gelebt, dort die klassische Kultur kennengelernt sowie über Chinas schöne Landschaften gelesen, seitdem besitze er verklärte Erinnerungen daran. Taiwan bezeichne er als Insel. Sein schönster Erinnerungsessay sei "Pugongying de suiyue 蒲公英的岁月" (Die Zeit der Pusteblumen). Zheng zeigt an einigen Essays auf, wie Yu sich an das alte Festland erinnert. Im 3. Abschnitt ihrer Studie untersucht sie, wie wirksam Yu mit seinen Essays Stimmungen auslöse.mmdxii Sie kommt zu dem Schluß, daß er beim Leser das ganze Sortiment der Gefühle errege. Im 4. Abschnitt untersucht sie die Struktur der Essays: mmdxiii Diese sei durch inhaltliche Geschlossenheit und Bezug der Absätze untereinander gekennzeichnet. Im Schlußwort, dem Punkt 5, wertet sie Yus Essays als "Kostbarkeit" der Gegenwartslyriker.
    Zahlreiche Essayforscher beschneiden ihre Vorgehensweise, wenn sie nicht mit übergreifenden oder vergleichenden Fragen an die Essays von Yu gehen. Zheng Mingli, Huang Weiliang (siehe unten) und andere überprüfen lediglich, ob Yu seine eigenen Forderungen einhält. Damit beschränkt sich der Wert ihrer Aussage auf die Stimmigkeit zwischen Theorie und Praxis bei Yu Guangzhong. Grundlegende Aussagen lassen sich aber nur durch Vergleiche mit anderen Essayisten, durch die Einbettung in den gesellschaftspolitischen Zusammenhang bzw. die Entstehungshintergund etc. treffen. Auch wird, möglicherweise aus Rücksicht auf den teils als "göttlich" verehrten noch lebenden Autor, der seine Kritiker polemisch bekämpft, keine Entwicklung im Werk Yus nachgezeichnet, vielleicht auch, um mit der Behauptung der Absolutheit und Perfektion gleichzeitig jedwede Weiterentwicklung zu negieren.
    He Long 何龙 erläutert in seinem Aufsatz "Wunderbare Anordnung der Schriftzeichen"mmdxiv vier Punkte zur "Essaykunst Yu Guangzhongs": 1. Yu wirke wie ein "General", er befehle seinen Zeichen wie Soldaten. 2. Yu verwende eine ausgefallene Zeichenwahl. 3. Er habe seine Forderungen nach "Elastizität", Umgangssprache, westlichen Einflüssen und wenyan-Grammatik eingelöst. 4. Auch "Dichte und Gehalt" entsprächen seinen Forderungen. He Long bringt sich allerdings mit der Allegorie des "Generals" um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.
    Lei Rui 雷锐 widmet sich in seinem Aufsatz "Die im Feuerofen der Zeichen hergestellten Unsterblichkeitspillen",mmdxv den humoristischen Eigenheiten von Yu Guangzhongs Essays.mmdxvi 1. Yu fordere eine weitere Modernisierung des chinesischen Essays. Yus Essays beschrieben seinen Haushalt in Taiwan, das berufliche Alltagsleben in Hongkong, Studium und Lehre in Amerika, Beobachtungen und subjektive Empfindungen auf Reisen durch Taiwan, Europa, Amerika, im südpazifizischen Ozean sowie Vermischtes zur Lage der Gesellschaft und zu den Gefühlen der Menschen. In seinen Essays spiele der Humor eine bedeutende Rolle.mmdxvii Im 2. Abschnitt wertet Lei Yus Humor als "prachtvoll",mmdxviii durch humorvolle Ausdrücke verleihe Yu seinen Essays eine [scheinbare?] Distanz zu ihrem Gegenstand und damit Tiefe. Kritisch ist hier anzumerken, daß Yus Schwäche in seinen polemischen Essays häufig die mangelnde Distanz ist. Lei fährt fort, 3. besäßen die Gedanken einen "tiefen Kern";mmdxix 4. würden der Humor und die Wirkung seines künstlerischen "yixiang 意象" (Gehalts) durch folgende Punkte geplant und umgesetzt: mmdxx Die Essays enthielten künstlerischen Ideenreichtum, der in humorvoller Weise präsentiert werde. Humor sei obligatorisch. Lei scheint nicht genügend Abstand von Yus Schriften zu haben, um ein distanziertes Urteil fällen zu können, er verwendet die Terminologie Yus im Gegensatz zu Zheng Mingli unreflektiert. 
    Lei fährt fort, 5. enthielten die Essays sprachliche Neuerungen, Yu besitze neben Qian Zhongshu einen guten Sinn für Humor.mmdxxi Lei versucht, dem Humor in den Essays analytisch auf den Grund zu gehen. Im 6. Abschnitt gesteht Lei Yu sprachmelodisches Gefühl zu und wiederholt noch einmal, daß dieser Sinn für Humor besitze.mmdxxii Das beste Beispiel für die Einheit von Sprachmelodie und Humorgefühl sei "Dem kalten Regen lauschen". Tatsächlich wird dieser Essay auch in Würdigung und Analyse der humoristischen Essays Yu Guangzhongs,mmdxxiii als repräsentativer Essay und Beispiel für Humor angeführt. Lei schreibt weiter, Yus starker Humor werde durch Verkürzung der Ausdrucksweise, aber Beibehalten des eigentlichen Sinns erreicht. 7. Im Schlußwortmmdxxiv stellt Lei die Wichtigkeit des Humors im Essay dar. Yus Essays wirkten wie Gedichte, sie besäßen einen "lyrischen Humor". Der Beitrag bemüht sich um Analyse; warum die Essays von Yu teils humorvoll wirken, er bleibt aber letztlich die Antwort schuldig.
    Feng Youjun 冯友军 schreibt in seinem Aufsatz "Mit besonderen Gleichnissen und geschickten Personifikationen Artikel schreiben"mmdxxv über die Gleichnisse und Vergleiche in Yu Guangzhongs Essays.mmdxxvi 1. Yu zeichne sich durch besondere Gleichnisse und geschickte Personifikationen aus,mmdxxvii er wähle die richtige Ausdrucksform. 2. Er schreibe originell, charakteristisch, stets anders.mmdxxviii Er besitze eine große Vorstellungs- und Schöpfungskraft, große Lebenserfahrung, Gefühl für Rhythmus, verkörpere eine "yanggang 阳刚" (männliche) Erscheinung und künstlerischen Gehalt, verwende versteckte Vergleiche: statt xiang 象 (wie) verwende er direkt andere Ausdrücke. 3. Im Schlußwortmmdxxix zitiert Feng aus dem Aufsatz "Schneidet dem Essay den Zopf ab", daß Yu Essays bildlich gesprochen nur mit der linken Hand schreibe. Diese Laudatio kommt auf sieben Seiten ohne Fakten oder Begründungen von Wertungen aus, sie ist stark emotional.
    Xie Chuancheng 谢川成 bespricht in seinem Aufsatz "Yu Guangzhongs Bergwohnsitz"mmdxxx den Essay Shatin shanju 《沙田山居》(Bergwohnsitz in Shatin). Er sei ausdrucksstark, die Vergleiche seien eindrucksvoll, der Essay verbinde Berg, Meer und "Selbst". Das verwendete Bild für den Bergpaß "Mädchen vom Lande" sei treffend. Zudem erziele Yu eine starke Wirkung durch die rhetorische Verwendung von Adverbialdopplungen ABB, AABB, AA und ABAC. Trotz der zahlreichen wertenden Urteile, die eine Begründung schuldig bleiben, liefert der Beitrag mit den Adverbialdopplungen immerhin eine sprachwissenschaftliche Beobachtung.
    Huang Weiliang 黄维梁 beschreibt in seinem Aufsatz "Würdigung und Analyse von Yu Guangzhongs 'Die Seele bedrängende Klingel'",mmdxxxi daß Yu 1.mmdxxxii Telefonklingeln als bedrängend empfinde und für den Brief als Kommunikationsform plädiere. Damit sei er derselben Meinung wie Qian Zhongshu, der sich in seinem Roman Die umzingelte Festung zur Konkurrenz Telefon, Brief und Klingel ähnlich geäußert habe. 2. führe Yu zahlreiche Beispielemmdxxxiii aus alter und neuer Zeit sowie aus dem In- und Ausland an; es seien zahlreiche Anspielungen auf in klassischer Literatur dokumentierter Begebenheiten und Zitate von Literaturstellen vorhanden. Er verwende in seinen Beschreibungen häufig Vergleiche. Er besitze 3. eine gewandte Sprache,mmdxxxiv er verwende oder verändere Sprichworte und seltener auch Elemente westlicher Grammatik zur Auffrischung. Auch Huang sucht nach der Erfüllung von Yus Forderungen in dessen Texten. 4. Yu zeige in seinen Essays eine gewandte Verbindung von Sätzen,mmdxxxv gewissenhaften Aufbau, 5. Interesse und Vorteil, immer auch Gesellschafts- und Sozialkritik in seinen Essays. Kritisch ist hier anzumerken, daß dieser Punkt theoretisch bleibt und wie so oft in chinesischsprachigen Sekundärquellen nicht durch konkrete Belege gestützt wird. 6. Schreibt Huang im Schlußwort, Yus Essays seien bereits lange bekannt. Sie seien viel gewandter als solch ungeziert geschriebenen wie die von Hu Shi und Ba Jin. Seine Essays seien lyrisch und literarisch. Positiv ist hier anzumerken, daß dieser Text einer der wenigen ist, der den Anspruch erhebt, Yu Guangzhongs Position unter den Essayisten zu bestimmen. Eine Einordnung Yus hinter Hu Shi und Ba Jin kann jedoch mit den vorliegenden Untersuchungsergebnissen nicht gestützt werden. Diese Stelle ist wohl nur wörtlich zu verstehen, denn Hu Shi schuf mit seinen Texten die Umgangssprache, denen sich Yu Guangzhong bedient, und Ba Jin ging es, wie er stets betonte, in Ermanglung einer schriftstellerischen Ausbildung, lediglich um das Transportieren von Inhalten, die sicherlich bedeutender sind als die in den Essays Yu Guangzhongs.
    Shen Qian 沈谦 schreibt seinen Aufsatz "Die Zauberkunst, Essays mit der linken Hand zu schreiben"mmdxxxvi aufgrund der Lektüre von Yu Guangzhongs Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienen. Die Essays seien 

1. "vieleckige Kristalle": Yu sei Autor von Gedichten und Essays, Übersetzer, Rezensent, Forscher, Dozent. Auch er wiederholt den martialischen Vergleichs Yus mit einem "General der Zeichen",mmdxxxvii 2. strecke er seine "Fühler" nach entfernten Gegenden aus.mmdxxxviii Zum Essay "Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienen" referiert Shen den Inhalt und die Schauplätze: der erste Teil sei in der VR China angesiedelt, 3. würden im zweiten Teil Erfahrungen bei Zugfahrten in Taiwan mit Landschaftsbeschreibungen wiedergegeben.mmdxxxix Yu beschreibe auch die Eisenbahn an seinem Heimatort, 4. rezensiert Shen das Gedicht "Jiuguang de tielu 九广的铁路" (Die Eisenbahn in Jiuguang), das von einem unbewußten Bauchnabel berichte, der nicht zu überfahren sei.

    Dieser Aufsatz übernimmt die bildreiche Sprache Yus. Man mag in ihm mangels wissenschaftlicher Ergebnisse eigene literarische Ambitionen des Autors verwirklicht sehen, wenngleich die bloße Wiedergabe des Inhalts des Essays von Yu auch bei einer solchen Motivation überflüssig bleibt.
    Si Guo 思果 stellt in seinem Beitrag "Die Zeichenvorlage für Aufsätze"mmdxl die im Vergleich mit den anderen Beiträgen ketzerische These auf, Yu habe viele erworbene Fähigkeiten, aber wenig Talent. Im folgenden konzentriert er sich darauf, zu beschreiben, wie wichtig die Aneignung des Wissens bereits in der Jugend sei. Si erklärt, Yus Essay zum Maler Fan Gu 梵谷 könne als Vorbild für andere Essays dieser Art gelten. Dieser Beitrag enthält unterschwellige Kritik, Beleg für kritische Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand, und bleibt in seinen Urteilen bewußt "relativ", statt wie seine Kollegen "absolut".
    Dai Tian 戴天 erklärt in "Zu Yu Guangzhongs 'Am Ufer stehen und den Fährmann rufen'",mmdxli Yu nehme damit eine Vorreiterrolle für den modernen Essay ein. Wer seine Darstellungsweise nicht möge, sei spitzfindig. Yus Essays seien gut arrangiert und klar aufgebaut. Dai referiert Yu, der als Standard des modernen Essay gefordert habe, in ihm solle aus allen möglichen Gattungen das Beste eklektisch verwendet werden. Dai referiert Yus Forderungen 1. nach "Elastizität" der Intonation, Akzentuierung und Sprechweise. 2. Unabhängig von der Länge eines Essays müsse man ein gewisses Niveau an midu 密度 (Dichte) und meigan 美感 (ästhetischem Empfinden) erreichen. 3. Yu fordere "Qualität, treffende Wortwahl". Dai rät Yu, einen Reiseessay nach der Art von Irwin W. Dears American Seasons zu schreiben. Durch Yu sollten sich die Menschen beiderseits der Taiwanstraße zu Heimat- und Naturliebe wachrufen lassen. Neben der Wiedergabe der Forderungen Yus erteilt Dai Tian hier Ratschläge an den Autor und leitet eine eigene politische Forderung ab. Literaturwissenschaftliche Elemente sucht man hier vergebens.
    Ke Ling 柯灵 (geb. 1909) referiert in "Eine Hilfe, um mehr zu vertrauen",mmdxlii Yu Guangzhongs Forderung nach einer Revolution des Essays. Dies bedeute einen Vertrauenszuwachs in die Ausdrucksfähigkeit der modernen Literatur und chinesischen Schrift. Ke Ling ist selbst Autor und steht in dieser Studie auf Platz 12 der Liste der Essayisten der Gegenwart und auf Platz 31 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ).

Kritische Rezeption in Taiwan

    Ein kritisches Interview mit Yu Guangzhong hat Lin Yaode 林耀德 unter dem Titel "Erst mit zwei Augen kann man sehen"mmdxliii veröffentlicht. Es hebt sich aufgrund seines kritischen Charakters von der sonstigen Sekundärliteratur ab und sei deswegen hier - ebenfalls kritisch - wiedergegeben: 
    In der Einführung dazu schreibt er: Yu sei Modernist. Er habe sich mit Beiträgen in der Zeitschrift Lianhe wenxue 联合文学 (Vereinten Literatur)  an der Debatte um die Heimatliteratur beteiligt, sei für den Einfluß westlicher Lyrik eingetreten, habe aus dem Amerikanischen übersetzt.mmdxliv Das "goldene Zeitalter" von Yus modernen Gedichten sei 1964 bis 1969 gewesen, in den 1980er Jahren habe er mehr Essays geschrieben, 1948 bis 1989 sei er im Vergleich zu allen anderen chinesischen Autoren sehr aktiv gewesen, Yu sei schon ein Stück (Literatur-)Geschichte.mmdxlv
    Huang Weiliang habe in dem von ihm redigierten Rezensionsband zu Yu Guangzhong 1979 die Kritik am Autor zensiert.mmdxlvi Auch in seinem zweiten Sekundärband, so ist zu ergänzen, ist Huang so verfahren.
    Zheng Minglis Aufsatz "Yu Guangzhong lun 余光中论" (Über Yu Guangzhong)"mmdxlvii sei einer der repräsentativsten Aufsätze zu Yu Guangzhong. Es gebe mehr als 300 Kritiken und Interviews mit Yu.mmdxlviii Früher seien ihm Gedichte wichtiger als Essays gewesen, er habe Essays als "shixu 诗馀" (etwas Überschüssiges bei der Gedichtproduktion) gesehen. Seit der Sammlung Erinnerungen, so lang wie Eisenbahnschienen 1987 seien ihm Essay und Gedicht gleich wichtig, er selbst habe die Metapher der zwei Augen verwendet. Liang Shiqiu habe dies mit ähnlichen Worten zusammengefaßt: "Mit der rechten Hand schrieb er Gedichte, mit der linken Essays, damals reichte niemand an ihn heran".mmdxlix
    Lin Yaode gibt Yus Meinung wieder, daß Essayisten in China traditionell auch Dichter waren und umgekehrt,mmdl diese Affinität sei bei den chinesischen gefühlsbetonten Essays grüßer als im Westen, in dem mehr Abhandlungen geschrieben würden.mmdli Yu betrachte Essays und Gedichte nunmehr als gleich wichtig, Essays könnten sehr Unterschiedliches besser ausdrücken.mmdlii Freie Essays um 1000 Zeichen seien für Yu weniger wichtig, er fördere längere Essays. Yu sei für autobiographische Essays. Je älter er werde, desto weniger bilde das Selbst das Zentrum seiner Essays und Reiseberichte. Die Reiseberichte sprengten Gedichte.mmdliii
    Lin Yaode erklärt, Zheng Mingli und Lü Zhenghui hätten in Ziyou qingnian 自由青年 (Freie Jugend) (Heft 696) einen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie beschrieben, daß Yu mit den Zeichen sehr vorsichtig umgehe, im Leben aber weniger empfindlich sei. Yu entgegnet darauf im Interview, daß er in beiden sehr empfindsam sei.mmdliv
    Auf die Frage, ob die Vorteile von westlichen und chinesischen Essays zusammenzubringen seien, erklärt Yu, daß sich chinesische Autoren nicht zuviele Gedanken um die westliche Sicht machen sollten, westliche Essays gingen auf die "griechische Tradition von Cicero" zurück.mmdlv Dem ist kritisch entgegenzuhalten, daß Cicero Römer war und mit seinen Briefen "Ad familiares" allenfalls die griechische Tradition vermittelt und weitergeführt hat. Zu den tatsächlichen Ursprüngen sei auf den entsprechenden Abschnitt zu Beginn verwiesen. Yu fährt fort, der Essay zeige am deutlichsten die sprachlichen Fertigkeiten eines Autors. Yu spricht ausländischen Gelehrten die Fähigkeit ab, chinesische Essays zu analysieren,mmdlvi da sprachlich Interessantes nicht übersetzbar sei. Auch diese Argumentation erscheint schwer nachvollziehbar. Yu fährt fort, Literatur vertrete immer nur eine Volksgruppe. Ye Weilian 叶维廉mmdlvii benutze im selben Essay Gedicht- und Essayform, Yu spricht sich dagegen für eine Trennung aus.mmdlviii Der Essay dürfe kleine Anleihen bei der Gedichtform machen, aber nicht zu lyrisch sein. Die mittleren und späten 1960er Jahre seien seine Experimentierphase gewesen. Viele Essayisten hätten eine Vorliebe für die Form der "Kadenz".mmdlix 
    Zu seinen Gedichtbänden erklärt Yu,mmdlx T.S. Eliot besitze Mündigkeit und Gefühl. Yu spricht sich für eine vielfältige Entwicklung aus.mmdlxi Lin Yaode kritisiert, daß mehrere Übersetzer gleichzeitig an einem Buch oder aus Zweitsprachen übersetzten, Yu erklärt dazu, daß dies im literarischen Bereich nicht gehe, nach Gide solle nur ein guter Autor ein ausländisches Buch übersetzen.mmdlxii Yu warnt vor einer inhaltlichen Festlegung auf die Heimatliteratur, man solle auch ein bißchen zu anderen Themen schreiben.mmdlxiii 
    Lin Yaode fragt in seinem Interview weiter nach einem unterschiedlichen Chinabewußtsein beiderseits der Taiwanstraße und konfrontiert Yu mit der Klassifizierung, daß in den 1950er bis 1960er Jahren ausländische Inhalte überwogen hätten, die Form konservativ geblieben sei und Ende der 1960er Romantiker die Bühne betreten hätten.mmdlxiv Yu erklärt, das China-Bewußtsein sei vor und nach dem Opiumkrieg bzw. Japan-Krieg verändert gewesen. Dabei müßten erstens das kulturelle, traditionelle Bild und zweitens das anerzogene berücksichtigt werden.mmdlxv China sei sehr arm. Yu beginne auch taiwanesische Themen zu behandeln.mmdlxvi Zu den Gedichten im alten und neuen Stilmmdlxvii erklärt Yu, die Beziehungen zwischen China und Taiwan würden auch auf literarischem Gebiet enger, in Zukunft werde die Qualität eines Werkes nicht in Taiwan und China, sondern in beiden Gebieten zusammen beurteilt. Yu hofft, daß Übersetzungen wieder so zahlreich würden wie in den 1960er Jahren.mmdlxviii Die Kontroverse zwischen den Verfassern von Heimat- und Politgedichten sei nur oberflächlich. Die mit literarischer Produktion Beschäftigten würden weniger.mmdlxix
    Außer diesem Interview existiert aus Taiwan eine Rezensionssammlung zu Yu Guangzhong, die dem Verf. nicht vorlag.mmdlxx
    Yu Guangzhong erweist sich mit radikalen, aber linientreuen Parolen sowie lancierten Essaykonferenzen und ihm gewidmeten Sekundärbänden als ein Autor, der sich in den Vordergrund drängen möchte. Tatsächlich ist er aber nicht nur ein geschickter Eigenwerber, sondern auch ein Sprachkünstler, dessen Essays allein schon auf ihn aufmerksam machen könnten - wenngleich sie auf den westlichen Leser zuweilen zu gefühlsbetont wirken. Yu ist sich aber nicht zu schade, seine Mittel zur Verleumdung seiner Schriftstellerkollegen einzusetzen, etwa als er die Heimatliteratur als Arbeiter- und Bauernliteratur mißdeutete und polemisch eine Untersuchung der Vertreter dieser Literaturrichtung auf ihren Geisteszustand vorschlug. Auch mit Hu Lancheng ist er aufgrund von dessen Kollaboration mit einem Marionettenregime der Japaner nicht gerade zimperlich umgesprungen. Das Motiv für sein Schweigen über die Fehler der Guomindang-Politik, etwa den "Weißen Terror", der seit 1987 durchaus literarisch aufgearbeitet wurde, scheint im ihm in Aussicht gestellten, neu einzurichtenden Amt des Kulturministers begründet zu liegen.
    Einen interessanten Kontrast dazu bildet der Kulturminister der VR China, Wang Meng, der als nächster der ausgewählten Essayisten der Gegenwart behandelt werden soll, nachdem kurz auf verschiedene andere Essayisten, unter anderem Qian Zhongshu, eingegangen wurde.

Qiu Yanxi, Du Shishan, Zheng Mingli

    Bei der zufälligen Suche in taiwanesischen Buchläden sind dem Verfasser folgende weitere Essayisten aufgefallen: Von Qiu Yanxi 邱言曦 liegt eine Gesamtausgabe der Essays vor, die gesellschaftskritisch aktuelle Themen diskutiert. Eine zweibändige, zweisprachige gefühlsbetonte Essaysammlung aus der Zeit vor der Aufhebung des Ausnahmezustands bietet der junge Du Shishan 杜十三 mit Liebesnotizenmmdlxxi und Notizen des Seufzens,mmdlxxii veröffentlicht im Verlag der Zeitung Shibao 时报 (Zeit). Die taiwanesische Essayexpertin Zheng Mingli hat sich 1992 mit der Essaysammlung Die Spielkarten der Professorinmmdlxxiii selbst in die Literaturproduktion gewagt - und mit Erfolg, wie die zweite Auflage ihres Bändchens 1993 zeigte. Dies sind nur wenige von den zahlreichen Essaysammlungen, die in Buchhandlungen vorrätig waren, in Taiwan scheint der Essay eine neue Blütephase zu erleben.

Der Gelehrtenessay - Altmeister Qian Zhongshu

    Es existiert eine ausführliche Monographie mit einer kritischen Bewertung des gesamten Werks Qian Zhongshus bis 1982, mit einem biographischen Abriß, der auch die schriftstellerische Entwicklung referiert, sowie mit einer Bibliographie.mmdlxxiv Zu Qian Zhongshu liegen eine deutschsprachige Habilitationmmdlxxv und eine chinesischsprachige Magisterarbeitmmdlxxvi sowie in französischer Übersetzung fünf Essays über Poetik vor.mmdlxxvii
    Qian Zhongshu wurde am 10. November 1910 in einer Gelehrtenfamilie in Wuxi 无锡 (Jiangsu 江苏) geboren, für seine frühen Texte verwendete er den Künstlernamen Zhong Shujun 中书君.
    Seine Brillanz gründet auf seiner Belesenheit in klassischer chinesischer und westlicher Literatur, die er mit Genialität in geistreiche Wortspiele, Anspielungen und Sprachbilder umsetzt. Nur wenige Köpfe der Republikzeit konnten durch ihr Wissen eine ausreichende Distanz schaffen, um die Beschränktheit und Eitelkeit der eigenen Zeitgenossen mit ihrem häufig nur aufgesetzten westlichen Wissen, derart boshaft ironisch und sarkastisch zu verachten.mmdlxxviii Es ist eine Einführung zum Schaffen Qian Zhongshus mit Hinweisen auf einzelne Essays, die auch hier Eingang gefunden haben. Durch seine vergleichenden Untersuchungen zwischen chinesischer und westlicher Literatur hat er einen Beitrag zum Anwachsen der komparatistischen Literaturwissenschaft in China geleistet.
    Qians Vater war Literarhistoriker und Universitätsprofessor. Schon als Kind erhielt er eine klassische Ausbildung und schrieb überdurchschnittliche Aufsätze und Gedichte. 1929 wurde er mit einer Ausnahmeregelung aufgrund der stark unterschiedlichen Leistungen in Mathematik und Englisch für das Anglistik-Studium an der Qinghua-Universität zugelassen. Dort lernte er viel im Selbststudium und galt als verschlossen.mmdlxxix Hier schrieb er auch erste kritische Essays für Qinghua zhoukan 清华周刊mmdlxxx (Wochenzeitschrift der Qinghua-Universität), Guofeng banyuekan 国风半月刊 (Zweiwochen-Zeitschrift Nationale Trends), Guowen zhoubao 国闻周报 (Wochenzeitschrift Landesnachrichten) und Wenxue zazhi 文学杂志 (Literarische Rundschau),mmdlxxxi Buchrezensionen in Xinyue 新月 (Neumond), Guancha 观察 (Der Beobachter). Auch auf Englisch veröffentlichte er Essays: "On 'Old Chinese Poetry'"mmdlxxxii, "A Chapter in the History of Chinese Translation"mmdlxxxiii in Zhongguo pinglun zhoubao 中国评论周报 (Wochenschrift China-Kommentar), "Tragedy in Old Chinese Drama"mmdlxxxiv in Tianxia 天下 (T'ien Hsia Monthly). Daneben schrieb er ein Vorwort zu einem Buch über Su Dongpo 苏东坡mmdlxxxv und war 1930 bis 1933 als Redakteur und Beiträger für die Wochenzeitschrift der Qinghua-Universität tätig.
    1934 bis 1936 war Qian als Redakteur bei Zhongguo pinglun zhoubao 中国评 论周报mmdlxxxvi (Wochenzeitschrift China-Kommentar) tätig. Im Zhongguo nianjian 中国 年鉴 (China-Jahrbuch) war er beratender Redakteur und veröffentlichte ein Kapitel über chinesische Literatur. Er arbeitete am Jahresband 1941 des Quarterly Bulletin of Chinese Bibliography mit.
    Qian war dann als Lehrer in Shanghai tätig und studierte mit einem Stipendium aus dem Entschädigungsfond für den Boxer-Aufstandmmdlxxxvii in Oxford englische Literatur, las Detektivgeschichten, Hegels philosophische Schriften und Romane von Proust. Er wurde über China als Gegenstand der englischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts promoviert. Anschließend studierte er ein Jahr in Paris. 1938 kehrte er nach China zurück, gab verschiedene Zeitschriften heraus und lehrte bis 1948 an verschiedenen Universitäten.mmdlxxxviii
    Zehn der in Neumond und Literarische Studien veröffentlichten vignettenhaften Essays wurden 1941 in Shanghai im Sammelband Xie zai rensheng bian shang 写在 人生边上mmdlxxxix (Marginalien des Lebens) wiederabgedruckt. Darin nimmt Qian Zhongshu menschliche Schwächen satirisch aufs Korn. "Mogui ye fang Qian Zhongshu xiansheng 魔鬼夜访钱钟书先生" (Der Teufel stattet Herrn Qian Zhongshu einen nächtlichen Besuch ab) ist eine Satire auf Ignoranz und Heuchelei des Menschen aus der Perspektive der Metaphysik. Im Essay "Du Yisuo yuyan 读伊索寓言" (Beim Lesen von Aesops Fabeln) decken nichtmenschliche Sprecher die negativen Charaktereigenschaften auf, die die Menschen in Fabeltiere projizieren, die aber Mensch und Fabeltier miteinander teilen. "Shuo xiao 说笑" (Über das Lachen) greift Menschen an, die noch nie Lachen konnten oder es verlernt haben. Falsche oder übereifrige Verfechter der Sitten werden von Qian in dem Essay "Tan jiaoxun 谈教训" (Moralprediger) verspottet. Heuchler werden in "Lun wenren 论文人"mmdxc (Über Literaten) angeklagt, in "Shi wenmang 释文盲" (Analphabetentum) Scharlatane, die sich als Literaturkritiker aufspielen.mmdxci Im Essay "Über Literaten" zeigt Qian Zhongshu mit Exkursen über Victor Hugo, Goethe und Shelley seine Belesenheit.
    1946 erschien die Anthologie mit Erzählungen Ren shou gui 人兽鬼mmdxcii (Menschen, Tiere, Geister), in der Qian sein bevorzugtes Angriffsziel, zeitgenössische Schriftsteller, aufs Korn nimmt. Er entlarvt darin einige Autoren als bedeutenden Elemente der gesellschaftlichen und kulturellen Dekadenz, wobei er zuweilen durchaus übers Ziel hinausschießt, etwa in seiner Karikatur von Zhou Zuoren (siehe oben).
    Während seiner Professur an der Ji'nan-Universität 1946 bis 1948 war er Redakteur der englischsprachigen Zeitschrift Shulin jikan 书林季刊 (Philobiblon: A Quarterly Review of Chinese Publications), die von der Zentralbibliothek Nanking herausgegeben wurde. Darin veröffentlichte er Kurzrezensionen zu Chinabüchern westlicher Autoren und Essays zu verschiedenen Themen, etwa "The Return of the Native",mmdxciii "An Early Chinese Version of Longfellow's 'Psalm of Life'",mmdxciv "A Note to the Second Chapter of 'Mr. Decadent'"mmdxcv sowie Übersetzungen in beiden Richtungen.
    1947 veröffentlichte Qian Zhongshu den geistreichen Essay "Zhongguo shi yu Zhongguo hua 中国诗与中国画"mmdxcvi (Chinesische Poesie und Malerei), der mehrfach wieder abgedruckt wurde.
    Qian hatte seinen Schaffenshöhepunkt in den 1940er Jahren, wurde aber trotz seiner überschaubaren Literaturproduktion wenig biographisch und bibliographisch erfaßt.mmdxcvii Gründe dafür mögen seine weltanschauliche Neutralität sein (etwa im Gegensatz zu Lu Xun), seine geringe Literaturproduktion (etwa im Gegensatz zu Shen Congwen bis zur 'Kulturrevolution'), die gelegentlich verwendete englische Sprache und sein vormodernes, schriftsprachliches Chinesisch, die Komplexität seiner anspielungsreichen Texte und die Vielfalt seiner Gattungen: Erzählprosa, Essays, Buchrezensionen, wissenschaftliche Abhandlungen, literarische Skizzen, literartheoretische Abhandlungen.
    In einer Literaturkritik aus der VR Chmmdxcviii werden Qian Zhongshus Essays in der Tradition der englischen Essays gesehen. Während Lu Xun, Zhou Zuoren, Zhu Ziqing und Bing Xin vom englischen Essay nur beeinflußt gewesen seien, hätten einige den englischen Essay direkt nachgeahmt. Unter diesen Nachahmern des englischen Essays seien an erster Stelle Liang Yuchun 梁遇春, Lin Yutang 林雨堂, Liang Shiqiu 梁实秋 und Qian Zhongshu zu nennen. Diese vier hätten in ihren politischen Ansichten auch der Bourgeoisie nahegestanden. Sie seien den Menschen mit der Haltung begegnet, ihr Leben verbessern zu wollen. Gleichzeitig hätten sie sich aufgrund ihrer Bildung zu vielem "vornehm lächelnd" geäußert. Von Seiten der Kritik aus der VR Chmmdxcix wird an Qian Zhongshus Essays folgendes bemängelt: "shujuanqi tai nong 书卷气太浓" (das Intellektuellengehabe ist zu ausgeprägt). Die philosophischen, theoretischen Ausführungen seien bisweilen zu dunkel und zu dicht. Seine Erzählungen enthielten zuviel und seine Essays zu wenig "Selbst".
    1946 erschien sein in fünf Sprachen übersetzter Roman Weicheng 围城mmdc (Die umzingelte Festung), der von Tang Shi, Jeanne Kelly und Nathan K. Mao, C.T. Hsia als einer der besten, wenn nicht der beste Roman der modernen chinesischen Literatur bezeichnet wurde.mmdci Darin geht es um die komische Odyssee des jungen Chinesen Fang Hongjian, der nach seinem Auslandsstudium zu Beginn des antijapanischen Widerstandskriegs nach China zurückkehrt. Der Roman ist das sympathische Porträt eines zeitgenössischen Menschenmmdcii, humorvolle Sittenkomödie, Gelehrtenroman, Satire, Kommentar über Liebe und Ehe. Im Gegensatz etwa zum Roman Die Gelehrten ist Die umzingelte Festung durchgängig und bildet eine strukturelle Einheit, die Personen sind realistisch gezeichnet, nicht idealisiert. Das Bild der Festung steht für die Ehe, die von außen belagert wird, während die Eheleute drinnen hinaus möchten.
    Beispiele für Qians Belesenheit sind etwa die ersten beiden Essays der Essayserie "Xiaoshuo shixiao 小说识小"mmdciii (Entdeckung von Feinheiten in der Literatur). Sie sind in vormoderner Schriftsprache geschrieben, der Autor verfolgt die Herkunft von Anspielungen und vergleicht ihre Verwendung mit Beispielen aus der chinesischen, englischen, amerikanischen, lateinischen, deutschen, französischen, italienischen und lateinischen Literatur.
    In Hu'nan schrieb Qian Zhongshu in vormoderner Schriftsprache den Band mit Abhandlungen Tan yi lu 谈艺录 (Aufzeichnungen über Kunst), den er 1943 beendete und erst 1948 veröffentlichte.mmdciv Geschrieben in elegantem, klassischem Chinesisch mit Verweisen auf westliche Dichtung von Plato bis Abbé Bremond beschreibt diese Monographie detailliert Stil und Sprachgebrauch chinesischer Poeten der Tang- bis zur Qing-Dynastie im Rahmen traditioneller Lyriktraktate.
    1949 entsagte Qian Zhongshu dem Schaffen eigener literarischer Werke und widmete sich der Erforschung der klassischen chinesischen Literatur. Nach 1949 lehnte er Angebote aus Hongkong und Oxford ab und nahm einen Lehrstuhl an der Qinghua-Universität an. Ab 1952 war er in den Bereichen fremdsprachige und schließlich klassische chinesische Literatur an der Akademie der Wissenschaften (heute: Sozialwissenschaften) tätig. 1958 veröffentlichte er eine Songshi xuanzhu 宋诗选注mmdcv (Annotierte Auswahl von Song-Gedichten), die diese Gedichte aus soziologischer Sicht vorzustellen versuchte.
    In den 1960er Jahren schrieb er literaturkritische Essays:  "Tonggan 通感"mmdcvi (Synästhesie), "Du 'Laaokong' 读拉奥孔"mmdcvii (Beim Lesen des 'Laokoon') und "Lin Shu de fanyi 林纾的翻译"mmdcviii (Lin Shus Übersetzungen). Dieser Essay wurde von George Kao in Ausschnitten übersetzt und in Renditions veröffentlicht. Diese verschiedenen Texte wurden 1979 mit "Chinesische Poesie und Malerei" in einem Sammelband veröffentlicht.mmdcix 1962 beteiligte sich Qian Zhongshu an der offiziösen Zhongguo wenxue shi 中国文学史mmdcx (Geschichte der chinesischen Literatur).
    Er arbeitete über Song- und Tanggedichte und gab 1979 ein Buch mit vier Studien heraus, darunter eine über Malerei und Poesie aus den 1930er Jahren und drei weitere, die er seit 1949 geschrieben hatte.
    Neben dem Essayband ist sein berühmtestes Werk der Roman Die umzingelte Festungmmdcxi, eine Komödie des Verhaltens mit Humor, ein Gelehrtenroman, eine Satire, ein Kommentar zu Hofleben und Hochzeit, das sympathische Porträt eines zeitgenössischen Menschen.mmdcxii
    1961 wurde Qian Zhongshu im Westen durch C.T.Hsia im Westen bekannt. In einem eigenen Kapitel stellt er dessen Leben, Werk und intellektuellen Hintergrund vor und analysiert sein Erzählwerk,mmdcxiii woraufhin im Westen das Interesse schnell stieg. Hsia nannte dessen Roman den besten modernen und lobte vor allem seine Ironie und Satire.mmdcxiv
    Ein Jahrzehnt später wurden seine Werke als Raubdrucke in Hongkong und ein weiteres Jahrzehnt später offiziell in der VR China neu aufgelegt.
    Während der 'Kulturrevolution' galt Qian Zhongshu eine zeitlang als verschollen,mmdcxv tatsächlich war er aber mit seiner Frau in ein Arbeitslager verschickt worden. Dennoch hatte er sich den Zugang zur Nationalbibliothek in Peking offen halten können. Später wurde er Vizepräsident der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften.
    1979 veröffentlichte er auch zehn Studien über klassische chinesische Literatur in vormoderner Schriftsprache.mmdcxvi In seinem historisch-philologischen Klassikerkommentar mit dem bescheidenen Titel Guanzhuipian 管锥篇mmdcxvii (Aus beschränkter Sicht geschrieben) beschäftigt er sich in zehn Abschnitten mit klassischen Texten der Bibliothekseinteilungen jing 经 (Klassiker), shi 史 (Geschichte), zi 子 (Philosophen), ji 记 (Belletristik) in einem klassizistischen, anspielungsreichen Stil. Er führt dabei durch westliche Sprachen von Griechenland über die Han- und Tang-Dynastie bis in die moderne westliche Philosophie.
    Der Essay "Fenster"mmdcxviii setzt sich philosophisch mit dem Motiv des Fensters auseinander. 1985 veröffentlichte Qian die Sammlung Sieben Essays.mmdcxix
    Am 19. Dezember 1998 verstarb Qian Zhongshu.

6.4 Vielseitigkeit, Modernität und politische Anspielungen - Der ehemalige Kulturminister Wang Meng 王蒙 (geb. 1934) 散文是渴望自由。自由的表达,自由的形式,自由的来来去去。mmdcxx Der Essay ist die Sehnsucht nach Freiheit, nach freiem Ausdruck, freier Form, freiem Kommen und Gehen.

    Wang Meng hat bis 1993 26 Bände mit Essays vorgelegt. Insbesondere aufgrund der Werkausgabe (mit Bibliographie bis 1992) ist kaum ein chinesischer Essayist der Gegenwart bibliographisch so gut erschlossen wie Wang Meng.
    Zu Wang Mengs Essays liegt eine deutschsprachige Studiemmdcxxi vor, die 542 Essays aus dem Zeitraum 1948 bis 1992 aufführt, über 200 von ihnen annotiert sowie 15 in Übersetzungmmdcxxii zugänglich macht. Aus diesem Grund kann hier eine Präsentation und Auswertung der Ergebnisse mit gelegentlichen Verweisen auf die Essays im Vordergrund stehen, eine Auflistung einzelner Essays wie bei den anderen Autoren erscheint hier nicht notwendig. Zu Wang Meng liegen eine chinesischsprachige Bibliographie zu seinem Gesamtwerk bis 1992mmdcxxiii und eine chinesischsprachige mit deutschen Annotationen zu seinem Essaywerk bis 1992 vor.mmdcxxiv
    Es findet sich chinesischsprachige Sekundärliteratur zu Wang Mengs literaturkritischen Essays,mmdcxxv zu den Reiseessays über die Sowjetunion,mmdcxxvi Vergleiche mit Lu Wenfummdcxxvii und Zhang Xianliangmmdcxxviii sowie Monographien mit Schwerpunkten zu seinen Schreibtechnikenmmdcxxix und Erzählungen.mmdcxxx
    Deutschsprachige Sekundärliteratur liegt zu folgenden Themen vor: Zu seinem Essay "'Leuninger' und seine Augen"mmdcxxxi,mmdcxxxii seinen apokalyptischen Vorstellungen,mmdcxxxiii seinem erzählerisches Werk,mmdcxxxiv seiner Einordnung in die Schriftstellergeneration der sozialistischen Realisten,mmdcxxxv seiner Erzählung "Der Schecke",mmdcxxxvi seinem Roman Rare Gabe Torheit,mmdcxxxvii seinen Erzähltechniken,mmdcxxxviii insbesondere seiner Schreibtechnik in der Form des Bewußtseinsstromsmmdcxxxix und seiner Position als Gratwanderer zwischen Revolution, Reaktion und Reform.mmdcxl
    H. Martinmmdcxli machte 1989 erstmals im Westen auf die Essays von Wang Meng aufmerksam. "Wangs theoretische und literaturkritische Äußerungen" seien "beachtenswert". Als Beispiel führt er die beiden Essaysammlungen Wenn du zur Feder greifst… und Wang Meng über das Schaffen sowie den Kritik-Band Wang Meng. Materialien an.
    Weitere westliche Sekundärliteratur findet sich zu seinem Landleben und seiner Beförderung,mmdcxlii zu Isolation und Selbstentfremdung in seinen Werkenmmdcxliii und zum Bild der Intellektuellen in seiner Erzählung "Mit bolschewistischem Gruß",mmdcxliv die unter sowjetischem Einfluß stand.mmdcxlv
    Obwohl Wang Meng in dieser Studie die Liste der am häufigsten abgedruckten chinesischen Essayisten der Gegenwart anführt und in der Gesamtliste der Essayisten auf Platz 5 steht (Rangliste siehe S. ), haben die persönlich befragten Experten des chinesischen Essays Cai Yujia 蔡渝嘉mmdcxlvi, Huang Weiliang 黄维梁mmdcxlvii, Li Ruiteng 李瑞腾mmdcxlviii, Liu Xiqing 刘锡庆mmdcxlix und Zheng Minglimmdcl dem essayistischen Werk des Schriftstellers bislang nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt,mmdcli da dieser bereits einschlägig als Roman- und Kurzgeschichtenautor kategorisiert worden sei.mmdclii
    Der mit dem Amt des Kulturministers verbundene Ruhm mag einen häufigeren Wiederabdruck gefördert haben. Die starke Verbreitung und Rezeption seiner Essays rechtfertigt jedoch deren genauere Betrachtung.
    Hilfreich für die Materialsichtung war das Erscheinen der zehnbändigen gesammelten Werkemmdcliii Wang Mengs im Dezember 1993, die vom Autor selbst betreut und autorisiert wurde.mmdcliv Textgrundlage für die vorliegende Arbeit sind die Bände 6 bis 10 dieser Werkemmdclv und bei neueren Texten, soweit zugänglich, die Erstveröffentlichung.mmdclvi Innerhalb des Œuvres nehmen die Essays mit etwa 40% der Werkausgabe einen breiten Raum ein. Der späte Wang Meng widmet sich mehr und mehr dem Verfassen von Essays.

Biographie

    Es sind zahlreiche Biographien zu Wang vor: Eine 16seitige deutschsprachige Biographie und Einschätzung Wang Mengs mit Bibliographie finden sich unter dem Titel "Wang Meng",mmdclvii ein Interview,mmdclviii das die Melancholie als Schreibmotivation ausmachte. An deutschsprachiger Sekundärliteratur liegen weiter ein biographischer Abriß Wangsmmdclix und zwei Interviewsmmdclx vom Verf. vor. Weiter finden sich eine Zeittafelmmdclxi und ein biographischer Lexikoneintrag.mmdclxii Ein Abschnitt in der Sammlung Literature of the Hundred Flowers.mmdclxiii
    Im chinesischsprachigen "Vorwort" zur Sammlung Repräsentative Werke von Wang Mengmmdclxiv werden Leben und Werk des Autors chronologisch vorgestellt. Auf Chinesisch liegt der Beitrag "Wang Meng auseinandernehmen"mmdclxv vor, der auf den 15. Juni 1992 datiert ist und den Humor in Wang Mengs Werk untersucht. Wang Mengs Zeit als Kulturminister ist in folgendem Beitrag beschrieben: "Die Ernennung Wang Mengs zum Kulturminister: Ein Symbol".mmdclxvi
    Vom Autor finden sich autobiographische Überblicke in: "Die Literatur und ich – Antworten auf die Fragen des Genossen Soundso der Redaktion der Zeitschrift 'Blumenstadt'",mmdclxvii "Wonach ich suche"mmdclxviii etc. Seine Kindheit hat Wang Meng im Roman Rare Gabe Torheit 1986 verarbeitet, seine Jugendzeit in Es lebe die Jugend! 1956/57, seine Verbannung nach Ostturkestan in Anekdoten des Hauptabteilungsleiters Maimaiti 1980 sowie im Roman Mit bolschewistischem Gruß und seine beginnende Kaderkarriere in Der Schmetterling 1980. Die Abhandlung "Chinas avantgardistische Kurzgeschichten und der Neorealismus",mmdclxix die Wang Meng im September 1992 schrieb, beleuchtet auch sein eigenes Bemühen um Modernisierung der Literatur.
    Wang Meng kam am 15. Oktober 1934 in Shatan bei Beiping als eines von mindestens dreimmdclxx Kindern zweier Akademiker auf die Welt, der Vater wurde später Philosophieprofessor. Der berühmte Landschaftsmaler aus der Yuan-Dynastie Wang Mengmmdclxxi (1308(?)-1385) stand bei der Namensgebung für Wang Meng Pate. 
    Wang wuchs im Kreis Nanpi, Bezirk Cangzhou, Provinz Hebei auf. Nach dem Beginn des Japanisch-chinesischen Krieges am 7. Juli 1937mmdclxxii floh die Familie nach Beiping, wo Wang Meng die Schule besuchte.mmdclxxiii Nach der Kapitulation Japans begrüßte er die Guomindang-Truppen bei ihrem Einmarsch in Beiping begeistert.
    Schon bald aber glaubte Wang Meng seine Hoffnungen, die er in die Guomindang gesetzt hatte, enttäuscht. Er begann, marxistische Schriften zu lesen. Seit 1946 hatte er regelmäßigen Kontakt zu Mitgliedern der (damals illegalen) Kommunistischen Partei. Am 10. Oktober 1948 wurde er mit dreizehn Jahren deren Mitglied; er hatte den Wunsch, Berufsrevolutionär zu werden.
    Die Volksbefreiungsarmee eroberte Beiping am 31. Januar 1949, und das Zentralkomitee zog am 25. März dorthin um. Wang Meng wurde im selben Monat Kader im Arbeitsausschuß des städtischen Jugendverbandes der 'Neuen Demokratie'. Im August 1949 nahm er sein Studium in der Zentralschule für die Mitglieder des Jugendverbandes auf. Im Mai 1950 kam er in den Arbeitsausschuß des Jugendverbandes der 'Neuen Demokratie' im dritten Stadtbezirk.
    1948 begann Wang Mengs schriftstellerische Karriere mit einem Essay: Mit 17 oder 18 Jahren schrieb er "Chuntian de xin 春天的心"mmdclxxiv (Frühlingsherz), das er an den Anfang der (nicht chronologisch angeordneten) Essays seiner Werke 1993 gestellt hat. Der junge Wang Meng drückt in diesem kleinen Aufsatz seine Freude über die Ankunft des Frühlings aus. Den Entstehungshintergrund beschreibt er 1992 im Essay "Wo zai pingmin zhongxue 我在平民中学"mmdclxxv (Als ich auf der zivilen Mittelschule war).
    Bis 1978 hielt sich bei ihm die Zahl der Essays und Erzählungen die Waage,mmdclxxvi danach übertraf die Zahl der Essays stets bei Weitem die der Erzählungen.
    1952, als der erste Fünf-Jahres-Plan in Kraft trat, wurde Wang Mengs Antrag zur Teilnahme an der Aufnahmeprüfung zum Bautechnikstudium abgelehnt. Daraufhin faßte Wang Meng den Entschluß, propagandistische Literatur zu schreiben, später bekennt er: "[…] selbst in unseren Briefen schrieben wir statt 'ich küsse Dich' 'mit bolschewistischem Gruß'." Seine Jugendlektüre, sowjetische Literatur und -theorie (mit der Vorstellung vom Schriftsteller als einem "Ingenieur der Seele"), war prägend für sein Frühwerk. Im November 1953, mit 19 Jahren, begann er den vom Glauben an den Kommunismus getragenen Roman Es lebe die Jugend!.mmdclxxvii
    In der kurzen, den Intellektuellen von Mao Zedong zugestandenen Zeit der Meinungsfreiheit Mitte der 1950er Jahre veröffentlichte Wang Meng seine ersten Erzählungenmmdclxxviii und erzielte seinen ersten großen literarischen Erfolg mit "Der Neuling in der Organisationsabteilung".mmdclxxix
    Im Dezember 1956 wurde Wang Meng zum stellvertretender Sekretär im Mitgliedsausschuß des Jugendverbandes befördert und in die Fabrik für Drahtfunkgeräte des vierten Ministeriums für Maschinenbau versetzt. 1956 schrieb er zwei Essays. 1957 heiratete er Cui Ruifang,mmdclxxx es entstanden sechs Essays.
    Nach Maos Kehrtwendung im Jahre 1957, die die Periode "Laßt 100 Blumen blühen, laßt 100 Schulen miteinander wetteifern" beendete, war "Der Neuling in der Organisationsabteilung" Anlaß für die Verurteilung Wang Mengs als 'Rechtsabweichler'. Damit wurde er neben dem Journalisten Liu Binyanmmdclxxxi prominentestes Opfer der Kampagne 'gegen Rechtsabweichler'. Mit der Begründung, "destruktive, antiparteiliche und antisozialistische Werke" zu verfassen, erhielt er Schreibverbot (bis 1977) und wurde von 1958 bis 1962 zur körperlichen Arbeit aufs Land nahe Peking verschickt, während dieser Zeit legte Wang Meng den Stift beiseite.
    1961 wurde er zum ersten Mal rehabilitiert. 1962 war er kurz als Lehrer in der Chinesisch-Abteilung an der Pädagogischen Hochschule Peking tätig. Er nahm seine schriftstellerische Tätigkeit wieder auf: es erschienen zwei Erzählungen.mmdclxxxii
    Nachdem Wang Meng Angriffsobjekt in der Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' war, faßte er im Oktober 1963 nach eigenen Angaben "freiwillig" den Entschluß, zur ideologischen Umerziehung und Materialsammlung für seine Erzählungen in die autonome Provinz Xinjiang 新疆 (Ostturkestan) zu gehen, wohin er Ende des Jahres mit seiner Familie zog und von wo er erst 1979 zurückkehren sollte. Als überzeugter Kommunist glaubte er damals selbst an die Korrektheit der "Umerziehung". 1963 ging er in eine Volkskommune in Yili, in der er körperliche Arbeit leistete und Uigurisch lernte. Hier verbrachte er nach eigener Darstellung unter dem Schutz uigurischer Landbevölkerung und Kader ungeschoren die Zeit der 'Kulturrevolution'. Wang Meng sagt über sich: "Ich hätte mit einer gespaltenen Persönlichkeit nicht überleben können. Wenn ich tagsüber Landarbeiter gewesen wäre und nachts heimlich versucht hätte, Schriftsteller zu sein, wäre ich zerbrochen. Ich habe mich in mein Schicksal gefügt."*
    Wang Meng behielt auf dem Lande seine optimistische Grundeinstellung. Er erlernte die Turksprache Uigurisch und übersetzte daraus Werke ins Chinesische. Zwei Jahre konnte er im ostturkestanischen Schriftstellerverband arbeiten. In seinem späteren Roman mit zahlreichen autobiographischen Elementen Mit bolschewistischem Grußmmdclxxxiii berichtet der Ich-Erzähler, daß er in dieser Zeit lediglich unter Pseudonym Übersetzungen uigurischer Gedichte veröffentlicht habe. Danach, als auch ihn die 'Kulturrevolution' erfaßt habe, habe er sechs harte Jahre als stellvertretender Leiter der zweiten Brigade in der Kommune Bayandai im Gebiet Yili gearbeitet.
    1971 bis 1973 besuchte Wang Meng die "Kaderschule des 7. Mai"mmdclxxxiv und arbeitete ab 1975 als Übersetzer und Redakteur in der Kulturabteilung und bei der Vereinigung der Kulturschaffenden Xinjiangs 新疆 (Ostturkestans) in Wulumuqi. 1978 begann Wang Meng wieder, Geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen. Anfang 1978 erschien die Erzählung 'Ins Licht der Frühlingssonne'.mmdclxxxv In den Erzählungen 'Die Geschichte vom Brigadeleiter, dem Sekretär, der wilden Katze und den halben Eßstäbchen',mmdclxxxvi "Das Teuerste"mmdclxxxvii und 'Das Licht'mmdclxxxviii blieb seine Gesellschaftskritik zunächst noch zurückhaltend. 1978 erschien auch der Roman mit fünf Kapiteln 'Die hiesige Landschaft'.mmdclxxxix Wang Meng versuchte sich auch als Reportageautor, etwa mit der Ende 1978 erschienenen Reportage 'Das Lied des Feuers'.mmdcxc
    Im Februar 1979 wurde Wang Meng erneut rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen. Nach David E. Sangermmdcxci wurde er von Deng Xiaoping ermuntert, einige Novellen und Erzählungen über die Erfahrungen zu schreiben, die er in Ostturkestan gesammelt hatte. Im Juni desselben Jahres zog er mit seiner Familie zurück nach Peking. Er beschloß, fortan als Berufsschriftsteller tätig zu sein. Nun begann die eigentliche literarische Schaffensphase seines Lebens, das bisherige Frühwerk (1953 bis 1957) wird später in der in- und ausländischen Kritikmmdcxcii (bis auf: "Es lebe die Jugend!" und "Der Neuling in der Organisationsabteilung") als zweitrangig eingestuft. Die seit 1979 entstandenen zahlreichen Erzählungen wurden häufig ausgezeichnet. 
    In Peking entstanden jedes Jahr zwischen 20 und etwa 50 Essays sowie zwischen fünf und 15 Erzählungen und Romane. 
    1979 schrieb Wang Meng unter anderem die Essays "Der Opfermeister - Genosse Shao Quanlin",mmdcxciii "Erregung und Nachdenken",mmdcxciv "Festliches Feuerwerk für den Nationalfeiertag"mmdcxcv und "Wir Dreißigjährigen".mmdcxcvi Anfang 1980 schrieb er während eines Kurzaufenthaltes in Wulumuqi Erzählungen mit zahlreichen unterschiedlichen Stilelementen.mmdcxcvii 1980 erschienen neben Erzählungenmmdcxcviii die Essays "Ich habe ein "Traumlied" gehört",mmdcxcix "Im ehemaligen Wohnsitz von Beethoven"mmdcc und "Ein Mensch, bereit zu versinken".mmdcci 
    Im Essay "Wenn du zur Feder greifst…"mmdccii zeichnet Wang minutiös den literarischen Schöpfungsprozeß nach. Dieser Essay ist für die Dokumentation der neuerlebten Schaffenserfahrung nach 20 Jahren Schreibverbot als autobiographisches Dokument von Bedeutung.
    Seine Suche schildert Wang Meng in einem Essay Anfang 1980: Bei dem Essay "Wonach ich suche"mmdcciii handelt es sich um den wichtigsten literarischen autobiographischen Essay über die Schaffenserfahrungen bis 1980.
    1980 löste Wang Meng mit der Publikation von sechs Erzählungen,mmdcciv deren früheste schon 1978/79 geschrieben wurden,mmdccv im für China ungewohnten Stil des Bewußtseinsstroms und mit dem Mittel der Rückblende eine nationale Debatte aus.mmdccvi Wang Meng trug mit seinen Essays die Diskussion um seine umstrittenen gesellschaftskritischen Erzählungenmmdccvii und neuen Schreibtechnikenmmdccviii aus. Seine Essays sorgten für Gesprächsstoff in Literaturkreisen und regten viele Leser zu Reaktionen an. Wang wurde mit seinen zahlreichen Erzählungen im In- und Ausland einer der beliebtesten modernen chinesischen Schriftsteller.
    Im Juni 1980 besuchte er zwei Wochen Westdeutschland und Ende August vier Monate die Vereinigten Staaten, wo er sich am "writing center" in Iowa aufhielt.mmdccix Im Reisebericht Westdeutschland. Flüchtige Impressionen,mmdccx der auf Januar 1981 datiert ist, schildert Wang Meng Eindrücke von seinen Reisen innerhalb des damaligen Westdeutschlands. In Iowa nahm Wang Meng an einer internationalen Autorenkonferenz teil und dokumentierte seine Beobachtungen im Essay "Abschied von Iowa".mmdccxi Wang Meng genoß die ruhige Schönheit der Stadt: Flußlandschaften, Bäume, Wiesen und Maisfelder. Dort hatte er mit Landsleuten und Nicht-Chinesen Kontakt und habe gefühlt, daß China von allen geliebt worden sei, alle sich Gedanken darüber machten und es besser verstehen wollten. Auch die Chinesen waren um Verständnis des nicht-chinesischen Auslandes bemüht. Wang Meng schließt mit einem emotionalen Bekenntnis zu China und einer leichten Trauer wegen des Abschieds von Iowa.
    Im Frühjahr und Sommer schrieb Wang Meng Erzählungen,mmdccxii im Herbst weitere Erzählungen in Ostturkestanmmdccxiii und die Reportage "Reise in die Heimat",mmdccxiv in denen er seine Verbundenheit mit Ostturkestan ausdrückte. Er veröffentlichte den Reisebericht "Kleine Begebenheiten auf der Amerikareise"mmdccxv und das Prosastück "Gedankenfetzen auf der Rückkehr vom Amerikabesuch"mmdccxvi sowie den oben erwähnten Reisebericht "Abschied von Iowa".mmdccxvii
    1981 war Wang Meng sehr produktiv: Er schrieb zunächst eine satirische Minigeschichte.mmdccxviii Im selben Jahr wurde er Vorstandsmitglied im chinesischen Schriftstellerverband. Es erschienen weitere Erzählungen.mmdccxix  1981 erschien auch die erste Sammlung, die ausschließlich Essays enthielt: Wenn du zur Feder greifst…mmdccxx erzielte eine Auflage von 25.000 Exemplaren. Sie enthielt 21 Essays über den Schaffensprozeß und Literaturtheorie sowie weitere literaturkritische Artikel. 1981 erschien weiter die Sammlung Erzählungen und Reportagen. Eine Auswahlmmdccxxi mit fünf Essays in einer Auflagenhöhe von 38.000 Exemplaren. Im selben Jahr erschien eine Anthologie mit fünf Essays Das Auge der Nacht und andere Erzählungen und Kritikenmmdccxxii in einer Auflage von 45.000 Eexemplaren.
    Anfang 1982 erschienen die Essays "Der Verlust des Winters"mmdccxxiii und "Inspiration im Felsgebirge von Yi".mmdccxxiv Seit April 1982 ist Wang Meng Vizepräsident des chinesischen PEN-Clubs. 1982 entstanden weitere Erzählungen.mmdccxxv Im Mai 1982 flog Wang Meng zum zweiten Mal in die Vereinigten Staaten und besuchte für eine Woche Mexiko. Mitte 1982 veröffentlichte er den Essay "Ein Blick auf Mexiko".mmdccxxvi 
    Der autobiographische Essay "Aufmerksam der Stimme des Lebens lauschen"mmdccxxvii aus dem Jahre 1981 zeigt in lebendigem Stil den persönlichen Entwicklungsprozeß des Schriftstellers vom revolutionären Träumer zum überzeugten Reformer und Öffner, den der Autor von 1949 bis Anfang der 1980er Jahre durchmachte. Aber er zeigt auch die Konstanten in Wang Mengs Persönlichkeit: Optimismus, Lebenshunger und Idealismus.
    Der Essay aus dem Jahre 1982 "Ein Problem, das Untersuchung und Erörterung verdient"mmdccxxviii erhebt die Forderung nach Anhebung des Bildungsniveaus der Schriftsteller. Auslöser war für Wang Meng die Beobachtung, daß infolge der 'Kulturrevolution' eine ganze Generation von Schriftstellern schlicht nicht existierte und daß es denjenigen, die sich dennoch (wieder) literarisch äußerten, häufig an Bildung fehlte.
    Im September 1982 erschien die Anthologie Reisenotizen aus Deutschland und Amerikammdccxxix in einer Auflage von 12.000 Exemplaren mit fünf Essays. Im selben Monat wurde Wang Meng Kandidat für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas. Im Dezember 1982 hielt er seine Eindrücke auf der südchinesischen Inselgruppe Xisha in einer Erzählungmmdccxxx fest. Ende 1982 erschienen die Essays "Orangenfarbener Traum"mmdccxxxi und "Wilder Weingarten im Regen".mmdccxxxii
    1983 schrieb Wang Meng weitere Erzählungen in Peking und Shanghai.mmdccxxxiii Im Juli 1983 wurde er Chefredakteur der offiziösen Zeitschrift Volksliteratur. 
    Bei dem Essay "Die Literatur und ich – Antworten auf die Fragen des Genossen Soundso der Redaktion der Zeitschrift 'Blumenstadt'"mmdccxxxiv vermittelt der Untertitel den Eindruck, es handle sich um ein Interview – es ist aber ein eigenständiger Essay Wang Mengs, der detailliert den Lebenslauf mit Schilderung der Entstehung bzw. Nennung von über 70 Werken wiedergibt. Er entstand im März 1983, später wurde er um den die Jahre 1983 bis 1986 beschreibenden Teil "Seit Neuem" ergänzt.
    Im August schrieb er in Huaxi (Provinz Guizhou) weitere Erzählungenmmdccxxxv und veröffentlichte elf.mmdccxxxvi
    1983 erschienen zwei Essaysammlungen: Die erste enthält 30 Essays, Bemerkungen zur Kunst des Erzählens,mmdccxxxvii sie erreichte eine Auflage von 35.000 Exemplaren. Themen der Essays waren das literarische Schaffen, Literaturkritik, Vor- und Nachworte, Reden. Die zweite Sammlung ist eine Anthologie mit 21 Essays, Wang Meng über das literarische Schaffen.mmdccxxxviii Hierbei waren Themen die Literaturkritik und den literarischen Produktionsprozeß.
    Ab Juni 1984 besuchte er die Sowjetunion. Mit seinem Essay "Zur Sowjetunion"mmdccxxxix vollzog er daraufhin 1984 den Bruch mit der sowjetischen Literatur. Wang Meng erhielt 1984 für seinen Reisebericht "Fang Su xinchao 访苏心潮" (Gefühlsaufwallung bei der Reise in die Sowjetunion) den "Nationalpreis für überragende Reportagen".mmdccxl Nach der Rückkehr entstanden weiter die Essays "Der Regen in der Morgenfrühe in Taschigan", "Der große Pfannkuchen und Katjusha", "Wir fahren morgen mit dem Schiff weg" und "Sulike" sowie Erzählungen.mmdccxli
    1984 erschienen eine Material-, eine Essay- und eine Werksammlung: In den Materialien zu Wang Mengmmdccxlii mit einer Auflage von 7.000 Exemplaren sind 18 Essays und 35 Sekundärliteraturtexte abgedruckt. Der Band enthält außerdem eine Auswahlbibliographie der Erzählungen und Essays 1955 bis 1982. Die Essaysammlung aus diesem Jahr Orangenfarbener Traummmdccxliii enthielt 31 Essays und erreichte eine Auflage von 11.600 Exemplaren.mmdccxliv
    1984/85 erschien eine vierbändige Werkauswahlmmdccxlv mit einer Auflage von 5.500 Exemplaren und 50 Essays, elf davon in der Rubrik sanwen 散文 (Essays), 39 in der Rubrik pinglun 评论 (Kritik). Daneben schrieb Wang Meng im selben Jahr den Reisebericht "Morgenregen in Taschkent".mmdccxlvi
    1985 erschienen ebenfalls eine vierbändige Werkauswahl im "Literatur- und Kunstverlag 100 Blumen" Tianjin und die beiden Bände Die gemusterte Jacke aus violetter Seide in den Tiefen der Holztruhe und In Yili. 1985 wurde Wang Meng Vizepräsident des chinesischen Schriftstellerverbandes. Im Juni dieses Jahres besuchte er als Leiter einer chinesischen Schriftstellerdelegation das "Horizonte-Kunstfestival" in West-Berlin und nahm im selben Jahr am PEN-Kongreß in New York teil. Im September 1985 wurde Wang Meng zum Vollmitglied des Zentralkomitees gewählt. Er vollendete den Roman Mutationen,mmdccxlvii der im Frühjahr 1986 veröffentlicht wurde. Es entstanden einige Erzählungenmmdccxlviii und Essays wie "Gelegentliche Gedanken beim Schreiben", "Die Anziehungskraft des Gechuan-Flusses", "Die gutmütigen Augen von Xiangxue" und die Essaysammlung Schreiben ist eine Art von Brennenmmdccxlix mit 37 Essays zum Thema Literatur und Schaffen in einer Auflage von 5.600 Exemplaren.
    Im Januar 1986 nahm Wang Meng als Delegationsleiter an der Jahrestagung des PEN-Clubs in New York teil. Im Frühjahr 1986 erschienen Erzählungen.mmdccl  Im April 1986 mahnte Wang Meng mit einem Essay zum wirtschaftlichen Fortschritt in kleinen Schrittten: Der Essay "Der Weg zum Erfolg",mmdccli vermittelt die Moral "Ohne Fleiß kein Erfolg." Alle Wege zum Erfolg seien sorgen- und entbehrungsreich sowie voller Rückschläge. Es gebe drei Arten von Menschen, die ihren eigenen Erfolg behinderten oder förderten: Die einen strebten nach Erfolg, die anderen kämen durch Betrügerei auf Kosten anderer vorwärts, wieder andere würden sich mit dem Erreichten zufriedengeben. Der einzige wirkliche Weg zum Erfolg sei, Schritt für Schritt zu lernen, und dieser brauche seine Zeit. Man dürfe nicht zu sehr aufs Glück vertrauen. Der Essay hat starken Lehrcharakter, ist analytisch, gibt Ratschläge und Ansporn. Der Autor bezieht darin klar Stellung.
    Am 25. Juni 1986 wurde Wang Meng zum Kulturminister der Volksrepublik China ernannt. Wang Meng war von Hu Yaobang 胡耀邦 zum Amt des Kulturministers verpflichtet worden, das er dann von 1986 bis 1989 ausübte. Er stellte sich damit dem persönlichen Konflikt zwischen intellektuellem Schriftsteller und Politiker. Seine farblose Politik ließ immerhin den Schriftstellern Schaffensfreiheit,mmdcclii förderte den Kulturaustausch mit Taiwan,mmdccliii ließ die Anhänger der Demokratiebewegung gewähren,mmdccliv war aber nicht unumstritten.mmdcclv
    In dieser Zeit entstanden zahlreiche Erzählungenmmdcclvi und kürzere Texte, von denen einige in deutscher Übersetzung vorliegen.mmdcclvii 1986 erschien auch die Sammlung mit sieben Reiseessays Gefühlsaufwallung bei der Reise in die Sowjetunionmmdcclviii mit einer Auflagenhöhe von 2.500 Exemplaren.
    Der 1987 erschienene Essay "Reflexion"mmdcclix trägt Stilmerkmale des Bewußtseinsstroms. 1987 setzte Wang Meng sich als Minister gegen reformkritische Schriftsteller ein,mmdcclx wie 1994 noch einmal in einem Essay gegen den reformkritischen Autor Wang Shan (siehe unten). Im selben Jahr erschien die Sammlung mit 39 Essays Von der Literatur verführtmmdcclxi mit einer Auflage von 6.700 Exemplaren.
    Nachdem Wang Meng mindestens zweimal in Suzhou war, erscheint 1988 der am häufigsten abgedruckte seiner Essays:  Das "Loblied auf Suzhou"mmdcclxii beschreibt Suzhou 苏州 in Form eines Reiseberichts als alte (vor mehr als 2500 Jahren) und als moderne Stadt, in der sich die Wirtschaft entwickelt habe, die Veränderungen sehr schnell vor sich gingen und dennoch Traditionen und Parks erhalten geblieben seien, da Suzhou teilweise renoviert worden sei. Wang Meng gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß nicht noch einmal, wie an einigen Orten geschehen, einige traditionelle schöne Dinge bei der Modernisierung zerstört würden. Er beschreibt die Anziehungskraft der Suzhouer Landschaft bewegend.
    1989 erschien die Sammlung mit elf Reiseberichten und 13 Gedichten Die Erfahrung, in einem bekannten Restaurant in Florenz das Nachtmahl einzunehmen.mmdcclxiii
    Im selben Jahr, aber vor den Juniereignissen, erschienen drei später stark rezipierte Essays. Der erste, "Der Charme des Vergessens",mmdcclxiv der im Mai 1989 entstand, vermittelt die Erkenntnis, daß das Vergessen manchmal positiv sein könne. Der zweite, "Warum der Schmetterling zutiefst befriedigt ist",mmdcclxv ist ein Selbstvergleich des Autors mit einem Schmetterling, der nicht zu packen sei. Der dritte, "Blätterfall",mmdcclxvi ist eine lyrische Beschreibung dieses herbstlichen Phänomens. Im Gegensatz zu Jia Pingwas gleichnamigem Essay, in dem Jia einen Baum die Jahreszeiten hindurch beobachtet, werden Wang Meng die Blätter zur Allegorie auf die Blätter, auf die er seine Texte schreibe. Dieser Essay ist für den deutschen Leser besonders eingängig, da im Deutschen die chinesischen Ausdrücke für das Blatt vom Baum "yè 叶" und aus Papier "yè 页" nicht nur Homonyme, sondern Synonyme sind.
    Am 4. September 1989 mußte Wang Meng als Kulturminister zurücktreten, da er die Verurteilung der Konterrevolution nicht mittrug. Offiziell wurde dies damit begründet, er wolle sich "nur noch der Literatur widmen".mmdcclxvii Nach den Juniereignissen 1989 waren viele seiner Schriftstellerkollegen ins Ausland geflohen. Wang Meng gehört jedoch zu jener Gruppe von Schriftstellern, die die 'Innere Emigration' statt des Exils wählten. Im Gegensatz vielleicht zu Deng Youmei und Feng Jicaimmdcclxviii arrangierte sich Wang Meng jedoch literarisch nicht mit dem neuen (alten) politischen Kurs der Partei.
    In der inoffiziell erzielten 'Schreibfreiheit auf Bewährung' wendet sich Wang Meng unpolitischen Themen zu und erfüllt sich einen langgehegten Wunsch, indem er unkonventionell, nämlich aus subjektiver Autorenperspektive, interpretierende Essaysmmdcclxix zum Traum der Roten Kammer verfaßt (erschienen 1991), die wegen ihres neuen Ansatzes selbst bei Rote Kammer-Forschern Anerkennung finden.
    Diese Textemmdcclxx sind in der Regel nach demselben Schema aufgebaut: Ein Satz oder ein Ereignis im Traum der Roten Kammer inspirieren Wang Meng zu Assoziationen in folgenden Richtungen: 1. Politischer und historischer Erkenntnisgewinn, 2. Werkimmanenter Erkenntnisgewinn, 3. Philosophischer Erkenntnisgewinn, 4. Kulturkritischer Erkenntnisgewinn (z.B. Hierarchie, Sklaven und Ausländer), 5. Erkenntnisgewinn durch werkimmanente Interpretation und Berücksichtigung eigener Erfahrungen. Vor dem Hintergrund des Rückzugs aus dem politischen Leben nutzt Wang Meng hier die Möglichkeit, Zeitkritik in Form von Kritik an Geschichte zu üben.

Wenn Cao Xueqinmmdcclxxi auferstünde und ihm all diese hochtrabende Kritik zu Ohren käme, vor allem die "Geschichte des Klassenkampfes" und die "Geschichte der Blüte und des Untergangs der vier Sippen", der außerordentlich wichtigen Interpretationen Mao Zedongs, dann wäre es wirklich eigenartig, wenn er nicht eingeschüchtert in Ohnmacht fiele.mmdcclxxii Deshalb spiegeln alle diese Probleme folgendes wider: 1. das streng autokratische Gesellschaftssystem; 2. daß mehr Personal beschäftigt wird als notwendig; 3. daß das Regieren der Menschen nicht auf der Grundlage einer Verfassung basiert, sondern nur nach dem Willen einer einzelnen Person, und es im System an aufeinander hemmend oder fördernd einwirkenden Bedingungen mangelt. 4. Oberflächlich betrachtet […] richten sich [die Interessen] nach dem großen Kollektiv […]. In Wirklichkeit aber berücksichtigt jeder seine eigenen privaten Interessen […]mmdcclxxiii

    Die Sammlung erschien unter dem Titel Erkenntnisse zur Roten Kammer. Notizenmmdcclxxiv in einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Es sind 47 Essays enthalten, die in folgende Abschnitte aufgeteilt sind: Der "Realismus" im Traum der Roten Kammer und anderes,mmdcclxxv Die Begegnung von Baoyu und Daiyu,mmdcclxxvi Aufkommender Nachgeschmack weiterer Zufriedenheit,mmdcclxxvii Zu Jia Baoyu,mmdcclxxviii Sprache und Struktur des Traums der Roten Kammer,mmdcclxxix Gefühle und Politik,mmdcclxxx Zu den "Zwei Besonderheiten der Roten Kammer",mmdcclxxxi Die Struktur im Traum der Roten Kammer und die letzten Tage von Jia Fu,mmdcclxxxii Ein Wort zu den letzten 40 Kapiteln des Traums der Roten Kammer,mmdcclxxxiii Ein nicht erschöpfend zu behandelndes Thema - das außergewöhnliche Buch Traum der Roten Kammer.mmdcclxxxiv Der Inhalt ist in vier Teile unterteilt: 1. Sprachstruktur / Inhalt, 2. Personen, 3. Überlieferung, 4. Heimliche Schlüssel.
    Vor allem seit Anfang der 1990er Jahre (1991, 1994) erregten Wang Mengs Essays Aufsehen. Mit dem Rücken zur Wand in einer politisch motivierten literarischen Scheindebattemmdcclxxxv zeigt Wang Meng in der ironischen Verteidigungsschrift "Ich liebe Brei"mmdcclxxxvi für seine Erzählung "Zäher Brei"mmdcclxxxvii 1991 einen typisch essayistischen Stil.mmdcclxxxviii
    Der 2000 Zeichen umfassende Essay "Ich liebe Brei"mmdcclxxxix ist auf Oktober 1991 datiert. In diesem Essay bekennt sich der Autor zum Reisbrei sowie schildert verschiedene Sitten der Breizubereitung, Erinnerungen und Interpretationen dazu. Vor dem Hintergrund des Streits um den "Zähen Brei" ist dieser Essay als patriotischer Gegenangriff gegen die orthodoxen Kräfte in der Führung zu sehen, die Wang Meng Reformfeindlichkeit vorwarfen; der Essay besitzt also zeithistorischen politischen Hintersinn. Wang Meng appelliert, sich auf die Tradition des Reisbreis zu besinnen. Er schildert Beispiele aus dem Alltag und der Erinnerung und erörtert diese theoretisch. Der Stil ist lebendig und leicht satirisch. Zum Jahreswechsel 1991/92 erschien Wang Mengs Zäher Brei in Hongkong.mmdccxc
    Im etwa 100 Zeichen langen Essay "Sentimentalität",mmdccxci der im September 1991 entstand, beschreibt Wang Meng seine eigene Sentimentalität, die er bis heute nicht abgeschüttelt habe, er verallgemeinert und erörtert theoretisch. Dabei beschreibt er minuziös, die dargestellten Gefühle wirken echt. 
    Im November 1991 erschienen 32 Essays von Wang Meng unter dem Titel Literarische Skizzen über den Stilmmdccxcii in einer Auflagenhöhe von 3.000 Exemplaren. Dieser Band enthält Essays über den Traum der Roten Kammer, Li Shangyin etc.
    Im Dezember 1991 erschien der Essay "Essays",mmdccxciii und es entstand der 600 Zeichen kurze Essay "Freude",mmdccxciv in dem diese als metaphysischer Zustand beschrieben wird. Wang erklärt darin zum einen das Gefühl selbst und liefert dann eine etymologisierende Interpretation des Wortes Freude. Der Stil ist flüssig.
    1992 erschien die Sammlung mit 29mmdccxcv Essays Früchte der Leselust.mmdccxcvi Ebenfalls 1992 schrieb und veröffentlichte Wang den später häufig wiederabgedruckten, 1100 Zeichen umfassenden Essay "Gelassenheit".mmdccxcvii Darin teilt Wang Meng seine Beobachtung mit, daß die Mitmenschen häufig zu unruhig seien. Er appelliert, nach dem Ideal der Gelassenheit als täglichem Gemütszustand zu streben, dadurch Weisheit und Kraft zu schöpfen sowie Selbstvertrauen zu gewinnen. Formal ist dieser Essay eine theoretische Erörterung und etymologische Interpretation. Der Stil wirkt hier ungeordnet, umgangssprachlich.
    Daneben verfaßte er 1992 noch vier weitere Essays, die gelegentlich wieder abgedruckt wurden: Den 1000 Zeichen umfassenden Essay "Noch einmal über die Gelassenheit",mmdccxcviii der inhaltlich an den oben genannten anschließt. Diesmal schildert er eigene Erfahrungen, wie man gelassen bleiben könne. Er apppelliert, folgende acht Punkte zu beachten: 1. Natur zu genießen; 2. Kunst (z.B. Musik) zu genießen; 3. mehr an die eigenen Schwächen und die Vorzüge anderer zu denken; 4. einzusehen, daß alle Menschen sich im Grunde ähnelten; 5. Arbeit und Pause gleich wichtig zu schätzen; 6. mehr Humor zu entwickeln, 7. Unwichtiges zu vergessen, 8. mehr Interessen zu entwickeln und in mehreren "Welten" leben. Formal ist der Essay eine theoretische Erörterung, er erhält durch das Aufzählen von Maximen Lehrcharakter. Der Stil ist umgangssprachlich, flüssig, klar gegliedert.
    1992 entstand weiter der ironische Essay "Schreiben und Nichtschreiben",mmdccxcix in dem Wang Meng ironisch das Nichtschreiben propagiert. In der "Herausforderung Wang Shuo"mmdccc setzt sich Wang Meng kritisch mit dem Schriftsteller Wang Shuo auseinander. Im 610 Zeichen umfassenden Essay "Tatenlosigkeit"mmdccci erklärt er den daoistischen Verhaltensgrundsatz der wu wei 无为 (Tatenlosigkeit) und die passive Lebensanschauung nach Laozi 老子, ohne Eingriffe in den natürlichen Lauf der Dinge zu regieren. Wang Meng interpretiert wu wei als das nicht zu tun, was unwürdig ist, ausgeführt zu werden. Er appelliert, dem wu wei-Prinzip zu entsprechen. Es handelt sich um eine theoretische philosophische Erörterung, der Stil ist erklärend, abstrakt, resümierend, übersichtlich und stimmig.
    Der 500 Zeichen umfassende Essay "Frei und ungezwungen"mmdcccii von 1992 liefert etymologische Interpretation, Erinnerung, Selbstbeschreibung, Selbstbeobachtung. Wang bewertet seine eigene Lebensposition als frei und ungezwungen, nachdem er zehn Jahre darauf hingearbeitet habe. Er appelliert, die Welt positiv zu betrachten. Formal entspricht der Essay der theoretischen Erörterung mit welt- und lebensanschaulichem, resümierendem Charakter. Der Stil ist locker, teils lakonisch, teils originell.
    1993 erschienen zahlreiche Essays und Sammlungen: 44 Essays sind in der Sammlung Erleichtert und traurigmmdccciii zusammengefaßt, die eine Auflage von 4.200 Exemplaren erreichte. Eine Sammlung mit 115 Essay ist der Wang-Meng-Band der Reihe Essays bedeutender chinesischer Gegenwartsautoren,mmdccciv der eine Auflagenhöhe von 10.000 Exemplaren erzielte. Die Sammlung mit 59 Essays Frei und ungezwungen. Eine Sammlungmmdcccv wurde in 21.000 Exemplaren gedruckt. Die Essays sind "aus dem Leben gegriffen", nicht theoretisch, "echte sanwen". Im 1993 veröffentlichten Essay "Ich liebe es, den Traum der Roten Kammer zu lesen"mmdcccvi drückt Wang Meng seine Freude bei der Lektüre des Romans aus.
    1993 erschien auch eine Erweiterung der Monographie "Die Erschließung des 'Traums der Roten Kammer'. Aufzeichnungen".mmdcccvii Da die Essays grüßtenteils eigenständigen Charakter besitzen und einzelne auch selbständig veröffentlicht wurden, kann die Monographie auch als Sammlung mit 82 Essays betrachtet werden. Die Essays sind in folgende vier Themenbereiche aufgeteilt: 1. Sprachstruktur / Inhalt, 2. Personen, 3. Überlieferung, 4. Heimliche Schlüssel.
    1993 erschienen auch die zehnbändigen Werkemmdcccviii Wang Mengs, in dem die bereits erschienenen Essays noch einmal abgedruckt sind. Hier soll die dortige Einteilung in Kategorien angegeben werden: 131 Essays in den drei Rubriken zonglun 综论 (Resümée); daiyan 代言 (Anstelle eines Vorworts), wenyi zatan 文艺杂 (Vermischtes über Literatur und Kunst) sind im Band 6 der Werkemmdcccix Wang Mengs, enthalten. Der Band 7 der Werkemmdcccx Wang Mengs enthält 149 Essays in den drei Rubriken chuangzuo tan 创作谈 (zum Schaffen), xu 序 (Vorworte), yu dushu jie 欲读书结 (Früchte der Leselust) sowie in den beiden nicht in der Bibliographie enthaltenen Rubriken zuojia yu zuopin 作家与作品 (Autoren und Werke) und tan ziji de zuopin 谈自己的作品 (Über die eigenen Werke).
    92 Essays in zwei Rubriken enthält Band 8 der Werkemmdcccxi Wang Mengs. In der Rubrik zum Traum der Roten Kammermmdcccxii sind dies: Der Realismus im Traum der Roten Kammer und anderes,mmdcccxiii Die Begegnung von Baoyu und Daiyu,mmdcccxiv Aufkommender Nachgeschmack weiterer Zufriedenheit,mmdcccxv Zu Jia Baoyu,mmdcccxvi Sprache und Struktur des Traums der Roten Kammer,mmdcccxvii Gefühle und Politik,mmdcccxviii Zu den "Zwei Besonderheiten der Roten Kammer",mmdcccxix Die Struktur im Traum der Roten Kammer und die letzten Tage von Jia Fu,mmdcccxx Ein Wort zu den letzten 40 Kapiteln des Traums der Roten Kammer,mmdcccxxi Ein nicht erschöpfend zu behandelndes Thema - das außergewöhnliche Buch Traum der Roten Kammer.mmdcccxxii Die zweite Rubrik ist über Li Shangyin.mmdcccxxiii
    Im Band 9 der Werke sind 139 Essays in 3 Rubriken enthalten: sanwen 散文 (Essays), Reportagen und vermischte Essays.mmdcccxxiv Die Texte in Band 10 der Werkemmdcccxxv Wang Mengs sind in vier Rubriken unterteilt, eine davon enthält elf lyrische Essays unter der Bezeichnung sanwen shi 散文诗 (Essaygedichte).
    In den 1990er Jahren avanciert Wang Meng zum gefragten Kolumnistenmmdcccxxvi und packt dabei auch brandaktuelle Themen an wie die Herausforderung Wang Shuommdcccxxvii. Internationale Aufmerksamkeitmmdcccxxviii erregte im September 1994 auch sein essayistischer Beitrag "Leuninger" und seine Augenmmdcccxxix. Seine darin öffentlich geäußerten Zweifel an der Existenz des Autors, eines angeblichen deutschen Sinologen Dr. L. Leuninger, stellten sich inzwischen als begründet heraus: Der Verlag hatte ein reformkritisches politisches Buchmmdcccxxx unter diesem Deckmantel veröffentlicht, um den Autor aus dem eigenen Haus zu schützen und dem Buch Autorität zu verleihen.
    Auch in der Nanfang zhoumo 南方周末 (Der Süden am Wochenende) erscheinen einige Essays, so "Machen Sie zunächst einmal Ihre eigene Sache gut"mmdcccxxxi und "Zur Ruhe kommen".mmdcccxxxii
    Wang Meng hat sich als Essayist (etwa mit seinen Beiträgen zur Kolumne "Yu dushu jie 欲读书结" (Früchte der Leselust)) in China eine Stimme geschaffen, die den Reformprozeß und die gesellschaftlichen Veränderungen mahnend begleitet.

Übersicht nach Themen

    Von den 542 Essays aus der Zeit von 1948 bis 1992mmdcccxxxiii sind hier die Ergebnisse einer einzelnen Auswertung von 220mmdcccxxxiv eingeflossen. Sie lassen sich inhaltlich in folgende 27 Themengruppenmmdcccxxxv unterteilen: 47 zum Traum der Roten Kammermmdcccxxxvi, deren unkonventioneller Interpretationsansatz aus Sicht eines modernen Autors oben schon eingehend erläutert wurde. Weiter schrieb Wang Meng 20 Reiseberichtemmdcccxxxvii, die vor allem die zahlreichen Fahrten Wang Mengs in die Vereinigten Staaten und Europa beschreiben. Von ihm sind auch 18 autobiographische Essaysmmdcccxxxviii erhalten, davon sind sieben Erinnerungen meist autobiographischen Inhalts.mmdcccxxxix 17 Essays befassen sich mit philosophischen Themen,mmdcccxl insbesondere geht es Wang Meng darum, Ruhe und Ausgeglichenheit zu erlangen und diese Erfahrung an den Leser weiterzugeben. 16 Essays arbeiten Erinnerungen an Xinjiang 新疆 (Ostturkestan)mmdcccxli auf. Zwölf Essays beschäftigen sich mit der in China lange vernachlässigten Umweltproblematik.mmdcccxlii Zwölf seiner Essays setzen sich mit Literaturmmdcccxliii auseinander, zehn handeln vom Literaturschaffen.mmdcccxliv In acht Essays äußert sich Wang Meng zu anderen Schriftstellern.mmdcccxlv Im Gegensatz zur Kritik an der Politik, die Wang Meng unterschwellig in anderen Essays, wie denen zum Traum der Roten Kammer, anbringt, schrieb er affirmative Essays zum Sozialismusmmdcccxlvi unverblümt. Allerdings bleibt er auch hier seiner Kritik treu, wenn er außer auf die Begeisterung der Anhänger des Sozialismus auch auf dessen real existierende Probleme hinweist. Für Wang Meng sind diese Probleme aber immer noch im bestehenden System zu bewältigen. Im Vergleich zu anderen Autoren hat Wang Meng nur wenige Trauerredenmmdcccxlvii geschrieben, nämlich sieben. In sechs Essays äußert er sich zur Bildungmmdcccxlviii, wobei er stets eine Hebung des Bildungsniveaus fordert. In fünf Essays äußert sich Wang Meng zu Reform und Öffnung,mmdcccxlix hinter denen er bedingungslos steht und deren Kritiker er anprangert. Weiter erschienen fünf Essays zur oben erwähnten Auseinandersetzungen um den "Zähen Brei"mmdcccl. In vier Essays beschäftigt sich Wang Meng mit Erziehung und Förderung der Jüngeren.mmdcccli Vier Essays Wang Mengs beschäftigen sich mit Alltagserscheinungenmmdccclii. Der optimistische und humorvolle Autor setzt sich in drei Essays mit dem Humormmdcccliii auseinander. Drei Essays üben vorwiegend Gesellschaftskritikmmdcccliv innerhalb der oben genannten Grenzen. Drei Essays liefern Begriffserläuterungenmmdccclv, in drei weiteren äußert sich Wang Meng positiv zu Humanismus und Zivilcourage.mmdccclvi Gleichzeitig widmet er aber auch zwei Essays dem Patriotismus,mmdccclvii den er unterstützt. Zwei Essays beschäftigen sich mit Akustik und Musikmmdccclviii, schließlich hat Wang Meng zwei Lobreden auf die Soldatenmmdccclix verfaßt, eine literarische Reflexion zur Gattung des Essaysmmdccclx, einen zur Unabhängigkeit der Literatur von Politikmmdccclxi, einen zur Logikmmdccclxii und einen als Reflexion im Stil des "Bewußtseinsstroms"mmdccclxiii.
    Im folgenden seien die drei Ziele, die Wang Meng mit seinen Essays verfolgte, vorgestellt. Zum einen ist dies die Aufarbeitung der Vergangenheit, dann der Kulturaustausch und das Verständnis fremder Gesellschaftssysteme in seinen Reiseberichten und schließlich die didaktische Ermahnung der jüngeren Schriftstellergeneration.

Thema: Aufarbeitung der Vergangenheit

    Wang Mengs nach 1979 einsetzende literarische Aufarbeitung eigener Erlebnisse geht thematisch weiter als die nach der 'Kulturrevolution' einsetzende Wunden- oder auch 'Narbenliteratur' (benannt nach Lu Xinhuasmmdccclxiv Erzählung "Die Wunde"):mmdccclxv Er setzt sich nicht nur kritisch mit der 'Kulturrevolution'mmdccclxvi und der von Jiang Qing angeführten vierköpfigen Politikergruppemmdccclxvii auseinander, sondern gehört zu einer Gruppe, die auch andere geschichtliche Fehler kritisiert. Wang Meng ist sicherlich der formal vielseitigste Vertreter dieser Gruppe, der die 1996 ermordete Dai Houying,mmdccclxviii der Chronist bäuerlicher Wirklichkeit Gao Xiaosheng,mmdccclxix Cong Weiximmdccclxx und der Darsteller der psychischen Zerstörung und sexuellen Repression der 'Rechtsabweichler' Zhang Xianliang,mmdccclxxi auch Berichterstatter über Gefangene in politischen Umerziehungslagern, angehören.mmdccclxxii Themen dieser mit fansi 反思 (Literatur der Vergangenheitsbewältigung)mmdccclxxiii bezeichneten Richtung sind der 'Große Sprung nach vorn' und die anschließenden Hungerjahre, die Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' 1957, der Wang Meng selbst zum Opfer gefallen war, und erstmals auch Kritik an der in Yan'an durch Mao Zedong von Leninmmdccclxxiv für China adaptierten Richtlinie, Literatur habe den Zielen der Politik zu dienen.

Thema: Reise (Reiseberichte)

    Wang Meng verfolgt mit seinen Reiseessaysmmdccclxxv, etwa mit "Sulike 苏丽珂"mmdccclxxvi (Sulike) über die damalige Sowjetunion (1984)mmdccclxxvii, nicht die bei dieser Untergattung in China häufige Intention, den Leser über unerreichbare Länder zu informieren oder zu einem Besuch in erreichbare Länder anzuregen, vielmehr geht es ihm um den Vergleich verschiedener Gesellschaftssysteme. Die analytische Sichtweise kommt sehr deutlich in einer Interview-Antwort Wang Mengs zu Deutschland zum Ausdruck: Er unterscheidet zwischen dem landschaftlich-schönen und dem geistig-anregenden Deutschland.mmdccclxxviii

Thema: Ermahnung (Lehressays)

    Wang Meng schreibt insbesondere mit Blick auf die junge Schriftstellergeneration Lehressays. Die Gefahr, trotz aufklärerischer Motivation bevormundend zu erscheinen, erkennt Wang Meng schon 1982 in seinem Essay "Halbbildung", in dem er einräumt, daß seine Worte vielleicht etwas "Oberlehrerhaftes" hätten.mmdccclxxix Das Hinterfragen und Begründen sind Stärken bereits der frühen Lehressays Wang Mengs, der von sich selbst sagt, er liebe es, logisch zu denken.mmdccclxxx Die späten Lehressays ("Wu wei 无为"mmdccclxxxi (Tatenlosigkeit), "Qingsong 轻松"mmdccclxxxii (Gelöst) etc.) des etwa 60jährigen Wang Meng weisen philosophische Gedanken in Richtung des Daoismus aufmmdccclxxxiii.
    Der Kerngedanke des 1994 geschriebenen Essays "Zuohao ni ziji de shi 做好你 自己的事"mmdccclxxxiv (Machen Sie zunächst einmal Ihre eigene Sache gut) ist die buddhistische und daoistische, in ihrer Konsequenz systemstabilisierende Vorstellung, daß jeder seine Funktion in der Gesellschaft bestmöglich erfüllen solle.
    Wang Meng verwendet 1994 Argumentationsketten, wie sie aus den Klassikern (Hohe Lehremmdccclxxxv, Anwendung der Mittemmdccclxxxvi etc.) bekannt sind: 

Wenn man zunächst einmal die eigene Sache gut machen will, gehören auch die privaten Angelegenheiten dazu. Ich hoffe, daß alle ihr eigenes Leben, ihre Gesundheit und den friedlichen Umgang in Familie und Nachbarschaft immer besser gestalten. Wenn jemand die familiären Angelegenheiten ordnen kann, bedeutet das nicht unbedingt, daß er das Land gut verwalten kann, aber es ist zumindest nicht negativ, sondern positiv für die Verwaltung des Landes.mmdccclxxxvii

    Bei seinen philosophischen Essays geht er induktiv argumentierend vor, am Ende von mehreren zu verbindenden Einzelbeobachtungen steht die Synthese. Ein solcher "Analogieschluß" ist typisch für chinesische Philosophie.mmdccclxxxviii
    Die Logik, Grundlage dialektischer Lehressays, ist Wang Mengs "Steckenpferd", wie er im vierten Abschnitt des Essays "Stimme des Lebens" selbst schreibt. In Wang Meng: "Interview" 1994 sagt er, die Dialektik Kants habe ihn "tief beeindruckt". An anderer Stelle betont er die Bedeutung der Naturwissenschaften, insbesondere der "Logik"mmdccclxxxix und der "Abstraktion"mmdcccxc, für sein Leben. In Wang Mengs Lehressays glaubt H. Martin sogar den philosophischen Scheindialog aus den Anfängen der chinesischen Essayschreibung wiederzuerkennen.mmdcccxci
    Das in den Lehressays vermittelte Lebenskonzept Wang Mengsläßtsich in folgenden Punkten zusammenfassen: Wesensverwandtschaft aller Menschen, Unfaßbarkeit der Einzelnen ("Nie wirst du wie ich wissen: Wer ist Wang Meng?"), Bescheidenheit statt Prahlerei, Liebe zum Leben, Optimismus (trotz schwerer Zeiten), Literatur als Sucht, Problembewältigung durch logische Analyse, Unbefangenheit gegenüber Religiösität,mmdcccxcii keine Kommerzialisierung. Das praktische Schreibkonzept ist in folgenden Punkten zu skizzieren: Kein Verstellen als "Möchtegern-Ausländer"mmdcccxciii, kein Konservativismus, sondern Offenheit für Neuesmmdcccxciv, Integrität statt Opportunismus gegenüber dem Vulgärgeschmack, keine Imitation vorhandener Stile und Ansätze anderer Autoren oder Wiederholungen aus dem eigenen Werk, Zeitdokumentation, Natürlichkeit, Schilderung von Außen- und Innenwelt, Originalität, keine Zweckgebundenheit der Literatur im Hinblick auf die Intention oder den roten Faden des Werkes, keine Schwarz-weiß-Malerei, Wahrheit, keine Trivialliteratur sowie Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Leser.
    Der Literaturkritiker Wang Meng zeichnet sich durch Toleranz gegenüber anderen Schriftstellern aus, da er zunächst versucht, das Werk aus der Sicht des Autors zu betrachten.

Entwicklung im Werk

    In der jungen Volksrepublik berühmt geworden durch seinen kritische Erzählung "Der Neuling in der Organisationsabteilung"mmdcccxcv (1956) und den enthusiastischen Roman Es lebe die Jugend! mmdcccxcvi (1956 - 1957) gehört Wang Meng mit seinen Erzählungen aus dem uigurischen Exilmmdcccxcvii (seit 1977) und einigen Kurzgeschichten, die im Stil des Bewußtseinsstromsmmdcccxcviii geschrieben waren (seit 1979), zu den Schriftstellern, die nach der 'Kulturrevolution' ein literarisches Comeback geschafft haben. Gleichzeitig begann seine Karriere als Literaturkader im Schriftstellerverband, die ihn bis zum Amt des Kulturministers (1986 - 1989) brachte.
    Die Essays gewinnen im Schaffen Wang Mengs gegenüber den Erzählungen an Bedeutung. Dies belegt ein Blick auf die Zahlmmdcccxcix der veröffentlichten Essays und Erzählungen: In den 1950er Jahren waren es 8 Erzählungen, 8 Essays, in den 1960er Jahren 2 Erzählungen, 2 Essays, in den 1970er Jahren 15 Erzählungen, 24 Essays, in den 1980er Jahren 90 Erzählungen, 290 Essays, dieser Trend setzte sich in den 1990er Jahren fort (1990-92 19 Erzählungen, 111 Essays). Das Gesamtverhältnis beträgt für die Zeit 1948 bis 1992 134 Erzählungen gegenüber 437 Essays.
    Unabhängig von seinem literarischen Talent hat es Wang Meng im 'postkulturrevolutionären' China bis zur Gegenwart geschafft, als Meister der Gratwanderung in Politik und Kultur Einfluß zu nehmen. Seine Grundüberzeugung dabei ist die Notwendigkeit der Liberalisierung von Wissenschaft und Kunst unter Berücksichtigung der chinesischen Besonderheiten. 
    Der Autor ist sich seiner eigenen Entwicklung weitgehend bewußt. In "Meine Forschung"mmcm schreibt er, daß er in den 1950er Jahren ein sehr klares Bild von der Gesellschaft und dem, was zu schreiben notwendig sei, gehabt habe. Sein damaliges Schreiben habe man auf die Formel bringen können "Revolution plus Jugend".mmcmi Mehr als 20 Jahre später sei diese Naivität einer Nüchternheit gegenüber den komplexen gesellschaftlichen Problemen gewichen.mmcmii
    In Wang Meng: "Interview" 1994 schildert er die Widerspiegelung seiner Entwicklung im Romanmmcmiii und den Wandel seiner Gefühle innerhalb der letzten zwanzig Jahre: 

[Der] Essay "Wenn du zur Feder greifst…" stammt aus den späten 1970er Jahren. Er wurde aus dem Gefühl heraus geschrieben, das ich empfand, als ich nach über 20 Jahren Schweigen in die Literaturwelt zurückkehrte. Wenn ich heute zurückblicke, finde ich, daß sich meine Gefühle sehr stark gewandelt haben. Das heißt, Schreiben ist allmählich zu einem Teil meines Alltagsleben geworden. Nicht immer, wenn ich schreibe, empfinde ich ein hehres Gefühl.mmcmiv

    Im  "Interview" 1994 äußert Wang Meng auf die Frage, ob Politik Literatur beeinflussen solle, daß sie dies stets tue, er aber hoffe, daß der Einfluß so weit wie möglich verringert werden könne.mmcmv
    Der Vergleich verschiedener Essays zwischen 1948 und 1992 ergibt folgendes Bild: In "Chuntian de xin 春天的心" (Frühlingsherz) (1948) zeigt sich der Autor neugierig auf die Veränderungen in der Natur und voller Hoffnung im Hinblick auf die gesellschaftlichen. Er ist selbstsicher, denkt positiv, beschreibt seine Umwelt detailliert (Frühlingsregen) und lebendig. Der etwa 60jährige Wang Meng urteilt über "Frühlingsherz" in "Als ich auf der zivilen Mittelschule war" (geschrieben 1992), früher habe er zuviele Adjektive benutzt und zu gefühlsbetont geschrieben. Während seine damaligen Texte jede Zelle erweichen wollten, beschreibe er jetzt nur noch die Realität. Hätte er schon damals die Realität beschrieben, so hätte er die strengen Lehrer und das harte, einfache Leben beschreiben müssen, stattdessen habe er sich in eine literarische Traumwelt geflüchtet.
    Der späte Wang Meng beschreibt ebenfalls einen Regen, bezeichnenderweise nicht mehr den des Frühlings, sondern ein Gewitter im "Hochsommer" (1992). Er beschreibt es als unrhythmisch, unmelodisch und doch leicht. Er macht sich Sorgen wegen möglicher furchtbarer Überschwemmungen.
    In "Gelöst" (1992) fragt ein Kind den Erzähler, warum er immer so unsinnige Dinge tue. Seine Antwort lautet, im Unsinn stecke ein Sinn: Wenn er jeden Tag ernst wäre und dem Ehrgeiz nachjagte, würde er explodieren. Wang Meng beschreibt nicht mehr wie im "Frühlingsherz" seine eigenen Gedanken, sondern wählt eher die Perspektive der anderen. Er schließt mit der daoistischen Forderung, im Leben sowohl fleißig wie auch gelöst zu sein, erst dann könne man das Leben genießen.
    Aus der Verteilung der Untergattungen in der Bibliographie der Werke läßt sich die Erkenntnis gewinnen, daß sich Wang Mengs Interessen nach seinem essayistischen Schaffensbeginn 1979 von Literatur- und Schaffensfragen (1979 bis 1982) über allgemeine Begleittexte zu Werken und Sammlungen (dank seinem Popularitätshoch 1986) bis hin zu Kolumnenbeiträgen 1989 bis 1992 und literaturwissenschaftlichen Untersuchungen 1990 bewegt haben. Auffällig ist 1991 bis 1992 der stärkere Anteil an reflektierenden Texten (Resümées, Autobiographisches).
    Betrachtet man die frühen Essays Wang Mengs und solche aus den Jahren 1992 bis 1994, so zeigt sich folgende Entwicklung: Als Jugendlicher drückte er in den Essays seine Begeisterung für die gesellschaftliche Umwälzung durch die kommunistische Revolution aus und beschwor die Vision eines Arbeiter- und Bauernparadieses. Unter dem Einfluß sowjetischer Literatur schrieb er nun in der Überzeugung, das Leben sei stärker als das Individuum und nicht durch dieses zu beeinflussen.
    Nach Schreibverbot und Verbannung drückt sich in den Essays die ganz andere Erkenntnis aus, daß Literatur durchaus intervenieren könne, und zwar über die Herzen der Leser. In seinen Essays zum Traum der Roten Kammer betont Wang Meng, daß der Nutzen der Literatur in der "Unterhaltung" bestehe, ja, daß diese geradezu ihre Aufgabe sei. Dementsprechend wirken seine neuen Essays wie "Wang Shuo - eine Herausforderung", "Ich liebe es, den Traum der Roten Kammer zu lesen" und "Gelöst" lockerer und sind flüssiger und erfrischender zu lesen als die früheren.
    Wang Meng besitzt die Autorität eines anerkannten 'Reiseführers' durch die chinesische Literatur und Kunst. Diese Autorität bezog er in der chinesischen Leserschaft zunächst aus seinen Erstlingsroman, vor der 'Kulturrevolution' im Wesentlichen aus seiner – später revidierten – Verurteilung als 'Rechtsabweichler' und danach aus seiner 15jährigen Verbannung (wie Deng Xiaoping aus seiner Teilnahme am Langen Marsch) sowie aufgrund von Hinweisen auf seine guten Kontakte zu führenden Persönlichkeiten (siehe Wang Meng: "Interview" 1994). Nachdem seine Ablösung 1989 im Zusammenhang mit der Demokratiebewegung nationale Aufmerksamkeit gefunden hatte, hat er etwa seit 1990 durch seine viel gelesenen Essays die Rolle eines 'nationalen Kommentators' eingenommen.

Stil und Form Vielleicht […] haben die zwei Jahrzehnte Schreibverbot eine gewisse Übersensibilität erzeugt; klare Rationalität seiner Werkstruktur strahlt eine gewisse Kühle ab, eine Tendenz der abgewogenen Worte, die nicht immer vom Herzen zu kommen scheint.mmcmvi

    Die Texte erscheinen abgerundet, teilweise durch eine Rahmung in sich geschlossen (Anzweiflung der Authentizität des Übersetzers bei "'Leuninger' und seine Augen" zu Beginn und am Ende des Essays). Ironie und Spannungsbogen werden durchgehalten. 
    Einzig nachweisbare Diskrepanz von Theorie und Praxis ist Wang Mengs aus Sicht des Jahres 1989 karrieremotiviertesmmcmvii Lippenbekenntnis zum alleinigen Führungsanspruch der Kommunistischen Partei, den er freilich in seinem literarischen Werk zwischen den Zeilen kritisiert. 1989 duldete er jedoch dessen Infragestellung: 2.800 Beamte seines Ministeriums beteiligten sich an der Demokratiebewegung.mmcmviii
    Wang Meng verwendet in den Essays ebenso wie in seinen Erzählungen vielfältige Stilmittel, unter anderem verfremdende Ausdrücke, Ironie, Metaphern, Allegorien, Parabeln, Vergleiche, Personifikationen, wörtlich genommene Bilder, Titel etc.mmcmix

Essaytheorie

    Wang Mengs Schreibweise entspricht den Forderungen in seinen Lehressays nach fuzahua 复杂化 (grüßere Komplexität der Literatur, um der Unübersichtlichkeit der schnellebigen, spezialisierten und im reformerischen Umbruch befindlichen Gegenwartswelt zu entsprechen) und duoyanghua 多样化 (inhaltliche wie formale Vielfalt).
    Zum formalen Wesensmerkmal des Essays erhebt Wang Meng die Formlosigkeit, aus der sich auch das Ablehnen von Tendenzliteratur herauslesen läßt (siehe eingerücktes Zitat S. 555).
    In "Essays"mmcmx lieferte er eine poetische Umschreibung: 

Der Essay ist die Essenz aus Poesie und Weisheit. Mir mißfallen süßliche Essays, die betören wollen und sich doch nur aufspielen. Der Essaystil, der mir gefällt, ist natürlich, wirklichkeitsnah, prägnant, ungezwungen, klar und flüssig. Der Essay erlaubt uns die wahrheitsgetreueste Darstellung von Gefühlen, Geschmack und Personen.mmcmxi

    In Wang Meng:  "Interview" 1994 führt er vier Untergattungen des Essays an: lilunxing 理论性 (theoretische), pinglun 评论 (kritisierende), jishixing 记事性 (aufzeichnende) und shuqingxing 抒情性 (gefühlsbetonte). Er selbst schreibe zawen 杂文 (vermischte Essays)mmcmxii ("die Dinge des Lebens werden kritisiert, verspottet, ironisiert, oder ich spotte über mich selbst bis zur Resignation"), theoretische Essays und Kritiken ("diese Art der Kritik ist im strikten Sinne kein Theoriebeitrag, kein paper, keine wissenschaftliche Arbeit"). Die meisten seiner Essays seien, so Wang Meng im "Interview" 1994, Aufzeichnungen von Lebenserfahrungen und empfindungen.mmcmxiii
    Wang Mengs Essayverständnis hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt: Er mißt der Form inzwischen stärkere Bedeutung bei. Das zeigt ein Blick auf die einzelnen Benennungen seiner Essays und ihrer Untergattungen (siehe S.  ff.) in den von ihm autorisierten Sammelbänden Wenn du zur Feder greifst…mmcmxiv (Februar 1981) und Wang Meng: Werke 1993, Bde VI - X (Dezember 1993). Die unter diesen Untergattungen gefaßten Essays entsprechen (bis auf die Interviews und wenige, einzeln kenntlich gemachte Ausnahmen) auch den definitorischen Anforderungen des chinesischen und des internationalen Essays der Gegenwart.
    Zu den Vorlieben seiner Gattungen erklärt Wang Meng: 

Zumindest habe ich Gründe zu hoffen, daß meine Werke mich überdauern werden. Nach meinem Tod wird vielleicht ein junger Mann wegen einer meiner Essays lächeln, wird vielleicht ein Mädchen wegen eines meiner Gedichte den Gesichtsausdruck verändern, wird vielleicht ein alter Mann wegen einer meiner Erzählungen viel leiden. Nur daran zu denken, kann schon Begeisterung auslösen.mmcmxv

    Für den Schriftsteller ist bei der Wahl der Gattung (Essay, Gedicht, Erzählung) wichtig, welche Inhalte man darin unterbringen könne. Hier trifft Wang Meng eine klare Aussage: "Der Essay erlaubt uns die wahrheitsgetreueste Darstellung von Gefühlen, Geschmack und Personen."mmcmxvi 
    Wang Meng ist sich bewußt, daß Essays keine wissenschaftlichen Abhandlungen ersetzen, und weist auf seine fehlende wissenschaftliche Qualifikation hin.mmcmxvii
    Andererseits sieht er in seinem Essay "Ein Problem, das Untersuchung und Erörterung verdient:  "Halbbildung"mmcmxviii die Gattung des Essays gegenüber der der wissenschaftlichen Abhandlung als "beseelt" und belegt letztere im Hinblick auf den Autor negativ:

Kritiken und Forschungsbeiträge mancher Wissenschaftler lehnen […] [die Schriftsteller] oft dankend ab. Sie finden, daß diese oberflächliche, zugleich aber pedantische, schematisierende und inhaltsferne Art der Rezeption nur die Seele des Autors tötet.mmcmxix

    Der Unterschied zwischen beiden Gattungen verleihe beiden Existenzberechtigung, bei Montaigne sei der Essay aus einer bewußten Abkehr von wissenschaftlicher Abhandlung entstanden. Wang Meng erhebt diese Thematik zu einer Grundsatzfrage von Wissenschaft und Dichtung. In seinem Essay "Halbbildung" fordert er zwar eine stärkere Orientierung der Schriftsteller an der Wissenschaft,mmcmxx sieht jedoch auch Vorteile des Autors gegenüber dem Wissenschaftler.mmcmxxi

Rezeption bei Kollegen

    Feng Jicai 冯骥才mmcmxxii schreibt in seinem Essay "Ein Wort zu Wang Meng"mmcmxxiii, viele hätten ihn kritisiert, weil er gegen die chinesische Literaturtradition Werke wie "Augen der Nacht" geschrieben habe. Über Wang Meng meint er, daß dieser die Herausforderung zum Kampf brauche.mmcmxxiv Handlungen und Figuren bei Wang Meng seien konkret und wirklichkeitsnah. Wang Mengs unkonventionelle Werke verwirrten die Leser, machten sie besorgt und skeptisch.
    Fang Xu 方旭mmcmxxv beschreibt am 1. April 1992 in einem Essay seinen "Eindruck von Wang Meng"mmcmxxvi, er habe Wang Meng 1981 bei einer Rede kennengelernt. Wang Meng sei ihm voller Freundlichkeit erschienen, als Optimist.

Ergebnisse

    1. Der Kader und Literat Wang Meng arbeitet seine biographischen Erfahrungen als Kader nur in fiktionalen Texten auf, in nicht-fiktionalen Texten bekennt er sich nur zum Literaten.mmcmxxvii
    2. Wang Meng konstruiert seine Werkemmcmxxviii im Bewußtsein der Gattungsproblematikmmcmxxix.
    3. Seine Stärke liegt in seinen kürzeren Texten, dies zeigt sich besonders deutlichmmcmxxx an den qua Definitionmmcmxxxi kurzen Essays.
    4. Wang Mengs Entwicklung zeigt sich in seinen Essays deutlich: Vom jugendlichen Enthusiasten der kommunistischen Sache entwickelte sich der junge Autor über den sowjetisch beeinflußten Deterministen, der die Gesellschaft als übermächtig und unveränderbar sah, bis zu dem aus der Verbannung zurückgekehrten Aufrührer der Herzen und schließlich zum "Unterhalter" und philosophischen Mahner.mmcmxxxii
    5. Für Wang Meng erhält im Laufe seiner Entwicklung die Literatur den Primat vor der Politik. Für ihn steht schließlich fest, daß der Einfluß der Politik auf die Literatur verringert werden müsse. Nachdem die Literatur zunächst im maoistischen Verständnis dem "Aufbau des Sozialismus" zu dienen hatte (vor der 'Kulturrevolution'), erhält sie in Wang Mengs Verständnis schließlich Korrekturfunktion gegenüber der Politik (1982) und kann sich schließlich aufgrund ihres künstlerischen Werts als unabhängig erklären (1994).
    6. Wang Meng setzt sich in einigen seiner Essays für eine politische Umgestaltung Chinas ein, innenpolitisch für Liberalisierung und Rechtsstaatlichkeit, gegen Autokratie, Wasserkopf-Bürokratie, die zu Anarchie führe, Willkürherrschaft, den Degenerationsprozeß, Machtmißbrauch und egoistische Interessenverfolgung im Namen des großen Kollektivs.mmcmxxxiii Mit der Sowjetunion bricht er, nachdem er sie lange als Vorbild gesehen hat.mmcmxxxiv
    Als politischer Literat hat der ehemalige Kulturminister Wang Meng eine Gratwanderung zwischen Liberalisierung und Parteitreue vollführt und somit im Gegensatz zu Yu Guangzhong seine kritische Haltung gegenüber den Fehlern der Partei in seiner Literatur konsequent ausgedrückt. Dies war in der Groteske über den Zähen Brei so, als er sich noch um das politische Amt bemühte, es war in seinen Kommentaren zum Traum der Roten Kammer nach seiner Abdankung als Kulturminister ebenso. Wang Meng hat allerdings einmal an die Parolen geglaubt, weshalb sein Spott darüber weniger zynisch klingt als der Wang Shuos, der diese Parolen völlig unbefangen der Lächerlichkeit preisgeben kann. Sein Optimismus läßt Wang Meng politisch ein wenig naiv erscheinen, wenn er nach der 'Kulturrevolution' und den Juniereignissen weiterhin auf die Wandlungsfähigkeit der Partei setzt. Dieser Optimismus und die Beherrschung der Kadersprache ("für den Aufbau einer sozialistischen Kunst und Literatur möchte ich alle meine Kräfte einsetzen") erleichtern Wang Meng die Lippenbekenntnisse, die bei ihm in den 1990er Jahren immer häufiger durch deutliche Kritik oder ein liberales Manifest konterkariert werden. Wang Meng hat zu den zahlreichen Dingen, zu denen er sich in seinen Essays äußert, eine dezidierte Meinung, zu der er steht. So hat er eine stärkere Position als etwa Zhou Zuoren, der zwar für seine Überzeugung einstand, allerdings im nachhinein erkennen mußte, daß er aus Sicht der Landsleute falsch gehandelt hatte. Die Stärke von Wang Mengs Position kommt allerdings sicherlich aus der Gewißheit, daß er für viele Intellektuelle spricht und die Bevölkerung hinter ihm steht, z.B. wenn er orthodoxe Ultralinke verklagt.
    Mit Wang Meng ist der vierte der fünf hier als repräsentativ ausgewählten chinesischen Essayisten der Gegenwart erläutert, es folgt nach einem kurzen Exkurs zu Liu Zaifu als fünfter Jia Pingwa, Chronist ländlicher Bräuche und regional gebundener Geschichten, der sich diesen Beschreibungen in seinen Reiseberichten ausführlich widmet.

In chinesischer Gedankenwelt gefangen - Liu Zaifu

    Der in Amerika lebende Liu Zaifu 刘再复mmcmxxxv (geb. 1941) zeigt in seinen neueren kulturkritischen Essaysammlungen Aufzeichnungen eines Vagabundenmmcmxxxvi 1991 und Über 25 Arten von Menschenmmcmxxxvii 1992, daß er auch in Amerika in seiner chinesischen Gedankenwelt befangen geblieben ist.mmcmxxxviii Im Nachwort der satirischen Karikaturen chinesischer Charaktere ordnet er sich selbst den Menschen zu, die in "Nischen" der Gesellschaft leben und denken, denn nur hier blieben sie von Restriktionen verschont und könnten überleben.mmcmxxxix
    Zu Liu Zaifu liegt ein Aufsatz von 1996 vor,mmcmxl der Lius Verständnis der Rolle und der Möglichkeiten von Intellektuellen gegenüber den Autoritäten untersucht. 
    Liu Zaifu war Direktor der Akademie der Sozialwissenschaften in Peking und lebt seit 1989 im amerikanischen Exil, wo er zunächst in verzweifeltes Schweigen verfiel und sich dann am Vorbild von Thomas Mann aufbaute, der deutsche Kultur nach Amerika gebracht zu haben glaubte.mmcmxli
    Wenngleich Liu Zaifu in seinen Essays Anklänge an die Form Lu Xuns zeigt, scheinen ihm die Inhalte wichtiger als die sprachliche Form: Bis auf den stimmungsvollen, beinahe lyrischen Essay "Si de qi shi de luo ye 死得其时的落叶" (Herbstlaub) sind die abwechslungsreichen Texte nur schwer in literarisches Deutsch zu übersetzen. 
    Im Essay "Herbstlaub"mmcmxlii beschreibt Liu lyrisch die Erfahrung im amerikanischen Exil, daß man dort Herbstspaziergänge unternehme und sich am herabgefallenen Laub erfreue. Liu Zaifu assoziiert zum fallenden Herbstlaub philosophierend den Kreislauf des Lebens und die Überlegung, daß man zur rechten Zeit sterben solle.
    1993 erschien eine ins Englische übersetzte Abhandlung von Liu Zaifu über eine Neubetrachtung des Subjekts und der Subjektivität von Literatur, die Liu anläßlich seines Wechsels in die Vereinigten Staaten als Reflexion über die eigene Position verfaßte.mmcmxliii
    In den 1994 erschienenen Essaysammlungen Zeiten, in denen man weit abdriftet,mmcmxliv in der er u.a. weitergehende Auslandserfahrungen und Probleme von Exilchinesen beschreibt, sowie Absetzung der Mythen. Ein Ausblick auf die Literaturtheorie und eine Neubewertung der neueren Literaturgeschichte,mmcmxlv in der Liu eine Neubewertung der in der VR Ch ideologisch verfälschten Geschichte der chinesischen Literatur versucht.
    1996 hielt er ein Gespräch mit dem Philosophen Li Zehou fest: Gaobie geming 告别革命 (Abschied von der Revolution).mmcmxlvi
    Mit weniger philosophischen Gedanken beschwert, hat Xue Erkang 薛尔康 (geb. 1947) die "Herbstblätter Nordchinas" mmcmxlvii beschrieben.


6.5 Einfache, aber eindrucksvolle Beschreibungen von Land und Leuten - Jia Pingwa 贾平凹 (geb. 1953) 散文是飞的艺术, 游的艺术, 它很自由。mmcmxlviii Der Essay ist die Kunst zu fliegen und zu reisen, er ist sehr frei.

    Die umfangreiche Primärliteratur von Jia Pingwa ist dank hoher Auflagen verfügbar. Als Objekt der Literaturwissenschaft wurde der junge Autor bislang noch kaum wahrgenommen. Es liegt eine Studie von Kam Louiemmcmxlix vor. Er untersucht das Jia Pingwas Roman Human Extremities* zugrundeliegende Männerbild auf der Grundlage soziologischer Betrachtungen, ausgehend von der Beobachtung, daß Frauen im China der Reformen ähnlich benachteiligt werden wie in der 'Kulturrevolution'.mmcml Jia Pingwa beschrieb in diesem Roman das wechselhafte und verlustreiche Leben des Landbewohners Guangzi während und nach der 'Kulturrevolution', der im Laufe seines Lebens zunächst seinen Busenfreund und anschließend zwei Frauen verliert, mit denen er liiert war.
    Autobiographische Daten lassen sich aus folgenden Texten gewinnen: dem Essay "In den Bergen von Shangzhou - Nachschrift zum 'Vorwort zum 'Abnehmenden Mond",mmcmli der auf den 25. Februar 1984 datiert ist, aus der "Kurzen Vita"mmcmlii und dem "Lebenslauf",mmcmliii beide aus dem Jahr 1992. Jia Pingwa steht in der vorliegenden Studie auf Platz 1 der Liste der Essayisten der Gegenwart, die nach 1949 geboren wurden, er steht auf Platz 8 der Liste der Essayisten der Gegenwart und Platz 23 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    Jia Pingwa 贾平凹, ursprünglich 贾平蛙mmcmliv, wurde am 21. Februar 1953 in Shanxi 陕西 geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war Lehrer. Seine Jugend verbrachte er in Xi'an. Er studierte, arbeitete dann in der Landwirtschaft, nahm später sein Studium aber wieder auf. Anschließend war er kurzzeitig als Redakteur tätig.
    Seit 1973 schrieb er zahlreiche Essays, wurde aber zunächst durch seine Erzählungen berühmt. San Mao 三毛mmcmlv nannte ihn einmal in einem Brief den "von Herzen geliebten großen Lehrmeister".mmcmlvi Auch Wang Zengqi hält ihn für einen "teuflisch begabten Schriftsteller".mmcmlvii Das Leben auf dem Lande ist bevorzugtes Thema Jia Pingwas, besonderen Wert legt er auf die rasanten Veränderungen und bestimmte, von den Veränderungen verschonte Traditionen. Weiter bekannt wurde Jia Pingwa durch den pornographischen Roman Verrottete Hauptstadt,mmcmlviii der in ungewöhnlicher Offenheit über Sexualität einfacher Menschen auf dem Lande berichtet, die für die Landbevölkerung häufig die einzige Abwechslung zur Arbeit darstelle.
    In einer Literaturkritikmmcmlix aus der VR Ch werden folgende Essaysammlungen hervorgehoben: Jia Pingwas Essays. Eine Auswahl des Autorsmmcmlx sowie die "schmale, aber gute" Sammlung Baopu ji 抱朴集mmcmlxi (Zündelholzbündel. Eine Sammlung), deren erster Essay "Der häßliche Stein" ist. Jia Pingwas Essayschaffen habe nach einer Literaturkritik aus der VR Ch Anfang der 1980er Jahre begonnen.mmcmlxii
    Seit den 1980er Jahren erschienen fünf Sammlungen mit dem Zeichen ji 迹 (Spuren) im Titel, die erste war Mondspuren mit 25 Essays.mmcmlxiii Mit der Verwendung des Wortes "Spur" in den Titeln seiner Essaysammlungen erinnert Jia Pingwa an Zhu Ziqing, der bereits 1924 die Sammlung Spuren veröffentlichte (vgl. S. 309). Der Essay "Mondspuren",mmcmlxiv der erstmals in einer Zeitschrift in Tianjin erschien, beschreibt ein Ereignis während des Mitherbstfestes, in der einige Kinder entdecken, daß jeder seinen eigenen Mond besitzen könne. Der Mond wird in seiner Schönheit und Reinheit dargestellt. Diese könnten einem zum Schritt in eine unbegrenzte Welt verhelfen. Mit der Reinheit kindlicher Gefühle drückt Jia eine Sehnsucht aus, die seiner Meinung nach allen Menschen gemeinsam ist. Der Stil ist aufgrund der kindlichen Protagonisten simpel und vermittelt dennoch einen würdevollen Eindruck.
    Von einer Literaturkritik aus der VR Ch wird Jia Pingwas berühmter Essay "Häßlicher Stein"mmcmlxv hervorgehoben, der Jia Pingwas Fähigkeit, seine praktischen Erfahrungen anschaulich darzustellen, belege. Er offenbare Jia Pingwas Prozeß des Nachdenkens über das menschliche Leben und die Gesellschaft.mmcmlxvi
    Ein volksrepublikanischer Kritiker urteilt über den "Häßlichen Stein", "er hat schon bessere Essays geschrieben. Essays dieser Art sind noch 'Di ping xian 地平线' (Der Horizont), 'Pin cha 品茶' (Tee genießen) und 'Taiyang lu 太阳路' (Der Lauf der Sonne). Sie alle sind durch einen Geistesblitz veranlaßt und wollen eine philosophische Erkenntnis vermitteln, aber er variiert seinen Stoff und seine Intentionen nicht ausreichend, seine Sprache erscheint ungeschliffen. Seine Essays sind vor allem deshalb so beliebt, weil sie Anfang der 1980er Jahre die Hoffnung der Menschen auf Öffnung in Worte kleideten."mmcmlxvii
    Jia Pingwa wird von der Beobachtung einer französischen Palownie vor dem Fenster im Wechsel der Jahreszeiten zu philosophischen Gedanken angeregt, die er am 16. August 1981 im Essay "Blätter im Wechsel der Jahreszeiten"mmcmlxviii festhielt. Darin wird er sich der Kürze seines eigenen Lebens und der Großartigkeit der Natur bewußt.
    Im Essay "Den Berg lesen",mmcmlxix datiert auf den 29. April 1982, beschreibt Jia die übermächtige Naturerscheinung eines Berges, der das Leben in einem Tal bestimme. Er verwendet dazu eine aufgrund ihrer Einfachheit umso wirksamere Sprache.
    Jia Pingwa beschrieb im September 1982 die große Stille und Ödnis auf dem Hochland Huangtu, Shanbei 陕北 im Essay "Hochland Huangtu",mmcmlxx veröffentlicht in einer Zeitschrift in Zhengzhou 郑州. Darin beschreibt Jia kontrastiv Szenen des Essens auf Hochzeiten und Straßenbaustellen. Nebenbei werden Sitten und Charakter der Bewohner sowie zahlreiche Besonderheiten der Region vorgestellt.
    Land und Leute in Shanbei 陕北 sind im Essay "Reise nach Sanbian",mmcmlxxi der auf den 23. Oktober 1982 datiert ist und in einer Zeitschrift in Zhengzhou erschien, detailliert beschrieben. Er malt das Bild von Kühen und Schafen auf grenzenlosen Weiden, schildert die Gastfreundlichkeit der Menschen. Er beschreibt den Charakter der Nomaden als geradeheraus und ehrlich. Jia Pingwa macht seine Position deutlich, er drückt seine tiefe Liebe zur Landbevölkerung aus.
    1983 beschrieb Jia Pingwa die "Shanxi-Oper"mmcmlxxii (hier 陕西) in einer Pekinger Zeitung. Der Essay zeichnet sich neben seinen kulturellen Informationen durch den deftigen Humor aus: 

Dann entsteht unten ein Chaos, die Leute hinten veranlassen die Leute vorne, sich zu setzen und nicht mehr aufzustehen. Die vorne fragen zurück, warum die Leute noch stünden, die ganz vorne sind. Die Leute draußen rufen ihre Verwandten, ob sie schon einen Platz gefunden haben, und die kreischen sofort zurück "Komm sofort rein!" Die Leute, die Teigfladen essen möchten, heißen die Bekannten für sich einen kaufen. Nachdem diese welche gekauft haben, werfen sie diese von außerhalb mit einem Wurf "ssst!" über viele Köpfe geradewegs ins Ziel, nicht rechts daneben und nicht links daneben. Der Linke beschwert sich, daß ihm der Rechte auf den Fuß getreten sei, der Rechte schreit den Linken an, daß er seine Niere drücke, einer sagt, das Jahr des Hundes sei doch schon vorbei, warum ein anderer immer noch schreie? Der andere antwortet: "Das Schweinejahr hat noch nicht begonnen, wieso beginnst du schon zu grunzen?" Beide Seiten beginnen deswegen, einander zu schlagen und zu treten, die anderen nutzen diese Lage aus und drängen sich hinein, zugleich wollen die Leute drinnen das Eindringen verhindern, es entsteht ein Menschenstrudel, in der Bewegung an das Getreide erinnernd, wenn der Wind im April über die Felder weht, die Wurzeln stehen fest, nur die Köpfe ragen einmal nach Westen, einmal nach Osten, während sich Schreien, Schimpfen und Weinen vermischen. Manche kommen mit aller Kraft heraus, und entdecken erst dann, wie groß die Welt doch eigentlich ist. Der Körper ist geschwollen, aber die Schuhe beinahe verloren und die Haare sind durcheinander. Der Vorhang wird ein wenig hochgezogen, und der Leiter der Operngruppe kommt schreiend heraus, um Ordnung zu schaffen. Sofort springen zwei sogenannte "Rauswerfer"mmcmlxxiii herbei, diese haben immer ein sehr einfaches Hirn und starke Muskeln, stehen aber sehr treu zur Shanxi-Oper. Jetzt nehmen sie einen Knüppel in die Hand und schlagen auf alles ein, was sich drängt. Sie schlagen wie der Teufel. Jeder haßt sie und schimpft auf sie, aber jeder hofft auch auf ihr Auftreten, und nennt sie Opern-Gendarmen, was sie noch pflichtbewußter macht. Obwohl sie die ganze Nacht keine Oper sehen können, sind sie zufrieden, wenn alle mit der Nacht zufrieden sind.mmcmlxxiv […] Wenn die Oper "Jiu Pei Sheng 救裴生" (Rettung des Pei Sheng) gegeben wird, hockt sich Huiniang 慧娘 in der Mitte der Bühne nieder, ganz langsam, bis sie ganz am Boden ist. Dann sind auch die Zuschauer zehn Zentimeter kleiner. Wenn sie sich langsam wieder erhebt, ziehen die Zuschauer ihre Hälse auch langsam wieder heraus, bis sie wieder normale Länge besitzen.mmcmlxxv

    Jia zeigt, daß die Shanxi-Oper tief in den Sitten und Traditionen der Bewohner verwurzelt ist. Sie bringe den Menschen Freude, lasse sie ihre Gefühle ausdrücken. Oper und Bräuche der Menschen ergänzen sich in diesem Essay harmonisch.
    Jia Pingwa berichtete am 18. Dezember 1982 im Essay "Ein Schriftsteller"mmcmlxxvi über das Schicksal eines unbekannten Schriftstellers, dem es zwar materiell nicht besonders gut geht, der aber daran glaube, daß er alleine mit Fleiß zu einem guten Schriftsteller werde. Tatsächlich aber sehe die Realität anders aus: Er habe sein Leben lang nur einen Leser gehabt, seine Frau. Der Autor habe sich davon aber nicht entmutigen lassen und optimistisch weitergeschrieben. Der Stil dieses Essays ist ironisch und spöttelnd, enthält aber auch einen traurigen Zug, insgesamt wirkt er detailliert und stimmig.
    Im Essay "Über Guanzhong"mmcmlxxvii beschrieb Jia am 14. Dezember 1983 Sitten und Gebräuche sowie Charakter der Bewohner von Guanzhong. Im Kontrast zur Rückständigkeit in der Gegenwart erinnerte Jia Pingwa daran, daß im Laufe der Geschichte zahlreiche Helden aus diesem Gebiet hervorgegangen seien. Diese Entwicklung bereite ihm Sorgen. Die Beschreibung ist farbig und flüssig.
    Jia Pingwa erhielt 1984 für seine 15 Essays umfassende Sammlung Ahnenspuren der Liebemmcmlxxviii den "Nationalpreis für Essaysammlungen".mmcmlxxix
    1985 erschien die Sammlung "Herzensspuren"mmcmlxxx mit 15 Essays. Während in taiwanesischen Quellenmmcmlxxxi die Essays des Bandes Herzensspuren mit der 14 Essays umfassenden Essayreihe "Shangzhou chulu 商州初录" (Erster Bericht von Shangzhou)mmcmlxxxii und der Essay "Shangzhou you lu 商周又录" (Zweiter Bericht von Shangzhou)mmcmlxxxiii keine Beachtung fanden, werden sie in einer Literaturkritik aus der VR Ch als Belege für eine "Reifung" des Essayschaffens von Jia angeführt.mmcmlxxxiv Tatsächlich dokumentieren sie, wie stark Jia Pingwa in seiner Heimat, den entlegenen Bergen von Shangzhou, verwurzelt ist und wie er von hier Themen und Inspiration erhielt. Jia veranschaulicht die frühere kulturelle Grüße des Gebietes und tritt für Kontakt und Westöffnung ein, dokumentiert aber auch die eigene regionale kulturelle Identität.
    Die 1985 veröffentlichten "Notizen vom Mingsha-Berg in Dunhuang"mmcmlxxxv beschreiben die Szenerie des Mingsha-Bergs, der südlich von Dunhuang 敦煌 liegt. Der erste Teil der Notizen handelt von den Geräuschen und der Bewegung in der Landschaft sowie dem gesamten Erscheinungsbild. Der zweite Teil beschreibt die Landschaft aus verschiedensten Perspektiven (Weitwinkel, Nahansicht, Blick die Berge empor und herab). Der Stil ist gefühlsbetont und fließend, wenngleich die Argumentation dicht ist.
    In einer Literaturkritik aus der VR Ch heißt es dazu: 

Diese Essays zeigen zweifach, daß seine Essayistik gereift war: 1. Seine Essays hatten sich vom Lehren von 'Regeln' zum 'regel'losen entwickelt […], er begann, gelöster zu werden, er konnte über alle und jedes schreiben.mmcmlxxxvi 2. Seine Essays entwickelten sich vom Buhlen um die Gunst der Lesers zur Unabhängigkeit von Erfolg. Dafür gab es drei Gründe: Der Faktor des schriftstellerischen Erfolges, der körperliche Faktor (Menschen im mittleren Alter verlagern ihre Interessen) und das Gesichtsfeld, das sich geweitet hatte.mmcmlxxxvii

    Im Essay "Der Schachspieler",mmcmlxxxviii der 1987 in einer Kantoner Zeitschrift erschien, beschreibt Jia, wie man beim Schachspielen Freundschaften schließen könne. Er warnt jedoch auch davor, daß das Leben eine seltsame Form annehmen könne, wenn man Feuer gefangen habe und vom Schachspiel besessen werde. Jia Pingwa kommt vom Schachspielen auf den Charakter von Menschen und äußert sich besorgt über einige Erscheinungen in der Gesellschaft.
    Seit Anfang der 1990er Jahre wurde Jia Pingwa auch im Westen bekannt.mmcmlxxxix
    1991 erschienen 57 Essays in der Sammlung Zündelholzbündel,mmcmxc die in einer Auflage von 8.125 Exemplaren gedruckt wurde. Unter den Essays befindet sich ein Vorwort sowie die bekannten Essays "Häßlicher Stein", "Shanxi-Oper", "Mondspuren", "Wind und Regen"mmcmxci sowie "Winterszenerie".mmcmxcii Vor 1992 erschien die Essaysammlung Jia Pingwas Essays. Eine Selbstauswahlmmcmxciii mit 96 Essays und einer Auflage von 113.000 Exemplaren. Es sind drei Vorworte enthalten, darunter eins von Jia Pingwa; die Essays sind nach den Themen Natur, Liebe, Shangzhou 商州, Reise, Literatur angeordnet. 1992 erschienen die Sammlungen Liebesspurenmmcmxciv mit 39 Essays sowie Literaturspurenmmcmxcv mit 15 Essays.
    Aufgrund der Beliebtheit der Essays in den 'Spuren-Sammlungen' erschienen in den 1990er Jahren weitere vier Essaysammlungen mit einer Auswahl von diesen Essays: 
    1992 publizierte Jia zwei Essaysammlungen: In der ersten, Jia Pingwas Essays. Eine Auswahl,mmcmxcvi sind vorwiegend Essays zusammengefaßt, in denen Jia das bescheidene Leben auf dem Lande in Nordwestchina beschreibt, wo er seine Kindheit verbracht habe. Er gibt Beobachtungen aus dem Alltagsleben wieder, aus denen er abstrahierend tiefere Einsichten vermittelt. Der Sprachstil ist einfach, gefällig und sehr anschaulich, er vermittelt das Heimatgefühl des Autors. Die zweite Essaysammlung ist Jia Pingwas Essays. Eine Auslesemmcmxcvii von April 1992. Darin zeigt Jia Pingwa eine Auswahl von 82 Essays, deren Sprache Elemente der vormodernen Schriftsprache aufweist. Im Vorwort setzt sich Jia mit der Definition des Essays und dem Verhältnis des Essays zum Zeitgeist auseinander.
    1994 war Jia Pingwa gleich mit drei Bänden in den Buchläden vertreten: Im März 1994 wurde seine Sammlung Jia Pingwas Essays. Eine Auswahl vom September 1992 zum dritten Mal aufgelegt und kam auf eine Auflage von 34.000 Exemplare. Der Essayband Jia Pingwas Essays. Eine Auslese erreichte mit der dritten Auflage im Januar 1994 60.000 Exemplare. Im Januar 1994 erschien der Band Jia Pingwas Essays. Eine Auslesemmcmxcviii mit einer  Auflagenhöhe von 20.000 Exemplaren.
    Jia Pingwa glaubt, daß die gegenwärtigen Essays in zwei Richtungen reformiert werden müßten: 1. Es müsse das intensive Gefühl einer wirklichen Situation geben. Um den Bereich der behandelten Gegenstände des Essays zu vergrüßern, müsse man üben, Großes zum Thema zu machen, man […] müsse […] die praktische Erfahrung des Selbst mit dem Kosmos und den Menschen suchen. 2. In Fortsetzung der klassischen Tradition müsse man neue Gedanken entwickeln, um die Essays der neuen Zeit nach vorne zu bringen.mmcmxcix
    Jia Pingwa propagiert "dao dafang xing zhi 蹈大方行之" (dem Einfachen zu folgen). Das hieße, man könne nicht direkt, wenn man beginne, das Essayschreiben zu erlernen, auch sofort die Technik erlernen. Die Literatur könne sich nicht von der Politik losreißen, es gebe keine Kunst um der Kunst willen, aber sie sei auch kein Vasall der Politik. Ein wichtiger Grund, warum man sich in der Gegenwart nicht für Essays erwärme, sei, daß es den Essays an Zeitgeist fehle.mmm

Interpretationen von Jia Pingwa aus der VR Ch

    In einer Literaturkritik aus der VR Ch werden Jia Pingwas Essays in fünffacher Weise charakterisiert: 1. Seine Essays bildeten zusammen eine Einheit, ihr Inhalt einen eigenen Kosmos. Wenn er ein Aha-Erlebnis zu einem Gegenstand, einer kleinen Frage, einem philosophischen Gedanken gehabt habe, schreibe er darüber einen Essay. 2. Jia Pingwa äußere seine Gefühle und Gedanken geradeheraus und aufrichtig, er verwende keine Krücken, täusche keine falsche Weisheit vor, belehre nicht.mmmi 3. Seine Gedanken und Meinungen biete er oft unklar und obskur dar.mmmii Seine Themen und Inhalte seien vielfältig.mmmiii Er besitze einen Sinn für Ästhetik und genauso für die geistige Zeitströmung. 4. Außer bei den Reiseberichten kehrten seine Essays im Schlußteil zur philosophischen Erläuterung zurück.mmmiv 5. Die "aquarellistische" Zartheit seiner künstlerischen Gedanken und Gefühle stärkten die künstlerische Ausstrahlungskraft seiner Essays. 6. Die Form ändere sich oft, die Farben seien reichhaltig. Kritisiert wird, daß 7. der Weitblick fehle, die zarten und dünnen, netten und zurückhaltenden Werke quantitativ überwiegen würden. Weiter wiesen Themen, Wörter und Sätze einiger Werke aufgrund der übermäßigen Produktion Wiederholungen auf.mmmv
    Die Texte, in denen er gewandt sei, seien Texte einer geistig-seelischen Verfassung, in denen er nicht ausdrücklich seine grundsätzlichen, unveränderlichen Ansichten beschreibe: Dies seien seine changmian sanwen 场面散文 (szenische Essays) und seine Essays über Personen, wie "Wind und Regen" und "Winterszenerie".mmmvi
    Jia Pingwas Essays durchzieht eine Atmosphäre der Rätselhaftigkeit, die auch von den darin vorkommenden Figuren gestützt wird. In einer Literaturkritik aus der VR Ch heißt es dazu: "Jia Pingwa hat sich nicht tiefer mit der klassischen chinesischen Geistesgeschichte befaßt, und er ist auch kein Analytiker,mmmvii er verwendet nur seine Empfindungskraft, um sinnlich Eindrücke in sich aufzunehmen." Seine in den Essays ausgedrückte rätselhafte geistig-seelische Verfassung lasse sich von verschiedenen Seiten her analysieren: 1. Er sei sich der "Gewinner-" und "Verlierer-"seite bewußt und schildere beide, er strebe nicht nach Ruhm und Reichtum. 2. Er erzeugt mit Hilfe bewußter Unklarheit eine rätselhafte geistig-seelische Verfassung, die einen wesentlichen Gehalt seiner Essays ausmache. Im Bewußtsein der Vergänglichkeit des Lebens beschreibe er eine von Menschen geschaffene unbegrenzte Philosophie.mmmviii
    Weiter heißt es, Jia Pingwas Essays zeichne eine gewisse "ye 野" (Wildheit) aus: 1. […] er verlasse sich auf das spontan empfundene Gefühl […]. und habe 2. Interesse am Sinn für Ästhetik, glaube an den Reiz und liebe das Grausame leidenschaftlich.mmmix Entgegen der Feststellung eines Kritikers aus der VR Ch, Jia Pingwa habe nur in seinen frühen Essays auch klassische Sprachelemente verwendet,mmmx liefert Jia Pingwa auch später zahlreiche Beispiele seiner Begabung, im Stil der vormodernen Schriftsprache zu schreiben.mmmxi
    Mit Jia Pingwa ist der jüngste der fünf vorgestellten chinesischen Essayisten der Gegenwart vorgestellt. Nach einer längeren Phase des Zwangs zur politischen Stellungnahme seit Ende der 1920er Jahre in China scheint mit Jia Pingwa nun wieder der Typ des unpolitischen Schriftstellers auf die chinesische Bühne zurückzukehren. Diese Entwicklung geht parallel mit dem Zurückweichen der Ideologie, das in den 1990er Jahren zu bemerken war, nachdem bis zur 'Kulturrevolution'  die Gesellschaft mit kommunistischer Ideologie infiltriert worden war. Die neue Entideologisierung geht bis zur inneren Ablehnung jeglicher ideologischer Beeinflussungsversuche durch weite Teile der Bevölkerung nach den Juniereignissen 1989, sie scheint mit der Haltung der jüngeren Autoren im Einklang zu stehen. Tatsächlich läßt sich ja der Einfluß der kommunistischen Ideen und später der Kommunistischen Partei auf die Literatur genau in einem identischen Zeitrahmen festmachen.
    Vor der Zusammenfassung seien im folgenden noch einige weitere Essayisten genannt, die in den 1990er Jahren mit Essays und Reportagen verstärkt in Buchhandlungen vertreten waren: 

Jiang Zilong, Liu Binyan, Liu Xinwu, Tie Ning, Wang Song, Yu Guangxuan, Zhang Huowei

    Jiang Zilong 蒋子龙 (geb. 1941) beschreibt in seinem Band in der Reihe Essays bedeutender chinesischer Gegenwartsautorenmmmxii in umfangreichen, kritischen und ironischen Essays gesellschaftliche Erscheinungen. Seine besondere Begabung liegt darin, das häßliche Gesicht der Gesellschaft lächerlich zu machen und bloßzustellen.
    Weiter seien zwei Autoren der Reportageliteratur angeführt: 
    Liu Binyan 刘宾雁mmmxiii (geb. 1925) ging mit seiner Reportageliteratur gegen soziale Ungerechtigkeiten vor und wies auch noch einmal auf die Moral seiner Geschichten hin. Zu seiner Schreibsituation ist zu bemerken: "Zwar konnten seine Schriften vereinzelt in der VR Ch erscheinen, aber sie wurden nicht repräsentativ und angemessen von Verlagen verbreitet wie die Erzählprosa anderer Schriftsteller, etwa des Autors und Kulturministers Wang Meng."mmmxiv
    1984 wurden Liu Binyans vier Reportagen "Yi ge ren he ta de yingzi 一个人和 他的影子" 1980mmmxv (Ein Mensch und sein Schatten), "Renyao zhi jian 人妖之间" (Unter Menschen und Dämonen) 1979mmmxvi, "Hen nan de qifei 很难的起飞" (Sehr schwerer Start) 1982mmmxvii und "Guandong qi renzhuan 关东奇人传" (Biographie eines ungewöhnlichen Menschen aus Guandong) mit dem "Nationalpreis für überragende Reportagen"mmmxviii ausgezeichnet.
    Zhang Xinxin 张欣辛 (geb. 1953)mmmxix dokumentierte mit ihren Pekingmenschen 1985 in Interviews ein realistischeres Bild der Menschen, als es die Propaganda vorgab.
    Liu Xinwu 刘心武 (geb. 1942) steht in der Liste der Essayisten der Gegenwart auf Platz 4, in der Gesamtliste auf Platz 14 (Rangliste siehe S. ). 
    Er kam zur Jahreswende 1993/94 gleich mit drei Essaysammlungen in die chinesischen Buchläden: In der 6.000 Exemplare erreichenden Sammlung Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidungmmmxx sind verschiedenartige Essays versammelt: Einmal gibt er Erinnerungen an seine Kindheitstage wieder, an Menschen (wie seine Mutter), dann wendet er sich in anderen gegen die kommerzielle Ausrichtung seiner Mitmenschen. Er übt Kritik an der Preissteigerung, macht sich Gedanken über das Leben mit wenig Geld und plädiert doch für ein Leben mit "vornehmem Geschmack". Schließlich äußert er sich zu seinen "deutschen Freunden". Der Titel Schweigende Kommunikationmmmxxi führt in die Irre: Es ist ein Buch mit Reiseberichten, unterteilt nach Gebieten (Europa und China), das die Reiseumstände schildert und Stimmungen in Gedichten einfängt. Es erreichte eine Auflage von 8.000 Exemplaren. Es seien 39 Essays aus den letzten beiden Jahren versammelt, so Liu Xinwu im Vorwort. Die Themen waren: Seine Erfahrungen 1992 beim Besuch einiger Staaten in Nordeuropa, inländische Reiseessays, Reisekultur allgemein. Das Buch erschien in der Reihe Jin qiangwei suibi wencong 金蔷薇随笔文丛 (Essayreihe Goldene Rose).
    Auch in der Reihe Essays bedeutender chinesischer Gegenwartsautoren,mmmxxii die 10.000 Exemplare Auflage erreichte, ist Liu Xinwu mit einem Band vertreten. In seinen gesellschaftskritischen Essays stellt er mit besonderem Gerechtigkeitssinn Auswüchse der Massenkampagnen dar. Die Sammlung enthält 73 Essays aus den Jahren 1961 bis 1992, darunter ein Vorwort, in dem er seinen Entwicklungsprozeß beschreibt.
    Die dem sozialistischen Realismus zugerechnete Tie Ning 铁凝 (geb. 1957) begann als Mittelschülerin Tagebuch zu schreiben. 1975 schloß sie die Schule ab und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und des Schriftstellerverbandes. Sie präsentierte sich Mitte 1994 mit ihrer Essaysammlung Flußtochtermmmxxiii in für China kleiner Auflage als lyrisch begabt. Darin gibt sie Erinnerungen mit poetischer Sprache wieder und beschreibt spielerisch im Wechsel Landschaft und Emotionen. Ihre Essays wirken wie kleine Erzählungen. Die Lebenserfahrungen, die sie darin schildert, wirken kompliziert, stimmen nachdenklich und teils melancholisch. Sie schreibt aus feministischer Perspektive. Wang Meng hat auch eine Erzählung Tie Nings besprochen.
    Ein Essayist der Reiseliteratur ist Wang Song 王崧, der sich Mitte 1992 mit der Sammlung von 75 Reiseessays: Farbenprächtige Traumszenemmmxxiv mit Reisezielen innerhalb Chinas und auch aus dem Mittelmeer vorstellte. Seine Essays sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt und von Radio Pekingmmmxxv in mehr als 100 Länder ausgestrahlt worden.
    Der Kuriosität halber sei an dieser Stelle die sehr umgangssprachlich verfaßte Essaysammlung des erklärten "Nicht-Schriftstellers" Yu Guangxuan 于光选 Notizen zum 70. Jahrestag  [der '4.-Mai-Bewegung', M.W.]mmmxxvi erwähnt. 66 teils politische Essays erzählen von der antijapanischen Auflehnung der Beipinger Studenten am 9. Dezember 1935 und der Gefangennahme Jiang Jieshis 蒋介石 im Handstreich in Xi'an 西安 am 12. Dezember 1936.mmmxxvii Yu vergleicht die Studenten von damals mit der heutigen Jugend. Den entlassenen höheren Beamten schlägt er vor, ihre Freizeit mit Studien zu verbringen. Er fordert zu objektiver Geschichtsschreibung auf. Theoretische Gedanken über Einstein finden sich ebenso wie praktische Erinnerungen an Krankheit und Bemerkungen zu den 'Linken'. Besonders hinzuweisen ist auf den Essay Wir brauchen Gedanken-Essaysmmmxxviii, der eine Verwissenschaftlichung der Gesellschaft fordert.
    Zhang Huowei 张火韦 stellte sich 1993 mit einer Sammlung von 106 Essaysmmmxxix vor, vier davon über Westdeutschland.
    Die Essayanthologien der Gegenwart sind noch zahlreicher als die bereits unübersichtliche Menge an Anthologien der Tradition des 'Vierten Mai'. Eine Auswahl findet sich im Literaturverzeichnis. In der Annotation findet sich jeweils ein Hinweis auf den Blickwinkel des Landes, aus dem die Auswahl getroffen wurde, und die Herkunft der Autoren (VR Ch, Taiwan etc.).mmmxxx Auffällig ist, daß in den letzten Jahren die Anthologien mit Autoren beiderseits der Taiwanstraße wieder zunehmen. In den übernationalen Auswahlen sind natürlich jeweils mehr Autoren des jeweiligen Staates vertreten. 

Ausblick: Henry Zhao und neuere Entwicklungen

    Henry Zhaommmxxxi studierte in Berkeley und war mehrere Jahre an der School of Oriental and African Studies in London tätig. Zhao schreibt wie Qian Zhongshu auf Englisch und Chinesisch über zeitgenössische kulturelle Entwicklungen. Weiter gibt er Anthologien (The Lost Boatmmmxxxii 1993, UnderSky UnderGroundmmmxxxiii 1994) junger avantgardistischer chinesischer Autoren heraus. Den Namen für die Anthologie The Lost Boat gab die enthaltene gleichnamige Geschichte von Ge Fei. 1995 erschien seine herausragende Essaysammlung Biyao de gudu 必要的孤独 (Unvermeidbare Einsamkeit) 1995. Oberflächlich analysiert er formal den erzählerischen Diskurs, tatsächlich beschreibt es die "unvermeidbare Einsamkeit" als wesentliche Bedingung der führenden Literati der Avantgarde und vielleicht auch der meisten anderen zeitgenössischen Intellektuellen. Die derzeitige Wandlungsphase sieht Zhao in großen Zusammenhängen als kreatives Element einer über dieses Jahrhundert hinausgehenden kulturellen Neuorientierung nach der kulturellen Wüste Mao Zedongs und als Fortführung der kulturellen Tradition in neuen Formen. Westliche Formen würden nicht mehr als Selbstzweck imitiert, sondern dienten als stimulus für eine autochtone chinesischen Kultur.mmmxxxiv
    Deng Xiaopings Politik von 1992 bis 1997 war es, im ideologischen Bereich "bu zhenglun 不争论" (Konflikte vermeiden), er wurde durch "zuo wang 左王" (linke Veteranen) mit Deckung durch Jiang Zemin, Li Peng und den ideologischen Hardliner und Chef der Propagandaabteilung Ding Guan'geng, einen Bridgepartner Dengs, attackiert. Einige Hardliner, die 1989 eingesetzt wurden, wurden aber zwischenzeitlich wieder entfernt, etwa Malanqinfu, Vizeparteisekretär der Chinesischen Schriftstellervereinigung. Der Außenseiter Zhai Taifeng von der Pekinger Handelsvereinigung wurde Parteisekretär und suchte den Ausgleich mit Zhang Xianliang und Jia Pingwa, der zuvor wegen seines beliebten und zeitweise verbotenen Romans über einen Schriftsteller aus der Volksrepublik Verrottete Hauptstadt (1993) wegen der darin enthaltenen erotischen Szenen attackiert und von Auslandsreisen abgehalten worden war. Nach dem Ausgleich mit Jia zeigte dieser seine Dankbarkeit in seinem nächsten Roman Tumen 土门 (Erdtore 1996), in dem er die vielen positiven Veränderungen in China und die Konflikte der Bauern, die mit der Verstädterung konfrontiert wurden, beschrieb.
    Wang Meng wurde 1996 und Anfang 1997 attackiert,mmmxxxv da er früher Wang Shuo mit seiner Gaunerliteratur als erfrischende literarische Neuerung willkommen geheißen habe. Tatsächlich hatte sich Wang Meng in seinem Essay "Herausforderung Wang Shuo" kritisch, aber beschwichtigend zu Wang Shuo geäußert. Der Druck von Wang Shuos Gesammelten Werken und die Realisierung verschiedener Filmprojekte wurden 1996 mit der Begründung gestoppt, er habe chinesische Werte lächerlich gemacht, Geld zum Götzen gemacht, Hedonismus und extremen Individualismus vorangetrieben. 
    Der Philosophiehistoriker Li Zehou und Liu Zaifu veröffentlichten 1996 ihren Dialog Abschied von der Revolution,mmmxxxvi in dem sie sich gegen Radikalität wenden und für schrittweise Reformen eintreten. Sie wurden im Zuge der Kritik an der Avantgarde ebenfalls angegriffen.  
    Zeugnis eines erstarkenden patriotischen Selbstbewußtseins legt die 1996 erschienene polemische Monographie China kann Nein sagen! - Möglichkeiten für Politik und Gefühle in der Periode nach dem Kalten Kriegmmmxxxvii ab.
    Der Ungeduld der Intellektuellen noch stärker als die Essays entspricht die neue Form des Festhaltens von Gedanken, duihua lu 对话录 (Dialogtranskription).mmmxxxviii Folgende Autoren dokumentierten per literarisch überarbeitetem Tonbandprotokoll die Entwicklung ihrer Gedanken im Gespräch mit anderen: Jin Guantao mit seiner Frau Liu Qingfeng über Chinas Krise und Modernisierungsdebatte: Xin shiritan 新十日谈mmmxxxix (Neues Decamerone), Leo Ou-fan Lees Autobiographie im Gespräch mit einem jungen Gelehrten aus der VR Ch, Zwischen Modernismus und Postmodernismusmmmxl 1996, Bo Yangs Autobiographiemmmxli 1996 und A Chengs imaginärer Dialog mit Chinesisch-Studenten Eitle Gespräche und eitle Worte,mmmxlii Li Zehou und Liu Zaifu, die in Colorado nahe beieinander wohnten, mit Abschied von der Revolution 1995.mmmxliii
    The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature listet folgende hier bisher noch nicht berücksichtigte Autoren der Gegenwart auf, die dem Verf. bis dato unbekannt waren und z.B. unter den 1462 Essayisten, die in den 31 ausgewerten Essaysammlungen enthalten sind, nicht vorkommen: 
    Wu Luqin (Wu Hongzao, 1919 - 1983) studierte in Wuhan englische Literatur. Nach der Errichtung der Volksrepublik China 1949 ging er nach Taiwan, wo er Literaturkritik an der National Taiwan University unterrichtete und für den Informationsdienst der Vereinigten Staaten in Taipeh arbeitete. In der Anthologie ist Wu Luqin mit einem Essay vertreten: "Unser erstes Telefon".mmmxliv
    Die Schriftstellerin Pan Qijun (Pan Xizhen, geb. 1918) studierte in Hangzhou chinesische Literatur und floh nach Taiwan, wo sie an der Chinese Culture University unterrichtete. Die meisten ihrer Essays konzentrieren sich auf nostalgische Erinnerungen an ihre Kindheit in China. 1997 lebte sie in den Vereinigten Staaten. Von Pan Qijun ist in der Columbia Anthology der Essay "Abakus"mmmxlv enthalten.
    Die Schriftstellerin Wen Jieruo (geb. 1927) besuchte in Tokyo 1934-36 die Grundschule, zurück in Peking ging sie auch dort in eine japanische Schule. 1950 schloß sie ihr Studium der fremdsprachigen Literatur an der Qinghua-Universität ab.
    "Lebendige Hölle"mmmxlvi ist ein Kapitel aus ihren Memoiren über die 'Kulturrevolution', in der sie ihr großes Leid, das sie und ihr Mann, der Journalist Xiao Qian, unter den 'Roten Garden' zu erleiden hatten, beschreibt. Dieses Kapitel ist als eigenständiger Essay in der Anthologie enthalten. Ihr Mann Xiao Qian steht in dieser Studie auf Platz 20 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 31 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. )
    Xiao Wenyuan (geb. 1933) schloß sein Studium der chinesischen Literatur an der Nankai-Universität 1956 ab. 1996 war er Forscher der Schriftstellervereinigung Tianjin. Er veröffentlichte Erzählungen, Essays und Gedichte. In der Anthologie ist sein Essay "Eine bizarre Art von Raub"mmmxlvii abgedruckt.
    Dong Qiao (Dong Xunjue, geb. 1942) besuchte die Schule in Hongkong und studierte in Tainan Englisch, dann forschte er an der Universität in London. In seinen Essays erscheint er als literarischer Gelehrter in alter Tradition. Er war Herausgeber der chinesischen Ausgabe von Reader's Digest und 1996 der Ming Bao Daily in Hongkong. Die Anthologie enthält seinen Essay "Notizen bei der Nachtlektüre".mmmxlviii
    Eva Müller (Berlin) nennt nach ihrer Rückkehr von einer Reise nach Peking 1997 folgende Essayisten als überdurchschnittlich in den Buchhandlungen repräsentiert: Jin Kemu 金克木, dieser Autor steht in der Rangliste der ausgewerteten Autoren etwa auf Platz 415, sowie Zhou Tao 周涛 (geb. 1946, Rang 89). Weiter nennt sie Yu Qiuyu 余秋雨 (geb. 1946, Rang 84), der lange Essays verfasse, in denen er oftmals Reisen in die Vergangenheit unternehme, um der Gegenwart einen Spiegel vorzuhalten. Ausgangspunkt seiner Essays seien häufig historische Stätten.