Chinese Essay/de/Chapter 4

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

EN · DE · 中文 · 正體 · FR · ES · RU

4. Vier chinesische Essayisten der Moderne (1917-1949)

(4. 现代四位中国散文家(1917—1949))

Chinesische Uebersetzung: 4. 现代四位中国散文家(1917—1949)

4. Vier chinesische Essayisten der Moderne (1917 - 1949) 4.1 Mit spitzer Feder die Gesellschaft verändern - Der Essaymeister Lu Xun 鲁迅 (1881 - 1936) 散文小品的成功,几乎在小说戏曲和诗歌之上。这之中,自然含着挣扎和战斗,但因为常常去法于英国的随笔(Essay),所以也带一点幽默和雍容;dclxviii Essays und freie Essays sind wahrscheinlich erfolgreicher als Romane, traditionelle Opern und Gedichte. Sie beinhalten natürlich auch Mühe und Kampf. Weil sie sich oft englische Essays zum Vorbild nehmen, sind sie auch humorvoll und sehr geschmackvoll.

    Die Essays von Lu Xun sind bereits 1940 von chinesischerdclxix und seit 1968 von westlicher Seitedclxx in Aufsätzen und Monographien untersucht worden, sie liegen - soweit zugänglich - auch der vorliegenden Studie zugrunde. Herauszuheben sind besonders die Arbeiten von Leedclxxi und Pollard,dclxxii letzterer bedauert noch den Mangel adäquater Untersuchungen zum zawen.dclxxiii Darüberhinaus ist ein deutschsprachiger Beitrag über die Prosagedichte und lyrischen Essays von Lu Xun erschienen.dclxxiv  Lu Xun steht auf Platz 1 der Gesamtliste der Essayisten (siehe S. ).
    Die allgemeine Literatur zu Lu Xun ist umfangreich.dclxxv Hanan und Hsü untersuchen die Erzähltechnik,dclxxvi H. Martin den Aspekt des Konflikts zwischen Politik und Literatur.dclxxvii Ausgewählte Lu Xun-Studien finden sich in einem Sammelband.dclxxviii Einen internationalen Überblick über die Übersetzungen von und Studien über Lu Xun hat Irene Eber zusammengestellt.dclxxix
    Von Lu Xun wurden sechs Essays in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature aufgenommen, fünf repräsentative in Modern Chinese Literary Thought.dclxxx Dies sind der auch in der Gesamtliste am häufigsten abgedruckte Essay "Herbstnacht"dclxxxi,  dann das im Durchschnitt an siebter Stelle abgedruckte "Vorwort zu 'Aufruf zum Kampf'"dclxxxii, sowie der Text "Hoffnung"dclxxxiii, der auf Platz 18 steht, und schließlich drei Essays, die unter den häufigsten 29 von Lu Xun nicht vorkommen: "Die Evolution des Mannes"dclxxxiv, "Über Hongkong"dclxxxv und "Epigraph"dclxxxvi. Gründe für die Aufnahme dieser weniger repräsentativen Essays mögen u.a. die Nähe zu aktuellen Themen (Rückgabe Hongkongs, Selbstverständnis der Geschlechterrollen) sein. Die Auswertung der statistischen Untersuchung hat die Repräsentativität einiger Essays von Lu Xun ergeben, diese werden an entsprechender Stelle in der folgenden Biographie näher erläutert.
    Leo Ou-fan Lee glaubt, daß Lu Xuns Denken über das Modell "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)) hinausging: Er habe nicht nur engagierte Literatur geschrieben, sondern wollte gleichzeitig total mit der chinesischen Tradition brechen, wie die bilderstürmerische Manie der '4.-Mai-Bewegung' gezeigt habe.dclxxxvii
    Lu Xun 鲁迅 (1881 - 1936) gilt als der beste chinesische Essayist der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Mit seinen zunächst in Tõkyõ, später auf dem Festland veröffentlichten 733dclxxxviii essayistischen Zeitschriften- und Buchbeiträgen, die scharfsinnig, gelegentlich polemisch das chinesische Wesen an sich und die Rückständigkeit des chinesischen Staates anklagen, übte er einen äußerst großen Einfluß aus.
    Neben einer sehr literarisch geformten Sprache - etwa bei den im Stil der shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonte Essays) mit wenyan 文言-Elementen verfaßten autobiographischen Essays in Zhao hua xi shi 朝花夕拾dclxxxix (Morgenblüten abends gepflückt) - sind für Lu Xuns Essays Rückgriffe auf die chinesische Kulturtraditiondcxc und Ausblicke auf westliche und japanische Wissenschaftlichkeit charakteristisch.dcxci
    Lu Xuns Essays beschäftigen sich mit den unterschiedlichsten literarischen und gesellschaftspolitischen Themen. Er geht mit stets ähnlichem Stil an seine Themen: Scharfsinnig, polemisch, kritisch bis spitzfindig, aber auch humorvoll.
    Zu Lu Xuns Wirkung lassen sind folgende vier Feststellungen treffen: 1. Lu Xuns Essays waren die zu seinen Lebzeiten am meisten gelesenen, 2. sie waren Vorbild einer ganzen Essayistengeneration, 3. sie wurden postum von Mao Zedong, der Lu Xun in der Nachfolge des diskreditierten Konfuzius als "Weisen der Gegenwart"dcxcii bezeichnete, vor seinen ideologischen Karren gespannt und führen 4. bis in die 1990er Jahre die Liste der am häufigsten wiederabgedruckten Essays an. Noch im Dezember 1994 erschien seine Gesamtausgabe der zawendcxciii mit chronologischer Aufführung der Essays. Auch im Ausland liegt ein Großteil seiner Essays in Übersetzung vor.dcxciv Zwei späte zawen und einige neuere Essays Lu Xuns erschienen 1989 in englischer Übersetzung.dcxcv
    Die Quellenlage ist sehr gut, da Lu Xun als Staatsdichterdcxcvi eine offizielle Ausgabe seiner Gesammelten Werke in mehreren Auflagendcxcvii sowie eine ebenfalls offizielle vierbändige englischsprachige Werkausgabe (1956-60;dcxcviii 1980) und eine japanische Gesamtausgabedcxcix erzielt. In China beschäftigt sich eine Lu Xun-Forschungsgesellschaft mit dem Autor, es existiert eine Lu Xun gewidmete Zeitschrift.  Lu Xun schrieb nur wenige Erzählungen und Gedichte, aber insgesamt 16 Bände Essays, zumeist gesellschaftskritischen Inhalts.

Man verliert sich völlig, wenn man sie entweder chronologisch zu analysieren oder mechanisch zu klassifizieren versucht. Eine umfassende Analyse seiner Essays als Ganzes ist [nicht] möglich […].dcc

    Tatsächlich liegt auch nur ein kleiner Ausschnitt der über 700 Essays in englischer oder deutscher Übersetzung vor. Insbesondere ist hier die Werkauswahl von Lu Xun zu nennen,dcci der bereits 1979 einen Band von Lu Xun auch mit Essays publizierte.dccii Zahlreiche Essays sind bereits übersetzt, aber noch nicht veröffentlicht.dcciii Dieser geringe Teil der übersetzten Essays, insbesondere die über Literatur und Politik, hat Lu Xuns Bild im Ausland entscheidend mitgeprägt. Natürlich liegen darüberhinaus weitere Texte Lu Xuns, auch die anderer Gattungen, in mehreren Sprachen vor.dcciv

Essayschaffen und biographische Hintergründe

    Die biographische Literatur zu Lu Xun ist umfangreich.dccv Lu Xun gibt selbst einen kurzen "Lebenslauf"dccvi in Form eines autobiographischen Essays aus Anlaß des Verbots seiner Werke durch die Guomindang. In dem autobiographischen Essay "Vorwort zu 'Aufschrei'"dccvii beschreibt Lu Xun vor allem die Studienzeit in Japan, aber auch die Einsamkeit als anfangs ungehörter Kämpfer für eine gerechte Sache, der keine sichere Hoffnung hat. Eingehendere Beschreibungen von Lu Xun finden sich bei Gálikdccviii und Kubin.dccix
    Lu Xun 鲁迅, ursprünglich Zhou Shuren 周树人 / 周樟寿, wurde in Zhejiang 浙江 als Sohn einer Literatenfamilie geboren, die der oberen Mittelklasse angehörte und im Laufe der Generationen einige Gelehrte hervorgebracht hatte. Die Familie verarmte, nachdem 1893 sein Großvater wegen Bestechung für sechs Jahre ins Gefängnis kam und 1896 der Vater aufgrund falscher Behandlung durch Ärzte der traditionellen chinesischen Medizin verschied.dccx 
    Nachdem Lu Xun von Kindheit an eine klassische Ausbildung erhalten hatte,dccxi besuchte er die moderne Marineschule in Nanking.dccxii Dort habe er gelernt, daß die Einführung der europäischen Medizin in Japan ein Grund für die dortige Modernisierung gewesen sei.*Quelle  Dies ist sicher zu bezweifeln, bestimmte aber nach Lu Xun seine damalige Entscheidung, von 1902 bis 1909 nach Japan zu gehen, um dort zunächst Medizin zu studieren.
    Er hatte Grundkenntnisse in Englisch,dccxiii kam mit russischer, deutscher und japanischer Literaturdccxiv sowie mit westlichem Gedankengut teilweise über japanische Übersetzungen in Kontakt und fand so zu einem neuem Selbstverständnis. Nicht nur aus finanziellen Gründen übersetzte er wie sein Bruder Zhou Zuoren zahlreiche ausländische Werke: 

Gold und Eisen reichen nicht aus, eine Nation zu retten. China wird nicht in die Gestalt Deutschlands oder Frankreichs schlüpfen können. Doch wenn es mir gelingt, durch die Darstellung des inneren Wesens dieser Länder Bewußtsein und Verständnis der Menschen in China zu vertiefen, dann habe ich für die Entwicklung unseres Landes einen kleinen Beitrag geleistet.dccxv

    Lu Xun entsprach auch in seinem selbstdisziplinierten und asketischen Leben seinen idealistischen Ansprüchen.dccxvi
    Nach zwei Jahren gab er sein Medizinstudium auf. Hatte er zunächst gehofft, durch dieses Studium einzelnen kranken Menschen helfen zu können, so war er sich nun sicher, daß Literatur eine grüßere Breitenwirkung besaß und er als Autor seinem an den 'Krankheitssymptomen' der traditionellen Kultur leidenden Volk besser helfen könne.dccxvii Dieser Optimismus hielt sich aber nur in der Frühphase seines literarischen Schaffens.
    Seinen ersten Essay schrieb Lu Xun 1898, mit 17 Jahren: "Jia Jiansheng zaji 戛 剑生杂记" (Vermischte Notizen zu Jia Jiansheng).
    Lu Xuns Schaffenläßtsich in vier Phasen aufteilen: 1898 - 1917, 1918 - 1929, 1930 - 1934, 1934 - 1936.dccxviii Die Werke der Frühphase von 1898 - 1917 sind in wenyan geschrieben. Nach dem ersten Essay folgten 1903 einige wenige weitere Essays, seit 1907/8 schrieb er dann häufiger, aber er hatte, wie er in seinem autobiographischen Essay "Zizhuan 自传"dccxix sagt, damals noch keine Möglichkeit der Veröffentlichung. Später faßte er einige der Essays aus dieser frühen Schaffensphase in Sammlungen zusammen: Im ersten Teil der Sammlung Fen 坟dccxx (Das Totenmal) z.B. hat Lu Xun vier Essays aus dem Jahr 1907 versammelt. Die Sammlung richtet sich gegen die Befürworter des "guocui 国粹" (Chinesentum):

In China sind die unbelehrbaren Anhänger einer nationalen Quintessenz […] noch zahlreicher [als in Indien, M.W.]. Sie betrachten die moderne Kunst als ein Produkt unserer jahrtausendealten chinesischen Kultur.dccxxi

    Der Literatur werden drei Funktionen zugeschrieben: Sie solle das ideale Wesen des Menschen, den Mangel des Volkscharakters der Chinesen und die Wurzel der Krankheit Chinas erhellen.dccxxii Der Kulturpessimismus, der hier zum Ausdruck kommt, ist wesentliches Element in Lu Xuns Essays. Seine Erfahrungen mit dem Warlordismus ließen ihn schon früh erkennen: "Das Wort 'Frieden' ist lediglich eine hohle Phrase."dccxxiii Sein Rezept ist Kulturkritik, bei der sein eigentlicher Feind "der Chinese"dccxxiv ist. Lu Xun bezieht sich in seinen Essays häufig auf seinen "Haß".dccxxv
    Dabei war sich Lu Xun im Klaren, daß eine Gesellschaftsreform Zeit brauchte und Schritt für Schritt angegangen werden mußte. Er zitiert Mupi Daoren 木皮道人 (Daoist mit der hölzernen Haut): "Wird jahrelang mit einem weichen Messer der Kopf bearbeitet, merkt man nicht, daß man getötet wird."dccxxvi
    Zu Beginn seines Schaffens war Lu Xun noch optimistisch, seine Hoffnungen würden sich realisieren: 

Wenn wir um die Verstorbenen getrauert haben, sollte all unser Streben und Trachten, für uns und andere, dahin gehen, uns zu aufrichtigen, ehrlichen, intelligenten, tapferen und starken Menschen zu entwickeln. […] All unser Streben und Trachten sollte dahin gehen, der Menschheit das Glück zu bescheren, das ihr zukommt.dccxxvii

    Der frühe Lu Xun war von der aus Japan vermittelten romantischen Grundströmung beeinflußt.
    Er setzte seine Hoffnungen in die neue Generation: "Die Jugend muß China in ein Land verwandeln, das sich artikulieren kann; sich frei aussprechen, mutig vorgehen, ohne Rücksicht auf persönliche Interessen und ohne übertriebenen Respekt vor den Alten aufrichtig die eigene Meinung sagen…" Ferner forderte er einen unbekümmerteren Umgang mit dem Westen, dazu ein gesunderes Selbstvertrauen ohne den ständigen Rückblick auf die eigene "fünftausendjährige Kultur", der man unbedingt gerecht werden wolle: 

Wenn wir wirklichen Fortschritt und nicht Rückschritt wollen, dann müssen wir ständig entweder selbst neue Ideen hervorbringen oder sie zumindest von anderen übernehmen. Wie sollen wir jemals einen entscheidenden Schritt vorwärts tun, wenn wir unfähig sind, uns von unseren Bedenken, Befürchtungen, kleinkarierten Normen, von der tiefsitzenden Angst, unsere Vorfahren zu beleidigen oder uns möglicherweise wie Barbaren zu benehmen, … freizumachen?

    Früh forderte er einen moralisch gesteuerten Einsatz des Intellekts: 

Wenn also Wissenschaftler mit fortschreitendem Alter weniger Entdeckungen machten, so liege dies nicht an nachlassenden Geisteskräften, sondern am Versiegen ihrer Leidenschaften. Manche meinen, intellektuelle Leistungen entstünden ohne das Zutun moralischer Imperative, doch ist diese Annahme unrichtig. Ohne den Ansporn, allein auf den Intellekt gestützt, wird man es nicht weit bringen.dccxxviii

    Er setzte sich ebenso für Individualismusdccxxix ein: "Wer wirklich für die Gegenwart planen will, der sollte […] das Individuum der Masse vorziehen".dccxxx
    1907 entstanden mehrere Essays, vier davon, die sämtlich in der Tõkyõter Zeitschrift He'nan veröffentlicht wurden, seien hier kurz vorgestellt: 
    Der erste Essay ist "Die Geschichte des Menschen".dccxxxi Darin zeichnet Lu Xun die humanoide Evolutionsgeschichte nach. Der Essay ist aufklärerisch motiviert, durch ihn vermittelte Lu Xun die Evolutionslehre nach China. Lu Xun belegt die Unwissenheit des chinesischen Volkes deutlich an einer Gegenüberstellung des westlichen Wissens mit chinesischen Entstehungsmythen.
    Im zweiten Essay "Die Lehren der Wissenschaftsgeschichte" führt Lu Xun durch die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaften und idealisiert ihre Rolle in einem französischen Krieg Ende des 18. Jahrhunderts. Der Appell ist unübersehbar: Die Wissenschaften sollen auch in China mit Blick auf die Zukunft des Landes gefördert werden. Er warnt davor, nur die Ergebnisse ausländischer Wissenschaften zu kopieren.dccxxxii
    "Über falsche Tendenzen in der Kultur" ist der dritte Essay. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung der Kultur in China und Europa, wobei Chinas Kultur als durchaus eigenständig und als die frühere bezeichnet wird. Lu Xun bezieht gegen das rein Materielle Stellung. Er propagiert Individualität statt Demokratie, da hier die Mehrheit die Minderheit unterdrücke. Er endet mit dem versteckten Aufruf zur Aktion: 'Wasläßtsich da bloß tun?'dccxxxiii
    Der vierte der hier vorzustellenden Essays aus dem Jahr 1907 heißt "Über die Macht der dämonischen Poesie". In diesem langen, neunteiligen Essay konfrontiert Lu Xun die traditionelle Vorstellung einer goldenen Zeit von Yao und Shun mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß die Menschheit stets einen Überlebenskampf geführt habe. Frieden könne es niemals geben. Qu Yuan 屈原dccxxxiv (ca. 340 - 278) habe die Belanglosigkeit des Überlieferten angeprangert, welches das Alte verherrliche und aufgrund der Zensur der Konfuzianer Sexualität tabuisiertdccxxxv habe, er sei allerdings mißverstanden worden. Die Dichtung habe es schwer, Menschen aus der Lethargie zu reißen. In Deutschland sei dies 1812 patriotischen Dichtern gelungen. Literatur könne zwar keine Gesellschaften verändern, aber das Bewußtsein. Anschließend stellt Lu Xun einige Dichterpersönlichkeiten vor: Byron hebt er als Dichter des Widerstands hervor. Er stellt die Theodizeefrage und vergleicht die Vorstellungen des Bösen bei Byron und Nietzsche.dccxxxvi Er beschreibt Shelleys Freiheitsliebe, Widerstandsgeist und Naturliebe sowie Byrons Einfluß auf Puškin. Weiter zeigt er den Einfluß polnischer und ungarischer Dichter auf den Freiheitskampf ihres eigenen Volkes auf.dccxxxvii Er endet mit der Frage: "Wo sind die Streiter im Geiste heute in China?"dccxxxviii
    Nachdem er das Medizinstudium aufgegeben und sich der Literatur verschrieben hatte, mußte er zunächst für seinen eigenen Unterhalt und den seiner Mutter sorgen. Er kehrte deshalb nach China zurück und war ab 1909 als Lehrerdccxxxix tätig. Seine Essayproduktion ging zunächst für einige Jahre zurück.
    Die Jahre von 1909 bis 1918 werden aufgrund der idealistischen Grundtendenz des vorangegangenen Schaffens in der westlichen Sekundärliteratur auch als "Jahre der Depression" bezeichnet:dccxl Der jugendliche Glaube an die Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Literatur war längst einer pessimistischeren Stimmung gewichen.dccxli Dabei ist die bei Lu Xun zu verzeichnende Ernüchterung begründet, wie der letztlich vergebliche Versuch einiger Mitstreiter der Neuen Jugend zeigt, sich von dem loszusagen, was sie bekämpften.dccxlii 1911 wirft er im Essay "Reminiszenzen" einen ernüchterten Blick zurück. Erschienen ist er in der Shanghaier Monatsschrift Erzählungen.dccxliii
    Die Revolution von 1911 erlebte Lu Xun als Lehrer in der Hangzhou shifan xuexiao 杭州师范学校 (Pädagogische Schule Hangzhou), wo er ab 1912 als Direktor tätig war. Danach mußte er nach Nanking fliehen. 1912 wurde er von dem ebenfalls aus Zhejiang stammenden Cai Yuanpeidccxliv als Beamter mit dem Aufgabenbereich Bibliotheken, Museen, Kunstgalerien ins Erziehungsministerium nach Peking geholt.
    Lu Xun machte sich bereits 1934/35 Gedanken über eine Reform der Schrift, diese Idee wurde später von den Kommunisten für ihre Schriftreform vereinnahmt: 

[Der] bekannteste[…] und von Mao besonders geschätzte[…] chinesische[…] Satiriker[…], Essayist[…] und Dichter[…] Lu Xun, [spitzte] bereits 1934/35 kompromißlos die Formel zu[…]: "Werden die Zeichen nicht abgeschafft, muß China untergehen." Der Wiederabdruck solcher Essays in der Broschüre Lu Xun über die Schriftreform und in Einzelausgaben des zentralen Essays von Lu "Literarische Causerien von draußen vor der Tür"dccxlv dient neben Mao-Zitaten als eine Art Legitimierung der gesamten neuen Sprachpolitik. Entscheidend scheint, daß das ferne Ziel einer Abschaffung der Zeichen wieder in solcher Deutlichkeit angesprochen werden kann. Neuere Artikel, die Lu Xuns Beitrag zur Sprachreform interpretieren, betonen gerade diesen Punkt oder bestätigen die heute angewendeten Methoden zur Verringerung der Schriftzeichenzahl anhand der Aussagen Lus.dccxlvi Lu Xun über Schriftreform (Lu Xun lun wenzi gaige), Verlag für Schriftreform, Peking 1974.dccxlvii

    Lu Xun nannte seine Essays zawen  杂文 (vermischte Essays). Sie zeichneten sich häufig durch ihre Schärfe aus, mit denen sie gesellschaftliche Mißstände anprangerten. Vor allem einzelne Personen, die sich der Erneuerung verweigerten, griff Lu Xun direkt an. Seine Essays wurden deshalb als "Dolche" bezeichnet. Es war die erfolgreichste Essayform in Lu Xuns erster Periode 1917 - 1926.dccxlviii In den vermischten Essays karikierte er seine Gegner oft übertrieben.dccxlix

Zum Begriff zawen 杂文 (vermischte Essays)

    Zum traditionellen vermischten Essay werden guwen 古文 (klassische Prosa), pianwen 骈文 (Parallelprosa), xiaopinwen 小品文 (freier Essay), biji 笔记 (Pinselnotizen), Briefe, Tagebücher, Reiseberichte, offizielle Gedenktexte und baguwen 八股文 (achtgliedriger Essay)  gezählt. Zunächst orientierten sich Lu Xuns Essays an der tongchengdccl-Schule. Aufgrund des Einflusses seines Lehrers Zhang Taiyan 章太炎 orientierten sich Lu Xuns Essays dann an den guwen-Essays der älteren Wei-Jin-Periode.dccli Lu Xun bewunderte Klarheit, Knappheit, Natürlichkeit und Ungezwungenheitdcclii der damaligen sanwen, die sich in Abgrenzung zur Parallelprosa san 散 (zerstreut) nannnten. Allerdings imitierte Lu Xun oft andere Stile, teils auch ironisch, so z.B. den baguwen 八股文 (achtgliedriger Essay).dccliii
    Die ersten von Lu Xuns vermischten Essaysdccliv entstanden aus den literarischen Stücken in der Rubrik suigan lu 随感录 (aufgezeichnete Empfindungen) der Xin qingnian 新青年 (Neue Jugend) seit 1918.dcclv In dieser Kolumne zog er in 27 Essays Weisheiten des Altertums ins Lächerliche, etwa indem er Zitate aus dem Shiji 史记 (Aufzeichnungen des Großhistorikers) mit westlichem Wissen, westlicher Philosophie, Kunst und Literatur konfrontierte.dcclvi Seine Kritik richtete sich auch gegen Zitate in wenyan 文言 (vormoderne Schriftsprache) von traditionalistischen Zeitgenossen.dcclvii Lu Xun fügte auch Briefe, direkte Dialoge und Gelegenheitsunterhaltungen ein, auch einige seiner Parabeln faßt Lu Xun unter die vermischten Essays.dcclviii Obwohl er in der Essaytheorie die suibi 随笔 (lockere Essays) als eine Spielart der vermischten Essays bestehen lassen will, da er grundsätzlich gegen formale Gattungsbezeichnungen ist,dcclix bleibt er dabei, Essays seien dem Prinzip "l'art pour l'art" entgegengesetzt.dcclx
    Die Essays der Reihe suigan lu 随感录 (aufgezeichnete Empfindungen) gehören zu Lu Xuns Frühwerk, sind noch kaum humoristisch und noch nicht so stark vom Wesen des auktorialen Erzählers durchdrungen. Das Besondere an Lu Xuns frühen Essays ist die darin veranschaulichte Fähigkeit des Autors, unsystematische Gedanken durch imaginistische und aphoristische Formulierungen auszudrücken. Durch Abstraktion verwandelt Lu Xun Bilder in Metapherndcclxi mit vielen Bedeutungsschichten. Hier ist der Einfluß Nietzschesdcclxii zu spüren, auch zahlreiche Zitate aus Also sprach Zaratustra können nachgewiesen werden. Es ist festzuhalten: "Je kürzer sie [die suiganlu-Stücke] waren, desto kunstvoller waren sie auch".dcclxiii Nur wenige dieser Essays enthalten lediglich Aussagesätze, sind kurz, "geradeheraus und ohne Finesse"dcclxiv. Lu Xun spielt oft mit dem Nationalgefühl der Chinesen,dcclxv malt Horrorszenarien an die Wand,dcclxvi verwendet beschwörende Wiederholungen.dcclxvii In "Lai le 来了" (Es ist schon da)dcclxviii verwendet Lu Xun diesen alarmierenden Ausruf, um die Panik vor allem Neuen zu symbolisieren. Die Essayreihe Aufgezeichnete Empfindungen dient noch in erster Linie dem ideologischen Ikonoklasmus (Bilderstürmerei) der '4.-Mai-Bewegung'.
    Lu Xun selbst nannte seine Essays bis 1932 zagan 杂感 (vermischte Eindrücke) und zatan 杂谈 (Vermischtes), danach zawen (vermischte Essays), er verstand darunter lunwen 论文 (Abhandlungen), suibi 随笔 (lockere Essays) und duanping 短评 (kurze Kritiken). Die za 杂 (Vielfalt) sah Lu Xun 1935 als Stärke des Essays an, wodurch der Autor in die Lage versetzt werde, ein realistisches Bild der eigenen Zeit anfertigen zu können.dcclxix An derselben Stelle schreibt er, daß vermischte Essays ein wirksames Mittel zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit seien und daß sie Angriff und Verteidigung zusammenbrächten. Lu Xuns vermischte Essays haben die Tendenz zum "mittelpunktslosen und disorganisierten Ganzen"dcclxx, sind aber "Vehikel für Argumente"dcclxxi und sprachlich präzise.
    Lu Xun entwickelte die vermischten Essays weiter zu kritischen Essays. Diese Gattung wurde zu seinem Markenzeichen und bildete den Schaffensschwerpunkt: Lu Xun hinterließ 16 Bände zawen. Er selbst definierte diese Bezeichnung nicht, gebrauchte sie teils synonym mit seinem Verständnis von xiaopinwen 小品文 (freie Essays). Ein freier Essay konnte in Lu Xuns Verständnis - im Gegensatz zu dem seines Bruders Zhou Zuorendcclxxii - auch kritische Elemente enthalten. Den Begriff des freien Essays verstand er als Gattungsbegriff, er dehnte ihn ausdrücklich mit Hilfe von Beispielen begrifflich auf die Zeit vor der Ming-Dynastie aus.dcclxxiii Der englische Essay sei ebenfalls relevant, aber das kritische Element des Essays komme mehr aus der chinesischen Tradition.dcclxxiv Während die inhaltliche Bedeutung der vermischten Essays für das Vorantreiben der Reform und auch die formale Bedeutung für die Entwicklung von Essay und Umgangssprache nicht bestritten werden, so wird allerdings der literarische Wert der häufig anläßlich von tagespolitischen Ereignissen verfaßten Essays von westlichen Literaturwissenschaftlern bestritten.dcclxxv
    Die häufig diskutierte Frage, ob Lu Xuns Form des vermischten Essays Literatur sei, ist zu bejahen. Es sind bewußt gestaltete persönliche Zeugnisse eines Menschen in seiner Zeit. Lu Xun schrieb mit ebensoviel Sorgfalt vermischte Essays wie andere Gattungen. Seine immer wiederkehrenden Themen sind der Protest gegen die Unterdrückung der Menschen durch die Menschen und deren mangelnde Einsicht. Es ist stets derselbe Geist herauszulesen, es finden sich dieselben Motive: Liebe, Opfer, Hoffnungdcclxxvi, Verzweiflung, Zeit, Geschichte, menschliche Lebensbedingungen, Lebenssinndcclxxvii und Tod: 
    Zum Todesmotiv liegt eine detaillierte und kenntnisreiche Studie von Ingrid Krüßmanndcclxxviii vor, die das Motiv des Todes in den Essays und Erzählungen des Brüderpaares Lu Xun und Zhou Zuoren untersucht. Darin wird die These aufgestellt, daß die Unausweichlichkeit des Todes in der chinesischen Literatur verschwiegen werde. Dem widerspricht das Bild eines der 'Sieben Weisen aus dem Bambushain', Liu Ling 刘伶 (? - nach 265 n.), der Träger mit Weinkrug und Schippe hinter sich her gehen ließ, um jederzeit der Vergänglichkeit des Lebens eingedenk zu sein. Im Falle des Todes hatte der Schippenträger Anweisung, den Dichter an Ort und Stelle zu begraben. Auch eine Berücksichtigung der zahlreichen Unterweltdarstellungen in der chinesischen Literatur mit ihren Besuchen durch Lebende hätten die Studie noch bereichert.
    Es wird die These aufgestellt, daß es in der chinesischen Vorstellungswelt keinen personifizierten Tod oder Führer ins Totenreich gebe.dcclxxix Tatsächlich finden sich bei Lu Xun die Essays "Wuchang, der Geist des vergänglichen Lebens" und "Nachwort".dcclxxx In ihnen wird genau diese Rolle Wuchang zugeschrieben.
    Weiterhin wird die These aufgestellt, daß der Tod lediglich aus distanzierter Erzählperspektive (z.B. bei Abwesenheit durch Botenbericht oder Mauerschau) geschehe. Dem widerspricht die Todesszene in "Die Krankheit meines Vaters", die von ihrer Nähe auch in der westlichen Literatur ihresgleichen sucht:

Sein Gesicht, das bereits einen Ausdruck von Ruhe und Seelenfrieden angenommen hatte, verkrampfte sich plötzlich. Er öffnete die Augenlider einen Spalt, und es schien, als peinigten ihn die Schmerzen […] 'Vater!!' 'Was ist? … Schrei nicht … nicht …' Er sprach mit leiser Stimme und rang noch einmal verzweifelt nach Luft. Einige Zeit später nahm sein Gesicht wieder den alten, zufriedenen Ausdruck an. 'Vater!!' Ich rief weiter, bis er seinen letzten Atemzug machte.dcclxxxi

    Dazu heißt es: "diese Erzählung ist einzigartig unter den Schriften Lu Xuns". Es wird aber der fehlende Wechsel in die Innensicht des Vaters bemängelt. Es handelt es sich hier jedoch um eine essayistische autobiographische Schilderung, die im Gegensatz zur Erzählung keinen Wechsel der Perspektive kennt.
    Weiter wird am Essaygedicht "Si hou 死后"dcclxxxii (Die Zeit nach dem Tod), in dem Lu Xun aus der Innensicht seinen eigenen Tod berichtet, bemängelt, daß hier die Selbstüberhöhung fehle. Tatsächlich aber ist dieses Essaygedicht ein Beleg dafür, daß Lu Xun den Tod nicht distanziert schildert. Die zugrundeliegende Idee Lu Xuns ist höchst abstrakt und erstaunlich, sie zeigt eine intensive Reflexion über Leben und Tod.
    Lu Xuns vermischte Essays haben nach einer Sicht aus der VR Ch folgende Charakteristika: 1. Rationelle Beobachtung, scharfes Gespür. 2. Repräsentativitätsanspruch durch analytische und abstrahierende Vorgehensweise (Unterteilungen). Lu Xuns vermischte Essays seien ideologisch "korrekt" ausgerichtet und anschaulich. 3. Ironie und Übertreibung: Lu Xuns Ironie sei wie ein kalter spöttischer Blick. Lu Xun glaube, daß Ironie Übertreibung brauche, aber sie müsse auf dem Fundament der Wahrheit gebaut sein. 4. Flüssige Sprache und Stil.dcclxxxiii
    Bereits in den frühen 1930er Jahren gab es eine Schwemme von vermischten Essays in den Zeitungen. Schon 1933 wird diese Lu Xuns Wirken zugeschrieben.dcclxxxiv
    1935 wurde Lu Xuns Weggefährte Qu Qiubai hingerichtet. Die von Qu mitgetragene Tradition des vermischten Essays lebte zunächst noch bis zum Ausbruch des Widerstandskriegs 1937 weiter. Erst 1939 lebte die Tradition der vermischte Essay mit der Gründung der Zeitschrift Lu Xun feng 鲁迅风 (Der Geist Lu Xuns)dcclxxxv durch Lu Xuns Gattin Xu Guangping 许广平 wieder auf. Nun sollte der zawen als Waffe gegen die Japaner eingesetzt werden sollte. Durch die Beschränkung des Wirkungsgrades auf das von den ausländischen Mächten nur mangelhaft gestützte, seit 1933 von japanisch okkupierten Gebieten umgebene Shanghai, wurde die Zeitschrift jedoch bald wieder eingestellt. Die Fortführung der 1940 in Guilin 桂林 begonnenen, 1943 vorübergehend eingestellten Zeitschrift Ye cao 野草 (Wilde Gräser)dcclxxxvi 1946 hatte mehr Bestand und war erfolgreicher in der - nicht ausdrücklich propagierten - Nachahmung Lu Xuns.
    Eine wie grundlegende Umdeutung der Begriff zawen durch Lu Xun erfuhr, ist daran zu erkennen, daß der Begriff des vermischten Essays nach Lu Xun stets in Konnotation an seine besondere, kritische Form verwendet wurde. Wenn die Wenyi bao 文艺报 (Literatur und Kunst) 1980 eine Kolumne "zawen" einrichtete, so ausdrücklich in dem Wunsch, dieser "scharfen und handlichen Waffe" gegenüber dem shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonter Essay) mehr Gewicht zu verleihen.dcclxxxvii
    Es liegt eine Studie von Leo Ou-fan Lee vor, in der ein ganzes Kapitel (Kapitel 6 "The Zawen") dem vermischten Essay gewidmet ist. Die Studie bedeutete 1987 eine "Entgötterung" Lu Xuns aus nicht-maoistischer Perspektive und den Versuch einer rein literarischen Bewertung ohne ideologische Implikationen. Wichtigstes Ergebnis war, daß Lu Xun kein systematischer oder kohärenter Denker war, der sich von sozialdarwinistischem Evolutionismus zu revolutionärem Marxismus entwickelt hatte - vielmehr stünden seine intellektuellen Gedanken über 'revolutionären' Appellen. Lu Xun habe sich gegen Unterdrückung und für nationalistische Gefühle eingesetzt.dcclxxxviii
    Auch Pollard hat sich in einem Aufsatz mit den vermischten Essays Lu Xuns beschäftigt,dcclxxxix er bedauert den Mangel adäquater Untersuchungen zum zawen.dccxc Seine Untersuchung beschäftigt sich weiter mit den rhetorischen Mitteln im essayistischen Frühwerk Lu Xuns.dccxci

Die mittlere Phase seit 1918 - 1929

    1918 wurde Lu Xun durch Erzählungen wie "Kong Yiji 孔乙己"dccxcii und "Kuangren riji 狂人日记" (Tagebuch eines Verrückten)dccxciii bekannt. Vergleicht man sein frühes erzählerisches und sein späteres essayistisches Werk, so übt er in seinen Essays aus einer unabhängigen Position direktere Gesellschaftskritik, kommentiert eindringlicher die politische Lage und greift seine Gegner persönlich, teils auch namentlich an.
    Das Erscheinen der genannten Erzählungen wird von chinesischen Literaturwissenschaftlern als Begründung für die Datierung des Beginns der mittleren Schaffensphase auf 1918 genannt. Tatsächlich sprechen aber auch viele für das essayistische Werk relevante Daten für die hier vorgesehene Einteilung: Lu Xun beendete 1918 seine längere Schreibpause und begann im Zuge der 'Literarischen Revolution' erstmals unter seinem Pseudonym Lu Xun zu schreiben. Auch im Hinblick auf das Essayschaffen ist diese Einteilung gerechtfertigt: Seit 1918 schrieb er kontinuierlich Essays.
    Vor 1918 schrieb Lu Xun in wenyan 文言 (vormoderne Schriftsprache) danach in baihua 白话 (moderne Umgangssprache). Während Lu Xun mit dem  "Tagebuch eines Verrückten" 1918 die erste Erzählung in moderner Umgangssprache vorlegte, bemerkte er noch am 11.11.1926: "Ohne daß es mir bewußt wird, schleichen sich in meine baihua immer wieder Begriffe und Formen aus dem Klassischen ein. Wie eine schwere Last, die mich zu erdrücken droht, ruht dieses teuflische alte Erbe auf mir, und ich kann es nicht abschütteln. Meine Gedanken sind von Zhuang Zhou und Han Fei vergiftet."dccxciv Tatsächlichläßtsich diese Erscheinung auf den Einfluß seines Lehrers Zhang Taiyan zurückführen.
    Zwischen 1918 und 1936 veröffentlichte und schrieb Lu Xun 16 Essaysammlungen.dccxcv Die vermischten Essays zwischen 1918 und 1919 bestehen aus Briefen, Reden, Tagebucheinträgen, persönlichen Polemiken.
    Im Juli 1918 schrieb Lu Xun den längeren Essay "Meine Meinung über die Opfer der Keuschheit". Er verwendet in diesem Essay folgenden Aufbau, der sich an den yulu 语录 (Worte großer Meister) orientiert: 1. Erklärung der Terminologie, 2. Zusammenfassung der gegnerischen Argumente, 3. Hinterfragen und Interpretation ihrer historischen Entwicklung. Lu Xun ist sich nicht nur über seine Vorgehensweise im Klaren, sondern weist im Text auch häufig darauf hin, nimmt den Leser 'bei der Hand' und zeigt ihm die Werkzeuge seiner Untersuchung. Er verwendet häufig die Frage- und Antwort-Technik, wobei die Fragen oftmals rhetorischer Natur sind. Eine weitere von ihm des öfteren angewandte Technik ist, daß er seinen Untersuchungsgegenstand unterteilt und Abschnitte numeriert. Diese klare Strukturierung eines Essays ist im Spätwerk nicht mehr zu finden. Inhaltlich geht es im Essay "Meine Meinung über die Opfer der Keuschheit" um die Unterdrückung der Frau durch traditionelle Verhaltensweisen. Komik erzeugt Lu Xun, indem er neben zwei problematischen Situationen von Frauen auch noch die an sich unproblematische Situation problematisiert, daß eine Frau 1. noch einen lebenden Ehemann habe und 2. noch nicht vergewaltigt worden sei. Lu Xun charakterisiert Frauen in einer solchen Situation verschmitzt als nörgelnde, unzufriedene Wesen, die dazu verdammt seien, ein Leben als Menschen zweiter Klasse zu führen.dccxcvi Er distanziert sich von Kang Youweis 康有为dccxcvii (1858 - 1927) Forderung nach konstitutioneller Monarchie. Stattdessen fordert er Gleichberechtigung. Die Unterdrückung der Frau habe dazu geführt, daß z.B. der Selbstmord einer entehrten Witwe, falls er denn rechtzeitig geschehe, von der Gesellschaft positiv gewertet werde.dccxcviii

Zeit der 4.-Mai-Bewegung 1919

    Die Essays aus der Zeit der '4.-Mai-Bewegung' sind im Wesentlichen gesellschaftskritische zawen  杂文 (vermischte Essays), nach Lu Xuns eigener Unterteilung in den Untergattungen duanping 短评 (Kurzkritik) und zagan 杂感 (vermischte Eindrücke), bei nur wenigen handelt es sich demnach um lunwen 论文 (Abhandlungen).dccxcix
    Lu Xun sah sich selbst nicht als Führerdccc oder Vertreter der neuen Kulturbewegung und der '4.-Mai-Bewegung' 1919.dccci In jedem Fall wurden seine Essays von Zeitgenossen bereits als Bestandteil der neuen Kulturbewegung aufgefaßt, und ihre große Wirkung rechtfertigten es, ihn doch als Vertreter der neuen Kultur- und der '4.-Mai-Bewegung' zu betrachten. Entgegen allen Selbstbekundungen, er schreibe nur für sich, ist es Lu Xun zumindest nicht entgangen, daß seine Werke großen Widerhall fanden.
    Aus dem Jahr 1919 sei ein Essay mit didaktischer Funktion genannt: 
    "Neue Väter braucht das Land" ist ein längerer Essay, den Lu Xun im Oktober 1919 schrieb. Er fordert darin eine Reform der Familie: Sexualität und Nahrungsaufnahme sollten als etwas Natürliches betrachtet werden. Er relativiert die Autorität der Väter gegenüber den Söhnen mit dem Hinweis, daß die Väter auch mal Söhne waren und die Söhne wieder Väter werden könnten. Er setzt sich für die ungestörte Entwicklung der Jugend ein. Lu Xun idealisiert gelegentlich westliche Modelle, so behauptet er, im Westen gebe es keine "unloyalen Söhne" oder "rebellierende jüngere Brüder".dcccii Daneben fordert er zwar die Gleichberechtigung, bleibt jedoch in alten Vorstellungen verhaftet, wenn er lediglich vom "Sohn" redet, die "Tochter" aber mit keinem Wort erwähnt.dccciii
    Lu Xun unterrichtete an verschiedenen Universitäten in Peking. Aufgrund der Schärfe seiner Essays schuf er sich Feinde auch an der Peking-Universität und floh zuerst nach Amoy [Xiamen] 厦门, später mußte er aufgrund seiner Unterstützung einer Studentenbewegung nach Shanghai fliehen, wo er zunächst ganz vom Übersetzen leben wollte. 
    Anfang der 1920er Jahre schrieb Lu Xun einige weniger beachtete kürzere Essays, in denen er landesweites Lernen forderte und selbst Experten mangelnde Bildung vorwarf. Diese Essays wurden als "herumkritisierend" und "abfällig"dccciv charakterisiert. In seinem Essay "Die große Mauer" entlarvt er das Nationaldenkmal als feudales Bauwerk, das die Barbaren nicht habe abhalten können und das nun sogar mit neuen Steinen restauriert werde.
    1922 erschien die Erzählsammlung Nahan 呐喊dcccv (Aufschrei, in Lu Xun: Werke 1994: "Applaus"dcccvi), in der unter anderem die Erzählungen "A Q zhengzhuan 阿Q正传"dcccvii (Die wahre Geschichte des Ah Q) und "Kong Yiji 孔乙己" enthalten waren.
    Lu Xun leitete den Band mit einer "immer wieder Bewunderung abverlangende[n] Vorrede" ein.dcccviii Diese Vorrede schrieb er am 3.12.1922. Er schildert darin autobiographisch seine anfänglich idealistischen Motive, die ihn mit dem Schreiben beginnen ließen, schließlich seine Enttäuschung und seine Resignation. Gegen Lu Xuns 'Erkenntnis', Literatur könne nichts verändern, spricht die Tatsache, daß Lu Xun ständig veröffentlichte.dcccix Von nun an schrieb Lu Xun Jahr um Jahr mehr Essays.
    1923/24 erschien Lu Xuns Standardwerk Kurze Geschichte der chinesischen Romandichtung.dcccx
    1923 entfachte die japanische Frau von Zhou Zuoren Streit zwischen den beiden brüderlichen Ehepaaren. Lu Xun zog aus, es folgten einige Streitszenen, etwa noch im Juli 1924, bei der Zhou Zuoren beschwichtigend auf seine Frau einwirkte. 
    Seine Essays von 1918 bis 1924, insbesondere die der Reihe  suigan lu 随感录 (aufgezeichnete Empfindungen), flossen in die Sammlung Refeng 热风dcccxi (Heißer Wind) ein, einige in Fen 坟dcccxii (Das Totenmal).
    Für das Jahr 1923 seien zwei literaturtheoretische Essays angeführt, einer über inländische und einer über ausländische Literatur:  Im November 1923 schrieb er "Die sogenannten volkstümlichen 'xiaoshuo' der Song-Dynastie und ihre Nachfolger". Darin erklärt Lu Xun die Entstehung der xiaoshuo-Erzählungen und -Sammlungen der Song-Dynastie. Als Gemeinsamkeiten der Gattung xiaoshuo arbeitet er heraus, sie müßten aktuell sein, häufig mit einer Vorgeschichte beginnen und als Beleg für ihre Authentizität Gedichtzitate enthalten.dcccxiii Am 26. Dezember schrieb Lu Xun den Essay "Nora auf und davon", in dem er hypothetisiert, daß die Figur der Nora in Ibsens "Ein Puppenheim" nicht fortgelaufen wäre, hätte sie wirtschaftlich besser gestanden. Er fordert eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Frauen und plaudert über die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage allgemein.dcccxiv
    Trotz seiner Meinungsverschiedenheiten mit der Familie seines Bruders Zhou Zuoren gründete er mit ihm zusammen in Peking die Zeitschrift Yu si 语丝 (Wortfäden). Dort veröffentlichte Lu Xun, der nun in Shanghai wohnte, seit November 1924. 
    Aus dem Jahr 1924 seien fünf Essays genannt, von denen drei scheinbar bedeutungslose Alltäglichkeiten, zwei philosophische Fragen erörtern.
    Am 17. Januar 1924 entstand der Essay "Voraussetzung für ein Genie", in der Genies als Produkte ihres Landes betrachtet werden. Durch die Kampagnen in China werde den Genies ihr Nährboden entzogen.dcccxv
    Drei Plaudereien beschäftigen sich mit Alltäglichkeiten: 
    1. die am 28. Oktober geschriebenen "Gedanken zum Einsturz der Leifeng-Pagode", eine humoristische Plauderei über die Befreiung eines Schlangengeistes durch den Einsturz der Leifeng-Pagode, unter der der Geist gefangen gehalten worden war. Lu Xun amüsiert sich darin über die Andenkensucher, die sich einzelne Ziegelsteine als Glücksbringer mitgenommen und dadurch den Einsturz verursacht hatten;dcccxvi 
    2. die zwei Tage später datierte Plauderei "Mein Schnurrbart", in der sich Lu Xun über die Richtung von Schnurrbartenden ergeht. Der nach unten gerichtete Schnurrbart gelte als "chinesische Besonderheit", der nach oben gerichtete als "japanisch". Er habe den Bart zeitweise mit den Enden nach oben gerichtet getragen, dann aber aufgrund der häufigen Nachfragen die Enden abgeschnitten.dcccxvii Im Essay "Vom Bart auf die Zähne zu sprechen kommen" schildert er die Reaktion eines Professors der Peking-Universität: "Wenn man begänne, über den Bart zu sprechen, und wenn man dann immer weiter spräche, dann rede man bald auch über den Hintern";dcccxviii 
    3. der Essay im Plauderstil, geschrieben am 11. November, "Über Photografien und anderes" beschäftigt sich mit der Unsitte des Fotografierens in China, mit Aberglauben, Posen etc. Lediglich das Porträt des Pekingopern-Künstlers Mei Lanfang 梅 兰芳dcccxix (1894 - 1961) habe sich längere Zeit in den Geschäften halten können. Mei Lanfangs Ruhm sei für chinesische Verhältnisse langlebig.dcccxx
    Im zweiten philosophischen Essay des Jahres 1924, der hier vorgestellt werden soll, verleiht Lu Xun seinem Ärger darüber Ausdruck, daß das grüßte Leid unter Menschen von Menschen verursacht werde: "Vergeltung (II)".dcccxxi
    Im Januar 1925 erhielt Lu Xun, der inzwischen ein bekannter Kritiker geworden war, sein Amt an der Universität zurück. 
    Zur selben Zeit setzte auch die Rezeption Lu Xuns in Taiwan ein,dcccxxii die hier in einem kurzen Exkurs vorgestellt werden soll: Allein zwischen 1925 und Februar 1926 erschienen in den etwa 50 Ausgaben der Taiwanesischen Volkszeitung 20 Texte von Lu Xun. Die taiwanesische neue Literatur verdrängte die Autoren vom Festland dann jedoch wieder aus dem Feuilleton, Lu Xuns Texte wurden spärlicher, bis sie Anfang der 1930er Jahre verschwanden. Als 1946 sein Freund und Schüler Xu Shouchang 许寿裳 auf die Insel floh, erlebte die Beschäftigung mit Lu Xun einen kurzen Aufschwung.dcccxxiii Als die Guomindang Ende der 1950er Jahre ihren 'Weißen Terror' in Taiwan begann, kam Xu, der Schüler des Erzfeindes der Guomindang, unter mysteriösen Umständen ums Leben. Als die Guomindang 1949 die Macht ergriff, wurde Lu Xun bis 1987 nicht mehr offen diskutiert und publiziert. Auch in Deutschland in den Jahren der 'Kulturrevolution' und der Studentenbewegung erlebte Lu Xun ein ähnliches Schicksal, einzelne Sinologen haben ihm dann durch verstärkte Publikation seinen ursprünglichen Stellenwert zurückerobert. Eine große Wirkung hatte z.B. die Anthologie von Enzensberger.dcccxxiv
    Im Februar 1925 entstand der Essay "Qingnian bi du shu 青年必读书"dcccxxv (Was die Jugend lesen sollte) in unkonventioneller Form: In einen Fragebogen zu Lektüreempfehlungen trägt Lu Xun nur ein, daß er dem nie Aufmerksamkeit geschenkt habe und demnach auch nichts empfehlen könne. In einer Fußnote schreibt er dann seinen eigentlichen Essay. Das Thema im Fragebogen entspricht mit dem Essay in der Fußnote in parodistischer Form der klassischen "Erörterung" eines "Themas".
    Im April 1925 wurde Lu Xun Herausgeber der neugegründeten Zeitschrift Mangyuan 莽原 (Wild überwucherte Felder).
    1925 publizierte er die Erzählsammlung Auf der Suchedcccxxvi. In einem Essay beschreibt er am 16. Juni seine Enttäuschung über die Unkultiviertheit der Menschheit: "Die verlorene Hölle, die schon gewonnen war" beschreibt die Hölle, in der der Teufel von den Menschen vertrieben wird. Die Menschen führen aber die Folterungen selbst fort.dcccxxvii
    Im Mai 1925 wandte sich Lu Xun auf Seiten der Studenten in zahlreichen Essays gegen die Universitätsleitung und das Bildungsministerium, seine Essays aus dieser Zeit bilden einen großen Teil der Sammlungen Fen 坟 (Das Totenmal) und Huagai ji 华盖集dcccxxviii (Sammlung Unglückbringender Stern). Die ersten Polemiken entstanden im Zusammenhang mit dem Fall der Nüzi shifan daxue 女子师范大学 (Pädagogische Frauenuniversität) in Peking.dcccxxix Yang Yinyu 杨荫榆 hatte am 9. Mai zwei studentische Aktivisten aus der Universität verbannt, darunter Xu Guangping, die seit Februar Korrespondenz mit Lu Xun unterhielt und ihn später heiratete. Befürworter und Gegner dieser Entscheidung teilten sich in zwei Lager. Diese standen sich als Gruppe der aus den westlichen, vorwiegend englischen und amerikanischen Universitäten zurückgekehrten, bereits im Establishment Befindlichen und der der "Liberal-Progressiven" um die "Zhejiang-'Mafia'"dcccxxx gegenüber. Die erste Gruppe vertrat Chen Xiying  陈西滢 (Chen Yuan 陈源) mit dem Erziehungsminister Zhang Shizhao 章士钊 im Rücken, die zweite Lu Xun mit Zhou Zuoren und anderen. Drei Tage nach der Entlassung der beiden Studentinnen, am 12. Mai, veröffentlichte Lu Xun den ersten Essay dazu.dcccxxxi Lu Xun schrieb als Antwort auf die 78 Essays umfassenden Plaudereien von Xiying,dcccxxxii in der seine Erzählungen gelobt und seine vermischten Essays kritisiert wurden, die "Nicht als Plaudereien beabsichtigten Gespräche". Wenngleich dieser Fall Lu Xun beschäftigte und ihn zu einigen literarischen Ergüssen motivierte, war dies doch nicht die erste Auseinandersetzung in Lu Xuns Leben: dcccxxxiii Lu Xun war für seinen streitbaren Charakter bekannt.dcccxxxiv Lu Xun wurde im August 1925 entlassen. 
    Seit dem 10. Juli 1926 rückte die Neue Revolutionäre Armee in ihrem "Nordfeldzug" auf Peking vor. Die Truppen Zhang Zuolins 张作霖 bereiteten sich auf eine Verteidigung vor und versetzten die Stadt dabei in chaotische Zustände. Durch diese Wirren wurde der Streit mit Chen Xiying ausgesetzt und später auch nicht wieder aufgenommen.
    Seine Entlassung im August 1925 stimmte Lu Xun depressiv und weinselig, dies wirkte sich auf die Stimmung in den Essays aus, die er gerade schrieb: Seit September 1924 verfaßte er in einer Experminentierphase eine Gruppe von dunklen, lyrischen Essays, Essaygedichten,dcccxxxv Fabeln und dramatischen Szenen, die er als Ye cao 野草dcccxxxvi (Wilde Gräser) bezeichnete.dcccxxxvii Die Sammlung war im April 1926 abgeschlossen. Die Essaygedichte wurden auch als "'verzweifelter Widerstandskampf' gegen das Nichts" gedeutet.dcccxxxviii 
    In einer Kritik aus der VR Ch heißt es dazu: Bei den Wilden Gräsern handle es sich um den Gipfel der neuen Literaturgeschichte, dieser Band habe späteren Essaygedichten den Weg geebnet. Die Texte zeichneten sich durch die beiden folgenden Charakteristika aus: 1. Gebrauch von fengyu 讽喻 (Ironie und Parabeln);dcccxxxix 2. xiangzheng 象征 (Symbolik).dcccxl
    Formal leitet Lu Xun die in der Sammlung enthaltenen Texte häufig damit ein, daß das folgende ein Traum sei, um dem formalen Anspruch der Nicht-Fiktionalität zu entsprechen. Lediglich die dramatische Szene ist fiktional. Bei Beginn des Schreibens der Wilden Gräser übersetzte Lu Xun Essaygedichte von Hakuson, Kuriyagawa,dcccxli dessen Einfluß zu spüren ist. Die undifferenzierte Bezeichnung der Sammlung als reine Sammlung von sanwen shi 散文诗 (Essaygedichte) geht sicherlich auf die Benennung von Lu Xun zurück, der die Texte erst 1931 so nannte.dcccxlii Sowohl laut einer Kritik aus der VR Ch handelt es sich bei den Wilden Gräsern um den "Gipfel der Essaygedichte",dcccxliii wie auch laut Leo Ou-fan Lee, der alle 23 Texte in einem Aufsatz als Essaygedichte bezeichnet.dcccxliv In seiner Monographie über Lu Xun definiert Lee Essaygedichte nach folgender Regel genauer: Das Essaygedicht weise im Unterschied zum lyrischen Essay entweder strukturelle Elemente eines Gedichts (Verse, strophenartige Absätze, Refrains) oder fiktionale Elemente auf, die nicht ausdrücklich durch einen Traum o.ä. gerechtfertigt seien. Die Essays ließen Einblicke in Lu Xuns Unterbewußtsein zu. Die Gattung des Essaygedichts sei in China nicht weit verbreitet. Es seien bereits individualistische und humanistische Grundeinstellungen erkennbar, der melancholische, tragische und resignative Ton überwiege jedoch.dcccxlv
    Tatsächlich ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Texte der Wilden Gräser zu den Gattungen "Gedicht", "Essay" etc. notwendig: Enthalten sind die beiden Essays "Vorwort Lu Hsüns für eine englische Ausgabe von 'Wilde Gräser', geschrieben 1931" [nicht in allen Auflagen] und "Vorwort". Weiter finden sich die zwölf lyrischen, häufig mit der Einleitung "Mir träumte" beginnenden Essays "Der Drachen", "Die wunderschöne Geschichte", "Das tote Feuer", "Ein Hunddcccxlvi widerspricht", "Die schöne, verlorene Hölle", "Die Grabinschrift", "Das Beben der Erinnerung", "Über das Äußern einer Meinung", "Nach dem Tode", "Das getrocknete Blatt", "Verblichene Blutspuren", "Das Erwachen". Daneben sind die Parabel "Der Weise, der Narr und der Sklave" und die dramatische Szene "Der Wanderer" aufgenommen.
    An wirklichen Essaygedichten sind nur neun enthalten: "Herbstnacht", "Der Schatten nimmt Abschied", "Bettler", "Meine verlorene Liebe - Ein neues Gelegenheitsgedicht nach Art der Alten", "Vergeltung", "Vergeltung (II)", "Hoffnung", "Schnee", "Ein solcher Kämpfer". Die deutschen Übersetzungen weichen stark voneinander ab.dcccxlvii
    Die Pekinger Übersetzung des "Drachens", der auf den 14. Januar 1925 datiert ist, ist nur eine Rohfassung, die sich stark an der englischen Übersetzung im selben Verlag orientiert, die Bonner ist eine brillante lyrische Übersetzung. Im Übersetzungsband Ausgewählte chinesische Essays des 20. Jahrhunderts in Übersetzung 1998 ist eine bewußt nur am Originaltext orientierte, von den anderen Übersetzungen unabhängig entstandene Prosaübersetzung abgedruckt. Der Essay wurde zur Übersetzung ausgewählt, da er repräsentativ für die Essays der Sammlung Wilde Gräser und autobiographisch aufschlußreich im Verhältnis zu seinem Bruder ist, zu dem sich gerade in jener Zeit Spannungen aufgebaut hatten, die 1927 in offenen politischen Meinungsverschiedenheiten mündeten. Diese Meinungsverschiedenheiten waren, wie erwähnt, auf Schuldvorwürfen seitens der Frau von Zhou Zuoren gegründet. Das erzählende Ich arbeitet diese Schuldvorwürfe anhand eines Schuldeingeständnisses aus seiner Kindheit auf. Allerdings hatte Lu Xun die Schuld als Kind unwissentlich auf sich geladen. Er erfuhr erst später von ihr und bereut sie nun als Ich-Erzähler. Lu Xun versuchte zwar mit keinem Wort seine Schuld zu mindern, von der er ja gar nichts wußte, aber er schwächte sie zumindest ab, indem er übertrieben formulierte: "Ich hatte meinen Bruder in seiner Kindheit psychisch zu Tode gequält." Lu Xun erfuhr durch ausländische Bücher über Kindeserziehung von seiner damaligen Schuld. Das ausländische wissenschaftlich gewonnene Wissen wird hier nicht hinterfragt, sondern gilt als wahr und bringt absolute Erkenntnis, was seiner damaligen Haltung gegenüber den westlichen Wissenschaften durchaus entsprach. Einen abgerundeten Eindruck vermittelt der Essay durch die Klammer, das Wintermotiv. Die melancholischen Gefühle werden zunächst direkt aus der winterlichen Natur abgeleitet. Die Assoziation an das Drachensteigenlassen in der Kindheit und die damit verbundene Schuld zeigen tiefenpsychologisch den Grund für die Melancholie Lu Xuns. Das Leitmotiv des vor Trauer schwerer werdenden Herzens bringt Struktur in den lyrischen Essay und sorgt für eine konstante melancholische Grundstimmung. Diese Stimmung wird formal verstärkt, indem der Text fast durchgängig Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen Lu Xuns wiedergibt. Die reale Außenwelt (hier der Winter) ist nur Anstoß zu dieser Gedankenwelt. Auch die direkte Rede seines Bruders wird in äußerster Kürze angeführt, sofort kommentiert und interpretiert. Dadurch gewinnt der Leser den Eindruck, alles wie hinter einem Schleier der Lyrik oder der Melancholie wahrzunehmen. Die Melancholie wird schließlich durch die Hoffnungslosigkeit verstärkt, die sich ergibt, als Lu Xun zum Schluß erkennt, daß er die Schuld nicht abtragen kann. Der Leser erlebt Lu Xun hier als einen empfindsamen Menschen, der vor sich selbst Gerechtigkeit sucht und eine Schuld, die er unbewußt auf sich geladen hat, sein Leben lang nicht vergessen kann. Dieser Eindruck wird noch durch die kontrastive Beschreibung seines Bruders verstärkt, der 1. als körperlich schwach und daher mitleiderregend und 2. als geistig fröhlich und unschuldig-verspielt dargestellt wird.dcccxlviii
    Zur selben Zeit wie Wilde Gräser schrieb Lu Xun noch zehn Essays mit Erinnerungscharakter, die er Jiushi chongti 旧事重提 (Altes neu erzählt) nannte und in seiner Zeitschrift Wild überwucherte Felder (siehe oben) veröffentlichte.dcccxlix 1925 erschien weiter der lyrische Essay "Die wunderschöne Geschichte". Darin beschreibt Lu Xun einen angenehmen abendlichen Tagtraum.dcccl
    Nachdem Lu Xun im Januar 1926 vom Erziehungsministerium unter neuer Leitung wieder eingesetzt wurde, besserte sich auch die Stimmung in seinen letzten lyrischen Essays bis April 1926, die Introspektive nimmt ab, die Kampfbereitschaft wächst.dcccli
    Drei Monate nach dem Massaker an Unschuldigen am 18. März 1926, gegen das Lu Xun sich in mehreren Essays gewandt hatte, floh er vor den bereits entmachteten ehemaligen Stadt-Lords Wu Peifu 吴佩孚 und Zhang Zuolin nach Kanton, wo er als revolutionärer Held empfangen wurde, obwohl er sich 1926 selbst noch nicht so sah. Erst mit dem Beginn des "Weißen Terrors" der Guomindang 国民党, die im April 1927 auf Jiang Jieshis 蒋介石 Befehl in Shanghai über 1000 Streikteilnehmer, Gewerkschafter und Mitglieder der Kommunistischen Partei exekutierten, bekannte Lu Xun – nach seinem Umzug nach Shanghai 1927 – in der Vorrede einer Essaysammlung, daß er selbst von Schrecken und Blut terrorisiert sei und bedaure, daß er aufgrund der Zensur nicht offen sprechen könne.dccclii Auch von den Intellektuellen wurde er in Shanghai nicht willkommen geheißen: In derselben Vorrede beschreibt Lu Xun, wie er bei seiner Ankunft in Shanghai von der 'Schöpfungsgesellschaft', der 'Sonnengesellschaft' und der 'Neumondschule' geächtet wurde.
    Während Lu Xun und Zhou Zuoren zu dieser Zeit etwa dieselben Ziele angriffen, so unterschieden sich beide doch darin, daß letzterer seine Kritik mit einem kurzen 'Schuß vor den Bug' erledigte, ersterer dagegen ein 'theatralisches Seufzen' erhob und sich in übertriebener Form in Kritik erging.dcccliii Diese Übertreibungen lassen sich am Essay "Zur Doktrin 'Schutz der Befestigung durch die Politik der verbrannten Erde'"dcccliv (vgl. auch S. 220), nachweisen: Anlaß war ein Bericht über eine Studentin, der es verboten worden war, öffentliche Plätze und Parks zu besuchen, weil dies die "öffentliche Moral" gefährde. Lu Xun nahm dies zum Anlaß, eine dahinterstehende "Philosophie" 'aufzudecken'.
    Ein Beispiel für Lu Xuns Humor ist ein Text, in dem er argwöhnt, daß die Frauen, nachdem sie in der Türkei ihren Schleier verloren hatten, nun demnächst auch mit entblüßtem Hintern durch die Straßen laufen könnten.dccclv Da, wo Lu Xuns Humor aber in die Groteske übergeht, z.B. als er im zitierten Essay dann vom Hintern auf Mastdarm und Blase zu sprechen kommt, wurde ihm vorgeworfen, daß er über das Ziel hinausgeschossen sei.dccclvi Ein weiteres humoristisches Element war die Verwendung von umgangssprachlichen Schimpfwörtern, so nennt er, wie oben erwähnt, die Ausländer in den frühen Essays, grundsätzlich "yang guizi 洋鬼子" (ausländische Teufel).
    Die Essays aus dem Jahr 1925, nunmehr Huran xiangdao 忽然想到 (plötzliche Gedanken) benannt, flossen in die Sammlung Huagai ji 华盖集dccclvii (Sammlung Unglückbringender Stern)dccclviii ein, die aus dem Jahr 1926 in Huagai ji xu bian 华盖集续 编 (Fortsetzung der 'Sammlung Unglückbringender Stern') und in Huagai ji xu bian de xu bian 华盖集续编的续编 (Fortsetzung der Fortsetzung der 'Sammlung Unglückbringender Stern').
    Die meisten Essays der Sammlung Unglückbringender Sterndccclix beschäftigen sich mit Themen, die damals Alltagsgespräch waren: 1. Übersetzung von ausländischen Namen, 2. Empfehlung, daß junge Leute keine chinesischen Bücher lesen sollten, 3. der Vorfall an der Frauenuniversität, 4. der Vorfall vom 30. Mai in Shanghai. Drei Essays sind reine Fabeln, darunter "Kämpfer und Fliegen".dccclx In diesem Text stellt Lu Xun unter dem Einfluß von Nietzsche die Grüße eines Kriegers dadurch dar, daß er ihn mit Fliegen, die von seinen Wunden saugen, kontrastiert.
    Zwei Essays aus der Sammlung seien hier vorgestellt: 
    1. Der Essay "Mit Kritik den Drachen schnitzen"dccclxi ist eine Parodie auf das Wenxin diaolong 文心雕龙dccclxii (Literarisches Schaffen ist wie das Schnitzen eines Drachens). Darin folgen dem Ausruf "A-a-a-ch" 21 geistvolle Antworten ganz im Stil der Vorlage. Diese Antworten teilen kräftige ironische Seitenhiebe auf die zeitgenössische Literaturkritik und -theorie aus, etwa auf die der 'Schöpfungsgesellschaft'.
    2. Der Essay "Zhege yu nage, er: Peng yu wa 这个与那个,二:捧与挖"dccclxiii (Dies und das, Teil 2: Erheben und untergraben) ist nach den Gliederungsvorschriften des baguwen geschrieben.dccclxiv
    Mitte 1925 bekannte er, erst der Haß habe ihm bewußt gemacht, daß er lebe.dccclxv Dieser Haß begann sich andeutungsweise schon früh gegen bestimmte Klassen zu äußern, von Klassenliebe gegenüber den Arbeitern war bei Lu Xun jedoch keine Spur zu finden: Abgesehen von den Stellen, wo sie die Opferrolle übernahmen, bedachte Lu Xun die Massen nur mit Kritik.
    Am 6. Februar 1925 erschien der Essay "Weitere Gedanken zum Einsturz der Leifeng-Pagode". Dabei handelte es sich um eine humoristische Plauderei über die Liebe zu Zahlenspielen oder festem zahlenmäßigen Erfassen einer Gruppe von Elementen wie Sehenswürdigkeiten, Regeln etc. Lu Xun stellt einen direkten Vergleich zwischen der eingestürzten Leifeng-Pagode und China an:

Die Tatsache, daß wir uns auf einem Trümmerhaufen befinden, ist noch kein Grund zur Trauer, aber daß auf diesem Trümmerhaufen die alten Vorschriften wieder aufgebaut werden, das sollte uns traurig stimmen.dccclxvi

    Drei Tage später verfaßte er den Essay "Spiegel - Eine Betrachtung", in dem er von Toleranz und Übernahme von Ausländischem in der Han- und Tang-Zeit berichtete. Seit der Song-Zeit sei eine Besinnung auf Nationales zu beobachten gewesen.dccclxvii
    Am 22. April 1925 übertrug er in den gar nicht "Müßigen Gedanken zum Frühlingsende" ein Beispiel aus der Natur, daß nämlich eine Wespe ihr Opfer lähmt, auf China, in der der Konfuzianismus lähmend wirke.dccclxviii
    Auch der kulturkritische Essay "Beiläufiges im Lampenschein"dccclxix vom 29. April 1925 ist so beiläufig nicht: Lu Xun erinnert sich an eine Banknotenentwertung. Er vergleicht das chinesische Volk mit Vieh und Sklaven, die eine Regel bräuchten, egal wie unsinnig diese sei. Lu Xun kritisiert die Bevorzugung der Ausländer: "Als Sun Meiyao einige von ihnen [gemeint sind Ausländer, M.W.] verschleppte und sie vor sich aufstellen ließ, wagten es die Regierungstruppen nicht, das Feuer zu eröffnen."dccclxx Er wettert gegen Ausländer und Chinesen, die sich zu Sklaven der Ausländer machten. "China selbst ist nur eine Küche, in der diese Festessen aus Menschenfleisch zubereitet werden."dccclxxi, "Diese Menschenfresser auszurotten, die Festtafeln umzustürzen, die Küche zu zerstören - darin liegt die Mission der heutigen Jugend!"dccclxxii Lu Xun kontrastiert die glorifizierenden Chinabeschreibungen von Yuseke Tsurumi und einem westlichen Ausländer, der ein Bankett in Peking genießt, mit dem Motiv des Menschenfressens: "Das was als China bekannt ist, ist tatsächlich nicht mehr als eine Küche, in der ein Festmahl aus Menschenfleisch zubereitet wird."dccclxxiii Die Geschichte der Chinesen teilte er in zwei wiederkehrende Phasen ein: "1. Zeiten, in denen die Chinesen sich vergeblich bemühten, Sklaven zu sein; 2. Zeiten in denen sie vorübergehend in ihrer Sklaverei geschützt waren."dccclxxiv
    Lu Xun bewertete im Essay "Allerlei Erinnerungen"dccclxxv vom 16. Juni 1925 den Einfluß Byrons auf die chinesische revolutionäre Bewegung von 1911. Damals habe man auch historische Aufzeichnungen, die Loyalisten der Ming von den Grausamkeiten der Mandschuren angefertigt hatten, gesammelt, nachgedruckt und damit die Stimmung angeheizt.
    Am 19. Juli 1925 plaudert Lu Xun im Essay "Apropos '… Scheiße'"dccclxxvi über ein Beispiel der chinesischen Schimpfkultur. In der deutschen Übersetzung ist der zentrale Begriff "tamade 他妈的" (pejorativ, etwa "Scheiße") wörtlich sicherlich korrekt, aber in seinen Konnotationen nur unzureichend mit "… bei seiner Mutter" wiedergegeben.
    Es seien hier sechs Essays vorgestellt, die später in die Sammlung Das Totenmal aufgenommen wurden: 
    1. Nur drei Tage nach dem oben erwähnten Text entstand "Die Augen offenhalten".dccclxxvii Es ist ein Plädoyer, den Dingen ins Auge zu sehen, und richtet sich gegen die verbreitete Angewohnheit, wegzuschauen oder die Augen niederzuschlagen. Weiter wird Kritik am traditionellen Heiratssystem und an der Angewohnheit, ein Happy-End zu schaffen, geübt. Falls ein Happy-End aus historischen Gründen nicht geschrieben werden könne, versuche man die Katastrophe durch Schuld aus einem früheren Leben umzudeuten oder den Toten heilig zu sprechen. Lu Xun kritisiert hier den Eskapismus in der chinesischen Literatur.
    2. In "Vom Bart auf die Zähne zu sprechen kommen", datiert auf den 30. Oktober 1925,dccclxxviii verteidigt Lu Xun den Essay über den Schnurrbart und macht sich über den Vorwurf der Belanglosigkeit lustig. Lu Xun berichtet von seinen Zähnen. Laut Agenturmeldungen waren ihm drei Tage zuvor bei einer Demonstration mit Studenten für die Zollhoheit Chinas zwei Zähne ausgeschlagen worden. Tatsächlich sei er jedoch am fraglichen Tag unpäßlich gewesen und habe den Tag im Bett verbracht. Er berichtet über den Krankheitszustand seiner Zähne und die vergeblichen Versuche der chinesischen Medizin, diese zu kurieren. Schließlich habe ein japanischer Arzt dies mit westlicher Medizin in einer Stunde vollbracht. Die zwei Schneidezähne fehlten ihm aufgrund eines Sturzes im Jahr 1922.
    3. "Zur Doktrin 'Schutz der Befestigung durch die Politik der verbrannten Erde'"dccclxxix (vgl. auch S. 215) schrieb Lu Xun am 22. November 1925. Er übt darin Kritik an einem Erlaß, der es jungen Shanghaier Frauen verbot, alleine in Vergnügungsparks zu gehen.
    4. Am 23. November 1925 entstand der Essay "Witwentum",dccclxxx in dem Lu Xun für die Emanzipation der Frauen eintritt, wobei er aus heutiger Sicht immer noch diskriminierende Gedanken entlarvt. Weiter wendet er sich gegen die Praxis, alte Jungfern zu Lehrerinnen für junge Studentinnen zu machen.
    5. Während seit der '4.-Mai-Bewegung' der Ausdruck des "achtgliedrigen Essays" häufig zur Bezeichnung formalistischer Essays verwendet wurde, verwendet Lu Xun im polemischen Essay "Kein überstürztes 'Fair play' - Ein Disput"dccclxxxi vom 29. Dezember 1925 die Reinform dieses Essays, wenngleich er in moderner Umgangssprache schreibt. Darin wendet er sich gegen Lin Yutangs Bitte um "fairplay". Er nimmt stattdessen die Umschreibung "einen Hund, der ins Wasser gefallen ist, soll man nicht schlagen" wörtlich und bezieht polemisch und spitzfindig, aber auch humoristisch dagegen Stellung. Die Zeit in China sei noch nicht reif für "fairplay". Es bestünde die Gefahr, daß die alten Strukturen sonst nicht vollständig ausgerottet würden. Der Essay endet mit der Aussage:

[…] ich wage zu behaupten, daß die Gegner von Reformen niemals in ihrem Bemühen nachgelassen haben, den Reformern zu schaden, und daß sie dabei vor nichts zurückschreckten. Immer nur sind es die Reformer, die träumen und dafür büßen müssen. Dies ist die Ursache dafür, warum in China bis heute keine Reformen stattgefunden haben.

    6. Lu Xun bettet seine klaren politischen Statements häufig ein, wie etwa den Slogan zur Umgangssprache "Nieder mit allen, die gegen die Umgangssprache intrigieren" in eine Erzählung über einen Kinderschreck im Essay "Illustrationen von vierundzwanzig Beispielen für Kindespflicht" (vgl. S. 224).dccclxxxii
    Lu Xuns Essays zeichnen sich durch brillanten Stil, bissige Polemik und tagespolitischen Bezug aus. Überzeugend verwendet er seinen als "Lu Xun-Stil" bekannt gewordenen lyrisch-metaphorischen Stil im 1926 entstandenen Essay "In Gedenken an Frau Liu Hezhen",dccclxxxiii in dem er sowohl den Tod seiner Studentin als auch seine eigenen Trauergefühle abwechselnd beschreibt.
    Einer dieser sechs Bände, dessen Essays zwischen Februar 1926 bis Juli 1927 zunächst in Peking, dann auf der Flucht vor der Intellektuellenverfolgung der nördlichen Militärmachthaber ohne eigenes Dach über dem Kopf in Krankenhäusern, einer Tischlerwerkstatt und im Obergeschoß einer Universitätsbibliothek von Xiamen entstanden, als Lu Xun sich aufgrund eines Zwistes mit Kollegen aus der Gruppe der Gelehrten ausgeschlossen sahdccclxxxiv, verdient besondere Beachtung: Als grüßter Erfolg unter den Essays der Zeit seit der '4.-Mai-Bewegung' werden die Erinnerungen (keine vermischten Essays) der Essaysammlung Zhao hua xi shi 朝花夕拾dccclxxxv (Morgenblüten abends gepflückt) gewertet, die erst 1928 veröffentlicht wurden.dccclxxxvi
    Die Sammlung enthält die schon von Lu Xun 鲁迅 im September 1928 unter diesem Titel herausgebrachten 12 autobiographischen Essays, darunter ein Vor- und ein Nachwort sowie zahlreiche Original-Abbildungen. In der in Peking erschienenen deutschsprachigen Ausgabe fehlt die Angabe der chinesischen Originaltitel.dccclxxxvii Die "autobiographischen Skizzen" gehören zu den "poetischsten Werken der modernen chinesischen Literatur".dccclxxxviii Die Übersetzung von Johanna Herzfeldt ist fehlerhaft. Auch in dieser Sammlung finden sich Beispiele für Lu Xuns Humor.dccclxxxix Teilweise übertrug Lu Xun Allegorien auch direkt auf die Realität.dcccxc Lu Xun spielte bei seinen autobiographischen Essays mit der Erzählperspektive: Wenn es ihm aus humoristischen Gründen sinnvoll erschien, behielt das erzählende Ich den Wissensstand des erzählten Ich bei.dcccxci Eines der Charakteristika von Lu Xuns Stil ist es, daß er Zitate des Gegner gegen diese verwendet, ein weiteres, daß er Sprichwörter spärlich verwendet, aber dann wörtlich nimmt.
    In einer Literaturkritik aus der VR Ch werden folgende Besonderheiten der Sammlung Morgenblüten abends gepflückt hervorgehoben: 1. Sie schildern anschaulich den "Erfolg der Massen". 2. In der Farbe des "politischen Kommentars" verwenden sie natürliche Erzählung, Beschreibung, Ausdruck von Gefühlen und nehmen die Realität mit Ironiedcccxcii auf. 3. Sie verwenden "humoristische Sprache".dcccxciii
    Im folgenden sollen die zehn Essays, die Vorbemerkung und das Nachwort der Sammlung kurz vorgestellt werden: 
    Der Essay "Von Hunden, Katzen und Mäusen" vom 21. Februar 1926 ist eine intellektuelle Plauderei über Lu Xuns Katzenhaß und die teils psychoanalytische Suche nach den Ursachen dafür in der Kindheit. Bisweilen wird eine Übertragbarkeit auf bestimmte Erscheinungen in der Gesellschaft angedeutet, insbesondere werden Autoritäten angegriffen. Lu Xun gelangt zu der Erkenntnis, daß man besser Katzen verscheuche, als sie zu töten, da letzteres gesellschaftlich nicht akzeptiert werde.dcccxciv
    Im Essay "Mama Chang und das 'Buch der Berge und Meere'", den Lu Xun auf den "10.3."[1926] datiert, sind Kindheitserinnerungen an das zwiespältige Verhältnis zur Kinderschwester dokumentiert. Darin wird auch von der besonderen Bedeutung eines bebilderten Buches der Berge und Meere berichtet.dcccxcv Thematisch schließt sich der folgende Essay daran an: 
    Lu Xun erinnert sich in "Illustrationen von vierundzwanzig Beispielen für Kindespflicht"dcccxcvi (vgl. S. 221), datiert auf den "10.5."[1926], ebenfalls an seine Kindheit, in der er gerne bebilderte Bücher gelesen habe. Er plädiert für die Einführung von bebilderten Kinderbüchern und Büchern in Umgangssprache. Weiter beschreibt er zwei Kapitel aus einem Buch über Kindespietät und die unterschiedlichen Empfindungen, die das erzählte und erzählende Ich dem Buch aufgrund des Wissensunterschiedes entgegenbringen.
    In der Kindheitserinnerung "Das Fest der fünf zügellosen Götter"dcccxcvii, die Lu Xun auf den "25.5."[1926] datiert, beschreibt er eine Prozessionen zu Kinderzeiten und eine Situation, in der sein Vater ihn einen Text auswendig hatte lernen lassen. Der Sinn dieses Auftrags sei ihm weder damals noch heute klar.
    In "Wuchang, der Geist des vergänglichen Lebens"dcccxcviii, datiert auf den "23.6." [1926], schildert Lu Xun den menschlichen Geist der "Vergänglichkeit des Lebens", wie er ihn in der Kinderzeit vermittelt bekommen habe. Daneben schweift er zu aktueller Kritik am Zeitgenossen Chen Xiying ab.
    Im August 1926 wich Lu Xun wegen Unterstützung der Studentenbewegung, wegen der Massakerdcccxcix und des zunehmenden Chaos' in Peking (siehe S. 211), nach Xiamen (Amoy) aus, dort entstanden sechs Essaysammlungen. In die genannte Sammlung Morgenblüten abends gepflückt wurden weiter folgende fünf Essays aufgenommen:
    In seinem Essay "Aus dem Garten der hundert Gräser in die Klause der drei Düfte"cm, datiert auf den "18.9."[1926], erinnert er sich an die Freude, die er als Kind im Garten empfand - diese kontrastiert er mit der Strenge in der Schule, die er bereits bei der Einschulung zu spüren bekam. Dieser Text ist noch aus der Perspektive des Kindes geschrieben, wobei die während des Unterrichts verbotenerweise angefertigten Bilder als wichtiger eingestuft werden als der gelernte Stoff.
    Ein bewegend geschriebener autobiographischer Essay ist "Die Krankheit meines Vaters"cmi, datiert auf den "7.10."[1926]. Er berichtet von Krankheit und Tod des Vaters und dem vergeblichen Bemühen des Sohnes, bei der Heilung der Krankheit zu helfen. Im Rückblick erscheint es Lu Xun als Fehler, daß er sich auf zwei Ärzte der traditionellen chinesischen Medizin und ihre wundersamen Rezepturen verließ. Ebenso fühlt er sich schuldig, seinen Vater auf Geheiß einer Bekannten während des Sterbens noch laut gerufen zu haben, was seinem Vater sichtlich unangenehm war. Im Gegensatz zu seinem autobiographischen "Vorwort zu 'Aufschrei'"cmii, in dem er die Ärzte als "Betrüger" enttarnte, werden die Ärzte hier aus dem damaligen Kenntnisstand als "angesehen" bezeichnet und wirken dadurch umso verhängnisvoller.
    In "Unmaßgebliche Erinnerungen"cmiii erinnert sich der Dichter an seine Kindheit, den Schulbesuch in Nanking, die erste Begegnung mit ausländischem Wissen und die Entscheidung, zum Auslandsstudium nach Japan zu gehen.
    In seinem Essay Herr Fujino Genkurocmiv, datiert auf den "12.10."[1926], berichtet er von seinem Auslandsstudium in Japan, insbesondere von seinem Lehrer Fujino Genkuro, der einen prägenden Einfluß auf ihn hatte.
    In dem Essay "Fan Ainong"cmv, datiert auf den "18.11."[1926], berichtet Lu Xun über einen Studiengefährten und seinen späteren Lebensweg in China sowie die Umstände, die seinen Umzug von Shaoxing nach Nanking nötig machten: Er hatte den eigenen Gouverneur in der Zeitung beschimpft.
    Die Essaysammlung Fen 坟 (Das Totenmal) enthält Essays aus der Zeit seit 1907cmvi, die meisten stammen jedoch aus dem Jahr 1925, veröffentlicht wurde sie 1927. Im "Nachwort zu 'Das Totenmal'"cmvii, datiert auf den 11. November 1926, erklärt Lu Xun zu den versammelten Essays: "Diesmal ist wirklich alles durcheinandergeraten".cmviii Er wolle mit seinen Texten offenlegen und polarisieren. Er habe auch keine Anleitung, wie man leben solle, er wisse nur, daß am Ende immer der Tod stehe, was den Titel für diese Sammlung geliefert habe. Obwohl er seine eigenen ersten Essays, die ebenfalls in dieser Sammlung Aufnahme fanden, in vormoderner Schriftsprache verfaßt hatte, verteidigt er hier die Umgangssprache ohne klassischen Einfluß und fordert die Lektüre ausländischer Literatur. 
    Am 30. Oktober 1926 verfaßte er die mit "Zum Titel" überschriebene Einleitung zur Sammlung Das Totenmal.cmix Darin weist er die Herkunft der zeitlich teilweise weit zurückliegenden Texte nach. Die Essays in dieser Sammlung schlagen denselben Grundton wie die der '4.-Mai-Bewegung' an: Zum Überleben sei es notwendig, sich neu zu orientieren. Ein wesentlicher Unterschied gegenüber den Essays der '4.-Mai-Bewegung' bestand jedoch in der Tatsache, daß die Führer der Bewegung von damals inzwischen ins Establishment übergewechselt oder der Kommunistischen Partei beigetreten waren. Lu Xun blieb der Haß als treibende Kraft seines Schreibens. Dieser richtete sich auch gegen Rückkehrer vom Auslandsstudium im Westen. 
    Zu seiner Polemik seien folgende Anmerkungen gemacht: Seine Bilder sind selbst in der Polemik kaum nachzuahmen:cmx "Außerdem werden, wenn die geistige Zivilisation über sich selbst hinausgewachsen ist, die Köpfe mit ihren Gedanken von selbst davonfliegen, und dann stellen die unbedeutenden Köpfe in ihrer rein materiellen Form kein großes Problem mehr dar."cmxi Ein sprechendes Beispiel für Polemik gegen Einzelpersonen ist die Stelle: "Wieder geht es um Zhang Shizhao. Schon lange Zeit schüttle ich nur mit dem Kopf beim Klang dieses Namens."cmxii An anderer Stelle wertet er stark: "Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nicht der Rede wert",cmxiii dennoch hat seine Polemik im Vergleich zu der Hu Shis und Chen Duxius zumeist intellektuellen Anspruch. Lu Xun ist spitzfindig, wenn er Sprüche wörtlich nimmt: "Wer sein Land verkauft, der plant nur für seine Nachkommen",cmxiv oder wenn er das Prinzip des Fairplay mit dem von seiner Gegenseite verwendeten Beispielsatz "einen Hund, der ins Wasser gefallen ist, schlagen" wörtlich nimmt.
    Am 18. März 1926 demonstrierten Studenten vor dem Regierungsgebäude in Peking, Duan Qirui 段祺瑞 ließ das Feuer eröffnen, 47 starben, ca. 150 wurden verletzt. Lu Xun schrieb als Reaktion die Essays "Wuhua de qiang wei zhi er 无花的蔷 薇之二"cmxv (Neue Rosen ohne Blüten) und "Dandan de xuesheng zhong 淡淡的血痕 中" (Angesichts verblassenden Blutes). In letzterem Essay, der den Untertitel "Zur Erinnerung an die Toten, Lebenden und Kommenden" trägt, schlägt seine Verbitterung auf den Stil durch. Deutlich ist seine Wut über die Schwäche des Schöpfers, der dieses Leid zuließ, und über die Vergeßlichkeit der Leute herauszulesen. Lu Xun verleiht seiner Sorge um die Alltäglichkeit der Grausamkeit Ausdruck.
    Wegen Querelen im Lehrkörper 1926/27 ging er im Januar 1927, während die Guomindang ihren antikommunistischen Coup startete, nach Kanton, das eine revolutionäre Basis war.
    Am 1. Mai 1927 verfaßte Lu Xun in Kanton die "Kurze Vorbemerkung"cmxvi zu den Morgenblüten abends gepflückt, in der er anmerkt, daß die Essays in dieser Sammlung auf der Flucht geschrieben wurden. Den Titel der Sammlung versteht er als eine Allegorie für die hier aufgezeichneten Erinnerungen. Im "Nachwort"cmxvii zu Morgenblüten abends gepflückt, das im Mai 1927 begonnen und am 11. Juli 1927 beendet wurde, untersucht er historiographisch unter Berücksichtigung regionaler Traditionen die Figuren der Unterweltsdiener Huo Wuchang 活无常 (Das Leben ist vergänglich) und Si Youfen 死有分 (Der Tod ist vorherbestimmt). Damit schweift Lu Xun noch einmal zu einem Thema ab, das er in einem in dieser Sammlung enthaltenen Essay bereits behandelt hatte. Dieses Nachwort ist ein typisches Beispiel für die Digression, die in Lu Xuns Spätwerk häufig zu beobachten ist.

Exkurs: Die Digression in Lu Xuns Essays als Ausdruck einer Ästhetik des Marginalen?

    Einzelne der hier unter diesem Thema zusammengefaßten Essays tauchen noch einmal an der Stelle auf, in der sie im biographischen Zusammenhang stehen, dort sind auch die bibliographischen Angaben zu finden.
    Lu Xun schweift in einigen seiner Essays vom eigentlichen Thema ab, im Spätwerk nimmt diese Erscheinung zu. Digression ist nach Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur möglicher Ausdruck eines bewußten Skeptizismus und ein Warnsignal, daß etwas nicht stimmt. Knut Walf schildert in seinem Beitrag "Marginalimsus im Daoismus" 1996cmxviii den Marginalismus als eine Ästhetik, die in China eng mit der Tradition des Skeptizismus eines Wang Chong (27 - 97) verbunden sei. Lu Xun hatte seinen jugendlichen Optimismus bezüglich des Gesellschaftseinflusses der Literatur schon bald verloren - "Vorrede zu 'Nahan'" 1922 - und war skeptisch gegenüber den Möglichkeiten der Literatur, auf die Gesellschaft einzuwirken. 

1) Gesteuerte Digression

    1926 schweifte Lu Xun im Essay über "Wuchang, der Geist des vergänglichen Lebens" zu aktueller Kritik am Zeitgenossen Chen Xiying ab, in den "Illustrationen von vierundzwanzig Beispielen für Kindespflicht" 1926 wettert er gegen den Aufruf "Nieder mit der Umgangssprache". Lu Xun nutzt hier historiographische und autobiographische Essays für tagespolitische Appelle. 

2) Nicht zielgerichtete Digression

    Im Mai 1927 beginnt Lu Xun das "Nachwort" zu den Morgenblüten abends gepflückt, schreibt daran jedoch bis zum 11. Juli: Es wird ein vollständiger Essay daraus, der, wie oben ausführlich beschrieben, noch einmal historiographisch die Figuren der Unterweltsdiener Huo Wuchang und Si Youfen untersucht. 

- Marginalismus

    Die Digression ist eng verwandt mit Marginalismus und Essayistik: Auch Montaigne sah sich als Marginalist, vgl. Karl-Dieter Ulke: "An den Rand geschrieben - Montaigne als Marginalist" 1996.cmxix

3) Marginalismus als Experiment

    Im 1919 geschriebenen weiter oben bereits vorgestellten Essay "Qingnian bi du shu" (Was die Jugend lesen sollte) steht der eigentliche Essay in einer Fußnote. Lu Xun trägt in einem Fragebogen bei der Frage nach Lektüreempfehlungen nur ein, daß er dem nie Aufmerksamkeit geschenkt habe und demnach auch nichts empfehlen könne. In einer Anmerkung schreibt er dann seinen Essay. Das Thema im Fragebogen entspricht mit dem Essay in der Fußnote in parodistischer Form der klassischen "Erörterung" eines "Themas".

4) Marginalismus um seiner selbst willen mit gesellschaftskritischen Seitenhieben

    1924 schreibt Lu Xun den bewußt belanglosen Essay "Shuo huxu 说胡须" (Mein Schnurrbart), in dem er sich darüber lustig macht, was andere alles in die Form seines Bartes interpretieren. Anschließend schreibt er den noch belangloseren Essay "Vom Bart auf die Zähne kommen", in dem er sich darüber lustig macht, daß Leser ihm Belanglosigkeit vorwerfen.

5) Marginalismus als Understatement mit Überraschungseffekt

    Auch Montaigne leitete seine Essays mit bewußtem Understatement ein. Lu Xun verpackt brisante Inhalte in Essays, die scheinbar mit Marginalien betitelt sind: Im Essay "Müßige Gedanken zum Frühlingsende" vergleicht er die lähmende Wirkung des Konfuzianismus mit Wespengift; in "Beiläufiges im Lampenschein" unterstellt er den Chinesen, daß sie stets versklavt sein wollten; im autobiographischen Essay "Unmaßgebliche Erinnerungen" erläutert er seine Entscheidung, zum Studium nach Japan zu gehen.
    Die jüngeren Mitglieder der Schöpfungs- und Sonnengesellschaft waren in zwei Lager gespalten, die sich gegenseitig verrieten. Lu Xun machte eine entscheidende Wandlung durch: Wie den Essays zu entnehmen ist, glaubte er nicht mehr an eine Evolution zum Besseren, sondern war unschlüssig, ob er sich der neuen linken Bewegung anschließen sollte. Er hielt viele Reden, und seine Essays bestanden grüßtenteils aus Zitaten von Zeitgenossen, in jedem Fall waren seine Texte jetzt stärker an eine "Öffentlichkeit" gerichtet. Er schrieb weniger freifließend und lyrisch-metaphorisch, sondern konkreter. In einem Brief am 4.9.1927 äußert er sich so: "Mein Denken ist verändert, seit ich Amoy verlassen habe."cmxx Seine frühere Einstellung "Rettet die Kinder" sei durch die Umstände gewandelt: Die Kinder seien nun erwacht und würden getötet: "Ich fühle, daß ich letztlich nichts zu sagen habe."cmxxi 
    Lee sieht in der Auseinandersetzung mit Lunarchskij und Plechanov einen Linksruck Lu Xuns, den Beginn einer "linken Phase", die von 1927 bis 1936 dauerte.cmxxii
    Wegen des Straßenterrors in Kanton ging er im Oktober 1927 nach Shanghai, dort engagierte er sich politisch und veröffentlichte neun Essaysammlungen, darunter die einige Zeit zuvor verfaßten Wilden Gräser und Morgenblüten. Seine Essays wurden zunächst zensiert, konnten aber in Buchform unzensiert erscheinen. 
    Die Essays von 1927 sind in Er yi ji 而已集cmxxiii (Und damit hat es sich. Sammlung) aufgenommen. Seit 1927 verringert sich die Metaphorik in seinen Texten, Lu Xun schrieb beinahe ausschließlich Essays und keine Erzählungen mehr.
    Wang Meng steuert zu Lu Xun folgende Anekdote bei: 

Vor vielen Jahren sagte ein Schriftsteller der älteren Generation: "Jetzt verstehe ich, warum Lu Xun in seinen späten Jahren nicht Erzählungen, sondern Essays schrieb. Die Form der Erzählung ist nicht so sehr geeignet, um über schlechte Personen und Dinge zu schreiben, sie ist zu zurückhaltend. Nur beim Essayschreiben kann man sich nach Herzenslust erfreuen." Seit diesem Tag bin ich sehr wachsam, daß ich nicht süchtig werde, statt Erzählungen Essays zu schreiben.cmxxiv

    Weitere Essays aus dem Zeitraum 1927 bis 1929 sind in der Sammlung San xian ji 三闲集 (Drei Menschengruppen mit Zeit. Sammlung)cmxxv aufgenommen, die Sammlung enthält 34 vermischte Essays aus den Jahren 1927 - 1929. In der "Xuyan 序言" (Vorrede) zu diesem Band erklärt Lu Xun, die hier versammelten Essays beschäftigten sich mit drei Gruppen von Menschen, die Zeit hätten, unter anderem den Proletariern.
    Die beiden Essaybände von 1927 bis 1929 dokumentieren die Suche und die ideologische Auseinandersetzung mit jüngeren Mitgliedern aus der Schöpfungs- und Sonnengesellschaft, an deren Ende Lu Xun 1930 zu einer linken Position gelangte und sich mit entsprechender Zielsetzung literarisch betätigte. Stärker als er sich für die marxistische Ideologie einsetzte, wetterte Lu Xun gegen seine Gegner in der Literaturwelt,cmxxvi insbesondere gegen ihre Vorstellung von einer Klassenliteratur, von der Vereinnahmung seiner eigenen Literatur als Klassenliteratur, und die Möglichkeit einer proletarischen Literaturbewegung in China. Seine Essays aus der Zeit in Kanton waren ein Sammelsurium von Gedanken ohne klare Gliederung. 1927 hatte Lu Xun das "Schweigen" propagiert, doch kann man aus seinen Essays aus den Jahren 1928 und 1929 eine Unruhe und Aufruhr ablesen, die baldige Aktivität ankündigte. Dazu mag die Rückeroberung Pekings durch die Neue Revolutionäre Armee mit den verbündeten Warlords am 8. Juli 1928 beigetragen haben.
    Infolge einer breitgefächerten Ächtungs-Kampagnecmxxvii gegen ihn 1928 und 1929 zog er sich ein wenig zurück und übersetzte die japanischen Fassungen der Werke der russischen Marxisten Plechanov und Lunacharskij. Er legte auch literaturtheoretische Essays der beiden Autoren in Übersetzung vor: 1929 erschien A.V. Lunarchskij:  "Zur Kunst", "Literatur und Kritik"; 1930 G.V. Plechanov: "Zur Kunst".cmxxviii Aber auch gegenüber dem Inhalt dieser Texte war Lu Xun nicht unkritisch: In seinen eigenen Essays kontrastierte er bereits die Brutalität der Realität mit der "irrealen" "revolutionären Literatur". Lu Xun sagte über seine Motivation "ich will frei und rücksichtslos sprechen, um auf das Entstehen des Neuen zu drängen, während ich alle Kräfte darauf konzentriere, die alten Dinge zu bekämpfen, die dem Neuen schaden könnten."cmxxix
    In Lu Xuns dritter Essayphase von 1930 bis 1934cmxxx schrieb er grüßtenteils an der Tagespolitik orientierte polemische zawen  杂文 (vermischte Essays). Zwischen 1930 und 1934 entstanden sechs Sammlungen des vermischten Essays in einer extremen Form:  kämpferisch und polemisch, sein Freund Qu Qiubai  瞿秋白cmxxxi (1899 - 1935) nannte sie zwei Jahre vor seiner Hinrichtung "feuilletons".cmxxxii 
    Westliche Wissenschaftler vermissen im Spätwerk Vision und Tiefe, sehen den literarischen Wert gemindert.cmxxxiii Lu Xun wandte sich tagespolitischen Themen zu, schrieb mit Blick auf die Öffentlichkeit und behandelte einen eingeschränkteren Themenbereich. In einigen Quellen aus der VR China wird diese Periode dagegen als "reifste Phase"cmxxxiv angesehen. Beide Seiten übersehen bei ihrer Phaseneinteilung das Spätwerk der letzten beiden Jahre, das sich vom propagandistischen der Jahre 1930 bis 1934 abhebt, weshalb es hier als eine eigene vierte Phase abgetrennt ist.
    Seit 1930 ist eine klare Politisierung seiner Einstellung zu erkennen. In Shanghai gründete er die 'Liga linksgerichteter Schriftsteller'. Damit wurde er zum Führer des linken Flügels der literarischen Bühne und als solcher benutzte er seine berüchtigten vermischten Essays als Waffe gegen seine Feinde, er kämpfte, so eine Wertung aus der VR Ch, "unermüdlich gegen die Faulstellencmxxxv  der Gesellschaft".cmxxxvi Der "Lu Xun-Stil" beeinflußte die chinesische Essayistik seit den 1930er Jahren stark.cmxxxvii
    Das Buch Er xin ji 二心集 (Sammlung Dissenz)cmxxxviii enthält die Essays von 1930 und 1931, unter anderem eine Erklärung, in der er sich zu den revolutionären Prinzipien bekennt. Diese Sammlung enthält einige der leidenschaftlichsten Essays für die neugegründete 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' .
    In Nanqiang beidiao ji 南腔北调集cmxxxix (Sammelsurium von überall her) sind die Polemiken und Schmähreden von 1932 und 1933 aufgenommen, daneben auch einige unpolemische wie über George Bernard Shaw, über seine eigene fiktionale Technik und über das Füßebinden, Wei ziyou shu 伪自由书cmxl (Buch über falsche Freiheiten) 1933, Zhun feng yue tan 准风月谈cmxli (Plauderei über Alltägliches) 1933, Huabian wenxue 花边文学cmxlii (Avantgardistische Literatur) 1934. Die meisten Essays wurden unter Pseudonym in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht, um Zensur zu vermeiden. Westliche Literaturwissenschaftlercmxliii bezeichnen sie als die uninteressantesten seiner vermischten Essays, es sind auch viele Vorworte zu Büchern anderer Autoren enthalten.
    1933 und 1934 waren Lu Xuns produktivste Jahre: Jedes Jahr kamen zwei Essaysammlungen zustande: 1933 die beiden von Unversöhnlichkeit und Paranoiacmxliv geprägten Bände Wei ziyou shu 伪自由书 (Buch über falsche Freiheiten) und Zhun feng yue tan 准风月谈 (Plauderei über Alltägliches). 
    Im Essay "Die Evolution des männlichen Geschlechts"cmxlv, der am 3. September 1933 entstand und der auch in englischer Übersetzung Eingang in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature gefunden hat, zeichnet Lu Xun entsprechend dem damaligem Kenntnisstand die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau und die besondere Rolle des Sexes dabei in der Geschichte der Menschheit nach. Er sieht die Unterdrückung der Frau nicht durch die Natur gerechtfertigt. Viele Zeichen deutet er jedoch irrtümlich als Zeichen der Unterdrückung, so sei etwa der weibliche Schmuck Ausdruck von Unterwerfung und erst die Erfindung des Geldes habe die käufliche Liebe ermöglicht. Pollardcmxlvi weist auf die Bibelstelle Mathäus 5: 28 hin, die Lu Xun beinahe wörtlich aus der damaligen chinesischen Übersetzung zitiert habe. Darin wird die Begierde verurteilt.cmxlvii Eine Inhaltsangabe und Hintergründe zu den beiden dort im Anhang übersetzten Essays "Nanren de tuihua 男人的 退化" (Die Evolution des männlichen Geschlechts) und "A Jin 阿金" (Ah Jin) findet sich in einem Beitrag von Pollard für Renditions.cmxlviii
    Ohne Polemik ist der 1933 in simpler Umgangssprache geschriebene Essay in Erinnerung an fünf junge Schriftsteller verfaßt, die Anfang Februar 1931 von der Guomindang hingerichtet worden waren.cmxlix Ironie der Geschichte war es, daß ein alter Autor einen Nachruf für junge schrieb, in die er seine Hoffnungen gesetzt hatte, wie schon zuvor in seine Studentin Liu Hezhen 刘和珍.
    In "Von der Satire zum Humor"cml, datiert auf den 2. März 1933, erklärt Lu Xun, in seinen Erzählungen fänden sich satirische, aber wenig humoristische Stellen, da er fürchte, ins "Lachen um des Lachen willen" abzugleiten.
    Drei Tage später entstand der Essay "Was mich trieb, Erzählungen zu schreiben"cmli. Darin bekennt er sich zur Aufklärung und dem Streben nach Verbesserung des Lebens der Menschen und wendet sich gegen die Unterhaltung oder das Motto 'Kunst um der Kunst willen'.
    Zwischen Februar und März schrieb Lu Xun einige humoristische Beiträge für die neue humoristische Zeitschrift Analekte. Später erklärte er jedoch den Humor als den Chinesen wesensfremd und die Philosophie dieser Zeitschrift für gescheitert.cmlii 
    Seine eigene Satire betrachtete Lu Xun selbst als konstruktiv, da Intention sei, den Kritisierten zu ändern.cmliii Dochläßtsich als ein Beispiel unter vielencmliv ein Essay anführen, in dem Lu Xun eine Kontroverse mit einer Person in literarischer Form austrug: Kommunisten hatten Liang Shiqiu als "Wachhund der Kapitalisten" beschimpft. Liang Shiqiu hatte sich verteidigt, indem er erklärte, im Gegensatz zu den Kommunisten keinen Sponsor zu besitzen, für den er Wachhund spielen könne. Lu Xun greift dies in seinem Essay "Heimatloser, mittelloser Wachhund der Kapitalisten" auf und zieht darin über Liang Shiqius Verteidigung her, indem er spitzfindig erklärt, wenn Liang Shiqiu kein Wachhund eines einzelnen Sponsors sei, so sei er doch immerhin der Wachhund einer ganzen Klasse, da Wachhunde Reichen dienten und Arme anbellten.cmlv
    Die angewandten satirischen Mittel wurden von zahlreichen Lu Xun-Forschern untersucht.cmlvi Harriet Mills hat die 'Tricks' zusammengefaßt: reductio ad absurdum, Verwendung von Paradoxien und Argumentation im Analogieschluß oder durch Autorität, Wiederholung von Schlüsselbegriffen oder -phrasen und ein kurzer, aber finaler 'Todesschuß', um seinen Feind auszuschalten. Dabei verwendete Lu Xun häufig auch Zitate seiner Gegner.
    Obwohl Lu Xun forderte, Humor habe satirisch zu sein, findet sich auch bei ihm "normaler" Humor im Sinne Lin Yutangs.cmlvii
    Am 27. August 1933 schrieb Lu Xun einen Essay, der Zhou Zuorens und Lin Yutangs Konzept des xiaopinwen 小品文 (freier Essay) verspottete: Repräsentativ für das essayistische Spätwerk ist der auch im Übersetzungsband Ausgewählte chinesische Essays des 20. Jahrhunderts in Übersetzung 1998 abgedruckte,  auf den "27.8." [1933] datierte Essay "Die Krise des freien Essays", der Lu Xuns Position innerhalb der Pole engagierter und unabhängiger Literatur besonders deutlich macht.cmlviii Lu Xun gliedert den Essay durch das eingangs und abschließend verwendete Bild des "Nippes", das er stellvertretend für den ausgeschmückten, klassisch orientierten Essay verwendet. Anfangs erscheint das Bild des Nippes sogar als völlig eigenständig, erst später teilt Lu Xun dem Leser das damit Gemeinte mit, wodurch bei diesem ein "Aha-Effekt" eintritt und schlagartig viele Parallelen zwischen Bild und Gemeintem möglich werden. Durch diese unvermutete Gleichstellung überrascht Lu Xun den Leser, der unreflektiert automatisch mehr Eigenschaften des zuvor bewußt negativ konnotierten "Nippes" auf den "ausgeschmückten, klassischen Essay" überträgt, als tatsächlich Vergleichbares in beiden steckt. Z.B. mag der ornamentreiche Stil mit der Funktion eines Zimmerschmucks vergleichbar sein, nicht jedoch das Vollstauben, die Weitergabe an einen Trödler, die völlige Nutzlosigkeit etc. Lu Xun gibt einen Kurzüberblick über die Entwicklung des Essays seit der Jin-Dynastie und versucht durchgängig, ein kritisches Element darin nachzuweisen. Selbst Ende der Ming-Zeit "haben sie doch nicht alle den Wind besungen und den Mond angebetet. Unter ihnen gab es auch welche, die Groll, Ironie, Angriff und Zerstörung enthielten." Nach der Qianlong-Zeit (1736-1795) seien durch die Unterdrückung bevorzugt ausschmückende, klassisch orientierte Essays entstanden, die nunmehr eine Gefahr für die Essays nach der '4.-Mai-Bewegung' darstellten. Dieser Tendenz sei entgegenzuwirken. Lu Xun verwendet generell den Terminus xiaopinwen 小品文 (freier Essay) auch für die Essays vor der Ming-Dynastie, als sie noch nicht so genannt wurden. Mit diesem Essay bricht Lu Xun endgültig mit seinem Bruder Zhou Zuoren, dem er indirekt vorwirft, Essays ohne Nutzen für die Gesellschaft zu schreiben. Gleichzeitig spricht er Zhou Zuorens Essays den Kunstcharakter ab, indem er die Essays in die Nähe des Kitsches rückt. Diese Argumentation hält einer logischen Analyse nicht stand, ist reine Polemik. Die explizite Quellennegation ist ein typisches Merkmal des Essays: "Leider war ich damals unaufmerksam, so daß ich den Namen der Tageszeitung und des Verfassers vergessen habe."cmlix
    In Wei ziyou shu ist ein weiteres Stilmittel Lu Xuns zu entdecken: Die scheinbare Apathie gegenüber Greueltaten. Er zitiert Beispiele der Mißhandlung eines Mannes, um sich über unwichtige Details der Mißhandlung empört zu äußern. So empfindet der Mann, dem Chilisauce in die Nasenlöcher gespritzt wurde, subjektiv, daß die Sauce bis in seine Lungen und sein Herz drangen. Lu Xun aber beruft sich auf die Anatomie und weist das Opfer zurecht.cmlx Der von Li Changzhi als "bester Essay der Sammlung"cmlxi benannte Essay ist tatsächlich gar nicht von Lu Xun, er ist einer von zwölf Essays von Qu Qiubai, die Lu Xun ohne Kennzeichnung in seine Sammlungen aufgenommen hatte.cmlxii Während das Motiv hierzu unbekannt ist, war der Effekt sicherlich, daß diese Essays Qu Qiubais einige Jahrzehnte eine stärkere Rezeption erfuhren.
    1934 entstanden Hua bian wenxue 花边文学 (Zierleistenliteratur)cmlxiii und Qiejie ting zawen 且介亭杂文cmlxiv (Der Qiejie-Pavillon. Essays).
    Am 20. Mai 1934 dokumentiert Lu Xun im Essay "Der Fall Qin Lizhai"cmlxv den Selbstmord einer Frau, die diesen der von ihrem Schwiegervater geforderten Heimkehr vorzog. Lu Xun verurteilt den Selbstmord, da die Frau nun nicht mehr dem Fortschritt und der Verbesserung des Lebens dienen könne. Er spricht ihr aber keine Schuld zu, da sie ein Opfer ihrer Erziehung und der sozialen Umstände sei: Bevor sie ihrem Schwiegervater offen den Gehorsam verweigere, biete die chinesische Tradition den Freitod an. Lu Xun stellt sich gegen diese traditionelle Auffassung, die Selbstmord in bestimmten Situationen rechtfertigt.
    1934 wurden seine seit 1926 geschriebenen Werke von der Guomindang verboten.cmlxvi Er schlug mit umso höherem Ausstoß an vermischten Essays zurück: Mehr als die Hälfte seiner zawen stammen aus seinen letzten drei bis vier Jahren. Auch ein Influenza-Anfall im November 1934, der ihn ans Bett fesselte, hielt ihn nicht davon ab, zwei Essays mit dem Titel "Binghou zatan 病候杂谈" (Vermischte Gespräche nach der Krankheit) zu schreiben. 
    Lu Xun sah seinem Tod seit 1934 ins Auge, er schrieb im Bewußtsein seiner eigenen Sterblichkeit, was sein Essayschaffen entscheidend umgestaltete: cmlxvii In seiner Spätphase seit 1935 schrieb er zwei weitere Bände zum Qiejie-Pavillon: 1935 Qiejie ting zawen er ji 且介亭杂文二集cmlxviii (Der Qiejie-Pavillon. Essays. Bd 2), 1936 die qualitativ deutlich herausragende Sammlung Qiejie ting zawen mobian 且介亭杂 文末编cmlxix (Der Qiejie-Pavillon. Essays. Bd 3). Die letzten beiden Bände der Qiejieting zawen 且介亭杂文 (Essays aus dem Qiejie-Pavillon) richten sich - abgesehen von einem Streitcmlxx - nicht mehr so sehr gegen Widersacher, sie sind vielmehr wieder intellektuelle Diskurse, in denen sich Lu Xun wissenschaftlich der Literatur vor der Ming- und Qing-Zeit zuwendet (Konfuzius, Mengzi, Tang chuanqi 唐传奇 (Tang-Novellen) und Wei-Jin-Erzählliteratur). Daneben schrieb er sieben längere Essays über die sprichwörtliche Angewohnheit von Literaten, sich gegenseitig herabzusetzen,cmlxxi sowie Kommentare zu Dante, Dostojevskij und Gogol.
    Wenngleich Lu Xun seit 1935 alles, was Lin Yutang vertrat, verspottete, so auch dessen Auffassung von "Humor", zerstritten sich beide aber noch nicht deswegen, sondern erst später wegen grundsätzlicher Unterschiede in ihren Literaturauffassungen.
    Erst in seinen letzten beiden Lebensjahren - angesichts der durch schwere Krankheit bewußt gewordenen eigenen Sterblichkeit im Alter von Mitte 50 - kehren Weisheit und ein intellektueller Ton in seine Essays zurück. Im Spätwerk verwendet Lu Xun immer häufiger einen salbungsvollen Stil,cmlxxii den er schon im Essay über Liu Zhenhe angewandt hat. In seinem letzten Essayband, in der Sekundärliteratur auch als sein bester bezeichnet,cmlxxiii findet Lu Xun zu einer Abgeklärtheit, die ihn wieder näher an Zhou Zuoren bringt.cmlxxiv In "Suibian fanfan 随便翻翻" (Überfliegen)cmlxxv nähert er sich sogar dem "aquarellenen" Ton seines Bruders. Verständnis und Sympathie für eine durch das Gerede der Leute in den Selbstmord getriebene Schauspielerin zeigt Lu Xun in "Gerede ist zum Fürchten"cmlxxvi. Selbst Konfuzius findet unter den altersgütigen Augen Lu Xuns Gnade.cmlxxvii
    Am 21. Dezember 1935, Lu Xun war bereits an Tuberkulose erkrankt, entstand "Ah Jin". Darin schildert er seine Nachbarin Ah Jin als ein Dienstmädchen mit schlechten Manieren und Angewohnheiten, als eine unmenschliche Frau, die einem Typ entspreche, dem man nachsage, er habe Dynastien untergehen lassen. Gegen Ende des Essays beklagt sich Lu Xun in diesem Essay über einen angeblichen Qualitätsverlust seines Schaffens, tatsächlich aber blieb – abgesehen von einer krankheitsbedingten quantitativen Abnahme – sein Spätwerk auf demselben hohen Niveau wie zuvor. In diesem Essay schildert Lu Xun das Alltagsleben seiner Nachbarschaft, das sein Schaffen auf profane Weise beeinflusse. Er äußert Selbstzweifel. Hier werden dichterische Welt und Alltagswelt konfrontiert. Trotz seiner Aussage, er verabscheue Ah Jin, zeigt er auch in diesem späten Essay menschenfreundliche Züge, indem er sie mit nachsichtigem Lächeln zeichnet.cmlxxviii
    Lu Xun starb am 19. Oktober 1936. Drei weitere Essaybände wurden von seinen Freunden aus dem Nachlaß herausgegeben.
    Auch Mao bewunderte den Propagandisten Lu Xun und nannte ihn 1937 einen "Weisen des modernen China",cmlxxix wie Konfuzius Weiser der Feudalzeit gewesen sei. 30 Jahre nach seinem Tod erklärte Mao Zedong: 

Dann gab es noch Lû Xùn, der damals viel Gewicht auf gesellschaftliche Untersuchungen legte und selbständig dachte, er wurde später zu einem großen Marxisten.cmlxxx

    Zur Vereinnahmung durch die Kommunisten ist zu erläutern, daß Lu Xun nie Parteimitglied, wohl aber Führer der vorkommunistischen 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' war und sich für die Politik der KP Chinas einsetzte. Seit Oktober 1937 fanden jährlich Gedenkfeiern zu seinem Todestag statt.cmlxxxi Unmittelbar nach Gründung der VR Ch wurde er von den Kommunisten zur Gallionsfigur der kommunistischen Revolution stilisiert, kurz zur Legitimation ihrer Macht mißbraucht.cmlxxxii Dies war nur postum möglich, da lebende kritische Schriftsteller vom Regime unterdrückt wurden.cmlxxxiii Im Gegensatz zu anderen vom Regime vereinnahmten Schriftstellern wie Ba Jin oder Mao Dun 茅盾cmlxxxiv (1886 - 1981) fiel Lu Xun nie einem Fraktionskampf zum Opfer: Guo Moruo und Feng Youlan 冯友兰cmlxxxv (1895 - 1990) dagegen mußten ihrem Lebenswerk ganz oder teilweise abschwören. In den 1960er Jahren stritten ausländische Literaturwissenschaftler über den Grad der Identifizierung Lu Xuns mit dem Kommunismus.cmlxxxvi
    Ähnlich wie Lu Xuns Werk in der VR Ch eine politisch motivierte Förderung erhielt, war er in Taiwan aus politischen Gründen verboten.cmlxxxvii
    Der Intellektuellen-Beschimpfer Liu Xiaobo 刘晓波 kritisierte Lu Xun Jahrzehnte nach seinem Tod: 

Lu erscheint Liu Xiaobo in seiner Negation Chinas und der anschließenden Selbstnegation als eine tragisch-seherische Figur. Nachdem Lu Xun in den späteren Lebensjahren sich tief in den politischen Tageskampf einließ, verlor er sich, so urteilt Liu, auf Distanz gehend, unerbittlich in letztlich unerheblichen Niederungen. Auch den tragischen Figuren der modernen Intellektuellen wie Lu Xun (und ihm, Liu Xiaobo selbst), die sich von engem Utilitarismus letztlich nicht hätten abnabeln können, fehle die metaphysische Perspektive, eine "religiöse Gefühlskonstitution" (zongjiao de qinghuai [宗教的情怀, M.W.], S. 121), ein Gespür für Transzendenz, der Wille zum Überschreiten der Erfahrungsgrenzen, überhaupt zeichne sie kurzsichtige Diesseitigkeit aus.cmlxxxviii

    Tatsächlich prägte Lu Xun das Selbstverständnis des modernen chinesischen Schriftstellers entscheidend mit: An die Stelle des traditionell konfuzianisch-affirmativen wenren 文人 (Beamtenliterat) war der system- und gesellschaftskritische Autor getreten, der häufig mit dem Mittel der Satirecmlxxxix eine eigene Instanz in der neu zu gründenden chinesischen Gesellschaft und der sich bildenden Öffentlichkeit beanspruchte. Seine persönliche Note war die aus Verständnis herrührende Melancholie, die seinen Protest bisweilen milderte. Tragische Ironie ist, daß selbst Lu Xun der Indienstnahme der Literatur durch die politische Führung postum nicht entgehen konnte und daß es nach ihm keinen zweiten so unabhängigen chinesischen Schriftsteller mehr gab, der im Land verblieben wäre.
    Der bedeutendste Beitrag von Lu Xun, der der erste der vier hier in der Moderne vorzustellenden Autoren ist, für die chinesische Essayistik ist die Schaffung der später oft nachgeahmten polemischen Form des zawen 杂文 (vermischter Essay). Wenngleich er später zum Staatsdichter der Volksrepublik China gekürt wurde, zeichnet Lu Xun doch im Wesentlichen sein kritischer Geist und seine letztlich nur auf sich selbst vertrauende Persönlichkeit aus. Lu Xun erreichte eine solche Meisterschaft in seinen kritischen Essays, daß es falsch erscheint, ihn einseitig ideologisch zu interpretieren. Tatsächlich ist Lu Xuns Leistung, den Essay zur Waffe weiterentwickelt zu haben, die er im Laufe seines Lebens so ziemlich gegen alle richtete und sicherlich nicht vor der Kommunistischen Partei nach 1949 Halt gemacht hätte. Lu Xun hatte sich lange, bis zum Ende der 1920er Jahre, dem 'mainstream' der linken Ideologie widersetzt, bis er sich schließlich auf der literarischen Front mit der 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' an ihre Spitze setzte und sein Schreiben für wenige Jahre in den Dienst der Ideologie stellte. Doch weiter ging Lu Xuns Zusammenarbeit nicht. Das von Tagespolitik geprägte Spätwerk ist mit Ausnahme der beiden letzten Bände literarisch schwächer.
    Im folgenden wird sein Bruder vorgestellt, der als ein Gegensatz zu Lu Xun erscheint, obwohl beide einen Stück Weg zusammen gegangen sind und sicherlich in der Sorge um ihr Land im Ziel, nicht in der Wahl der Mittel, übereinstimmten. Das Augenmerk des Lesers sollte sich auf die genauen Umstände von Zhou Zuorens Kollaboration richten, die zu einer Abwertung seines literarischen Könnens führte und der Verbreitung seiner Essays lange Zeit entgegenwirkte.


4.2 Suche nach den chinesischen und westlichen Wurzeln des modernen Essays - Zhou Zuoren 周作人 (1885 - 1967) 我希望大家卷土重来给新文学开辟出一块新的土地来,岂不好么?cmxc Ich hoffe, daß alle ein Comeback [des schöngeistigen Essays, M.W.] inszenieren, um ein neues Feld für die Neue Literatur zu erschließen. Wäre das nicht schön?

    In der sonst zuverlässigen The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature wird Zhou Zuorens Rolle nicht korrekt wiedergegeben: Er habe einige "wichtige Posten" unter der Marionettenregierung innegehabt. Tatsächlich wurde er gezwungen, nominell seinen Namen für einige Ämter herzugeben. Er wurde auch nicht, wie dort angegeben, von den Kommunisten begnadigt, sondern von der Guomindang.cmxci Auch die ausgewählten Texte in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature können keinesfalls als repräsentativ gelten: Obwohl fünfzehn seiner Essays in den anderen 30 untersuchten Sammlungen mehrfach abgedruckt wurden, kommen die hier ausgewählten Essays in keiner der genannten Anthologien vor. Vielmehr hat man hier den bequemen Weg beschritten, drei bereits in Übersetzung vorliegende Essays aufzunehmen: "Lob der Stummen"cmxcii, "Das Altern von Geistern"cmxciii und "Das Lesen auf der Toilette"cmxciv. Übersetzt waren die Essays in einem Schwerpunkt zu Zhou Zuoren in Renditions; Pollard erklärt in der "Anmerkung des Übersetzers": cmxcv Zwischen 1923 und 1945 habe Zhou beinahe zwanzig Essaybände veröffentlicht.cmxcvi Nicht bestätigen ließ sich mit der statistischen Auswertung von 31 Essaysammlungen (siehe S.  ff.) die von Pollard getroffene Aussage, die sieben dort übersetzten Essays seien für ihn "einigermaßen repräsentativ".cmxcvii Weiter liefert Pollard Hintergrundinformation, auch biographischer Art, zu den übersetzten Texten. Es handle sich um Texte über Japan und Lieblingstexte der Übersetzer. Pollard versucht, sich der Einstellung Zhou Zuorens zu Japan zu nähern.
    In die Sammlung Modern Chinese Literary Thoughtcmxcviii sind zwei seiner Essays zum Thema Literatur in englischer Übersetzung aufgenommen.
    Zhou Zuoren 周作人cmxcix (Zhou Kuishou 周槐寿, 1885 - 1967), wurde am 16. Januar 1885 in Shaoxing 绍兴 (Zhejiang 浙江) geboren und ist bis in die 1990er Jahre einer der am stärksten rezipierten Essayisten. Daneben wurde er als Übersetzerm und Literaturtheoretiker bekannt. Der jüngere Bruder Zhou Jianren 周建人 (1888 - 1984) machte sich als Übersetzer Darwins ins Chinesische einen Namen, der ältere Lu Xun (1881  1936, siehe vorangehendes Kapitel) gilt als der Schriftsteller Chinas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.mi
    Zhou Zuorens insgesamt etwa 20 Essaybände und 50 Übersetzungen wurden aus ideologischen Gründen bis in die 1980er Jahre weder in der Volksrepublik noch in Taiwan in einer Gesamtausgabe veröffentlicht.mii Die erste solche Gesamtausgabe erschien 1982 in Taipeh,miii 1987 erschienen die Bände in einem Nachdruck in einem Verlag in Changsha.miv Ähnlich spärlich ist die chinesischsprachige Sekundärliteratur.mv Eine frühe Essaysammlung über verschiedene Aspekte von Zhous Schaffen von Freunden und Kritikern ist Tao Mingzhis Über Zhou Zuorenmvi von 1934. Die Redakteure von Essayanthologien glichen diese Unterbewertung seit den 1980er Jahren bei Gesamtausgaben und in der Sekundärliteratur durch häufigen Abdruck seiner Texte wieder aus: Zhou Zuoren ist Mitte der 1990er Jahre der am dritthäufigsten abgedruckte Essayist aus Moderne und Gegenwart (Rangliste siehe S. ).mvii
    Als erste Studie machte im Westen wohl Pollard mit dem Aufsatz "Zhou Zuoren und die Pflege des eigenen Gartens" in der Londoner Zeitschrift Asia Major auf Zhou aufmerksam.mviii Er beschäftigt sich mit seinen literaturtheoretischen Überlegungen während der '4.-Mai-Bewegung'. Die ersten Monographien beschäftigten sich mit Zhou Zuorens unumstrittener Frühphase oder seinen frühen Essays.mix Eine der frühesten Fragestellungen, die untersucht wurden, war die Vergleichbarkeit mit Wang Guowei 王国维 (1877 - 1927).mx Es gibt zahlreiche Abrisse.mxi Mit 1964 besonders früh setzt auch die japanische Rezeption ein,mxii von 1967 liegt eine Analyse Zhou Zuorens als "Gentleman" und "Vagabund" vor.mxiii Bei der Darstellung des Lebens kann man sich weiterhin an der Biographie der Vollständigen chinesischen Anthologie der Wissenschaftenmxiv orientieren, die allerdings nur Titel und Gattungen der Werke, nicht Orts-, Jahres- und Verlagsangaben enthält.
    Zu Zhou Zuoren liegen drei Studien auf Englisch vor: Die erste ist eine Pionierarbeit von Wolff,mxv die vorwiegend biographische Daten erschließt. Darin zeichnet er den Lebensweg des Autors mit Schwerpunkt auf seinem Essayschaffen nach. Wolff betrachtet Zhou als einen "der fähigsten und eindrucksvollsten Befürworter der neuen Kunst des Schreibens moderner Essays".mxvi Im zweiten Kapitel äußert sich Wolff zum Thema "The Chinese Essay": Essays seien "relativ kurze Stücke nicht-fiktionaler Prosa, in denen der Autor seine persönliche Erfahrung oder Meinung zum Ausdruck bringt."mxvii Zu den Essays vgl. insbesondere die dortigen Kapitel 3 und 5.
    Die zweite etwas despektierliche Studie stammt von Pollard,mxviii der sich in erster Linie als Lu Xun-Forscher verstand. 1985 schrieb er über Zhou Zuoren im Vergleich zu seinem Bruder: "Zhou Zuoren setzte dagegen seine allgemeinere Sichtweise fort und landete im konservativen Lager."mxix Nach eigenen Angaben entschloß sich Pollard erst nachdem ihm Wolff 1971 mit einer vorwiegend biographischen Studie zu Zhou Zuoren zuvorgekommen war zur Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse. Pollards Behauptung zu Beginn seiner Studie, er habe sich jahrzehntelang mit den Texten Zhou Zuorens beschäftigt, steht - nach seinem wichtigen Aufsatz über Zhou Zuorens Bedeutung innerhalb der '4.-Mai-Bewegung' - seine Monographie über Zhou Zuoren gegenüber, die nicht frei von Fehlern ist. Im Gegensatz zu Wolff beschäftigt sich Pollard mit den geistigen Wurzeln der Literaturtheorie Zhous. Pollard gelingt es letztlich nicht, Zhou Zuorens Gedankenwelt völlig zu erhellen. Dies scheint aber auch nicht sein Ziel zu sein, zumal er an vielen Stellen sein Unverständnis gegenüber Zhou zum Ausdruck bringt: "hier betrügt Zhou"mxx, "er war sich nicht im Klaren, welche Gattungsbezeichnung er [dem Essay, M.W.] geben sollte".mxxi Pollard selbst ist in der Verwendung der Termini der 1920er und 1930er Jahre nicht konsequent.mxxii Seine Behauptung, Zhou habe wenig von englischer Literatur verstandenmxxiii wird durch das große Übersetzungswerk von Zhou Zuoren aus dem Englischen (u.a. Edgar Allen Poe) und auch durch Wolff konterkariert, der die zahlreichen englischen Essayisten aufzählt, die Zhou Zuoren beeinflußt haben. Pollard betrachtet Zhou Zuorens Werk nach dem Essayband Ziji de yuandi 自己的园地mxxiv (Der eigene Garten) als "unlesbar", er habe "den Laden dicht gemacht".mxxv Was den Titel angeht, so drängt sich die Parallele zu Voltaires Candide auf, der seinen Rückzug mit dem Vorsatz, er wolle sich um seinen Garten kümmern,mxxvi begründete. Pollard gibt keine genaueren bibliographischen Angaben zu Zhou Zuorens Essaysammlungen, er macht auch nicht immer kenntlich, ob es sich bei einem Titel um eine Sammlung oder einen Essay handelt.
    Die dritte vorliegende Studie ist auf Englisch – mit chinesischen Zitaten – verfaßt und stammt von William Cheong-Loong Chow 周昌龙mxxvii. Er kommt zu dem Ergebnis, daß Zhou Zuoren im Wesentlichen ein neues Wertesystem gegen die dogmatischen lijiao 礼教 (konfuzianische Lehren) etablieren wollte, das auf Individualismus, Humanismus, Ästhetik und der neuen universellen Ordnung der menschlichen Natürlichkeit und Vernunft gründete. Chow hebt die Signifikanz der Rollen hervor, die Zhou Zuoren in den Bewegungen 'Anti-Lijiao', 'Neue Gedankenwelle', 'Neue Literatur' und 'Neues Dorf' gespielt habe. Er beschreibt Zhou als einen Intellektuellen des Mittelwegs zwischen den radikalen Reformern Hu Shi und Chen Duxiu sowie den kulturell konservativen Kräften wie seinem Lehrer Zhang Taiye 章太炎 (Zhang Binglin 章炳麟, 1869 - 1935): Er wolle die moderne westliche Form der Vernunft mit dem Gefühl und Gespür der chinesischen und japanischen Kultur verbinden. Durch die Synthese von Individualität, Humanismus und ästhetischem Genuß habe er das Leben zum "künstlerischen Leben" umgestalten wollen. Anhand der Bibliographie ergibt sich, daß Chow etwa zu einem Viertel die Primärtexte Zhous verwendet hat, zur Hälfte chinesische Sekundärquellen, zu einem weiteren Viertel englischsprachige und vereinzelt japanische Sekundärquellen.
    Kritik an Chows Studie ist dahingehend zu äußern, daß Zhou Zuoren selbst keine ausformulierte und unveränderbare Konzeption einer Literaturtheorie hatte, vielmehr ist sein Denken in Abhängigkeit der Zeitumstände zu betrachten. Obwohl Chow sich mit dem Humanismus Zhou Zuorens auseinandersetzt, fehlt in seiner Bibliographie gerade der entscheidende Essay "Ren de wenxue 人的文学"mxxviii (Literatur für die Menschen). Viele Einträge in der Bibliographie sind unvollständig oder weichen von den dem Verf. vorliegenden bibliographischen Angaben in Jahreszahlen, Verlag oder Erscheinungsort ab,mxxix gelegentlich finden sich auch Fehler in der Wade Giles-Transkription.mxxx
    Die Essays von Zhou Zuoren hat sich, wie eingangs erwähnt, 1991 die Zeitschrift Renditions zum Schwerpunkt genommen. Dabei stand das Verhältnis mit Japan im Vordergrund.mxxxi 1989 fordert Xu Jilin, wieder Zhou Zuoren zu lesen.mxxxii Lutz Bieg untersuchte 1986 aus biographischem Blickwinkel die Frage, warum sich Zhou Zuoren Yuan Hongdao zum Vorbild nahm.mxxxiii In einem Aufsatz von 1991mxxxiv schildert Bieg, daß Zhou aus politischen Gründen in der VR Ch und in Taiwan unterbewertet werde. Weiterhin Unklarheit herrsche über die "Kollaboration" mit den Japanern, zu der er sich nicht geäußert habe. Dieser Frage kann und soll in der vorliegenden Arbeit mehr Raum eingeräumt werden. Bieg schreibt, Japan habe Zhou am stärksten beeinflußt, dennoch habe er sich eine kritische Haltung bewahrt. Er hebt die Übersetzerleistung und den aufklärerischen, teils humoristischen Charakter seiner Essays ("Miszellen") hervor. Leider entbehren die deutschen Übersetzungen wie die früheren und umfangreicheren englischen in Renditions der Originaltitel und Quellenangaben. Bieg bleibt die Angabe der Originalausgabe des Sexualkundebuchs von van Velde schuldig, an deutschen Bibliotheken konnte sie der Verf. nachweisen.mxxxv
    Es liegt auch eine Studie über das Motiv des Sterbens und des Todes u.a. in Lu Xuns und Zhou Zuorens Essays vor, die schon im Zusammenhang mit Lu Xun besprochen wurde.mxxxvi
    Zum familiären Hintergrund sei auf den entsprechenden Abschnitt zu seinem Bruder verwiesen.mxxxvii Zhou Zuoren las zunächst wie sein Bruder Lu Xunmxxxviii bebilderte Bücher,mxxxix später erhielt er über Romane die Kenntnis des klassischen Chinesisch, das ihm erleichterte, ab 1896 an einer Privatschule die chinesischen Klassiker zu studieren. Nach dem Tod des Vaters 1897 zog Zhou Zuoren nach Hangzhou. 1901 kam er auf die Marineakademie in Nanking, lernte Englisch und schrieb erste Texte unter dem Namen Zhou Zuoren. Später schrieb er auch unter den Pseudonymen Qi Ming 岂明, Yao Tang 药堂, Ku Yu 苦雨.mxl Er übersetzte bereits Werke aus dem Englischen und schrieb nach der Lektüre einiger Texte Victor Hugos eine Geschichte,mxli die veröffentlicht wurde. Doch stellte er dabei fest, daß es ihm für die Gattung "Kurzgeschichte" an Phantasie fehlte.mxlii Der Essay hingegen entsprach mit seiner Ich-bezogenen Authentizität und seiner Freiheit in der Form mehr seinem Streben nach dem Ausdruck unverblümter Wahrheit. 1905 bestand er in Peking die Staatliche Prüfung und erhielt die Berechtigung zum Auslandsstudium, im selben Jahr erschienen von ihm Übersetzungen von Ali Baba und Edgar Allan Poes The Gold Bug.
    1906 ging er mit einem Regierungsstipendium nach Japan, wo er sich fast ausschließlich in Tõkyõ aufhielt und mit seinem Bruder Lu Xun, der dort schon seit 1902 weilte, Texte aus dem Japanischen übersetzte. In Japan blieb er bis 1911 und erhielt so eine entscheidende Prägung durch das Land, er wechselte zum Literaturstudium und lernte Japanisch, Latein, Griechisch.mxliii Er gab dort mit Lu Xun die chinesischsprachige Zeitschrift Xinsheng 新生 (Neues Leben) heraus, in Publikationen in China stellte er ausländische Literatur und Kunst vor.mxliv Sein literaturtheoretisches Interesse zeigt sich früh in seinem Essay "Über die Bedeutung und Aufgabe von Aufsätzen mit einem historischen Abriß der jüngsten Geschichte von Aufsätzen".mxlv
    Aufgrund revolutionären Interesses besuchte er in Japan Lesungen von Zhang Taiyan.mxlvi Er zeigte auch Interesse an Literatur von damals als "ruanruo 软弱" (schwach) geltenden Ländern wie Polen, Finnland, Ungarn, dem modernen Griechenland und Rußland,mxlvii später verlagerte sich dieses Interesse zur Literatur von Ländern, die als "stärker" galten.mxlviii 1909 übersetzte Zhou russische und andere osteuropäische Werke. Im selben Jahr heiratete er Habuto Nobuko in Tõkyõ. Dadurch entstand für ihn eine zusätzliche finanzielle Verantwortung, die für Lu Xun als Familienoberhaupt einen Grund mehr darstellte, nach China zurückzukehren, statt seine Studien, wie zwischenzeitlich erwogen, in Deutschland fortzusetzen. 
    1911 kehrte Zhou ohne Studienabschluß nach China zurück, ab 1912 unterrichtete er in Shaoxing, Zhejiang, unter anderem Englisch. Er mußte für seine Familie sorgen und fand zunächst weniger Zeit zum Schreiben. Seine Themen waren sozial, ethisch und religiös geprägt.mxlix 1915 stellte er westliche Literatur vor.ml 1917 kam er als Literaturdozent an die Peking-Universität, wo er bis 1937 - mit Unterbrechung im Jahr 1927 - tätig war. Dort verfaßte er eine Literaturgeschichte der europäischen und eine Auswahl zeitgenössischer japanischer Literatur. Zwischen 1917 und 1927 wurde die Peking-Universität mit ihrer modernen Pädagogik unter Cai Yuanpei 蔡元培 zu einem intellektuellen Mittelpunkt, der auch Hu Shi und andere anzog.
    1918 veröffentlichte Zhou Zuoren Essays in verschiedenen Zeitschriften, unter anderem in der Xin qingnian 新青年 (Neue Jugend), er ging auch schon seinem Interesse an Volkskunst nach und publizierte über chinesische Volkslieder.mli 
    Am 15.12.1918 veröffentlichte Zhou "Ren de wenxue 人的文学" (Literatur für die Menschen)mlii, in der er den Humanismus in der Literatur proklamierte, er fordert darin "rendao zhuyi wei ti 人道主义为体" (daß es in der Literatur im Wesentlichen um Humanismus gehen müsse) und entwickelt eine Theorie der "Kunst für das Leben", die jedoch nichts mit dem Naturalismus Mao Duns (der über das Leben anderer schrieb), wenig mit dem von den Mitgliedern der 'Schöpfungsgesellschaft' gezeigten autobiographischen Schaffen bis zur Selbstüberhöhung zu tun hatte und auch nicht mit dem "Realismus" identisch war: Er forderte von Literatur, daß sie ästhetischen Genuß bringe und das Leben zu erklären suche. Die alte Literatur sei inhuman, die neue müsse humanistischen Anforderungen entsprechen. Seine gute Kenntnis der Essays von Han Yu zeigt Zhou Zuoren, indem er etwa beiläufig ein Zitat dieses großen Essayisten der Tang-Zeit einfließen läßt.mliii Im Januar 1919 schrieb er im Essay "Pingmin wenxue 平民文学" (Zivilliteratur) über die Literatur in Friedenszeiten.mliv
    1919 fuhr Zhou wieder nach Japan und lernte den Essayisten Mushanokõji Saneatsu 武者小路###笃 kennen, der individualistische, liberale und humanistische Ideen vertrat. Mit ihm sollte Zhou Zuoren eine lebenslange Freundschaft verbinden. Zhou wurde Patron der Studentenzeitschrift Xin chao 新朝 (Neue Trends).
    Bei einer Einteilung in Schaffensphasen ist der 4. Mai 1919 als Grenze zwischen den ersten beiden Phasen zu nehmen: Schon in der Frühphase bis 1919,mlv grenzte sich Zhou schon von den Essays seines Bruders ab, indem er ihnen Mangel an ren 仁 (Güte) vorwarf.mlvi Zhou Zuoren war eine der führenden Persönlichkeiten der '4.-Mai-Bewegung', danach schrieb er zahlreiche gesellschafts- und kulturkritische Essays.mlvii Ein weiterer Schaffensabschnitt endet 1927,mlviii als Zhou ähnlich wie sein Bruder zu anderer Zeit die Nutzlosigkeit seiner Versuche, mit Literatur die Gesellschaft verändern zu wollen, einsieht und nun Literatur um der Literatur willen propagiert.
    1919 erschien in einer Pekinger Zeitschrift Zhou Zuorens Essay "Den Vorfahren nacheifern".mlix Zhou Zuoren stellte darin fest, daß die Ahnenverehrung in China durch den Glauben bedingt sei, Verstorbene weilten weiterhin als Geister auf der Erde und behielten ihre Eß- und Trinkgewohnheiten bei. Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß es keine Geister gebe, solle man besser "seine eigene Person verehren" und Kinder und Enkel schätzen, da sie eine "Investition" in die Zukunft darstellten. Zhou Zuoren verurteilt in diesem Essay die Gewohnheit, nach dem Vergangenen zu streben und den Vorfahren nachzueifern. Erst wenn man nach vorne schaue, könne sich das Vaterland entwickeln. Dieser Essay ist repräsentativ für Zhous Gedanken und seinen Essaystil der Frühphase.
    1920 veröffentlichte Zhou den Essay "Frauen und Literatur",mlx in dem er sich für Frauenliteratur einsetzt. Frauen seien bisher nicht als Individuen, sondern nur im Kollektiv als Bürger anerkannt und betrachtet worden.
    Inoffiziell am 4. Dezember 1920, offiziell am 4. Januar 1921 gründete er mit Mao Dun und anderen die dem "Realismus" nahestehende 'Literarische Studiengesellschaft' und forderte in seinem Manifest "Wenxue yanjiu hui xuanyan 文学研究会宣言" (Manifest der 'Literarischen Studiengesellschaft') eine Schrift- und Gedankenreform. Das Manifest wurde in ihrem neuen Organ veröffentlicht,mlxi der etablierten, aber 1920 durch die Herausgeberschaft von Mao Dun neu konzipierten Xiaoshuo yuebao 小说月报 (Monatsschrift Erzählungen), für die 1928 bereits alle Autoren von Rang in Peking und Shanghai schrieben: Lao She 老舍, Shi Zhicun 施蛰存mlxii (geb. 1905), Shen Congwen 沈从文, Ba Jin und Ding Ling 丁玲mlxiii, Zheng Zhenduo 郑振 铎, Gen Jizhi 耿济之, Ye Shaojun 叶绍钧 (Ye Shengtao 叶圣陶), Xu Dishan 许地山 und Wang Tongzhao 王统照 (1897 - 1957), der auf Platz 22 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 35 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ). Im Februar 1924 leistete er als Beitrag zur Definition des Essays eine Einteilung in fünf Essayformen (siehe sein Beitrag "Sanwen de fenlei 散文的分类" (Die Essayformen)). 1994 erschienen 17 der Essays von Wang wieder in einer Auflage von 5.000 Exemplaren,mlxiv mit einem Vorwort des Herausgebers Zhong Jingwen 钟敬文 zur Entwicklung des Essays nach der '4.-Mai-Bewegung' versehen.
    Diese Gesellschaft förderte zeitgenössische Literatur mit den Schwerpunkten "Realismus" und Humanismus, sie forderte eine Auseinandersetzung mit der alten Literatur und stellte westliche in Übersetzung vor. Zhou Zuoren selbst stellte Literatur aus Rußland, Japan, Griechenlandmlxv und Ungarn vor. Seit 1921 schrieb er regelmäßig für die Xiaoshuo yuebao 小说月报 (Monatsschrift Erzählungen). Einer der wenigen Essays mit politischem Inhalt aus dieser Zeit ist der satirische und hintergründige Text "Sich selbst verletzen" vom Juni 1921. Zhou Zuoren schildert darin das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten. Kontrastiv dazu zitiert er den Polizeibericht, in dem die Demonstranten beschimpft wurden, "sich selbst verletzt zu haben".mlxvi
    In dieser Frühphase stark beachtet wurden Zhous theoretische Ausführungen zur Literatur und zum Essay. Es sei deshalb hier ein kleiner Exkurs zu seinen literatur- und essaytheoretischen Auffassungen angeführt:

Zhou Zuorens Literatur- und Essayverständnis (meiwen 美文, xiaopinwen 小品 文)mlxvii

    Zhou Zuoren sah die gesamte Entwicklung der chinesischen Literatur als dem ständigen Wechsel zweier Prinzipien unterworfen, zum einen dem der Selbstverpflichtung "shi yan zhi 诗言志 (Gefühle und Absichten ausdrücken)mlxviii und zum anderen dem des Funktionalen "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao))mlxix. Zhou Zuoren war bei ersterem von der Begriffswelt Yuan Meis beeinflußt,mlxx bei letzterem bezog er sich auf Han Yu.mlxxi Ebenfalls mit diesem funktionalen Prinzip verbunden war nach Zhou Zuoren die tongcheng-Schule mit ihrem Hauptvertreter Yao Nai.mlxxii Zhou setzte sich auch gegen die "fugu 复古" (Klassizismus)-Bewegung ein, mit der einige Warlords an Schulen wieder das Verfassen klassischer Texte förderten. Zhou war literarisch von den Führern der "guwen 古文"-Bewegung und philosophisch von den Neo-Konfuzianern der Song-Dynastie beeinflußt.mlxxiii
    Zhou Zuorens Definition von Literatur lautete: "Literatur hat ästhetische Form, vermittelt die einzigartigen Gefühle und Gedanken des Autors und versetzt den Leser in die Lage, Kurzweil dabei zu empfinden."mlxxiv Hier ist der Gedanke der Literaturfunktion des Horaz'schen delectare enthalten.
    Im Juni 1921 veröffentlichte er den Essay "Meiwen 美文"mlxxv (Der schöngeistige Essay), in dem er dafür eintrat, xiaopin 小品 (freie Essays) bzw. sanwen 散文 (Essays) nach englischem Vorbildmlxxvi zu schreiben. Dieser Text, der das westliche Verständnis des "Essays" einführte und künstlerische, deskriptive, gefühlvolle Essays forderte, stand am Anfang eines 'Essaybooms', wirkte stark auf das zeitgenössische Essayschreiben und stand auch am Beginn einer jahrelangen essaytheoretischen Debatte.
    "Der schöngeistige Essay" ist der bedeutendste theoretische Beitrag zur Entstehung des modernen chinesischen Essays. Zhou Zuoren definiert den schöngeistigen Essay, indem er ihn von der wissenschaftlichen Abhandlung abgrenzt. Innerhalb der Essays unterscheidet er zwischen erzählenden und lyrischen. Er sieht England als das Land des Essays. Zhou beruft sich auf folgende englische Essayisten, die in China besondere Bekanntheit besäßen: Joseph Addison, Charles Lamb, Robert Owen, Natchaniel Hawthorne und jüngere wie John Gabsworthy, George Robert Gissing und Gilbert Keith Chesterton. Zhou sieht den Essay wie das Prosagedicht als Brücke zwischen Poesie und Prosa. In China seien bisher noch keine Essays erschienen, lediglich einige Texte in der Chenbao 晨报 (Morgenpost) wiesen in diese Richtung. Zhou Zuoren appelliert, Essays zu schreiben. Dabei dürfe man sich nicht allzu sehr an der eigenen Tradition orientieren, müsse aber den alten chinesischen Prinzipien Wahrheit, Einfachheit und Klarheit verpflichtet bleiben.mlxxvii Es liegt eine englische Übersetzung dieses Essays von Pollard vor, die jedoch fehlerhaft ist.mlxxviii
    Sein Essayverständnis wurde zwar in der Literaturwelt für die frühen 1920er Jahre angenommen, nicht jedoch der Begriff meiwen, so wurde Zhou Zuorens Essay "Meiwen" als "xiaopinwen wang 小品文王" (König der Essays)mlxxix bezeichnet.mlxxx Den Essay betrachtete Zhou Zuoren als wichtigste Gattung der Literatur. Neben den zawen  杂文 (vermischte Essays) von Lu Xun war der xiaopinwen 小品文 (freier Essay) im Sinne des chun wenxue sanwen 纯文学散文 (rein literarischer Essay) erfolgreichste Form des Essays der ersten Periode des Essays 1917 bis 1926.mlxxxi Zhou Zuoren selbst verwendete im folgenden den Begriff xiaopinwen 小品文 (freier Essay) oder biji 笔记 (Pinselnotizen).mlxxxii Die ersten Essays hatten sich in den Zeitungen unter der Rubrik zagan 杂感 (vermischte Eindrücke) etabliert.
    Er forderte, der Essay müsse inhaltlich Wissen und philosophisch-theoretische Erkenntnisse vereinigen, gleichzeitig aber interessant sein. Zhous Stil zeichnete sich durch "aquarellistische" Zeichnung und Beachtung des ästhetischen Prinzips der Angemessenheit aus. In den 1920er Jahren bildete er eine Essayschulemlxxxiii mit den Hauptelementen "chongdan 冲淡" ("aquarellistisch") und "qingse 清涩" (leichtherb).mlxxxiv Zhou Zuoren beansprucht für sich und seine Literatur die beiden Begriffe cheng 诚 (Seriösität, Integrität), ein Begriff aus dem Zhongyong 中庸 (Anwendung der Mitte), und ku 苦 (Bitterkeit, Herbheit). Wie für Lin Yutang war für ihn quwei 趣味 (Interessantheit)mlxxxv wichtiges Qualitätskriterium bei der Wertung von Literatur. Sein Stilideal beschrieb Zhou Zuoren mit pingdan 平淡 ("aquarellistisch", blass, sanft) und ziran 自然 (natürlich).mlxxxvi Sekundäre Werte sind für ihn jixing 即兴 (Spontaneität),mlxxxvii Einfachheitmlxxxviii, ku 苦 (Bitterkeit) und se 涩 (Schärfe)mlxxxix. Zhou fordert als Elemente des Essays Humor, Witz, Präzision, "geheime Tiefe", "reichen Vokabelschatz" und Natürlichkeit. Zhou Zuorens frühe Essays zeigen vor allem im Vergleich mit Lu Xuns pädagogischem Impetus eine Schreibhaltung, die den Autor mit dem Leser auf dieselbe Stufe stellt.mxc
    In der Sekundärliteratur werden Zentralbegriffe in Zhou Zuorens literartheoretischen Überlegungen analysiert, indem ihre Entstehung in der Geschichte geklärt und ihr Bedeutungswandel bis zu Zhou Zuoren dargestellt werden. Zhou selbst beruft sich auf Yuan Hongdao,mxci der den Essay für die geeignete Form der Verwirklichung seiner Forderung nach individuellem Ausdruck hielt. Zhou verwendet eklektisch Konzepte vor allem, aber nicht ausschließlich der "'gongan-Schule'"mxcii, die sich gegen die Nachahmung des Altertums und für Aktualität und Aufrichtigkeit einsetzte. Zhou strebte eine Fortführung der Tradition der 'gongan'- und jingling-Schule wie in der späten Ming-Zeit an. Er verstand Literatur als yan zhi zhi yi 言志之意* (Medium für Willen und Gefühl des Autors).
    Zhou Zuoren lehnte den formal bestimmten achtgliedrigen Essay ab, er zitiert Wu Zhihui, der den "chinesischen" achtgliedrigen Essay von einem "ausländischen" abgelöst sehe und schließlich den achtgliedrigen Essay der "Partei" zu beobachten glaubte.mxciii
    Während Zhou Zuoren 1922 noch mit seinem "Funü wenti yanjiu hui xuanyan 妇女问题研究会宣言"mxciv (Manifest der 'Studiengesellschaft für Frauenfragen') für die Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft eintrat,mxcv vertrat er 1924 bereits die Auffassung, Literatur sei für die Gesellschaft nutzlos.mxcvi Im März 1925 erklärte Zhou Zuoren, sein Ideal beim Essayschreiben sei eine Natürlichkeit, die den Leser beim Verfassen außer acht ließe. Das Ideal der Natürlichkeit und der zhenshi 真实 (Authentizität) sei am ehesten bei der Untergattung Tagebuch erreicht, etwas weniger beim Tagebuch, das mit der Absicht der Veröffentlichung geschrieben werde, und noch etwas weniger beim Brief.mxcvii Chidu 尺牍 (Privatbriefe) seien hier besser als shu 书 (offene Briefe).mxcviii
    1928 erklärte Zhou Zuoren seine Auffassung gegen Lu Xun, Literatur sei "fankang de 反抗的"mxcix (oppositionell). Dabei räumte Zhou allerdings ein, daß Literatur nicht so zielgerichtet wie die Revolution sei, da in der Literatur nur ein Autor seine Ansichten darstelle. Auch von der Religion unterscheide sich Literatur durch das Fehlen eines Ziels, erklärt Zhou Zuoren in Anlehnung an Andrew Lang.mc Im selben Jahr erschien Zhou Zuorens Übersetzung englischer Essays A Trip to the Nether Worldmci und sein Essay mit dem sprechenden Titel "Bihu dushu lun 闭户读书论" (Vom Studieren hinter geschlossener Türe). 
    In seinem auf 1930 datierten Vorwort zu Jindai sanwen chao 近代散文抄 (Notizen zum neuzeitlichen Essay) ordnet Zhou Zuoren die Gattung des Essays innerhalb der anderen Gattungen ein und betont dessen individuellen Charakter: "Der Essaymcii ist der Höhepunkt in der Entwicklung der Literatur." und "Der Essay steht an der Spitze der individuellen Literatur." 1934 erschien die Essaysammlung Kuyu zhai xuba wen 苦雨斋序跋文mciii (Vor- und Nachworte aus dem Studio des bitteren Regens). Am 28. Dezember 1935 schrieb Zhou Zuoren das "Geleitwort"mciv zum ersten Band der offiziösen Essaysammlung Kompendium zur neuen chinesischen Literatur.
    1935 bezieht Zhou deutlich gegen Han Yu Stellung: "Ich hatte schon lange den Verdacht, daß der Grund, warum die Chinesen glauben, Literatur sei nützlich, und deshalb nur abgedroschene und unnütze Dinge sagen können, bei Han Yu zu finden ist; die 'sieben Meister' vollendeten dies."mcv
    Zhou Zuoren unterschied zu verschiedenen Zeiten verschiedende Untergattungen des Essays; 1935: Landschaftsbeschreibungen, Beschreibungen von Dingen, erzählende Essays, lyrische Essays, Träumereien, Abhandlungen über ernste Dinge, Satiren,mcvi 1936: essayistische Abhandlungen über Literatur, Kunst etc., Rezensionen, Vor- und Nachworte, reine Essays, Vignetten des Lebensmcvii; 1945: zhengjing 正经 (ernste, absichtsvolle Essays), xianshi 闲适 (Essays zum eigenen Vergnügen).mcviii

Der charakteristische Stil der Essays von Zhou Zuoren

    Zhou verwendet im Gegensatz zu Lao She kein Lokalkolorit, aber häufig Anekdoten und volkstümliche Redewendungen zur Bereicherung seiner Sprache. Den bestechendsten Humor zeigt Zhou in Form der Ironie, wenn er geistvoll und scheinbar ernsthaft lächerliche Themen bespricht (Toiletten, das Altern von Geistern). Teils handelt es sich um das stillschweigende Amüsement dessen, der die Schwächen der beschriebenen Menschen kennt. Dies nennt Qian Zhongshu Zhous "stillen Humor".mcix Zhou Zuoren gab auch eine Sammlung mit humoristischen Erzählungen heraus.mcx
    Mit seinen früh in äußert gewandter Umgangssprache verfaßten Essays widerlegte Zhou die in konservativen Kreisen weitverbreitete Auffassung, Essays müßten in vormoderner Schriftsprache verfaßt sein. "Die neuen Gedanken brauchten eine neue Schreibform für die Vermittlung; deshalb brauchten wir baihua."mcxi Zhou streute häufig wörtlich aus dem Englischen übersetzte Redewendungen ein, so etwa "das Kind mit dem Bade ausschütten".mcxii Zhou beherrschte wenyan ebenso wie baihua, er schrieb seine Texte, ohne vorher ein Konzept fixiert zu haben, in einem Zug runter.mcxiii Seine Sätze waren kurz, klar, einfach. Sie wurden wie ein Fluß beschrieben, der zwar meandriere, aber doch seinem Ziel gemächlich entgegenstrebe.mcxiv Zhous Stil wurde von ihm selbst und von den Zeitgenossen mit "aquarellistischen" Vokabeln belegt: mcxv So heißt es etwa, er schrieb einen "pingdan, xiaosan de bidiao 平淡、消散的笔调" (schlichter und gemächlicher Stil), in der Art von "dushu zaji 读书杂记" (gelehrte Notizen), die den wan Ming xiaopin 晚明小品 (Essays der späten Ming-Zeit) ähnelten. Zhou Zuoren fühlte sich der Wahrheit verpflichtet, "im Grunde genommen bin ich ein Mann des Zhongyong-Gedankens"mcxvi.
    Laut einer Kritik aus der VR Ch sind die Charakteristika der vermischten Essays von Zhou Zuoren folgende: 1. Er schreibt gewinnend, sorgenfrei, seine Sprache ist kühn und frei. 2. Er verwendet "jihu de fengci 戏谑的讽刺" (scherzende Ironie).mcxvii Als "repräsentativ" werden in einer Kritik aus der VR Ch hervorgehoben: "Cangying 苍蝇" (Die Stubenfliege), "Niaosheng 鸟声" (Der Vogelruf), "Guxiang de yecai 故乡的野菜"mcxviii (Wildgemüse meiner Heimat), "Beijing de chashi 北京的茶 食" (Pekinger Teegebäck), "Wupengchuan 乌蓬船" (Das mit Planen bespannte Kojenboot)mcxix, "Kuyu 苦雨" (Bitterer Regen). Den Titel dieses Essays übernahm Zhou übrigens als eines seiner Pseudonyme.mcxx Lobend hervorgehoben wird in der zitierten Kritik: 1. Er könne seine Veranlagungen und Vorlieben ausschreiben. 2. Aus seinem Wissen führe er spielerisch an Dinge heranmcxxi und komme auf die eine oder andere Weise zum Erfolg. Er habe viel gelesen und lasse dieses Wissen beiläufig in sein Werk einfließen.mcxxii 3. Seine Sprache sei kurz und treffend, seine Schreibweise präzise und angemessen. 4. Sein Stil sei ausgefeilt, in der "aquarallestischen" Zeichnung drücke er seine Gefühle aus.mcxxiii Trotz der phrasenhaften Ausdrucksweise scheinen einige oberflächliche Charakteristika der Essays von Zhou in dieser Kritik erfaßt zu sein. Es fehlt eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Geiste Zhous.

Essayschaffen und Werk

    1921 beteiligte sich Zhou Zuoren an der Debatte um die sexuellen Phantasien in Yu Dafus 郁达夫mcxxiv Erstlingswerk "Chenlun 沉沦"mcxxv (Versinken). Er hob die Debatte um diese Erzählung auf die höhere Ebene objektiver Überlegungen über grundlegende soziale und moralische Konzepte, indem er auf das psychologische Moment in der Darstellung des Sexuellen hinwies.mcxxvi
    1922 propagierte er in dem Essay "Wenyi de taolun 文艺的讨论"mcxxvii (Diskussion über Literatur und Kunst), daß Literatur "vornehmlich individuelle Gedanken und Gefühle" auszudrücken habe. 
    Zwischen 1923 und 1945 publizierte Zhou Zuoren beinahe 20 Essaysammlungen. 1923 erschien die eingangs erwähnte erste Essaysammlung Der eigene Gartenmcxxviii, in erster Auflage mit 18 Essays aus dem Zeitraum Januar bis Oktober 1922. Zhou Zuoren erweiterte sie 1927 mit späteren Texten. In der endgültigen Fassung enthält die Sammlung 62 Essays, darunter ein Vorwort (1.2.1927). 15 Essay aus dem Zeitraum Januar bis Juli 1923 sind darin unter dem Titel "Lüzhou 绿洲" (Oase) zusammengefaßt, 23 Essays aus dem Zeitraum September 1925 bis August 1926 unter "Chahua 茶话" (Geplauder beim Tee).
    In seinem bedeutenden Essay "Der eigene Garten" propagiert Zhou Zuoren 1923 "wei yishu de yishu 为艺术的艺术" (Kunst um der Kunst Willen).mcxxix 
    Nach einem Familienstreit zwischen Lu Xuns Frau und der Zhou Zuorens zog der ältere Bruder aus dem gemeinsamen Haus aus. Lu Xuns Frau Xu Guangping bewahrte ein Leben lang ihren Haß auf Zhou Zuoren und veröffentlichte am 19. Oktober 1967 in der Volkszeitung einen Verriß auf Zhou Zuoren. Zhou Zuoren zeichnet in seinem 1923 verfaßten Essay "Gebiet und Literatur"mcxxx zwei unterschiedliche Trends in der Literatur der Provinz Zhejiang nach und kennzeichnet damit den Unterschied zwischen sich und seinem Bruder: Sich selbst sah er als unbeteiligt "über den Dingen stehend", "kultiviert" und sich auch an Dingen erfreuend, die nicht unbedingt "brillant" sein mußten. Seinen Bruder sah er als in die Dinge der Welt verstrickt, dabei kämpferisch und schneidend.
    1924 agierten die beiden Brüder und Lin Yutang als Co-Organisatoren der Literaturgesellschaft Yu si 语丝 (Wortfäden). Die Gesellschaft propagierte Gedankenfreiheit und Kritik und stand damit in der Tradition der qing tan 清谈 (Reine Gespräche). Lu Xuns Teilnahme wurde im nachhinein von Leo Ou-fan Lee als "paradox" bezeichnet; festzuhalten bleibt zumindest, daß er dem kritischen Element näher stand als dem freiheitlichen und die Polemik gegen Zeitgenossen in der Tradition der qing tan meisterhaft beherrschte. Zhou Zuoren gab ab 1924 die Zeitschrift Yu si der Gesellschaft heraus. Sie existierte bis März 1930, dann wurde sie aus politischen Gründen verboten. Er selbst publizierte hier vor allem gesellschafts- und kulturkritische Essays, in denen er sich gegen den Feudalismus wandte.
    Sechs Essays, die Zhou Zuoren 1924 schrieb, seien hier im folgenden vorgestellt. Sie zeigen die thematische Vielfalt des Autors: 
    1. In der Pekinger Beilage zur Morgenpost veröffentlichte Zhou Zuoren den lebendigen, frischen Essay "Pekinger Gerichte".mcxxxi Nachdem er bereits ein Jahrzehnt in der Hauptstadt gelebt hatte, habe er immer noch keine traditionellen Leckereien gegessen, nur moderne, "uninteressante". Er beklagt sich seufzend über das moderne China, das seine Traditionen vergessen habe.
    2. Der auf April 1924 datierte Essay "Kritik am Geist der Freiheit", über einen gewöhnlichen Film erscheint von seiner Überzeugungskraft ebenso gewöhnlich. Ein Grund mag sein, daß Zhou Zuoren den besprochenen Film nur aus Kritiken und Zusammenfassungen kannte. Daneben enthält der Essay allgemeine Bemerkungen über den amerikanischen Geist der Freiheit.mcxxxii
    3. Spontane Gedanken Zhous zum Tod einer Schülerin und die dadurch bei den Angehörigen ausgelöste Trauer hielt er am 26. Mai 1925 in dem Essay "Beileidsbezeugung" fest.mcxxxiii
    4. Nachdem Zhou Zuoren als Kind Fliegen zunächst zum Spielen mißbraucht hatte, berichtete er in einer Pekinger Zeitschrift in dem Essay "Die Stubenfliege"mcxxxiv, wie sich seine Einstellung in Abscheu wandelte, als er von der Gefahr der Krankheitsübertragung erfuhr. Fliegen würden von Schönem angezogen und man habe keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen. Dennoch seien sie nicht so schlecht wie stechende Insekten. Zhou Zuoren gelangt zu der philosophischen Einsicht, daß viele Menschen in der Gesellschaft Dinge nicht objektiv beurteilten, sondern dazu neigten, etwas allzu stark abzulehnen oder zu bewundern. Trotz seiner Kürze ist der Essay nicht oberflächlich.
    5. In der Beilage zur Pekinger Morgenpost veröffentlichte Zhou Zuoren am 22. Juli 1924 den in einfacher Sprache gehaltenen Essay "Sorgenreicher Regen".mcxxxv  Darin beschreibt er  das Leben einfacher Pekinger, wenn es einmal regne: Der seltene Regen verursache große Umstände, so könnten z.B. schnell die Zimmer unter Wasser stehen. Die Kinder freuten sich dagegen über den Regen und nutzten die Gelegenheit zum Spielen. Daneben wird in diesem Essay negiert, daß Literatur die Gesellschaft beeinflussen könne.
    6. Im Dezember 1924 schrieb Zhou Zuoren den Essay "Tee trinken".mcxxxvi Darin beschreibt er, wie ein halber Tag Teetrinken in der richtigen Weise (unter einem Papierfenster, mit türkisgrünem Tee, aus dem richtigen porzellanenen Teeservice, in Gesellschaft von zwei, drei Leuten) wie zehn Jahre erscheinen könne. Trotz des Fachwissens, das bei diesem Essay im Hintergrund stand, ist der Essay im Plauderton geschrieben und kurzweilig.
    1925 publizierte Zhou Zuoren weitere Essays über Alltagsthemen: 
    Im Essay "Wildgemüse meiner Heimat"mcxxxvii, der auch im Übersetzungsband Ausgewählte chinesische Essays des 20. Jahrhunderts in Übersetzung 1998 auf Deutsch vorliegt, erklärt Zhou Zuoren, was für ihn Heimat ausmache. Er verbinde damit unter anderem Volksbräuche und -wissen z.B. über Heilkräuter. Im Essay werden einzelne Wildkräuter vorgestellt und Bräuche wie der des Kräutersammelns beschrieben. Zhou führt aus, daß die Blüten zum Kranz geflochten würden und den Menschen als Schmuck dienten. Er schildert Zubereitung, Nutzen und Einnahmeform der Heilkräuter. Kinderlieder und Gedichtzitate garantieren, daß der Essay aus auktorialer Perspektive geschrieben scheint, der Autor scheint aus profundem Wissensschatz zu schöpfen. Der Essay ist leicht, lehrreich und interessant geschrieben.
    Im "Ersten Vorwort zum 'Buch von Regentagen'",mcxxxviii datiert auf den 5. November 1923, beschreibt Zhou den Entstehungshintergrund des Buches: Während langer Regentage, die die Außenwelt in ein Meer verwandelten, habe jederman Zeit zu schreiben und nachzudenken. Er habe sich dann einfach hingesetzt und ein oder zwei Zeilen niedergeschrieben. Je öfter es geregnet habe, desto häufiger habe er geschrieben, und so sei dieses Buch entstanden. Der flüssige Stil der Essays und die Kenntnisse, die von Zhou Zuorens tatsächlichen Schreibgewohnheiten überliefert sind,läßtjedoch vermuten, daß zumindest die einzelnen Essays an einem Stück geschrieben wurden. Möglicherweise wurden die Notizen auch später überarbeitet.
    Im autobiographischen Essay "Die Krankheit von Ruozi"mcxxxix berichtet Zhou Zuoren in der Pekinger Zeitschrift Wortfäden von der Zeit, in der seine Tochter Ruozi 若子 erkrankte und sich alle Sorgen um sie machten. Er beschreibt die Gefühle zwischen ihm und seiner Tochter sowie zwischen Freunden. Der Stil des Essays ist sehr umgangssprachlich und bewegend.
    Zhou empfand deutlich die Unfreiheit der Schriftsteller in Peking: 

Ich fühle mich - ich weiß nicht warum -, als wenn ich in ein dunkles Zeitalter hineingeboren wäre. Zwar sind unsere Wälder frei von Drachen, Tigern und Wölfen, das stimmt, aber unförmige "Monster" und "Kobolde" schleichen noch herum und versuchen, die Seelen der lebenden Menschen zu schlucken. […] Worüber ich am meisten besorgt bin, das ist der Mangel an Freiheit in einem Gefängnis, in das man infolge seiner literarischen Tätigkeit geworfen wird, oder vor einer Inhaftnahme infolge meines Glaubens. (Was China am dringendsten braucht, ist die Nahrung des Geistes der Toleranz. […] Ich glaube, das Wesen der modernen europäischen Kultur ist Toleranz.)mcxl

    Daß sich Zhou Zuoren in einem der sechs mit "Shanzhong zaxin 山中杂信"mcxli (Korrespondenz aus den Bergen) übertitelten Briefe bereits begeistert über die kommunistische Idee als Alternative zu den damaligen chaotischen Zuständen äußert, findet in einer Kritik aus der VR Ch keine Gnade: "Wenn man es allgemein betrachtet, nahmen bei Zhou Zuoren der kapitalistische Individualismus und Humanismus den wichtigsten Platz ein."mcxlii 1925 erschienen zwei Essaysammlungen: Reisen durch die Unterweltmcxliii und das oben erwähnte Buch von Regentagen,mcxliv in dem 52 Essays, darunter das oben besprochene Vorwort sowie ein Fremdbeitrag im Anhang enthalten sind.
    In seinen Essays über Japan lobt Zhou oft die Einfachheit und Natürlichkeit der japanischen Kultur und macht sich über die Schwächen der Chinesen lustig. Er kritisiert stärker als Lu Xun das japanische Verhalten in "Japan und China",mcxlv und noch deutlicher 1926 in "Der chinesische Nationalcharakter - eine japanischer Sicht".mcxlvi Zhou hatte sicherlich ein differenzierteres und teilweise kritischeres Bild von Japan als der zu Japan ambivalente Lu Xun. Der 1925 erschienene Essay "Japan und China" ist für die Position Zhous zwischen den beiden asiatischen Nachbarländern ein Jahrzehnt vor der Invasion der Japaner in China - der Essay ist auf den 3. Oktober 1925 datiert - aufschlußreich. Zhou appelliert darin an seine Landsleute, sich mit der japanischen Kultur zu beschäftigen. In dem Essay beschreibt er seine Beobachtung, daß die japanische Kultur in China bislang aufgrund der Übernahme chinesischer und westlicher Elemente verachtet worden sei. Gerade aber die gelungene Symbiose dieser Kulturen in Japan sei ein nachahmenswertes Beispiel. In Japan hätten sich auch viele Elemente der traditionellen chinesischen Kultur (Phonetik, Tang-Musik, Singspiel) bis heute beinahe unverändert erhalten. Die Entwicklung der ausländisch beeinflußten Literatur im Japan der Meiji-Zeit habe sich spiegelbildlich mit 30 Jahren Verzögerung in China wiederholt (umgangssprachliche Literatur, Übersetzungen, neue Dichtung, Schulen, Roman, Belletristik). Neben den kulturellen Parallelen sieht er aber auch Wesensunterschiede; so bedauert er die Verachtung, mit der sich Chinesen und Japaner ein gegenseitiges Verständnis erschwerten. Die japanische Kolonialisierung von Ost-Liaoning verderbe die Kolonialherren. Die Gründung von chinesischsprachigen japanischen Zeitungen mit einem Standpunkt, den das Establishment und die Regierung in China verträten, nicht aber das Volk, schade China, nütze aber auch Japan nicht. Er fordert, daß solche japanischen Zeitungen eingestellt würden. Tatsächlich wurde z.B. die Shuntian shibao fünf Jahre später - 1930 - eingestellt.
    Zhou Zuoren war aufmerksamer Leser von biji 笔记-Sammlungen und entnahm daraus gerne Material für seine Essays, insbesondere über den chinesischen Charakter, über Sitten und Volksglauben.mcxlvii 1926 schloß Zhou Zuoren die Kompilation der Essaysammlung Yishu yu shenghuo 艺术与生活 (Leben und Kunst) ab.mcxlviii
    1926 wurde Zhou Zuoren, den die Warlord-Regierungen Nordchinas aufgrund seiner liberalen bzw. linken Einstellung als Feind ansahen, unter Duan Qiruis Regierung mit weiteren 50 Professoren auf eine Schwarze Liste gesetzt. Ein Aufruhr in Peking veranlaßte seinen Rückzug ins Privatleben. 
    Wenn ihn politisches Unrecht persönlich betroffen machte, bezog er auch öffentlich dagegen Stellung, wie der folgende satirische Essay zeigt: Am 18. März 1926 töteten Soldaten der Regierung von Duan Qirui 段祺瑞 26 Studenten, die an einer politischen Demonstration teilnahmen. Zhou dramatisiert im Essay "Über die Opfer des 18. März"mcxlix nur die Tragödie, ohne auf die zugrundeliegenden aktuellen politischen Motive einzugehen. Das Massaker löste in der Bevölkerung auch eine Diskussion über das Sterben aus. Zhou Zuoren greift diese Diskussion mit einem zweiten, zynischen Beitrag über "Die Arten zu sterben"mcl auf, den er in den Pekinger Wortfäden veröffentlichte. Darin schreibt er, es gebe zwei Arten zu sterben: Eines Tages in hohem Alter ganz gewöhnlich oder eines Tages unerwartet dahinzuscheiden. Für die erste Art gebe es drei Möglichkeiten: Im reifen Alter, plötzlich oder durch Krankheit. Um gut zu sterben, sei zu wünschen, unvorbereitet zu sterben, ohne daß man richtig gelebt habe. Selbstverständlich sei die idealste Sterbeart in der modernen Zivilisation der Tod durch den Gewehrlauf. Zhou Zuoren setzt seine Wut über den sinnlosen Tod der Studentinnen gelungen in bitter-humoristischem Stil um. Trotz der beinahe wissenschaftlichen Beschreibung von Todesarten handelt es sich bei dem Essay um einen Nachruf für die Opfer.
    Auch seine gewöhnlichen Essays enthalten in diesem Lebensabschnitt bisweilen politische Kritik, die Zhou aufgrund der Zensur in Alltagsthemen verbarg, wie in "Baozi shui 包子税" (Steuern auf Dampfbrot).mcli 1926mclii und in den Folgejahren machte er sich in einigen Essays über den Nationalfeiertag lustig: Niemand möge ihn so recht feiern bzw. er falle auf einen Sonntag und dadurch habe niemand etwas von ihm. Der Essay von 1927 wurde zensiert, der von 1928 klingt etwas optimistischer, zumal nunmehr die Guomindang 国民党-Flagge über den Dächern Beipings wehte.
    Ähnlich wie Lu Xun spricht sich Zhou Zuoren gegen die traditionelle chinesische Medizin aus, die er als ein früheres Entwicklungsstadium der wissenschaftlichen Medizin westlicher Provenienz sieht, für ihn "gibt es nur eine Medizin der Menschheit" mit verschiedenen Entwicklungsstufen.mcliii
    1926 übte Zhou Zuoren ungewöhnliche Kulturkritik: Er schilderte die Chinesen aus der Sicht der Japaner: In seinem am 17. Dezember 1926 verfaßten Essay "Der chinesische Nationalcharakter - eine japanische Sicht"mcliv nimmt Zhou Zuoren Stellung zu einem rassistischen Buch Yasuoka Hideos.mclv Darin werden den Chinesen in zehn Kapiteln vererbbare schlechte Eigenschaften unterstellt. Zhou Zuoren bestätigt diese schlechten Eigenschaften und urteilt zynisch, es gehöre sich, die chinesische Rasse auszulöschen. Er vergleicht den Niedergang Chinas mit dem Griechenlands. Allerdings kritisiert er auch die "Chinakenner" Japans, die sich gegenüber China (im Gegensatz zu westlichen Ländern gegenüber Griechenland) unsachlich verhielten. Er appelliert an die Japaner, China sorgenvoll zu ermahnen, aber nicht zu verspotten.
    Zhou Zuoren verwendet 1927 noch ähnlich beißende Ironie wie Lu Xun.mclvi
    Am 28. Juni 1927 beschrieb Zhou mit seinem Essay "Über Wein",mclvii wie in China alkoholische Getränke hergestellt werden, welche Sitten sich beim Trinken eingebürgert haben und welche verschiedenen Sorten es gibt. Weiter versucht er, den Reiz und Geschmack bestimmter alkoholischer Getränke in Worte zu fassen.
    Mit dem Essay "Das mit Planen bespannte Kojenboot",mclviii geschrieben am 27. November 1927, stellt Zhou Zuoren die früher in seiner Heimat Shaoxing, Provinz Zhejiang, häufiger gebräuchlichen, mit Planen bespannten Kojenboote mit ihren Eigenheiten vor. Er sei gerne in diesen Booten gereist, mit ihnen verbinde er Empfindungen von Frieden und Gemütlichkeit. Der Stil des Essays ist gelöst und kurzweilig.
    Der 1927 in Zhou Zuoren: Über Drachen. Sammlung 1927 erschienene Essay "Weixie de geyao 猥亵的歌谣" (Obszöne Lieder) steht für einen lebenslang verfolgten Themenkomplex in Zhou Zuorens Essays: der Sexualität. Die aus diesem Bereich stammenden Themen in seinen Essays wie sexuelle Aufklärung, humanistische Ideen und Frauenrechtemclix waren stark beeinflußt von seiner Lektüre Havelock Ellis': Studies in the Psychology of Sex, 7 Bde.mclx Ellis war zwar bekannt, Zhou Zuoren aber war ihm verfallen, da dieser seine eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen bewundernswert literarisch präsentieren konnte und gleichzeitig schwerpunktmäßig eine humanistische Idee übermitteln wollte, die Zhou Zuorens Vorstellungen entsprach.mclxi
    Zhou Zuoren wies auch früh die marxistische Vorstellung einer "proletarischen Literatur" zurück: "Es kann keine Klassen in der Literatur geben".mclxii
    1926/27 führte er progressiv und mit klarer Sprache die Zeitschrift Wortfäden,mclxiii als Lu Xun sich zurückhielt. Der später gegen Zhou Zuoren erhobene Vorwurf der Schwäche ist auch für diese Lebensphase nicht zutreffend. Ein möglicher Grund für die Unterstellung der Schwäche ist weniger in seinem Charakter, sondern vielmehr in den Zeitumständen zu suchen: Zhou Zuorens Hoffnungen, die er Anfang 1927 noch aktiv in den Wortfäden verteidigte, zerbrachen noch im selben Jahr für immer: Er hatte sie in die Ankunft der Warlords aus dem Süden gesetzt und sie verflogen, als 1927 offensichtlich wurde, daß auch die Warlords Terror als Machtmittel verwendeten und die Freiheit der Intellektuellen einschränkten. Zhang Zuolin erlangte die Kontrolle über Peking, und Zhou Zuoren floh mit Liu Bannong 刘半农 in das Haus des japanischen Militärattachés. Diese enttäuschende Erfahrung wandelte Zhou Zuorens Einstellung grundlegend. Das rechtfertigt, hier die Zäsur zur zweiten Schaffensperiode des Autors zu setzen, wenngleich es sowohl von Literaturwissenschaftlern aus der VR Chmclxiv wie auch von westlichenmclxv noch andere Einteilungen gibt. 1927 zeichnete sich auch bereits ab, daß Zhou Zuoren mit seiner Theorie "Gonganpai yu Yingguo xiaopin 'hecheng' lun 公安派与英国小品“合成”论" (Theorie der Synthese der gongan-Schule und des englischen Essays) gegen Lu Xuns funktionales Essaykonzept unterliegen würde, was die Quantität der Anhängerschaft anging.
    Zhou Zuoren erklärte: "Literatur, die von den Machthabern diktiert wird, […] ist […] falsch."mclxvi Der Zensur konnte man sich jedoch nicht entziehen. Waren seine frühen Essays in zuversichtlicher, feuriger und oft frivoler Haltung geschrieben, spiegeln seine späten ab 1927 mit bitterer Ironie und lamentierend vorgetragenen eine resignierte, depressive, desillusionierte bis destruktive Haltung wieder. Seine Freunde forderten ihn auf, konstruktiver zu schreiben. Zeitgenossen kritisierten, daß er zum Eremiten wurde. Tatsächlich erklärte Zhou Zuoren, sich von nun an zurückzuziehen und die Tür vor der enttäuschenden Realität zu verschließen. Den endgültigen Rückzug besiegelte die Gründung der 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' 1930.
    Vor 1927 nannte Zhou Zuoren seine Essays "meiwenshi de xiaopin 美文式小 品" (Essays in der Art des schöngeistigen Essays), seit 1927 biji shi xiaopin 笔记式 小品 (skizzenhafte Essays). Von nun an wählte er bewußt beliebige Alltagsthemen. Auf diese Weise protestierte er gegen die einseitige Funktionszuschreibung, mit der die anderen Schriftsteller mehr und mehr ihre Unabhängigkeit opferten und sich einen Maulkorb anlegen ließen, den sie in den Anfangsjahren sogar noch für einen Futtersack zu halten schienen. Seine Essays, die sich ab 1927 grüßtenteils nur noch mit unpolitischen Themen wie der Beschreibung von Sitten, Glauben und Charakter der Chinesen auseinandersetzten, schrieb er in einem "aquarellistischen", beredten Stil. Gelegentlich kam es jedoch zu Ausbrüchen von Frustration und Verzweiflung, die häufig in einem resignierenden Schlußsatz endeten.mclxvii
    Die Essays nach 1927/28 behandeln mehr und mehr Themen aus der Vergangenheit, sind gelehrt-bibliophil, "überladen mit Zitaten und bibliographischen Verweisen".mclxviii 1927 erschienen zwei Essaysammlungen: Wurzelstock des Gemeinen Froschlöffelsmclxix und die Sammlung Über Drachen,mclxx in der 45 Essays enthalten sind. Das Vorwort ist auf den 8. November 1927 datiert. 1928 erschien die Sammlung Über Tiger. Sammlungmclxxi mit 138 Essays. Im ersten Band sind 80 Essays enthalten, im zweiten 58, darunter ein Vorwort, datiert auf den 8.11.1927, und ein Nachwort, datiert auf den 25.11.1927. Enthalten ist unter anderem der Essay "Die Schwierigkeit des Übersetzens von Gedichten".mclxxii
    Wenig hilfreich ist für diese Zeit die Heranziehung von Sekundärliteratur aus der VR Ch; hier seien exemplarisch einige Tatsachenverdrehungen von Zhu Jinshun genannt: In einer Sekundärliteraturquelle aus der VR Ch beginnt 1928 die 3. Schaffensphase des Autors, in der er "allmählich den Kampf verlassen habe", "als tugendhafter Eremit lebte" und "einige Lesenotizen und Essays der Muße schrieb". Schließlich heißt es lapidar: "Dan sixiang shang kaishi luohou 但思想上开始落後" (Allerdings blieb er gedanklich zurück).mclxxiii Diese Aussageläßtsich im literarischen Werk nicht nachweisen und ist nur aus der Tatsache zu erklären, daß Zhou Zuoren sich Ende der 1920er Jahre endgültig gegen engagierte Literatur entschied.
    1929 erschien die Essaysammlung Lange Tage mit 41 Essays, darunter ein Vorwort, datiert auf den 15. Februar 1929, und eine Nachbemerkung, geschrieben in "Beiping, 1.12.1928". Die meisten der in dieser Sammlung zusammengefaßten Essays stammen aus dem Jahr 1928, weniger aus den Jahren 1927 und 1929, zwei von 1924, einer von 1925, einer von 1920.mclxxiv Bereits 1929 zitierte Zhou Zuoren aus einem ein Jahr zuvor auf Englischmclxxv erschienenen Buch zur sexuellen Aufklärung, das selbst für Europa geradezu revolutionär modern war: 1926 hatte der Niederländer Theodoor Hendrik van de Velde (1873 - 1937) Die vollkommene Ehe. Eine Studie über ihre Physiologie und Technikmclxxvi mit teils farbigen Abbildungen herausgebracht. Das Buch wurde im selben Jahr auf Deutsch,mclxxvii zwei Jahre später auf Englisch, innerhalb weniger Jahre auf Italienisch, Französisch, Polnisch und Japanisch publiziert. Im Westen erreichte das Buch astronomische Auflagen.mclxxviii 
    Ein Themenbereich, den Zhou Zuoren auch in dieser Schaffensphase noch behandelte, war die Zensur. 1929 erklärte er dazu: "Man sieht also, daß Reden nicht nur unnütz, sondern auch schädlich sein kann. Kaum sagt man etwas, hat man schon ein Urteil gefällt. In Zeiten wie den unseren ist das gefährlich"mclxxix Desillusioniert von den verschiedenen Enttäuschungen durch Hoffnungsträger erklärt er im selben Jahr: "Was die Tagespollitik angeht, so werde ich sie bestimmt von nun an nicht mehr diskutieren."mclxxx Das "Lob der Stummheit",mclxxxi datiert auf den 13. November 1929, ist ein außerordentlich humoristischer und geistreicher Essay über die Vorteile des Stummseins. Zhou stellt darin philosophische Überlegungen an: "Überprüft man, was ein Mund zu leisten hat, sind es im großen und ganzen doch folgende Aufgaben: 1. Essen, 2. Küssen, 3. Reden".mclxxxii Er führt Beispiele aus der chinesischen und europäischen Überlieferung an. Er stellt einen Gegenwartsbezug her: Reden sei besonders in "Zeiten wie diesen"mclxxxiii gefährlich.mclxxxiv Dieser Essay ist ein Vorwort für Zhou Zuorens folgendes Werk, in dem er sich aufgrund der damit verbundenen Gefahren tatsächlich nicht mehr zu tagespolitischen Themen äußerte.
    1931 wird Zhou Dekan der Abteilung für japanische Literatur an der Beiping-Universität. Bezeichnend für seine Einstellung ist der Essay "Zwei Bäume",mclxxxv ein autobiographischer Rückblick, der in der Shanghaier Zeitschrift Qingnian jie 青年界 (Welt der Jugend) erschien. In ihm beschreibt Zhou Zuoren zwei Bäume vor dem eigenen Haus, durch die er von den gesellschaftlichen Wirren erfolgreich abgelenkt worden sei.
    1932 schreibt Zhou Zuoren Essays für die Zeitschriften Yuzhoufeng 宇宙风 (Kosmischer Wind), Renjian shi 人间世 (Menschenwelt) und Lunyu (Analekte), die alle von seinem Freund Lin Yutang  herausgegeben wurden.
    Zhou Zuoren spricht sich im Essay "Über den achtgliedrigen Essay"mclxxxvi nunmehr dafür aus, daß der baguwen aufgrund seiner besonderen historischen Bedeutung weiter unterrichtet werden solle. Allerdings sieht er im achtgliedrigen Essay die höchste Verkörperung des Prinzips des Funktionalen "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)) und lehnt ihn aufgrund seiner Betonung der Form, die zu einer Inhaltsleere führe, persönlich ab.mclxxxvii
    Im Essay "Das Ding im Wasser" geht es um einen Flußgeist, der den Menschen Furcht einjagt. Zhou Zuoren beschreibt sein Aussehen jedoch wie das eines Kindes, wodurch er beinahe liebenswert erscheint. Es sind auch Naturbeschreibungen enthalten.mclxxxviii
    1932 publizierte Zhou drei Essaybände: Seine Vorträge über die Entwicklung der modernen chinesischen Literatur veröffentlichte Zhou Zuoren in der Essaysammlung Der Ursprung der neuen chinesischen Literaturmclxxxix, wieder aufgelegt 1934. Darin beschreibt Zhou Zuoren unter anderem den Einfluß, den Liang Qichao auf ihn gehabt hat.mcxc 1932 erschienen weiter die beiden Essaysammlungen Essayflut von Zhou Zuorenmcxci und Die Wolken betrachten. In letzterer sind 40 Essays aufgenommen, darunter ein Vorwort. Der Band enthält darüberhinaus auch noch eine Übersetzung.mcxcii 1933 erschienen eine Werkausgabemcxciii und eine Sammlung mit Briefen Korrespondenz, in der 22 Essays enthalten sind, darunter ein Vorwort, datiert auf den 17. April 1933, teils in Briefform, und 77 Briefe.mcxciv
    1934 fuhr Zhou Zuoren wieder nach Japan, diesmal für zwei Monate. Im selben Jahr erschien die Essaysammlung Ye du chao 夜读抄mcxcv (Notizen bei der Nachtlektüre) mit 39 Essays, davon sei einer vorgestellt, der humorvoll und geistreich ist: "Das Altern von Geistern",mcxcvi datiert auf April 1934. Mit wissenschaftlicher Akribie und scheinbar ernsthaft bemüht Zhou Zuoren zahlreiche Zitate aus der vormodernen Literatur (Qing und Song), um der Frage nachzugehen, ob Geister altern. Für die Vertreter des Standpunktes, daß sie altern, bemüht er Ji Yun 纪昀 (1724 - 1805) aus der Qing-Dynastie, für den anderen Standpunkt Shao Bowen 绍伯温 (1057 - 1134) aus der Song-Dynastie. Er analysiert im Essay ebenfalls psychologische Gründe für den Geisterglauben.
    Im Essay "Shenghuo zhi yishu 生活之艺术"mcxcvii (Savoir vivre) fordert Zhou Zuoren die "Rückkehr zur alten Zivilisation vor 1000 Jahren". Er zieht sich in sein Haus zurück mit dem schon oft öffentlich geäußerten Vorsatz, den politischen Wirrnissen zu entsagen. Lu Xun erklärt in "Zhi Yang Jiyun shu 致杨霁云书"mcxcviii (Brief an Yang Jiyun) vom 6. Mai 1934, Zhou Zuoren sei mit der "Gegenwart unzufrieden" gewesen. Die offizielle Literaturkritik aus der VR Ch ergänzt, daß ihn der revolutionäre Kampf des Volkes beunruhigt habe, er habe "sich vom zeitgenössischen Hauptstrom abgesondert" und "öffentlich verkündet, sich zum Lesen zurückzuziehen, um in einem solchen Chaos sein Leben zu  retten".mcxcix In der Literaturtheorie habe er jetzt die Revolution der Literatur mit der 'gonganpai 公安派' (gongan-Schule) der späten Ming-Dynastie verglichen und habe gleichzeitig xianshi xiaopin 闲适小品 (unpolitische Essays) propagiert, um Literatur "oberflächlich" und "gongyaren 供雅人" (nicht nur für Politik und Bewegungen), zum "Betäubungsmittel" und zu "Nippes" zu machen.mcc Die tatsächlichen Gründe für seinen Rückzug legt Zhou Zuoren in einem Gedicht dar.mcci
    Zhou Zuoren setzte sich genau wie Benjamin Henri Constant de Rebecquemccii (1767 - 1830) 130 Jahre zuvor in Frankreich mit seiner Idee "l'art pour l'art"mcciii für die Individualität und Unabhängigkeitmcciv des Schriftstellers, für tendenzfreie und apolitische Literatur ein, nur war China damals noch nicht reif für einen solchen Gedanken. So wurde der humanistische, enzyklopädisch gebildete Zhou Zuoren von seinen Zeitgenossen nicht verstanden, von seinem eigenen Bruder öffentlich angegriffen und so auch ein tragisches Opfer der Zeitumstände, z.B. als er sicherlich auch aufgrund seiner im Laufe der Zeit herausgebildeten, bewußt apolitischen Haltung selbst vor der Besatzungsmacht nicht floh,mccv sondern unter ihr weiterarbeitete.
    1935 gab Zhou Zuoren ein Kompendium moderner chinesischer Literatur heraus. Es erschien seine Essaysammlung Kucha suibi 苦茶随笔 (Bitterer Tee. Essays).mccvi
    Weiter entstanden zwei Essays, die auch in englischer Übersetzung vorliegen und später zusammen in einer Sammlung veröffentlicht wurden. Das Jahr ergibt sich aus dem Nachwort vom 13. November 1935, in dem er auf S. 309 erklärt, er habe die Essays im letzten halben Jahr geschrieben. Leider fehlen bei den Übersetzungen die Quellenangaben: 
    1. "Übers Lesen auf dem Klo"mccvii ist ein humoristischer Essay über die Vorzüge des Lesens auf der Toilette. Diesem eher selten literarisch gewürdigten Thema nähert sich Zhou in angemessen leichtem Stil, angereichert mit einer Fülle von klassischen Anekdoten und Zitaten. Er stellt eine Lektüreliste auf, die ihm geeignet erscheint, auf dem Abort gelesen zu werden und lobt japanische Kulturerscheinungen, wobei er sich über chinesische amüsiert. Datiert auf Oktober [1935]. Dieser Essay mag Vorlage für ähnliche Essays zum selben Thema gewesen sein.
    Zhou Zuoren beschäftigt sich, wie schon bei einem weiteren Essay aus dieser Schaffensphase gezeigt (siehe oben), auch mit Übersetzungsfragen und den Übertragungsmöglichkeiten von Literatur überhaupt: 
    2. In seinem autobiographischen Essay "'Ich bin ein Kater'"mccviii berichtet Zhou Zuoren über seine Lese- und Übersetzungserfahrungen in Japan aus dem Englischen und der europäischen Literatur. Erst später habe er auch die japanische Literatur in Übersetzung vorgestellt.  Zhou liefert eine detaillierte Erörterung der Bedeutungsvielfalt des Japanischen und der Schwierigkeit, es im Chinesischen adäquat wiederzugeben. Der Text ist auf Juni [1935] datiert.  
    Ein Stilmerkmal der Essays Zhou Zuorens war der bewußte Gelegenheitscharakter, die unfertigen Gedanken, wie ein Zitat aus dem Essay "'Ich bin ein Kater'" zeigt: 

Wenn ich den Schluß dieses Absatzes genauer überlege, kommen mir Bedenken, ob er vollkommen zutreffend ist.mccix

    1936 erschienen zwei Werkausgaben, Ausgewählte Werke Zhou Zuorensmccx und Zhou Zuoren. Werkauswahl.mccxi Sie enthalten essayistische Abhandlungen über Literatur, Kunst etc., Rezensionen, Vor- und Nachworte, reine Essays sowie "Vignetten des Lebens". Daneben enthält die Sammlung auch Erzählungen. Weiter erschienen zwei Essaysammlungen: Bitterer Bambus. Vermischte Notizenmccxii enthält 53 Essays aus dem Zeitraum der zweiten Jahreshälfte 1935, darunter ein Vorwort, datiert auf den 13. Juni 1935, und ein Nachwort vom 13. November 1935. Die zweite Sammlung Gespräche bei Wind und Regenmccxiii enthält 38 Essays, darunter ein Vorwort vom 6. Dezember 1935 und ein Nachwort, datiert auf den 10. September 1936, das im Inhaltsverzeichnis nicht aufgeführt ist und eine eigene Seitenzählung hat. Diese Essaysammlung enthält auch literaturtheoretische Essays wie "Feng yu tan 风雨谈"mccxiv (Gespräche bei Wind und Regen).
    Auch in Japan wurde Zhou Zuoren inzwischen wahrgenommen, wie ein Beitrag 1935 zeigt.mccxv
    Im Essay "Beipings gute und schlechte Seiten"mccxvi beschreibt Zhou Zuoren seine Antipathien gegenüber Beiping und der Pekingoper, die er als feudalistisch verurteilt, im Unterschied etwa zu Wang Zengqi, der sie eine Generation später nostalgisch betrachtet. Zhou Zuoren sieht Parallelen zwischen ihrer Musik und dem achtgliedrigen Essay.
    1937 erschienen die Werkauswahl Repräsentative Werke von Zhou Zuorenmccxvii und die Essaysammlung Melonen und Bohnen,mccxviii die 32 Essays versammelt, darunter eine Vorbemerkung zur Titelwahl und ein Anhang mit zwei Fremdbeiträgen. Daraus sei der Essay "Noch einmal über Briefe"mccxix genannt, eine natürlich-erfrischend geschriebene Besprechung der literarischen Werke zweier Autoren der Qing-Dynastie mit Wertung ihres persönlichen Wirkens.
    Das Verhältnis Zhou Zuorens zu Japan unmittelbar vor Ausbruch des Krieges zeigt sich in dem 1937 erschienenen Essay "Huai Dongjing 怀东京"mccxx (Erinnerung an Tõkyõ): "Der Ruhm eines Landes liegt in seiner Kultur begründet", erklärte er, er habe die japanische Lebensweise adaptiert, Japan sei für ihn zu einer "zweiten Heimat" geworden sei. Insbesondere schneidet Tõkyõ hier im Vergleich zu seiner Stadtbeschreibung von Beiping (siehe oben) besser ab. "Die Mischung meines Wissens verdanke ich grüßtenteil ausländischen Einflüssen durch das Medium der englischen und japanischen Literatur".mccxxi
    Am 7. Juli 1937 inszenierten die Japaner am Stadtrand von Peking den 'Zwischenfall an der Lugouqiao 芦沟桥 (Marco-Polo-Brücke)', den Startschuß für eine Offensive der Japaner, aber auch für die Flucht der meisten Gelehrten aus Beiping gen Süden sowie eine erste Verteidigung der Chinesen. Die Japaner nahmen am 28. Juli Beiping ein und schlossen die Beiping-Universität, weil in ihr eine besonders antijapanische Stimmung herrschte: Japan galt als "imperialistische Macht". Die Beiping-Universität war zuvor schon in unbesetzte Gebiete umgezogen. Entgegen dem Rat vieler blieb Zhou Zuoren in Beiping. Hu Shi bat ihn in einem aufgrund der japanischen Zensur in Gedichtform verfaßten Brief, nach Süden zu fliehen.mccxxii Zhou lehnte dies mit einem Antwortgedicht ab, in dem es heißt, die Zeiten seien bitter: "Alles, was ich tun kann, ist, meine Tür zu schließen".mccxxiii Er versichert darin, es werde nichts Ehrenrühriges passieren. In zwei Briefen erklärte er seine Entscheidung zum Verbleib in Beiping mit seiner Verantwortung gegenüber den zahlreichen Familienangehörigen (mit den Bediensteten etwa 20 Personen), von denen einige zu alt zur Flucht waren.mccxxiv Sicherlich war auch seine Vertrautheit mit der japanischen Kultur für ihn ein Grund zu hoffen, Einfluß nehmen zu können, um das Schlimmste zu verhindern.mccxxv
    Tatsächlich hatte Zhou Zuoren eine japanische Frau, sprach Japanisch und setzte sich zeitlebens für ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Japanern und Chinesen ein, ohne seinen chinesischen Standpunkt zu verheimlichen. Wie serbokroatische Mischehen im 1992 begonnenen jugoslawischen Bürgerkrieg zeigten, waren Ehepartner, die sich erst im Krieg ihrer unterschiedlichen Herkunft richtig bewußt wurden, schwerer von einem Feindbild zu überzeugen als Bürger, denen die andere Kultur fremd geblieben war. Bereits sieben Monate nach dem Vorfall an der Marco-Polo-Brücke schrieb Zhou Zuoren den Essay "Über Bonbonverkauf".mccxxvi Dies wurde als "lähmend" etc. kritisiert.mccxxvii 
    Anläßlich eines Zeitungsartikels über die Übertragung von Lepra weist Zhou Zuoren in "Über 'Das Jucken weitergeben'"mccxxviii im April 1937 auf den traditionellen Aberglauben hin, daß Lepra nur zwischen verschiedengeschlechtlichen Menschen bzw. nur von Frauen auf Männer übertragen werden könne und daß es nach einer oder mehr (bis zu zehn) Übertragungen beim Überträger selbst geheilt sei. Er zitiert dazu Quellen aus dem Jahre 1700. Auch konsequente Isolierung könne demnach Menschen heilen. Zhou Zuoren räumt gründlich mit diesem Aberglauben auf, indem er grundlegende Erkenntnisse der westlichen und japanischen Medizin anführt.
    Wie schon angedeutet, kam es dann später tatsächlich zu einer erzwungenen Kollaboration mit den Japanern, deren Umstände im folgenden nachgezeichnet werden: 
    Folgt man Quellen aus der VR China, so erfährt man nur Oberflächliches. In einer Kritik aus der VR Ch heißt es, später seien seine Gedanken "luohou 落后" (rückständig), er "duoluo 堕落" (degenerierte) zum "Hanjian 汉奸" (Landesverräter),mccxxix seine Essays seien daraufhin nicht mehr erwähnt worden. Aber der Zhou Zuoren der '4.-Mai-Bewegung' sei makellos und bedeutend.mccxxx Auch in einer anderen chinesischen Quelle heißt es lapidar: "Zwischen 1938 und 1945 ist die am wenigsten strahlende Zeit Zhou Zuorens, er wurde zum Landesverräter."mccxxxi
    Nachdem Zhou Zuoren mehrmals die Kooperation mit der Besatzungsmacht abgelehnt hatte, wurde am 1. Januar 1939 ein Mordanschlag auf ihn verübt, bei dem sein Fahrer starb und er mit leichten Verletzungen entkam. Zhou war überzeugt, die Japaner steckten hinter dem Anschlag,mccxxxii da er sich gegen die Militäroperationen der Japaner ausgesprochen habe und damit nicht nur auf die verbliebenen chinesischen Intellektuellen, sondern auch auf die liberaleren Japaner in Beiping Einfluß gehabt habe.mccxxxiii Auch während seines Prozesses 1947 führte Zhou diesen Vorfall an, um die Feindschaft zwischen ihm und dem japanischen Militär zu belegen. Er entschied sich in Todesangst, nominell mit der Marionettenregierung der Japanermccxxxiv zusammenzuarbeiten, wie er im Prozeß aussagte. Als die Abteilung für Literatur der Beiping-Universität wiedereröffnet wurde, setzte ihn die Marionettenregierung der Japaner als Leiter der Abteilung ein. Er wurde ständiges Mitglied in der Kommission nordchinesischer staatlicher Verwaltungsangelegenheiten, Präsident der ostasiatischen Kulturvereinigung und Vizedirektor des nordchinesischen universellen Forschungsinstituts.mccxxxv
    Immerhin waren die Konsequenzen seines Handelns, daß er seinen zwanzigköpfigen Haushalt rettete, die Beiping-Universität vor Verwüstung bewahrte und dies nicht auf Kosten von Menschenleben, sondern "nur" und gezwungenermaßen auf Kosten seines Namens, dessen er sich stets bewußt war. Er selbst hielt sich für einen Patrioten, der seinem Land ein Opfer brachte.
    Vergleichbar mag in Deutschland etwa das Verhalten Adenauers sein, als nach Kriegsende 1918 die Arbeiter und Soldatenräte das Kölner Rathaus einnahmen. Adenauer forderte sie auf, ihn zum "Beauftragten für Ruhe und Ordnung" zu ernennen, was sie auch prompt taten. Und so konnte er Köln vor grüßeren Zerstörungen bewahren. Obwohl Zhou Zuoren für seine Entscheidung zur Kollaboration verurteilt wurde, aber schließlich eine Amnestie  erhielt, wurde ihm später nie mehr die Chance gegeben, grüßere Verantwortung zu übernehmen.
    Die offizielle literaturwissenschaftliche Auffassung in der VR Ch scheint hier den Verbleib Zhou Zuorens in Beiping als weitere Zäsur genommen zu haben. Tatsächlich spricht nichts für eine Zäsur im literarischen Schaffen im Jahr 1938, mit dem nach verschiedenen Quellen aus der VR Ch seine vierte Schaffensphase begonnen haben soll. Zhou Zuoren zeigte stattdessen in seinen Essays über das Jahr 1938 hinaus Kontinuität. 
    Eine Folge der erzwungenen Entscheidung zur nominellen Kooperation war seine gesellschaftliche Ächtung, die wiederum der Grund für den melancholisch-resignativen Ton in seinem auf die Ächtung in den 1940er Jahren folgenden Essayschaffen ist.mccxxxvi
    Die Kritik in der VR Ch, die das von Mao Zedong 1942 in Yan'an ausgesprochene Urteil eines "Verräters" im Nachhinein begründen mußte, interpretierte Zhou Zuorens frühe Werke schon als "kapitalistisch", sprach ihm dann im Laufe der Zeit, wie oben erwähnt, "zurückgebliebene Gedanken" zu, um so seine Wandlung vom Helden der '4.-Mai-Bewegung' zum "Landesverräter" glaubhafter erscheinen zu lassen.
    Ein hämischer Blick auf die chinesische Literaturwissenschaft aufgrund ihres Verhaftetseins in der Ideologie ist jedoch unangebracht: Auch in der westlichen Literaturwissenschaft werden Zhou Zuorens Essays zuweilen als "unlogisch", "zu allgemein", "verabsolutierend", "wiederholend" und "im klassischen Gewand" daherkommend bezeichnet.mccxxxvii Zhou erscheint bisweilen als "interessantes Studienobjekt" aufgrund der bei ihm vorhandenen "Koexistenz" von "traditionellen chinesischen Werten" und "moderner Geisteshaltung".mccxxxviii
    Tatsächlich aber muß Zhous brillantes literarisches Werk, auch seine Arbeit zur biographischen Erschließung Lu Xuns, nachdem er die Ächtung durch die Gesellschaft erfahren hatte, unabhängig von seinen ideologischen oder politischen Entscheidungen betrachtet werden, bei denen er sich zudem als "unschuldiges Opfer" sah.
    Bei aller Kritik wird auch hier deutlich, daß das Urteil über eine Person historischem Wandel unterliegt. Inwieweit Zhou Zuoren mit der Marionettenregierung der Japaner zusammengearbeitet hat, hätte wohl nur er selbst beantworten können. Kollaboration im Vichy-Frankreich und unter den Japanern in China, um hier andere Beispiele zu nennen, wurde verurteilt, da die Besatzer mit Hilfe von Dritten überwunden und die eigene Geschichte positiv gewertet wurde. Der Einfall fremder Mächte hatte zudem im dynastischen China Tradition und wurde im nachhinein akzeptiert: Eindringlinge waren etwa die Tuoba (386-534), die Kitan (907-1125), die Dschurdschen, die die Jin-Dynastie errichteten (1115-1234), die Mongolen mit der Yuan-Dynastie (1279-1368) und zuletzt die Mandschuren mit der Qing-Dynastie (1644-1911).
    Zhous Verbleib in Beiping ermöglichte es ihm, 1940 in einem Shanghaier Verlag die 1937 kompilierte Essaysammlung Bingzhu tan 秉烛谈mccxxxix  (Gespräche bei Kerzenlicht) zu veröffentlichen.
    Anläßlich einer Japanreise 1940 oder 1941 reflektiert Zhou Zuoren das Verhältnis zu Japan: Er interessiert sich ernsthaft für die japanische Kultur, sucht darin Eigenständiges und wertet aus China Übernommenes nicht ab, sondern spürt der besonderen Wandlung nach, die chinesisches Kulturgut in Japan durchgemacht hat. Einzelne Dinge seien in Japan besser erhalten als in China. Wie oben an den Essays zu Japan gezeigt, übt Zhou Zuoren neben seiner Bewunderung auch Kritik an Japan,mccxl die stärker war als die seines eher ambivalenten Bruders Lu Xun, auch deshalb erscheint der Vorwurf des Verräters heute in westlichen Augen schwer nachvollziehbar.
    Sieben Jahre nach seinem letzten Japanbesuch im Jahre 1933, am 17. Dezember 1940, läßt Zhou Zuoren seine damaligen Eindrücke von Tõkyõ im Essay "Das Wiedererkennen in Japan"mccxli Revue passieren. Japan habe den Fortschritt vom Westen erfolgreich adaptiert, ohne seine Eigenheiten zu verlieren. Zhou vergleicht China und Japan in Bezug auf ihre Küche, das Wohnen, die Fußkultur, Prozessionen etc. Er stellt auch moderne japanische Literatur vor. Während seines ersten Aufenthaltes in Japan sei gerade eine Welle lyrischer Romantik spürbar gewesen. Die gemeinsamen kulturellen Quellen von China, Korea, Japan und Amman erleichterten hier den Chinesen - im Gegensatz zu Menschen aus dem Westen - das Verständnis. Um Japan zu verstehen, müsse man bei der Religion anfangen: Shinto und Zen 禅. Aufgrund des nach den Studienaufenthalten folgenden Krieges seien Texte über Japans Kultur in China nicht im sonst üblichem Umfang rezipiert worden.
    1941 veröffentlichte Zhou Zuoren die Sammlung von Buchrezensionen Yao Tang yu lu 药堂语录mccxlii (Aufzeichnungen von Yao Tang).
    Am 4.1.1941 wurde Zhou Generalgouverneur im Erziehungsgouvernement der Marionettenregierung, er behielt dieses Amt bis zum 10.2.1943 inne. Im April 1941 besuchte Zhou Japan als Mitglied einer Delegation zur Ostasiatischen Kulturkonferenz. Als Mao Zedong 1942 bei seinen "Reden auf der Beratung über Literatur und Kunst"mccxliii am 23. Mai 1942 in Yan'anmccxliv von Literatur und Kunst des nationalen Verrats, von "Sklavenliteratur" sprach, war Zhou Zuoren, wie oben bereits ausgeführt, stigmatisiert. Selbst 26 Jahre später bestätigte Mao dieses Urteil noch einmal, als Lin Biao ihn am 28.7.1968 ansprach: "Lû Xùn's Bruder war doch ein großer Landesverräter", worauf Mao beschwichtigend erklärte: "Ich bin selbst auch nicht sehr einsichtig und begabt […]".mccxlv
    1942 veröffentlichte Zhou Zuoren in Beiping zwei Sammlungen: In der Essaysammlung Bitterer Geschmackmccxlvi versammelte er 23 Essays aus dem Zeitraum Mai 1937 bis Februar 1941, darunter ein Vorwort.mccxlvii Die zweite Essaysammlung Vermischte Essays von Yao Tang [i.e. Zhou Zuoren] enthält weitere Essays aus der Zeit, in der China und Japan im Krieg miteinander verwickelt waren. Hier zeigt Zhou mit seiner Darstellung der chinesischen Traditionen klar, daß seine Loyalität China gilt. Genauso deutlich zeigt er jedoch, welche gemeinsamen traditionellen Wurzeln Japan und China haben.
    1944 veröffentlichte Zhou Zuoren in Beiping und Shanghai drei Sammlungen: Bitterer Mund, trockener Mundmccxlviii, die nach dem gleichnamigen Essay betitelte Sammlung Eine Ecke des Lesezimmersmccxlix sowie Noch einmal Gespräche bei Kerzenlicht.mccl
    Nach der japanischen Kapitulation aufgrund der Atombombenabwurfs der Vereinigten Staatenmccli wurde Zhou Zuoren 1945 unter Kommando der Guomindang nach Nanking gebracht, dort wegen Kollaboration mit dem Feind und Landesverrats zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach der moralischen Verurteilung durch den Führer der Kommunisten Mao Zedong 1942 war dies seine zweite Verurteilung. Er blieb über drei Jahre, vom Dezember 1945 bis Januar 1949 im Gefängnis in Shanghai.
    Im verfeindeten Japan erschien 1945 eine  Sammlung biographischer Essays verschiedener Freunde und Kollegen mit dem Titel "Über Zhou Zuoren".mcclii In Shanghai erschien 1945 Zhou Zuorens Essaysammlung Lichun yiqian 立春以前mccliii (Vor Frühlingsanfang). Die Werke, die Zhou noch im Jahr 1945 in Freiheit verfassen konnte, wurden 1961 in Hongkong unter dem Titel Sammlung von Zhi Tangs Werken aus dem Jahre 1945mccliv veröffentlicht. In chinesischen Quellen ist die Phase 1945 bis 1949 zumeist nicht erwähnt.mcclv Auch während seiner Haft blieb Zhou Zuoren Gesprächsthema: 1946 erschien in Shanghai der Aufsatz "Zu einigen Büchern von Zhou Zuoren".mcclvi Qian Zhongshu karikiert Zhou Zuoren 1946 in seiner Erzählung "Die Katze"mcclvii als "Alten mit dem kleinen japanischen Bärtchen" Lu Bolin, der vordergründig schmeichle, aber hinter dem Rücken seines Freundes sarkastische Bemerkungen über ihn mache, ungesunde Gesichtsfarbe besitze und Japan mehr als jeder andere zugeneigt sei. Qian Zhongshu beschimpft Lu Bolin als übelsten Parteigänger japanischer Großmachtinteressen, sein Geschreibsel sei humorlos. Weiter wirft er Lu Bolin Geschmacksverirrung in Bezug auf japanische Kulturgüter und Speisen vor.
    1947 wurde Zhou in Nanking der Prozeß gemacht. Während des Prozesses wirkte Zhou nicht resignierend, sondern kämpferisch, als sei er von seiner Unschuld überzeugt. Einer seiner stärksten Verteidiger war Hu Shi, der ihn als "loyalen Minister" bezeichnete und darauf hinwies, daß Zhou Zuoren alle seine Kräfte dafür eingesetzt habe, das Gebiet der Beiping-Universität in der Zeit der Belagerung vor Verwüstung zu bewahren. Auch Zhou selbst sah sich als Patriot und Untergrundkämpfer für China. Er glaubte, zu Unrecht eingekerkert worden zu sein, wie er in Anspielung auf das vergleichbare Schicksal Su Shis 苏轼 erklärte: 

Das Bild der Pflaumenblüte können alle sehen, Aber der Geist, der den Pinsel führte, ist schwierig zu verstehen. Genau wie im "Gedicht am Schwarzen Turm", Als Su Shis Betragen ungewöhnlich war.

    Obwohl auf Landesverrat die Todesstrafe stand, wurde als mildernder Umstand anerkannt, daß Zhou "Wohltaten für das Volk während der feindlichen Besetzung" geleistet habe, und er wurde unter der Guomindang-Regierung als "Kriegsverbrecher" zu 14 Jahren Haft verurteilt.mcclviii Zhou ging in die Berufung und erhielt eine Reduzierung der Strafdauer um vier auf zehn Jahre.mcclix Selbst nach seiner Verurteilung ging die Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller weiter. Positive Würdigungen Zhou Zuorens erschienen 1948 mit "Mehr über Zhou Zuoren"mcclx und "Treffen mit Zhou Zuoren im Gefängnis Nanking",mcclxi in dem Huang Shang über ein Interview berichtet, das er mit Zhou Zuoren in der Haftanstalt führte. 1965 veröffentlichte eine Hongkonger Zeitschrift den Bericht "Zhou Zuoren und Guan Yixian entkommen glücklich der Todesstrafe".mcclxii
    Als sich 1949 abzeichnete, daß die Kommunisten aus dem Norden kommend Shanghai bald einnehmen würden, wurde Zhou Zuoren in einer Generalamnestie von den Guomindang-Herrschern begnadigt. Er kehrte in die ehemalige und neue Hauptstadt zurück, die nun wieder Peking hieß. Dort mußte er schreiben, um seine Familie zu ernähren, behielt aber seit Maos Etikettierung von 1942 in Yan'an das Stigma des "Sklavenliteraten". Kollegen und Literaturwissenschaftler ignorierten in ihren Werken auch seine vorherigen literarischen Leistungen aufgrund seiner Kollaboration während der japanischen Besatzung.mcclxiii In der neugegründeten Volksrepublik war kein unabhängiger Kritiker mehr denkbar. Zhou verlegte sich deshalb in seiner dritten und letzten, 18jährigen Schaffensphase auf Übersetzungen und Studien zur griechischen und japanischen Literatur und Folklore sowie auf die Dokumentation seiner Erinnerungen an seinen verstorbenen älteren Bruder (siehe unten).mcclxiv Einige seiner Briefe aus dieser Zeit wurden in Hongkonger Zeitschriften veröffentlicht. Seine späteren Essays sind faktenorientiert, in der westlichen Literaturwissenschaft wird ihnen bisweilen jeder literarische Wert aberkannt.mcclxv Nach offizieller chinesischer Lesart wird Zhou Zuoren der Vorwurf gemacht, er müsse sich in seinem Spätwerk den eigenen Vorwurf aus der Jugendzeit gefallen lassen, daß er "nur die Stubenfliege sehe und nicht den Kosmos".mcclxvi Als sich 1950 aktive japanische Übersetzer in Peking die Genehmigung für die Übersetzung von 54 Autoren und über zwanzig Zeitschriften holten, waren aus politischen Gründen weder der humoristische Lao She noch Zhou Zuoren vertreten.mcclxvii
    Zhou selbst bekannte sich zur neuen Regierung, indem er ein Vorwort über die Gefahr schrieb, die 1910 durch den späteren Vertreter der südlichen Marionettenregierung der Japaner, Wang Jingwei,mcclxviii bestand.mcclxix
    Seit 1950 übersetzte Zhou Zuoren vorwiegend griechische, aber auch japanische und russische Literatur.mcclxx Daneben widmete er sich der Dokumentation seiner Erinnerungen an seinen Bruder. 1953 veröffentlichte er eine Essaysammlung Lu Xun de gujia 鲁迅的古家mcclxxi (Das alte Heim von Lu Xun) mit Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in Shaoxing mit seinem inzwischen zum Staatsdichter gekürten älteren Bruder, 1954 folgte eine Sammlung mit Hintergrundinformationen zu den Lu Xun xiaoshuo li de renwu 鲁迅小说理的人物mcclxxii (Figuren in den Erzählungen Lu Xuns) und 1957 die Sammlung Lu Xun de qingnian shidai 鲁迅的青年时代mcclxxiii (Die Jugend von Lu Xun). Seit 1959 publizierte er in Hongkong wieder Essays, in denen er auf seine Arbeit und sein Leben zurückblickte: Guoqu de gongzuo 过去的工作mcclxxiv (Vergangene Arbeit). Oben erwähnt waren bereits Zhi Tang yiwu wenbian 知堂乙酉 文编mcclxxv (Zhou Zuorens Schriften aus dem Jahr 1945), die erst jetzt, 1961, erscheinen konnten.
    Zhou Zuoren prägte Essayisten wie Wu Han 吴晗 (1909 - 1969) und Deng Tuo 邓拓, die 1961 mit "aquarellistischen"mcclxxvi Tönen subtil die zeitgenössische Ordnung und ihre Dogmen untergruben. Deng Tuo 邓拓 polemisierte in seinen 153 Essays unter dem Titel Yanshan yehua 燕山夜话mcclxxvii (Abendgespräche am Yanshan) zwischen März 1961 und September 1962 gegen Großmäuligkeit, Literaturproduktion am Fließband, 'Blindheit' und Humorlosigkeit. Dabei verspottete er Maos verfehlte Politik des 'Großen Sprungs nach vorn' mit dem Gleichnis eines Bauern, der seiner Frau vorschwärmt, daß er aus einem Ei durch Tausch und Investition Reichtum erschaffen könne, mit dem er sich Konkubinen leisten wolle, worauf die Frau das Ei zerschlägt. 31 dieser Essays liegen in deutscher Übersetzung mit einer Einführung vor.mcclxxviii
    1961 wurde Zhou Zuoren mit dem Artikel "Zu Zhou Zuoren" auch in einer Zeitschrift in Taipeh gewürdigt.mcclxxix 1962 erschien letztmalig vor Ende der 1980er Jahre eine Essaysammlung mit bislang unpublizierten gedruckten Skripten des Autors in der VR China: Mupian ji 木片集mcclxxx (Sägemehl. Sammlung). 1962 starb seine Ehefrau in Peking. In den 1960er Jahren erlebten seine Essaysammlungen Nachdrucke in Hongkong sowie Übersetzungen ins Japanische.mcclxxxi In Japan war die Auseinandersetzung mit Zhou Zuoren rege,mcclxxxii auch Liang Shiqiu in Taiwan nahm Zhou Zuoren in seine Monographie Die '4.-Mai-Bewegung' und die Literatur auf.mcclxxxiii Als die 'Kulturrevolution' begann, hatte er seit seiner Entlassung elf Werke geschrieben und weitere sechs vorbereitet.
    1965 erschienen "Einige vermischte Notizen über Zhou Zuorens Lehre und Werke" in einer Hongkonger Zeitschrift.mcclxxxiv In Taipeh erschien im selben Jahr ein spöttischer Artikel über die Brüder Zhou Zuoren und Lu Xun In Gedenken an die Zhou-Brüder.mcclxxxv
    1967mcclxxxvi starb Zhou Zuoren in Peking. Ein Nachruf findet sich in der Hongkonger Zeitung Dahua.mcclxxxvii
    Zhou galt in der Volksrepublik und Taiwan als "Unperson". Doch tat das seinem Bekanntheitsgrad wenig Abbruch: "Die radikalen Veränderungen der letzten paar Jahrzehnte haben das generelle öffentliche Interesse an Zhous Essays nur wenig geschwächt."mcclxxxviii Die Gründe mögen im flüssigen Stil, in den humanistischen Gedanken und darin liegen, daß seine Essays eine grüßere Überzeitlichkeit aufweisen als die vieler zeitgenössischer Schriftsteller. Die Zunahme der Sekundärliteratur in den 1990er Jahrenmcclxxxix und die gleichbleibend hohe Präsenz seiner Texte in den Essaysammlungen zeigen, daß über eine Neubewertung von Zhou Zuoren nachzudenken ist.
    Nach seinem Tod erschienen einige Sammlungen, die bislang unveröffentlichte Texte enthielten, allerdings bis Ende der 1980er Jahre nur in Hongkong: 1970 Zhi Tang huixiang lu 知堂回想录mccxc (Aufzeichnung der Erinnerungen von Zhi Tang), 1988 Zhi Tang jiwai wen: Yi bao suibi 知堂集外文:亦报随笔mccxci (Außerhalb der Sammlungen: Lockere Essays von Yi Bao) sowie zahlreiche Sammlungen mit Briefen und eine mit Gedichten.
    Die Werke von Zhou Zuoren seien im Gegensatz zu denen seines bekannteren Bruders Lu Xun in Taiwan und der VR Ch bis Mitte der 1980er Jahre unterdrückt worden, heißt es 1986 in der "Anmerkung des Übersetzers" von Pollard.mccxcii "Er bleibt aber einer der kreativsten und profiliertesten Essaysten in der Geschichte der modernen chinesischen Literatur."mccxciii 
    Die hier vorgelegte Untersuchung zu Zhou Zuoren räumt mit der Abwertung aus ideologischen, literaturwissenschaftlich aber irrelevanten Gründen auf und weist Zhou Zuoren den Platz eines herausragenden Schriftstellers der Republikzeit zu, der ihm nach literaturwissenschaftlichen Kriterien auch zusteht.
    Zhou Zuoren erscheint nun, nachdem er auf seinem Lebensweg vom Vorreiter des meiwen 美文 (schöngeistiger Essay) zum erbitterten Gegner der ideologisch gefärbten Literatur wurde und seit Ende der 1920er Jahre bewußt unpolitisch schrieb, als einer der wenigen Verfechter eines unabhängigen, humanistisch geprägten Schriftstellertums, das Literatur als individuellen Ausdruck des Verfassers sah und sich nichts in die Feder diktieren lassen mochte. Daß Zhou Zuoren sich nach Gründung der Volksrepublik nicht kritischer zur opportunistischen Literatur äußerte und das Land nicht verließ, lag an den besonderen Umständen seiner politischen Rolle in der Zeit der japanischen Besetzung und der daraus resultierenden Ächtung durch Mao Zedong 1942.
    Nachdem Lu Xun als pessimistischer, gesellschaftskritischer Essayist vorgestellt wurde, der Ende der 1920er Jahre zum 'mainstream' wechselte und einer der Führer desselben wurde, erscheint Zhou Zuoren als Vertreter der ebenfalls pessimistisch denkenden Gruppe von Schriftstellern, die die falsche Richtung des 'mainstreams' zu erkennen glaubten, aber statt Kritik nur mit unpolitischen Themen reagieren konnten. Im folgenden soll nach einem kurzen Exkurs zu weiteren relevanten Essayisten Zhu Ziqing untersucht werden.

Guo Moruo, Mao Dun, Qu Qiubai, Ye Shengtao, Lin Yutang

    Die Besonderheiten dieser fünf Essayisten, die in der Reihenfolge ihrer Bedeutung genannt werden, lassen sich im Lexikon des chinesischen Essays auf der jeweils in der Fußnote angegebenen Seite und im Biographischen Lexikon der Republik Chinamccxciv nachlesen. Diese Gruppe von Autoren wurde Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden und erlebte den Untergang der Qing-Dynastie sowie die Wirren der Bürgerkriegs- und Republikzeit mit: 
    Guo Moruo 郭沫若mccxcv (1892 - 1978), der mit Mao Dun auf Platz 11 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 15 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ), schrieb neben seinen Essays Romane, Dramen, Literaturkritiken und als einer der ersten Gedichte in Umgangssprache (Nüshen 女神 (Die Göttinnen), 1921). In seine Essays brachte er seine Erfahrungen als Historiker, Archäologe und Wissenschaftler ein. Nach dem Studium in Japan gründete er mit anderen die 'Schöpfungsgesellschaft' und wurde 1924 Marxist. 1931 erschien seine Sammlung Vermischte Aufzeichnungen im Gebirge,mccxcvi deren Titel eine Referenz an die gleichbetitelten Sammlungen von Bing Xin und Zheng Zhenduo darstellt, mit 19 Essays in drei Abschnitten, die in den 1990er Jahren nachgedruckt wurde. Während des Krieges hatte er wichtige Propagandaposten inne. Nach 1949 war er bedeutender Kader in der Kulturbürokratie, Direktor der Akademie der Wissenschaften, Präsident des Allchinesischen Literatur- und Kunstverbandes. Er übersetzte Goethe, unter anderem die Briefe des jungen Werther, und Upton Sinclair. Zu der obengenannten Gruppe gehört auch Zhu Ziqing 朱自清 (1898 - 1948), der auf S.  ff. ausführlicher beschrieben ist. 
    Anzuführen ist Ye Shengtao 叶圣陶mccxcvii (urspr. Ye Shaojun 叶绍钧, 1894 - 1988), der den Antihelden in einfacher und reservierter Sprache, allerdings mit emotionalem Unterton beschrieb. Er steht auf Platz 21 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 33 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ). Er verfaßte Landschaftsbeschreibungen und lyrische Essays. Daneben spielten bei ihm Szenen aus seinem Dasein als Lehrer an Grund-, Mittel- und Hochschulen eine Rolle. Bekannt sind auch seine Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitbegründer der 'Literarischen Studiengesellschaft'. Er setzte sich für die Armen und Unterdrückten ein und kämpfte gegen Ignoranz und das anachronistische Wertesystem. 1993 erschien seine Sammlung Ein Schreibzimmer, in das man immer gerne gehtmccxcviii in einem Nachdruck. Sie enthält 37 Essays, darunter ein Vorwort des Autors, das auf Dezember 1935 datiert ist. Im Bandverzeichnis der Reihe ist diese Sammlung unter dem ursprünglichen Namen des Autors Ye Shaojun aufgeführt.
    Zur genannten Gruppe zählt auch der in Englisch und Chinesisch publizierende Lin Yutang 林语堂mccxcix (1895 - 1976), der auf Platz 6 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 8 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ) und zu dem drei deutschsprachige Studien von 1989 vorliegen.mccc Er wuchs in Shanghai auf, unterrichtete an der Qinghua- und Peking-Universität, arbeitete wissenschaftlich in Harvard und Leipzig, wo er einen Doktorgrad erwarb. Zwischen 1937 und 1954 hielt er sich in den Vereinigten Staaten auf, dann war er Kanzler der Nanyang 南洋-Universität Singapur. Seine letzten Jahre verbrachte er in Hongkong und Taiwan.
    Lin Yutang kritisierte Altes und forderte eine literarische Revolution. Er war Geistesgenosse Zhou Zuorens als Anhänger der 'gongan-Schule'.mccci Lin Yutang war Vertreter des Gelegenheitsessays, wollte seine Dichterpersönlichkeit im Essay "mit dem Ich als Mittelpunkt und der Muße als Grundton"mcccii ausdrücken. Zum Bedauern Lu Xuns war er nicht für politische Ziele zu begeistern. Er hatte in Amerika und Deutschland studiert, seit den 1930er Jahre lebte er in den Vereinigten Staaten. Im Westen war er wegen seiner Beschreibungen der chinesischen Geisteswelt bekannt. Zwischen 1924 und 1930 schrieb Lin für die Zeitschrift Yu si 语丝 (Wortfäden), später gab er seine eigene Humor-Zeitschrift Lunyu 论语 (Analekte, 1932 - 1937) heraus. Lin schrieb auch Essays gegen die moderne Umgangssprache, ihr mangle es an Effizienz und Eleganz. In englischen Publikationen stellte er die traditionelle chinesische Kultur vor.
    55 Essays erschienen 1947 in der 1993 neuaufgelegten Literatursammlung des Youbuwei-Studios.mccciii Deutlich zeigen die Essays mit Alltagsthemen oder Lokalkolorit, daß Lin Yutang sich nicht ideologisch vereinnahmen ließ, sondern für Kulturaustausch einsetzte: In The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature sind folgende zwei Essays aus dem Zeitraum bis 1949 aufgenommen: "Als es an mir war, mit dem Rauchen aufzuhören"mccciv, "Die Mönche von Hangzhou"mcccv sowie folgende zwei Essays für den Zeitraum nach 1949: "Über das Einkaufen"mcccvi und "Über die Schönheit nackter Füße"mcccvii.
    1994 gab Yi Shi 伊莳 eine Auslese von Lin Yutangs Essaysmcccviii mit 38 Essays zu folgenden Themen heraus: "Ausland", "Kultur", "Schriftstellerkollegen", "Frauen", "Interessantes aus dem Alltag", "humoristisches Leben", "Beurteilung von Phänomenen". Die Sammlung erreichte eine Auflage von 20.000 Exemplaren.
    Lin war Kulturvermittler zwischen der westlichen und der chinesischen Gedankenwelt. Er suchte seine westlich orientierte "expressionistische" Literaturvorstellung in der 'gongan'-Nebentradition des "wen yi yan zhi "* zu begründen.
    Zu nennen ist Mao Dun 茅盾mcccix (Shen Yanbing 沈雁冰, 1896 - 1981), der mit dem Roman Chuncan 春蚕 (Seidenraupen im Frühling) den Niedergang der ländlichen Wirtschaft in Konkurrenz zu ausländischen Importen darstellte und einer der berühmtesten Vertreter der Republikautoren ist. Er war Übersetzer, Literaturtheoretiker, Historiker, bedeutender chinesischer Erzähler, Mitbegründer der 'Literarischen Studiengesellschaft' und einer der bedeutendsten Literaturkritiker der '4.-Mai-Bewegung'. Er bot den chinesischen Lesern ein breites Spektrum westlicher Literatur und -theorie dar, darunter Realismus und Naturalismus. 
    Nach seiner Ernennung zum Kulturminister (1949 - 1965) und der Ausübung verschiedener Ämter in der Bürokratie sind von ihm nach 1949 nur noch kurze Literaturrezensionen, Reden und Berichte erhalten. Er steht mit Guo Moruo auf Platz 11 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 15 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    In die Sammlung Modern Chinese Literary Thoughtmcccx sind drei frühe Essays zum Thema Literatur und die Verwendung traditioneller Formen in englischer Übersetzung aufgenommen.
    1993 erschien ein Nachdruck seiner 19 Essays umfassenden Sammlung Vermischte Aufzeichnungen von Gehörtem.mcccxi 1995 erschien in der Reihe Ershi shiji Zhongguo wenhua mingren wenku 二十世纪中国文化名人文库 (Schatz chinesischer Kulturgrüßen des 20. Jahrhunderts) eine vierbändige Sammlung von Jia Ting 贾亭, Ji En 纪恩: Die Essays von Mao Dun mit einer Auflage von 10.100 Exemplaren, deren Band 1mcccxii 65 Essays zu den Themen "xiaopin", "Dörfliches", "Shanghaier Alltag", "Kriegszeiten" und "Autobiographisches" versammelt. Band 2mcccxiii umfaßt 218 Essays zu den Themen "Reiseberichte", "Zu Lu Xun", "Vermischtes", "Korrespondenz", der Band 3mcccxiv 62 Essays zu den Themen "Schaffenserfahrung", "Literaturtheorie", "Rezensionen" und Band 4mcccxv 75 Essays zu den Themen "Gefühle zu Mitmenschen", "Über Autoren", "Vor- und Nachworte", "Literaturschatz".
    Zu dieser Autorengruppe zählt weiterhin Qu Qiubai 瞿秋白 (1899 - 1935), dessen zwei Essays "Freiheit für Literatur aber nicht für die Autoren" und "Die Frage nach volkstümlicher Literatur und Kunst" in englischer Übersetzung in die Sammlung Modern Chinese Literary Thoughtmcccxvi aufgenommen wurden. Qu war einer der ersten marxistischen Literaturkritiker in China. Er griff die Autoren der '4.-Mai-Bewegung' für ihre egalitäre Verwendung westlichen Stils an, den er yang baguwen 洋八股文 (ausländischer achtfüßiger Essay) nannte. Früh forderte er, daß die Literatur den Massen zugänglich werden müsse. Er übersetzte insbesondere Schriften zur marxistischen Literaturtheorie aus dem Russischen. Qu wurde 1927 Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, aber im selben Jahr wieder von diesem Amt entfernt, da er unter anderem mit für das Zusammenbrechen der Kommunistischen Partei nach dem Guomindang-Coup im April 1927 verantwortlich gemacht wurde. Er war zu krank, um mit seinen Genossen auf dem Langen Marsch zu fliehen, wurde verhaftet und 1935 von der Guomindang hingerichtet.
    Zu dieser Gruppe gehören auch Lao She 老舍mcccxvii (1899 - 1966, vgl. ausführlich S.  ff.) und Yu Dafumcccxviii (vgl. ausführlich S.  ff.).

4.3 Erzählende Essays nach englischem Vorbild - Zhu Ziqing 朱自清 (1898 - 1948) 最 发 达 的 要 算 是 小 品 散文。[…]小品散文,于是乎极一时之盛。mcccxix Als grüßte [Gattung, M.W.] hat der Essay zu gelten. […] Er war für eine kurze Zeit gewissermaßen auf dem Gipfel der Popularität.

    Von Zhu Ziqing sind vier unpolitische und sehr repräsentative Essays in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature aufgenommen: "Die Rückenansicht"mcccxx steht im Durchschnitt der statistischen Auswertung (siehe S. 151 ff.) auf Platz eins, "Mondschein auf dem Lotosteich"mcccxxi auf Platz zwei, "Hastig"mcccxxii auf Platz vier, "Frühling"mcccxxiii auf Platz sechs. Die sonst zuverlässige Columbia Anthology behauptet irrtümlich, Zhu Ziqing habe 1931 bis 1932 in London studiert, tatsächlich war es 1930 bis Mai 1931, danach bereiste er Europa.mcccxxiv Zhu Ziqing steht auf Platz 2 der Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ).
    Das 28jährige essayistische Schaffen Zhu Ziqings ist in Form der Werkauswahlmcccxxv und anhand zweier Chronikenmcccxxvi gut zugänglich. Zu Zhu Ziqing liegt eine umfassende englischsprachige Studie vor.mcccxxvii Aufgrund seiner ideologischen Unabhängigkeit ist er auch einer der wenigen, die schon früh in Taiwan erforscht wurden.mcccxxviii
    Zhu Ziqing 朱自清mcccxxix (Zhu Zihua 朱自华mcccxxx, 1898 - 1948) wurde am 22.11.1898 in Haizhou 海州, Präfektur Donghai 东海, Provinz Shandong 山东 geboren. Seine Familie stellte schon seit Generationen Beamte der Präfektur Donghai. In seiner Kindheit erhielt er eine klassische Ausbildung.mcccxxxi Informationen über diese Zeit sind seinem Essay "Wo shi Yangzhouren 我是扬州人"mcccxxxii (Ich komme aus Yangzhou) zu entnehmen. 1916 verließ Zhu Yangzhou 扬州, um sich in Peking auf die Aufnahmeprüfung für die Peking-Universität vorzubereiten. In den Winterferien kam er zurück und heiratete Wu Zhongqian 武锺谦, die er im Februar 1917 zunächst in Yangzhou zurückließ, um sie dann im Sommer 1917 für zwei Monate zu besuchen. Bereits nach den ersten Qualifikationen nahm er an Veranstaltungen der Abteilung für Philosophie teil, dies wurde später sein Hauptfach.mcccxxxiii
    Im Winter 1917 war Zhu Ziqing nach der gemeinsamen Teilnahme an der Beerdigung von Zhus Großmutter in Yangzhou. Dabei traf er auch seinen Vater, der in einer anderen Stadt wohnte. Auf dem Rückweg nahmen sie im Bahnhof voneinander Abschied.mcccxxxiv Der 19jährige bemerkte zum einen, daß sein Vater an ihm hing, zum anderen, daß der Vater für ihn keine Autorität darstelle, da er bereits sein eigenes Leben führe. Dieses Erlebnis hält Zhu Ziqing der in dem Essay "Beiying 背影"mcccxxxv (Die Rückenansicht) fest, der der am häufigsten abgedruckte Essay der Moderne wurde.mcccxxxvi Er ist in Form eines Rückblicks geschrieben, aus einer Erzählperspektive, die bewußt zwischen erzählendem und erzähltem Ich differenziert. 

Außerdem war ich alt genug, um mich um mich selbst zu kümmern. Heute denke ich bei mir, wie eingebildet ich damals doch immer war!mcccxxxvii

    Die Sprache ist sehr gewöhnlich und trotzdem ergreifend. Die veränderten Familienverhältnisse werden Zhu Ziqing plötzlich deutlich, als er seinen Vater von hinten sieht: Einmal, als dieser für ihn Orangen von einem Bahnsteig kauft, und das zweite Mal, als dieser geht. Aus dieser einfach und kurz beschriebenen Alltagsszene ist dennoch die tiefe Liebe zwischen Vater und Sohn herauszulesen. In der Volksrepublik heißt es zum Stil, er sei grob, "als habe er Holz geschnitzt". Zhu vollbringe es aber, "literarisch und qualitativ zu schreiben", der ganze Essay überzeuge "durch seine ehrlichen Gefühle".mcccxxxviii
    Die große Wirkung des Essays ist mit dem hier zum Ausdruck gebrachten, im Volk tief verwurzelten moralischen Wert der xiao 孝 (Kindespietät) zu erklären.
    Im Januar 1919 gründete Zhu mit anderen Kommilitonen die Zeitschrift Xin chao 新朝 (Neue Trends), in der schon früh Literatur in moderner Umgangssprache publiziert wurde. Er selbst verfaßte darin seinen ersten Essay "Xinlixue de fanwei 心理学的范围" (Die Sphäre der Psychologie).mcccxxxix
    Seit Ende 1919 bis 1923 schrieb er wenige, aber sehr gehaltvolle Gedichte im neuen Stilmcccxl und galt bald mit seinem typischen Stil als einer der Dichter der '4.-Mai-Bewegung', an der er mit patriotischer Haltung teilnahm. Er wurde frühzeitig Mitglied der 'Literarischen Studiengesellschaft' und weiterer Vereinigungen. Er arbeitete für die Zeitschrift der 'Neuen Literaturbewegung' Shi 诗 (Lyrik), engagierte sich in Studentenvereinigungen und setzte sich für die Form des Neuen Gedichts ein. 1920 veröffentlichte er zwei Gedichte und die Übersetzung einer deutschen Kindergeschichte in Xuesheng zhoukan 学生周刊 (Studentische Wochenzeitschrift).mcccxli Im Mai 1920 schloß Zhu sein Studium der Philosophie ab. Anschließend nahm er verschiedene Lehrtätigkeiten in Zhejiang und Jiangsu wahr. Auskunft über seine Kindheit gibt der autobiographische Essay "Dongtian 冬天"mcccxlii (Winter). Im Sommer brachte er seine Frau mit einem neugeborenen Kind nach Yangzhou. Gleichzeitig mit ihm und an derselben Schule nahm Yu Pingbo 俞平伯 (geb. 1900) seinen Unterricht auf. Die beiden lernten sich schnell kennen und schätzen. Allerdings blieb Yu an dieser Schule nur sechs Monate, Zhu ein Jahr. 1921 zog die Familie nach Yangzhou, wo er eine kurze Zeit unterrichtete, sich jedoch mit dem Schulleiter nicht gut verstand.mcccxliii Aus diesem Grund wechselte Zhu Ziqing wiederum den Wohnort, diesmal ging er nach Wusong 吴淞 (Jiangsu), wo er wieder unterrichtete. Dort lernte er Ye Shengtao 叶圣 陶 kennen, mit dem ihn progressive Lehrmethoden verbanden. 
    Das freundschaftliche Verhältnis zu Ye Shengtao schildert Zhu später im Essay "Ye Shengtao, so wie ich ihn sah".mcccxliv Darin beschreibt er den Autor mit allen seinen Fehlern und exzentrischen Vorlieben, allerdings auch mit seinen guten Seiten und liebenswerten Qualitäten.
    Als sie mit ihren modernen Lehrmethoden auf Widerstand stießen, verließen Zhu und Ye ihre Schule gemeinsam in Richtung Shanghai. Zhu kehrte als Lehrer nach Hangzhou zurück. Ye kam ebenfalls dorthin, unterrichtete aber nur zwei Monate. Im Januar 1922 riefen die beiden mit Yu Pingbo (alle Mitglieder der 'Literarischen Studiengesellschaft') die Zeitschrift Poesie ins Leben,mcccxlv die jedoch nur ein paar Monate Bestand hatte. Dort veröffentlichten sie moderne Gedichte, auch eigene. Im Juni 1922 veröffentlichte Zhu mit den beiden anderen und sechs weiteren Autoren, darunter Zhou Zuoren, 19 seiner Gedichte erstmals in Buchform: Xue chao 雪潮 (Verschneiter Morgen).mcccxlvi Von September 1922 bis Februar 1923 unterrichtete er in Taizhou 台州, danach in Wenzhou 温州.mcccxlvii Im Dezember 1922 beendete Zhu das lange Gedicht "Huimie 毁灭" (Destruktion), veröffentlicht im März 1923,mcccxlviii das als "eines der besten Werke moderner chinesischer Literatur"mcccxlix gilt. Zhu verleiht in beinahe 300 Versen seinem Frust und seiner Verbitterung über das Leben Ausdruck.mcccl Aus vielen seiner Gedichte spricht laut einer Lesart aus der VR Ch eine anti-monarchistische und feudalistische Haltung.mcccli
    Im März 1923 beendete Zhu seine erste Erzählung:  "Xiao de lishi 笑的历史"mccclii (Geschichte des Lachens), in der er die Einsamkeit und Geduld seiner Frau während des Studiums in Peking beschrieb.mcccliii So festigte er seinen Ruf als Schriftsteller weiter.mcccliv Seit 1923 schrieb Zhu Ziqing auch Essays, die erstmals 1924 in der Sammlung Zongji 踪迹mccclv (Spuren) mit Gedichten veröffentlicht wurden.mccclvi Zhu Ziqing wurde gleich mit zwei seiner ersten darin enthaltenen Essays auch als Essayist bekannt: Im ersten, "Yue menglong, niao menglong, lian juan hai tang hua" 月朦胧,鸟朦胧,帘卷海棠花 (Der Mond ist verschwommen, der Vogel zeichnet sich verwaschen ab, die Vorhangrolle verschleiert die wilden Apfelblüten)mccclvii beschreibt er eine ruhige Abendszenerie, die von den Elementen Mond, Vogel, Vorhangrolle und Apfelblüten bestimmt wird. Die Beschreibung wirkt so realistisch wie ein Gemälde. Im zweiten Essay "Congcong 匆匆"mccclviii (Hastig) formuliert er die Erkenntnis, daß das Menschenleben zeitlich sehr begrenzt und stets von der Vergänglichkeit begleitet ist. Die besondere Stärke dieses Essays liegt in einer sehr rationalen Sichtweise des Menschenlebens.
    Weitere Beispiele aus dieser Sammlung sind folgende drei Texte: Zunächst beschreibt er im Essay "Neben dem Weißwasserfall"mccclix das Naturschauspiel und die starken Gefühle, die der Wasserfall beim ihm auslöste. Darüber kommt er zu philosophischen Einsichten über das menschliche Leben. Die Gefühle werden überzeugend vermittelt. Im zweiten Essay, "Frühling",mccclx beschreibt Zhu Ziqing Naturerscheinungen zu Frühlingsanfang. Der Stil ist sehr gelöst, die Leser können sich einfühlen. Im Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysenmccclxi wird die Stimmung mit derjenigen in Beethovens "Freude schöner Götterfunken" verglichen. Im dritten Essay, "Grün",mccclxii beschreibt Zhu Ziqing die Farbe des tiefen Teiches Meiyu, in den ein Wasserfall münde. Sein Grün unterscheide sich von anderen Grün-Schattierungen an bekannten Orten. Er vergleicht die Bewegung dieses Wassers mit der eines Hochzeitskleids und mit der Bewegung des Herzens einer Jungfrau. Die Besonderheit dieses Essays ist die Übereinstimmung von Natur und Gefühl.
    Schon bald galt Zhu Ziqing als einer der besten Essayisten in Umgangssprache:mccclxiii "Wenn man über die Perfektion des Stils bei rein umgangssprachlichen Texten spricht, so muß als erster Zhu Ziqing genannt werden".mccclxiv  Yu Dafu bezeichnete ihn als einen der besten Essayisten.mccclxv Zhu Ziqing hörte mit dem Gedichteschreiben auf und wurde Essayist und Kurzgeschichtenautor. 
    Im Juli 1924 zog er nach Ningbo 宁波 und schrieb im Sommer Haixing zaji 海 行杂记mccclxvi (Vermischte Aufzeichnungen einer Seereise), einen Reisebericht über eine Schiffspassage von Tianjin nach Ningbo, in dem es um das rüde Benehmen und den schlechten Service an Bord des Schiffes geht. Im ersten Teil des Essays beklagt sich Zhu Ziqing, daß das Schiff eine abgetrennte Sektion für Europäer habe, zu denen Chinesen der Zutritt verweigert war. Dies wurde als "anti-imperialistische" Haltung Zhus gedeutet.mccclxvii Tatsächlich findet sich nur wenig politische Bewertung bei Zhu Ziqing. Wie Lu Xun und Zhou Zuoren schrieb auch Zhu Ziqing einen Essay über das Massaker von 18. März 1926: "Zhizhengfu da tusha ji 执政府大屠杀记" (Bericht über das Regierungsmassakermccclxviii), wobei er als einer der Mitdemonstranten persönlich betroffen war.mccclxix
    Einer der wenigen Essays mit politischer Aussage ist der "Bericht über das Regierungsmassaker".mccclxx Wie Lu Xun und Zhou Zuoren reagierte auch Zhu Ziqing auf dieses Ereignis. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen distanzierte er sich jedoch nicht durch Zynismus, Ironie oder Humor. Er erhob lediglich Anklage und sagte richtig voraus, daß sich eine solche Regierung nicht lange werde halten können.
    Abgesehen von Essays wie diesem ist Zhu Ziqing ein Autor, der sich in seinen Werken nicht politisch äußert. Und selbst er wurde von den Marxisten postum in ihre ideologische Nähe gerückt: Der marxistische Kritiker Feng Xuefeng 冯雪峰mccclxxi (1903 - 1976) meint, Zhu hätte sich "nur ein bißchen mehr für Gesellschaft und Kunst interessieren" müssen, und er wäre "ein Marxist geworden".mccclxxii Selbst westliche Forscher werteten Zhu Ziqings Essays aus marxistischer Sicht: Ihm habe "die ideologische Leidenschaft" eines Mao Dun gefehlt und "die Fähigkeit, revolutionäre neue Theorien eines Autors und Gelehrten wie Guo Moruo zu produzieren".mccclxxiii Der unabhängige Kritiker Feng Zhi 冯至 (geb. 1905) lobte stattdessen seine Objektivität.mccclxxiv
    Ein gemeinsamer Ausflug auf den Qinhuai-Flußmccclxxv mit Yu Pingbo veranlaßte die Autoren, je einen gleichbetitelten Essay darüber zu schreiben: "Zum Klang der Ruderschläge und beim Schein der Lampions auf dem Qinhuai-Fluß".mccclxxvi Zhus Version ist auf den 10. März 1911 in Wenzhou datiert, tatsächlich wurde der Essay erst am 11. Oktober 1923 fertig.mccclxxvii Der Qinhuai-Fluß verläuft südlich von Nanking. Dieser Essay von Zhu Ziqing "erfreut sich in China ungemeiner Popularität"mccclxxviii obwohl er etwas umständlich wirkt, sich wiederholt und kleine Ungereimtheiten aufweist.mccclxxix Er wird als "vielleicht das herausragendste Werk seiner szenischen Essays" hervorgehoben.mccclxxx "Obwohl er bereits zuvor verschiedene Essays in Zeitschriften veröffentlicht hatte und dieses Buch nur einige Essays enthielt, wurde […dieser Essay, M.W.] als Meisterwerk der Essayistik und Musterbeispiel für belles lettres in baihua gelobt."mccclxxxi
    Ein Charakteristikum seiner Essays ist die scheinbar objektive Schreibhaltung: Mit der in den meisten Essays zu findenden scheinbar unabhängigen, auktorialen Erzählhaltung erinnert Zhu Ziqing an T.S. Eliot.
    1925 wurde Zhu Ziqing Professor für chinesische Literatur an der Qinghua Universität. Seit diesem Jahr verlagerte sich sein Schaffensschwerpunkt völlig auf die Essays. Diese Essays zeichneten sich in der Schule Zhou Zuorens durch ihre Schlichtheit und Natürlichkeit aus. Zhu Ziqing schrieb mehr und mehr, sein anklagender Ton wandelte sich zu einem lyrischen Mitgefühl für das Leid des unterdrückten Teils der Bevölkerung, zu demokratischen und humanistischen Gedanken.mccclxxxii Zwei beschreibende Essays aus diesem Zeitraum sollen kurz genannt werden: In "Wenzhou Impressionen"mccclxxxiii beschreibt Zhu Ziqing zunächst gefühlvoll die Stadt, anschließend geht er abrupt zur Beschreibung der Bewohner über. "Bootkultur"mccclxxxiv ist eine satirische Allegorie der alten Gesellschaft, die Zhu in der Form eines einfachen Bootes verkörpert, das trotz seiner Einfachheit in zwei Sitzklassen unterteilt ist.
    Im Februar 1928 erklärte er, daß er weder Revolutionär noch Konterrevolutionär sei, vielmehr ein Bürgerlicher, der nur hoffe, seine literarischen und pädagogischen Aktivitäten in Ruhe und Frieden weiterführen zu können.mccclxxxv Diese Haltung hatte bis zum Ausbruch des Widerstandskrieges gegen Japan Gültigkeit. Von 1927 bis 1929 lebte Zhu in einer ersten sicheren Phase seit seiner Heirat in Peking. Im Oktober 1928 wurde sein zweites Buch, Beiying 背影 (Die Rückenansicht)mccclxxxvi veröffentlicht. Es enthielt 19 Essays, darunter ein Vorwort. Es war seine erste reine Essaysammlung, aus der zwei Texte Berühmtheit erlangten. Zum einen ist in der Sammlung der gleichnamige Essay aufgenommen, der oben bereits erläutert wurde.mccclxxxvii Die bedrückte Stimmung 1928 schlägt sich im zweiten in der Sammlung enthaltenen und hervorzuhebenden Essay nieder: Bei "Hetang yuese 荷塘月色"mccclxxxviii (Der Mondschein auf dem Lotosteich) handelt es sich um einen autobiographischen lyrischen Essay, in dem er einen Spaziergang beschreibt, der ihn in einer ruhigen Nacht an einem Teich entlang führt. Zhu Ziqing beschreibt die harmonische 'Melodie', die der Mond durch sein abwechselndes Scheinen auf Blätter, Lotosblumen und Wasser wie auf ein Zupfinstrument spiele. Er schildert Licht, Schatten, Farben und Geräusche jenes Abends. Das Quaken der Frösche bringt Zhu Ziqing zu der Erkenntnis, die Gelöstheit in der Natur entpreche der sorgenvollen Menschenwelt nicht. Der Text ist einfühlsam und doch frisch geschrieben sowie künstlerisch gehaltvoll. Seine Beobachtungen wirken neuartig, der Textfluß ist gesetzt. Zhu Ziqing beschreibt den Übergang zwischen Gedankenwelt und Wahrnehmung der Realität fließend: 

Bei diesen Gedanken war ich bereits wieder vor meiner Haustür angekommen. Ich stieß sie auf und trat ein. Es war still, und meine Frau schlief schon seit langem tief.mccclxxxix

    Neben diesen zwei bekannten enthielt die Sammlung vier weitere Essays, die im folgenden kurz zusammengefaßt werden: 
    1. Zhu Ziqing dachte im Alltag in Beiping unvermittelt an Taizhou im Süden und schrieb einen langen gefühlsbetonten "Brief"mcccxc. Darin empfindet er die starken Gefühle nach, die die 'große Natur' im Menschen erwecke. Die Realität dagegen lähme den Menschen. Unter den konkreten gesellschaftspolitischen Zeitumständen sei noch nicht einmal ein einfaches, ruhiges Leben zu führen gewesen. Zhu Ziqing verwendet Alltagssprache, drückt patriotische Gefühle aus und scheint motiviert, sich für das Wohl der eigenen Landsleute einzusetzen.
    2. Zhu Ziqing erklärt im Essay "Frauen"mcccxci, erst wenn man die Persönlichkeit der Frauen, ihren Körperbau und die weibliche Eigenliebe erkenne, könne man ihre Schönheit schätzen. Zhu Ziqing drückt seine Gedanken mit Hilfe der Aussagen eines Freundes aus.
    3. In "Söhne und Töchter"mcccxcii reflektiert Zhu Ziqing Freud und Leid beim Erziehen seiner fünf Kinder. Er beschreibt alltägliche Vorkommnisse beim Essen, Abwaschen und Spielen sowie Reaktionen wie Schimpfen und Schlagen. Es handelt sich um Alltagssprache, sie ist rational und kurzweilig.
    4. Im Essay "Über Träume"mcccxciii erklärt Zhu, wie kurz das Menschenleben sei. Zähle man jedoch die Träume hinzu, verlängere es sich auf das Doppelte. Im Traum sei alles sehr frei; dies schildert Zhu als Kontrast zur damaligen Gesellschaft, mit der er unzufrieden sei.
    Am 26.11.1929 starb seine Frau an Tuberkulose und hinterließ ihm sechs kleine Kinder, die er Verwandten nach Yangzhou schickte. 1930 unterrichtete er und schrieb wenig. Während Zhu eine neue Frau kennenlernte, aber doch lieber die Trauerzeit abwarten wollte, starb am 20. Juli 1930 sein jüngster Sohn. 
    Zhu beschloß, nach Europa zu reisen. Im August 1930 ging Zhu Ziqing zu einem Forschungsaufenthalt nach England. Am 8. September 1930 kam er in London an und studierte bis Mai 1931 Linguistik und englische Literatur an der dortigen Universität. Dann bereiste er fünf europäische Länder. Diese Erlebnisse und Erfahrungen hielt er in den zwei 1934 veröffentlichten Sammlungen von Reiseimpressionen Ouyou zaji 欧游杂记mcccxciv (Vermischte Reisenotizen aus Europa) und 1943 Lundun zaji 伦敦杂记mcccxcv (Vermischte Reisenotizen über London) fest. Er verließ Wien am 7. Juli 1932.mcccxcvi
    Obwohl alle Essays in der Sammlung Vermischte Reisenotizen aus Europa über seine Reise berichteten, zeigen sie doch eine große Vielfalt in der Darstellungsweise: 1. In "Venedig" beschreibt Zhu die Stadt mit ihren Booten, dem Wasser, den Gebäuden, Kunst und Kultur. Trotz des Notizencharakters ist der Stil lyrisch und anschaulich, etwa wenn er ein Passagierboot auf dem Wasser wie einen Bus auf der Straße schildert.mcccxcvii 2. Im Essay "Holland"mcccxcviii gibt Zhu Natureindrücke des Sommeranfangs in Holland wieder, die aufgrund der Kälte auf ihn wie ein neuer Herbst wirken. Die Umgebung beschreibt Zhu Ziqing als mittelalterlich. Mit wenigen Sätzen beschreibt er sorgfältig Beobachtungen und versucht, das Wesen dieses Landes zu erfassen. 3. Im Essay "Die alte Stadt Pompeji"mcccxcix beschreibt er, daß er diese Stadt mehr griechisch als römisch empfunden habe. Er liefert eine genaue Beschreibung der nackten Statuen als Beleg für den Niedergang Roms. 4. Im Essay "Schweiz"mcd beschreibt Zhu die malerischen Landschaften, Berge und Seen, grüßtenteils aus der Perspektive des Zugfensters. 5. Im Essay "Die Vermieterin"mcdi, in der Zhu autobiographisch seine Erfahrungen während seines Aufenthalts als Lektor in London beschreibt, ist der Einfluß etwa von Christopher Morley's Essay "An Oxford Landlady" zu spüren.mcdii 6. Im satirischen Essay "Vermischte Reisenotizen"mcdiii gibt Zhu seine eigene Meinung zu den Geschehnissen nicht preis, sondern gibt sich als naiver Zuschauer. Er klagt Beamte, Privilegien und die Langweiligkeit der Intellektuellen an.
    Zhu fuhr mit dem Schiff zurück und kam am 31. Juli 1932 in Shanghai an. Am 4. August heiratete er dort Chen Zhuyin 陈竹隐. Im September wurde er Leiter der Literaturabteilung der Qinghua-Universität. Wen Yiduo wurde dort Lehrer, beide verband eine lebenslange Freundschaft.
    1933 schrieb er einen Essay "Für meine verstorbene Frau",mcdiv den er in Shanghai veröffentlichte. Er ist in der Form eines Briefes gehalten. Darin dankt er seiner verschiedenen Frau Wu Zhongqian 武锺谦 für ihre Geduld und stille Ergebenheit. Er erklärt ihr, daß es den Kindern gut gehe. Dann stellt er ihr seine neue Frau vor, die ihr Andenken ehre und die Kinder versorge. Er ergeht sich in Erinnerungen an die zwölf Jahre, die er mit seiner Frau zusammen verbracht hat. In seiner Lebensmitte habe sie ihn verlassen. Er gelangt in dem bewegend geschrieben Essay zu der Einsicht, daß das Menschenleben mit viel Kummer verbunden ist.
    1934 war Zhu Herausgeber der beiden neugegründeten Zeitschriften Wenxue jikan 文学季刊 (Literary Quarterly)mcdv und Taibai 太白 (Venus)mcdvi, beide existierten nur kurz.mcdvii 1934 wurden die oben vorgestellten Vermischten Reisenotizen aus Europa veröffentlicht. 
    1935 gab er den Shi ji 诗集 (Gedichtband) der Zhongguo xin wenxue daxi 中国新文学大系mcdviii (Große Anthologie der neuen chinesischen Literatur) heraus und schrieb das "Daoyan 导言"mcdix (Geleitwort) dazu, wodurch er seine Position als Autorität für Lyrik festigte. Im März desselben Jahres erschien seine Essaysammlung Ni wo 你我mcdx (Du und ich). Sie enthielt Gelegenheitsessays und Rezensionen über Bücher, Gedichte und Prosa. Der Titel wurde von einem darin enthaltenen Essay über Erzählperspektiven in moderner Umgangssprache übernommen. Bei diesem Essay handelte es sich um den ersten Essay über Sprache.mcdxi Die enthaltenen Essays sind nicht mehr so überzeugend wie die aus der frühen Schaffensphase, dafür aber in der verwendeten Umgangssprache natürlicher und präziser.mcdxii 
    Im Juni 1937 veröffentlichte Zhu den Essay "Shi yan zhi shuo 诗言志说" (Diskussion des Sinns in Poesie)mcdxiii, eine essayistische Abhandlung über literaturkritische Terminologiemcdxiv. 
    Am 7. Juli 1937 kamen die Japaner, wie beim Abschnitt über Zhou Zuoren geschildert (siehe S. ), nach Peking. Wie die meisten Intellektuellen verließ auch Zhu Beiping. Er folgte am 22. September der Qinghua Universität nach Changsha 长沙, wo er am 4. Oktober 1937 ankam. Dort wurde er Leiter der Chinesisch-Abteilung der provisorischen Lianhe daxue 联合大学 (Unionsuniversität), in der die drei ehemaligen Pekinger Universitäten Beida, Qinghua und Nankai zusammengefaßt waren.mcdxv Hatte sich Zhu bis dahin aus der Innenpolitik herausgehalten, obwohl er von seiner Gesinnung her dem liberalen Lager zuzurechnen war, so entschied er sich nun aus patriotischen Gründen, den Widerstand gegen die ausländischen Invasoren zu unterstützen. Er wurde Sekretär in der Nationalen antijapanischen Vereinigung der Literatur- und Kunstwelt. Beinahe sechs Monate wich Zhu Ziqing mit der Abteilung in eine Bergregion aus.mcdxvi
    Von März bis April 1938 zog die Universität weiter nach Kunming 昆明 in Yunnan um. Zhus Abteilung wurde in eine kleine Stadt in der Nähe ausgesiedelt.mcdxvii Dort begann er mit Ye Shengtao ein Buch über Lehrmethoden an chinesischen Schulen Guowen jiaoxue 国文教学mcdxviii (Chinesisch-Vermittlung), das im April 1945 erschien. Zhu und Ye betonten die Notwendigkeit der klassischen Ausbildung, favorisierten aber moderne Lehrmethoden und machten auf die Wichtigkeit der Linguistik aufmerksam.
    Im Juni stieß seine Familie zu ihm, im September zogen sie nach Kunming, im November kam die Abteilung nach. Mitte 1937 bis Mitte 1939 schrieb Zhu wenig. 1939 begann er einen Abriß über Song-Dichtung, den er nie beendete. 
    Am 7. Juli 1939 schrieb er den Essay "Dieser Tag"mcdxix, der an den Ausbruch des Krieges genau zwei Jahre zuvor erinnerte. Darin beschreibt er die positive Wirkung des Krieges: Das Volk werde zusammengeschweißt und aus seiner Lethargie wachgerüttelt.mcdxx In diesem Essay erklärte er seine Hoffnung, daß der Krieg die Stagnation und Inflexibilität der chinesischen Sozialstrukturen zerstören könne.mcdxxi Auch im Essay "Dieser Tag" drückt Zhu Ziqing die Hoffnung aus, daß der japanische Angriff die Chinesen vereinigen könne.mcdxxii
    In "Das Neue China im Blick" träumt Zhu von einer Demokratie zum Vorteil des grüßten Teils des Volkes, von Aufklärung und Ausbildungsmöglichkeiten für alle. Der Essay blieb unvollendet.mcdxxiii Während der erste politische Essay zum Massaker allein aus der Wut gegen den Machtmißbrauch eines Gewaltregimes zu erklären ist, gibt Zhu in diesem politischen Essay ein klares Statement ab, welche Gesellschaftsform er sich vorstellt. Dies sind die entscheidenden Essays, die zeigen, daß das weitgehende Fehlen von politischen Essays bei Zhu eine bewußte Entscheidung war. Das tatsächliche politische System widersprach seinen Vorstellungen. Daß er sich auf die Position des allein der Kunst verpflichteten Schriftstellers zurückzog, ist mit folgenden Fakten zu begründen: 1. durch den restriktiven Charakter des politischen Systems, 2. durch die Aussichtslosigkeit des politischen Protestes und 3. durch die künstlerische Degradierung eines Großteils der chinesischen Autoren, die ihre Literaturproduktion einstellten und stattdessen Propaganda-Gebrauchstexte verfaßten.
    In "Kulturgegenstände, alte Bücher und Schreibpinsel"mcdxxiv äußert Zhu Ziqing die Meinung, daß Relikte der alten Kultur ins Museum gehörten.
    Weil Zhu Ende 1939 krank wurde, ging er zur Erholung im Sommer 1940 für ein Jahr nach Chengdu (Sichuan), wo er Jingdian changtan 经典常谈mcdxxv (Plauderei über die Klassiker)mcdxxvi verfaßte. Dabei handelte es sich um eine Diskussion und Analyse der klassischen Prosa und Lyrik im Lichte neuer archäologischer und literaturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Weiter begann er zwei Schulbücher mit Ye Shengtao über verschiedene alte und neue Gattungen der chinesischen Literatur zu konzipieren, beendet wurden sie im Frühjahr 1941.mcdxxvii Im Oktober 1941 nahm Zhu seine Arbeit in Kunming in alter Frischemcdxxviii wieder auf. ließ aber seine Familie wegen der Bombenangriffe auf Kunming in Chengdu.Siehe McCaskey: Chu Tzuch'ing as Essayist and Critic 1965, hier S. 17.
    In der Kriegszeit 1942 behinderten finanzielle Sorgen die Literaturproduktion. 1943 schrieb Zhu einige Artikel über moderne Lyrik, die später in die Sammlungen Xinshi zahua 新诗杂话mcdxxix (Bemerkungen über die neuen Gedichte) und Lundun zaji 伦敦杂记 (Vermischte Reisenotizen über London), veröffentlicht 1943, Eingang finden sollten. Im Juli 1944 starb seine zweite Tochter aus der ersten Ehe. Trotz dieser Belastung beendete er Kurz nach seiner Rückkehr nach Kunming beendete er im Oktober die Bemerkungen über die neuen Gedichte und im Dezember Shi yan zhi bian 诗言志辩 (Über lyrische Sprache)mcdxxx, eine Arbeit über die unterschiedlichen Bedeutungen poetischer Terminologie in der chinesischen Literaturgeschichte. mcdxxxi
    Nach Kriegsende demonstrierten die Studenten gegen die Regierung, Zhu sympathisierte mit ihnen;mcdxxxii im Mai 1946 wurde die Uni geschlossen.
    Nach dem Ende des antijapanischen Krieges am 15. Juli 1946 wurden Li Gongpu 李公朴 und sein Freund, der Studentenführer Wen Yiduo 闻一多 Opfer der Wirren im Machtkampf der Guomindang 国民党. Zhu Ziqing organisierte Gedenkveranstaltungen. Zhus Rede zur Erinnerung an seinen Freundmcdxxxiii wurde berühmt. Am 7.10.1946 kehrte Zhu mit seiner Familie  aus Sichuan 四川 nach Beiping zurück.mcdxxxiv Er betätigte sich politisch: während der Hungerkatastrophen verfaßte Zhu Ziqing Propagandatexte gegen Amerika und lehnte dessen Mehllieferungen ab, da es nach seinem Sieg über Japan dort ein Wiederaufbauprogramm startete. Er nahm kurzfristig seinen Unterricht und seinen vollen Dienst als Leiter der Literaturabteilung wieder auf. Von November bis August 1947 arbeitete er mit anderen an der Gesamtausgabe der Werke Wen Yiduosmcdxxxv. Im Februar 1947 schrieb er den Essay "Wenxue de biaozhun he chidu 文学的标准和尺度" (Norm und Maß der Literatur), in denen er seine Einsichten in die Entwicklung der chinesischen Literatur zusammenfaßtemcdxxxvi. 
    Zhu Ziqing schrieb mit zunehmendem Alter mehr und mehr Essays über Literatur und Sprache.mcdxxxvii Er sah die Entwicklung der chinesischen Literatur als ein Wechselspiel zwischen Phasen von ya 雅 (Klassizismus, hoher Stil), in denen Form und Didaktik betont wurden, und Perioden, die von su 俗 (Volksnähe, niederer Stil) dominiert wurden, und in denen Natürlichkeit der Sprache und der Gefühle propagiert wurde. Im Januar 1948 erschien die Essaysammlung Lun yasu gongshang 论雅俗共 赏mcdxxxviii (Über die gewöhnliche Bewunderung der Literatur) zur Literatur.
    Zhu publizierte 1948 eine weitere Essaysammlung unter dem Titel Yuwen lingshi 语文零拾mcdxxxix (Zusammengestellte Stücke über Sprache und Literatur), darin versammelte er kurze Rezensionen, die er während und nach dem Krieg verfaßte hatte.mcdxl Er betrachtete darin vor allem den Zusammenhang zwischen alter und neuer Literatur und betonte die Verbindung von Theorie und Praxis.mcdxli Er schrieb Abhandlungen über klassische Literatur, Rezensionen und die Essaysammlungen Shi yan zhi bian 诗言志辩 (Über lyrische Sprache), Xinshi zahua 新诗杂话 (Miszellen über die Neuen Gedichte). Seine letzte grüßere Arbeit war die Essaysammlung Yuwen ying ji qita 语文影及其他 (Über Literatur und anderes)mcdxlii, die er im März 1948 abschloß. Hierin diskutierte Zhu Ziqing verschiedene Aspekte und Verwendungsmöglichkeiten des modernen Chinesisch. Nebenbei enthielt die Sammlung auch Reflexionen über das Leben und allgemeinmenschliche Lebensbedingungen.
    Aus dieser Sammlung seien sieben Essays zu sehr unterschiedlichen Themen angeführt:
    1. Der Essay "Über Aufrichtigkeit"mcdxliii enthält die Forderung nach mehr Ehrlichkeit in der Gesellschaft.
    2. "Über Vorspiegelung"mcdxliv klagt über zuviel Vorspiegelung und Unseriösität insbesondere in der belanglosen Konversation, die aus hohlen Phrasen bestehe.
    3. Zhu berichtet im Essay "Über sich selbst"mcdxlv resignierend von der Einsamkeit des Individuums in der Gesellschaft: Eltern und die Frau wendeten dem einzelnen nur kurz ihre Aufmerksamkeit zu, auch Freunde könnten keine echte Liebe geben. Idealistische Selbstopfer seien sinnlos, da niemand diese beachte.
    4. In "Über andere"mcdxlvi berichtet Zhu von seiner Beobachtung, daß das Individuum seine Rolle von der in der Großfamilie zu der in der Gruppe (Firma, Club etc.) verlagert habe, nunmehr würden gegenüber anderen Gruppeninteressen vertreten.
    5. Im Essay "Über die Jugend"mcdxlvii schreibt Zhu, die '4.-Mai-Bewegung' habe die Söhne und Enkel zu Individuen gemacht, die sich ihrer großen Zahl bewußt geworden seien, sich zusammengeschlossen hätten und die Gesellschaft von den traditionellen Werten hätten befreien wollen. Die Älteren hätten davor Angst und gingen dagegen an. Diejenigen, die in verantwortlichen Positionen stünden, hätten die Interessen sowohl der Älteren als auch der Jugend zu wahren.
    7. In "Über die Bombardierung"mcdxlviii erklärt Zhu, die Opfer unter der unschuldigen Zivilbevölkerung infolge der Bombardierung der Städte seien nicht sinnlos gestorben: Durch sie sei der Wille zur Vereinigung des chinesischen Volkes gewachsen. Die traditionelle Lebensweise sei jetzt ganz konkret zerstört worden.
    Zwei weitere Essays über die Rolle der Intellektuellen und das Sattsein fügen sich vom Titel her nahtlos an die genannten Essays an, enthalten aber zugleich klare politische Stellungnahmen: In "Über die Unzufriedenheit mit der bestehenden Situation"mcdxlix urteilt Zhu Ziqing, in der Geschichte hätte das einfache Volk Leid deterministisch hingenommen und erst bei Hungerkatastrophen rebelliert, allerdings auch nur zur Befriedigung der jeweiligen regionalen oder Gruppen-Interessen. Die Intellektuellen hätten die Herrschenden als die Verantwortlichen angeklagt, aber nichts getan, um die Zustände zu ändern. Einige Intellektuelle hätten kleine Revolten angeführt, aber nur, um sich am Ende mit einer etwas machtvolleren eigenen Position zufriedenzugeben. Früher hätten die Massen erst beim drohenden Hungertod eine Revolte gewagt, faßt Zhu seine Beobachtungen im Essay "Über das Essen"mcdl zusammen. Diese Revolten seien aber von den Massen selbst als unrechtmäßig angesehen worden. Die Intellektuellen hätten sich dagegen keine Gedanken um das Essen gemacht. In der Gegenwart hätten die Massen ein Bewußtsein dafür entwickelt, daß es ihr Recht sei, gegen Hunger zu kämpfen und die Intellektuellen hätten erstmals erfahren, was Hunger sei.
    Der späte Zhu Ziqing scheint jedoch zu der Überzeugung gelangt zu sein, daß es die Pflicht der Intellektuellen sei, sich aktiv zu beteiligen, um die Mißstände in der Gesellschaft zu beheben: Er fand für China in "Die heutige Aufgabe der Intellektuellen"mcdli das Bild des in einen Schacht gefallenen Mannes. Der Intellektuelle solle sich nicht auf den Schachtrand setzen, sein Mitgefühl ausdrücken und den Mann verbal ermutigen, sondern hineinsteigen und ihm heraushelfen. Diese Rede, in der er den politischen Appell im bildhaften Gewand versteckte, datiert auf den 23. Juli 1948. Zhu hielt sie an der Qinghua-Universität wenige Wochen vor seinem Tod.
    Nach einer kurzen, schweren Krankheit starb er am 12.mcdlii bzw. 24.mcdliii August 1948. Seine schlechten finanziellen Verhältnisse und seine Krankheit machten ihn für Mao Zedong zum Helden. Für ihn war er durch seinen Tod zum Märtyrer geworden: Zusammen mit Wen Yiduo 闻一多 habe er den heldenhaften Geist des Volkes verkörpert.
    Die Essays nach dem Ende des Antijapanischen Krieges wurden 1948 in den Sammlungen Biaozhun yu chidu 标准与尺度 (Standard und Maß) sowie Lun yasu gongshang 论雅俗共赏 (Was bei gebildeten und einfachen Leuten gleichen Anklang findet) aufgenommen. Diese Essays enthalten zumeist heftige Anklagen gegen die damalige "dunkle Zeit" der Zensur, der Unterdrückung und der chaotischen Bürgerkriegsverhältnisse, aber auch die Entwicklung einiger Gedanken und Beobachtungen.mcdliv
    Unmittelbar nach seinem Tod Anfang der 1950er Jahre erschienen einige Essaysammlungen und Werkausgabenmcdlv sowie eine Chronik von Ji Zhenhuai, der Informationen aus Interviews mit Freunden und aus aktuellen Zeitschriftenbeiträgen zusammentrug.mcdlvi
    Mitte der 1960er Jahre erschien eine Dissertation über Zhu Ziqing, die ihn als "Essayisten und Kritiker" untersuchte.mcdlvii
    In Taiwan spielte Zhu Ziqing eine wichtige Rolle als "Ersatzdichter", weil er unpolitisch war und instrumentalisiert werden konnte: Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre erschienen in Hongkong und Taiwan einige Sammlungen seiner Werke.mcdlviii
    Zhu Ziqing erscheint also in seiner bewußt unpolitischen Essayistik als Kampfgefährte des mit ihm befreundeten Zhou Zuoren. Beide Autoren teilen die enge Bindung an ein ausländisches Land und dessen Literatur. Vielleicht war es dieser Blick über die Grenzen, der sie in die Lage versetzte, die Fehlentwicklung des 'mainstreams' in der heimatlichen Literatur zu erkennen. Im Gegensatz zu Zhou Zuoren wurde Zhu in Taiwan intensiv wahrgenommen, da Zhou durch seine Kollaboration auch für die Guomindang zur Unperson geworden war.
    Nach der Darstellung der Position Lu Xuns, Zhou Zuorens und Zhu Ziqings seien im folgenden in einem Exkurs einige Autoren kurz und Yu Dafu, Lao She sowie Xu Zhimo etwas ausführlicher vorgestellt, bevor Bing Xin als nächste der neun genauer untersuchten Essayisten vorgestellt wird.


Yu Pingbo, Liang Yuchun, Zheng Zhenduo, Xu Dishan etc.

    Yu Pingbo 俞平伯 (1900 - 1990) schrieb zagan 杂感 (vermischte Eindrücke) und kurzgeschichtenähnliche Essays. Yu steht auf Platz 14 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 20 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ). Er stammte aus Deqing 德清 in Zhejiang 浙江. Er schloß sein Literaturstudium an der Peking-Universität 1919 ab und lehrte an verschiedenen Universitäten. Er beteiligte sich an der Neuen Literatur-Bewegung und war Mitglied in den Literaturgesellschaften 'Xinchao 新朝' (Neue Strömung), 'Wenxue yanjiu 文学研究' (Literarische Studien) und 'Yu si 语丝' (Wortfäden). Nachdem er zunächst mit Gedichten im neuen Stil von sich reden machte, schrieb er in den 1920er Jahren verstärkt Essays.
    1929 erschienen unter dem Titel Yanzhi-Krautmcdlix 26 Essays, darunter ein Vorwort. Seine bedeutendste Essaysammlung war Ausgewählte Essays von Yu Pingbomcdlx: Darin sind 42 Essays aus den Jahren 1923 bis 1933 versammelt, unter anderem die bekanntesten wie "Jiang sheng deng ying li de Qinhuai he 浆声灯里的秦淮河" (Zum Klang der Ruderschläge und beim Schein der Lampions auf dem Qinhuai-Fluß) und "Xihu de liu yue shiba ye 西湖的六月十八夜" (Die Nacht des 18. Juni am Westsee).
    Wie seine angesprochene Freundschaft zu Zhou Zuoren und Zhu Ziqing vermuten läßt, gehört Yu Pingbo nicht zu den linksgerichteten Autoren. Auch er schrieb unter dem Einfluß von Zhou Zuoren freie statt vermischte Essays, die häufig eine obskure Atmosphäre auszeichnete. Yu schrieb gefühlsbetont, brachte aber auch seinen literarischen Wissensschatz ein. In den 1940er Jahren engagierte er sich in der 'Demokratischen Bewegung'. Nach der Staatsgründung 1949 wurde er Professor an der Peking-Universität und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, wo er sich auf die Erforschung des Traums der roten Kammer spezialisierte.mcdlxi
    Liang Yuchun 梁遇春 (1906 - 1932) studierte an der Peking-Universität und unterrichtete englische Prosa an der Ji'nan-Universität Shanghai, wobei er sich auf die Schriften der englischen Essayisten Bacon und Lamb spezialisierte. In der Liste der Essayisten der Moderne steht er auf Platz 9, in der Gesamtliste auf Platz 12 (Rangliste siehe S. ). Der Einfluß der englischen Essayistik auf sein Schaffen war groß: Angeregt durch das übersetzerische Wirken der Zhou-Brüder (siehe S. 35) publizierte er neben zwei Essaybänden zahlreiche Übersetzungen. Liang stellte drei Anthologienmcdlxii mit Übersetzungen von Essays der englischen Autoren Addison, Belloc, Chesterton, Gardiner, Goldsmith, Hazlitt, Hunt, Lamb, Lucas, Lynd, Steele und anderen zusammen. Er versuchte sich im 'Lamb'schen' Essaystil und schrieb den herausragenden Essay "Chalisi · Lanmu pingzhuan 查理斯.兰姆评传" (Lebensbeschreibung mit kritischer Würdigung von Charles Lamb). In China brachte ihm sein Essayschaffen den Namen "Elia von China"mcdlxiii ein. In The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature ist Liang Yuchun mit dem Essay "Die unbezahlbaren Augenblicke eines Frühlingsmorgens: Müßige Gedanken eines müßigen Zeitgenossen"mcdlxiv vertreten. 1993 erlebte seine Sammlung Tränen und Lachenmcdlxv einen Nachdruck.mcdlxvi
    Zheng Zhenduo 郑振铎 (1898 - 1958) war Literaturkritiker, Historiker, Essayist, Übersetzer russischer Werke, Kurzgeschichtenautor und Universitätsprofessor. Er stammte aus Zhejiang und studierte 1917 an der Pekinger Eisenbahnhochschule. Zheng beteiligte sich an der '4.-Mai-Bewegung'. 1921 organisierte er mit Mao Dun die 'Literarische Studiengesellschaft' und prägte den Slogan von der 'Xue he lei wenxue 血和泪文学' (Blut- und Tränen-Literatur). 
    Er war Herausgeber zahlreicher Zeitschriften wie Xuedeng 学灯 (Studierlampe), Wenxue xunkan 文学旬刊 (10-Tages-Schrift Literatur) und Xiaoshuo yuebao 小说月报 (Monatsschrift Erzählungen). 1926 erschien seine erste Essaysammlung Shan zhong zaji 山中杂记mcdlxvii (Vermischte Aufzeichnungen in den Bergen), deren Titel auf die gleichbetitelte Sammlung von Bing Xin zurückging. Nach einem Aufenthalt in Paris veröffentlichte er weitere Essaysammlungen. In seinen kritischen Essays forderte er fiktionalen "Realismus", der in Schmerz und Verlust gründen solle, eine 'xue he lei de wenxue 血和泪的文学' (Blut- und Tränen-Literatur).
    1931 wurde er Professor an der Qinghua- und der Yanjing-Universität. Zur Zeit des antijapanischen Widerstandes beteiligte er sich an der 'patriotischen Demokratiebewegung'. Nach der Staatsgründung wurde er stellvertretender Kulturminister.
    Mit seinen wissenschaftlich-analytischen Essays fing er die Zeitstimmung ein.mcdlxviii Er sah es weder als Aufgabe der Literatur, eine Lehre zu verkünden, noch zu erfreuen. Vielmehr hoffte er, durch den Ausdruck wahrer Gefühle bei den Lesern ein Mitfühlen hervorzurufen. 1958 starb er, weiter für das Kulturministerium tätig, bei einem Flugzeugabsturz.
    Xu Dishan 许地山 (Pseudonym: Luo Huasheng 落花生, 1893 - 1941), geboren in Taiwan, reiste als Kind mit seinem Vater durch Südostasien. In einer buddhistischen Familie aufgewachsen, hatte er häufig Kontakt mit Missionaren, wurde Christ und studierte Religionswissenschaften in Columbia und Oxford. Er verfaßte fabelähnliche Essays, die häufig eine buddhistische Lehre beinhalteten.mcdlxix Seine Essays wie Erzählungen waren von Modernismus und Romantik geprägt. Er steht auf Platz 15 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 21 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    Hinzuweisen ist auf seinen autobiographischen Essay "Erdnüsse".mcdlxx Darin berichtet Xu von einer Aktion, bei der seine Familie Erdnüsse pflanzt, erntet und verspeist, sowie von den Erkenntnissen, die er als Kind dabei gewonnen habe. Dieser Essay wurde in seine Sammlung von 45 Essays Hohler Berg und  Geisterregenmcdlxxi aufgenommen, die 1993 nachgedruckt wurde.

Natur im Essay - Der schreibende Reisende Yu Dafu 郁达夫 (1896 - 1945)

    Zu Yu Dafu 郁达夫 (Yu Wen 郁文) gibt es mehr Biographien als zu jedem anderen Republikautor.mcdlxxii Gründe mögen sein, daß seine autobiographischen Werke starken Bekenntnischarakter besitzen, sich thematisch häufig mit der Sexualität befassenmcdlxxiii und seine zweite Identität in Sumatra sowie sein Tod nicht gesichert sind.mcdlxxiv In der Liste der Essayisten der Moderne steht er auf Platz 9, in der Gesamtliste auf Platz 12 (Rangliste siehe S. ). 
    Der Essay "Klassenkampf in der Literatur",mcdlxxv datiert auf den 19. Mai 1923, erschien 1996 in englischer Übersetzung in der Sammlung Modern Chinese Literary Thought.mcdlxxvi 
    Die hier zusammengefaßten biographischen Informationen wurden aus der Fülle der vorhandenen biographischen Literatur zu Yu Dafu zusammengetragen. Yu Dafus frühe Autobiographie liegt in deutscher Übersetzung vor.mcdlxxvii Es liegt auch eine vollständige Übersicht über die bis 1988 erschienenen Biographien und biographischen Aufsätze zu Yu Dafu vor.mcdlxxviii Eine ebenfalls verwendete Zusammenfassung des Lebens von Yu Dafu mit dem Schwerpunkt seines Frauenbildes findet sich in einer Studie zu seiner Darstellung des Weiblichen.mcdlxxix Schließlich ist auch noch eine kritische Biographie anzuführen: Yu Dafu. Lebensbeschreibung mit kritischer Würdigung.mcdlxxx 
    Eine völlig entstellende Kurzbiographie findet sich in der sonst sehr zuverlässigen The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature:  Seine patriotisch-romantische Grundhaltung wird als "eskapistisch" mißdeutet, tatsächlich war er aus ihr heraus bereit, sein Leben für die Heimat zu opfern. Seine Zeit in Sumatra wird als Fortsetzung seiner "patriotischen Aktivitäten" mißdeutet, die die japanische Militärpolizei beendete, als sie ihn "aufgespürt" habe, tatsächlich wurde er dort von der Militärpolizei zur Kollaboration gezwungen, ihr war auch seine Identität bekannt.mcdlxxxi
    Yu Dafus Behauptung, jedes literarische Werk sei eine autobiographische Äußerung seines Verfassers, trug zur Legendenbildung bei, bis Heiner Frühauf 1988 die starken Unterschiede zwischen den 1935 in Lin Yutangs Renjian shi 人间世 (Menschenwelt) veröffentlichten Memoiren und dem 1919 in Japan entstandenen Zishu shi (Autobiographisches Poem) aufdeckte.mcdlxxxii Diese liegen an der unterschiedlichen psychischen Befindlichkeit des Autors in den jeweiligen Entstehungszeiträumen. Yu bleibt seiner subjektiven Wahrheit tatsächlich in beiden Fällen treu, indem er das Leben so darstellt, wie es sich ihm im jeweiligen Moment des Schreibens darstellte. Beate Ruschmcdlxxxiii wies darauf hin, daß Yu Dafu wiederholt auf die Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit in seinem Werk hingewiesen hatte. Den Schwerpunkt ihrer Studie bildet die Auseinandersetzung mit den literaturtheoretischen Schriften des Autors im Zeitraum zwischen 1923 und 1925. Darin weist sie den Einfluß westlicher Vorstellungen von Stirner, Rousseau, Goethe und Bergson bei Yu nach, die jedoch nur im Hinblick auf ihre Bedeutung für China und das Schaffen des Autors selbst rezipiert wurden.
    Anna Doleelová hat Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre mehrere Studien zu Yu Dafu vorgelegt: eine biographische zu seinem Frühwerk bis 1930,mcdlxxxiv zu seiner Sicht von Gesellschaft und Literatur,mcdlxxxv eine zur Frage der Selbstbeschreibung,mcdlxxxvi eine zu zwei ausgewählten Erzählungenmcdlxxxvii und eine zu den Charakteristika seines Schaffens.mcdlxxxviii Egan hat sich auf die Umsetzung von autobiographischen Erlebnissen in seiner Literatur konzentriert.mcdlxxxix Im Vergleich mit Wang Meng und Lu Xun wurde auch die Darstellung des Erzähler-Ich bei Yu Dafu untersucht.mcdxc Weiter liegen zu folgenden Aspekten Studien zu Yu Dafu vor: Yu Dafu als entfremdeter Künstler,mcdxci die Struktur seiner Werke,mcdxcii seine Melancholie und das Ende der Innerlichkeit,mcdxciii seine Subjektivität.mcdxciv Lee untersucht insbesondere das Selbstverständnis Yu Dafus.mcdxcv
    Die Werke von Yu Dafu sind, ergänzt um relevantes Forschungsmaterial, unter dem Titel Yu Dafus Werke, Materialienmcdxcvi zugänglich.
    Yu Dafu kam in einer verarmten Gelehrtenfamilie in Fuyang, Provinz Zhejiang, zur Welt. Mit drei verlor er seinen Vater und wuchs bei Mutter und Großmutter auf. Bereits als Jugendlicher las Yu Dafu, der in einer verarmten Gelehrtenfamilie in Fuyang, Provinz Zhejiang, zur Welt kam, englische Literatur. Seit der Studienzeit veröffentlichte er Gedichte. 
    1913 studierte er in Japan zunächst Medizin, später Wirtschaftswissenschaften. Während seines Studiums lernte er Guo Moruomcdxcvii kennen. Er las eigenen Angaben zufolge über 1000 Werke in westlicher Sprache, ein Drittel davon (Auto)Biographien.mcdxcviii Später erklärte er, die Entdeckung des Ich für die chinesische Literatur sei durch die Konfrontation Chinas mit dem Westen erfolgt.mcdxcix Yu Dafu fühlte sich der Romantik verbunden und schrieb zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten, in denen er einen extremen Individualismus zum Ausdruck brachte. 
    Essays aus der Zeit der '4.-Mai-Bewegung' enthält die Sammlung Gibt es Essays?,md die auch in englischer Übersetzung vorliegt.mdi Mit den Forderungen der '4.-Mai-Bewegung' identifizierte er sich, da er unter anderem dort eines seiner Ziele repräsentiert sah, die rechtliche Gleichstellung der Frau. Diese interessierte ihn auch als Allegorie der sozialen und politischen Emanzipation. Für die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau machte Yu Dafu die hierarchische Gesellschaftsordnung und konfuzianische Ethik verantwortlich. In seinen Frauengestalten geht es Yu Dafu auch um die Definition von Männlichkeit, da seine Protagonisten bis auf eine Ausnahme männlich sind. Eine der zitierten Studienmdii kommt zu dem Ergebnis, daß Yu aufgrund der autobiographischen Erzählperspektive mit einer Ausnahme keine weiblichen Protagonisten verwende, die Frauenfiguren würden also aus der subjektiven Perspektive eines männlichen Protagonisten geschildert. Ausgehend von seinem Einsatz gegen die Unterdrückung der Frau habe er Frauengestalten der Typen "femme fatale", "traditionelle Ehefrau" und "Prostituierte" entworfen, die vom traditionellen Rollenbild abwichen. Weiter hat die Studie Sexualität und Schuldgefühle in Yu Dafus Werk untersucht, die bei ihm einen großen Themenbereich ausmachen. Die Arbeit enthält auch deutschsprachige Übersetzungen der Kurzgeschichten "Heimweh" (1922) und "Ein überflüssiger Mensch" (1924).
    Entgegen seiner Überzeugung von der Notwendigkeit einer freien Partnerwahl heiratete Yu 1920 auf Druck seiner Familie die traditionell erzogene Frau Sun Quanjun aus dem Nachbardorf. Aus seinen Briefen ist überliefert, daß er seinen Studienabschluß in Japan hinauszögerte, um diesem Schicksal zu entgehen, das er mit Lu Xun, Guo Moruo und anderen zeitgenössischen Schriftstellern teilte.mdiii Er lebte nach seiner Heirat die meiste Zeit von seiner Frau getrennt und ließ den Kontakt zu ihr auch nach seiner späteren Liebesheirat mit Wang Yingxia 王映霞 1927 nicht abreißen. Die Beziehung war jedoch lange Zeit belastet, wie aus der literarischen Verarbeitung durch Yu Dafu bekannt ist.
    1921 gab er Chinas erste Kurzgeschichtensammlung in Umgangssprache heraus: "Chenlun 沉沦" (Untergang).mdiv Seine gleichnamige, darin enthaltene erste Erzählung endet mit dem Selbstmord eines jugendlichen chinesischen Intellektuellen, der in Japan an sexuellen Nöten und Minderwertigkeitsgefühlen litt und als ein von Selbstmitleid geprägter Paranoid erschien. In den 1920er Jahren publizierte Yu nach diesen Erzählungen auch literaturkritische und politische Essays sowie Gedichte nach dem Vorbild des damaligen englischen Modedichters Ernest Dowson, daneben übersetzte er auch. Dem englischen Essay erkannte er zu, "eine starke Kraft unter unseren Intellektuellen geworden zu sein, die auch in zehn oder zwanzig Jahren nicht verschwinden wird."mdv
    Yu Dafu schrieb vorwiegend Kurzgeschichten und Essays. In vielen seiner suibi xiaopin 随笔小品 (lockeren und freien Essays) verewigte er Verwandte und Freunde. Seine Begründung lautete, daß jedes literarische Werk eine Autobiographie des Autors sei.mdvi Das Charakteristikum dieser Werke ist eine "komplexe" Schreibweise: Die Beschreibung eines Menschen umfaßt stets gleichzeitig Gefühle, Handlungen, Aussehen und ihre Besonderheiten.mdvii
    Zu Beginn seiner Karriere fühlte sich Yu dem linken Lager zugehörig. Im Juli 1921 gründete er mit Guo Moruo, Cheng Fangwu 成仿吾mdviii (1894 - 1984) und Zhang Ziping 张资平mdix (1893 - 1959) die 'Schöpfungsgesellschaft'. Yu war redaktionell in der Zeitschrift der Gesellschaft, der Vierteljahresschrift Schöpfung mit tätig. In ihrer Programmatik setzte die 'Schöpfungsgesellschaft' den äußeren objektiven Werten und Wahrheiten innere Werte und die Wahrheit des Individuums entgegen. Sie orientierte sich an dem, was die Autoren damals unter der europäischen Literaturepoche der Romantik verstanden.mdx Damit entstanden zwischen den 'Romantikern' der 'Schöpfungsgesellschaft' und den 'Realisten' der 'Literarischen Studiengesellschaft' Differenzen. Letztere hielten den ersteren einen zu geringen Gesellschaftsbezug vor. Tatsächlich wollten auch die Mitglieder der 'Schöpfungsgesellschaft' neue Perspektiven in Bezug auf traditionelle Moralvorstellungen und gesellschaftliche Konventionen eröffnen.
    Nach seiner Rückkehr vom japanischen Auslandsstudium 1922 erstritt Yu seinen Lebensunterhalt als Dozent u.a. in Shanghai, Peking und Wuhan 武汉. Er zeigte ebenfalls gesellschaftspolitisches Engagement, hing dabei einer ausgeprägten 'Neoromantik' nach, wirkte selbstmitleidig und stellte die Darstellung des eigenen Lebens und Charakters in den Mittelpunkt. Er schrieb grüßtenteils romantische und lyrische autobiographische Erzählungen.
    1923 bis 1924 gab Yu Dafu mit Guo Moruo und Cheng Fangwu die literartheoretische Zeitschrift Chuangzao jikan 创造季刊 (Vierteljahresschrift Schöpfung, 1922 - 1924) heraus, wenig später auch Chuangzao zhoubao 创造周报 (Wochenzeitschrift Schöpfung), Chuangzao ribao 创造日报 (Tageszeitung Schöpfung) und Hongshui 洪水 (Flut, 1924 - 1927). Die Zeitungen und Zeitschriften dienten auch als Forum zur Verbreitung deutscher, französischer und englischer Literatur von Dowson, Maupassant, Heine und anderen.
    Yu Dafu spricht sich in seinem Grundsatzessay "Yishu yu guojia 艺术与国家" (Die Kunst und der Staat)mdxi gegen etatistische Reglementierung der Kunst aus. Der Kunst gehe es um die Wahrheit, der Staat meide sie. Sowohl Krieg wie Frieden würden von Staat und Kunst unterstützt. Die Kunst habe die Aufgabe, Ungerechtigkeiten des Staates zu bekämpfen. Der grüßte Unterschied zwischen Staat und Kunst sei die Gefühlsebene: Während der Staat empfindungslos sei, strebe die Kunst nach dem Schönen und fühle mit den Schwachen. Das Ideal der Kunst sei dann verwirklicht, wenn eine Weltgemeinschaft ohne Staaten geschaffen sei.
    Am 25. Januar 1924 schrieb Yu Dafu an Guo Moruo und Cheng Fangwu den in die Werksammlung aufgenommenen "Brief".mdxii Darin beschreibt er in depressiver bis resignierter Stimmung, wie er seine Hoffnungen auf gesellschaftlichen Wandel enttäuscht sieht. Die 'Schöpfungsgesellschaft' dagegen wandte sich als Reaktion auf die zeitpolitischen Ereignisse verstärkt auch sozialkritischen Werken zu und bezog ideologisch dezidierter Stellung. Yu Dafu unterschied sich dabei deutlich von Guo Moruo: In seinem Essay "Wenxue shang de jieji douzheng 文学上的阶级斗争"mdxiii (Klassenkampf in der Literatur) wurde deutlich, daß er sein Ideal von sozialer Gerechtigkeit und Emanzipation des Individuums nicht unter eine politische Doktrin gestellt sehen wollte. Cheng und Guo verschrieben sich stattdessen der revolutionären Literatur, wie aus einem Brief von Guo Moruo vom 5. August 1924 hervorgeht.mdxiv
    Der zur Veröffentlichung überarbeitete "Offene Brief an einen jungen Literaten"mdxv vom 13. November 1924 richtet sich an Shen Congwen. Darin macht Yu Dafu die Ungerechtigkeit des zeitgenössischen chinesischen Gesellschaftssystems für seinen deprimierten Gemütszustand verantwortlich. Er klagt sein Leid als schlechtbezahlter Universitätsdozent. Shen Congwen rät er, Soldat oder Dieb zu werden, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
    1925 beschrieb Yu in seinem literartheoretischen Essay "Shenghuo yu yishu 生活与艺术"mdxvi (Leben und Kunst), wie er sich als Künstler sah und welche Aufgaben seiner Meinung nach der Künstler hatte. Auf der Grundlage von Bergsons Vitalismus (Kernbegriffe: Leben, Elan, Intuition) entwickelte er den philosophischen Hintergrund für seinen autobiographischen, subjektivistischen Erzählstil und die Themen seiner Kurzgeschichten.mdxvii Yu Dafu erweiterte Bergsons Theorie dahingehend, daß er auch die Kunst als dem Menschen ursprünglich innewohnend beschrieb. Den Gesellschaftsbezug brachte Yu in der Art ein, daß es die Umwelt sei, die geändert werden müsse, falls eben diese Umwelt den künstlerischen Impetus unterdrücke. Yu betrachtete Dichtung als Ausdruck von Wahrheit. Seine Auffassung vom Staat dagegen brachte Yu Dafu 1926 deutlich in seinem Essay "Xiju lun 戏剧论"mdxviii (Über das Theater) zum Ausdruck: 

Jeden Tag erleben wir, wie der Staat lügt, um seine Ziele durchzusetzen.mdxix Wer ein anderes Land überfällt, wird von allen bewundert. Wer Hunger und Durst leidet und ein Stück Brot stiehlt, ist dem Gesetz nach ein Verbrecher.mdxx

    Um 1926 beschäftigte sich Yu viel mit der Funktion der Literatur. Im Juni 1926 erschien Yus Aufsatzsammlung Wenyi lunji 文艺论集mdxxi (Aufsatzsammlung Literatur und Kunst), 1927 sein Wenyi gaishuo 文艺概说mdxxii (Abriß der Literaturtheorie).
    Seit 1926 erschien die Zeitschrift Schöpfung monatlich als Chuangzao yuebao 创造月报 (Monatsschrift Schöpfung). Ende des Jahres ging er mit Guo Moruo und Cheng Fangwu an die Sun-Yatsen-Universität in Kanton, eine damalige Hochburg der linken Kräfte, um dort eine Sektion der 'Schöpfungsgesellschaft' einzurichten. Es zeichneten sich damals unter den Mitgliedern bereits Unterschiede zwischen der Gründungs- und der jüngeren Generation ab. Ein halbes Jahr später war Yu Dafu das politische Treiben des rechten und linken Lagers leid und kehrte Kanton den Rücken.
    "Die Vergangenheit" markiert einen Wandel zu einem realistischeren Schreibstil. 1927 veröffentlichte er seine Tagebücher; sein 'Verdienst' dabei war, darin als erster chinesischer Schriftsteller öffentlich Intimes preiszugeben, und zwar auch von seiner ehemaligen Herzensdame Wang Yingxia.mdxxiii 1927 erschienen Yu Dafus Gesammelte Werkemdxxiv mit einer "Vorrede".mdxxv Der Essay "Ein Mensch auf dem Weg"mdxxvi beschreibt Gefühle zwischen Vater und Sohn, das Leben wird mit einem Weg verglichen.
    Seine frühen Erzählungen ähneln Essays, er legte wenig Wert auf Struktur und Komposition. Er wählte stets Erfahrungen aus seinem Leben zum Gegenstand seiner literarischen Werke: "Es ist absolut wahr, daß 'Literatur Autobiographie ist'".mdxxvii Seinem Anspruch nach könnten also die Protagonisten seiner Erzählungen, die er gelegentlich in der dritten Person beschrieb oder ihnen Namen wie Yu Zhifu, Wenpu gab, weitgehend mit seinem eigenen subjektiven Selbstbild gleichgesetzt werden.mdxxviii Wie weit weicht dieses Selbstbild von der "Realität" ab? Vergleicht man die Protagonisten und den Autor, fällt auf, daß Yu Dafu seinen eigenen eher puritanischen Lebensstil bei der literarischen Umsetzung als 'dekadent' stilisiert. Seine Protagonisten verbringen im Gegensatz zum ihm ihre Tage mit Weintrinken und in Gesellschaft von Frauen.
    Guomindang und Kommunistische Partei hatten sich auf dem ersten Nationalen Guomindang-Kongreß zur Einheitsfront zusammengeschlossen, Grundlage für den gemeinsamen Nordfeldzug. Guo Moruo wurde stellvertretender Leiter der Propagandaabteilung während des Nordfeldzuges. Wie ein Dolchstoß in den Rücken mußten ihm zwei Essays erscheinen, die sein langjähriger Weggefährte und Studienfreund Yu Dafu dann 1927 in der politischen Zeitschrift Hongshui veröffentlichte: In "Ereignisse in Guangzhou"mdxxix und "Richtungswechsel"mdxxx mokierte sich dieser über die Machtgier der Akteure der politischen Lager, insbesondere der Guomindang. Yu Dafu trat aus der 'Schöpfungsgesellschaft' aus und begründete dies am 15. August 1927 mit zwei öffentlichen Stellungnahmen.mdxxxi Nach der Aufgabe der Zeitschrift und nachdem die 'Schöpfungsgesellschaft'  zahlreiche weitere Mitglieder verloren hatte, wurde Yu Dafu von Quellen aus der VR Ch vorgeworfen, seine Erzählungen "Herbststrom" (1923), "Herbstweide" (1924), "Eine frostige Nacht" und Straßenlampen (1925) hätten "künstlerisch sicher etwas zu sagen", man könne sie aber "aufgrund ihrer negativen und dekadenten Ideologie [...] nicht empfehlen".mdxxxii
    1927 verliebte sich der Dichter in die junge Studentin Wang Yingxia 王映霞, die für ihn Schönheit, Bildung, politisches Interesse, kurz die moderne chinesische Frau und das genaue Gegenteil seiner ersten, traditionell erzogenen Ehefrau verkörperte. 1928 veröffentlichte er "Riji jiu zhong 日记九种"mdxxxiii (Neun Tagebücher), in denen er auch die Bekanntschaft mit Wang Yingxia literarisch verarbeitete. Yu Dafus erotische Beschreibungen in seinen Kurzgeschichten waren auch ein Protest gegen die tabuisierende Sexualmoral und die tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexe, die selbst Vorreiter der sexuellen Aufklärung wie Zhang Jingshengmdxxxiv nicht abschütteln konnten. So empfahl Zhang "häßlichen" Chinesen, mit Japanern und westlichen Ausländern Kinder zu zeugen, und offenbart damit das Selbstbildnis eines 'häßlichen', sexuell und physisch unterlegenen Chinesen.mdxxxv
    Seit 1928 war Yu Dafu mit Lu Xun an der Redaktion von Benliu 奔流 (Strömung), Yu si 语丝 (Wortfäden) und Dazhong wenyi 大众文艺 (Massenliteratur) beteiligt. Mit Lu Xun, Cai Yuanpei und Song Qingling gründete er die 'Zhongguo ziyou yundong datong meng 中国自由运动大同盟' (Chinesische Liga für Bürgerrechte) und die 'Liga linksgerichteter Schriftsteller', aus der er bereits im Gründungsjahr 1930 mit folgender Begründung wieder austrat: 

[…] ja, ich war einer der Gründer der 'Liga linker Schriftsteller'. Das kommunistische Hauptquartier war jedoch mit mir unzufrieden: meine Erzählungen wären zu individualistisch. Das gebe ich gerne zu, immerhin komme ich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und kann an meiner Herkunft nichts mehr ändern […]mdxxxvi

    Fortan setzte sich Yu Dafu für unpolitische Literatur ein. Und es sind noch weitere Elemente zu entdecken, die eine Neuausrichtung seiner Literatur bewirkten: Wie zahlreiche Schriftsteller seiner Zeit reagierte Yu Dafu auf die enttäuschende Politik der Guomindang, deren Massaker an den Kommunisten und die offensichtliche Schwäche Chinas angesichts der drohenden Vereinnahmung durch die Japaner mit resignativem Determinismus. In seinem Werk seit 1930 sind immer deutlichere Zweifel an der gesellschaftsverändernden Wirkung der Literatur herauszulesen. Seine Protagonisten werden passive Beobachter, sind auf Identitätssuche zwischen Heimatdorf und Großstadt, Tradition und Moderne sowie zwischen der eigenen und der westlichen Kultur der Kolonialmächte. 
    Yu Dafus Reiseberichte schrieb er wahrscheinlich alle, bis auf einige wenige, wie den Bericht "Shanggan de xinglü 伤感的行旅" (Der traurige Reisende), nach seinem Umzug nach Hangzhou 杭州 1933. In die Reiseberichte brachte er gleichzeitig die Beschreibung zeitgenössischer Menschen ein, seine individuellen Empfindungen sowie Anspielungen auf historische Begebenheiten.mdxxxvii Im Essay "Würdigung der Beschreibungen von Landschaften und Natur",mdxxxviii der in der Zeitung Shanghai erschien, drückt Yu sein Harmonigefühl zwischen Mensch und Natur aus. 1933 veröffentlichte Yu Dafu einen Bericht über eine Reise zum Fangberg: "Die Stille des Fangbergs".mdxxxix In diesem Essay liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung der Mythen, die sich um den besuchten Ort ranken. 
    Wertet man die über 200 Essays,mdxl die von ihm überliefert sind, aus, erscheinen als seine zentralen Themen die Sympathie mit dem chinesischen Volk und der Haß gegenüber den neuen Warlords und hohen Beamten, die das Volk unterdrückten. "Die Essays zeigen vielleicht noch typischer als seine Erzählungen und Gedichte seinen charakteristischen Stil."mdxli Das Charakteristische an seinen vermischten Essays war die erfrischende Wirkung, der lebhafte Schreibstil; er schrieb ungezwungen über unterschiedlichste Themen aus den Bereichen Kultur, Menschen, Politik, Bräuche.mdxlii
    Seine Reiseberichte scheinen mit sorgenfreiem Gemüt geschrieben, sie beschreiben die landschaftlichen Schönheiten ringsum und Emotionen, sie wirken lebhaft, die Figuren erleben die Natur mit ihren Sinnen, alles ist in Bewegung. Bisweilen kann der Leser seine Gemütsstimmung aus den beschriebenen Naturphänomenen lesen.mdxliii
    Yu Dafu zog sich 1933 enttäuscht aus dem politischen und kulturellen Leben Shanghais nach Hangzhou zurück, widmete sich dem Studium der klassischen chinesischen Kultur, schrieb Gedichte im klassischen Stil und traditionelle Reiseberichte. Bezeichnend ist auch der Wechsel seines Publikationsorgans: In Lin Yutangs Literaturzeitschriften Renjian shi 人间世 (Menschenwelt) und Yuzhou feng 宇宙风 (Kosmischer Wind) veröffentlichte er 1935 seine Autobiographie, Übersetzungen und Glossen.
    In diesen Memoiren sieht er sein bisheriges Leben, in dem er seinen Schaffenshöhepunkt bereits überschritten hatte, pessimistischer als noch im autobiographischen Poem 1919: Statt der Fähigkeiten des Jugendlichen stehen die zu verändernden sozialen und politischen Umstände der damaligen Gesellschaft im Vordergrund: Alle Menschen, die während des sino-japanischen Krieges 1895/96 geboren worden seien, werden als "selbstverständlich anormal, panisch und neurotisch"mdxliv beschrieben. Seine erste Sinneswahrnehmung sei Hunger gewesen, der Vater sei aus Kummer um ihn gestorben, seine Mutter habe keine Zeit für ihn gehabt und seine Brüder seien fort gewesen.mdxlv Die Änderungen gegenüber dem "realen" Leben gehen so weit, daß Yu Dafu seine Abreise aus China von 1913 auf 1911 rückdatiert, um dem Leser ein zweieinhalbjähriges 'Selbststudium' vorzuspiegeln.mdxlvi Zu den Motiven, die hinter dieser Täuschung stecken, ist die Begründung hilfreich, die Yu Dafu für sein 'Selbststudium' lieferte: Er sei dort vor jeglichen ideologischen und imperialistischen Domestikationsversuchen sicher gewesen.mdxlvii Im autobiographischen Poem hatte er sein Englischbuch noch als Einstieg in das Schrifttum phantastischer Länder gesehen. Insgesamt wird deutlich, daß Yu Dafus jeweilige innere Verfassung starken Einfluß auf die literarische Realisation seines Prinzips der autobiographischen Literaturwerdung hatte.
    1935 schrieb Yu Dafu das "Geleitwort" zum zweiten Band der offiziösen Essaysammlung Kompendium zur neuen chinesischen Literatur. 
    1936 erschienen zwei Essaysammlungen, eine mit Reiseberichten und eine auch mit anderen Themen.mdxlviii Im selben Jahr wurde Yu Dafu als Beauftragter der Guomindang-Regierung in Fujian nach Fuzhou geschickt. Nach Beginn des antijapanischen Widerstandskriegs war er Kriegsberichterstatter in Wuhan. 1938 floh er vor den japanischen Invasionstruppen nach Singapur, wo er die Beilage Xingzhou ribao fukan 星州日报副刊 (Supplement of Singapur Daily News) und die Zeitung Huaqiao ribao 华侨日报 (Overseas Chinese Daily News) mit herausgab und sich in antijapanischen Organisationen engagierte. 1936 erschienen 41 Essays, darunter ein Vorwort des Autors, unter dem Titel Das Buch für Mußestunden.mdxlix
    Yu Dafu legte Essays in folgenden Formen vor: xiaopin 小品 (freie Essays), youji 游记 (Reiseberichte), zagan 杂感 (vermischte Eindrücke), riji 日记 (Tagebücher), zizhuan 自传 (Autobiographisches), shuxin 书信 (Brief), xuba 序跋 (Vor- und Nachworte). Yu Dafu wurde zeitlebens kritisiert,mdl besonders wenn er über Charaktere schrieb, die deprimierend oder aufrührerisch waren, wurde er als "tuitang 颓唐" (dekadent) bis "biantai 变态" (anormal) kritisiert. Eine Quelle aus der VR Ch nimmt ihn jedoch in Schutz: Er habe mit seinen Texten nur die Herausforderung durch Verteidiger der traditionellen moralischen Grundsätze des Feudalismus angenommen. Aus einer Sicht aus der VR Ch waren seine Essays nie frei von einem "krankhaften Anteil",mdli aber im Kern galten sie als positiv. Guo Moruo bewertete Yu Dafus Darstellungsweise ebenfalls positiv.mdlii
    Nachdem Yu Dafu öffentlich schmutzige Wäsche aus seiner ehemals glücklichen Zeit mit Wang Yingxia gewaschen hatte,mdliii wurde die Ehe 1942 geschieden. Vor der Invasion Singapurs durch die Japaner floh Yu Dafu nach Sumatra, wo er im Mai 1942 als Kaufmann Zhao Lian im Dorf Pujakumbuh eine neue Identität fand. Die dortige japanische Militärpolizei verpflichtete ihn aufgrund seiner Japanischkenntnisse zur Dolmetscherarbeit in Bukittinggi. Ein halbes Jahr später wurde er aus (vorgeblichen) Krankheitsgründen vom Dienst freigestellt, lebte fortan als Schnapsbrenner und führte eine Seifen- und Papierfabrik. 1943 heiratete er zur Sicherung seiner neuen Identität eine indonesische Auslandschinesin, mit der er zwei Kinder hatte. Seit 1944 war die japanische Militärpolizei über seine wahre Identität informiert, richtete ihn jedoch erst am 17. September 1945, also nach der Kapitulation am 29. August 1949, nach kurzer Haft hin. Suzuki Masao vermutet, die Japaner hätten ihn ermordet, da sie eine belastende Aussage gefürchtet hätten.mdliv Dieses brutale Vorgehen der Japaner sollte auch berücksichtigt werden, wenn man Zhou Zuorens Verhalten bewertet.
    1993 erschien die dreibändige Auswahlausgabe Die Essays von Yu Dafu mit einer Auflagenhöhe von 10.100 Exemplaren in der Reihe Ershi shiji Zhongguo wenhua mingren wenku 二十世纪中国文化名人文库 (Schatz chinesischer Kulturgrüßen des 20. Jahrhunderts), dort ist Yu Dafu der neunte Autor. Band 1mdlv enthält Essays zu Persönlichkeiten, Reiseberichte, Vermischtes, Band 2mdlvi lockere Essays, freie Essays, Tagebücher, Briefe, Liebesbriefe und Band 3mdlvii Autobiographisches, Essays zu Literatur- und Kunstdebatten, Rezensionen, Essays zum Essayschaffen sowie Zitate bzw. Auszüge.

Humor trotz Armut, aber letztliches Scheitern - Realistische Essays von Lao She

    Lao She 老舍 (Shu Qingchun 舒庆春, 1899 - 1966) hat vereinzelte Essays geschrieben, die auch Beachtung fanden. Er hat aber keinen eigenen Essayband herausgebracht und wird in den Essaylexika der VR Ch nicht als Essayist geführt. Aufgrund der Vielzahl seiner in Anthologien aufgenommenen Essays jedoch steht er auf Platz 19 der Liste der Essayisten der Moderne und mit Feng Jicai und Wu Boxiao auf Platz 27 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    Er wurde am 3. Februar 1899 in Peking in einer Mandschu-Familie geboren, wurde Christ (Auskunft seines Sohnes Shu Yi 舒乙)mdlviii und begann 1924 mit dem Literaturschaffen, als er nach England ging, um dort fünf Jahre an der Universität von London Chinesisch zu unterrichten.mdlix Dort entstand sein Roman Er Ma 二马 (Die zwei Ma).
    Lao She hat einige autobiographische Essays über seine Zeit in England verfaßt: "Der erste Tag"mdlx beschreibt die Ankunft in England, "Meine Vermieter"mdlxi liefert das Porträt einer Londoner Hausbesitzerin, "School of Oriental and African Studies"mdlxii gibt einen Einblick in das Londoner Institut, "Die Engländer"mdlxiii hält generelle Beobachtungen auf der Insel fest, wobei die Unterschiede zur eigenen Kultur im Vordergrund stehen. "Die Engländer und ihre Katzen und Hunde"mdlxiv beschreibt die Sitte des Haustierhaltens in Großbritannien. Den Einfluß des englischen Autors Joseph Conrad dokumentiert Lao She in seinem Essay "Einer der grüßten Schöpfer von Personen und Schauplätzen der heutigen Zeit - mein Lieblingsschriftsteller Conrad".mdlxv Dessen Werke veranlaßten Lao She unter anderem, das Ende des Romans Er Ma an den Anfang zu verlegen.mdlxvi Es existieren auch drei Essays aus dem Jahr 1937, die den Entstehungshintergrund seiner Werke Er Ma, Xiao Po de shengrimdlxvii und Zhao ziyuemdlxviii beleuchten.
    Den Höhepunkt seines literarischen Schaffens erreichte Lao She zwischen 1936 und 1942/43. Es entstanden die Kurzgeschichten Maocheng ji 猫城记 (Die Stadt der Katzen 1932/33),mdlxix Luotuo xiangzi 骆驼祥子 (Der Rikschakuli, 1936/37),mdlxx Wo zhe yi beizi 我这一辈子 (Mein Leben). Sein Dramenschaffen begann mit der Zeit des Widerstands gegen die japanische Aggression.mdlxxi Lao She verbürgt sich auch bei seinen Erzählungen für die Authentizität des häufig autobiographischen Stoffes.mdlxxii Nach dem Einmarsch der Japaner verschrieb sich Lao She dem antijapanischen Widerstand. Damals schuf er auch Dramen.
    Das Ende der Selbstzerfleischung, die Gründung der Volksrepublik China, ist für Lao She ein Grund, seinen 1946 begonnenen Amerikaaufenthalt abzubrechen und seine Literaturproduktion in China aufzunehmen, während die meisten anderen bürgerlichen Autoren verstummten. Im Drama Das Teehaus beschreibt Lao She den Niedergang Chinas, wobei die einzelnen Akte folgende Stationen darstellen: 1898, 1917, 1948. Jedesmal spielt das Schlagwort "Reform" eine zentrale Rolle. Durch die Wiederholung des vergeblichen Reformversuchs in jeder Epoche erscheint die Reform an sich sinnentleert.
    Bis 1949 war seine schriftstellerische Existenz durch Armut gefährdet. In dem Essay "Lesen und Schreiben" dokumentierte er seine Leseerfahrungen (Flaubert, Maupassant, Meredith, Conrad und H.G.Wells), gestand seine Unfähigkeit ein, diesen literarischen Vorbildern nachzueifern, und bekannte sich zu einem schonungslosen Realismus.mdlxxiii Er versuchte, das Elend der Zeit aus seiner humanistischen Grundeinstellung heraus psychisch zu bewältigen.mdlxxiv
    1956 erschien Lao Shes bekanntermdlxxv Essay "Yang hua 养花" (Blumen züchten), in dem er das Streben nach Lebensglück am Beispiel der Freude, die dem Züchter seine Blumen bereiten, beschreibt.mdlxxvi
    Das Individuum steht im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens, zudem ist er überzeugter Humanist. In seinem Essay "Über den Humor" schreibt er: 

Hämisches Gelächter und Grimassenschneiden haben nichts mit Humor zu tun. Wer wirklich Humor besitzt, dem sind unaufdringliche Freundlichkeit ins Gesicht und versöhnliche Großzügigkeit ins Herz geschrieben. Er sieht die Dinge der Welt wie ein Reisender in einem fremden Land, der alles und jedes reizvoll findet. Er beschreibt der Menschen Torheit und Erbärmlichkeit, aber er verweist auch auf die wundersamen Stellen, welche die Welt wieder liebenswert erscheinen lassen.mdlxxvii

    An anderer Stelle nennt Lao She seinen Humor den "Triumph des Verstandes".mdlxxviii
    Sein 8000 Zeichen umfassender Reisebericht über Treffen mit japanischen Schriftstellern als Leiter einer Delegation von chinesischen Schriftstellern 1965 wurde zensiert.mdlxxix
    Als die 'Kulturrevolution' ausbrach, habe er auch andere Schriftsteller kritisiert, erklärte seine Witwe Hu Jieqing 胡洁青,mdlxxx allerdings nur solche, die wirklich Fehler begangen hätten, wie Hu Feng 胡风mdlxxxi (1902 - 1985) und Feng Xuefeng. Diese Kritik sei aber rein freundschaftlich gewesen. Er habe die 'Kulturrevolution' nicht verstanden, dies aber trotzdem immer wieder versucht.mdlxxxii Lao She starb unter dem Regime der Roten Garden am 24. August 1966.
    Für biographische Informationen sei auf zwei deutschsprachige Arbeiten aus dem Jahr 1985 verwiesen, einen Aufsatz von Klöpsch,mdlxxxiii eine Monographiemdlxxxiv mit einer Biographie über seine Zeit in England und zwei Interviews von 1985. Es liegt auch eine Monographie von 1974 zu Lao She und seiner Beziehung zur Revolution vor.mdlxxxv

Xu Zhimo 徐志摩 (1897 - 1931)

    Die Quellenlage zu Xu Zhimo 徐志摩 (1897 - 1931) ist gut: es existieren sowohl Gesamtausgaben,mdlxxxvi zahlreiche Essayauswahlenmdlxxxvii sowie eine Gesamtausgabe der Essays.mdlxxxviii Xu Zhimo steht mit Liang Shiqiu auf Platz 7 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 9 der Gesamtliste (Rangliste siehe S. ).
    Richard von Schirach legte eine grundlegende Arbeitmdlxxxix über Xu Zhimo im Rahmen der 'Neumondschule' vor, in der er dessen Ansichten und Vorstellungen zu Literatur, Kunst und dem Leben darstellt und analysiert. Einige Studien haben Xu Zhimo im Rahmen der romantischen Dichtergruppe untersucht.mdxc Sein Tod - ähnlich tragisch wie der Yu Dafus sowie ähnlich früh wie der Wen Yiduos - haben sowohl zur frühen Legendenbildung wie zur intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Xu Zhimo beigetragen, letztere war sicherlich auch nicht zuletzt durch Xus Nähe zur englischen Literatur, Gedankenwelt und Romantik angeregt. Daneben wurden weitere Aspekte zu Xu Zhimo untersucht, etwa analysierte Ricarda Päusch 1995 bildreich und unter Einbeziehung des geistesgeschichtlichen Hintergrundes schwerpunktmäßig den Aspekt des Fliegens bei Xu Zhimo.mdxci 
    Xu Zhimo 徐志摩 wurde am 15. Januar 1897 im kleinen Ort Xiashi 硖石 zwischen Shanghai und Hangzhou in eine wohlhabende Bankiersfamilie geboren.mdxcii Er erhielt eine klassische Schulbildung und besucht mit Yu Dafu in Hangzhou dieselbe Klasse. 1915 schloß er die Mittelschule ab, schrieb sich in die Vorbereitungskurse der Peking-Universität ein und wurde ähnlich wie Yu Dafu und Lu Xun von seiner Familie mit einer jungen Frau verheiratet, es war die 15jährige Zhang Yuyi. Xu Zhimo lernte den an der Peking-Universität tätigen Liang Shiqiu kennen. 1918 nahm er ein Auslandsstudium in Amerika auf, das er sich im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, die mit einem Japanstudium vorlieb nehmen mußten, durch sein Elternhaus leisten konnte. 1920 schloß er sein Studium an der Columbia-Universität ab. Seinen zweijährigen Amerikaaufenthalt verkürzte Xu Zhimo in seinem Essay "Xiyan yu wenhua 吸烟与文化" (Über Rauchen und Kultur) 1926 inhaltlich darauf, er habe nur Vorlesungen gehört, Prüfungen geschrieben, Kaugummi gekaut und Kinofilme gesehen.mdxciii
    Von 1920 bis 1922 hielt er sich in Großbritannien auf, um Schüler des fortschrittsgläubigen und pazifistischen Philosophen Bertrand Russellmdxciv zu werden. Nach einigen Enttäuschungen begann er in Cambridge zu studieren. Dieses Studium engte ihn jedoch so stark ein, daß er 1926 in seinem Essay "Wo suo zhidao de Kangqiao 我所知道的康桥" (Cambridge, wie ich es kannte) beklagte, sein Lebenshorziont sei von der Bibliothek, verschiedenen Klassenräumen und seinem Heim mit seiner ihm nachgereisten Familie begrenzt.mdxcv Als er jedoch das literarische Cambridge kennenlernte, verschrieb er sich der Schriftstellerei.mdxcvi Er schrieb Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Tagebücher, in denen der Einfluß der englischsprachigen Literatur sichtbar ist.mdxcvii In den Vereinigten Staaten nahm er sich Hamilton zum Vorbild, in England Russell. Er warb um das damals 16jährige literarische Wunderkind Lin Huiyin und reichte die Scheidung ein - damals skandalös. Zurück in China wurde die Scheidung 1922 ausgesprochen; dies hatte auf Xu Zhimo befreienden Charakter, er publizierte viel. Er wurde als Schüler Liang Qichaos gesellschaftlich wahrgenommen und erhielt eine Professur an der Peking-Universität. 1922 zeigt er seine Belesenheit in Weltliteratur in einem Vortrag über die Beziehung von Kunst und Literatur auf Englisch: "Art and Life".mdxcviii
    1923 war er einer der Mitbegründer der 'Neumondschule' in Peking, später in Shanghai. Er übersetzte mit Lin Huyin Werke von Rabindranath Tagore (1861 - 1941) und erwarb auf einer Vortragsreise über diesen Dichter landesweite Bekanntheit. Dem Skandal bei Bekanntwerden seines stürmischen Werbens um Lu Xiaoman, einer jungen, verschwendungssüchtigen Offiziersgattin, entzog er sich 1925 durch eine mehrmonatige Europareise. Im Oktober wurde Xu Herausgeber der Pekinger Morgenpost-Beilage und veröffentlichte seine erste Sammlung gefühlsbetonter, romantischer Gedichte.
    1926 erschien seine Essaysammlung Luo ye 落叶mdxcix (Gefallene Blätter). Xu Zhimo prägte den Begriff des "langman de shiqing 浪漫的实情" (romantischen Empfindens). Eine Beschreibung von Land und Leuten enthält der Essay "Das frühere Leben in Florenz".mdc 1926 gründete er mit Wen Yiduo die Shikan 诗刊 (Poesiezeitschrift) und schuf die 'Neue formalistische Poesieschule'.
    1926 heiratete Xu Lu Xiaoman und erlitt eine schwere Depression, deren Ursache er in den Essays "Zipou 自剖"mdci (Selbstzergliederung) und "Zaipou 再剖" (Nochmalige Selbstzergliederung) anhand einer Selbstanalyse zu ergründen suchte. Diese Essays erschienen 1928 in der Essaysammlung Zipou 自剖mdcii (Selbstzergliederung). 1927 erschien eine weitere Gedichtsammlung,mdciii dennoch glaubte Xu Zhimo, ein Versiegen seiner Inspiration zu verspüren.mdciv Vor den Regierungstruppen des 'Nordfeldzuges' floh die Familie nach Shanghai, wo Xu mit Freunden den Verlag Xinyue shudian 新月书店 (Neumond-Buchladen) gründete. 
    1928 und 1929 entstanden zwei Essays mit demselben Titel: "Nong de huabukai 浓地化不开" (Undurchdringlich dicht). Aufgrund ihrer formalen und inhaltlichen Komplexität waren sie neben anderen analytischer Forschungsgegenstand einer Studie.mdcv Beide vermischen Realität und Phantasie. Oberflächlich handelt es sich um Reisebeschreibungen, tatsächlich geht es jedoch um die Innenwelt des Protagonisten Lin Lianfeng, der jeweils fremd in der Umgebung ist. Der 1928 in Singapur geschriebene Essaymdcvi schildert den einsamen Protagonisten in depressiver Stimmung. Den Großteil des Essays, der an einem Abend im Hotelzimmer spielt, bildet ein innerer Monolog, in dem Lin die Gesellschaft anderer Menschen ersehnt bzw. andere um ihre Zweisamkeit beneidet. Der 1929 in Hongkongmdcvii geschriebene Essay beschreibt die reale Wanderung auf den Victoria Peak, bei der Lin auf eine Frau, die vor ihm geht, aufmerksam wird. In seiner Phantasie wird die Wanderung unmerklich zur 'Verfolgung', schließlich die Frau zur 'Verführerin', die Lin in eine Höhle führt. Der Essay endet in Ernüchterung, Lin nimmt die Differenz zwischen seinen Sehnsüchten und der Realität wahr.
    1929 unternahm Xu eine Europareise und unterrichtete in Nanking, dann in Shanghai, 1930 in Peking. 1931 schien die Depression überwunden zu sein. Es erschien seine Essaysammlung Menghu ji 猛虎集mdcviii (Der wilde Tiger. Sammlung). Er starb bei einem Flugzeugabsturz am 19.11.1931. Sein Nachlaß wurde im selben Jahr in einer Sammlung unter dem Titel Herbst veröffentlicht.mdcix
    1988 erschien die fünfbändige Ausgabe Xu Zhimo. Gesammelte Werke. Während Bd 1 Gedichte, Bd 2 Erzählungen, Bd 5 Dramen und Korrespondenz enthalten, enthält Band 3mdcx 65 Essays in zwei Abschnitten. Band 4mdcxi enthält 58 Essays in zwei Abschnitten. 1993 wurde die Sammlung Pariser Fragmentemdcxii mit 15 Essays nachgedruckt. Darunter befindet sich ein Vorwort des Autors ohne Überschrift, datiert auf den 20. August [vor 1931, M.W.]. Die Originalausgabe schmückte ein groteskes, fast dadaistisches Titelblatt mit sexuell-verheißungsvollen Motiven. 1994 kompilierte Yi Shi 伊莳 28 Essays, darunter vier Selbstbildnisse des Autors, zu einer Auswahl von Xu Zhimos Essays,mdcxiii die 20.000 Exemplare erreichte.
    Nach Lu Xun, Zhou Zuoren und Zhu Ziqing sei im folgenden die vierte und letzte der ausgewählten Essayisten der Moderne vorgestellt: Die Schriftstellerin Bing Xin schrieb ähnlich wie Zhu Ziqing keine politische Literatur, sie muß allerdings wegen ihrer grundsätzlich konservativen, affirmativen Haltung und der Negierung etwa der 'Kulturrevolution' kritisch gesehen werden.


4.4 Philosophie der Liebe - Bing Xin 冰心 (geb. 1900) […] 用通讯题材来写文字,有个对象,感情比较容易着实。同时通讯也最自由[…]mdcxiv

[…] In der Briefform gibt es ein Gegenüber, die Gefühle bleiben also wirklich. Gleichzeitig ist die Briefform auch sehr frei […]
    Es liegen zahlreiche Aufsätze mit biographischen Information zu Xie Bingxin  谢冰心,  eigentlich Xie Wangying 谢婉莹, später Bing Xin 冰心mdcxv vor. Sie selbst äussert sich im "Vorwort zu meinen 'Gesammelten Werken'"mdcxvi zu ihrem Leben und Werk, das in jener Ausgabe bis 1932 erfaßt ist. Auch in den "Autobiographischen Notizen" schildert sie Stationen ihres Lebens.mdcxvii Beide übergehen die Guomindang-Beziehungen und die Japan-Zeit von Bing Xin, diese findet sich dagegen in der Sammlung Bing Xin. Essays,mdcxviii die auch biographische Angaben enthält. Dort ist die Darstellung stark interpretativ und wertend: grundsätzlich werden Bing Xins Essays positiv gewertet, es werden auch wichtige Essays hervorgehoben. Die bibliographischen Angaben darin sind unvollständig, aber enthalten Datierungen mit Monatsangabe. Weiter fand die Biographie im Literaturband der Vollständigen chinesischen Anthologie der Wissenschaftenmdcxix Verwendung in der vorliegenden Arbeit.
    Es liegt eine Dissertation von Bartels vor: Xie Bingxin - Leben und Werk in der Volksrepublik China.mdcxx Bartels untersucht den Wandel der Haltung Bing Xins gegenüber der Politik der VR Ch zwischen ihrer Rückkehr nach China 1951 bis etwa 1978, den Jahren nach der 'Kulturrevolution'. Weiter beschäftigt er sich mit der Darstellung einzelner Gruppen der chinesischen Gesellschaft und des Auslandes. Schließlich untersucht er ihre Sprache und Literatur. Einige seiner Ergebnisse sind in dieser Arbeit berücksichtigt. Zu beachten ist der Zeitpunkt der Studie: Bartels beurteilt kurz nach Abschluß der 'Kulturrevolution' dieselbe eher noch nach offiziellen Positionen der VR Ch, so spricht er von der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" (ohne Anführungsstriche)mdcxxi und macht die vier Führungsmitglieder, die später als 'Viererbande'mdcxxii bezeichnet wurden, "für den repressiven Kurs auf ideologisch-kulturellem Gebiet während der Jahre von 1966 bis 1976 verantwortlich […]".mdcxxiii Die Studie enthält eine Bibliographie mit 196 Einzeltiteln von 1953 bis 1978, darunter 165 Essays (diese machen 84% der Texte aus, hier als "Prosatexte", "Vorworte", "Reden" bezeichnet, Rezensionen werden ebenfalls als Essays gezählt), vier Erzählungen und 22 Gedichte.mdcxxiv
    Die zugänglichen Bibliographien zu Bing Xin sind grüßtenteils lückenhaft und ungenau.mdcxxv Für die vorliegende Untersuchung mußten die bibliographischen Angaben mehrfach gegenrecherchiert werden.
    Im Herbst 1989 gestaltete die Zeitschrift Renditions einen Schwerpunkt zu Bing Xin. Die Ausgabe enthält Übersetzungen von Essays, Gedichten und Erzählungen.mdcxxvi Das Fachlexikon ausgewählter berühmter chinesischer Literaturwerke der Gegenwart enthält Informationen zu Bing Xins wichtigsten Werken.mdcxxvii Das Kompendium chinesischer Essays und Rezensionen - Bd Moderne aus der VR China enthält biographische Angaben und sechs Essays mit positiven Rezensionen von verschiedenen Kritikern.mdcxxviii Die Plauderei über 100 chinesische Essayistenmdcxxix enthält biographische Angabenmdcxxx mit einem ausführlichen, aber sehr fehlerhaften bibliographischen Teil.mdcxxxi Gänzlich ausgeklammert werden zum Beispiel ihre wichtigen in Japan erschienenen Essays über die chinesische Literatur im allgemeinen. Es gibt einen Teil mit Text(auszüg)enmdcxxxii und einen mit Sekundärliteraturtexten.mdcxxxiii
    Die immer gleichen Themen Bing Xins werden im Aufsatz "Ewig über die Natur, die Mutter und das kindliche Gemüt - Zu Bing Xins Essays"mdcxxxiv aus ihrem biographischen Hintergrund zu erklären versucht. Es geht um ihre Grundüberzeugungen, die Entwicklung in ihrem Werk von wenig reflektierenden Essays über Problem-Kurzgeschichten bis hin zu Essays im tongxun ti 通讯体 (Stil des offenen Briefs), der einen starken Vorbildcharakter für andere Schriftsteller hatte. Es werden Gründe für die Popularität dieses Stils gesucht.
    Xie Bingxin hat in ihren bis heute 20 Essaysammlungen, die in mehreren Werkausgaben zugänglich sind, im Wesentlichen nur das Thema Liebe behandelt, diese Konstanz ist für einen Essayisten ungewöhnlich. Bing Xin ist in mehr Essaysammlungen aufgenommen als jeder andere, bot sie doch den Vorteil, gewissermaßen als 'Alibi' fungieren zu können, daß auch eine weibliche Autorin aufgenommen wurde. Bing Xin steht auf Platz 4 der Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ).
    Bing Xin, geb. am 5. Oktober 1900 in Fuzhou 福州 (Provinz Fujian 福建), zog 1901 nach Shanghai.mdcxxxv Ihre Familie war wohlhabend, ihr Vater Fregattenkapitän bei der Marine des Qing-Reiches. 1904 zog er mit seiner Familie nach  Yantai 烟台 (Provinz Shandong), wo er die imperiale Marineschule leitete. Bing Xin verbrachte in diesem verschlafenen Küstenort  zwischen sieben und acht Jahren. Sie las bereits als Kind westliche Literatur und tat sich früh mit Gedichten und Erzählungen hervor, dabei übte in Kindertagen der Eindruck des Meeres einen großen Einfluß auf sie aus.
    1911, kurz vor Ausbruch der Revolution, kehrte die Familie nach Fuzhou zurück. Nach der Republikgründung zog ihr Vater 1913 nach Peking um, wo er Leiter der dortigen Marineschule wurde. Bing Xin nahm in der Mädchen-Mittelschule Beimanmdcxxxvi ab 1914 nach eigener Aussage auch christlichemdcxxxvii Einflüsse auf, durch die sie ihre "Philosophie der 'Liebe'" entwickelte.mdcxxxviii 1918 bestand sie die Prüfung des vorbereitenden Kurses der Xiehe-Frauenuniversität. Später besuchte sie die Yanjing-Frauenuniversität und studierte Medizin.
    Im Enthusiasmus der Veränderungen der '4.-Mai-Bewegung' glaubte Bing Xin, ihre Philosophie in der neu zu errichtenden Gesellschaft verwirklichen zu können.mdcxxxix Sie trat der 'Literarischen Studiengesellschaft' bei und beteiligte sich als eine der ersten Schriftstellerinnen im Alter von 19 Jahren mit ersten Publikationen an der '4.-Mai-Bewegung'.mdcxl Im Rückblick bezeichnete sie ihre damaligen Essays als "Propaganda", die '4.-Mai-Bewegung' habe sie als "Explosion" erlebt, sie habe dadurch ihr Physikstudum vernachlässigt und sei zur Literaturwissenschaft gewechselt.mdcxli Im September 1919 veröffentlichte sie unter dem Einfluß dieser neuen Bewegung ihre erste Kurzgeschichte Liang ge jiating 两个家庭 (Zwei Familien),mdcxlii in der sie am kontrastiv beschriebenen Beispiel zweier Familien die Reformbedürftigkeit auch der  Familie anmahnte, es folgten eine Reihe 'Problem-Kurzgeschichten' mit gesellschaftlichen, familiären und Frauen-Themen.mdcxliii Zugleich wurde sie durch ihre kurzen Gedichte bekannt.mdcxliv
    1921 schrieb sie ihren ersten Essay "Xiao 笑"mdcxlv (Das Lachen),mdcxlvi in dem sie die Liebe eines jeden zum Leben gefühlvoll beschrieb. Dieser Essay war einer der ersten typischen schöngeistigen Essays.mdcxlvii Sie schildert darin das Lachen und die Liebe von Kindern und alten Frauen sowie das eines Mädchens auf einem Bild als harmonisch. Dann schildert sie die Beziehung von Kindern zur Natur. Bing Xin spiegelt ihre starken Gefühle in ausdrucksstarken Formulierungen. Über ihre frühen Essays hat Wang Meng einen Essaymdcxlviii geschrieben.

Aber dies waren philosophische Produkte der Zeit der '4.-Mai-Bewegung' mit offensichtlich positivem Nutzen für die Gesellschaft. Wenn die Autorin die Mutter, die kindliche Einfalt und die Natur lobpreist, so ist dies ein Anrennen gegen die damalige Gesellschaft. Die Besonderheit der Essays von Bing Xin ist ihr Reichtum an Lebensfreude und philosophischer Theorie.mdcxlix

    Die Essayistik sollte auch die Domäne der bis in die Gegenwart der 1990er Jahre schreibenden Bing Xin bleiben.mdcl Daneben veröffentlichte sie auch Sammlungen mit Erzählungen und Gedichten.mdcli 1922 begann sie die autobiographische Essayreihe "Wang shi 往事" (Vergangenes)mdclii, in der sie Eindrücke aus ihrer Kindheit aufarbeitete, hier ist vor allem der erste Text hervorzuheben.mdcliii In "Vergangenes, Essay 1" schildert sie lyrisch Kindheitserlebnisse des erzählten Ich mit philosophischen Verallgemeinerungen aus der Perspektive des erzählenden Ich.mdcliv
    Der Essay "Über 'Literaturkritik'"mdclv erschien 1922, 1996 in englischer Übersetzung in der Sammlung Modern Chinese Literary Thought.mdclvi Darin setzt sich Bing Xin im vertrauten gefühlsbetonten Stil mit dem Verhältnis zwischen Autor, Leser und Kritiker auseinander. Sie wirbt um Verständnis für den Autor.
    Nach anfänglichem Medizinstudium wechselte sie 1923 zur Literatur.mdclvii Im selben Jahr machte sie ihren Bachelor-Abschluß.
    1923 erschien die Essaysammlung Bing Xin.mdclviii Die Sammlung Chaoren 超人mdclix (Supermann), erschienen 1923, enthält auch Kurzgeschichten, die Titelgeschichte beschäftigt sich mit der "Philosophie der 'Liebe'". 
    1923 erhielt sie ein Stipendium, das sie unmittelbar antrat: Sie ging zum Studium der Anglistik in die Vereinigten Staaten.mdclx Ihre Erlebnisse auf der Reise dorthin und dortmdclxi schildert sie in 29 Briefen der Reihe Ji xiao duzhe 寄小读者 (An die kleinen Leser), die vorab in der Chenbao 晨报 (Morgenpost) veröffentlicht und stark rezipiert wurden.mdclxii Dort entstanden auch weitere der thematisch verwandten Essays der Sammlung Wang shi 往事 (Vergangenes).mdclxiii Beide zusammen bilden das Hauptwerk von Bing Xins frühen Essays.mdclxiv Daneben schrieb sie auch Erzählungen.mdclxv 1926 wurden die Briefe "Ji xiao duzhe" in ihrer ersten gleichnamigen Essaysammlung im Shanghaier Beixin shuju 北新书局 (Neuer Buchladen des Nordens) veröffentlicht.mdclxvi 
    Einige häufiger abgedruckte Briefe seien angeführt: Im Essay "An die kleinen Leser, Brief 7",mdclxvii der am 28. August und 14. Oktober 1923 entstand, beschreibt Bing Xin die Gefühle angesichts des Meeres, die sie während ihrer Schiffsreise von Shanghai nach Boston empfand. Sie erinnert sich an ihre Freunde und Liebe zur Natur. Im Essay "An die kleinen Leser - Brief 10",mdclxviii der auf den 5. Dezember 1923 datiert ist, beschreibt Bing Xin die Liebe ihrer Mutter. Aufgrund der Liebe ihrer Mutter zu ihr liebe sie alle Kinder auf der Welt und noch mehr alle Mütter. Der Stil ist ausgefeilt und gefühlsbetont. Mutterliebe brauche keine Begründung, aus ihr sei die ganze Welt erschaffen. Die emotionale Komponente wirkt nicht nur auf den westlichen Leser zu stark ausgeprägt. Auch aus der Volksrepublik verlautet: "Viele kritisieren, daß Bing Xins 'Philosophie der Liebe' und ihre propagierte 'Liebe zwischen den Menschen' eine Art realitätsfliehende, leere Träumerei seien."mdclxix 
    Während eines siebenmonatigen Krankenhausaufenthaltes zur Heilung ihrer Tuberkulose 1923 in den Vereinigten Staaten setzte sie diese Texte fort, und es entstanden daneben die themenverwandten Shan zhong zaji 山中杂记mdclxx (Vermischte Aufzeichnungen in den Bergen), die Zheng Zhenduo 1926 und Guo Moruo 1931 zu gleichbetitelten Sammlungen anregten. Über zurückliegende Gefühle und Erinnerungen sowie frühere Eindrücke von Landschaften und Natur, an die sie während der Zeit der Krankheit wieder dachte, berichtet sie in dem Essay "Vergangenes, Essay 2, 3. Teil"mdclxxi. Im Essay "An die kleinen Leser, Brief 17",mdclxxii datiert auf den 9. Mai 1924, beschreibt sie den Löwenzahn. Er sei sehr gewöhnlich, aber in seiner Einfachheit schön. Bing Xin gelangt bei der Beschreibung zu der Einsicht, jedes Ding habe seine guten Seiten und jeder Mensch seinen individuellen Wert. Erst durch das Gewöhnliche werde man sich des Ungewöhnlichen bewußt. In Shanghai veröffentlichte sie den vor dem 10. Oktober 1924 verfaßten Essay "Einige kindliche Sätze über die Liebe zum Meer".mdclxxiii Beim Vergleich zwischen Bergen und Meer erhalte für Bing Xin das Meer den Vorzug. Wenn sie gegen ein Himmelsgesetz verstoßen habe und Selbstmord begehen müsse, werde sie sich nicht von einem Berg stürzen, sondern ins Meer. Dieser Text ist anrührend geschrieben.
    Nach ihrem Studienabschlußmdclxxiv kehrte sie im Juli 1926 nach Peking zurück. Sie sah China nun mit neuen Augen und schrieb nur noch wenig, unter anderem Kurzgeschichten, die sich mehr an gesellschaftlichen Fragestellungen orientierten. Zu erwähnen sind aus diesem Zeitraum die Essaysmdclxxv mit Gesellschaftsbezug "Nangui" 南归 (Rückkehr aus dem Süden)mdclxxvi, der 1931 veröffentlicht wurde, und "Xinnian shibi" 新年试笔 (Neujahrsessay)mdclxxvii.
    Die Briefe An die kleinen Lesermdclxxviii erlebten 1931 eine elfte Auflage. Darin zusammengefaßt waren 41 Essays, darunter ein "Vorwort zur vierten Auflage von 'An die kleinen Leser'",mdclxxix in dem sie sich an das häufige Lächeln ihrer Mutter erinnert und im Rückblick das Leben betrachtet, das sie ihr zu verdanken habe. Zielgruppe bildeten Kinder, von denen sie mit solchen Essays die möglicherweise verletzende Realität fernhalten wollte.
    Sie unterrichtete zehn Jahre an der Qinghua- und später an der Yanjing-Universität ohne nennenswerte Literaturproduktion.mdclxxx Abgesehen von einigen wenigen Texten wie dem genannten, mangelte es dem wenigen, das sie schrieb, auch an Qualität.mdclxxxi Bing Xin heiratete 1929 den Soziologen Wu Wenzao 吴文藻.mdclxxxii 1930 erschien die Essayreihe Vergangenesmdclxxxiii in einer gleichnamigen Sammlung, die auch Kurzgeschichten enthielt.
    Sie schien mit dem Literaturschaffen abgeschlossen zu haben: 1931 veröffentlichte sie Bing Xin quanji.mdclxxxiv Die Sammlung Rückkehr aus dem Süden von 1931 enthält auch Kurzgeschichten.mdclxxxv 1932 erschien die Essaysammlung Bing Xin.mdclxxxvi
    In den 1930er Jahren wurde sie der guixiu pai 闺秀派 (Gruppe der gelehrten Frauen) zugerechnet, obwohl sie sich selbst nicht so sah.mdclxxxvii 1935 erschienen Reiseberichte von Bing Xin.mdclxxxviii In den Sommerferien 1936 bereiste sie Japan, Amerika, England, Italien, Frankreich, Deutschland und die Sowjetunion, diese Reise dauerte bis ins Jahr 1937.mdclxxxix Nach dem Ausbruch des Widerstandskrieges gegen Japan beteiligte sie sich auf kulturellem Gebiet aktiv an den antijapanischen Aktivitäten.
    Auf der Flucht vor den Kriegswirren zog Bing Xin mit ihrer Familie im Spätsommer 1938 nach Kunming 昆明, im Oktober 1940 nach Chongqing 重庆 und wurde in den guomin canzhenghui 国民参政会 (Politischer Nationalrat)mdcxc der regierenden Guomindang 国民党 gewählt.mdcxci Von 1941 bis 1947 arbeitete sie in der Guomindang-Regierung mit.mdcxcii Unter dem Pseudonymmdcxciii "Gentleman" veröffentlichte sie 16 Essays und Kurzgeschichten über berühmte Chinesinnenmdcxciv. 
    Über die zwischenmenschliche Liebe zwischen Schülern, Freunden, Verwandten berichtet sie in dem Essay "Meine Kindheit",mdcxcv der auf den 27. März 1942 datiert ist.
    1946 kehrte sie nach Beiping zurück, im Winter siedelte sie nach Japan über,mdcxcvi wo sie von 1949 bis 1950 erste Professorin für neue chinesische Literatur der Tõkyõ-Universität war.mdcxcvii Dort stellte sie die chinesische Literatur in einem Essay vor: "Wie die chinesische Literatur zu würdigen ist".mdcxcviii Diese Angabe findet sich lediglich in jenem Sekundärwerk,mdcxcix das auch die Guomindang-Beziehungen und die Japan-Zeit von Bing Xin beleuchtet.
    1951 kehrte sie nach China zurückmdcc und begann wieder zu schreiben. Sie veröffentlichte Guilai yihou 归来以後 (Nach der Wiederkehr) und Bing Xin xiashuo sanwen ji 冰心小说散文集 (Gemischte Sammlung von Erzählungen und Essays).mdcci 
    Im Essay "Wie ich 'Unzählige Sterne' und 'Frühlingswasser' schrieb" liefert Bing Xin Hintergrundinformationen über das Entstehen ihrer beiden Bände mit sehr kurzen Gedichten: Ursprünglich habe sie als 19jährige nur fragmentarisch Notizen ihrer Erfahrungen und Empfindungen an der Universität in einem Notizbuch festgehalten. Erst später sei sie durch die Publikation der Prosaübersetzung von Tagores sehr kurzen Gedichten Stray Birds auf die Idee gekommen, aus den Notizen entsprechende kurze Gedichte zu arrangieren.mdccii
    1954 erschien eine Auswahl von Kurzgeschichten und Essays von Bing Xin.mdcciii
    Im kommunistischen China bekleidete sie ab 1954 verschiedene Ämter in den staatlichen Schriftsteller- und Künstlerverbänden, in Freundschaftsgesellschaften sowie im Volkskongreß,  sie wurde Abgeordnete von Fujian 福建 für den 1. Nationalen Volkskongreßmdcciv und erstmals 1956 stellvertretende Vorsitzende des 4. Zentralkomitees einer als 'Feigenblatt' geschaffenen "Zhongguo minzhu cujinhui 中国民主促进 会" (Chinesischen Vereinigung zur Förderung der Demokratie).mdccv 
    Seit 1958 setzte sie ihre Briefe An die kleinen Leser mit Bd 2 fortmdccvi und schrieb, unbeeinflußt von der '100-Blumen-Bewegung' und der anschließenden Kampagne 'gegen Rechtsabweichler', weitere Essaysammlungen mit kindlicher Zielgruppe:  1956 erschien Tao Qis Tagebuch der Sommerferien,mdccvii  1957 Heimkehr-Erinnerungstexte,mdccviii  1958 Nach der Rückkehr,mdccix 1960 Wir haben den Frühling gewecktmdccx mit einem gleichnamigen Essay, 1960 Das Lämpchen aus Orangenschalenmdccxi mit einer gleichnamigen Erzählungmdccxii über das Geschenk einer Lampe aus Orangenschale, die der Ich-Erzähler von einem kleinen Mädchen als Dank erhält, weil er sie und ihre kranke Mutter besuchte und ihnen Orangen schenkte.
    1962 erschien Loblied auf die Kirschblütemdccxiii mit einem gleichnamigen Essay, 1964 Aufgelesene kleine Texte.mdccxiv
    Während der 'Kulturrevolution', die nicht spurlos an ihr vorüberging,mdccxv unterbrach sie ihre schriftstellerische Tätigkeit für zehn Jahre, sie ging mit ihrem Mann zur körperlichen Arbeit nach Hubei und war kurze Zeit auf der 7.-Mai-Kaderschule.mdccxvi
    Noch während der 'Kulturrevolution' erschienen in Hongkong Texte, die mit bewußter Anknüpfung an Titel vor der 'Kulturrevolution' eine scheinbare Kontinuität vorgaben. Diese Texte scheinen vorher entstanden zu sein. Herangezogene chinesische Quellen erwähnten diese Titel nicht: 1973 erschien Kirschblüten und Freundschaft,mdccxvii Hier bei uns gibt es keinen Winter.mdccxviii
    Die erschütternden Erfahrungen der 'Kulturrevolution' veranlaßten andere Autoren zu Leidens- oder Bekenntnisliteratur (wie Ba Jin), nicht jedoch Bing Xin: Durch die 'Kulturrevolution' im Hinblick auf die gesellschaftliche Veränderbarkeit desillusioniert, schrieb sie nach der 'Kulturrevolution' zunächst bis 1988 keine Essays mit Gesellschaftsbezug mehr, sondern ausschließlich Kinderliteratur. Hier suchte sie in der Tradition ren zhi chu xing ben shang 人之初、性本善 nach dem Guten im Menschen. Auch Lu Xun hatte ja seine Hoffnungen erst in die nächste Generation gesetzt. Nur in wenigen Äußerungen über die 'Kulturrevolution' klagte sie ihr Leid.mdccxix 
    Nach dem Ende der 'Kulturrevolution' 1978 wurde sie zum Ständigen Mitglied des Ausschusses der 5. Nationalen Politischen Volkskonsultativkonferenz gewählt, 1979 beim 4. Treffen des Kongresses der Literatur- und Kunstschaffenden wiederum zur stellvertretenden Vorsitzenden der "Zhongguo minzhu cujinhui 中国民主促进会" (Chinesischen Vereinigung zur Förderung der Demokratie).mdccxx 
    Ab 1978 schrieb sie erneut in bewußter Kontinuitätsvorspiegelung zum dritten Mal Briefe an die kleinen Leser,mdccxxi nun wieder für einen Verlag in der VR China. 1981 erschien eine gleichnamige Sammelausgabe,mdccxxii die in 3 Bänden folgende Sammlungen zusammenfaßte: Ji xiao duzhe 寄小读者 (An die kleinen Leser), Zai ji xiao duzhe 再奇小读者 (An die kleinen Leser, Bd 2) mit den Texten ab 1958, San ji xiao duzhe 三寄小读者 (An die kleinen Leser, Bd 3) mit den Texten ab 1978. Ein Grund für die Kontinuität in Titel und Inhalt, die bei keinem anderen der hier vorgestellten Essayisten zu verzeichnen ist, ist sicherlich die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Zielgruppe, der Kinder.
    1980 wurde ihre Kurzgeschichte "Kong chao" 空巢 (Leeres Nest) prämiert. Den Titel hatte Bing Xin in Anlehnung an das Gedicht des Tang-Dichters Bai Juyi 白居易mdccxxiii gewählt. In der Erzählung begegnen sich zwei Freunde nach 30 Jahren wieder, von denen der eine 1949 in die Staaten ausgewandert war und sich nun in China verloren vorkommt, während der andere sich in zwar bescheidenen Verhältnissen befindet, aber froh der Zukunft entgegenblickt.mdccxxiv
    1980 veröffentlichte Bing Xin die Sammlung klarer Abend,mdccxxv 1982 In Erinnerung an Shizhu.mdccxxvi 1982 erschien die bisher vollständigste Gesamtausgabe Bing Xin. Werkemdccxxvii mit Texten von 1919 bis 1982, unterteilt nach Gattungen.
    Wie schon Zhu Ziqing 1928, so verfaßte Bing Xin vor dem 15. September 1986 einen Essay mit dem Titel "Über Träume".mdccxxviii Bing berichtet von einigen seltsamen Träumen, darunter einem, den sie im Alter, als sie allein ist, öfter abends habe: Im Traum sei sie überall hin gereist und habe dann in ihrer Seele eine völlig freie Welt ohne Grenzen entdeckt. Beim Vergleich der beiden Essays fällt auf, daß der Traumrahmen in beiden Fällen genutzt wird, um eine freie Welt schildern zu können. Beide Autoren sind nicht für ihre Gesellschaftskritik bekannt. Tatsächlich scheinen sie aber ihre jeweilige Gesellschaft als nicht völlig frei zu empfinden. Während Zhu Ziqing noch direkter den Kontrast zur Realität anspricht, wirkt Bing Xins Abwandlung eher eskapistisch, da das grenzenlose Land in ihrem Innern zu lokalisieren ist. Bing Xins Essay wirkt auch persönlicher, da sie realistisch eigene Traumerfahrungen schildert und somit keinen solchen Anspruch auf Allgemeingültigkeit der Aussage erhebt wie Zhu. Die Unterschiede rühren sicherlich von den unterschiedlichen Autorintentionen her, aber auch von den veränderten Zeitumständen. Der Traum erscheint bei Zhu Ziqing noch stärker am traditionellen chinesischen Traummotiv orientiert, während Bing Xins Schilderung tiefenpsychologisch ergiebiger ist.
    Im Essay "Abendrot",mdccxxix der im September 1986 oder vorher entstand, beschreibt sie den Sonnenuntergang und erklärt, daß das menschliche Leben stets des Schaffens, des Fortschritts und neuer Dinge bedürfe.
    1988 erschien in Fortsetzung ihrer Gedanken zu Frauen die Sammlung Über Männer,mdccxxx 1993 Über Frauen und Männer.mdccxxxi
    In den "Fiebererzählungen vom Krankenbett",mdccxxxii die vor dem 15. Mai 1988 entstanden, beschreibt sie die Freude, die sie während ihrer Krankheit empfand, als sie Blumen betrachtete. Weiter schreibt sie über das Lächeln ihrer Verwandten und den Frieden in der Welt.
    1992 erschien die Sammlung Bing Xin. Essayauswahl mit 37 Essays aus den Jahren 1919 bis 1949 und einem Vorwort des Herausgebers Liu Jiaming 刘家鸣.mdccxxxiii 1993 erschien eine Essaysammlung Bing Xin,mdccxxxiv die wiederum denselben Titel trägt wie eine Sammlung von 1932.
    Bing Xin ist bis ins hohe Alter aktiv und hat bis in die 1990er Jahre ihren Einfluß behalten.

Essayverständnis und Schreibstil

    Bing Xin bezeichnete ihre Essays als zagan 杂感 (vermischte Eindrücke). Schon in diesen zeigte sie ihren typischen Stil, den sie ihr Leben lang beibehalten sollte: Sie erzählte im Plauderton, blieb aber bescheiden.
    Den unverwechselbaren Stil von Essays wie den Briefen An die kleinen Leser, "Wang shi (er) 往事(二)" (Vergangene Dinge, zweiter Teil), und "Shan zhong zaji 山中杂记" (Vermischte Aufzeichnungen in den Bergen) erreicht Bing Xin durch emotionale Weichzeichnung mit einem Schuß Melancholie. Sie beweist ein feines Gespür für die Gefühlsbewegungen des chinesischen Lesers. Sie ist bekannt für ihren Sinn für Alltagsweisheiten, die sie in ihren Worten versteckt. Ihre Sprache ist erfrischend, ausgefeilt und genüßlich zu lesen. Sie trifft den angemessenen Ton: Mal plätschert der Essay in Umgangssprache vor sich hin, mal vermag sie ganze Zusammenhänge in wenigen klassischen Zeichen auszudrücken.mdccxxxv
    Ihr Stil wurde mit dem Begriff "Bing Xin ti 冰心体" (Bing Xin-Stil) gewürdigt,mdccxxxvi der vor allem auf ihre kurzen Gedichte angewendet wurde.mdccxxxvii A Ying (1900 - 1977) beschreibt ihn so, daß es ein umgangssprachlicher Stil sei, der auf einem Fundament der vormodernen Schriftsprache aufgebaut sei.mdccxxxviii Yu Dafu erklärte zu ihren Essays: "Der Sinn liegt außerhalb ihrer Worte, die nur jemand aus sich heraus schreiben kann, trauerumflort, aber nicht verletzt, in Übereinstimmung mit sich selbst, der eigenen Biographie entsprechend - das ist das Beste an Bing Xins Essays."mdccxxxix 
    In einer volksrepublikanischen Quelle heißt es: "Die Literaturform, die Bing Xin am meisten liebte, ist der Essay. […] Supermann ist ihre erste Essay- und Kurzgeschichtensammlung. Ihr erster Essay 'Xiao 笑' (Lachen) […] wurde immer als der 'reinste meiwen' der 'Neuen Literaturbewegung' [des Vierten Mai] betrachtet. 'Rückehr aus dem Süden' […] ist der längste gefühlsbetonte Essay."mdccxl Sie verwendete eine shuqing de 抒情的 (gefühlsbetonte)mdccxli Sprache, reichhaltige Bilder und Assoziationenmdccxlii sowie einen flüssigen und eleganten Stilmdccxliii in Umgangssprache. Zhou Zuoren sagte über Bing Xins Stil, er "ähnelt einer chinesischen Birne, saftig und erfrischend"mdccxliv, daher wurde Bing Xin auch als Vertreterin der "Birnengruppe" bezeichnet.
    Eine Quelle aus der Volksrepublik spricht den Essays von Bing Xin zugleich die reiche Vorstellungs-, Gefühls- und Gedankenwelt eines Lyrikers zu. Ihre Aufsätze seien kurz und unverfälscht, bei den meisten handle es sich um "1000-Zeichen-Texte".mdccxlv

Themen

    Die ewig gleichen Themen (Natur, Muttermdccxlvi, kindliche Einfaltmdccxlvii) lassen sich biographisch aus dem familiären Hintergrund, ihrer Erziehung und persönlichen Erfahrung erklären, so war Bing Xin auf verschiedenen Mädchenschulen, auf welchen sie ihre "Philosophie der Liebe" herausbildete, und hatte ein harmonisches Familienleben im Elternhaus und später mit ihrem Mann.mdccxlviii Die drei Stützpfeiler von Bing Xins Gedankenwelt seien ihr Urvertrauen in Liebe und Wahrheit, in die positive Zukunft der Menschheit und in ihre eigenen Fähigkeiten.mdccxlix
    Bing Xin ist jedoch komplexer, als die Interpretationen der zugänglichen Quellen aus der der VR Ch erahnen lassen: Entgegen dem Tenor der Interpretation, sie habe ewig die Themen Mutterliebe, kindliche Einfalt und Natur beschrieben, liegen auch politische Bekenntnisse von ihr vor: Neben 1. Lippenbekenntnissen nach der "Bekehrung" von der Guomindang-Mitarbeiterin zur Kommunistin,mdccl 2. hoffnungsfrohen Texten auf die kommunistische Zukunft, etwa nachdem sie die 'Kulturrevolution' überlebt und nicht, wie Gerüchte besagten, Selbstmord begangen hatte,mdccli und 3. feurigen antiamerikanischen und antijapanischen Propagandatexten, liegen 4. Andeutungen zum Terror durch die Rotgardistenmdcclii und zum Verlust von Lao She und zahlreichen seiner Texte vor: "Dieser Verlust wird nie und nimmer wiedergutzumachen sein!"mdccliii

Entwicklung in ihrem Werk

    Bing Xin hat sich dem Dienst am Staat verschrieben, nimmt sich aber ein Maß an individueller Freiheit heraus, "ohne die sich künstlerisch-kreative Tätigkeit nicht zu entfalten vermag".mdccliv Sie engagiert sich für die Rechte unterprivilegierter Volksgruppen, gleichzeitig schreibt sie jedoch auch Essays, in denen propagandistische Töne überwiegen. Sie stellt sich auf die Seite des einfachen Volkes im Kontrast zur Arroganz, Eigensucht und Doppelzüngigkeit "derer da oben".mdcclv Sie setzte auch eher das eigene Werk herab, als daß sie den Knüppel gegen Kollegen geschwungen hätte.mdcclvi Sie trat für das Ideal einer gerechten, humanen Gesellschaft ein.
    Zunächst schrieb Bing Xin Essays, ohne allzu sehr zu reflektieren, dann Essays im Stil der "Problem-Kurzgeschichten" und schließlich, beginnend im Juli 1923 mit "Ji xiao duzhe (tongxun yi) 寄小读者(通讯一)" (An die kleinen Leser, Brief 1), - Texte, für die sie bewußt die Essayform des Briefes wählte.mdcclvii Der tongxun ti 通讯体 (Stil des offenen Briefs) zeichnet sich durch die Freiheit aus, in einem Text ganz unterschiedliche interessante Dinge zu beschreiben. "Diese Essays beeinflußten einen großen Teil der damaligen Essaysammlungen."mdcclviii
    Mit seltener Konstanz in ihrem Schaffen hat Bing Xin das Thema Liebe behandelt, ein Grund dafür mag sein, daß sie in der Gesellschaft zuwenig Liebe sah. Die Konstanz zeigt auch, daß sich die Gesellschaft in diesem Bereich nicht zum Positiven gewandelt hat.
    Eine Kritik aus der VR Ch nennt fünf Gründe für die Popularität des im Stil des offenen Briefes geschriebenen Buches An die kleinen Leser:  1. Bing Xin schrieb diese Briefe in blendender Schreiblaune. 2. Bing Xin war sich ihrer eigenen Schreibweise und ihrer Stärken bewußt. 3. Sie brauchte sich nicht zu verstellen, sondern konnte ihren Gefühlen gegenüber der Leserzielgruppe freien Lauf lassen. 4. Die "Philosophie der Liebe und Wahrheit" stieß bei der zeitgenössischen Jugend auf Akzeptanz, da man bürgerkriegsähnliche Zustände hinter sich und die alte Ordnung verworfen hatte, ohne daß bereits ein neues Orientierungsmodell errichtet war. 5. Bing Xin beherrschte die Umgangssprache in einer frischeren Form als die meisten ihrer Zeitgenossen.mdcclix
    Auch bestimmte historische Ereignisse und Tendenzen haben Bing Xins Gedanken beeinflußt: Die '4.-Mai-Bewegung' bis 1926 wird allgemein als ihre brillanteste Zeit bezeichnet,mdcclx die Zeit des Widerstands gegen Japan mit dem 1943 veröffentlichten Hauptwerk mit sozialen Problemen Guanyu nüren 关于女人mdcclxi (Über Frauen) ist ihre zweite Schaffensphase, in ihrer Spätphase, der Zeit der Volksrepublik, konnte sie nicht mehr an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Sie schreibt aus bewußt weiblicher Perspektive, dennoch fehlt vielen Frauengestalten in ihren Werken die Lebendigkeit. Bing Xin erscheint als konservativ: Während sie in ihren Problem-Kurzgeschichten und in der Sammlung Über Frauen die Rolle der Frau zumindest anspricht, bleibt sie doch in ihren Aussagen eher versöhnlich bis affirmativ, in jedem Fall weit hinter den femistischen Forderungen ihrer Zeit (Zhou Zuoren und Yu Dafu unterstützten die Frauenbewegung stärker). Daß der Kampf um die Gleichberechtigung in der chinesischen Literatur auch im Sozialismus ein immerwährendes Thema blieb, zeigt die jüngste Anthologie mit Aufsätzen zu diesem Thema Gender and Sexuality.mdcclxii
    Bing Xin ist also eine unpolitische, aber konservative und affirmative Schriftstellerin, die zwar gegen die Irrungen der 'Kulturrevolution' zunächst protestiert, indem sie ihre gesellschaftsorientierten Texte (Über Frauen) einstellt, um nur noch Kinderliteratur zu schreiben, schließlich aber nicht nur wieder beginnt, gesellschaftsorientierte Texte zu schreiben (Über Männer), sondern dies auch noch in bewußten Aufnahme einiger Titel, die sie vor der 'Kulturrevolution' schrieb (z.B. An die kleinen Leser, Bd 3). Da sie die 'Kulturrevolution' in ihren Werken auch weitestmöglich umgeht, erscheint sie als heillose Eskapistin, eine sicherlich kritisch zu würdigende Rolle bei der didaktisch so relevanten Kinderliteratur. Sie ist mit Sicherheit aufgrund ihrer thematischen Beschränktheit in den Essaysammlungen überrepräsentiert, wurde sie doch häufig auch als "Alibi-Frau" mit aufgenommen.
    Es folgen nun noch ein paar Bemerkungen zu zwei weiteren Essayisten, bevor der fünfte Teil der Studie mit der Gegenwart beginnt.

Shen Congwen, Ding Ling

    Shen Congwen 沈从文mdcclxiii (1903 - 1988) enstammt der Miao-Nationalität in West-Hu'nan, wurde angesehener Romanautor und Universitätsprofessor. Mit geringer Schulbildung ging er zur Armee und begann, seine Erfahrungen in Peking literarisch zu verwerten. Diese "Odyssee" zeichnet Kinkley mit einer Monographie 1987 nach,mdcclxiv auch Wong Kam-ming hat über ihn einen biographischen Aufsatz vorgelegt.mdcclxv Shen Congwen steht mit He Qifang auf Platz 16 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 24 der Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ). Er verfaßte unter anderem die Sammlung von elf Essays Reisen auf dem Xiang-Fluß. Essays und Notizen,mdcclxvi die 1993 nachgedruckt wurde.
    Er wurde Mitglied der 'Neumondgesellschaft' und 1934 mit der Erzählung Biancheng 边城 (Die Grenzstadt) bekannt, in der er das Leben in seiner Region beschrieb. Shen schrieb in der Zeit des Widerstandskriegs gegen Japan einen Essay, in dem er den verderblichen Einfluß von politischen und literarischen Führungspersönlichkeiten auf die Literatur kritisierte. Nach 1949 wurde Shen kritisiert, ein Selbstmordversuch schlug fehl, woraufhin er sich bei Staatsgründung ins Pekinger Historische Museum zurückzog, wo er bis zum Ende der 'Kulturrevolution' Trachten, Ornamente und Fächer erforschte; ein Resultat war die Pionierarbeit Forschungen zu klassischen chinesischen Trachten.
    Das ungebrochene Interesse an seinen Essays zeigt die Auswahlausgabe von Lin Yu 凌宇 von 1982,mdcclxvii die 1995 in ihrer zweiten Auflage auf 26.678 Exemplare kam. Sie enthält 53 Essays aus den 1930er und 1940er Jahren, darunter einen autobiographischen.
    Die Erzählung "Die Liebe des Schamanen" aus dem Jahr 1929 untersucht eine deutschsprachige Studie aus dem Jahr 1992.mdcclxviii
    Die jüngste der bis 1949 einflußreichen Essayistinnen ist Ding Ling 丁玲mdcclxix (Jiang Bingzhi, 1904 - 1986). Von ihrer eigenständigen Mutter wurde sie zu einer selbstbewußten Frau erzogen. In ihren Essays trat sie für die Emanzipation junger Frauen ein und gab eine Innensicht in die Gefühlswelt moderner Frauen. Sie zog von Shanghai nach Peking und heiratete 1925 Hu Yepin 胡也频, einen jener fünf Kommunisten, die am 7. Februar 1931 von der Nationalpolizei erschossen wurden. 1931 wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei, 1932 der 'Liga linker Schriftsteller', 1933 wurde sie von der Guomindang gekidnappt, konnte aber entkommen und nach Yan'an fliehen. Dort schrieb sie Essays, in denen sie das soziale und politische Leben in Yan'an kritisierte. Sie wurde aufs Land verschickt und war Ziel einer nationalen Kampagne 1951/52. Sie reiste in die nordwestlichen Gebiete Rußlands, beschrieb das Leben von Arbeitern und Bauern und galt als eine der bekanntesten kommunistischen Autorinnen. 1958 wurde sie als Rechtsabweichlerin aus der Partei ausgeschlossen, in den 1970er Jahren rehabilitiert und zur stellvertretenden Vorsitzenden des Allchinesischen Schriftstellerverbandes gewählt.
    Lu Li 陆蠡 (1908 - 1942) steht auf Platz 18 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 26 der Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ). Er arbeitete im Shanghaier Kulturleben-Verlag und schrieb propagandistische Essays gegen die Japaner. 1942 wurde er von den Japanern verhaftet und getötet. 1993 wurde seine schmale Essaysammlung Grüne Notizen eines Gefangenenmdcclxx wieder aufgelegt. Sie enthält zehn Essays, darunter ein Vorwort des Autors.
    Im vierten Abschnitt dieser Studie wurden bisher vier chinesische Essayisten der Moderne (1917 - 1949) mit ihren bedeutendsten essayistischen Werken vorgestellt. Das Verständnis einiger Essays wurde dabei durch die Einbettung in den biographischen und zeithistorischen Hintergrund erleichtert. 
    Die zentrale Frage, die bei diesen Autoren geklärt werden sollte, war die nach ihrem Engagement im Rahmen der ideologisch kontrollierten Literatur oder der Protest in Form des Schreibens unpolitischer Literatur. Erstaunlich ist, daß unter den vier am häufigsten wiederabgedruckten Essayisten der Moderne drei, nämlich Zhou Zuoren, Zhu Ziqing und Bing Xin, mit ihren unpolitischen Texten eindeutig nicht dem 'mainstream' zugeordnet werden können und selbst Lu Xun erst spät dahin überwechselte, wobei seine tatsächliche Nähe zur kommunistischen Ideologie von Mao Zedong sicherlich übertrieben wurde. Somit hat sich die Leserschaft allen nachträglich durch die Kommunistische Partei 'geadelten' Propagandaessayisten wie Guo Moruo (Gesamtplatz 15), Mao Dun (Gesamtplatz 16), Liu Baiyu (Gesamtplatz 22), Yang Shuo (Gesamtplatz 30) etc. zum Trotz für unpolitische Literatur entschieden
    Nachdem im ersten Abschnitt die Grundlagen, im zweiten die Essaytheorie der Moderne, im dritten die Statistik zur Auswahl der Essayisten und im vierten die Essayisten der Moderne behandelt wurden, soll nun im fünften Abschnitt die Theorie und Entwicklung des Essays der Gegenwart nachgezeichnet werden, soweit sich heute schon erkennbare Charakteristika abzeichnen.
    Essayforschung und -theorie wurden in Taiwan seit 1987 und in der VR China nach 1979 stark vorangetrieben. 
    Auch in der Gegenwart lassen sich bereits Entwicklungsphasen erkennen: 1949 bis 1957 wurden mehr Reportagen geschrieben. Der Forderung, den mit der Revolution geschaffenen "neuen Menschen" zu beschreiben, versuchten viele Essayisten nachzukommen, Ba Jin tat sich damit allerdings schwer. 1957 bis 1966 war zwischen den Kampagnen ('gegen Rechtsabweichler', 'Großer Sprung nach vorn', Beginn der 'Kulturrevolution') ein kurzes Aufleben des Essays zu verzeichnen, 1961 war ein weiteres "Jahr des Essays". Während zwischen 1966 und 1976, der 'Kulturrevolution', keine erwähnenswerten Essays geschrieben wurden, entwickelt sich der Essay in der dritten Phase seit 1977 beinahe so lebhaft wie zu Beginn der Republikzeit.