Hongloumeng/de4/Chapter 114

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Kapitel 114 Phönixglanz [王熙凤][1] durchwandert die Illusionen und kehrt nach Jinling zurück Zhen Yingjia [甄应嘉][2] empfängt kaiserliche Gnade und kehrt an den Jadehof zurück

Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉][3] und Schatzspange [薛宝钗][4], als sie hörten, Phönixglanz [王熙凤] sei in kritischem Zustand, eilig aufstanden. Die Dienstmädchen hielten Kerzen bereit und warteten auf. Gerade als sie den Hof verlassen wollten, schickte Dame Wang [王夫人][5] jemanden herüber, der sagte: „Der Zweiten Herrin Kette [琏二奶奶] geht es schlecht, doch sie hat den letzten Atem noch nicht getan. Der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen noch ein wenig warten. Die Krankheit der Zweiten Herrin Kette hat etwas Seltsames an sich: Von der dritten Nachtwache bis zur vierten hat sie ununterbrochen geredet, allerlei wirres Zeug gesagt, nach Boot und Sänfte verlangt und immer nur davon gesprochen, sie müsse eilig nach Jinling [金陵], um dort in irgendein Register eingetragen zu werden. Niemand versteht, was sie meint; sie weint und schreit nur. Der Zweite Herr Kette [琏二爷] wusste sich keinen Rat und ließ ein Papierboot und eine Papiersänfte basteln, doch die sind noch nicht fertig. Die Zweite Herrin Kette liegt keuchend da und wartet. Die Gnädige Frau schickt uns zu sagen: Wartet, bis die Zweite Herrin Kette gegangen ist, und kommt dann erst herüber."

Schatzjade sagte: „Das ist ja merkwürdig! Was will sie denn in Jinling?" Dufthauch [袭人][6] flüsterte leise: „Erinnerst du dich an den Traum, den du damals hattest? Ich weiß noch, du hast von vielen Registern erzählt. Könnte es sein, dass die Zweite Herrin Kette dorthin geht?" Als Schatzjade das hörte, nickte er und sagte: „Ja, stimmt! Leider kann ich mich an die Worte darin nicht mehr erinnern. So betrachtet, hat also jeder Mensch ein vorbestimmtes Schicksal. Ich frage mich nur, wohin die Schwester Lin [林妹妹] gegangen ist. Jetzt, wo du mich daran erinnerst, beginne ich manches zu verstehen. Wenn ich diesen Traum noch einmal träumen könnte, würde ich ganz genau hinschauen — dann hätte ich die Gabe, die Zukunft vorherzusehen." Dufthauch sagte: „Mit einer Person wie dir kann man wirklich nicht reden! Ich habe nur beiläufig etwas erwähnt, und schon nimmst du es für bare Münze. Und selbst wenn du die Zukunft kennen würdest — was könntest du denn daran ändern?" Schatzjade sagte: „Ich fürchte nur, dass ich die Zukunft nicht sehen kann; wenn ich es aber könnte, bräuchte ich mir euretwegen nicht mehr so vergeblich den Kopf zu zerbrechen."

Während die beiden noch sprachen, kam Schatzspange herüber und fragte: „Worüber redet ihr?" Schatzjade fürchtete, sie würde ihn ins Verhör nehmen, und sagte nur: „Wir sprechen über die Schwester Phönixglanz [凤姐姐]." Schatzspange sagte: „Der Mensch liegt im Sterben, und ihr führt immer noch Reden über sie. Letztes Jahr hast du noch gesagt, ich würde jemanden verwünschen — hat sich das Orakel denn nicht bewahrheitet?" Schatzjade dachte noch einmal nach, klatschte in die Hände und rief: „Richtig, richtig! So betrachtet, kannst du also tatsächlich die Zukunft vorhersagen. Dann frage ich dich doch gleich: Weißt du, wie es mir in Zukunft ergehen wird?" Schatzspange lachte und sagte: „Jetzt fängst du wieder an zu scherzen! Ich habe damals nur das Los, das sie gezogen hatte, auf gut Glück gedeutet — und du nimmst es für Ernst. Du und unsere Schwägerin, ihr seid ganz gleich: Als du deinen Jade verloren hattest, bat sie Miaoyu [妙玉][7] um eine Geisterschrift, und als die Leute die Antwort nicht verstanden, sagte sie mir im Vertrauen, wie hellsichtig Miaoyu sei, wie tief sie in die Meditation eingedrungen sei und den Weg begriffen habe. Jetzt aber hat Miaoyu selbst dieses schwere Unglück erlitten — wie kann man da sagen, sie könne die Zukunft voraussehen? Und selbst wenn ich zufällig einmal richtig lag, was die Schwägerin betrifft — woher soll ich wirklich wissen, wie es um sie steht? Ich fürchte, ich weiß nicht einmal, was mir selbst bevorsteht. All diese Dinge sind von Grund auf nichtig und trügerisch — wie kann man ihnen Glauben schenken?"

Schatzjade sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon. Sag mir lieber etwas über die Schwester Xing [邢妹妹]. Seit bei uns hier ein Unglück nach dem anderen eintrifft, habe ich ihre Angelegenheit ganz vergessen. Eine so bedeutende Sache in eurer Familie — wie konnte sie so hastig und nachlässig abgetan werden, ohne Verwandte und Freunde einzuladen?" Schatzspange sagte: „Da sprichst du wieder weitschweifig! Von den Verwandten unserer Familie sind wir hier und die Wangs am nächsten; bei den Wangs gibt es keine tüchtigen Leute mehr; und bei uns hat es die große Trauerfeier für die Herzoginmutter [老太太] gegeben, deshalb wurde auch niemand eingeladen — der Schwager Kette [琏二哥] hat das Nötigste arrangiert. Es gibt zwar noch ein, zwei andere Verwandte, aber du warst ja nicht dort, woher willst du das wissen? Wenn man es bedenkt, ist das Schicksal unserer Schwägerin dem meinen recht ähnlich. Sie war ordentlich meinem Zweiten Bruder [二哥哥] versprochen worden, und meine Mutter wollte ihm eigentlich eine angemessene Hochzeit ausrichten. Erstens aber sitzt mein älterer Bruder [哥哥] im Gefängnis, und der Zweite Bruder wollte ohnehin keine große Feier; zweitens wegen der Angelegenheiten in eurem Hause; und drittens hatte unsere Schwägerin es bei der Ersten Gnädigen Frau [大太太] allzu schwer, und nach der Hausdurchsuchung wurde die Erste Gnädige Frau nur noch strenger — sie konnte es wirklich kaum noch ertragen. Darum habe ich mit meiner Mutter gesprochen, und so wurde sie eben notdürftig herübergeholt. Ich sehe, dass unsere Schwägerin jetzt geradezu aus ganzem Herzen meine Mutter versorgt und ehrt — besser als eine leibliche Schwiegertochter, ja zehnmal besser sogar; auch meinem Zweiten Bruder gegenüber erfüllt sie alle Pflichten einer Ehefrau; und mit Xiangling [香菱][8] versteht sie sich auch bestens — wenn der Zweite Bruder nicht zu Hause ist, leben die beiden friedlich und einträchtig miteinander. Obwohl es ihnen an Geld fehlt, hat meine Mutter in letzter Zeit mehr Ruhe und Behagen. Nur wenn sie an meinen älteren Bruder denkt, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Obendrein schickt er ständig Leute nach Hause, um Geld zu verlangen — zum Glück schafft es der Zweite Bruder, draußen bei den Geschäftsleuten etwas aufzutreiben, um ihn zufriedenzustellen. Ich habe gehört, dass einige Häuser in der Stadt bereits verpfändet worden sind und nur noch eines übrig ist; jetzt planen sie, dorthin umzuziehen."

Schatzjade sagte: „Warum denn umziehen? Wenn sie hier wohnen bleiben, hast du es doch bequemer, hin und her zu gehen; wenn sie weit weg ziehen, brauchst du einen ganzen Tag, um hinzugelangen." Schatzspange sagte: „Obwohl man verwandt ist, hat doch jeder seinen eigenen Haushalt, das ist angenehmer. Wo gibt es denn das, dass jemand ein Leben lang bei Verwandten wohnt?"

Schatzjade wollte gerade weitere Gründe darlegen, warum sie nicht umziehen sollten, als Dame Wang jemanden herüberschickte, der sagte: „Die Zweite Herrin Kette hat den letzten Atem getan. Alle sind schon hinübergegangen — der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen bitte sogleich kommen." Als Schatzjade das hörte, konnte auch er sich nicht beherrschen, stampfte mit dem Fuß auf und wollte weinen. Schatzspange war zwar ebenfalls betrübt, fürchtete aber, Schatzjade könnte sich zu sehr grämen, und sagte: „Anstatt hier zu weinen, sollten wir besser dort drüben weinen." So gingen die beiden geradewegs zu Phönixglanz' Gemächern. Dort sahen sie, wie viele Leute um sie herumstanden und weinten. Schatzspange trat vor, sah, dass Phönixglanz bereits auf dem Totenbett aufgebahrt war, und brach in lautes Weinen aus. Schatzjade ergriff Kaufmann Kettes [贾琏][9] Hand, und beide weinten hemmungslos. Kaufmann Kette weinte von Neuem. Friedchen [平儿][10] und die anderen sahen, dass niemand tröstete, und kamen mit verhaltener Trauer herbei, um die Weinenden zu beruhigen. Alle trauerten ohne Unterlass.

Kaufmann Kette wusste sich keinen Rat. Er ließ Lai Da [赖大] rufen, um ihn mit der Beisetzung zu beauftragen. Dann meldete er alles Kaufmann Aufrecht [贾政][11] und ging an die Ausführung. Doch die Mittel waren knapp und alles war beengt. Als er an Phönixglanz' einstige Verdienste dachte, weinte er noch bitterer. Und als er sah, wie die kleine Jie [巧姐][12] weinte, als wolle sie sterben, war er noch betrübter. Er weinte, bis der Tag anbrach, und schickte sogleich jemanden, um seinen Schwager Wang Ren [王仁][13] herbeizubitten.

Jener Wang Ren [王仁] hatte, seitdem Wang Ziteng [王子腾] gestorben war — und Wang Zisheng [王子胜], ein unfähiger Mensch, ihm freie Hand ließ — , bereits alle sechs Verwandtschaftsgrade gegeneinander aufgebracht. Nun, als er vom Tod seiner Schwester erfuhr, eilte er herbei und weinte eine Runde. Als er sah, dass hier alles nur notdürftig hergerichtet war, wurde er unwillig und sagte: „Meine Schwester hat jahrelang in eurer Familie mühsam den Haushalt geführt, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Ihr solltet sie gebührend bestatten! Warum ist jetzt noch nichts richtig vorbereitet?" Kaufmann Kette war mit Wang Ren von jeher nicht gut ausgekommen. Als er dessen unsinnige Reden hörte, wusste er, dass er von nichts eine Ahnung hatte, und beachtete ihn kaum.

Wang Ren rief daraufhin seine Nichte Jie [巧姐] herbei und sagte: „Als deine Mutter noch lebte, hat sie die Dinge nie richtig gehandhabt und nur immer der Herzoginmutter geschmeichelt, während sie unsere Leute kaum eines Blickes würdigte. Nichte, du bist inzwischen groß genug — hast du je gesehen, dass ich euch auch nur ein einziges Mal ausgenutzt hätte? Jetzt, da deine Mutter tot ist, musst du in allen Dingen auf deinen Onkel hören. Von der mütterlichen Seite deiner Mutter sind nur noch ich und dein Zweiter Großonkel übrig. Deines Vaters Art kenne ich auch: er hat nur für andere Respekt — damals, als die Tante You [尤姨娘] starb, war ich zwar nicht in der Hauptstadt, aber ich habe gehört, dass er viel Silber ausgegeben hat. Jetzt aber, da deine Mutter gestorben ist, richtet dein Vater alles so sparsam aus — sagst du ihm denn kein Wort?" Jie antwortete: „Mein Vater hätte liebend gern alles prachtvoll ausgerichtet, doch die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Er hat kein Geld in der Hand, darum muss bei allem gespart werden." Wang Ren sagte: „Hast du denn nicht genug eigene Sachen?" Jie antwortete: „Letztes Jahr bei der Hausdurchsuchung — was ist denn noch übrig geblieben?" Wang Ren sagte: „Du redest auch so! Ich habe gehört, dass die Herzoginmutter wieder allerhand Dinge verschenkt hat — die solltest du hervorholen." Jie wollte nicht sagen, dass ihr Vater alles verbraucht hatte, und schob vor, sie wisse nichts davon. Wang Ren sagte darauf: „Oho! Ich verstehe schon — du willst es dir nur als Mitgift aufheben!" Als Jie das hörte, wagte sie nicht zu widersprechen; sie konnte nur unter Schluchzen und Würgen aufweinen.

Friedchen [平儿] wurde ärgerlich und sagte: „Herr Schwager, wenn Sie etwas zu besprechen haben, warten Sie, bis unser Zweiter Herr hereinkommt. Das Fräulein ist noch so jung — was versteht sie davon?" Wang Ren sagte: „Ihr wartet doch nur darauf, dass die Zweite Herrin stirbt, damit ihr selbst das Sagen habt. Ich will ja gar nichts — aber ein anständiges Begräbnis wäre auch euer Ansehen." So sagte er und setzte sich trotzig hin.

Jie fühlte sich zutiefst unwohl und dachte: „Mein Vater ist keineswegs herzlos. Als meine Mutter noch lebte, hat der Onkel wer weiß wie viele Dinge mitgenommen — und jetzt redet er so, als wäre nichts gewesen." Von da an blickte sie auf ihren Onkel herab. Wang Ren aber dachte sich seinerseits, seine Schwester müsse so einiges angehäuft haben: „Auch wenn das Haus durchsucht wurde — an Silber in ihren Zimmern kann es doch nicht fehlen! Die fürchten nur, ich könnte sie bedrängen, und deshalb redet sie auch so. Dieses kleine Ding taugt auch nichts." Von da an hegte auch Wang Ren Groll gegen Jie.

Kaufmann Kette wusste von alledem nichts; er war nur damit beschäftigt, Silber aufzutreiben. Die großen Angelegenheiten draußen überließ er Lai Da; drinnen aber wurde ebenfalls viel Geld gebraucht, und es war auf die Schnelle unmöglich, alles zusammenzubringen. Friedchen sah, wie besorgt er war, und sagte zu Kaufmann Kette: „Der Zweite Herr sollte sich nicht durch übermäßige Trauer selbst zugrunde richten." Kaufmann Kette sagte: „Was für ein Körper! Schon für die täglichen Ausgaben ist kein Geld da — wie soll diese Angelegenheit bezahlt werden? Und dann sitzt da noch dieser unsinnige Kerl und macht Ärger — was soll man da tun?" Friedchen sagte: „Der Zweite Herr braucht sich nicht zu sorgen. Was Geld angeht, habe ich noch einige Dinge. Letztes Jahr zum Glück wurden sie bei der Hausdurchsuchung nicht mitgenommen. Wenn der Zweite Herr sie braucht, nehme er sie und versetze sie." Als Kaufmann Kette das hörte, dachte er bei sich: „Wie schätzenswert!" Er lächelte und sagte: „Das ist noch besser, dann brauche ich mich nicht überall abzumühen. Wenn ich Silber aufgetrieben habe, gebe ich es dir zurück." Friedchen sagte: „Was ich habe, hat mir auch die gnädige Herrin gegeben — von Zurückgeben kann keine Rede sein. Hauptsache, diese Angelegenheit wird anständig ausgerichtet."

Kaufmann Kette war ihr von Herzen dankbar. Er nahm Friedchens Sachen, versetzte sie und verwendete das Geld. Alle Angelegenheiten besprach er fortan mit Friedchen. Herbstzither [秋桐][14] sah das mit Missgunst und sagte bei jeder Gelegenheit: „Seit die gnädige Herrin tot ist, will Friedchen nach oben aufsteigen. Ich bin eine Frau des gnädigen Herrn — wie kann sie mich einfach übergehen?" Friedchen merkte das wohl, beachtete sie aber nicht. Kaufmann Kette hingegen wurde nur umso klarer im Kopf und begann, Herbstzither zu verabscheuen. Wenn er verärgert war, ließ er seinen Zorn an Herbstzither aus. Erste Dame Xing [邢夫人][15] erfuhr davon und gab stattdessen Kaufmann Kette die Schuld. Kaufmann Kette schluckte seinen Ärger und schwieg.

Was nun Phönixglanz betrifft: Nachdem sie etwas mehr als zehn Tage aufgebahrt worden war, wurde sie zu Grabe getragen. Kaufmann Aufrecht [贾政] hielt die Trauerzeit für die Herzoginmutter ein und blieb in seinem äußeren Arbeitszimmer. Die Gesellschafter und Berater hatten sich nach und nach verabschiedet; nur noch ein gewisser Cheng Rixing [程日兴] war geblieben und leistete ihm bisweilen Gesellschaft beim Plaudern. Man sprach über das Unglück der Familie: „Einer nach dem anderen ist gestorben, der Erste Herr [大老爷] und der Herr Zhen [珍大爷] sind draußen in der Verbannung, die Haushaltskasse wird von Tag zu Tag knapper, und wie es um die Ländereien im Osten steht, weiß auch niemand — es steht schlecht um alles!"

Jener Cheng Rixing sagte: „Ich bin schon viele Jahre hier und kenne die Leute dieses Hauses. Wer hat sich denn nicht die eigenen Taschen gefüllt? Jahr für Jahr haben sie alles in ihre eigenen Häuser geschafft — da ist es nur natürlich, dass das Vermögen des gnädigen Hauses von Jahr zu Jahr schwindet. Dazu kommen die Ausgaben für den Ersten Herrn und den Herrn Zhen an zwei verschiedenen Orten; draußen gibt es Schulden; und neulich hat man wieder viel Geld verloren. Auf die Behörden zu hoffen, dass sie die Diebe fassen und die gestohlenen Güter wiederbeschaffen — das ist aussichtslos. Wenn der gnädige Herr die Haushaltsangelegenheiten in Ordnung bringen will, muss er die Verwalter zu sich rufen und einen Vertrauensmann losschicken, um überall gründlich nachzuprüfen: Was weg muss, muss weg; was bleiben soll, soll bleiben; wo Fehlbeträge sind, müssen die Verantwortlichen Ersatz leisten. Dann hat man klare Verhältnisse. Jener große Garten — den wagt kein Fremder zu kaufen. Die Erträge daraus sind beträchtlich, doch es ist niemand mehr damit beauftragt, ihn zu verwalten. In den Jahren, da der gnädige Herr nicht zu Hause war, haben die Leute dort allerhand Spuk und Geistergeschichten inszeniert, sodass sich niemand mehr in den Garten traut — das ist alles das Werk der Hausdiener. Wenn man jetzt die Untergebenen überprüft und die Guten behält, die Schlechten aber fortjagt — das wäre der rechte Weg."

Kaufmann Aufrecht nickte und sagte: „Herr Cheng, da gibt es manches, was Sie nicht wissen. Von den Untergebenen einmal abgesehen — nicht einmal auf die eigenen Neffen kann ich mich verlassen. Wenn ich das alles überprüfen wollte, wie sollte ich alles selbst sehen und selbst erfahren? Zudem bin ich in der Trauerzeit und kann mich um solche Dinge nicht kümmern. Ich habe mich von jeher nicht viel um den Haushalt gekümmert — ob etwas da ist oder nicht, davon habe ich kaum eine Vorstellung." Cheng Rixing sagte: „Der gnädige Herr ist ein Mensch von höchster Güte und Milde. In einem anderen Hause könnte man, selbst wenn das Vermögen zusammengeschrumpft wäre, noch zehn oder fünfzehn Jahre davon leben. Man bräuchte nur die Verwalter zur Rechenschaft zu ziehen — das allein würde genügen. Ich habe gehört, dass unter den Hausdienern des gnädigen Herrn sogar einer ist, der es zum Bezirksvorsteher gebracht hat." Kaufmann Aufrecht sagte: „Wenn ein Herr erst einmal anfängt, das Geld seiner Diener einzutreiben, dann ist es um ihn geschehen. Es ist besser, selbst sparsamer zu leben. Doch die Güter und Besitzungen, die in den Büchern verzeichnet sind — wenn die wirklich noch vorhanden sind, ist es gut; ich fürchte nur, dass sie nur dem Namen nach existieren, ohne dass etwas Reales dahintersteckt." Cheng Rixing sagte: „Eben darum sage ich ja, dass eine Überprüfung nötig ist!" Kaufmann Aufrecht sagte: „Sie müssen etwas gehört haben." Cheng Rixing sagte: „Obwohl ich einiges über die Machenschaften der Verwalter weiß, wage ich nicht, darüber zu sprechen." Als Kaufmann Aufrecht das hörte, merkte er, dass hinter diesen Worten etwas steckte, und seufzte: „Seit meinem Großvater und Urgroßvater ist unser Haus stets gütig und milde gewesen — nie hat man die Untergebenen schlecht behandelt. Ich sehe aber, dass die heutigen Leute mit jedem Tag schlimmer werden. Wenn ich nun in meiner Person den strengen Herrn hervorkehre, macht man sich über mich lustig."

Während die beiden noch sprachen, kam der Türhüter herein und meldete: „Der alte Herr Zhen [甄老爷] aus Jiangnan ist eingetroffen." Kaufmann Aufrecht fragte: „Was führt den Herrn Zhen in die Hauptstadt?" Der Diener antwortete: „Euer Diener hat sich erkundigt — es heißt, er sei durch kaiserliche Gnade wieder in sein Amt eingesetzt worden." Kaufmann Aufrecht sagte: „Dann erübrigt sich jedes weitere Wort — bitten Sie ihn schnell herein." Der Diener ging hinaus und führte den Gast herein.

Jener Herr Zhen war niemand anderes als der Vater von Zhen Baoyu [甄宝玉][16] — er hieß Zhen Yingjia [甄应嘉], mit dem Beinamen Youzhong [友忠], stammte ebenfalls aus Jinling [金陵] und war ein Nachkomme verdienter Beamter. Er war seit Langem mit dem Hause Kaufmann verwandt und hatte regen Umgang mit ihnen gepflogen. Vor zwei Jahren war er durch eine Verwicklung seines Amtes enthoben und sein Familienbesitz eingezogen worden. Nun aber hatte der Kaiser sich der Verdienste seiner Ahnen erinnert, ihm seinen erblichen Titel zurückgegeben und ihn zur Audienz in die Hauptstadt befohlen. Da er vom jüngsten Ableben der Herzoginmutter erfahren hatte, brachte er besondere Opfergaben mit, wählte einen Tag, um am Ort der vorläufigen Aufbahrung seinen Respekt zu erweisen, und kam deshalb zunächst zu einem Besuch vorbei.

Kaufmann Aufrecht trug Trauerkleidung und konnte den Gast nicht draußen empfangen; er wartete an der Tür des äußeren Arbeitszimmers. Als jener Herr Zhen ihn erblickte, war er zugleich traurig und froh. Da man sich in der Trauerzeit befand, konnte man die üblichen Höflichkeitsformen nicht einhalten; so ergriff er seine Hände und tauschte Worte der Sehnsucht und des langen Getrenntseins aus. Dann setzten sie sich nach Gast und Gastgeber getrennt, Tee wurde gereicht, und beide erzählten einander von den Geschehnissen seit ihrer Trennung. Kaufmann Aufrecht fragte: „Wann hat der verehrte Herr Schwager die Audienz gehabt?" Zhen Yingjia antwortete: „Vorgestern." Kaufmann Aufrecht sagte: „Des Kaisers Gnade ist groß — gewiss gab es gnädige Weisungen." Zhen Yingjia sagte: „Die Gnade Seiner Majestät ist wahrlich höher als der Himmel — er hat eine ganze Reihe von Erlassen herabgegeben." Kaufmann Aufrecht fragte: „Was für günstige Erlasse?" Zhen Yingjia sagte: „In letzter Zeit treiben die Piraten in Zhejiang [越寇] ihr Unwesen, und die Bevölkerung an den Küsten kommt nicht zur Ruhe. Der Anguo-Gong [安国公] wurde mit einem Feldzug gegen die Räuber beauftragt. Da Seine Majestät weiß, dass ich mit der Gegend vertraut bin, hat er mir befohlen, dorthin zu gehen und das Volk zu beruhigen. Ich muss allerdings sogleich aufbrechen. Als ich gestern vom Hinscheiden der alten Gnädigen Frau erfuhr, habe ich eine bescheidene Räucherung vorbereitet, um am Traueraltar meinen Respekt zu erweisen und ein wenig meine aufrichtige Anteilnahme auszudrücken."

Kaufmann Aufrecht dankte sogleich mit einer tiefen Verbeugung und sagte: „Mit dieser Reise wird der verehrte Herr Schwager gewiss das kaiserliche Herz beruhigen und das Volk befrieden. Das ist wahrhaftig ein großes Verdienst und liegt ganz in dieser Reise. Nur dass ich die glänzenden Taten nicht mit eigenen Augen werde sehen können — ich werde aus der Ferne auf Siegesnachrichten lauschen. Der kommandierende General an der Küste [镇海统制] ist ein Verwandter meines bescheidenen Hauses — wenn Sie ihn treffen, bitte ich um Ihre gütige Fürsorge." Zhen Yingjia fragte: „In welcher verwandtschaftlichen Beziehung steht der gnädige Herr zum Kommandierenden General?" Kaufmann Aufrecht sagte: „Als ich damals das Amt des Getreidewegeinspektors in Jiangxi [江西粮道] bekleidete, habe ich meine Tochter mit dem Sohn des Kommandierenden Generals verlobt; sie sind inzwischen drei Jahre verheiratet. Wegen des Falles an der Hafenmündung und wegen der Seeräuber war der Briefverkehr unterbrochen. Ich sorge mich sehr um meine Tochter. Wenn der verehrte Herr Schwager die Befriedung abgeschlossen hat, bitte ich ihn, bei Gelegenheit einmal nach ihr zu sehen. Ich werde einige Zeilen verfassen und sie einem Diener des Herrn Schwager mitgeben — das wäre mir eine große Erleichterung."

Zhen Yingjia sagte: „Die Sorge um Söhne und Töchter — das ist nur menschlich. Ich hätte seinerseits auch eine Bitte an den verehrten Herrn Schwager: Durch die kaiserliche Gnade nach der Hauptstadt berufen, habe ich, da mein Sohn noch jung ist und es an Leuten im Hause fehlt, meine ganze Familie mitgebracht. Da ich unter kaiserlichem Eilbefehl stehe, bin ich Tag und Nacht vorausgereist; meine Familie folgt in langsamerer Reise und wird noch einige Tage bis zur Ankunft in der Hauptstadt brauchen. Da ich den kaiserlichen Befehl habe und die Hauptstadt rasch verlassen muss, kann ich mich nicht lange aufhalten. Wenn meine Familie in der Hauptstadt eingetroffen ist, wird sie gewiss das verehrte Haus aufsuchen, und ich werde meinen unbedeutenden Sohn zum Besuch vorbeischicken. Wenn er belehrt werden kann und sich eine günstige Gelegenheit für eine Heirat ergibt, bitte ich um wohlwollende Aufmerksamkeit." Kaufmann Aufrecht sagte zu allem Ja und Amen. Jener Zhen Yingjia sprach noch einige Worte und wollte dann aufbrechen mit den Worten: „Morgen sehen wir uns außerhalb der Stadt noch einmal." Kaufmann Aufrecht sah, dass er es eilig hatte und wohl kaum länger bleiben konnte, und geleitete ihn bis zum Arbeitszimmer hinaus.

Kaufmann Kette [贾琏] und Schatzjade hatten schon die ganze Zeit draußen gewartet, um den Gast zu verabschieden; da Kaufmann Aufrecht sie aber nicht gerufen hatte, wagten sie nicht, eigenmächtig einzutreten. Als Zhen Yingjia herauskam, traten die beiden vor und begrüßten ihn. Zhen Yingjia erblickte Schatzjade und stutzte einen Moment — in Gedanken sagte er sich: „Wie kann der meinem Baoyu so ähnlich sehen? Nur dass er ganz in weiße Trauerkleidung gehüllt ist." Er sagte: „Als nahe Verwandte, die sich so lange nicht gesehen haben — die jungen Herren erkenne ich nicht mehr." Kaufmann Aufrecht zeigte eilig auf Kaufmann Kette und sagte: „Dies ist der zweite Sohn meines älteren Bruders Kaufmann Begnadigung [赦] — Kette." Dann zeigte er auf Schatzjade und sagte: „Dies ist mein zweiter unbedeutender Sohn, er heißt Baoyu [宝玉]." Zhen Yingjia klatschte in die Hände und rief: „Erstaunlich! Zu Hause habe ich gehört, dass der verehrte Herr Schwager einen geliebten Sohn hat, der mit einem Jadestück im Mund zur Welt kam und Baoyu heißt — da er denselben Namen trägt wie mein Sohn, fand ich das höchst verwunderlich. Dann aber dachte ich, solche Dinge kommen ja vor, und dachte nicht weiter darüber nach. Doch dass er, nun da ich ihn heute sehe, nicht nur das gleiche Gesicht hat, sondern auch dieselbe Art und Weise — das ist wahrhaft erstaunlich!" Er fragte nach dem Alter und sagte: „Er ist ein Jahr jünger als unser Junge." Kaufmann Aufrecht erwähnte dann noch, wie er seinerzeit durch eine Empfehlung den Bao Yong [包勇][17] aufgenommen habe, und erzählte auch die Geschichte, wie sein Sohn denselben Namen trage. Zhen Yingjia aber hatte nur Augen für Schatzjade und kümmerte sich nicht weiter um Bao Yongs Ergehen; er sagte nur immer wieder: „Wahrhaft erstaunlich, wahrhaft erstaunlich!" Er fasste Schatzjade bei der Hand und war überaus herzlich. Doch weil er fürchtete, der Anguo-Gong könnte bald aufbrechen, und er dringend die Reise vorbereiten musste, riss er sich nur mit Mühe los und ging langsam. Kaufmann Kette und Schatzjade geleiteten ihn hinaus und beantworteten unterwegs noch viele Fragen nach Schatzjade; dann erst stieg Zhen Yingjia in seine Kutsche. Kaufmann Kette und Schatzjade kehrten zurück, meldeten sich bei Kaufmann Aufrecht und berichteten die Fragen, die Zhen Yingjia gestellt hatte. Kaufmann Aufrecht entließ die beiden. Kaufmann Kette ging, um die Abrechnung der Bestattungskosten für Phönixglanz vorzunehmen.

Schatzjade kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und erzählte Schatzspange alles. Er sagte: „Den immer wieder erwähnten Zhen Baoyu — ich dachte, es wäre unmöglich, ihn je zu sehen, doch heute habe ich zuerst einmal seinen Vater getroffen. Ich habe auch gehört, dass Baoyu in wenigen Tagen in der Hauptstadt eintrifft und unseren Herrn Vater besuchen will. Auch er sagt, er sehe genauso aus wie ich — ich kann es einfach nicht glauben. Wenn er in den nächsten Tagen zu uns kommt, geht alle und schaut euch an, ob er mir wirklich ähnlich sieht!" Schatzspange hörte das und sagte: „Ach! Wie redest du denn — immer wirrer! Dass ein fremder Mann dir ähnlich sieht, muss man ja nicht gleich aussprechen, und dann noch uns auffordern, ihn anzuschauen!" Als Schatzjade das hörte, merkte er, dass er sich verplappert hatte; sein Gesicht wurde rot, und er wollte hastig eine Erklärung nachschieben.

Was er dann sagte, wird im nächsten Kapitel erzählt.

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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  2. Chin. 甄应嘉 Zhēn Yīngjiā. Vater von Zhen Baoyu.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  4. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  5. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.
  6. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  7. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  8. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse". Konkubine von Xue Pan.
  9. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Kette". Phönixglanz' Ehemann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Kaufmann Aufrecht". Schatzjades Vater.
  12. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kaufmann Kette.
  13. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  14. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kaufmann Kette.
  15. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.
  16. Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Zhen.
  17. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Zhen empfohlener Wächter.
  18. Yuque 玉阙 — bezeichnet den Kaiserpalast oder den Hof. Aus einem Gedicht von Kaiser Taizong der Tang-Dynastie: „Sie hängen herab am Jadehof in abgestufter Pracht, entfalten und rollen sich vor dem Orchideenpalast."
  19. Zhanran 沾染 — hier im Sinne von: sich wirtschaftlich bereichern, Vorteile ziehen.
  20. Wenyu 温谕 — ehrerbietige Bezeichnung für kaiserliche Erlasse, im Sinne von: des Kaisers gnädige Fürsorge für seine Untertanen.
  21. Yuekou 越寇 — Piraten in der Gegend des heutigen Zhejiang. Yue: Gebiet des antiken Staates Yue zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, dessen Hauptstadt Kuaiji dem heutigen Shaoxing entspricht.
  22. Banxiang 瓣香 — ursprünglich ein in Scheiben gespaltener Aloeholz-Weihrauch, der zur Verehrung Buddhas und hochgestellter Personen verwendet wird; hier allgemein für Räucherwerk und zugleich Ausdruck der Ehrerbietung.
  23. Weichen 微忱 — bescheidene Selbstbezeichnung für die eigene aufrichtige Anteilnahme.
  24. Zunji 尊纪 — ehrerbietige Bezeichnung für die Diener eines anderen. Ji ist die Kurzform von jigang 纪纲, was „Diener" bedeutet, abgeleitet aus dem Zuozhuan, Herzog Xi, 24. Jahr.