Hongloumeng/de4/Chapter 115

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Kapitel 115

Verblendet durch Voreingenommenheit schwört Bewahrfrühling einen reinen Eid; Der Beweis der Gleichartigkeit — Schatzjade verliert seinen vermeintlichen Seelenverwandten

Es wird erzählt, dass Schatzjade sich verplappert hatte und von Schatzspange in die Enge getrieben worden war; er wollte gerade darüber hinweggehen, als Herbstmuster hereinkam und sagte: „Draußen lässt der Herr den Zweiten Herrn rufen." Schatzjade konnte es gar nicht schnell genug hören und ging davon. Als er bei Kaufmann Aufrecht ankam, sagte dieser: „Ich habe dich nicht wegen etwas anderem rufen lassen. Jetzt, wo du Trauerkleidung trägst, ist es unpassend, zur Schule zu gehen. Zu Hause musst du unbedingt die Aufsätze, die du durchgenommen hast, noch einmal durcharbeiten. Ich habe dieser Tage ohnehin Muße; alle zwei, drei Tage sollst du mir einige Aufsätze schreiben, damit ich sie ansehe und prüfe, ob du in letzter Zeit Fortschritte gemacht hast." Schatzjade musste zustimmen. Kaufmann Aufrecht fuhr fort: „Deinem Bruder Huan und deinem Neffen Lan habe ich ebenfalls aufgetragen, ihre Studien aufzufrischen. Sollten deine Aufsätze schlecht ausfallen und hinter den ihren zurückbleiben, dann wäre das eine Schande." Schatzjade wagte nichts zu erwidern, antwortete nur mit einem „Ja" und blieb stehen. Kaufmann Aufrecht sagte: „Geh nur." Schatzjade zog sich zurück und begegnete auf dem Weg hinaus Verwalter Lai und einigen anderen, die mit Kassenbüchern hereinkamen. Schatzjade eilte im Sturmschritt zurück in sein Zimmer. Als Schatzspange hörte, dass man ihn zum Aufsatzschreiben aufgefordert hatte, freute sie sich sogar darüber. Nur Schatzjade selbst hatte keine Lust, wagte aber auch nicht, es auf die leichte Schulter zu nehmen.

Gerade als er sich setzen und zur Ruhe kommen wollte, kamen zwei Nonnen herein — sie stammten aus dem Dizang-Kloster. Als sie Schatzspange sahen, sagten sie: „Wir grüßen die Zweite junge Herrin." Schatzspange erwiderte halb gleichgültig: „Geht es euch gut?" Dann rief sie jemanden herbei: „Schenkt den ehrwürdigen Meisterinnen Tee ein." Schatzjade hätte gern mit den Nonnen geplaudert, doch da Schatzspange offenbar einen Widerwillen gegen solcherlei hegte, mochte er kein Gespräch anfangen. Die Nonnen wussten, dass Schatzspange eine kühle Person war, und blieben nicht lange. Als sie sich verabschieden wollten, sagte Schatzspange: „Bleibt doch noch ein wenig." Die Nonnen antworteten: „Wir haben im Eisernen Schwellen-Tempel eine Andacht verrichtet und sind schon lange nicht mehr gekommen, um den Damen und jungen Herrinnen unsere Aufwartung zu machen. Heute, da wir hier sind und die Herrinnen und Damen gesehen haben, möchten wir auch noch das Vierte Fräulein besuchen." Schatzspange nickte und ließ sie gehen.

Die Nonnen kamen zu Bewahrfrühling und erblickten die Zofe Buntschirm. „Wo ist das Fräulein?", fragten sie. Buntschirm sagte: „Fragt nicht danach! Das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen und liegt nur da." — „Warum denn?", fragten die Nonnen. Buntschirm sagte: „Das ist eine lange Geschichte. Wenn ihr das Fräulein seht, wird sie es euch vermutlich selbst erzählen." Bewahrfrühling hatte alles schon gehört, richtete sich hastig auf und sagte: „Ihr zwei! Seit unsere Familiengeschäfte schlecht stehen, kommt ihr gar nicht mehr!" Die Nonnen erwiderten: „Amitabha! Ob die Gönner reich sind oder nicht, sie bleiben unsere Gönner. Ganz zu schweigen davon, dass wir aus dem Familienkloster stammen und so viel Gnade von der seligen Herzoginmutter empfangen haben. Nun sind wir wegen der Angelegenheiten der Herzoginmutter gekommen und haben schon alle Damen und Herrinnen gesehen, nur das Fräulein noch nicht. Da lag es uns auf dem Herzen, und heute sind wir eigens gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen."

Bewahrfrühling erkundigte sich nach den Nonnen des Shuiyue-Klosters. Die Nonnen sagten: „In ihrem Kloster hat es einige Vorfälle gegeben, und nun lässt man sie am Tor nicht mehr so oft herein." Dann fragten sie Bewahrfrühling: „Neulich haben wir gehört — stimmt es, dass die ehrwürdige Meisterin Miaoyu aus dem Longcui-Kloster mit jemandem davongegangen ist?" Bewahrfrühling antwortete: „Was für ein Gerede! Wer so etwas sagt, der soll sich vor der Zunge hüten! Die wurde von Räubern geraubt — wie kann man da noch solche üblen Dinge sagen?" Die Nonnen erwiderten: „Die Meisterin Miaoyu war ja ein wunderlicher Mensch, vielleicht war es nur Heuchelei? Vor dem Fräulein dürfen wir das freilich nicht weiter ausführen. Wo sind wir doch solch grobe Leute, die nur Sutren rezitieren und Buddha anrufen, für andere Bußgebete verrichten und dadurch auch für sich selbst gutes Karma sammeln."

Bewahrfrühling fragte: „Was genau versteht man unter gutem Karma?" Die Nonnen antworteten: „Abgesehen von Familien voller Tugend wie der unsrigen braucht man nichts zu fürchten. Aber bei anderen Familien — selbst Hofdamen mit kaiserlichem Ehrentitel und Fräuleins aus vornehmem Hause können sich nicht ein Leben lang der Pracht sicher sein. Kommt das Leid, ist keine Rettung mehr möglich. Einzig die Bodhisattva Guanyin, die Barmherzige und Gnädige, lässt, wenn sie sieht, dass jemand in Not ist, ihr mitfühlendes Herz walten und findet Mittel und Wege zur Rettung. Warum sagen die Leute heutzutage alle: ‚Die große Barmherzige und Gnädige, leiderlösende Bodhisattva Guanyin'? Wir, die wir den Weg der Askese beschritten haben, leiden zwar weit mehr als Damen und Fräuleins, doch Gefahren und Katastrophen gibt es für uns nicht. Wenn wir auch nicht Buddha oder Patriarchin werden können — arbeiten wir am nächsten Leben, werden wir vielleicht als Mann wiedergeboren, und dann wird alles besser. Nicht wie jetzt, wo man als Frau geboren ist und all die Kränkungen und Nöte nicht einmal aussprechen kann. Fräulein, Ihr wisst es noch nicht: Wenn ein Fräulein erst einmal verheiratet ist und ein Leben lang einem Mann folgen muss, dann gibt es erst recht keinen Ausweg. Wer den Weg der Askese gehen will, muss ihn wahrhaftig gehen. Die Meisterin Miaoyu hielt sich in Talent und Geist für uns überlegen und verachtete uns als gewöhnlich. Doch wer weiß — gerade die Gewöhnlichen erlangen gutes Karma! Und sie hat am Ende doch eine große Katastrophe erlitten."

Bewahrfrühling war von den Worten der Nonnen tief getroffen; ohne Rücksicht auf die anwesenden Zofen erzählte sie, wie Frau You sie behandelt hatte und was neulich bei der Hausaufsicht vorgefallen war. Sie zeigte ihnen ihr Haar und sagte: „Glaubt ihr etwa, ich sei jemand, der ohne eigenen Willen an der Feuergrube hängt? Ich hege diesen Wunsch schon lange, nur fand ich keinen Weg." Als die Nonnen das hörten, taten sie bestürzt und sagten: „Fräulein, sagt so etwas bloß nicht! Wenn die Erste Herrin Zhen das hört, wird sie uns ausschelten und aus dem Kloster jagen! Ein Fräulein von solcher Anmut, aus solcher Familie — Ihr werdet gewiss einen guten Bräutigam finden und ein Leben in Glanz und Pracht genießen …" Noch ehe sie ausgesprochen hatten, wurde Bewahrfrühling rot im Gesicht und sagte: „Die Erste Herrin Zhen kann euch hinausjagen — meint ihr, ich kann das nicht?" Die Nonnen erkannten, dass es ihr ernst war, und wollten sie noch ein wenig weiter herausfordern: „Fräulein, nehmt es uns nicht übel, wenn wir das Falsche gesagt haben. Aber ob die Damen und Herrinnen dem Fräulein wohl seinen Willen lassen werden? Wenn es dann peinlich wird, ist das nicht gut. Wir meinen es doch nur gut mit dem Fräulein." Bewahrfrühling sagte: „Das werden wir sehen."

Buntschirm und die anderen Zofen hörten, dass das Gespräch eine bedenkliche Wendung nahm, und gaben den Nonnen einen Wink, sie sollten gehen. Die Nonnen verstanden; ohnehin hatten sie Angst und wagten nicht, weiter zu provozieren, und verabschiedeten sich. Bewahrfrühling hielt sie nicht zurück und sagte mit kaltem Lächeln: „Ihr glaubt wohl, auf der ganzen Welt gäbe es nur euer Dizang-Kloster?" Die Nonnen wagten keine Antwort und gingen.

Buntschirm erkannte, dass die Lage bedenklich war, und fürchtete, man würde ihr die Schuld geben. Heimlich ging sie zu Frau You und berichtete: „Das Vierte Fräulein hat den Gedanken, sich das Haar abzuschneiden, noch keineswegs aufgegeben. In diesen Tagen war sie nicht krank — sie hadert mit ihrem Schicksal. Herrin, seid auf der Hut, damit kein Unglück geschieht. Sonst fällt die Schuld auf uns." Frau You sagte: „Ihr geht es nicht ums Klosterleben — weil der Erste Herr nicht zu Hause ist, will sie mir absichtlich Ärger bereiten. Man kann sie eben nur gewähren lassen." Buntschirm und die anderen Zofen wussten keinen Rat und konnten nur immer wieder gut zureden. Doch Bewahrfrühling aß von Tag zu Tag weniger und wollte sich nur noch das Haar abschneiden. Buntschirm und die anderen hielten es nicht mehr aus und berichteten überallhin davon. Die Damen Xing und Wang versuchten mehrfach, sie umzustimmen, doch Bewahrfrühling beharrte unerschütterlich.

Die Damen Xing und Wang wollten gerade Kaufmann Aufrecht davon in Kenntnis setzen, als von draußen hereingemeldet wurde: „Die Dame der Familie Zhen ist da und hat ihren Schatzjade mitgebracht." Die Damen eilten hinaus, um sie zu empfangen, und man nahm bei Frau Wang Platz. Alle begrüßten einander und wechselten die üblichen Höflichkeiten — das braucht nicht im Einzelnen beschrieben zu werden. Es sei nur erwähnt, dass Frau Wang den Schatzjade der Zhens mit dem eigenen Schatzjade verglich und sie zum Verwechseln ähnlich fand. Sie wollte den Zhen-Schatzjade hereinbitten, damit man ihn sehe. Man schickte eine Nachricht hinaus, und die Antwort lautete: „Der junge Herr Zhen unterhält sich im äußeren Arbeitszimmer mit dem Herrn; die Unterhaltung sei außerordentlich anregend. Man habe Leute geschickt, um unseren Zweiten Herrn, den Dritten Herrn sowie den jungen Herrn Lan zu bitten, draußen zu speisen; nach dem Essen würden sie hereinkommen." Danach wurde auch drinnen aufgetafelt.

Der Grund war, dass Kaufmann Aufrecht, als er sah, dass der Zhen-Schatzjade dem eigenen Schatzjade tatsächlich glich wie ein Ei dem anderen, ihn in seiner Bildung prüfte, worauf jener so gewandt und flüssig antwortete, dass Kaufmann Aufrecht größten Respekt empfand. Darum ließ er die drei Jungen herauskommen — teils um sie anzuspornen, teils um einen direkten Vergleich mit dem eigenen Schatzjade anzustellen. Schatzjade gehorchte, zog schlichte Trauerkleidung an und ging mit seinem Bruder und Neffen hinaus. Als er den Zhen-Schatzjade erblickte, war es, als träfe er einen alten Bekannten. Auch der Zhen-Schatzjade hatte das Gefühl, ihn schon irgendwo gesehen zu haben. Beide verbeugten sich, dann kamen Kaufmann Huan und Kaufmann Lan hinzu. Kaufmann Aufrecht hatte auf dem Boden gesessen und wollte den Zhen-Schatzjade auf einem Stuhl Platz nehmen lassen, doch dieser wagte als Jüngerer nicht, oben zu sitzen, und setzte sich auf ein Polster auf dem Boden. Als nun Schatzjade und die anderen herauskamen, konnten sie nicht mit Kaufmann Aufrecht zusammensitzen; da der Zhen-Schatzjade einer jüngeren Generation angehörte, konnte man Schatzjade und die anderen auch nicht stehen lassen. Kaufmann Aufrecht merkte die Unannehmlichkeit, stand auf, sagte noch einige Worte, ließ auftafeln und sprach: „Ich muss mich verabschieden und überlasse es den jungen Leuten, zusammen zu plaudern, damit sie die Gelegenheit haben, von einem so bedeutenden Gast zu lernen." Der Zhen-Schatzjade erwiderte bescheiden: „Bitte, Herr Onkel, bemüht Euch nur. Der kleine Neffe möchte gerade von den Herren Vettern lernen." Kaufmann Aufrecht wechselte noch einige Worte und ging ins innere Arbeitszimmer. Der Zhen-Schatzjade wollte ihn hinausbegleiten, doch Kaufmann Aufrecht hielt ihn zurück. Schatzjade und die anderen waren rasch einen Schritt vorausgelaufen, stellten sich draußen vor der Schwelle des Arbeitszimmers auf und warteten, bis Kaufmann Aufrecht hineingegangen war, ehe sie zurückkehrten und den Zhen-Schatzjade baten, Platz zu nehmen. Es folgten die üblichen Höflichkeitsfloskeln — „lang ersehnte Bewunderung", „brennendes Verlangen nach einem Treffen" und dergleichen — , die nicht weiter erzählt werden müssen.

Nun zu Kaufmann Schatzjade: Als er den Zhen-Schatzjade sah, dachte er an die Szene in seinem Traum. Da er ohnehin wusste, dass der Zhen-Schatzjade ein Mensch nach seinem eigenen Herzen sei, glaubte er, endlich einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Da es das erste Treffen war, wollte er sich nicht vorschnell äußern, und da überdies Kaufmann Huan und Kaufmann Lan zugegen waren, blieb ihm nur, überschwänglich zu loben: „Euren glanzvollen Namen habe ich seit langem verehrt, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, Euch persönlich kennenzulernen. Euch heute zu sehen — Ihr seid wahrhaftig eine Gestalt, wie ein auf die Erde verbannter Unsterblicher!"

Auch der Zhen-Schatzjade kannte seit jeher den Ruf des Kaufmann Schatzjade. Als er ihn nun sah, entsprach er tatsächlich dem, was man erzählte. „Nur: mit mir studieren kann er, aber den rechten Weg einschlagen — das vielleicht nicht. Da er denselben Namen und dasselbe Antlitz trägt wie ich, ist er gewiss ein alter Geist vom Dreilebens-Stein. Ich habe inzwischen einige Einsichten gewonnen — warum nicht mit ihm darüber sprechen? Doch da es das erste Treffen ist und ich noch nicht weiß, ob sein Herz dem meinen gleicht, will ich es langsam angehen." So sprach er: „Des Herrn Vetters Ruhm als Gelehrter ist mir wohlbekannt. Unter Zehntausenden seid Ihr der Reinste und Vornehmste. Was mich betrifft — ich bin nur ein stumpfer Durchschnittsmensch, der sich beschämt sieht, denselben Namen zu tragen, und fürchtet, diese beiden Schriftzeichen zu beschmutzen."

Als Kaufmann Schatzjade das hörte, dachte er: „Dieser Mensch denkt wahrhaftig wie ich. Doch wir sind beide Männer und können uns mit der Reinheit der Mädchen nicht messen — wie kommt er dazu, mich zu behandeln wie ein Mädchen?" Er antwortete: „Euer grundloses Lob ist mir peinlich, und ich wage nicht, es anzunehmen. Euer Diener ist äußerst grob und dumm, nichts als ein störrischer Stein; wie sollte ich mich mit der reinen Vornehmheit des Herrn Vetters vergleichen und diesen beiden Schriftzeichen wirklich gerecht werden!"

Der Zhen-Schatzjade sprach: „In meiner Jugend kannte ich mein Maß nicht und glaubte, ich ließe mich noch schleifen und formen. Doch dann traf unsere Familie der Niedergang, und seit Jahren bin ich geringer als Scherben und Geröll. Wenn ich auch nicht behaupten kann, alles Süße und Bittere durchgekostet zu haben, so habe ich doch die Welt und die Sitten der Menschen ein wenig begriffen. Der Herr Vetter lebt in Brokat und Jade, alles nach Herzenswunsch; gewiss sind seine Aufsätze und seine praktische Befähigung allen anderen überlegen, und darum schätzt Euer Herr Vater ihn so sehr und betrachtet ihn als ‚Kostbarkeit auf der Matte'. Darum sagte ich gerade, dass Euer Name Euch wahrhaft gebührt."

Als Kaufmann Schatzjade das hörte, erkannte er darin wieder die alten Phrasen der „Gehaltsschmarotzer" und suchte nach einer Antwort. Kaufmann Huan, zu dem noch niemand gesprochen hatte, war längst unzufrieden. Kaufmann Lan hingegen fand diese Worte sehr nach seinem Geschmack und sagte: „Was der Herr Onkel sagt, ist gewiss allzu bescheiden. Was aber Aufsätze und praktische Befähigung betrifft — wahres Talent und wahre Gelehrsamkeit kommen erst durch Erfahrung hervor. Euer kleiner Neffe ist zwar jung und versteht noch nicht, was ein Aufsatz eigentlich ist, doch wenn ich das Gelesene sorgfältig durchdenke, erscheinen mir üppige Speisen und prächtige Gewänder gegenüber einem guten Ruf und weitem Ansehen wirklich hundertmal unbedeutender."

Noch bevor der Zhen-Schatzjade antworten konnte, hörte Kaufmann Schatzjade die Worte des jungen Lan und war in seinem Inneren noch weniger einverstanden. Er dachte: „Seit wann hat auch dieses Kind diese säuerlichen Theorien übernommen?" Und sagte: „Ich habe vernommen, dass der Herr Vetter die gewöhnlichen Sitten verachtet und sein Wesen auf ganz eigene Einsichten gründet. Heute habe ich das Glück, mit dem duftenden Vorbild zusammenzutreffen, und wünschte, eine Lehre über die Überwindung des Gewöhnlichen und den Eintritt in die Sphäre der Heiligen zu empfangen, um damit die profane Gesinnung reinzuwaschen und den Blick neu zu öffnen. Unerwartet haltet Ihr mich für einen Dummkopf und speist mich mit Weltreden ab."

Als der Zhen-Schatzjade das hörte, verstand er innerlich: „Er kennt mein jugendliches Wesen und argwöhnt daher, ich verstelle mich. Am besten spreche ich offen; vielleicht gewinne ich so einen Herzensfreund." Er sagte: „Des Herrn Vetters erhabene Darlegung ist fürwahr aufrichtig. Doch auch ich habe in meiner Jugend jene alten Phrasen und abgedroschenen Reden zutiefst verabscheut. Nur wird man Jahr um Jahr älter. Mein Vater lebt im Ruhestand zu Hause und hat keine Lust mehr, Gäste zu empfangen, und hat mich damit betraut. Als ich dann all jene Herren und hohen Beamten kennenlernte, sah ich, dass sie allesamt Männer waren, die ihre Vorfahren ehrten und ihren Namen rühmten. Auch jene, die Bücher verfassten und Lehren aufstellten, sprachen von nichts anderem als Treue und Kindespietät, und jeder von ihnen hatte ein eigenes Werk, Tugend und Worte für die Nachwelt zu hinterlassen. So lebt man nicht umsonst in einer aufgeklärten Zeit und wird auch der Gnade seiner Väter und Lehrer gerecht, die einen aufgezogen und unterwiesen haben. Darum habe ich die Hirngespinste und Schwärmereien meiner Jugend allmählich abgelegt. Nun suche ich noch Lehrer und Freunde, die mich in meiner Beschränktheit unterweisen. Dass ich heute den Herrn Vetter treffe — gewiss kann er mir etwas lehren. Was ich vorhin sagte, war keineswegs leeres Gerede."

Kaufmann Schatzjade wurde das Zuhören immer unerträglicher, doch er mochte nicht unfreundlich sein und musste sich mit ausweichenden Worten behelfen. Zum Glück kam aus dem Inneren die Nachricht: „Wenn die Herren draußen mit dem Essen fertig sind, wird der junge Herr Zhen gebeten, nach drinnen zu kommen." Schatzjade ergriff die Gelegenheit und lud den Zhen-Schatzjade ein, mitzukommen. Jener gehorchte und ging voran; Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zu Frau Wang. Kaufmann Schatzjade sah, dass Dame Zhen den Ehrenplatz einnahm, und begrüßte sie zunächst. Kaufmann Huan und Kaufmann Lan stellten sich ebenfalls vor. Der Zhen-Schatzjade begrüßte seinerseits Frau Wang. Die beiden Mütter und die beiden Söhne — sie musterten einander. Obwohl Kaufmann Schatzjade schon verheiratet war, war Dame Zhen bereits in den Jahren und eine alte Verwandte; als sie sah, dass sein Aussehen und seine Gestalt ihrem eigenen Sohn glichen, konnte sie sich einer gewissen Wärme nicht erwehren. Von Frau Wang gar nicht zu reden — sie nahm den Zhen-Schatzjade bei der Hand und fragte dies und das; sie fand ihn reifer als ihren eigenen Schatzjade. Auch Kaufmann Lan war von klarer und überragender Anmut — wenn er auch nicht ganz an die Ähnlichkeit der beiden Schatze heranreichte, so war er doch recht ansehnlich. Nur Kaufmann Huan war grob und plump. Es war wohl unvermeidlich, dass ein wenig Voreingenommenheit mitschwang.

Als die Anwesenden die beiden Schatze beisammen sahen, kamen alle herbei, um sie anzuschauen, und sagten: „Wahrhaftig ein Wunder! Dass die Namen gleich sind, sei dahingestellt — aber wie können Gesicht und Gestalt so genau übereinstimmen? Zum Glück trägt unser Schatzjade Trauer; trügen sie die gleiche Kleidung, könnte man sie auf Anhieb nicht unterscheiden." Unter den Anwesenden überkam Zijuan ein Anflug von Schwermut: Sie dachte an Kajaljade und sagte sich im Stillen: „Wie schade, dass Fräulein Lin gestorben ist. Wäre sie noch am Leben, hätte man jenen Zhen-Schatzjade ihr geben können — sie wäre gewiss einverstanden gewesen."

Gerade als sie in solche Gedanken versunken war, hörte sie Dame Zhen sagen: „Neulich erzählte mir mein Mann, unser Schatzjade sei nun auch alt genug. Er bittet den Herrn hier, sich nach einer guten Partie für ihn umzusehen." Frau Wang war dem Zhen-Schatzjade zugetan und sagte ohne Umschweife: „Auch ich hatte daran gedacht, für Euren Sohn zu vermitteln. In unserer Familie gibt es vier junge Damen: Bei dreien ist nichts mehr zu machen — die eine ist gestorben, die anderen verheiratet. Dann gibt es noch die Schwester unseres Neffen Zhen, doch sie ist einige Jahre zu jung — das dürfte schwierig sein. Hingegen sind da zwei Cousinen unserer ältesten Schwiegertochter, die beide von vortrefflicher Erscheinung sind. Das Zweite Fräulein ist allerdings schon versprochen; das Dritte Fräulein wäre gerade recht für Euren Sohn. Eines Tages werde ich für ihn den Heiratsvermittler machen. Nur ist die finanzielle Lage ihrer Familie derzeit etwas beengt." Dame Zhen sagte: „Gnädige Frau, das ist zu höflich. Was haben wir heutzutage noch vorzuweisen? Wahrscheinlich fürchten eher andere, wir seien arm geworden!" Frau Wang sagte: „In Eurem Hause hat man nun wieder ein Amt erlangt; in Zukunft wird nicht nur alles wie früher sein, sondern gewiss noch glanzvoller als je zuvor." Dame Zhen lachte: „Wenn es nach den Worten der Gnädigen Frau ginge, wäre das wunderbar. Dann bitten wir die Gnädige Frau, als Bürgin zu fungieren."

Als der Zhen-Schatzjade hörte, dass man über Heiratsangelegenheiten sprach, verabschiedete er sich und ging hinaus. Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zum Arbeitszimmer, wo sie auf Kaufmann Aufrecht trafen. Man wechselte noch einige Worte im Stehen, bis die Diener der Familie Zhen kamen und dem Zhen-Schatzjade ausrichteten: „Die gnädige Frau will aufbrechen; sie bittet den jungen Herrn zurückzukehren." Darauf verabschiedete sich der Zhen-Schatzjade. Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Huan und Lan, ihn hinauszubegleiten. Mehr braucht davon nicht erzählt zu werden.

Schatzjade hatte, seit er neulich vom Vater des Zhen-Schatzjade erfahren hatte, dass dieser nach der Hauptstadt komme, Tag und Nacht auf diese Begegnung gewartet. Heute nun, da er ihn sah, hatte er geglaubt, einen Seelenverwandten zu finden. Stattdessen stellte sich nach langem Gespräch heraus, dass sie wie Eis und Glut zueinander standen. Verstimmt kehrte er in sein Zimmer zurück, sprach kein Wort und lachte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Schatzspange fragte: „Sieht der Zhen-Schatzjade wirklich so aus wie du?" Schatzjade antwortete: „Im Aussehen gleicht er mir tatsächlich. Doch im Gespräch zeigt sich, dass er nichts versteht — er ist auch nur ein Gehaltsschmarotzer." Schatzspange sagte: „Schon wieder redest du über andere her. Wie kommst du darauf, dass er auch ein Gehaltsschmarotzer sei?" Schatzjade erwiderte: „Er hat einen halben Tag lang geredet, ohne eine einzige erleuchtende Einsicht zu äußern; nur immer ‚Aufsätze und praktische Befähigung' und ‚Treue und Kindespietät'. Ist so ein Mensch etwa kein Gehaltsschmarotzer? Nur schade, dass er so ein Gesicht hat wie ich. Wenn ich an ihn denke, möchte ich am liebsten mein eigenes Aussehen nicht mehr haben." Schatzspange hörte ihn schon wieder Unsinn reden und sagte: „Du sagst wirklich Dinge, die einen zum Lachen bringen. Wie kann man sein Aussehen nicht mehr haben wollen? Außerdem sind seine Worte vernünftig. Als Mann sollte man sich natürlich einen Namen machen. Wer wie du nur weicher Zuneigung und privater Gefühlsduselei nachhängt! Statt dir deine eigene Weichheit einzugestehen, schimpfst du andere Gehaltsschmarotzer."

Schatzjade hatte das Gerede des Zhen-Schatzjade schon kaum ausgehalten; nun wurde er auch noch von Schatzspange zurechtgewiesen und war noch weniger in Stimmung. Verdrossen und benommen, merkte er nicht, wie sein altes Leiden wieder aufloderte. Er sprach kein Wort und lächelte nur noch dümmlich. Schatzspange wusste nicht, was in ihm vorging; sie glaubte, sie habe etwas Falsches gesagt und er verspotte sie mit seinem kalten Lächeln, und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Doch von jenem Tag an wurde er immer verwirrter. Dufthauch und die anderen versuchten, ihn aufzumuntern, doch er sprach kein Wort. Nach einer Nacht war er am nächsten Morgen nur noch geistesabwesend — ganz wie bei seinem früheren Leiden.

Eines Tages war es so weit: Da Bewahrfrühling sich unbedingt das Haar abschneiden und Nonne werden wollte, Frau You sie nicht davon abhalten konnte, und es den Anschein hatte, dass Bewahrfrühling sich das Leben nehmen würde, wenn man ihr nicht nachgab — obwohl man Tag und Nacht Wachen bei ihr aufstellte, konnte das auf Dauer keine Lösung sein. So meldete man es Kaufmann Aufrecht. Der seufzte und stampfte mit dem Fuß auf: „Was hat man drüben im Osthaus nur angestellt, dass es so weit gekommen ist!" Er ließ Kaufmann Rong kommen, schalt ihn und befahl ihm, seiner Mutter auszurichten: „Ernsthaft gut zureden! Wenn sie dennoch darauf besteht, ist sie kein Mädchen unserer Familie mehr."

Doch als Frau You sie nicht ermahnte, war es besser gewesen; kaum redete sie zu, wurde es schlimmer, und Bewahrfrühling drohte wieder mit dem Tod. Sie sagte: „Als Mädchen kann man nicht ein ganzes Leben lang zu Hause bleiben. Wenn es mir erginge wie der Zweiten Schwester, müssten sich Vater und die Damen Sorgen machen — und überdies ist sie gestorben. Betrachtet mich jetzt so, als wäre ich tot, und lasst mich ins Kloster gehen; dann habe ich ein reines Leben, und das heißt, mich zu lieben. Außerdem gehe ich ja nicht weit weg — das Longcui-Kloster steht auf unserem eigenen Grund; dort will ich asketisch leben. Was auch immer mit mir ist, ihr könnt nach mir sehen. Die frühere Verwalterin der Miaoyu ist noch dort. Wenn ihr mir nachgebt, habe ich mein Leben gerettet; wenn nicht, bleibt mir nichts als der Tod. Sollte ich meinen Herzenswunsch erfüllt bekommen, werde ich, wenn mein Bruder zurückkommt, ihm selbst sagen, dass ihr mich nicht gezwungen habt. Sterbe ich aber, wird mein Bruder bei seiner Rückkehr sagen, ihr hättet mich nicht geduldet." Frau You, die ohnehin mit Bewahrfrühling auf gespanntem Fuß stand, fand ihre Worte einigermaßen einleuchtend und ging, um es Frau Wang zu berichten.

Frau Wang war gerade zu Schatzspange gegangen und sah, dass Schatzjade geistig verwirrt war. Besorgt tadelte sie Dufthauch: „Ihr passt nicht gut genug auf! Der Zweite Herr hat einen Anfall, und ihr kommt nicht einmal, es mir zu melden." Dufthauch entgegnete: „Das Leiden des Zweiten Herrn kommt und geht; mal ist es besser, mal schlechter. Wenn er täglich zur Gnädigen Frau geht, um die Morgenaufwartung zu machen, ist er ganz normal; erst heute ist er etwas verwirrt geworden. Die Zweite Herrin wollte es gerade melden, fürchtete aber, die Gnädige Frau würde sagen, wir schlagen unnötig Alarm." Als Schatzjade hörte, wie Frau Wang Dufthauch und die anderen tadelte, kam ein Moment der Klarheit in ihm auf; aus Angst, sie könnten bestraft werden, sagte er: „Mutter, seid unbesorgt. Mir fehlt nichts; ich fühle mich nur ein wenig bedrückt." Frau Wang sagte: „Du hast nun einmal die Anlage zu diesem Leiden. Sag es rechtzeitig, damit wir den Arzt rufen und du zwei Dosen Medizin nehmen kannst — wäre das nicht besser? Wenn es wieder so weit kommt wie damals, als du den Jade verloren hast, dann wird es aufwendig." Schatzjade sagte: „Wenn die Mutter nicht beruhigt ist, lasst nur den Arzt kommen, ich werde die Medizin nehmen." Frau Wang schickte eine Zofe hinaus, um den Arzt rufen zu lassen. Mit ihren Gedanken ganz bei Schatzjade, vergaß sie die Angelegenheit Bewahrfrühlings. Nachdem der Arzt ihn untersucht und ihm Medizin verschrieben hatte, ging Frau Wang erst zurück.

Nach einigen Tagen wurde Schatzjade noch verwirrter; er aß und trank kaum noch, und alle machten sich große Sorgen. Gerade war man mit dem Ende der Trauerzeit beschäftigt, und es fehlte an Leuten im Hause; man ließ Kaufmann Yun kommen, um sich um den Arzt zu kümmern. Da in Kaufmann Kettes Haushalt niemand war, bat man Wang Ren, draußen bei den Angelegenheiten zu helfen. Die kleine Qiaojie weinte Tag und Nacht um ihre Mutter und wurde ebenfalls krank. So herrschte im Rongguofu erneut Chaos.

Eines Tages, als man wieder wegen der Trauerfeierlichkeiten nach Hause kam, ging Frau Wang selbst zu Schatzjade und fand ihn ohne Bewusstsein. Alle waren bestürzt; weinend meldeten sie Kaufmann Aufrecht: „Der Arzt hat gesagt, er könne keine Medizin mehr verschreiben; man solle das Letzte vorbereiten." Kaufmann Aufrecht seufzte immer wieder und ging selbst, um nach Schatzjade zu sehen. Als er erkannte, dass es tatsächlich schlecht stand, befahl er Kaufmann Kette, die Vorbereitungen zu treffen.

Kaufmann Kette wagte nicht zu widersprechen und ließ die Leute alles herrichten, doch er war knapp bei Kasse und in großer Verlegenheit. Da kam jemand hereingelaufen und rief: „Zweiter Herr, es ist schlimm! Schon wieder ein Ärgernis!" Kaufmann Kette wusste nicht, worum es ging, und erschrak gewaltig. Mit aufgerissenen Augen fragte er: „Was ist denn?" Der Diener sagte: „Am Tor ist ein Mönch aufgetaucht, der das verlorene Jadestück des Zweiten Herrn in der Hand hält und zehntausend Silbertael Finderlohn verlangt." Kaufmann Kette spuckte ihm ins Gesicht und sagte: „Ich dachte, es wäre etwas Schlimmes, so wie du in Panik gerätst! Erinnerst du dich nicht an die Fälschung von neulich? Selbst wenn es das echte wäre — der Mensch liegt im Sterben, wozu brauchen wir dann den Jade?" Der Diener sagte: „Das habe ich auch gesagt, aber der Mönch besteht darauf, man solle ihm das Silber geben, dann wäre alles in Ordnung." Gerade als sie noch sprachen, wurde von draußen hereingerufen: „Der Mönch benimmt sich frech und stürmt von selbst herein; die Leute können ihn nicht aufhalten!" Kaufmann Kette rief: „Was für eine Unverschämtheit! Warum prügelt ihr ihn nicht hinaus!"

Während des Tumults hörte auch Kaufmann Aufrecht davon und wusste nicht, was er tun sollte. Aus dem Inneren kam weinend die Nachricht: „Es steht schlecht um den Zweiten Herrn!" Das beunruhigte Kaufmann Aufrecht noch mehr. Da rief der Mönch: „Wollt ihr ein Leben retten, dann gebt mir das Silber!" Kaufmann Aufrecht dachte plötzlich: „Beim letzten Mal wurde Schatzjades Krankheit von einem Mönch geheilt; vielleicht ist dieser Mönch wieder ein Retter. Doch wenn der Jade echt ist und er Silber verlangt, was dann?" Er überlegte: „Lassen wir das vorerst beiseite. Wenn der Mensch gerettet wird, können wir weiter sehen."

Kaufmann Aufrecht schickte jemanden, den Mönch hereinzubitten, doch der war schon von selbst hereingekommen. Ohne eine Verbeugung, ohne ein Wort rannte er geradewegs nach drinnen. Kaufmann Kette hielt ihn fest: „Dort drinnen sind nur Frauen! Du wilde Kreatur, was rennst du umher?" Der Mönch rief: „Wenn wir zu spät kommen, kann er nicht mehr gerettet werden!" Kaufmann Kette lief hinterher und schrie: „Drinnen, hört auf zu weinen! Der Mönch kommt herein!" Frau Wang und die anderen weinten und hörten nichts. Kaufmann Kette kam herein und schrie erneut. Frau Wang und die anderen drehten sich um und sahen einen großen Mönch — sie erschraken und konnten nicht mehr ausweichen. Der Mönch ging geradewegs zum Ruhebett Schatzjades. Schatzspange wich zur Seite. Dufthauch sah, dass Frau Wang dastand, und wagte nicht, wegzugehen. Der Mönch sagte: „Meine Gönnerinnen, ich bringe den Jade zurück." Er hielt den Jade hoch und rief: „Gebt mir schnell das Silber, damit ich ihn retten kann!" Frau Wang und die anderen waren vor Bestürzung ganz verwirrt und fragten nicht nach echt oder falsch: „Wenn Ihr den Menschen rettet, ist das Silber da." Der Mönch lachte: „Her damit." Frau Wang sagte: „Seid unbesorgt, wir werden es zusammenbekommen."

Der Mönch lachte laut und hielt den Jade an Schatzjades Ohr. „Schatzjade, Schatzjade! Dein Schatzjade ist zurück!", rief er. Kaum hatte er das gesagt, als Frau Wang und die anderen sahen, wie Schatzjade die Augen öffnete. Dufthauch rief: „Es geht ihm besser!" Schatzjade fragte: „Wo ist er?" Der Mönch legte ihm den Jade in die Hand. Zunächst hielt Schatzjade ihn fest umklammert, dann drehte er langsam die Hand und hob ihn vor seine Augen. Sorgfältig betrachtete er ihn und sagte: „Ach! Lange nicht gesehen." Alle, drinnen und draußen, freuten sich und riefen „Buddha sei gepriesen!"; selbst Schatzspange vergaß, dass ein Mönch im Raum war.

Auch Kaufmann Kette kam herüber, um nachzusehen; als er sah, dass Schatzjade tatsächlich wieder zu sich gekommen war, freute er sich und eilte hinaus. Der Mönch, ohne ein Wort zu sagen, fasste Kaufmann Kette und rannte los. Kaufmann Kette folgte ihm notgedrungen nach vorn, um Kaufmann Aufrecht Bericht zu erstatten. Als Kaufmann Aufrecht die Nachricht hörte, freute er sich und suchte sogleich den Mönch, um sich zu verneigen und zu danken. Der Mönch erwiderte die Verbeugung und setzte sich. Kaufmann Kette argwöhnte: „Er wird erst gehen, wenn er das Silber bekommen hat." Kaufmann Aufrecht betrachtete den Mönch genauer — es war nicht derselbe wie beim letzten Mal — und fragte: „Aus welchem Kloster kommt Ihr? Wie lautet Euer ehrwürdiger Name? Wo habt Ihr diesen Jade gefunden? Warum wurde mein Sohn sofort gesund, als er ihn sah?" Der Mönch lächelte nur leicht und sagte: „Ich weiß auch nicht; gebt mir nur die zehntausend Tael Silber, und alles ist erledigt." Kaufmann Aufrecht sah, dass der Mönch ein rauer Gesell war, wagte aber nicht, ihn zu kränken, und sagte: „Wir haben es." Der Mönch sagte: „Wenn ihr es habt, dann bringt es schnell. Ich will gehen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Wartet einen Augenblick, ich gehe nur kurz hinein, um nachzusehen." Der Mönch sagte: „Geht, aber kommt schnell zurück."

Kaufmann Aufrecht ging tatsächlich hinein, ohne lange zu erklären, und trat an Schatzjades Ruhebett. Schatzjade sah seinen Vater kommen und wollte sich aufrichten, doch er war zu schwach dazu. Frau Wang hielt ihn nieder und sagte: „Beweg dich nicht." Schatzjade lächelte und hielt den Jade hoch, damit sein Vater ihn sehe: „Der Schatzjade ist da." Kaufmann Aufrecht warf einen kurzen Blick darauf, wusste um den besonderen Ursprung dieses Steins und betrachtete ihn nicht weiter. Er fragte Frau Wang: „Schatzjade hat sich erholt — wie machen wir es mit dem Finderlohn?" Frau Wang sagte: „Ich werde alles, was ich habe, zusammentragen und ihm geben." Schatzjade sagte: „Ich glaube nicht, dass dieser Mönch wirklich Silber will." Kaufmann Aufrecht nickte: „Ich finde ihn auch merkwürdig, doch er verlangt ständig Silber." Frau Wang sagte: „Geht hinaus und haltet ihn erst einmal hin." Kaufmann Aufrecht ging hinaus.

Schatzjade klagte über Hunger; er trank eine Schale Reissuppe und verlangte dann feste Nahrung. Die Dienerinnen brachten tatsächlich Reis, doch Frau Wang traute sich nicht, ihm davon zu geben. Schatzjade sagte: „Es schadet nicht, mir geht es schon besser." Er aß eine Schale, und sein Geist kehrte sichtlich zurück. Er wollte sich aufsetzen. Mondschein trat leise hinzu und stützte ihn; in ihrer Freude vergaß sie sich und sagte: „Wahrhaftig ein Schatz! Kaum hat er ihn kurz gesehen, geht es ihm schon wieder gut. Zum Glück ist er damals nicht zerschlagen worden." Als Schatzjade das hörte, verfärbte er sich, warf den Jade von sich und fiel rücklings hin.

Ob er lebte oder starb — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.