Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 38

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Kapitel 38: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
38.Die Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß siegt mit Lobliedern über Chrysanthemen,die Edle von Haselwurz schreibt Spottverse auf Krabben. Kapitel 38
Bau-tschai und Hsiang-yün hatten sich also über alles geeinigt. Vom Rest der Nacht ist nichts zu berichten. Die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang erringt den Sieg beim Chrysanthemen-Dichten
Am nächsten Tag lud Hsiang-yün die Herzoginmutter und die anderen ein, sich am Anblick der Duftblüten zu erfreuen, und die Herzoginmutter wie auch alle anderen sagten: „Sie weiß wirklich, wie man sich vergnügt! An so einem edlen Genuß sollte man teilhaben!“ Und als es Mittag war, ging die Herzoginmutter tatsächlich mit Dame Wang und Hsi-fëng zusammen in den Garten. Auch Tante Hsüä und die anderen hatte sie gebeten, sie zu begleiten. Die Edle von Haselwurz dichtet spöttisch über Krabben
„Wo ist es am schönsten?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. Es wird erzählt, dass Schatzspange[1] und Wolkenkind[2] ihren Plan bereits besprochen hatten. Von der restlichen Nacht ist nichts weiter zu berichten. Am nächsten Tag lud Wolkenkind die Herzoginmutter[3] und die anderen ein, sich an den Duftblüten zu erfreuen. Die Herzoginmutter und alle Übrigen sagten einhellig: „Sie weiß wirklich, wie man sich vergnügt! An diesem edlen Zeitvertreib sollte man unbedingt teilhaben!"
„Überall, wo es Euch gefällt, ist es auch schön, alte gnädige Frau“, antwortete Dame Wang darauf. Hsi-fëng aber sagte: „Im Kiosk des Lotoswurzelduftes ist schon alles vorbereitet. Dort blühen die beiden Duftblütensträucher am Berghang sehr schön, und das Wasser im Fluß ist klar und grün. Hat man nicht dort vom Pavillon inmitten des Flusses eine freie Aussicht? Und der Anblick des Wassers macht die Augen klar.“ Zur Mittagszeit kam die Herzoginmutter tatsächlich in Begleitung von Dame Wang[4] und Phönixglanz[5] in den Garten; auch Tante Schnee[6] und die anderen hatte sie eingeladen mitzukommen.
„Das hast du ganz richtig gesagt“, erwiderte die Herzoginmutter und ging allen voran zum Kiosk des Lotoswurzelduftes. „Wo ist es am schönsten?" erkundigte sich die Herzoginmutter.
Der Kiosk des Lotoswurzelduftes stand mitten im Teich, und seine Fenster öffneten sich nach allen vier Seiten. Links und rechts hatte er gewundene Wandelgänge, die auch über das Wasser ans Ufer führten. Dahinter aber verbarg sich noch eine Zickzackbrücke aus Bambus. „Überall, wo es Euch gefällt, alte gnädige Frau, ist es auch schön", antwortete Dame Wang.
Als sie die Brücke betraten, eilte Hsi-fëng nach vorn zur Herzoginmutter, um sie zu stützen, und sagte dabei: „Ihr könnt bedenkenlos ausschreiten, alte Ahne. Für eine Bambusbrücke gehört es sich, daß sie knarrt.“ Phönixglanz aber sagte: „Im Kiosk des Lotoswurzelduftes ist schon alles vorbereitet. Dort blühen die beiden Duftblütensträucher am Berghang besonders schön, und das Wasser im Fluss ist klar und grün. Vom Pavillon inmitten des Flusses hat man eine freie Aussicht — und der Anblick des Wassers erfreut die Augen!"
Als sie bald darauf am Pavillon waren, entdeckten sie, daß extra zwei Bambustische außerhalb des Geländers aufgestellt waren. Der eine war mit Bechern, Eßstäbchen und Weingeschirr besetzt, auf dem anderen lagen Teepinsel, Teetöpfe und sonstiges Teegeschirr bereit. Hier fachten ein paar Sklavenmädchen mit Fächern das Feuer in einem Öfchen an, um den Tee zu brühen, dort fächelten ein paar andere ebenfalls, um auf einem zweiten Öfchen den Reiswein zu wärmen. „Das hast du vollkommen richtig gesagt", erwiderte die Herzoginmutter, und schon ging sie allen voran zum Kiosk des Lotoswurzelduftes[7].
„Wie schön, daß du an Tee gedacht hast!“ lobte die Herzoginmutter sofort. „Und wie sauber Umgebung und Ausstattung sind!“ Dieser Kiosk stand mitten im Teich und hatte an allen vier Seiten Fenster. Rechts und links führten gewundene Wandelgänge über das Wasser ans Ufer; im hinteren Teil verbarg sich zudem eine geschwungene Zickzackbrücke aus Bambus, die den Kiosk mit dem Ufer verband.
„Kusine Bau-tschai hat mir geholfen, alles vorzubereiten“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. Als die Gesellschaft die Bambusbrücke betrat, eilte Phönixglanz nach vorn, um die Herzoginmutter zu stützen, und sagte dabei: „Nur kräftig ausschreiten, alte Ahnin, das macht gar nichts! Bei einer Bambusbrücke gehört es sich, dass sie knarzt und ächzt!"
„Ich sage es ja, das Mädel hat einen klaren Verstand, sie denkt an alles“, bemerkte die Herzoginmutter. Und während sie das sagte, fiel ihr Blick auf zwei schwarzlackierte Tafeln, die an den Säulen hingen und in die mit Perlmutt ein Parallelsatzpaar eingelegt war. Sie befahl, ihr die Sätze vorzulesen, und Hsiang-yün las: Bald darauf betraten sie den Kiosk, und man sah, dass außerhalb des Geländers zwei Bambustische aufgestellt waren. Der eine war mit Bechern, Essstäbchen und Weingeschirr eingedeckt, auf dem anderen standen Teepinsel, Teetöpfe und allerlei Teegerät bereit. Auf der einen Seite fächelten zwei, drei Dienstmädchen die Glut in einem Windöfchen an, um den Tee zu brühen; auf der anderen Seite fächelten weitere Mädchen ebenfalls, um auf einem zweiten Öfchen den Reiswein zu wärmen.
„Der Lotosblüten Schatten bricht der Ruderschlag, Die Herzoginmutter rief sogleich erfreut: „Wie schön, dass du an Tee gedacht hast! Und wie sauber alles ringsum ist — der Platz, die Ausstattung!"
der Lotoswurzeln Duft durchquert der Bambussteg.“ Wolkenkind erwiderte lächelnd: „Schatzspange-Schwester hat mir geholfen, alles vorzubereiten."
Nun hob die Herzoginmutter den Kopf und blickte nach der Tafel mit dem Namen des Pavillons. Dann wandte sie sich zu Tante Hsüä und sagte: „Als ich noch jung war, hatten wir bei uns zu Hause auch so einen Pavillon. Er hieß ‚Halle, gebettet aufs Abendrot‘ oder so ähnlich. Ich war damals nicht älter, als die Mädchen jetzt sind, und habe mich jeden Tag mit meinen Schwestern und Kusinen dort amüsiert. Einmal bin ich dabei ausgerutscht und ins Wasser gefallen, um ein Haar wäre ich ertrunken. Mit Müh und Not hat man mich herausgezogen, und dabei habe ich mir an einem Holznagel den Kopf aufgeschlagen. Die fingerkuppengroße Delle hier an der Schläfe habe ich davon zurückbehalten. Alle hatten Angst, ich würde es nicht überleben, weil ich erst ins Wasser gefallen war und mich dann noch verkühlte. Doch wider Erwarten bin ich genesen.“ „Ich sage es ja", bemerkte die Herzoginmutter, „dieses Mädchen ist fein und umsichtig, sie denkt an alles." Während sie das sagte, fielen ihr auch die schwarzlackierten, mit Perlmutt eingelegten Spruchpaare auf, die an den Säulen hingen. Sie befahl, man solle ihr die Sätze vorlesen. Wolkenkind las:
Ohne abzuwarten, ob jemand anders etwas sagen wollte, erklärte Hsi-fëng mit einem Lächeln: „Wenn Ihr damals nicht überlebt hättet, alte Ahne, wer sollte dann heute dieses Glück genießen! Wie man sieht, war Euch von klein auf nicht wenig Glück und Langlebigkeit zugedacht, und die Götterboten und Teufelsdiener haben Euch diese Delle in den Kopf geschlagen, um das Glück und die Langlebigkeit einzufüllen. Auch der Gott des langen Lebens hatte ursprünglich so eine Delle am Kopf, weil der aber mit zehntausendfachem Glück und zehntausendfacher Langlebigkeit angefüllt wurde, hat er schließlich eine kleine Beule nach außen bekommen...“ „Der Lotosblüten Schatten bricht der Ruderschlag,
Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich die Herzoginmutter und alle anderen schon vor Lachen bogen. Lächelnd sagte dann die Herzoginmutter: „Dieses Äffchen ist ja völlig außer Rand und Band! In einem fort macht sie sich über mich lustig. – Warte nur, ich will dir dein Ölmaul zerreißen!“ der Lotoswurzeln Duft durchquert der Bambussteg."
Hsi-fëng aber erwiderte ihr lächelnd: „Wir wollen gleich Krabben essen, da hatte ich Angst, die Kälte könnte sich in Eurem Innern anstauen, alte Ahne. Deshalb wollte ich Euch zum Lachen bringen, um Euer Inneres aufzulockern. Jetzt könnt ihr ohne Bedenken ein paar Krabben mehr essen.“ Die Herzoginmutter hob den Kopf und blickte zur Namenstafel des Pavillons empor. Dann wandte sie sich an Tante Schnee und sagte: „Als ich noch ein junges Mädchen war, hatten wir zu Hause auch so einen Pavillon. Er hieß 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' oder so ähnlich. Ich war damals nicht älter als die Mädchen hier jetzt und habe mich jeden Tag mit meinen Schwestern und Kusinen dort amüsiert. Eines Tages bin ich ausgerutscht und ins Wasser gefallen — um ein Haar wäre ich ertrunken! Mit Müh und Not wurde ich herausgezogen, aber dabei hatte ich mir an einem Holznagel den Kopf aufgeschlagen. Die fingerkuppengroße Delle hier an meiner Schläfe habe ich davon zurückbehalten. Alle hatten Angst, ich würde es nicht überleben, nachdem ich erst ins Wasser gefallen war und mich dann auch noch verkühlt hatte. Doch wider Erwarten bin ich genesen."
„Dann wirst du von nun an Tag und Nacht bei mir bleiben, damit ich immer lachen kann und mein Inneres aufgelockert wird. Nach Hause darfst du nicht mehr zurück“, befahl die Herzoginmutter im Scherz. Ohne auch nur abzuwarten, ob sonst jemand etwas sagen wollte, ergriff Phönixglanz lächelnd das Wort: „Wenn Ihr damals nicht überlebt hättet, alte Ahnin — wer sollte dann heute all dieses Glück genießen? Wie man sieht, war Euch von Kindheit an kein geringes Maß an Glück und langem Leben zugedacht, und die Götterdiener und Teufelsknechte haben Euch eigens diese Delle in den Kopf geschlagen, damit sich darin das Glück und die Langlebigkeit sammeln konnten! Auch der Gott des langen Lebens hatte ursprünglich so eine Delle am Kopf — aber weil bei ihm zehntausendfaches Glück und zehntausendfache Langlebigkeit hineingefüllt wurden, ist die Delle schließlich nach außen gewölbt und zu einer Beule geworden ..."
„Nur weil Ihr sie so gern habt, ist sie so zügellos, alte gnädige Frau“, schaltete Dame Wang sich ebenfalls lächelnd ein. „Wenn Ihr jetzt so etwas sagt, wird sie in Zukunft erst recht keinen Anstand mehr haben.“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da bogen sich die Herzoginmutter und alle Anwesenden schon vor Lachen. Die Herzoginmutter sagte glucksend: „Dieses Äffchen wird immer schlimmer! In einem fort macht sie sich über mich lustig! — Warte nur, ich werde dir dein geschmiertes Mundwerk zerreißen!"
Aber immer noch lächelnd, sagte die Herzoginmutter: „Ich mag sie so, wie sie ist. Außerdem ist sie keins von den Kindern, die zwischen hoch und niedrig nicht zu unterscheiden wissen. Und in den eigenen vier Wänden sollten Mütter und Töchter so miteinander umgehen, sofern niemand weiter dabei ist! Es reicht, wenn man sich beim Zeremoniell korrekt benimmt. Soll ich vielleicht von ihr verlangen, daß sie auf den Spuren der Götter wandelt?“ Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Gleich werden wir Krabben essen, und ich hatte Sorge, die Kälte könnte sich in Eurem Innern stauen, alte Ahnin. Deshalb wollte ich Euch zum Lachen bringen, um Euch das Herz aufzulockern. Wenn Ihr gut aufgelegt seid und ein paar Krabben mehr esst, schadet es gar nichts."
Bei diesen Worten traten alle in den Pavillon, und nachdem der Tee gereicht worden war, befahl Hsi-fëng rasch, man solle die Tische bringen und sie mit Weinbechern und Eßstäbchen eindecken. Am Haupttisch nahm die Herzoginmutter mit Tante Hsüä, Bau-tschai, Dai-yü und Bau-yü Platz, und an den östlichen Tisch setzten sich Hsiang-yün, Dame Wang, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun. Am westlichen Tisch neben der Tür aber blieben die Plätze von Li Wan und Hsi-fëng leer, denn die beiden wagten es nicht, sich zu setzen, und bedienten an den beiden Tischen, an denen die Herzoginmutter beziehungsweise Dame Wang saßen. Die Herzoginmutter lachte: „Von nun an wirst du Tag und Nacht an meiner Seite bleiben! Wenn ich oft lache, fühle ich mich immer wohl. Nach Hause darfst du nicht mehr zurück!"
„Bringt nicht zu viel von den Krabben, und laßt die anderen noch im Dämpfgefäß!“ befahl Hsi-fëng. „Zehn Stück reichen fürs erste. Wenn sie aufgegessen sind, könnt ihr mehr bringen.“ Dame Wang mischte sich lächelnd ein: „Nur weil Ihr sie so gernhabt, alte gnädige Frau, verwöhnt Ihr sie dermaßen. Wenn Ihr jetzt noch so etwas sagt, wird sie in Zukunft erst recht jeden Anstand vergessen."
Dann ließ sie Wasser holen, wusch sich die Hände, stellte sich neben die Herzoginmutter und begann, Krabben zu schälen. Die erste Portion wollte sie Tante Hsüä reichen, die lehnte ab: „Mir schmeckt es am besten, wenn ich sie selber schäle. Mich braucht keiner zu bedienen!“ Aber die Herzoginmutter meinte immer noch lächelnd: „Ich mag sie genau so, wie sie ist. Außerdem ist sie kein Kind, das den Unterschied zwischen hoch und niedrig nicht kennt. In den eigenen vier Wänden sollten Mütter und Töchter so ungezwungen miteinander umgehen, solange keine Fremden dabei sind. Es reicht doch, wenn man sich bei offiziellen Anlässen korrekt benimmt. Was nützte es, von ihr zu verlangen, sie solle wandeln wie eine Göttin?"
Also gab Hsi-fëng das Krabbenfleisch der Herzoginmutter, die zweite Portion gab sie Bau-yü. Dann rief sie: „Bringt den Wein sprudelnd heiß herein!“ Außerdem befahl sie den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten mit Chrysanthemenblättern und Duftblüten parfümiertes Bohnenmehl zum Säubern der Hände bereithalten. Mit diesen Worten traten alle zusammen in den Pavillon. Nachdem der Tee gereicht worden war, ließ Phönixglanz eilends die Tische aufstellen und mit Bechern und Essstäbchen eindecken. Am Ehrentisch nahmen die Herzoginmutter, Tante Schnee, Schatzspange, Kajaljade[8] und Schatzjade[9] Platz. Am östlichen Tisch saßen Wolkenkind, Dame Wang, Willkommensfrühling[10], Spürfrühling[11] und Bewahrfrühling[12]. Am westlichen Tisch, der neben der Tür stand, waren die Plätze für Li Schleierfrau[13] und Phönixglanz zwar eingedeckt, blieben jedoch leer — die beiden wagten es nicht, sich hinzusetzen, und warteten stattdessen an den Tischen der Herzoginmutter und Dame Wangs auf.
Hsiang-yün aß nur zur Gesellschaft eine Krabbe mit, dann stand sie auf, um die anderen zu bedienen, und ging schließlich hinaus, wo sie zwei Teller mit Krabbenfleisch zu füllen befahl, um sie den Nebenfrauen Dschau und Dschou bringen zu lassen. Da kam eben auch Hsi-fëng heraus und forderte sie auf: „Geh nur hinein und iß, du bist es nicht gewöhnt, andere zu bedienen! Ich will es an deiner Statt tun und selber essen, wenn die anderen gegangen sind!“ Phönixglanz ordnete an: „Die Krabben nicht alle auf einmal bringen! Lasst die übrigen im Dampfgefäß, und bringt erst einmal zehn Stück — wenn die aufgegessen sind, könnt ihr nachbringen." Dann ließ sie sich Wasser reichen, wusch sich die Hände, stellte sich neben die Herzoginmutter und begann, Krabbenfleisch aus den Schalen zu lösen. Die erste Portion bot sie Tante Schnee an.
Aber Hsiang-yün verzichtete darauf und ordnete an, auch auf der Veranda zwei Tische aufzustellen, damit Yüan-yang, Hu-po, Tsai-hsia, Tsai-yün und Ping-örl dort essen konnten. Tante Schnee wehrte ab: „Am besten schmeckt es mir, wenn ich sie selbst aufbreche! Bedient mich nur nicht."
Lächelnd sagte Yüan-yang zu Hsi-fëng: „Ihr könnt bedienen, junge gnädige Frau, und wir werden essen!“ Also gab Phönixglanz die Portion der Herzoginmutter, die zweite Schatzjade. Dann rief sie: „Den Wein bringt kochend heiß!" Außerdem wies sie die kleinen Dienstmädchen an, mit Chrysanthemenblättern und Duftblütenkernen parfümiertes Grünbohnenmehl zum Händewaschen bereitzuhalten.
„Ja, eßt nur und laßt mich machen!“ erwiderte Hsi-fëng. Wolkenkind aß nur eine einzige Krabbe zur Gesellschaft mit, dann stand sie auf und ging umher, um die anderen zu bedienen. Schließlich trat sie hinaus und befahl, zwei Teller voll Krabbenfleisch für die Nebenfrauen Zhao[14] und Zhou[15] hinzuschicken. Dann kam auch Phönixglanz heraus und sagte zu ihr: „Du bist es nicht gewohnt, andere zu bewirten — geh lieber hinein und iss! Ich übernehme es an deiner Stelle, und wenn alle fertig sind, esse ich selbst."
Jetzt kehrte Hsiang-yün an ihren Tisch zurück, Hsi-fëng und Li Wan aber aßen rasch etwas, so gut es die Umstände erlaubten. Anschließend kam Hsi-fëng wieder in den Innenraum, um hier zu bedienen, nach einiger Zeit aber ging sie von neuem auf die Veranda hinaus, wo Yüan-yang und die anderen Sklavenmädchen eben nach Herzenslust zulangten. Als sie Hsi-fëng kommen sahen, standen sie auf und Yüan-yang fragte: „Was wollt Ihr schon wieder hier, junge gnädige Frau? Gönnt Ihr uns nicht das bißchen Freude?“ Doch Wolkenkind lehnte ab und ließ stattdessen draußen auf dem Wandelgang zwei weitere Tische aufstellen, damit Mandarinenente[16], Bernstein[17], Farbenwolke[18], Wolkenglanz[19] und Friedchen[20] dort Platz nehmen konnten.
Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Yüan-yang, du kleines Spitzbein! Du verkommst immer mehr! Ich übernehme deinen Dienst, doch anstatt mir zu danken, bist du mir böse. Willst du mir nicht endlich einen Humpen Wein einschenken?“ Mandarinenente sagte lächelnd zu Phönixglanz: „Die junge gnädige Frau bedient hier, dann werden wir wohl essen gehen!"
Lächelnd füllte Yüan-yang einen Becher mit Wein und hielt ihn Hsi-fëng an die Lippen. Hsi-fëng streckte den Hals und leerte den Becher in einem Zug. Da gossen auch Hu-po und Tsai-hsia einen Becher voll und hoben ihn an Hsi-fëngs Mund, so daß sie nur zu schlucken brauchte. Inzwischen hatte Ping-örl eine fette Krabbe abgeschält, die sie ihr nun brachte. Phönixglanz erwiderte: „Geht nur! Lasst mir alles, ich kümmere mich darum."
„Schütte recht viel Ingwer und Essig darüber!“ verlangte Hsi-fëng. Dann aß sie und sagte anschließend mit einem Lächeln: „Setzt euch nur wieder hin und eßt weiter, ich gehe.“ So kehrte Wolkenkind an ihren Platz zurück, während Phönixglanz und Li Schleierfrau eilig ein wenig aßen, so gut es die Umstände erlaubten. Dann ging Phönixglanz wieder hinein, um aufzuwarten. Nach einer Weile trat sie erneut auf den Wandelgang hinaus, wo Mandarinenente und die anderen fröhlich beim Essen saßen. Als sie Phönixglanz kommen sahen, standen sie auf, und Mandarinenente fragte: „Was wollt Ihr schon wieder hier, junge gnädige Frau? Gönnt Ihr uns nicht einmal ein wenig Genuss?"
Da sagte Yüan-yang mit lächelndem Gesicht: „Was für eine Unverschämtheit, uns die Krabben wegzuessen!“ Phönixglanz lachte: „Mandarinenente, du kleines Spitzbein, du wirst wirklich immer schlimmer! Ich übernehme deinen Dienst, und anstatt mir dankbar zu sein, machst du mir Vorwürfe? Willst du mir nicht endlich einen Becher Wein einschenken?"
Hsi-fëng aber erwiderte ebenfalls lächelnd: „Spar dir deine Scherze mit mir! Du weißt doch, der junge Herr Liän hat sich in dich verliebt und will dich von der alten gnädigen Frau erbitten, um dich zu seiner Nebenfrau zu machen.“ Lächelnd goss Mandarinenente rasch einen Becher voll und hielt ihn Phönixglanz an die Lippen. Phönixglanz streckte den Hals und leerte ihn in einem Zug. Inzwischen hatte Friedchen schon ein fettes Stück gelben Krabbenrogen herausgelöst und brachte es ihr.
„Pfui!“ sagte Yüan-yang und spuckte aus. „So etwas sagt eine junge Herrin? Das wenigste ist, daß ich Euch meine Krabbenfinger ins Gesicht schmiere!“ Damit trat sie rasch näher und streckte die Hände nach Hsi-fëng aus. „Tüchtig Ingwer-Essig darüber!" verlangte Phönixglanz. Dann aß sie es und sagte lächelnd: „Setzt euch nur wieder und esst weiter — ich muss zurück."
„Liebste Schwester, verzeih mir dies eine Mal!“ bat Hsi-fëng. Hu-po aber bemerkte lächelnd: „Wird auch Ping-örl verzeihen, daß Yüan-yang zur Nebenfrau gemacht wird? Seht nur, sie hat noch keine zwei Krabben gegessen, aber ein ganzes Schälchen Essig verbraucht. Ohne Saures geht es bei ihr nicht.“ Mandarinenente rief lachend: „Was für eine Unverschämtheit, uns das Essen wegzuschnappen!"
Als Ping-örl, die eben eine fette Krabbe zerteilte, hörte, wie sie verspottet wurde, ging sie mit der Krabbe auf Hu-pos Gesicht los und schimpfte dabei lachend: „Dir werde ich helfen, du kleines Spitzbein mit deiner Lästerzunge!“ Phönixglanz erwiderte ebenfalls lachend: „Spar dir deine Scherze mit mir! Du weißt doch, dass dein Herr Kette Kaufmann[21] sich in dich verguckt hat und die alte gnädige Frau bitten will, dich ihm als Nebenfrau zu geben."
Ebenfalls lachend, wich Hu-po seitwärts aus, Ping-örls Hand mit der Krabbe fuhr ins Leere und traf Hsi-fëng genau auf die Wange. Hsi-fëng, die sich noch mit Yüan-yang neckte, schnellte erschrocken hoch und schrie: „O weh!“ Darüber brachen alle Anwesenden unwillkürlich in lautes Gelächter aus, und selbst Hsi-fëng konnte nicht an sich halten und mußte lachen, als sie Ping-örl ausschimpfte: „Du verflixte Hure! Hast du dich blindgefressen, daß du deiner Herrin das Gesicht verschmierst?“ „Pfui!" Mandarinenente spuckte empört aus. „So etwas sagt eine junge Herrin! Wenn ich Euch jetzt nicht meine nach Krabbe riechenden Finger durchs Gesicht schmiere, dann wäre ich keine Mandarinenente!" Und schon stürzte sie auf Phönixglanz zu.
Rasch trat Ping-örl zu Hsi-fëng heran, wischte ihr das Gesicht ab und ging dann selbst Wasser holen. Yüan-yang aber sagte: „Buddha Amitabha! Das war die Vergeltung!“ Phönixglanz flehte: „Liebste Schwester, verzeih mir dies eine Mal!"
Drinnen hatte die Herrzoginmutter den Lärm gehört und erkundigte sich nun gleich ein paarmal hintereinander: „Was ist denn passiert? Was war denn, daß ihr so fröhlich seid? Erzählt es uns, damit auch wir lachen können!“ Bernstein bemerkte lächelnd von der Seite: „Mandarinenente will sich rächen, aber wird Friedchen sie auch verschonen? Seht nur, sie hat keine zwei Krabben gegessen, aber ein ganzes Schälchen Essig ausgetrunken! Man kann wirklich nicht sagen, dass sie nicht sauer werden kann!" [22]
Sofort berichtete Yüan-yang laut und mit lachender Stimme: „Die Frau des zweiten jungen Herrn ist bei uns Krabben stehlen gekommen. Darüber ist Ping-örl in Wut geraten und hat ihr das ganze Gesicht mit Krabbenfett vollgeschmiert. Herrin und Sklavin lagen sich in den Haaren.“ Friedchen, die gerade eine fette, prall mit gelbem Rogen gefüllte Krabbe auseinanderbrach, hörte, wie sie so aufgezogen wurde, und ging mit der Krabbe in der Hand auf Bernsteins Gesicht los, wobei sie lachend schimpfte: „Dir werde ich's zeigen, du Lästerzunge, du kleines Spitzbein!"
Als die Herzoginmutter und Dame Wang das hörten, lachten sie ebenfalls, und die Herzoginmutter sagte: „Erbarmt euch doch und gebt ihr von den Krabbenbeinen und den Bauchpanzern etwas ab, und laßt es gut sein!“ Bernstein wich lachend zur Seite aus, und Friedchens Hand mit der Krabbe fuhr ins Leere, traf aber — als sie nach vorne stolperte — genau Phönixglanz' Wange. Phönixglanz, die sich gerade noch mit Mandarinenente geneckt hatte und nicht damit rechnete, schreckte auf, schrie „Au!" — und alle Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Selbst Phönixglanz konnte nicht anders und schimpfte lachend: „Du verflixtes Frauenzimmer! Hast du dich blindgefressen, dass du deiner eigenen Herrin das Gesicht vollschmierst?"
Lachend versprachen es Yüan-yang und die anderen, dann sagte Yüan-yang noch immer mit lauter Stimme: „Eßt nur ungeniert alle Krabbenbeine, die auf dem Tisch herumliegen, junge gnädige Frau!“ Friedchen eilte sofort herbei, wischte ihr das Gesicht ab und ging selbst Wasser holen. Mandarinenente sagte: „Amitabha Buddha! Das war die gerechte Vergeltung!"
Nachdem sich Hsi-fëng das Gesicht gewaschen hatte, ging sie wieder hinein, um der Herzoginmutter und den anderen noch einige Zeit aufzuwarten. Dai-yü, die sich nicht traute, viel von den Krabben zu essen, nahm sich nur ein wenig Fleisch von den Scheren, dann stand sie vom Tisch auf. Alle anderen gingen erst auseinander, als die Herzoginmutter nichts mehr aß. Sie wuschen sich die Hände, und anschließend sahen sich die einen die Blüten an, während andere im Wasser pantschten und nach den Fischen schauten. Drinnen hatte die Herzoginmutter den Lärm vernommen und erkundigte sich ein ums andere Mal: „Was ist da los? Was macht euch so fröhlich? Erzählt es uns, damit auch wir etwas zu lachen haben!"
So vergnügten sie sich noch ein Weilchen, dann erklärte Dame Wang der Herzoginmutter: „Hier ist es windig, alte gnädige Frau, außerdem habt Ihr eben Krabben gegessen. Darum ist es das Beste, wenn Ihr jetzt in Eure Räume zurückkehrt, um zu ruhen. Wenn Ihr Spaß daran hattet, können wir morgen noch einmal herüberkommen.“ Mandarinenente rief mit lauter Stimme und lachend hinüber: „Die Frau des zweiten jungen Herrn kam herüber, um uns die Krabben zu stibitzen! Da ist Friedchen in Zorn geraten und hat ihrer eigenen Herrin das ganze Gesicht mit Krabbenrogen vollgeschmiert! Herrin und Dienerin prügeln sich!"
„Du hast recht“, erwiderte die Herzoginmutter lächelnd, „ich dachte, euch macht es Freude, und wollte euch durch meinen Aufbruch nicht die Stimmung verderben. Aber wenn du es sagst, gehen wir jetzt!“ Dann wandte sie den Kopf nach Hsiang-yün und ordnete an: „Paß auf, daß dein Vetter Bau-yü und deine Kusine Dai-yü nicht zu viel von den Krabben essen!“ Als die Herzoginmutter und Dame Wang das hörten, lachten auch sie laut auf. Die Herzoginmutter sagte: „Erbarmt euch doch über sie! Gebt ihr von den Krabbenbeinen und den Bauchpanzern etwas ab, dann ist es gut."
Als Hsiang-yün es ihr versprochen hatte, befahl sie ihr und Bau-tschai dasselbe: „Auch ihr beide dürft nicht zu viel davon essen! Denn es schmeckt wohl gut, ist aber nichts Gutes. Wenn man zu viel davon ißt, bekommt man Bauchschmerzen!“ Lachend versprachen Mandarinenente und die anderen es, und Mandarinenente rief noch immer laut: „Die Krabbenbeinchen auf dem ganzen Tisch — die junge gnädige Frau darf ruhig zugreifen!"
Die beiden versprachen es sofort und geleiteten die Herzoginmutter zum Garten hinaus. Dann kamen sie zurück und befahlen, die Tische abzuräumen und neu einzudecken. Phönixglanz wusch sich das Gesicht und ging wieder hinein, um die Herzoginmutter und die anderen noch eine Weile zu bedienen. Kajaljade allein wagte nicht, viel von den Krabben zu essen; sie nahm sich nur etwas Scherenfleisch und verließ dann den Tisch.
„Die Tische brauchen nicht wieder gedeckt zu werden“, schlug Bau-yü vor. „Wir wollen doch Gedichte machen! Wir stellen den großen runden Tisch in die Mitte, und darauf kommen der Wein und die Speisen! Auch eine strenge Sitzordnung sparen wir uns! Wer essen möchte, geht an den Tisch und ißt, die anderen setzen sich hin, wo sie wollen. Ist das nicht viel besser?“ Als die Herzoginmutter schließlich nichts mehr aß, löste sich die Tafel auf. Alle wuschen sich die Hände, und dann besichtigten die einen die Blumen, während andere am Wasser standen und die Fische beobachteten, und so vergnügten sie sich noch ein Weilchen.
„Der Vorschlag ist ausgezeichnet!“ lobte Bau-tschai. Dame Wang wandte sich an die Herzoginmutter: „Hier weht ein frischer Wind, und Ihr habt eben erst Krabben gegessen, alte gnädige Frau. Es wäre wohl das Beste, wenn Ihr jetzt in Eure Gemächer zurückkehrt und Euch ausruht. Wenn Ihr Lust habt, können wir morgen wiederkommen."
„Das stimmt schon“, wandte Hsiang-yün ein, „aber die anderen sind auch noch da.“ Und sie befahl, noch einen zweiten Tisch zu decken, dann suchte sie heiße Krabben heraus und bat Hsi-jën, Dsï-djüan, Sï-tji, Dai-schu, Ju-hua, Ying-örl und Tsuee-mo, an diesem Tisch Platz zu nehmen. Unter den Duftblütensträuchern am Berghang ließ sie zwei bunte Teppiche ausbreiten und ordnete an, auch die alten Sklavinnen und die kleineren Sklavenmädchen sollten sich hinsetzen und ungeniert essen und trinken, bis man sie wieder rufen würde. Die Herzoginmutter lächelte: „Du hast ganz recht. Ich fürchtete nur, euch den Spaß zu verderben, wenn ich aufbreche. Aber wenn du es so sagst, dann gehen wir jetzt alle zusammen." Sie wandte sich an Wolkenkind: „Pass auf, dass dein Schatzjade-Vetter und deine Kajaljade-Schwester nicht zu viel von den Krabben essen!"
Anschließend holte Hsiang-yün das Blatt mit den Themen für die Gedichte und heftete es mit Nadeln an die Wand. Alle lasen und sagten dann: „Neuartig und ungewöhnlich sind die Themen schon, aber wir werden wohl kaum Gedichte darüber zustande bringen.“ Wolkenkind versprach es. Dann ermahnte die Herzoginmutter auch Wolkenkind und Schatzspange: „Auch ihr beide dürft nicht zu viel davon essen! Krabben schmecken zwar gut, aber sie sind schwer verdaulich. Isst man zu viel davon, bekommt man Bauchschmerzen!" Die beiden versprachen es sofort und geleiteten die Herzoginmutter bis vor den Garten. Dann kehrten sie zurück und ließen die Überreste der Tafel abräumen und frisch eindecken.
Hsiang-yün erläuterte noch, warum sie keinen Reim festgelegt hatte, worauf Bau-yü bemerkte: „Das ist das einzig Wahre! Ich habe für festgelegte Reime auch nichts übrig.“ Schatzjade schlug vor: „Wir brauchen gar nicht neu einzudecken! Wir wollen doch Gedichte schreiben. Stellt einfach den großen runden Tisch in die Mitte, Wein und Speisen darauf — und auf eine feste Sitzordnung verzichten wir! Wer essen möchte, geht hin und greift zu, die übrigen setzen sich, wo immer es ihnen beliebt. Ist das nicht viel zwangloser?"
Dai-yü, die sich aus Wein nicht viel machte und auch keine Krabben mehr essen wollte, ließ sich einen Porzellanhocker mit gesticktem Bezug an das Geländer stellen, setzte sich darauf und warf die Angel aus, um Fische zu fangen. Schatzspange stimmte zu: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag."
Bau-tschai hielt einen Zweig Duftblüten in der Hand, und nachdem sie sich eine Zeitlang daran erfreut hatte, lehnte sie sich gegen den Fenstersims, zupfte die Blüten ab und warf sie aufs Wasser, so daß die Fische hochstiegen, um danach zu schnappen. Wolkenkind wandte ein: „So weit, so gut — aber wir dürfen die anderen nicht vergessen." Sie ließ noch einen weiteren Tisch aufstellen und frische, heiße Krabben herausbringen, dann lud sie Dufthauch[23], Purpurkuckuck[24], Siqui[25], Daishu[26], Ruhua[27], Goldreifchen[28] und Tuschegrün[29] ein, sich gemeinsam an diesem Tisch niederzulassen. Unter den Duftblütensträuchern am Berghang ließ sie zwei bunt gemusterte Filzteppiche ausbreiten und befahl, auch die wartenden Bediensteten und die kleinen Dienstmädchen sollten sich setzen und nach Herzenslust essen und trinken — wenn man sie brauche, werde man sie rufen.
Hsiang-yün schaute ein Weilchen gedankenverloren vor sich hin, dann bediente sie eine Zeitlang Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen, die am Tisch saßen, und forderte schließlich auch die Leute vom Gesinde, die sich am Berghang niedergelassen hatten, noch einmal auf, tüchtig zuzugreifen. Dann holte Wolkenkind das Blatt mit den Gedichtthemen und heftete es mit Nadeln an die Wand. Alle lasen es und sagten: „Die Themen sind allerdings neu und ungewöhnlich — aber ob wir etwas Brauchbares darüber zustande bringen?" Wolkenkind erklärte noch einmal, warum sie auf einen festgelegten Reim verzichtet hatte.
Tan-tschun stand mit Li Wan und Hsi-tschun zwischen den herabhängenden Weidenzweigen und schaute nach den Möwen und Reihern, während Ying-tschun allein im Schatten der blühenden Bäume stand und mit einer Sticknadel Jasminblüten auffädelte. Schatzjade sagte: „Das ist die einzig richtige Vorgehensweise! Ich bin auch überhaupt kein Freund festgelegter Reime."
Bau-yü sah erst Dai-yü beim Angeln zu, anschließend schaute er einige Zeit mit Bau-tschai zusammen aufs Wasser und unterhielt sich dabei mit ihr, dann wieder leistete er Hsi-jën und den anderen Sklavenmädchen Gesellschaft, während sie Krabben aßen, und trank ihnen zuliebe einen Schluck Wein, Hsi-jën aber füllte für ihn einen Krabbenpanzer mit Fleischstückchen. Kajaljade, die nicht viel Wein trank und auch keine Krabben mehr essen wollte, ließ sich einen bestickten Porzellanhocker ans Geländer stellen, setzte sich darauf und griff nach der Angelrute, um Fische zu fangen.
Inzwischen legte Dai-yü die Angelrute fort, ging an den Tisch, griff nach einem Schwarzsilberkännchen mit Aprikosenblütenmuster und nahm sich einen winzigen Bananenblattbecher aus zierapfelblütenfarbigem Speckstein. Als die Sklavenmädchen sahen, daß Dai-yü Wein trinken wollten, traten sie schnell heran, um ihr einzugießen, aber Dai-yü sagte: „Geht ihr nur essen und laßt mich selber eingießen! So macht es erst den richtigen Spaß!“ Dann stellte sie fest, daß es Reiswein war, und sagte: „Ich habe zwar nur ein ganz kleines bißchen Krabbenfleisch gegessen, aber jetzt tut mir der Leib ein wenig weh. Ich muß einen Schluck heißen Branntwein trinken!“ Schatzspange hielt einen Zweig Duftblüten in der Hand und betrachtete ihn eine Weile, dann lehnte sie sich ans Fensterbrett, zupfte die Blütenblättchen ab und warf sie aufs Wasser, sodass die Fische hochstiegen und danach schnappten.
„Es ist welcher da!“ sagte Bau-yü sofort und befahl, es sollte ein Kännchen von dem mit Albizzienblüten angesetzten Branntwein heiß gemacht werden. Dai-yü trank nur einen Schluck davon und stellte den Rest wieder hin. Auch Bau-tschai kam herüber, suchte sich ebenfalls einen Becher aus und trank einen Schluck. Dann befeuchtete sie einen Schreibpinsel mit Tusche, trat vor die Wand, hakte das erste Thema – ‚Denken an Chrysanthemen‘ – ab und setzte das Schriftzeichen hëng für Haselwurz darunter. Wolkenkind schaute eine Weile gedankenverloren vor sich hin, bediente dann eine Zeitlang Dufthauch und die anderen Mädchen, die am Tisch saßen, und rief den Leuten am Berghang zu, sie sollten nur kräftig zugreifen.
„Liebste Kusine“, bat Bau-yü rasch, „ich habe schon vier Zeilen für das zweite Thema zusammen, überlaß das mir!“ Spürfrühling stand mit Li Schleierfrau und Bewahrfrühling im Schatten der Trauerweiden und beobachtete die Möwen und Reiher auf dem Wasser. Willkommensfrühling saß für sich allein im Blütenschatten und fädelte mit einer Sticknadel Jasminblüten auf.
„Warum so aufgeregt?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Ich habe ja auch erst dies eine Gedicht fertig.“ Schatzjade schaute eine Weile Kajaljade beim Angeln zu, lehnte sich dann an Schatzspanges Seite und plauderte ein paar Sätze mit ihr, ging darauf zu Dufthauch und den anderen, sah ihnen beim Krabbenessen zu und trank ihnen zuliebe ein, zwei Schlückchen Wein. Dufthauch löste ihm ein Stück Krabbenfleisch aus der Schale und reichte es ihm.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm Dai-yü ihr den Schreibpinsel aus der Hand und hakte das achte Thema – ‚Chrysanthemen befragen‘ – ab und anschließend auch das elfte – ‚Chrysanthementraum‘. Darunter setzte sie das Schriftzeichen hsiau aus ihrem Dichternamen Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß. Kajaljade legte die Angelrute beiseite, ging an den Tisch und griff nach einem Selbsteingieß-Kännchen aus geschwärztem Silber mit eingraviertem Aprikosenblütenmuster. Dann suchte sie sich einen winzigen Bananenblattbecher aus mit Speckstein in der Farbe gefrorener Zierapfelblüten. Als die Dienstmädchen sahen, dass Kajaljade Wein trinken wollte, kamen sie eilig herbei, um für sie einzugießen.
Jetzt griff auch Bau-yü nach dem Schreibpinsel und hakte das zweite Thema – ‚Chrysanthemen suchen‘ – ab, darunter setzte er das Schriftzeichen djiang – ‚rot‘. Kajaljade sagte: „Geht nur essen! Lasst mich mir selbst einschenken — so macht es erst richtig Spaß." Sie goss sich einen halben Becher ein und sah, dass es gelber Reiswein war. „Ich habe vorhin nur ein kleines bisschen Krabbe gegessen", sagte sie, „aber jetzt tut mir leicht der Leib weh. Ich müsste einen Schluck heißen Branntwein trinken."
Tan-tschun kam herüber, sah sich die Liste an und sagte: „Wenn keiner über das Thema ‚Chrysanthemen ins Haar stecken‘ schreiben will, werde ich es nehmen!“ Dann wies sie mit dem Finger auf Bau-yü und warnte ihn lächelnd: „Vorhin ist verkündet worden, daß auf keinen Fall Ausdrücke vorkommen dürfen, die aus den Mädchengemächern stammen. Also sei auf der Hut!“ Schatzjade rief sofort: „Es ist welcher da!" und befahl, man solle ein Kännchen von dem mit Albizienblüten[30] angesetzten Branntwein aufwärmen. Kajaljade trank nur einen Schluck davon und stellte den Rest hin.
Während sie das eben sagte, trat auch Hsiang-yün heran und hakte das vierte und das fünfte Thema – ‚Chrysanthemen zugewandt‘ und ‚Chrysanthemen aufstellen‘ – ab und setzte das Schriftzeichen hsiang aus ihrem Namen darunter. Schatzspange kam ebenfalls herüber, nahm sich einen eigenen Becher und trank einen Schluck. Dann befeuchtete sie den Schreibpinsel mit Tusche, trat an die Wand und hakte das erste Thema — „Erinnerung an Chrysanthemen" — ab. Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Heng"[31], ihren Dichternamen „Edle von Haselwurz".
„Du mußt dir auch einen Beinamen bilden“, verlangte Tan-tschun. Lächelnd erwiderte Hsiang-yün: „Es gibt zwar auch bei uns ein paar Gartenhäuser, aber ich wohne ja nicht darin, darum hat es keinen Sinn, wenn ich mich danach nenne.“ Schatzjade bat sogleich: „Liebste Schwester, das zweite Thema — dafür habe ich schon vier Verse zusammen. Überlass es mir, bitte!"
„Die alte gnädige Frau hat vorhin erzählt, es habe auch bei euch so einen Pavillon über dem Wasser gegeben, der ‚Halle, gebettet aufs Abendrot‘ hieß“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Hätte der dir vielleicht nicht gehören müssen? Heute gibt es ihn zwar nicht mehr, trotzdem bist du die eigentliche Herrin davon.“ Schatzspange lachte: „So eilig? Ich habe mit Mühe und Not erst dieses eine Gedicht fertig."
„Sie hat recht“, bestätigten alle, und ehe Hsiang-yün noch die Hand rühren konnte, hatte Bau-yü schon das Schriftzeichen hsiang übermalt und statt dessen das Schriftzeichen hsia – ‚Abendrot‘ – hingeschrieben. Kajaljade sagte nichts, nahm den Pinsel und hakte das achte Thema — „Chrysanthemen befragen" — ab, anschließend auch das elfte — „Chrysanthementraum". Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Xiao"[32] aus ihrem Dichternamen „Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang".
Jetzt dauerte es nur noch so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, da waren die zwölf Gedichte fertig. Jeder schrieb auf, was er verfaßt hatte, und übergab es Ying-tschun, die einen Bogen ‚Schneewellen‘-Zierpapier nahm und alles zusammen noch einmal abschrieb. Unter jeden Titel setzte sie den Dichternamen des Verfassers. Dann las Li Wan mit den anderen zusammen alles durch: Nun griff auch Schatzjade zum Pinsel und hakte das zweite Thema — „Chrysanthemen aufsuchen" — ab, mit dem Zeichen „Jiang"[33] für „Rot" darunter.
„Denken an Chrysanthemen Spürfrühling kam herbei, musterte die Liste und sagte: „Es will tatsächlich niemand über 'Chrysanthemen ins Haar stecken' schreiben? Dann übernehme ich das!" Dann wies sie mit dem Finger auf Schatzjade und warnte ihn lachend: „Vorhin wurde ausdrücklich verkündet, dass keinerlei Ausdrücke aus den Mädchengemächern vorkommen dürfen! Gib also acht!"
Edle von Haselwurz Während sie noch sprach, trat Wolkenkind heran und hakte auf einen Streich das vierte und das fünfte Thema — „Chrysanthemen zugewandt" und „Chrysanthemen aufstellen" — ab, mit dem Zeichen „Xiang"[34] darunter.
Im Westwind steh ich enttäuscht und betrübt; Spürfrühling sagte: „Du musst dir auch einen Dichternamen zulegen."
wird der Knöterich rot, bricht mir das Herz. Wolkenkind erwiderte lächelnd: „In unserem Haus gibt es zwar einige Pavillons und Gartenhäuser, aber ich wohne ja gar nicht darin. Mir einen solchen Namen zu borgen hätte keinen Reiz."
Kahl ragt im Garten der Bambuszaun auf, Schatzspange meinte lächelnd: „Vorhin hat die alte gnädige Frau erzählt, bei euch zu Hause habe es auch so einen Wasserpavillon gegeben, der 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' hieß. Gehörte der nicht eigentlich dir? Es gibt ihn heute zwar nicht mehr, aber trotzdem bist du seine einstige Herrin."
und nur der Traum bringt das Bild mir zurück. Alle stimmten zu. Noch ehe Wolkenkind die Hand rühren konnte, hatte Schatzjade bereits das Zeichen „Xiang" übermalt und stattdessen „Xia"[35] — „Abendrot" — hingeschrieben.
Weit fliegt mein Geist mit den Wildgänsen fort, Nun dauerte es nur noch so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, und alle zwölf Gedichte waren vollendet. Jeder schrieb das Seine auf und gab es Willkommensfrühling, die einen Bogen feinstes „Schneewellen"-Zierpapier[36] nahm und alles zusammen abschrieb, unter jedem Titel den Dichternamen des Verfassers.
höre ich einsam der Waschbleuel Schlag. Li Schleierfrau und die anderen begannen, die Gedichte von Anfang an durchzulesen:
Wie soll ich nun meine Sehnsucht stillen? Erinnerung an Chrysanthemen — Edle von Haselwurz[37]
Einziger Trost bleibt der kommende Herbst. Im Westwind steh ich betrübt, von Sehnsucht bedrängt;
Chrysanthemen suchen Wird der Knöterich rot und das Schilfgras weiß, bricht mir das Herz.
Ein Fürstensohn, der sich am Roten freut Im leeren Garten am alten Zaun ist keine Spur mehr vom Herbst,
Müßig durchschreit ich den reifklaren Tag, Doch der magere Mond und der kühle Reif wissen: Ich träume von dir.
anstatt bei den Bechern zu säumen. Mein Herz fliegt fort mit den Wildgänsen, Gedanke um Gedanke,
Wer hat da Blumen ins Mondlicht gepflanzt, Und einsam lausch ich am Abend dem Schlag der Waschbleuel.
wie kommen die Blüten hier an den Zaun? Wer hat Erbarmen mit mir und meiner gelben Blumenkrankheit?
Reich ist vergolten mein endloser Weg, Getrost! Zur Doppelneun-Feier sehen wir uns wieder.
froh klingt mein Lied in den frostigen Tag. Chrysanthemen aufsuchen — Fürstensohn, der sich am Roten freut[38]
Wenn auch die Blumen den Dichter verstehen, Müßig streif ich umher an einem reifklaren Tag,
war nicht umsonst das Geld für den Wein. Statt bei Arzneibecher und Weinpokal zu verweilen.
Chrysanthemen pflanzen Wer hat die Blumen dort im Mondlicht gepflanzt?
Ein Fürstensohn, der sich am Roten freut Am Zaun, am Geländer — wo kommt all dieser Herbst nur her?
Zur Hacke griff ich und setzte im Garten In Holzschuhen bin ich von weit her gewandert, tapp, tapp,
junge Pflänzchen am Zaun vor dem Hof. Und mein kühles Gedicht klingt nie aus, so endlos die Freude.
Vom Regen befeuchtet, wuchsen sie kräftig, Wenn die gelben Blumen den Dichter verstehen könnten,
blühn heute üppig inmitten von Reif. War nicht umsonst mein Geld für den Wanderstab.
Tausend Gedichte will ich euch singen, Chrysanthemen pflanzen — Fürstensohn, der sich am Roten freut[39]
spendiern einen Becher vom besten Wein. Mit der Hacke kam ich zum Herbstgarten und setzte sie um,
Werde euch gießen, werde euch hegen, Pflanzte sie sorgsam am Zaun und vor dem Haus.
werde euch schützen vor dem Staub dieser Welt. Unverhofft kam der Regen gestern Nacht — und sie wuchsen,
Chrysanthemen zugewandt Heute blühen sie fröhlich, noch immer bedeckt vom Reif.
Ein Freund, der sich aufs Abendrot bettet Tausend Gedichte sing ich zur Herbstesfarbe,
Köstlichste Blumen, kostbar wie Gold, Und ein Becher Wein sei dem kühlen Duft geweiht.
ein Busch so dunkel, einer so hell. Ich will sie gießen, die Erde häufen und sie hegen —
Barhäuptig will ich mich zu euch setzen, Auf dass der Gartenpfad frei bleibe von Staub und Getöse.
die Knie umfassend, sing ich ein Lied. Chrysanthemen zugewandt — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[40]
Wer auf der Welt ist stolzer als ihr! Kostbare Blüten, köstlicher als Gold,
Ich allein bin es, der euch versteht. Ein Busch ganz blass, ein anderer tief und dunkel.
Ich bleib euch treu, welkt ihr auch hin, Barhäuptig sitz ich am Zaun,
traure mit euch um die schwindende Zeit. Die Knie umfassend, summe ich ein Lied.
Chrysanthemen aufstellen Zählt man die Stolzen dieser Welt — keiner übertrifft euch;
Ein Freund, der sich aufs Abendrot bettet Seht euch um: Nur ich allein bin euer wahrer Freund.
Bei Musik und Wein als Partner Lasst das Herbstlicht nicht ungenutzt verrinnen,
steht die Zierde auf dem Tisch, Einander zugewandt, wollen wir jede Stunde schätzen.
duftet würzig-feucht herüber – Chrysanthemen aufstellen — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[41]
nur ein Stengel Herbstschönheit. Bei Saitenspiel und Wein — willkommener Gefährte! —
Bringt zur Nacht mir neue Träume, Steht ihr anmutig auf dem Tisch, ziert still den Raum.
mahnt mich an den alten Freund. Vom Nebensitz strömt feuchter Duft aus dem Gartenpfad herüber,
Unser Stolz ist uns gemeinsam, Ich lege das Buch beiseite — nur ein Stengel Herbstschönheit genügt.
nicht für uns ist Lenzesblühn. Im kühlen Reif bringt ihr mir neue Träume,
Lob der Chrysantheme Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten.
Die Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß Unser Stolz ist uns gemeinsam — wir sind eines Wesens;
Sie lockt zu dichten von früh bis spät, Kirsch- und Pflaumenblüte im Frühling — das ist nicht unsere Art.
Verse zu reimen vor Blumen und Fels. Lob der Chrysantheme — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[42]
Der Pinsel, er schreibt schon am reifkalten Morgen, Der Dichterdämon lockt mich, morgens und abends,
die Lippen, sie singen in mondheller Nacht. Am Zaun, am Felsen versinke ich in Verse.
Blatt für Blatt erzählt von Kummer, Der Pinsel entfaltet Schönheit und schreibt im Reif,
doch wer zeigt für Herbstleid Sinn? Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht.
Seit einstens Tau Tjiän Chrysanthemen pries, Blatt um Blatt ist nichts als stille Klage,
klingt laut dieses Lob bis zum heutigen Tag. Doch wer versteht das Herbstherz in einem einzigen Wort?
Chrysanthemen malen Seit einst Tao Yuanming sein Urteil sprach,
Edle von Haselwurz Hallt sein edles Lob bis zum heutigen Tag.
Eh‘ die Dichtlust mir vergangen, [43]
reißt es mich zu malen fort. Chrysanthemen malen — Edle von Haselwurz[44]
Dunkle Flecken sind die Blätter, Noch ehe die Dichtlust verebbt, greift die Hand schon zum Pinsel,
Blüten zieret weißer Reif. Nicht der schönen Farben wegen allein.
Schwarz die Schatten sich bewegen, Die Blätter spritzen aufs Papier wie tausend Tuschetupfer,
aus dem Bild strömt Herbstesduft, Die Blüten, eng gedrängt, tragen weißen Reifeshauch.
scheint wie frisch gepflückte Blumen, Im blass-dunklen Spiel erahnt man die Schatten im Wind,
tröstet mich zur Winterszeit. Lebendig springt der Herbstduft vom Handgelenk.
Chrysanthemen befragen Verwechselt dies nicht mit frisch gepflückten Blumen am Ostzaun —
Die Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß Aufgeklebt auf den Wandschirm tröstet es mich zum Doppelneunfest.
Auskunft über Herbstgedanken Chrysanthemen befragen — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[45]
suche ich am Blumenzaun: Ich forsche nach den Geheimnissen des Herbstes, doch keiner weiß Bescheid,
Wem gleicht ihr so stolz und edel? Leise murmelnd, die Hände auf dem Rücken, klopfe ich am Ostzaun an:
Warum blüht als letzte ihr? So stolz und edel — mit wem wollt ihr euch zurückziehen?
Fröstelt euch in Reif und Kälte? Gleich den anderen Blumen — warum blüht ihr so spät?
Grämt ihr euch beim Vogelzug? Im Gartentau, im Hofreif — ist euch nicht einsam?
Sagt mir nicht, ihr wäret einsam, Wenn die Gänse ziehen und die Grillen verstummen — fühlt ihr nicht Sehnsucht?
könnt ihr sprechen, sprecht mit mir! Sagt nicht, auf der ganzen Welt gebe es niemanden zum Reden —
Chrysanthemen ins Haar stecken Wenn ihr sprechen könnt, so sprecht ein paar Worte mit mir!
Ein Gast unter Bananen Chrysanthemen ins Haar stecken — Gast unter Bananenblättern[46]
Täglich breche ich mir Blüten, Täglich in Eile — hier Vasen füllen, dort Beete pflegen,
Stecke sie als Schmuck mir an. Die gebrochene Blüte steck ich mir an, und der Spiegel zeigt, wie sie steht.
Tau Tjiän war dem Wein ergeben, In Chang'an war einst ein junger Herr von Blumen besessen,
Du Mu war ein Blumennarr. Der Altmeister von Pengze war dem Wein verfallen.
Kalter Tau netzt meine Schläfen, Kalter Tau benetzt mir die kurzen Schläfen,
Herbstduft tränkt das Kopftuch mir. Herbstreif durchtränkt mein Kopftuch mit seinem Duft.
Fremd erscheint mein Tun der Menge. Solch edle Neigung ist dem gemeinen Auge fremd —
Lacht ihr nur am Wegesrand! Lasst sie nur lachen und spotten am Wegesrand!
Chrysanthemenschatten [47]
Ein Freund, der sich aufs Abendrot bettet Chrysanthemenschatten — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[48]
Herbstsonne zaubert Schatten hervor, Herbstlicht, Schicht um Schicht, übereinander,
die abends zögernd verblassen, Leise wandern die Schatten durch den Gartenpfad.
im Lampenlicht und im Mondenschein Im Fensterlicht zeichnet die ferne Lampe ihre Umrisse,
tanzen sie wieder von neuem, Durch den Zaun siebt sich der zerbrochene Mond, und ihr Bild wird filigran.
zeigen uns nur ein Trugbild, nicht mehr, Die kalte Seele scheint im Schein zu verweilen,
und sind doch die Seelen der Blumen. Im Reif bewahrt sich ein Geist — doch der Traum bleibt leer.
Gib acht und zertritt nicht die duftige Spur, Gebt acht und zertretet nicht die zarte Duftspur —
wenn trunkene Augen dich leiten. Welch trunkenes Auge erkennte im Dämmerlicht noch klar?
Chrysanthementraum Chrysanthementraum — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[49]
Die Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß Süß schlummert am Zaun die Herbstblume, frisch und klar,
Süß schläft im Herbst die Blume am Zaun, Ihr Geist folgt den Wolken und dem Mond, verschwommen.
ihr Geist folgt dem Mond und den Wolken. Sie träumt nicht wie Zhuangzi vom Schmetterling,
Sie träumt nicht wie Dschuang-dsï vom Schmetterling, Nein, nach dem alten Bund mit Tao Qian sucht sie.
sie geht nach Tau Tjiän auf die Suche. Einschlummernd folgt sie den Wildgänsen, die in der Ferne verschwinden,
Und schlummert sie ein bei der Wildgänse Ruf, Erwachend ärgert sie der Lärm der Herbstgrillen.
so weckt sie der Lärm der Zikaden. Wem soll sie klagen, wenn sie wieder bei sich ist?
Wem aber klagt sie erwachend ihr Leid?

Ringsum ist nur Öde und Leere.
Welkes Gras, kalter Rauch — grenzenlose Trauer.
Verwelkte Chrysanthemen

Ein Gast unter Bananen

Langsam sie neigen in Tau sich und Reif,

kaum daß es wintert und schneiet.
[50]
Noch sind sie duftig, blaß wird ihr Gold,

von den Stengeln löst sich das Grüne.
Verwelkte Chrysanthemen — Gast unter Bananenblättern[51]
Die Zikaden singen ihr Sterbelied, In Tau und Reif neigen sie sich, langsam welkend,
hoch am Himmel ziehn wilde Gänse. Kaum hat die kleine Schneezeit begonnen, neigt sich ihr Fest.
Übers Jahr bringt der Herbst uns ein Wiedersehn, Noch duftet der Stiel, doch blass wird das Gold,
laßt euch nicht durch die Trennung vergrämen.“ Von den Zweigen löst sich das letzte Grün.
Jedes Gedicht, das sie lasen, wurde sogleich gelobt, und die wechselseitigen Komplimente nahmen kein Ende. Im Mondlicht auf dem Bett klingen die Grillen müde,
„Wartet doch, bis ich mein Urteil fälle!“ mahnte Li Wan lächelnd. „Nachdem ich alles gelesen habe, muß ich sagen, daß jedem auf seine Art ein paar erstklassige Zeilen gelungen sind. Mein Urteil lautet so: Das beste Gedicht ist ‚Lob der Chrysantheme‘, an zweiter Stelle folgt ‚Chrysanthemen befragen‘ und an dritter Stelle ‚Chrysanthementraum‘. Am fernen Himmel ziehen die Wildgänse langsam dahin.
Die Themen sind neuartig, die Gedichte sind es auch, und erst recht ist es der Sinn, der hineingelegt wurde. Darum könnt ihr nicht böse sein, wenn ich die Kaiserin vom Hsiau-hsiang-Fluß zur Siegerin erkläre. Auf ihre Verse Im nächsten Herbst — wer weiß? — sehen wir uns wieder;
folgen als Nächste die Gedichte ‚Chrysanthemen ins Haar stecken‘, ‚Chrysanthemen zugewandt‘, ‚Chrysanthemen aufstellen‘, ‚Chrysanthemen malen‘ und ‚Denken an Chrysanthemen‘.“ Für diesen kurzen Abschied lasst euch nicht grämen!
Als Bau-yü das hörte, klatschte er vor Freude in die Hände und rief: „Vollkommen richtig! Höchst gerecht!“ Dai-yü aber wandte ein: „So gut sind meine Verse auch wieder nicht, ihr Fehler ist, daß sie ein wenig zu niedlich sind.“ Jedes Gedicht, das vorgelesen wurde, erntete sogleich Lob, und die gegenseitigen Komplimente nahmen kein Ende. Li Schleierfrau sagte lächelnd: „Wartet, bis ich mein gerechtes Urteil fälle. Im Ganzen betrachtet ist jedem auf seine Weise eine prächtige Zeile gelungen. Mein Urteil lautet: 'Lob der Chrysantheme' nimmt den ersten Platz ein, 'Chrysanthemen befragen' den zweiten und 'Chrysanthementraum' den dritten. Die Themen sind neu, die Gedichte sind neu, und der Sinn, der hineingelegt wurde, ist erst recht neu — da kann man nicht anders, als die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang zur Siegerin zu erklären! Danach folgen 'Chrysanthemen ins Haar stecken', 'Chrysanthemen zugewandt', 'Chrysanthemen aufstellen', 'Chrysanthemen malen' und 'Erinnerung an Chrysanthemen'."
„Niedlich sind sie“, pflichtete Li Wan ihr bei, „aber nicht steif und nicht überladen.“ Als Schatzjade das hörte, klatschte er vor Freude in die Hände und rief: „Genau richtig! Höchst gerecht!"
„Die beste Zeile ist meiner Meinung nach ‚Mahnt mich an den alten Freund‘“, sagte Dai-yü. „Sie schafft einen starken Kontrast. Schon vorher die Stelle ‚Nur ein Stengel Herbstschönheit‘ ist sehr treffend formuliert. Zuvor ist alles über das Aufstellen der Chrysanthemen gesagt, darum passen diese Worte nirgendwo anders hin. Danach kehren die Gedanken dorthin zurück, als die Blumen noch nicht gebrochen und aufgestellt waren. Darin liegt ein tiefer Sinn.“ Kajaljade aber wandte bescheiden ein: „So gut ist mein Vers auch wieder nicht. Im Grunde ist er etwas zu zierlich und gekünstelt."
„Das stimmt schon“, bestätigte Li Wan, „aber dein Ausdruck ‚singen in mondheller Nacht‘ übertrifft alles andere.“ Li Schleierfrau erwiderte: „Zierlich ist er, ja — aber auf eine gute Art, ohne Steifheit und ohne Überladung."
„Man muß aber einräumen, daß die Edle von Haselwurz mit den Worten ‚kahl ragt der Zaun‘ und ‚der Traum bringt‘s zurück‘ den Gedanken der Sehnsucht gut zum Ausdruck bringt“, meinte Tan-tschun. Kajaljade sagte: „Meiner Meinung nach ist die beste Zeile von allen 'Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten'. Das ist ein meisterhafter Kontrast. Schon die Zeile davor — 'Ich lege das Buch beiseite, nur ein Stengel Herbstschönheit genügt' — ist vollendet. Zuvor ist alles über das Aufstellen der Chrysanthemen gesagt, es gibt nichts mehr hinzuzufügen; deshalb kehren die Gedanken zurück zu dem Augenblick, als die Blumen noch nicht gebrochen und aufgestellt waren. Darin liegt ein tiefer Sinn."
„Und bei dir schildern die ‚taunassen Schläfen‘ und das ‚duftgetränkte Kopftuch‘ das Bild von Chrysanthemen im Haar bis ins letzte Detail“, erwiderte Bau-tschai darauf. Li Schleierfrau lächelte: „Das stimmt schon. Aber dein Vers 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht' steht dem in nichts nach."
„Mit den Fragen ‚Wem gleicht ihr so stolz?‘ und ‚Warum blüht ihr so spät?‘ werden die armen Chrysanthemen aber schön in die Enge getrieben“, scherzte Hsiang-yün. Spürfrühling fügte hinzu: „Man muss aber einräumen, dass die Edle von Haselwurz den Gedanken der Sehnsucht am tiefsten auslotete — 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es' bringen das Wort 'Erinnern' wunderbar zum Ausdruck."
„Na, wenn du dich ‚barhäuptig hinsetzt‘ und ‚die Knie umfassend‘ singst, ohne wieder wegzugehen, wird das den Blumen, wenn sie nur fühlen können, wohl auch lästig werden“, gab Li Wan zurück und brachte damit alle zum Lachen. Schatzspange erwiderte lachend: „Und bei dir schildern 'kalter Tau benetzt die Schläfen' und 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch' das Bild von Chrysanthemen im Haar so treffend, dass kein Spalt mehr offen bleibt."
„Und ich bin wieder mal durchgerasselt“, sagte Bau-yü. „Drückt denn ‚Wer hat gepflanzt?‘, ‚Wie kommen sie hierher?‘, ‚endloser Weg‘, ‚froh klingt mein Lied‘ nicht das Suchen aus? Sagt ‚vom Regen befeuchtet‘ und ‚blühen im Reif‘ etwa nichts über die Pflanzen? Nur darüber kann ich mich ärgern, daß ich den Ausdrücken ‚sing ich in mondheller Nacht‘, ‚die Knie umfassend, sing ich ein Lied‘, ‚Tau netzt die Schläfen‘, ‚Duft tränkt das Tuch‘, ‚blaß wird ihr Gold‘, ‚löst sich das Grün‘, ‚kahl ragt der Zaun‘, ‚der Traum bringt‘s zurück‘ nichts Gleichwertiges entgegensetzen konnte.“ Dann fügte er hinzu: „Wenn ich morgen Muße habe, schreibe ich noch einmal allein über alle zwölf Themen!“ Wolkenkind sagte: „'Mit wem wollt ihr euch zurückziehen?' und 'Warum blüht ihr so spät?' — damit werden die armen Chrysanthemen wirklich in die Enge getrieben, dass ihnen die Worte fehlen!"
„Auch deine Gedichte sind nicht schlecht“, tröstete ihn Li Wan. „Sie sind bloß nicht so originell wie die andern.“ Li Schleierfrau gab lachend zurück: „Na, wenn du dich 'barhäuptig am Zaun hinsetzt' und 'die Knie umfassend' singst und gar nicht mehr weggehen willst, dann wird das auch den Chrysanthemen, wenn sie fühlen könnten, allmählich lästig werden!" Alle lachten.
Nachdem sich alle noch ein Weilchen zu ihren Wertungen geäußert hatten, verlangten sie frische Krabben und aßen gemeinsam am großen runden Tisch. Plötzlich sagte Bau-yü: „Heute feiern wir die Duftblüten mit einem Krabbenessen, das muß ebenfalls besungen werden! Mein Gedicht ist schon fertig, wer hält noch mit?“ Und rasch wusch er sich die Hände, griff zum Pinsel und schrieb. Schatzjade seufzte lachend: „Und ich bin wieder einmal durchgefallen! Drücken denn 'Wer hat gepflanzt?', 'Wo kommt der Herbst her?', 'in Holzschuhen von weit her gewandert' und 'mein kühles Gedicht klingt nie aus' nicht das Suchen aus? Und sprechen 'unverhofft der Regen gestern Nacht' und 'heute blühen sie bedeckt vom Reif' nicht vom Pflanzen? Ich ärgere mich nur, dass meine Verse nicht aufkommen gegen 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht', 'Die Knie umfassend, summe ich ein Lied', 'Kalter Tau benetzt die Schläfen', 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch', 'blass wird das Gold', 'löst sich das Grün', 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es'." Dann fügte er hinzu: „Wenn ich morgen Muße habe, schreibe ich alle zwölf Themen noch einmal ganz allein!"
Alle schauten auf sein Blatt und lasen dort: Li Schleierfrau tröstete ihn: „Auch deine Gedichte sind gut — sie sind nur nicht ganz so originell wie die anderen."
„Krabbenfleisch schmeckt erst, wenn Duftblüten blühen, Nachdem sich alle noch eine Weile über ihre Beurteilungen ausgetauscht hatten, ließen sie frische heiße Krabben bringen und aßen gemeinsam am großen runden Tisch. Plötzlich sagte Schatzjade lächelnd: „Heute feiern wir die Duftblüten mit einem Krabbengelage — das muss ebenfalls besungen werden! Mein Gedicht ist schon fertig, wer traut sich noch?" Rasch wusch er sich die Hände, griff zum Pinsel und schrieb. Alle blickten auf sein Blatt und lasen:
mit Essig begossen, mit Ingwer bestreut. Beim Krabbenessen unter Duftblüten
Nun brauche ich Vielfraß noch Reiswein dazu, Beim Krabbenschmaus im kühlen Duftblüten-Schatten
dann schmaus ich, dann trink ich wie toll. Begieß ich sie mit Essig, würze sie mit Ingwer — welch ein Rausch!
Da schrecke ich auch nicht vor Bauchweh zurück Ein Vielfraß von Rang braucht Wein dazu,
und Fingern, die kleben von rötlichem Fett. Der freche Seitwärtsgeher aber hat kein Herz.
Man lebt nicht umsonst für solch Schlemmermahl, Die Kälte im Leib vergisst der Gierige,
wie recht hatte doch Su Dung-po!“ Die Finger riechen nach Fisch, selbst gewaschen noch duftend.
Lächelnd sagte Dai-yü: „Von solchen Gedichten kannst du hundert Stück haben, wenn du möchtest.“ Schon immer lebt der Mensch für die Freuden des Gaumens —
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Bau-yü: „Deine Inspiration ist für heute erschöpft, du kannst nichts mehr dichten, trotzdem mußt du andere herabsetzen!“ Hatte nicht Su Dongpo gelacht, ein Leben lang rührig zu sein?
Ohne ihm zu antworten und ohne auch nur nachzudenken, griff Dai-yü zum Schreibpinsel, und im Nu war ein Gedicht fertig. Die anderen lasen: [52]
„Noch im Tod mit Wehr und Harnisch Kajaljade sagte lächelnd: „Von solchen Gedichten könnte man hundert Stück haben."
locken Krabben auf dem Tisch. Schatzjade erwiderte ebenfalls lächelnd: „Deine Eingebung ist für heute erschöpft, du bringst nichts mehr zustande — und trotzdem musst du andere herabsetzen!"
Weißen Jade birgt ihr Panzer, Kajaljade antwortete nicht, besann sich auch keinen Augenblick, nahm den Pinsel und hatte im Nu ein Gedicht geschrieben. Die anderen lasen:
duftig riecht ihr rotes Fett. In Panzer und Lanze noch im Tode gerüstet,
Schmackhaft sind auch die acht Beine, Lockt ihr, auf dem Teller aufgetürmt, zum ersten Bissen.
reichlich trink ich Wein dazu. Die Scheren bergen zarten Jade, paarweise prall und voll,
Und vollendet wird der Festtag Aus dem Panzer duftet rotes Fett, Stück für Stück.
durch den Reif der Chrysanthem‘.“ Acht Beine, fleischig — man liebt euch nur mehr dafür,
Als Bau-yü das Gedicht zu Ende gelesen hatte und es nun lauthals lobte, zerriß Dai-yü das Blatt mit raschem Griff und reichte es dann einer Sklavin mit dem Befehl, es zu verbrennen. Dann wandte sie sich zu Bau-yü und sagte lächelnd: „Meines reicht an deines nicht heran, darum lasse ich es verbrennen. Aber deines ist gut, besser als deine Chrysanthemengedichte von vorhin. Heb es auf und zeig es den Leuten!“ Tausend Becher Wein — wer riet mir, so viel zu trinken?
„Ich habe mir auch etwas abgequält“, meldete sich jetzt lächelnd Bau-tschai zu Wort. „Es ist nicht unbedingt gut, aber ich will es aufschreiben, damit ihr etwas zu lachen habt!“ Mit diesen Worten griff sie zum Pinsel und schrieb. Alle anderen lasen mit: Zu solch edler Speise am Festtag erhoben,
„Unter den blühenden Bäumen zu prassen Streicht der Wind durch Duftblüten und die Chrysanthemen tragen Reif.
haben die Schlemmer von Tschang-an im Sinn. Schatzjade las und rief begeistert Bravo, doch Kajaljade riss ihm das Blatt aus der Hand, zerriss es und befahl einer Dienerin, die Fetzen zu verbrennen. Dann sagte sie lächelnd: „Mein Gedicht ist nicht so gut wie deines, darum lasse ich es verbrennen. Aber deines ist wirklich gelungen — besser sogar als deine Chrysanthemengedichte von vorhin. Heb es auf und zeig es den Leuten."
Ihr bornierten Seitwärtsgänger, Schatzspange meldete sich lächelnd: „Ich habe mir auch eines abgerungen. Es ist nicht unbedingt gut, aber ich schreibe es auf, damit ihr wenigstens etwas zum Lachen habt." Sie griff zum Pinsel und schrieb. Alle lasen mit:
Farbe heißt es jetzt bekannt!“ Unter Duftblüten und Paulownien den Becher erhoben —
Die anderen schrien vor Begeisterung auf, als sie bis hierher gelesen hatten, und Bau-yü sagte: „Das ist ein Spaß! Mein Gedicht werde ich auch verbrennen!“ Dann las er weiter: Die Schlemmer von Chang'an wässern sich den Mund zum Doppelneunfest.
„Heißer Reiswein würzt die Speise, Vor euch liegt ein Weg ohne Recht und ohne Ordnung,
Ingwerwurz hält Leibweh fern. Unter eurer Schale verbergt ihr Herbst und Frühling, nichts als Schwärze und Gelb.
Mitgegangen, mitgehangen, Als sie bis hierher gelesen hatten, riefen alle begeistert Bravo. Schatzjade sagte: „Großartig geschrieben! Mein Gedicht sollte ich auch verbrennen!" Dann las er weiter:
trübe sieht es für euch aus!“ Heißer Wein vertreibt den Fischgeruch — nimm noch Chrysanthemen dazu,
Als alle fertiggelesen hatten, sagten sie: „Das ist ein unübertreffliches Gedicht vom Krabbenessen. Solch tiefen Sinn in ein kleines Thema zu legen ist der Beweis für ein großes Talent. Aber dein Spott gegen die Zeitgenossen ist vielleicht ein bißchen zu giftig.“ Gegen die anstauende Kälte hilft gewiss der Ingwer.
In diesem Augenblick sahen sie, daß Ping-örl in den Garten zurückkam, und wußten nicht, was sie davon halten sollten. Nun aber seid ihr im Kessel gelandet — was nützt euch das alles noch?
Im nächsten Kapitel wird es erklärt. Am Mondufer bleibt nur der leere Duft von Hirse und Korn.
Als alle fertig gelesen hatten, sagten sie: „Das ist das unübertreffliche Gedicht zum Krabbenessen! Bei solch einem kleinen Thema einen tiefen Sinn zu verbergen — das zeugt von großem Talent. Allerdings ist der Spott über die Menschen der Gegenwart vielleicht ein wenig zu giftig."
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In diesem Augenblick sahen sie Friedchen wieder in den Garten zurückkehren. Was sie wollte, wird im nächsten Kapitel erzählt.

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  1. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
  2. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
  3. 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
  4. 王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.
  5. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
  6. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame Wang.
  7. Chin. 藕香榭
  8. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
  9. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
  10. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling" — Schatzjades zweite Schwester.
  11. 探春 Tànchūn, wörtl. „Spürfrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.
  12. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).
  13. 李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Perle Kaufmann, Schatzjades älteste Schwägerin.
  14. Chin. 赵姨娘
  15. Chin. 周姨娘
  16. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
  17. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein" — ein Dienstmädchen der Herzoginmutter.
  18. 彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Farbenwolke" — ein Dienstmädchen der Dame Wang.
  19. Chin. 彩云
  20. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
  21. Chin. 贾琏
  22. Das Wortspiel bezieht sich darauf, dass 'Essig trinken' (吃醋) im Chinesischen 'eifersüchtig sein' bedeutet — Bernstein stichelt, Friedchen sei eifersüchtig über die Scherze bezüglich Mandarinenentes Verheiratung an ihren Herrn.
  23. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
  24. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljade's treue Kammerzofe.
  25. Chin. 司棋
  26. Chin. 侍书
  27. Chin. 入画
  28. Chin. 莺儿
  29. Chin. 翠墨
  30. Chin. 合欢花
  31. Chin. 蘅
  32. Chin. 潇
  33. Chin. 绛
  34. Chin. 湘
  35. Chin. 霞
  36. Chin. 雪浪笺
  37. Chin. 蘅芜君
  38. Chin. 怡红公子
  39. Chin. 怡红公子
  40. Chin. 枕霞旧友
  41. Chin. 枕霞旧友
  42. Chin. 潇湘妃子
  43. Tao Qian (陶渊明/陶潜, 365–427), der berühmte Eremit und Dichter, der die Chrysantheme zum Symbol des Rückzugs und der Unbestechlichkeit erhob.
  44. Chin. 蘅芜君
  45. Chin. 潇湘妃子
  46. Chin. 蕉下客
  47. Chang'an war die alte Kaiserstadt. Der 'Altmeister von Pengze' ist wieder Tao Qian, der einst Bezirksvorsteher von Pengze war.
  48. Chin. 枕霞旧友
  49. Chin. 潇湘妃子
  50. Zhuangzi (庄子, ca. 369–286 v. Chr.), der daoistische Philosoph, der träumte, er sei ein Schmetterling, und nicht mehr wusste, ob er Mensch oder Falter war.
  51. Chin. 蕉下客
  52. Su Shi (苏轼/苏东坡, 1037–1101), einer der größten Dichter der Song-Dynastie, berühmt auch als Feinschmecker.
  53. Die verdeckte Satire kritisiert die korrupten Beamten und Höflinge, die — gleich den Krabben — hinter den Kulissen ihre eigennützigen Machenschaften betreiben und am Ende doch im 'Kochtopf' enden.