Hongloumeng/de4/Chapter 120

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Kapitel 120

Zhen Shiyin erläutert ausführlich die Gefühle des Landes der Großen Leere, Jia Yucun beschließt den Traum der Roten Kammer

Es wird erzählt, dass Schatzspange [宝钗], als sie von Herbstmuster [秋纹][1] hörte, Dufthauch [袭人][2] gehe es schlecht, eilig hineinlief, um nach ihr zu sehen. Jie [巧姐][3] und Friedchen [平儿][4] folgten ihr. Als sie an Dufthauchs Kang traten, sahen sie, dass Dufthauch vor Herzschmerzen außer sich war und gerade in Ohnmacht gefallen war. Schatzspange und die anderen gaben ihr heißes Wasser ein und brachten sie wieder zu Bewusstsein, stützten sie und legten sie hin; zugleich wurde ein Arzt gerufen. Jie fragte Schatzspange: „Schwester Dufthauch — wie kann sie nur so schwer krank sein?" Schatzspange sagte: „Vor drei Abenden hat sie sich so sehr das Herz ausgeweint, dass ihr auf einmal schwindlig wurde und sie umfiel. Die gnädige Dame ließ sie stützen und zurückbringen, und sie lag nur noch da. Weil draußen allerlei zu erledigen war, hat man keinen Arzt für sie rufen lassen, und so ist es so weit gekommen." Während sie noch sprachen, kam der Arzt. Schatzspange und die anderen wichen zur Seite. Der Arzt fühlte den Puls und sagte, es sei durch heftigen Zorn und Aufregung verursacht; er verschrieb ein Rezept und ging.

Dufthauch hatte nämlich undeutlich gehört, dass man, falls Schatzjade [宝玉] nicht zurückkehre, alle Dienerinnen aus den Gemächern fortschicken wolle. Vor Aufregung wurde es ihr nur noch schlimmer. Nachdem der Arzt sie untersucht hatte, kochte Herbstmuster ihr die Medizin. Sie lag allein da, und ihr Geist war noch nicht zur Ruhe gekommen. Es war, als stünde Schatzjade vor ihr; doch verschwommen schien es auch ein Mönch zu sein, der ein Buch in der Hand hielt und darin blätterte. Er sagte noch: „Du bist nicht meine Person; in Zukunft wirst du von selbst eine andere Familie haben." Dufthauch wollte gerade mit ihm sprechen, da kam Herbstmuster und sagte: „Die Medizin ist fertig, Schwester, nimm sie ein."

Dufthauch schlug die Augen auf, erkannte, dass es ein Traum gewesen war, und erzählte niemandem davon. Nachdem sie die Medizin genommen hatte, dachte sie bei sich nach: „Schatzjade ist gewiss dem Mönch gefolgt. Neulich, als er den Jade-Stein hinausbringen wollte, war es schon so, als wolle er sich losmachen. Ich hielt ihn fest, doch er war nicht wie sonst — er stieß und schubste mich wild, ohne das geringste Gefühl. Später behandelte er auch die Zweite junge Frau mit zunehmendem Widerwillen, und auch vor den anderen Schwestern zeigte er keinerlei Empfindung mehr: Das ist das Zeichen, dass er zur Erleuchtung gelangt ist. Doch wenn du zur Erleuchtung gelangt bist — wie kannst du die Zweite junge Frau im Stich lassen? Ich wurde von der gnädigen Dame bestellt, um dir zu dienen. Zwar bekomme ich das Monatsgeld einer höhergestellten Dienerin, doch vor dem Herrn und der gnädigen Dame bin ich nie förmlich als deine Nebenfrau angemeldet worden. Wenn der Herr und die gnädige Dame mich fortschicken, und ich halte stur an meinem Platz fest, würde man mich auslachen. Wenn ich aber gehe — dann denke ich an die Zuneigung, die Schatzjade mir erwiesen hat, und kann es einfach nicht über mich bringen." Sie überlegte hin und her und fand sich in tausendfacher Bedrängnis. Da dachte sie an den Traum von eben: „Er sagt, ich sei eine Frau, die einem anderen gehört — dann wäre es doch besser, einfach zu sterben!"

Doch wer hätte gedacht, dass nach dem Einnehmen der Medizin der Herzschmerz beträchtlich nachließ? So konnte sie nicht einfach liegenbleiben und hielt sich mit Mühe aufrecht. Nach einigen Tagen stand sie auf und bediente Schatzspange. Schatzspange dachte an Schatzjade, vergoss heimlich Tränen und beklagte im Stillen ihr bitteres Schicksal. Zudem wusste sie, dass ihre Mutter damit beschäftigt war, den Bruder freizukaufen, was große Umstände erforderte, bei denen sie helfen musste. Davon sei vorerst nicht die Rede.

Unterdessen geleitete Kaufmann Aufrecht [贾政][5] den Sarg der alten Fürstin, während Kaufmann Rong [贾蓉][6] die Särge von Frau Qin [秦氏], Phönixglanz [凤姐] und Mandarinenente [鸳鸯][7] mitführte. Als sie in Jinling angekommen waren, bestatteten sie diese zuerst. Kaufmann Rong brachte auch die sterblichen Überreste von Kajaljade [黛玉] zur Bestattung. Kaufmann Aufrecht kümmerte sich um die Grabstätten. Eines Tages erhielt er einen Familienbrief; Zeile für Zeile las er, dass Schatzjade und Kaufmann Orchidee [贾兰][8] die Prüfung bestanden hatten — er freute sich von Herzen. Doch als er las, dass Schatzjade verschwunden war, bedrückte es ihn wieder; er konnte nichts anderes tun, als eilig die Heimreise anzutreten. Unterwegs vernahm er, dass es einen kaiserlichen Gnadenerlass gegeben habe; dann kam ein weiterer Familienbrief, der bestätigte, dass die Strafen erlassen und die Ämter wiederhergestellt waren. Erst recht froh, reiste er Tag und Nacht.

Eines Tages gelangte er in die Gegend der Poststation Piling. An jenem Tag war es plötzlich kalt geworden und schneite; er legte an einer stillen Stelle an. Kaufmann Aufrecht schickte alle Bediensteten an Land, um Bekannten Karten abzugeben und ihnen seine Aufwartung abzusagen, mit der Bemerkung, das Schiff werde sofort ablegen und er wage sie nicht zu behelligen. Auf dem Schiff blieb nur ein kleiner Bursche zur Bedienung. Er selbst saß in der Kajüte und schrieb den Familienbrief, um einen Boten am frühen Morgen heimzuschicken. Als er an die Stelle kam, wo er über Schatzjades Angelegenheiten schreiben musste, hielt er inne. Er blickte auf und sah plötzlich am Bug des Schiffes in einem leichten Schneeschimmer eine Gestalt — kahlgeschorenen Hauptes, barfuß, in einen großen, scharlachroten Filzumhang gehüllt — , die sich vor Kaufmann Aufrecht zu Boden warf. Kaufmann Aufrecht hatte die Person noch nicht recht erkannt und eilte aus der Kajüte, um sie aufzufangen und zu fragen, wer sie sei. Doch jener hatte sich bereits viermal tief verneigt, stand auf und legte die Hände zum buddhistischen Gruß zusammen. Kaufmann Aufrecht wollte eben den Gruß erwidern, als er der Gestalt ins Gesicht blickte — es war kein anderer als Schatzjade. Kaufmann Aufrecht erschrak heftig und fragte hastig: „Bist du Schatzjade?" Doch jener sprach kein Wort, sein Antlitz schien froh und traurig zugleich. Kaufmann Aufrecht fragte weiter: „Wenn du Schatzjade bist, warum bist du so gekleidet und an diesen Ort gekommen?" Noch ehe Schatzjade antworten konnte, kamen am Bug zwei Gestalten herbei — ein Mönch und ein Daoist — , die Schatzjade zwischen sich nahmen und riefen: „Die irdische Bestimmung ist erfüllt, warum gehst du nicht eilig?" Und schon waren die drei wie auf Wolken ans Ufer gestiegen und entschwanden. Kaufmann Aufrecht achtete nicht auf den glatten Boden und eilte ihnen nach, doch so sehr er auch lief, er konnte die drei vor sich nicht einholen. Da hörte er, wie einer der drei ein Lied anstimmte:

Wo ich wohne — auf dem Gipfel des Blauen Felsgrats, Wo ich wandle — durch den uferlosen Ur-Äther. Wer geht mit mir — und wem folge ich? Unfassbar fern — kehre ich heim in die Große Wildnis.

Kaufmann Aufrecht hörte dem Gesang zu und lief zugleich hinterher. Doch als er um einen kleinen Hügel bog, waren sie plötzlich verschwunden. Kaufmann Aufrecht war außer Atem und keuchte, voller Verwunderung und Bestürzung. Als er sich umwandte, sah er, dass sein kleiner Bursche ihm nachgelaufen war. Kaufmann Aufrecht fragte: „Hast du eben die drei Gestalten gesehen?" Der Bursche sagte: „Ich habe sie gesehen. Weil der Herr ihnen nachlief, bin ich auch gerannt. Aber dann sah ich nur noch den Herrn, die drei waren verschwunden." Kaufmann Aufrecht wollte noch weitergehen, doch er sah nur eine weite, weiß verschneite Ebene, weit und breit kein Mensch. Kaufmann Aufrecht erkannte, dass hier etwas Übernatürliches geschehen war, und kehrte zum Schiff zurück.

Als die Bediensteten zum Schiff zurückkehrten und Kaufmann Aufrecht nicht in der Kajüte fanden, fragten sie den Fährmann. Der sagte, der Herr sei an Land gelaufen, um zwei Mönche und einen Daoisten zu verfolgen. Die Leute folgten seinen Spuren im Schnee und sahen ihn von Ferne kommen; sie gingen ihm entgegen, und gemeinsam kehrten sie zum Schiff zurück.

Kaufmann Aufrecht setzte sich, und als er wieder zu Atem gekommen war, erzählte er, wie er Schatzjade gesehen hatte. Die Leute baten um Erlaubnis, ihn an diesem Ort zu suchen. Kaufmann Aufrecht seufzte: „Ihr wisst es nicht. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es war kein Gespenst und kein Geist. Zudem hatte der Gesang, den ich hörte, einen tief geheimnisvollen Sinn. Dass Schatzjade bei seiner Geburt einen Jade-Stein im Mund trug, war ja schon wunderlich; ich wusste früh, dass dies kein gutes Vorzeichen war. Doch weil die alte Fürstin ihn so liebte, wurde er bis heute aufgezogen. Auch den Mönch und den Daoisten habe ich dreimal gesehen: Das erste Mal kamen der Mönch und der Daoist und sprachen von den Vorzügen des Jade-Steins. Das zweite Mal war, als Schatzjade schwer krank lag — da kamen sie, beteten über dem Jade-Stein, und Schatzjade wurde gesund. Das dritte Mal brachten sie den Jade-Stein zurück, saßen in der Eingangshalle — und als ich mich einmal umdrehte, waren sie verschwunden. Ich wunderte mich zwar, dachte aber, Schatzjade habe wirklich eine besondere Bestimmung und hohe Mönche und Unsterbliche beschützten ihn. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade in die Welt herabgestiegen war, um sein Karma zu durchleben, und die alte Fürstin neunzehn Jahre lang in die Irre geführt hat — erst jetzt begreife ich es." Als er dies sagte, liefen ihm die Tränen herab.

Die Leute sagten: „Wenn der Zweite Herr wirklich ein herabgestiegener Mönch war, hätte er doch nicht die Prüfung bestehen sollen — warum ist er erst gegangen, nachdem er bestanden hatte?" Kaufmann Aufrecht antwortete: „Das könnt ihr nicht verstehen. Im Allgemeinen — seien es Gestirne des Himmels, alte Mönche in den Bergen oder Geister in den Höhlen — sie alle besitzen ein eigenes Wesen. Schatzjade hat doch nie gern studiert, nicht wahr? Doch wenn er sich auch nur ein wenig anstrengte, gelang ihm alles. Sein ganzes Temperament war eben von Grund auf anders." Dabei seufzte er noch einige Male. Die Bediensteten versuchten ihn zu trösten, indem sie von Orchidees Prüfungserfolg und der Wiederherstellung des Hauses sprachen. Kaufmann Aufrecht setzte den Familienbrief fort, schrieb diese Begebenheit hinein und ermahnte die ganze Familie, man möge sich nicht weiter grämen. Als er fertiggeschrieben und versiegelt hatte, schickte er einen Bediensteten damit heim. Kaufmann Aufrecht folgte bald nach. Davon sei vorerst nicht die Rede.

Unterdessen erhielt Tante Xue [薛姨妈] den Brief über die Begnadigung und befahl Xue Ke [薛蝌], überall Geld zu leihen. Sie sammelte auch eigene Mittel und brachte zusammen mit dem Geliehenen die Freikaufsumme auf. Das Strafministerium genehmigte den Antrag, nahm das Silber entgegen, und mit einem einzigen Aktenstück wurde Xue Pan [薛蟠] freigelassen. Wie Mutter und Sohn, Schwestern und Brüder sich wiedersahen, braucht nicht im Einzelnen erzählt zu werden — natürlich war es eine Mischung aus Trauer und Freude. Xue Pan leistete aus eigenem Antrieb einen Schwur: „Wenn ich je wieder in die alten Fehler verfalle, soll man mich hinrichten und zerstückeln!" Tante Xue hielt ihm den Mund zu und sagte: „Wenn du nur fest entschlossen bist — musst du dann auch noch solch blutige, grässliche Schwüre ablegen? Bedenke, wie viel Xiangling [香菱][9] deinetwegen gelitten hat! Deine Frau hat sich ja selbst zugrunde gerichtet. Auch wenn wir jetzt arm sind, haben wir noch genug zu essen. Nach meiner Meinung sollten wir Xiangling als deine Hauptfrau betrachten. Was meinst du?" Xue Pan nickte einverstanden. Auch Schatzspange und die anderen sagten: „So gehört es sich." Xiangling wurde darüber so verlegen, dass ihr das Blut ins Gesicht stieg, und sagte: „Ich diene dem Herrn ganz wie zuvor, wozu diese Umstände?" Die Leute begannen sie „Gnädige Frau" zu nennen, und niemand widersprach.

Xue Pan wollte zum Haus Kaufmann gehen, um sich zu bedanken. Tante Xue und Schatzspange kamen alle herüber. Man sah sich wieder, und es wurde dies und jenes besprochen. Gerade als sie so sprachen, kam zufällig an jenem Tag der Bote mit Kaufmann Aufrechts Familienbrief nach Hause. Er überreichte den Brief und sagte: „Der Herr wird in wenigen Tagen eintreffen." Wang-furen bat Kaufmann Orchidee [贾兰], den Brief vorzulesen. Als Kaufmann Orchidee an die Stelle kam, wo Kaufmann Aufrecht erzählte, wie er Schatzjade leibhaftig gesehen hatte, brachen alle in Tränen aus — Wang-furen, Schatzspange und Dufthauch am meisten.

Dann legte man Kaufmann Aufrechts Worte aus, wonach die Familie nicht traurig sein solle, da Schatzjade sich nur einen sterblichen Leib geliehen habe: „Anstatt ein Beamter zu werden und womöglich in Ungnade zu fallen, Vergehen zu begehen und Haus und Vermögen zu ruinieren — was dann schlimm wäre — , ist es besser, dass unsere Familie einen Buddha hervorgebracht hat. Das zeugt von den Verdiensten des Herrn und der gnädigen Dame, und deshalb wurde er in unserer Familie geboren. Ohne Respektlosigkeit gesagt — im Ostpalast hatte der alte Herr sich auch über ein Jahrzehnt lang in Askese geübt, ohne ein Unsterblicher zu werden; ein Buddha zu werden ist noch viel schwieriger. Wenn die gnädige Dame es so betrachtet, wird ihr Herz leichter." Wang-furen weinte und sagte zu Tante Xue: „Dass Schatzjade mich verlassen hat, darüber zürne ich ihm sogar. Was mich betrübt, ist das bittere Schicksal meiner Schwiegertochter — kaum ein, zwei Jahre verheiratet, und er reißt sich mit hartem Herzen los und lässt alles liegen!" Als Tante Xue dies hörte, war auch sie tief betrübt. Schatzspange weinte, bis sie aller Sinne beraubt war.

Die Herren waren alle draußen, und Wang-furen sagte: „Mein Leben lang habe ich seinetwegen Angst ausgestanden. Kaum hatte er geheiratet, die Prüfung bestanden, und man wusste, dass die Schwiegertochter guter Hoffnung war — da begann ich mich etwas zu freuen — , und nun dieses Ende! Hätte ich das gewusst, hätten wir ihn gar nicht verheiraten und das Mädchen einer anderen Familie ins Unglück stürzen sollen." Tante Xue sagte: „Das war von Anfang an so bestimmt. Bei einer Familie wie der unseren — was gibt es da noch zu sagen? Zum Glück ist ein Kind unterwegs; wenn ein Enkel geboren wird, wird der gewiss seinen Weg machen, und dann gibt es ein gutes Ende. Schauen Sie die Älteste junge Frau an: Jetzt hat Orchidee die Prüfung bestanden, nächstes Jahr wird er den Jinshi-Grad erlangen und dann ein Amt bekleiden! All das Leid, das sie früher erduldet hat, das ist nun vorüber, und das Süße, das jetzt kommt, ist der Lohn für ihre Tugendhaftigkeit. Was das Herz unserer Tochter betrifft — das kennt die Schwester doch: Sie ist kein kaltherziger oder leichtfertiger Mensch. Die Schwester braucht sich wirklich keine Sorgen zu machen."

Wang-furen fand Tante Xues Worte höchst vernünftig und dachte bei sich: „Schatzspange war schon als Kind von ruhigem Gemüt und genügsamer Art, liebte die Schlichtheit — deshalb ist ihr dies widerfahren. Das Menschenleben hat wohl wirklich eine feste Bestimmung. Wenn ich sehe, wie Schatzspange zwar bitterlich weint, aber ihre würdevolle Haltung keinen Augenblick verliert, und mich sogar noch tröstet — das ist wahrhaft selten. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade, so ein Mensch, in der irdischen Welt auch nicht das geringste Glück genießen durfte." Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fühlte sie sich etwas erleichtert. Dann dachte sie an Dufthauch: „Bei den anderen Mädchen ist die Sache nicht schwer: Die Älteren verheiratet man, die Jüngeren dienen der Zweiten jungen Frau — das ist alles. Nur mit Dufthauch — was soll man da machen?" Da zu viele Leute anwesend waren, konnte sie es jetzt nicht besprechen; sie wollte es am Abend mit Tante Xue beraten.

An jenem Tag ging Tante Xue nicht nach Hause, denn sie fürchtete, Schatzspange werde sich die Augen ausweinen, und blieb in Schatzspanges Zimmer, um sie zu trösten. Doch Schatzspange war überaus verständig. Sie dachte hin und her: „Schatzjades Natur war von jeher ungewöhnlich; eine Bestimmung aus einem früheren Leben hat ihr festes Maß — da gibt es weder Grund, den Himmel anzuklagen noch anderen Vorwürfe zu machen." Sodann erklärte sie ihrer Mutter die Zusammenhänge mit großer Einsicht.

Tante Xue fühlte sich dadurch umgekehrt getröstet und ging zu Wang-furen. Zuerst berichtete sie Schatzspanges Worte. Wang-furen nickte seufzend: „Wenn ich sagen würde, ich hätte keine Verdienste, dann hätte ich eine so gute Schwiegertochter nicht verdient." Bei diesen Worten wurde sie wieder traurig. Tante Xue tröstete sie abermals eine Weile und brachte dann die Sprache auf Dufthauch: „Ich sehe, Dufthauch ist in letzter Zeit furchtbar abgemagert; sie denkt nur an Schatzjade. Nun, eine Hauptfrau — die sollte dem Mann die Treue halten, das versteht sich. Und eine Nebenfrau, die dies tun will, auch das kommt vor. Aber Dufthauch — obwohl sie dem Rang nach als Nebenfrau gilt — ist vor dem Herrn und der gnädigen Dame doch nie förmlich als solche eingetragen worden." Wang-furen sagte: „Eben daran habe ich gerade gedacht, und ich wollte es mit der Schwester besprechen. Wenn wir sie fortschicken, fürchte ich, wird sie sich nicht fügen und sich etwas antun. Wenn wir sie behalten — nun, das wäre auch eine Möglichkeit — , aber ich fürchte, der Herr wird es nicht billigen. Daher die Schwierigkeit." Tante Xue sagte: „Der Schwager wird es gewiss nicht dulden, dass sie als Treuhaltende bleibt. Und der Schwager weiß von Dufthauchs Stellung nichts Näheres; er hält sie einfach für ein Dienstmädchen — und ein Dienstmädchen zu behalten, das gibt es doch gar nicht. Man muss nur ihre Verwandten kommen lassen und ihnen streng auftragen, eine ordentliche Partie für sie zu finden. Und dann sollte man sie reichlich ausstatten. Das Mädchen hat ein gutes Herz und ist noch jung — es wäre nicht umsonst, dass sie der Schwester so lange gedient hat, und die Schwester hätte sie wahrlich nicht schlecht behandelt. Was Dufthauchs Einverständnis betrifft, muss ich ihr noch in Ruhe zureden. Auch wenn man ihre Angehörigen kommen lässt, braucht man es ihr nicht gleich zu sagen; man wartet, bis ihre Familie tatsächlich eine gute Partie gefunden hat, wir erkundigen uns noch einmal — und wenn die Familie wirklich zu essen und zu trinken hat und der Bräutigam ordentlich aussieht — , dann erst lässt man sie gehen." Wang-furen hörte dies und sagte: „Das ist ein sehr guter Plan. Sonst würde der Herr es ganz abrupt regeln, und ich hätte wieder einen Menschen ins Unglück gestürzt."

Tante Xue nickte: „Ganz recht!" Sie redeten noch einige Worte und dann verabschiedete sie sich von Wang-furen und kehrte in Schatzspanges Zimmer zurück. Als sie sah, dass Dufthauchs Gesicht voller Tränenspuren war, sprach sie ihr tröstend zu und redete ihr eine Weile gut zu. Dufthauch war von Natur ehrlich und keine geschliffene Rednerin; auf jedes Wort von Tante Xue gab sie eine Antwort, und schließlich sagte sie: „Ich bin eine Dienerin. Dass die Tante mich so achtet und solche Dinge mit mir bespricht — ich habe mich nie getraut, der gnädigen Dame zu widersprechen." Als Tante Xue dies hörte, dachte sie: „Was für ein sanftes, fügsames Kind!" Und sie mochte sie im Herzen noch mehr. Schatzspange sprach dann noch einmal mit großer Würde über Pflicht und Vernunft, und so fand jede in ihrem Herzen Frieden.

Einige Tage später kehrte Kaufmann Aufrecht heim, und alle empfingen ihn. Kaufmann Aufrecht sah, dass Kaufmann Amnestie [贾赦][10] und Kaufmann Zhen [贾珍][11] bereits zu Hause waren. Brüder, Onkel und Neffen begrüßten sich und erzählten ausführlich, was in der Zwischenzeit geschehen war. Danach empfingen ihn die Damen des Hauses, und man musste unwillkürlich an Schatzjade denken — wieder wurden alle eine Weile traurig. Kaufmann Aufrecht gebot ihnen Einhalt: „Das ist eine feststehende Sache, eine unumstößliche Ordnung! Jetzt muss es so sein: Wir Herren führen draußen die Geschäfte des Hauses, und ihr drinnen helft dabei. Auf keinen Fall darf es so schlampig zugehen wie früher. Was die anderen Zweige der Familie betrifft, so regelt jeder seine eigenen Angelegenheiten, da brauchen wir uns nicht einzumischen. Was unseren eigenen Zweig angeht — innen überlasse ich dir alles; aber alles muss nach Recht und Ordnung geschehen." Wang-furen teilte ihm mit, dass Schatzspange guter Hoffnung sei, und künftig wolle man die Dienstmädchen alle freilassen. Kaufmann Aufrecht hörte es und nickte wortlos.

Am nächsten Tag ging Kaufmann Aufrecht in den Palast, um bei den hohen Beamten vorzusprechen. Er sagte: „Ich bin für die kaiserliche Gnade zutiefst dankbar! Da ich aber die Trauerzeit noch nicht abgeschlossen habe — wie soll ich mich gebührend bedanken? Ich bitte die Exzellenzen um Weisung." Die Hofbeamten sagten, sie würden es dem Thron melden und um eine Verfügung bitten. Da war die kaiserliche Gnade überströmend: Der Kaiser befahl sogleich eine Audienz. Kaufmann Aufrecht trat vor und dankte dem Thron. Der Kaiser erteilte noch zahlreiche weitere gnädige Verfügungen und erkundigte sich dann nach Schatzjades Angelegenheit. Kaufmann Aufrecht berichtete wahrheitsgetreu. Der Kaiser staunte und sprach die Verfügung: Schatzjades Aufsätze seien gewiss von klarer Reinheit und Originalität; er müsse wohl ein Eingeweihter sein, der die Dinge durchschaut habe, daher sein Handeln. Hätte er bei Hofe gedient, wäre er zu hohem Amt befördert worden; da er aber den Rang und die Würden der erhabenen Dynastie nicht anzunehmen wage, solle man ihm den daoistischen Ehrentitel „Wahrer Mensch der Wunderbaren Schriften" verleihen. Kaufmann Aufrecht dankte abermals kniefällig und verließ den Palast.

Zu Hause empfingen ihn Kaufmann Kette [贾琏][12] und Kaufmann Zhen [贾珍]. Kaufmann Aufrecht berichtete ihnen die Worte vom Hof, und alle freuten sich. Kaufmann Zhen meldete darauf: „Der Palast der Ning-Residenz ist vollständig wiederhergerichtet; nach entsprechender Meldung möchte ich zurückziehen. Das Kloster des Smaragdgrüns innerhalb des Gartens soll der Vierten Schwester zum stillen Verweilen überlassen werden." Kaufmann Aufrecht sagte zunächst nichts; erst nach einer längeren Pause erteilte er einige Anweisungen darüber, wie man die kaiserliche Gnade gebührend vergelten solle.

Kaufmann Kette nutzte die Gelegenheit und meldete: „Was Jies Heirat betrifft — der Vater und die gnädige Dame sind beide einverstanden, sie an die Familie Zhou zu verheiraten." Kaufmann Aufrecht hatte am Vorabend auch von Jies ganzer Geschichte erfahren und sagte: „Der Älteste Herr und die Älteste gnädige Dame entscheiden das. Dass das Landleben schlicht ist, macht nichts — Hauptsache, die Familie ist ehrbar und der junge Mann studiert fleißig und kann vorankommen. Die Beamten bei Hof — sind die etwa alle Stadtkinder?" Kaufmann Kette antwortete mit „Ja" und fuhr fort: „Der Vater ist schon bei Jahren und hat zudem eine Neigung zur Schleimkrankheit; er sollte sich einige Jahre der Ruhe gönnen. Alle Angelegenheiten obliegen ohnehin dem Zweiten Onkel als Oberhaupt." Kaufmann Aufrecht sagte: „Wenn du vom Landleben und der stillen Muße sprichst — das ist ganz nach meinem Sinn. Nur habe ich so tiefe kaiserliche Gnade empfangen und sie noch nicht vergolten." Damit ging Kaufmann Aufrecht hinein.

Kaufmann Kette schickte jemanden, um die Alte Liu [刘姥姥][13] einzuladen, und die Sache wurde besprochen. Die Alte Liu sah Wang-furen und die anderen und erzählte allerhand, wie man künftig in hohe Ämter aufsteigen, wie sich die Familie wieder erheben und wie die Nachkommen blühen würden.

Gerade als sie so sprachen, meldete ein Dienstmädchen: „Die Frau von Hua Zifang [花自芳] ist hereingekommen, um ihre Aufwartung zu machen." Wang-furen stellte einige Fragen. Die Frau von Hua Zifang sagte: „Verwandte haben vermittelt: Es ist die Familie Jiang aus dem Süden der Stadt. Sie haben ein Haus, Land und auch einen Laden. Der Bräutigam ist einige Jahre älter, war aber noch nie verheiratet, und vom Aussehen her ist er einer unter hundert." Wang-furen hörte dies und war einverstanden. Sie sagte: „Geht und richtet es aus. In einigen Tagen kommt wieder herein und holt eure Schwester ab." Wang-furen ließ auch noch Erkundigungen einziehen; alle sagten, es sei gut. Wang-furen teilte es Schatzspange mit und lud noch einmal Tante Xue ein; dann erklärten sie es Dufthauch behutsam.

Dufthauch war untröstlich, wagte aber nicht, sich zu widersetzen. In ihrem Herzen dachte sie an jenes Jahr, als Schatzjade bei ihr zu Hause gewesen war und danach gesagt hatte, er wolle lieber sterben, als dass sie dorthin zurückgehe: „Nun entscheidet die gnädige Dame über meinen Kopf hinweg. Sage ich, ich wolle treubleiben, dann heißt es, ich hätte keine Scham. Gehe ich aber — es ist wahrhaftig nicht mein Herzenswunsch." So weinte sie, bis sie vor Schluchzen nicht mehr sprechen konnte. Doch Tante Xue und Schatzspange und die anderen redeten ihr dringend zu, und Dufthauch besann sich eines anderen: „Wenn ich hier sterbe, verderbe ich der gnädigen Dame ihren guten Willen. Wenn ich schon sterben will, dann zu Hause." So nahm Dufthauch unter Tränen Abschied von allen. Als die Schwestern sich trennten, war der Schmerz natürlich kaum zu ertragen.

Dufthauch, fest entschlossen zu sterben, stieg in die Sänfte und fuhr heim. Als sie ihren Bruder und ihre Schwägerin sah, weinte sie ebenfalls, konnte aber kein Wort herausbringen. Hua Zifang zeigte ihr alle Brautgeschenke der Familie Jiang und führte sie dann Stück für Stück durch die Aussteuer, die er besorgt hatte: „Dies hat die gnädige Dame geschenkt, jenes wurde angeschafft." Dufthauch konnte erst recht nichts mehr sagen. Nachdem sie zwei Tage dageblieben war, überlegte sie gründlich: „Mein Bruder hat alles richtig gemacht. Wenn ich im Haus meines Bruders sterbe, schade ich ihm doch nur!" Sie dachte tausendfach hin und her, nach links und rechts — es gab keinen Ausweg. Ihr zarter Seidenfaden eines Herzens war beinahe zerrissen, und sie konnte nur noch ausharren.

Als der glückverheißende Hochzeitstag gekommen war, stieg Dufthauch — sie war eben nicht die forsche Art — still und ergeben in die Sänfte und fuhr los, im Herzen dachte sie, dort angekommen werde sie einen Entschluss fassen. Doch wer hätte gedacht, dass die Familie Jiang die Sache überaus gewissenhaft betrieb und alles nach den Regeln einer Hauptfrau einrichtete! Kaum war sie durch das Tor getreten, nannten Mägde und Dienerinnen sie „gnädige Frau". Dufthauch wollte nun hier sterben, fürchtete aber, der Familie Schaden zuzufügen und deren aufrichtige Güte zu verraten. In jener Nacht weinte sie und wollte sich nicht fügen, doch der Bräutigam war von solch zärtlicher Fürsorge und solchem Feingefühl, dass er geduldig auf sie einging.

Am nächsten Tag, als die Truhen geöffnet wurden, erblickte der Bräutigam ein scharlachrotes Schweißtuch und erkannte, dass sie eine Dienerin Schatzjades gewesen war. Zuvor hatte er nur gewusst, sie sei eine Kammerfrau der alten Fürstin gewesen, und hätte nie gedacht, dass es Dufthauch war. Nun war dieser Jiang Yuhan [蒋玉函], und als er an Schatzjades frühere Freundschaft zu ihm dachte, überkam ihn ein Gefühl von Beschämung und Ehrfurcht. Er wurde noch aufmerksamer um sie. Absichtlich holte er das kiefernblütengrüne Schweißtuch hervor, das Schatzjade einst mit ihm getauscht hatte. Als Dufthauch es sah, erkannte sie, dass dieser Herr Jiang niemand anderer als Jiang Yuhan war, und erst jetzt glaubte sie daran, dass die Ehe vom Schicksal vorherbestimmt war. Dufthauch erzählte daraufhin, was sie auf dem Herzen hatte. Jiang Yuhan seufzte tief und zollte ihr Bewunderung; er wagte nicht, sie zu bedrängen, und wurde nur noch zärtlicher und rücksichtsvoller. So war der armen Dufthauch wahrlich jeder Ausweg zum Sterben genommen.

Verehrter Leser, höre: Obwohl die Dinge vorherbestimmt sind und es kein Entrinnen gibt — doch wenn es um pflichtbewusste Söhne und einsame Staatsdiener geht, um treue Gatten und tugendhafte Frauen, dann kann man sich mit dem Wort „unvermeidlich" nicht in jedem Fall herausreden. Darum steht Dufthauch auch nur im „Ergänzungsregister". Es ist wie in dem alten Gedicht über den Pfirsichblüten-Tempel:

Seit Urzeiten ist das Schwerste nur der eine Tod; Herzzerreißend war es nicht allein für die Frau von Xi.

Von Dufthauchs neuem Lebensabschnitt sei nicht weiter die Rede. Nun aber zu Jia Yucun [贾雨村][14]: Er war wegen Bestechung und Erpressung verurteilt worden. Nachdem das Urteil feststand, traf ihn die große Amnestie, und er wurde als einfacher Bürger in seine Heimat zurückgeschickt. Jia Yucun schickte seine Familie voraus und reiste selbst nur mit einem Burschen und einem Karren voll Gepäck. Als er an den Strudelbachübergang der Erweckungsfurt gelangte, kam ein Daoist aus der Grashütte am Fährufer heraus und empfing ihn mit Handschlag. Jia Yucun erkannte ihn als Zhen Shiyin [甄士隐][15] und verbeugte sich ebenfalls eilig. Zhen Shiyin sprach: „Werter Herr Kaufmann, seid Ihr seit unserer Trennung wohlauf?" Jia Yucun erwiderte: „Verehrter Unsterblicher, so seid Ihr also wirklich der alte Herr Zhen! Warum wolltet Ihr mich bei unserer letzten Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht erkennen? Als ich später von dem Brand erfuhr, der die Grashütte zerstörte, war ich zutiefst bestürzt. Dass ich Euch heute wiedersehe — ich bewundere nur die Tiefe Eures Weges und Eurer Tugend! Leider bin ich selbst von unbelehrbarer Dummheit und habe es so weit gebracht." Zhen Shiyin sprach: „Als Ihr, verehrter Herr, in hohem Amt und hohen Ehren standet, wie hätte ein armer Daoist gewagt, sich zu erkennen zu geben? Doch als alter Bekannter wagte ich ein offenes Wort — nur nahm es der gnädige Herr nicht an. Indessen sind Reichtum und Armut, Glück und Unglück nie zufällig. Dass wir uns heute wiedertreffen, ist auch eine bemerkenswerte Fügung. Hier in der Nähe liegt meine kleine Einsiedelei — wollt Ihr nicht eintreten und plaudern?" Jia Yucun folgte freudig der Einladung.

Die beiden gingen Arm in Arm, der Bursche folgte mit dem Karren. Sie kamen zu einer Strohhütte. Zhen Shiyin bat Jia Yucun einzutreten und Platz zu nehmen; ein Knabe brachte Tee. Jia Yucun bat den verehrten Unsterblichen, ihm von Anfang und Ende seiner Weltabkehr zu erzählen. Zhen Shiyin lachte und sagte: „In einem einzigen Augenblick der Erkenntnis wandelt sich die ganze irdische Welt. Ihr, werter Herr, kommt aus dem Getriebe von Glanz und Überfluss — kennt Ihr nicht den Schatzjade im Lande von Weichheit und Reichtum?" Jia Yucun antwortete: „Wie sollte ich ihn nicht kennen? Unlängst ging das Gerücht um, auch er sei in die Leere eingegangen. Ich selbst hatte seinerzeit mehrfach mit ihm verkehrt — nie hätte ich gedacht, dass er so entschieden handeln würde." Zhen Shiyin sprach: „Mitnichten. Diese wundersame Verknüpfung kenne ich seit langem. Damals, noch bevor ich mit Euch an meinem alten Tor in der Gasse der Menschenfreundlichkeit plauderte, hatte ich ihn bereits einmal getroffen." Jia Yucun fragte verwundert: „Die Hauptstadt ist weit entfernt von Eurer Heimat — wie konntet Ihr ihn sehen?" Zhen Shiyin antwortete: „Im Geiste waren wir schon lange vertraut." Jia Yucun sprach: „Wenn es so ist, dann kennt der Unsterbliche gewiss auch Schatzjades Verbleib." Zhen Shiyin sprach: „Jade — das ist eben Jade. In jenem Jahr, noch bevor über die Häuser Rong und Ning die Beschlagnahme hereinbrach, an dem Tag, als Schatzspange und Kajaljade getrennt wurden — da hatte dieser Jade-Stein die Welt bereits verlassen: erstens, um dem Unheil auszuweichen, und zweitens, um die Vereinigung zu bewirken. Damit war die Bestimmung aus einem früheren Leben erfüllt, und Form und Substanz kehrten zur Einheit zurück. Dann zeigte er noch einmal kurz seine übernatürliche Kraft, bestand die hohe Prüfung und zeugte einen edlen Sohn — damit erwies sich dieser Jade-Stein als ein vom Himmel und der Erde geschmiedetes Wunderwerk, das sich mit nichts Irdischem vergleichen lässt. Einst brachten ihn der nebelverhangene Große Gelehrte und der unfassbare Wahre Mensch in die Menschenwelt herab; nun, da sein irdisches Karma erschöpft ist, nehmen ihn dieselben zwei wieder mit an seinen Ursprungsort zurück — das ist Schatzjades Verbleib."

Jia Yucun hörte zu; obwohl er nicht alles verstand, begriff er doch vier oder fünf Zehntel. Er nickte seufzend: „So verhält es sich also — das wusste ich nicht. Aber wenn Schatzjade eine solche Herkunft hat, warum war er dann so tief in Leidenschaft verstrickt und hat dann wieder so plötzlich zur Erleuchtung gefunden? Ich bitte um weitere Belehrung." Zhen Shiyin lachte: „Wenn ich dies erkläre, wird der Herr es vielleicht nicht ganz verstehen. Das Land der Großen Leere und der Illusionen ist in Wahrheit das Land des wahren So-Seins und der Seligkeit. Zweimal hat er die Schicksalsbücher durchblättert — darin liegt der Weg von Anfang und Ende; sein ganzes Leben stand klar vor ihm geschrieben — wie hätte er nicht erwachen sollen? Wenn die Wunderpflanze zur Wahrheit zurückkehrt, ist es dann nicht selbstverständlich, dass auch der Magische Jade in seinen Urzustand zurückfindet?"

Jia Yucun hörte zu, verstand es aber nicht. Er erkannte, dass es sich um himmlische Geheimnisse handelte, und wagte nicht weiter zu fragen. So sagte er: „Von Schatzjades Angelegenheit habe ich nun gehört. Doch von den Damen unseres Clans gibt es so viele — warum ist das Ende von der Kaiserlichen Gemahlin angefangen bei allen so gewöhnlich?" Zhen Shiyin seufzte: „Werter Herr, nehmt mir meine offenen Worte nicht übel. Die Damen Eures erlauchten Hauses kamen allesamt aus dem Himmel der Leidenschaften und dem Meer des Karmas. Im Allgemeinen gilt für die Frauen aller Zeiten: Das Wort 'Ausschweifung' darf gewiss nicht übertreten werden, doch auch das Wort 'Gefühl' sollte man besser nicht berühren. Darum sind Cui Yingying und Su Xiaoxiao nichts als Himmelswesen mit irdischem Herzen; Song Yu und Sima Xiangru sind große Dichter mit sündiger Zunge. Sobald sich aber die Empfindungen verwickeln und verfangen, ist das Ende stets unselig."

Als Jia Yucun dies hörte, strich er sich unwillkürlich über den Bart und seufzte lang. Dann fragte er noch: „Darf ich den Unsterblichen fragen: Die beiden Häuser Rong und Ning — werden sie je wieder so blühen wie zuvor?" Zhen Shiyin antwortete: „Dass Gutes belohnt und Böses bestraft wird, ist ein Grundsatz aller Zeiten. Gegenwärtig gilt für die beiden Häuser Rong und Ning: Wer gut handelt, pflegt sein Verdienst, wer böse gehandelt hat, bereut sein Vergehen. Dass dereinst Orchidee und Cassia gemeinsam duften und das Haus zu seiner alten Pracht zurückfindet, ist der natürliche Lauf der Dinge." Jia Yucun senkte eine geraume Weile den Kopf und sagte dann plötzlich lachend: „Ja, so ist es! In jenem Hause gibt es einen namens Orchidee, der bereits die Provinzialprüfung bestanden hat — das entspricht genau dem Zeichen 'Orchidee'. Soeben sagtet Ihr 'Orchidee und Cassia duften gemeinsam' und zuvor, Schatzjade habe eine 'hohe Prüfung bestanden und einen edlen Sohn gezeugt' — sollte das bedeuten, dass er einen nachgeborenen Sohn hat, der einst zu höchsten Ehren aufsteigen wird?" Zhen Shiyin lächelte fein: „Das gehört der Zukunft an und lässt sich nicht im Voraus sagen."

Jia Yucun wollte noch weiter fragen, doch Zhen Shiyin antwortete nicht mehr. Er ließ eine einfache Mahlzeit auftragen und lud Jia Yucun zum Essen ein. Nach dem Mahl wollte Jia Yucun noch nach seinem eigenen weiteren Schicksal fragen. Doch Zhen Shiyin sprach: „Werter Herr, ruht Euch in der Einsiedelei ein wenig aus. Ich habe noch ein Stück irdische Bindung ungelöst, das ich heute noch vollenden muss." Jia Yucun fragte erstaunt: „Verehrter Meister, bei Eurer reinen Übung — welche irdische Bindung sollte da noch bestehen?" Zhen Shiyin sprach: „Es ist nichts weiter als ein Stück Vater-Tochter-Liebe." Jia Yucun hörte dies und war noch erstaunter: „Darf ich fragen, was der Meister damit meint?" Zhen Shiyin sprach: „Werter Herr, Ihr wisst es nicht. Meine kleine Tochter Yinglian [英莲] geriet in jungen Jahren in das Unheil der irdischen Welt; als Ihr, werter Herr, damals zum ersten Mal ein Amt bekleidetet, habt Ihr über ihren Fall geurteilt. Nun gehört sie der Familie Xue an; sie wird bei einer schweren Geburt ihr Karma vollenden und einen Sohn hinterlassen, der den Stamm der Familie Xue weiterführen wird. Jetzt ist die Stunde gekommen, da ihre irdischen Bande sich vollends lösen — ich muss sie nur noch hinübergeleiten." Mit diesen Worten schüttelte Zhen Shiyin die Ärmel und erhob sich. Jia Yucun war benommen und verwirrt; er schlief dort in der Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt ein.

Zhen Shiyin aber ging, um Xiangling [香菱] hinüberzugeleiten. Er brachte sie in das Land der Großen Leere und der Illusionen und übergab sie der Feengöttin der Ernüchterung, damit diese den Eintrag im Schicksalsbuch vervollständige. Kaum hatte er den Ehrenbogen passiert, da kamen der Mönch und der Daoist schwebend herbei. Zhen Shiyin empfing sie und sprach: „Großer Gelehrter, Wahrer Mensch — ich gratuliere! Ich beglückwünsche Euch! Sind alle Schicksalsbande abgelöst und klar abgerechnet?" Der Mönch und der Daoist sprachen: „Die Schicksalsbande sind noch nicht ganz gelöst; doch jener törichte Gegenstand ist bereits zurückgekehrt. Wir müssen ihn noch an seinen Ursprungsort bringen und die letzten Dinge seiner Erdenwanderung verzeichnen — sonst wäre seine Reise in die Welt umsonst gewesen." Zhen Shiyin hörte dies und verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Der Mönch und der Daoist trugen den Jade-Stein zum Fuß des Blauen Felsgrats und legten Schatzjade an jene Stelle, wo Nüwa einst den Himmel geflickt hatte. Dann zogen sie jeder seines Weges und streiften durch die Wolken. Von da an hieß es:

Jenseitige Geschichten, jenseitig überliefert; Zwei Wandlungen einer Person, eine einzige Person.

Eines Tages kam der Daoist der Leere abermals am Blauen Felsgrat vorbei und sah, dass der überzählige Stein von Nüwas Himmelsflickung noch immer dort lag, die Schriftzeichen darauf noch genauso deutlich wie zuvor. Er las alles noch einmal von Anfang bis Ende sorgfältig durch und sah, dass hinter dem Schlussvers noch allerlei Nachträge über die letzten Verknüpfungen und Auflösungen der Schicksale standen. Er nickte seufzend: „Als ich seinerzeit die wundersame Geschichte des Steines fand, meinte ich, sie könne in der Welt verbreitet werden und als ungewöhnliche Erzählung gelten; deshalb schrieb ich sie ab. Doch damals fehlte das Ende, die Rückkehr zum Ursprung. Wer weiß, wann diese schöne Fortsetzung dazukam? Nun weiß ich: Der Stein ist einmal in die Welt hinabgestiegen, hat sein Licht hervorpoliert und die vollkommene Erleuchtung erlangt — da bleibt ihm wahrlich nichts mehr zu bedauern. Ich fürchte nur, mit den Jahren könnten die Schriftzeichen verblassen und Fehler entstehen. Lieber schreibe ich alles noch einmal ab, suche in der Welt einen müßigen Menschen ohne Geschäfte und bitte ihn, die Geschichte zu verbreiten. Dann wird man erkennen: Wundersam und doch nicht wundersam, gewöhnlich und doch nicht gewöhnlich, wahr und doch nicht wahr, falsch und doch nicht falsch. Vielleicht erwachen die Müden des Staubes aus ihrem Traum und der Kuckucksruf lockt sie heim; vielleicht heißt der gastfreundliche Berggeist sie willkommen und lässt den Stein zum Flug aufsteigen — wer weiß?"

Mit diesem Gedanken schrieb er alles noch einmal ab, steckte es in den Ärmel und ging in jene glanzvolle, blühende Gegend. Er suchte überall, doch alle, die er fand, waren entweder damit beschäftigt, Verdienste zu erwerben und eine Laufbahn einzuschlagen, oder damit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen — keiner hatte die Muße, mit einem Stein zu plaudern! Schließlich gelangte er zur Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt. Dort schlief jemand. Der Daoist der Leere dachte, dies müsse ein Müßiggänger sein, und wollte ihm die Abschrift des „Steinernen Berichts" zeigen — doch jener Mensch war nicht wachzubekommen. Der Daoist der Leere rüttelte kräftig an ihm, und endlich öffnete er langsam die Augen und setzte sich auf. Er nahm das Manuskript und überflog es flüchtig, dann warf er es hin und sagte: „Diese Dinge habe ich alle selbst mit eigenen Augen gesehen und kenne sie bis ins Letzte. Was du da abgeschrieben hast, enthält keine Fehler. Ich will dir nur den einen Menschen nennen, dem du es anvertrauen kannst, damit er diese frische Begebenheit zum Abschluss bringe." Der Daoist der Leere fragte hastig: „Wer ist es?" Jener Mann antwortete: „Du musst in einem gewissen Jahr, einem gewissen Monat, an einem gewissen Tag, zu einer gewissen Stunde, zu einem Ort namens 'Pavillon der Trauer um das Rot' gehen. Dort lebt ein Herr Cao Xueqin. Sage ihm nur: 'Jia Yucun sagt' — und bitte ihn, so und so zu verfahren." Damit legte er sich wieder hin und schlief ein.

Der Daoist der Leere prägte sich diese Worte fest ein. Es vergingen dann noch wer weiß wie viele Weltalter und Äonen, bis er tatsächlich einen Pavillon der Trauer um das Rot fand und den Herrn Cao Xueqin sah, der dort gerade alte Geschichtswerke durchblätterte. Der Daoist der Leere überbrachte ihm Jia Yucuns Worte und zeigte ihm den „Steinernen Bericht". Herr Cao Xueqin lachte und sagte: „Das sind also wirklich 'Jia Yucuns Worte'!" Der Daoist der Leere fragte: „Woher kennt Ihr diesen Menschen, dass Ihr bereit seid, seine Geschichte zu überliefern?" Herr Cao Xueqin lachte: „Man nennt dich 'Leer', und in der Tat ist dein Inneres leer! Wenn es doch 'erfundenes Dorfgeschwätz' ist — solange es frei von Schreibfehlern, Abweichungen und Widersprüchen ist, kann man es mit zwei, drei gleichgesinnten Freunden nach dem Wein und nach der Mahlzeit, an regnerischen Abenden beim Kerzenschein, zur Vertreibung der Langeweile genießen. Dazu braucht es keine Empfehlung großer Gelehrter, die es der Nachwelt überliefern. Wenn du aber so nach den Wurzeln gräbst und den Grund suchst, dann bist du einer, der ein Boot mit eingekerbtem Bord sucht oder mit festgeleimtem Steg die Laute stimmt." Der Daoist der Leere hörte dies, warf den Kopf zurück und lachte laut zum Himmel empor, schleuderte die Abschrift zu Boden und schwebte davon. Im Gehen rief er: „Es war also nichts als ausgeschmückter Unsinn! Nicht nur der Verfasser weiß es nicht, der Abschreiber weiß es nicht, und auch der Leser weiß es nicht. Es ist nichts als ein Spiel des Pinsels, zur Ergötzung des Gemüts und zur Befriedigung der Natur!"

Spätere Leser, die diese Erzählung sahen, haben ebenfalls vier Verszeilen als Nachwort verfasst, die über die Einleitung des Verfassers noch einen Schritt hinausgehen. Sie lauten:

Wo es bitter wird, da wird das Absurde erst recht traurig. Von jeher ist alles ein und derselbe Traum; Lacht nicht über die Torheit der Welt!


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.
  2. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  3. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kaufmann Kette.
  4. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  5. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Kaufmann Aufrecht". Schatzjades Vater.
  6. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. Sohn von Kaufmann Juwel.
  7. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Kammerzofe der Herzoginmutter.
  8. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Kaufmann Orchidee". Enkel von Kaufmann Aufrecht, Sohn von Li Wan.
  9. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse". Konkubine von Xue Pan.
  10. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Kaufmann Begnadigung". Älterer Bruder von Kaufmann Aufrecht.
  11. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Ningguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.
  12. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Kette". Phönixglanz' Ehemann.
  13. Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Großmutter Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.
  14. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".
  15. Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn. Gelehrter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „wahrlich verborgen".