Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 33

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Kapitel 33: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
33.Ein grimmiger Bruder bewegt leicht den Mund,und ein mißratener Sohn bekommt schwere Prügel Kapitel 33

Lauernde Brüder rühren die Zunge

Der missratene Sohn empfängt die schwere Züchtigung
Dame Wang ließ also Djin-tschuans Mutter rufen und schenkte ihr mit eigener Hand ein paar Haarpfeile und Ringe. Außerdem befahl sie, es sollten Mönche gebeten werden, die Sutras zu lesen, um die Seele der Toten zur Erlösung zu geleiten. Djin-tschuans Mutter bedankte sich kniefällig und ging wieder fort. Frau Wang [王夫人] ließ also Goldreifs [金钏] Mutter zu sich kommen und schenkte ihr eigenhändig einige Haarpfeile und Ringe. Außerdem befahl sie, mehrere buddhistische Mönche zu rufen, die Sutras lesen und die Seele der Toten zur Erlösung geleiten sollten. Goldreifs Mutter dankte kniefällig und zog sich zurück.
Als Bau-yü von seinem Gespräch mit Djia Yü-tsun zurückkam, mußte er die Schreckensnachricht vernehmen, Djin-tschuan habe sich vor Scham und Wut umgebracht, und schon das hatte ihm gleichsam alle fünf Eingeweide zerrissen. Als er dann ins Haus trat und von Dame Wang Vorhaltungen und Belehrungen erfuhr, wußte er nichts darauf zu erwidern. Erst der Eintritt von Bau-tschai eröffnete ihm eine Möglichkeit, sich zu entfernen. Blindlings und ohne Ziel trottete er dahin, die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf gesenkt, und seufzte dabei. Als Schatzjade [宝玉] von seinem Treffen mit Jia Yucun [贾雨村] zurückkehrte und die Nachricht erfuhr, wusste er sogleich, dass Goldreif sich aus Scham und Verzweiflung das Leben genommen hatte. Es war ihm, als würden ihm die fünf Eingeweide zerrissen. Als er dann eintrat und Frau Wang ihm Vorhaltungen machte und ihn belehrte, wusste er nichts darauf zu erwidern. Erst als Schatzspange [宝钗] hereinkam, bot sich ihm eine Gelegenheit, sich zu entfernen. Ohne Ziel schlenderte er dahin, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, vor sich hin seufzend, die Schritte ziellos lenkend, bis er zur großen Empfangshalle gelangte.
Als er an der Haupthalle war und eben durch das Vortor bog, kam ihm unversehens jemand entgegen, der hinein wollte und mit dem er nun voll zusammenprallte. Er hörte nur, wie der andere rief: „Bleib stehen!“ Und als er erschrocken zusammenfuhr und dann aufblickte, erkannte er, daß es niemand anders war als sein Vater. Unwillkürlich schnappte er nach Luft und nahm dann mit herabhängenden Armen am Wegrand Aufstellung. Gerade als er durch das Vortor bog, kam ihm jemand entgegen, der hineinwollte, und sie prallten frontal zusammen. Er hörte nur, wie der andere rief: „Halt, stehenbleiben!"
„Warum läßt du den Kopf hängen und jammerst?“ fragte Djia Dschëng. „Als eben Yü-tsun zu Besuch war und dich zu sehen verlangte, hat es wer weiß wie lange gedauert, ehe du herübergekommen bist, und als du endlich da warst, bist du überhaupt nicht lebhaft und gesprächig gewesen, sondern nur matt und schlaff. In deinem Gesicht aber habe ich nur Sehnsucht und Kümmernis gelesen. Jetzt nun seufzt du und ächzt du. Fehlt dir denn immer noch etwas? Hast du noch nicht Freiheit genug? Warum führst du dich grundlos so auf?“ Schatzjade erschrak heftig, blickte auf und erkannte — es war niemand anders als sein Vater. Unwillkürlich stockte ihm der Atem. Er konnte nur mit herabhängenden Armen am Wegrand stehenbleiben.

Aufrecht Kaufmann [贾政] sprach: „Was lässt du den Kopf hängen und jammerst vor dich hin? Eben war Yucun zu Besuch und wollte dich sehen — es hat eine Ewigkeit gedauert, bis du endlich erschienen bist. Und als du dann da warst, hast du dich weder lebhaft noch anregend gezeigt, sondern bist nur schlaff und matt dagesessen. In deinem Gesicht stand nichts als Sehnsucht und Schwermut. Und jetzt seufzt und stöhnst du! Was fehlt dir denn noch? Was macht dich unzufrieden? Grundlos führst du dich so auf — warum?"
Für gewöhnlich hatte Bau-yü zwar eine flinke Zunge, aber jetzt war sein ganzes Inneres vom Kummer um Djin-tschuan erfüllt, und am liebsten wäre er ebenfalls gestorben, um ihr nachzufolgen. Die Worte seines Vaters hatte er gar nicht gehört, er stand nur da wie betäubt. Für gewöhnlich war Schatzjade zwar schlagfertig und redegewandt, doch in diesem Augenblick war sein ganzes Inneres von Trauer um Goldreif erfüllt. Am liebsten wäre er auf der Stelle gestorben, um ihr in den Tod zu folgen. Die Worte seines Vaters hatte er gar nicht gehört — er stand nur da, völlig erstarrt.
Als sein Vater ihn in diesem verstörtem Zustand sah, der so gar nicht seinem früheren Wesen entsprach, geriet er, nachdem er eigentlich überhaupt nicht zornig gewesen war, jetzt doch zu drei Zehnteln in Zorn. Eben wollte er etwas sagen, aber da kam ein Melder mit der Nachricht: „Es ist jemand aus der Residenz des kaiserlichen Prinzen Dschung-schun da, der Euch zu sprechen wünscht, gnädiger Herr!“ Als Aufrecht Kaufmann sah, wie verstört sein Sohn war und wie wenig sein Verhalten dem früheren glich, keimte in ihm, der eigentlich gar nicht zornig gewesen war, plötzlich ein Zorn zu drei Zehnteln auf. Gerade wollte er etwas sagen, da kam ein Bote mit der Meldung: „Aus der Residenz des Prinzen Zhongshun [忠顺亲王] ist jemand gekommen, der den gnädigen Herrn zu sprechen wünscht."
Verwundert fragte sich Djia Dschëng: „Für gewöhnlich pflegen wir keinerlei Umgang mit dem Hause des Prinzen. Warum schickt er heute jemanden zu uns?“ Aber während er noch darüber nachdachte, befahl er schon: „Bitte ihn schnell herein!“ Aufrecht Kaufmann horchte verwundert auf und grübelte bei sich: „Für gewöhnlich pflegen wir keinerlei Umgang mit dem Hause des Prinzen Zhongshun. Warum schickt er heute jemanden zu mir?" Während er noch darüber nachdachte, befahl er bereits: „Schnell, bittet ihn herein!" Und eilte hinaus, um den Gast zu empfangen.
Als er dann geschwind hinaustrat, um den Besucher zu empfangen, erwies sich dieser als der Kanzler des prinzlichen Hauses. Ohne zu zögern führte Djia Dschëng ihn in die Halle, wo er ihn Platz zu nehmen bat und Tee bringen ließ. Er hatte das Gespräch noch nicht eröffnet, da sagte der Kanzler schon: „Nicht aus eigenem Antrieb kommt meine Wenigkeit in Euer wertes Haus. Der Prinz hat es mir aufgetragen, weil er ein Anliegen an Euch hat. Im Interesse seines Ansehens möchte ich Euch bitten, darüber zu entscheiden. Nicht nur der Prinz wird sich erkenntlich zeigen, auch meine Wenigkeit wird Euch unendlich dankbar sein.“ Es war der Kanzler des Prinzenhauses. Aufrecht Kaufmann geleitete ihn eilig in die Halle, bot ihm Platz an und ließ Tee reichen. Noch ehe das Gespräch begonnen hatte, ergriff der Kanzler schon das Wort: „Meine Wenigkeit kommt nicht aus eigenem Antrieb in Euer wertes Haus, sondern im Auftrag des Prinzen. Es gibt ein Anliegen, das ich Euch vortragen möchte. In Ansehung des Prinzen bitte ich Euch, die Sache zu regeln. Nicht nur der Prinz wird es Euch danken — auch meine Wenigkeit wäre Euch unendlich verbunden."
Djia Dschëng konnte sich keinen Vers darauf machen, darum fragte er rasch mit einem Lächeln: „Welche Botschaft bringt Ihr also, mein Herr, wenn Ihr im Auftrage des Prinzen kommt? Ich hoffe, Ihr werdet sie mir verkünden, damit ich danach zu handeln vermag.“ Aufrecht Kaufmann konnte sich darauf keinen Reim machen. Er erhob sich lächelnd und fragte: „Da Ihr im Auftrag des Prinzen kommt, mein Herr — was hat er mir zu eröffnen? Ich bitte Euch, es mir kundzutun, damit ich gehorsam danach handeln kann."
Kühl lächelnd gab der Kanzler zurück: „Ihr sollt nicht handeln, mein Herr, es braucht nur ein Wort von Euch, das ist alles. Wir haben einen Schauspieler Tji-guan in unserer Residenz, der die Rollen von jungen Mädchen spielt. Er ist immer brav bei uns gewesen, in den letzten Tagen jedoch ist er nicht mehr zu uns zurückgekehrt. Wir haben überall nach ihm gesucht, konnten aber nicht feststellen, wo er sich aufhält. So haben wir bei jedermann nachgefragt, und von zehn Leuten in der Stadt sagen acht, er sei in jüngster Zeit mit Eurem werten Sohn sehr vertraut, der mit dem Jadestein im Mund geboren wurde. Der Kanzler lächelte kühl: „Es bedarf keines Handelns. Es braucht nur ein Wort von Euch, und die Sache ist erledigt. In unserer Residenz gibt es einen Opernsänger namens Qiguan [琪官], der die jungen Frauenrollen spielt. [Anm.: Qiguan, wörtl. ‚Jadebeamter', ist der Bühnenkünstler Jiang Yuhan (蒋玉菡), vgl. Kap. 28.] Er war stets brav bei uns, doch seit einigen Tagen kehrt er nicht mehr zurück. Wir haben überall nach ihm gesucht, konnten aber seine Spur nicht finden. Daher haben wir Erkundigungen eingezogen, und von zehn Leuten in der Stadt sagen acht, er verkehre in jüngster Zeit aufs Engste mit Eurem werten Herrn Sohn, jenem, der mit dem Jadestein im Mund geboren wurde.
Als meine Wenigkeit das erfuhr, habe ich, da man in Eure werte Residenz nicht einfach eindringen kann, um nach ihm zu forschen, wie in anderer Leute Haus, dem Prinzen davon Mitteilung gemacht, und der Prinz hat gesagt: ‚In jedem anderen Falle wäre es mir auch um hundert Schauspieler nicht leid, dieser Tji-guan aber ist einfühlend und aufmerksam, und ich alter Mann habe ihn sehr gern, darum kann ich durchaus nicht auf ihn verzichten.‘ Als meine Wenigkeit das hörte, war mir klar, dass man in Euer erlauchtes Haus nicht einfach eindringen kann, um nach ihm zu forschen wie anderswo. Daher habe ich dem Prinzen Bericht erstattet. Der Prinz sagte: ‚Bei jedem anderen Schauspieler wäre es mir gleich — und seien es hundert. Aber dieser Qiguan ist einfühlsam und aufmerksam, vorsichtig und zuverlässig, und meinem alten Herzen sehr lieb. Auf ihn kann ich unmöglich verzichten.'
Ich muß ich Euch daher ersuchen, mein Herr, Eurem werten Sohn zu sagen, er möge Tji-guan zurückkommen lassen. Zum einen wäre damit der dringende Wunsch des Prinzen erfüllt, zum anderen wäre auch meine Wenigkeit der Mühe des Suchens enthoben.“ Nach diesen Worten machte er flink eine Verbeugung. Daher bitte ich Euch, die Sache Eurem Herrn Sohn mitzuteilen und ihn zu veranlassen, Qiguan zurückkehren zu lassen. Erstens erfüllt Ihr damit den dringenden Wunsch des Prinzen, und zweitens bleibt auch meiner Wenigkeit die Mühe des weiteren Suchens erspart." Nach diesen Worten machte er eine tiefe Verbeugung.
Djia Dschëng war erschrocken und verärgert zugleich über das, was er gehört hatte. Sofort befahl er, Bau-yü zu rufen. Aufrecht Kaufmann war gleichermaßen erschrocken und erzürnt über das Gehörte. Sofort befahl er, Schatzjade herbeizurufen.
Als Bau-yü, der keine Ahnung hatte, worum es sich handelte, eilig hereinkam, sagte Djia Dschëng: „Du todeswürdiger Sklave! Magst du immerhin zu Hause das Lernen vernachlässigen, wozu aber mußtest du so eine ruchlose Tat begehen? Dieser Tji-guan gehört zum Gefolge des Prinzen Dschung-schun, wie konntest du Null ihn da ohne jeden Grund abspenstig machen, so daß jetzt Unheil über mich kommt?“ Schatzjade, der keine Ahnung hatte, worum es ging, eilte herbei. Aufrecht Kaufmann fuhr ihn an: „Du todeswürdiger Nichtsnutz! Dass du zu Hause die Bücher vernachlässigst, sei's drum — aber warum begehst du solch himmelschreiende Vergehen? Dieser Qiguan steht im persönlichen Dienst des Prinzen Zhongshun! Was für ein Grashalm bist du, dass du dich erdreistest, ihn ohne jeden Grund zu verführen und wegzulocken? Jetzt fällt das Unheil auf mich zurück!"
Bau-yü war bei diesen Worten vor Schreck zusammengefahren. Rasch antwortete er: „Ich weiß wirklich nichts über diese Sache. Ich weiß nicht einmal, was für ein Gegenstand mit tji-guan gemeint ist, geschweige denn, was der Ausdruck ‚abspenstig machen‘ dabei soll.“ Und schon begann er zu weinen. Schatzjade erschrak zutiefst und antwortete hastig: „Von dieser Sache weiß ich wahrhaftig nichts! Ich weiß nicht einmal, was die Worte ‚Qiguan' überhaupt bedeuten sollen — wie könnte ich da jemanden ‚verführt und weggelockt' haben?" Während er das sagte, begann er zu weinen.
Noch ehe Djia Dschëng dazu kam, auch nur den Mund aufzumachen, sagte der Kanzler schon mit kühlem Lächeln: „Ihr müßt uns nichts verheimlichen, junger Herr! Entweder habt Ihr ihn hier im Hause versteckt, oder Ihr wißt, wo er sich aufhält. Je eher Ihr es sagt, desto weniger Unannehmlichkeiten werden wir haben. Kennt Ihr denn nicht die Tugenden eines Sohnes aus vornehmem Hause?“ Noch ehe Aufrecht Kaufmann den Mund öffnen konnte, sagte der Kanzler bereits mit kühlem Lächeln: „Der junge Herr braucht sich nicht zu verstellen. Entweder habt Ihr ihn bei Euch versteckt, oder Ihr wisst, wo er sich aufhält. Sagt es lieber gleich, dann ersparen wir uns alle die Mühe. Wäre das nicht ein Verdienst, das dem jungen Herrn angerechnet würde?"
Aber wieder und wieder beteuerte Bau-yü, nichts mit der Sache zu tun zu haben. „Vielleicht seid Ihr falsch unterrichtet!“ sagte er. „Wer weiß!“ Wieder und wieder beteuerte Schatzjade, nichts zu wissen. „Es handelt sich wohl um ein Gerücht — wer weiß?" sagte er.
Doch noch einmal nahm der Kanzler kühl lächelnd das Wort. „Es gibt ein Beweisstück, also warum sträubt Ihr Euch, junger Herr?“ fragte er. „Muß Euch das nicht zum Schaden gereichen, wenn Ihr mich zwingt, vor Eurem hochverehrten Herrn Vater darüber zu sprechen? Ihr sagt, Ihr kennt Tji-guan nicht, aber wie kommt dann diese rote Binde um Euren Leib?“ Doch der Kanzler lächelte erneut kühl: „Es gibt handfeste Beweise — wozu also noch leugnen? Wenn ich vor Eurem hochverehrten Herrn Vater die Einzelheiten darlegen muss, wäre das nicht zu Eurem Nachteil, junger Herr? Ihr sagt, Ihr kennt diesen Menschen nicht — aber wie kommt dann dieses rote Schweißtuch an Euren Leib?" [Anm.: Das rote Schweißtuch war ein Freundschaftsgeschenk, das Schatzjade und Qiguan in Kap. 28 getauscht hatten.]
Als Bau-yü diese Frage vernahm, war es ihm, als wollte seine Seele den Körper verlassen, sein Blick wurde starr, sein Mund war stumm. „Woher weiß er das?“ fragte er sich. „Wenn er sogar in dieses Geheimnis eingeweiht ist, werde ich wahrscheinlich auch den Rest nicht verschweigen können. Darum ist es besser, ich schicke ihn dorthin, ehe er hier noch mehr ausplaudert!“ Und so sagte er: „Wenn Ihr selbst solche Einzelheiten von ihm wißt, hoher Herr, wie kommt es dann, daß Euch von so einer wichtigen Sache wie seinem Hauskauf nichts bekannt ist? Wie ich gehört habe, gibt es in der Ostvorstadt zwanzig Li vom Stadttor entfernt einen Ort namens Dsï-tan bau, dort soll er ein paar Mou Land sowie einige Gebäude gekauft haben. Vielleicht hält er sich da auf!“ Als Schatzjade diese Worte vernahm, war es, als verließe ihn die Seele. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund stand er da und dachte bei sich: „Woher weiß er das? Wenn er sogar dieses Geheimnis kennt, kann ich ihm vermutlich auch alles andere nicht verschweigen. Am besten schicke ich ihn fort, bevor er noch mehr ausplaudert."

So sagte er: „Wenn der Herr so genau über ihn Bescheid weiß, wie kommt es dann, dass Euch eine so bedeutende Angelegenheit wie sein Hauskauf entgangen ist? Wie ich gehört habe, gibt es in der Ostvorstadt, zwanzig Li von der Stadt entfernt, einen Ort namens Zitanbao [紫檀堡]. Dort soll er einige Mu Land und ein paar Gebäude gekauft haben. Vielleicht hält er sich dort auf."
Lächelnd sagte darauf der Kanzler: „Wenn Ihr es sagt, wird er schon dort sein. Ich gehe hin und suche ihn. Ist er da, dann ist der Fall erledigt. Wenn aber nicht, komme ich wieder, um mir neue Auskunft zu holen.“ Und schon eilte er hinaus. Der Kanzler lächelte: „Wenn Ihr das sagt, wird er gewiss dort sein. Ich werde ihn dort suchen. Finde ich ihn, ist die Sache erledigt. Wenn nicht, komme ich wieder, um mich erneut an Euch zu wenden." Mit diesen Worten eilte er geschwind davon.
Djia Dschëng war inzwischen so in Wut geraten, daß sein Blick starr war und sein Mund verzerrt. Während er den Kanzler hinausbegleitete, wandte er den Kopf und befahl Bau-yü: „Du rührst dich nicht von der Stelle! Wenn ich wiederkomme, will ich dich befragen!“ Aufrecht Kaufmann war inzwischen so in Wut geraten, dass ihm die Augen starr aus dem Kopf traten und der Mund sich verzerrte. Während er den Kanzler hinausbegleitete, wandte er den Kopf und befahl Schatzjade: „Du rührst dich nicht von der Stelle! Wenn ich zurückkomme, habe ich noch ein paar Fragen an dich!"
Kaum hatte Djia Dschëng den Besucher verabschiedet, machte er kehrt, als er plötzlich Djia Huan erblickte, der mit einigen Sklavenjungen zusammen in wilder Hast angestürmt kam. „Haut ihn, haut ihn!“ rief Djia Dschëng seinen Sklavenjungen zu. Er geleitete den Beamten hinaus und kehrte gerade zurück, als er plötzlich Ring Kaufmann [贾环] erblickte, der mit einigen kleinen Dienern in wildem Durcheinander angerannt kam. „Packt ihn! Schlagt ihn!" rief Aufrecht Kaufmann den Dienern zu.
Als Djia Huan seinen Vater vor sich sah, erschrak er so, daß seine Knochen schwach und seine Sehnen kraftlos wurden. Sofort blieb er mit gesenktem Kopf stehen. Ring Kaufmann erschrak bei seinem Anblick so sehr, dass ihm die Knochen weich und die Sehnen schlaff wurden. Sofort blieb er mit gesenktem Kopf stehen.
„Was hast du hier herumzurennen?“ fragte Djia Dschëng. „Und deine Begleiter treiben sich irgendwo herum, anstatt sich um dich zu kümmern, und lassen es zu, daß du dich aufführst wie ein wildes Pferd.“ Er befahl, man solle die Diener holen, deren Aufgabe es war, Djia Huan zur Schule zu begleiten. „Was rennst du hier herum?" herrschte Aufrecht Kaufmann ihn an. „Deine Begleiter kümmern sich nicht um dich und treiben sich wer weiß wo herum, während du dich aufführst wie ein wildes Pferd!" Er befahl, die Diener herbeizurufen, die Ring Kaufmann zur Schule begleiten sollten.
Djia Huan bemerkte, daß sein Vater in heller Wut war, und so nahm er die Gelegenheit wahr, um zu sagen: „Eben bin ich eigentlich gar nicht gerannt, aber ich kam am Brunnen vorbei, und da lag eine Magd, die sich darin ertränkt hat. So groß war ihr Kopf, und so dick ihr Leib! Es war schrecklich, wie aufgedunsen sie war. Nur deshalb bin ich so schnell von dort weg hier herüber gelaufen.“ Ring Kaufmann bemerkte, dass sein Vater in heller Wut war, und nutzte die Gelegenheit: „Eben bin ich eigentlich gar nicht gerannt. Aber ich kam am Brunnen vorbei, und darin lag eine ertrunkene Magd — ihr Kopf war so groß" — er machte eine Geste — „und der Körper so aufgedunsen. Es war wirklich schrecklich anzusehen, deshalb bin ich so schnell davongelaufen."
Bestürzt fragte Djia Dschëng: „Wer springt denn mir nichts, dir nichts in den Brunnen? So etwas hat es in unserem Haus nie gegeben. Von alters her haben wir das Gesinde mit Großmut und Sanftheit behandelt. In den letzten Jahren habe ich wohl den Haushalt vernachlässigt, da führten natürlich die Verwalter ein hartes Regiment, so muß es zu dem Unglück gekommen sein, daß jemand sein Leben geringschätzt und vernichtet. Was wird aus dem Ansehen unserer Ahnen, wenn Fremde davon erfahren?“ Und er befahl: „Ruft Djia Liän, Lai Da und Lai Hsing zu mir!“ Aufrecht Kaufmann erschrak und fragte bestürzt: „Wer springt denn mir nichts, dir nichts in einen Brunnen? So etwas hat es in unserem Hause nie gegeben! Seit Generationen haben unsere Vorfahren das Gesinde stets mit Milde und Nachsicht behandelt. Wahrscheinlich habe ich in den letzten Jahren die Haushaltsführung vernachlässigt, sodass die Verwalter sich angemaßt haben, das Gesinde zu schinden und zu berauben, und so ist es zu diesem furchtbaren Unglück gekommen. Wenn Außenstehende davon erfahren — was bleibt dann vom Ansehen unserer Ahnen?" Und er befahl laut: „Ruft Kette Kaufmann [贾琏], Lai Da und Lai Xing sofort zu mir!"
„Jawohl!“ antworteten die Sklavenjungen und wollten sie eben holen gehen, als Djia Huan rasch vortrat und Djia Dschëng am Saum seines Gewandes zupfte. Dann kniete er zu seinen Füßen nieder und sagte: „Ihr müßt nicht zürnen, Vater! Von dieser Sache weiß man allein in den Räumen der gnädigen Frau. Meine Mutter hat erzählt, ...“ Hier hielt er inne und sah sich nach allen Seiten um. „Jawohl!" antworteten die Diener und wollten sie eben holen, als Ring Kaufmann eilig vortrat, Aufrecht Kaufmann am Rocksaum zupfte und auf die Knie fiel: „Vater braucht sich nicht zu erzürnen! Von dieser Angelegenheit weiß außer den Leuten in den Gemächern der gnädigen Frau niemand etwas. Ich habe von meiner Mutter gehört, dass ..." An dieser Stelle hielt er inne und blickte sich nach allen Seiten um.
Djia Dschëng verstand, was er meinte, und gab den Sklavenjungen einen Wink mit den Augen. Gehorsam traten sie nach beiden Seiten zurück. Jetzt fuhr Djia Huan leise fort: „Meine Mutter hat mir erzählt, wie Bau-yü vorgestern Djin-tschuan, die Magd der gnädigen Frau, gepackt hat, um sie zu mißbrauchen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, hat er sie geschlagen, und da hat sie sich vor Verzweiflung in den Brunnen gestürzt...“ Aufrecht Kaufmann verstand den Wink und warf den kleinen Dienern einen Blick zu. Gehorsam traten sie nach beiden Seiten zurück und entfernten sich.
Djia Huan hatte noch nicht ausgeredet, als Djia Dschëngs Gesicht schon gelb wie Goldpapier war und er schrie: „Holt sofort Bau-yü!“ Dann schritt er zur inneren Bibliothek und erklärte dabei laut: „Wer mich diesmal wieder davon abzubringen versucht, dem übergebe ich mit Bau-yü zusammen meine Amtstracht und meinen Besitz, sonst werde ich unvermeidlich zum Verbrecher! Ich schneide mir die paar Haare ab, durch die die weltlichen Begierden in den Körper dringen, und suche mir einen reinen Ort, wo ich mein Leben in Einsamkeit beschließe. Nur so ist es zu verhindern, daß ich zum Verbrecher werde, der Schande über seine Ahnen bringt und einen ungehorsamen Sohn besitzt!“ Nun flüsterte Ring Kaufmann: „Meine Mutter hat mir erzählt, dass Bruder Schatzjade vorgestern in den Gemächern der gnädigen Frau die Magd Goldreif gepackt und versucht hat, sie zu schänden. Als es ihm nicht gelang, hat er sie verprügelt. Da hat Goldreif sich vor Verzweiflung in den Brunnen gestürzt."
Als seine zahlreichen Schützlinge und Diener sahen, wie er sich gebärdete, und begriffen, daß es schon wieder Bau-yüs wegen war, bissen sie sich in den Finger oder auf die Zunge und zogen sich eiligst zurück. Er hatte noch nicht ausgesprochen, da war Aufrecht Kaufmanns Gesicht schon gelb wie Goldpapier geworden. „Bringt mir sofort Schatzjade!" brüllte er. Und während er bereits zur inneren Bibliothek schritt, rief er laut: „Wenn heute wieder jemand versucht, mich zurückzuhalten, dem übergebe ich meine Amtsmütze und meinen gesamten Besitz — er soll mit Schatzjade zusammen davon leben! Dann kann ich nicht umhin, ein Verbrecher zu werden! Ich schneide mir diese paar lästigen Haare ab [Anm.: Wörtl. ‚Sorgenhaare an den Schläfen' — d.h. er will buddhistischer Mönch werden], suche mir einen reinen Ort und beende mein Leben in Einsamkeit. Nur so erspare ich mir die Schande, die Ahnen zu entehren, indem ich einen ungehorsamen Sohn aufziehe!"
Steif aufgerichtet und heftig keuchend, das Gesicht voller Tränen, saß Djia Dschëng dann auf seinem Stuhl und befahl in einem Atemzug: „Bringt Bau-yü hierher! Bringt mir einen Knüppel, bringt mir einen Strick! Bindet ihn und schließt alle Türen! Wer in den inneren Gemächern Bescheid sagt, wird auf der Stelle erschlagen!“ Seine zahlreichen Klienten und Diener sahen, in welchem Zustand er sich befand, und begriffen sofort, dass es wieder einmal Schatzjades wegen war. Einer nach dem anderen biss sich auf die Zunge oder presste sich den Finger an die Lippen, und alle zogen sich eilig zurück.
Die Sklavenjungen hatten keine andere Wahl, als einstimmig ja zu sagen, und ein paar von ihnen machten sich auf die Suche nach Bau-yü. Schnaufend und steif aufgerichtet saß Aufrecht Kaufmann dann auf seinem Stuhl, das Gesicht tränennass, und rief in einem Atemzug: „Bringt mir Schatzjade! Bringt den schweren Stock! Bringt einen Strick und fesselt ihn! Schließt alle Tore! Wer eine Nachricht in die inneren Gemächer trägt, wird auf der Stelle totgeschlagen!"
Schon als Bau-yü von Djia Dschëng den Befehl erhielt, sich nicht von der Stelle zu rühren, war ihm klar, daß dies viel Schlechtes und wenig Gutes verhieß, aber wie konnte er ahnen, daß inzwischen Djia Huan so viel dazufügen würde! Als er noch in der Halle wartete, überlegte er verzweifelt, wie er jemanden finden könnte, der eine Nachricht in die inneren Gemächer brachte, aber wie zum Hohn war niemand da, sogar Bee-ming war verschwunden. Den Dienern blieb nichts anderes übrig, als mit einem einstimmigen „Jawohl!" zu antworten, und einige von ihnen machten sich auf die Suche nach Schatzjade.
Während er so inständig hoffte, es möge jemand erscheinen, kam eine alte Sklavin von den inneren Gemächern her, und Bau-yü war zumute, als sei er auf einen kostbaren Schatz gestoßen. Rasch trat er auf sie zu, faßte sie am Ärmel und sagte: „Geh schnell hinein und sag Bescheid, der gnädige Herr will mich schlagen! Schnell, schnell, es ist dringend!“ Schatzjade hatte den Befehl seines Vaters, sich nicht von der Stelle zu rühren, schon als übles Vorzeichen gedeutet. Wie hätte er ahnen können, dass Ring Kaufmann noch so viel dazutun würde! Während er in der Halle wartete und sich verzweifelt umblickte, ob er nicht jemanden finden könnte, der eine Botschaft in die inneren Gemächer brächte, war wie zum Hohn niemand da — nicht einmal sein Diener Beiming [焙茗] war aufzutreiben.
Aber zum einen sprach Bau-yü vor lauter Aufregung die Wörter nicht deutlich genug aus, und zum anderen war die Alte auch schwerhörig und so gar nicht fähig, ihn richtig zu verstehen. Statt yaudjin – ‚dringend‘ – hatte sie tiau-djing – ‚in den Brunnen springen‘ – verstanden. Darum sagte sie lächelnd: „Soll sie doch in den Brunnen springen, wenn sie will! Wovor habt Ihr Angst, junger Herr?“ Gerade als er voller Sehnsucht Ausschau hielt, kam eine alte Dienerin aus den inneren Gemächern. Schatzjade war zumute, als hätte er einen kostbaren Schatz gefunden. Eilig trat er auf sie zu, fasste sie am Ärmel und sagte: „Geh schnell hinein und melde — der gnädige Herr will mich schlagen! Schnell, schnell! Es ist dringend, es ist dringend!"
Nun bemerkte Bau-yü, daß er es mit einer Schwerhörigen zu tun hatte, und bat aufgeregt: „Geh und hol meinen Diener!“ Zum einen sprach Schatzjade vor lauter Aufregung die Worte nicht deutlich genug, zum anderen war die alte Frau obendrein schwerhörig und verstand nicht recht, was er sagte. Die Worte „yaojin" — „es ist dringend" — hörte sie als „tiaojing" — „in den Brunnen springen". So sagte sie lächelnd: „In den Brunnen springen? Lasst sie doch springen! Was fürchtet der junge Herr sich denn davor?"
„Was ist noch nicht erledigt?“ fragte die Alte. „Alles ist längst erledigt, die gnädige Frau hat Kleider für sie gegeben und auch Silber. Was soll da noch fehlen?“ Als Schatzjade merkte, dass er es mit einer Schwerhörigen zu tun hatte, bat er ungeduldig: „Dann geh wenigstens hinaus und ruf meine Diener!"
Bau-yü stampfte vor Erregung mit dem Fuß auf und war ratlos, was er nun machen sollte. Aber da kamen schon Djia Dschëngs Sklavenjungen und zwangen ihn mitzugehen. Die Alte erwiderte: „Was gibt es denn noch Unerlediges? Es ist doch alles längst erledigt. Die gnädige Frau hat Kleider geschenkt und auch Silber — was soll da noch fehlen?"
Kaum daß Djia Dschëng dann Bau-yüs ansichtig wurde, bekam er blutunterlaufene Augen. Ohne sich die Zeit zu nehmen, Bau-yü danach zu fragen, warum er sich draußen mit Schauspielern herumtrieb und persönliche Gegenstände als Geschenk mit ihnen wechselte, zu Hause aber das Lernen vernachlässigte und die Sklavenmädchen seiner Mutter mißbrauchte, befahl er: „Knebelt ihn und schlagt ihn tot!“ Schatzjade stampfte vor Verzweiflung mit dem Fuß auf. Er wusste nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. Da kamen auch schon die Diener Aufrecht Kaufmanns und drängten ihn hinaus.
Die Sklavenjungen wagten nicht, sich zu widersetzen. Sie drückten Bau-yü auf eine Bank nieder, hoben den schweren Prügel und schlugen vielleicht zehn Mal zu. Kaum erblickte Aufrecht Kaufmann ihn, da wurden seine Augen blutunterlaufen. Ohne sich die Zeit zu nehmen, ihn nach seinem Umgang mit Schauspielern und dem Tausch persönlicher Geschenke zu befragen, ohne ihn wegen der Vernachlässigung seiner Studien oder der Schändung der Dienstmagd seiner Mutter zur Rede zu stellen, befahl er nur mit donnernder Stimme: „Knebelt ihm den Mund! Schlagt ihn tot!"
Aber Djia Dschëng schienen diese Schläge noch zu leicht zu sein, denn er stieß den Sklaven, der den Prügel führte, mit einem Fußtritt beiseite, nahm selbst den Prügel in die Hände und schlug mit zusammengebissenen Zähnen dreißig, vierzig Mal aus voller Kraft zu. Die Diener wagten nicht zu widersprechen. Sie drückten Schatzjade auf eine Bank nieder, hoben den schweren Stock und ließen ihn mehr als zehnmal niedersausen. Doch Aufrecht Kaufmann waren die Schläge noch zu leicht. Er stieß den Diener, der den Stock führte, mit einem Fußtritt beiseite, riss ihm den Stock aus der Hand und schlug mit zusammengebissenen Zähnen dreißig, vierzig Mal aus voller Kraft zu.
Als seine Schützlinge sahen, daß ein Unglück drohte, versuchten sie, ihm mit begütigenden Worten in den Arm zu fallen, aber Djia Dschëng wollte nichts hören und erwiderte ihnen: „Fragt ihn selbst, ob man verzeihen kann, was er getan hat! Ihr seid es, die ihn so weit verdorben haben, und jetzt wollt Ihr mir zureden. Damit wollt Ihr wohl erst aufhören, wenn Ihr ihn demnächst dazu gebracht habt, seinen Herrscher und seinen Vater umzubringen?“ Seine Klienten sahen, dass die Sache einen schlimmen Verlauf nahm, und versuchten, ihn zurückzuhalten und zu beschwichtigen. Doch Aufrecht Kaufmann wollte nichts hören und rief: „Fragt ihn selbst, ob man verzeihen kann, was er getan hat! Ihr alle habt ihn so weit verdorben, und jetzt wollt ihr mich noch davon abhalten! Wollt ihr erst aufhören, wenn ihr ihn so weit gebracht habt, dass er seinen Kaiser ermordet und seinen Vater erschlägt?"
Diese Vorwürfe waren heftig genug, und den Schützlingen wurde klar, daß Djia Dschëng eine schreckliche Wut haben mußte. Darum gingen sie wieder hinaus und wußten sich keinen besseren Rat, als jemanden zu suchen, durch den sie eine Nachricht in die inneren Gemächer schickten. Diese heftigen Worte ließen die Klienten erkennen, dass Aufrecht Kaufmann vor Wut außer sich war. Sie zogen sich abermals zurück und wussten sich keinen anderen Rat, als jemanden zu suchen, der eine Nachricht in die inneren Gemächer brachte.
Dame Wang wagte es nicht, zuerst der Herzoginmutter Meldung zu machen. Sie zog sich nur in größter Eile vollständig an und kam in die äußeren Gemächer heraus. Ohne darauf zu achten, ob Leute anwesend waren oder nicht, stürzte sie in die Bibliothek und ließ dadurch Djia Dschëngs verdutzten Schützlingen und Dienern keine Zeit, sich zurückzuziehen. Auf Djia Dschëng Frau Wang wagte es nicht, zunächst die Herzoginmutter [贾母] zu benachrichtigen. Sie warf sich nur eilig ihre Kleider über und stürzte heraus, ohne darauf zu achten, ob ihr jemand begegnete oder nicht. In heller Aufregung rannte sie zur Bibliothek, sodass die verdutzten Klienten und Diener gar nicht die Zeit fanden, sich zurückzuziehen.
selbst wirkte ihr Erscheinen so, als ob man Öl ins Feuer gegossen hätte, und der Prügel sauste noch härter und schneller herab. Kaum trat Frau Wang ein, wirkte das auf Aufrecht Kaufmann wie Öl auf Feuer: Der Stock sauste noch heftiger und schneller nieder. Die beiden Diener, die Schatzjade festhielten, ließen ihn sofort los und traten beiseite. Doch Schatzjade konnte sich längst nicht mehr rühren.
Die beiden Sklavenjungen aber, die Bau-yü niederhielten, ließen ihn jetzt rasch los und traten beiseite, doch Bau-yü konnte sich längst nicht mehr rühren. Djia Dschëng wollte ihn trotzdem weiterschlagen, da hatte Dame Wang bereits den Prügel umklammert. Als Aufrecht Kaufmann weiter zuschlagen wollte, hatte Frau Wang den Stock bereits mit beiden Händen umklammert.
„Hör auf!“ sagte Djia Dschëng. „Diesmal willst du wohl erst ablassen, wenn mich die Wut umgebracht hat?“ „Genug! Genug!" rief Aufrecht Kaufmann. „Willst du mich heute durch deinen Widerspruch zu Tode bringen?"
„Bau-yü hat zwar Schläge verdient, aber Ihr dürft doch auch Eure Selbstachtung nicht vergessen!“ sagte Dame Wang unter Tränen. „Außerdem fühlt sich in diesen Hitzetagen auch die alte gnädige Frau gar nicht wohl. Wenn Ihr Bau-yü erschlagt, ist das noch das wenigste, wenn aber die alte gnädige Frau deswegen leiden müßte, wäre das keine Kleinigkeit!“ Frau Wang schluchzte: „Schatzjade hat die Schläge zwar verdient, aber auch Ihr müsst Euch schonen, Herr! Zumal bei dieser unerträglichen Sommerhitze auch die Herzoginmutter sich nicht recht wohl fühlt. Wenn Ihr Schatzjade totschlagt, ist das noch das Geringere — aber wenn die Herzoginmutter deswegen erkrankt, wäre das wahrhaft keine Kleinigkeit!"
„Hör auf!“ gab Djia Dschëng mit kaltem Lachen zurück. „Dadurch, daß ich so einen mißratenen Sohn habe, verstoße ich ohnehin gegen meine Kindespflicht. Und will ich ihn einmal belehren, dann wird er von allen in Schutz genommen. Darum ist es das beste, er wird jetzt erdrosselt, um künftigem Unheil vorzubeugen!“ Und er verlangte den Strick, um Bau-yü die Kehle zuzuschnüren. Aufrecht Kaufmann lachte kalt: „Erinnere mich nicht daran! Dass ich einen solch missratenen Sohn in die Welt gesetzt habe, ist schon ein Verstoß gegen die Kindespflicht. Und will ich ihn einmal züchtigen, wird er von allen in Schutz genommen. Da ist es besser, ihn auf der Stelle zu erdrosseln und künftigem Unheil vorzubeugen!" Und er verlangte nach dem Strick, um Schatzjade zu erdrosseln.
Rasch umfaßte ihn Dame Wang mit beiden Armen und sprach unter Tränen: „Ihr tut zwar recht daran, Euren Sohn zu belehren, Herr, aber denkt auch an unsere Beziehungen als Gatten! Ich bin schon bald fünfzig und habe nur diesen einen mißratenen Sohn. Wenn Ihr unbedingt ein hartes Exempel an ihm statuieren müßt, will ich nichts groß dagegen sagen, aber wenn Ihr ihn umbringen wollt, heißt das nichts anderes, als daß Ihr vorhabt, mich zu vernichten. Wollt Ihr ihn also erdrosseln, so nehmt nur schnell den Strick und erdrosselt zuerst mich und dann ihn! Mutter und Sohn werden es nicht wagen, Euch deswegen gram zu sein, und in der Unterwelt haben wir eine Stütze aneinander.“ Nach diesen Worten warf sie sich über Bau-yü und ließ ihren Tränen freien Lauf. Frau Wang klammerte sich sogleich an ihn und weinte: „Ihr tut gewiss recht daran, Euren Sohn zu erziehen, Herr, doch bedenkt auch unsere Verbindung als Gatten! Ich bin beinahe fünfzig Jahre alt und habe nur diesen einen missratenen Sohn. Wenn Ihr unbedingt ein strenges Exempel an ihm statuieren wollt, wage ich nicht, Euch zurückzuhalten. Doch wenn Ihr ihn heute umbringen wollt, so ist das nichts anderes als die Absicht, mich zu vernichten! Wollt Ihr ihn erdrosseln, so nehmt lieber gleich den Strick und erdrosselt zuerst mich und dann ihn. Mutter und Sohn werden es nicht wagen, Euch zu grollen, und in der Unterwelt haben wir wenigstens einander als Stütze!" Nach diesen Worten warf sie sich über Schatzjade und brach in haltloses Weinen aus.
Unwillkürlich mußte Djia Dschëng über ihre Worte seufzen. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, und die Tränen flossen ihm wie Regen herab. Aufrecht Kaufmann konnte nicht umhin, einen tiefen Seufzer auszustoßen. Er ließ sich in seinen Stuhl sinken, und die Tränen liefen ihm wie Regen über das Gesicht.
Dame Wang hielt Bau-yü umklammert und bemerkte dabei, daß sein Gesicht weiß war und sein Atem schwach. Seine Hosen aus grüner Seidengaze waren völlig mit Blut durchtränkt, und so konnte sie sich nicht enthalten, seine Leibbinde zu lösen und ihn zu untersuchen. Vom Gesäß bis zu den Unterschenkeln war alles grün und blau, und wenn auch nicht alles aufgeplatzt war, so war doch keine einzige heile Stelle zu finden. „Mein armer Sohn!“ heulte sie auf. Bei diesen Worten fiel ihr plötzlich Djia Dschu ein, und sie rief seinen Namen und stöhnte: „Wenn nur du noch am Leben wärst, könnten meinethalben hundert andere sterben!“ Frau Wang hielt Schatzjade im Arm und sah, dass sein Gesicht weiß war und sein Atem kaum noch ging. Darunter trug er nur eine dünne Sommerhose aus grüner Seidengaze, die ganz von Blut durchtränkt war. Sie konnte nicht umhin, die Leibbinde zu lösen und nachzusehen. Vom Gesäß bis zu den Unterschenkeln war alles blau und violett geschlagen, teils noch unversehrt, teils schon aufgeplatzt — keine einzige heile Stelle war zu finden. Laut schreiend brach sie in Tränen aus: „Mein armes Kind!"
Mittlerweile war in den inneren Gemächern bekanntgeworden, daß Dame Wang draußen war, und deshalb waren auch Li Wan und Hsi-fëng sowie Ying-tschun mit ihren Kusinen längst herausgekommen. Als Dame Wang jetzt Djia Dschus Namen rief, war das wohl für die anderen nicht so schlimm, Li Wan aber fing ebenfalls laut zu weinen an, und als Djia Dschëng das hörte, rollten ihm die Tränen nur so herab. Das Wort „armes Kind" erinnerte sie plötzlich an Jia Zhu [贾珠, den verstorbenen ältesten Sohn], und unter Tränen rief sie seinen Namen: „Wenn nur du noch am Leben wärst! Dann könnten meinethalben hundert andere sterben!"
Mitten in dieses Durcheinander platzte ein Sklavenmädchen mit den Worten: „Die alte gnädige Frau kommt!“ Und noch ehe der Satz verklungen waren, hörte man vor dem Fenster die Herzoginmutter mit bebender Stimme rufen: „Schlag zuerst mich tot, ehe du ihn erschlägst! Hieße das nicht reinen Tisch machen?!“ Inzwischen hatte man in den inneren Gemächern erfahren, dass Frau Wang hinausgegangen war. Li Wan [李纨], Phönixglanz [王熙凤] sowie Yingchun [迎春] und ihre Schwestern waren längst herbeigeeilt. Als Frau Wang nun Jia Zhus Namen rief, mochten die anderen es noch ertragen — doch Li Wan [Anm.: Jia Zhus junge Witwe] konnte sich nicht mehr halten und brach ebenfalls laut weinend zusammen. Als Aufrecht Kaufmann das hörte, rollten ihm die Tränen nur so herab wie reife Früchte vom Baum.

Mitten in dieses Durcheinander platzte eine Magd mit den Worten: „Die Herzoginmutter kommt!"
Als Djia Dschëng hörte, daß seine Mutter kam, war er beunruhigt und bekümmert zugleich. Rasch ging er ihr entgegen und sah, wie sie, auf die Arme von Sklavenmädchen gestützt, keuchend näher kam. Er trat vor, verbeugte sich und fragte mit lächelnder Miene: „Worüber mußtet Ihr Euch aufregen, Mutter, daß Ihr an so einem heißen Tag selbst herüberkommt, anstatt Euren Sohn zu Euch zu rufen und ihm Eure Aufträge zu erteilen?“ Der Satz war noch nicht verklungen, da hörte man vor dem Fenster schon die zitternde Stimme der Herzoginmutter: „Dann schlag doch erst mich tot und dann ihn — wäre das nicht sauber erledigt?"
Bei seinen Worten war die Herzoginmutter stehengeblieben und rang nach Atem. Dann stieß sie mit heftiger Stimme hervor: „Sprichst du mit mir? Ja, ich habe einen Auftrag, nur leider habe ich in meinem Leben keinen guten Sohn geboren. Wem also soll ich meinen Auftrag erteilen?“ Als Aufrecht Kaufmann hörte, dass seine Mutter kam, durchfuhr ihn Angst und Reue zugleich. Eilig ging er ihr entgegen und sah, wie sie, auf die Arme ihrer Mägde gestützt, keuchend herangewankt kam. Er trat vor sie hin, verneigte sich und sagte mit besänftigender Miene: „Bei dieser schrecklichen Hitze — warum kommt Ihr selbst herüber, Mutter? Warum regt Ihr Euch auf? Ihr hättet nur Euren Sohn zu Euch rufen und ihm Eure Befehle erteilen sollen."
Als Djia Dschëng diese schwerwiegenden Worte hörte, kniete er rasch nieder und sprach unter Tränen: „Daß Euer Sohn seinem Sohn eine Belehrung erteilte, geschah zum Ruhme unserer Ahnen. Wie soll ich Eure Worte ertragen, Mutter?“ Die Herzoginmutter blieb stehen und rang einen Moment nach Atem. Dann stieß sie mit scharfer Stimme hervor: „So, du willst also mit mir reden! Ja, ich habe durchaus etwas zu befehlen — nur leider habe ich in meinem ganzen Leben keinen einzigen ordentlichen Sohn hervorgebracht. Wem soll ich also meine Befehle erteilen?"
Wütend spuckte die Herzoginmutter aus und erwiderte dann: „So, wenn ich ein paar Worte sage, ist das für dich nicht zu ertragen, Bau-yü aber soll es ertragen, daß du ihn so mörderisch verprügelst, ja? Du sagst, du belehrst ihn zum Ruhme unserer Ahnen, aber wie bist denn du seinerzeit von deinem Vater belehrt worden?“ Und während sie das sagte, liefen ihr unwillkürlich die Tränen herab. Aufrecht Kaufmann hörte, wie ernst diese Worte gemeint waren, und sank rasch auf die Knie. Unter Tränen sagte er: „Wenn Euer Sohn seinen Sohn züchtigt, so geschieht es zum Ruhm unserer Ahnen. Wie soll ich Eure Worte ertragen, Mutter?"
Djia Dschëng machte rasch wieder ein lächelndes Gesicht, ehe er sagte: „Ihr müßt Euch deswegen nicht kränken, Mutter! Es war nur eine vorüberge- hende Aufwallung von mir, in Zukunft werde ich ihn nicht mehr schlagen!“ Die Herzoginmutter spuckte verachtungsvoll aus und erwiderte: „Wenn ich ein paar Worte sage, kannst du es schon nicht ertragen — aber Schatzjade soll es ertragen, wenn du mit tödlicher Gewalt auf ihn einschlägst? Du sagst, du züchtigst deinen Sohn zum Ruhm der Ahnen — aber wie hat dein Vater seinerzeit dich erzogen?" Während sie das sagte, rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen.
„Meinetwegen brauchst du dich nicht zu erregen und in Zorn zu geraten“, gab die Herzoginmutter kühl lächelnd zurück. „Und was kümmert es mich, ob du deinen Sohn schlägst oder nicht! Doch mir scheint, du bist auch meiner und der Kinder überdrüssig. Deshalb ist es das beste, wenn wir dich so schnell wie möglich verlassen. Dann hat jeder seine Ruhe!“ Und sie befahl: „Seht nach Sänften und Pferden! Ich gehe auf der Stelle mit der gnädigen Frau und mit Bau-yü nach Nan-djing zurück.“ Aufrecht Kaufmann zwang sich zu einem Lächeln und sagte beschwichtigend: „Ihr müsst Euch nicht bekümmern, Mutter. Es war nur eine vorübergehende Aufwallung. Von nun an werde ich ihn nicht mehr schlagen."
Notgedrungen antwortete das Gesinde: „Jawohl!“ Die Herzoginmutter lächelte kalt: „Du brauchst mir gegenüber auch nicht den Beleidigten zu spielen! Was kümmert mich, ob du deinen Sohn schlägst oder nicht! Ich vermute ohnehin, dass dir Mutter und Kinder zur Last geworden sind. Am besten gehen wir dir so bald wie möglich aus dem Weg — dann hat jeder seine Ruhe!" Und sie befahl: „Schaut nach Sänften und Pferden! Ich fahre auf der Stelle mit der gnädigen Frau und Schatzjade nach Nanjing zurück!"
Nun wandte sich die Herzoginmutter Dame Wang zu. „Du mußt nicht weinen!“ sagte sie. „Jetzt ist Bau-yü noch klein, und du liebst ihn. Aber wenn er groß und erwachsen ist und erst einmal Beamter wird, denkt er vielleicht nicht mehr daran, daß du seine Mutter bist. Wenn du ihn schon heute nicht mehr liebst, ersparst du dir für die Zukunft viel Ärger.“ Das Gesinde konnte nur pflichtschuldig antworten: „Jawohl!"
Als Antwort auf ihre Worte kniete Djia Dschëng rasch nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und klagte unter Tränen: „Wenn Ihr so etwas sagt, weiß ich nicht mehr, wohin ich noch meine Füße setzen soll, Mutter!“ Dann wandte sich die Herzoginmutter an Frau Wang: „Du musst nicht mehr weinen. Jetzt ist Schatzjade noch klein, und du liebst ihn. Aber wenn er erst groß geworden ist und einmal ein hoher Beamter wird, wird er sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern, dass du seine Mutter bist. Wenn du ihn schon jetzt nicht mehr liebst, ersparst du dir in Zukunft manchen Kummer."
Aber die Herzoginmutter lächelte wieder nur kühl, als sie ihm sagte: „Zweifellos bist du derjenige, der mir keinen Platz läßt, wohin ich meine Füße setzen könnte, und doch fängst du von dir an! Wenn wir wegfahren, hast du deine Ruhe und brauchst von niemandem mehr eine Erlaubnis, wenn du jemanden prügeln möchtest!“ Und wieder befahl sie: „Macht schnell ein wenig Gepäck zurecht und haltet Wagen und Sänften bereit, damit wir abfahren können!“ Aufrecht Kaufmann hörte das, warf sich auf die Knie und schlug mit der Stirn auf den Boden: „Wenn Ihr so etwas sagt, Mutter, weiß ich nicht mehr, wo ich mich hinstellen soll!"
Jetzt bat Djia Dschëng mit heftigen Stirnaufschlägen um Verzeihung und bekannte seine Schuld. Die Herzoginmutter aber machte sich Sorgen um Bau-yü, darum trat sie eilig in den Raum und mußte dort feststellen, daß die Züchtigung diesmal weit schlimmer ausgefallen war als je zuvor. Das schmerzte und empörte sie zu gleicher Zeit. Sie nahm Bau-yü in die Arme und weinte unaufhörlich dabei. Erst als Dame Wang, Hsi-fëng und die übrigen ihr eine Zeitlang gut zuredeten, hielt sie allmählich ein. Sofort traten die Sklavenfrauen und -mädchen heran, um Bau-yü aufzuhelfen. Die Herzoginmutter lächelte kalt: „Du bist es, der mir keinen Platz zum Stehen lässt, und dann beklagst du dich! Wenn wir erst fort sind, hast du deine Ruhe, und niemand wird dich hindern, wen auch immer zu verprügeln." Und abermals befahl sie: „Beeilt euch mit dem Packen! Wagen und Sänften bereit! Wir fahren!"

Da warf sich Aufrecht Kaufmann unter heftigen Stirnaufschlägen vor ihr zu Boden und flehte um Vergebung, indem er seine Schuld bekannte.

Die Herzoginmutter aber machte sich Sorgen um Schatzjade. Eilig trat sie ins Zimmer und sah, dass die Züchtigung diesmal bei weitem schlimmer war als alle früheren. Schmerz und Zorn durchfuhren sie zugleich. Sie nahm ihn in die Arme und weinte haltlos. Erst als Frau Wang, Phönixglanz und die anderen ihr eine ganze Weile gut zugesprochen hatten, beruhigte sie sich allmählich.
„Ihr dummen Dinger!“ schimpfte Hsi-fëng. „Seht ihr denn nicht, wie er zugerichtet ist, und da soll er gehen können? Vielleicht bemüht ihr euch bald hinein und holt einen Liegestuhl!“ Sogleich traten Mägde und Dienerinnen heran und wollten Schatzjade aufhelfen. Phönixglanz aber schalt sie: „Ihr dummen Dinger! Macht doch die Augen auf und seht, wie er zugerichtet ist! Und ihr wollt ihn aufstehen lassen! Holt lieber schnell die Korbliege von drinnen!"
Sofort eilten die Sklavinnen hinein und brachten wirklich den Liegestuhl. Dann legten sie Bau-yü darauf und trugen ihn hinter der Herzoginmutter und Dame Wang her bis in die Räume der Herzoginmutter. Die Dienerinnen eilten sofort hinein und brachten tatsächlich die Korbliege. Man legte Schatzjade darauf und trug ihn im Gefolge der Herzoginmutter und Frau Wangs in die Gemächer der Herzoginmutter.
Auch Djia Dschëng, der gesehen hatte, daß der Zorn der Herzoginmutter noch nicht verraucht war, wagte es nicht, sich eigenmächtig zu entfernen, und ging mit hinein. Wie es aussah, hatte er Bau-yü diesmal wirklich zu hart gestraft. Dann mußte er hören, wie Dame Wang immer wieder rief: „Mein Junge! Mein Liebling!“ Und anschließend hielt sie ihm vor: „Warum konntest du nicht an Dschus Stelle jung sterben, so daß er am Leben geblieben wäre und dein Vater sich nicht über dich zu ärgern brauchte! Dann hätte ich mir nicht mein halbes Leben lang für nichts und wieder nichts solche Sorgen machen müssen! Wenn dir jetzt etwas zustößt und du läßt mich im Stich, wer soll mir dann eine Stütze sein?“ Dann wieder nannte sie ihn weinend: „Mein armer Sohn, der nicht für sich einstehen kann!“ Aufrecht Kaufmann sah, dass der Zorn seiner Mutter noch nicht verraucht war, und wagte es nicht, sich eigenmächtig zu entfernen. So folgte er ihnen ebenfalls hinein. Er betrachtete Schatzjade und musste erkennen, dass er ihn diesmal tatsächlich zu hart geschlagen hatte. Dann hörte er, wie Frau Wang abwechselnd „mein Junge!" und „mein Liebling!" rief und klagte: „Warum konntest du nicht an Zhus Stelle jung sterben, damit er am Leben bliebe und dein Vater sich nicht aufregen müsste? Dann hätte ich mir nicht ein halbes Leben lang vergeblich Sorgen gemacht! Wenn dir jetzt etwas zustößt und du mich verlässt — auf wen soll ich mich dann stützen?" Dann wieder nannte sie ihn schluchzend: „Mein armer, armer Sohn, der nicht für sich einstehen kann!"
Als Djia Dschëng diese Worte hörte, überwältigte ihn der Kummer und bereute er, Bau-yü so grausam mißhandelt zu haben. Doch als er erst einmal die Herzoginmutter zu besänftigen suchte, fuhr sie ihn unter Tränen an: „Verschwinde! Was willst du noch hier? Reicht es dir immer noch nicht? Willst du vielleicht mit eigenen Augen sehen, wie er stirbt, ehe du endlich gehst?“ So zog sich Djia Dschëng zurück. Als Aufrecht Kaufmann das hörte, überwältigte ihn die Reue, und er verfluchte sich selbst, den Stock so unbarmherzig geschwungen zu haben.

Er versuchte, die Herzoginmutter zu trösten, doch sie fuhr ihn unter Tränen an: „Geh hinaus! Was willst du noch hier? Reicht es dir immer noch nicht? Willst du mit eigenen Augen zusehen, wie er stirbt, bevor du dich davonmachst?" Da zog sich Aufrecht Kaufmann zurück.
Inzwischen waren auch noch Tante Hsüä mit Bau-tschai und Hsiang-ling sowie Hsi-jën und Hsiang-yün eingetroffen. Hsi-jën fühlte sich zutiefst gekränkt, aber das konnte sie nicht so deutlich zeigen. Als sie sah, wie sich alle um Bau-yü bemühten, indem ihn die einen mit Wasser begossen, während die anderen ihm Luft zufächelten, und sie überhaupt nicht zum Zuge kommen ließen, ging sie kurzentschlossen hinaus bis zum Innentor und ließ hier durch die Sklavenjungen Bee-ming herbeiholen, um von ihm eine genaue Auskunft zu verlangen. „Eben war doch noch alles gut“, sagte sie. „Warum hat er plötzlich Schläge bekommen? Und warum hast du uns nicht rechtzeitig einen Wink gegeben?“ Inzwischen waren auch Tante Schnee [薛姨妈] mit Schatzspange und Xiangling [香菱] sowie Dufthauch [袭人] und Wolkenschwinge [史湘云] herbeigeilt. Dufthauch war tief gekränkt, doch wagte sie es nicht, ihre Gefühle offen zu zeigen. Als sie sah, wie sich alle um Schatzjade scharten — die einen gossen ihm Wasser ein, die anderen fächelten ihm Luft zu –, konnte sie sich nirgends nützlich machen. So ging sie kurz entschlossen hinaus bis zum inneren Tor und ließ durch die Diener Beiming [焙茗] herbeirufen, um ihn eingehend zu befragen: „Eben war doch noch alles in Ordnung — warum hat er plötzlich Schläge bekommen? Und warum hast du uns nicht rechtzeitig gewarnt?"
Aufgeregt erklärte Bee-ming: „Ich war gerade nicht da und habe erst davon erfahren, als das Strafgericht schon in vollem Gange war. Ich habe mich sofort nach den Gründen erkundigt, und es hieß, es sei wegen Tji-guan und Djin-tschuan.“ Beiming antwortete aufgeregt: „Ich war gerade nicht in der Nähe und habe erst davon erfahren, als die Züchtigung schon in vollem Gange war. Ich habe mich sogleich nach den Gründen erkundigt — es ging um die Sache mit Qiguan und um Goldreif."
„Wie hat der gnädige Herr davon erfahren können?“ fragte Hsi-jën. „Wie hat der gnädige Herr davon erfahren?" fragte Dufthauch.
„Die Sache mit Tji-guan geht höchstwahrscheinlich auf den jungen Herrn Hsüä zurück, der immer eifersüchtig war und seine Wut nirgends auslassen konnte“, sagte Bee-ming. „Wer weiß, wen er außerhalb des Hauses aufgestachelt hat, den Zorn des gnädigen Herrn zu entfachen! Die Sache mit Djin-tschuan aber hat der dritte junge Herr ihm verraten. Ich habe gehört, wie die Leute des gnädigen Herrn davon sprachen.“ „Die Sache mit Qiguan," erklärte Beiming, „geht höchstwahrscheinlich auf den jungen Herrn Xue [薛蟠, Xue Pan] zurück, der schon lange eifersüchtig war und seinen Ärger nirgends loswerden konnte. Wer weiß, wen er draußen dazu angestiftet hat, beim gnädigen Herrn die Flamme zu entfachen! Was Goldreif betrifft, so hat der Dritte Herr [贾环, Ring Kaufmann] davon erzählt — das habe ich von den Leuten des gnädigen Herrn gehört."
Da beides sehr einleuchtend klang, war Hsi-jën zu acht, neun Zehnteln von der Richtigkeit überzeugt. Da beides sehr einleuchtend klang und mit den Tatsachen übereinstimmte, war Dufthauch zu acht, neun Zehnteln davon überzeugt.
Bei ihrer Rückkehr in die Räume der Herzoginmutter fand sie alle mit Bau-yüs Wunden beschäftigt. Als schließlich alles getan war, befahl die Herzoginmutter: „Tragt ihn jetzt vorsichtig in seine Räume!“ Als sie zurückkam, waren alle mit der Behandlung von Schatzjades Wunden beschäftigt. Nachdem alles versorgt war, befahl die Herzoginmutter: „Tragt ihn vorsichtig in seine Gemächer!"
Alle sagten jawohl, und jeder legte rasch mit Hand an, um Bau-yü in den Hof der Freude am Roten hinüberzubringen, wo man ihn auf sein Bett legte. Alle machten sich noch lange mit ihm zu schaffen, dann gingen sie nach und nach fort. Jetzt erst trat Hsi-fëng in den Innenraum, half Bau-yü behutsam mit dem Arm auf und fragte ihn, wie es dazu gekommen sei. Alle antworteten: „Jawohl!", und mit vereinten Kräften trugen sie Schatzjade in den Hof der Freude am Roten [怡红院] und legten ihn behutsam auf sein Bett. Es verging noch eine ganze Weile, bis sich die Aufregung legte und sich die Anwesenden allmählich zurückzogen.

Erst jetzt trat Dufthauch an sein Bett, versorgte ihn mit aller Sorgfalt und erkundigte sich, wie es im Einzelnen zu dem Geschehenen gekommen war.
Aber das wird im nächsten Kapitel erzählt. Doch davon wird im nächsten Kapitel erzählt.

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