Hongloumeng/de4/Chapter 46
Kapitel 46
Wer in der Klemme steckt, dem bleiben peinliche Auftritte nicht erspart — Mandarinenente[1] schwört, nie ein Mandarinenenten-Paar zu bilden
Erst gegen Ende der vierten Nachtwache schlief Kajaljade [黛玉][2] allmählich ein. Mehr ist von ihr einstweilen nicht zu berichten.
Nun soll erzählt werden, dass Phönixglanz [凤姐][3], die von Frau Xing [邢夫人] gerufen worden war und nicht wusste, worum es ging, sich rasch umkleidete und im Wagen hinüberfuhr. Frau Xing schickte alle Bediensteten aus dem Zimmer und sagte dann leise zu Phönixglanz: „Ich habe dich nicht wegen einer Belanglosigkeit kommen lassen. Es gibt da eine heikle Angelegenheit: Der gnädige Herr [贾赦] hat mich damit beauftragt, aber ich weiß nicht, was ich machen soll, und wollte mich erst einmal mit dir beraten. Der gnädige Herr hat ein Auge auf Mandarinenente [鸳鸯] geworfen, die Dienerin der Herzoginmutter[4], und möchte sie als Nebenfrau in sein Haus nehmen. Er hat mich gebeten, sie bei der Herzoginmutter für ihn zu erbitten. Ich denke mir, so etwas kommt ja häufig vor, aber ich fürchte, die Herzoginmutter wird sie nicht hergeben wollen. Weißt du einen Rat?“
Als Phönixglanz das hörte, sagte sie rasch: „Meiner Meinung nach solltet Ihr Euch an diesem Nagel lieber nicht die Zähne ausbeißen. Ohne Mandarinenente bekommt die Herzoginmutter [贾母] keinen Bissen herunter — wie sollte sie sich von ihr trennen wollen? Zudem hat die Herzoginmutter schon oft im Gespräch gesagt, der gnädige Herr sei jetzt in die Jahre gekommen, und wozu er sich immer noch links und rechts Nebenfrauen halte. Er mache nur die Mädchen unglücklich. Anstatt auf seine Gesundheit zu achten und sein Amt ordentlich zu versehen, trinke er den ganzen Tag mit seinen Nebenfrauen. Klingt das so, als ob die Herzoginmutter den gnädigen Herrn sehr schätzt? Jetzt, wo man froh sein sollte, einem Zusammenstoß noch aus dem Weg gehen zu können, will man dem Tiger mit einem Strohhalm in die Nasenlöcher stochern! Seid mir nicht böse, gnädige Frau, aber ich wage das nicht zu übernehmen. Es hat offensichtlich keinen Sinn, und man holt sich nur Ärger. Der gnädige Herr ist jetzt in dem Alter, wo er solche Dinge lassen sollte — Ihr müstet ihm zureden. Das ist etwas anderes als bei einem jungen Mann, da schadet es nicht. Aber mit diesem ganzen Haufen von Brüdern, Neffen, Söhnen und Enkeln solch ein Aufsehen zu machen — wie will er da noch den Leuten ins Gesicht sehen?“
Frau Xing sagte mit kühlem Lächeln: „In anderen großen Familien haben die Herren drei Nebenfrauen und vier Konkubinen — warum sollen ausgerechnet wir das nicht dürfen? Selbst wenn ich ihm zurede, wird er sich kaum danach richten. Und wenn der älteste Sohn, der schon einen graün Bart hat und ein Amt bekleidet, das Lieblingsmädchen seiner Mutter zur Nebenfrau machen will — wie kann man das wohl abschlagen? Ich habe dich kommen lassen, um mich mit dir zu beraten, und du überhäuflst mich gleich mit Vorwürfen. Habe ich denn gesagt, du sollst hingehen und mit ihr reden? Natürlich gehe ich selbst. Du sagst, ich solle ihm zureden — kennst du denn sein Temperament immer noch nicht? Wenn man ihm zuredet, wird er erst recht nicht hören, und als Erstes wird er mir böse.“
Phönixglanz wusste, dass Frau Xing von Natur aus eigensinnig und beschränkt war. Sie kannte nur das eine: Kaufmann Begnadigung [贾赦][5] in allem zu Willen zu sein, um ihre eigene Position zu sichern, und darüber hinaus Besitz und Reichtum an sich zu raffen. Alle Familienangelegenheiten, ob groß oder klein, überließ sie Kaufmann Begnadigung. Nur wo es um Geld ging, behielt sie die Zügel in der Hand und war dann von ungewöhnlichem Geiz — unter dem Vorwand, Kaufmann Begnaadigungen sei ein Verschwender und sie müsse durch Sparsamkeit ausgleichen, was er vergeude. Auf keines ihrer Kinder oder Dienstboten stützte sie sich, und keinem hörte sie zu. Als Phönixglanz nun diese Worte hörte, wusste sie, dass Frau Xing wieder ihren Starrsinn an den Tag legte und dass Zureden keinen Sinn hatte. Deshalb setzte sie rasch ein Lächeln auf und sagte: „Ihr habt völlig recht, gnädige Frau. Wie alt bin ich denn schon, und was verstehe ich davon, was wichtig und was unwichtig ist? Vor den Eltern braucht man gar nicht erst zu fragen — nicht nur ein Dienstmädchen, selbst den kostbarsten Schatz würde man dem gnädigen Herrn geben, wem denn sonst? Was einem hinter dem Rücken gesagt wird, darauf darf man nichts geben! Ich bin wirklich ein Dummkopf. Wenn Kaufmann Kette [贾琏][6] etwas angestellt hat, sind der gnädige Herr und die gnädige Frau so wütend, dass sie ihn am liebsten auf der Stelle erschlagen würden. Aber kaum sehen sie ihn, ist alles vergessen, und sie beschenken ihn mit dem, was ihnen am liebsten ist. Genauso wird natürlich die Herzoginmutter den gnädigen Herrn behandeln. Meiner Meinung nach ist die Herzoginmutter heute guter Laune — wenn Ihr Mandarinenente erbitten wollt, dann tut es heute gleich! Ich fahre voraus und bringe die Herzoginmutter zum Lachen. Sobald Ihr dann kommt, ziehe ich mich unter einem Vorwand zurück und nehme auch die übrigen Anwesenden mit hinaus, damit Ihr in Ruhe mit der Herzoginmutter sprechen könnt. Willigt sie ein, umso besser; willigt sie nicht ein, macht es auch nichts, weil niemand sonst davon erfährt.“
Als Frau Xing diese Worte hörte, wurde sie wieder froh und sagte: „Mein Plan war eigentlich, zuerst nicht die Herzoginmutter zu fragen. Wenn die Herzoginmutter nein sagt, ist die Sache gestorben. Ich wollte zuerst leise und unauffällig mit Mandarinenente reden. Sie wird sich zwar genieren, aber wenn ich ihr alles erkläre, wird sie natürlich nichts einzuwenden haben, und die Sache ist beschlossen. Dann erst spreche ich mit der Herzoginmutter. Selbst wenn die Herzoginmutter nicht einverstanden ist — Mandarinenente ist ja bereits einverstanden, und wie das Sprichwort sagt: ‚Wer gehen will, lässt sich nicht halten.‘ So wird es ganz bestimmt gelingen.“
Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr seid wahrlich eine kluge Strategin, gnädige Frau! Dieser Plan ist hundertfach sicher. Nicht nur Mandarinenente — wer würde nicht gern aufsteigen und es zu etwas bringen? Wer würde nicht lieber eine halbe Herrin werden, als Dienstmädchen zu bleiben und eines Tages mit einem Knecht verheiratet zu werden?“
Frau Xing sagte lächelnd: „Genau das meine ich. Nicht nur Mandarinenente — auch jede der leitenden Mägde wäre gern dazu bereit. Fahr du nur voraus, aber verrate kein Sterbenswort! Sobald ich zu Abend gegessen habe, komme ich nach.“
Phönixglanz überlegte insgeheim: „Mandarinenente ist eine, mit der nicht zu spaßen ist. Auch wenn man so redet, ist keineswegs sicher, dass sie einverstanden ist. Wenn ich vorausfahre und die gnädige Frau nachkommt — stimmt Mandarinenente zu, ist alles gut. Stimmt sie aber nicht zu, wird die gnädige Frau argwöhnen — misstrauisch wie sie ist —, ich hätte etwas verraten und Mandarinenente zum Widerstand angestiftet. Dann wird ihre Beschämung zu Wut, und sie lässt es an mir aus. Das wäre äußerst unangenehm. Besser, wir fahren gemeinsam hinüber. Ob Mandarinenente einverstanden ist oder nicht, auf mich kann dann kein Verdacht fallen.“
Nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte sie lächelnd: „Als ich vorhin losfahren wollte, schickte die Tante meiner Mutter [Anm.: im Originaltext 舅母, die Frau des Onkels mütterlicherseits] eben zwei Körbe Wachteln. Ich habe angeordnet, sie in Öl zu backen, und wollte sie Euch eigentlich noch rechtzeitig zum Abendessen schicken lassen. Als ich hier zum Tor hereinkam, sah ich die Diener einen Wagen hinaustragen. Sie sagten, Euer Wagen habe eine aufgegangene Naht und werde zur Reparatur gebracht. Da wäre es doch das Einfachste, Ihr steigt zu mir in den Wagen, und wir fahren gemeinsam hinüber.“
Frau Xing hörte das und befahl sofort, ihr die Kleider zum Wechseln zu bringen. Phönixglanz half ihr eilfertig beim Umkleiden, und dann fuhren die beiden zusammen im Wagen davon. Unterwegs sagte Phönixglanz: „Wenn Ihr zur Herzoginmutter geht und ich Euch begleite, könnte die Herzoginmutter fragen, warum wir gemeinsam kommen — das wäre ungünstig. Besser, Ihr geht voraus, und ich komme nach, sobald ich mich umgezogen habe.“
Frau Xing fand das vernünftig und ging allein zur Herzoginmutter. Nachdem sie eine Weile geplaudert hatte, gab sie vor, Wang Furen [王夫人] besuchen zu wollen, und ging durch die Hintertür hinaus. So kam sie an Mandarinenentes Schlafkammer vorbei. Mandarinenente saß drinnen bei ihrer Näharbeit. Als sie Frau Xing erblickte, stand sie eilig auf.
Frau Xing sagte lächelnd: „Was machst du da? Lass mich sehen! Deine Stickereien werden immer schöner.“ Dabei nahm sie Mandarinenente die Handarbeit ab, betrachtete sie und lobte sie in einem fort. Dann legte sie die Arbeit beiseite und musterte Mandarinenente von Kopf bis Fuß. Sie sah, dass sie eine halbgetragene Jacke in zartem Lotusrosa aus Seide trug, darüber eine Überweste aus dunklem Satin mit kontrastierenden Bordüren, und unten einen blassgrünen Rock. Ihre Taille war schlank, ihr Rücken schmal, das Gesicht oval wie ein Entenei, das Haar schwarz und ölglänzend, die Nase hoch und fein, und auf beiden Wangen zeigten sich ein paar zarte Sommersprossen.
Als sich Mandarinenente so beäugt sah, wurde es ihr selbst peinlich, und im Herzen stieg ein Verdacht in ihr auf. Sie fragte lächelnd: „Gnädige Frau, was führt Euch denn zu dieser ungewöhnlichen Stunde hierher?“
Frau Xing gab ihren Begleiterinnen einen Wink, und sie zogen sich zurück. Dann setzte sie sich, fasste Mandarinenentes Hand und sagte lächelnd: „Ich komme eigens, um dir frohe Botschaft zu bringen.“
Als Mandarinenente das hörte, ahnte sie schon zu drei Zehnteln, worum es ging. Unwillkürlich wurde sie rot, senkte den Kopf und sagte kein Wort. Da fuhr Frau Xing fort: „Du weißt doch, dass der gnädige Herr niemand an seiner Seite hat, auf den er sich verlassen kann. Er würde gern eine Frau kaufen, aber er fürchtet, dass die Mädchen von den Händlern nicht sauber und anständig sind und man nicht weiß, welche Mängel sie mitbringen. Man nimmt sie ins Haus, und nach zwei, drei Tagen fängt sie an, Unfug zu treiben. Deshalb hat man unter sämtlichen Töchtern der Hausdienerfamilien im ganzen Anwesen eine auswählen wollen — aber keine war gut genug: Entweder stimmte das Aussehen nicht, oder der Charakter war schlecht; hatte man den einen Vorzug, fehlte der andere. Nachdem man so ein halbes Jahr lang nüchtere Auswahl gehalten hat, bist du als die Allerbeste unter allen Mädchen übriggeblieben. Aussehen, Betragen, Sanftmut und Zuverlässigkeit — alles ist vorhanden. Der gnädige Herr beabsichtigt, die Herzoginmutter zu bitten, dich zu uns zu geben und als Nebenfrau aufzunehmen. Du bist ja nicht zu vergleichen mit einer neu Gekauften von draußen — sobald du bei uns einziehst, wirst du ausstaffiert, als Nebenfrau anerkannt und genießt Ansehen und Ehre. Du bist doch ein ehrgeizig Mensch, und wie das Sprichwort sagt: ‚Gold kann nur gegen Gold getauscht werden.‘ Wer hätte gedacht, dass der gnädige Herr gerade dich erwählt! Jetzt kannst du dir deinen langgehegten ehrgeizigen Wunsch erfüllen und allen, die auf dich herabsehen, den Mund stopfen. Komm mit mir zur Herzoginmutter!“
Bei diesen Worten ergriff sie Mandarinenentes Hand und wollte aufbrechen. Doch Mandarinenente errötete, entzog ihr die Hand und ging nicht mit.
Frau Xing, die glaubte, Mandarinenente geniere sich, sagte: „Es ist doch nichts Peinliches dabei. Du brauchst gar nichts zu sagen — folge mir einfach.“
Doch Mandarinenente hielt den Kopf gesenkt und rüherete sich nicht von der Stelle.
Als Frau Xing das sah, sagte sie: „Willst du etwa nicht? Wenn du wirklich nicht willst, bist du ein dummes Ding! Da verzichtest du darauf, Herrin zu werden, und ziehst es vor, Dienstmädchen zu bleiben! In zwei, drei Jahren wirst du mit irgendeinem Knecht verheiratet und bist nach wie vor eine Sklavin. Komm mit uns! Du kennst doch meinen Charakter — ich bin gutmütig und keine, die andere nicht gewahren lässt. Auch der gnädige Herr behandelt euch gut. In ein, zwei Jahren, wenn du ein Kind zur Welt gebracht hast, stehst du auf gleicher Stufe mit mir. Wen immer du im Haushalt befehligen willst — wer wagte es, sich dir zu widersetzen? Die Gelegenheit, eine Herrin zu werden, liegt vor dir — wenn du sie verstreichen lässt, kommt die Reue zu spät.“
Mandarinenente hielt weiter den Kopf gesenkt und schwieg. Frau Xing fuhr fort: „Du warst doch sonst immer so frank und frei — warum bist du jetzt so verschlossen? Wenn dir etwas nicht passt, sag es mir nur — ich sorge dafür, dass alles nach deinen Wünschen geschieht.“
Mandarinenente schwieg weiter. Frau Xing sagte lächelnd: „Wahrscheinlich hast du Vater und Mutter und willst nicht selbst etwas sagen, weil es dir peinlich ist. Du willst warten, bis sie dich fragen — das ist verständlich. Ich werde mich also an sie wenden und sie herbitten, damit sie mit dir reden. Was du sagen willst, sag es ihnen.“ Damit stand sie auf und begab sich in Phönixglanz‚ Räume.
Phönixglanz hatte sich längst umgezogen. Da niemand sonst im Zimmer war, hatte sie die Sache Friedchen [平儿][7] erzählt. Friedchen schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach wird das nichts. Wenn wir unter uns sind und über sie reden, hat sie nach allem, was man von ihr weiß, ganz sicher nicht die Absicht einzuwilligen. Aber warten wir es ab.“
Phönixglanz sagte: „Die gnädige Frau wird bestimmt hierher kommen, um sich mit mir zu beraten. Wenn Mandarinenente einwilligt, gibt es nichts zu besprechen. Willigt sie aber nicht ein und hat sich die gnädige Frau eine Abfuhr geholt, dann wäre es ihr vor euch peinlich — das würde ihr Gesicht verletzen. Sag den Leuten, sie sollen die Wachteln in Öl backen und ein paar Beilagen dazu vorbereiten. Du aber geh inzwischen irgendwo spazieren und komm erst zurück, wenn du schätzt, dass sie fort ist.“
Friedchen hörte das, gab den Auftrag wie üblich an die Dienerinnen weiter und schlenderte dann seelenruhig in den Garten hinüber.
Unterdessen sagte sich Mandarinenente, als sie Frau Xing fortgehen sah: Die geht bestimmt zu Phönixglanz, um sich zu beraten, und dann schickt man jemanden zu mir — besser, ich verschwinde. Also suchte sie Bernstein [琥珀][8] auf und sagte: „Wenn die Herzoginmutter nach mir fragt, sag ihr, mir sei nicht wohl, ich hätte kein Frühstück gegessen und sei in den Garten gegangen, käme aber bald zurück.“ Bernstein versprach es.
So kam auch Mandarinenente in den Garten und streifte überall umher, bis sie unversehens auf Friedchen stieß. Da niemand in der Nähe war, sagte Friedchen lächelnd: „Da kommt ja die neue Nebenfrau!“
Mandarinenente wurde rot und sagte: „So ist das also! Ihr habt euch wohl alle verschworen, über mich zu bestimmen! Warte nur, ich gehe zu deiner Herrin und mache Krawall!“
Friedchen bereute sofort ihre unbedachten Worte. Sie fasste Mandarinenente bei der Hand und zog sie unter einen Ahornbaum, wo sie sich auf einen Felsen setzten. Dann erzählte sie ihr ausführlich und ohne etwas auszulassen, wie Phönixglanz bei Frau Xing gewesen war und was besprochen und gesagt worden war.
Mandarinenente errötete und sagte mit bitterem Lächeln zu Friedchen: „Weil wir so eng befreundet sind — denk nur an Dufthauch [袭人][9], Bernstein, Reinwolke [素云][10], Purpurkuckuck [紫鹃][11], Buntwolke [彩霞][12], Jadearmbband [玉钏儿], Moschusmond [麝月][13], Tintenjadegrüen [翠墨], und Jadering [翠缕], die dem Fräulein Shi [史湘云] gefolgt ist, Lieblich [可人] und Goldarmband [金钏][14], die beide gestorben sind, und die fortgegangene Scharlachschnee [茜雪][15], und dazu du und ich — was haben wir von klein auf nicht alles miteinander geteilt, was haben wir nicht alles zusammen getan! Jetzt sind wir alle groß geworden, und jede geht ihrer eigenen Wege, aber in meinem Herzen ist alles wie früher: Was ich denke und was mich beschäftigt, verberge ich nicht vor euch. Deshalb sage ich dir etwas, das du vorerst in deinem Herzen bewahren und nicht der jungen Herrin weitersagen sollst: Nicht nur, dass mich der ältere gnädige Herr zur Nebenfrau nehmen will — selbst wenn die gnädige Frau jetzt auf der Stelle stüerbe und er mich mit drei Heiratsvermittlern und sechs Zeugen als Hauptfrau heiraten wollte, ich könnte nicht dorthin gehen!“
Friedchen wollte gerade lächelnd antworten, da erscholl hinter dem Felsen ein prustendes Lachen: „Was für ein schamloses Ding! Wie kannst du nur so reden, ohne rot zu werden!“ Die beiden erschraken, sprangen auf und spähten hinter den Felsen. Es war niemand anders als Dufthauch, die lächelnd hervortrat und fragte: „Was ist denn los? Erzählt mir alles!“
Die drei setzten sich auf den Felsen, und Friedchen wiederholte alles, was sie eben Mandarinenente erzählt hatte.
Dufthauch sagte: „Eigentlich gehört es sich nicht, dass Leute wie wir so etwas sagen, aber der ältere gnädige Herr ist wirklich zu lüsternn! Sobald eine auch nur ein halbwegs hübsches Gesicht hat, lässt er die Finger nicht von ihr.“
Friedchen sagte: „Da du nicht willst, sage ich dir ein Mittel, wie du die Sache ganz ohne Umstände erledigen kannst.“
„Was für ein Mittel? Sag es!“ verlangte Mandarinenente.
Friedchen sagte lächelnd: „Du brauchst nur zur Herzoginmutter zu gehen und zu sagen, du seist bereits dem Zweiten Jungen Herrn Kaufmann Kette [贾琏] versprochen. Dann kann der ältere gnädige Herr dich schlecht noch für sich verlangen.“
Mandarinenente spuckte aus und schimpfte: „Was für ein Unsinn! Und du sagst das auch noch! Hat deine Herrin neulich nicht genau solchen Blödsinn geredet? Und nun bewahrheitet es sich auch noch!“
Dufthauch sagte lächelnd: „Da ihr beide nicht wollt, werde ich zur Herzoginmutter gehen und ihr sagen, sie solle erklären, Mandarinenente sei bereits Schatzjade [宝玉][16] versprochen. Dann wird der ältere gnädige Herr seine Hoffnung aufgeben.“
Mandarinenente, vor Wut, Scham und Erregung zugleich, schimpfte: „Ihr beiden Spitzbübinnen sollt keines guten Todes sterben! Da hat man einen Kummer und vertraut ihn euch an, weil man meint, ihr wärt verständige Menschen, die einem einen Rat geben könnten, und statt dessen wechselt ihr euch ab, um mich zum Narren zu halten! Ihr bildet euch ein, eure Zukunft sei sicher und ihr würdet eines Tages Nebenfrauen sein — aber meiner Meinung nach geht auf dieser Welt nicht alles nach Wunsch. Darum haltet euch lieber zurück und übertreibt eure Freude nicht!“
Als die beiden sahen, wie aufgebracht Mandarinenente war, redeten sie ihr lächelnd gut zu: „Liebe Schwester, nimm es nicht so tragisch! Wir sind von klein auf wie leibliche Schwestern — es war nur ein kleiner Scherz, wo niemand zuhört. Sag uns, was du vorhast, damit wir beruhigt sind.“
Mandarinenente sagte: „Was für ein Vorhaben! Ich gehe einfach nicht hin, und damit basta.“
Friedchen schüttelte den Kopf: „Du gehst nicht hin — aber ob man dich in Ruhe lässt, ist eine andere Frage. Du kennst das Temperament des älteren gnädigen Herrn. Zwar bist du eine Dienerin der Herzoginmutter, und im Augenblick wagt er nichts gegen dich. Aber du kannst ja wohl nicht dein ganzes Leben bei der Herzoginmutter bleiben. Wenn du später einmal in seine Hände fällst, sieht es böse aus.“
Mandarinenente sagte mit bitterem Lächeln: „Solange die Herzoginmutter lebt, bleibe ich keinen einzigen Tag von ihr getrennt. Und wenn die Herzoginmutter eines Tages ins Paradies eingeht, hat er immerhin noch drei Jahre Traür zu halten. Es gibt ja wohl niemanden, der sich eine Nebenfrau nimmt, kaum dass seine Mutter gestorben ist! Nach den drei Jahren, wer weiß, wie die Dinge dann liegen — darüber reden wir dann. Wenn es zum Äußersten kommt, schneide ich mir das Haar ab und werde Nonne. Und wenn auch das nicht reicht, bleibt immer noch der Tod. Mein ganzes Leben keinen Mann heiraten — was wäre schon dabei? Es wäre nur umso sauberer!“
Friedchen und Dufthauch sagten lächelnd: „Dieses Spitzbein hat wirklich keine Scham! Ihr Mund redet einfach drauflos!“
Mandarinenente sagte: „Wenn es einmal so weit ist, was macht da noch ein bisschen Scham? Wenn ihr mir nicht glaubt, wartet nur ab! Die gnädige Frau hat vorhin gesagt, sie wolle meine Eltern aufsuchen — die mag sie mal in Nanjing suchen gehen!“
Friedchen sagte: „Deine Eltern sind in Nanjing, wo sie das dortige Haus hüten, und sind nicht mit heraufgekommen, aber früher oder später wird man sie finden. Und hier sind immer noch dein älterer Bruder und deine Schwägerin. Schade, dass du als Tochter einer Hausdienerfamilie hier geboren bist — nicht wie wir beide, die wir ganz allein hier sind.“
Mandarinenente sagte: „Was schadet es schon, im Haus geboren zu sein? ‘Man kann ein Rind nicht zum Saufen zwingen, indem man ihm den Kopf ins Wasser drückt!‚ Ich will nicht — werden sie deshalb meine Eltern umbringen?“
Während sie noch sprach, sahen sie Mandarinenentes Schwägerin herankommen. Dufthauch sagte: „Da deine Eltern nicht erreichbar sind, hat man bestimmt mit deiner Schwägerin gesprochen.“
Mandarinenente sagte: „Diese Hure muss überall ihre Finger im Spiel haben! [Anm.: Der Ausdruck 九国贩骆驝的 — wörtlich ‘eine Kameltreiberin, die in neun Ländern handelt‚ — bedeutet: eine, die überall mitmischt] Sobald sie davon gehört hat, läuft sie natürlich hin und macht sich dienstbar!“
Während sie noch sprach, stand die Schwägerin schon vor ihr und sagte lächelnd: „Überall habe ich dich gesucht, und hier steckst du! Komm mit, ich muss mit dir reden.“
Friedchen und Dufthauch boten ihr rasch einen Platz an. Die Schwägerin sagte: „Bleibt nur sitzen, Fräulein. Ich möchte nur ein Wort mit meiner Schwägerin reden.“
Friedchen und Dufthauch taten, als wüssten sie von nichts, und sagten lächelnd: „Was gibt es denn so Eiliges? Wir spielen gerade Rätsel raten — wer gewinnt, darf dem anderen eine Backpfeife geben. Lass sie noch dieses Rätsel lösen, dann kann sie gehen.“
Mandarinenente sagte: „Was willst du? Sag es.“
Die Schwägerin sagte lächelnd: „Komm nur mit! Dort erzähle ich es dir — es ist auf jeden Fall etwas Schönes.“
Mandarinenente sagte: „Etwa das, was die ältere gnädige Frau dir gesagt hat?“
Die Schwägerin sagte lächelnd: „Wenn du es schon weißt, warum sträubst du dich noch? Komm schnell, ich erzähle dir alles genau — es ist ein riesengroßes Glück!“
Als Mandarinenente das hörte, stand sie auf, spuckte ihrer Schwägerin mit voller Wucht ins Gesicht, richtete den Finger auf sie und schimpfte: „Halt dein dreckiges Maul und mach, dass du wegkommst, das wäre das Klüegste! Was für ‘etwas Schönes‚! Etwas Schönes wäre ein Adlerbild von Kaiser Huizong [Anm.: Song-Kaiser Huizong, berühmt für seine Vogelmalerei] oder ein Pferdebild von Zhao Mengfu [Anm.: Zhao Ziang, berühmt als Pferdemaler] — das wären ‘schöne Malereien‚! Und was für ein ‘Glück‚! Von Glück kann man sprechen, wenn bei den Pocken die Pusteln schön reifen [Anm.: Wortspiel — 喜事 ‘Glück/Freude‚ wird gleichlautend mit ‘Pockenpusteln‚ verglichen; als die Pocken bei Kindern gut abheilten, war das ein Anlass zur Freude] — das wäre wirklich ein Glück! Kein Wunder, dass ihr vor Neid platzt, wenn jemandes Tochter Nebenfrau wird und die ganze Sippschaft dann dank ihrer tyrannisch und willkürlich herumstolziert, als wäret ihr alle Nebenfrauen geworden! Das hat dir so in die Augen gestochen, dass du mich jetzt auch ins Elend stürzen willst! Wenn es mir gut geht, spielt ihr euch als ‘Verwandte‚ auf und nennt euch stolz die Schwager. Wenn mir das Glück aber nicht hold ist und ich in Ungnade falle, zieht ihr eure Schildkrötenhälse ein und lasst mich allein sehen, wo ich bleibe!“
Während sie so sprach und weinte, hielten Friedchen und Dufthauch sie fest und redeten ihr gut zu.
Die Schwägerin, der es peinlich wurde, sagte: „Ob du willst oder nicht, darüber lässt sich ja reden. Aber deshalb brauchst du nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Wie das Sprichwort sagt: ‘Vor Kleinen spricht man nicht von Kleinem.‚ Wenn du mich beschimpfst, wage ich nichts zu erwidern. Aber die beiden Fräulein hier haben dir nichts getan — wenn du daürnd von ‘Nebenfrau‚ dies und ‘Nebenfrau‚ das redest, wie steht das für sie da?“
Dufthauch und Friedchen sagten rasch: „So dürft Ihr nicht reden! Sie hat nicht von uns gesprochen, also solltet auch Ihr nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Hat denn irgendeine gnädige Frau oder ein gnädiger Herr beschlossen, uns zu Nebenfrauen zu machen? Wir zwei haben auch keine Eltern oder Brüder hier im Haus, die sich auf uns stützen und tyrannisch aufspielen. Sie weiß schon, wen sie beschimpft — wir haben keinen Grund, es auf uns zu beziehen.“
Mandarinenente sagte: „Als ich sie beschimpft habe, war es ihr peinlich, und weil sie nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Scham, hat sie versucht, euch beide gegen mich aufzuhetzen. Zum Glück seid ihr vernünftig genug! In meiner Wut habe ich nicht mehr unterschieden, und genau in diese Lücke wollte sie stoßen.“
Jetzt wurde es der Schwägerin zu dumm, und sie ging wütend fort.
Mandarinenente war noch immer so aufgebracht, dass sie weiterschimpfte. Erst nach einer Weile guten Zuredens von Friedchen und Dufthauch beruhigte sie sich. Friedchen fragte Dufthauch: „Wo hast du dich denn versteckt? Wir haben dich gar nicht gesehen.“
Dufthauch sagte: „Ich war bei Bewahrfrühling [惜春][17], um nach Schatzjade zu sehen. Aber ich kam einen Moment zu spät — er war schon nach Hause gegangen, hieß es. Ich wunderte mich, dass ich ihm nicht begegnet war, und wollte ihn bei Fräulein Kajaljade suchen, da traf ich jemand von ihr, der sagte, er sei auch nicht dort gewesen. Gerade fragte ich mich, ob er den Garten verlassen habe, da kamst du von dort drüben. Ich habe mich hinter einen Baum gedrückt, und du hast mich nicht gesehen. Dann kam auch sie. Ich bin hinter dem Baum hervor zum Felsen geschlüpft. Ich sah, wie ihr euch unterhalten habt — aber ihr habt mich auch mit vier Augen nicht bemerkt...“
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da ertöente hinter ihnen eine Stimme: „Euch hat sie mit vier Augen nicht gesehen? Und ihr habt mich mit sechs Augen nicht gesehen!“ Die drei erschraken heftig, drehten sich um und sahen — niemand anders als Schatzjade [宝玉], der lächelnd herankaim.
Dufthauch sagte als Erste lächelnd: „Da habe ich dich lang und breit gesucht! Wo kommst du her?“
Schatzjade sagte lächelnd: „Als ich bei Bewahrfrühling herauskam, sah ich dich mir entgegenkommen und wusste sofort, du suchst mich. Da habe ich mich versteckt, um dich hereinzulegen. Ich sah, wie du mit gesenktem Kopf an mir vorbeigingst, ins Haus tratest und gleich wieder herauskamst und jeden fragtest, der dir begegnete. Ich war sehr amüsiiert und wollte warten, bis du wieder herankamst, um dir einen Schreck einzujagen. Aber dann sah ich, wie auch du dich versteeckt hast, und wusste, dass auch du jemanden anführen wolltest. Ich streckte den Kopf vor und sah die beiden dort. Also bin ich um dich herum geschlichen, und als du hervortratest, schlüpfte ich in dein Versteck.“
Friedchen sagte lächelnd: „Wenn wir dahinter noch weitersuchen, finden wir vielleicht noch zwei weitere Versteckte!“
Schatzjade lachte: „Nein, mehr gibt es wirklich nicht.“
Mandarinenente, die wusste, dass Schatzjade alles mit angehört hatte, legte sich bäuchlings auf den Felsen und stellte sich schlafend. Schatzjade stupste sie an und sagte lächelnd: „Auf dem Stein ist es kalt! Gehen wir nach drinnen — dort kannst du viel besser schlafen.“ Er zog Mandarinenente hoch und bat auch Friedchen, mitzukommen und Tee zu trinken. Als auch Friedchen und Dufthauch Mandarinenente zuredeten, stand sie schließlich auf, und die vier gingen gemeinsam zum Hof der Roten Freude [怡红院].
Schatzjade hatte in der Tat das ganze Gespräech mit angehört und war innerlich keineswegs froh darüber. Stumm lag er auf seinem Bett ausgestreckt und ließ die drei im Vorzimmer miteinander plaudern und scherzen.
Inzwischen hatte Frau Xing Phönixglanz nach Mandarinenentes Eltern gefragt. Phönixglanz berichtete: „Ihr Vater heißt Jin Cai [金彩]. Das Ehepaar hütet die Häuser in Nanjing und ist so gut wie nie in die Hauptstadt heraufgekommen. Ihr älterer Bruder Jin Wenxiang [金文翔] ist gegenwärtig Einkäufeer für die Herzoginmutter. Seine Frau leitet die Wäscherei bei der Herzoginmutter.“
Frau Xing ließ also Mandarinenentes Schwägerin, Jin Wenxiangs Frau, rufen und erklärte ihr die Sache ausführlich. Die Schwägerin war natürlich höcherfreut und machte sich freudestrahlend auf die Suche nach Mandarinenente, fest davon überzeugt, dass ein einziges Wort genügen würde. Doch stattdessen wurde sie von Mandarinenente heftig abgekanzelt, und auch Dufthauch und Friedchen sagten ihr die Meinung.
Beschämt und verärgert kam sie zurück und sagte zu Frau Xing: „Es hat keinen Zweck. Sie hat mich sogar beschimpft.“ Weil Phönixglanz daneben stand, wagte sie nicht, Friedchen zu erwähnen, sondern sagte nur: „Auch Dufthauch hat ihr beigestanden und mich geschmächt. Sie haben allerhand ungehöriges Zeug geredet, das man vor den Herrschaften nicht wiederholen kann. Die gnädige Frau sollte sich mit dem gnädigen Herrn beraten und lieber eine Nebenfrau kaufen. Dieses kleine Biest hat offenbar nicht so viel Glück, und wir sind auch nicht dafür geschaffen.“
Frau Xing sagte: „Was hat Dufthauch damit zu tun? Woher wusste sie überhaupt davon?“ Dann fragte sie: „Wer war sonst noch dabei?“
Die Schwägerin sagte: „Fräulein Friedchen.“
Phönixglanz sagte sofort: „Du hättest ihr eine Ohrfeige geben sollen! Kaum bin ich aus dem Haus, geht sie spazieren. Wenn ich heimkomme, ist kein Schatten von ihr zu finden! Bestimmt hat sie auch irgendetwas gesagt.“
Die Schwägerin sagte: „Fräulein Friedchen war nicht direkt dabei. Von weitem sah es so aus, als wäre sie es, aber ganz sicher bin ich nicht — das war nur meine Vermutung.“
Phönixglanz befahl: „Schnell, holt sie her! Sagt ihr, ich bin zurück, die gnädige Frau ist auch hier, und sie soll kommen und uns helfen.“ Sogleich trat Feng’er [丰儿] vor und berichtete: „Fräulein Kajaljade hat drei- bis viermal nach ihr schicken lassen, bis sie schließlich gegangen ist. Sobald die gnädige Frau heimkam, habe ich sie hingeschickt. Fräulein Kajaljade lässt bestellen: ‘Sagt eurer Herrin, ich brauche sie für etwas.‚“
Erst da gab Phönixglanz Ruhe, sagte aber noch absichtlich: „Jeden Tag braucht sie sie — was gibt es denn daürnd zu tun?“
Frau Xing, die nun keinen Ausweg mehr sah, aß etwas, fuhr nach Hause zurück und erzählte am Abend Kaufmann Begnadigung, was geschehen war.
Kaufmann Begnadigung überlegte einen Moment, dann ließ er sofort Kaufmann Kette [贾琏] rufen und befahl: „In Nanjing hüten nicht nur die Jins die Häuser — es gibt mehrere Familien dort. Lass Jin Cai unverzüglich heraufkommen!“
Kaufmann Kette berichtete: „Im letzten Brief aus Nanjing stand, Jin Cai habe einen Schleimfluss erlitten und sei nicht mehr bei Sinnen [Anm.: eine schwere Erkrankung, vermutlich ein Schlaganfall]. Man hat ihm drüben bereits das Sargeld überwiesen. Ob er noch lebt oder tot ist, weiß ich nicht. Aber selbst wenn er lebt, ist er geistig verwirrt — es hätte keinen Sinn, ihn herbeizurufen. Seine Frau ist obendrein taub.“
Kaufmann Begnadigung schrie wütend auf und fluchte: „Du nichtswürdiges Stück! Natürlich weißt ausgerechnet du alles ganz genau! Hinaus mit dir!“
Erschrocken zog sich Kaufmann Kette zurück. Kurz darauf befahl Kaufmann Begnadigung, Jin Wenxiang zu holen. Kaufmann Kette wartete im äußeren Arbeitszimmer und wagte weder nach Hause zu gehen noch seinem Vater erneut unter die Augen zu treten. Er konnte nur lauschen. Bald hörte er, wie Jin Wenxiang kam und von den Dienerjungen sofort ins Innere geführt wurde. Erst nach einer Zeit, die lang genug gewesen wäre, um fünf, sechs Schalen Reis zu essen, kam er wieder heraus und ging fort. Kaufmann Kette wagte zunächst nicht nachzufragen. Erst eine Weile später erkundigte er sich und erfuhr, Kaufmann Begnadigung habe sich schlafen gelegt. Da ging er in seine eigenen Räume hinüber, und erst als ihm Phönixglanz am Abend alles erklärte, verstand er, worum es ging.
Mandarinenente fand in jener Nacht keinen Schlaf. Am nächsten Tag bat ihr Bruder die Herzoginmutter, seine Schwester auf einen Besuch nach Hause mitnehmen zu dürfen. Die Herzoginmutter willigte ein und befahl Mandarinenente zu gehen. Mandarinenente wollte nicht, aber aus Furcht, die Herzoginmutter könnte Verdacht schöpfen, fügte sie sich widerwillig.
Ihr Bruder übermittelte ihr Kaufmann Begnaadigungen Worte und malte ihr aus, wie ehrenvoll das wäre und wie sie als Nebenfrau den Haushalt leiten würde. Doch Mandarinenente biss die Zähne zusammen und lehnte ab. Ihrem Bruder blieb nichts anderes übrig, als zu Kaufmann Begnadigung zurückzukehren und ihm Bericht zu erstatten.
Kaufmann Begnadigung geriet in Wut und erklärte: „Hör mir genau zu und lass es ihr durch deine Frau ausrichten! Sage ihr in meinem Namen: ‘Seit alters her steht die schöne Mondfrau Chang’e auf junge Burschen.‚ Sie verachtet mich bestimmt, weil ich alt bin. Wahrscheinlich hat sie ein Auge auf einen der jungen Herren geworfen — vermutlich auf Schatzjade, vielleicht auch auf Kaufmann Kette. Wenn das wirklich so ist, soll sie sich das schnellstens aus dem Kopf schlagen! Nachdem ich sie gewollt habe und sie mich zurückgewiesen hat — wer würde es dann noch wagen, sie zu nehmen? Das ist das eine. Zum zweiten meint sie wohl, weil die Herzoginmutter sie gern hat, werde man sie eines Tages nach draußen als Hauptfrau verheiraten. Aber sie soll sich gut überlegen: An wen immer sie auch verheiratet wird, sie wird meiner Hand nicht entkommen. Nur wenn sie stirbt oder lebenslang unverheiratet bleibt, gebe ich mich geschlagen! Andernfalls soll sie sich rechtzeitig eines Besseren besinnen — es wäre nur zu ihrem Vorteil.“
Bei jedem Satz, den Kaufmann Begnadigung sprach, antwortete Jin Wenxiang mit einem „Jawohl“. Kaufmann Begnadigung fuhr fort: „Versuch nicht, mich hinters Licht zu führen! Morgen schicke ich noch einmal die gnädige Frau zu Mandarinenente. Wenn ihr es ihr gesagt habt und sie nicht einwilligt, trifft euch keine Schuld. Stimmt sie dann aber doch zu — dann nimm deinen Kopf in Acht!“
Jin Wenxiang sagte eilig wieder und wieder jawohl, zog sich zurück und ging nach Hause. Ohne erst seine Frau als Übermittlerin einzuschalten, richtete er Mandarinenente Kaufmann Begnaadigungen Worte persönlich und direkt aus.
Mandarinenente war so empöert, dass ihr zunächst die Worte fehlten. Nachdem sie einen Moment nachgedacht hatte, sagte sie: „Angenommen, ich bin einverstanden — dann müsst ihr mich zur Herzoginmutter begleiten und es ihr melden.“
Bruder und Schwägerin hörten das und glaubten, sie habe es sich überlegt. Vor Freude wussten sie nicht ein noch aus. Sofort brachte die Schwägerin Mandarinenente zur Herzoginmutter hinauf.
Es traf sich, dass gerade Wang Furen, Tante Schnee [薛姨妈][18], Schleierfrau [李纨][19], Phönixglanz, Schatzspange [宝钗][20] und die anderen Schwestern sowie einige der führenden und angesehenen Verwalterinnen bei der Herzoginmutter versammelt waren, um sie zu unterhalten.
Mandarinenente freute sich unbaändig über dieses glückliche Zusammentreffen. Sie zog ihre Schwägerin mit vor die Herzoginmutter, fiel auf die Knie und berichtete unter Tränen: wie Frau Xing zu ihr gekommen war und was sie gesagt hatte, wie dann ihre Schwägerin sie im Garten aufsuchte und was sie sagte, und was heute ihr Bruder ausgerichtet hatte. „Weil ich nicht eingewilligt habe“, fuhr sie fort, „hat der ältere gnädige Herr rundheraus behauptet, ich sei in Schatzjade verliebt oder aber ich wartete darauf, nach draußen verheiratet zu werden. Selbst wenn ich in den Himmel fluchtete, würde ich mein Leben lang seiner Rache nicht entgehen. Doch ich habe meinen Entschluss gefasst, und ich erkläre vor allen Anwesenden: Nicht nur ‘Schatzjade‚ — selbst wenn einer ‘Schatzgold‚ oder ‘Schatzsilber‚ oder ‘Schatzhimmelskönig‚ oder ‘Schatzkaiser‚ hieße — ich werde nie und nimmer einen Mann heiraten, und damit Schluss! Und selbst wenn die Herzoginmutter mich dazu zwingt, bringe ich mich eher mit einem Messerstrich um, als dass ich gehorche! Wenn ich Glück habe, sterbe ich vor der Herzoginmutter. Wenn ich Pech habe und es mir bestimmt ist, als Bettlerin zu leben, dann diene ich der Herzoginmutter, bis sie ins Paradies eingeht. Danach aber will ich weder zu meinen Eltern noch zu meinem Bruder. Entweder bringe ich mich um oder schneide mir das Haar ab und werde Nonne! Wenn ich das nicht ehrlich meine und mich nur sträube, um später andere Pläne zu verfolgen, dann sollen Himmel und Erde, Götter und Geister, Sonne und Mond Zeugen sein — dann soll aus meiner Kehle eine Eiterbeule wachsen und mich bei lebendigem Leibe verfaulen und zu Brei zersetzen lassen, hier an dieser Stelle!“
Wie sich zeigte, hatte sie bei ihrem Eintreten eine Schere im Ärmel verborgen. Während sie nun die letzten Worte sprach, löste sie sich mit der linken Hand das Haar und begann mit der rechten Hand zu schneiden. Eilig stürzten die Dienerinnen und Mägde herbei, um sie festzuhalten, doch sie hatte schon eine halbe Strähne abgeschnitten. Zum Glück war ihr Haar ungewöhnlich dicht und sie hatte es nicht ganz durchschneiden können. Rasch steckte man ihr das Haar wieder hoch.
Die Herzoginmutter aber bebte am ganzen Leib vor Zorn und stieß hervor: „Sie ist die einzige zuverlässige Person, die mir noch geblieben ist, und um die soll ich auch noch gebracht werden!“ Ihr Blick fiel auf Wang Furen, und an diese gewandt fuhr sie fort: „Ihr macht mir alle etwas vor! Nach außen zeigt ihr Ehrerbietung, insgeheim aber stellt ihr eure Berechnungen an. Alles Gute, was ich habe, wollt ihr mir wegnehmen, ob Sachen oder Menschen! Jetzt ist mir nur noch dieses Mädchen geblieben. Und weil ihr seht, dass ich sie gern habe, kann euch das natürlich nicht gefallen, also schafft ihr sie mir vom Hals, damit ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt!“
Wang Furen hatte sich rasch erhoben und wagte kein Wort zu erwidern. Tante Schnee konnte, als sie sah, dass sogar Wang Furen beschuldigt wurde, schwerlich etwas Beschwichtigendes sagen. Schleierfrau hatte die Schwestern aus dem Zimmer geführt, sobald Mandarinenente ihre Klage vorbrachte.
Spürfrühling [探春][21], die ein scharfsinniger Mensch war, überlegte: Wang Furen wird Unrecht getan, doch sie wagt sich nicht zu verteidigen. Tante Schnee als ihre leibliche Schwester kann sie auch schlecht in Schutz nehmen. Schatzspange kann nicht für ihre Tante eintreten. Schleierfrau, Phönixglanz und Schatzjade wagen ebensowenig etwas zu sagen. Hier muss ein Mädchen auftreten! Aber Willkommenfrühling [迎春][22] ist zu arglos, Bewahrfrühling [惜春] noch zu klein. Also lauschte sie einen Moment am Fenster, trat dann wieder ein und sagte lächelnd zur Herzoginmutter: „Was hat denn die gnädige Frau damit zu tun? Überlegt doch einmal selbst, Herzoginmutter! Gibt es das wohl, dass die Frau des jüngeren Bruders es erfährt, wenn der ältere Schwager eine Nebenfrau nehmen will? Und selbst wenn sie es wüsste, könnte sie sich nur unwissend stellen...“
Noch bevor sie ausgesprochen hatte, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du hast recht! Ich werde wirklich schon wirr im Kopf vor Alter! Lacht nicht über mich, liebe Frau Schnee! Eure Schwester ist mir aufrichtig ergeben — nicht wie meine andere Schwiegertochter, die vor lauter Angst vor ihrem Mann mir gegenüber nur nach dem Munde redet. Ich habe Eurer Schwester Unrecht getan.“
Tante Schnee sagte nur „Jawohl“ und fügte dann hinzu: „Vielleicht seid Ihr ein wenig voreingenommen zugunsten der Frau Eures jüngeren Sohnes — auch so etwas kommt vor.“
Die Herzoginmutter sagte: „Ich bin nicht voreingenommen!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Schatzjade, ich habe deiner Mutter Unrecht getan — warum hast du nichts gesagt und zugesehen, wie sie gekränkt wurde?“
Schatzjade sagte lächelnd: „Hätte ich mich etwa auf die Seite meiner Mutter stellen und den älteren Onkel und die ältere Tante beschuldigen sollen? Im Grunde bleibt der Fehler bestehen: Wenn meine Mutter ihn hier nicht auf sich nimmt, wem soll sie ihn denn zuschieben? Und wenn ich gesagt hätte, es sei mein Fehler, hättet Ihr mir auch nicht geglaubt.“
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das stimmt allerdings. Knie jetzt schnell vor deiner Mutter nieder und sag: ‘Gnädige Frau, seid nicht gekränkt! Die Herzoginmutter ist schon in die Jahre gekommen — habt Nachsicht um Schatziades willen!‚“
Schatzjade ging tatsächlich eilig hinüber und kniete nieder, wollte gerade sprechen, da zog Wang Furen ihn lächelnd hoch und sagte: „Steh auf, steh auf! Das geht wirklich nicht! Du kannst dich nicht an Stelle der Herzoginmutter bei mir entschuldigen!“
Schatzjade stand auf. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Auch Phönixglanz hat mich nicht darauf aufmerksam gemacht.“
Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich habe der Herzoginmutter gar keinen Fehler vorgeworfen, und jetzt sucht sie einen bei mir!“
Die Herzoginmutter sagte, und alle lachten mit: „Das wäre ja seltsam! Ich möchte doch hören, was für ein Fehler das sein soll.“
Phönixglanz sagte: „Warum musstet Ihr das Mädchen so gut aufziehen, dass sie schön wurde wie eine frische Frühlingszwiebel? Da wundert Ihr Euch noch, dass jemand sie haben will? Ein Glück, dass ich nur die Frau Eures Enkels bin und nicht Euer Enkel! Sonst hätte ich sie schon längst für mich beansprucht und nicht bis heute gewartet.“
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das also soll mein Fehler sein?“
Phönixglanz sagte lächelnd: „Natürlich ist es Euer Fehler!“
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Dann will ich sie auch nicht mehr. Nimm du sie!“
Phönixglanz sagte: „Wenn ich mich in diesem Leben so vervollkommne, dass ich im nächsten als Mann wiedergeboren werde, komme ich sie holen.“
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Dann nimm sie für Kaufmann Kette, und gib sie ihm als Nebenfrau! Dann möchte ich sehen, ob dein schamloser Schwiegervater sie immer noch für sich verlangt!“
Phönixglanz sagte: „Kaufmann Kette ist ihrer nicht würdig. Für ihn sind nur solche angebrannten Fladen wie ich und Friedchen gut genug, dass er mit uns auskommen kann.“
Alle brachen in Gelächter aus. Da meldete ein Dienstmädchen: „Die ältere gnädige Frau ist gekommen.“ Wang Furen eilte ihr rasch entgegen. Was weiter geschah —
Anmerkungen
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente“. Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.
- ↑ Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
- ↑ Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Kaufmann Begnadigung“. Der ältere Sohn der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Kette“. Sohn von Kaufmann Begnadigung, Ehemann von Phönixglanz.
- ↑ Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.
- ↑ Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.
- ↑ Chin. 素云 Sùyún, wörtl. „Reine Wolke“. Kammerzofe von Frau Li.
- ↑ Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck“. Kajaljades Kammerzofe.
- ↑ Chin. 彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Bunte Wolke“. Ein Dienstmädchen.
- ↑ Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
- ↑ Chin. 金钏 Jīnchuàn, wörtl. „Gold-Armreif“. Verstorbene Kammerzofe, Schwester von Jadearmband.
- ↑ Chin. 茜雪 Qiànxuě, wörtl. „Scharlach-Schnee“. Eine ehemalige Dienerin Schatzjades.
- ↑ Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel.
- ↑ Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
- ↑ Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.
- ↑ Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene“. Zweite Tochter von Kaufmann Begnadigung.