Apple/DE/Kapitel 1

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Kapitel 1: Der Kristallapfel

Der Wind in den ersten Hundstagen war träge, als hätte ihn irgendetwas angetrieben, sich widerwillig in Bewegung zu setzen; er schaute sich um, zerstreut, und streifte gleichgültig über den Asphalt, die Alleebäume am Straßenrand und die sonnenbeschienenen Fensterscheiben der Häuser, sodass selbst die Feuchtigkeit in der Luft schwül und drückend war.

Als Meizi aus dem Auto stieg, hingen ihr Schweißperlen auf der Stirn und der Nasenspitze. Sie selbst hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich zur Hochzeit von Lao Jiangs Tochter gehen würde.

Meizi hatte keinerlei Beziehung zu Lao Jiang, sie hatten sich gerade zweimal gesehen. Als Meizi die Einladung von Lao Jiang erhielt, dachte sie zunächst, Lao Jiang habe sich geirrt. Doch dann schickte ihr Lao Jiang eigens eine WeChat-Nachricht, lud sie aufrichtig ein und schrieb Dinge wie, es sei ihr "eine große Ehre", wenn Meizi käme. Meizi schnaubte kurz und murmelte: "Was ist bloß mit den Leuten heutzutage los? Sind die verrückt geworden?"

Die Stimmung eines Menschen lässt sich leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Eine Hochzeitseinladung hatte Meizis Laune verdorben, den ganzen Nachmittag fühlte sie sich bedrückt und beklommen, als läge ihr etwas Schweres auf der Brust. Erst am Abend, als Meizi Xuefangs WeChat-Nachricht sah, schwenkte ihre Stimmung wie ein Fluss in einer großen Biegung um und fand eine neue Richtung.

Dabei enthielt Xuefangs Nachricht kaum Informationen -- sie teilte Meizi lediglich mit, dass sie diesen Freitag nach Hause kommen werde.

Trotzdem fand Meizi das schon sehr gut, das reichte ihr! Immerhin sagte Xuefang ihr Bescheid -- was konnte sie auch tun, wenn sie es nicht tat? Gegenüber der eigenen Tochter verhielt man sich anders als gegenüber anderen, man konnte grenzenlos nachsichtig sein, oder besser gesagt: Man kam gar nicht umhin, nachsichtig zu sein.

Beim letzten Mal, als Xuefang nach Daocheng-Yading gereist war, hatte Meizi die Fotos ihrer Tochter im Moments-Feed gesehen und ihr eine Nachricht hinterlassen, sie solle auf die Höhenkrankheit achten und auf sich aufpassen. Xuefang hatte kein Wort erwidert. Meizi hielt es nicht mehr aus und rief ihre Tochter an. "Ich bin gerade beschäftigt, heute Abend machen wir einen Videoanruf", sagte Xuefang nur und legte auf. Den ganzen Abend verbrachte Meizi wartend, als laste etwas Großes auf ihr. Sie stellte die Lautstärke ihres Handys auf Maximum, und selbst wenn ihre Hände voller Mehl waren, warf sie immer wieder einen Blick auf das Telefon auf der Küchentheke, aus Angst, das Klingeln zu verpassen. Tatsächlich klingelte das Telefon an jenem Abend einige Male, und Meizi strich sich die Haare zurecht und ging gelassen hin, um es entgegenzunehmen -- doch kein einziger Anruf war von Xuefang. Die Minuten verstrichen, aber Meizi empfand es nicht als Qual, als brächte jede vergehende Minute sie dem Moment des Wiedersehens mit ihrer Tochter näher. Erst um Mitternacht wurde Meizi bewusst, dass sie den ganzen Abend vergeblich gewartet hatte. Sie war wütend und wollte Xuefang anrufen, doch es war zu spät, sie wollte ihre reisemüde Tochter nicht stören, also ließ sie es bleiben. Am Ende konnte Meizi sich nur im Stillen ärgern: einerseits über Xuefang, die ihr Wort nicht hielt und ihre Mutter so geringschätzte; andererseits über sich selbst, weil sie zu stur war, zu empfindlich. Meizi schlief die ganze Nacht kaum, hatte das Gefühl, im Herzen ihrer Tochter keinen Platz zu haben -- ein himmelweiter Unterschied zu dem Platz, den ihre Tochter in ihrem Herzen einnahm. Wem sollte man die Schuld geben? Wenn überhaupt, dann nur sich selbst. Zwei Tage später fragte Xuefang wie beiläufig, ob Meizi einen handgewebten tibetischen Schal haben wolle. Meizis Herz wurde augenblicklich wieder warm, und sie beeilte sich zu sagen, nein danke, sie habe schon sieben oder acht Schals, aber danke, dass ihre Tochter an ihre alte Mutter denke. Xuefang sagte: "Na ja, ich dachte, wenn man schon mal unterwegs ist, sollte man dir etwas mitbringen." Meizi konnte sich doch nicht zurückhalten und fragte: "Eigentlich hatten wir doch vorgestern Abend einen Videoanruf abgemacht, warum hast du dich nicht gemeldet?" Xuefang sagte: "Oh, hab ich vergessen." Nachdem Meizi aufgelegt hatte, fühlte sie sich viel leichter und verzieh ihrer Tochter rasch. Hinterher dachte Meizi: Geht es anderen Müttern auch so? Sündhaft, wirklich sündhaft!

An jenem Abend, als Lao Jiang Meizi zur Hochzeit ihrer Tochter einlud, hatte Meizis Stimmung sich gerade dank Xuefangs Nachricht gebessert, da brachte Yang Guifei die Hochzeitseinladung wieder zur Sprache und schob die Weiche der gerade umgelenkten Gleise wieder zurück.

Yang Guifei, bürgerlich Yang Nini, war die fülligste Frau in der Qipao-Gruppe. Alle wussten, dass Yang Nini Wörter wie "dick", "rundlich" oder "füllig" nicht ausstehen konnte, also nannten sie sie "Yang Guifei". Jeder wusste, wofür der Name "Yang Guifei" stand, doch merkwürdigerweise konnte Yang Nini diese Bezeichnung akzeptieren. Mit der Zeit vergaß man Yang Nini und gewöhnte sich daran, sie Yang Guifei zu nennen.

Yang Guifei sagte zu Meizi: "Ich habe deinen Namen in der Gruppe gesehen ..." "Welchen Namen?", fragte Meizi. "Auf der Gästeliste für Lao Jiangs Hochzeit am Samstag." Meizi war etwas verärgert: "Ich habe noch gar nicht zugesagt, außerdem kenne ich Lao Jiang überhaupt nicht." Yang Guifei sagte: "Ich kenne Lao Jiang schon ein paar Jahre, aber wir haben nie Geschenke ausgetauscht. Und außerdem ist es die zweite Ehe ihrer Tochter -- ist es passend, so ein großes Aufheben darum zu machen?" Meizi sagte: "Wer weiß, was mit den Leuten heutzutage los ist. Deren Haut ist so dick, man könnte Schuhsohlen daraus machen. Ich gehe nicht hin." Yang Guifei sagte: "Dann gehe ich auch nicht."

Im Nu war es Samstag. Nach dem Frühstück fühlte Meizi sich unruhig, als gäbe es etwas, das sie noch hätte erledigen müssen. Sie überlegte genau -- eigentlich stand nichts an. Doch halt -- am Samstagmittag war die Hochzeit von Lao Jiangs Tochter. Sie hatte sich bereits entschieden, nicht hinzugehen, doch seltsamerweise griff Meizi trotzdem zum Handy und scrollte, bis sie die "Gästeliste" fand, von der Yang Guifei gesprochen hatte. Ihr Name stand tatsächlich darauf. Absurd! Diese Liste war höchstens eine vorläufige Einladungsliste, keine Gästeliste. Während sie weiter las, erstarrte Meizi plötzlich -- sie entdeckte Xuefangs Namen auf der Liste. Xuefang geht zu einer Hochzeit? Was hat sie mit Lao Jiangs Familie zu tun? Warum hat sie mir nichts davon gesagt? Kam sie am Freitag nach Hause, nur um zur Hochzeit zu gehen? In Meizi stieg eine Kette von Fragen auf. Xuefang lebte nun schon fast ein Jahr allein in einer eigenen Wohnung, und Mutter und Tochter sahen sich selten, es sei denn, es war nötig. Wobei "nötig" sich nach dem richtete, was Xuefang für nötig hielt. Außerdem ging Meizi alle zwei Wochen zu Xuefangs Wohnung, um sauberzumachen, aber selbst dann begegnete sie Xuefang nicht unbedingt. Beim letzten Putzen traf sie auf Xuefang und beschwerte sich sofort: "Wie konntest du die Wohnung nur so verwüsten? Überall Krempel, man kann keinen Fuß auf den Boden setzen. Ist das eine Wohnung für Menschen oder ein Hundestall?" Xuefang sagte: "Mama, mach dir darüber keine Sorgen, jeder hat seinen eigenen Lebensstil." Meizi wurde zornig und sagte laut: "Dein Lebensstil bedeutet also, dass deine alte Mutter hinter dir herräumt! Meinst du, ich habe Lust, mir deinetwegen Sorgen zu machen?" Xuefang konterte: "Ich hab dich auch nicht gebeten, zum Putzen herzukommen." Meizi sagte: "Ich kann das einfach nicht mit ansehen." Xuefang murmelte: "Dann ist das ja wohl dein Problem." Damit schwieg Xuefang. Meizis Geschimpfe aber fing gerade erst an, sie schalt Xuefang: "Du bist fast dreißig, kannst dich noch immer nicht selbst versorgen, welcher Mann soll dich bloß heiraten wollen, der hätte wirklich acht Generationen Pech gehabt ..." Xuefang sagte: "Ans Heiraten habe ich kein Interesse."

Nachdem Meizi Xuefangs Namen gesehen hatte, beschloss sie, doch zur Hochzeit von Lao Jiangs Tochter zu gehen. So konnte sie Xuefang auf der Feier begegnen, und sie wollte herausfinden, was für ein Gefühl es einer Xuefang, die sich nicht fürs Heiraten interessierte, bereitete, an der Hochzeit anderer teilzunehmen.

Am Veranstaltungsort angekommen, spürte Meizi nichts von der angekündigten "großen Ehre". Sie sah Lao Jiang nicht. Eine unbekannte Person geleitete sie zum "Empfang", wo auf einem rotbetuchten Tisch ein "Gästebuch" in Form eines Faltalbums lag sowie ein Kästchen, das an eine Spendenbox erinnerte. Das Album diente dazu, die Namen der Gäste und ihre Geldgeschenke einzutragen, das Kästchen war natürlich für das Geld bestimmt -- wer kein Bargeld hatte, konnte den QR-Code daneben scannen und überweisen. Meizi blätterte durch das Album und trug ihren Betrag ein, orientiert am niedrigsten Betrag. Beim Scannen zögerte sie einen Moment und überwies schließlich 300 Yuan -- 200 weniger als die 500, die sie eingetragen hatte. Im Stillen sagte sich Meizi: "Dass ich überhaupt gekommen bin, ist schon mehr als genug. Eine symbolische Geste reicht."

Der Hochzeitssaal war voller Gewimmel. Meizi schaute sich um, sah aber keine Spur von Xuefang -- dafür entdeckte sie an Tisch 19 Yang Guifei.

Meizi war überrascht und fragte: "Hast du nicht gesagt, du kommst nicht?"

Yang Guifei sagte: "Ich hatte heute nichts zu tun, und Rumsitzen ist auch langweilig, also bin ich zum Spaß gekommen. Und du? Du hattest doch auch gesagt, du kommst nicht?"

Meizi war etwas verlegen: "Ach, heute Morgen habe ich es mir anders überlegt."

Yang Guifei lächelte geheimnisvoll und zog Meizi neben sich auf den Stuhl.

Vor Beginn der Zeremonie standen auf dem Tisch Schalen mit Nüssen und Süßigkeiten, und auf einem kleinen Teller lagen Zigaretten. Außer den Zigaretten waren die Nuss- und Süßigkeitenschalen so gut wie leer. Eine Frau mittleren Alters neben Yang Guifei spuckte Sonnenblumenkernschalen aus und sagte: "Was für verrückte Sitten heutzutage. Eine Zweitheirat wird jetzt schon mittags gefeiert?"

Yang Guifei sagte: "Es gibt doch keine Regel, die verbietet, eine Zweitheirat mittags zu feiern, oder?"

"Wie keine Regel? Zweithochzeiten finden immer abends statt. So viele Jahre, und zum ersten Mal erlebe ich eine am Mittag."

Yang Guifei schien sich bestens auszukennen und sagte: "Dass Hochzeiten abends stattfinden, ist ein moderner Irrtum. Eine Zweithochzeit am Mittag ist genau richtig." Sie klärte die Frau neben sich auf: "Das Schriftzeichen 'hun' in 'Hochzeit' bedeutete im Altertum 'Abenddämmerung'. So gesehen ist eine Zweithochzeit am Mittag sogar traditionsgerechter. Ich finde daran nichts Falsches."

Die Frau verzog den Mund, sichtlich nicht überzeugt.

Meizi mischte sich ein und fragte Yang Guifei, wie es ihrem Mann gehe.

"Wie immer", sagte Yang Guifei. "Position nicht hoch, aber Blutdruck hoch. Kein hoher Titel, aber hohe Blutfette. Kein hohes Gehalt, aber hoher Blutzucker."

Meizi lachte kurz: "Im Alter ist das mit den 'drei Hochs' normal."

"Im Alter sollten Position, Titel und Gehalt hoch sein."

Die Hochzeitszeremonie begann. Der Moderator mit dem festgelegten Haar betrat die Bühne und sagte mit tiefer Stimme: "Es gibt immer eine Zeit des stillen Wartens -- Wartens auf die Liebe eines ganzen Lebens. Es gibt immer einen Menschen, der leise an deine Seite tritt und dein Herz höherschlagen lässt, und dann liebt ihr einander. Sie gingen durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter, durch Stille und Glanz, und heute betreten sie endlich diesen heiligen Tempel der Ehe. Begrüßen wir mit donnerndem Applaus den Hauptdarsteller dieser Hochzeit -- den Bräutigam ..." Während alle Blicke auf Braut und Bräutigam gerichtet waren, suchte Meizi zerstreut in ihrem Blickfeld, in den auf der Leinwand aufblitzenden Gesichtern, überall nach Xuefang -- vergeblich.

Das Programm einer Hochzeit gleicht sich immer: Der Bräutigam mit Blumenstrauß zieht ein, die Braut in ihrem strahlend weißen Kleid erscheint an der Seite ihres Vaters. Nach der rührseligen Übergabe gestehen Braut und Bräutigam einander ihre Liebe, legen ihre Ehegelübde ab, tauschen Liebeszeichen aus ...

Der Moderator sagte: "Bitte nehmen Sie die schöne, sanfte Hand der Braut. Wollen Sie diese Frau zu Ihrer Ehefrau nehmen und den Bund der Ehe mit ihr schließen -- in Krankheit und Gesundheit, in Armut und Reichtum, und aus jedem anderen Grund sie lieben, für sie sorgen, sie respektieren, sie annehmen und ihr für immer die Treue halten, bis dass der Tod Sie scheidet?"

Der Bräutigam antwortete: "Ja, ich will!"

Der Moderator wandte sich an die Braut: "Bitte nehmen Sie die starke Hand des Bräutigams. Wollen Sie diesen Mann zu Ihrem Ehemann nehmen und den Bund der Ehe mit ihm schließen -- in Krankheit und Gesundheit, in Armut und Reichtum, und aus jedem anderen Grund ihn lieben, für ihn sorgen, ihn respektieren, ihn annehmen und ihm für immer die Treue halten, bis dass der Tod Sie scheidet?"

Die Braut antwortete: "Ja, ich will."

Der Moderator wandte sich an die Gäste: "Verehrte Anwesende, sind Sie bereit, als Zeugen dieses Ehegelübdes zu dienen?"

Aus dem Saal ertönte: "Ja!"

"Ich konnte Sie nicht hören, bitte etwas lauter!"

"Ja!"

Yang Guifei verzog den Mund in Meizis Richtung: "Wirklich lächerlich ... Ich habe gehört, beide sind zum zweiten Mal verheiratet. Haben sie sich bei der ersten Hochzeit auch solche ewigen Schwüre geleistet?"

Meizi sagte: "Das ist eben das Protokoll."

Yang Guifei fragte: "Und deine Xuefang? Wie läuft es bei ihr? Wann heiratet sie?"

"Xuefang ... ich habe nicht gehört, dass sie einen Freund hat ..."

Yang Guifei seufzte: "Meine Ruoying ist auch noch allein. Was ist denn bloß los heutzutage? Selbst Lao Jiangs Tochter -- auf dem Niveau -- hat schon zweimal geheiratet ..."

"Etwas leiser, so etwas sagt man nicht."

"Aber mal im Ernst, was fehlt unseren Töchtern? Warum bleiben ausgerechnet die Guten übrig? Das ist doch nicht normal, überhaupt nicht normal."

"Meinst du die gegenwärtige Situation oder die Kinder?"

"Natürlich die Situation."

Stürmischer Applaus ertönte, die Zeremonie näherte sich dem Ende, der Moderator wechselte den Ton und verwandelte sich in einen Stand-up-Comedian: "Braut und Bräutigam Hand in Hand, ab jetzt ein trautes Ehepaar; Braut und Bräutigam treu vereint, bis Meer und Fels vergehen; Braut und Bräutigam, gemeinsam voran, esst mehr Rettich und weniger Essig; Braut und Bräutigam, Liebe so fein, nächstes Jahr ein Kinderlein ..."

Meizi stand auf und spähte durch die Menge. Yang Guifei blickte sie an: "Hunger, oder? Es ist schon nach zwölf, und immer noch kein Essen."

Das Essen kam endlich, aber die warmen Speisen waren lauwarm und die kalten nicht kalt. Trotzdem waren die Teller in kürzester Zeit leer. Nachdem Braut und Bräutigam zugestoßen hatten, war die Tafel vorzeitig "leer gefegt". Yang Guifei ließ sich nie etwas entgehen. Sie war vorbereitet und zog in dem Moment, als andere zuschlugen, rasch eine Plastiktüte aus der Handtasche und sicherte sich erfolgreich einen halben geschmorten Schweinshaxen und eine halbe Portion Viererlei-Freude-Fleischbällchen.

Yang Guifei sagte zu Meizi: "Die Haxe kannst du haben."

Meizi schüttelte den Kopf.

"Findest du das peinlich?"

"Außer bei der eigenen Familie packe ich beim Essen auswärts nie etwas ein", sagte Meizi.

Vom Hotel aus begleitete Yang Guifei Meizi bis zur U-Bahn-Station und redete den ganzen Weg: Hauptsächlich beschwerte sie sich über die Generation ihrer Töchter: "Man sagt ja, die nach 1995 und nach 2000 Geborenen seien 'Schönheiten für die Ewigkeit' ..."

"Gibt es denn so viele Schönheiten?"

"Nicht diese Art von Schönheiten -- gemeint ist: kein Immobilienkredit, kein Autokredit, keine nächste Generation."

Meizi lachte: "Was für Schönheiten sollen das denn sein!"

"Nicht nur Schönheiten -- außerdem sind sie 'frei von den vier Anhaftungen'!"

"Werden die etwa Nonnen?"

"Quatsch. Keine Immobilie kaufen, nicht heiraten, nicht arbeiten, keine Kinder kriegen -- die vier großen Leerheiten."

Meizi lachte wieder, doch dann erstarrte das Lächeln auf ihrem Gesicht. War Xuefang nicht genau so -- "frei von den vier Anhaftungen"?

Yang Guifei sagte: "Mir geht es eigentlich ganz gut, nur Ruoying macht mir Sorgen. Sobald ich an sie denke, bekomme ich reflexartig Kopfschmerzen. Und deine Xuefang?"

"Die ist auch ... ziemlich besorgniserregend."

"Ich verstehe es wirklich nicht, was ist in diese Generation gefahren? Den ganzen Tag das Handy in der Hand, keinen Schritt vor die Tür, zwei Minuten Duschen, eine halbe Stunde auf dem Klo ..."

"Bei deiner Tochter auch? Dazu kommt: morgens das Bett nicht machen, tagsüber die Vorhänge zuziehen."

"Genau! Nachrichten werden nicht beantwortet, aber rote Umschläge in Sekundenbruchteilen kassiert."

"Zu Menschen kalt, aber zu Katzen und kleinen Hunden voller Zuneigung."

"Allerdings! Beim Einkaufen wird nie gehandelt, mit der Begründung, andere hätten es auch nicht leicht -- aber haben es ihre Eltern etwa leicht?" Dabei raschelte Yang Guifei mit der Plastiktüte in ihrer Hand. "Damals, als wir sie zum Studium ins Ausland geschickt haben, haben mein Mann und ich regelmäßig Reste gegessen."

Vor zehn Jahren waren Meizi und Yang Guifei noch voller Stolz gewesen, wenn sie über ihre Töchter sprachen. Etwa, auf welchem Platz die jeweilige Universität im Weltranking stand; und selbst wenn das Ranking nicht so gut war, konnte man immer noch über die Fachrichtung reden, und welche berühmten Persönlichkeiten die Uni hervorgebracht hatte -- ob man sie kannte oder nicht, man konnte die Namen herunterbeten, als seien es die eigenen Familienschätze, der Stolz drang aus jeder Pore. Die Zeiten hatten sich geändert. Jetzt waren beide Kinder zurückgekehrt, Meizi und Yang Guifei kannten die Verhältnisse der jeweils anderen, es hatte keinen Sinn mehr, sich aufzublasen -- beide ließen den Kopf hängen.

Als Meizi Yang Guifeis Rücken nachschaute, erinnerte sie sich an ihre Grundschulkameradin Yang Nini, die selbst als Krankenschwester noch eine schlanke, anmutige Figur gehabt hatte -- aber dem Zahn der Zeit hält niemand stand, dachte Meizi.

Von dieser Hochzeit brachte Meizi nicht etwa nichts mit -- sie brachte einen Apfel mit nach Hause.

Meizi legte den Apfel auf den Esstisch und ihr Blick fiel auf die Narbe an ihrem Zeigefinger. Ihre Mutter hatte ihr einmal erzählt, dass sie sich als Kind beim Streit mit ihrem Bruder und ihrer Schwester um einen Apfel mit dem Messer in die Hand geschnitten hatte, und die Narbe blieb für immer. Damals war die Familie arm, ein Apfel wurde in vier Stücke geteilt, für jedes Kind eines. Meizi selbst hatte keine Erinnerung daran und fragte ihren Bruder Yuejin und ihre Schwester Shiqing. Yuejin sagte, wenn es gut lief, bekam jedes Kind einen ganzen Apfel, häufiger aber teilten sich zwei Kinder einen, oder ein Apfel wurde in vier Stücke geteilt. Shiqing sagte, so großzügig sei es nicht gewesen -- sie erinnere sich an ein Mal, als sie nur die Apfelschale zum Essen bekam. Wie Meizi sich an der Hand verletzt hatte, daran konnten sich weder Yuejin noch Shiqing erinnern, und keiner gab zu, Meizi versehentlich verletzt zu haben.

Meizi stellte den mitgebrachten Apfel auf den Tisch, und daneben stand ein Kristallapfel. Die beiden Äpfel waren in Größe und Form ähnlich, doch in Farbe und Beschaffenheit lagen Welten zwischen ihnen. Den Kristallapfel hatte Xuefang ihr geschenkt.

Am Montagabend fiel ein Regen, einer dieser "Sonnenscheinschauer" -- der Himmel war auf der einen Seite klar und auf der anderen düster. Ob es auf der düsteren Seite regnete, wusste niemand, aber auf der klaren Seite prasselte ein heftiger Regenguss nieder. Da der Wetterdienst nichts angekündigt hatte, hatten viele Menschen keinen Schirm dabei, und die Rushhour im Feierabendverkehr wurde zum Chaos. Meizi und Xuefang besuchten gemeinsam den alten Herrn Liu Baogui in der Umsiedlungswohnung in der Quanshui-Siedlung. Aus Meizis Sicht begleitete Xuefang sie zum Besuch bei ihrem Vater; aus Xuefangs Sicht begleitete Meizi sie zum Besuch bei ihrem Großvater. Diesmal allerdings hatte Xuefang den Vorschlag gemacht, also konnte man auch sagen, dass Meizi sie begleitete.

Unterwegs fragte Meizi: "Warst du am Samstag auf einer Hochzeit?"

"Was für eine Hochzeit?"

"Die Hochzeit von Lao Jiangs Tochter."

"Lao Jiang? Davon habe ich nie gehört."

Meizi verstand. Vielleicht war die Xuefang auf der Gästeliste eine Namensvetterin. Die Häufigkeit von Namensdopplungen war heutzutage so hoch, dass man ihnen kaum ausweichen konnte.

An jenem Abend war Liu Baogui gut gelaunt und kochte zwei seiner Spezialitäten: knusprig gebratenes Fleisch und Rindfleisch in Sojasoße. Liu Baogui war bereits fünfundneunzig, körperlich rüstig, und abgesehen von etwas Schwerhörigkeit schien er gesünder zu sein als Meizi. Xuefang aß am liebsten das Essen ihres Großvaters, besonders die knusprig gebratenen Fleischstücke und das Rindfleisch. Das Fleisch musste außen knusprig und innen zart sein -- es ist äußerst schwer, das perfekt hinzubekommen: entweder wird es pappig oder lasch. Als Xuefang klein war, hatte Liu Baogui ihr erklärt, der Schlüssel liege in der richtigen Hitze: Beim Frittieren müsse die Flamme kräftig sein, damit das Fleisch fest und leicht angebräunt werde, am besten mit einem Hauch von Röstaroma, und die Soße dürfe nicht zu dick sein. Und so war es auch: Großvaters Fleischstücke glänzten vor Öl und waren knusprig und aromatisch. Für die Soße zum Rindfleisch mischte der Großvater die Gewürze selbst: Zimt, Galgant, Lorbeerblätter, Sichuanpfeffer, Sternanis, Nelken, Angelikawurzel und anderes. Man brauchte keine zusätzliche Soße -- schon beim puren Essen schmeckte es unvergleichlich.

Schon beim Eintreten roch Meizi den Duft. Sie warf Xuefang einen vorwurfsvollen Blick zu: "Hast du dem Großvater gesagt, dass du kommst?"

"Natürlich sage ich Lao Liu Bescheid."

Xuefang nannte Liu Baogui "Lao Liu".

"Einmal im Monat kommst du kaum her, um deinen Großvater zu besuchen, und er ist schon so alt ... Obwohl er noch nicht wirklich alt ist, ein 'Post-90er' sozusagen, aber er ist schließlich ein Älterer, du solltest ihn nicht so strapazieren."

Liu Baogui sagte fröhlich: "Was heißt denn strapazieren? Man möchte strapaziert werden, aber dazu muss einem erst mal die Gelegenheit gegeben werden ... Xuefang, so ist es richtig, der Großvater freut sich. Nicht nur, dass du gerne mein Essen isst -- ich würde alles für dich tun."

"Siehst du, Lao Liu ist glücklich, und das ist doch die Hauptsache", sagte Xuefang.

Meizi hatte auch einige fertige Speisen und Süßigkeiten mitgebracht, darunter Liu Baoguis Lieblingssachen und auch Sachen, die Xuefang mochte. Ob es nun war, um dem Großvater Ehre zu erweisen oder nicht -- Xuefang lobte Liu Baoguis Gerichte in den höchsten Tönen, ließ aber Meizis Obstkuchen links liegen.

Mitten beim Essen verkündete Xuefang eine Entscheidung. Nach ihren Worten wollte sie gute Nachrichten zuerst mit den wichtigsten Menschen teilen.

Dabei sprach sie es recht beiläufig aus: "Ich habe mich fest entschlossen -- ich werde Äpfel anbauen."

"Äpfel anbauen?" Meizi prustete los. "Ich habe mal auf dem Handy Äpfel angepflanzt."

"Ich rede nicht von einem Spiel. Ich gehe ins Bergdorf Shanding, um dort Äpfel anzubauen."

"Welches Bergdorf Shanding?", fragte Liu Baogui.

"Lao Liu, Ihre alte Heimat -- der Ort, wo Sie geboren wurden."

"Was willst du dort?"

"Ich hab's doch gerade gesagt -- Äpfel anbauen."

Meizi blickte Liu Baogui an und sagte zu Xuefang: "Willst du wieder Unsinn treiben?"

"Ich treibe keinen Unsinn." Xuefang machte ein ernstes Gesicht. "Du wirfst mir doch bei jedem Treffen vor, ich würde faulenzen. Jetzt habe ich endlich etwas zu tun."

"Was denn? Äpfel anbauen? Eine promovierte Biologin baut Äpfel an?"

"Ja, und? Was ist daran falsch?"

"Du willst wohl, dass ich möglichst früh ins Grab komme!"

Xuefang ging lachend auf Meizi zu und wollte sie umarmen, doch Meizi wich aus. Xuefang sagte: "Wie kommst du denn darauf? Gerade weil ich nicht will, dass du dir meinetwegen Sorgen machst, suche ich mir eine Beschäftigung. Denk nicht, Äpfel anbauen sei einfach. Im Kleinen gesagt möchte ich es versuchen und sehen, ob ich meinen eigenen Wert verwirklichen kann. Im Großen gesehen kann ich damit Wohlstand für die Gesellschaft schaffen und mehr Menschen zugutekommen."

Meizi warf Xuefang einen Blick zu: "Es gibt viele Berufe, mit denen man seinen Wert verwirklichen kann. Warum musst du unbedingt eine Schnapsidee umsetzen und etwas tun, wovon du nichts verstehst? Selbst dein Onkel achtet bei seinen Unternehmungen auf das Preis-Leistungs-Verhältnis, und der hat nicht studiert."

"Diesmal habe ich es gründlich durchdacht. Ich will endlich etwas Sinnvolles tun."

"Auf dem Land Äpfel anbauen ist etwas Sinnvolles? Du hast nicht einmal Agrarwissenschaft studiert."

"Ich bin Biologin -- das ist eine Stufe höher, wenn ich bitten darf."

"Biologie zur Obstbaumtechnik?"

"Nicht zum Anleiten, sondern um selbst Bäume zu pflanzen und eigenhändig Experimente durchzuführen."

"Genug, hör auf! In Zeiten des rasanten technologischen Fortschritts -- warum ausgerechnet Apfelanbau? Weißt du nicht, wie gering der Wert landwirtschaftlicher Produkte ist?"

"Es geht nicht ums Geld. Und woher willst du wissen, dass landwirtschaftliche Produkte wenig wert sind?"

"Muss man das noch sagen? Jeder mit einem Kopf auf den Schultern weiß das. Du willst wohl mit Äpfeln reich werden? Wenn du mich fragst: Du kannst dich selbst nicht einmal ernähren, geschweige denn gesellschaftlichen Wohlstand schaffen. Spar dir die großen Worte."

"Siehst du, genau das meine ich -- wir sind einfach nicht auf derselben Wellenlänge."

"Dann reden wir eben nicht mehr darüber ... Tu, was du willst. Brauchst du uns ja auch nicht zu sagen. Ihr jungen Leute seid sowieso immer nur für drei Minuten Feuer und Flamme, wer weiß, vielleicht willst du nächste Woche Kühe züchten."

"Diesmal ist es anders. Ich bereite mich seit zwei Monaten darauf vor."

"Wirst du im Bergdorf Shanding wohnen?", fragte Liu Baogui.

"Ja, beim Apfelanbau kann man nicht pendeln."

"Das heißt, du willst Bäuerin werden?"

"Nun ja, wenn schon, dann eine Bäuerin neuen Typs."

"Was für ein Typ auch immer -- Bäuerin bleibt Bäuerin."

Meizi schaltete sich ein: "Hör nicht auf sie. Nach zwei Tagen hat sie genug. Ich wette, du hältst keine Woche auf dem Land aus. Ich wette ..."

Was sie wetten wollte, darauf kam Meizi nicht.

Xuefang wurde ungeduldig: "Mama, verlass dich drauf, diesmal verlierst du. Du meinst doch immer, ich hätte keinen Biss -- diesmal werde ich dort Wurzeln schlagen."

"Wurzeln schlagen?" Liu Baogui verschluckte sich an seinem Essen, sein Gesicht lief puterrot an.

Meizi reichte ihm schnell ein Glas Wasser und schaute zu, wie er einen Schluck trank.

Xuefang fragte: "Alles in Ordnung?" Liu Baogui schüttelte den Kopf.

Nach dem Essen spülte Meizi in der Küche ab, und Xuefang kam, um zu helfen. Meizi schickte Xuefang zum Großvater, damit sie sich mit ihm unterhalte, aber Xuefang sagte, der Großvater döse auf dem Sofa, wahrscheinlich sei er müde.

"Kein Wunder. Er geht auf die hundert zu, und du lässt ihn noch für dich kochen."

Xuefang murmelte: "Ich hab ihn doch gar nicht gebeten, für mich zu kochen."

An jenem Abend ordnete Xuefang zu Hause Unterlagen und hatte ihr Handy stumm geschaltet. Erst kurz vor zwei Uhr nachts, bevor sie ins Bett ging, schaute sie aufs Handy. Es zeigte über ein Dutzend verpasste Anrufe an, die meisten von Meizi, dazu Anrufe von Tante Shiqing.

Xuefang rief Meizi zurück. Meizi fragte aufgeregt, wo Xuefang sei.

"Zu Hause", sagte Xuefang.

"Dein Großvater ist ins Krankenhaus eingeliefert worden."

"Welches Krankenhaus?"

"Das Stadtzentrum-Krankenhaus."

Xuefang sprang aus dem Bett und rannte, während sie sich noch anzog, zur Tür hinaus.

Um drei Uhr morgens spürte Xuefang erst, wie tief die Nacht war -- vielleicht wegen der Stille ringsum, der menschenleeren Straßen. Eigentlich ist Mitternacht die theoretische Tiefstnacht, und um drei Uhr morgens ist es nur noch gut eine Stunde bis zur Dämmerung. Sobald der Himmel sich erhellte, wurde es auf den Straßen der Stadt wieder laut -- die Stadt verkürzte die Nacht.

Im Krankenhaus waren einige Menschen unterwegs. Xuefang ging zuerst zur Notaufnahme, sah aber niemanden, den sie kannte, dann zum Bettenhaus im hinteren Gebäude. Meizi und Shiqing standen am Eingang unter dem Vordach im Schein der Lampe. Von Weitem wirkten ihre Gesichter leichenbleich -- ein erschreckender Anblick.

Kaum hatte Xuefang sie erreicht, fragte sie: "Wie geht es meinem Großvater?"

"Nicht gut", sagte Meizi.

"Die vorläufige Diagnose lautet Herzinfarkt", sagte Shiqing. "Tagsüber sollen noch weitere Untersuchungen folgen."

Bevor Liu Baogui ins Krankenhaus gebracht wurde, hatte er sowohl Meizi als auch Shiqing angerufen und lange mit ihnen gesprochen. Am Telefon hatte er aber kein Wort über sein Unwohlsein verloren -- es ging um Xuefang.

Was Liu Baogui Meizi sagte, lief darauf hinaus, dass er dagegen war, dass Xuefang ins Bergdorf Shanding ging, um Äpfel anzubauen. Der Grund war einfach: Er selbst war aus dem Bergdorf Shanding herausgekrochen, und dieser Weg war unendlich beschwerlich gewesen, hatte ein Vielfaches der Anstrengung anderer erfordert. Von der bäuerlichen Getreideration zur städtischen -- dazwischen lag ein unsichtbarer, ungreifbarer Graben, über den unzählige Menschen nur "seufzend hinüberblickten". Anfangs arbeitete Liu Baogui als Hilfsarbeiter in der Stadt, stand täglich vor Morgengrauen auf, schuftete bis spät in die Nacht, wurde trotz seiner Mühen nicht geschätzt und obendrein schikaniert. "Xiao Baozi, wärm mir das Essen auf." "Xiao Baozi, hol mir ein Glas Wasser." "Xiao Baozi, übernimm mal für mich, ich bin müde." Liu Baogui konnte nicht ablehnen und musste, egal wie widerwillig, fröhlich antworten: "Jawohl, klar!" Und nach alledem -- hatte sich Liu Baoguis Schicksal endlich gewendet? Nein. Von den fünfzig Hilfsarbeitern seiner Gruppe beschloss die Fabrik, acht zu übernehmen -- Liu Baogui stand nicht auf der Liste. Liu Baogui fühlte sich ungerecht behandelt und ging hinter den Kesselraum zum großen Schornstein, wo er sich die Augen ausweinte. Da kam Fang Guiqin. Sie tröstete Liu Baogui. Er sagte, er habe von allen Hilfsarbeitern am härtesten geschuftet, warum konnte er nicht bleiben, während manche Faulenzer und Trickser übernommen wurden? Fang Guiqin sagte, in der Werkstatt hätten die Leute getuschelt: Wer übernommen wurde, hatte entweder Beziehungen oder wusste, wie man sich beliebt machte -- der eine half dem Werkstattleiter zu Hause, der andere brachte Gemüse und Eier vorbei. Liu Baogui dagegen hatte nichts anderes im Sinn als ehrlich zu arbeiten. Fang Guiqin seufzte: "Es gibt Leute, die sich für dich einsetzen, aber was nützt es?"

Dann kam die Wende -- nicht weil die Fabrik ihre Entscheidung änderte, sondern dank Fang Guiqin. Sie bat ihren Meister, zwischen ihr und Liu Baogui zu vermitteln. Liu Baogui konnte sein Glück kaum fassen -- etwas, wovon er nicht zu träumen gewagt hatte. So durfte Liu Baogui als "Verlobter einer Angestellten" weiter als Hilfsarbeiter in der Fabrik bleiben. Er war zwar Hilfsarbeiter, machte aber dieselbe Arbeit wie die Festangestellten, ja sogar schwerere. Nur bekam er für die gleiche Arbeit ein Drittel weniger Lohn. Als Liu Baogui und Fang Guiqin heirateten, war er immer noch Hilfsarbeiter. Als der erste Sohn Yuejin geboren wurde, war er immer noch Hilfsarbeiter. Erst als die älteste Tochter Shiqing geboren wurde, änderte sich sein Status. In jenem Jahr besuchte ein Leiter des Maschinenbauministeriums die Fabrik. Liu Baogui und sein Meister führten eine Demonstration durch. Als der Leiter nach dem Arbeitsfortschritt fragte, sagte der Meister, sie hätten einen Monat Überstunden gemacht und die Fertigungsaufgabe übererfüllt. Der Leiter lobte Liu Baogui und seinen Meister, und der Meister bemerkte beiläufig: "Um den Produktionsauftrag zu erfüllen, war mein Lehrling einen ganzen Monat nicht zu Hause und hat in der Werkstatt gegessen und geschlafen." Der Leiter war gerührt und wies die Fabrikleitung an, die Leistung gründlich zusammenzufassen und die vorbildlichen Qualitäten der neuen Arbeiterklasse herauszuarbeiten. Nach dem Besuch stellte die Fabrikleitung bei der Überprüfung fest, dass Liu Baogui noch immer Hilfsarbeiter war. Nach einer Reihe von Formularen, Anträgen und Genehmigungsverfahren wurde er außerplanmäßig als Festangestellter übernommen. Noch im selben Jahr wurde sein Bericht ans Ministerium geschickt, und er wurde zum Vorbildarbeiter auf Ministeriumsebene ernannt. Liu Baogui hatte diese Auszeichnung wirklich verdient, und er blieb es zwanzig Jahre lang. 1984 hatte er bereits das Jahr 2000 "überschritten". Wie das berechnet wurde, verstanden Außenstehende nicht -- er selbst hatte das Jahr 2000 nicht erreicht, vielmehr hatte sein Arbeitspensum die Norm so weit übererfüllt, dass er bereits die Arbeit bis zum Jahr 2000 geleistet hatte. Ob man Überstunden und Nachtschichten durch acht Stunden teilte und die Tage aufaddierte? Liu Baogui sprach zu Hause nie darüber. Jedenfalls stand es so in den Vorbildarbeiter-Materialien, und so wurde es im Radio und in der Zeitung berichtet: Liu Baogui sei ein Arbeiter, der der Zeit voraus war. In Meizis Erinnerung sah sie ihren Vater nur beim Abendessen. Frühmorgens ging er zur Arbeit, kam zum Abendessen nach Hause, ging danach wieder in die Fabrik, und erst tief in der Nacht kam er zurück. Liu Baogui machte Überstunden freiwillig, ohne Zuschlag, rein ehrenamtlich -- allerdings glich die Vergütung als Vorbildarbeiter des Ministeriums dies indirekt aus.

Liu Baogui forderte Meizi auf, mit Xuefang zu reden und sie unbedingt davon abzuhalten, aufs Land zu gehen und Äpfel anzubauen. Xuefang habe studiert, "unsere Familie muss mit jeder Generation besser dastehen, wir dürfen nicht im Kreis laufen und am Ende wieder dort landen, wo wir angefangen haben". Liu Baogui erwähnte auch die Salzwüste von Xitang, wo alles, was man pflanze, eingehe, wo nicht einmal Riedgras wachsen wolle. Xuefang wolle auf Salzboden Äpfel pflanzen -- das sei reinster Unsinn. "Xitang kenne ich wie meine Westentasche. Nördlich davon ist Geröll, und in alten Zeiten wurde dort ein Kaufmann namens Cao eines plötzlichen Todes begraben, eilig verscharrt unter den Steinen. Seine Nachkommen trieben dann schändliche Dinge."

"Was für schändliche Dinge?"

"Die Hierarchie wurde durcheinandergebracht, der Schwiegervater und die Schwiegertochter ..."

"Hör auf, ich verstehe."

"Der Ort hat schlechtes Fengshui. Wer dort zu lange bleibt, wird krank. Eine Witwe namens Yang sammelte dort immer Wildkräuter. Es gab dort kaum Wildgemüse, nur Salicornia. Mit der Zeit wurde die Witwe selbst wie in Salzlauge eingelegt -- grau, dünn, ausgemergelt."

Natürlich war Meizi auch dagegen, dass Xuefang aufs Land ging, um Äpfel anzubauen. Meizi war von Kind an ehrgeizig. Da sie selbst keine guten Chancen gehabt und nicht studieren konnte, hatte sie all ihre Hoffnungen auf ihre Tochter gesetzt. All die Jahre hatte sie praktisch aufgehört, für sich selbst zu leben: Sie brachte Xuefang zur Schule, holte sie ab, saß bei den Hausaufgaben daneben und überlegte sich ausgewogene Mahlzeiten. Wie sie selbst sagte, hatte sie ihre besten Jahre und ihre schönste Zeit hergegeben. Zum Glück war Xuefang tüchtig und schaffte die Aufnahme an einer Elite-Universität der 985er-Kategorie, was Meizi unendlich stolz machte und ihr das Gefühl gab, dass sich ihre Mühen gelohnt hatten. Meizi führte Xuefang zu allen Verwandten, zu alten Nachbarn, zu ehemaligen Mitschülerinnen, und innerhalb von drei Sätzen kam sie auf ihre Tochter zu sprechen: welche Gaokao-Punktzahl sie erreicht hatte und dass sie, wäre beim Ausfüllen des Wunschzettels nicht ein Fehler passiert, entweder auf der Tsinghua oder der Peking-Universität gelandet wäre. Nachdem sie vor allen Verwandten und Freunden geprahlt hatte, stoppte die Schwungmasse der Prahlerei immer noch nicht: Auf dem Gemüsemarkt erzählte Meizi der Gemüsefrau von Xuefang und wie begabt ihre Tochter sei -- fast hätte sie es auf die Tsinghua oder Peking-Uni geschafft. Die danebenstehende Xuefang wurde feuerrot im Gesicht und wünschte sich ein Loch im Boden, in das sie versinken konnte. Damals stand Xuefang vor einer schwierigen Wahl: Option A war ein Studium in China, Option B ein Auslandsstudium. Xuefang warf die Frage Meizi zu. Meizi schlief die ganze Nacht nicht. Ihrem Ehrgeiz nach wollte sie natürlich, dass ihre Tochter ins Ausland ging, aber ein Auslandsstudium kostete viel Geld, und die Familie hatte nur begrenzte Mittel. Dalin hatte ihr vor seinem Tod zwar eine Summe hinterlassen, aber alles in allem waren es nur 200.000 Yuan -- in Dollar umgerechnet nicht einmal genug für ein Jahr im Ausland. Am nächsten Morgen in aller Frühe ging Meizi zu ihrem Bruder Yuejin und ihrer Schwester Shiqing um Hilfe. Den jüngsten Bruder Xiao Gezi konnte sie vergessen -- er schuldete ihr seit über zehn Jahren Geld. Tatsächlich waren weder Yuejin noch Shiqing für das Auslandsstudium. Shiqing sagte: "Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte ich Geld, aber es steckt alles in den Immobilien, ich kann kein Bargeld herausnehmen. Notfalls könnte ich ein Haus beleihen und dir einen Kredit besorgen." Yuejin lehnte rundheraus ab: "Woher soll ich Geld nehmen? Mein Leben lang gespart, 200.000 zusammengekratzt, und alles hat sich Xiao Gezi geliehen -- bis heute nicht einen Pfennig zurückgezahlt." Er weigerte sich nicht nur zu helfen, er hielt Meizi auch noch eine Predigt: Sie sei zu eitel, das habe ihr ganzes Leben ruiniert. "Was für eine Familie sind wir? Können wir uns mit Reichen messen? Nicht dass ich es dir vorwerfen will, aber dein ganzes Leben leidest du unter deiner Eitelkeit. Das Sprichwort sagt: Mit Ehrgeiz allein lässt sich das Schicksal nicht bezwingen. Verstehst du das nicht? ... Ja, ich rede wohl umsonst, du verstehst es nicht." Meizi sagte: "Wieso verstehe ich das nicht? Das Problem ist, dass das Kind begabt ist! Wäre sie eine Null, würde ich gar nicht in diese Richtung denken. Aber sie hat das Zeug dazu, sie greift schon fast nach dem Apfel am Baum -- wie kann ich als Mutter tatenlos zusehen und ihr nicht helfen?" "Dazu muss man aber auch die Mittel haben. Kennst du deine eigene Situation nicht?" Meizi sagte: "Ganz ohne Mittel bin ich nicht, ich muss mich nur ein bisschen strecken. Noch ein paar harte Jahre, noch ein bisschen kämpfen -- ich kann doch nicht zulassen, dass meine Tochter auf eine glänzende Zukunft verzichtet und es ein Leben lang bereut!" Yuejin sagte: "Ich will nicht streiten, aber wenn ich höre, du willst dich 'strecken', läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ein Mensch muss mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Auf dem Boden stehen, verstehst du? Was haben uns unsere Eltern beigebracht? Bei allem festen Boden unter den Füßen haben! Wenn du dich ständig reckst und streckst -- kann man so sicher gehen? Kommt man so weit? Fällt man nicht hin? Sag mir, waren die letzten Jahre nicht hart genug?" Meizi wurde unwillig: "Ich bin hergekommen, um dich um Hilfe zu bitten, nicht um mir deine Predigten anzuhören. Wenn du nicht helfen willst, dann lass es. Warum so weit ausholen?" Eigentlich hätte Meizi, die überall auf Ablehnung stieß, aufgeben sollen. Doch im Gegenteil: Meizi gehörte zu denen, die mit jedem Rückschlag stärker werden. Erst trieb sie sich selbst in die Enge und fand dann einen Ausweg. So ging Xuefang ins Ausland. Zum Glück war Xuefang fleißig, wusste um die begrenzten Verhältnisse zu Hause, arbeitete neben dem Studium in zwei Nebenjobs und schaffte es, ihr Studium durchzuziehen. Als Xuefang mit dem Doktortitel nach China zurückkehrte, war Meizi voller Stolz und erzählte jedem: Der Himmel versperrt niemandem den Weg, es kommt auf Durchhaltevermögen an. "Im Leben gibt es keinen Gipfel, den man nicht erklimmen, keine reißende Stromschnelle, die man nicht durchqueren kann." Doch gerade als Xuefang ihr Studium abgeschlossen hatte und Meizi glaubte, alle Leiden seien überstanden, erkannte sie, dass sie zu optimistisch gewesen war -- die eigentliche Prüfung begann erst. In Meizis Augen waren die drei besten Karriereoptionen für Xuefang: Beamtin im öffentlichen Dienst, Hochschuldozentin oder Forscherin an einem Forschungsinstitut, und allerschlimmstenfalls ein großes Staatsunternehmen oder ein internationaler Konzern. Doch Xuefang zeigte kein Interesse an Meizis Top-drei und sagte lässig: "Ich muss mich ja nicht mit so vielen anderen drängeln." Meizi war der Meinung, nur im Wettbewerb zeige sich der wahre Wert. Xuefang sagte: "Das Problem ist: Ich will nicht." Meizi konterte: "Es geht nicht darum, ob man will, sondern ob man kann." Xuefang: "Wenn man nicht will, ist alles andere unwichtig." Meizi ärgerte sich so sehr, dass es ihr auf die Leber schlug. Sie wollte doch mal sehen, was für einen "goldenen Stuhl" Xuefang sich aussuchen würde. Tatsächlich verlief Xuefangs Berufsweg alles andere als glatt. Zuerst arbeitete sie bei einem internationalen Finanzunternehmen, kündigte aber nach weniger als einem Jahr. Über die nach 1990 und nach 2000 Geborenen kursierte ein Spruch: Die 90er kündigen ihrem Chef von sich aus, die 00er verabschieden sich nicht einmal -- wenn der Chef eines Tages bemerkt, dass jemand nicht mehr auftaucht, kann er davon ausgehen, dass derjenige gekündigt hat. Immerhin hatte Xuefang der Firma vor ihrer Kündigung eine formelle E-Mail geschickt. Danach, unter dem Druck von allen Seiten, kontaktierte Xuefang einige Firmen, doch nichts war ihr gut genug und anderes unter ihrer Würde. Vielleicht hatte Xuefang ihren Ehrgeiz von Meizi geerbt -- sie wollte weder in den Augen der Älteren leben noch sich demütigen, und so war sie seit einem Jahr im Grunde arbeitslos, und ihre Ersparnisse aus der gut bezahlten Stelle schmolzen dahin. Die Arbeitslosigkeit änderte nichts an Xuefangs Konsumgewohnheiten: Jedes Jahr reiste sie, und ansonsten trank sie gern Tee und spielte Karten. Viele junge Leute bevorzugten Cola oder Kaffee, Xuefang aber liebte Tee -- frischen Grüntee im Frühjahr, Schwarztee im Herbst, Pu-Erh-Tee im Winter, alles sehr wählerisch und entsprechend kostspielig. Meizi hatte einmal behutsam angedeutet: In jungen Jahren solle man nicht so hohe Ausgaben haben. Xuefang sah das anders: Andere rauchten oder kauften teure Kosmetik, sie trinke nur Tee, der Aufwand sei derselbe. Im Grunde machte sich Meizi nicht wegen des Tees Sorgen, sondern wegen Xuefangs ziellosem Zustand.

Als Liu Baogui Meizi bat, auf Xuefang einzuwirken, war Meizi innerlich zerrissen, oder genauer gesagt: benommen und ratlos. Xuefangs "offizielle Ansage" kam ihr irgendwie surreal vor, als spiele Xuefang ein "Äpfel anbauen"-Handyspiel. Gründung? So einfach war das nicht. Abgesehen davon, dass sie sich das denkbar gewöhnlichste Projekt ausgesucht hatte -- jedes Projekt war komplex. Selbst ein Spatz hat alle fünf Organe, wie sollte sie ganz allein ein Unternehmen gründen? Dazu brauchte man eine Menge Kapital -- woher sollte das kommen? In gewisser Weise nahm Meizi Xuefangs Gründungspläne nicht ernst. Sie war fest überzeugt, es sei eine Laune, oder allenfalls eine "Prüfungsarbeit", die Xuefang schrieb, um dem Druck von Meizi und ihrer Umgebung zu begegnen. Am besten hörte man einfach zu wie bei einer Geschichte. All die Jahre hatte Meizi so viel in Xuefang investiert, und am Ende kam dabei heraus, dass sie aufs Land ging, um Äpfel anzubauen -- brauchte man dafür etwa eine im Ausland promovierte Doktorin? Ein Grundschulabschluss hätte doch genügt. Andererseits dachte Meizi auch: Irgendetwas zu tun war besser, als den ganzen Tag herumzuhängen. Junge Leute ohne Beruf waren wie Wasserlinsen, die im Bach trieben. Jedes Mal, wenn sie Xuefang sah, schnürte es Meizi das Herz zu. Xuefang hockte den ganzen Tag zu Hause am Handy, hatte kaum soziale Kontakte, und vor allem näherte sie sich der "kritischen Linie" für die Partnersuche. Diese Linie lag, je nach Meinung, bei 25, 27 oder 28 Jahren. Xuefang war nach chinesischer Zählung 29 und drohte in die Kategorie "übriggebliebene Frau" zu rutschen, was Meizi noch mehr beunruhigte. Aus diesem Grund ließ Meizi Xuefangs Plan, ins Bergdorf Shanding zu gehen, einfach laufen. Wie auch immer -- wenigstens hatte Xuefang etwas zu tun, und selbst wenn sie gegen eine Wand lief, musste das nicht schlecht sein. Außerdem war Meizi überzeugt, dass Xuefang scheitern würde, und wenn sie dann mit einer blutigen Nase zurückkam, würde sie endlich wissen, was Schmerz bedeutete, würde sich umorientieren und sich brav einen anständigen, sicheren Job suchen und einen passenden Mann heiraten.

Also hörte Meizi Liu Baoguis langem Vortrag geduldig zu und sagte dann oberflächlich: "Gut, ich rede bei Gelegenheit mit Xuefang."

"Bei Gelegenheit? Du musst sofort mit ihr reden, sie aufhalten!"

Meizi sagte: "Ja, ja, ich weiß."

Offensichtlich hatte Liu Baogui von Meizi keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Unzufrieden rief er noch Shiqing an und sagte ihr praktisch dasselbe -- er hoffte, Shiqing würde Xuefang aufhalten, sie dürfe nicht in die Salzwüste fallen, denn wenn sie hineinfiel, kam sie nicht wieder heraus.

Ob Shiqing ihm wirklich zugehört hatte, war nicht klar. Erst als Liu Baogui fertig gesprochen hatte, sagte sie gemächlich: "Es ist wohl nicht mein Platz, mich da einzumischen, oder?"

"Warum nicht?"

"Meine eigene Tochter hört nicht auf mich. Warum sollte jemand anders auf mich hören?"

"Ich sage ja nicht, du sollst zu Xuefang gehen. Ich sage, rede mit Hongmei, du bist ihre ältere Schwester."

Hongmei war Meizi. Liu Baogui hatte ihr den Namen Hongmei gegeben. Als sie erwachsen wurde, fand Meizi, dass zu viele Menschen denselben Namen trugen, und änderte ihn in "Meizi". Shiqing ebenso: Liu Baogui hatte sie Siqing getauft, und sie änderte es selbst in Shiqing. Nur der älteste Bruder Yuejin und der jüngste Bruder Weige behielten ihre Namen, wobei kaum jemand Weige bei seinem richtigen Namen nannte -- die meisten sagten Xiao Gezi oder Xiao Cao; warum Xiao Cao, dazu kommen wir noch. Meizi gab die Tradition der Namensänderung an Xuefang weiter: Xuefang hieß ursprünglich Xuehua -- Schneeblume --, denn sie war während eines Schneefalls geboren worden, und ihr Vater Dalin nannte sie so. Als Xuefang in die Schule kam, änderte sie eigenmächtig ihren Namen in Xuefang.

Shiqing wollte sich offenbar nicht weiter mit dem alten Herrn streiten und sagte ausweichend: "Gut, wenn ich Zeit habe, rede ich mit Meizi."

"Was heißt 'wenn du Zeit hast'? Heute Abend noch, sofort!"

Shiqing schwieg.

"Hast du gehört? Heute Abend! Heute Abend!"

Shiqing sagte: "Ja, ja, ich weiß."

Am Abend rief Shiqing Meizi dann doch nicht an. Als sie sich bettfertig machte, bekam sie plötzlich einen Anruf von Xiao Gezi. Danach rief auch Meizi bei Xiao Gezi an. Meizis erster Gedanke war: Konnte Liu Baogui wegen der Sache mit Xuefang und dem Land einen Anfall bekommen haben?

Meizi verließ eilig das Haus und nahm im Hinausgehen den Kristallapfel vom Nachttisch mit -- Xuefang hatte ihn ihr zum Geburtstag geschenkt und gesagt, ein Kristallapfel bringe Frieden und Sicherheit.

Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde Meizi immer unruhiger. Wenn Liu Baoguis Herzanfall wirklich mit Xuefangs Plan zusammenhing, aufs Land zu gehen, dann würde sie schwere Schuldgefühle tragen. Liu Baogui hatte sie angerufen und gebeten, Xuefang zurückzuhalten, und sie hatte zerstreut reagiert -- das musste ihn enttäuscht haben. In seinem Alter konnte Enttäuschung Gift für das Herz sein ... Xuefang nahm tatsächlich einen besonderen Platz in Liu Baoguis Herzen ein. Unter den Enkeln war Yuejins Kind Guoguo ein Mädchen, Shiqings Kind Lili ein Junge, Xiao Gezi hatte noch keine Kinder. Eigentlich war Xuefang nur die Enkeltochter mütterlicherseits und hätte keinen höheren Stellenwert haben sollen als die Enkelin väterlicherseits oder den Enkel. Aber vielleicht, weil Meizi die liebevollste Tochter war, oder weil Xuefang als Kind die meiste Zeit bei ihrem Großvater verbracht hatte -- jedenfalls galt: Unter den Kindern war Meizis jüngster Bruder Weige Liu Baoguis Herzblatt, unter den Enkeln war es Xuefang. Oberflächlich schätzte Liu Baogui Xiao Gezi am wenigsten, ärgerte sich am meisten über ihn, tatsächlich bevorzugte er ihn am stärksten. Bei der Enkelgeneration machte Liu Baogui kein Geheimnis mehr daraus und zeigte offen, dass er einzig Xuefang besonders liebte.

Inzwischen war Liu Baogui vom Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht worden. Meizi fand den bewusstlosen Liu Baogui in der Notaufnahme vor, zusammen mit Xiao Gezi und Shiqing.

Shiqing flüsterte Meizi zu: "Heute Abend hat der Alte noch mit mir telefoniert. Man hat ihm absolut nichts angemerkt. Wie kann das so plötzlich kommen?"

"Er hat dich auch angerufen?", fragte Meizi.

"Das heißt, dich hat er auch angerufen?"

"Ja. Was hat er dir gesagt?"

"Dass Xuefang aufs Land gehen will, und ich soll mit dir reden ..."

Meizis Herz machte einen Sprung, die Sache wurde ernst. Alles deutete darauf hin, dass sich alles um Xuefang drehte.

Meizi versuchte, Xuefang über WeChat-Sprachanruf zu erreichen. Xuefang nahm nicht ab. Sie versuchte einen normalen Anruf. Auch keine Antwort. Alle paar Minuten versuchte Meizi es erneut. Dann bat sie Shiqing, es zu versuchen -- auch Shiqing kam nicht durch. Shiqing murmelte: "Siehst du? Wenn es drauf ankommt, denkt der alte Herr doch wieder zuerst an seinen jüngsten Sohn."

"Was?"

"Wir beide hatten vorher mit ihm telefoniert. Aber als der Herzanfall kam, hat er zuerst Xiao Gezi angerufen."

"Na und? Er ist sein Sohn."

"Warum hat er dann nicht den Ältesten angerufen?"

"Schwester, nicht dass ich dich kritisieren will, aber ist jetzt wirklich der richtige Moment dafür?"

"Ich sage nur, wie es ist ... Mach dir keine Sorgen, der Alte hat sich stabilisiert."

Als Xuefang das Krankenhaus erreichte, schlief Liu Baogui, der Notfallmedikamente bekommen hatte, bereits ruhig. Meizi ließ Xuefang ihn nicht stören, sondern nur von der Tür aus einen Blick auf ihn werfen. Xuefang fragte: "Wo ist der Arzt?" Meizi sagte: "Die Untersuchungen beginnen erst morgen früh."

"In der Notaufnahme kann man doch auch untersuchen", sagte Xuefang.

Shiqing warf Xuefang einen Blick zu: "Im Krankenhaus hört man auf die Ärzte."

Meizi bemerkte diese Nuance, zog Xuefang beiseite, und die beiden gingen zum Notausgang neben dem Aufzug. Meizi sagte: "Der Anfall deines Großvaters hat möglicherweise mit dir zu tun."

"Mit mir? Was soll das heißen?"

"Du hast gesagt, du willst ins Bergdorf Shanding Äpfel anbauen. Er war dagegen und hat sich aufgeregt."

"Hat mein Großvater das gesagt?"

"Ja. Vor seinem Anfall hat er mich angerufen und verlangt, dass ich dich aufhalte. Als er merkte, dass meine Haltung nicht entschieden genug war, rief er deine Tante an. Deine Tante wiederum wollte sich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen, also ... Ich vermute, der Alte hat sich aufgeregt, und das hat den Herzanfall ausgelöst."

"Mama, was willst du damit sagen -- Großvaters Krankheit ist meine Schuld?"

"Das kann man noch nicht sicher sagen, es ist nur eine Vermutung."

"Eine Vermutung? Aber so etwas darf man nicht leichtfertig vermuten. Wenn Großvater etwas zustößt, kann ich mich reinwaschen, wie ich will, es hilft nichts."

Meizi wurde aufgeregt: "Du verstehst mich falsch. Ich mache mir Sorgen wegen deiner Tante, deinem Onkel und deinem jüngsten Onkel. Wenn es so weit kommt, schieben die die Schuld auf dich ... Ich möchte, dass du darauf vorbereitet bist."

"Vorbereitet worauf?"

"Wenn es so weit ist, sagst du möglichst wenig und versuchst nicht, dich zu rechtfertigen."

"Wenn es meine Schuld ist, drücke ich mich nicht. Ich habe keine Angst vor Verantwortung. Aber ich verstehe nicht: Ich bin diejenige, die Äpfel anbauen will -- was hat das direkt mit Großvaters Anfall zu tun?"

"Du bist wirklich uneinsichtig!", sagte Meizi. "Ärger und Aufregung können einen Herzanfall auslösen ... Dein Großvater hat schon zwei Stent-Operationen hinter sich, beide wegen Xiao Gezi. Der Arzt hat mal gesagt, Aufregung kann den Katecholaminspiegel erhöhen, den Blutdruck steigen lassen, die Blutgefäße verengen, Plaques aufbrechen lassen, Thrombosen verursachen und einen Herzanfall auslösen."

"Aber ich habe Großvater doch gar nicht aufgeregt ..."

"Das sage ich ja auch nicht ... Wenn man es genau nimmt, trage ich auch Mitschuld. Als er mich bat, dich vom Bergdorf Shanding abzuhalten, hätte ich entschiedener sein sollen, aber wer konnte das ahnen ... Heute ist es anders als vor zwanzig Jahren. Dein Großvater ist über neunzig, ob sein Körper noch eine Operation verkraften kann ... Ach, ich mache mir wirklich Sorgen um ihn."

Als Xuefang sah, dass Meizi weinte, griff sie schnell in ihre Tasche nach Taschentüchern. Meizi nahm die Taschentücher nicht an, sondern presste nur die Hand gegen die Stirn. Xuefang ging zu ihr, um ihr die Tränen abzuwischen. Plötzlich sah sie durch das schmale Glasfenster in der Notausgangstür auf der anderen Seite Funken aufblitzen, hell und dunkel im Wechsel. Xuefang drehte sich um und sah auf der Glasscheibe ein verzerrtes Gesicht -- ihr eigenes. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und breitete sich bis zur Kopfhaut aus.

Meizi bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und fragte: "Was ist los?"

Xuefang fasste sich: "Nichts."

Xuefang holte tief Luft und stieß unvermittelt die Notausgangstür auf. Mit großen Schritten trat sie hinaus.

Von draußen kam ein Schrei, dann Xuefangs spitzer Aufschrei.

Im Flur rauchte ein Pfleger mittleren Alters mit gesenktem Kopf. Xuefangs plötzliches Herausstürmen erschreckte ihn. Gleichzeitig erschrak auch Xuefang vor ihm, und beide starrten einander an und schrien auf.

Am Vormittag unterzog sich Liu Baogui einer Reihe von Untersuchungen: EKG, Herzultraschall, Belastungstest, Nuklearmedizin, Herz-CT und Koronarangiographie. Nach der Konsultation der Ärzte wurde die Familie zu einem Gespräch eingeladen. Xiao Gezi und Meizi kamen als Familienvertreter. Die Diagnose lautete: Koronararterienthrombose. Es gab zwei Optionen: Erstens eine Stent-Operation -- weniger invasiv und günstiger, aber angesichts der bereits zwei vorangegangenen Stent-Eingriffe bei Liu Baogui war ein erneuter Stent mit Risiken verbunden, und es konnte nicht garantiert werden, dass es nicht innerhalb eines halben Jahres wieder zu einem Verschluss kommen würde. Zweitens eine Bypass-Operation -- angesichts der Mitralinsuffizienz und des aktuellen Verschlussgrades sei ein Bypass vorzuziehen, andernfalls bestehe Lebensgefahr. Allerdings war ein Bypass ein Eingriff am offenen Brustkorb, mit großem Trauma und hohem Risiko angesichts des Alters des Patienten. Xiao Gezi lief wutschnaubend und mit seinem hinkenden Bein hin und her: "So auch gefährlich und so auch gefährlich -- wozu seid ihr Ärzte dann da?" Meizi zog ihn schnell beiseite. Der Arzt war verärgert: "Ich informiere nur über die Lage. Die endgültige Entscheidung liegt bei der Familie."

Die Familienberatung fand auf dem freien Platz hinter dem Bettenhaus statt.

Als Xiao Gezi und Shiqing bereits mit hochroten Köpfen stritten, kam Yuejin wankend herbei. Er sagte, er habe in den letzten Tagen hohen Blutdruck, die Medikamente wirkten nicht, ihm sei schwindelig, er könne kaum geradeaus gehen. Meizi warf Yuejin einen verächtlichen Blick zu. Sie kannte seinen Charakter -- sobald etwas Schwieriges anstand, spielte er den Schwachen.

Meizi sagte: "Lassen wir uns doch bitte auf die Operation des alten Herrn konzentrieren."

Shiqing sagte: "Ich habe die ganze Diskussion nicht verstanden -- was ist der Unterschied zwischen Stent und Bypass?"

Xiao Gezi, der gerade erst dazugelernt hatte, referierte drauflos: "Stent und Bypass sind zwei verschiedene Dinge. Der volle Name von koronarer Herzkrankheit ist koronare atherosklerotische Herzkrankheit. Atherosklerose -- was ist das? Wie Kalkablagerungen in einem Wasserrohr: Wenn sich zu viel Kalk ansammelt, wird das Gefäß eng. Bei einer Stent-Operation wird das verengte Gefäß mit einem Stent aufgedehnt, damit das Blut wieder fließen kann. Bei einem Bypass nimmt man ein Blutgefäß aus dem Oberschenkel oder dem Arm und legt es so, dass es die verengte Stelle umgeht und direkt an ein anderes Gefäß anschließt. Klar soweit?"

Meizi ergänzte: "Der Arzt sagt, bei einem Stent bräuchte man mehrere, was die Gefahr erneuter Verengung und eines Verschlusses deutlich erhöht. Außerdem hatte Vater schon zwei Stent-Eingriffe."

"Ist ein Bypass eine große Operation?", fragte Shiqing.

"Ja, am offenen Brustkorb", sagte Meizi.

Shiqing fragte: "Kann man nicht konservativ behandeln?"

Xiao Gezi sagte: "Wenn konservative Behandlung möglich wäre, würden wir dann hier diskutieren?"

Yuejin sagte: "Nicht dass ich streiten will, aber ich finde, eine große Operation ist nicht angemessen ..."

Xiao Gezi fuhr ihn an: "Ich glaube, dir sind die Kosten nicht angemessen."

"Kosten? Was willst du damit sagen? Erklär dich gefälligst!"

"Deine kleinen Hintergedanken kenne ich doch. Eine große OP kostet viel Geld, und dir tut das Geld leid."

"Red keinen Unsinn! Wann habe ich übers Geld geredet?"

Meizi versuchte zu schlichten: "Xiao Gezi, sag weniger. Der Große hat überhaupt nicht vom Geld angefangen. Er sorgt sich, ob Vater in seinem Alter eine große Operation übersteht ... Diese Sorge teile ich."

Xiao Gezi sagte: "Und was dann? Operieren ist gefährlich, nicht operieren auch. Wir können ihn doch nicht hier sterben lassen!"

Meizi sagte: "Wer redet von Nicht-Operieren? Wir suchen doch gerade nach einer Lösung. Schwester, was sagst du?"

Shiqing sagte: "Ich finde, unsere Diskussion bringt nichts. Wir sind keine Ärzte. Im Krankenhaus muss man den Ärzten vertrauen, ob es einem passt oder nicht ... Habe ich nicht recht?"

Meizi sagte: "Das Problem ist, der Arzt verlangt, dass die Familie entscheidet."

Shiqing blickte zu Xuefang: "Xuefang, was meinst du?"

Xuefang wollte gerade etwas sagen, als Meizi sie unterbrach: "Xuefang gehört zur jüngeren Generation."

Xuefang sagte: "Na und? Auch die jüngere Generation hat das Recht, ihre Meinung zu äußern."

Xuefang fragte Xiao Gezi: "Tendiert der Arzt zum Bypass oder zum Stent?"

Xiao Gezi sagte: "So wie ich es verstanden habe, plädiert er für den Bypass."

"Ärzte denken anders als wir. Natürlich wollen die eine große Operation", warf Yuejin ein.

Xiao Gezi spottete: "Siehst du, schon wieder kommt er aufs Geld."

"Halt den Mund!", sagte Shiqing.

Meizi sagte: "Der Arzt empfiehlt den Bypass, weil die Mitralklappe nicht richtig schließt und Vater schon zwei Stent-Eingriffe hatte."

Xuefang sagte: "Bei einer Operation kommt es auf den körperlichen Zustand des Patienten an, nicht auf das Alter. Ich habe Fachliteratur gelesen -- auch Fünfundneunzigjährige werden operiert. Von zwei Übeln wählt man das kleinere. Wenn Großvaters körperliche Verfassung es zulässt, empfehle ich einen Bypass."

Meizi sagte: "Kannst du bitte aufhören, deine Meinung kundzutun?"

In diesem Moment fiel Yuejins Blick auf den Kristallapfel in Meizis Hand, und er fragte, was das sei. Meizi sagte, ein Kristallapfel, um Vaters Gesundheit und Sicherheit zu schützen. Yuejin sagte: "Unsinn! Wenn eine Glaskugel Sicherheit bringen könnte, warum wären wir dann im Krankenhaus?"

Am Ende wurde Xuefangs Meinung nicht berücksichtigt. Liu Baogui erhielt erneut Stents -- zwei medikamentenbeschichtete. Die Operation verlief einigermaßen erfolgreich, hinterließ aber zugleich eine ungewisse Prognose.

Xuefang kam erst spät in der Nacht nach Hause. Als sie das Licht anschaltete, fiel ihr Blick auf den Kristallapfel auf dem Couchtisch -- kristallklar, schimmernd in vielfarbigem Licht. Xuefang murmelte still vor sich hin: Möge Großvater diese Krise gut überstehen.

Eigentlich war Xuefang vollkommen erschöpft. Seit der vergangenen Nacht hatte sie nicht geschlafen. Sie hatte gedacht, zu Hause würde sie sofort einschlafen, doch es war, als drücke ein schwerer Stein auf ihre Brust. Bei dem Gedanken, Großvaters Anfall könnte mit ihrem Entschluss zusammenhängen, aufs Land zu gehen und Äpfel anzubauen, überkam sie ein dumpfes Schuldgefühl.

Xuefang konnte nicht ruhen und begann eifrig, Fachliteratur über koronare Herzkrankheit zu recherchieren. Begriffe wie Angina Pectoris, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und plötzlicher Herztod sprangen ihr entgegen. Der Brustkorb eines Koronarpatienten fühlt sich an "wie von einem großen Stein beschwert" -- lag nicht auch auf ihrem eigenen Herzen ein Stein? Nur ohne den schraubstockartigen Schmerz. Manche Patienten zeigten untypische Symptome: "Magenschmerzen", "Zahnschmerzen", "Halsschmerzen", "Engegefühl im Hals" oder "Schmerzen in der linken Schulter und im Arm" -- anhand solcher Symptome eine Diagnose zu stellen war wirklich schwierig.

Xuefang sprang auf und durchwühlte ihr Bücherregal, bis sie einige Gentestberichte fand. Es waren die der ganzen Familie: ihr eigener sowie die von Liu Baogui, Meizi, Yuejin, Shiqing und Xiao Gezi. Ein Gentest analysiert die DNA-Informationen im Blut, bestimmt Gentypen und Gendefekte und sagt das Risiko für bestimmte Krankheiten voraus. Natürlich bedeutete ein Risikohinweis nicht, dass man zwangsläufig erkranken würde, sondern nur, dass die Wahrscheinlichkeit höher war und man vorbeugen oder eingreifen sollte. Bei der erneuten Durchsicht der Berichte stellte Xuefang fest, dass die ganze Familie ein Risiko für koronare Herzkrankheit trug, nur in unterschiedlichem Ausmaß. Die Berichte verwendeten Sterne zur Angabe der Risikostufe: Liu Baogui hatte vier Sterne, Meizi drei -- und Xuefang selbst ebenfalls drei.

Enthielt der genetische Code der Familie auch Faktoren für Charakter und Schicksal? Xuefang dachte darüber nach. Natürlich gab der Genbericht darauf keine Antwort.

Xuefang blätterte weiter in den Gentestberichten, und ohne es zu merken, glitt sie in den Schlaf hinüber.

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