Lu Xun Complete Works/de/Qiejieting zawen 2

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且介亭杂文二集

Gestern habe ich die Texte des vergangenen Jahres fertig zusammengestellt; die in der Tageszeitung veroeffentlichten kurzen Kommentare beiseite gelassen, nannte ich die Sammlung Aufsaetze aus der Halb-Konzession. Heute mache ich mich daran, die diesjaehrigen zusammenzustellen. Da ich außer einigen Beitraegen fuer das „Literaturforum“ nicht viele Kurztexte geschrieben habe, nehme ich einfach alles hier auf und nenne es „Zweiter Band“.

Der Jahreswechsel hat an sich keine besonders tiefe Bedeutung; jeder beliebige Tag waere ebenso gut. Der Neujahrstag des naechsten Jahres wird sich gewiss nicht vom Silvesterabend dieses Jahres unterscheiden. Doch es ist bequem, solche Anlaesse fuer die menschlichen Angelegenheiten als Markierungen zu nutzen, um Dinge zum Abschluss zu bringen. Haette ich nicht daran gedacht, dass das Jahr bereits zu Ende geht, waeren die Zawen, die ich in den vergangenen zwei Jahren geschrieben habe, vielleicht noch nicht zu diesem Band zusammengefasst.

Nach Abschluss der Zusammenstellung habe ich keine großen Betrachtungen anzustellen. Was zu empfinden war, habe ich empfunden; was zu schreiben war, habe ich geschrieben. Nehmen wir zum Beispiel den Gedanken „Chinesen einsetzen, um Chinesen zu kontrollieren“. Als ich ihn vorvorletztes Jahr in der Kolumne „Freies Gespraech“ veroeffentlichte, wurde ich von Leuten wie dem ehrenwerten Fu Hongliao heftig angegriffen. Erst dieses Jahr brachten andere ihn wieder zur Sprache, und diesmal herrschte Windstille. Immer erst wenn „unglücklicherweise meine Worte sich bewahrheiten“, schweigen alle — doch dann ist es zu spaet, und beide Seiten haben Grund zu großer Trauer. Lieber waere mir, was Shao Xunmeis (邵洵美) Zeitschrift Renyan ueber mich sagte: „Mehr Leidenschaft als Argumentation, mehr Erfindung als Beweis.“

Es gibt Zeiten, in denen ich gar nicht den Wunsch habe, auf dem Feld der oeffentlichen Meinung zu siegen, denn meine Worte sind bisweilen der Ruf der Eule, der großes Unheil verkuendet. Wenn meine Worte sich bewahrheiten, bedeutet das, dass alle Unglueck erleiden werden. In diesem Jahr habe ich mich, teils aus innerer Ruhe, teils unter aeußerem Druck, kaum zu Staatsangelegenheiten geaeußert. Die wenigen Stuecke, in denen ich beilaeuig darauf zu sprechen kam — wie „Was ist Satire?“ und „Vom Helfen zum Schwatzen“ — wurden ausnahmslos verboten. Anderen Autoren duerifte es aehnlich ergangen sein. Und so herrschte Frieden auf Erden — bis die Nordchina-Autonomiebewegung die Journalisten dazu brachte, um den Schutz der rechtmaessigen oeffentlichen Meinung zu flehen. Meine eigene unrechtmaessige oeffentliche Meinung dagegen schrumpft, wie das Staatsgebiet selbst, von Tag zu Tag. Doch ich habe nicht vor, um Schutz zu bitten, denn der Preis waere einfach zu hoch.

Ich bewahre diese Texte einfach im Voruebergehen auf, als kleines Andenken an die Federfuehrung dieses Jahres.

31. Dezember 1935, aufgezeichnet von Lu Xun im Atelier der Halb-Konzession in Shanghai.

Wenn ein Autor ein schoepferisches Werk verfasst, muss er zwar nicht alles darin Geschilderte persoenlich erlebt haben, doch am besten ist es, wenn er einige Erfahrung damit hat. Der Einwand lautet: Muss also, wer ueber Mord schreibt, selbst gemordet haben, und muss, wer ueber Prostituierte schreibt, sich selbst verkaufen? Die Antwort: Nein. Was ich unter Erfahrung verstehe, ist das, was man begegnet, gesehen und gehoert hat — nicht unbedingt das, was man getan hat, obwohl das Getane natuerlich eingeschlossen sein kann. Wie sehr sich Genies auch bruesten moegen, am Ende koennen sie doch nicht aus dem Nichts erschaffen. Wenn es darum geht, Goetter und Geister zu malen, gibt es nichts, woran man es ueberpruefen koennte, und man koennte meinen, man koenne sich ganz auf die Phantasie verlassen — was man „ein himmlisches Ross, das ueber den Himmel galoppiert“ nennt — und einfach drauflos pinseln. Doch was dabei herauskommt, sind nichts als drei Augen oder ein ueberlanger Hals: lediglich ein zusaetzliches Auge am gewoehnlichen menschlichen Koerper oder ein um zwei, drei Fuß verlaengerter Hals. Was ist das fuer ein Koennen? Was fuer eine Schoepfung?

Auf dieser Erde gibt es mehr als eine Welt, und die tatsaechlichen Unterschiede zwischen ihnen sind extremer als die Kluft zwischen der Welt der Lebenden und der Toten in den muessigen Phantasien der Menschen. Die Menschen der einen Welt moegen die der anderen verachten, hassen, unterdruecken, terrorisieren und abschlachten, und doch wissen sie nichts ueber sie — und deshalb koennen sie nicht ueber sie schreiben. Also nennen sie sich „die dritte Kategorie“, sie betreiben „Kunst um der Kunst willen“. Selbst wenn es ihnen gelingt, etwas zu schreiben, sind es immer noch nichts als drei Augen und ein ueberlanger Hals. „Ein wenig heller“? Versucht doch nicht, die Leute zu taeuschen! Wo sind denn eure Augen?

Große Literatur ist ewig, sagen viele Gelehrte. Jawohl — vielleicht ist sie ewig. Aber ich persoenlich lese lieber Tschechow und Gorki als Boccaccio und Hugo, weil ihre Werke neuer sind und unserer Welt naeher. Es stimmt, dass Die Geschichte der Drei Reiche und Die Raeuber vom Liang-Shan-Moor in China noch immer weit verbreitet sind, doch das liegt daran, dass in der Gesellschaft noch immer die Atmospaere der Drei Reiche und des Liang-Shan-Moor herrscht. Die Kunst des Verfassers der Gelehrtengeschichte steht der eines Luo Guanzhong (罗贯中) gewiss in nichts nach, und doch — seit die Auslandsstudenten in allen Ecken wimmeln, scheint dieses Buch weder ewig noch groß zu sein. Auch die Groesse braucht jemanden, der sie versteht.

Die sechs hier gesammelten Kurzgeschichten sind allesamt Wundernachrichten aus einer Welt des Friedens — und doch sind sie in unserer Zeit die allergewoehnlichsten Vorkommnisse. Gerade weil sie so gewoehnlich sind, stehen sie uns umso naeher, gehen uns umso tiefer an. Der Autor ist noch ein junger Mann, doch seine Erfahrungen wiegen ein Jahrhundert der Erfahrungen eines fugsamen Buergers in friedlichen Zeiten. Inmitten eines Lebens im staendigen Umbruch von ihm zu verlangen, „Kunst um der Kunst willen“ zu betreiben, ist schlicht unmoeglich. Doch wir haben Menschen, die diese Art von Kunst verstehen — niemand muss sich die geringsten Sorgen machen.

Ist dies also große Literatur? Nein, wir selbst haben das nie behauptet. „Warum hat China keine große Literatur hervorgebracht?“ Wir haben die Belehrungen vieler Lehrmeister zu diesem Thema gehoert, aber leider vergessen sie ausnahmslos eines: die Verfolgung von Autoren und ihren Werken auf der anderen Seite. Die Leute der „dritten Kategorie“ belehrten uns einst mit einer Geschichte aus der griechischen Mythologie ueber einen Daemon, der ein Bett besaß: Er fing Menschen und legte sie hinein; waren sie zu kurz, streckte er sie; waren sie zu lang, hackte er sie zurecht. Die linke Kritik, sagten sie, sei genau so ein Bett — sie habe es ihnen unmoeglich gemacht zu schreiben. Nun ist dieses Bett tatsaechlich aufgestellt — aber wer haette gedacht, dass es ausgerechnet die Leute der „dritten Kategorie“ sind, die hineinpassen, weder zu lang noch zu kurz. Gen Himmel spucken und es in die eigenen Augen bekommen — kann es so etwas auf der Welt wirklich geben?

Doch wir haben Schriftsteller, die etwas hervorbringen koennen, und ihre Werke werden unter der Verfolgung nur umso staerker. Sie werden nicht nur von einer großen Schar junger chinesischer Leser getragen — als „Jenseits des elektrischen Zauns“ unter dem Titel „Onkel Wang“ in Literarisches Neuland erschien, gewann der Autor sofort Leser in der ganzen Welt. Das zeigt, dass der Autor die Aufgabe der Stunde erfuellt hat, und es ist eine Antwort an die Unterdruecker: Literatur ist Kampf!

Ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, in der ich mehr und bessere Werke dieses Autors zu sehen bekomme. 16. Januar 1935, aufgezeichnet von Lu Xun in Shanghai.

alle Menschen der Vergangenheit und Gegenwart, und es bliebe nur die eigene Bedeutungslosigkeit übrig. Wenn es in der ganzen Welt, in alter und neuer Zeit, tatsächlich je so etwas gegeben hätte, das wäre erst wahrhaft erstaunlich — doch in Wirklichkeit hat es das nie gegeben und wird es vermutlich auch nie geben. Nicht alle Menschen der Vergangenheit und Gegenwart — nicht ein einziger Mensch wurde je durch Beschimpfung zu Fall gebracht. Wer gestürzt ist, stürzte nie wegen Beschimpfungen, sondern nur, weil seine Maske heruntergerissen wurde. Eine Maske herunterzureißen heißt, die Wirklichkeit aufzuzeigen — das kann man nicht als Beschimpfung bezeichnen.

Doch in der Welt wird beides ständig in einen Topf geworfen. Nehmen wir den derzeit so überaus modischen Yuan Zhonglang (袁中郎) als Beispiel. Da man ihn als Aushängeschild hochgehievt hat, können die Zuschauer natürlich nicht umhin, dieses Aushängeschild zu kommentieren — wie das Gewand zerrissen, wie das Gesicht schief gemalt sei. Das hat in Wahrheit mit Zhonglang selbst nichts zu tun; gemeint ist die Handschrift derer, die sich für seine Jünger und Jüngerjünger halten. Aber diese Jünger und Jüngerjünger nehmen es als Beleidigung ihres Ahnherrn Zhonglang auf und bieten in ihrer Entrüstung und Bestürzung einen drolligen Anblick, denn sie meinen, die heutige Welt sei noch anmaßender als die der Vierten-Mai-Ära. Aber wie sieht das Gesicht des heutigen Yuan Zhonglang eigentlich aus? Die Epoche ist nah, die Dokumente liegen vor — was bleibt außer einem Lehrer des Kurzessays und einem Todfeind des „Pedantengehabes" noch übrig? Zur selben Zeit wie Yuan Zhonglang lebte in Wuxi ein gewisser Gu Xiancheng (顧憲成), dessen Schriften stets mit „der Heilige" begannen und mit „wir Konfuzianer" endeten — wahrhaftig auf jeder Seite triefend vor „Pedantengehabe". Zudem hasste er das Böse wie einen Feind und ließ gegenüber niedrigen Menschen keinerlei Nachsicht walten. Er sagte: „Ich habe gehört: Will man einen Menschen beurteilen, so betrachte man die Grundrichtung seiner Bestrebungen. Ist die Richtung recht, so bleibt er auch bei kleineren Verfehlungen ein Edler; ist die Richtung verfehlt, so gehört er, mag sein Verhalten im Kleinen auch lobenswert sein, letztlich zu den Niedrigen. Ferner habe ich gehört: Wer den Staat regiert, muss vor allem das Rechte stärken und das Verwerfliche unterdrücken. Begeht ein Edler unglücklicherweise einen Fehler, so soll man ihn schützen und fördern; begeht ein Niedriger auch nur ein geringes Vergehen, so entferne man ihn beizeiten, damit er nicht zum künftigen Unheil werde ..." (aus den Aufzeichnungen der Selbstprüfung). Erweitert man dieses Prinzip, so gilt: Will man Yuan Zhonglang beurteilen, betrachte man die Grundrichtung seiner Bestrebungen. Ist diese Richtung recht, darf man ihm gelegentliches leeres Gerede und Kurzessays nachsehen, denn er hat eine weit wichtigere Seite. So wie man Li Bai (李白) nicht für sein Trinken tadeln muss, weil er dichten konnte; wer aber nur trinken kann und sich als halber Li Bai oder als Jünger Li Bais ausgibt, der sollte in der Tat schleunigst „entfernt" werden.

Hat Zhonglang eine wichtigere Seite? Ja. Im siebenunddreißigsten Jahr der Wanli-Ära, als Gu Xiancheng sein Amt niederlegte, „leitete Zhonglang die Provinzprüfung in Shaanxi. In der Aufgabenstellung verwendete er die Wendung ‚die Beispiele von Chao und You übertreffen'. Als der Prüfungsaufseher fragte: ‚Was meint Ihr damit?', antwortete Yuan: ‚Nun treten die großen Weisen aus Wu nicht hervor — auf wen soll sich die moralische Ordnung der Welt stützen? Daher äußere ich diese Empfindung.'" (aus der Chronologischen Biographie des Herrn Gu Duanwen, Teil zwei). Zhonglang war eben ein Mensch, dem die moralische Ordnung der Welt am Herzen lag und der Männer mit „Pedantengehabe" bewunderte. Das Jin Ping Mei zu loben und Kurzessays zu schreiben, war nicht alles an ihm.

Zhonglang kann nicht durch Beschimpfung zu Fall gebracht werden, ebenso wenig wie sein Porträt verzerrt werden kann. Aber genau deshalb kann er auch nicht als dauerhaftes Nest für seine Schmarotzer dienen.

26. Januar.

Große Sammelwerke für die Leserschaft zu drucken ist eine Praxis, die es seit der Song-Dynastie gibt und die bis heute andauert. Der Nachteil ist, dass der Preis wegen des großen Umfangs hoch ist. Der Vorteil besteht darin, dass Bücher für das Studium eines bestimmten Fachgebiets an einem Ort versammelt werden, was mehr Mühe spart, als sie einzeln zusammenzusuchen; oder dass kleine Einzelwerke darin bewahrt werden, damit sie nicht so leicht untergehen. Aber dieser zweite Vorteil beruht tatsächlich auf ebendiesem Nachteil des großen Umfangs und hohen Preises, der die Menschen dazu bringt, sie umso mehr zu schätzen.

Doch auch Sammelwerke haben ihre Bücherwürmer — ihre Schmarotzer. Vom Ende der Ming- bis zum Beginn der Qing-Dynastie tauchten immer wieder betrügerische Sammelwerke auf. Eine Methode bestand darin, den Inhalt zu kürzen und die Druckkosten zu senken, aber ein langes Inhaltsverzeichnis aufzuführen, damit der Käufer nur von der Menge der Titel beeindruckt war. Die zweite bestand darin, die Originaltitel wegzulassen und neue zu erfinden, ja sogar andere Verfasser anzugeben, damit der Käufer nur von der Breite der Sammlung beeindruckt war. Sammelwerke wie Gezhi congshu, Lidai xiaoshi, Wuchao xiaoshuo und Tangren shuohui sind sämtlich Beispiele dafür. Die meisten sind inzwischen verschwunden; nur das letztgenannte Werk, getarnt unter dem Namen Tangdai congshu, verbreitet gelegentlich noch sein Gift.

Doch mit den Zeiten ändern sich auch die Tricks, und neue müssen folgen.

Ich will über die neuen Tricks spekulieren. Erstens: Man legt im Voraus einen großartigen Titel für ein Sammelwerk fest, erstellt ein Inhaltsverzeichnis, das alles umfasst, vom Universum bis hinunter zu den Bakterien auf dem Körper einer Fliege, und sucht erst dann einzeln Mitarbeiter, beauftragt sie mit Übersetzungen oder Texten und setzt ihnen Fristen, die eingehalten werden müssen. Obwohl die Übersetzer und Autoren nicht unbedingt Fachleute sind, schreiben viele Hände gleichzeitig auf dem Manuskriptpapier, und so erscheint ohne jahrelanges mühseliges Arbeiten ein großes, prachtvolles Werk. Zweitens: Es gibt bereits einen Haufen verschiedener alter Übersetzungen, die nie besonders verbreitet waren oder die einmal populär waren, deren Zeit aber inzwischen vorüber ist. Diese werden zusammengetragen, grob sortiert, zu einem eindrucksvollen und bunten Inhaltsverzeichnis aufgereiht, und — siehe da — ein weiteres großes, prachtvolles Werk ist erschienen.

Die Verleger kennen die Denkweise ihrer Leser. Mancher Leser, ratlos darüber, welche Bücher unerlässlich sind, neigt zu der Annahme, dass alles, was in ein Sammelwerk aufgenommen wurde, wohl unerlässliche Lektüre sein muss. Zudem ist ein einzelner Band innerhalb einer Reihe billiger als eine Einzelausgabe, sodass es wie ein gutes Geschäft aussieht. Auch die einheitliche Größe kommt dem Ordnungssinn der Menschen entgegen. Bei so vielen Bänden kann man auf einen Schlag mehrere Bücherregale füllen; eine nicht allzu große Bibliothek, die ein paar solcher Reihen besitzt, erspart es ihren Mitarbeitern, ständig nach neuen Büchern Ausschau zu halten. Doch der Verleger kennt auch die finanzielle Lage seiner Käufer sehr genau. Er weiß, dass sie nicht mehr so viel Geld zur Hand haben, also müssen diese Bücher billig sein, damit sie sich bis zum Äußersten anstrengen, das Geld aufzutreiben, oder sie werden auf Ratenzahlung angeboten, sodass die Käufer nach und nach einzahlen.

Neue Werke zu sammeln und zu drucken ist natürlich eine ausgezeichnete Sache, aber die neuen Werke müssen ausgewählt und gediegen sein — nur dann können sie den geistigen Hunger der Leser stillen. Selbst der Nachdruck alter Werke ist nichts Schlechtes, doch diese alten Werke müssen bereits Texte von dokumentarischem Wert sein — nur dann dienen sie den Forschungsbedürfnissen der Leser. Wenn es sich lediglich um unter Termindruck zusammengeschusterte Manuskripte handelt oder um alte Lagerbestände aus Lagerhaus-Ecken, die in neue Gewänder gekleidet und durch die Straßen paradiert werden, die Leute nur mit „Größe" oder „Menge" oder „Billigkeit" anlocken und die Leser viel Geld ausgeben lassen, während sie in Wahrheit nichts als einen großen Haufen Plunder erhalten — so ist der schädliche Einfluss auf die Lesewelt beträchtlich.

Alle, denen der Fortschritt der Kultur am Herzen liegt, sollten diese Bücher einer gründlichen Prüfung unterziehen! 15. Februar.

Kinder zanken sich, und eines schreibt mit Kohle an die Wand — in Shanghai ist es heutzutage meist ein Bleistift — „Der kleine Sanzi ist dies und das, dreiunddreißighundert Messerschnitte!" Das hat nicht das Geringste mit Politik oder dergleichen zu tun, aber man kann es auch nicht als Kurzessay bezeichnen. Bei Zeichnungen ist es genauso: Wenn ein Hausbewohner sich darüber ärgert, dass Passanten gegenüber an seine Tür urinieren, malt er eine Schildkröte an die Wand und schreibt ein paar Zeilen darunter — aber das kann man auch nicht „Karikatur" nennen. Warum nicht? Weil es keinerlei Bezug zur körperlichen Gestalt oder zum Geist der dargestellten Person hat.

Das Allerwichtigste bei der Karikatur ist Ehrlichkeit — sie muss die Haltung, das heißt den Geist, eines Ereignisses oder einer Person zutreffend enthüllen.

Karikatur ist die Übersetzung des Wortes Karikatur. Das „man" in manhua ist keineswegs das „man" der alten chinesischen Literaten in ihren „beiläufigen Aufschriften" oder „beiläufigen Schriften". Natürlich kann eine Karikatur auch ohne Nachdenken in einem einzigen Zug hingeworfen werden, aber weil sie aus einem ehrlichen Herzen keimt, wird ihr Ergebnis nicht bloß albernes Gegrinse sein. Diese Art von Zeichnung ist in Chinas traditioneller Malerei selten zu finden. Die Hundert hässlichen Gestalten oder die Sechsunddreißig Klänge der gepuderten Glocke kommen dem nahe, sind aber leider nur Abbildungen der Narrenrollen in der Oper. Luo Liangfengs (羅兩峰) Gespenstische Vergnügungen könnte man zur Not ebenfalls dazuzählen, doch sie entfernen sich zu weit von der Menschenwelt.

Eine Karikatur muss auf einen Blick verständlich sein, daher ist die gebräuchlichste Methode die „Übertreibung" — aber keine blödsinnige Willkür. Das Angriffsobjekt oder das, was man bloßstellen will, grundlos als Esel zu zeichnen ist genauso wirkungslos, wie wenn ein Schmeichler sein Objekt zum Gott macht — sofern das Objekt tatsächlich nichts Eselhaftes oder Göttliches an sich hat. Wenn aber wirklich ein Hauch von Esel an ihm ist, dann ist es um ihn geschehen: Von da an sieht man bei jedem Hinsehen mehr Ähnlichkeit, deutlicher als beim Lesen selbst einer sehr dicken Biographie. Für Karikaturen von Ereignissen gilt dasselbe. Obwohl die Karikatur also Übertreibung enthält, muss sie dennoch ehrlich sein. „Schneeflocken am Yanshan-Berg, groß wie Binsenmatten" — das ist Übertreibung, aber am Yanshan gibt es tatsächlich Schneeflocken, also steckt ein Körnchen Wahrheit darin, das uns sofort wissen lässt, wie kalt es dort am Yanshan ist. Sagte man jedoch „Schneeflocken in Guangzhou, groß wie Binsenmatten", dann wäre das ein Witz.

Der Begriff „Übertreibung" mag etwas irreführend sein; man könnte auch „Vergrößerung" sagen. Die besonderen Merkmale eines Ereignisses oder einer Person zu vergrößern, macht eine Karikatur natürlich wirksam, aber das zu vergrößern, was gerade nicht das Besondere ist, erzeugt eine noch leichtere Wirkung. Der Kleine und Dicke, der Dürre und Lange — die haben schon von Natur aus eine Karikatur-Physiognomie; gibt man ihnen noch eine Glatze und Kurzsichtigkeit, zeichnet sie etwas kleiner und dicker, dürrer und länger, kann man den Leser immer zum Lachen bringen. Aber eine hellhäutige, schlanke Schönheit — bei der wird es sehr schwierig. Manche Karikaturisten zeichnen sie als Totenschädel oder Fuchs, aber damit verraten sie nur ihre eigene Unfähigkeit. Andere Karikaturisten jedoch greifen nicht zu solch plumpen Methoden: Sie richten ein Vergrößerungsglas auf ihre entblößten, gepuderten Arme, enthüllen die Fältchen in ihrer Haut und das Schwarz-Weiß-Bild von Puder und Schmutz, das in diesen Fältchen steckt. Damit ist die Karikatur fertig — und es ist die Wahrheit. Wer es nicht glaubt, kann ja selbst einmal ein Vergrößerungsglas auf die eigene Haut richten. Und so bleibt auch ihr nichts übrig, als diese Wahrheit anzuerkennen; will sie es besser haben, muss sie sich eben einmal ordentlich mit Seife und Bürste abschrubben.

Weil sie wahr ist, ist sie auch wirksam. Aber diese Art von Karikatur hat es in China sehr schwer zu überleben. Ich erinnere mich, dass erst letztes Jahr ein gewisser Literat sagte, er verabscheue es am meisten, wenn man Menschen unter dem Mikroskop betrachte.

Im früheren Europa war es nicht anders. Obwohl die Karikatur Bloßstellung, Spott und sogar Angriff ist, richtete der Karikaturist seinen Stift, da die Leserschaft zumeist aus feinen Leuten der oberen Schichten bestand, am liebsten auf die Wehr- und Wehrlosen, um mit deren Lächerlichkeit die Vollkommenheit und Vornehmheit der feinen Herren ins rechte Licht zu setzen — gegen das Geschäft einer Zigarre. Karikaturisten wie Spaniens Goya (Francisco de Goya) und Frankreichs Daumier (Honoré Daumier) sind letzten Endes nicht leicht zu finden.

Der moderne deutsche Maler George Grosz ist in China bereits mehrfach vorgestellt worden, sodass er inzwischen kein Unbekannter mehr sein dürfte. Unter einem bestimmten Gesichtspunkt kann man auch ihn als Karikaturisten betrachten; seine Werke bestehen zumeist aus schwarzen Linien auf weißem Grund.

Sein Schicksal in China war, verhältnismäßig gesehen, nicht schlecht. Obwohl die Nachdrucke seiner Zeichnungen unter einer allzu schlechten Reproduktionstechnik litten oder verkleinert wurden, blieben schwarze Linien auf weißem Grund wenigstens schwarze Linien auf weißem Grund. Aber wer hätte gedacht, dass die Gehirne der chinesischen „Literatur"-Leute in diesem Jahr verrückt spielen würden? In Zeitschriften, die das Schild „Literatur und Kunst" tragen, haben sie Grosz' Schwarz-Weiß-Zeichnungen vorgestellt, wobei sich sämtliche Linien in Schneeweiß verwandelt haben; und die Hintergründe? Mal Blau, mal Rot — wahrlich ein Kaleidoskop von Farben, sehr hübsch anzusehen.

Natürlich: Wenn wir Abreibungen von Steininschriften betrachten, sind es meist weiße Zeichen auf schwarzem Grund. Aber bei nachgedruckten Gemälden hat noch niemand erlebt, dass Blaugrün-Landschaften in Rotgelb-Landschaften verwandelt oder Tusche-Drachen zu Gouache-Drachen umgestaltet werden — solch großartige Umgestaltungen. Wenn dergleichen vorgekommen ist, so begann es in Shanghai im fünfunddreißigsten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts durch die Hände seiner „Literatur"-Leute. Jetzt erst begreife ich, dass die ganze Mühe des Farbenmischens und Farbabstimmens, die ein Maler beim Malen betreibt, vollkommen überflüssig ist. Sobald es durch die Hände der chinesischen „Literatur"-Leute geht, gibt es keinerlei Problem — summ, summ, alles ganz beliebig.

Diese Nachdrucke von Grosz' Zeichnungen haben durchaus ihren Wert: Sie sind Karikatur, und nochmals Karikatur.

Eins

Jeder, der sich für die moderne chinesische Literatur interessiert, weiß, dass die Neue Jugend die Zeitschrift war, die zuerst die „Reform der Literatur" propagierte und später einen Schritt weiterging und zur „Literaturrevolution" aufrief. Doch als sie im September 1915 in Shanghai erstmals erschien, war sie gänzlich in klassischem Chinesisch verfasst. Su Manshus (蘇曼殊) Originalerzählungen, die übersetzten Erzählungen von Chen Gu (陳嘏) und Liu Bannong (劉半農) — alles in klassischem Chinesisch. Im folgenden Jahr, als Hu Shis (胡適) „Bescheidene Vorschläge zur Literaturreform" erschienen, waren nur Hu Shis eigene Gedichte, Prosa und Erzählungen in der Umgangssprache. Später nahm die Zahl der umgangssprachlichen Autoren allmählich zu, aber da die Neue Jugend im Kern eine Zeitschrift der Erörterung und Debatte war, wurde literarisches Schaffen nie sonderlich betont; verhältnismäßig rege war allein die umgangssprachliche Lyrik. Was Drama und Erzählung betrifft, so blieben auch diese großenteils Übersetzungen.

Derjenige, der dort originale Kurzgeschichten veröffentlichte, war Lu Xun (魯迅). Ab Mai 1918 erschienen nacheinander „Tagebuch eines Wahnsinnigen", „Kong Yiji", „Die Medizin" und andere, die als Nachweis der konkreten Leistungen der „Literaturrevolution" galten und wegen dessen, was man damals „Tiefe des Ausdrucks und Neuartigkeit der Form" nannte, die Herzen mancher junger Leser erheblich bewegten. Doch diese Erschütterung rührte eigentlich daher, dass man die Einführung der kontinentaleuropäischen Literatur lange vernachlässigt hatte. Um 1834 hatte der Russe Gogol (N. Gogol) bereits sein Tagebuch eines Wahnsinnigen geschrieben; um 1883 hatte Nietzsche (Fr. Nietzsche) schon Zarathustra in den Mund gelegt: „Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst waret ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe." Zudem bewahrte der Schluss der „Medizin" deutlich die Andreevsche (L. Andreev) Kälte. Doch das spätere „Tagebuch eines Wahnsinnigen", das die Übel des Clansystems und der konfuzianischen Ethik bloßstellen wollte, war in seiner Empörung tiefer und weiter als das Gogols und weniger vage als Nietzsches Übermensch. Obwohl spätere Werke sich vom Einfluss ausländischer Autoren lösten und in der Technik etwas ausgereifter und in der Zeichnung etwas eindringlicher wurden — etwa „Seife" und „Scheidung" —, büßten sie zugleich an Leidenschaft ein und wurden von den Lesern nicht mehr so beachtet.

Außer Lu Xun brachte die Neue Jugend keine nennenswerten Erzähler hervor. Mehr von ihnen erschienen vielmehr in der Neuen Flut. In den zwei Jahren von ihrer Gründung im Januar 1919 bis zu ihrem Erlöschen, als die Kernmitglieder ins Ausland gingen, zählten die Autoren von Erzählungen Wang Jingxi (汪敬熙), Luo Jialun (羅家倫), Yang Zhensheng (楊振聲), Yu Pingbo (俞平伯), Ouyang Yuqian (歐陽予倩) und Ye Shaojun (葉紹鈞). Natürlich war die Technik unreif, oft hafteten ihr die Schreibweisen und der Tonfall der alten Erzählung an; die Darstellung war geradlinig und goss alles auf einmal aus; oder die Zufälle waren übermäßig konstruiert, so dass sich in einem einzigen Augenblick alles nur erdenkliche Unglück auf eine einzige Person häufte. Doch es gab eine gemeinsame fortschrittliche Tendenz: Kein einziger dieser Autoren betrachtete die Erzählung als eine weltferne Literatur, die allein der Kunst wegen existierte. Jedes ihrer Werke war „zweckgerichtet" geschrieben, als Werkzeug zur Reform der Gesellschaft — auch wenn sie noch kein letztes Ziel bestimmt hatten.

Yu Pingbos „Der Gärtner" vertrat die Auffassung, man solle Geziertheit ablegen und der Natur ihren Lauf lassen. Luo Jialuns Werke beklagten das Leid der unfreien Ehe — etwas flach und unverhüllt vielleicht, aber genau Ausdruck der allgemeinen Überzeugung vieler junger Intellektueller jener Zeit. Auch der Zeitpunkt für die Einführung von Ibsens (H. Ibsen) Nora und Gespenstern war nun gekommen, wenn auch noch niemand an Volksfeind oder die Stützen der Gesellschaft dachte. Yang Zhensheng war entschlossen, das Leid des einfachen Volkes darzustellen; Wang Jingxi enthüllte sogar mit einem Lächeln die Geheimnisse des „guten Schülers" und das Unglück der Armen. Doch weil sie letztlich Intellektuelle der oberen Schicht waren, schwankte ihre Feder unvermeidlich zwischen der Schilderung eigener kleiner Angelegenheiten und dem Leben des einfachen Volkes. Später widmete sich Ouyang Yuqian dem Theaterstück; Ye Shaojun entwickelte sich weit bedeutender weiter. Wang Jingxi veröffentlichte auch in der Zeitgenössischen Rundschau, und 1925 stellte er eine Auswahl unter dem Titel Schneenacht zusammen. Doch er scheint am Ende nie zur Selbsterkenntnis gelangt zu sein oder seine früheren Kämpfe vergessen zu haben, denn er befand, seine eigenen Werke hätten „keinerlei Bedeutung im Sinne einer Kritik des Lebens". Sein Vorwort lautet:

„Als ich diese Geschichten schrieb, bemühte ich mich, einige Arten von Lebenserfahrung, wie ich sie gesehen hatte, getreu zu beschreiben. Ich suchte nur Treue in der Beschreibung, ohne die geringste Beimischung einer kritischen Haltung. Obwohl die Schilderung eines Ereignisses durch einen Menschen unvermeidlich von seiner Lebensanschauung beeinflusst wird, versuchte ich stets, soweit möglich, eine objektive Haltung zu bewahren.

„Wegen dieser objektiven Haltung werden diese Kurzgeschichten von mir wohl kaum eine Bedeutung im Sinne einer Kritik des Lebens haben. Ich schreibe lediglich einige Arten von Erfahrung, wie ich sie gesehen habe, für den Leser auf. Welche Urteile der Leser beim Lesen dieser Geschichten fällt, ist nicht meine Sache."

Yang Zhenshengs Stil jedoch entwickelte sich über „Die Fischerfamilie" hinaus, stand aber in diametralem Gegensatz zu seinem einstigen Kampfgefährten Wang Jingxi: Er wollte „dem Subjektiven treu sein" und mit Kunstgriffen ideale Gestalten erschaffen. Und da er fürchtete, seine eigenen Ideale reichten nicht aus, befragte er mehrere Freunde und überarbeitete das Werk mehrmals, bevor er die Novelle Fräulein Jade vollendete, deren Vorwort lautet:

„Sollte jemand fragen, ob Fräulein Jade wirklich ist — meine Antwort lautet, dass kein Romanschriftsteller je die Wahrheit sagt. Die Wahrheit sagen die Historiker; lügen tun die Romanschriftsteller.

„Historiker benutzen das Gedächtnis; Romanschriftsteller die Phantasie. Historiker nehmen die wissenschaftliche Haltung ein und sind dem Objektiven treu; Romanschriftsteller nehmen die künstlerische Haltung ein und sind dem Subjektiven treu. Mit einem Wort: Der Romanschriftsteller will wie der Künstler die Natur in Kunst verwandeln — das heißt, mit seinem Ideal und Willen die Mängel der Natur beheben."

Nachdem er zunächst entschieden hatte, dass die einzige Methode, „die Natur in Kunst zu verwandeln", das „Lügen" sei — „wer lügt, ist ein Romanschriftsteller" —, schuf er nach diesem Gesetz und überdies nach breiter Befragung Fräulein Jade. Aber das Ergebnis stand von vornherein fest: nichts als eine Marionette, deren Geburt zugleich ihr Tod war. Danach sahen wir von diesem Autor kein schöpferisches Werk mehr.

Zwei

Sobald die Vierte-Mai-Bewegung ausbrach, erlangte die Peking-Universität — das Hauptquartier dieser Bewegung — großen Ruhm, geriet aber zugleich in schwere Bedrängnis. Schließlich musste die Redaktionszentrale der Neuen Jugend nach Shanghai zurückkehren, und die führenden Köpfe der Neue-Flut-Gruppe gingen zumeist weit fort nach Europa und Amerika zum Studium. Die Zeitschrift Neue Flut endete — trotz großspurig angekündigter Vorankündigungen — mit einer „Vorstellung berühmter Werke", die bis heute nicht erschienen ist; was den im Lande gebliebenen Mitgliedern blieb, waren zehntausend Exemplare der Worte und Taten des Herrn Jiemin und siebentausend Exemplare der Tropfen. Das literarische Schaffen welkte dahin, und die Literatur um des Lebens willen welkte mit.

Doch in Shanghai gab es noch immer eine Gruppe, die Literatur um des Lebens willen schrieb, wenngleich auch eine Gruppe entstanden war, die Literatur um der Literatur willen schrieb. Zu erwähnen ist hier die Misa-Gesellschaft. In ihrer Zeitschrift Musai, die im März 1923 erschien, teilt uns ihr „Manifest" („Musais Herabstieg in die irdische Welt") von Hu Shanyuan (胡山源) mit: „Wir sind die Gottheiten der Kunst und Literatur; wir wissen nicht, woher wir geboren wurden, noch wozu wir geboren wurden ... Alles, was wir tun, folgt allein unserer Inspiration!" In der zweiten Ausgabe vom April hieß es auf der ersten Seite deutlich, dies sei „eine Monatszeitschrift für literarische Werke ohne Zweck, ohne Kunstanschauung, die nicht diskutiert, nicht kritisiert und nur veröffentlicht, was der Inspiration folgend geschaffen wird" — also das Organ einer über weltlichen Belangen stehenden literarischen Vereinigung. In Wahrheit aber hatte sie unbewusst einen Scheingegner. Chen Dezhengs (陳德征) „Redaktionelle Nachbemerkung" sagte: „Neuerdings sind auch literarische Werke zur Handelsware geworden; die sogenannten Literaturforscher, die sogenannten Literaten, tragen alle unweigerlich einen Anstrich des Krämertums! Das ist etwas, was wir zutiefst verabscheuen und das uns tiefste Bekümmernis bereitet ..." Dies war eben ein Manifest aus demselben Nasenloch wie die große Armee, die gegen jene zu Felde zog, die „das literarische Feld monopolisieren". Damals tat jeder, der sein eigenes Banner aufpflanzen wollte, dies stets unter dem Vorwand, die „Vulgarität" zu verachten.

Sämtliche Werke waren tatsächlich weitgehend dem Streben nach Eleganz gewidmet: Man wollte „in schwebendem, kreiselndem Reigen" tanzen und „in gewundenem, melodischem Auf und Ab" singen, doch der Bereich ihrer Wahrnehmung war recht eng. Unvermeidlich kauten sie an den kleinen Freuden und Leiden vor ihrer Haustür und hielten diese kleinen Freuden und Leiden überdies für die ganze Welt. Als Erzähler traten in dieser Zeitschrift Hu Shanyuan, Tang Mingshi (唐鳴時), Zhao Jingyun (趙景沄), Fang Qiliu (方企留) und Cao Guixin (曹貴新) auf; Qian Jiangchun (錢江春) und Fang Shixu (方時旭) kann man nur als Skizzenautoren zählen. Am herausragendsten war Hu Shanyuan, dessen „Schlaf" das Manifest verwirklichte und die ganze Gruppe überschattete. Aber in „Unter den Kirschblüten" (erste Ausgabe) offenbarte sich, gerade wie das übermäßige Schlafen auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine krankhafte Überempfindlichkeit der Nerven. Auch die „Inspiration" würde schließlich ihren Zweck verraten. Zhao Jingyuns „Amei" schilderte, obschon schlicht und obschon scheinbar unfähig, „zweckfrei" zu sein, eindringlich das tragische, kurze Leben eines Dienstmädchens — ein Leben, das selbst diese feinfühligen Autoren vergessen hatten.

Die Flaches-Gras-Gesellschaft, die 1924 in Shanghai entstand, war in Wahrheit ebenfalls eine Autorenvereinigung für „Kunst um der Kunst willen", doch jede Ausgabe ihrer Vierteljahresschrift zeigte echte Anstrengung: nach außen, in der Aufnahme von Nahrung aus fremden Ländern; nach innen, im Graben in der eigenen Seele, um die Augen und die Stimme im Inneren zu entdecken, diese Welt zu betrachten und den Einsamen Wahrheit und Schönheit zu singen. Han Junge (韓君格), Kong Xiangwo (孔襄我), Hu Xuruo (胡絮若), Gao Shihua (高世華), Lin Ruji (林如稷), Xu Dange (徐丹歌), Gu Sui (顧隨), Shazi (莎子), Yashi (亞士), Chen Xianghe (陳翔鶴), Chen Weimo (陳煒謨), Fräulein Zhuying (竹影女士) — alle waren Arbeiter auf dem Feld der Erzählung. Selbst Feng Zhi (馮至), der später Chinas herausragendster Lyriker wurde, hatte dort seine feinsinnig-schwermütigen Meisterwerke veröffentlicht. Im folgenden Jahr verlagerte sich das Zentrum nach Peking, einige Mitglieder scheinen sich zerstreut zu haben, und die Vierteljahresschrift Flaches Gras wurde durch das dünnere Wochenblatt Die versunkene Glocke ersetzt. Doch der Kampfgeist ließ nicht im Geringsten nach; im Kopf der ersten Ausgabe standen die entschlossenen Worte Gissings (G. Gissing): „Und ich will, dass ihr alle bezeugt ... ich werde arbeiten, bis zum Tag meines Todes."

Doch die Stimmung der erwachten jungen Intellektuellen jener Zeit war zumeist glühend, aber auch trostlos. Selbst wenn sie ein wenig Licht fanden — „der Durchmesser ist eins, der Umfang ist drei" —, sahen sie umso deutlicher die grenzenlose Finsternis ringsum. Die aufgenommene Nahrung aus der Fremde war der Saft des Fin de siècle: was Wilde (Oscar Wilde), Nietzsche (Fr. Nietzsche), Baudelaire (Ch. Baudelaire) und Andrejew (L. Andreev) bereitet hatten. „Das eigene Schiff versenken" — und doch im Äußersten das Leben suchen; aber vieles andere Werk war „der Frühling ist nicht mein Frühling, der Herbst ist nicht mein Herbst": schwarzhaarige, rosenwangige Jugend, die die herzzerreißenden Lieder eines Lebensmüden sang, der doch nicht offen sprechen wollte. Selbst Feng Zhis poetische Verkleidung und Shazis Gleichnisse von kleinen Gräsern konnten dies nicht verbergen. All dies schien zumeist von Autoren aus Sichuan zu stammen, und daraus kann man schließen, wie früh Sichuan sein Leid zu tragen hatte. Doch die Autoren dieser Gruppe waren nicht entmutigt. Chen Weimo sagte im „Proem" seiner Erzählungssammlung Am Kamin: „Aber so will ich nicht; für mich fängt das Leben gerade erst an, und dort drüben warten viele wilde Bestien des Schicksals, die Zähne fletschend und die Krallen spreizend, auf mich. Doch das ist nicht zu fürchten.

„Man muss zwar nicht die Sonne anbeten, aber muss man denn so feige sein, dass man sogar vor der dunklen Nacht flieht? Was denn, kann ein stumpfer Stift nicht auf zerrissenem Papier schreiben? Nach einigen Jahren, wenn ich auf mein jetziges Ich zurückblicke — selbst wenn ich andere beiseitelasse —, wird es vielleicht etwas sein, das es wert ist, gehegt zu werden, falls es einen Ort gibt, an den es sich zu erinnern lohnt ..."

Natürlich ist dies noch immer die trostlose Sprache hilflosen Selbsttrostes, doch in der Praxis war die Versunkene-Glocke-Gesellschaft wahrhaftig die zäheste, ehrlichste und am längsten kämpfende literarische Vereinigung Chinas. Es schien, als wolle sie tatsächlich, wie in Gissings Worten, bis zum Tag des Todes arbeiten; wie der Gießer der „versunkenen Glocke" selbst im Tod mit den eigenen Füßen einen mächtigen Glockenschlag vom Grunde des Wassers heraufschlagen. Doch sie vermochten es nicht: Sie lebten, die Zeiten wandelten sich und die Welt veränderte sich, und alles ging schief. Sie wollten singen, aber unter ihren Zuhörern schliefen die einen, verdorrten und starben die anderen, zerstreuten sich wieder andere — vor ihren Augen blieb nur eine weite, leere Fläche, und so setzten sie in Wind und Staub, in Trauer und Einsamkeit ihre Harfen nieder.

Feng Wenbing (馮文炳), der später unter dem Pseudonym „Fei Ming" (廢名) bekannt wurde, war ebenfalls ein Autor, der in Flaches Gras eine Kostprobe seines Talents gab, seine besondere Stärke aber noch nicht offenbart hatte. Erst in seiner Sammlung Die Geschichte des Bambushains von 1925 sahen wir Werke, die, in Gelassenheit gekleidet, wie der Autor sagte, dennoch „aus ihnen meine Trauer destillieren" konnten. Leider schien der Autor seine begrenzte „Trauer" allzu sehr zu hüten, und bald wollte er sie noch weniger aufblitzen lassen als zuvor. Dem unbefangenen Leser zeigte sich nur noch ein absichtliches Verweilen, eine Haltung des Sich-selbst-Betrachtens und Sich-selbst-Bemitleidens.

Feng Yuanjun (馮沅君) hatte eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Rankende Winden — benannt nach einem Gras, „das erst stirbt, wenn man ihm das Herz herausreißt". Von 1923 an befand sie sich in Peking, veröffentlichte aber unter dem Pseudonym „Fräulein Gan" (淦女士) in den Zeitschriften der Schöpfungsgesellschaft in Shanghai. Darunter ist „Die Reise" ein berühmtes Stück, das die Essenz von „Trennung" und „Nach der Trennung" (beide ebenfalls in Rankende Winden) destilliert. Obwohl es etwas zu sehr zum Räsonnieren neigt, hat es seine Natürlichkeit doch nicht eingebüßt. Die Stelle: „Ich wollte so gern seine Hand halten, aber ich wagte es nicht. Ich wagte es nur, wenn das elektrische Licht im Zug gelegentlich durch eine Erschütterung erlosch, denn ich fürchtete die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste. Doch zugleich fühlten wir uns recht stolz und hielten uns ohne Umstände für die vornehmsten Personen im ganzen Zug." — Diese Stelle ist wahrhaftig ein getreues Porträt der jungen Menschen, die unmittelbar nach der Vierten-Mai-Bewegung entschlossen waren, gegen die Tradition zu kämpfen, und doch Angst hatten, entschlossen gegen die Tradition zu kämpfen, und daher nicht umhinkonnten, ihr „zärtliches, schmachtendes Gefühl" wiederzubeleben. Es ist grundverschieden von den Protagonisten der „Kunst-um-der-Kunst-willen"-Werke, die entweder mit ihrer Dekadenz prahlen oder ihre neurotische Empfindsamkeit feilbieten. Doch auch sie konnte zur Ruhe zurückkehren. Lu Kanru (陸侃如) schrieb im Nachwort zur zweiten Auflage von Rankende Winden: „‚Gan' bedeutet ‚untergehen', im Sinne des ‚auf dem Lande Untertauchens' bei Zhuangzi. Da sich die Gedanken der Autorin gewandelt haben, wird die zweite Auflage unter dem Namen Yuanjun veröffentlicht ... Da die Autorin von Natur aus träge ist, bat sie mich, dies an ihrer Stelle zu sagen." In der Tat: Drei Jahre später, in Frühlingsspuren, waren nur noch Prosafragmente übrig, und danach kam nur noch literaturgeschichtliche Forschung. Das erinnert mich wieder an das Gedicht des ungarischen Dichters Petőfi (Petőfi Sándor) auf das Foto der Frau B. Sz: „Ich höre, du machst deinen Mann sehr glücklich. Ich hoffe, es ist nicht so, denn er war eine Nachtigall der Leiden, die nun im Glück verstummt ist. Quäle ihn, damit er beständig süße Lieder singt."

Ich will nicht sagen, dass Leid die Quelle der Kunst ist oder dass man Schriftsteller um der Kunst willen ewig im Leid halten sollte. Aber zu Petőfis Zeit hatte dieser Satz etwas Wahres; im China von vor zehn Jahren hatte er ebenfalls etwas Wahres.

Drei

An diesem Ort — Peking — obwohl Peking die Geburtsstätte der Vierten-Mai-Bewegung war, boten die drei Jahre von 1920 bis 1922, seit die Menschen, die die Neue Jugend und die Neue Flut getragen hatten, sich wie Wolken im Wind zerstreut hatten, das Bild eines öden, verlassenen alten Schlachtfeldes. Das Beiblatt der Morgenzeitung und später das Beiblatt der Hauptstadtzeitung traten hervor, doch keines von beiden war eine Publikation, die dem literarischen Schaffen besondere Aufmerksamkeit widmete. Auf dem Gebiet der Erzählung stellten sie nur eine begrenzte Anzahl von Autoren vor: Jian Xianai (蹇先艾), Xu Qinwen (許欽文), Wang Luyan (王魯彥), Li Jinming (黎錦明), Huang Pengji (黃鵬基), Shang Yue (尚鉞) und Xiang Peiliang (向培良).

Jian Xianais Werke sind schlicht und einfach. Wie er in seiner Erzählungssammlung Morgennebel sagt:

„... Ich bin schon über zwanzig. Vom fernen Guizhou den ganzen Weg nach Peking gekommen, habe ich fast sieben Jahre im Staub und Schmutz umhergewandert — keine kurze Zeit. Wie ich mich durchgeschlagen habe, weiß ich selbst nicht. Tag um Tag ist so eilig vergangen, und die Schatten der Kindheit verblassen und verschwimmen immer mehr, verwehen wie Morgennebel. Alles, was ich fühle, ist Leere und Einsamkeit. In all diesen Jahren — was habe ich außer den paar neuen Gedichten und fragwürdigen Geschichten, die ich in den letzten zwei Jahren hingekritzelt habe, eigentlich getan? Jedes Mal, wenn ich zurückdenke, kann ich nicht umhin, ein wenig Trostlosigkeit im Herzen zu empfinden. Darum habe ich mich nun entschlossen, diese Erzählungssammlung in Druck zu geben ... als Andenken an die geliebte Kindheit, von der ich mich nun trenne ... Wenn Menschen, die ihr kindliches Herz nicht verloren haben, mir gewogen sind, finden sie vielleicht auch darin ein wenig vom Geschmack der Naivität? ..."

In der Tat: obschon schlicht — oder, wie der Autor bescheiden sagt, „naiv" — und fast ohne Ausschmückung, genügt es doch, die Trauer seines Herzens auszudrücken. Der Bereich, den er beschreibt, ist eng — ein paar gewöhnliche Menschen, einige geringfügige Begebenheiten —, aber eine Geschichte wie „Wasserbestattung" zeigt uns die Grausamkeit ländlicher Sitten im „fernen Guizhou" und die Größe der Mutterliebe, die aus dieser Grausamkeit erwächst. Guizhou ist weit weg, aber die Umstände aller Menschen sind dieselben.

Zu dieser Zeit — 1924 — gab es auch Autoren, die gelegentlich Werke veröffentlichten: Pei Wenzhong (裴文中) und Li Jianwu (李健吾). Ersterer war vermutlich kein Mensch, dem das literarische Schaffen stets am Herzen gelegen hatte. Sein „Inmitten von Kriegslärm" war eine sprunghafte Aufzeichnung der wirklichen Empfindungen eines jungen Studenten in der Fremde, den die Bombardierung seiner Heimatstadt und die Ungewissheit um seine Eltern bis ins Mark erschütterten. Des Letzteren „Die Legende vom Zhongtiao-Berg" ist glänzend; selbst heute, zehn Jahre später, kann man noch den Körper und die Seele erkennen, die in dem prächtigen, aus mündlicher Überlieferung gewobenen Gewand stecken.

Jian Xianai schrieb über Guizhou; Pei Wenzhong sorgte sich um Yuguan. Alle, die in Peking zur Feder griffen, um ihr Inneres auszudrücken, produzierten, gleichgültig ob sie ihre Methode subjektiv oder objektiv nannten, in Wahrheit Heimatliteratur — oder, von Peking aus gesehen, Literatur von Zugereisten. Doch dies war nicht die „Emigrantenliteratur", von der Brandes (G. Brandes) sprach. Es waren nur die Autoren selbst, die in der Fremde weilten, nicht die Literatur, die sie schrieben. Daher schimmerte in ihr nur Heimweh durch, und es war schwer, dass eine exotische Atmosphäre den Horizont des Lesers erweiterte oder seine Augen blendete. Xu Qinwen nannte seine erste Kurzgeschichtensammlung Heimat — und bekannte sich damit unbewusst als Heimatdichter. Doch noch bevor er begann, Heimatliteratur zu schreiben, war er bereits von seiner Heimat verstoßen worden; das Leben trieb ihn in die Fremde, und er konnte nur an „Vaters Garten" zurückdenken — einen Garten, den es nicht mehr gab. Denn sich an Dinge aus der Heimat zu erinnern, die nicht mehr existieren, ist behaglicher und tröstlicher, als sich an Dinge zu erinnern, die offenkundig noch da sind, denen man sich aber nicht nähern kann. „Die blühendsten Jahre von Vaters Garten liegen nun schon so weit zurück, dass ich es kaum noch genau berechnen kann. Damals wurde eine Aufnahme von seiner Pracht gemacht, die jetzt in Vaters Zimmer hängt, aber da es so lange her ist und die Fotografie auf dem Land damals noch so primitiv war, ist sie bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Auch das Porträt von Schwester Fang, das daneben hängt, ist nicht mehr recht deutlich, aber die Worte, die Vater auf das Bild geschrieben hat, sind ganz lesbar: ‚Störrisch von Natur, beklagenswert im Schicksal; einmal geschieden durch das Messer des Grams — wie kann ich es allein ertragen!'

‚...'

‚Selbst wenn in Vaters Garten wieder allerlei Blumen gepflanzt werden könnten — die Pracht von damals ließe sich doch nie wiederherstellen, denn Schwester Fang ist nicht mehr.'"

Der hilflose Gram, den man nicht umhin kann aufzugeben — und doch kann der Autor ihn nicht aufgeben. Da ihm kein anderer Ausweg bleibt, findet er Kühle und Humor, um seinen Gram zu bekleiden, wickelt ihn ein und gibt ihn als „Durchschauen" aus. Und er wendet dieses Mittel auf die Schilderung verschiedener Gestalten an, besonders junger Menschen. Wegen der absichtlichen Kühle werden die Zeichnungen tief, tragen aber unvermeidlich ein Lachen, das Unbehagen weckt. „Auch wer grollt, beschuldigt nicht den fallenden Ziegel" — Kühle muss Todesstarre werden. Kühle und Humor, die Zorn umhüllen — das nehmen die Beobachteten und Geschilderten nicht gern hin; sie weigern sich, ihn als einen leblosen, meinungslosen Spiegel anzuerkennen. So wird auch er oft zu den Satirikern gezählt, und besonders die Damen runzeln die Stirn.

Wenn diese Kühle und dieser Humor ungehemmt wüchsen, wäre das für den Autor selbst tatsächlich gefährlich. Er konnte auch das Leben des einfachen Volkes lebendig schildern, wie in „Der Steinbruch", doch leider waren solche Stücke selten.

Betrachtet man einen Teil von Wang Luyans Werken — ihre Thematik und ihren Stil —, so scheint auch er ein Heimatdichter zu sein, doch sein Temperament ist von dem Xu Qinwens grundverschieden. Was Xu Qinwen schmerzte, war der Verlust von „Vaters Garten" hier auf Erden; was Wang Luyan quälte, war die Trennung vom freien Paradies im Himmel. Er hörte „die Klage des Herbstregens": „Die Erde ist zu klein, die Erde ist zu schmutzig, überall ist Finsternis, überall ist widerwärtig.

„Die Menschen wissen nur Geld zu lieben, nicht die Freiheit und nicht das Schöne. Unter euch Menschen gibt es keine Spur von Zuneigung, nur Hass. Ihr Menschen schlaft nachts süß wie die Schweine und kämpft und zerfleischt einander am Tag wie die Hunde ...

„Solch eine Welt — kann ich sie ertragen? Warum sollte ich nicht weinen?

„In einer wilden Welt mögen die Bestien weiterleben, aber nicht ich, nicht wir ... Ach, ich muss nun diese Welt verlassen und unter die Erde gehen ..." Dies ähnelt der Trauer Eroschenkos (V. Eroshenko) und ist doch zugleich grundverschieden. Jener ist der Maulwurf unter der Erde, der die Menschheit lieben will und es nicht kann; dieser ist der Herbstregen vom Himmel, der der Menschenwelt entfliehen will und es nicht kann. Er kann nur sein Herz der Mutter zurückgeben und erst dann ein „Mensch" werden, um der Mutter ein Lächeln zu entlocken. Der Herbstregen, der herzlose „Mensch" und die menschliche Gesellschaft können keine Bande zwischen sich haben. Will man von Kühle sprechen — das ist wahre Kühle; das vermag zusammen mit „Tolstois" Lehre des Nicht-Widerstands die „Marxsche" Theorie des Klassenkampfes auszulöschen; und zusammen mit „Darwins" Evolutionslehre „Kropotkins" Theorie der gegenseitigen Hilfe zu verspotten; gegen die Tyrannei aufzubegehren und zugleich über die Freiheit höhnisch zu lachen. Der Autor versucht oft, mit humorvoller Feder zu schreiben, aber weil alles zu kühl ist, wird der Humor oft zu kaltem Gerede und verliert die Wärme des menschlichen Humors.

Doch das „menschliche" Herz ist im Grunde nie ganz erschöpft. Die Erzählung „Pampelmuse", obschon von den Autoren aus Hunan nicht geschätzt, ließ unter ihrem weltmännischen Gewand noch ein irdisches Grollen aufblitzen und ist unter Wang Luyans Werken nach meiner Meinung das glühendste von allen. Der Autor aus Hunan, den ich meine, ist Li Jinming (黎錦明), der wohl schon als Kind seine Heimat verließ. In seinen Werken finden sich wenig Heimatdüfte, aber sie strotzen vor der Empfindsamkeit und Leidenschaft eines Mannes aus Chu. Früh schon schleuderte er in „Das soziale Problem" einen Strindbergschen (A. Strindberg) Speer gegen die Ibsensche Schule der Emanzipationstheoretiker; aber er konnte auch die „leichten Eindrücke" der Kindheit mit Feinheit und Klarheit schildern. Bis 1926 war er mit sich selbst unzufrieden geworden. Im Vorwort zur zweiten Auflage von Loderndes Feuer schrieb er: „Menschen, die in Peking leben, dürften, sofern sie eine Seele haben, kaum eine Seele haben, die nicht ganz und gar grau gefärbt wäre. Natürlich wurde Loderndes Feuer unter diesen Umständen geschrieben. Als ich letztes Frühjahr nach Shanghai kam, änderte sich meine Gemütsverfassung vollständig, und gegenüber dem Buch empfand ich nur den Drang, es zu verwerfen ..."

Er beurteilte sein vergangenes Leben als grau und tat seine frühen Werke als Jugendtorheit ab. Und tatsächlich hatte er in der darauf folgenden Sammlung Die Bresche im Wall durchaus eine neue Rüstung angelegt: fein-ironische Kurzstücke, die aber vor allem seine Qualitäten als guter Erzähler zeigten: Manchmal besaß er den bizarren Glanz des chinesischen „Herrn des Leiluo-Bergstudios"; manchmal die Wachheit des Polen Sienkiewicz (H. Sienkiewicz), doch ohne in Verzweiflung zu enden — lebendig und farbenreich, stets den Leser in der Lage, das Buch mit Vergnügen zu Ende zu lesen. Sein Mangel aber war, dass die Kernaussage, begraben unter dem schillernden Ornament, manchmal für immer verschüttet blieb, und wenn sie doch auftauchte, abrupt wirkte.

Die Zeitgenössische Rundschau widmete sich im Vergleich zu den Beiblättern der Tageszeitungen verhältnismäßig stärker der Literatur, aber ihre Autoren waren meist noch die alten Kämpen der Neue-Flut- und der Schöpfungsgesellschaft. Ling Shuhuas (淩叔華) Erzählungen jedoch nahmen ihren Ausgang von dieser Art Periodikum. Sie war gerade das Gegenteil von Feng Yuanjuns Kühnheit und Freimut: im Allgemeinen sehr behutsam, mit wohlbemessenem Maß die sanften, fügsamen Frauen alter Patrizierfamilien schildernd. Auch wenn es gelegentlich Ausreißer gab — sie verdankten sich dem vorübergehenden Wehen literarischer Geselligkeit, und sie kehrte stets auf ihren gewohnten Weg zurück. Das ist gut — es zeigt uns Gestalten, die sich völlig von denen unterscheiden, die Feng Yuanjun, Li Jinming, Chuandao (川島) und Wang Jingzhi (汪靜之) gezeichnet haben: einen Ausschnitt des Gesellschaftsbildes, die Seele großer Häuser und edler Geschlechter.

Vier

Im Oktober 1925 tauchte in Peking plötzlich die Mangyuan-Gesellschaft auf. Sie war im Grunde nichts weiter als eine Gruppe Unzufriedener mit dem Herausgeber des Beiblatts der Hauptstadtzeitung, die das Mangyuan-Wochenblatt als eigene Publikation gründeten, die aber weiterhin als Beilage der Hauptstadtzeitung vertrieben wurde — zur eigenen Genugtuung. Der rastloseste Organisator war Gao Changhong (高長虹); die Kernautoren im Erzählerischen blieben dieselben drei — Huang Pengji, Shang Yue und Xiang Peiliang —, und Lu Xun wurde gebeten, als Herausgeber zu fungieren. Doch es gab viele Verbündete: auf dem Gebiet der Erzählung Wenbing, Yuanjun, Jiye (霽野), Jingnong (靜農), Xiaoming (小酩), Qingyu (青雨) und andere. Als die Hauptstadtzeitung im November beschloss, kleine Beilagen außer dem Hauptbeiblatt einzustellen, wurde es zu einer Halbmonatszeitschrift, herausgegeben von der Weiming-Gesellschaft. Das damals neu vorgestellte Werk war Wei Jinzhis (魏金枝) „Abenddämmerung in Liuxia", das die stagnierende Atmosphäre der Provinz schilderte.

Doch bald darauf kam es zu internen Konflikten in der Mangyuan-Gesellschaft, und Changhongs Fraktion gründete in Shanghai die Kuangbiao-Gesellschaft (Wilder Sturm). Die sogenannte „Kuangbiao-Bewegung" war ein Plan, der tatsächlich schon lange in Changhongs Tasche gesteckt hatte und stets auf eine Gelegenheit lauerte. Er hatte bereits einige Ausgaben eines Wochenblatts herausgegeben; sein „Manifest" war im März 1925 im Beiblatt der Hauptstadtzeitung erschienen, doch damals hatte er sich noch nicht zum „Übermenschen" erklärt und sprach noch mit einer Stimme, die nicht selbstzufrieden war: „In der pechschwarzen Finsternis der Nacht schläft alles fest, totenstill, kein einziger Laut, keine einzige Bewegung — die einsame, endlose lange Nacht!

„So sind Jahrhunderte um Jahrhunderte vergangen, und noch immer ist kein Morgengrauen gekommen, hat die Nacht nicht aufgehört.

„Totenstill liegen alle Menschen in tiefem Schlaf.

„Da erwachen einige wenige aus der Finsternis und rufen einander zu: ‚— Die Zeit ist gekommen; des Wartens war genug.

„‚— Ja, wir müssen uns erheben. Lasst uns rufen, damit alle, die des Wartens müde sind, sich ebenfalls erheben.

„‚— Sollte das Morgengrauen am Ende nie kommen, dann lasst uns trotzdem aufstehen. Wir werden Lampen anzünden und unseren dunklen Weg erhellen.

„‚— Schwäche taugt nicht; auf die Hoffnung zu schlafen taugt nicht. Wir müssen stark sein, die Hindernisse niederwerfen oder von ihnen niedergeworfen werden. Wir fürchten uns nicht und verstecken uns nicht.

„‚So rufend, mögen unsere Stimmen auch schwach sein, hört — aus dem Osten, aus dem Westen, aus dem Süden, aus dem Norden kommen leise die mächtigen Antwortrufe, mächtiger als unsere eigenen.

„‚Ein Rinnsal aus einer Quelle kann der Anfang eines großen Stromes sein; das Flattern eines einzelnen Blattes kann den kommenden Sturm ankündigen; aus einem winzigen Anfang können große Ergebnisse erwachsen. Aus diesem Grund heißt unser Wochenblatt Wilder Sturm.'"

Doch danach proclamierte er sich mehr und mehr als „erhaben". Die nietzscheanischen, einander unverständlichen, aphoristischen Aufsätze machten das Wochenblatt schließlich unhaltbar. Was auf dem Gebiet der Erzählung bemerkenswert blieb, waren noch immer nur Huang Pengji und Shang Yue — in Wahrheit nur Xiang Peiliang allein.

Huang Pengji veröffentlichte seine Kurzgeschichten als Sammlung unter dem Titel Dornen, doch als er zum zweiten Mal vor die Leser trat, hatte er bereits seinen Namen in „Pengqi" (朋其) geändert. Er war der Erste, der offen und klar forderte, Literatur müsse nicht wie Sahne, sondern wie Dornen sein, und der Literat dürfe nicht dekadent, sondern müsse kraftvoll sein. In „Literatur der Dornen" (Mangyuan-Wochenblatt, Ausgabe 28) legte er dar, dass „Literatur keineswegs eine nichtige Sache" sei, dass „der Literat nicht unbedingt ein besonders begünstigtes Volk" sei und dass er „kein weinender Meermann" sei. Er sagte:

„Ich glaube, die modernen chinesischen Werke sollten wie ein Dornenbusch sein. Denn in einer Wüste werden die ersehnten Blumen langsam welken. Die Gesellschaft bringt Dornen hervor: Ihre Blätter haben Stacheln, ihre Stängel haben Stacheln, bis hinunter zu ihren Wurzeln — Stacheln. — Bitte widerlegen Sie mich nicht mit Pflanzenphysiologie. — Der Gedanke, die Struktur, die Sätze, die Wortwahl eines Werkes sollten sämtlich das stachelige Gefühl zum Ausdruck bringen, das wir ständig empfinden. Ein wahrer Literat ... sollte zuerst selbst aufstehen, so dass wir nicht umhinkönnen, ebenfalls aufzustehen. Er sollte seine eigene Kraft aufbauen, den Menschen zeigen, wie sie ihre eigene Kraft aufbauen, ihre eigene Kraft erkennen und ihre eigene Kraft zum Ausdruck bringen. Ein gelungenes Werk sollte den Leser zumindest ohne Unterbrechung weiterlesen lassen, ohne ihm Zeit zu geben, über die Güte der Sprache zu urteilen — denn ein schlechtes Gefühl ist natürlich unerwünscht, aber auch ein entzückendes Gefühl bedeutet Misserfolg —, und es sollte unmöglich machen, selbstgefällig oder nachlässig zu sein. Es sollte den tiefen Sitz seiner Krankheit packen und ihm einen scharfen Stich versetzen. Geordnete Struktur und gewöhnliche Ausdrucksweise werden ihn anderswohin treiben — dagegen sollten wir uns wenden.

„‚Wenn die Wüste sich überall mit Dornen bedeckt, werden die Chinesen ein menschliches Leben führen!' Das glaube ich."

Pengqis Werke widersprachen in der Tat nicht allzu sehr seinem Programm. Er gebrauchte eine fließende und humorvolle Sprache, um die verschiedensten Menschentypen zu entlarven, zu zeichnen und zu verspotten, besonders die Intellektuellenschicht. Manchmal spielte er den Narren, um die Gedanken der Jugend auszusprechen, manchmal verwandelte er sich in einen Laufburschen und rannte in die Häuser der Reichen. Aber vielleicht gerade weil er zu sehr auf Lebendigkeit und Flüssigkeit bedacht war, konnte sein Bohren nicht tief gehen, und die absichtlich angebrachten komischen Schlusswendungen zerstörten oft die Kraft des ganzen Stückes. Satirische Literatur kann an ihrem eigenen gewollten Scherz sterben. Bald darauf „gestand" er (im Vorwort zu Dornen): „Die vier Worte ‚Literatur der Dornen' schrieb ich lediglich wegen meiner täglichen Bewunderung des Feigenkaktus und weil ich, ‚in einer unglücklichen Zeit geboren', nicht imstande war, den Duft der Blumen voll zu genießen." Das klang schon sehr nach Schwanken. Danach sahen wir seine „Literatur der Dornen" nicht mehr.

Shang Yues Schaffen war ebenfalls als Satire und zudem als Bloßstellung und Angriff angelegt. Der Titel seiner Erzählungssammlung, Die Rückseite des Beils, war sein selbst gestecktes Programm. Seine schöpferische Haltung war ernster als die Pengqis, sein Stoffgebiet breiter; er schilderte oft die Menschen eines Ortes, an dem die modernen Sitten noch nicht durchgedrungen waren — Xinyang (信陽) in Henan. Leider war er durch sein Talent begrenzt, und die Rückseite des Beils war zu leicht und zu klein, sodass die Wirksamkeit seiner Schläge, ob im öffentlichen oder privaten Interesse, zumeist an mangelhafter Ausrüstung und ungeübter Technik scheiterte.

Als Xiang Peiliang seine erste Erzählungssammlung Schimmernder Traum veröffentlichte, begann er mit den Worten:

„Wenn die Zeit vorübergeht, hört meine Seele ihre leisen Schritte. Ich habe sie sehr unbeholfen auf Papier übertragen — das ist der Ursprung dieses kleinen Buches!"

In der Tat erzählt uns der Autor von den Schritten der Zeit, die seine Seele vernommen hat: einige entlehnt der unschuldigen Liebe und dem Hass der Kindheit, andere der Einsamkeit des Fremdseins — was er sah und hörte. Und er ist keineswegs „unbeholfen"; auch nicht geziert oder gekünstelt — er plaudert einfach wie mit einem alten Bekannten, und wir spüren beim mühelosen Zuhören eine gewisse Beschaffenheit des Lebens. Aber das Innere des Autors ist glühend; wäre es nicht glühend, könnte er nicht so ruhig und behaglich plaudern. Obwohl er daher bisweilen im „schon verlorenen kindlichen Herzen" der Vergangenheit ruht, liebt er schließlich den „nihilistischen Rebellen" der Gegenwart, der „hinter dem mächtigen Hass eine noch mächtigere Liebe entdeckt", und stellt uns das kraftvolle „Ich verlasse die Kreuzung" vor. Die folgende Passage ist der Bericht des namenlosen Rebellen über seinen eigenen Hass: „Warum wollte ich Peking verlassen? Dafür kann ich auch nicht viele Gründe anführen. Kurzum: Ich habe diese alte, verlogene Großstadt satt. Nachdem ich vier Jahre lang darin umhergetrieben bin, habe ich diese alte, verlogene Großstadt bis ins Mark satt. Darin sehe ich nichts als Kotaus, Verbeugungen, den Ruf nach einem Kaiser, Schmeichelei gegenüber dem Regierungschef — feige Sklaven! Niederträchtigkeit, Feigheit, Verschlagenheit und flinkes Ausweichen — das sind die Meisterstücke der Sklaven! Das tiefe Gefühl des Ekels liegt mir im Mund wie roher, stinkender Fisch; ich muss mich übergeben, und so greife ich nach meinem Stock und gehe."

Hier hört man die Stimme Nietzsches — eben der Trommelschlag und das Schlachthorn des Vormarsches der Kuangbiao-Gesellschaft. Nietzsche forderte die Menschen auf, sich auf das Kommen des „Übermenschen" vorzubereiten; erscheint der Übermensch nicht, so ist die Vorbereitung leer. Doch Nietzsche hatte seinen eigenen Weg des Untergangs: Wahnsinn und Tod. Andernfalls kann man sich nur mit der Leere abfinden oder sich ihr widersetzen. Selbst wenn man in der Einsamkeit nichts vom Wärmeverlangen des „letzten Menschen" in sich trägt, verachtet man nur alle Autorität und schrumpft zum Nihilisten zusammen. Basarow glaubte an die Wissenschaft; er starb für die Medizin. Aber sobald man nicht die Autorität der Wissenschaft, sondern die Wissenschaft selbst verachtet, wird man ein Jünger Sanins — Nichtglauben als Namen, Alleserlaubtsein als Praxis. Aber die Kuangbiao-Gesellschaft schien bei der „nihilistischen Rebellion" stehenzubleiben; sie zerstreute sich bald, und was nun übrig ist, ist allein Xiang Peiliangs hallender Kampfruf, der die Zukunft eines halb Schwejriow-artigen „Hasses" anzeigt. Die Weiming-Gesellschaft war gerade das Gegenteil: Ihr Leiter Wei Suyuan (韋素園) war ein Mann, der bereit war, als namenlose Erde zu dienen, in der seltene Blumen und hohe Bäume wachsen. Das Zentrum des Unternehmens lag meist in der Übersetzung und Kommentierung ausländischer Literatur. Nachdem sie die Mangyuan übernommen hatte, gab es auf dem Gebiet der Erzählung neben Wei Jinzhi auch Li Jiye (李霽野), der mit scharfer Sensibilität schuf, manchmal tief und fein, wahrhaftig jede Ader an jedem Blatt zählend, der aber deshalb oft nicht in die Breite gehen konnte — ein Dilemma, das der einsame Gräber kaum vermeiden kann. Tai Jingnong (臺靜農) dachte zunächst nicht ans Erzählen und wollte es später nicht; aber auf Wei Suyuans Drängen und Mangyuans Nachfrage nach Manuskripten musste er 1926 schließlich zur Feder greifen. Im Nachwort zu Kinder der Erde sagt er:

„Damals begann ich, zwei oder drei Stücke zu schreiben, als Vorrat für das nächste Jahr. Suyuan las sie und war sehr zufrieden, dass ich meinen Stoff aus dem Volk nahm; er drängte mich, mich in diese Richtung zu vertiefen, und führte viele Schriftsteller als Beispiele an. Eigentlich war ich nicht sehr geneigt, diesen Weg zu gehen. Die Bitterkeit und das Elend der Menschenwelt — was meine Ohren gehört, was meine Augen gesehen haben, ist schon unerträglich genug. Nun soll ich das alles noch einmal im Einzelnen mit meinem Herzblut niederschreiben — kann man sagen, dass das kein Unglück ist? Zugleich fehlt mir der blühende Pinsel, der den jungen Männern und Frauen meiner Generation große Freude schenken könnte."

Danach kam Die Turmerbauer. Aus seinen Werken „große Freude" zu ziehen ist freilich nicht leicht, aber er hat der Literatur seinen Tribut gezollt. Und in einer Zeit, da alle um die Wette über die Freuden und Leiden der Liebe und das Licht und Dunkel der Großstadt schrieben, gab es niemanden, der eifriger als dieser Autor das Leben und Sterben auf dem Land, den Geruch der Erde, auf Papier brachte.

Fünf

Zum Schluss einige Worte über die Grundsätze der Auswahl. Erstens: Eine literarische Gruppe ist keine Bohnenschote, deren Inhalt von Anfang bis Ende Bohnen bleibt. Schon bei ihrer Zusammenkunft war jedes Mitglied verschieden, und danach durchlief jedes weitere verschiedene Wandlungen. In dieser Anthologie werden Werke nach 1926 nicht aufgenommen, und über die spätere Entwicklung des Stils und Denkens dieser Autoren wird nicht gesprochen.

Zweitens: Manche Autoren haben selbst zusammengestellte Sammlungen, in denen frühe, in Zeitschriften veröffentlichte Arbeiten manchmal fehlen — vermutlich von den Autoren selbst aus Unzufriedenheit gestrichen. Doch ich habe sie bisweilen trotzdem aufgenommen, denn ich glaube, dass sich selbst Heilige und Helden ihrer Kindheit nicht zu schämen brauchen; sich zu schämen ist selbst ein Fehler.

Drittens: Manche Stücke in selbst zusammengestellten Sammlungen weichen im Wortlaut von den in Zeitschriften veröffentlichten Fassungen ab — natürlich das Ergebnis eigener Überarbeitung durch die Autoren. Doch hier habe ich manchmal die Erstfassung verwendet, weil ich finde, dass die überarbeitete Fassung nicht unbedingt besser ist als die schlichte, ungeschmückte erste Niederschrift.

Für die beiden vorstehenden Punkte bitte ich die Autoren um Verzeihung.

Viertens: Die Zahl der Zeitschriften, die in diesen zehn Jahren erschienen, ist wahrhaft unzählbar, und Erzählungssammlungen waren natürlich auch nicht wenige. Doch Kenntnis und Erfahrung sind begrenzt, und das Bedauern, Perlen übersehen zu haben, ist unvermeidlich. Was Fälle betrifft, in denen ich eine Sammlung durchaus gesehen, aber schlecht ausgewählt habe — selbst wenn dies nicht Parteilichkeit war, muss es ein Mangel an Urteilskraft sein, und ich werde nicht versuchen, mich zu entschuldigen.

Dies ist nicht meine eigene Entdeckung; ich habe sie aufgeschnappt, als ich im Buchladen Uchiyama einem Plaudergespräch lauschte. Wie es heißt, sei eine Nation wie die japanische, die „Schlussfolgerungen" so sehr liebt — eine Nation, die, ob sie nun Argumenten lauscht oder Bücher liest, sich stets unwohl fühlt, wenn sie zu keinem Schluss gelangt — in der heutigen Welt offenbar recht selten zu finden.

Nachdem man diese besondere Schlussfolgerung in sich aufgenommen hat, findet man sie oft recht treffend. Nehmen wir die Chinesen — da ist es genauso. Die Schlussfolgerungen der China-Forschung der Meiji-Zeit scheinen zumeist von dem Buch irgendeines Engländers über den Charakter des chinesischen Volkes beeinflusst gewesen zu sein. Doch in jüngster Zeit gibt es Schlussfolgerungen mit einem ganz neuen Gesicht. Ein Reisender betritt das Arbeitszimmer eines wohlhabenden ehemaligen hohen Beamten, sieht dort viele teure Tuschsteine und erklärt, China sei „ein Land der Verfeinerung". Ein Beobachter kommt für einen kurzen Besuch nach Shanghai, kauft ein paar anstößige Bücher und Bilder, sucht ein paar kuriose Sehenswürdigkeiten auf und erklärt, China sei „ein Land der Erotik". Sogar die Tatsache, dass man in Jiangsu und Zhejiang in großen Mengen Bambussprossen isst, wird als Beweis für die erotische Mentalität herangezogen. Aber in Guangdong und Peking, wo es wenig Bambus gibt, isst man gar nicht so viele Bambussprossen. Besucht man die Wohnung oder Bude eines armen Literaten, so gibt es nicht nur kein sogenanntes Arbeitszimmer, sondern der benutzte Tuschstein ist auch nur ein Zweigroschen-Ding. Sobald man solche Dinge sieht, halten die früheren Schlussfolgerungen nicht mehr stand, und der Beobachter gerät etwas in Verlegenheit und muss sich eine andere passende Schlussfolgerung aus den Fingern saugen. Und so lautet das Urteil diesmal, dass China sehr schwer zu verstehen sei, dass China „ein Land der Rätsel" sei.

Nach meiner eigenen Auffassung ist gegenseitiges Verständnis, solange sich die Stellungen — und insbesondere die Interessen — der Menschen unterscheiden, nicht nur zwischen zwei Ländern, sondern selbst unter Menschen desselben Landes, nicht leicht zu erreichen.

Nehmen wir dieses Beispiel: China hat viele Studenten zum Studium in den Westen entsandt, und unter ihnen war ein Herr, der sich anscheinend nicht sonderlich für das Studium westlicher Fächer interessierte. So reichte er irgendeine Abhandlung über chinesische Literatur ein, versetzte die dortigen Gelehrten in großes Erstaunen, erwarb den Doktortitel und kehrte heim. Aber weil er zu lange im Ausland studiert und die Verhältnisse in China vergessen hatte, konnte er nach seiner Rückkehr nur westliche Literatur unterrichten. Als er die vielen Bettler im eigenen Land sah, war er höchst erstaunt und seufzte: Warum gehen sie nicht studieren, statt aus eigenem Antrieb so tief zu sinken? Die unteren Schichten sind wirklich nicht zu retten.

Aber das ist ein extremer Fall. Wenn man längere Zeit an einem Ort lebt, mit den Menschen dieses Ortes in Berührung kommt und vor allem ihren Geist aufnimmt und ernsthaft darüber nachdenkt, dann ist man vielleicht doch nicht unfähig, dieses Land zu verstehen.

Der Verfasser hat mehr als zwanzig Jahre in China gelebt, ist an verschiedene Orte gereist und mit Menschen aller Schichten in Berührung gekommen; diese Art von Plauderessays zu schreiben, dafür halte ich ihn für genau den richtigen Menschen. Tatsachen sprechen lauter als Rhetorik — strahlen diese Plauderessays nicht tatsächlich einen besonderen Glanz aus? Ich selbst gehe auch oft hin, dem Geplauder zu lauschen, und bin eigentlich mit dem Recht und der Pflicht des Beifallspendens betraut. Da wir aber schon sehr lange „alte Freunde" sind, will ich hier auch ein paar unfreundliche Worte anfügen. Erstens gibt es eine Neigung, Chinas Vorzüge zu sehr herauszustreichen, was meiner Ansicht widerspricht; aber der Verfasser hat seinerseits auch seine eigene Meinung, da lässt sich nichts machen. Der andere Punkt, der vielleicht unfreundlich ist und vielleicht auch nicht, ist folgender: Beim Lesen dieser Plauderessays stößt man recht häufig auf Stellen, die einem das Gefühl geben, „ach, so ist das also" — und diese Stellen, die einem das Gefühl geben, „ach, so ist das also", sind, wenn man der Sache auf den Grund geht, ebenfalls Schlussfolgerungen. Glücklicherweise steht am Ende des Bandes nicht ausdrücklich „Kapitel soundso: Schlussfolgerung" gedruckt, sodass es noch als Geplauder durchgehen kann — was alles in allem ganz gut ist.

Doch selbst wenn man darauf besteht, dass es sich um Geplauder handelt, besteht die Absicht des Verfassers dennoch darin, dem japanischen Leser einen Teil von Chinas wahrem Gesicht vorzustellen. Aber gegenwärtig werden verschiedene Leser unweigerlich zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Daran lässt sich nichts ändern. Meiner Ansicht nach wird der Tag, an dem sich die Völker Japans und Chinas gegenseitig verstehen, gewiss kommen. Neuerdings reden die Zeitungen wieder eifrig von „Wohlwollen" hier und „Zusammenarbeit" dort, und im nächsten Jahr wird man nicht wissen, was sie wieder sagen werden. Aber auf jeden Fall ist jetzt nicht dieser Zeitpunkt.

Es ist doch besser, ein paar Plauderessays zu lesen — das ist immerhin ein wenig interessanter.

Manchmal denke ich mir, dass der redliche, aufrichtige Leser oder Forscher unweigerlich unverdient leiden muss, wenn er auf zwei bestimmte Arten von Schriften stoesst. Die erste Art besteht aus bizarren Gedichten, nietzscheanischen Kurzspruechen und den vor einigen Jahren so genannten futuristischen Werken. Diese sind in der Regel aus absonderlichen Woertern und erzwungenen Saetzen zusammengestoppelt, sinnlos aneinandergereiht, und dazu noch mit mehreren langen Reihen von Punkten versehen. Die Verfasser haben einfach drauflosgekritzelt; sie selbst wussten nicht, was das bedeuten sollte. Doch der gewissenhafte Leser vermutet darin einen tiefen Sinn, studiert sie eifrig -- und steht am Ende ratlos da, wobei er sich nur seiner eigenen Oberflaechlichkeit bezichtigen kann. Wenn man den Verfasser selbst um Aufklaerung baete, wuerde er gewiss keine Erklaerung geben, sondern einen nur geringschaetzig anlaecheln. Und dieses Laecheln wuerde ihn nur umso tiefgruendiger erscheinen lassen.

Dann gibt es eine zweite Art, bei der der Verfasser lediglich "seinen Spass suchte" -- er meinte es beim Sagen nie ernst und hatte es nach dem Sagen bereits vergessen. Natuerlich wird das mit seinen frueheren Positionen kollidieren; natuerlich werden sich innerhalb desselben Aufsatzes Widersprueche ergeben. Aber man muss verstehen, dass der Verfasser das Schreiben fuer etwas anderes haelt als das Essen -- man brauche es nicht ernst zu nehmen. Wer ernsthaft liest, kann nur sich selbst der Dummheit bezichtigen. Das juengste Beispiel ist Herrn Hanlues Untersuchung der Frage, warum Herr Yutang (语堂, also Lin Yutang 林语堂) das Buch Worte eines Alten in der Sonne (Ye sou pu yan) lobte. In der Tat ist dieses Buch die Kristallisation der scheinheiligen, luesternden und giftigen Gesinnung des neokonfuzianischen Moralisten und hat mit "Geistigkeit" herzlich wenig zu tun. Wenn man Beispiele zum Vergleich heranzieht, erscheint das Lob natuerlich verblueffend. Aber in Wahrheit, so fuerchte ich, war Herrn Yutangs Abscheu gegen den "Duenkel des Gelehrten mit der eckigen Kappe," sein Reden von "Geistigkeit," sein Eintreten fuer "Laessigkeit" -- dies alles war nichts weiter als "Spasssuche" auf Kosten ehrlicher Leute. Er hat nie wirklich verstanden, was es mit dem "Gelehrtenduenkel" und dergleichen auf sich hat; vielleicht hat er nicht einmal das von ihm gelobte Ye sou pu yan ordentlich gelesen. Wer also versucht, sein Lob mit seinen sonstigen Positionen zu vergleichen und zu studieren, wird es niemals begreifen. Natuerlich sind die beiden Seiten voellig unvereinbar -- das ist offenkundig -- aber wie er dennoch dazu kam, das Buch zu loben, bleibt ein "Unerklaerliches." Meine Meinung ist, dass man gewisse Dinge niemals zu tiefgruendig, zu redlich, zu aufrichtig durchdenken sollte. Wir brauchen nur zu wissen, dass Herr Yutang damals Yuan Zhonglang (袁中郎, d.i. Yuan Hongdao 袁宏道) verehrte und dass Yuan Zhonglang seinerseits einmal die Goldene Lotosblume (Jin Ping Mei) gelobt hatte -- und schon verschwindet alles Erstaunen.

Hier noch ein weiteres Beispiel. Nehmen wir das Lesen der Klassiker: In Guangdong, so hoere ich, wurde es zuerst von der Militaerakademie in Yantang propagiert. Letztes Jahr erschien ein amtlich genehmigtes Lesebuch klassischer Belehrungen fuer Grundschulen, und die allererste Lektion fuer Fuenftklaessler lautete: "Konfuzius sprach zu Zengzi (曾子): 'Dein Leib, dein Haar und deine Haut -- all dies hast du von deinen Eltern empfangen. Wage nicht, es zu beschaedigen. Dies ist der Anfang der Kindespflicht...'" Ist denn "sein Leben fuers Vaterland opfern" das "Ende der Kindespflicht"? Keineswegs. In der dritten Lektion steht noch ein "Vorbild," naemlich Yue Zhengzi Chuns (乐正子春) Wiedergabe dessen, was Zengzi vom Meister gehoert hatte: "Von allem, was der Himmel hervorbringt und die Erde naehrt, ist der Mensch das Groesste. Wenn die Eltern einem das Leben unversehrt geben und man es unversehrt zurueckgibt, so mag das Kindespflicht heissen. Den Leib nicht zu schmaelern, die Person nicht zu entehren -- das mag Unversehrtheit heissen. Daher wagt es der Edle nicht, die Kindespflicht auch nur einen Schritt lang zu vergessen..."

Und ein allerjuengstes Beispiel, vom 7. Maerz in der Zhonghua-Tageszeitung. Dort findet sich eine Stellungnahme von "Herrn Li Jigu (李季谷), Professor an der Universitaet Beiping und zugleich Leiter der Abteilung fuer Literatur und Geschichte am Frauen-College fuer Geistes- und Naturwissenschaften," der die Grundsaetze der Zehn Erklaerungen befuerwortet, mit dem Schluss: "Vom Standpunkt der nationalen Erneuerung aus sollte das Erziehungsministerium einheitlich anordnen, Yue Wumu (岳武穆, d.i. Yue Fei 岳飞), Wen Tianxiang (文天祥) und Fang Xiaoru (方孝孺) -- treue Minister und tapfere Feldherren von grosser Integritaet -- als Vorbilder hochzuhalten, damit hohe Beamte und Militaerbefehlshaber Leitbilder haben, denen sie nacheifern koennen."

In all diesen Faellen ist es am besten, nicht allzu genau nachzuforschen. Wenn man den Widerspruch zwischen "den Leib unversehrt zurueckgeben" und kuenftigen Schlachten bedenkt, oder wenn man die tatsaechlichen Fakten ueber die Yue Wumus der Geschichte nachschlaegt, um zu sehen, wie es wirklich mit ihnen endete und ob sie tatsaechlich die "Nation erneuerten" -- dann wird man unweigerlich um den Verstand gebracht. In Wahrheit laeuft es darauf hinaus, sich selbst Kummer zu machen. Herr Yutang sagte in einem Vortrag an der Jinan-Universitaet: "...Im Betragen muss man aufrecht und anstaendig sein und nicht auf Abwege geraten... Geraet man erst auf Abwege... verliert man gewiss die Stelle... Im Schreiben jedoch muss man humorvoll sein -- das ist etwas anderes als das Betragen -- man soll scherzen, Spass suchen..." (nach der Ausgabe des Mangzhong). Obwohl dies etwas sonderbar klingen mag, ist es doch recht geeignet, den Verstand zu erleuchten: Dieses "Scherzen, Spass suchen" ist naemlich genau der Schluessel, der eine ganze Reihe von Chinas bizarren Erscheinungen aufschliesst.

Es scheint, jemand habe gesagt, letztes Jahr sei das "Jahr der Uebersetzung" gewesen. In Wahrheit gab es nichts sonderlich Bemerkenswertes an den Uebersetzungen, wenngleich es stimmt, dass die Uebersetzung voruebergehend von ihrem schlechten Ruf reingewaschen wurde.

Erbaermlich genug: Kaum waren ein paar Kurzgeschichten ins Chinesische uebersetzt worden, da traten die Schoepfer auf den Plan und erklaerten die Uebersetzung zur Kupplerin und das Originalwerk zur Jungfrau. In einer Zeit des freien Umgangs zwischen Mann und Frau -- wer moechte sich da noch mit einer Kupplerin abgeben? Natuerlich war sie passe. Spaeter wurde ein wenig Literaturtheorie ins Chinesische uebertragen, doch nun erschienen die "Kritiker" und Humoristen und nannten es "steife Uebersetzung," "tote Uebersetzung," "wie Landkartenlesen." Der Humorist erdichtete sogar aus seinem eigenen Kopf heraus laecherliche Beispiele, um seinen Lesern "Vergnuegen zu bereiten." Die Worte von Gelehrten und Grossmeistern koennen ja nicht falsch sein, und "Vergnuegen" ist immer weniger anstrengend als Ernst -- und so wurde dem Gesicht der Uebersetzung ein Strich Puder aufgemalt.

Aber wie kam es dann zum "Jahr der Uebersetzung," zu einer Zeit, als keine bemerkenswerten Uebersetzungen erschienen? War es nicht so, dass die leichtfertigen Anwuerfe, da sie selbst allzu flatterig waren, Wind und Regen nicht standhielten?

Da erinnerten sich also einige Leute wieder an die Uebersetzung und versuchten sich an ein paar Stuecken. Doch sogleich wurde dies zum Stoff fuer die "Kritiker" -- oder vielmehr, bei richtigem Namen genannt, sollte man sie "Noergler" heissen, eine Spezies, die sich sowohl vom Schoepfer als auch vom Kritiker unterscheidet; will man sich feiner ausdruecken, so mag man sie als "dritte Gattung" bezeichnen. Wie die alte Kupplerin in der Hintergasse erheben sie nicht sonderlich die Stimme, sondern noergeln vor sich hin: Sind etwa alle Meisterwerke der Welt schon uebersetzt? Ihr uebersetzt ja nur immer Dinge, die andere schon uebersetzt haben -- manche davon schon sieben- oder achtmal!

Ich erinnere mich, dass es in China einst eine Mode gab: Sobald im Ausland -- meist in Japan -- ein Buch erschien, das fuer chinesische Leser von Interesse sein mochte, schaltete jemand eine Anzeige in die Zeitung mit den Worten: "Uebersetzung bereits in Arbeit; bitte von Neuuebersetzung absehen." Er betrachtete das Uebersetzen wie eine Verlobung -- nachdem er sich als Erster den Verlobungsring uebergestreift hatte, sollten die anderen alle unbefugten Gedanken fahren lassen. Natuerlich wurde die Uebersetzung nicht unbedingt jemals veroeffentlicht; meistens wurde die Verlobung heimlich geloest. Aber andere wagten es infolgedessen nicht mehr zu uebersetzen, und die Braut alterte einfach in ihrem Gemach. Solche Anzeigen sieht man heutzutage nicht mehr, doch unsere heutigen Noergler sind die rechtmaessigen Erben genau dieser Tradition. Sie betrachten Uebersetzen wie Heiraten: Hat einmal jemand ein Werk uebersetzt, darf kein Zweiter es noch anruehren, sonst waere es, als haette man die Frau eines anderen verfuehrt, und sie muessen dann noergeln kommen -- im Namen der Aufrechterhaltung der guten Sitten, versteht sich. Aber haben sie in diesem Genoergel nicht leibhaftig ihre eigene erbaermliche, kleinliche Physiognomie vor aller Augen gezeichnet?

Vor einigen Jahren verlor die Uebersetzung das Vertrauen des gewoehnlichen Lesers. Die Scheinargumente der Gelehrten und Grossmeister waren gewiss ein Grund, aber die Uebersetzung selbst trug ebenfalls Schuld -- naemlich durch das staendige Auftreten von leichtfertig angefertigten Uebersetzungen. Um diese schlechten Uebersetzungen zu vertreiben, nuetzen aber Verleumdung, Frivolitat und Genoergel nichts. Die einzige gute Methode ist, noch einmal neu zu uebersetzen -- und wenn das nicht genuegt, ein weiteres Mal. Es ist wie bei einem Wettrennen: Es muessen mindestens zwei Laeufer antreten. Wenn kein zweiter Laeufer auf die Bahn darf, bleibt der erste fuer immer der Erste, wie lahm er auch sein mag. Wer also die Neuuebersetzung verspottet, mag oberflaechlich betrachtet sich um die Welt des Uebersetzens zu sorgen scheinen, vergiftet sie aber in Wahrheit -- schaedlicher noch als die Verleumder und die Frivolen, weil er hinterlistiger und weicher vorgeht.

Ueberdies dient die Neuuebersetzung nicht bloss dazu, schlechte Uebersetzungen zu verdraengen. Selbst wo bereits eine gute Uebersetzung existiert, bleibt die Neuuebersetzung notwendig. Wo es einst eine Fassung in klassischem Chinesisch gab, sollte man sie jetzt selbstverstaendlich in die Umgangssprache neu uebersetzen -- das versteht sich von selbst. Selbst wenn eine bestehende volkssprachliche Uebersetzung schon recht ansehnlich ist, sollte ein spaeterer Uebersetzer, der meint, es besser machen zu koennen, ruhig noch einmal uebersetzen, ohne falsche Bescheidenheit und erst recht ohne sich um das laestige Genoergel zu scheren. Die Vorzuege der alten Uebersetzung aufgreifen und die eigenen neuen Erkenntnisse hinzufuegen -- nur so kann etwas entstehen, das einer endgueltigen Fassung nahekommt. Und da die Sprache sich mit der Zeit wandelt, wird es auch in Zukunft Raum fuer neue Neuuebersetzungen geben. Sieben- oder achtmal -- was ist denn so Erstaunliches daran? -- zumal es in China tatsaechlich kein Werk gibt, das sieben- oder achtmal uebersetzt worden waere. Gaebe es welche, stuende es um Chinas neue Literatur vielleicht nicht so stagnierend wie heute.

Wir sind stets zu einer gewissen Voreingenommenheit geneigt: Stossen wir auf ein satirisches Werk, so empfinden wir, dies sei nicht der rechte Weg der Literatur, denn wir haben bereits vorausgesetzt, dass Satire keine Tugend sei. Begeben wir uns jedoch in gesellschaftliche Zusammenkuenfte, so koennen wir oftmals Szenen wie die folgende beobachten -- zwei wohlbeleibte Herren, die sich gegenseitig verbeugen und die Haende schuetteln, ihre Gesichter glaenzend vor Fett, gerade dabei, ihr Gespraech zu eroeffnen:

"Wie lautet Ihr werter Familienname...?"

"Mein bescheidener Name ist Qian."

"Oh, welch grosse Freude! Ich bewundere Ihren Namen schon lange! Duerfte ich wohl Ihren geschaetzten Vornamen erfahren...?"

"Mein ungezwungener Name ist Kuoting."

"Wie erhaben, wie erlesen! Und Ihre verehrte Heimat...?"

"Hier in Shanghai..."

"Oh, wie wunderbar! Das ist wirklich..."

Wer findet das seltsam? Aber schriebe man es in einem Roman nieder, so wuerde man es sogleich mit anderen Augen betrachten, und es wuerde vermutlich als Satire eingestuft werden. Nicht wenige Autoren, die einfach die Tatsachen so wiedergaben, wie sie waren, haben sich auf diese Weise den Titel "Satiriker" eingehandelt -- ob das gut oder schlecht ist, laesst sich schwer sagen. In China etwa schildert der Pflaumenblueten in goldener Vase (Jin Ping Mei), wie der Zensor Cai sich selbst herabsetzt und Ximen Qing (西门庆) schmeichelt: "Ich fuerchte, mir fehlt das Talent eines Anshi (安石, d.i. Wang Anshi 王安石), waehrend Ihr, mein Herr, die erhabene Kultiviertheit eines Wang Youjun (王右军, d.i. Wang Xizhi 王羲之) besitzt!" Und die Geschichte der Gelehrten (Rulin waishi) schildert, wie der bestandene Kandidat Fan (范举人), weil er sich in der Trauerzeit befindet, nicht einmal Elfenbeinstaeebchen benutzen will -- aber beim Essen "aus der Schwalbennestersuppe einen grossen Garneelenkloesschen herausfischte und sich in den Mund schob." Aehnliche Szenen kann man auch heute noch erleben. In der auslaendischen Literatur nehme man etwa die Werke Gogols (果戈理), die neuerdings die Aufmerksamkeit chinesischer Leser auf sich gezogen haben: die kleinen und grossen Beamten in seinem Mantel (uebersetzt von Wei Suyuan 韦素园, in der Reihe Unbenannt) und die feinen Herren, Aerzte und Muessiggaenger in seiner Nase (uebersetzt von Xu Xia 许遐, in Uebersetzungen) -- diese Typen kann man sogar im heutigen China noch antreffen. Dies sind offenkundig Tatsachen, und zwar sehr weit verbreitete Tatsachen, und dennoch nennen wir alles Satire.

Die meisten Menschen wuenschen sich einen Namen: zu Lebzeiten schreiben sie Autobiographien; nach dem Tod hoffen sie, jemand werde eine Todesanzeige, einen Lebensbericht verfassen, oder gar "dem Amt fuer Nationalgeschichte zur Aufnahme in die Biographien ueberreichen." Die Menschen sind sich ihrer eigenen Haesslichkeit auch nicht gaenzlich unbewusst -- nur wollen sie sie nicht bessern; sie hoffen lediglich, dass sie mit der Zeit verblasst, keine Spuren hinterlaesst, und nur die schoenen Seiten uebrig bleiben, etwa dass man einmal den Hungernden Reissuppe ausgeteilt hat -- nicht aber das Gesamtbild. "Wie erhaben, wie erlesen" -- weiss er im Grunde nicht ganz genau, dass es ein wenig peinlich klingt? Aber er weiss auch, dass es nach dem Sagen erledigt ist -- in seiner "offiziellen Biographie" wird es gewiss nicht stehen -- und so faehrt er guten Gewissens fort, "erhaben" zu sein. Wenn jemand es aufschriebe und nicht verschwinden liesse, waere er hoechst ungehalten. Und so zerbricht er sich den Kopf ueber einen Gegenangriff und erklaert, all dies sei "Satire," schmiert dem Autor Schmutz ins Gesicht, um sein eigenes wahres Antlitz zu verbergen. Doch auch wir selbst stimmen oft genug gedankenlos ein: "Ja, das ist Satire!" Wahrhaftig, die Taeuschung geht recht tief.

Ein analoger Fall ist die sogenannte "Beleidigung." Angenommen, man geht die Sima-Strasse entlang und sieht eine Strassendirne, die einen Passanten am Aermel zupft. Wenn man laut sagt: "Eine Strassendirne wirbt Freier an," wird sie einen beschimpfen, man habe sie "beleidigt." Beleidigung ist ein Laster; damit ist man sogleich als der Schuldige abgestempelt, und da man schuldig ist, muss die Gegenpartei wohl im Recht sein. Aber tatsaechlich war es eben doch "eine Strassendirne, die Freier anwirbt" -- nur darf man es im Herzen wissen, aber nicht aussprechen; im aeussersten Notfall darf man hoechstens sagen: "Die junge Dame betreibt ihr Geschaeft." Ebenso wie bei jenen sich verbeugenden und Haende schuettelnden Herren -- sobald man es niederschreibt, muss man es in "bescheiden im Umgang mit Menschen, zurueckhaltend im Verkehr mit den Dingen" umwandeln. -- Das ist keine Beleidigung. Das ist keine Satire.

In Wahrheit ist das, was man heutzutage satirische Werke nennt, zum groessten Teil Realismus. Ohne Realismus kann es keine sogenannte "Satire" geben; nicht-realistische Satire, selbst wenn es so etwas geben koennte, waere nichts als Erfindung und Verleumdung.

16. Maerz.

Von der Zeit, als die Debatte ueber falsche Schriftzeichen begann, bis zur heutigen Foerderung der "handschriftlichen Zeichen" ist wohl ueber ein Jahr vergangen, und ich erinnere mich, selbst nichts dazu gesagt zu haben. Ich bin nicht dagegen, aber auch nicht begeistert, denn ich bin der Meinung, dass das Blockzeichen an sich bereits eine toedliche Krankheit ist -- ein wenig Ginseng einnehmen oder sich irgendeinen Ausweg ausdenken mag die Dinge vielleicht eine Weile hinauszuzoegern, aber am Ende ist nichts zu retten. Daher habe ich dieser Sache nie viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Vor ein paar Tagen sah ich Herrn Chen Youqins (陈友琴) "Lebendige Zeichen und tote Zeichen" in der Ziyou Tan (Freie Unterhaltung), und es erinnerte mich an alte Angelegenheiten. Er erwaehnt, dass bei der Aufnahmepruefung der Peking-Universitaet ein Kandidat ein falsches Zeichen geschrieben habe, und "Professor Liu Bannong (刘半农) einen Spottvers darauf dichtete, was gewiss nicht recht war," aber dass ich "eine gewundene Verteidigung vorbrachte, die ebenso ueberfluessig war." Der Fehler des Kandidaten bestand darin, "chang ming" (倡明) statt "chang ming" (昌明) zu schreiben; Professor Lius Spottvers deutete "chang" (倡) als "Dirne" (娼妓); mein Zawen argumentierte, "chang" muesse nicht zwingend "Dirne" bedeuten -- und ich meine, das war keine "gewundene" Argumentation. Was das Urteil "ebenso ueberfluessig" betrifft, so ist es hoechst vielsagend: Aus der Sicht jedes Aussenstehenden gibt es im Reden und Handeln eines jeden Menschen ueberaus viele Dinge, die "ebenso ueberfluessig" sind -- andernfalls wuerde es so aussehen, als waeren alle Menschen im ganzen Land ein und derselbe.

Ich habe nie oeffentlich dafuer plaediert, falsche Zeichen zu schreiben. Waere ich Chinesischlehrer und ein Schueler schriebe ein falsches Zeichen, wuerde ich es korrigieren -- wohl wissend, dass dies nur Symptombehandlung ist. Was die letztjaehrige Kritik an Professor Liu angeht, so war diese etwas anderes als die Verteidigung falscher Zeichen. (1) Ich bin der Meinung, dass ein Gelehrter oder Professor, der mindestens zehn Jahre aelter ist als die Studenten, nicht nur zehntausend Schaelchen Reis mehr gegessen hat, sondern auch, selbst bei nur einem Zeichen pro Tag, 3.600 Zeichen mehr gelernt haben muss; es ist nur natuerlich, vergleichsweise gelehrter zu sein. In Pruefungsarbeiten ein paar falsche Zeichen zu finden, ist "ebenso ueberfluessig" als Anlass, auf Wolken des Ueberlegenheitsgefuehls zu schweben, als haette man einen Schatz gefunden. Ausserdem (2) haben die heutigen Schulen zahlreiche Faecher, ganz anders als die alten Privatschulen, die sich ausschliesslich auf den Achtgliedrigen Aufsatz konzentrierten. Selbst wenn die Schriftkenntnis nicht so gut ist wie frueher, ist das kein bisschen verwunderlich. Die alten Gelehrten, die nie falsche Zeichen schrieben -- wussten sie, wo die fuenf Erdteile liegen, oder die Namen der Elemente? Natuerlich, wenn jemand sowohl in den Naturwissenschaften beschlagen als auch in der Literatur bewandert ist, umso besser -- aber man kann dies nicht vage und pauschal von gewoehnlichen Studenten verlangen. Wenn ein Student Ingenieurwesen lernen muss, dann genuegt es voellig, wenn er Deiche und Strassen bauen, Fluesse regulieren und den Huai-Fluss baendigen kann. Dass er "chang ming" (昌明) als "chang ming" (倡明) schreibt oder "liu xue" (留学, Auslandsstudium) mit "liu xue" (流学) verwechselt -- davon werden die Deiche gewiss nicht einstuerzen. Wenn man einwendet, dass Studenten anderer Laender bei ihrer eigenen Sprache nie solch laecherliche Fehler machen wuerden, dann kann man gewiss den chinesischen Studenten die Schuld geben, dass sie partout nicht lernen wollen; aber man kann ebenso den Lehrern vorwerfen, schlecht zu unterrichten. Wenn weder das eine noch das andere zutrifft, bleibt nur meine Schlussfolgerung: Das Blockzeichen ist an sich eine toedliche Krankheit.

Die Reform vom Klassischen zur Umgangssprache, bis hin zur gegenwaertigen Foerderung handschriftlicher Zeichen, ist wirklich nicht mehr als eine Kampferspritze -- sie kann keine Toten auferwecken. Doch selbst dies wird durch endlose Hindernisse blockiert und ist bis heute nicht abgeschlossen. Ich erinnere mich, dass bei der ersten Propagierung der Umgangssprache die erste Salve der Konservativen gegen die Reformer lautete, die Reformer seien Analphabeten und in den Klassikern unbewandert und plaedierten daher fuer die Umgangssprache. Gegen diese Feinde, die unter dem Banner des klassischen Chinesisch marschierten, mussten die klassischen Texte selbst als "Wunderwaffe" eingesetzt werden -- und erst so konnten sie zurueckgeschlagen werden. Gift mit Gift bekaempfend, bewies man stattdessen, dass die Gegner der Umgangssprache selbst die Analphabeten und Ungebildeten waren. Ohne dies waere das Banner des klassischen Chinesisch vielleicht bis heute nicht gefallen. Letztes Jahr verteidigte Herr Cao Juren (曹聚仁) die falschen Zeichen, und seine Kampftaktik bestand ebenfalls darin, klassische Texte ins Feld zu fuehren, so dass die Literaten, die sich einbildeten, alle "richtigen Zeichen" zu kennen, weder lachen noch weinen konnten -- denn viele dieser sogenannten "richtigen Zeichen" waren selbst Varianten. Dies war in der Tat eine maechtige Waffe zur Schleifung der alten Festungswerke. Mittlerweile kommt kaum noch jemand, um darueber zu streiten, ob die Schrift umgangssprachlich sein soll oder nicht -- mit Ausnahme derer, die "Spass suchen" -- oder ob Zeichen Varianten sind oder nicht, denn das wuerde zu den heutigen Textversionen des Buches der Urkunden, zu den Orakelknocheninschriften fuehren, und das waere ueberaus verwickelt. Dies ist der Sieg der Reformer -- obgleich die Vor- und Nachteile der Reform selbst natuerlich eine separate Diskussion sind.

Herrn Chen Youqins "Tote Zeichen und lebendige Zeichen" ist nach dieser entscheidenden Schlacht die solideste Methode, die Reihen neu zu ordnen. Er versucht nicht mehr, von Grund auf kleinlich darueber zu streiten, ob Zeichen falsch -- das heisst, ob sie Varianten -- sind oder nicht. Er fragt nur, ob sie lebendig sind oder nicht; sind sie nicht lebendig, gelten sie als falsch. Er zitiert eine Passage aus Herrn He Zhongyings (何仲英) Abriss der chinesischen Schriftwissenschaft als sein Stellvertreter-Argument:

"...Der Gebrauch von Lehnzeichen durch die Alten war ebenfalls das Schreiben falscher Zeichen, was ebenfalls nicht richtig war. Da es sich aber seit alters her eingebuergert hat und stets in allgemeinem Umlauf war, gibt es heute keine Moeglichkeit, die Menschen zur Berichtigung zu zwingen. Koennte jedes Zeichen berichtigt werden, so waere dies, was das Buch der Wandlungen 'die Irrtuemer des Vaters berichtigen' nennt. Selbst wenn es nicht moeglich ist, darf man dann auf die falschen Zeichen der Alten noch weitere falsche Zeichen haeufen? Die falschen Zeichen der Alten, die bis heute in Umlauf sind, sind im ganzen Land einheitlich und koennen daher noch verstanden werden. Wenn heutige Menschen immer neue falsche Zeichen hinzufuegen, wobei jeder Ort seine eigene lokale Aussprache zur Grundlage nimmt, werden Menschen aus anderen Provinzen und Kreisen sie nicht mehr verstehen koennen. Waere das nicht ein grosses Hindernis?..."

Die ersten Saetze sind, mit Verlaub gesagt, etwas laecherlich. Wenn wir zunaechst die Frage beiseitelassen, ob es eine Moeglichkeit gibt, die Berichtigung durchzusetzen, und selbst versuchen, einen alten Text zu berichtigen, dann lautet die erste Frage: Was nehmen wir als das "richtige Zeichen" -- das Shuowen, die Bronzeinschriften, die Orakelknochen, oder einfach Herrn Chens sogenannte "lebendige Zeichen"? Selbst wenn alle bereit waeren zu gehorchen, koennten die Befuerworter selbst die Berichtigungen nicht als Erste vornehmen -- sie koennen die "Irrtuemer des Vaters" nicht berichtigen. Daher lautet die anschliessende These des von Herrn Chen gewaehlten Stellvertreters: Was einmal als falsch feststeht, soll falsch bleiben, aber es duerfen keine neuen Fehler hinzukommen, damit die Einheit der Schrift in Zukunft nicht zerstoert wird. Richtig und Falsch beiseitelassen und nur den praktischen Nutzen eroertern -- das ist kein schlechter Ansatz, aber offen gesagt ist es nichts anderes als die Position "den Status quo bewahren."

Die Position "den Status quo bewahren" gibt es zu allen Zeiten, und es fehlt nie an Befuerwortern, doch zu keiner Zeit war sie jemals wirksam, weil sie in der Praxis schlicht undurchfuehrbar ist. Haette man diese Methode in alten Zeiten angewandt, gaebe es den heutigen Status quo nicht; wendet man sie heute an, wird es den kuenftigen Status quo nicht geben; und so weiter bis in die fernste Zukunft, alles bliebe wie in grauer Vorzeit. Was die Schrift betrifft: Vor der Erfindung der Schrift haette es keine Piktogramme gegeben, um "wen" (文, Muster) zu schaffen, erst recht keine Ableitung zu "zi" (字, Zeichen); die Siegelschrift haette sich nie in die Kanzleischrift aufgeloest; die Kanzleischrift waere nie zur heutigen sogenannten "Regelschrift" vereinfacht worden. Kulturelle Reform fliesst wie der Jangtse oder der Gelbe Fluss -- sie laesst sich nicht aufhalten. Koennte man sie aufhalten, wuerde sie zu stehendem Wasser: Selbst wenn es nicht austrocknete, wuerde es sicher faulen. Natuerlich, koennte der Fluss ohne jegliche schaedliche Folgen fliessen, waere das nicht vortrefflich? Aber in der Praxis geschieht so etwas einfach nie. Es gibt kein Zurueck zum alten Flussbett -- es muss Verschiebungen geben; auch der Status quo laesst sich nicht halten -- es muss Veraenderungen geben. Und nichts existiert, das hundert Vorteile und nicht einen einzigen Nachteil haette -- man kann nur das Groessere gegen das Kleinere abwaegen. Ueberdies: Unsere Blockzeichen -- die Alten schrieben falsche Zeichen, und die Heutigen schreiben ebenfalls falsche Zeichen -- was zeigt, dass die Wurzel des Uebels im Blockzeichen selbst liegt. Die Krankheit der falschen Zeichen wird mit dem Blockzeichen zusammen fortbestehen; ausser einer Reform des Blockzeichens selbst gibt es wirklich kein vollkommenes Heilmittel.

Restauration ist schwierig -- das raeumt Herr He ein. Aber auch der Status quo laesst sich nicht halten, denn was unsere heutige Schicht der Gebildeten "richtige Zeichen" nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Norm der Beamtenpruefungen der Qing-Dynastie. Alle Richtlinien stehen in den duennen drei Baendchen des in der Hanlin-Akademie verwendeten Zixue Juyu (字学举隅, Leitfaden der Zeichenkunde) -- aber in den letzten zwanzig Jahren haben sich still und heimlich bereits einige Veraenderungen vollzogen. Vom Altertum bis heute hat sich alles gewandelt, aber es muss still und heimlich geschehen. Sobald man es ausspricht, gibt es gewiss Widerstand: Das Argument "den Status quo bewahren" erscheint, und das Argument der "Restauration" folgt. Diese Argumente sind natuerlich wirkungslos. Aber fuer den Augenblick stellen sie durchaus ein Hindernis dar -- das ist wahr. Sie koennen einige derer, die nach Reform streben, fuer einen Moment zoegern lassen und sie von Gezeitenrufern zu Gezeitenreitern verwandeln.

Was ich hier sagen moechte, ist lediglich dies: Das Argument "den Status quo bewahren" klingt sehr besonnen und vernuenftig, ist aber in der Praxis undurchfuehrbar. Historische Tatsachen beweisen fortlaufend, dass es sich um nichts weiter als um ein "Gibt es gar nicht" handelt -- und damit hat es sein Bewenden.

21. Maerz.

Nachdem Ehrenburg (Ilja Ehrenburg 爱伦堡) die Oberschicht-Literaten Frankreichs behandelt hat, sagt er, es gaebe auch einige andersartige Menschen: "Professoren arbeiten lautlos in ihren Arbeitszimmern; Aerzte, die mit Roentgentherapie experimentieren, sterben an ihrem Posten; Fischer, die sich aufopfern, um ihre Kameraden zu retten, versinken still im Ozean... Auf der einen Seite ernste Arbeit, auf der anderen Ausschweifung und Schamlosigkeit."

Diese letzten beiden Saetze scheinen wahrhaftig auch das heutige China zu beschreiben. Und doch hat China noch Schlimmeres aufzuweisen. Ich habe das Buch nicht zur Hand und kann nicht genau sagen, wo ich es gelesen habe -- vielleicht in dem bereits ins Chinesische uebersetzten Werk des japanischen Gelehrten Yanai Watari (箭内亙) -- aber er hat einst im Einzelnen aufgezeichnet, wie das Volk der Song-Dynastie von den Mongolen geschaendet, getoetet, gefangengenommen, zertrampelt und versklavt wurde. Doch der klaegliche Hof der Suedlichen Song herrschte weiterhin ueber das gemeine Volk zwischen Restbergen und Restwassern und vergnuegte sich zwischen diesen Restbergen und Restwassern. Wohin sie auch flohen, ihre Anmassung und Verschwendung folgte ihnen; wohin sie auch flohen, ihre Dekadenz und Gier folgte ihnen. "Willst du ein Amt, so morde und zuende an, dann wirst du begnadigt und erhaeltst eine Anstellung; willst du reich werden, so folge dem kaiserlichen Tross und verkaufe Wein und Essig." Dies war die Quintessenz der Regierung jener Zeit, destilliert vom gemeinen Volk.

Unter Betrug und Unterdrueckung verlor das Volk seine Kraft und seine Stimme. Hoechstens hatte es ein paar Volkslieder. "Wenn der rechte Weg unter dem Himmel herrscht, kritisiert das gemeine Volk nicht." Selbst Qin Shihuang (秦始皇) oder Kaiser Yang der Sui-Dynastie (隋炀帝) -- wuerden sie eingeraeumt haben, ohne den rechten Weg zu regieren? Und so konnte das gemeine Volk nur fuer immer den Mund halten und die Zunge hueten, einer nach dem anderen in Schlachtung und Sklaverei gefuehrt. Dieser Zustand hat sich ununterbrochen fortgesetzt; alle haben vergessen, den Mund zu oeffnen -- oder koennen ihn vielleicht nicht oeffnen. Nehmen wir allein die letzten Jahre der Qing-Dynastie: An grossen Ereignissen mangelte es wahrlich nicht -- der Opiumkrieg, der Chinesisch-Franzoesische Krieg, der Chinesisch-Japanische Krieg, die Reform von 1898, der Boxeraufstand, die Acht-Maechte-Allianz, bis zur Revolution von 1911. Und doch haben wir kein einziges anstaendiges Geschichtswerk, von literarischen Werken ganz zu schweigen. "Keine Staatsangelegenheiten eroertern" -- das ist unsere Pflicht als einfache Untertanen. Unsere eigenen Gelehrten haben ebenfalls gesagt: "Um China zu erobern, muss man zuerst die Herzen des chinesischen Volkes erobern." In Wahrheit wurden die Herzen des chinesischen Volkes laengst erobert -- von unseren eigenen weisen Herrschern, wuerdigen Ministern, militaerischen Helden und literarischen Speichelleckern. Ein juengeres Beispiel: Nachdem die drei oestlichen Provinzen besetzt worden waren, hoerte ich, dass die reichen Haushalte in Beiping nicht bereit waren, Fluechtlingen von jenseits des Passes Zimmer zu vermieten, aus Angst, diese koennten die Miete nicht bezahlen. Und im Sueden? Ich fuerchte, Nachrichten von den Widerstandskaempfern koennen kaum mit dem sensationellen Reiz mithalten, den die Auspeitschung eines Banditen zu Tode, die Exhumierung eines Skeletts zur forensischen Untersuchung, der Selbstmord von Ruan Lingyu (阮玲玉) oder die Maennerverkleidung von Yao Jinping (姚锦屏) auf die Oeffentlichkeit ausueben. "Auf der einen Seite ernste Arbeit, auf der anderen Ausschweifung und Schamlosigkeit."

Aber -- ob es daran liegt, dass das Volk Fortschritte gemacht hat, oder dass die Ereignisse zu nah sind und noch nicht in Vergessenheit geraten konnten -- ich habe tatsaechlich einige Romane gesehen, die von der Besetzung der drei oestlichen Provinzen handeln. Dieses Dorf im August (八月的乡村) ist ein sehr gutes darunter. Obwohl es in seiner Struktur etwas an eine Reihe von Kurzgeschichten erinnert und seine Technik der Figurenzeichnung sich nicht mit Fadejews (法捷耶夫) Die Neunzehn messen kann, so ist es doch ernst und angespannt. Das Herzblut des Autors, der verlorene Himmel und das verlorene Land, das leidende Volk, bis hin zu den verlorenen wilden Graesern, der Hirse, den Grillen und Muecken -- alles ist zusammengeruehrt, leuchtend rot vor den Augen des Lesers ausgebreitet und zeigt einen Teil und das Ganze Chinas, Gegenwart und Zukunft, den Weg des Todes und den Weg des Lebens. Jeder Leser mit einem menschlichen Herzen kann es zu Ende lesen und wird etwas daraus gewinnen.

"Um das chinesische Volk zu erobern, muss man zuerst die Herzen des chinesischen Volkes erobern!" Doch dieses Buch wirkt der "Eroberung des Herzens" entgegen. Die Eroberung des Herzens setzt zunaechst voraus, dass das chinesische Volk sie selbst in Eigenregie durchfuehrt. Die Song-Dynastie nutzte einst die neokonfuzianische Orthodoxie, um die Herzen im Auftrag der Jin und Yuan zu befrieden; die Ming-Dynastie nutzte einst literarische Inquisitionen, um die Muender im Auftrag der mandschurischen Qing zum Schweigen zu bringen. Dieses Buch wird natuerlich im Mandschurischen Kaiserreich verboten sein, aber ich denke, es wird daher natuerlich ebenso in der Republik China verboten sein. Diese Vorhersage wird sehr bald durch die Tatsachen bestaetigt werden. Wenn die Tatsachen beweisen, dass meine Vorhersage richtig war, dann beweisen sie zugleich, dass dies ein sehr gutes Buch ist.

Warum sollte ein gutes Buch in der Republik China nicht geduldet werden? Der Grund wurde natuerlich oben schon mehrfach genannt --

"Auf der einen Seite ernste Arbeit, auf der anderen Ausschweifung und Schamlosigkeit!"

Das liest sich nicht wie ein Vorwort. Aber ich weiss, dass weder der Autor noch der Leser mich dafuer zur Rechenschaft ziehen werden.

Nacht des 28. Maerz 1935. Lu Xun, geschrieben nach Beendigung der Lektuere.

Ich habe das Gefuehl, dass China manchmal ein Land ist, das die Gleichheit ueberaus liebt. Sobald irgendetwas auch nur ein wenig hervorragt, kommt jemand mit einem langen Messer und hobelt es glatt. Nehmen wir Menschen: Sun Guiyun (孙桂云) war eine tuechtige Laeuferin, doch kaum war sie in Shanghai angekommen, welkte sie aus unbekanntem Grund dahin; als sie Japan erreichte, konnte sie nicht mehr laufen. Ruan Lingyu (阮玲玉) war eine vergleichsweise erfolgreiche Filmschauspielerin, aber "die Worte der Leute sind furchtbar," und am Ende blieb ihr nichts anderes uebrig, als drei Flaeschchen Schlaftabletten auf einmal zu schlucken. Natuerlich gibt es Ausnahmen -- jene, die emporgehoben werden. Doch dieses Emporheben geschieht nur, damit man sie anschliessend in Stuecke zerschmettere. Manche erinnern sich vielleicht noch an die "Meerjungfrau" -- sie wurde dermassen hochgejubelt, dass dem Zuschauer koerperlich uebel wurde; allein beim Anblick ihres Namens stellte sich schon ein Gefuehl des Absurden ein. Tschechow (契诃夫) hat einmal gesagt: "Von Dummkoepfen gelobt zu werden ist schlimmer, als in der Schlacht gegen sie zu fallen." Wahrhaftig ein herzzerreissender und erleuchtender Ausspruch. Doch China ist auch ein Land, das die goldene Mitte ueberaus liebt, weshalb es keine extremen Dummkoepfe gibt -- sie liefern einem keine Schlacht, so dass man nie die Genugtuung eines sauberen Todes im Kampf erfahren kann. Wenn man es nicht aushalt, bleibt einem nichts anderes uebrig, als selbst Schlaftabletten zu nehmen.

In der sogenannten Literaturwelt sieht es natuerlich nicht anders aus: Als die Uebersetzungen relativ zahlreich waren, kamen Leute, um die Uebersetzung zu beschneiden, und sagten, sie schade dem Originalschaffen. In den letzten ein, zwei Jahren sind kurze Aufsaetze haeufiger geworden, und schon kommen wieder Leute, um den "Zawen" zu beschneiden, und nennen ihn ein Zeichen des Verfalls des Autors -- denn da er weder Gedicht noch Roman noch Drama sei, gehoere er nicht in den Wald der Literatur. Mit fuersorglichem Herzen raten sie den Leuten, bei Tolstoi in die Lehre zu gehen und grosse Werke wie Krieg und Frieden zu schaffen. Diesen Typus von Kommentator -- hoeflichkeitshalber sollte man ihn natuerlich nicht "Dummkopf" nennen. Ein Kritiker? Er ist viel zu bescheiden und lehnt den Titel ab. Obwohl die Aufsaetze, die den Zawen angreifen, selbst nichts anderes als Zawen sind, ist er entschieden kein Zawen-Autor, denn er glaubt nicht, dass auch er in den Verfall abgeglitten sei. Wollte man ihm als grossem Schoepfer von Gedichten, Romanen und Dramen schmeicheln, so waere der Schmeichler zweifellos der "Dummkopf." Letzten Endes ist er einfach ein Nichts. Doch auch das Gerede eines Nichts zaehlt zu den "Worten der Leute," und deshalb empfinden die Schwachen, dass Schlaftabletten vergleichsweise liebenswuerter sind. Aber dies ist kein Tod in der Schlacht. Die Frage wird gestellt: Von wem getoetet? Nach vielen Diskussionen ergeben sich drei Schuldige: erstens die boese Gesellschaft; zweitens die Person selbst; drittens die Schlaftabletten. Ende.

Versuchen wir einmal, eine amerikanische "Einfuehrung in die Literaturwissenschaft" oder die Vorlesungsskripte irgendeiner chinesischen Universitaet durchzusehen. In der Tat wird man niemals etwas finden, das "Tsawen" heisst. Das genuegt wahrhaftig, um jedem jungen Menschen, der ein grosser Literat werden moechte, beim Anblick von Zawen den Mut zu nehmen: Aha, das ist also nicht die Leiter, um in den hohen Turm der Literatur zu klettern. Hat Tolstoi, bevor er zur Feder griff, eine amerikanische "Einfuehrung in die Literaturwissenschaft" oder die Vorlesungsskripte irgendeiner chinesischen Universitaet nachgeschlagen und, nachdem er erfahren hatte, dass der Roman die orthodoxe Form der Literatur sei, sich dann entschlossen, ein grosses Werk wie Krieg und Frieden zu schaffen? Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass die Zawen-Autoren dieser letzten Jahre in China -- kein einziger von ihnen hat beim Schreiben jemals an die Vorschriften irgendeiner "Einfuehrung in die Literaturwissenschaft" gedacht oder auf einen Platz in der Literaturgeschichte gehofft. Sie schrieben, weil sie fuehlten, dass sie so schreiben mussten, weil sie wussten, dass dieses Schreiben allen nuetzt. Bauern pfluegen Felder, Maurer bauen Mauern -- sie tun es nur, damit Reis und Weizen essbar und Haeuser bewohnbar sind, und verdienen dabei durch diese nuetzliche Arbeit ein wenig Brot mit gutem Gewissen. Ob es in der Geschichte ein "Verzeichnis der Biographien einfacher Landbewohner" oder ein "Verzeichnis der Biographien von Maurern" gibt, daran haben sie nie gedacht. Wenn einer nur daran daechte, irgendein sogenanntes literarisches Klima zu werden, dann ginge er erstens an die Universitaet, zweitens ins Ausland, wuerde drittens Professor oder hoher Beamter und verwandelte sich viertens in einen buddhistischen Laienbruder oder Einsiedler. Die Geschichte schaetzt die Einsiedler hoch -- gibt es nicht sogar ein eigenes Buch mit dem Titel Biographien buddhistischer Laienbrueder? Wie viel eintraeglicher das doch waere! Ach!

Und dennoch, dieses Ding namens Zawen -- ich fuerchte fast, es wird am Ende doch in den hohen Turm der Literatur eindringen. Roman und Drama galten in China stets als Ketzerei, doch sobald die westlichen "Einfuehrungen in die Literaturwissenschaft" sie als orthodoxe Formen anerkannten, verehrten auch wir sie als Schaetze; Der Traum der Roten Kammer und Das Westzimmer standen in der Literaturgeschichte plotzlich neben dem Buch der Lieder und dem Li Sao. Der vertraute Aufsatz, eine Spielart des Zawen, wurde von manchen mit dem englischen "Essay" verglichen, und gewisse Leute verneigen sich nun ehrfuerchtig davor und wagen nicht, ihn geringzuschaetzen. Fabeln und Reden moegen als niedrig erscheinen, aber sitzen Aesop und Cicero nicht fest in den Literaturgeschichten Griechenlands und Roms? Wenn man den Zawen sich ungehindert entwickeln laesst -- wenn man ihn nicht rechtzeitig beschneidet -- mag er durchaus eine Gefahr fuer den literarischen Garten darstellen. Nach dem Massstab historischer Praezedenzfaelle ist das durchaus moeglich -- wahrhaftig keine gute Nachricht. Aber dieser Abschnitt ist mein kleiner Scherz auf Kosten der Nichts-Leute, dazu bestimmt, sie verlegen an den Ohren krauen und sich winden zu lassen, ihnen das Gefuehl zu geben, ihre Welt werde ein wenig grau. Fortschrittliche Zawen-Autoren ihrerseits rechnen mit solchen Dingen nie.

In Wahrheit hat die Zahl der veroeffentlichten Zawen-Sammlungen in den letzten ein, zwei Jahren diejenige der Lyrik nicht erreicht und bleibt erst recht hinter der Prosa zurueck. Ueber die "Ueberflutung" des Zawen zu klagen ist schlicht dummes Gerede. Es stimmt, dass es ein paar mehr Zawen-Autoren gibt als frueher, aber ein paar mehr unter vierhundert Millionen Menschen -- was macht das schon aus? Und doch muss jemand deswegen die Stirn runzeln und die Zaehne zusammenbeissen? Es gibt tatsaechlich eine Klasse von Menschen in China, die Angst davor hat, dass China auch nur einen Funken Lebenskraft zeigen koennte. Um eine Metapher zu gebrauchen: Solche Menschen sind "Tigergespenster" -- die Geister der vom Tiger Gefressenen, die dann dem Tiger helfen, neue Beute zu jagen.

Der Verfasser dieser Sammlung hatte zuvor ein Buch mit dem Titel Nicht zum Erschrecken bestimmt; ich habe nur das Vorwort gesehen, und das Buch selbst -- wer weiss, wo es geblieben ist. Diesmal hoffe ich, dass es gewiss erscheinen wird und der chinesischen Literaturlandschaft etwas hinzufuegt. Es kuemmert mich nicht, ob dieses Buch in den "Wald der Literatur" eingehen kann, aber ich moechte ein Gedicht zum Vergleich aufsagen: "Was tat der Meister denn? / Ruhelos wanderte er durch sein Zeitalter. / Das Land war noch das Lehen von Zou, / Das Haus grenzte noch an den Palast des Koenigs von Lu. / Er beklagte den Phoeniz, seufzte ueber sein verhindertes Schicksal; / Er betrauerte das Einhorn, beklagte das Ende des Weges. / Nun betrachte die Opfergaben zwischen den zwei Saeulen -- / Noch immer gleich wie im Traum." Dies ist das allererste Gedicht in den Dreihundert Gedichten der Tang-Dynastie, die Art von Dichtung, die "Einfuehrungen in die Literaturwissenschaft" unter der Rubrik "Lyrik" als "Gedicht" einordnen. Doch es hat mit uns nichts zu tun. Wie koennte es sich mit diesen Zawen messen in ihrer Naehe zum Augenblick, ihrer Lebendigkeit, ihrer Frische, ihrem Nutzen -- und ihrer Kraft, das menschliche Herz zu bewegen? Und die Kraft, das menschliche Herz zu bewegen -- es tut mir sehr leid -- greift unweigerlich in euren literarischen Garten ein. Zumindest stampft sie die Speichelfontaene, die die Nichts-Leute auf den Zawen gespuckt haben, zu Nichts zusammen und hinterlaesst nur ein Gesicht, beschmiert mit einer Mischung aus oeligem Schweiss und Niveacreme.

Dieses Gesicht kann natuerlich weiter noergeln und sagen, jenes Gedicht "Was tat der Meister denn" sei kein gutes Gedicht, und ausserdem sei seine Zeit vorbei. Aber wie steht es um das Aushängeschild der literarischen Orthodoxie? Wie steht es um "die Ewigkeit der Literatur"?

Ich bin einer, der gerne Zawen liest, und ich weiss, dass ich nicht der Einzige bin, denn er "spricht von Substanz." Ich bin noch zuversichtlicher hinsichtlich der Entfaltung des Zawen, der von Tag zu Tag bunter wird. Erstens belebt und erfrischt er Chinas Literaturwelt. Zweitens bringt er die Nichts-Leute dazu, den Kopf einzuziehen. Drittens laesst er die sogenannten Werke "der Kunst um der Kunst willen" im Vergleich weder lebendig noch tot erscheinen. Deshalb bin ich ueberaus froh, fuer diese Sammlung ein Vorwort zu schreiben und bei dieser Gelegenheit meine Ansichten darzulegen. Moegen unsere Zawen-Autoren sich nicht von den Tigergespentern irrefuehren lassen und glauben, "die Worte der Leute seien furchtbar," und ihre letzten Honorare fuer Schlaftabletten ausgeben.

31. Maerz 1935. Aufgezeichnet von Lu Xun in der Tischflaechenschreibstube in Shanghai.

Im Chinesischen gibt es nur das Sprichwort „Ein Leben voller Sorgen beginnt mit dem Lesenlernen" — diesen Satz habe ich selbst geprägt.

Kinder erteilen mir oft gute Lektionen; eine davon betrifft das Sprechenlernen. Wenn sie sprechen lernen, haben sie keinen Lehrer, kein Grammatiklehrbuch, kein Wörterbuch — sie hören einfach unablässig zu, merken sich, analysieren, vergleichen und verstehen schließlich die Bedeutung jedes Wortes. Im Alter von zwei bis drei Jahren können sie gewöhnliche einfache Sätze im Allgemeinen verstehen und auch sprechen, und machen kaum Fehler. Kleine Kinder hören gern Erwachsenen beim Plaudern zu und lieben es besonders, Gäste zu begleiten — das Hauptziel ist natürlich, gemeinsam Gebäck zu essen, aber auch die Freude am Trubel und vor allem das Studium der Sprache anderer, um zu sehen, ob etwas für sie selbst relevant ist — etwas, das sie verstehen können, wonach sie fragen sollten oder was sie übernehmen könnten.

Unser früheres Studium des Klassischen Chinesisch verwendete dieselbe Methode: Der Lehrer erklärte nichts; man musste einfach auswendig lesen, sich selbst merken, analysieren und vergleichen. Wenn es gut ging, konnte man schließlich einiges verstehen und sogar ein paar Sätze schreiben; doch jene, die es nie begriffen, waren ebenfalls sehr zahlreich. Wer glaubte, es gemeistert zu haben, und von dem auch andere glaubten, er hätte es gemeistert — der aber bei genauerer Betrachtung es doch nicht wirklich gemeistert hatte, der nicht einmal einen Ming-Essay richtig interpunktieren konnte — war der je selten? Wenn Menschen sprechen lernen, vom höchsten bis zum niedrigsten Chinesen, solange sie weder taub noch stumm sind, gibt es praktisch niemanden, der es nicht lernt. Aber sobald es ans Schriftlernen geht, ist alles anders — die es wirklich lernen, sind wohl nur eine winzige Minderheit. Und unter denen, die es angeblich gelernt haben — verzeihen Sie mir, wenn ich es offen und nochmals sage — dürften jene, die noch immer wirr und konfus sind, sehr zahlreich sein. Daran ist natürlich das Klassische Chinesisch schuld. Denn obwohl wir verzweifelt Klassisches Chinesisch lesen, ist unsere Zeit letztlich begrenzt — nicht wie beim Sprechen, das man den ganzen Tag hören kann. Zudem sind die Bücher, die wir lesen, vielleicht der Zhuangzi und die Wenxuan, das Donglai Boyi, das Guwen Guanzhi — von Schriften der Zhou-Dynastie bis zu denen der Ming-Dynastie, außerordentlich bunt gemischt. Nachdem das Gehirn von Kavallerie aus allen Epochen, antiken wie modernen, einmal durchgetrampelt wurde, herrscht ein völliges Durcheinander — doch natürlich bleiben einige Hufspuren zurück, und das nennt man dann „etwas gewonnen haben". Dieser „Gewinn" ist natürlich nie klar und deutlich; das meiste davon ist wohl bestenfalls halb verstanden. So glaubt man, die Literatur gemeistert zu haben, hat es aber nicht; glaubt, lesen gelernt zu haben, hat es aber nicht. Da man selbst konfus ist, schreibt man natürlich konfuse Prosa; und Leser, die konfuse Prosa lesen, werden davon natürlich auch nicht klüger. Doch wie konfus auch immer ein Autor schreiben mag — hört man ihn sprechen, so ist es meist klar und nicht unverständlich — außer natürlich bei jenen Vorträgen, die absichtlich darauf angelegt sind, sein Können zu demonstrieren. Deshalb denke ich, dass die Quelle dieses „Durcheinanders" im Zeichenlernen und Bücherlesen liegt.

Nehmen wir zum Beispiel mich selbst — ich verwende ständig Vokabeln aus Büchern. Obwohl es keine besonders obskuren Wörter sind und vielleicht auch der Leser sie nicht als obskur empfindet. Aber angenommen, es gäbe einen sorgfältigen Leser, der mich einlüde, mir einen Bleistift und ein Blatt Papier gäbe und sagte: „In Ihrem Text, mein Herr, schrieben Sie, dieser Berg sei ‚lingceng' und jener Berg sei ‚chanyan' — wie sieht das denn eigentlich aus? Es macht nichts, wenn Sie nicht zeichnen können; skizzieren Sie mir einfach einen groben Umriss, ja? Bitte, bitte, bitte..." An diesem Punkt bräche mir der Schweiß unter den Achseln aus, und ich wünschte, die Erde möge mich verschlingen. Denn in Wahrheit weiß ich selbst nicht, wie „lingceng" und „chanyan" wirklich aussehen. Diese Adjektive habe ich aus alten Büchern abgeschrieben; ich habe sie nie klar verstanden, und sobald es an eine konkrete Überprüfung geht, bin ich erledigt. Daneben gibt es Wörter wie „youwan", „linglong", „panshan", „niru"... und noch viele mehr.

Zu sagen, Umgangssprache solle „klar wie Rede" sein, ist schon ein ausgeleierteter alter Refrain, aber tatsächlich haben viele heutige Texte in Umgangssprache nicht einmal „Klarheit wie Rede" erreicht. Wenn wir Klarheit wollen, muss der Autor meiner Meinung nach zunächst jene Wörter aufgeben, die scheinbar bekannt, aber nicht wirklich verstanden sind, lebendiges Vokabular aus dem Mund lebendiger Menschen nehmen und auf das Papier bringen — mit anderen Worten: von Kindern lernen und nur Dinge sagen, die man wirklich versteht. Was die Wiederbelebung archaischer Begriffe und die Verbreitung dialektaler Ausdrücke betrifft — das ist natürlich auch nötig, aber erstens muss man auswählen, und zweitens braucht man Wörterbücher zur Bestimmung der genauen Bedeutung — das ist eine andere Frage, die ich hier nicht erörtern will.

2. April.

Es wird ermüdend, immer denselben alten Spruch zu hören. In der sogenannten Literaturwelt gab es vorvoriges Jahr ein Geschrei über „Literaten ohne Moral", letztes Jahr einen Aufruhr über „Pekinger Schule gegen Shanghaier Schule", und dieses Jahr ist ein neues Schlagwort aufgetaucht: „Literaten verachten einander."

Gegenüber dieser Tendenz ist der Schlagwort-Fabrikant tief empört: Seine „Wahrheit hat geweint", und so erhebt er ein großes Geschrei und wirft allen „Literaten" Verachtung vor. „Verachtung" ist das, was er am meisten verabscheut — aber weil sie „einander verachten" und damit sein Ideal einer in einem Wind und einem Geist vereinten Welt beschädigen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst die Kunst der Verachtung anzuwenden. Natürlich ist das „mit den eigenen Methoden eines Menschen ihm selbst eine Lektion erteilen", die vortreffliche Strategie der alten Weisen — doch die üble Gewohnheit der „gegenseitigen Verachtung" ist wahrlich nicht leicht auszurotten.

Wenn wir im Wenxuan nach Vokabeln kramen, stoßen wir wohl auf die vier Zeichen „Literaten verachten einander", und sie aufzugreifen und zu verwenden scheint recht elegant. Doch Herr Cao Juren (曹聚仁) hat bereits im Ziyou Tan (9.–11. April) darauf hingewiesen, dass Cao Pi (曹丕) mit „Literaten verachten einander" meinte: „Die Literatur ist nicht von einerlei Form, und wenige zeichnen sich in allen aus; daher stützt sich jeder auf seine eigenen Stärken und verachtet die Schwächen des anderen" — die Kritik beschränkte sich ausschließlich auf den Bereich des literarischen Handwerks. Alle anderen Angriffe auf körperliches Erscheinungsbild, Herkunftsort, Verleumdung, Gerüchtemacherei und sogar Herrn Shi Zhecuns (施蟄存) Manier des „er selbst macht es doch genauso" oder Herrn Wei Jinzhis (魏金枝) Manier des „seine Verwandten sind doch wie ich" — nichts davon war eingeschlossen. Wenn man all das unter Cao Pis „Literaten verachten einander" zusammenwirft, verwechselt man Schwarz und Weiß; die Wahrheit mag laut weinen, doch man mehrt nur die Finsternis der Literaturwelt.

Wenn wir im Zhuangzi nach Vokabeln kramen, finden wir wohl zwei weitere Perlen der Belehrung: „Jene Seite hat auch ihr Recht und Unrecht; diese Seite hat auch ihr Recht und Unrecht." Man merke sie sich als Schutztalisman für Augenblicke der Not — auch das scheint nicht unelegant. Doch das lässt sich nur vorübergehend sagen; auf Dauer praktizieren lässt es sich nicht. Wer solche Maximen gern zitiert, ist im Geiste noch weiter entfernt als ein Schoßhündchen von Laozi — darüber brauche ich hier nicht zu reden. Hat nicht selbst Zhuangzi im Kapitel „Tianxia" die Mängel anderer aufgezählt und mit seinem „Fehlen von Recht und Unrecht" all jene verachtet, die „ihr Recht und Unrecht hatten"? Wenn nicht, hätte der gesamte Zhuangzi in sieben Zeichen geschrieben werden können: „Das Wetter heute, ha ha ha..."

Doch unsere gegenwärtige Zeit ist nicht die Epoche zwischen Han und Wei, und wir müssen uns nicht genau nach den Literaten jener Zeit richten, die unweigerlich „sich auf ihre Stärken stützten, um einander in ihren Schwächen zu verachten." Wenn ein Kritiker einen Schriftsteller beurteilt oder Schriftsteller einander bewerten, ist es durchaus in Ordnung, dass jeder „auf die Schwächen des anderen hinweist und seine Stärken lobt", und ebenso zulässig, „seine Schwächen zu verbergen und seine Stärken zu preisen." Doch auf der einen Seite müssen wirklich „Stärken" vorhanden sein, und auf der anderen muss es klares Recht und Unrecht geben, leidenschaftliche Vorlieben und Abneigungen. Wenn man, von dem diesjährig neuen vagen Schimpfwort „Literaten verachten einander" eingeschüchtert, den Parvenü, der den Feingeist spielt, den jungen Rohling, der sich klassische Eleganz gibt, den Elenden, der Schundliteratur feilbietet — alle mit „jene Seite hat auch ihr Recht und Unrecht, diese Seite hat auch ihr Recht und Unrecht" behandelt, gleichförmig mit gefalteten Händen und gesenktem Blick sich verbeugt, nicht zu sprechen wagt oder es verschmäht zu sprechen — was für ein Kritiker oder Literat ist das dann? Er selbst verdient es, zuerst „verachtet" zu werden!

Letzten Frühling haben die Großmeister der Pekinger Schule die kleinen Clowns der Shanghaier Schule tüchtig verspottet, und die Shanghaier Clowns haben bescheiden einige Gegenschläge ausgeteilt — doch bald darauf war alles vorbei. Stürme auf dem literarischen Strand erheben sich stets schnell und legen sich ebenso schnell; würden sie sich nicht schnell legen, wäre das wirklich unbequem. Auch ich hatte mich kurz in den Trubel gemischt, und inmitten all des Wortgefechts meinte ich, meine damalige Analyse sei nicht so falsch gewesen. Es gab darin folgende Passage:

„...Peking war die Kaiserhauptstadt der Ming und Qing; Shanghai ist die Konzession verschiedener Nationen. Kaiserstädte haben viele Beamte; Konzessionen haben viele Kaufleute. Daher stehen Literaten in Peking den Beamten nahe, und die in Shanghai Untergetauchten den Kaufleuten. Wer den Beamten nahe steht, verhilft ihnen zu Ruhm; wer den Kaufleuten nahe steht, verhilft ihnen zu Profit — und ernährt sich dabei selbst. Kurz gesagt: Die ‚Pekinger Schule' ist nichts als die Müßiggängerin der Beamten, und die ‚Shanghaier Schule' lediglich die Gehilfin der Kaufleute.... Und die Verachtung der Beamten für Kaufleute, eine alte chinesische Gewohnheit, ließ die ‚Shanghaier Schule' in den Augen der ‚Pekinger Schule' nur noch tiefer sinken...." Doch bis zum Spätfrühling dieses Jahres, nach kaum einem Jahr und ein wenig Extra, erkannte ich, dass meine früheren Äußerungen nicht ganz vollständig waren. Die gegenwärtigen Tatsachen beweisen, dass die Pekinger Schule sich selbst herabgesetzt oder die Shanghaier Schule in ihren eigenen Augen erhöht hat — sie hat nicht nur persönlich demonstriert, dass literarische Fraktionen nicht ausschließlich an die Geographie gebunden sind, sondern auch den wunderbaren Spruch in die Praxis umgesetzt: „Weil ich ihn liebe, darum hasse ich ihn." Den ursprünglichen Peking-Shanghai-Konflikt als „Drachen-Tiger-Kampf" zu betrachten, war zwar falsch, aber auch die Annahme einer klaren Grenze zwischen Beamtentum und Handel war nicht ganz richtig. Denn jetzt ist es vollkommen klar geworden: Am Ende wurde nichts als ein Gericht nach Suzhou-Art serviert — Aal und Frösche zusammengebraten — ein „Peking-Shanghai-Eintopf".

Beispiele sind natürlich trivial, und es wird natürlich auch keine bedeutsamen geben. Einige seien genannt. Erstens: Die oberste Autorität bei der Auswahl und dem Druck von Ming-Essays wurde der Shanghaier Schule übertragen. Früher gab es zwar auch in Shanghai Leute, die Ming-Essays auswählten und druckten, aber die konnte man als Fälschungen bezeichnen; diesmal jedoch gibt es die echte Unterschrift eines wahren alten Pekinger-Schule-Meisters, was es zweifelsfrei zum orthodoxen Mantel macht. Zweitens: In einigen neu erschienenen Publikationen stehen echte alte Pekinger-Schule-Figuren am Anfang und echte kleine Shanghaier-Schule-Figuren am Ende. Früher gab es zwar auch von Pekinger-Schule-Figuren angeführte Zeitschriften, aber die wurden von Halb-Peking-Halb-Shanghai-Typen geleitet — ganz anders als die Produkte, von denen die reine Shanghaier Schule behauptete, sie aus eigener Tasche zu finanzieren. Kurz: Heute ist nicht wie gestern; ein Strom innerhalb der Pekinger und Shanghaier Schulen wurde zu einem einzigen Gericht verkocht.

Hier muss ich eine kleine Erklärung anfügen: Ich nenne absichtlich nicht den Namen der betreffenden Publikation. Zuvor hatte jemand das Zeichen „gewiss" dafür verwendet, aus welchem Grund weiß ich nicht. Aber später schrieb einer ihrer Beiträger in eben dieser Publikation, er habe einen „mit Geschäftsverhältnissen vertrauten" Freund, der glaubte, dies geschehe, weil man ihr keine Gratisreklame machen wolle. Was für ein kluger Freund — wahrhaft würdig, „mit Geschäftsverhältnissen vertraut" zu sein. Dadurch angeregt und bei genauer Überlegung sind seine Worte absolut richtig: Gelobt zu werden dient als Werbung; beschimpft zu werden dient ebenfalls als Werbung; Ruhm zu verbreiten ist Werbung; Schande zu verbreiten — ist das nicht auch Werbung? Zum Beispiel: Wenn A und B sich duellieren, A gewinnt, B stirbt — die Leute wollen natürlich den Mörder sehen, aber ebenso wollen sie die nutzlose Leiche sehen. Wenn man sie mit Schilfmatten umstellt und zwei Kupfermünzen fürs Hinschauen verlangt, kann man gewiss ein kleines Vermögen verdienen. Dass ich diesmal den Namen dieser Publikation nicht nenne, zielt genau darauf ab, keine Werbung für sie zu machen; ich bin manchmal recht frei von geheimen Tugenden und würde geradeheraus andere daran hindern, an einer Leiche zu profitieren. Aber ich bitte ehrliche Leser, mich nicht sofort der Herzlosigkeit zu bezichtigen.

Sie würden eine solche Gelegenheit niemals vorbeiziehen lassen — sie werden selbst die Trommel schlagen und vortreten, um es zu bestätigen.

Die Erklärung ist etwas lang geworden. Zurück zum Thema. Was ich sagen will, ist: Erst jetzt, durch die Tatsachen bewiesen, habe ich begriffen, dass der Spott der Pekinger Schule über die Shanghaier Schule im letzten Jahr im Grunde gar kein Spott war — es waren verliebte Blicke, die von weit, weit her gesendet wurden.

Die großen Schriftsteller besitzen wahrhaftig echtes Können. Anatole France schrieb einen Roman namens Thaïs — es gibt bereits zwei chinesische Übersetzungen — und darin wird genau diese Botschaft offenbart. Er erzählt von einem Mönch, der in der Wüste Bußübungen verrichtet und plötzlich an die berühmte Kurtisane Thaïs von Alexandria denkt, eine Gestalt, die die öffentliche Moral verdirbt. Er beschließt, sie zum Klosterleben zu bekehren — um sie zu retten, um die jungen Männer zu retten, die sie verführt hat, und um sich selbst unendliches Verdienst zu erwerben. Es läuft recht glatt: Thaïs tritt tatsächlich ins Kloster ein, und er zerstört hasserfüllt ihre weltlichen Gewänder und Schmuckstücke. Doch — seltsamerweise — als dieser Mönch in seine Zelle zurückkehrt, um seine Bußübungen fortzusetzen, kann er sich nicht mehr beruhigen. Er sieht Dämonen; er sieht nackte Frauen. Er flieht, reist weit, doch es nützt nichts. Er selbst weiß, dass er sich in Thaïs verliebt hat und den Verstand verloren hat, aber eine Schar dummer Leute besteht darauf, ihn als heiligen Mönch zu behandeln, folgt ihm überallhin mit Gebeten und Niederwerfungen, wirft sich so lange nieder, bis er ist wie „ein Stummer, der bittere Kräuter isst" — ein Leiden, das er nicht aussprechen kann. Er beschließt schließlich zu beichten, läuft zu Thaïs zurück und ruft: „Ich liebe dich!" Aber zu diesem Zeitpunkt ist Thaïs dem Tode nahe; sie sagt, sie habe das Himmelreich gesehen, und stirbt bald darauf.

Doch der gegenwärtige Ausgang des Peking-Shanghai-Konflikts unterscheidet sich von diesem Roman: Shanghais Thaïs ist nicht gestorben. Auch sie öffnet ihre Arme weit und ruft: „Komm, küss mich!" Und so — sind sie vereint.

Die Konzeption von Thaïs stützt sich stark auf Freuds psychoanalytische Theorie. Wenn ein strenger Kritiker dies als ungenügend erachtet, um als „wahres echtes Können" zu gelten, möchte ich nicht streiten. Aber ich fühle mich wirklich wie einer der dummen Leute aus jenem Buch — bevor ich „Ich liebe dich" und „Komm, küss mich" hörte, dachte ich immer, Spott sei bloß Spott und Verachtung bloß Verachtung, und konnte nicht einmal an die Freudsche Theorie denken, die inzwischen ohnehin ihren Zenit überschritten hat.

Hier muss ich noch eine kleine Erklärung anfügen: Wenn ich Thaïs zitiere, entleihe ich lediglich die Handlung; es ist kein vorsätzlicher Plan, eine Kurtisane als Metapher für Shanghaier Literaten zu verwenden. Figuren in solchen Romanen lassen sich beliebig austauschen — man mache sie zum Eremiten, zum Ritter, zur erhabenen Persönlichkeit, zur Prinzessin, zum jungen Herrn, zum kleinen Ladenbesitzer — alles geht. Außerdem — was ist an Thaïs wirklich zu tadeln? Als sie weltlich war, lebte sie mit Verve; nach dem Gelübde übte sie streng Buße. Verglichen mit manchen unserer sogenannten „Literaten", die kaum in der Lebensmitte angekommen seufzen „Ich bin völlig entmutigt" in dieser halbtoten Manier — ist sie tatsächlich menschlicher. Ich kann ebenfalls ein Geständnis ablegen: Ich stehe lieber stramm vor einer lebhaften Kurtisane, als dass ich mit halbtoten Literaten plaudere.

Was die Frage betrifft, warum Peking letztes Jahr verliebte Blicke sandte und Shanghai dieses Jahr „Komm, küss mich!" ruft — nun, das ist wiederum eine Vermutung vor dem Ereignis, und ob sie stimmt, ist schwer zu sagen. Meine Vermutung: Vielleicht liegt es daran, dass sowohl das Müßiggehen als auch das Helfen in letzter Zeit etwas „in der Flaute" stecken, sodass sie keine andere Wahl haben, als ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, zerbrochene Ziegelsteine, alte Socken, Pelzmäntel, Anzüge, Schokolade, Trockenfrüchte und dergleichen zusammenzuwerfen, unter einem neuen Firmennamen wiederzueröffnen und zu hoffen, damit den Augen und Ohren ihrer Kundschaft etwas Neues zu bieten.

Der Herr kam im März 1930 nach Shanghai und verwaltete die Ausleihe und Aufnahme von Büchern mit Fleiß und Sorgfalt, wobei er zugleich die Malerei studierte und darin beachtliche Erfolge erzielte. Obwohl er zwischenzeitlich schwere Prüfungen zu bestehen hatte, blieb er standhaft in seinem Handeln, half in Gefahren und linderte Nöte, dem Öffentlichen wie dem Privaten gleichermaßen dienend. Im Juli des zweiundzwanzigsten Jahres kehrte er in seine Heimat zurück, um sich von einer Krankheit zu erholen. Gerade als man auf seine Genesung hoffte und darauf, dass er sein ganzes Talent entfalten könne, erwiesen sich alle Heilmittel als wirkungslos, und er verstarb im Alter von nur achtundzwanzig Jahren. Ach! Des Himmels Wege sind unergründlich; die duftende Orchidee wird in ihrer Blüte geknickt. Seine strahlende Jugend ist für immer der dunklen Erde anvertraut. Da ich die Ehre hatte, mich zu seinen Freunden zählen zu dürfen, halte ich dies in Trauer fest. Geschrieben am 22. April 1935 von Lu Xun aus Kuaiji.

„Hiobstränen-Mandel-Lotusherz-Reisbrei!"

„Rosenduft-Weißzucker-Lunjiao-Kuchen!"

„Garnelen-Wonton-Nudeln!"

„Fünf-Gewürze-Tee-Eier!"

Das waren die Rufe der Imbissverkäufer in den Gassen von Zhabei vor vier oder fünf Jahren. Hätte man sie damals aufgezeichnet, vom Morgen bis zur Nacht, wären es wohl zwanzig bis dreißig Sorten gewesen. Die Anwohner waren offenbar tatsächlich bereit, ihr Kleingeld für Snacks auszugeben und den Verkäufern hin und wieder etwas Geschäft zu verschaffen, denn die Rufe verstummten auch hin und wieder — offensichtlich wurde gerade ein Kunde bedient. Und diese Slogans waren wirklich schön; ich weiß nicht, ob er im „Spätming-Auswahlband" oder in den „Spätming-Essays" nach Vokabeln gesucht hatte oder was, aber sie ließen einem Landburschen wie mir, der gerade in Shanghai angekommen war, beim ersten Hören das Wasser im Munde zusammenlaufen. „Hiobstränen und Mandeln" plus „Lotusherz-Reisbrei" — das war so neuartig, dass ich es nicht einmal in früheren Träumen mir hätte vorstellen können. Doch für jene, die von der Feder leben, gab es einen gewissen Nachteil: Wenn man es noch nicht geschafft hatte, sein „Herz still wie einen alten Brunnen" zu machen, konnte man den ganzen Tag und die ganze Nacht lang gestört werden und überhaupt nichts schreiben.

Jetzt ist alles grundverschieden. Die kleinen Restaurants an den Straßen, die mittags und abends zuvor von Herren in langen Gewändern besetzt waren, haben sich kürzlich großenteils in „tiefe Trauer vergraben in müßiger Muße" verwandelt. Und die alten Stammgäste? Sie sind in die groben Imbissstuben umgezogen, die das Revier der Rikschafahrer sind. Was die Rikschafahrer selbst betrifft — sie können natürlich nur an den Straßenrand zurückweichen, um zu hungern, oder, wenn sie Glück haben, noch an einem Fladenbrot nagen. Die Rufe der Verkäufer in den Gassen — seltsamerweise — sind ebenfalls eine Welt entfernt von früher. Snack-Verkäufer gibt es natürlich noch, aber es sind nur Oliven oder Wontons; die „sinnlich duftenden" „künstlerischen" Delikatessen begegnet man nur noch selten. Geschrien wird? Natürlich wird immer noch geschrien; solange es Shanghaier Bürger gibt, wird das Geschrei gewiss nie aufhören. Doch heutzutage ist es erheblich praktischer geworden: Sesamöl, Tofu, Hobelspäne zur Haarpflege, Bambusstangen zum Wäschetrocknen. Die Methoden haben sich auch verbessert: Manchmal singt ein Mann allein beim Sockenverkauf und preist die Haltbarkeit seiner Socken; manchmal verkaufen zwei zusammen Stoff und singen abwechselnd Loblieder auf dessen Preiswürdigkeit. Aber im Allgemeinen singen sie sich geradewegs hinein bis ans Ende der Gasse und dann geradewegs wieder zurück hinaus — die Momente, in denen sie tatsächlich anhalten, um ein Geschäft abzuschließen, sind sehr selten.

Gelegentlich gibt es auch eine raffiniertere Ware: Obst und Blumen. Aber die sind nicht für den Verkauf an Chinesen bestimmt, daher verwendet der Verkäufer Fremdsprachen: „Ringo, Banana, Appulu-u, Appulu-u-u!" „Hana ya Hana-a-a! Ha-a-na-a-a!" Auch Ausländer kaufen nicht viele.

Von Zeit zu Zeit betritt ein wahrsagender Blinder oder ein almosenheischender Mönch die Gasse, der fast ausschließlich die Dienstmädchen angreift. Sie haben tatsächlich vergleichsweise bessere Geschäfte; manchmal lesen sie ein Horoskop, manchmal verkaufen sie ein Gelbpapier-Glücksamulett. Doch dieses Jahr scheint auch ihr Geschäft nachgelassen zu haben, und so erschien vorgestern eine Großproduktion des Almosenheischens. Zuerst hörte man nur einen Schwall von Trommeln, Becken und Eisenketten. Ich wollte gerade ein „surrealistisches" Aphorismengedicht verfassen, und dieses Getöse verscheuchte meine poetischen Gedanken. Dem Klang folgend fand ich einen Mönch, der sich Eisenhaken in die Brusthaut gehakt hatte; an den Haken hingen etwa drei Meter lange Eisenketten, die über den Boden schleiften, während er in die Gasse hineinging, und zwei andere Mönche Trommeln und Becken schlugen. Doch die Dienstmädchen hatten alle ihre Türen geschlossen und sich versteckt — keine einzige war zu sehen. Dieser asketische Mönch konnte nicht einmal eine einzige Kupfermünze herausschleppen.

Danach erkundigte ich mich nach ihrer Meinung. Die Antwort lautete: „Bei dem Aufzug wird man den mit zwei Jiao nicht los."

Soloauftritt, Duett, Großproduktion, der Trick des selbst zugefügten Leidens — in Shanghai kann damit keiner mehr großes Geld verdienen. Einerseits bezeugt das hinreichend die „Herzlosigkeit" der Fremdkonzessionen; andererseits zeigt es aber auch, dass man am besten „das Land revitalisieren" gehen sollte — hm.

23. April.

Für jeden jungen Menschen mit dem Ehrgeiz, kreativ zu schreiben, ist die erste Frage, die ihm einfällt, wohl immer: „Wie soll man schreiben?" Die „Methoden des Romanschreibens" und „Romankurse", die derzeit auf dem Markt angeboten werden, sind genau dazu bestimmt, solchen jungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch sie scheinen keine Wirkung zu haben; wir haben noch von keinem Autor gehört, der aus einer „Methode des Romanschreibens" hervorgegangen wäre. Manche jungen Leute versuchen, bereits berühmte Autoren zu fragen; deren Antworten sind selten veröffentlicht worden, doch das Ergebnis ist nicht schwer zu erraten: nichts Greifbares. Das ist kaum verwunderlich, denn es gibt kein Geheimrezept für kreatives Schreiben, das man sich zuflüstern und in einem einzigen Satz weitergeben könnte. Gäbe es eines, könnte man wahrlich inserieren, Schulgeld erheben und eine „Drei-Tage-Garantie-Literaturgenies-Schule" eröffnen. In einem Land so groß wie China mag so etwas vielleicht existieren — aber in Wahrheit wäre es Schwindel.

Unter den nicht schwer zu erratenden Antworten gibt es wohl immer eine, die lautet: „Lesen Sie mehr Werke großer Autoren." Auch das kann die literarische Jugend wohl nicht befriedigen, da es zu weit und grenzenlos ist — und doch ist es tatsächlich ein solider Rat. Jeder große Autor, dessen Ruf etabliert ist: Seine Werke insgesamt zeigen, „wie man schreiben soll." Doch der Leser kann das nicht leicht erkennen und es daher nicht begreifen. Denn auf der Seite des Lernenden muss man zuerst wissen, „wie man NICHT schreiben soll" — erst dann kann man verstehen: „SO also soll man schreiben." Wie erfährt man dieses „so soll man nicht schreiben"? Im sechsten Kapitel von Weressajews Gogol-Studien wird diese Frage beantwortet: „Wie man schreiben soll, muss man aus den vollendeten Werken großer Autoren begreifen. Wie man NICHT schreiben soll — dafür lernt man wohl am besten aus den Entwürfen derselben Werke. Hier ist es fast, als gäbe uns der Künstler Anschauungsunterricht. Als zeigte er auf jede Zeile und sagte direkt zu uns: ‚Sehen Sie — das hier sollte gestrichen werden. Das muss gekürzt werden. Das muss umgeschrieben werden, weil es unnatürlich geworden ist. Hier muss noch etwas Kolorit hinzugefügt werden, damit das Bild deutlicher wird.'"

Dies ist in der Tat eine äußerst nützliche Lernmethode, doch in China fehlen uns gerade solche Lehrmaterialien. In den letzten Jahren gab es einige lithographische Reproduktionen von Manuskripten, aber es handelt sich meist um gelehrte Abhandlungen oder Tagebücher. Vielleicht weil seit jeher „das Hinwerfen in einem Zug" und „Schreiben ohne eine einzige Korrektur" bewundert werden, sind die meisten reproduzierten Manuskripte völlig sauber — man kann keine Spuren mühsamer Überarbeitung erkennen. Aus ausländischen Quellen zu schöpfen — selbst bei perfekter Sprachbeherrschung — wäre es unmöglich, die verschiedenen Ausgaben berühmter Werke vom Erstdruck bis zur endgültigen Fassung zu sammeln.

Kinder aus Gelehrtenfamilien sind mit Pinsel und Tusche vertraut; des Zimmermanns Sohn kann mit Axt und Meißel umgehen; des Soldaten Kind lernt früh Schwert und Speer kennen. Ohne solch eine Umgebung und ein solches Erbe — das ist das angeborene Unglück der literarischen Jugend Chinas.

In der Not habe ich mir eine Ausgleichsmethode erdacht: Zeitungsberichte und stümperhafte Romane — die Ereignisse darin könnten vielleicht zu einem literarischen Kunstwerk geschrieben werden, aber der Bericht selbst, der Roman selbst, ist keine Literatur — dies ist ein Musterbeispiel für „wie man NICHT schreiben soll." Das Problem ist nur, dass es kein entsprechendes „wie man schreiben SOLL" zum Vergleich gibt.

23. April.

Die Shanghaier Zeitungen haben kürzlich berichtet, dass General He Jian (何鍵), der Provinzvorsitzende von Hunan, anlässlich der Fertigstellung des Konfuzius-Tempels in Yushima, Japan, ein lang gehütetes Konfuzius-Porträt als Geschenk übersandt habe. Offen gesagt wissen die gewöhnlichen Chinesen so gut wie nichts darüber, wie Konfuzius tatsächlich ausgesehen hat. Seit alten Zeiten hat es zwar in jedem Landkreis unweigerlich einen Tempel des Heiligen gegeben, also einen Konfuzius-Tempel, doch befand sich darin zumeist keine Statue des Heiligen. Es gilt allgemein als Grundsatz, eine zu verehrende Person in Malerei oder Bildhauerei größer als einen gewöhnlichen Menschen darzustellen; doch bei der allerhöchst zu verehrenden Gestalt, einem Heiligen wie Konfuzius, scheint es, als würde selbst ein Bildnis eine Entweihung darstellen, und es sei besser, keines zu haben. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Konfuzius hat kein Foto hinterlassen, sein wahres Aussehen lässt sich natürlich nicht feststellen. Zwar finden sich in den Schriftquellen gelegentliche Beschreibungen, doch sind diese womöglich reiner Unsinn. Und wollte man eine neue Skulptur schaffen, hätte man keine andere Möglichkeit, als sich ganz der Phantasie des Bildhauers zu überlassen, was noch weniger beruhigend wäre. So blieb den Konfuzianern schließlich nichts anderes übrig, als eine brandtsche Haltung des „Alles oder Nichts" einzunehmen.

Und doch begegnet man gelegentlich gemalten Porträts. Ich selbst habe drei gesehen: einmal eine Illustration im Kongzi Jiayu; einmal ein Titelbild, das aus Japan nach China reimportiert wurde und im Qingyi Bao erschienen war, als Liang Qichao (梁啟超) im Exil in Yokohama lebte; und einmal eine Steingravur aus einem Grab der Han-Dynastie, die die Begegnung des Konfuzius mit Laozi (老子) darstellt. Was den Eindruck von Konfuzius' Aussehen aus diesen Bildern betrifft: Der Herr war ein sehr magerer alter Mann in einem langen Gewand mit weiten Ärmeln, ein Schwert im Gürtel oder einen Stab unter dem Arm, und er lächelte niemals — eine Gestalt von gewaltiger, ehrfurchtgebietender Würde. Säße man ehrerbietig neben ihm, müsste man das Rückgrat unbedingt kerzengerade halten, und nach zwei bis drei Stunden würden die Gelenke so schmerzen, dass ein gewöhnlicher Mensch wohl unbedingt fliehen wollen würde.

Später unternahm ich einmal eine Reise durch Shandong. Als ich unter der Unebenheit der Straßen litt, dachte ich plötzlich an unseren Konfuzius. Als mir einfiel, dass dieser Heilige mit seiner gebieterisch-würdevollen Miene einst in einem schlichten Karren über eben diese Straßen gerumpelt war und sich geschäftig hin und her bewegt hatte, fand ich das ziemlich komisch. Solche Gedanken sind natürlich nicht gut — kurz gesagt, sie grenzen an Respektlosigkeit — und ein Schüler des Konfuzius dürfte sie wohl keinesfalls hegen. Doch in jener Zeit gab es überaus viele junge Leute, die ähnlich respektlose Empfindungen hegten wie ich.

Ich wurde am Ende der Qing-Dynastie geboren, als Konfuzius bereits den erschreckend großartigen Titel „Höchster Heiliger, Vollendeter und Erhabener König der Kultur" (大成至聖文宣王) trug. Selbstverständlich war es ein Zeitalter, in dem der Weg des Heiligen die gesamte Nation beherrschte. Die Regierung zwang die Lernenden, bestimmte Bücher zu lesen — die Vier Bücher und die Fünf Klassiker; bestimmten Kommentaren zu folgen; bestimmte Aufsätze zu schreiben — die sogenannten „Achtbein-Aufsätze"; und bestimmte Meinungen zu äußern. Doch diese schablonenhaften Konfuzianer, die die viereckige Erde sehr wohl kannten, wussten von der runden Erdkugel rein gar nichts. So führten sie Krieg gegen Frankreich und England — Nationen, die in den Vier Büchern nicht verzeichnet sind — und wurden geschlagen. Ob sie nun zum Schluss kamen, dass es klüger sei, sich selbst am Leben zu erhalten, statt Konfuzius anbetend zu sterben, oder aus welchem Grund auch immer — diesmal jedenfalls waren es die fanatisch konfuzius-verehrende Regierung und die Bürokraten, die als Erste wankten. Sie begannen, mit öffentlichen Geldern die Bücher der fremden Teufel in großen Mengen zu übersetzen. Unter den wissenschaftlichen Klassikern befanden sich Herschels Astronomie, Lyells Grundzüge der Geologie und Danas Mineralogie — die noch heute gelegentlich als Relikte jener Epoche in Antiquariaten herumliegen.

Doch eine Gegenreaktion war unvermeidlich. Die Kristallisation, die repräsentative Figur der spätkaiserlichen Konfuzianer erschien in Gestalt des Großsekretärs Xu Tong (徐桐). Er verdammte nicht nur die Mathematik als Wissenschaft der fremden Teufel; obwohl er die Existenz Frankreichs und Englands in der Welt anerkannte, weigerte er sich rundweg, an die Existenz Spaniens und Portugals zu glauben, und behauptete, diese Ländernamen hätten Frankreich und England aus dem Ärmel geschüttelt, weil es ihnen selbst peinlich geworden sei, ständig Vorteile zu fordern. Er war auch der Drahtzieher und Befehlshaber der berüchtigten Boxerbewegung von 1900. Doch die Boxer wurden völlig geschlagen, und Xu Tong beging Selbstmord. Die Regierung kam daraufhin erneut zu dem Schluss, dass ausländische politische Systeme, Gesetze, Wissenschaft und Technik doch einiges für sich hätten. Mein brennendes Verlangen, zum Studium nach Japan zu gehen, stammte aus jener Zeit. Nachdem ich mein Ziel erreicht hatte, schrieb ich mich am Kobun-Institut in Tokio ein, das von Herrn Kano (嘉納) gegründet worden war. Dort lehrte mich Herr Misawa Rikitaro (三澤力太郎), dass Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff zusammengesetzt ist, und Herr Yamauchi Shigeo (山內繁雄) belehrte mich, dass ein bestimmter Teil im Inneren einer Muschel „Mantel" heißt. Dann geschah eines Tages Folgendes: Schulinspektor Herr Okubo (大久保) versammelte alle und verkündete: „Da ihr alle Schüler des Konfuzius seid, lasst uns heute zum Konfuzius-Tempel in Ochanomizu gehen und unsere Ehrerbietung erweisen!" Ich war wie vom Donner gerührt. Ich erinnere mich noch, dass ich damals dachte: Gerade weil ich an Konfuzius und seinen Jüngern verzweifelt war, bin ich nach Japan gekommen — und nun soll ich ihn wieder anbeten? Einen Augenblick lang fand ich das höchst befremdlich. Und ich bin sicher, dass ich bei weitem nicht der Einzige war, der so empfand.

Doch die Missachtung des Konfuzius in seinem eigenen Land begann keineswegs erst im zwanzigsten Jahrhundert. Menzius (孟子) lobte ihn als „den zeitgemäßen unter den Heiligen", doch übersetzt man dies ins Moderne, lässt es sich eigentlich nur als „modischer Heiliger" wiedergeben. Zu seinem eigenen Nutzen war dies gewiss ein ungefährlicher Ehrentitel, doch auch kein besonders willkommener. In der Praxis lagen die Dinge allerdings wohl nicht ganz so einfach. Dass Konfuzius zum „modischen Heiligen" erhoben wurde, geschah nach seinem Tod; zu Lebzeiten hatte er einiges durchzumachen. Er rannte hin und her, und obwohl er es einmal bis zum Polizeipräsidenten des Staates Lu brachte, wurde er sofort wieder aus dem Amt gedrängt und arbeitslos. Er wurde von mächtigen Ministern verachtet, von Bauern verspottet und sogar von Pöbelhaufen belagert, bis ihm der Magen flach am Rücken klebte. Obwohl er dreitausend Schüler aufgenommen hatte, erwiesen sich nur zweiundsiebzig als brauchbar, und von diesen konnte er nur einem einzigen wirklich vertrauen. Eines Tages rief Konfuzius entrüstet aus: „Wenn mein Weg sich nicht durchsetzen lässt, werde ich auf einem Floß aufs Meer hinausfahren. Wer mir dabei folgen würde, wäre wohl You (由)!" Schon an diesem resignierten Plan lässt sich die Lage ablesen. Doch selbst dieser eine — You — fiel später im Kampf gegen Feinde. Seine Hutbänder wurden durchtrennt, aber ganz You, wie er war, vergaß er selbst in diesem Augenblick nicht die Lehre seines Meisters: „Ein Edler stirbt mit aufgesetzter Mütze." Während er die Hutbänder wieder zusammenknüpfte, wurde er zu Hackfleisch zerhackt. Da er selbst seinen einzigen vertrauenswürdigen Schüler verloren hatte, war Konfuzius natürlich unsäglich betrübt. Es heißt, als er die Nachricht vernahm, habe er sofort befohlen, das Hackfleisch in der Küche wegzuwerfen.

Nach seinem Tod, so meine ich, hatte Konfuzius dann etwas mehr Glück. Da er nun nicht mehr schwatzen konnte, trugen ihm die verschiedensten Machthaber die verschiedensten Schichten weißen Puders auf und hievten ihn in schwindelerregende Höhen. Verglichen mit dem später importierten Shakyamuni (釋迦牟尼) war er freilich wahrhaft erbärmlich dran. Gewiss, jeder Landkreis hatte seinen Tempel des Heiligen — seinen Konfuzius-Tempel — doch sie alle hatten eine einsam-verwaiste Atmosphäre. Gewöhnliche Bürger gingen niemals dorthin, um zu beten; wenn sie irgendwohin gingen, dann in buddhistische Klöster oder Geistertempel. Fragte man das einfache Volk, wer Konfuzius sei, antwortete es selbstverständlich, er sei ein Heiliger — doch dies war lediglich eine Grammophonaufnahme der Machthaber. Die Leute zeigten auch Ehrfurcht vor beschriebenem Papier, doch das geschah aus dem Aberglauben, dass fehlende Ehrfurcht einen Blitzschlag nach sich ziehe. Der Konfuzius-Tempel in Nanjing ist zwar ein belebter Ort, aber das liegt an den vielen Vergnügungen und Teehäusern dort. Obwohl es heißt, Konfuzius habe die Frühlings- und Herbstannalen verfasst und aufrührerische Minister und verräterische Söhne hätten gezittert, kann heutzutage fast niemand auch nur einen einzigen aufrührerischen Minister oder verräterischen Sohn nennen, den der Heilige mit seinem Pinsel angeprangert hätte. Was aufrührerische Minister und verräterische Söhne betrifft, denken die Leute wohl an Cao Cao (曹操) — doch das haben sie nicht vom Heiligen gelernt, sondern von den namenlosen Verfassern von Romanen und Theaterstücken.

Alles in allem: Konfuzius wurde in China von den Machthabern emporgehoben. Er war der Heilige jener, die Macht besaßen oder Macht anstrebten, und hatte mit dem einfachen Volk rein gar nichts zu tun. Doch selbst den Tempel des Heiligen beehrten diese Machthaber nur mit vorübergehender Begeisterung. Da sie bei der Verehrung des Konfuzius bereits ganz andere Ziele verfolgten, wurde das Instrument nutzlos, sobald das Ziel erreicht war; und wurde es nicht erreicht, war es erst recht nutzlos. Vor drei bis vier Jahrzehnten las jeder, der nach Macht strebte — das heißt, jeder, der Beamter werden wollte — die Vier Bücher und Fünf Klassiker und schrieb Achtbein-Aufsätze. Andere fassten diese Bücher und Aufsätze unter der Sammelbezeichnung „Türklopfsteine" zusammen. Das bedeutete: Sobald man die Beamtenprüfung bestanden hatte, wurden diese Dinge gleichzeitig vergessen, genau wie der Stein, mit dem man an die Tür klopft — ist die Tür erst offen, wird der Stein beiseitegeworfen. Dieser Mensch Konfuzius hat in Wahrheit seit seinem Tod stets als „Türklopfstein" Dienst getan.

Ein Blick auf die jüngsten Beispiele macht dies noch deutlicher. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Konfuzius großes Pech. Doch in der Ära Yuan Shikais (袁世凱) erinnerte man sich plötzlich wieder an ihn: Nicht nur wurden die Opferzeremonien wiederhergestellt, es wurden auch bizarre neue Zeremonialgewänder angefertigt, die die Opfernden tragen mussten. Was auf dem Fuße folgte, war der Versuch, die Monarchie wiederherzustellen. Doch diese bestimmte Tür ließ sich nicht aufklopfen, und Yuan starb davor. Übrig blieben die Beiyang-Militaristen, die, als sie ihr Ende nahen spürten, Konfuzius ebenfalls benutzten, um an eine andere Tür zum Glück zu klopfen. General Sun Chuanfang (孫傳芳), der Jiangsu und Zhejiang besetzt hielt und auf offener Straße wahllos Zivilisten niedermetzelte, ließ gleichzeitig das Ritual des Pfeilwurfspiels wiederaufleben. General Zhang Zongchang (張宗昌), der sich in Shandong eingenistet hatte und sein eigenes Geld, seine Soldaten und seine Konkubinen nicht mehr zählen konnte, ließ die Dreizehn Klassiker neu drucken und behandelte den Weg des Heiligen wie eine Geschlechtskrankheit, die sich durch körperliche Beziehungen übertragen lässt — er machte einen Konfuzius-Nachkommen zu seinem Schwiegersohn. Doch das Tor zum Glück öffnete sich keinem von ihnen.

Alle drei benutzten Konfuzius als Ziegelstein, doch die Zeiten hatten sich geändert, und so scheiterten sie alle offenkundig. Und nicht nur sie selbst scheiterten — sie rissen Konfuzius noch tiefer in sein Elend hinab. Sie alle waren Leute, die kaum lesen konnten, doch bestanden darauf, über die Dreizehn Klassiker und dergleichen zu schwadronieren, was die Leute lächerlich fanden. Ihre Worte und Taten stimmten so gar nicht überein, dass sie noch größere Abscheu erregten. Hat man die Mönche erst verabscheut, erstreckt sich der Hass auf die Kutte; und die Art, wie Konfuzius als Werkzeug für den einen oder anderen Zweck missbraucht worden war, wurde nun überdeutlich sichtbar, sodass der Wunsch, ihn zu stürzen, immer stärker wurde. Wann immer Konfuzius in voller Feierlichkeit herausgeputzt wurde, erschienen unweigerlich Aufsätze und Werke, die seine Schwächen aufdeckten. Selbst Konfuzius hatte natürlich seine Schwächen; in gewöhnlichen Zeiten nimmt niemand daran Anstoß, denn ein Heiliger ist auch nur ein Mensch, und man kann Nachsicht üben. Doch wenn die Jünger des Heiligen auftreten und schwafeln, der Heilige sei dies und das gewesen, und deshalb müsse man selbst auch dies und das sein, dann können die Leute nicht umhin, laut loszulachen. Vor fünf oder sechs Jahren gab es eine Kontroverse um die öffentliche Aufführung des Theaterstücks „Konfuzius trifft Nanzi". Darin trat Konfuzius auf die Bühne, und für einen Heiligen war er zugegebenermaßen etwas wenig würdevoll und ein wenig tölpelhaft, aber als Mensch war er eine liebenswerte, gutmütige Gestalt. Die heiligen Nachkommen jedoch waren empört und trugen die Angelegenheit bis vor die Behörden. Die Aufführung fand zufällig in der Heimatstadt des Konfuzius statt, wo sich die heiligen Nachkommen derart vermehrt hatten, dass sie eine privilegierte Klasse bildeten, die Shakyamuni und Sokrates (蘇格拉第) vor Neid erblassen ließe. Aber vielleicht war gerade das der Grund, weshalb die jungen Nicht-Nachkommen jenes Ortes sich bewogen fühlten, ausgerechnet „Konfuzius trifft Nanzi" aufzuführen.

Das gewöhnliche chinesische Volk, und insbesondere die sogenannten Einfältigen, nennen Konfuzius zwar einen Heiligen, empfinden ihn aber nicht als solchen. Sie sind ehrerbietig ihm gegenüber, aber nicht vertraut. Doch ich glaube, es gibt niemanden auf der Welt, der Konfuzius so gut versteht wie Chinas einfältiges Volk. Es stimmt, Konfuzius hat vorzügliche Methoden der Staatsführung erdacht, doch dies waren ausnahmslos Methoden zum Nutzen der Herrschenden — der Machthaber. Für das Volk selbst hat er nicht das Geringste ersonnen. Das ist die Bedeutung von „Das Ritual erstreckt sich nicht auf das gemeine Volk." Dass der Heilige der Machthaber schließlich zum „Türklopfstein" verkam — das kann man ihm wahrlich nicht als Unrecht anrechnen. Man kann nicht sagen, er habe keine Verbindung zum einfachen Volk; aber zu sagen, es bestehe nicht die geringste Vertrautheit zwischen ihnen, das wäre, so meine ich, eine noch sehr höfliche Formulierung. Sich einem Heiligen nicht zu nähern, zu dem man keine Vertrautheit empfindet, ist nur natürlich. Versuchen Sie es doch irgendwann einmal: Ziehen Sie zerlumpte Kleider an, gehen Sie barfuß und betreten Sie die Halle der Großen Vollendung — vermutlich wird man Sie ebenso schnell hinauswerfen, als hätten Sie sich in ein erstklassiges Shanghaier Kino oder eine Erste-Klasse-Straßenbahn verirrt. Jeder weiß, dass diese Dinge den großen Herren gehören. Die „Einfältigen" mögen einfältig sein, aber so einfältig sind sie dann doch nicht.

29. April.

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten.

Denn chuanqi-Erzählungen der Tang-Dynastie sind etwas, von dem man bis heute noch Exemplare besichtigen kann; doch was wir heute „Belletristik der Sechs Dynastien" nennen, beruht lediglich auf den Zuordnungen in Quellen vom Bibliographischen Traktat der Neuen Tang-Geschichte bis zum Siku-Katalog der Qing-Dynastie. Viele dieser so klassifizierten Werke wurden zu Zeiten der Sechs Dynastien keineswegs als Belletristik angesehen. So waren etwa das Hanwu Gushi, das Xijing Zaji, das Soushen Ji und das Xu Qixie Ji noch in Liu Xus (劉癲) Bibliographischem Traktat des Alten Tang-Geschichtswerks unter den Kategorien „Kaiserliche Tagebücher" und „Vermischte Biographien" in der Abteilung Geschichte eingeordnet. Die Menschen damals glaubten noch an Unsterbliche und Geister und hielten diese Berichte nicht für erdichtet; obwohl die Aufzeichnungen sowohl die irdische als auch die jenseitige Welt umfassten, galten sie insgesamt als eine Gattung der Geschichtsschreibung.

Überdies sind die bibliographischen Kataloge von der Jin- bis zur Sui-Dynastie allesamt verloren gegangen — nicht ein einziger ist erhalten —, sodass wir nicht wissen können, was damals als Belletristik galt, noch welche Formen und Inhalte solche Werke besaßen. Der einzige erhaltene früheste Katalog ist der Bibliographische Traktat der Sui-Geschichte, dessen Verfasser angaben, sie hätten „in die Ferne die Geschichtswerke des Sima und Ban überblickt und in der Nähe die Kataloge des Wang und Ruan geprüft." Vielleicht bewahrt er noch Spuren von Wang Jians (王儉) Jinshu Qizhi und Ruan Xiaoxus (阮孝緒) Qilu, doch von den fünfundzwanzig darin verzeichneten belletristischen Werken sind nur das Yan Dan Zi und das Shishuo von Liu Yiqing (劉義慶) mitsamt Liu Xiaobiaos (劉孝標) Kommentar erhalten. Darüber hinaus lassen sich vom Guozi, vom Xiaolin, von Yin Yuns (殷芸) Xiaoshuo, vom Shuishi sowie von Werken, die bereits in der Sui-Zeit als verschollen galten — wie dem Qingshi Zi und dem Yulin — noch einige Fragmente in den Enzyklopädien der Tang- und Song-Zeit auffinden.

Allein nach den oben genannten Materialien und bewusst vereinfachend gesprochen: Die Belletristik der Sechs Dynastien enthielt keine Erzählungen von Unsterblichen oder Geistern; was sie beschrieb, waren fast ausschließlich menschliche Angelegenheiten. Der Stil war knapp. Das Material bestand aus Witzen und Anekdoten. Doch Erdichtung scheint man entschieden abgelehnt zu haben — so vermerkt etwa das Shishuo Xinyu, dass Pei Qis (裴啟) Yulin ungenaue Zitate von Xie Ans (謝安) Worten enthielt und dass das Ansehen des Buches stark litt, sobald Xie An darauf hinwies.

Die chuanqi-Erzählungen der Tang-Dynastie waren eine ganz andere Sache. Unsterbliche, Menschen, Geister und übernatürliche Wesen konnten nach Belieben eingesetzt werden. Der Stil war kunstreich und verschlungen, sodass er den Tadel jener auf sich zog, die Schlichtheit und Altertümlichkeit schätzten. Die erzählten Ereignisse hatten in der Regel einen Anfang und ein Ende mit allerlei Wendungen — nicht bloß fragmentarische Anekdoten. Und die Autoren legten häufig absichtlich die Fiktionalität ihrer Erzählungen offen, um ihre Vorstellungskraft unter Beweis zu stellen.

Doch es war nicht so, dass die Schriftsteller der Sechs Dynastien keine Phantasie oder Beschreibungskraft besessen hätten — sie setzten diese nur nicht in der Belletristik ein, und solche Schriften wurden damals auch nicht als Belletristik bezeichnet. So stehen etwa Ruan Jis (阮籍) Biographie des Meisters Großer Mensch und Tao Qians (陶潛) Pfirsichblütenquell den späteren chuanqi-Erzählungen der Tang tatsächlich recht nahe. Selbst Ji Kangs (嵇康) Lobpreisungen der Heiligen und Erhabenen Männer (von denen nur eine rekonstruierte Ausgabe existiert) und Ge Hongs (葛洪) Biographien der Unsterblichen können als Vorläufer der Tang-chuanqi betrachtet werden. Als Li Gongzuo (李公佐) die Geschichte des Präfekten von Nanke schrieb, verfasste Li Zhao (李肇) ein Nachwort dazu — dies folgt der Methode von Ji Kangs Erhabenen Männern. Chen Hongs (陳鴻) Erzählung vom Ewigen Leid stand vor Bai Juyis (白居易) langem Gedicht; Yuan Zhens (元稹) Erzählung der Yingying enthält sowohl das Gedicht von der Wahrhaftigen Begegnung als auch den abschließenden Verweis auf Li Gongchuis (李公垂) Lied der Yingying — all dies erinnert unweigerlich an den Pfirsichblütenquell.

Was die Beweggründe ihres Schaffens betrifft, so hatten sowohl die Autoren der Sechs Dynastien als auch die der Tang ihre Absichten. Der Bibliographische Traktat der Sui-Geschichte zitiert den Bibliographischen Traktat der Han-Geschichte mit der Aussage, die Aufzeichnung von Belletristik sei vergleichbar mit dem „Befragen der Holzfäller und Grasmäher" — was ein klarer Beweis dafür ist, dass selbst der Belletristik ein Zweck zugeschrieben wurde. In der Praxis verengte sich jedoch der Umfang dieser Zweckmäßigkeit. Zur Jin-Zeit schätzte man die reine Konversation und legte Wert auf persönlichen Stil; wenige treffende Worte konnten oft sofortige Berühmtheit verschaffen. Daher bestand die Belletristik jener Epoche vorwiegend aus Werken wie dem Shishuo, die absonderliches Betragen und geistreiche Aussprüche festhielten — in Wirklichkeit waren dies Handbücher, um durch Wortgewandtheit Rang und Ansehen zu erlangen. In der Tang-Zeit wurden Dichter und Prosaschreiber durch Prüfungen ausgewählt, doch auch der gesellschaftliche Ruf zählte; daher mussten Gelehrte, die zur Hauptstadt reisten, um die Prüfungen abzulegen, zuvor bei namhaften Persönlichkeiten vorsprechen und Proben ihrer Dichtung und Prosa vorlegen, in der Hoffnung auf Empfehlung. Diese Proben nannte man „Präsentationsrollen". Als Dichtung und Prosa zu gewöhnlich wurden und die Leser das Interesse verloren, griffen manche zur chuanqi-Erzählung, um aufzufallen und eine besondere Wirkung zu erzielen. So standen auch die chuanqi-Erzählungen jener Zeit in enger Beziehung zu den „Türklopfsteinen". Doch selbstverständlich gab es auch jene, die einfach vom Zeitgeist getragen schrieben, ohne Hintergedanken.

„Geschwätz ist etwas Furchtbares“ — diese Worte fanden sich im Abschiedsbrief der Filmschauspielerin Ruan Lingyu (阮玲玉), nachdem sie sich das Leben genommen hatte. Dieser aufsehenerregende Vorfall ist nach einer Runde leeren Geredes allmählich abgekühlt; sobald der Film Der duftende Tod der Lingyu nicht mehr gezeigt wird, wird es genauso sein wie mit dem Selbstmord der Ai Xia (艾霞) im vergangenen Jahr — spurlos verweht. Ihr Tod war nicht mehr als ein paar Körnchen Salz, in das grenzenlose Meer der Menschheit geworfen: zwar gaben sie den schwatzenden Mäulern eine Weile lang etwas zu schmecken, doch bald darauf war wieder alles fad, fad, fad.

Dieser Ausspruch löste anfangs selbst einen kleinen Sturm aus. Ein Kritiker argumentierte, ein Teil der Schuld daran, sie in den Selbstmord getrieben zu haben, sei der Art zuzuschreiben, wie die Tageszeitungen die Einzelheiten ihrer Prozesse hinausposaunt hatten. Doch bald trat ein Journalist mit einer öffentlichen Erwiderung hervor und argumentierte, die heutige Stellung der Zeitungen und das Gewicht der öffentlichen Meinung seien erbärmlich gesunken und besäßen nicht die geringste Macht, über jemandes Schicksal zu bestimmen; überdies beruhten jene Berichte zumeist auf Tatsachen, die bereits amtliche Kanäle durchlaufen hätten, und seien keineswegs erfundene Gerüchte — die alten Zeitungen lägen noch vor und könnten eingesehen werden. Daher habe der Tod der Ruan Lingyu mit Journalisten nicht das Geringste zu tun.

Beides lässt sich als wahre Aussage gelten. Und dennoch — nicht ganz.

Es stimmt, dass die heutigen Zeitungen nicht so funktionieren, wie Zeitungen funktionieren sollten; es stimmt, dass Kommentare nicht frei geäußert werden können und ihre Kraft verloren haben; kein klarsichtiger Mensch wird den Journalisten übermäßig Vorwürfe machen. Doch die Macht der Presse ist in Wirklichkeit keineswegs vollständig zusammengebrochen. Gegen den einen mag sie ohnmächtig sein, dem anderen kann sie aber noch Schaden zufügen; gegenüber den Starken ist sie schwach, aber gegenüber den noch Schwächeren ist sie immer noch stark. So muss sie manchmal zähneknirschend schweigen, kann aber bei anderer Gelegenheit noch immer drohend auftrumpfen. Jemand wie Ruan Lingyu wurde so zum vorzüglichen Material für die Ausübung dieser Restmacht, denn sie war recht berühmt, aber recht machtlos. Der kleine Städter hört für sein Leben gern von anderer Leute Skandalen, zumal von Skandalen der Leute, die er ein wenig kennt. Wenn die alte Kupplerin an der Ecke einer Shanghaier Gasse erfährt, dass bei der Zweiten Schwägerin aus der Nachbarschaft ein fremder Mann ein und aus geht, kostet sie das genüsslich aus; erzählt man ihr aber von jemandem in Gansu, der Ehebruch begeht, oder jemandem in Xinjiang, der wieder heiratet, will sie nichts davon hören. Ruan Lingyu erschien regelmäßig auf der Leinwand; sie war eine Person, die jeder kannte. Das machte sie zu noch besserem Material für die Unterhaltung der Zeitungen — zumindest ließ sich damit die Auflage ein wenig steigern. Manche Leser dachten beim Lesen dieser Berichte: „Ich bin vielleicht nicht so schön wie Ruan Lingyu, aber anständiger als sie." Andere dachten: „Ich bin vielleicht nicht so begabt wie Ruan Lingyu, aber meine Herkunft ist vornehmer." Selbst nach ihrem Selbstmord konnte man noch denken: „Ich habe vielleicht nicht Ruan Lingyus Kunstfertigkeit, aber mehr Mut als sie, denn ich habe mich nicht umgebracht." Für ein paar Kupfermünzen die eigene Überlegenheit zu entdecken — das ist natürlich ein gutes Geschäft. Doch für jemanden, der von der Schauspielkunst lebt, ist der Augenblick, in dem das Publikum die ersten beiden dieser Empfindungen entwickelt, bereits der Beginn des Untergangs. Lasst uns also nicht hochtrabend über Gesellschaftsstrukturen oder Willensstärke dozieren, die wir selbst nicht recht begreifen; versetzen wir uns erst einmal in ihre Lage — und dann werden wir vermutlich begreifen, dass Ruan Lingyus Überzeugung, „Geschwätz ist etwas Furchtbares", der Wahrheit entsprach, und dass die Überzeugung, ihr Selbstmord stehe im Zusammenhang mit der Berichterstattung, ebenfalls der Wahrheit entsprach.

Doch auch die Verteidigung der Journalisten — dass die Berichte zumeist auf amtlich festgestellten Tatsachen beruhten — ist wahr. Gewisse Shanghaier Zeitungen, die zwischen den großen und kleinen Blättern angesiedelt sind, füllen ihre Gesellschaftskolumnen fast ausschließlich mit Fällen, die bereits bei der Polizei oder beim Stadtrat gelandet sind. Doch es gibt da eine üble Angewohnheit: Man besteht darauf, Ausschmückungen hinzuzufügen, und ganz besonders gern schmückt man die Beschreibungen von Frauen aus. In diesen Fällen sind niemals prominente Würdenträger verwickelt, was es umso erlaubter erscheinen lässt, Ausschmückungen hinzuzufügen. Alter und Aussehen der Männer in den Fällen werden im Allgemeinen ehrlich genug beschrieben, doch sobald eine Frau auftaucht, entfaltet der Schreiber seinen literarischen Schwung: wenn nicht „eine reife Schönheit, deren Reiz noch nicht verblasst ist", dann „in der Blüte der Jugend, anmutig und entzückend". Ein Mädchen ist davongelaufen — ob aus freien Stücken oder entführt, ist noch unbekannt —, doch der Geistreichler verkündet: „Das Mägdelein schläft allein, des Liebhabers nicht gewohnt." Woher wollen Sie das wissen? Eine Dorffrau hat zweimal wieder geheiratet — in abgelegenen ländlichen Gegenden ein alltägliches Vorkommnis —, doch unter der Feder des Geistreichlers wird ihr in fetter Schlagzeile zugesprochen: „Ihre außerordentliche Zügellosigkeit steht der der Kaiserin Wu Zetian (武則天) in nichts nach." Und dieses Maß der Zügellosigkeit — woher wollen Sie das wissen? Diese leichtfertigen Wendungen, angewandt auf eine Dorffrau, haben vermutlich keinerlei Wirkung — sie kann nicht lesen, und ihre Angehörigen lesen womöglich auch keine Zeitung. Doch für eine gebildete Frau, zumal eine, die in der Öffentlichkeit steht, reichen solche Wendungen aus, um sie zu verwunden, ganz zu schweigen von absichtlich publik gemachten und besonders aufgebauschten Artikeln. Doch es ist in China Sitte, dass solche Wendungen der Feder entfließen, ohne dass man einen zweiten Gedanken daran verschwendet. In solchen Augenblicken fällt es dem Schreiber nicht nur nicht ein, dass auch dies eine Art ist, mit Frauen zu spielen, sondern er bedenkt auch nicht, dass er das Sprachrohr des Volkes sein sollte. Doch wie man auch ausschmückt — für die Mächtigen ist es ohne jede Bedeutung: ein einziger Brief genügt, und es erscheint eine Berichtigung oder Entschuldigung. Aber jemand ohne Macht und Einfluss wie Ruan Lingyu — sie wird gerade zum Material, das leiden muss: Man hat ihr ein paar Muster extra ins Gesicht gemalt, und sie hat keine Möglichkeit, sie abzuwaschen. Sie soll kämpfen? Sie hat kein Presseorgan — wie soll sie kämpfen? Klage ohne Adressat, Unrecht ohne Beklagten — gegen wen soll sie kämpfen? Versetzen wir uns noch einmal in ihre Lage — und dann werden wir vermutlich abermals begreifen, dass ihre Überzeugung, „Geschwätz ist etwas Furchtbares", der Wahrheit entsprach, und dass die Überzeugung, ihr Selbstmord stehe im Zusammenhang mit der Berichterstattung, ebenfalls der Wahrheit entsprach.

Doch, wie ich bereits sagte, es ist auch wahr, dass die heutigen Zeitungen ihre Macht eingebüßt haben. Allerdings glaube ich, dass es noch nicht so weit gekommen ist, wie der Herr Journalist so bescheiden behauptet — bis zur völligen Wertlosigkeit und vollkommenen Verantwortungsfreiheit. Denn gegenüber den noch Schwächeren wie Ruan Lingyu und ihresgleichen besitzt die Presse nach wie vor ein gewisses Maß an Macht, ihr Schicksal zu beeinflussen — was nichts anderes heißt, als dass sie noch immer Böses tun kann und natürlich auch noch immer Gutes tun kann. Die Phrasen „Wir drucken alles, was wir hören" und „Wir besitzen keinerlei Macht" sind keine Losungen, die ein aufwärtsstrebender, verantwortungsbewusster Journalist sich zu eigen machen sollte, denn in Wirklichkeit verhält es sich nicht so — die Presse wählt aus, und sie hat Wirkung.

Was den Selbstmord der Ruan Lingyu betrifft, so habe ich nicht die Absicht, sie zu verteidigen. Ich bin gegen Selbstmord und bin auch nicht im Begriff, mich selbst umzubringen. Dass ich mich nicht im Begriff befinde, mich umzubringen, liegt aber nicht daran, dass ich es für unter meiner Würde hielte — sondern daran, dass ich es nicht kann. Heutzutage wird jeder, der sich umbringt, unweigerlich einer Runde Tadel von unbeugsamen Kritikern unterzogen, und Ruan Lingyu bildet da selbstverständlich keine Ausnahme. Doch ich denke, Selbstmord ist tatsächlich nicht so einfach — keineswegs so leicht und mühelos, wie wir, die wir nicht vorhaben, uns umzubringen, es verächtlich uns vorstellen. Wenn jemand meint, es sei einfach, dann — nur zu, versuchen Sie es doch!

Natürlich gibt es wohl genügend mutige Seelen, die es versuchen könnten, doch sie verschmähen es, weil sie große Aufgaben für die Gesellschaft zu erfüllen haben. Das versteht sich von selbst — umso besser. Doch ich hoffe, ein jeder wird ein kleines Notizbuch führen und alle großen Aufgaben aufschreiben, die er vollbracht hat; und wenn er Urenkel hat, es hervorholen und die Bilanz ziehen und sehen, wie die Dinge stehen.

Das diesjährige Gerede von der sogenannten „gegenseitigen Geringschätzung unter Literaten" ist nicht nur eine Schwarz und Weiß verwirrende Parole, die über die Dunkelheit des Literaturbetriebs hinwegtäuscht — sie wird auch von gewissen Leuten benutzt, um „einen Schafskopf als Aushängeschild zu nehmen, während man Hundefleisch verkauft".

Wie viele echte Fälle gibt es denn, in denen jemand „kraft seiner jeweiligen Stärke die jeweilige Schwäche des anderen geringschätzt"? Was uns in den letzten Jahren begegnet ist, sind Fälle, in denen jemand „kraft seiner eigenen Schwäche die Schwäche des anderen geringschätzt". In der Umgangssprache zum Beispiel gibt es Passagen, die tatsächlich holprig und schwer zu lesen sind — das ist zugegebenermaßen eine „Schwäche". Daraufhin tritt jemand mit dem Xiaoping-Aufsatz oder dem Sprachaufzeichnungs-Stil an und stürmt mit erhobenem Haupt gegen diesen einen Punkt vor. Doch bald zeigt sich der Pferdefuß: Es stellt sich heraus, dass er selbst in der Gattung, die er befürwortet, häufig die Satzzeichen falsch setzt — durchaus „schwach" also. Andere gehen noch weiter und „schätzen kraft ihrer eigenen Schwäche geradezu die Stärke anderer gering". Wer zum Beispiel den Zawen-Essay verachtet, schreibt nicht nur selbst in der Zawen-Form, sondern sein Zawen ist, verglichen mit dem Zawen, das er verachtet, so erbärmlich, dass er nicht einmal in einem Atemzug genannt werden kann. Sein großspuriges Gerede ist nichts anderes als das, was Tschechow (A. Chekhov) beschrieb: den Gipfel der Schamlosigkeit erklommen zu haben und von dort herab alles geringschätzig zu betrachten. Die von ihm Verachteten haben gar nicht das Glück, mit ihm verglichen zu werden — woher also dieses „Gegenseitige"? Es jetzt „gegenseitig" zu nennen, ist in Wirklichkeit ein Kompliment für sie; dank dieses „gegenseitig" sind auch sie „Literaten". Doch wo, bitte, sind ihre „Stärken"?

Überdies geht es bei den heutigen Streitigkeiten im Literaturbetrieb in Wirklichkeit gar nicht um die Stärken und Schwächen des Stils. Literarische Bildung kann einen Menschen nicht in Holz oder Stein verwandeln, also ist ein Schriftsteller nach wie vor ein Mensch. Da er nach wie vor ein Mensch ist, hat er in seinem Herzen nach wie vor ein Gespür für Richtig und Falsch, für Liebe und Hass. Und weil er Schriftsteller ist, ist sein Gespür für Richtig und Falsch umso schärfer, seine Liebe und sein Hass umso heftiger. Einen Schriftsteller, der mit gleicher Hingabe von den Heiligen bis hinunter zu den Betrügern und Schlächtern verehrt, der mit gleicher Zuneigung von schönen Frauen und duftenden Gräsern bis hinunter zum Leprabazillus alles in die Arme schließt — einen solchen Schriftsteller gibt es auf dieser Welt nicht. Wenn er auf das trifft, was er für richtig hält und liebt, umarmt er es; wenn er auf das trifft, was er für falsch hält und verabscheut, schlägt er zurück. Wenn ein Dritter anderer Meinung ist, kann er aufzeigen, dass das vom Schriftsteller Verurteilte in Wirklichkeit „richtig" ist, dass das von ihm Verabscheute in Wirklichkeit geliebt werden sollte — doch mit der einen vagen Phrase „gegenseitige Geringschätzung unter Literaten" allein kann man nichts vom Tisch wischen. So billige Geschäfte bietet die Welt nicht. Wo es Schriftsteller gibt, gibt es Streit; doch am Ende, wer recht hatte und wer nicht, wer Bestand hatte und wer unterging, das wird immer vollkommen klar. Denn es gibt noch einige Leser, und deren Gespür für Richtig und Falsch, für Liebe und Hass ist klarer als das der friedensstiftenden Kritiker.

Und doch kommt jemand mit Drohungen daher. Er sagt: Fürchtest du dich nicht? In alten Zeiten schmiedete Ji Kang (嵇康) unter einem Weidenbaum Eisen, als Zhong Hui (鍾會) ihn besuchen kam. Ji Kang war unhöflich und fragte: „Was hast du gehört, dass du kommst? Was hast du gesehen, dass du gehst?" Dies beleidigte den Literaten Zhong, der ihn später bei Sima Yi (司馬懿) verleumdete, woraufhin Ji Kang sein Leben verlor. Daher solle man, wem immer man begegne, sofort dienern und katzbuckeln, einen Sitzplatz anbieten und Tee servieren und unablässig „Welch eine Ehre, welch eine Ehre!" ausrufen. Das mag zugegebenermaßen nicht ganz ohne Nutzen sein, aber zum Literaten herabgesunken bis zu diesem Grad — ähnelt das nicht ein wenig dem Gewerbe der Prostituierten? Zudem ist das Beispiel dieses Drohmeisters in Wirklichkeit falsch. Ji Kangs Tod war nicht die Folge seiner Arroganz als Literat; er war zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass er ein Schwiegersohn der Cao-Familie war. Selbst wenn Zhong Hui ihn nicht verleumdet hätte, hätte es sicher ein anderer getan — wie das Sprichwort sagt: „Wo die Belohnung reich genug ist, fehlt es nie an mutigen Männern."

Was ich hier jedoch vertrete, ist nicht, dass Schriftsteller arrogant sein sollten oder dass Arroganz ihnen nicht schadet. Ich sage lediglich, dass Schriftsteller nicht gefällig sein sollten. Und außerdem: Schriftsteller können gar nicht gefällig sein — wer gefällig sein kann, ist lediglich ein Friedensstifter. Doch diese Weigerung, gefällig zu sein, bedeutet nicht Ausweichen; es geht nicht darum, das zu besingen, was man bejaht, und das zu preisen, was man liebt, während man das, was man ablehnt, und das, was man verabscheut, ignoriert. Der Schriftsteller muss das, was er ablehnt, ebenso leidenschaftlich angreifen, wie er das, was er bejaht, leidenschaftlich vertritt; er muss das, was er verabscheut, noch leidenschaftlicher umarmen, als er das umarmt, was er liebt — genau wie Herakles (Hercules) den Riesen Antäus (Antaeus) fest umklammerte, weil er ihm die Rippen brechen musste.

Holzschnittbilder waren ursprünglich etwas, das China schon in früherer Zeit besaß. Buddhabildnisse aus der späten Tang-Zeit, Spielkarten und später die illustrierten Titelbilder von Romanen und Fibeln für Kinder — von all dem können wir noch heute Originalexemplare sehen. Und daraus lässt sich erkennen, dass die Holzschnittkunst von Anfang an eine Kunst des Volkes war, also eine „gemeine". In der Ming-Dynastie wurde sie für Briefpapier mit Gedichtmotiven verwendet, was sie in die Nähe des „Erhabenen" rückte; doch das Endergebnis war, dass ein Gelehrter seinen großen Pinsel nahm und über die gesamte Fläche fuhr — womit er bewies, dass dies in Wahrheit nichts anderes als ein Akt der Verachtung war.

Die Holzschnittkunst, die in den letzten fünf Jahren plötzlich aufgeblüht ist, steht zwar nicht ohne jeden Zusammenhang mit der alten Kultur, doch handelt es sich keineswegs um ausgegrabene Knochen, denen man neue Kleider angezogen hätte. Sie ist ein übereinstimmendes Verlangen, das aus dem Innersten der Künstler und der breiten Gesellschaft gleichermaßen entspringt. Deshalb konnten einige wenige junge Leute mit nichts als einem Eisengriffel und ein paar Holzbrettern eine so kraftvoll-lebendige Entwicklung in Gang setzen. Was sie ausdrückt, ist die glühende Aufrichtigkeit von Kunststudenten, und deshalb ist sie häufig auch die Seele der modernen Gesellschaft. Ihre konkreten Leistungen liegen offen zutage: Sie „erhaben" zu nennen, wäre gewiss verfehlt, doch sie als „gemein" abzutun, ist schlechterdings unmöglich. Vor ihr gab es Holzschnitte — aber nie auf diesem Niveau.

Das ist der Grund, warum man von der neuen Holzschnittbewegung spricht, und das ist der Grund, warum sie die Unterstützung der Massen gewonnen hat. Wo das Blut durch dieselben Adern fließt, wird man natürlich nicht gleichgültig bleiben. Der Holzschnitt hat daher nicht bloß die Grenze zwischen dem Erhabenen und dem Gemeinen verwischt; in Wahrheit liegt eine noch strahlendere und größere Aufgabe vor ihm.

Landschafts- und Stilllebenbilder, einst als erhaben angesehen, sind in der neuen Holzschnittkunst seltener geworden; betrachtet man jedoch die Ergebnisse, so zeigen ausgerechnet diese beiden Gattungen vergleichsweise bessere Leistungen. Der Grund ist, dass die alte chinesische Malerei in diesen beiden Gattungen am reichhaltigsten war, und durch die ständige Vertrautheit — das tägliche Sehen und Hören — hat man unbewusst ihre über lange Zeit gesammelten Stärken aufgenommen. Dagegen sind die Personen- und Erzählbilder, die heute am meisten gebraucht werden und auf die die Künstler die größte Mühe verwenden, noch immer nicht ganz frei von gewissen Mängeln, und selbst alltägliche Gegenstände und Formen entsprechen gelegentlich nicht der Wirklichkeit. An dieser Tatsache zeigt sich einerseits, dass die alte Kultur das Spätere fördert, es aber auch fesselt; andererseits erkennt man auch, wie schwer es ist, wirklich ins „Gemeine" vorzudringen.

Diese Anthologie ist der erste Band, der die besten Arbeiten aus dem ganzen Land versammelt. Doch dies ist ein Anfang, keine Vollendung; es ist der Vormarsch einiger Vorposten. Möge danach ein endloser Heerzug mit Bannern folgen, die den Himmel verdecken.

In den letzten zwanzig Jahren hat China einige Schriftsteller und eine Reihe von Werken hervorgebracht — und da der Prozess noch nicht abgeschlossen ist, steht die Existenz einer „Literaturszene" außer Frage. Ob man sie allerdings ins Ausland mitnehmen und auf einer Ausstellung zeigen sollte, bedarf einiger Überlegung.

Wegen der Schwierigkeit der Schriftsprache und der Seltenheit der Schulen dürften sich unter unseren Schriftstellern wohl kaum ein Dorfmädchen finden, das sich zur gelehrten Frau gewandelt hat, oder ein Hirtenjunge, der sich zum literarischen Riesen verwandelt hätte. In alten Zeiten, so heißt es, gab es Menschen, die beim Kühehüten und Schafehüten die Klassiker lasen und schließlich Gelehrte wurden — doch heute ist das wohl nicht mehr der Fall. Ich habe nun zweimal „wohl kaum" gesagt; sollte es tatsächlich Ausnahmegenies geben, bitte ich um geneigte Nachsicht. In jedem Fall hat jeder, der mit der Feder hantiert, zuvor einen gewissen Vorteil besessen: entweder ererbtes Geld, das allmählich weniger wird, oder väterliches Geld, das noch zunimmt. Ohne dies hätte er keine Möglichkeit gehabt, Lesen und Schreiben zu lernen. Obwohl es jetzt eine Alphabetisierungskampagne gibt, glaube ich nicht, dass sie Schriftsteller hervorbringen kann. Diese Literaturszene wird also, von ihrer düsteren Seite betrachtet, vorläufig wohl weiterhin von zwei großen Kategorien von Sprösslingen beherrscht: den „bankrotten Alteingesessenen" und den „Neureichen".

Wer weder neureich noch schon bankrott ist, bringt natürlich auch einige Schriften hervor, doch diese bilden keine dritte Gattung — sie neigen sich entweder der einen oder der anderen Seite zu. Was jene betrifft, die aus eigener Tasche Bücher drucken und sich auf die Mitgift verlassen, um zu veröffentlichen — sie sind die Käufer eines Ehrenrangs in der Literaturszene und fallen nicht in den Rahmen dieser Erörterung. Will man also von Schriftstellern sprechen, die sich ausschließlich auf ihre Feder verlassen, muss man zunächst bei den bankrotten Alteingesessenen suchen. Ihre Vorfahren mögen einst zu Reichtum gekommen sein, doch inzwischen hat die Verfeinerung über den Rechenschieber gesiegt, und die Verhältnisse der Familie haben sich stark verschlechtert. Doch gerade deshalb haben sie die Wechselhaftigkeit der Welt und die Freuden und Leiden des Menschenlebens kennengelernt, und sie beginnen wahrhaftig, der Vergangenheit nachzutrauern und über die Gegenwart zu seufzen — „schmachtend und wehmütig", sozusagen. Erstens beklagen sie die Ungunst der Zeiten; zweitens beklagen sie die Feindseligkeit der Umgebung; drittens beklagen sie ihr eigenes Unvermögen. Doch dieses Unvermögen ist kein wirkliches Unvermögen — vielmehr verschmähen sie es, fähig zu sein, sodass dieses erhabene Unvermögen weit über bloßes Können hinausragt. Ihr mit euren gezogenen Schwertern und gespannten Bögen, schweißüberströmt — was habt ihr eigentlich zustande gebracht? Nur meine Dekadenz ist „ein Erwachen nach zehnjährigem Traum in Yangzhou"; nur die Flecken auf meinem abgetragenen Gewand sind „alte Weinflecken aus Hangzhou auf meinem Revers" — selbst meine Trägheit und mein Schmutz tragen die tiefste historische Bedeutung. Schade nur, dass die Banausen dies nicht verstehen, und so strahlen die Meisterwerke dieser Schriftsteller im Allgemeinen einen besonderen Glanz aus, nämlich: „den eigenen Schatten betrachten und sich selbst bedauern". Die Werke der neureichen Schriftsteller unterscheiden sich äußerlich nicht von denen der bankrotten Alteingesessenen. Denn ihre Absicht ist es, den Geldgeruch mit Tinte abzuwaschen, und genau deshalb sind sie auf eine Bühne geklettert, die bisher von den bankrotten Alteingesessenen beherrscht wurde, um sich den „Hainen der Verfeinerung" anzuschließen. Sie wollen kein eigenes Banner aufpflanzen und machen daher niemals kühne Neuerungen. Doch bei genauerem Hinsehen gehören sie einem anderen Personenstandsregister an. Sie sind letztlich offensichtlich oberflächlich und machen sich zurecht und imitieren. In ihren Zimmern mögen interpunktierte Ausgaben der alten Philosophen stehen, die sie nicht lesen können; auf ihren Schreibtischen mögen lithographische Sammlungen von Parallelprosa liegen, die sie nicht richtig lesen können. Auch sie rufen „alte Weinflecken aus Hangzhou auf meinem Revers!" — doch zugleich fürchten sie, jemand könne sie verdächtigen, zerlumpte Kleider zu tragen, und müssen irgendwie zu verstehen geben, dass sie in Wirklichkeit einen tadellos gebügelten Anzug oder ein funkelndes neues Seidengewand tragen. Auch sie sagen „ein Erwachen nach zehnjährigem Traum in Yangzhou" — doch in Wahrheit besitzen sie den durchaus guten Charakter, niemals zu verschwenden, denn für den Neureichen hat Geld eine tiefere historische Bedeutung als Trägheit oder Schmutzflecken. Die Dekadenz der bankrotten Alteingesessenen ist der klagende Ton des Fallens; die gekünstelte Dekadenz der Neureichen hingegen ist ein Mittel des „Aufstiegs". So bleibt, selbst wenn ihre Werke die Meisterwerke der bankrotten Alteingesessenen bis zur Ununterscheidbarkeit nachahmen, ein unüberbrückbarer Unterschied: Sie „betrachten ihren eigenen Schatten in Selbstmitleid" in Wirklichkeit gar nicht — vielmehr sind sie „selbstgefällig zufrieden".

Diese Haltung der „selbstgefälligen Zufriedenheit" ist in den Augen der bankrotten Alteingesessenen das, was man „kleinbürgerlich" nennt — mit anderen Worten, das, was man „gewöhnlich" nennt. Nach den Gesetzen der Verfeinerung wird ein Mensch „gewöhnlich", sobald er sich von seiner „Wesensart" entfernt. Ein Analphabet gilt nicht als gewöhnlich; aber wenn er versucht, mit Bildung zu prunken, und es falsch macht, ist er gewöhnlich. Der Sohn eines reichen Hauses gilt auch nicht als gewöhnlich; aber wenn er versucht, Gedichte zu schreiben, und sie schlecht schreibt, ist er gewöhnlich. In der Literaturszene ist dies von den bankrotten Alteingesessenen seit jeher verachtet worden.

Doch wenn die bankrotten Alteingesessenen bis zur äußersten Bankrottheit bankrott gegangen sind, können die beiden Häuser sich manchmal zusammenfinden. Wer eine Ausgabe des Wen Xuan besitzt — jener Fundgrube, in der man nach „Vokabeln" sucht —, kann gern einmal nachschlagen. Wenn ich mich recht erinnere, enthält es eine Anklageschrift, deren Ziel eine heruntergekommene Adelsfamilie ist, die ihre Tochter an ein neureiche Haus verheiratete, das sich als alte Aristokratie ausgab. Daran lässt sich erkennen, wie die beiden Häuser einander abstießen, aber auch wie sie sich vereinigten. Die Literaturszene zeigt natürlich dasselbe Phänomen; was aber die Wirkung auf die Werke betrifft, so verleiht dies den Neureichen lediglich einen Hauch zusätzlicher Selbstgefälligkeit, während die bankrotten Alteingesessenen gegenüber dem „Gewöhnlichen" toleranter werden und anderswo ausgiebig über Verfeinerung referieren — nichts sehr Bedeutendes.

Wenn die Neureichen die Bühne der Literatur erklimmen, können sie natürlich nicht umhin, gewöhnlich zu sein. Doch mit der Zeit, während sie ihre Tage teils am Rechenschieber, teils über Gedichten und Büchern verbringen, werden sie nach einigen Generationen verfeinert. Und wenn ihre Bibliotheken wachsen, während ihre Geldtruhen schrumpfen, besitzen sie endlich die Voraussetzung, echte Literatur des bankrotten Alteingesessenen hervorzubringen. Doch die raschen Veränderungen der Zeit gönnen ihnen manchmal nicht diese Muße zur Verfeinerung. So folgt kaum auf den Reichtum auch schon der Bankrott — sie sind gleichzeitig „selbstgefällig zufrieden" und „betrachten ihren Schatten in Selbstmitleid". Doch sie haben die Überzeugung der selbstgefälligen Zufriedenheit verloren und noch nicht die Anmut erworben, die zum selbstmitleidigen Schattenbetrachten gehört. Es bleibt nur noch Langeweile; man kann nicht einmal mehr von den althergebrachten Kategorien des Erhabenen und Gewöhnlichen sprechen. Dieser Typ hatte bisher keinen feststehenden Namen; ich taufe ihn versuchsweise den „bankrotten Neureichen". Dieses Haus wird, fürchte ich, in Zukunft zahlreicher werden. Doch weitere Veränderungen werden folgen: Wer sich in positiver Richtung bewegt, wird zum Rowdy; wer sich in negativer Richtung bewegt, wird zum Taugenichts.

Derjenige, der der chinesischen Literatur neues Leben einhauchen wird, steht außerhalb dieser drei Häuser.

Die „Schmarotzerliteratur" galt einst als gehässiges Schimpfwort — doch in Wahrheit beruht dies auf einem Missverständnis.

Das Buch der Lieder wurde in späteren Zeiten zum kanonischen Klassiker, doch in der Frühlings- und Herbstperiode dienten einige seiner Gedichte bereits zur Begleitung beim Weintrinken. Qu Yuan (屈原) war der Urvater der „Lieder von Chu", doch sein Li Sao war nichts weiter als der Unmut eines Mannes, dem man die Möglichkeit zu dienen verwehrt hatte. Als wir zu Song Yu (宋玉) gelangen und seine erhaltenen Werke betrachten, hatte er bereits jeglichen Unmut abgelegt und war ein reiner Gefolgschaftsdichter geworden. Und dennoch ist das Buch der Lieder ein Klassiker — und ein großes literarisches Werk; Qu Yuan und Song Yu sind in der Literaturgeschichte nach wie vor bedeutende Autoren. Warum? — Weil sie eben tatsächlich literarisches Talent besaßen.

Chinas dynastiegründende Herrscher unterschieden zwischen „Mithelfen" und „Schmarotzen". Erstere nahmen an den Staatsgeschäften als wichtige Minister teil; Letztere wurden lediglich aufgefordert, Gedichte und Prosagedichte zu verfassen, und „wie Spaßmacher gehalten" — unter die Hofnarren eingereiht. Einer, der mit dieser Behandlung unzufrieden war, war Sima Xiangru (司馬相如): Er gab häufig vor krank zu sein und erschien nicht vor Kaiser Wu, um sich einzuschmeicheln, verfasste jedoch heimlich Abhandlungen über die Feng- und Shan-Opfer und verbarg sie zu Hause, um zu zeigen, dass auch er die Fähigkeit besaß, große Zeremonien zu planen — also wirklich „mitzuhelfen". Leider war er, als alle davon erfuhren, bereits „friedlich in seinem Bett entschlafen". Und doch bleibt Sima Xiangru, obwohl er nie tatsächlich an den Feng- und Shan-Zeremonien teilnahm, ein sehr bedeutender Schriftsteller der Literaturgeschichte. Warum? Weil er eben tatsächlich literarisches Talent besaß. Unter kultivierten, aber mittelmäßigen Herrschern jedoch vermischten sich „Mithelfen" und „Schmarotzen", und die sogenannten Stützen des Staates waren oft nichts als schmeichlerische Hofdichter. In den letzten Dynastien der Südlichen Dynastien finden wir dafür reichlich Beispiele. Doch obwohl der Herrscher „mittelmäßig" war, war er nicht „vulgär", und so besaßen jene Schmarotzer durchaus noch literarisches Talent, und einige ihrer Werke bestehen bis heute fort.

Wer behauptet, „Schmarotzerliteratur" sei ein gehässiges Schimpfwort?

Selbst ein Gefolgschaftsdichter in der Residenz der Mächtigen muss ein paar Partien Schach spielen können, eine ordentliche Handschrift führen, ein wenig malen, Antiquitäten beurteilen, sich auf Trinkspiele und Fingerraten verstehen, Witze reißen und den Narren spielen — erst dann kann er seinen Status als Gefolgschaftsdichter wahren. Will sagen: Ein Schmarotzer muss die Fähigkeiten eines Schmarotzers besitzen. Obwohl Männer mit Rückgrat die Rolle verschmähen würden, ist sie zugleich für leere Blender unerreichbar. Li Yus (李漁) Müßige Betrachtungen oder Yuan Meis (袁枚) Zufällige Bemerkungen zur Dichtung aus dem Sui-Garten etwa — das sind keine Werke, die jeder beliebige Schmarotzer hervorbringen könnte. Man muss sowohl den Ehrgeiz eines Schmarotzers als auch das Talent eines Schmarotzers besitzen: erst dann ist man ein wahrer Schmarotzer. Hat man den Ehrgeiz, aber nicht das Talent — kritzelt wahllos in alten Büchern herum, schreibt aufgewärmte Witze ab, huldigt Berühmtheiten, zerrt Klatschgeschichten herbei — und besitzt dennoch die Unverfrorenheit, sich groß aufzuspielen und sich dabei auch noch prächtig zu fühlen — natürlich wird es immer noch Leute geben, die das unterhaltsam finden — doch der Sache nach ist es nichts als „Geschwätz". Die Blütezeit der Schmarotzer ist das Mithelfen; am Ende der Dynastie bleibt nur noch dieses Geschwätz übrig.

6. Juni.

Die Nachricht, dass die japanische Übersetzung meines bescheidenen Werkes Kurze Geschichte des chinesischen Romans — unter dem Titel Shina shōsetsu shi — nun vor der Veröffentlichung steht, erfüllt mich mit großer Freude. Doch zugleich lässt sie mich meinen eigenen Verfall spüren.

Wenn ich zurückdenke, muss es etwa vier oder fünf Jahre her sein: Herr Masuda Wataru (増田涉) kam beinahe täglich in meine Studierstube, um dieses Buch zu besprechen, und bisweilen unterhielten wir uns auch ungezwungen über die Lage der Literaturszene, was höchst vergnüglich war. Damals hatte ich noch solche Muße und auch den Ehrgeiz, die Forschung weiterzutreiben. Doch die Zeit fliegt wie ein galoppierendes Pferd: in letzter Zeit sind mir selbst eine Ehefrau und ein Sohn schon zur Last geworden, und was das Sammeln von Büchern und dergleichen betrifft — das sind längst überflüssige Besitztümer geworden. Die Gelegenheit, die Kurze Geschichte zu überarbeiten, wird sich wohl kaum mehr bieten. So freue ich mich, ganz wie ein alter Mann, der sich anschickt, die Feder niederzulegen, und sich an der gedruckten Ausgabe seiner gesammelten Werke erfreut.

Und doch: Alte Gewohnheiten, so scheint es, sind schwer abzulegen. Angelegenheiten der Romangeschichte erregen bisweilen noch immer meine Aufmerksamkeit. Um ein bedeutenderes Beispiel zu nennen: Professor Ma Lian (馬廉), der in diesem Jahr von uns gegangen ist, ließ im vergangenen Jahr den erhaltenen Restbestand der Qingpingshantang-Ausgabe nachdrucken und bereicherte damit das Material zu den Erzähler-Vorlagen der Song-Dynastie. Professor Zheng Zhenduo (鄭振鐸) wies zudem nach, dass die im Sammelwerk Xiyouji enthaltene Reise nach dem Westen ein Auszug aus Wu Cheng'ens (吳承恩) Reise nach dem Westen ist und keineswegs deren Urtext — eine Erkenntnis, die das in Kapitel Sechzehn meines bescheidenen Werkes Gesagte korrigieren kann. Sein präziser Aufsatz ist im Band Goulou ji gesammelt. Und noch eine Sache: die Entdeckung des Jin Ping Mei cihua in Beiping, des Urtextes des bis heute verbreiteten gleichnamigen Werkes. Obwohl die Prosa gröber ist als in der heutigen Ausgabe, sind die Dialoge durchweg in Shandong-Dialekt verfasst, was schlüssig beweist, dass dies keineswegs ein Werk des Wang Shizhen (王世貞) aus Jiangsu ist.

Doch ich selbst habe nichts überarbeitet. Ich betrachte die Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit, lasse es dabei bewenden und freue mich einfach an der Veröffentlichung der japanischen Übersetzung. Ich hoffe nur, dass sich irgendwann noch die Gelegenheit bieten wird, diese Nachlässigkeit wiedergutzumachen.

Dieses Buch ist, das brauche ich kaum zu sagen, ein Buch von einsamem Schicksal. Doch Herr Masuda überwand alle Schwierigkeiten und übersetzte es, und Herr Mikami Otokichi (三上於菟吉), der Inhaber des Verlags Sairen-sha, veröffentlichte es ohne Rücksicht auf Gewinn oder Verlust — ihnen und den Lesern, die dieses einsame Buch in ihre Studierstuben tragen werden, gilt mein aufrichtiger Dank.

9. Juni 1935, bei Lampenlicht. Lu Xun.

I

Selbst die alltäglichsten Erwartungen werden oft durch die Erfahrung zunichtegemacht. Ich war stets der Meinung gewesen, Übersetzen sei leichter als eigenes Schaffen, denn zumindest brauche man nichts zu erfinden. Doch sobald man tatsächlich zu übersetzen beginnt, stößt man auf unüberwindliche Hürden: Etwa ein Substantiv oder ein Verb, das sich partout nicht einstellen will — beim eigenen Schreiben kann man ihm ausweichen, beim Übersetzen gibt es kein Entrinnen; man muss weiterdenken, bis einem der Kopf schwirrt und die Augen flimmern, als durchsuche man sein Gehirn nach einem dringend benötigten Schlüssel für einen Koffer, der sich aber nicht finden lässt. Yan Fu (嚴又陵) sagte: „Einen einzigen Terminus festzulegen kann Monate des Zögerns kosten" — das war seine leidgeprüfte Erfahrung, und sie ist vollkommen zutreffend.

Kürzlich habe ich mir, eben weil meine Erwartungen falsch waren, selbst Ärger eingebrockt. Der Herausgeber der Weltbibliothek bat mich, Gogols Tote Seelen zu übersetzen, und ohne lange nachzudenken, sagte ich sofort zu. Das Buch hatte ich nur einmal flüchtig durchgelesen und fand den Stil schlicht, ohne die bizarren Kunststücke moderner Werke; die Figuren tanzten noch bei Kerzenschein, also würde es kaum modische Begriffe geben — im Chinesischen nicht vorhanden —, die der Übersetzer hinter verschlossenen Türen hätte erfinden müssen. Was ich am meisten fürchte, sind neumodische Begriffe. Nehmen wir die elektrische Lampe — eigentlich gar nicht mehr so neumodisch — doch ich kann sechs Einzelteile benennen: Kabel, Birne, Schirm, Sandsack, Stecker, Schalter. Aber das ist Shanghaier Dialekt; die letzten drei wären anderswo wohl unverständlich. In Ein Tag Arbeit gab es eine Kurzgeschichte über eine Eisengießerei, und später schrieb mir ein Leser, der in einer nordchinesischen Eisengießerei arbeitete, keiner der Maschinenteilnamen in der Geschichte habe ihn erkennen lassen, welchen Gegenstand ich meinte. Ach — hier bleibt mir nur ein Seufzer — in Wahrheit stammten die meisten dieser Bezeichnungen aus dem Unterricht meiner Lehrer, als ich Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Jiangnan den Bergbau studierte. Ob die Kluft zwischen Epochen oder zwischen Nord und Süd besteht, weiß ich nicht, doch eine Kluft ist es. Im Zhuangzi, in der Wenxuan oder in den Prosastücken der Ming-Zeit, auf die sich junge Literaten zur Bildung stützen, findet man diese Bezeichnungen ebenfalls nicht. Es hilft nichts. „Von den sechsunddreißig Strategemen ist die Flucht die beste" — am wenigsten Ärger macht es, die Sache gar nicht erst anzurühren.

Verwünscht sei meine Selbstüberschätzung: Ich unterschätzte die Toten Seelen abermals, nahm sie mir vor, und dann musste tatsächlich übersetzt werden. Und so begann das „Leiden". Beim sorgfältigen Lesen bestätigte sich: Der Stil war in der Tat nichts als schlichte Erzählung — doch überall steckten Stacheln, manche offenkundig, manche verborgen, man musste sie erspüren; selbst bei einer Neuübersetzung muss man sich bemühen, ihre Schärfe zu bewahren. Zwar gab es weder Elektrolampen noch Automobile, doch die Speisekarten, Spielgeräte und Trachten der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts waren allesamt fremde Gegenstände. So konnte das Wörterbuch nicht von der Hand weichen und der kalte Schweiß nicht von der Stirn, wobei man natürlich nur die eigenen unzureichenden Sprachkenntnisse beschuldigen konnte. Doch dieser Strafbecher, verdient durch einen Moment der Selbstüberschätzung, muss geleert werden: die Zähne zusammenbeißen und weiterübersetzen. Wenn Überdruss und Ermüdung einsetzten, griff ich nach irgendeiner neuen Zeitschrift und blätterte darin — als Erholung. Das ist eine alte Angewohnheit; in meiner Erholung steckt auch eine Spur Schadenfreude, deren Tenor lautet: Nun bin ich dran, es mir bequem zu machen und zuzusehen, was ihr so treibt.

Es scheint, als sei meine Pechsträhne noch nicht vorüber gewesen, denn Bequemlichkeit war mir weiterhin versagt. Die Zeitschrift, die ich ergriff, war Literatur, Band 4, Nummer 6. Kaum aufgeschlagen, prangte gleich vorn eine große, rotgedruckte Anzeige, die ankündigte, die nächste Nummer werde einen Prosatext von mir enthalten, Titel: „Noch zu bestimmen." Rückblickend hatte mir der Herausgeber tatsächlich einen Brief geschickt mit der Bitte um einen Beitrag, doch was ich am meisten fürchte, ist eben dieses „Aufsätze-Verfassen". Ich antwortete nicht. Wenn Schreiben zu etwas wird, das man „erledigen" muss, ist das Leiden offensichtlich. Mein Schweigen war als Antwort gemeint: Ich werde nicht schreiben. Zu meiner Überraschung hatten sie gleichzeitig die Anzeige geschaltet — eine Situation wie bei einer Entführung, die mich in Verlegenheit brachte. Doch zugleich dachte ich, dass die Schuld vielleicht doch bei mir lag: Ich hatte einmal öffentlich erklärt, meine Aufsätze würden nicht hervorsprudeln, sondern herausgepresst. Er hatte offenbar diese Schwachstelle erfasst und wandte die Pressmethode an; und wenn ich Herausgebern persönlich begegnete, spürte ich gelegentlich in ihnen den Blick des Pressen-Wollens, was einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hätte ich zuvor gesagt: „Meine Aufsätze lassen sich auch durch Pressen nicht herauspressen" — dann wäre ich vermutlich heute viel sicherer. Ich bewundere Dostojewskis Gewohnheit, wenig über sich selbst zu reden, und die Praxis mancher Literaturgrößen, ausschließlich über andere zu sprechen.

Doch alte Gewohnheiten sterben nicht so leicht, und Honorare lassen sich immerhin gegen Reis eintauschen; ein wenig zu schreiben ist kaum das, was man ein „auf dem Meeresgrund versunkenes Unrecht" nennt. Die Feder ist ein seltsames Ding: Sie besitzt dieselbe Fähigkeit zum „Pressen" wie die Herausgeber. Man sitzt mit verschränkten Armen da, möchte eindösen, doch kaum hat man die Feder in der Hand und ein Blatt Manuskriptpapier vor sich, schreibt man auf unerklärliche Weise irgendetwas. Ob es gut ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

II

Zurück zum Übersetzen der Toten Seelen. Eingesperrt in der Studierstube hat man nur derlei Angelegenheiten. Bevor man die Feder ansetzt, muss zunächst eine Frage geklärt werden: Soll man den Text mit aller Kraft einbürgern oder möglichst viel von seinem fremden Duft bewahren? Der japanische Übersetzer, Herr Ueda Susumu (上田進), plädiert für die erste Methode. Er ist der Ansicht, bei der Übersetzung satirischer Werke stehe die Verständlichkeit an erster Stelle: Je leichter verständlich, desto größer die Wirkung. Daher erweitert seine Übersetzung manchmal einen Satz zu mehreren und grenzt an Erläuterung. Meine Ansicht ist eine andere. Wer nur Verständlichkeit sucht, sollte lieber selbst ein Original schreiben oder eine Bearbeitung anfertigen — die Handlung nach China verlegen und die Figuren zu Chinesen machen. Wenn es eine Übersetzung bleiben soll, dann liegt der erste Zweck darin, den Blick auf ausländische Werke zu erweitern: nicht nur das Gefühl anzusprechen, sondern auch den Verstand zu bereichern — zumindest zu erfahren, dass an dem und dem Ort, zu der und der Zeit, solche Dinge existierten. Es gleicht einer Auslandsreise: Es muss eine exotische Atmosphäre herrschen — das, was man „fremden Duft" nennt. In Wahrheit kann es auf dieser Welt keine vollständig eingebürgerte Übersetzung geben; gäbe es eine, wäre sie eine Übereinstimmung der Oberfläche bei Abweichung des Geistes, und streng genommen zählte sie nicht als Übersetzung. Jede Übersetzung muss beiden Seiten Rechnung tragen: einerseits natürlich nach Verständlichkeit streben, andererseits den eigentümlichen Charakter des Originals bewahren. Doch diese Bewahrung steht oft im Widerspruch zum leichten Verständnis: Es wirkt ungewohnt. Aber das Original ist nun einmal ein „ausländischer Teufel", und natürlich findet es niemand vertraut. Um es dem Auge etwas gefälliger zu machen, darf man ihm die Kleider wechseln, aber man sollte ihm nicht die Nase abfeilen oder die Augen ausstechen. Ich bin gegen das Abfeilen von Nasen und das Ausstechen von Augen, und daher übersetze ich manche Stellen lieber so, dass sie sich nicht ganz glatt lesen. Nur die Satzgliederung — die muss nicht die Präzision wissenschaftlicher Prosa haben — da bin ich nachlässig genug; aber die adverbiale Partikel „de" (地) verwende ich weiterhin, denn ich glaube, dass sich mittlerweile recht viele Leser an dieses Zeichen gewöhnt haben.

Doch — „ob zum Glück oder Unglück" — habe ich dadurch meinen neuen Beruf entdeckt: Diener im Ausländerhaushalt.

Wieder blätterte ich zur Erholung in Zeitschriften und stieß diesmal in Die Menschenwelt, Ausgabe 28, auf einen großen Aufsatz von Herrn Lin Yutang (林語堂). Auszüge zu machen würde zu viel geistige Energie kosten, also will ich einfach einen Abschnitt abschreiben — „… Die Leute von heute ahmen blindlings den Westen nach und nennen sich modern; sie missachten sogar die chinesische Grammatik und bestehen darauf, das Englische nachzuahmen, indem sie ‚historisch' in ein Adjektiv ‚lìshǐ-de' und ein Adverb ‚lìshǐ-de-de' aufspalten, um das englische historic-al-ly nachzubilden — und einen westlichen Zopf hinter sich herzuziehen. Warum ändern sie dann nicht ‚kuài lái' (komm schnell), da ‚kuài' ein Adverb ist, in ‚kuài-de-de lái'? Solche Mätzchen sind nichts als die groteske Pose verwestlichter Tagediebe der Konzessionen — zum Reden über Literatur taugen sie nicht, aber als Diener im Ausländerhaushalt haben sie durchaus Talent. Das Übel dieser Mode liegt in der Servilität; das Heilmittel liegt im Denken." (Aus „Acht Fehler der zeitgenössischen Schriftsprache")

In Wahrheit rührt die Verwendung von Partikeln wie „de" nicht unbedingt vom Englischen her, in dem die hohen Herren der Quasi-Ausländer sich ja so hervortun. „Englisch", „Englisch" — ha, ha. Außerdem scheint es, der rhetorischen Frage oben nach zu urteilen, dass die „Leute von heute", die „blindlings den Westen nachahmen", in der Praxis keineswegs „kuài lái" zu „kuài-de-de lái" verändern. Das ist lediglich eine Fiktion des Autors, die dazu dient, seinen berühmten Aufsatz zu vollenden — ein Beispiel, vermutlich, für jenes „sich selbst als Herr bewahren und dadurch mühelose und grenzenlose Geschmeidigkeit erlangen." Doch es fehlt die Substanz: Wenn „Leute von heute", die „sich modern nennen", so etwas sagten, dann läge „das Übel in der Oberflächlichkeit."

Lebte ich noch in meiner Heimat und läse diese Passage, so würde ich sie verstehen und ihr glauben. Bei uns zu Hause gab es nur ein paar westliche Kirchen, in denen sich vermutlich jeweils einige Diener im Ausländerhaushalt befanden, doch man bekam sie so gut wie nie zu Gesicht. Um sie zu studieren, konnte man nur sich selbst als Anschauungsobjekt nehmen — wenn auch nur „ziemlich" tauglich, so doch brauchbar genug. Abermals — „ob zum Glück oder Unglück" — verschlug es mich später nach Shanghai. Shanghai ist voller Ausländer und hat daher viele Diener im Ausländerhaushalt und bot mir daher reichlich Gelegenheit, ihnen zu begegnen — und nicht nur zu begegnen: Ich hatte sogar die Ehre, mit einigen von ihnen zu plaudern. Ja, sie können Fremdsprachen, meist „Englisch", „Englisch"; doch das ist ihr Broterwerb, ausschließlich dazu bestimmt, ihren ausländischen Herren zu dienen. Sie würden niemals einen westlichen Zopf in die chinesische Sprache einschleppen und haben natürlich keinerlei Absicht, die chinesische Grammatik durcheinanderzubringen. Gelegentlich verwenden sie ein paar lautmalerische Lehnwörter wie „Na-mo-wen" (Vorarbeiter) oder „Tu-si" (Toast) — aber das sind seit langem gebräuchliche Ausdrücke, keine Neuheiten, mit denen sie ihre Modernität zur Schau stellen wollen. Sie sind im Grunde Hüter der nationalen Tradition: In der ersten freien Minute zücken sie die Erhu und singen Arien aus der Pekingoper. Im Dienst tragen sie Uniform; nach der Arbeit ziehen sie chinesische Kleidung an. Wenn sie frei haben und ausgehen, tragen die Wohlhabenden Satinschuhe und Seidengewänder. Nur tragen sie Strohhüte, und ihre Brillen sind nicht im altmodischen Schildpatt-Stil — betrachtet man diese beiden Punkte durch die „Partei-Brille" von Chinesisch gegen Westlich, mögen sie als Makel gelten.

Und wenn ich eine andere Beschäftigung suchen müsste und Englisch sprechen könnte, würde ich wahrhaftig gern als Diener im Ausländerhaushalt arbeiten, denn ich bin der Meinung, dass beim Tausch von Arbeit gegen Lohn zwischen einem Diener im Ausländerhaushalt und einem chinesischen Diener kein Unterschied in der menschlichen Würde besteht — ebenso wie es keinen Unterschied zwischen niedrig und erhaben gibt, ob man seinen Lohn durch Arbeit in einer ausländischen oder einer chinesischen Fabrik verdient, oder seine Qualifikation durch Studiengebühren an einer ausländischen oder einer chinesischen Universität erwirbt. Was den Diener im Ausländerhaushalt abstoßend macht, ist nicht sein Beruf, sondern sein „Diener-Gehabe". Mit „Gehabe" meine ich nicht das Äußere; es ist etwas, das „im Innern aufrichtig und nach außen sichtbar" ist und sowohl „Form" als auch „Inhalt" umfasst. Dieses „Gehabe" besteht darin, zu empfinden, dass die Macht der Ausländer über der Masse der Chinesen steht, und dass man selbst, weil man ihre Sprache spricht und ihnen nahesteht, daher ebenfalls über der Masse der Chinesen steht — zugleich aber, da man vom Gelben Kaiser abstammt, eine alte Zivilisation besitzt, die chinesischen Verhältnisse von Grund auf kennt und den ausländischen Teufeln überlegen ist, man daher auch den Ausländern überlegen ist, die über der Masse der Chinesen stehen, und folglich erst recht der Masse der Chinesen überlegen ist, die unter den Ausländern steht. Chinesische Schutzleute in den Konzessionen zeigen oft genau dieses „Gehabe".

Zwischen Chinesisch und Ausländisch schwebend, zwischen Herr und Knecht pendelnd — das ist das „Diener-Gehabe" der heutigen Vertragshäfen. Doch es ist kein Sitzen auf dem Zaun, denn er ist beweglich, eher „mühelos geschmeidig", und findet so sein Vergnügen dabei — es sei denn, man verdirbt ihm den Spaß.

III

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das „Diener-Gehabe" mit seinem Beruf zusammenhängen müsste, doch es hängt nicht gänzlich damit zusammen — ein Teil entstammt einer Tradition, die älter ist als die Existenz der Diener im Ausländerhaushalt. So ist dieses Gehabe bisweilen selbst bei hohen Gelehrten und Beamten nicht zu vermeiden. „Dem Großen dienen" — das hat es in der Geschichte gegeben. „Selbstüberhöhung" — die gibt es ständig. „Dem Großen dienen" und „Selbstüberhöhung" sind unvereinbar, doch „Selbstüberhöhung" durch „Dienen am Großen" ist in der Wirklichkeit äußerst verbreitet — denn sie erlaubt es einem, auf alle herabzublicken, die nicht einmal zum „Dienen am Großen" taugen. Im Roman Yesou puyan, den manche bis zur Selbsterniedrigung bewundern, ist die Figur Wen Suchen (文素臣) — „unter einem einzigen stehend, über allen anderen" — genau dieses Musterbeispiel. Er verehrt China und verachtet die Barbaren, doch in Wahrheit ist er ein „Mandschu-Diener". Der „Mandschu-Diener" von einst ist das genaue Gegenstück zum heutigen „Diener im Ausländerhaushalt".

So haben selbst wir Gelehrte, die sich den Dienern im Ausländerhaushalt weit überlegen dünken, den Makel nicht vollständig abgewaschen, und wenn wir zu viel reden, lassen wir oft unseren Schwanz sehen. Ich will noch eine weitere Passage aus jener berühmten Prosa hier anführen — „… In der Literatur stellt man heute einen polnischen Dichter vor, morgen einen tschechischen Literaturmeister, doch gegenüber den bereits berühmten Schriftstellern Englands, Amerikas, Frankreichs und Deutschlands empfindet man Verachtung und hält sie für abgestanden, will sie nicht gründlich untersuchen und ihnen nicht auf den Grund gehen. Dies gleicht dem Streben der Frauen nach der neuesten Mode — alles läuft auf das Wort ‚Schmeichelei' hinaus; man seufzt über das eigene weibliche Geschick, dient anderen mit seinem Aussehen, und das Leid ist kaum in Worte zu fassen.

Das Übel dieser Mode liegt in der Oberflächlichkeit; das Heilmittel liegt im Lernen." (Aus „Acht Fehler der zeitgenössischen Schriftsprache")

Doch der Beginn dieser „neuen Mode" reicht, wenn man zurückdenkt, weit zurück: Die „Vorstellung polnischer Dichter" begann vor dreißig Jahren, mit meiner Abhandlung Über die Macht der Mara-Dichtung. Damals beherrschte die Mandschu-Dynastie China, die Han-Chinesen waren unterdrückt; Chinas Lage ähnelte der Polens. Beim Lesen ihrer Dichtung empfand man leicht eine Geistesverwandtschaft — ohne jede Absicht, „dem Großen zu dienen", und ohne jeden Gedanken an „Schmeichelei." Später widmete die Shanghaier Xiaoshuo yuebao sogar eine Sonderausgabe den Werken kleiner und schwacher Nationen. Diese Tendenz ist inzwischen verklungen; falls noch eine Spur davon besteht, ist sie nur ein letztes Nachzittern. Doch die glückliche Jugend, geboren in der Republik, weiß davon nichts; was unterwürfige Lakaien und goldsüchtige Speichellecker betrifft, so wissen diese erst recht nichts. Aber selbst wenn man heute polnische Dichter oder tschechische Literaturmeister vorstellte, wieso wäre das „Schmeichelei"? Haben jene Länder keine „bereits berühmten" Schriftsteller? Und überdies: „bereits berühmt" — berühmt bei wem, und wie ist man zu dieser Kenntnis gelangt? Gewiss, England, Amerika, Frankreich und Deutschland haben Missionare in China, haben oder hatten Konzessionen, unterhalten an mehreren Orten Garnisonen und Kriegsschiffe, haben viele Kaufleute und beschäftigen viele Diener im Ausländerhaushalt — genug, um den gewöhnlichen Menschen nur „Großbritannien", „das Sternenbanner", „Frankreich" und „Deutschland" kennen zu lassen, während sie nicht wissen, dass es auch noch Polen und die Tschechoslowakei gibt. Doch die Weltliteraturgeschichte wird mit literarischen Augen betrachtet, nicht mit den Augen der Macht und des Profits, und so braucht Literatur keinen Schutzwall aus Geld und Waffen. Obwohl Polen und die Tschechoslowakei sich nie dem Achtnationenbund zum Angriff auf Peking anschlossen, existiert ihre Literatur gleichwohl — nur gewisse Menschen sind eben nicht „bereits berühmt" geworden, das ist alles. Es scheint, dass ein ausländischer Schriftsteller, um in China berühmt zu werden, mit seinen Werken allein nicht auskommt; er muss vielmehr geringschätzig behandelt werden.

So werden die Literaturen jener Nationen, die China ebenfalls nie angegriffen haben — wie das griechische Epos, die indischen Fabeln, Tausendundeine Nacht, der spanische Don Quijote — obwohl im Ausland „bereits berühmt" und den Werken „englischer, amerikanischer, französischer und deutscher Schriftsteller" in nichts nachstehend — in China vergessen. Ihre Nationen sind entweder untergegangen oder machtlos, und für das Wort „Schmeichelei" gibt es keinen Anlass mehr.

Zu dieser Sachlage, so meine ich, kann man zunächst den im vorherigen Kapitel zitierten Spruch von Herrn Lin Yutang hierher verpflanzen —

„Das Übel dieser Mode liegt in der Servilität; das Heilmittel liegt im Denken."

Doch die letzten beiden Satzteile sind unbrauchbar: Ist man erst einmal „Sklave", was nützt dann das „Denken"? Man denke hin und her — man wird es nur schaffen, ein etwas geschickterer Sklave zu sein. China täte besser daran, undenkende Diener im Ausländerhaushalt zu haben; dann hätte die Zukunft der Literatur etwas mehr Aussicht.

Doch die „bereits berühmten Schriftsteller Englands, Amerikas, Frankreichs und Deutschlands" haben es in China tatsächlich schwer. China hat seit langem Schulen eingerichtet, um die Sprachen dieser vier Nationen zu lehren. Anfangs war der Zweck lediglich die Ausbildung von Botschaftsdolmetschern, doch später weitete sich das Unternehmen aus und blühte. Das Studium des Deutschen erlebte seinen Aufschwung mit den Militärreformen der späten Qing-Zeit; das des Französischen mit der „Arbeit und Sparsamkeit"-Studienbewegung in der Republik. Englisch wurde am frühesten studiert, teils für den Handel, teils für die Marine, und die Zahl der Englischlernenden ist am größten, Lehrbücher und Nachschlagewerke fürs Englische sind am zahlreichsten, und nicht wenige Gelehrte und Literaten machten durch Englisch Karriere. Doch die Marine hat am Ende nur ihre Kriegsschiffe verschenkt, und derjenige, der die „bereits berühmten" Scott, Dickens, Defoe, Swift … vorstellte, war ausgerechnet Lin Shu (林紓), der nur klassisches Chinesisch beherrschte. Selbst die Vorstellung einiger Dramen des größten und „bereits berühmtesten" Shakespeare fiel Tian Han (田漢) zu, der keineswegs Anglist war. Der Grund hierfür verlangt wahrhaftig nach „Denken."

Doch nun sind wir abermals bei der Krise angelangt, „heute einen polnischen Dichter, morgen einen tschechischen Literaturmeister vorzustellen." Schriftsteller schwacher Nationen sind dabei, in China berühmt zu werden, während der literarische Einfluss Englands, Amerikas, Frankreichs und Deutschlands mit ihrer finanziellen und militärischen Durchdringung der heutigen literarischen Landschaft noch immer nicht mithalten kann. Die „dem eigenen Schwanz Nachjagenden" haben keine Ausdauer; die, deren Ambitionen auf hohe Berge zielen, halten es unter ihrer Würde, selbst Hand anzulegen. Man sieht nur Bergwälder, von Elektrolicht beleuchtet, und klassische Sentenzen, mit Fremdwörtern durchsetzt — und was die „bereits berühmten Schriftsteller Englands, Amerikas, Frankreichs und Deutschlands" betrifft, so weiß man wahrlich nicht, wer, und bis wann, ihnen endlich „auf den Grund gehen" wird. Die Werke jener Schriftsteller sind selbstverständlich vorzüglich, doch A sagt: „Ich blicke übers Meer und kann nur seufzen", während B sagt: „Warum vertieft ihr euch nicht und forscht!" Es gibt einen alten Witz: Einst hatte ein pietätvoller Sohn einen kranken Vater und hörte, dass Fleisch vom eigenen Oberschenkel heilen könne. Doch da er selbst Angst vor dem Schmerz hatte, nahm er ein Messer, ging hinaus, packte einen Passanten am Arm und hackte resolut hinein. Der Passant wich entsetzt zurück, worauf der pietätvolle Sohn rief: „Sich das Fleisch vom Schenkel zu schneiden, um den Vater zu heilen, ist die größte Pietät! Wie könnt Ihr Euch weigern — seid Ihr überhaupt ein Mensch?" Ein treffendes Gleichnis. Herr Lin sagt: „Die Begründung mag fehlgehen, die Wirkung ist dieselbe" — und das ist eine hübsche Ausrede.

10. Juni.

In Taibai, Band 2, Heft 7, findet sich ein Aufsatz von Herrn Nanshan (南山) mit dem Titel „Die dritte Strategie zur Bewahrung der klassischen Schriftsprache". Er zählt auf: Die erste Strategie lautete: „Wer in der Umgangssprache schreiben will, tut das nur, weil er das Klassische nicht beherrscht"; die zweite: „Wer gut in der Umgangssprache schreiben will, muss zunächst das Klassische meistern." Zehn Jahre später kam die dritte Strategie von Herrn Zhang Taiyan (太炎): „Er vertrat die Ansicht, wer sage, Klassisch sei schwer, für den sei die Umgangssprache noch schwerer. Seine Begründung: Viele Wörter der heutigen Alltagssprache seien alte Wörter; ohne gründliche Kenntnis der Etymologie könne man nicht wissen, dass ein bestimmter Laut der heutigen Alltagssprache in Wahrheit ein bestimmter Laut des Altertums sei, dass er in Wahrheit ein bestimmtes altes Schriftzeichen sei — und wenn man das nicht wisse, schreibe man das falsche Zeichen …"

Herr Zhang Taiyans Argument ist vollkommen richtig. Die heutige Alltagssprache ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen; sie enthält natürlich viele alte Wörter, und da es alte Wörter gibt, sind viele davon natürlich in alten Texten vorgekommen. Müsste der Schreiber der Umgangssprache jedes Zeichen bis zu seiner Urform im Shuowen jiezi zurückverfolgen, dann wäre es in der Tat unvergleichlich schwieriger als das Schreiben klassischer Prosa mit ihren frei entlehnten Zeichen. Doch seit der Förderung der Umgangssprache hat kein einziger Befürworter behauptet, der Sinn des Schreibens in der Volkssprache bestehe darin, die Ursprungszeichen aus der Etymologie auszugraben — wir verwenden einfach die konventionellen Lehnzeichen, die sich durch allgemeinen Gebrauch eingebürgert haben. Gewiss, wie Herr Zhang Taiyan sagt: „Wenn man zufällig einen Bekannten trifft und ihn begrüßt mit ‚Hǎo ya', dann ist das ‚ya' eigentlich das Zeichen ‚hū' (乎); antwortet man auf eine Anrede mit ‚Shì āi', dann ist das ‚āi' eigentlich das Zeichen ‚yě' (也)." Doch selbst wenn wir diese beiden Zeichen kennen, würden wir nicht „hǎo hū" oder „shì yě" schreiben, sondern weiterhin „hǎo ya" und „shì āi". Denn die Umgangssprache wird für Menschen der Gegenwart geschrieben, nicht für die Geister der Shang-, Zhou-, Qin- und Han-Dynastie. Wenn wir die Alten aus dem Grab holten und sie es nicht verstünden, wäre uns das nicht im Geringsten bange. Herr Zhang Taiyans dritte Strategie geht also in Wahrheit am Thema vorbei. Der Grund dafür ist, dass er sein Spezialgebiet — die Etymologie — auf einen zu weiten Bereich angewandt hat.

Unser Wissen ist begrenzt, und jeder möchte gern dem Rat bedeutender Männer lauschen. Doch hier stellt sich eine Frage: Ist es besser, dem Universalgelehrten zuzuhören oder dem Fachmann? Die Antwort scheint leicht: beiden. Natürlich, beiden. Doch nachdem ich lange den verschiedenartigen Belehrungen beider Typen zugehört habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass erhebliche Vorsicht geboten ist. Denn: Die Worte des Universalgelehrten sind oft seicht, und die Worte des Fachmanns sind oft abwegig.

Dass die Worte des Universalgelehrten oft seicht sind, versteht sich von selbst. Die Abwegigkeit des Fachmanns jedoch bedarf einiger Erläuterung. Seine Abwegigkeit liegt nicht notwendig in der Darlegung seines Fachgebiets; sie liegt darin, dass er das Prestige seiner Fachkenntnis nutzt, um über Dinge außerhalb seines Fachgebiets zu urteilen. Die Gesellschaft verehrt berühmte Leute und nimmt daher an, die Worte eines Berühmten seien weise Worte, und vergisst dabei, dass er seinen Ruhm in einer bestimmten Disziplin oder einem bestimmten Tätigkeitsfeld erlangt hat. Der Berühmte, von dieser Verehrung verführt, vergisst ebenfalls, dass sein Ruhm in einem bestimmten Gebiet begründet liegt, und glaubt allmählich, in allem anderen ebenso überlegen zu sein, redet über alles — und dann wird er abwegig. In Wahrheit ist das Urteil des Fachmanns außerhalb seiner Spezialität oft dem des Universalgelehrten oder sogar dem des gesunden Menschenverstandes unterlegen. Herr Zhang Taiyan war ein Vorläufer der Revolution und ein großer Meister der Etymologie; spräche er über klassische Texte und legte das Shuowen aus, würde man ihm natürlich mit gespannter Aufmerksamkeit lauschen. Doch sobald er die moderne Umgangssprache angreift, passt das wie die Faust aufs Auge — ein Paradebeispiel. Dann gibt es noch den Doktor Jiang Kanghu (江亢虎), ehemals berühmt für seine Vorträge über den Sozialismus. Was sein Sozialismus tatsächlich taugte, weiß ich nicht. Nur hat er dieses Jahr, seiner selbst vergessend, sich in die Etymologie vorgewagt und erklärt: „Die alte Form des Zeichens ‚Tugend' (德) ist ‚悳', zusammengesetzt aus ‚gerade' (直) und ‚Herz' (心), wobei ‚gerade' so viel wie ‚Intuition' bedeute." Dabei erkannte er nicht einmal, dass der obere Bestandteil gar nicht das Zeichen für gerade-versus-krumm ist — man weiß wahrlich nicht, wohin solche Abwegigkeit führt. Für derartige Erklärungen müsste man sich an Herrn Zhang Taiyan wenden.

In der Gesellschaft im Allgemeinen nimmt man indessen gewöhnlich an, die Worte eines Berühmten seien weise Worte, und wer berühmt sei, der sei allwissend und allkundig. So lädt man für die Übersetzung einer europäischen Geschichte einen Prominenten ein, der fließend Englisch spricht, als Lektor; für die Zusammenstellung eines Wirtschaftslehrbuchs bittet man einen in klassischer Prosa bewanderten Prominenten um die Titelinschrift. Prominente aus der Akademie empfehlen Ärzte mit den Worten, er „meistere die Kunst des Qi Bo und des Gelben Kaisers"; Prominente aus der Geschäftswelt loben Maler mit den Worten, er „habe die Sechs Methoden gründlich studiert" … Dies ist eine verbreitete Zeitkrankheit. Der deutsche Zellularpathologe Virchow war ein Titan der Medizin, ein im ganzen Land bekannter Prominenter, dessen Stellung in der Medizingeschichte äußerst bedeutsam ist — doch er glaubte nicht an die Evolutionstheorie, und laut Haeckel (赫克爾) übten seine von kirchlichen Parteigängern ausgenützten Vorträge einen recht schlechten Einfluss auf die Öffentlichkeit aus. Weil sein Wissen so tief und sein Ruhm so groß war, schätzte er sich selbst so hoch ein, dass er glaubte, was er nicht verstehe, werde auch kein anderer je verstehen können — und ohne die Evolutionstheorie gründlich zu studieren, schrieb er kurzerhand alles Gott zu. Der französische Entomologe Fabre (法布耳), der in China häufig vorgestellt wird, neigt in ähnlicher Weise dazu. Seine Schriften haben zwei weitere Schwächen: erstens verspottet er die Anatomen; zweitens wendet er menschliche Moral auf die Insektenwelt an. Doch ohne Anatomie wäre seine Art der genauen Beobachtung gar nicht möglich, denn die Grundlage der Beobachtung ist immer noch die Anatomie. Agronomen mögen Insekten nach ihrem Nutzen oder Schaden für die Menschheit in nützliche und schädliche einteilen — das hat seine Berechtigung —, aber Insekten nach den moralischen und rechtlichen Maßstäben der jeweiligen Epoche in „gute" und „böse" zu unterteilen, das ist überflüssig. Dass einige strenge Wissenschaftler Vorbehalte gegen Fabre hatten, ist keineswegs ohne Grund. Doch wenn man diese beiden Punkte im Voraus beachtet, dann bleibt sein großes Werk, die zehnbändigen Souvenirs Entomologiques, ein höchst unterhaltsames und lehrreiches Buch.

In China allerdings richtet die Prominenz größeren Schaden an, und zwar als Nachwirkung des kaiserlichen Prüfungssystems. Damals grübelte ein konfuzianischer Gelehrter in seiner Privatschule über kommentierten Prüfungsaufsätzen — das hatte mit den Staatsgeschäften nicht das Geringste zu tun —, doch kaum hatte er die Prüfung bestanden, war er wahrhaftig „mit einem Schlag im ganzen Reich berühmt." Er durfte Geschichtswerke verfassen, literarische Werke beurteilen, das Volk regieren, die Flussregulierung leiten; gegen Ende der Qing-Dynastie durfte er sogar Schulen gründen, Kohlebergwerke eröffnen, moderne Armeen ausbilden, Kriegsschiffe bauen, Reformvorschläge unterbreiten und zu Studienreisen ins Ausland gehen. Wie die Ergebnisse ausfielen, brauche ich nicht lange auszuführen.

Diese Krankheit ist bis heute nicht geheilt; sobald jemand zum Prominenten wird, hat man den Eindruck, er „fliege über den ganzen Himmel." Ich meine, von nun an sollten wir „die Worte berühmter Leute" und „weise Worte" voneinander trennen. Die Worte berühmter Leute sind nicht alle weise Worte; viele weise Worte dagegen stammen aus dem Mund einfacher Bauern und Landleute. Das heißt: Wir sollten unterscheiden, in welchem Gebiet ein Berühmter berühmt ist, und seine Ergüsse über Dinge außerhalb seiner Spezialität mit Vorsicht behandeln. Die Studenten von Suzhou waren klug: Sie luden Herrn Zhang Taiyan ein, über Nationalstudien zu dozieren, baten ihn aber nicht, über Buchhaltung oder Infanterie-Exerzierreglement zu referieren — nur schade, dass die Menschen nicht bereit sind, ein wenig genauer nachzudenken.

Es tut mir sehr leid, dass ich in diesem Aufsatz Herrn Zhang Taiyan immer wieder berührt habe. Doch „selbst der Weise begeht bei tausend Überlegungen einen Fehler" — und das dürfte seinem „Glanz wie Sonne und Mond" wohl keinen Abbruch tun. Was mich selbst betrifft, so denke ich: „Selbst der Tor macht bei tausend Überlegungen einmal einen Treffer" — und auch dies ist vielleicht „eine Erkenntnis, die man neben Sonne und Mond hängen kann, ohne dass sie verblasst."

1. Juli.

Die Lehre vom „Sich-auf-den-Himmel-Verlassen-und-Essen" ist einer unserer chinesischen Nationalschätze. Bereits Mitte der Qing-Dynastie gab es eine Stele mit dem „Bild vom Sich-auf-den-Himmel-Verlassen-und-Essen". In den frühen Jahren der Republik zeichnete der Zhuangyuan Lu Runxiang (陸潤庠) ebenfalls eines: ein großes Schriftzeichen für „Himmel" (天), an dessen letztem Strich ein alter Mann lehnt, der eine Schale hält und isst. Dieses Bild wurde einst lithographiert, und Anhänger der „Vertrau-auf-den-Himmel-Schule" oder der „Kuriositätenschule" bewahren vielleicht noch Exemplare in ihren Sammlungen auf.

Und tatsächlich setzt jedermann diese Lehre in die Praxis um; der einzige Unterschied zum Bild ist, dass es keine Schale zum Halten gibt. Die Lehre besteht immerhin zur Hälfte fort.

Vor einem Monat hörten wir den Ruf: „Die Dürre hat sich festgesetzt!" Jetzt ist Pflaumenregenzeit; es hat über zehn Tage ununterbrochen geregnet — ein völlig gewöhnliches, alljährliches Ereignis, ohne Orkane und ohne Wolkenbrüche — und dennoch treten überall Überschwemmungen auf. Die wenigen am Tag des Baumes gepflanzten Bäumchen reichen nicht aus, den Willen des Himmels umzukehren. Das Zeitalter von Yao und Shun, in dem „alle fünf Tage Wind und alle zehn Tage Regen" kam, liegt weit zurück. Dass das Vertrauen auf den Himmel dazu führen könnte, tatsächlich nicht mehr essen zu können — das hat die Vertrau-auf-den-Himmel-Schule wohl nie vorhergesehen. Am Ende ist das Youxue qionglin, für einfache Leute geschrieben, das klügere Buch: „Das Leichte und Reine schwebt empor und wird zum Himmel." „Leicht und rein" und zudem „nach oben schwebend" — wie genau soll man sich daran „lehnen"?

Wahrheiten, die im Altertum gesprochen wurden, haben sich inzwischen teils in Lügen verwandelt. Vermutlich war es ein Westler, der sagte: Das Einzige auf der Welt, woran die Armen Anteil haben, sind Sonnenlicht, Luft und Wasser. Auf das heutige Shanghai trifft das nicht zu: Wer sich von morgens bis abends abrackert, von früh bis spät eingesperrt, kann kein Sonnenlicht genießen und keine gute Luft atmen. Wer sich keine Wasserleitung leisten kann, trinkt auch kein sauberes Wasser. Die Zeitungen schreiben oft: „In letzter Zeit ist das Wetter unregelmäßig, und Krankheiten grassieren" — doch liegt das wirklich nur am „unregelmäßigen Wetter"? „Was sagt der Himmel?" — Er wird stillschweigend für etwas verantwortlich gemacht, das er nie getan hat.

Doch wenn der „Himmel" einen im Stich lässt, kann man nicht mehr „Mensch" sein. Die Bewohner der Wüsten kämpfen um einen einzigen Tümpel Wasser mit einer Heftigkeit, die noch jene Erbitterung übertrifft, mit der unsere hiesigen Literaten um ihre Geliebten streiten: Sie kämpfen auf Leben und Tod und würden sich nie damit begnügen, ein „Ach-weh"-Gedicht zu verfassen. Hat nicht der große westliche Gelehrte Sir Aurel Stein eine Menge Altertümer aus dem Sand von Dunhuang in Gansu ausgegraben? Jene Gegend war einst eine blühende Region; das Ergebnis des Vertrauens auf den Himmel war, dass der Himmelswind Sand herbeiblies und alles begrub. Um zukünftige Altertümer herzustellen, ist das Vertrauen auf den Himmel gewiss eine vorzügliche Methode — doch im Interesse der Lebenden lohnt es sich kaum.

An diesem Punkt kommt man nicht umhin, von der Bezwingung der Natur zu sprechen — doch davon kann gegenwärtig keine Rede sein. „Im Zaum halten" muss vorerst genügen.

1. Juli.

Der Name Gogol (果戈理, Nikolai Gogol) wird chinesischen Lesern allmählich bekannt, und die Übersetzung seines Meisterwerks Tote Seelen hat bereits die erste Hälfte des Ersten Teils veröffentlicht. Die Übersetzung ist zwar nicht zufriedenstellend zu nennen, doch zumindest wissen wir dadurch, dass in den Kapiteln Zwei bis Sechs fünf Typen von Gutsbesitzern dargestellt werden. Es gibt natürlich viel Satire, doch abgesehen von einer alten Frau und dem Geizhals Pljuschkin (潑留希金) hat jeder seine liebenswerten Seiten. Was die Darstellung der Leibeigenen betrifft, so gibt es an ihnen jedoch nichts Lobenswertes; selbst wenn sie aufrichtig versuchen, den Herren zu helfen, ist das Ergebnis nicht nur nutzlos, sondern geradezu schädlich. Gogol selbst war Gutsbesitzer.

Die Herren seiner Zeit waren jedoch sehr unzufrieden, und ihr unvermeidlicher, routinemäßiger Gegenangriff bestand in der Behauptung, die Typen im Buch seien größtenteils Gogol selbst, und außerdem verstehe er die Verhältnisse der großrussischen Gutsbesitzer nicht. Das ist ein plausibler Vorwurf: Der Autor war Ukrainer, und betrachtet man seine Familienbriefe, so ähneln seine Ansichten zuweilen tatsächlich denen der Gutsbesitzer in seinem Buch. Doch selbst wenn er die Verhältnisse der großrussischen Gutsbesitzer wirklich nicht kannte — die von ihm geschaffenen Figuren sind so außerordentlich lebendig, dass wir noch heute, obwohl Epoche und Land andere sind, das Gefühl haben, gewissen bekannten Gestalten zu begegnen. Seine satirische Begabung kann hier aus Platzmangel nicht erörtert werden; ich spreche nur von einer besonderen Eigenschaft: Sein besonderes Können liegt darin, mit den gewöhnlichsten Ereignissen und den gewöhnlichsten Worten das leere Dasein der Gutsbesitzer seiner Zeit mit vernichtender Tiefe aufzudecken. Man nehme etwa Nosdrjow (羅士特來夫) im Vierten Kapitel: ein Gutsbesitzer vom Typus des örtlichen Rüpels — einer, der Aufregung sucht, das Glücksspiel liebt, maßlos lügt, Schmeicheleien verlangt — doch auch Prügel einsteckt, ohne sich viel daraus zu machen. Er trifft Tschitschikow (乞乞科夫) in einem Wirtshaus, prahlt mit seinem hübschen Hündchen, zwingt Tschitschikow, dem Hund die Ohren zu befühlen, und verlangt dann, dass er auch die Nase befühlt — „Tschitschikow, der Nosdrjow seinen guten Willen zeigen wollte, tätschelte dem Hund das Ohr. ‚Ja, aus dem wird ein guter Hund werden', fügte er hinzu.

‚Befühl auch die kalte Nase — komm, gib die Hand her!' Um seine Laune nicht zu verderben, stupste Tschitschikow die Nase an und sagte: ‚Keine gewöhnliche Nase!'"

Diese Art von rüpelhaftem, selbstgefälligem Gastgeber und die geschmeidigen Entgegnungen des weltgewandten Gastes — das kann uns jederzeit begegnen. Manche Menschen machen genau das zu ihrer lebenslangen Kunst des gesellschaftlichen Umgangs. „Keine gewöhnliche Nase" — doch was für eine Nase ist es eigentlich genau? Man kann es nicht sagen; doch dem Zuhörer genügt das vollkommen. Später begeben sie sich auf Nosdrjows Gut und besichtigen all seinen Besitz und alle seine Sachen — „Man ging auch hin, die Krim-Hündin zu sehen, die bereits blind war; laut Nosdrjow stand ihr baldiges Verenden bevor. Zwei Jahre zuvor war sie allerdings noch eine sehr schöne Hündin gewesen. Alle inspizierten die Hündin pflichtgemäß, und tatsächlich schien sie blind zu sein."

Hier lügt Nosdrjow nicht; er preist eine blinde Hündin, und bei näherer Betrachtung ist sie tatsächlich eine blinde Hündin. Was hat das mit irgendjemandem zu tun? Und doch gibt es auf der Welt Menschen, die genau das tun — lärmen, preisen, Dinge dieser Art zur Schau stellen und sich eifrig bemühen, Dinge dieser Art zu beweisen, sich dabei für Vielbeschäftigte und redliche Leute halten und so ihr ganzes Leben verbringen.

Diese ganz und gar gewöhnlichen Tragödien — oder Tragödien, in denen beinahe nichts geschieht — sind, wie lautlose Sprache, sehr schwer wahrzunehmen, wenn nicht ein Dichter ihnen sichtbare Gestalt verleiht. Doch nur wenige Menschen gehen an den besonderen Tragödien der Helden zugrunde; weit mehr werden von ganz und gar gewöhnlichen Tragödien aufgerieben, oder von Tragödien, in denen beinahe nichts geschieht.

Man hört, Gogols sogenanntes „Lachen unter Tränen" sei in seiner Heimat inzwischen nutzlos geworden — gesundes Lachen habe es abgelöst. Doch anderswo ist es nach wie vor nützlich, denn darin verbergen sich noch die Schatten vieler lebender Menschen. Zudem ist gesundes Lachen, aus der Sicht der Verlachten, eine Quelle des Kummers. Wenn also Gogols „Lachen unter Tränen" vom Gesicht des Autors auf die Gesichter von Lesern übergeht, deren Lage sich von der seinen unterscheidet, so wird es zu gesundem Lachen — und darin liegt die Größe der Toten Seelen und zugleich die Tragik ihres Autors.

In Heft acht der Zeitschrift *Mangzhong* findet sich ein Aufsatz von Herrn Wei Jinzhi mit dem Titel „Klares Recht und Unrecht und leidenschaftliche Zuneigung und Abneigung", verfasst als Antwort auf ein früheres „Über ‚Literaten verachten einander'" aus dem *Wenxue Luntan*. Er beginnt mit einer beinahe vollständigen prinzipiellen Zustimmung und sagt: „Menschen sollten klares Recht und Unrecht haben und leidenschaftliche Zuneigung und Abneigung — das ist richtig. Literaten sollten ein noch klareres Recht und Unrecht und noch leidenschaftlichere Zuneigung und Abneigung haben — auch das ist richtig." Dazwischen sagt er: „Wenn ein Mensch in Bedrängnis gerät … wenn er Affen und Kranichen Gesellschaft leisten kann, ist das natürlich am besten; andernfalls ist auch die Gesellschaft von Hirschen und Schweinen gut genug. Selbst wenn es absolut keinen anderen Ausweg gibt und man in der Ecke eines verfallenen Tempels liegen und mit Leprabazillen vorlieb nehmen muss — solange mein Körper noch die Kraft zum natürlichen Widerstand besitzt und ich dadurch nicht in den Tod getrieben werde — ist selbst das meinem Herzen näher, als von denen, die in Wahrheit als Betrüger und Schlächter agieren, in die Falle gelockt und in Stücke geschnitten zu werden." Auf den ersten Blick scheint dies leise Kritik zu enthalten, doch tatsächlich besagt es, dass sein Hass auf Betrüger und Schlächter seinen Widerwillen gegen Affen und Kraniche oder gar Leprabazillen bei weitem übersteigt — was sich von dem, was der *Luntan*-Beitrag formulierte, in nichts unterscheidet: „Einen Literaten, der vom Weisen bis hinab zum Betrüger und Schlächter alle gleichermaßen verehrt und von der schönen Frau und dem duftenden Gras bis hinab zum Leprabazillus alles gleichermaßen liebt — ein solches Wesen gibt es auf dieser Welt nicht." Was seine Bemerkung betrifft, „nüchtern betrachtet ist das ‚dies ist ein Maßstab von Recht und Unrecht, jenes ein anderer' keineswegs eine stichhaltige These" — so ragt er damit unter den jüngsten Anhängern des Zhuangzi geradezu wie ein Kranich unter Hühnern hervor, eine wahrhaft bemerkenswerte Einsicht.

Doch die Hauptstoßrichtung von Herrn Weis großem Aufsatz liegt nicht ausschließlich in diesen Punkten. Was er klarstellen möchte, ist dies: Recht und Unrecht sind schwer zu bestimmen, und daher werden Zuneigung und Abneigung zum Problem. Denn „nehmen wir an, es gibt eine bestimmte Art von Mensch … der in seinem eigenen Herzen bereits keinen Unterschied zwischen Recht und Unrecht macht … dann erscheint sein sogenanntes ‚Recht' zwangsläufig als scheinbar recht, ist aber tatsächlich unrecht." Allerdings „übertrifft das Recht im Unrecht, in seiner Richtigkeit, das Unrecht im scheinbar Rechten, weil es noch den Weg der Freundschaft einhält, ohne die Unterscheidungen der Abstammung." Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, können unsere Literaten nur noch herumdrucksen und sich zum Schein die Tränen abwischen. „Das scheinbar Rechte, das tatsächlich Unrecht ist" — das ist schlicht „Unrecht", und hat man es erst einmal durchschaut, müsste man ihm doch einfach seinen leidenschaftlichen Hass entgegenbringen, und damit wäre es getan? Doch „die Dinge dieser Welt sind nicht so einfach" — man muss auch „das Recht im Unrecht" hegen, ganz zu schweigen vom „scheinbar Unrechten, das tatsächlich recht ist" und dem „Unrecht im Rechten." Die Methode, das Große zu nehmen und das Kleine zu übersehen, ist damit nicht mehr anwendbar. Wann hat es je Dunkelheit auf dieser Welt gegeben? Der Physik zufolge gibt es selbst in der tiefsten Finsternis auf Erden immer noch ein X-tel an Licht, nicht wahr? Folglich müsste man beim Lesen eines Buches ein X-tel der Buchstaben sehen — und so können wir über hell und dunkel gar nicht mehr diskutieren.

Dies ist keine bösartige Metapher — Herr Wei steuert tatsächlich geradewegs auf die Schlussfolgerung „es gibt kein Recht und Unrecht" zu. Er sagt am Ende: „Kurz gesagt, dass Literaten einander verachten, betrifft nichts anderes als die Vorzüge und Schwächen des Schreibens und Recht und Unrecht des Weges. Da das Schreiben keine Vorzüge und Schwächen aufweist und der Weg kein Recht und Unrecht kennt — was nützt dann leeres Gerede über Recht und Unrecht? Genug, genug, ihr Männer ohne einen Zoll Eisen!" Kein Mensch ist ohne Makel, kein Weg je vollendet — eben noch hat er gesagt, „das Recht im Unrecht" übertreffe „das scheinbar Rechte, das tatsächlich Unrecht ist", und nun sagt er im selben Atemzug, „das Schreiben weist keine Vorzüge und Schwächen auf, und der Weg kennt kein Recht und Unrecht"? Das Eisen des Literaten ist sein Schreiben — Herr Wei verfasst selbst großformatige Essays und schlägt mit aller Macht um sich — wie kann er gleichzeitig behaupten, „ohne einen Zoll Eisen" zu sein? Dies zeigt, wie schwierig es ist, wenn man „das Recht im Unrecht" hochhalten will, es aber nicht offen auszusprechen wagt. Und so fühlt er sich, obwohl jener große Aufsatz zahlreiche üble Bezeichnungen für den Gegner auflistet — „Ausgrenzung", „Prahlerei", „Verrat an Freunden" — und obwohl besagter großer Aufsatz völlig ungehindert zirkuliert, dennoch „ohne einen Zoll Eisen." Letzten Endes stürzt er in die tiefe Grube der Lehre vom „es gibt kein Recht und Unrecht" und wird mit der These „dies ist ein Maßstab von Recht und Unrecht, jenes ein anderer" — die er selbst für „keineswegs stichhaltig" hielt — zum „Freund". Hier sagt man nicht „Abstammung".

Zudem: „Da das Schreiben keine Vorzüge und Schwächen aufweist und der Weg kein Recht und Unrecht kennt" — so bestand nach Herrn Weis eigener Schlussfolgerung von Anfang an keine Notwendigkeit, die Feder zu ergreifen. Nichtsdestotrotz zeitigt dieses unnötige Zur-Feder-Greifen, was die Ergebnisse betrifft, durchaus eine kämpferische Wirkung. Manche unserer chinesischen Literaten waren schon immer bescheiden, so sehr, dass sie sich bisweilen kurzerhand zuerst selbst auf den Boden legen und sagen: „Wenn ihr über Recht und Unrecht reden wollt, wendet euch an die tapferen Helden, die den Fliehenden nachjagen und den Geschlagenen verfolgen — wir kleinen Leute tragen dafür nicht die Schuld." Sie haben sich offenkundig in den Kampf eingemischt, doch sogleich schwenken sie ein Fähnchen mit der Aufschrift „kleine Leute", waschen ihre Hände in Unschuld, und man kann nicht einmal mehr finden, wo ihre Rippen sind. Dass die Debatte über „Literaten verachten einander" es so weit bringen kann — das nennt man wahrhaftig das Ende der Sackgasse!

15. Juli.

In der letzten Folge habe ich versäumt zu erwähnen, dass Herrn Wei Jinzhis großer Aufsatz „Klares Recht und Unrecht und leidenschaftliche Zuneigung und Abneigung" noch eine weitere recht interessante Passage enthält. Er glaubt, dass es heutzutage „oft Leute mit zwei Gesichtern gibt", die Partei A schätzen und Partei B verachten. Er würde natürlich nicht so weit gehen, zu fordern, ein Literat solle vor jedermann katzbuckeln und alle mit endlosen „Welche Ehre, welche Ehre" begrüßen — das liegt allein daran, dass Partei B zufällig ein wahrhaft bewundernswerter Autor ist. Für A wie für B gilt also: „In dieser Zeit und unter diesen Umständen, will man über Recht und Unrecht reden, muss man sich in die Lage des anderen versetzen." A spricht seine A-Worte; B wiederum kommt zu dem Schluss, dass „das Recht im Unrecht … das Unrecht im scheinbar Rechten übertrifft, denn es hält noch den Weg der Freundschaft ein, ohne die Unterscheidungen der Abstammung" — überlässt die „Abstammung" Herrn A und geht eigene Freunde suchen, die den Weg der Kameradschaft pflegen. Findet er keine, so mag er lieber „mit Leprabazillen vorlieb nehmen …, als von denen, die in Wahrheit als Betrüger und Schlächter agieren, in die Falle gelockt und in Stücke geschnitten zu werden."

Diese Verteidigung des „Literaten verachten einander" ist von heroischer Tragik, beweist aber zugleich, dass das, was man gegenwärtig allgemein „Literaten verachten einander" nennt — oder zumindest jenes „Literaten verachten einander", das Herr Wei verteidigt — gar nicht der „Literatur" wegen geschieht, sondern wegen der „Kameradschaft." Freundschaft ist eine der Fünf Kardinaltugenden, Kameradschaft eine schöne menschliche Tugend — natürlich alles sehr schön und gut. Aber Betrüger haben Kulissen, und Schlächter haben Helfershelfer, und untereinander nennen auch sie sich „Freunde". „Man berichtige die Namen!" — schöne Titel sind gewiss sehr schön. Nur schade, dass schöne Namen nicht unbedingt schöne Tugenden enthalten. „Er wendet die Hand — bald Wolke, bald Regen / Die Leichtfertigen und Wankelmütigen — wer mag sie zählen? / Gedenke, mein Herr, der Freundschaft von Guan und Bao in den Tagen der Armut / Diesen Weg der Freundschaft werfen die Menschen heute weg wie Erde!" Das war doch Li Taibai, nicht wahr? Er war schon damals „zu tiefen Seufzern bewegt" — um wie viel mehr jetzt, in dieser ausländischen Konzession — im alten Namen „Barbarenmarktplatz" — in Shanghai. Erst kürzlich informierte uns ein Artikel im Feuilleton der *Da Wan Bao*, dass man in Shanghai, um Freunde zu gewinnen, zunächst hübsch reden müsse, damit man nicht den Kürzeren zieht. Der allererste Satz bei der Begegnung lautet: „Mein Freund, wie ist Ihr werter Name?" In diesem Augenblick enthält das Wort „Freund" noch keinerlei Implikation von Eigeninteresse. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs wird es Schritt für Schritt enger, Zuneigung und Abneigung, Wahl und Verwerfung treten zutage — das heißt, es entscheidet sich, ob man gemeinsam Schwindel treibt oder den anderen als Trottel benutzt. „Freunde sind jene, die sich durch Rechtschaffenheit verbinden" — so haben es die Alten gewiss gesagt. Doch ein anderer Alter sagte: „Rechtschaffenheit ist Profit." Ach!

Wenn man durch die Hintergassen schlendert, trifft man bisweilen einige Männer an, die auf dem Boden hocken und um Geld spielen. Der Bankhalter verliert nur, die Setzer gewinnen nur — doch in Wahrheit sind sie alle eine Bande, die Komplizen des Bankhalters, seine sogenannten „Kulissen" — das heißt, das, was sie selbst ihre „Freunde" nennen. Das Ziel ist, irgendeinem Dummkopf die Augen glühen zu lassen vor Gier, damit auch er seinen Einsatz macht, worauf sie ihm die Taschen leeren. Wenn man stehen bleibt und sie den Verdacht haben, man sei kein Dummkopf — bloß neugierig und werde wohl kaum darauf hereinfallen —, werden sie sagen: „Freund, geh einfach weiter, es gibt hier nichts zu sehen." Das ist eine Art Freund: ein Freund, der das Gaunerstück nicht stört. Auf Brachflächen gibt es auch Gaukler — Steine werden zu weißen Tauben, Kinder werden in Krüge gesteckt — ihre Künste sind in der Regel nicht sonderlich beeindruckend, und jeder mit klarem Blick durchschaut sie leicht. Und so falten sie immerfort die Hände und rufen: „Zu Hause stützt man sich auf die Eltern, in der Fremde stützt man sich auf Freunde!" Das ist keine Bitte um Geld — es ist die Bitte, den Trick nicht zu verraten. Das ist noch eine andere Art Freund: ein Freund, der die Illusion nicht zerstört. Wenn diese klugen Freunde erst einmal ruhiggestellt sind, kann der Gaukler seinen leichtgläubigen Freunden das Geld aus der Tasche ziehen; oder aber, eine bemalte Lanze schwingend, den taktlosen Kerl verjagen, der zu nahe kommt und das Innenleben inspizieren will, und ihm bösartig ins Gesicht spucken: „…Bist du blind!"

Aber Kinder sind noch größerer Gefahr ausgesetzt. Hört man nicht heutzutage in vielen Aufsätzen ständig den liebevollen Ruf „kleine Freunde, kleine Freunde"? Das geschieht, weil man das Kind zum Protagonisten der Zukunft machen und ihm sämtliche Lasten auf die Schultern laden will. Mindestens aber soll es Kinderbilderhefte, Zeitschriften, Buchreihen und dergleichen kaufen — denn sonst, so heißt es, werde es den Anschluss verlieren.

Auf der von etablierten erwachsenen Schriftstellern besetzten Literaturbühne kommt natürlich nichts derart offen Lächerliches vor. Doch der Schauplatz ist nun einmal Shanghai — und eine „Kameradschaft", bei der man auf der einen Seite laut Freundschaft proklamiert, während man auf der anderen Seite still fünf Dollar verlangt für den Kauf eines „eigenen Gartens" und das Recht, seine Werke zu veröffentlichen — nun, so etwas dürfte wohl ebenfalls nicht ganz unwahrscheinlich sein. 13. August.

„Literaten verachten einander" ist das Gerede von Außenstehenden oder von solchen, die sich als Außenstehende ausgeben. Ist man selbst eine der beteiligten Parteien, dann wird man entweder verachtet oder man verachtet — man würde niemals das symmetrische Wort „einander" verwenden. Doch wenn man in die Enge getrieben wird, kann man sich auch hinter diesen vier Schriftzeichen verschanzen. Dieses Versteck ist ein Fluchtweg, bleibt aber nichtsdestoweniger eine Taktik — weshalb diese Formel von manchen noch immer geschätzt wird.

Doch das sind spätere Dinge. Zunächst kommt natürlich das „Verachten".

Die Künste des „Verachtens" sind recht zahlreich. Grob gesprochen gibt es ungefähr drei Arten. Die erste ist die Selbsterniedrigung: Man legt sich zuerst selbst in den Müllhaufen und zerrt dann den Feind hinein — nach der Methode: „Ich bin ein Vieh, aber ich nenne dich Papa; da du der Papa eines Viehs bist, bist also auch du ein Vieh." Diese Beschreibung ist natürlich etwas übertrieben, aber das verfeinerte Phänomen ist auf der Literaturbühne keineswegs selten. Die Methode des Hinterhalts funktioniert so: Die Werke, das Denken und die Technik von A und B sind offenkundig verschieden, ja diametral entgegengesetzt, doch B besteht darauf, mit allen Mitteln zu beweisen, dass ausschließlich seine eigenen Werke die legitime Schule von A darstellen. Die Methode der Schadensbegrenzung funktioniert so: Wenn B's Mängel von A aufgezeigt werden, erklärt B, dass eben diese Fehler bei A selbst vorhanden seien und er, B, sie genau von A gelernt habe. Ferner gibt es den Typus, der den anderen erst für vollkommen wertlos erklärt und dann am Ende bescheiden anmerkt, er selbst sei ja kein Kritiker und alles, was er gesagt habe, sei vielleicht nichts weiter als heiße Luft — auch dieser gehört zur selben Schule.

Die zweite Art ist die förmlichste: die Selbsterhöhung. Auf der einen Seite wird jegliche ungünstige Kritik pauschal als „Beschimpfung" abgetan; auf der anderen Seite preist man aus Leibeskräften die eigenen Vorzüge und bereitet sich darauf vor, über andere hinwegzusteigen. Doch diese Methode ist vergleichsweise mühsam, denn abgesehen vom „Dementieren" ist Eigenlob bekanntlich nicht sehr elegant. Daher muss man beim Verfassen solcher Texte ein anderes Pseudonym verwenden oder einige „Freunde", die den Weg der Kameradschaft pflegen, zur gegenseitigen Unterstützung einladen. Geht die Sache aber schief, werden diese „Freunde" zu Leibwächter-Schlägern oder Sänfte-tragenden Lakaien. Und was sie zu solchen Kreaturen werden lässt, ist unvermeidlich die Tatsache, dass die hochgetragene Persönlichkeit nichts weiter ist als ein stutzerhafter Geck mit ein paar Gesten — wie viel man auch trägt, die wahre Gestalt kommt am Ende zum Vorschein. Nach ein, anderthalb Jahren lässt sich dem Geckenwerk kein weiterer Schnörkel hinzufügen, und überdies brauchen Schläger und Lakaien, offen gesagt, Kost und Lohn — ohne prall gefüllten Geldbeutel sind sie nicht zu halten. Könnte man tote Sänftenträger einsetzen — etwa einen Yuan Zhonglang oder die „Zwanzig Meister der Späten Ming" —, und dazu einen lebenden Berühmten bitten, den Weg mit einem Ruf freizumachen, so wäre das natürlich leichter. Doch nach den bisherigen Ergebnissen und Erfahrungen hat sich auch das nicht als sonderlich erfolgreich erwiesen.

Schließlich gibt es eine dritte Art, bei der man seinen Namen überhaupt nicht der Öffentlichkeit preisgibt, sondern nur anonym oder durch „Freunde" dem Feind „Kritik" überbringen lässt — will man modern sein, kann man es „Kritik" im akademischen Sinne nennen. Besonders wichtig ist es dabei, ein Etikett zu verleihen — einen Spitznamen, wie man ihn auch allgemein kennt.

Denn das lesende Publikum teilt keineswegs zwangsläufig den Hass des „Kritikers" auf einen bestimmten Autor. Ein einzelner Aufsatz, selbst wenn sein Titel in größter Schrift gedruckt ist, regt es nicht sonderlich auf. Prägt man jedoch einen knappen Spitznamen, so ist dieser vergleichsweise schwerer zu vergessen. Auf der chinesischen Literaturbühne der letzten zehn Jahre ist dieser Zauber durchaus häufig angewandt worden, aber seine Wirkung war gering.

Der Zauber ist im Prinzip ein äußerst wirksamer, äußerst tödlicher Zauber. Gogol rühmte sich — oder beglückwünschte sich vielleicht auch selbst — des russischen Talents, anderen Spitznamen zu verpassen: Ist der Spitzname einmal in der Welt, folgt er einem, selbst wenn man bis ans Ende der Erde flieht; wie man es auch versucht, man wird ihn nicht los. Das ist wie ein geistvolles Porträt im freien Pinselstil: Die Brauen und der Bart werden nicht minutiös ausgemalt, kein Name wird darübergeschrieben, nur ein paar sparsame Striche — und doch ist der Ausdruck vollkommen getroffen. Wer den Dargestellten einmal gesehen hat, erkennt auf den ersten Blick, wer es ist; übertreibt man die hervorstechende Eigenschaft der Person — ob Stärke oder Schwäche —, wird die Erkennung noch sicherer. Leider sind wir Chinesen dieser Kunst nicht besonders mächtig. Ihre Ursprünge sind alt. Die sogenannten „Charakterisierungen" von der späten Han-Zeit bis zu den Sechs Dynastien — etwa „der großartige Guo Ziheng östlich des Passes" und „der gelehrte Jing Dachun der Fünf Klassiker" — waren eben dieser Zauber, sprachen allerdings meist von Vorzügen. Die hundertzweiundacht Helden des Liangshan-Moors trugen alle Spitznamen — von derselben Art —, doch die meisten bezogen sich auf die körperliche Erscheinung, wie „Der Blumenmönch Lu Zhishen" und „Das Blaugesichtige Untier Yang Zhi", oder auf Fertigkeiten, wie „Der Weiße Streifen in den Wellen Zhang Shun" und „Der Floh auf der Trommel Shi Qian" — keiner davon erfasste den ganzen Menschen. Selbst die späteren Advokaten pflegten in ihren Klageschriften dem Beklagten einen Spitznamen zu geben, um ihn als Rüpel und Ortsgauner auszuweisen — doch auch dies wurde bald durchschaut, und selbst der talentloseste Schreiber wusste, dass es nicht der Beachtung wert war. Die heutigen sogenannten Literaten haben, abgesehen vom Austausch einiger neuer Begriffe, ebenfalls keinen Fortschritt gemacht, und so enden jene „Kritiken" meist ergebnislos.

Das Scheitern liegt in der mangelnden Treffsicherheit. Einen Menschen zu kritisieren, zu einem Schluss zu gelangen und diesen in einem knappen Etikett zusammenzufassen — auch wenn es nur wenige Schriftzeichen sind — erfordert klares Urteilsvermögen und Darstellungstalent. Es muss treffend sein: Nur dann haftet es am Kritisierten, nur dann folgt es ihm bis ans Ende der Erde. Doch heutzutage greift man zumeist einfach nach dem, was gerade als Schimpfwort gilt, und schleudert es hinüber: mal „feudales Überbleibsel", mal „Bourgeois", mal „gesprungener Gong", mal „Anarchist", mal „Egoist" … und so weiter. Und aus Furcht, eines allein reiche nicht, reiht man sie aneinander: „anarchistisches feudales Überbleibsel" oder „bourgeoiser Egoist mit gesprungener Glocke." Aus Furcht, einer allein habe nicht genug Gewicht, werden Freunde gebeten, je eines beizusteuern. Aus Furcht, einmal sei zu wenig, werden innerhalb eines Jahres gleich mehrere nachgeliefert — ständig wechselnd, jedes Mal anders. Diese Unentschlossenheit rührt von ungenauen Beobachtungen her, die zu ungenauen Charakterisierungen führen, so dass selbst unter Aufbietung aller Kräfte und durchgeschwitztem Hemd das Geschriebene mit dem Angegriffenen nichts zu tun hat. Selbst wenn man es mit Leim an ihn klebt, löst es sich bald wieder ab. Ein Chauffeur beschimpft in seinem Zorn den Rikschafahrer Asi als „Schwein"; ein frecher Junge malt dem Kastanienverkäufer Awu zum Spaß eine Schildkröte auf den Rücken — mag das den Spießbürgern ein Lachen entlocken, so wird doch weder der eine zum „Schwein Asi" noch der andere zum „Schildkröten-Awu". Der Grund ist leicht einzusehen: weil die Bezeichnung nicht treffend ist.

Die Wendungen „wahnwitzige Brut der Tongcheng-Schule" und „dämonische Ausgeburt der Anthologien-Tradition" aus der Zeit der Vierten-Mai-Bewegung bezogen sich auf jene, die Aufsätze im Stil des „bald fliegend, bald singend" schrieben, und auf jene, die am *Wenxuan* als Wörterbuch festhielten. Und ein bestimmter Menschenschlag war tatsächlich von dieser Art — die Beschreibung war treffend, weshalb diese Etiketten vergleichsweise lange Bestand hatten. Darüber hinaus dürfte wohl nichts mehr in aller Gedächtnis geblieben sein. Bis heute können diesen acht Schriftzeichen vielleicht nur „Rüpel der ausländischen Konzession" und „Revolutionskrämer" das Wasser reichen. Das erste Paar entstammt der altehrwürdigen „Hauptstadt"; das zweite Paar dem modernen „Meer".

Schöpferisch zu sein ist schwer; selbst jemandem einen Titel oder Spitznamen zu geben, ist keine leichte Aufgabe. Gäbe es jemanden, der unumstößliche Spitznamen erfinden könnte, so wäre er als Kritiker gewiss ein ernsthafter und treffsicherer, und als Schöpfer gewiss ein tiefgründiger und umfassender Autor.

Und so liegt selbst die Unfähigkeit, angemessene Titel oder Spitznamen zu erfinden, letztlich daran, dass diese Schar von „Freunden" zu wenig „literarisch" ist. — „Mehr Licht!"

14. August.

Herr M hat mir einen Zeitungsausschnitt geschickt. Das ist in den letzten zehn und mehr Jahren immer wieder vorgekommen, manchmal auch mit Zeitschriften. Wenn ich in einer ruhigen Stunde darin blättere, findet sich darin gewöhnlich etwas, das mit mir zu tun hat, bisweilen sogar Unheilsbotschaften wie „an Hirnhautentzündung erkrankt." In solchen Fällen muss ich Briefmarken im Wert von etwa einem Dollar bereithalten, um die nach und nach eintreffenden Anfragebriefe zu beantworten. Was den Einsender betrifft, so gibt es ungefähr zwei Typen: Der erste ist ein Freund, der damit schlicht sagen will, in dieser Publikation stehe etwas, das dich betrifft. Der zweite — nun ja, das ist schwer zu sagen, aber wenn ich raten müsste: Es ist vermutlich der Verfasser oder Redakteur selbst: „Sieh her, wir greifen dich an!" — nach der Methode der „Drei Provokationen des Zhou Yu" oder des „Wang Lang zu Tode Fluchens" aus dem *Roman der Drei Reiche*. Aber dieser zweite Typus ist neuerdings seltener geworden, denn meine Taktik besteht darin, die Sache vorerst beiseite zu legen und keinerlei Reaktion zu zeigen, so dass diese Herrschaften jede Hoffnung verlieren, ihre Publikation könne meinetwegen aufblühen. Später allerdings werde ich vielleicht dem einen oder anderen unters Kinn greifen — was ihnen keineswegs zupass kommt. Herr M gehört zum ersten Typus. Der Ausschnitt stammt aus dem Literaturbeiblatt der Tianjiner *Yishi Bao*. Darin findet sich ein Aufsatz von Herrn Zhang Luwei mit dem Titel „Kurze Betrachtung der chinesischen Literaturszene" und dem Untertitel „Faulheit, Knechtseligkeit und Vergessen der Kunst." Schon beim Titel weiß man, dass der Verfasser ein mutiger Kritiker ist, der die Kunst nicht vergisst. Liest man den Aufsatz — wahrhaftig, welch ein Genuss! Ich finde, wer die Werke anderer vorstellt, für den wäre Kürzen äußerst bedauerlich; gibt es einen vorzüglichen Text, so sollte jeder dazu beitragen, ihn zu verbreiten, und man darf ihn keinesfalls dem Vergessen überlassen. Aber Papier und Tinte wollen auch bedacht sein, daher habe ich nur den zweiten Abschnitt ausgewählt, den über „die Schriftsteller, die auf ewig den Japanern nacheifern" — wahrhaftig, kein einziges Wort weniger, denn ich bringe es nicht über mich, auch nur das Geringste auszulassen:

Ich habe nicht die Absicht, dies zum Anlass zu nehmen, um die schwierigen Thesen zu untersuchen, dass „Knechtseligkeit das ‚ideologisch korrekteste' aller Dinge" sei, oder dass „Subjektivität die Auswahl der Dinge ist, während Objektivität lediglich die Methode des Umgangs mit den Dingen." Ich will nur sagen, dass — genau wie Herr Zhang Luwei behauptet — wir Chinesen tatsächlich auch in der Literatur viel zu weit zurückliegen. Frankreich hat Gide und Balzac; die Sowjetunion hat Gorki — wir haben niemanden. Japan erhebt ein Geschrei, und wir schreien mit — das ist vielleicht tatsächlich „Nacheifern" und obendrein „auf ewig", also „Knechtseligkeit" und „das ‚ideologisch korrekteste' aller Dinge". Allerdings gibt es durchaus ein Geschrei, das nicht „nacheifert". Herr Lin Yutang hat gesagt: „… In der Literatur stellt man heute einen polnischen Dichter vor, morgen einen tschechischen Literaturriesen, während man die bereits bekannten Autoren Englands, Amerikas, Frankreichs und Deutschlands als abgestanden verachtet und sich nicht die Mühe macht, sie gründlich zu studieren … Das Laster dieser Strömung liegt in der Oberflächlichkeit; das Heilmittel liegt im Lernen." (*Renjianshi*, Heft 28, „Acht Krankheiten heutiger Schreibkunst.") Die beiden Herren, der aus dem Norden und der aus dem Süden, schielen beide ein wenig — jeder schaut nur auf eine Seite und schimpft nur auf eine Seite. Solo zu tanzen mag angehen; tanzen sie aber Seite an Seite, wird ihre „Tapferkeit" unweigerlich recht komisch.

Immerhin vertritt Herr Lin die Forderung „die Sache bis zum Ende zu verfolgen", und Herr Zhang verlangt „direktes Verstehen" — dieser Geist des „Wahrheit in den Tatsachen suchen" ist beiden im Großen und Ganzen gemeinsam. Nur dass Herr Zhang vergleichsweise pessimistischer ist, denn er ist ein „Prophet", der verfügt hat: „Innerhalb von tausend Jahren werden wir absolut nie erleben, dass jene Leute, die Gide und Balzac vorstellen, den chinesischen Lesern auch nur ein oder zwei Übersetzungen wichtiger Werke von Gide oder Balzac liefern werden — von Gesamtausgaben ganz zu schweigen." Dieser „Prophetie" zufolge wird Herr Zhang Luwei, der Meister des „direkten Verstehens", natürlich selbst ganz gewiss nicht übersetzen. Was andere angeht — da möchte ich mir mein Urteil vorbehalten, aber leider werde ich keine tausend Jahre leben und habe keine Aussicht, das Ergebnis zu erleben.

Das Prophezeien ist recht schwierig. Setzt man die Frist zu kurz, zeigen sich leicht die Risse. Ich erinnere mich: Als unser Kritiker Herr Cheng Fangwu unter dem großen Banner der *Schöpfung* hervortrat, zwei Äxte schwingend, erklärte er einst, er verschmähe es, modische Werke zu lesen, und wolle stattdessen Autoren aus dem Staub der Vergessenheit hervorholen. Das war gut, und obwohl Brandes seinerzeit Ibsen und Nietzsche aus der Vergessenheit geholt hatte, kann man Cheng wohl kaum des „Nacheiferns" oder der „Knechtseligkeit" bezichtigen. Weniger gut ist, dass sein Schuldschein über ein Jahrzehnt später noch immer nicht eingelöst ist. Setzt man die Frist zu lang, wird man leicht zum Gespött. In Jiangsu und Zhejiang glaubt man an Fengshui; Reiche suchen oft im Voraus nach Grabstätten. Auf dem Lande kennt man eine Geschichte: Ein Fengshui-Meister, der für einen Kunden das richtige Grab gefunden hatte, schwor: „Wenn Sie einst dahingegangen sind und bis zur dritten Generation nicht aufgestiegen — dann dürfen Sie mir ins Gesicht schlagen!" Doch seine Frist war um neun Zehntel kürzer als die des Herrn Zhang Luwei.

Aber auch von vergangenen Kleinigkeiten zu reden ist nicht leicht. Herr Zhang Luwei sagt, als Gorkis vierzigstes Jubiläum literarischen Schaffens gefeiert wurde, „gab es auch in China einen Lu Xun, eine Ding Ling und dergleichen, die Glückwunschtelegramme schickten … Aber wie viele der Unterzeichner hatten auch nur ein Zehntel von Gorkis Werken gelesen?" Dieser Vorwurf ist völlig berechtigt. Ich muss gestehen: Ich habe sehr wenig gelesen und weiß nicht einmal, wie viele Bände ein Zehntel von Gorkis Werk ausmachen. Allerdings sind Gorkis gesammelte Werke selbst in seinem Heimatland noch nicht vollständig erschienen, so dass sich die Sache ohnehin nicht berechnen lässt. Was das Telegramm betrifft — ich finde, eines zu schicken war nur recht, und es scheint mir keine Schande für die chinesische Nation noch ein Verlust an Menschlichkeit zu sein. In Wirklichkeit aber habe ich keines geschickt, noch habe ich auf irgendeinem Telegrammentwurf unterschrieben. Das liegt nicht daran, dass ich den Beigeschmack der „Knechtseligkeit" fürchtete, sondern schlicht daran, dass mich niemand einlud, ich selbst nicht daran dachte, und der Moment verstrich. Eines zu schicken wäre in Ordnung gewesen; es nicht zu tun, ist auch nicht schlimm, denke ich. Hätte ich es getan, hätte Gorki mich wohl kaum „einen Schriftsteller, der auf ewig den Japanern nacheifert" genannt; da ich es nicht tat, nennt er mich wohl auch kaum „einen Schriftsteller, der Zhang Luwei nacheifert." Allerdings habe ich zum Festtag von Serafimowitsch tatsächlich ein Glückwunschtelegramm geschickt, weil ich die chinesische Übersetzung des *Eisernen Stroms* Korrektur gelesen und herausgegeben hatte. Das ist völlig natürlich, wenn auch vielleicht schwerer zu erraten — nicht so leicht zu folgern wie ein Telegramm an Gorki. Natürlich kann man sagen, was man will, aber die Behauptung, „Chinas Intellektuelle sind derart seicht — fähig, Papageien zu sein, aber unfähig, treue, gewissenhafte, vernünftige literarische Schöpfer und Forscher zu sein" — nun, auf manche Leute trifft das wohl durchaus zu.

Herr Zhang Luwei ist natürlich selbst ein Intellektueller. Dass er so viele Sklaven unter seinen Standesgenossen entdeckt und die Peitsche gegen sie erhoben hat — ich verstehe seine Empfindung. Doch zwischen ihm und seinen sogenannten Sklaven liegt nur ein Blatt Papier. Hat jemand den Film gesehen, in dem ein afrikanischer Sklavenaufseher stolz die Peitsche schwingt über die schwarzen Sklaven bei der Zwangsarbeit, und vergleicht ihn mit Herrn Zhang Luweis großem Aufsatz „Kurze Betrachtung der chinesischen Literaturszene", so kann er sich ein wissendes Lächeln nicht verkneifen. Der eine und die Vielen sind einander so ähnlich und doch so verschieden — dieses eine Blatt Papier bildet eine gewaltige Schranke: Es scheidet den Sklaven vom Lakaien.

Hier, so schmeichle ich mir, habe ich einmal mehr die Umrisse eines neuen Typus großer Persönlichkeit skizziert — des literarischen „Propheten" des Jahres 1935. 16. August.

Die Kampagne zur Förderung einheimischer Waren läuft inzwischen schon recht lange. Obwohl Shanghais Nationale-Produkte-Kaufhaus nicht gerade floriert und die „Nationale-Produkte-Stadt" längst ihre Tore geschlossen hat — worauf bald auch die Mauern abgerissen wurden — erscheinen in den Tageszeitungen nach wie vor regelmäßig Sonderbeilagen über einheimische Waren. Die Hauptzielscheiben für Ermahnungen und Schelte sind, wie üblich, Studenten, Kinder und Frauen.

Vor ein paar Tagen stieß ich auf einen Aufsatz über Pinsel und Tusche. Mittelschüler und ihresgleichen bekamen eine gehörige Standpauke: Neun von zehn benutzten Stahlfedern und Tinte — und deshalb hätten chinesische Pinsel und Tusche keinen Absatz. Natürlich ging man nicht so weit, solche Leute Landesverräter zu nennen, doch mindestens seien sie — ganz wie moderne Frauen, die ausländische Kosmetik und Parfüm bevorzugen — für einen gewissen Teil des Handelsdefizits verantwortlich zu machen.

Dieses Argument ist nicht falsch. Allerdings denke ich, ob man ausländische Schreibgeräte benutzt oder nicht, hängt davon ab, ob man Muße hat. Ich selbst habe zuerst in der Privatschule den Pinsel benutzt, dann in der modernen Schule die Stahlfeder, und dann wieder den Pinsel, als ich aufs Land zurückkehrte — und dennoch bin ich der Meinung: Wenn wir uns in aller Ruhe und Gemächlichkeit hinsetzen könnten, den Reibstein glätten, das Papier ausrollen, die Tusche reiben und den Pinsel schwingen, dann wären Ziegenhaar-Pinsel und Kiefernruß-Tusche gewiss nicht schlecht. Doch wenn die Dinge schnell erledigt werden müssen und viel zu schreiben ist, geht es einfach nicht — das heißt, der Pinsel kann mit Stahlfeder und Tinte nicht mithalten. Nehmen wir etwa das Mitschreiben von Vorlesungen in der Schule: Selbst wenn man ein fertig gefülltes Tuschkästchen verwendet, um sich das Tuscherreiben auf der Stelle zu ersparen, dauert es nicht lange, bis die Tusche die Pinselspitze verklebt und er nicht mehr richtig schreibt. Dann muss man einen Wassernapf zum Pinselwaschen mitbringen, und ehe man sich's versieht, sind die „Vier Schätze der Gelehrtenstube" auf dem kleinen Tisch ausgebreitet. Zudem wird die Strichstärke — also wie viel Pinselspitze das Papier berührt — ganz allein vom Handgelenk bestimmt, das daher schnell ermüdet; je mehr man schreibt, desto langsamer wird man. Für Müßiggänger macht das wenig aus; aber kaum ist man beschäftigt, sind Tinte und Stahlfeder einfach praktischer, was auch immer man dagegen einwenden mag.

Unter den jungen Leuten gibt es natürlich auch solche, die einen Füllfederhalter am westlichen Anzug tragen, als bloße Zierde, aber das ist letztlich eine Minderheit. Der wirkliche Grund, warum die meisten sie benutzen, ist die Bequemlichkeit. Die Macht eines bequemen Werkzeugs lässt sich mit bloßen Worten — seien es Ermahnungen, Spott oder wütende Beschimpfungen — unmöglich aufhalten. Wenn Sie es nicht glauben, versuchen Sie doch einmal, die Autofahrer zu überreden, im Norden auf Maultierkarren umzusteigen oder im Süden auf große grünbespannte Sänften. Wenn dieser Vorschlag ein Witz ist, wie steht es dann mit der Aufforderung an die Studenten, wieder zum Pinsel zu greifen? Die heutige Jugend ist zur „Tempeltrommel" geworden — jeder darf nach Belieben darauf schlagen. Auf der einen Seite gibt es schwere Studienprogramme und die Förderung klassischer Texte; auf der anderen seufzen die Pädagogen klagend, die Leistungen der Studenten seien schlecht, sie läsen keine Zeitungen und wüssten nichts von der Weltlage.

Aber freilich taugt es nicht, selbst für Stifte und Tinte auf das Ausland angewiesen zu sein. In diesem Punkt muss man den Beamten der früheren Qing-Dynastie mehr Klugheit zugestehen: Sie gründeten in Shanghai ein Manufaktur-Bureau, um Dinge herzustellen, die wichtiger waren als bloße Pinsel und Tusche — obwohl sie aufgrund des „Gewichts der angehäuften Gewohnheiten" am Ende auch nicht viel zustande brachten. Die Europäer waren ebenfalls klug. Chinarinde stammt ursprünglich von einer afrikanischen Pflanze; beim Versuch, die Samen zu stehlen, kamen einige Menschen ums Leben, aber man stahl sie dennoch und pflanzte sie auf eigenem Boden an, so dass wir heute, wenn uns die Malaria befällt, bequem Chininpillen schlucken können — und sie sind sogar zuckerdragiert, so dass selbst verwöhnte junge Damen sie süß schmeckend einnehmen. Die Methoden zur Herstellung von Tinte und Stahlfedern zu beschaffen ist bei weitem nicht so gefährlich wie Chininsamen zu stehlen. Daher wäre es besser, statt die Leute zum Verzicht auf Tinte und Stahlfeder aufzufordern, selbst welche herzustellen — aber sie müssen gut gemacht sein, und man darf nicht „den Schafskopf aushängen und Hundefleisch verkaufen." Sonst ist die ganze Mühe wieder umsonst.

Doch ich glaube, wer auch immer den Pinsel verteidigt, wird meinen Vorschlag vermutlich ebenfalls als leeres Gerede abtun — weil die Sache nicht leicht ist. Auch das ist eine Tatsache. Und so bleibt dem Pfandleihgewerbe nur, ein Verbot exotischer Moden zu beantragen, damit die Preise nicht von morgens bis abends schwanken; und dem Pinsel-und-Tusche-Gewerbe nur, für das Lutschen am Pinsel und Lecken der Tusche zu plädieren, damit das nationale Erbe nicht allmählich zugrunde geht. Sich selbst zu reformieren ist immer schwerer, als anderen etwas zu verbieten. Und doch führt diese Methode zu keinem guten Ergebnis — sie ist entweder wirkungslos oder verwandelt einen Teil der Jugend zurück in altmodische Bücherwürmer.

23. August.

Erst in diesen Tagen erschien in den Shanghaier Zeitungen eine Anzeige mit einem Titel aus vier zollgroßen Schriftzeichen:

„Geht hin und seht die Lebensrettung!"

Wer nur den Titel liest, könnte sich vorstellen, es werde ein Chirurg bei einer großen Operation an einem Schwerstkranken gezeigt, oder die künstliche Beatmung eines Ertrunkenen, oder die Rettung von Passagieren eines aufgelaufenen Schiffes, oder die Bergung von Bergleuten aus einem eingestürzten Stollen. Doch in Wirklichkeit ist es nichts dergleichen. Es ist die übliche „Wohltätigkeitsveranstaltung für die Hochwasserhilfe" — man schaut sich die Einmannkomödien von Chen Pimei und Shen Yidai an, den Gesang und Tanz des Mondlicht-Ensembles und Ähnliches. Wie die Anzeige so ehrlich sagt: „Für fünfzig Cent ein Menschenleben retten … zwei Fliegen mit einer Klappe — warum nicht?" Das Geld geht tatsächlich zur Lebensrettung; doch was man tatsächlich „sieht", ist immer noch Unterhaltung und keineswegs eine „Lebensrettung".

Manche sagen, China sei ein „Land der Schriftzeichen." Das hat etwas Wahres, ist aber noch nicht ganz zutreffend. China sollte man eher das „Land der Wortspiele" nennen — ein Land, das Worte am allerwenigsten ernst nimmt. Alles wird über seinen tatsächlichen Gehalt hinaus mit zusätzlichem Firlefanz aufgeputzt, und die Bedeutungen der Zeichen und Begriffe werden derart durcheinandergebracht, dass man vorübergehend nicht umhinkommt, „Befreiung" als „Verhaftung und Hinrichtung" und „Tanzen" als „Lebensrettung" zu verstehen. Einen kleinen Wirbel veranstalten, und man ist ein großer Mann; ein Lehrbuch zusammenstellen, und man ist ein Gelehrter; ein paar Klatschgeschichten über die Literaturszene erfinden, und man ist ein Schriftsteller. Und so erschrecken die Selbstachtsameren unter uns beim Klang dieser prachtvollen Titel und fliehen mit aller Kraft. Ruhm zu fliehen heißt eigentlich, den Ruhm zu lieben — man flieht diesen konfusen Ruhm, weigert sich, in diesem Durcheinander eingelegt zu werden.

Das Feuilleton *Xiao Gongyuan* der Tianjiner *Dagong Bao* hat neuerdings verkündet, es lege Wert auf die Schrift, nicht auf den Namen. Diese Sicht ist durchaus richtig. Dennoch veröffentlicht es gelegentlich auch Arbeiten „alter Meister der Feder" — das geschieht natürlich wegen der Qualität der Arbeit, nicht wegen des Namens. Allerdings erschien in der Ausgabe vom 16. August eine höchst interessante „Ermahnung, die viele namhafte Autoren ihren Einsendungen beigefügt hatten": „Stellen Sie meinen Aufsatz an einem gewöhnlichen Tag ein — ich wünsche es mir so; ich bin stolz darauf. Ich bin es müde, meinen Namen neben denen von Bekannten aufgelistet zu sehen. Ich möchte lieber in die lebhafte Menge der Neuen hineingepresst werden, denn vieles, was sie schreiben, ist noch frischer."

Diese „namhaften Autoren" scheinen ein wenig geschwindelt zu haben. „Vertraut" müsste nicht unbedingt „Überdruss" erzeugen. Seit wir entwöhnt wurden, essen wir Reis oder Nudeln, bis zum heutigen Tag — vertrauter geht es kaum — und doch sind wir ihrer nicht überdrüssig. Wenn diese kleine Ermahnung nicht ein vom Redakteur inszeniertes Doppelspiel ist und auch kein Trick der alten Autoren, sich als „verjüngt" auszugeben, dann beweist sie dies: Unter den sogenannten „namhaften Autoren" gibt es einen Haufen Namendiebe, und das hat die anderen derart in Verlegenheit gebracht, dass sie es „müde" sind, „ihren Namen neben denen von Bekannten aufgelistet zu sehen", und beschlossen haben, das Weite zu suchen.

Ob sie sich von nun an wohlfühlen werden, bloß weil sie „in die lebhafte Menge der Neuen hineingepresst" sind? Oder ob auch ihre Arbeiten dann „noch frischer" werden? Das lässt sich derzeit schwer sagen. Ruhm zu fliehen mag man zugegebenermaßen nicht großherzig nennen, aber Maßstäbe zu haben, Zuneigung und Abneigung zu empfinden — das reicht allemal, um als anständiger Mensch zu gelten, der sich sauber hält. Im *Xiao Gongyuan* gibt es bereits jemanden, der mit gutem Beispiel vorangeht. Derweil gibt es am Shanghaier Bund immer noch Leute, die emsig „Taschen leeren", Nachrichten erfinden oder sich selbst als „in Wort und Tat konsequent" rühmen, oder „Welch ein Unrecht!" rufen — oder Leichen aus der Ming-Dynastie ausgraben, um eine Bühne zu bauen, oder lebende Antiquitäten bitten, den Weg mit einem Ruf freizumachen, oder den eigenen großen Namen in Lexika eintragen unter dem Stichwort „chinesischer Schriftsteller", oder die eigenen Werke in Bildbände einrücken unter dem Titel „moderne Meisterwerke" — geschäftig, verstohlen und verschlagen, ein wahres Schauspiel. Die Schriftsteller sitzen in Reih und Glied. Werden sie die Nachwelt zum Lachen bringen, zum Erschaudern, oder bloß zum „Überdruss"? Auch das ist derzeit schwer zu sagen. Doch wenn man sich an den „Spiegel des vorangegangenen Wagens" hält, dann werden „die Nachfahren auf die Gegenwart so blicken wie wir auf die Vergangenheit" — und am Ende dürfte das Wort „ach" wohl unvermeidlich sein. 23. August.

Die Taktiken auf dem literarischen Schlachtfeld dieses Jahres haben in einigen Zuegen den Stil der Sonnengesellschaft von vor fuenf, sechs Jahren wiederbelebt. Das Alter ist erneut zu einem Vergehen geworden, das man jetzt als "mit dem Alter hausieren" bezeichnet.

In Wahrheit aber liegt das Vergehen nicht im "Alter", sondern im "Hausieren". Wuerde der Betreffende nur Mahjong spielen und Amitabha-Gebete murmeln, ohne je eine Zeile zu schreiben, so wuerde er gewiss niemals die Angriffe junger Schriftsteller auf sich ziehen. Wenn diese Ueberlegung zutrifft, dann wird die Literaturwelt bald von allerlei Verbrechern ueberschwemmt werden, denn heutzutage koennen einige Autoren nicht umhin, neben ihren "Werken" eine kostenlose Probe ihrer besonderen Spezialitaet beizulegen. Manche hausieren mit ihrem Reichtum und erklaeren, die Werke von Schriftstellern, die ihre Manuskripte verkaufen, taugten allesamt nichts; wenn jemand darauf hinweist, dass die poetische Inspiration eines bestimmten Dichters allein aus der Mitgift seiner Frau stammt, eilen Speichellecker herbei und sagen, der Kritiker sei nur ein Fuchs, der die Trauben nicht erreichen kann und sie daher fuer sauer erklaert. Manche hausieren mit ihrer Armut oder ihrer Krankheit und behaupten, ihr Werk sei nach drei Tagen Hungern und zehn Mundvoll ausgehusteten Blutes entstanden und daher etwas ganz Besonderes. Manche hausieren gleichzeitig mit Armut und Reichtum und sagen, ihre Zeitschrift sei auf eigene Kosten und unter grossen Schmerzen herausgebracht worden, weil sie von literarischen Despoten und Buerokraten verdraengt worden seien, und sei daher ebenfalls etwas ganz Besonderes. Manche hausieren mit ihrer Kindesliebe und sagen, sie schrieben solche Artikel aus Sorge, ihr Vater koenne kuenftig leiden muessen — das ist nun wahrlich bemerkenswert, ein Stueck, das es beinahe mit Li Mis "Denkschrift der Empfindungen" aufnehmen kann. Und dann gibt es den Typus, der eine Pfeife haelt, westliche Kleidung traegt, seufzt und stoehnt, sein eigenes Spiegelbild mit Selbstmitleid betrachtet und sich ewig an den schoenen Teint und die Jugendanmut seiner fruehen Jahre erinnert — diesen jungen Herrn wollen wir, im Gegensatz zum "Hausieren mit dem Alter", vorlaeufig den "Charmeur" nennen. Doch in der chinesischen Gesellschaft gibt es tatsaechlich besonders viele, die ehrlich mit ihrem Alter hausieren. Was ist schon Besonderes daran, wenn eine Frau eine Nadel einfaedeln kann? Aber wenn sie ueber hundert Jahre alt wird, kann man dafuer eine grosse Versammlung einberufen, auf der sie vor Publikum einfaedelt, und nebenbei werden noch Spenden gesammelt. Zu sagen, die Chinesen "sollten sich zumindest den Hund zum Vorbild nehmen" — stuende das in einem Grundschulaufsatz, wuerde der Lehrer zum Lineal greifen — aber wenn der Sprecher einige Jahrzehnte aelter ist, drucken die Zeitungen es gross ab, mit fetten Schlagzeilen wie: "Weisshaariger Greis beehrt die alte Hauptstadt; Wu Zhihuis Worte erfreuen alle unter dem Himmel." Was Artikel betrifft, die zum Spenden fuer Hungersnothilfe aufrufen, so gibt es davon genug, aber einer, in dem der Verfasser sein Alter mit "sechsundneunzig Jahren" angibt — das ist Ma Xiangbo und nur Ma Xiangbo. Doch gewoehnlich wird all dies nicht "Hausieren" genannt; es hat einen weit wuerdevolleren Namen: "von Wert sein."

Dass das Wort "alt" in "alter Schriftsteller" einen Straftatbestand darstellen soll — dieses Gesetz gilt in der Literaturwelt schon seit einigen Jahren. Mal wurde es als "Zurueckbleiben hinter der Zeit" charakterisiert, mal als "Monopolisieren von Positionen"... doch niemand hat je klar dargelegt, worin der Schaden besteht. Erst jetzt haben Shanghais junge Schriftsteller den Kern der Sache aufgedeckt: Das Vergehen liegt im "Hausieren" mit dem "Alter."

Nun, dann gibt es nichts zu befuerchten — das ist leicht hinweggefegt. In jedem Gewerbe in China gibt es alte Marken in Huelle und Fuelle, doch die Literaturwelt ist anders. Nach einigen Jahren des Schreibens gehen die einen in den Staatsdienst, die anderen wechseln den Beruf, manche unterrichten, manche fliehen mit der Kasse, manche treiben Handel, manche schliessen sich Aufstaenden an, manche kommen ums Leben... und verschwinden. Jene, die als "Alte" noch da sind, lassen sich an den Fingern abzaehlen, ganz aehnlich der ueber hundertjaehrigen Greisin beim Altentreffen — dass sie tatsaechlich bis heute ueberlebt hat, findet selbst der "Vater und Mutter des Volkes" hoechst sonderbar. Und dass sie noch eine Nadel einfaedeln kann, macht es doppelt sonderbar und bringt die Strassen in Aufruhr. Aber — ach — das liegt eigentlich nur an der kaiserlichen Auszeichnung, und wenn ein huebsches Maedchen von sechzehn oder siebzehn die Buehne bestiege, um Nadeln einzufaedeln, waere das Publikum auch nicht kleiner. Wer muss wirklich "mit dem Alter hausieren"? Sobald jemand Juengeres, Huebscheres auftaucht, bricht alles zusammen.

Obwohl Chinas Literaturwelt unreif und truebe ist, ist sie doch nicht ganz so simpel. Und obwohl man den Lesern nachsagt, sie seien "dazu erzogen, gern Spektakel zu beobachten", gibt es nicht wenige mit Urteilsvermoegen, und ihre Zahl waechst. Daher wird reines "Hausieren mit dem Alter" nicht funktionieren, denn die Literaturwelt ist schliesslich kein Altersheim. Und ebenso wird reines "Hausieren mit dem Charme" nicht funktionieren, denn die Literaturwelt ist schliesslich auch kein Bordell.

Beides zu Unrecht betrieben, erkennt man aus dem Falschen das Richtige; die Begriffsstutzigen aber sehen nur gegenseitige Vernichtung.

12. September.

Die sogenannten Literaten, die einander unaufhoerlich herabsetzen, haben manche anderen Autoren dazu gebracht, den Kopf zu schuetteln und zu seufzen, sie meinten, der Literaturgarten sei entwuerdigt worden. Das laesst sich durchaus hoeren. Als Meister Tao Yuanming "am oestlichen Zaun Chrysanthemen pflueckte", musste sein Gemuet ruhig und gelassen sein — erst dann konnte er "gelassen den Suedberg erblicken." Doch wenn drinnen und draussen am Zaun Menschen schrien, sprangen, fluchten und pruegeln, waere der Suedberg zwar noch da, doch er koennte ihn nicht mehr "gelassen" erblicken — er muesste ihn "bestuerzt" erblicken. Heute liegen die Dinge etwas anders als zur Zeit des Uebergangs von der Jin- zur Song-Dynastie: Selbst der "Elfenbeinturm" ist bereits auf die Strasse gezogen, offenbar durchaus mit einem Sinn fuer "Unmittelbarkeit", und dennoch braucht man Musse — sonst fehlt das Gefaess fuer den tiefen Schmerz, die Literaturwelt verliert ihren Glanz, und die Schuld der Laermer ist wahrhaft gross. So wird die Lage dieser einander verachtenden Literaten immer bedraengter, denn selbst die Strasse ist kein Ort des Getuemmels mehr, und sie stehen wahrlich am Ende der Sackgasse.

Aber was, wenn sie dennoch auf gegenseitiger Verachtung bestehen? In der frueheren Qing-Dynastie gab es ein bewaehrtes Verfahren: Wenn der Bezirksmagistrat bei seiner Runde zwei Streitende antraf, fragte er nicht, wer recht und wer unrecht hatte, sondern liess jedem fuenfhundert Stockschlaege auf das Gesaess verabreichen und betrachtete die Sache als erledigt. Die nicht-verachtenden Literaten moegen zwar ihre Schilder mit "Ruhe!" und "Platz da!" besitzen, doch ihnen fehlt das Bambusholz; Pruegel kommen natuerlich nicht in Frage, also greifen sie zum "Federkampf" und erklaeren beide Seiten fuer Lumpen. Als Beispiel sei hier ein Abschnitt aus Herrn Jiongzhis "Ueber Shanghais Zeitschriften" angefuehrt:

"Von diesem Streit zu sprechen erinnert uns an die Errungenschaften des jahrelangen Kampfes zwischen Taibai, Wenxue, Lunyu und Renjianshi. Die Errungenschaft bestand darin, dass ausnahmslos alle, die schimpften, und alle, die beschimpft wurden, zu Clowns geworden sind, wie Marionetten, die sich gegenseitig an den Haaren zerren oder mit den Koepfen zusammenstossen, und ausser dass die Leser sich eine Vorliebe fuer das 'Zuschauen bei Spektakeln' angewoehnten, war nichts dabei herausgekommen. Wenn die Leser dazu erzogen werden, lieber 'Auffuehrungen' als 'Buecher' zu sehen, und die Menge an 'Klatsch aus der Literaturszene' zum Hauptfaktor fuer die Verkaufszahlen einer Zeitschrift wird, dann kann man die Fortdauer dieses Streits, seine ergebnislose Fortdauer, wirklich als grosses Unglueck fuer die chinesischen Leser bezeichnen. Gibt es nicht irgendeine Moeglichkeit, den Anteil dieser 'privaten Beschimpfungen' an den Seiten zu verringern? Wenn die repraesentativen Werke einer Epoche, alles zusammengerechnet, nur aus diesem raffinierten gegenseitigen Beschimpfen bestehen, dann ist die Literaturwelt wahrlich zu erbaermlich." (Aus "Kleiner Park" in der Tianjiner Dagongbao, 18. August.) Herr Jiongzhi liefert auch seine eigene Definition von "diesem Streit": "Das heisst, gegen Andersdenkende mit kleinkarierten Methoden vorzugehen und sie mitleidlos und zugellos zu beschimpfen. (Ein Fachausdruck dafuer ist 'Kampf'.)"

Und so erklaert dieser Herr Jiongzhi mit mitleidigem Herzen und gezuegelter Feder beide Parteien zu Clowns und findet die Literaturwelt erbaermlich, obwohl "wir uns an Taibai, Wenxue, Lunyu und Renjianshi ueber mehrere Jahre erinnern" darauf hindeutet, dass er nicht nur die "Menge an 'Klatsch aus der Literaturszene' nicht zum Hauptfaktor fuer die Verkaufszahlen einer Zeitschrift" erhebt, sondern geradezu ueberhaupt keinen "Klatsch aus der Literaturszene" bringt. Doch "Beschimpfungen" gibt es sehr wohl; und Leser, die bloss "das Spektakel beobachten", gibt es zweifellos auch. Man betrachte: Wenn zwei Menschen auf der Strasse kaempfen, gibt es da etwa kein Recht und Unrecht zwischen ihnen? Und doch finden es die Umstehenden oft bloss amuesant. Selbst wenn ein Verurteilter zur Hinrichtungsstaette gefuehrt wird, sind es meist Zuschauer, die sich nicht um die Anklage kuemmern und einfach das Spektakel betrachten. Uebertraegt man diese Situation auf die Literaturwelt, so ist man wahrhaft versucht, sich demuetig zu fuegen und sich den Speichel im Gesicht trocknen zu lassen. Doch fuegen wir hier ein "Jedoch" ein und wenden uns der anderen Seite zu: Die Umstehenden und Leser sind nicht alle so begriffssstutzig, wie Herr Jiongzhi sie haben moechte. Manche haben ihr eigenes Urteil. Als daher einst Klassizisten und Romantiker einander beschimpften und sogar handgreiflich wurden, sind sie nicht alle zu Clowns geworden. Als Zola wilden literarischen und karikaturistischen Angriffen ausgesetzt war, wurde er am Ende kein Clown. Selbst Oscar Wilde, dessen Ruf zu Lebzeiten vernichtet wurde, gilt heute nicht als Clown.

Natuerlich hatten sie Werke. Aber China hat auch welche. Chinas Werke sind, zugegebenermassen, "erbaermlich" wenige, doch das ist nicht nur die Erbaermlichkeit der Literaturwelt — es ist die Erbaermlichkeit der Epoche, und in dieser Erbaermlichkeit sind selbst die "spektakelsuechtigen" Leser und Kritiker eingeschlossen. Wo immer es erbaermliche Werke gibt, repraesentieren sie getreu eine erbaermliche Zeit. Die Weisen von einst predigten die Maxime der "Nachsicht" — sagten aber, gegenueber denen, die keine Nachsicht kennen, gebe es keine Nachsicht. Die Beruehmtheiten von heute predigen die Maxime der "Duldsamkeit." Im Fruehling verwischen die Kritiker mit "Literaten verachten einander" den Unterschied zwischen Schwarz und Weiss; im Herbst proklamieren sie "alle, die schimpften, und alle, die beschimpft wurden, sind zu Clowns geworden", um den Unterschied zwischen Recht und Unrecht auszuloeschen. In der eisigen, duesterem Ruhe eines alten Grabes — wie sollte dort der Atem eines Lebenden sein?

"Gibt es nicht irgendeine Moeglichkeit, den Anteil dieser 'privaten Beschimpfungen' an den Seiten zu verringern?" — fragt Herr Jiongzhi. Ja, die gibt es. Selbst wenn wir es "private Beschimpfungen" nennen, wird doch gewiss nicht jeder Fall darauf hinauslaufen, dass eine Seite zwei plus zwei und die andere eins plus drei ergibt. Unter dem "Privaten" tendiert manches zum "Oeffentlichen"; unter den "Beschimpfungen" hat manches mehr mit "Vernunft" gemein. Wer sich anmasst, ein Urteil zu faellen, der sollte seinen "Geschmack am Zuschauen" ablegen, die Sache analysieren und klar und deutlich sagen, welche Seite er fuer eher "richtig" und welche fuer eher "falsch" haelt.

Was den Literaten betrifft, so muss er nicht nur mit gluehender Abscheu gegen seine "Widersacher" ankaempfen, sondern auch mit gluehender Abscheu gegen die "toten Moralprediger" Krieg fuehren. In dieser unserer "erbaermlichen" Zeit kann nur toeten, wer auch Leben schenken kann; nur hassen, wer auch lieben kann; und nur wer leben und lieben kann, vermag Literatur zu schaffen. Thveydieu sagte es treffend:

12. September.

Es ist nun an der Zeit, ein oder zwei Worte ueber Dostojewski zu sagen. Aber was soll man sagen? Er ist zu gross, und ich selbst habe seine Werke nie mit genuegender Sorgfalt gelesen.

Wenn ich zurueckdenke, so gab es in meiner Jugend, als ich die Werke wahrhaft grosser Schriftsteller las, zwei, die ich bewunderte, aber nie zu lieben vermochte. Der eine war Dante. Im Purgatorium seiner Goettlichen Komoedie befanden sich Ketzer, die ich liebte; manche Geister waelzten noch ungeheure Felsbrocken an steilen Klippen empor. Es war eine aeusserst erschoepfende Arbeit, doch sobald man losliess, wurde man sofort zerquetscht. Irgendwie fuehlte auch ich mich zutiefst erschoepft. Und so hielt ich dort an und gelangte nie ins Paradies.

Der andere war Dostojewski. Schon bei der Lektuere der Armen Leute, geschrieben als er erst vierundzwanzig war, erschrak ich ueber jene Einsamkeit, die der eines Greises in seinen Daemmerungsjahren glich. Spaeter trat er als ein mit schwerster Schuld beladener Suender auf und zugleich als erbarmungsloser Inquisitor. Er versetzte die Maenner und Frauen seiner Romane in unertraegliche Lagen, um sie auf die Probe zu stellen, wobei er nicht nur die Oberflaeche der Reinheit abstreifte, um das darunter verborgene Boese zum Vorschein zu bringen, sondern noch tiefer grub, um die wahre Reinheit unter jenem Boesen freizulegen. Und er weigerte sich, sie rasch zu toeten, sondern bemuehte sich, sie so lange wie moeglich am Leben zu halten. Und dieser Dostojewski schien mit den Suendern zu leiden und sich mit dem Inquisitor zu freuen. Das ist gewiss nichts, was ein gewoehnlicher Mensch zustande braechte. Mit einem Wort: Es lag an seiner Groesse. Doch ich selbst verspuerte oft den Drang, das Buch beiseitezulegen und nicht weiterzulesen.

Mediziner haben Dostojewskis Werke haeufig pathologisch zu erklaeren versucht. Diese Erklaerungsweise nach Art Lombrosos ist in den meisten Laendern heute zweifellos sehr bequem und duerfte allgemeine Zustimmung finden. Aber selbst wenn er ein Neurotiker war, so war er ein Neurotiker der russischen Autokratie. Wenn jemand einem aehnlichen Druck ausgesetzt waere wie er, dann wuerde er, je mehr er erlitte, desto besser seine mit Uebertreibung durchsetzte Wahrheit verstehen, seine Leidenschaft, so heiss, dass sie kalt wird, seine Geduld am Rande des Zerbrechens — und wuerde ihn zu lieben beginnen.

Jedoch kann ich mich als chinesischer Leser noch nicht mit der Dostojewskischen Duldsamkeit vertraut machen — der wahren Duldsamkeit gegenueber erlittenem Unrecht. In China gibt es keinen russischen Christus. In China herrscht das "Ritual", nicht Gott. Absolute, hundertprozentige Duldsamkeit laesst sich vielleicht gelegentlich bei jener sogenannten "tugendhaften Witwe" finden, deren Verlobter vor der Hochzeit starb und die in bitterer Keuschheit bis zum achtzigsten Lebensjahr ausharrt — doch nicht bei gewoehnlichen Menschen. Die Formen der Duldsamkeit existieren zwar, doch wenn man auf Dostojewskische Weise in die Tiefe graebt, fuerchte ich, findet man nur Heuchelei. Diese Heuchelei, die die Unterdruecker als eines der moralischen Gebrechen der Unterdrueckten bezeichnen, ist gegenueber den eigenen Leuten tatsaechlich ein Laster, doch gegenueber den Unterdrueckern wird sie zur Tugend. Dennoch endet die Dostojewskische Duldsamkeit nicht einfach in Predigt oder Protest. Denn es ist eine Duldsamkeit, die nicht standhaelt, eine allzu gewaltige Duldsamkeit. Die Menschen haben keine andere Wahl, als ihre Suenden mit sich zu tragen und geradewegs in Dantes Paradies einzubrechen, wo sie endlich im Chor singen und himmlische Tugend ueben. Nur die Mittelmaesstigen, die zwar keine Gefahr laufen, in die Hoelle zu stuerzen, werden wohl auch nicht ins Paradies gelangen.

20. November.

Tagebuecher und Briefe haben seit jeher ihre Leser gefunden. Frueher las man sie wegen Hofdokumenten und Staatsgeschaeften, wegen schoener Wendungen und klarer Diktion, um die Kunst der Bittstellung und der Fuersprache zu studieren — mit dem Ergebnis, dass selbst beruehmte Maenner es nicht wagten, ihre Tagebuecher und Briefe allzu sorglos zu verfassen. Schon die Literaten der Jin-Dynastie fuehlten sich genoetigt, in ihren Briefen zu vermerken: "In solcher Eile geschrieben, dass keine Zeit fuer Kursivschrift blieb." Heutige Tagebuchschreiber muessen taeglich mit Raubkopien rechnen und kommen kaum der Veroeffentlichung zuvor. Ein Teil von Oscar Wildes Selbstbekenntnissen ist bis heute unveroeffentlicht; Romain Rollands Tagebuecher durften erst zehn Jahre nach seinem Tod erscheinen. In unserem China waere das wohl kaum moeglich.

Allerdings hat sich der Zweck, die nichtliterarischen Schriften eines Literaten zu lesen, wohl etwas gegenueber den Beweggruenden der Alten verschoben und ist gewissermassen europaeisiert worden. Einerseits dient es der Erforschung der historischen Tatsachen der Literaturwelt; andererseits der Ergründung des Lebens des Autors — und Letzteres scheint zu ueberwiegen. Denn es gibt stets einen Teil der Worte und Taten eines Menschen, von dem er wuenscht, dass andere ihn erfahren, oder gegen dessen Bekanntwerden er zumindest nichts einzuwenden hat; ein anderer Teil aber ist nicht so. Und doch hat die menschliche Natur eine widerspenstige Vorliebe dafuer, gerade das zu erfahren, was andere nicht preisgeben wollen. So finden persoenliche Briefe ihren Absatz. Das bedeutet nicht, durch Schluesselloecher zu spaehen, um anderer Leute Geheimnisse zu enthuellen; es geschieht, weil man, um den ganzen Menschen zu kennen, ihn in seinen unbewachten Augenblicken beobachten muss, um die Wahrheit dieser Person — dieses Mitglieds der Gesellschaft — zu entdecken.

Selbst in schoepferischen Werken, die ihren festen Platz in der "Literaturtheorie" haben, kann sich der Autor nicht wirklich verbergen. Was immer er schreibt — dieser Mensch bleibt dieser Mensch, nur mit einigem Zierrat versehen und einiger Inszenierung ausgestattet, als haette er eine Uniform angezogen. Briefe schreibt man zugegebenermassen unbefangener, doch wer an Verstellung gewoehnt ist, wird unvermeidlich einige Gewohnheiten beibehalten; andere moegen glauben, er trete diesmal splitternackt auf die Buehne, doch in Wirklichkeit traegt er noch immer hautfarbene Unterwaesche, vielleicht sogar einen Buestenhalter, den er normalerweise nie benutzen wuerde. Gleichwohl: Im Vergleich zur Stunde, da er die hohe Muetze und den breiten Guertel anlegt, ist er diesmal entschieden naeher an der Wahrheit. Deshalb kann man aus den Tagebuechern oder Briefen eines Schriftstellers oft ein klareres Verstaendnis gewinnen als aus der Lektuere seiner Werke — im Grunde seine eigene knappe Selbstauslegung. Allerdings darf man auch das nicht voellig beim Wort nehmen. Manche Autoren wenden selbst bei ihren Kontoheften Finesse an; Schopenhauer fuehrte seine Konten auf Sanskrit, damit sie niemand verstehe.

Herrn Lingjings Zusammenstellung dieses Buches war, wie ich annehme, dazu gedacht, das vollstaendige Bild der Literaten sichtbar zu machen. Zum Glueck gibt es in China noch keinen, dessen Raffinesse so tiefgruendig waere wie die Schopenhauers. Nur mein Vorwortschreiben ist nicht ganz wie Briefeschreiben — es kommt unweigerlich zu einer gewissen Anwendung der Vorwort-Konventionen: Dies bitte ich Herausgeber und Leser gleichermassen im Auge zu behalten.

25. November 1935, nachts. Von Lu Xun aufgezeichnet im Studio der Halben Konzession in Zhabei, Shanghai.

Seit der Begriff "Kleines Prosastueck" in Mode gekommen ist, zeigt ein Blick in die Buchhandlungsanzeigen, dass sogar Briefe und Abhandlungen unter die Rubrik "Kleines Prosastueck" eingeordnet werden. Das ist natuerlich nur Geschaeftsstrategie und nicht massgeblich. Die allgemeine Meinung lautet vor allem, dass die Stuecke kurz sein muessen.

Doch Kuerze ist nicht das Kennzeichen des Kleinen Prosastuecks. Ein geometrischer Lehrsatz umfasst vielleicht nur einige Dutzend Schriftzeichen; das gesamte Daodejing nur fuenftausend Worte — keines von beiden laesst sich als Kleines Prosastueck bezeichnen. Es sollte wie das Hinayana der buddhistischen Schriften sein: zuerst den Inhalt pruefen, dann die Laenge betrachten. Kleine Gedanken behandeln, oder gar keine Gedanken, und das nicht in grosser Laenge — das mag man ein Kleines Prosastueck nennen. Was hingegen Schriften mit Rueckgrat und Kraft betrifft, so waere es besser, sie schlicht "Kurzessays" zu nennen. Kurz ist natuerlich nicht so gut wie lang, und mit einigen kaerglichen Zeilen laesst sich die Mannigfaltigkeit der Welt nicht erfassen, doch solche Schriften sind nicht "klein."

Die "Biographie des Bo Yi" und die "Biographie des Qu Yuan und Jia Yi" in den Aufzeichnungen des Grossen Historikers sind, nimmt man die zitierten Verse heraus, eigentlich nicht mehr als Kleine Prosastuecke; aber weil sie das Werk des Grossen Historikers sind und allgemein bekannt, ist niemand auf die Idee gekommen, sie herauszuloesen und nachzudrucken. Von der Jin- bis zur Tang-Dynastie gab es etliche solcher Autoren. Die Song-Prosa kenne ich nicht, doch die Dichtung der "Fluesse-und-Seen"-Schule war gewiss das, was ich als Kleine Prosastuecke bezeichnen wuerde. Was heute gefoerdert wird, ist die Ming- und Qing-Variante, deren besonderes Merkmal angeblich im "Ausdruck der angeborenen Empfindsamkeit" besteht. Damals konnten einige Autoren tatsaechlich nichts anderes als ihre angeborene Empfindsamkeit ausdruecken — die vorherrschende Atmosphaere, die Umgebung, zusammen mit der Herkunft und Lebensweise des Autors, liessen nur solche Gedanken und solche Texte zu. Obwohl sie beanspruchten, angeborene Empfindsamkeit auszudruecken, fielen auch sie mit der Zeit in ein Schema und "komponierten bloss zum vorgegebenen Thema Empfindsamkeit", wobei sie die immer gleichen Formeln hervorbrachten. Natuerlich ahnten manche das kommende Unheil und erlebten es spaeter am eigenen Leib, sodass sich unter den Kleinen Prosastuecken bisweilen auch Empoerung findet. Doch waehrend der literarischen Inquisition wurden all diese Schriften vernichtet und ihre Druckplatten zerschlagen. Was wir heute sehen, ist daher nichts als die "Pegasus-schwebt-durch-den-Himmel"-artige transzendente Empfindsamkeit.

Diese durch die Zensur der Qing-Dynastie hindurchgefilterte "Empfindsamkeit" passt, wie es der Zufall will, vortrefflich in die Gegenwart. Sie besitzt die Unbekuemmertheit der spaeten Ming ohne die sogenannte "Aufsaessigkeit" der fruehen Qing. Wenn es einen Staat gibt, ist man eine erhabene Persoenlichkeit; wenn der Staat untergeht, bleibt man wenigstens ein vornehmer Einsiedler. Doch auch der Einsiedler muss Qualifikationen vorweisen: Vor allem "Transzendenz" — der "Gelehrte" uebersteigt den gemeinen Poebel, der "Einsiedler" uebersteigt die Verantwortung. Dass heute besonderer Nachdruck auf die Kleinen Prosastuecke der Ming und Qing gelegt wird, hat tatsaechlich sehr gute Gruende und ist keineswegs verwunderlich.

Doch der Traum, "zugleich erhabene Persoenlichkeit und vornehmer Einsiedler" zu sein, wird wohl nicht lange waehren. Im vergangenen Jahr haben sich bereits grosse Risse gezeigt. Jene, die sich fuer einigerrmassen erhaben halten, produzieren bereits seitenweise leere Phrasen und reden sogar voelligen Unsinn. Die niedrigere Sorte ist zur Possenreisserei herabgesunken, nicht zu unterscheiden von vulgaeren, verachtenswerten Clowns, deren einziges Ziel es ist, den jungen Gecken ihr Tanzgeld abzuknoepfen und den Tanzmaedchen das Geschaeft streitig zu machen — ein erbaermlicher Zustand, der bereits mehrere Stufen unter der Schmetterlings-und-Mandarinenenten-Schule der Zeit der Vierten-Mai-Bewegung liegt. Wegen der Mode des Kleinen Prosastuecks sind in diesem Jahr auch sogenannte "Raritaeten" nachgedruckt worden. Manche Kritiker finden das bedenklich. Ich halte es jedoch nicht fuer nutzlos. Die Originale sind teuer und im Allgemeinen unerschwinglich; nun kann man fuer nur einen Yuan oder einige Jiao die Ahnen der heutigen Beruehmtheiten betrachten und sehen, wie die fruehe Empfindsamkeit Stockwerk auf Stockwerk tuermte und wie die heutige Empfindsamkeit bloss nachahmt, was sie sieht. Wer sich durch einen Haufen Rinderknochen durchgenagt hat — und seien es Rinderknochen —, gewinnt doch wohl den Scharfblick, sich nicht mehr von gebratenen Hornspitzen taeuschen zu lassen, oder?

Allerdings ist eine "Raritaet" nicht unbedingt eine "gute Ausgabe." Manche Buecher sind selten, gerade weil sie so langweilig sind, dass niemand sie lesen will, und so schwinden sie allmaehlich und werden wenige; weil sie wenig sind, werden sie "rar." Selbst die sogenannten "verbotenen Buecher", die in Antiquariaten hohe Preise erzielen, sind nicht alle mitreissende, aufruettelnde Werke. In der fruehen Qing-Dynastie wurden Buecher allein wegen ihres Autors verboten; oft hatte der Inhalt ueberhaupt nichts damit zu tun. In diesem Punkt brauchen die Leser ein pruefendes Auge, und man darf hoffen, dass Kenner angemessene Hinweise geben.

2. Dezember.

Sechs

Ich erinnere mich, dass Herr T mir einmal erzaehlte: Nach der Veroeffentlichung meiner Gesammelten Werke von ausserhalb der Sammlung habe Herr Shi Zhecun in irgendeiner Zeitschrift eine Kritik veroeffentlicht, in der er meinte, das Buch verdiene es nicht, gedruckt zu werden, und man haette besser eine Auswahl getroffen. Ich habe jene Zeitschrift nie gesehen; doch wenn man Herrn Shis Verehrung fuer die Literarische Auslese und seine Leistung bedenkt, eigenhaendig Zwanzig Essayisten der spaeten Ming-Zeit zusammengestellt zu haben, sowie seine selbstproklamierte Tugend der "Uebereinstimmung von Wort und Tat", so klingt das durchaus nach etwas, das er sagen wuerde. Zum Glueck brauche ich gegenwaertig seine Worte und Taten nicht zu untersuchen und muss mich darum nicht kuemmern.

Dass die Gesammelten Werke von ausserhalb der Sammlung es nicht verdienen, gedruckt zu werden — das ist richtig, wer auch immer es sagt. Ja, es betrifft nicht nur dieses eine Buch. Wenn kuenftig die Kaiserliche Bibliothek wiedereroeffnet wird, stehen vermutlich alle meine Uebersetzungen auf der Streichliste. Schon jetzt steht im Katalog der Bibliothek von Tianjin unter Aufschrei und Irrfahrt das Zeichen "vernichten" — "vernichten" heisst: soll vernichtet werden. Als Professor Liang Shiqiu einmal als Bibliotheksdirektor fungierte, hat er, wie ich hoere, ebenfalls einige meiner Uebersetzungen verbannt. Doch was die allgemeine Lage betrifft, so ist das Verlagswesen gegenwaertig wirklich nicht so streng, und so ist der Druck eines meiner Buecher, der Gesammelten Werke von ausserhalb der Sammlung, wohl kaum als besondere Verschwendung von Papier und Tinte anzusehen. Was Anthologien betrifft, bin ich eher der Meinung, dass sie mehr schaden als nuetzen. Ich erinnere mich, vorvoriges Jahr einen Aufsatz mit dem Titel "Ueber Anthologien" geschrieben zu haben, in dem ich meine Ansichten darlegte; spaeter wurde er in die Gesammelten Werke von ausserhalb der Sammlung aufgenommen.

Natuerlich, wenn man nur zum Vergnuegen blaettert, tut es jede Anthologie — die Literarische Auslese ist gut, und der Guwen Guanzhi auch. Aber wenn man Literatur oder einen bestimmten Autor studieren will — wenn man, wie es heisst, "den Menschen kennen und seine Zeit beurteilen" will —, dann ist eine fuer diesen Zweck geeignete Anthologie sehr schwer zu finden. Was eine Anthologie offenbart, ist oft nicht das Besondere des Autors, sondern der Blick des Herausgebers. Je schaerfer der Blick und je weiter die Kenntnis, desto genauer die Anthologie; doch leider sind die meisten Herausgeber kurzsichtig wie Bohnen, und weit mehr von ihnen verzerren das wahre Gesicht des Autors — darin liegt die eigentliche "literarische Katastrophe." Man nehme Cai Yong: Anthologisten waehlen gewoehnlich nur seine Steininschriften aus, sodass der Leser den Eindruck gewinnt, er sei nichts als ein Meister wuerdevoller, gewichtiger Prosa. Man muss die "Rhapsodie ueber eine Reise" in seinen gesammelten Werken lesen (auch im Nachtrag zum Alten Literaturgarten zu finden) — Verse wie "verschwenderischen Aufwand an Terrassen und Pavillons treibend, waehrend das Volk ohne Dach im Nassen schlaeft; feinstes Korn an Voegel und Wild verfuetternd, waehrend unten nicht einmal Spreu und Kleie vorhanden sind" (ich schreibe aus dem Gedaechtnis ohne das Buch zur Hand, moegliche Irrtümer vorbehalten) —, um zu verstehen, dass er nicht bloss ein pedantischer alter Gelehrter war, sondern ein Mann von Blut und Leidenschaft, dass man die Verhaeltnisse seiner Zeit begreift und dass er tatsaechlich Gruende hatte, die seinen Tod herbeiriefen. Oder man nehme Meister Tao Qian, dem die Anthologisten "Heimkehr!" und "Pfirsichbluetenquelle" entnommen haben und den die Kritiker wegen "am oestlichen Zaun Chrysanthemen pflueckend, gelassen den Suedberg erblickend" preisen — in der Vorstellung der Nachwelt schwebt er wahrlich schon viel zu lange in aetherischer Entrücktheit. In seinen gesammelten Werken aber ist er zuweilen recht modern: "Waere ich Seide, wuerde ich zum Pantoffel, den weissen Fuessen in jeder Wendung dienend; ach, dass Gehen und Stehen ihre Schicklichkeit haben — nutzlos verworfen vor dem Bett." Er wuenschte sich tatsaechlich, sich in die Schuhe seiner Geliebten zu verwandeln! Obwohl er spaeter behauptete, sich aus Gruenden der "rituellen Schicklichkeit" zurueckgehalten und den Angriff nicht zu Ende gefuehrt zu haben, waren diese Bekenntnisse wilder Phantasien doch recht kuehn. Selbst in seiner Dichtung gibt es neben dem von den Kritikern so bewunderten "gelassen den Suedberg erblickend" Verse wie "Der Jingwei-Vogel traegt Zweige im Schnabel, entschlossen, das Meer zu fuellen; Xingtian tanzt mit Schild und Axt, sein wilder Wille lebt ewiglich" — den Modus des "zuernenden Vajrapani" — als Beweis, dass er nicht Tag und Nacht in aetherischer Entrücktheit schwebte. Dieser Mensch, der "sein wilder Wille lebt ewiglich" schrieb, und dieser Mensch, der "gelassen den Suedberg erblickte", sind ein und dieselbe Person. Trifft man eine Auswahl, hat man nicht mehr den ganzen Menschen; fuegt man dann noch Hervorhebung und Unterdrueckung hinzu, entfernt man sich noch weiter von der Wirklichkeit. Man stelle sich einen Krieger vor: Er kaempft, er ruht, er isst und trinkt, und natuerlich hat er auch Geschlechtsverkehr. Naehme man nur diesen letzten Punkt, malte sein Portrait und haengte es in einem Bordell auf, ihn als "Grossmeister des Geschlechtsverkehrs" ehrend — so koennte man nicht sagen, dies sei voellig ohne Grundlage — und dennoch, welche Ungerechtigkeit! Wann immer ich sehe, wie heutige Autoren Tao Yuanming zitieren, kann ich nicht umhin, fuer den Alten Bedauern zu empfinden.

Auch dies ist eine Frage des Umgangs mit unserem literarischen Erbe. Wer so heruntergekommen ist, dass er schon verblendet ist, dem bleibt alles Gute verwehrt. Vor einigen Tagen sah ich im "Qingguang"-Beiblatt der Shishi Xinbao ein Zitat von Herrn Lin Yutang; das Original habe ich inzwischen weggeworfen. Der Kern war: Laozi und Zhuangzi seien der Oberlauf; Marktweibergeschimpfe und dergleichen der Unterlauf; beides wolle er betrachten; nur der Mittellauf, der von oben raffe und von unten stehle, sei voellig unbeachtenswert. Wenn meine Erinnerung stimmt, so ist dies wahrhaftig nicht nur ein Todesurteil ueber die Song-Diskursaufzeichnungen, die Ming-Prosastuecke und bis hinunter zu Lunyu, Renjianshi und Yuzhoufeng — diese "Mittellauf"-Werke —, sondern auch eine durchsichtige Erklaerung des voelligen Mangels an Selbstvertrauen des Sprechers. Doch dies ist immer noch Hochmut auf leerem Magen, denn auch der "Mittellauf" ist nicht einheitlich. Selbst wenn alle rauben, gibt es solche, die Nuetzliches nehmen, solche, die Nutzloses nehmen, und solche, die Schaedliches nehmen. Wenn der "Mittellauf" in seinen eigenen Unterlauf absinkt, kann er nicht einmal mehr richtig rauben — von Laozi und Zhuangzi ganz zu schweigen; selbst die Ming- und Qing-Aufsaetze — koennen sie wirklich gelesen und verstanden werden?

Die Interpunktion klassischer Texte ist nicht nur fuer Pruefungskandidaten eine Qual, sondern bringt auch beruehmte Gelehrte haeufig in Verlegenheit; die schoenen Geschichten ueber wild interpunktierte Lieddichtung und zerstueckelte Parallelprosa sind laengst Schnee von gestern und muessen nicht wiederaufgewaermt werden. Dieses Jahr sind viele billige sogenannte Raritaeten erschienen, alle von bekannten Fachleuten interpunktiert. Wer sich um die oeffentliche Moral sorgt, betrachtet dies mit Besorgnis und fuerchtet, es koenne die Flammen des Archaismus anfachen. So pessimistisch bin ich nicht. Fuer einen Yuan und einige Jiao Landeswaehrung kaufte ich einige Baende und las sowohl die Mittellauf-Schriften der Alten als auch die Mittellauf-Interpunktion der Heutigen; die Schlussfolgerung, dass der heutige Mittellauf die Mittellauf-Schriften der Alten moeglicherweise nicht verstehen kann — sie stammt von hier.

Zum Beispiel — und solches Beispielgeben ist sehr gefaehrlich; von alters her bis heute haben Literaten selten wegen irgendeiner Ketzerei in ihrer "Ideologie" ihr Leben verloren, sondern meist wegen persoenlicher Fehden. Dennoch muessen hier Beispiele her, denn an dieser Stelle sind sie unentbehrlich — wie man sagt: "der Pfeil liegt auf der Sehne und muss abgeschossen werden." Doch nach reiflicher Ueberlegung habe ich beschlossen, "die Namen vorlaeufig zu verschweigen" — vielleicht bewahrt mich das vor Unheil. Ich nutze hier die chinesische Schwaeche, nur auf die aeussere Fassade zu achten.

Zum Beispiel: Unter den "Raritaeten", die ich kaufte, befand sich ein Band von Zhang Dais Langyan-Sammlung, "Sonderausgabe, tatsaechlicher Preis vier Jiao." Laut dem Nachwort von "Lu Qian, Beiname Yiye, im zehnten Monat des Yihai-Jahres" sollte dies "den steilen und gewundenen Pfad in eine breite Strasse verwandeln." Doch liest man weiter mit Blick auf die Interpunktion, ist es nicht durchweg "eine breite Strasse." Interpunktion ist bei Fuenf- oder Siebensilbengedichten am leichtesten — da braucht man keinen Literaturwissenschaftler, ein Mathematiker genuegt. Doch bei Yuefu-Balladen wird es weniger "bequem", und so finden sich in Band drei, "Jing Qings Attentat", einige raetselhafte Saetze:

"...Trug ein Bleimesser. Verbarg es im Knie. Der Grosse Historiker berichtete. Die Verschwoerung war aufgedeckt. Nannte nicht Koenig trat vor. Sass dem Hofgewand gegenueber enthielt Blut spuckte..."

Es laesst sich fluessig lesen und reimt sich sogar, doch "Nannte nicht Koenig trat vor" ist doch recht raetselhaft. Prueft man die Originalvorrede, die lautet: "Qing wusste, dass die Sache scheitern wuerde. Sprang auf und beschimpfte den Herrscher. Grosser Zorn sagte. Nennt mich nicht Koenig. Selbst ein Koenig wuerde das wagen. Qing sagte. Heutiger Titel. Kann man noch Koenig nennen. Befahl seine Zaehne auszureissen. Der Koenig beschimpfte weiter. Dann Blut enthaltend nach vorn. Bespuckte das Hofgewand. Der Zorn des Herrschers wuchs. Schaelte ihm die Haut ab..." (Interpunktion folgt durchgehend dem Original) — dann muesste das Gedicht lauten: "Nannte ihn nicht 'Koenig', trat nach vorn und setzte sich" — "Nannte ihn nicht 'Koenig'" bedeutet "Kann man ihn noch Koenig nennen?"; und "trat nach vorn und setzte sich" bedeutet "dann, Blut im Mund, trat er nach vorn." Und in der Vorrede sollte "Sprang auf und beschimpfte den Herrscher. Grosser Zorn sagte" wohl eher heissen "Sprang auf und beschimpfte. Der Herrscher sagte in grossem Zorn", um Sinn zu ergeben — denn, wie jeder Aufsatzanfaenger weiss, laesst sich dies am nachfolgenden "Der Zorn des Herrschers wuchs" ablesen.

Wie "echt" und wie "geistvoll" die Kleinen Prosastuecke der Ming auch sein moegen, man kann nicht einfach unbedarft mit ihnen spielen. Sich selbst irrezufuehren, ist ein kleines Uebel; andere irrezufuehren, scheint weniger hinnehmbar. In Band sechs etwa, in der Vorrede zum "Bachstelzenlied" unter den "Qin-Melodien", findet sich folgender Satz: "Die Gefolgsleute des Fuerstentums Qin. Rieten dem Prinzen von Qin, Shimin. Das Werk des Herzogs von Zhou zu vollbringen. Legten Truppen in Hinterhalt am Xuanwu-Tor. Erschossen Jiancheng und Yuanji Wei Zheng. Trauerte ueber den Verlust verfasste."

Der Text liest sich glatt genug, doch ein Blick in die Geschichte der Tang offenbart, dass Wei Zheng hier wahrhaft unschuldig getoetet wurde — er starb tatsaechlich erst siebzehn Jahre nachdem Prinz Shimin Kaiser geworden war an einer Krankheit. Es bleibt uns also nichts anderes uebrig, als zu interpungieren: "Erschossen Jiancheng und Yuanji; Wei Zheng, trauernd ueber den Verlust, verfasste [dieses Stueck]." Es ist eindeutig Zhang Dai, der diese "Qin-Melodien" schrieb — wie kaeme Wei Zheng dazu? Ihn gleich mit totzuschiessen entbehrt nicht einer gewissen Logik, doch da "Mittellauf"-Literaten haeufig in der Stimme historischer Persoenlichkeiten dichten — so hat etwa Meister Han Yu einmal im Namen des Koenigs Wen von Zhou gesagt: "Euer Untertan verdient den Tod; der Himmlische Koenig ist weise und heilig" —, ist es hier sicherer, "Wei Zheng, trauernd ueber den Verlust, verfasste [dieses Stueck]" zu lesen.

Ich begehe hier das Vergehen der "gegenseitigen Verachtung unter Literaten"; meine Straftat heisst "Haarspalterei." Doch ich hoffe, "das Vergehen durch Verdienst aufzuwiegen", indem ich beweise, dass gewisse beruehmte Persoenlichkeiten nicht einmal einen Text verstehen, geschweige denn korrekt interpungieren koennen. Wenn solche Leute Anthologien zusammenstellen und diesen Aufsatz fuer gut und jenen fuer schlecht erklaeren, laeuft es einem wahrhaft kalt den Ruecken hinunter. Daher darf der ernsthafte Leser erstens nicht auf Anthologien vertrauen und zweitens nicht auf interpunktierte Ausgaben.

Sieben

Es gibt noch eine Sache, die den Leser am meisten in die Irre fuehren kann, und das ist das "Zitateexzerpieren." Es gleicht einem Stueck Stickerei, das man von einem Kleid gerissen hat; nachdem der Exzerpierer es aufgebauscht oder verdreht hat und behauptet, es zeige diese oder jene Entrücktheit, diese oder jene Weltferne, wird der Leser, der das Ganze nie gesehen hat, in einen Nebel der Verwirrung gehuellt. Das augenfaelligste Beispiel ist das oben genannte — "gelassen den Suedberg erblickend" — wo man Tao Qians "Ueber den Wein" und "Lektuere des Buches der Berge und Meere" und andere Gedichte vergisst und ihn zu nichts als einem Wolkenschweber formt — lauter Unfug des Zitateexzerpierens. Kuerzlich las ich in der Dezemberausgabe von Der Mittelschueler Herrn Zhu Guangqians Aufsatz "Ueber 'Das Lied endet, die Spielerin verschwindet; ueber dem Fluss stehen einige Gipfel gruen'", der diese beiden Verse als den Gipfel poetischer Schoenheit preist. Auch dies ist meiner Meinung nach nicht frei von dem kleinen Makel, Schoenheit im Fragment zu finden. Ueber ihre Vorzuege sagt er: "Ich liebe diese beiden Verse, nicht zuletzt weil sie mir eine Art philosophischer Tiefe offenbaren. 'Das Lied endet, die Spielerin verschwindet' drueckt Vergaenglichkeit aus; 'ueber dem Fluss stehen einige Gipfel gruen' drueckt Ewigkeit aus. Die liebliche Musik und die Musikerin moegen verschwunden sein, doch die gruenen Berge stehen majestaetisch wie eh und je, und bieten uns fuer immer einen Ort, an dem wir unsere Empfindungen ruhen lassen koennen. Der Mensch fuerchtet doch die Verlassenheit und sehnt sich nach Gesellschaft. Wenn das Lied endet und die Spielerin geht, scheint die Welt, in der wir soeben noch mit Auge und Geist schweiften, ploetzlich unter unseren Fuessen zusammenzubrechen. Das ist eines der unertraeglichsten Dinge im Leben; doch im naechsten Augenblick sehen wir die gruenen Gipfel ueber dem Fluss, als haetten wir einen neuen geliebten Gefaehrten gefunden, eine neue Welt, auf die wir unseren Fuss setzen koennen, und die ewig da sein wird. 'Die Berge enden, die Wasser verschwinden, kein Weg scheint mehr da; Weiden verdunkeln sich, Blueten leuchten auf — ein neues Dorf!' — der Geschmack ist aehnlich. Und mehr noch: Sind die Spielerin und das Lied wirklich verschwunden? Hat dieses innige, schmerzliche Stueck Musik den Berggeist nicht aufgeruettelt? Hat es den Zauber und die Erhabenheit der gruenen Flussgipfel nicht zum Ausdruck gebracht? Hat es sich nicht tief in diesen Zauber und diese Erhabenheit eingepraeegt? Jedenfalls haben die gruenen Berge und der Klang von Xianglings Zither bereits dieses Schicksalsband geknuepft; die gruenen Berge bestehen fort, also bestehen auch die Zither und die Spielerin fort."

Dies hat in der Tat seine Gruende fuer die Bewunderung dargelegt. Doch es ist nicht vollstaendig. Die Leser sind hoechst verschieden: Manche lesen gern die "Rhapsodie ueber den Fluss" und die "Rhapsodie ueber das Meer"; andere schaetzen "Den kleinen Garten" oder "Den verdorrten Baum." Letztere sind Literaten, die zwischen Sein und Nichtsein, Leben und Tod schwanken — sie scheuen den Tumult des Lebens, fuerchten aber auch seinen Abschied; sie sind zu muede, um das Leben zu suchen, doch am Tod haben sie auch keine Freude; Soliditaet erscheint zu starr, voellige Stille zu leer; sie sind erschoepft und brauchen Ruhe, doch Ruhe ist zu trostlos, also brauchen sie Trost. Daher werden neben "das Lied endet, die Spielerin verschwindet" auch Verse wie "Er ist nur irgendwo in diesem Berg, doch die Wolken sind zu tief, um zu wissen wo" oder "Gesang und Floeten kehren in den Hof zurueck; Lampenlicht steigt die Treppe herab" oft mit Wohlgefallen zitiert. Denn was man nicht vor Augen hat, ist doch in der Ferne da; waere es nirgends, so trauerte man — und das ist der Grund, warum der Daoist sagt: "Mit aufrichtigstem Herzen nehme ich Zuflucht zum Jadekaiser, dem Hoechsten Himmelsherrn!"

Die heilige Medizin, die den muehseligen Menschen troestet, ist in der Dichtung — um Herrn Zhus Wort zu verwenden — "heitere Stille":


Die alten Griechen haben friedvolle Ruhe vielleicht als den hoechsten Zustand der Dichtung betrachtet — darueber weiss ich nicht das Geringste. Doch nach den erhaltenen griechischen Dichtungen zu urteilen, sind Homers Epen grossartig und lebendig; Sapphos Liebeslieder sind offen und leidenschaftlich — keines von beiden ist heiter-still. Ich vermute, "heitere Stille" als hoechsten Zustand der Dichtung aufzustellen, waehrend dieser Zustand in der Dichtung selbst nie vorkommt, ist vielleicht aehnlich wie die Eiform als hoechste Form des menschlichen Koerpers aufzustellen, waehrend diese Form am Menschen nie vorkommt. Was Apoll auf dem Berggipfel betrifft — er steht dort, weil er ein "Gott" ist, und Goetterbilder werden zu allen Zeiten an erhoehter Stelle aufgestellt. Ich habe ein Foto dieser Statue gesehen: die Augen offen, der Ausdruck klar und frisch — keineswegs wie jemand, der "stets wie im suessen Traum" erscheint. Ob der Anblick des Originals "uns den Geschmack dieser 'heiteren Stille' vermitteln" wuerde, laesst sich fuer mich schwer mit Sicherheit sagen; sollte man es aber tatsaechlich empfinden, dann liegt es, vermute ich, zum Teil daran, dass die Statue "alt" ist.

Auch ich bin jemand, der oft zwischen Erhabenem und Vulgerem schwankt; was ich in diesem Moment sage, verdirbt ziemlich die Stimmung. Doch manchmal halte ich mich fuer recht "erhaben": gelegentlich schaue ich mir gern Antiquitaeten an. Ich erinnere mich, dass ich vor mehr als zehn Jahren in Peking einen baeuerlichen Emporkoemmling kennenlernte, der, ich weiss nicht wie, ploetzlich "erhaben" werden wollte. Er kaufte ein Ding-Dreifussgefaess, angeblich aus der Zhou-Dynastie — wahrlich mit Erdpatina uebersaet, antik und wuerdevoll. Doch zu aller Erstaunen liess er wenige Tage spaeter einen Kupferschmied saemtliche Patina und jeden Gruenspan blank polieren und stellte es dann in sein Wohnzimmer, wo es kupfern glaenzte. In meinem ganzen Leben habe ich kein zweites antikes Bronzegefaess gesehen, das derart blank poliert war. Jeder "vornehme Herr", der davon hoerte, brach in schallendes Gelaechter aus. Auch ich konnte damals nicht umhin, erst zu staunen und dann zu lachen — um dann sofort ernst zu werden, als haette ich eine Offenbarung empfangen. Diese Offenbarung war keine "philosophische Tiefe", sondern das Gefuehl, nun endlich etwas zu sehen, das dem wahren Aussehen eines Zhou-Dreifusses nahe kam. Ein Ding in der Zhou-Zeit war wie eine Schuessel in unserer heutigen Zeit. Wir wuerden unsere Schuesseln doch nicht ein ganzes Jahr ungewaschen lassen; also muss ein Ding damals blitzsauber und golden glaenzend gewesen sein — mit anderen Worten: Es war keineswegs "heiter-still", sondern eher "leidenschaftlich." Diese Vulgaeritaet hat mich nie verlassen; sie hat meinen Blick auf antike Kunst verwandelt. Nehmen wir etwa die griechische Bildhauerei: Ich habe stets den Eindruck gehabt, dass ihr heutiges Erscheinungsbild von "nichts als schlichter Einfachheit" unter anderem darauf zurueckzufuehren ist, dass sie in der Erde begraben lag oder lange dem Wind und Regen ausgesetzt war und so ihre Schaerfe und ihren Glanz verloren hat. Zur Zeit ihrer Entstehung muss sie nagelneuen, schneeweiß und glaenzend gewesen sein. Was wir heute als griechische Schoenheit sehen, ist daher nicht unbedingt das, was die Griechen selbst als schoen empfanden; wir sollten es uns als etwas Nagelneues vorstellen.

Wer ueber Literatur und Kunst diskutiert und dabei ein nebuloses "hoechstes Ideal" postuliert, der geraedt unweigerlich in eine "Sackgasse." In der Kunst verfaellt man dem Zauber der Erdpatina; in der Literatur wird man zum "Zitateexzerpieren" gedraengt. Und das "Zitateexzerpieren" ist bestens geeignet, Menschen zu fesseln — weshalb Herr Zhu nur Qian Qis zwei Verse greifen und sein ganzes Gedicht beiseite stossen kann, diese zwei Verse dann benutzt, um den ganzen Dichter zusammenzufassen, und sie dann einsetzt, um Qu Yuan, Ruan Ji, Li Bai und Du Fu niederzuschlagen, indem er sie alle fuer "nicht frei vom Aussehen des zuernenden Vajrapani, voller Empoerung" erklaert. In Wahrheit sind alle vier als unschuldige Opfer gefallen, um als Sockel fuer Herrn Zhus aesthetische Theorie zu dienen.

Betrachten wir zunaechst Qian Qis vollstaendiges Gedicht: "Beamtenpruefung: Der Geist des Xiang-Flusses spielt die Zither — Meisterhaft spielt sie die Wolken-und-Harmonie-Zither, / stets hoert man vom Geist der Kaisertochter. / Feng Yi tanzt vergebens, / der Mann von Chu ertraegt es nicht zu hoeren. / Bittere Melodien ruehren Gold und Stein zu Trauer, / reine Toene dringen in fernste Dunkelheit. / Von Cangwu kommt Sehnsucht und Klage, / weisser Engelwurz verbreitet seinen Duft. / Fliessendes Wasser erreicht das Xiang-Ufer, / trauriger Wind zieht ueber den Dongting-See. / Das Lied endet, die Spielerin verschwindet — / ueber dem Fluss stehen einige Gipfel gruen."

Um "Schlichtheit" oder "heitere Stille" zu beweisen, ist das vollstaendige Gedicht wahrlich nicht geeignet, denn die vier mittleren Verspaare stehen dem nahe, was man "welk und niedergeschlagen" nennt. Doch ohne den vorhergehenden Text wirken die letzten zwei Verse vage — wobei diese Vagheit vielleicht genau das ist, was der Zitateexzerpierer "entrückte Wunderbarkeit" nennt. Ein Blick auf den Titel genuegt: "Das Lied endet" schliesst "Zitherspiel" ab; "die Spielerin verschwindet" greift das Wort "Geist" auf; "ueber dem Fluss stehen einige Gipfel gruen" bezieht sich auf "Xiang." Das ganze Gedicht ist als Tang-Pruefungsgedicht durchaus respektabel, doch die letzten zwei Verse sind nicht sonderlich wundersam. Zudem steht im Titel ausdruecklich "Beamtenpruefung" — natuerlich wird da niemand "zuernend und voller Empoerung" auftreten. Wenn Qu Yuan, anstatt sich mit Pfeffer und Orchideen zu zanken, in die Hauptstadt gegangen waere, um eine Karriere im Staatsdienst anzustreben, haette er, so stelle ich mir vor, seine Beschwerden auch nicht auf dem Pruefungsbogen ausgeschuettet — seine erste Sorge waere gewesen, nicht durchzufallen.

Wir sollten uns daher einige andere Gedichte des Verfassers von "Der Geist des Xiang-Flusses spielt die Zither" ansehen. Doch auch ich habe seine gesammelten Gedichte nicht zur Hand, nur einen Band Ausgewaehlte Dichtung aus der Dali-Aera, ebenfalls eine pedantische Anthologie, die aber recht viele Gedichte enthaelt. Darunter ist eines: "An einer Herberge in Chang'an verfasst nach dem Nichtbestehen der Pruefung — Nicht erreichte ich die Hoffnung der blauen Wolken; / in Kummer beobachte ich die Pirole fliegen. / Birnenblueten in einer Kaltspeisenacht, / ein Reisender ohne Fruehlingskleid. / Die Geschicke der Welt wandeln sich mit der Zeit, / Freundschaften haben sich gegen mich gewendet. / Nur des Wirtes Weidenbaum bleibt, / er begegnet mir, noch immer zart sich neigend."

Kaum ist er durchgefallen, kritzelt er Gedichte an die Herbergswand und wird doch recht aufgebracht — was zeigt, dass er in "Der Geist des Xiang-Flusses spielt die Zither" nur wegen des Themas und weil es eine Beamtenpruefung war, nicht anders konnte als so geschmeidig und geschliffen zu dichten. Er und Qu Yuan, Ruan Ji, Li Bai und Du Fu zeigen gelegentlich alle das Antlitz des zuernenden Vajrapani, doch im Ganzen betrachtet reicht er nicht an deren volle Statur heran.

Es gibt eine Methode, die man "die Sache fuer sich betrachten" nennt. Dichtung fuer sich zu diskutieren mag man ebenfalls als unbedenklich bezeichnen. Doch ich habe stets gemeint, wer ueber Literatur diskutieren will, tut am besten daran, das gesamte Werk zu beruecksichtigen, und darueber hinaus den ganzen Menschen des Autors, sowie den Zustand der Gesellschaft, in der er lebte — erst dann naehert man sich der Gewissheit. Andernfalls gleitet man leicht ins Traumgerede ab. Ich bin nicht gegen Traumgerede an sich; ich bestehe nur darauf, dass der Hoerer klar weiss, dass er Traumgerede hoert. Das unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von meinem Rat an ernsthafte Leser, Anthologien und interpunktierte Ausgaben nicht als Zaubermittel fuer das Studium der Literatur zu betrachten. Richtet man den eigenen Blick auf ein breiteres Spektrum von Werken, so erkennt man, dass kein einziger der grossen Schriftsteller der Geschichte "durch und durch heiter-still" war. Tao Qian ist gross, gerade weil er nicht "durch und durch heiter-still" ist. Dass er heute so haeufig als "heiter-still" verehrt wird, liegt daran, dass er von Anthologisten und Zitateexzerpierern verkleinert und zerstueckelt worden ist.

Acht

Von den noch im Umlauf befindlichen gesammelten Werken der Alten haben die aus der Han-Zeit nichts Urspruengliches mehr bewahrt. Aus der Wei-Zeit enthaelt die erhaltene Sammlung des Ji Kang noch Widmungsgedichte, Antworten und Streitschriften anderer; aus der Jin-Zeit finden sich in Ruan Jis Sammlung auch Briefe Fuyis — beides sind vermutlich sehr alte Fragmente, die von spaeteren Haenden neu zusammengestellt wurden. Die Gesammelten Werke des Xie von Xuancheng bestehen zwar nur noch aus der ersten Haelfte, enthalten aber Gedichte, die gemeinsam mit seinen Amtskollegen verfasst wurden. Ich halte solche Sammlungen fuer die besten, denn waehrend man die Schriften des Autors selbst liest, kann man gleichzeitig sein Verhaeltnis zu anderen sehen — wie seine Werke im Vergleich zu denen seiner Dichterkollegen abschneiden, warum er sagte, was er sagte... Die moderne Sammlung, die diese Editionsmethode uebernimmt, ist, soweit ich weiss, die Gesammelten Schriften des Duxiu, der die relevanten Schriften anderer beigefuegt sind, die mit den darin bewahrten Texten zusammenhaengen.

Jene gewaltigen Schriftsteller, die bis ins Mark skrupuloes und sparsam mit Tinte sind, die ihr Lebenswerk auf ein einziges oder drei, vier Woerter reduzieren und auf dem Gipfel des Taishan einmeisseln wollen, "der rechten Person zu ueberliefern" — das ist natuerlich ihre Sache. Dann gibt es die gespenstergleichen "Autoren", die offensichtlich vom Himmlischen Heer beschuetzt werden und deren Namen durchaus oeffentlich sein koennten, die aber auf Heimlichkeit und Verschlagenheit bestehen, in Todesangst, ihre "Werke" koennten mit ihrer wahren Identitaet in Verbindung gebracht werden, die loeschen, waehrend sie schreiben, bis nur ein leeres Blatt uebrigbleibt und schliesslich gar nichts — auch das ist natuerlich ihre Sache. Doch Schriften, die wenigstens eine gewisse Verbindung zur Gesellschaft haben, sollten meiner Meinung nach allesamt gesammelt und gedruckt werden. Darunter wird natuerlich viel Spreu sein — was man "das Gestruepp nicht beschneiden" nennt —, doch gerade das macht einen tiefen Berg und einen grossen Sumpf aus. Wir leben nicht mehr in alter Zeit, als alles mit der Hand abgeschrieben oder in Holz geschnitten werden musste; es genuegt, die Bleilettern zu setzen. Zwar verschwendet auch der Bleisatz Papier und Tinte, doch wenn man bedenkt, dass sogar das Geschwaetz eines Yang Cunren noch gedruckt wird, dann kann man alles moegliche mit geschlossenen Augen in Druck geben. Die Chinesen sagen oft: "Wo ein Vorteil, da ein Nachteil." Ebenso gilt: "Wo ein Nachteil, da ein Vorteil." Die Fahne der kleinen Schamlosigkeit zu hissen, lockt natuerlich eine schamlose Meute an, doch die Bescheidenen zur Kuehnheit anzustacheln — das ist ein Vorteil.

Menschen, die sich in Bescheidenheit zurueckgezogen haben, sind tatsaechlich nicht wenige, doch die Mehrzahl tut es aus sogenannter "Selbstschonung." "Selbstschonung" ist natuerlich nichts Schlechtes — zumindest wird man nicht in Schamlosigkeit verfallen —, doch manche verwechseln "Ausstaffierung" und "Vertuschung" mit "Schonung." In ihren Sammlungen nehmen manche "Jugendwerke" auf, ueberarbeiten sie aber, pflanzen einem Kindergesicht einen weissen Bart auf. Andere nehmen Schriften ihrer Gegner auf, treffen aber strenge Auswahl und lehnen Schmaeh- und Verleumdungsartikel kategorisch ab, da sie wertlos seien. In Wirklichkeit haben diese Dinge denselben Wert wie der Haupttext — selbst wenn ihre Kraft nicht ausreicht, eine schamlose Meute anzulocken, haben sie, wenn sie mit dem wertvollen Haupttext zusammenhaengen, gerade darin ihren damaligen Wert. Die chinesischen Geschichtsschreiber haben dies laengst begriffen; deshalb findet man in den Dynastiegeschichten fuer gewoehnlich Biographien aufrechter Beamter und Biographien von Einsiedlern, aber auch Biographien grausamer Beamter und Biographien kaiserlicher Guenstlinge; Biographien treuer Minister, aber auch Biographien verraeterischer Minister. Denn ohne dies kann man das Ganze nicht erkennen.

Laesst man zudem die Listen der Gespenstergleichen nach Belieben verschwinden, kann man auch die Menschen und Schriften derer, die gegen sie kaempften, nicht voll verstehen. Von den Werken der Bergeinsiedler einmal abgesehen: War der Autor ein Mann, der in der Welt lebte und etwas Kaempferisches an sich hatte, dann hatte er unweigerlich Widersacher in der Gesellschaft. Doch diese Widersacher wuerdenn es nie zugeben und winseln kokett: "Wie ungerecht! Er macht mich ja bloss zu seinem eingebildeten Feind!" Doch schaut man genau hin, schiesst er sehr wohl Pfeile im Dunkeln; und sobald er ertappt wird, wechselt er zur offenen Lanze und behauptet, es sei Vergeltung dafuer, faelschlich als "eingebildeter Feind" bezeichnet worden zu sein. Die Listen, die er anwendet, wuerde er niemals ueberleben lassen — nicht nur im Nachhinein will er sie vernichtet wissen, selbst im Moment der Tat weicht er aus. Und der Herausgeber gesammelter Werke haelt es unter seiner Wuerde, solches Material aufzunehmen. Am Ende bleibt also nur die Schrift einer Seite erhalten; ohne Vergleichsmoeglichkeit sehen die Kampfschriften der Zeit saemtlich aus, als wuerde in die Luft geschossen, als toble ein einsamer Verruckter gegen das Leere. Ich habe oft gesehen, wie Leute die Aufsaetze der Alten kritisieren und sagen, dieser sei "zu scharfkantig", jener "mit gespanntem Bogen und gezogenem Schwert" — eben weil die Texte der Gegenseite voellig verschwunden sind. Waeren sie erhalten, koennten sie den Kritikern ein Stueck ihrer Begriffsstutzigkeit ersparen. Daher meine ich, es sollte kuenftig Sammlungen geben, die in grosser Breite allerhand angeblich wertlose Schriften anderer zusammentragen und als Anhang beifuegen. Obwohl es dafuer kein Vorbild gibt, waere es ein Schatz fuer die Nachwelt, von gleicher Funktion wie der Dreifuss des Yu, auf dem die Formen von Daemonen und Ungeheuern gegossen waren.

Selbst unter den neueren Zeitschriften findet sich Banalitaet, Schamlosigkeit und Vulgaeritaet, wie sie auf der Welt selten anzutreffen ist. Doch das ist tatsaechlich die "Literatur" einer gewissen Gruppe im heutigen China. Gegenwaertig kann sie dem Verstaendnis des Heute dienen; kuenftig dem Verstaendnis der Vergangenheit. Groessere Bibliotheken muessen sie aufbewahren. Doch ich erinnere mich, dass Herr C mir einmal erzaehlte, nicht nur diese, sondern auch ernsthafte, gediegene Zeitschriften wuerden selten aufbewahrt — zumeist binde man nur auslaendische Zeitschriften, einen dicken Band nach dem anderen: noch immer von der alten Krankheit befallen, "das Alte zu verehren und das Gegenwaertige zu verachten, das Nahe zu vernachlaessigen und das Ferne zu erstreben."

Neun

Zurueck zur schon erwaehnnten Langyan-Sammlung von Zhang Dai, einem Band der sogenannten Raritaeten-Reihe: Im Briefteil von Band drei findet sich ein Brief mit dem Titel "Nochmals an meinen achten Bruder Yiru", der folgendermassen beginnt: "Kuerzlich sah ich, dass du in deiner Anthologie Bewahrte Ming-Dichtung jedes Gedicht verworfen hast, das auch nur ein Schriftzeichen enthielt, das nicht Zhong und Tan aehnelte; jetzt preisen die Herren der Ji-Gesellschaft laut Wang und Li und verfluchen Zhong und Tan, und dein Auswahlverfahren hat sich schon wieder geaendert — jedes Gedicht mit einem einzigen Schriftzeichen, das Zhong und Tan aehnelt, wird verworfen. Die Gedichte von Zhong und Tan sind noch immer dieselben Gedichte; deine Augen und Haende sind noch immer dieselben Augen und Haende; und doch drehst du dich wie ein Loewenzahnsamen und wechselst so schnell wie ein Echo — wie koennen deine Ansichten so voellig ohne Ueberzeugung sein, deine Augen so voellig ohne festes Urteil, dein Mund so voellig ohne bestaendige Meinung, und das in solchem Ausmass? Als du Zhong und Tan bewundertest, sahst du ihre guten Seiten, nahmst aber auch all ihre schlechten Seiten mit; ihre Jade trug schliesslich noch rauhen Stein und haette nicht durchweg als unbezahlbar betrachtet werden sollen. Als du Zhong und Tan zu hassen begannst, sahst du ihre schlechten Seiten, doch ihre guten blieben bestehen; ihre Makel verdeckten schliesslich nicht ihren Glanz und haetten nicht insgesamt als Geröll verworfen werden sollen. Lass nicht, Bruder, die Worte der Herren von der Ji-Gesellschaft starr in deiner Brust sitzen; leere dein Herz, beruhige dein Temperament, und pruefe die Dinge sorgfaeltig — dann zeigen sich Schoenheit und Haesslichkeit von selbst. Warum solltest du anderer Leute Vorlieben zu deinen eigenen machen?..."

Dies malt deutlich das Gesicht des Anthologisten, der mit jedem Wind die Segel dreht, und beweist zugleich, wie unzuverlaessig Anthologien sind. Zhang Dai selbst allerdings vertrat die Ansicht, beim Zusammenstellen von Anthologien und Geschichtsschreiben duerfe man keine eigene Meinung haben. In seinem Brief "An Li Yanweng" sagt er: "In meinem Steinkasten, dem ich ueber vierzig Jahre lang meine stuermische Feder widmete, war mein Geist wie stilles Wasser und ein Qin-Bronzespiegel; ich habe keineswegs eigene Meinungen gebildet. Daher zeigten sich, wenn ich zur Feder griff, Schoenheit und Haesslichkeit von selbst; ich wage nicht zu behaupten, gemeisselt und geschliffen zu haben — ich folgte lediglich der Form des Gegenstands selbst...." Doch der Geist ist schliesslich kein Spiegel und kann auch nicht wirklich leer sein. Daher ist es, "leeres Herz und ruhiges Temperament" als Idealzustand der Gedichtauswahl aufzustellen und "keinerlei eigene Meinung zu bilden" als Idealzustand der Geschichtsschreibung, ebenso unerreichbar wie "heitere Stille" als hoechsten Zustand der Dichtung aufzustellen. Vor einigen Jahren haben die sogenannten "Menschen der dritten Kategorie" auf der Literaturbuehne — die Du Hengs und ihresgleichen — prahlend ihre Ueberparteilichkeit herausgekehrt, waren in Wirklichkeit aber ein Haufen Lumpen; bald zeigten sie ihr wahres Gesicht, und jeder mit Schamgefuehl schaemte sich, sie zu erwaehnen. Mehr muss hier nicht gesagt werden. Selbst einer, der aufrichtig glaubt, frei von Hintergedanken zu sein, und unerschuetterlich in der Mitte zu stehen meint, wie Zhang Dai, ist in Wirklichkeit dennoch parteiisch. Im selben Brief diskutiert er die Donglin-Partei: "...Seit Gu Jingyang seine Vorlesungen begann, hat die Donglin-Partei achtzig, neunzig Jahre lang unserem Staat Unheil gebracht. Aus dem Aufstieg und Fall der Partei laesst sich auf die Geschicke des Reiches schliessen. Wenn die Partei bluehte, wurde sie zum Kuerzesten Weg zum Berg Zhongnan; wenn sie fiel, wurde sie zur Yuanyou-Partei-Stele.... Unter den Gruendern der Donglin waren in der Tat viele Ehrenmaenner, doch nicht wenige Kleingeister haben sich eingeschlichen; die sich um ihr Banner scharten, waren saemtlich Kleingeister, obwohl unter denen, die sie anzogen, auch Ehrenmaenner waren. Die Faeden hier sind recht klar, die Lager recht verschieden.... Unter den Donglin-Angehoerigen braucht man die Mittelmaesstigen nicht zu erwaehnen, aber den habgierigen und anmassenden Wang Tu, den heimtueckischen und grausamen Li Sancai, Xiang Xu, der unter dem Raeuber Chuang Grosssekretaer wurde, und Zhou Zhong, der eine Denkschrift zur Usurpation einreichte — wenn diese sich in die Donglin einschlichen und man darauf bestehen wollte, sie alle als Ehrenmaenner zu ehren, so wuerde ich mir lieber den Arm brechen lassen. Am schmaehlichsten unter den Donglin war Shimin, der sich dem Raeuber Chuang ergebend sagte: 'Ich bin Shimin von der Donglin', in der Hoffnung auf ein hohes Amt. Als Prinz Lu als Regent ueber einen winzigen Rumpfstaat herrschte, sagten die Zensoren Ren Kongdang und ihresgleichen noch immer: 'Nur Donglin-Maenner duerfen Aemter bekleiden.' Die beiden Worte 'Donglin' waren da bereits dazu verdammt, zusammen mit diesem winzigen Lu-Staat unterzugehen. Solche Leute unter das Messer zu bringen, in siedende Kessel zu werfen — man kann wahrhaft nicht kraeftig genug Holz nachlegen...."

Das kann man wahrlich "strenge Worte und gerechte Gesinnung" nennen. Die angeführten Kleingeister sind allesamt historisch belegt, und Shimin ganz besonders — gibt es nicht auch dreihundert Jahre spaeter noch Menschen genau dieser Art? Es laesst einem wahrhaft das Blut in den Adern gefrieren. Doch seine strenge Verurteilung der Donglin ruehrt daher, dass es auch unter den Donglin Kleingeister gab. Da es in der gesamten Geschichte nie eine Partei gab, die ausschliesslich aus Ehrenmaennern bestand, wird jede Partei oder Gruppierung unweigerlich den Unmut derer erregen, die sich selbst fuer neutral halten. Ob die Guten oder die Schlechten ueberwiegen, im Ganzen betrachtet — das laesst er einfach beiseite. Oder er fuegt noch eine Wendung hinzu: Die Donglin, obwohl sie viele Ehrenmaenner enthalten, haben auch Kleingeister; die Anti-Donglin, obwohl sie viele Kleingeister enthalten, haben auch Aufrechte. So erscheint es, als gaebe es auf beiden Seiten Gute und Schlechte, ohne Unterschied. Doch weil die Donglin als Ehrenmaenner gelten, ist das Vorhandensein von Kleingeistern unter ihnen besonders beschaemend; weil die Anti-Donglin als Kleingeister bekannt sind, ist das Vorhandensein von Aufrechten unter ihnen besonders lobenswert. Streng gegen die Ehrenmaenner, nachsichtig gegen die Kleingeister — er bildet sich ein, scharfsichtig genug zu sein, die Spitze eines Herbsthaares zu erkennen, waehrend er in Wirklichkeit den Kleingeistern zuarbeitet. Wuerde man stattdessen sagen: Die Donglin, obwohl sie einige Kleingeister enthalten, sind ueberwiegend Ehrenmaenner; die Anti-Donglin, obwohl sie einige Aufrechte enthalten, sind ueberwiegend Kleingeister — dann fielen die Gewichte ganz anders.

Herr Xie Guozhen hat in seiner Studie ueber die Partei- und Gruppiengsbewegungen in der spaeten Ming- und fruehen Qing-Zeit die Quellen mit grossem Fleiss erforscht. Nachdem er Wei Zhongxians zwei Runden grausamer Verfolgung der Donglin geschildert hat, sagt er: "Zu jener Zeit hielten sich Verwandte und Freunde alle fern und versteckten sich. Die Schamlosen unter den Beamtengelehrten hatten sich laengst unter dem Banner der Wei-Partei ergeben. Diejenigen, die ein paar Worte der Gerechtigkeit sprachen, die versuchten, den Ehrenmaennern zu helfen, waren nur eine Handvoll Büchernarren und einige Leute aus dem einfachen Volk."

Er bezieht sich auf den Vorfall, als Wei Zhongxian seine Geheimpolizei schickte, um Zhou Shunchang zu verhaften, und diese vom Volk von Suzhou geschlagen und verjagt wurde. In der Tat, das einfache Volk, obwohl es keine Klassiker liest, keine Geschichtsmethodik kennt, nicht weiss, wie man im Jade Makel findet oder im Kot den Weg sucht, kann das grosse Ganze ueberblicken, Schwarz und Weiss unterscheiden und Recht von Unrecht trennen — es besitzt oft ein Urteilsvermoegen, das die erhabenen, weltgewandten Beamtengelehrten nicht im Entferntesten erreichen. Soeben erhielt ich die heutige Ausgabe des Shanghai Evening Post mit einer "Sonderkorrespondenz aus Beiping" ueber eine Studentendemonstration: Die Studenten wurden von Polizei-Wasserwerfern bespritzt, mit Knueppeln geschlagen und mit Messern verletzt; einige wurden ausserhalb der Stadtmauern eingesperrt, der Kaelte und dem Hunger ausgesetzt. "Daraufhin organisierten Schueler und Lehrer der Yanji-Mittelschule, der Mittelschule der Normaluniversitaet und Anwohner der Umgebung Hilfsmannschaften und brachten Wasser, Fladenbrot, gedaempfte Broetchen und andere Nahrungsmittel. Die Studenten wurden etwas von ihrem Hunger befreit..." Wer sagt, Chinas einfaches Volk sei dumm? Betrogen, geschwindelt und unterdrueckt bis zum heutigen Tag, sieht es dennoch so klar. Zhang Dai sagte auch: "Treue Untertanen und aufrechte Maenner zeigen sich zumeist, wenn der Staat zerbricht und die Familie faellt — wie Feuer, das aus dem Feuerstein geschlagen wird, ein Aufblitzen und dann Dunkelheit. Wenn der Herrscher sie nicht rasch sammelt, erlischt der Funke." (Vorwort zu den "Gedichten ueber Yues Untergang") Der "Herrscher", den er meint, ist der Gruender der Ming-Dynastie; das passt nicht zur gegenwaertigen Lage.

Doch solange der Feuerstein da ist, wird der Funke nie erloeschen. Dennoch muss ich die Position bekraeftigen, die ich vor neun Jahren eingenommen habe: Keine Petitionen mehr!

Naechte des 18.-19. Dezembers.

Als die Methode der Lateinisierung chinesischer Schriftzeichen erstmals erschien, waren sowohl die vereinfachten Zeichen des Blockschriftsystems als auch das Nationale Phonetische Alphabet geschlagen. Der einzige verbliebene Konkurrent war die romanisierte Umschrift. Das stärkste Argument, das die Konservativen der romanisierten Umschrift gegen die lateinisierte Schrift ins Feld führten, war, dass deren Methode zu einfach sei und viele Zeichen sich nur schwer unterscheiden ließen.

Dies ist tatsächlich ein Mangel. Jede Schrift, die leicht zu erlernen und leicht zu schreiben ist, ist im Allgemeinen kaum präzise. Eine umständliche Schrift ist zwar nicht unbedingt präzise, doch wenn man Präzision anstrebt, kommt man um ein gewisses Maß an Komplexität nicht herum. Die romanisierte Umschrift kann die vier Töne anzeigen, die lateinisierte Schrift nicht, sodass sie nicht zwischen „dong" (Osten) und „dong" (lenken) unterscheiden kann. Doch die Blockschrift kann „dong" (Osten) von „xian" (eine Fasanenart) unterscheiden, was die romanisierte Umschrift ebenfalls nicht vermag. Die Vorzüge einer neuen Schrift allein danach zu beurteilen, ob sie ein oder zwei Zeichen unterscheiden kann, ist kaum angemessen. Zudem wird die Bedeutung klar, sobald Zeichen in Sätzen verwendet werden. Selbst bei Blockschriftzeichen lässt sich die genaue Bedeutung oft nicht bestimmen, wenn man nur ein oder zwei Zeichen herausgreift. Zum Beispiel die beiden Zeichen „ri zhe" — isoliert betrachtet können wir sie als „die Sonne, dieses Ding" verstehen, als „in letzter Zeit" oder als „ein Wahrsager". Ebenso bedeutet „guo ran" gewöhnlich „tatsächlich", ist aber auch der Name eines bestimmten Tieres und kann als Beschreibung für etwas Hervorstehendes dienen. Selbst das einzelne Zeichen „yi" lässt sich, wenn es allein steht, nicht als die Zahl „eins" in „eins, zwei, drei" oder als das Verb „vereinigen" in „die vier Meere vereinigen" bestimmen. Doch setzt man sie in einen Satz, verschwindet die Mehrdeutigkeit. Ein oder zwei Wörter aus der lateinisierten Schrift herauszugreifen und sie als vage zu bezeichnen, ist daher keine berechtigte Kritik.

Der eigentliche Streit zwischen den Befürwortern der romanisierten Umschrift und der Lateinisierung liegt nicht in Präzision gegen Grobheit, sondern in ihrer Herkunft — das heißt, in ihrem Zweck. Das Lager der romanisierten Umschrift nimmt die traditionellen Blockschriftzeichen als Grundlage und überträgt sie in römische Buchstaben, wobei verlangt wird, dass alle nach diesen Regeln schreiben. Das Lateinisierungslager hingegen nimmt die lebendigen gesprochenen Dialekte als Grundlage und überträgt sie in lateinische Buchstaben — und genau das ist die Norm. Würde man ein Reimwörterbuch als Wettbewerbsvorlage übersetzen, würde Letztere sicher verlieren. Doch wenn es darum geht, die lebendige Sprache wirklicher Menschen aufzuschreiben, ist es mühelos. Dieser eine Punkt allein kompensiert jeden Mangel an Präzision mehr als reichlich — ganz zu schweigen davon, dass künftige Versuche das System schrittweise verbessern können.

Leichte Methoden und schwierige Methoden: das sind die beiden großen Lager unter den Reformern. Beide sind unzufrieden mit dem Status quo, doch ihre Mittel, ihn aufzubrechen, unterscheiden sich gewaltig: das eine ist Erneuerung, das andere Restauration. Selbst unter den Erneuerern sind die Mittel grundverschieden: das eine ist der schwierige Weg, das andere der leichte. Zwischen diesen beiden herrscht Kampf. Das prächtige Banner des Lagers des schwierigen Weges ist stets Vollständigkeit und Präzision, womit sie den Fortschritt des leichten Weges behindern. Ihr eigener Ansatz jedoch, der nichts weiter als ein Luftschloss ist, bringt ausnahmslos keinerlei Ergebnisse hervor: Er funktioniert schlicht nicht.

Dieses Nicht-Funktionieren ist jedoch gerade der Trost der Reformer des schwierigen Weges, denn obwohl sie in der Praxis nichts erreichen, genießen sie den Ruf der Reform. Manche Reformer reden überaus gerne über Reform, doch wenn wirkliche Reform vor ihrer Tür steht, erfüllt sie das mit Schrecken. Nur durch endloses Reden über schwierige Reform können sie das Eintreffen der leichten Reform verhindern — das heißt, sie strengen sich aufs Äußerste an, den Status quo aufrechtzuerhalten, während sie großspurig über Reform dozieren und dies als Verfolgung ihres perfekten Reformwerks verbuchen. Das unterscheidet sich im Grunde nicht von dem Vorschlag, im Bett liegend das Schwimmen zu erlernen und sich erst dann ins Wasser zu wagen.

Die Lateinisierung hingegen ist frei von diesem Übel des leeren Geredes. Was gesagt werden kann, kann geschrieben werden. Sie ist mit den Massen verbunden; sie ist kein Kunstgegenstand für das Studierzimmer oder das Labor, sondern etwas für die Straßen und Gassen. Ihre Bindung an die alte Schrift ist gering, doch ihre Verbindung zum Volk ist stark. Wenn wir wollen, dass alle ihre eigenen Meinungen äußern und wesentliches Wissen erwerben können, gibt es schlicht kein einfacheres Schriftsystem als dieses.

Und erst wenn Menschen, die nichts als die lateinisierte Schrift kennen, beginnen, schöpferische Literatur zu verfassen, wird die chinesische Literatur eine wahre Wiedergeburt erleben — eine wahrhaft neue Literatur für das moderne China —, denn sie werden von nicht der geringsten Spur des Zhuangzi, des Wenxuan oder Ähnlichem vergiftet sein.

23. Dezember.

Als Gogol mit der Arbeit am ersten Teil der Toten Seelen begann, war es die zweite Hälfte des Jahres 1835 — ein volles Jahrhundert ist seither vergangen. Glücklicherweise — oder vielleicht unglücklicherweise — sind viele der darin vorkommenden Gestalten heute noch sehr lebendig, sodass wir Leser aus einem anderen Land und einer anderen Zeit das Gefühl haben, er schriebe über unsere eigene Umgebung. Man kann nicht umhin, seine große realistische Begabung zu bewundern. Freilich haben sich die Sitten jener Zeit gewandelt: Die Männerkleidung etwa unterscheidet sich nur wenig von der heutigen, doch die hohen Frisuren und weiten Röcke der jungen Damen sieht man kaum noch. Die modische Kutsche jener Epoche war kein stromlinienförmiges Automobil, sondern ein von drei Pferden gezogener Planwagen, und der sogenannte blendende Glanz, der einen Tanzabend erhellte, war kein elektrisches Licht, sondern lediglich Reihen von Kerzen auf vielarmigen Leuchtern. All dies ist ohne Abbildungen nur schwer anschaulich vorzustellen.

Was die berühmten Illustrationen zu den Toten Seelen betrifft, so berichtet Liskoff, es gebe insgesamt drei Ausgaben, und die genaueste und vollständigste sei Agins Sammlung von hundert Blättern. Diese Illustrationen umfassten ursprünglich zweiundsiebzig Tafeln; das Erscheinungsjahr ist ungewiss, muss aber vor 1847 liegen — also vor fast neunzig Jahren. Sie wurden bald zu Raritäten. Das kürzlich erschienene sowjetische Literaturlexikon hat sie als Abbildungen verwendet, was zeigt, dass sie bereits als anerkanntes Referenzwerk gelten. Selbst in ihrem Heimatland kann man ihnen wohl nur in einer Bibliothek begegnen, geschweige denn bei uns in China. Im Herbst dieses Jahres entdeckte Herr Meng Shihuan diese Sammlung plötzlich in einem Shanghaier Antiquariat und rannte, wie ein Kind beim Anblick von Süßigkeiten, sogleich aufgeregt umher, um sie schließlich in seine Hände zu bekommen. Es ist die vierte Auflage, gedruckt 1893 — nicht nur sind alle hundert Tafeln vollständig, sondern es sind drei zusätzliche Blätter aus der Sammlung des Sammlers Jefremow beigefügt, dazu eine Werbegrafik und eine kleine Zeichnung vom Umschlag der Erstausgabe: insgesamt hundertfünf Tafeln.

Vermutlich wurde das Buch zur Zeit der Oktoberrevolution von einem Russen außer Landes gebracht. Er muss ein Liebhaber der Literatur und Kunst gewesen sein, der es sechzehn Jahre lang gehütet hatte, bevor er es schließlich gegen Nahrung und Kleidung eintauschen musste. In China gibt es wahrscheinlich kein zweites Exemplar. Es wegzuschließen wäre, für einen selbst wie für andere, beinahe eine Sünde. Daher haben wir nun den Nachdruck dieses Buches veranlasst. Abgesehen von der Einführung ausländischer Kunst liegt unser erster Zweck darin, es jenen in China zu überreichen, die Literatur studieren oder lieben, damit es den Roman ergänze — nach dem Prinzip „Abbildungen links, Geschichte rechts" — und ein klareres Bild der russischen bürgerlichen Gesellschaft in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vermittle. Zweitens möchten wir es den Illustratoren darbieten, damit sie die realistischen Vorbilder eines anderen Landes betrachten und verstehen, worin sie sich von Chinas traditionellen „Geschichtsbildern" oder „gestickten Porträts" unterscheiden, und vielleicht etwas daraus lernen können. Zugleich möge dies den Mann trösten, der diese Sammlung verkaufte: Sein Original wird vertausendfacht und in der Welt verbreitet — mehr als genug, seinen Verlust aufzuwiegen — und hoffentlich war Herrn Meng Shihuans aufgeregtes Umherrennen nicht umsonst. Für Holzschnittkünstler allerdings dürfte der Nutzen gering sein, denn obwohl man sie Holzschnitte nennt, stammte die Zeichnung von einer Person und der Schnitt von einer anderen — grundlegend verschieden vom heutigen schöpferischen Holzschnitt, bei dem der Künstler selbst zeichnet und schneidet, bei dem das Schneiden selbst die Kunst ist.

Es gibt tatsächlich unverhoffte Glücksfälle auf dieser Welt. Gerade als die chinesische Übersetzung der Toten Seelen veröffentlicht zu werden begann, sandte mir Herr Cao Jinghua einen Satz Illustrationen — ebenfalls nicht lange nach der Oktoberrevolution in Petrograd erworben. Es handelt sich genau um die zwölf Tafeln von Sokolow, die Liskoff erwähnt. Obwohl das Papier recht beschädigt ist, sind die Bilder weitgehend unbeschädigt. Aus Furcht, sie könnten durch mich verloren gehen, lasse ich sie nun als Anhang zu Agins hundert Tafeln drucken. Damit sind die zwei realistischsten und einander ergänzenden Illustrationsreihen zu den Toten Seelen, geschaffen von russischen Künstlern, in diesem einen Band vereint.

Die Übersetzung des Vorworts und der Bildunterschriften ist ebenfalls das Werk von Herrn Meng Shihuan. Die Untertitel folgen im Allgemeinen der Übersetzung, weichen jedoch an einigen Stellen ab, die ich nicht vereinheitlicht habe. Die Bildunterschrift des allerletzten Blattes findet sich nicht im ersten Teil; ich vermute, sie zeigt eine Begebenheit aus dem zweiten Teil, nach Tschitschikows Freispruch — es war die Mode unter den russischen Literaten jener Epoche: Sie fügten gern einen Hauch moralischer Belehrung hinzu. Was Korrektur, Druck und Bindung betrifft, so wurden diese von Herrn Wu Langxi und einigen weiteren Freunden besorgt. Dies sei hier mit Dank vermerkt.

24. Dezember 1935. Lu Xun.

Die editorische Anlage dieses Bandes folgt demselben Prinzip wie beim vorigen: Die Texte sind chronologisch nach der Entstehungszeit geordnet. Alle im ersten Halbjahr in Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten durchliefen die amtliche Zensur, und es gab vermutlich einige Streichungen, aber ich war zu träge, jede einzeln abzugleichen und mit schwarzen Punkten zu kennzeichnen. Wer den vorherigen Band gelesen hat, wird wissen, welche Art von Äußerungen obrigkeitlichen Anstoß erregen.

Zwei Stücke wurden in Gänze unterdrückt. Eines war „Was ist Satire?", verfasst für die Hundert Themen der Literatur der Literarischen Gesellschaft; als es gedruckt erschien, war es durch das einzige Wort „fehlt" ersetzt worden. Das andere war „Vom Helfen zum Faseln", geschrieben für das Literarische Forum; bis heute ist es spurlos verschwunden — nicht einmal das Wort „fehlt" ist geblieben.

Durch das Verhältnis zwischen Autor und Zensor lernte ich die Zensoren indirekt kennen und empfand zuweilen beträchtliche Bewunderung. Ihre Nasen sind bemerkenswert fein. Mein Aufsatz „Vom Helfen zum Faseln" richtete sich gegen jenen großen Schwarm von Politikern, Magnaten, Literaten und Gelehrten, die dies und jenes ausposaumen — Kinderjahr, Frauenjahr, Rettung der Nation durch Klassiker-Lektüre, Ehrfurcht vor den Alten und Korrektur der Sitten, Chinesische Kernkultur, Literatur der dritten Kategorie und so fort. Betrachtet man es unter dem Aspekt, dass diese Leute bereits unfähig geworden sind, wirklich zu helfen, und nur noch faseln können, so verdiente der Aufsatz gewiss sein Verbot, denn er sah zu klar und sprach zu deutlich. Andere teilten offenbar meine Bewunderung, denn bald kursierte das Gerücht, Literaten seien zu Zensoren geworden, was Herrn Su Wen am 7. Dezember 1934 veranlasste, folgenden offenen Brief im Ta Wan Pao zu veröffentlichen:

„Einem Autor sogleich den Empfang unredlicher Gelder zu unterstellen, ist ein alter Brauch in Literatenkreisen. Das Gerücht, ich nähme Rubel, verfolgt mich seit vier oder fünf Jahren; erst nach dem Zwischenfall vom 18. September wurde die Rubel-Anklage fallen gelassen und durch die frischere Beschuldigung ersetzt, ‚pro-japanisch' zu sein. Ich habe es nie für nötig gehalten, ‚zum Schutze Ihres geschätzten Blattes' Richtigstellungen zu senden, und habe es daher nie getan. Doch die Gerüchte wucherten immer wilder, bis sie schließlich über Herrn Su Wen selbst hereinbrachen — Beweis dafür, dass dort, wo Gerüchte gedeihen, ‚jeder Vorteil seinen Nachteil hat.' Nach meiner eigenen Erfahrung scheint die ‚Fürsorge' der Zensoren für die ‚Dritte Kategorie' allerdings echt zu sein. Zwei meiner Aufsätze vom vergangenen Jahr erregten ihren Anstoß: einer wurde gestrichen (‚Vermischte Gedanken nach einer Krankheit') und der andere verboten (‚Mutmaßungen über bemalte Gesichter'). Vielleicht gab es ähnliche Vorfälle, die die Leute vermuten ließen, er sei ‚der xx-(Originalwortlaut) Gesellschaft beigetreten.' Das ruft wahrhaftig ‚höchste Empörung' hervor — und einem Schriftsteller, der Spott nicht gewohnt ist, kann man das nicht verdenken."

Doch in einer Gesellschaft, die echte Gerüchtemacherei nicht bemerkenswert findet, ist auch echte Bestechung nicht bemerkenswert. Eine Gesellschaft, die Bestechung bestrafte, würde auch jene bestrafen, die Bestechungsgerüchte erfinden. Deshalb können Periodika, die Gerüchtemacherei benutzen, um Schriftstellern zu schaden, nur als Makulatur dienen — in der Praxis haben sie sehr wenig Wirkung.

Vier der Stücke in diesem Band wurden ursprünglich auf Japanisch verfasst. Ich habe sie nun selbst übersetzt, und für den chinesischen Leser sind einige Erläuterungen angebracht. Erstens: Im Vorwort zu Das lebende China verspotte ich die sogenannten „China-Experten" und weise auf die japanische Vorliebe für Schlussfolgerungen hin; mein Ton legt nahe, dass ich mich über ihre Oberflächlichkeit lustig mache. Doch diese Eigenschaft hat auch ihre Vorzüge: Ihre Ungeduld, zu Schlussfolgerungen zu gelangen, entspringt ihrer Ungeduld zum Handeln, und wir sollten nicht einfach lachen und es dabei bewenden lassen.

Zweitens: „Konfuzius im modernen China" erschien in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Kaizo, zu einer Zeit, da unsere „Nachfahren des Heiligen" in Tokio ihren Ahnen huldigten, in bester Stimmung. Der Text wurde von Herrn Yi Guang übersetzt und in der zweiten Ausgabe (Juli) der Zeitschrift Zawen veröffentlicht. Ich habe ihn nun leicht überarbeitet und hier aufgenommen.

Drittens: Im Vorwort zur japanischen Übersetzung meiner Kurzen Geschichte des chinesischen Romans erklärte ich meine Freude, verschwieg jedoch einen Grund: Nach zehn Jahren hatte ich endlich eine persönliche Kränkung gerächt. Im Jahr 1926 hatte Professor Chen Yuan — auch bekannt als Xi Ying — mich in Peking öffentlich persönlich angegriffen und behauptet, dieses Werk sei aus dem Abschnitt über Erzählliteratur in Professor Shionoyas Abriss-Vorlesungen über chinesische Literatur gestohlen. Das „systematische Plagiat", von dem in seinen „Plaudereien" die Rede war, bezog sich ebenfalls auf mich. Inzwischen liegt Professor Shionoyas Buch längst in chinesischer Übersetzung vor, und meines nun auf Japanisch. Die Leser beider Nationen können selbst urteilen — hat irgendjemand mein „Plagiat" nachgewiesen? Ach, „männlicher Diebstahl und weibliche Hurerei" gelten als die schändlichsten Dinge der Welt. Zehn Jahre lang trug ich die Schmach des „Plagiats", doch nun kann ich sie endlich abstreifen und das Banner des „lügnerischen Hundes" an Professor Chen Yuan zurückgeben, den selbsternannten „aufrechten Ehrenmann." Kann er sich davon nicht reinwaschen, muss er es wohl zeitlebens tragen und damit ins Grab gehen.

Viertens: „Über Dostojewski" entstand auf Bitte des Mikasa-Verlags als einführender Aufsatz für Leser. Was ich darin zum Ausdruck bringe, ist, dass der Unterdrückte dem Unterdrücker gegenüber nur Sklave oder Feind sein kann — niemals Freund. Folglich ist die Moral des einen nicht die des anderen.

Zum Schluss möchte ich Herrn Kamata Seiichi gedenken, einem Angestellten der Uchiyama-Buchhandlung, der die Malerei sehr liebte. Er hat meine drei Ausstellungen deutscher und russischer Holzschnitte ganz allein eingerichtet. Während des Zwischenfalls vom 28. Januar war er es, der mich, meine Familie und eine Gruppe anderer Frauen und Kinder in Sicherheit in die Internationale Konzession brachte. Im Juli 1933 starb er in seiner Heimatstadt an einer Krankheit; die Inschrift auf dem Grabstein vor seinem Grab stammt von meiner Hand. Noch heute, wenn ich an die Zeitungen denke, die es bloß amüsant fanden, Nachrichten über meine Misshandlung und Ermordung zu verbreiten, und an die Buchhandlung, die mich wegen achtzig Dollar mehrfach hin und her schickte, um am Ende doch nicht zu zahlen, empfinde ich ihm gegenüber tiefe Dankbarkeit — und tiefe Beschämung.

In den letzten Jahren haben wohlmeinende fortschrittliche junge Menschen gelegentlich bedauert, dass ich nicht mehr viel Literatur schreibe, und ihre Enttäuschung kundgetan. Dass ich die Jugend nur enttäuschen kann, ist unbestreitbar, aber es liegt ein Missverständnis vor. Heute habe ich selbst Bilanz gezogen: Von meinen ersten Zufälligen Eindrücken in der Neuen Jugend bis zum letzten Stück in dieser Sammlung sind achtzehn Jahre vergangen, und allein meine vermischten Aufsätze umfassen etwa achthunderttausend Schriftzeichen. In den letzten neun Jahren habe ich doppelt so viel geschrieben wie in den ersten neun; und in diesen letzten neun Jahren entspricht die Zeichenzahl der letzten drei Jahre der der vorangegangenen sechs. Die Behauptung, „er schreibt nicht mehr viel", ist also keineswegs eine zutreffende Einschätzung. Zudem scheint keinem dieser fortschrittlichen jungen Leute die gegenwärtige Unterdrückung der freien Rede aufgefallen zu sein, was ich recht erstaunlich finde. Ich meine, wer über das Werk eines Schriftstellers urteilen will, muss auch die Umstände bedenken.

Natürlich sind diese Umstände äußerst schwer zu durchschauen, denn würden sie öffentlich, müssten Schriftsteller Verfolgung fürchten und Verleger die Versiegelung ihrer Türen. Doch wer Verbindungen zum Verlagswesen hat, kann zumindest einen Teil dessen erahnen, was vor sich geht. Rufen wir uns nun einige einst öffentliche Vorgänge in Erinnerung. Vielleicht erinnern sich manche Leser an folgende Nachricht, die am 14. März des 23. Jahres der Republik China (1934) im Ta Mei Wan Pao erschien:

„Die Zentralpartei verbietet neue literarische Werke. Das Partei-Büro der Stadt Shanghai, nach Erhalt eines Telegramms der Zentralpartei im vergangenen Monat, entsandte Beamte, die von Tür zu Tür die neuen Buchhandlungen aufsuchten, bis zu einhundertneunundvierzig Titel beschlagnahmten und fünfundzwanzig Buchhandlungen betrafen. Darunter waren Werke, die bereits vom städtischen Partei-Büro geprüft und zur Veröffentlichung genehmigt oder beim Innenministerium urheberrechtlich registriert worden waren, sowie frühere Werke verschiedener Autoren, wie Ding Lings Im Dunkel, und viele andere, was in Shanghais Verlagswelt Panik auslöste..."

[Es folgt die detaillierte Liste der verbotenen Titel nach Verlag]

Das Verlagswesen besteht schließlich nur aus Leuten, die mit Büchern Profit machen wollen. Sie fragen nach dem Absatz, nicht nach dem Inhalt; diejenigen, die bewusst „reaktionäre" Absichten hegen, sind die wenigsten. Deshalb zeitigte die Petition recht gute Ergebnisse. Um „die kaufmännischen Nöte zu berücksichtigen", wurden tatsächlich siebenunddreißig Titel freigegeben; zweiundzwanzig sollten vor dem Weiterverkauf überarbeitet werden; der Rest blieb „verboten" oder „vorläufig vom Verkauf ausgesetzt".

[Es folgt die offizielle Antwort des KMT-Exekutivkomitees der Stadt Shanghai und der Fünf-Punkte-Beschluss des Zentralen Propagandaausschusses]

So kam die große Massenbücherverbrennung vorläufig zum Abschluss, und die Buchhandlungen verstummten.

Doch ein schwieriges Problem blieb: Buchhandlungen konnten nicht umhin, weiterhin neue Bücher und Zeitschriften herauszubringen, und so blieben sie fortwährend in Gefahr, dass Material beschlagnahmt, verboten oder ihre Türen versiegelt wurden. Diese Gefahr traf zunächst die Eigentümer, die natürlich Abhilfe schaffen mussten. Bald kursierte im Verlagswesen ein Gerücht — wahrhaftig nur ein vages Gerücht:

Zu einem unbekannten Zeitpunkt hielten Parteifunktionäre, Ladeneigentümer und deren Redakteure eine Sitzung ab, um Gegenmaßnahmen zu besprechen. Der Schwerpunkt lag auf neuen Büchern und Zeitschriften — wie ließe sich ein Verbot vermeiden. Man erzählt sich, ein gewisser Zeitschriftenredakteur, Herr A, habe vorgeschlagen, Manuskripte zunächst der Behörde zur Prüfung vorzulegen und erst nach bestandener Zensur in Druck zu geben. Der Text werde natürlich nie „reaktionär" sein, und das Kapital des Ladeninhabers bleibe erhalten — wahrlich im öffentlichen wie privaten Interesse. Die anderen Redakteure hätten offenbar keinen Einwand erhoben, und der Vorschlag sei einstimmig angenommen worden. Beim Hinausgehen habe Herr B, ein Freund von Herrn A und selbst Redakteur, mit großer Rührung zu einem Buchhandlungsvertreter gesagt: „Er hat sich persönlich geopfert, aber immerhin eine Zeitschrift gerettet!"

„Er" — das war Herr A. Nach Herrn Bs Auffassung schien er zu meinen, dieses Angebot strategischer Art sei dem Ansehen etwas abträglich. In Wahrheit war das nichts als neurasthenische Sorge. Auch ohne Herrn As Vorschlag wäre die Bücher- und Zeitschriftenzensur durchgeführt worden, nur unter einem anderen Vorwand. Zudem wagte damals niemand, offen darüber zu sprechen, keine Zeitung wagte zu berichten, und alle betrachteten Herrn A als Helden — er wurde damit zum Schnurrbart des Tigers, und niemand wagte daran zu zupfen. So wurde allenfalls getuschelt, und Außenstehende erfuhren sehr wenig — dem Ansehen geschah kein Schaden.

Kurzum, zu irgendeinem Zeitpunkt erschien die „Zentrale Prüfungskommission für Bücher und Zeitschriften" schließlich in Shanghai. Fortan trug jede Publikation die Zeile „Genehmigt von der Prüfungskommission für Bücher und Zeitschriften der Zentralen Propagandaabteilung, Zertifikat Nr. ..." — als Bestätigung, dass gestrichen wurde, was zu streichen war, überarbeitet, was zu überarbeiten war, und als Garantie für sicheren Verkauf. Freilich war dies nicht gänzlich wirksam — meine ausgeweidete Sammlung der zwei Herzen etwa wurde von der Buchhandlung unter dem Titel Aufgelesenes umbenannt und hatte die Zensur passiert, wurde aber in Hangzhou dennoch beschlagnahmt. Solches Durcheinander ist natürlich der Normalzustand und keineswegs überraschend. Doch ich vermute, es steckte auch ein Hauch persönlicher Vendetta dahinter, denn die mächtigen Figuren im Partei-Büro der Provinz Zhejiang waren schon lange Leute vom Schlage des Herrn Xu Shaodi, eines Absolventen der Fudan-Universität, und als die Zeitschrift Yusi Leserbriefe mit Angriffen auf die Fudan-Universität abdruckte, war ich der Redakteur — ich hatte mir nicht wenig Feinde gemacht. Es war ebenfalls das Partei-Büro der Provinz Zhejiang, das bei der Zentrale die Steckbriefverfolgung des „verkommenen Literaten Lu Xun" wegen der Freiheitsliga beantragte. Aber bisher haben sie noch nicht die Ausgrabung meiner Ahnengräber beantragt — die Gnade der Partei ist, alles in allem, großzügig.

Was die Zensoren betrifft, so vermute ich, dass etliche von ihnen „Literaten" sind. Andernfalls könnten sie ihre Arbeit nicht so bewundernswert verrichten. Freilich gibt es Fälle, in denen ihre Streichungen und Verbote völlig unbegreiflich sind. Ich glaube, das ist meist eine Machtdemonstration — und der Drang, Macht zu demonstrieren, ist selbst für Literaten schwer abzustreifen; zudem ist es nicht wirklich ein Laster. Es gibt noch einen weiteren Grund, fürchte ich: die Reisschüssel. Das Bedürfnis zu essen kann man kaum ein Laster nennen, doch was das Essen betrifft, haben der zensierende Literat und der zensierte Literat gleich schwere Zeiten. Sie haben Konkurrenten, die auf Fehler lauern, und ein Moment der Unachtsamkeit kann die Reisschüssel kosten. Also müssen sie ständig Ergebnisse vorweisen: verbieten, streichen, verbieten, streichen, und noch ein drittes Mal verbieten und streichen. Als ich zum ersten Mal nach Shanghai kam, sah ich einmal einen Europäer aus einem Hotel treten, und mehrere Rikschas rasten auf ihn zu. Er stieg in eine und fuhr davon. Da erschien ein Polizist und schlug einem der leer gebliebenen Rikscha-Kulis auf den Kopf und riss die Lizenz von seinem Wagen. Ich verstand, dass der Kuli ein Vergehen begangen haben sollte, konnte aber nicht begreifen, warum es ein Vergehen war, keinen Fahrgast bekommen zu haben — der Europäer war schließlich nur einer und konnte nur in einer Rikscha sitzen; der Kuli hatte nicht einmal um den Fahrgast gestritten. Später erklärte mir ein alter Shanghai-Kenner: Die Polizei musste monatlich eine gewisse Anzahl Verhaftungen vorweisen, andernfalls galt sie als faul, was der Reisschüssel schadete. Da echte Verbrecher schwer aufzutreiben sind, musste man eben kreativ werden. Ich vermute, dass Zensoren, wenn sie zuweilen auf sonderbar willkürliche Weise arbeiten und darauf bestehen, in jedes Manuskript einige rote Striche zu setzen, aus sehr ähnlichen Gründen handeln. Sollte dies zutreffen, so kann ich, auch wenn sie darauf bestehen, meine Tschechow-Auswahlausgabe in eine Landschaft aus „übriggebliebenen Bergen und Restwassern" zu verwandeln, dies immer noch nachvollziehen.

Die Zensur wurde mit großem Eifer betrieben. Den Zeitungen zufolge waren Behörden und Öffentlichkeit gleichermaßen zufrieden. Die Zhonghua-Tageszeitung vom 25. September berichtete:

„Die Zentrale Prüfungskommission für Bücher und Zeitschriften arbeitet mit Hochdruck. Seit ihrer Gründung in Shanghai vor vier Monaten hat sie über fünfhundert Bücher und Zeitschriften geprüft. Jeder Mitarbeiter prüft durchschnittlich über hunderttausend Schriftzeichen pro Tag. Die Prüfverfahren sind außerordentlich zügig; selbst umfangreiche Werke dauern höchstens zwei Tage. Die Verleger erkennen einhellig den unerwartet schnellen Service und die beträchtliche Erleichterung an. Die Prüfstandards der Kommission sind unparteiisch; nur Texte, die der Partei und der Regierung klar und offensichtlich schaden, werden zur Streichung angefordert. In den Monaten seit Gründung herrscht Frieden. Früher kam es, mangels Prüfbehörde, oft vor, dass Bücher nach Veröffentlichung beschlagnahmt oder verboten wurden. Seit Bestehen der Kommission treten solche Vorfälle nicht mehr auf. Die Zentralbehörde plane, angesichts der hervorragenden Arbeit der Kommission und des großen Bedarfs der Branche, zusätzliches Personal einzustellen, um die Prüfarbeit zu erleichtern." Solch segensreiche Verwaltung! — Noch kein Jahr in Kraft, da brach die Affäre um die „Plauderei über den Kaiser" in der Zeitschrift Xinsheng los. Offenbar auf Warnung des japanischen Konsuls hin fielen die Maßnahmen noch drakonischer aus als gegen „reaktionäre Texte": Die Zeitschrift wurde sofort verboten, der Verlag geschlossen, der Redakteur Du Zhongyuan hatte bereits zugegeben, dass der Artikel nicht geprüft worden war, wurde zu Gefängnis verurteilt ohne Berufungsmöglichkeit — und doch wurden auch sieben Zensoren entlassen. Zugleich wurden Buchhandlungen nach alten Japan-bezogenen Büchern durchsucht und die Wände mit Aushängen über „Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen" tapeziert. Die Verleger nahmen das Aussehen verwaister Kinder an. Man sagte, die „unparteiische" „Prüfungskommission für Bücher und Zeitschriften der Zentralen Propagandaabteilung" sei verschwunden, und wer ein Manuskript mitbringe, finde keine Anlaufstelle mehr.

War also die Freiheit wiederhergestellt, flogen wir frei dahin? Keineswegs. Vor der Kommission hatten die Verleger noch ein Stückchen eigenes Rückgrat besessen. Doch nachdem die Kommission erschienen und wieder verschwunden war, fühlten sie sich wahrhaft schwankend und torkelnd. Die meisten Bauern können für sich selbst sorgen, doch als Österreich und Russland ihre Leibeigenen befreiten, weinten manche — ohne Stütze wussten sie nicht, wie sie allein zurechtkommen sollten. Zudem hatten unsere Verleger nicht einfach „ihre Stütze verloren"; sie waren in den Zustand vor Herrn As Vorschlag zurückversetzt — wieder der Beschlagnahme, dem Verbot, der Türversiegelung und großer Gefahr ausgeliefert. Und über die Furcht vor dem Vorwurf „reaktionärer Texte" hinaus mussten sie nun auch die Verletzung des „Erlasses zur Pflege freundschaftlicher internationaler Beziehungen" fürchten. Das Verlagswesen, bereits zur Rückgratlosigkeit „erzogen", trug nun eine zusätzliche schwere Last. Die Obrigkeit zeigte ihrerseits keine besondere Neigung, im Inneren „Freundschaft zu pflegen", und da sie begierig war, „Höflichkeit und Nachgiebigkeit im Dienste der Nation zu üben" und „die kaufmännischen Nöte zu berücksichtigen", glaube ich, dass ein Großteil des Verlagswesens nach dem Erscheinen und Verschwinden der Prüfungskommission tatsächlich zu Trauerwaisen geworden war.

Deshalb können heutige Bücher und Zeitschriften, sofern nicht im Voraus abgesprochen und ausdrücklich zur Leidenschaft ermächtigt, nur gleichförmig vage sein und lediglich danach trachten, keinen Anstoß zu erregen. Darüber hinaus drohen ihnen dieselben Gefahren wie zuvor — der Stock und das Abreißen der Lizenz.

Wer die vorstehenden Zusammenhänge nicht versteht, kann die literarische Szene der letzten drei Jahre nicht angemessen beurteilen. Und selbst wenn er es versucht, wird es ihm kaum gelingen, den Kern zu treffen.

In diesem vergangenen Jahr habe ich keinen einzigen Beitrag an eine Tageszeitung geschickt. Was veröffentlicht wurde, ist naturgemäß großenteils vage. Dies ist Tanz in Fesseln — nur geeignet, Gelächter hervorzurufen. Aber für mich persönlich ist es ein Andenken. Ein Jahr ist vorbei, und ich bewahre es, wie es verstrich — lange und kurze Stücke, siebenundvierzig insgesamt.

Geschrieben in der Nacht des 31. Dezember 1935 bis zum Morgen des 1. Januar.