Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 67
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Kapitel 67: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 67.Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes,Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen. | Kapitel 67 |
| Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein. | 馈土物颦卿念故里 / 讯家童凤姐蓄阴谋 |
| Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!“ | Mitbringsel aus dem Süden wecken Kajaljades Heimweh; Phönixglanz erfährt das Geheimnis und sinnt auf Rache |
| Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.“ | Es wird erzählt, dass nach dem Selbstmord der Dritten Schwester You[1] die alte Frau You sowie die Zweite Schwester You, Schein Kaufmann-Echt[2], die Schwägerin You, Herrlichkeit Kaufmann[3], Jadeschale Kaufmann[4] und alle anderen, die davon erfuhren, untröstlich waren vor Kummer und Trauer — das versteht sich von selbst. Eilig ließen sie einen Sarg kaufen und die Tote einkleiden, um sie vor der Stadt zu bestatten. Was Liu Xianglian[5] betrifft: Nachdem er den Tod der Dritten Schwester gesehen hatte, war sein Herz noch immer von verwirrter Leidenschaft und törichter Anhänglichkeit erfüllt. Doch ein taoistischer Wandermönch durchbrach mit einigen Versen die Schranken seiner Verblendung, und er schor sich das Haar, entsagte der Welt und folgte dem verrückten Mönch davon — wohin, wusste niemand. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. |
| Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen. Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.“ Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“ „Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“ „Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan. „Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“ „Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.“ „Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen. |
Nun sei erzählt, dass Tante Schnee[6], als sie erfuhr, dass Xianglian sich bereits mit der Dritten Schwester You verlobt hatte, höchst erfreut war und fröhlich Pläne schmiedete, ihm ein Haus zu kaufen, die Ausstattung zu besorgen, die Mitgift herzurichten und einen glückverheißenden Tag für die Hochzeit auszuwählen — alles, um ihm seine Lebensrettung zu vergelten. Doch plötzlich erschien ein Hausbursche bei Tante Schnee und berichtete vom Selbstmord der Dritten Schwester You und von Liu Xianglians Eintritt ins Kloster. Tante Schnee seufzte tief. Während sie noch rätselte, was der Grund sein mochte, kam gerade Schatzspange[7] aus dem Garten herüber. Tante Schnee sprach zu ihr: „Mein Kind, hast du schon gehört? Die Schwester deiner Schwägerin Schein-Echt, die Dritte Schwester You — war sie nicht bereits dem Schwurbruder deines Bruders, Liu Xianglian, versprochen? Das war doch alles bestens. Aber nun hat sich die Dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, und Liu Xianglian ist ins Kloster gegangen. Wahrhaftig seltsame Dinge — wer hätte das gedacht!" Schatzspange hörte das gelassen an und sagte: „Das Sprichwort sagt es treffend: ‚Am Himmel ziehen unerwartete Wolken auf, und den Menschen droht jederzeit Unheil.'[8] Das war eben ihr Schicksal aus einem früheren Leben — sie waren nicht dazu bestimmt, Eheleute zu werden. Mama empfindet das so stark, weil er unserem Bruder das Leben gerettet hat, deshalb seufzt sie so. Wenn beide wohlauf wären, sollte Mama ihm natürlich helfen. Aber nun ist die eine tot und der andere ins Kloster gegangen — da können wir nichts tun, meiner Meinung nach. Mama sollte sich auch nicht so sehr grämen und die eigene Gesundheit schädigen. Übrigens — seit der Bruder vor zehn, zwanzig Tagen aus dem Süden zurückgekehrt ist, müssten die mitgebrachten Waren inzwischen wohl alle ausgeliefert sein. Die Handelsgehilfen, die ihn begleitet haben, haben monatelang Strapazen auf sich genommen. Mama sollte mit dem Bruder besprechen, ob man sie nicht zu einem Essen einladen und ihnen danken sollte. Sonst sieht es aus, als wären wir unhöflich." |
| Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.“ „Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“ „Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä. |
Während Mutter und Tochter noch sprachen, trat Becken Schnee[9] von draußen herein, die Augen noch feucht von ungetrockneten Tränen. Kaum durch die Tür, schlug er die Hände zusammen und rief seiner Mutter zu: „Mama, hast du schon von Bruder Liu und der Dritten Schwester You gehört?" Tante Schnee sagte: „Ich habe es im Garten reden gehört und war gerade dabei, es mit deiner Schwester zu besprechen." Becken Schnee sagte: „Ist das nicht höchst seltsam?" Tante Schnee sagte: „Dieser Herr Liu — ein so junger, kluger Mensch, wie konnte er nur in einer Anwandlung von Verwirrung einem Wandermönch folgen? Ich denke, er muss in einem früheren Leben bereits ein Mensch mit tiefen karmischen Wurzeln gewesen sein, weshalb er so leicht empfänglich war für die Worte der Erleuchtung. Bedenke, dass ihr gute Freunde wart und er weder Eltern noch Geschwister hat, ganz allein hier — du solltest überall nach ihm suchen. So ein verrückter hinkender Mönch kann doch nicht weit gekommen sein! Wahrscheinlich versteckt er sich in irgendeinem Tempel in der Nachbarschaft." |
| Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren. Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“ „Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.“ „Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd. Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben bestellen, ich hätte die Sachen bekommen, die Leute könnten jetzt gehen!“ „Was sind das für Sachen, daß sie so verpackt und verschnürt sind?“ wollten Tante Hsüä und Bau-tschai nun wissen. Also ließ Hsüä Pan zwei von den Sklavenjungen hereinkommen, und als sie die Stricke aufgeschnürt, die Verschalungen entfernt und das Schloß aufgesperrt hatten, sah man, daß in der ersten Kiste Atlas, Brokat und andere Seidenstoffe, überseeische Waren und weitere Dinge lagen, wie man sie ständig im Haushalt braucht. Dann sagte Hsüä Pan lächelnd: „Die zweite Truhe ist für dich, Schwester.“ Und er öffnete diese Truhe selbst. |
Becken Schnee sagte: „Natürlich! Sobald ich die Nachricht hörte, bin ich mit meinen Burschen überall suchen gegangen — keine Spur von ihm. Ich habe auch Leute gefragt — alle sagten, sie hätten nichts gesehen. Da wusste ich mir keinen Rat mehr und habe nur noch gen Nordwesten geschaut und bitterlich geweint." Dabei wurden seine Augenränder schon wieder rot. Tante Schnee sagte: „Wenn du gesucht hast und ihn nicht findest, hast du deine Pflicht als Freund erfüllt. Wer weiß — vielleicht hat ihm der Eintritt ins Kloster Gutes gebracht? Grüble nicht zu viel. Erstens solltest du dich um die Geschäfte kümmern, und zweitens die Vorbereitungen für deine eigene Hochzeit vorantreiben. In unserem Haus fehlt es an Leuten — da gilt das Sprichwort: ‚Der dumme Spatz muss früh losfliegen'[10], damit nicht in letzter Minute alles durcheinandergerät und die Leute lachen. Außerdem hat deine Schwester eben gesagt, du bist schon über einen halben Monat zurück, die Waren müssten verteilt sein, und du solltest die Handelsgehilfen zu einem Festessen einladen und ihre Mühen belohnen. Sie mögen zwar bei uns in Lohn und Brot stehen, aber sie sind doch auch Außenstehende, haben dich ein-, zweitausend Li weit begleitet und vier, fünf Monate lang Strapazen ertragen — und unterwegs noch so manche Gefahr und Last für dich auf sich genommen." Becken Schnee hörte das und sagte: „Mama hat recht, Schwester denkt an alles. Ich hatte es genauso vor, nur war ich in den letzten Tagen mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass mir der Kopf schwirrte. Und dann die Sache mit Bruder Lius Hochzeit — wieder einige Tage vertan, alles umsonst, die eigentlichen Dinge vernachlässigt. Gut, dann setzen wir es auf morgen oder übermorgen an und verschicken die Einladungen." |
| Hier erblickten Mutter und Tochter Schreibpinsel, Tusche, Papier, Tuschereibsteine, verschiedenartiges Zierpapier, Riechbeutelchen, Perlenschnüre aus Duftholz, Fächer, Fächeranhänger, Blütenpuder, Rouge und so weiter, außerdem Trinkspiele und automatische Puppen, die Hsüä Pan vom Tigerhügel mitgebracht hatte, kobolzschießende Knabenfigürchen, die eine Quecksilberfüllung hatten, ‚Sandlampen‘, die außen mit Figuren verziert waren, deren papierne Köpfe und Gliedmaßen zu zucken begannen, wenn man die ‚Lampe‘ bewegte und dadurch den Sand, der darin war, in Bewegung brachte, mit blauer Seide bezogene Schachteln voller Tonfigürchen, die ganze Theatertruppen bildeten, und schließlich eine Tonstatuette, die Hsüä Pan am Tigerhügel von sich hatte anfertigen lassen und die ihm auch aufs Haar glich. Dieser Statuette galt Bau-tschais ganze Aufmerksamkeit, kaum daß sie sie erblickt hatte, während alles andere sie gleichgültig ließ. Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, danach betrachtete sie ihren Bruder und konnte sich schließlich das Lachen nicht verbeißen. Dann erteilte sie Ying-örl den Auftrag, zusammen mit einigen alten Sklavenfrauen alles hinüber in den Garten zu bringen, einschließlich der Truhe. Sie selbst kehrte erst dorthin zurück, nachdem sie noch ein Weilchen mit Mutter und Bruder geplaudert hatte. Inzwischen nahm Tante Hsüä Stück für Stück aus der Truhe, die sie bekommen hatte, teilte alles sorgfältig ein Portionen ein und ließ diese von Tung-hsi zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den anderen tragen. Doch davon braucht hier nicht erzählt zu werden. |
Tante Schnee sagte: „Kümmere dich darum." Noch bevor sie ausgesprochen hatte, meldete ein Hausbursche von draußen: „Der Gehilfe des Oberbuchhalters Zhang hat zwei Kisten schicken lassen. Er sagt, das seien Dinge, die der junge Herr privat gekauft hat und die nicht in den Warenkonten stehen. Er wollte sie schon früher bringen, aber die Warenkisten lagen darauf. Gestern, als die Waren alle ausgeliefert waren, konnte er sie endlich herausnehmen, deshalb schickt er sie erst heute." Während er noch sprach, trugen zwei Burschen zwei große, mit Leisten zusammengehaltene Palmfaserkisten herein. Becken Schnee schlug sich an die Stirn: „Ach du meine Güte, wie konnte ich nur so vergesslich sein! Die Dinge, die ich eigens für Mama und Schwester mitgebracht habe, habe ich ganz vergessen und nicht nach Hause geholt — die Gehilfen mussten sie mir nachschicken!" Schatzspange sagte: „Du sagst, du hättest sie ‚eigens' mitgebracht — und dann lässt du sie zehn, zwanzig Tage liegen. Wenn du sie nicht ‚eigens' mitgebracht hättest, hätten sie wohl bis Jahresende hier gelegen! Du achtest wirklich auf gar nichts." Becken Schnee lachte: „Vermutlich haben mir die Räuber unterwegs den Verstand aus dem Leib erschreckt, und er ist noch nicht zurückgekehrt." |
| Als Bau-tschai wieder in ihren Räumen war, ließ sie all die Mitbringsel Revue passieren. Alles, was sie nicht selber gebrauchen wollte, stellte sie portionsweise zusammen: für die eine Schreibpinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein, für eine andere Riechbeutelchen, Fächer und Duftholzanhänger, für eine weitere Rouge, Puder und Haaröl und für manche auch nur etwas von den Spielsachen. Einzig Dai-yü wurde anders bedacht als die übrigen und bekam auch eine doppelte Portion. Nachdem Bau-tschai mit der Einteilung fertig war, ließ sie alles durch Ying-örl und eine alte Sklavin, die ihr folgen mußte, nach den einzelnen Wohnstätten tragen. Jedes der Mädchen nahm seine Geschenke entgegen, belohnte die Botinnen mit einem Trinkgeld und kündigte an, sich beim nächsten Wiedersehen persönlich zu bedanken. Nur Dai-yü wurde durch den Anblick der Mitbringsel aus ihrer Heimat schmerzlich berührt. Sie mußte daran denken, daß ihre Eltern beide tot waren, daß sie keine Geschwister hatte und daß sie nur als Gast bei Verwandten lebte. „Für mich wird nie jemand etwas mitbringen, das aus meiner Heimat stammt!“ sagte sie sich, und unversehens wurde sie wieder einmal vom Kummer überwältigt. Dsï-djüan kannte sich zutiefst in allen Gefühlsregungen von Dai-yü aus, wagte es aber nicht, ihr das zu verraten, und redete ihr nur zu: „Ihr leidet an vielerlei Krankheiten, Fräulein, und müßt früh und spät Medikamente einnehmen, auch wenn es in den letzten Tagen so aussah, als ob es Euch schon ein bißchen besser ginge. Selbst wenn Euer Lebensmut ein wenig gewachsen ist, seid Ihr doch noch nicht wieder ganz gesund. Jetzt hat Euch Fräulein Bau-tschai diese Geschenke bringen lassen, ein Beweis dafür, wie hoch sie Euch schätzt. Eigentlich müßtet Ihr Euch beim Anblick dieser Sachen freuen, statt dessen seid Ihr betrübt. Habt Ihr Euch etwa geärgert, weil Fräulein Bau-tschai Euch beschenkt hat? Es wäre ihr sicher peinlich, wenn sie das erführe. Zum andern sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau mit allen Mitteln bemüht, gute Ärzte zu finden, die Euch untersuchen und behandeln, damit Ihr wieder gesund werdet. Aber fügt Ihr Eurem Körper nicht selber Schaden zu, wenn Ihr jetzt weint und heult, kaum daß es Euch ein bißchen besser geht? Würde es nicht der alten gnädigen Frau neuen Kummer bereiten, wenn sie Euch so sähe? Zumal Eure Krankheit daher rührt, daß Ihr Euch immer traurige Gedanken macht und Eure Lebenskraft dadurch geschädigt habt. Ihr dürft Euren kostbaren Körper nicht selber geringschätzen, Fräulein!“ |
Alle lachten, und dann sagte er zu dem Burschen: „Die Sachen sind angenommen, sie können gehen." Tante Schnee und Schatzspange fragten neugierig: „Was sind das für kostbare Dinge, so verschnürt und verklammert?" Man ließ die Seile durchschneiden, die Leisten abnehmen und die Schlösser öffnen. Darin fanden sich Seidenstoffe, Brokat, Damast und ausländische Waren — alles nützliche Dinge für den Hausgebrauch. Nur in Schatzspanges Kiste gab es neben Pinseln, Tusche, Reibsteinen, buntem Briefpapier, Duftsäckchen, Duftperlen, Fächern, Fächeranhängern, Puder, Rouge und Haaröl noch allerlei Mitbringsel vom Tigerberg[11]: mechanische Figürchen, Trinkspiel-Lose, mit Quecksilber gefüllte Purzelbäumchen-Männchen, Sandlampen und ganze Szenen aus Tonfiguren, in mit grüner Gaze bespannten Kästchen aufbewahrt. Außerdem ein Abbild von Becken Schnee selbst, aus Ton geformt und ihm aufs Haar gleichend, sowie viele weitere kleine Spielereien. Schatzspange war hocherfreut, rief ihr Dienstmädchen und wies sie an: „Trag diese Kiste in den Garten hinein — von dort aus kann ich gleich die Geschenke an die anderen verteilen." Damit verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und ging in den Garten. Tante Schnee ihrerseits nahm die Dinge aus ihrer Kiste heraus, teilte sie sorgfältig ein und ließ sie durch das Mädchen Tongxi zur Herzoginmutter[12] und Frau Wang[13] und den anderen bringen. |
| Während sie so auf Dai-yü einredete, hörte sie, wie eines der kleineren Sklavenmädchen vom Hof her meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“ „Tretet ein, junger Herr!“ sagte Dsï-djüan sofort. Schon trat Bau-yü ins Zimmer, und als Dai-yü ihn aufforderte, Platz zu nehmen, sah er, daß ihr ganzes Gesicht mit Tränenspuren bedeckt war. Darum fragte er: „Wer hat dich wieder einmal geärgert, Kusinchen?“ „Wer ärgert sich denn?“ erwiderte Dai-yü und zwang sich zu einem Lächeln. Dsï-djüan, die neben ihr stand, wies mit dem Kinn nach dem Tisch hinter dem Bett. Bau-yü verstand, wie das gemeint war, warf einen Blick hinüber, und als er der vielen Dinge gewahr wurde, die dort aufgehäuft lagen, war ihm klar, daß es sich um die Geschenke von Bau-tschai handeln mußte. „Willst du einen Gemischtwarenladen aufmachen mit all diesen Sachen?“ scherzte er. |
Nun sei erzählt, dass Schatzspange die Kiste in ihr Zimmer bringen ließ, jedes Stück einzeln durchsah und — abgesehen von dem, was sie selbst behielt — alles sorgfältig in Päckchen einteilte: Für die einen Pinsel, Tusche, Papier und Reibsteine; für die anderen Duftsäckchen, Fächer und Fächeranhänger; wieder für andere Rouge und Haaröl; und für manche nur Spielsachen — je nach Person bemessen. Nur Kajaljade[14] erhielt ein doppelt so reiches Päckchen wie alle anderen. Als alles fertig eingepackt war, schickte sie Oriölchen[15] zusammen mit einer alten Dienerin los, die Geschenke überallhin zu überbringen. |
| Aber Dai-yü antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Dsï-djüan mit lächelnder Miene: „Weil Ihr eben diese Sachen erwähnt – kaum daß Fräulein Bau-tschai sie bringen ließ, hat sich unser Fräulein betrübt. Ich war gerade dabei, ihr gut zuzureden, und Ihr kommt eben recht, um mir dabei zu helfen.“ Bau-yü wußte genau, warum Dai-yü sich grämte, aber er wagte nicht, davon anzufangen, und so sagte er lächelnd: „Wahrscheinlich hat euer Fräulein keinen anderen Grund, sich zu ärgern und zu betrüben, als den, daß Fräulein Bau-tschai ihr zuwenig geschickt hat. – Mach dir keine Sorgen, Kusinchen! Nächstes Jahr werde ich jemand in den Süden schicken und dir zwei reichliche Schiffsladungen mitbringen lassen, damit du nicht zu weinen brauchst.“ Als Dai-yü das hörte, war sie sich darüber im klaren, daß Bau-yü sie aufheitern wollte, und da sie ihm keine Abfuhr erteilen wollte, aber auch sein Gerede nicht ertragen konnte, sagte sie: „Ich mag mich nicht auskennen in der Welt, aber so wenig denn doch nicht, daß es mich ärgern und betrüben würde, wenn ich nicht genug geschenkt bekomme. Außerdem bin ich kein Kleinkind, und du hältst mich wohl für gar zu engherzig. Ich habe meine Gründe, aber was weißt denn du davon!“ Und schon begannen ihr wieder die Tränen zu fließen. |
Li Schleierfrau[16], Schatzjade[17] und die anderen nahmen die Geschenke entgegen, belohnten die Botin und ließen ausrichten, sie würden sich beim nächsten Treffen persönlich bedanken — das Übliche eben. Nur Kajaljade — als sie die Dinge aus der Heimat am Jangtse erblickte, wurde sie von Wehmut übermannt und musste an ihre Eltern denken. Vor den Mitbringseln stehend, vergoss sie Tränen und seufzte still bei sich: „Ich bin eine Tochter des Südens. Vater und Mutter sind beide tot, Geschwister habe ich keine — ganz allein lebe ich hier bei meiner Großmutter mütterlicherseits, dazu noch ständig krank. Außer der Herzoginmutter, der Tante und den Schwestern, die nach mir schauen, gibt es keinen einzigen Verwandten mit dem Namen Lin, der mich besuchen und mir Heimatgeschenke mitbringen könnte — damit ich auch einmal etwas verschenken und das Gesicht wahren könnte. Man sieht: Wer keine nächsten Blutsverwandten hat, dem bleibt nur Einsamkeit, Kälte und Trostlosigkeit!" Bei diesen Gedanken überwältigte sie der Kummer. |
| Rasch trat Bau-yü nun an das Bett, setzte sich neben Dai-yü und nahm die Sachen Stück für Stück in die Hand, um sie hin und her zu wenden und genau zu betrachten. Dabei fragte er absichtlich: „Was ist das hier?... Wie nennt man das?... Woraus ist das gemacht, daß es so niedlich aussieht?... Und was ist das? Wozu dient das?“ Dann wieder schlug er vor: „Das könntest du dir so hinstellen, daß du es immer vor Augen hast. Und das hier könntest du schön als Antiquität auf das schmale Tischchen stellen.“ So redete er in einem fort Belanglosigkeiten, bis es Dai-yü nicht mehr aushielt und sagte: „Spar dir dein Geschwätz! Gehen wir zu Kusine Bau-tschai hinüber!“ Nichts hatte Bau-yü sehnlicher gewünscht, als daß Dai-yü das Haus verlassen, ihre Laune abreagieren und ihren Kummer zerstreuen würde, darum sagte er: „Ja, wir müssen uns für die Geschenke bedanken gehen, die Kusine Bau-tschai uns geschickt hat!“ „Das ist unter den Kusinen eines Hauses nicht nötig“, widersprach Dai-yü. „Aber bestimmt hat Vetter Pan ihr viel von den alten Sehenswürdigkeiten im Süden erzählt, das will ich mir anhören, und es wird sein, als ob ich selbst eine Reise nach Hause machte.“ Bei diesen Worten röteten sich ihre Augenränder schon wieder, also stand Bau-yü wirklich auf, und nun blieb Dai-yü nichts weiter übrig, sie mußte mit ihm hinausgehen und Bau-tschai einen Besuch abstatten. Indessen hatte Hsüä Pan, wie seine Mutter es verlangt hatte, rasch Einladungen geschrieben und befohlen, eine Weintafel herzurichten. Als am nächsten Tag die vier Gehilfen, die er eingeladen hatte, alle beisammen waren, drehte sich das Gespräch, wie nicht anders zu erwarten, zunächst um Kauf und Verkauf, Rechnungsführung und Warenversand. Bald aber bat Hsüä Pan seine Gäste, sie sollten an der Tafel Platz nehmen, und goß ihnen der Rangfolge nach Wein ein. Auch Tante Hsüä schickte jemanden hinaus, um ihre Dankesworte zu übermitteln. Als alle tranken und plauderten, bemerkte einer der Gehilfen: „Hier fehlen zwei gute Freunde.“ Alle fragten wie aus einem Munde, wen er meinte, und darauf erwiderte er: „Wen anders als den jungen Herrn Djia Liän aus dem Anwesen der Djias und den Schwurbruder unseres gnädigen Herrn, den jungen Herrn Liu!“ |
Purpurkuckuck[18], die Kajaljade seit vielen Jahren bediente und ihr Tag und Nacht zur Seite stand, kannte das Innere ihrer Herrin nur zu gut: Der Anblick der Heimatgaben hatte ihr Herz berührt und die Sehnsucht nach den Eltern geweckt. Doch sie wagte es nicht, dies offen auszusprechen, und tröstete sie nur von der Seite: „Das Fräulein ist ohnehin viel krank und nimmt morgens und abends noch Medizin. In den letzten Tagen schien es etwas besser — ein wenig mehr Appetit, ein wenig mehr Kraft —, aber von wirklicher Genesung kann noch keine Rede sein. Heute schickt Fräulein Schatzspange diese Geschenke — das zeigt, wie sehr sie das Fräulein schätzt. Das Fräulein sollte sich freuen! Warum wird sie stattdessen traurig? Wenn Fräulein Schatzspange erfährt, dass ihre Geschenke statt Freude nur Kummer gebracht haben — wie peinlich wäre das! Und dann bedenke das Fräulein: Die Herzoginmutter und die Gnädigen Frauen haben mit allen Mitteln die besten Ärzte bestellt, um die Krankheit des Fräuleins zu heilen. Kaum geht es etwas besser, und das Fräulein weint wieder — ist das nicht, als verdürbe man sich selbst den Leib und wollte die Herzoginmutter nicht froh sehen? Die Krankheit des Fräuleins kommt doch gerade von zu vielen Sorgen und zu viel Kummer, die das Blut und die Lebenskraft geschädigt haben. Der kostbare Leib des Fräuleins darf nicht so leichtfertig behandelt werden." |
| Nun erinnerten auch sie sich und fragten Hsüä Pan: „Warum habt Ihr die beiden jungen Herren nicht ebenfalls eingeladen?“ | Gerade als Purpurkuckuck noch auf Kajaljade einredete, hörte man ein kleines Dienstmädchen draußen im Hof rufen: „Der Zweite junge Herr Bao kommt!" Purpurkuckuck rief eilig: „Bittet ihn schnell herein!" |
| Hsüä Pan zog die Brauen zusammen und antwortete seufzend: „Der junge Herr Djia ist noch einmal nach Ping-an unterwegs und erst vor zwei Tagen aufgebrochen. An den jungen Herrn Liu aber darf ich gar nicht denken. Denn mit ihm ist es wirklich die merkwürdigste Sache von der Welt. Er ist überhaupt kein junger Herr mehr, vielmehr lebt er jetzt irgendwo als ein Jünger des Dau.“ „Wie das?“ fragten alle verwundert, und Hsüä Pan erzählte ihnen von Anfang bis Ende, was sich mit Liu Hsiang-liän zugetragen hatte. Nun waren sie erst recht entsetzt und verwundert, und einer von ihnen sagte: „Da ist es kein Wunder, daß auch wir neulich im Geschäft mit halbem Ohr gehört haben, wie die Leute aufgeregt erzählten, ein Dauistenpriester habe mit ganz knappen Worten jemand auf den Pfad der Erkenntnis gebracht. Außerdem hieß es, ein Windstoß habe die beiden fortgetragen. Unklar blieb nur, wer es gewesen ist. Wir waren ja damit beschäftigt, die Waren zu verschicken, und hatten natürlich keine Zeit, uns näher zu erkundigen. Bis heute waren wir noch halbwegs im Zweifel, ob die Geschichte wahr sei. Wer hätte gedacht, daß es sich um den jungen Herrn Liu handelte! Hätten wir das gleich gewußt, dann hätten wir ihm alle gut zureden müssen, um ihn, koste es was es wolle, von diesem Schritt abzuhalten...“ |
Kaum hatte sie ausgesprochen, trat Schatzjade schon ins Zimmer. Kajaljade bot ihm einen Platz an. Als Schatzjade sah, dass ihr Gesicht tränennass war, fragte er: „Schwester, wer hat dich wieder gekränkt? Deine Augen sind ja ganz rot geweint — was ist denn los?" Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wies mit dem Kinn zum Bett hin. Schatzjade verstand, blickte zum Bett und sah dort allerlei Dinge aufgehäuft — sofort erkannte er, dass es Schatzspanges Geschenke waren. Er lachte und neckte: „Feine Sachen! Will die Schwester etwa einen Gemischtwarenladen aufmachen? Wozu liegen die alle hier herum?" Kajaljade beachtete ihn nicht. Purpurkuckuck sagte: „Der Zweite Herr spricht noch von den Sachen! Fräulein Schatzspange hat einige Dinge geschickt, und kaum hat unser Fräulein sie angesehen, brach sie in Tränen aus. Ich rede ihr gut zu und schlecht zu — nichts hilft. Und gerade nach dem Essen! Wenn sie weiter weint und sich den Magen verdirbt und die alte Krankheit zurückkehrt — die Herzoginmutter wird uns den Kopf abreißen! Dass der Zweite Herr kommt, ist ein Glück — helft uns ein wenig beim Trösten." |
| „Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter“, warf einer der Gehilfen ein. Und als die anderen fragten, was er damit meinte, erklärte er: „Wendig, wie er ist, muß sich der junge Herr Liu dem Dauistenpriester ja nicht wirklich angeschlossen haben. Er verstand sich doch ein wenig auf die Kunst, mit den Waffen umzugehen, und besaß auch Kraft. Wer weiß, ob er nicht die Hexereien dieses Dauisten durchschaute und nur zum Schein mitgegangen ist, um in Wirklichkeit mit ihm abzurechnen!“ „Wenn dem wirklich so wäre, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen“, sagte Hsüä Pan. „Warum sollte sich nicht jemand finden, der einmal mit diesen Kerlen abrechnet, die mit ihren teuflischen Lehren die Leute verdummen?“ „Habt Ihr eigentlich nicht nach ihm suchen lassen, als Ihr von der Sache erfahren habt?“ wollten die Gehilfen nun wissen. „Überall habe ich gesucht, innerhalb und außerhalb der Stadt“, beteuerte Hsüä Pan. „Auch wenn ihr vielleicht darüber lachen werdet, aber als ich ihn nicht finden konnte, habe ich sogar geweint.“ Nach diesen Worten seufzte und ächzte er und war überhaupt apathisch und unlustig, ganz anders als in früheren Tagen. Bei diesem Anblick konnten seine Handlungsgehilfen nicht gut lange bei ihm verweilen. So tranken sie nur noch ohne viel Umstände ein paar Becher Wein, aßen von den Speisen, und dann gingen sie wieder fort. Als Bau-yü mit Dai-yü zu Bau-tschai kam, sagte er nach der Begrüßung: „Mit großer Anstrengung hat dir dein Bruder diese Sachen mitgebracht, und anstatt sie zu behalten, schenkst du sie uns.“ |
Schatzjade war von Natur aus ein kluger Mensch, und überdies richtete er sein ganzes Herz stets auf Kajaljade. Er kannte sie durch und durch: empfindsam, empfindlich, dazu ehrgeizig und nicht gewillt, hinter anderen zurückzustehen. Beim Anblick der Mitbringsel, die ihr Bruder aus dem Süden geschickt hatte — Dinge aus der Heimat —, musste sie an andere schmerzliche Dinge denken — darin lag der wahre Grund ihrer Trauer. All das wusste Schatzjade in seinem Herzen, doch er wollte es nicht aussprechen, um Kajaljade nicht noch mehr aufzuwühlen. So sagte er lachend: „Euer Fräulein weint nicht aus einem anderen Grund — nur weil Fräulein Schatzspange zu wenig geschickt hat, ist sie beleidigt und traurig. Schwester, sei beruhigt! Nächstes Jahr fahre ich selbst nach Jiangnan und bringe dir zwei ganze Bootsladungen mit — dann brauchst du nicht mehr zu weinen!" Kajaljade hörte das und musste unwillkürlich auflachen: „So weltfremd bin ich nun auch wieder nicht, dass ich wegen zu weniger Geschenke traurig würde! Ich bin doch kein kleines Kind von zwei, drei Jahren! Du hältst mich wirklich für gewöhnlich und kleinlich. Ich habe meine eigenen Gründe — die kennst du nicht." Während sie sprach, flossen die Tränen erneut. |
| Lächelnd entgegnete Bau-tschai: „Es war ja nichts Besonderes, nur Lokalprodukte aus der Ferne. Wenn ihr ein wenig Spaß daran habt, ist alles in Ordnung.“ „In der Kindheit hat man solche Sachen gar nicht beachtet“, sagte Dai-yü. „Aber wenn man sie jetzt sieht, erscheinen sie einem wirklich als etwas Besonderes.“ „Weißt du“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „das ist nichts anderes als das Sprichwort besagt ‚Die Entfernung vom Heimatort macht die Dinge wertvoll.‘ Aber was stellen sie schon großartig dar!“ Als Bau-yü diese Worte hörte, die Dai-yü an ihren Kummer von eben erinnern mußten, lenkte er rasch ab: „Wenn dein Bruder vielleicht nächstes Jahr wieder nach dem Süden reist, muß er uns noch mehr davon mitbringen.“ Dai-yü schoß einen Blick zu ihm hinüber, dann sagte sie: „Wenn du etwas haben willst, dann sag es nur, aber zieh nicht andere mit hinein! – Hör dir das an, Kusine, er kommt sich nicht bei dir bedanken, er will eine Bestellung für nächstes Jahr aufgeben!“ |
Schatzjade rückte eilig zum Bett hinüber, setzte sich neben Kajaljade und nahm die Dinge eines nach dem anderen in die Hand, betrachtete sie eingehend und fragte absichtlich: „Was ist das? Wie heißt es? Wie ist das gemacht — so kunstvoll? Und das — wozu dient es? Schwester, schau, dieses Stück könnte man ins Bücherregal stellen, und jenes auf den Beistelltisch als Antiquität!" So lenkte er sie mit allerhand nichtigen Fragen und Bemerkungen eine Weile ab. Kajaljade, die seine kindische Art sah — wie er alles befragte und befingerte —, musste trotz allem ein wenig lachen und legte ihren Kummer vorübergehend beiseite. Als Schatzjade sah, dass ihre Miene sich aufhellte, sagte er: „Schwester Schatzspange hat uns Geschenke geschickt — ich finde, wir sollten zu ihr gehen und uns bedanken. Kommst du mit?" Kajaljade wollte eigentlich nicht eigens wegen ein paar Geschenken auf Besuch gehen — bei Gelegenheit ein Wort des Dankes hätte genügt. Doch Schatzjades Argument war einleuchtend und ließ sich schwer abweisen. So ging sie wohl oder übel mit Schatzjade. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. |
| Bau-tschai und Bau-yü lachten darüber, dann plauderten sie zu dritt weiter und kamen dabei auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. Nachdem Bau-tschai schon ein Weilchen auf Dai-yü eingeredet hatte, sagte sie schließlich: „Wenn du dich lustlos fühlst, mußt du dich mit Gewalt zusammenreißen und draußen spazierengehen, um die miese Stimmung zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als traurig im Zimmer zu hocken. Habe ich mich vor ein paar Tagen nicht selbst auch träge und fiebrig gefühlt, und hatte ich nicht nur noch den Wunsch, mich hinzulegen? Aber weil ich bei diesem trügerischen Wetter fürchtete, krank zu werden, suchte ich mir Beschäftigung, um darüber hinwegzukommen. Erst in den letzten Tagen fühle ich mich wieder besser.“ „Du hast natürlich recht“, pflichtete Dai-yü ihr bei. „Ich denke genauso.“ Ehe sie sich trennten, saßen sie noch ein Weilchen beisammen, und dann begleitete Bau-yü erst Dai-yü bis ans Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, bevor er wieder seine eigenen Räume aufsuchte. Als Nebenfrau Dschau sah, daß auch Djia Huan einige Geschenke von Bau-tschai erhielt, war sie hocherfreut und dachte sich: „Man kann wahrhaftig niemand einen Vorwurf machen, wenn er von dieser Bau-tschai sagt, sie wisse sich zu benehmen und sei großzügig. Wie es jetzt aussieht, ist das wirklich wahr. Wieviel kann denn ihr Bruder von diesen Sachen mitgebracht haben, und trotzdem schickt sie jemand damit von Tür zu Tür, übergeht niemand dabei und zeigt auch nicht, wer ihr mehr wert ist und wer weniger. Sogar an uns Unglücksmenschen hat sie noch gedacht. Dai-yü dagegen hätte an ihrer Stelle nicht einmal einen Blick für uns übrig gehabt, von Geschenken ganz zu schweigen.“ Bei diesen Überlegungen drehte und wendete sie die Geschenke, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, und plötzlich fiel ihr ein, daß ja Bau-tschai eine Blutsverwandte von Dame Wang war. Warum sollte sie also die Gelegenheit nicht nutzen, um sich bei Dame Wang einzuschmeicheln! Mit den Geschenken in der Hand ging sie verstohlen zu Dame Wang hinüber, nahm dort an der Seite Aufstellung, setzte ein Lächeln auf und sagte: „Das hier hat Huan eben von Fräulein Bau-tschai bekommen. Ist es nicht bewundernswert, daß ein junges Mädchen so aufmerksam ist? Das ist wirklich die rechte Art für ein Fräulein aus großem Hause – aufgeschlossen und großzügig. Wie sollte man sie da nicht verehren?! Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau und auch Ihr, gnädige Frau, sie nur immer mit Lob und Liebe bedenkt! Darum wage ich es auch nicht, die Geschenke ganz für uns allein zu behalten, und komme extra damit her, um sie Euch zu zeigen, damit auch Ihr Eure Freude daran habt, gnädige Frau.“ Dame Wang begriff natürlich sofort, warum Nebenfrau Dschau gekommen war, und hörte, daß es Unsinn war, was sie vorbrachte. Andererseits war es ihr nicht gut möglich, sie einfach unbeachtet zu lassen, darum sagte sie: „Nimm nur und laß Huan damit spielen!“ Nebenfrau Dschau war in Hochstimmung gekommen, nun aber hatte sie sich wider Erwarten eine Abfuhr geholt. Innerlich erfüllt von Wut, was sie nicht zu zeigen wagte, zog sie betreten wieder ab. Als sie in ihre Räume kam, warf sie die Sachen beiseite und murmelte: „Was ist das schon groß!“ Dann setzte sie sich nieder und brütete eine Weile ärgerlich vor sich hin. |
Nun sei erzählt, dass Becken Schnee den Rat seiner Mutter befolgte und eilig Einladungen verschickte und ein Festessen herrichten ließ. Am nächsten Tag waren tatsächlich drei, vier Handelsgehilfen vollzählig erschienen. Man besprach zunächst Geschäftliches — Warenauslieferung und Kontobücher —, dann nahm man an der Tafel Platz, und Becken Schnee schenkte jedem Wein ein und dankte für die Mühen. Aus dem Inneren des Hauses ließ Tante Schnee noch besonders grüßen und danken. Da fragte einer der Gehilfen: „Warum fehlt heute der Erste Bruder Liu am Tisch? Hat der Hausherr vergessen, ihn einzuladen?" Becken Schnee zog die Brauen zusammen, seufzte und sagte: „Fragt nicht, fragt nicht! Ihr wisst es offenbar noch nicht. Wenn ich von diesem Menschen rede — es ist wahrhaft zum Seufzen! Vor ein, zwei Tagen wurde er plötzlich von einem verrückten Mönch ‚erlöst' und ist ihm als Geistlicher gefolgt. Ist das nicht höchst sonderbar?" Die Gehilfen sagten: „Wir haben im Laden gehört, wie die Leute draußen redeten — ein Mönch habe mit drei Worten einen weltlichen Mann bekehrt; manche sagten, der Wind habe ihn davongetragen, andere, er sei auf einer Wolke davongeflogen. Allerlei Gerüchte! Wir waren mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass wir es nicht weiter beachtet haben — bis heute wussten wir nicht einmal, ob es wahr ist. Nun hören wir: Der Bekehrte war also der Erste Bruder Liu! Hätten wir das gewusst, hätten wir gemeinsam auf ihn eingeredet. So einen hätten wir nicht gehen lassen! Ach, wieder einen guten Freund weniger! Wirklich schade und beklagenswert. Kein Wunder, dass der Hausherr betrübt ist. So ein kluger Mensch — ob er wirklich einem Mönch gefolgt ist? Bruder Liu kann Kampfkünste und hat Kraft. Vielleicht hat er eine Schwäche in der Zauberei des Mönchs entdeckt und tut nur so, als sei er ihm gefolgt, um ihn hinterrücks zu entlarven!" Becken Schnee sagte: „Wer weiß — wenn es so wäre, umso besser; dann gäbe es einen Schwindler weniger auf der Welt." Die Gehilfen fragten: „Hast du denn nicht nach ihm gesucht?" Becken Schnee sagte: „In der ganzen Stadt und vor den Toren — überall haben wir gesucht! Lacht mich nicht aus — ich habe sogar geweint." Daraufhin seufzte er nur noch, niedergeschlagen und ohne die sonst übliche Fröhlichkeit. Obwohl die Tafel mit Hühnern, Gänsen, Fisch und Ente, mit Berg- und Meeresdelikatessen reichlich besetzt war, drückte die trübe Stimmung des Gastgebers auf alle. Die Gehilfen tranken nur einige Becher, aßen ein wenig und gingen bald auseinander. Doch davon genug. |
| Als Ying-örl und die alte Sklavenfrau alle Geschenke ausgetragen hatten und zurückkamen, machten sie Bau-tschai davon Meldung und berichteten ihr, was jeder zum Dank gesagt hatte und wieviel Trinkgeld sie bekommen hatten. Dann ging die alte Sklavenfrau hinaus, Ying-örl aber trat einen Schritt näher und sagte leise zu Bau-tschai: „Als ich eben bei der zweiten jungen gnädigen Frau war, hat sie ein ganz böses Gesicht gemacht. Nachdem ich ihr die Geschenke übergeben hatte und wieder draußen war, befragte ich heimlich Hsiau-hung, und sie hat mir erzählt, die zweite junge gnädige Frau sei eben aus den Räumen der alten gnädigen Frau zurückgekommen, aber gar nicht so fröhlich und ausgelassen wie sonst, habe Ping-örl zu sich gerufen und geheimnisvoll mit ihr geflüstert. Das sieht doch so aus, als ob etwas Schwerwiegendes vorgefallen wäre. Habt Ihr nicht gehört, ob es drüben bei der alten gnädigen Frau etwas gegeben hat?“ | Nun sei erzählt, dass Schatzjade Kajaljade mit zu Schatzspange führte, um sich zu bedanken. Man tauschte die üblichen Höflichkeiten aus. Kajaljade sagte zu Schatzspange: „Der große Bruder hat sich auf der langen Reise so abgemüht — wie viel kann er schon mitgebracht haben? Bei all den Geschenken an uns alle — was bleibt da noch für dich?" Schatzjade sagte: „Ganz recht!" Schatzspange lachte: „Es sind keine kostbaren Dinge — nur Mitbringsel von der Reise, die ein wenig neuartig wirken. Ob mir etwas übrigbleibt, ist unwichtig — wenn ich nächstes Jahr etwas haben möchte, bitte ich meinen Bruder einfach, es mitzubringen. Was ist schon dabei?" |
| Auch Bau-tschai war verwundert und konnte sich nicht vorstellen, worüber Hsi-fëng böse sein sollte. Darum sagte sie: „Ein jeder hat seine eigenen Sorgen. Wie könnten wir uns um alles kümmern?! Geh mir jetzt Tee holen!“ Also ging Ying-örl hinaus und goß Tee ein, aber davon soll hier nicht erzählt werden. Als Bau-yü dann Dai-yü nach Hause begleitet hatte, dachte er über ihre Einsamkeit und Bitternis nach, und unwillkürlich überkam auch ihn der Schmerz. Er hätte gern mit Hsi-jën darüber gesprochen, aber als er in seine Räume trat, waren nur Schë-yüä und Tjiu-wën da. Also erkundigte er sich: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“ „Wo könnte sie anders sein als in einem der Gehöfte hier?“ gab Schë-yüä zurück. „Sie geht dir schon nicht verloren. Kaum daß sie einmal nicht da ist, mußt du gleich nach ihr suchen.“ „Ich habe nicht Angst, daß sie mir verloren gehen könnte, sondern ich war eben bei Fräulein Lin und habe gesehen, daß sie wieder einmal sehr traurig ist“, sagte Bau-yü lächelnd. „Als ich nach dem Grund fragte, stellte sich heraus, daß der Anblick der Geschenke von Fräulein Hsüä, weil sie aus ihrer Heimatgegend kommen, alte Wunden bei ihr aufgerissen hat. Das wollte ich Hsi-jën sagen, damit sie zu Fräulein Lin hinübergeht, wenn sie etwas Muße hat, und sie tröstet.“ Bei diesen Worten kam Tjing-wën herein und sagte: „Da bist du ja! Wen willst du wieder einmal trösten lassen?“ Da erzählte Bau-yü auch ihr, was er eben gesagt hatte, und Tjing-wën berichtete: „Schwester Hsi-jën ist gerade erst fortgegangen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, sie wolle zur zweiten jungen gnädigen Frau hinüber. Wer weiß, vielleicht schaut sie auch bei Fräulein Lin mit hinein.“ |
Schatzjade sagte sofort: „Wenn nächstes Jahr wieder etwas kommt, dann muss die Schwester uns auch wieder etwas schenken! Vergiss uns nicht!" Kajaljade sagte: „Du willst etwas haben — dann sag einfach, dass du etwas willst. Warum ziehst du ‚uns' mit hinein? Schwester, sieh nur — Bruder Schatzjade ist nicht gekommen, um sich zu bedanken, sondern um schon die Geschenke fürs nächste Jahr zu bestellen!" Schatzjade lachte: „Wenn ich etwas bekomme, fällt dann nicht auch ein Teil für dich ab? Statt mir zu helfen, machst du spitze Bemerkungen!" Alle lachten. Schatzspange fragte: „Wie kommt es, dass ihr beide so gleichzeitig hier seid — wer hat wen abgeholt?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Da Schwester mir Geschenke geschickt hat, dachte ich, Schwester Kajaljade hat sicher auch welche bekommen, und wir sollten beide danken gehen. Also ging ich zuerst zu ihr. Aber als ich ankam, saß sie bedrückt in ihrem Zimmer — ich weiß nicht, warum sie so gerne weint." Bei dem Wort „Tränen" bemerkte er Kajaljades scharfen Blick und brach ab. Schnell lenkte er ein: „Schwester Kajaljade hat in den letzten Tagen Beschwerden gehabt und fürchtet einen Rückfall — deshalb war sie aufgelöst. Ich habe sie eine Weile getröstet, und dann sind wir hergekommen. Erstens um zu danken, zweitens damit sie nicht allein in ihrem Zimmer sitzt und grübelt." |
| Nun sagte Bau-yü nichts mehr, und Tjiu-wën goß ihm Tee ein. Nachdem er sich den Mund damit gespült hatte, reichte er die Schale einem der kleineren Sklavenmädchen und streckte sich betrübt, wie er war, auf seinem Bett aus. Hsi-jën hatte sich, als Bau-yü ausgegangen war, zunächst eine Zeitlang mit einer Handarbeit beschäftigt. Dann war ihr plötzlich eingefallen, daß ja Hsi-fëng sich nicht wohl fühlte, daß sie schon tagelang nicht bei ihr gewesen war und daß sie doch gehört hatte, Djia Liän sei nicht zu Hause. Eine günstige Gelegenheit für einen großen Plausch! Also sagte sie zu Tjing-wën: „Bleibt schön im Haus und lauft nicht alle weg, damit Bau-yü nicht etwa niemand vorfindet, wenn er zurückkommt!“ „O weh, du bist wirklich die einzige, die sich hier Gedanken um ihn macht, während alle andern nur Müßiggänger und unnütze Fresser sind“, gab Tjing-wën zurück. Hsi-jën lachte nur darüber und ging hinaus, ohne etwas erwidert zu haben. Als sie an die Duftgetränkte Brücke kam, standen dort – denn es war die Zeit zwischen Sommerende und Herbstanfang – die Lotosblumen eben an der Schwelle zwischen Unversehrtheit und Verfall, und ihr Rot und Grün war schon in Auflösung begriffen. Im Weitergehen erfreute sich Hsi-jën an dem Anblick, der sich ihr am Deich entlang bot, doch als sie unversehens den Kopf hob, erblickte sie unter dem Weinspalier am anderen Ufer eine Gestalt, die einen Flederwisch in der Hand hielt und damit herumfuchtelte. Als sie näher kam, erkannte sie Mutter Dschu. Kaum war die Alte auf Hsi-jën aufmerksam geworden, kam sie ihr mit lächelnder Miene entgegen und fragte: „Wie kommt es denn, daß Ihr heute Zeit habt, spazierenzugehen, Fräulein?“ |
Schatzspange sagte: „Wenn die Schwester Angst vor Krankheit hat, ist das verständlich — man muss eben beim Essen und Trinken, beim An- und Auskleiden und bei Hitze und Kälte besonders aufpassen. Aber warum sich grämen? Schwester, du weißt doch: Kummer schadet dem Blut und der Lebenskraft. Wenn man sich den Schaden erst eingeholt hat, wird man erst recht krank. Denk doch einmal darüber nach." Kajaljade sagte: „Schwester hat recht. Ich weiß das ja selbst. Nur — in den letzten Jahren, Schwester hat es ja gesehen, bin ich jedes Jahr ein-, zweimal krank geworden, bis ich mich davor fürchte. Kaum sehe ich Medizin, ob sie wirkt oder nicht — schon bei dem Geruch bekomme ich Kopfschmerzen und Übelkeit. Wie soll ich da keine Angst haben?" Schatzspange sagte: „Das mag sein, aber sich grämen hilft nicht. Lieber solltest du dich, wenn du dich unwohl fühlst, aufraffen und draußen herumspazieren, dir das Herz ein wenig aufheitern — das ist besser, als im Zimmer zu hocken und zu brüten. Kummer ist der größte Krankheitserreger. Auch ich hatte in den letzten Tagen das Gefühl, träge und matt zu sein und mich nur noch hinlegen zu wollen. Aber weil ich fürchtete, bei dem schlechten Wetter krank zu werden, habe ich mich dagegen gestemmt und nach Beschäftigungen gesucht — und so ging der Tag auch vorbei. Schwester, nimm es mir nicht übel: Je mehr man sich fürchtet, desto mehr kommen die Gespenster!" |
| „Woher denn!“ sagte Hsi-jën abwehrend, „ich bin auf dem Wege zur zweiten jungen gnädigen Frau, um nach ihr zu sehen. Aber was treibst du hier?“ „Ich scheuche die Wespen fort“, entgegnete die Alte. „In diesem Jahr hat es während der Hundstage wenig Regen gegeben, und so sind die Obstbäume voller Ungeziefer. So zerfressen ist das Obst, daß vieles schon abgefallen ist. Und am allerschlimmsten sind die Wespen. Ihr habt das wahrscheinlich noch nicht gewußt, Fräulein, aber wenn sie von einer Traube auch nur zwei, drei Beeren anfressen und der Saft tropft daraus auf die guten Beeren, dann verfault die ganze Traube. Da, seht nur, während wir miteinander sprachen, hielt ich den Wedel still, und schon sitzen jede Menge Wespen auf den Beeren.“ „Wie viele kannst du schon wegscheuchen, selbst wenn du ununterbrochen wedelst“, wandte Hsi-jën ein. „Du mußt den Einkäufern sagen, sie sollen viele, viele Beutel aus Baumwollgaze machen lassen, von denen dann einer über jede Traube gezogen wird. So bekommen sie Luft und sind trotzdem geschützt.“ |
Schatzjade hörte das und fragte eilig: „Schwester Schatzspange, wo sind die Gespenster? Ich sehe keins!" Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Schatzspange sagte: „Du dummes kleines Herrchen — das war bildlich gesprochen! Wo sollen denn echte Gespenster sein? Wenn es wirklich welche gäbe, würdest du bestimmt wieder weinen vor Schreck!" Kajaljade lachte: „Schwester hat recht — man muss ihm eins auswischen! Wer heißt ihn, so vorwitzig zu sein!" Schatzjade sagte: „Kaum kritisiert jemand mich, freust du dich. Dafür bist du jetzt nicht mehr betrübt — gehen wir also nach Hause." So plauderten und scherzten sie noch eine Weile, dann verabschiedeten sich die beiden von Schatzspange. Schatzjade brachte Kajaljade bis vor die Tür des Bambushain-Pavillons[19] und ging dann zu sich nach Hause. Doch davon genug. |
| „Ihr habt recht, Fräulein“, sagte die Alte lächelnd. „Ich mache das hier in diesem Jahr zum erstenmal, darum habe ich diesen Kniff noch nicht gekannt.“ Dann fuhr sie fort: „Es ist zwar viel Obst verdorben in diesem Jahr, aber wohlschmeckend ist es. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, werde ich Euch etwas pflücken, damit Ihr kosten könnt.“ „Wie ginge das an?!“ hielt Hsi-jën ihr mit ernsthafter Miene vor. „Ganz abgesehen davon, daß es noch nicht reif und deshalb nicht zu genießen ist, selbst wenn es reif wäre, könnten wir doch nicht davon essen, noch ehe den Oberen davon dargebracht ist. Du bist doch hier im Dienst alt geworden, hast du da etwa nicht einmal diese Regel begriffen?“ „Ihr seid ganz im Recht, Fräulein“, sagte die Alte rasch und lächelte dazu. „Nur weil ich mich so freute, Euch zu sehen, wagte ich, Euch von dem Obst anzubieten, und habe dadurch die Regel verletzt. Ich werde wirklich schon dumm vor Alter.“ „Schon gut“, beschwichtigte Hsi-jën sie nun. „Wenn nur ihr alten Ammen den Jüngeren kein schlechtes Beispiel gebt, ist schon alles in Ordnung.“ Nach diesen Worten ging Hsi-jën geradewegs zum Gartentor hinaus und begab sich zu den Wohnräumen von Hsi-fëng. Kaum war sie hier in den Hof getreten, hörte sie Hsi-fëngs Stimme: „Hat man da noch Worte?! Während ich hier krank im Bett schmore, wird er mehr und mehr zum Banditen!“ Hsi-jën begriff, daß etwas vorgefallen sein mußte und daß sie deshalb weder gut vor noch zurück konnte, darum trat sie etwas lauter auf und fragte durchs Fenster: „Bist du zu Hause, Schwester Ping-örl?“ Rasch antwortete Ping-örl von drinnen jawohl und ging Hsi-jën entgegen. „Ist die zweite junge gnädige Frau auch zu Hause? Geht es ihr wieder besser?“ erkundigte sich Hsi-jën, und schon stand sie im Zimmer. Hier gab sich Hsi-fëng den Anschein, als habe sie auf dem Bett geruht, und als Hsi-jën eintrat, erhob sie sich lächelnd und sagte: „Etwas besser geht es mir schon. Entschuldige, daß ich dir Sorgen bereitet habe! Aber warum bist du in all den Tagen nie herübergekommen, um ein Weilchen mit uns zusammenzusitzen?“ „Ihr befindet Euch unwohl, junge gnädige Frau, und so müßten wir eigentlich tagtäglich kommen, um Euch Wohlergehen zu wünschen“, erklärte Hsi-jën. „Aber ich hatte mir gedacht, da Ihr nicht auf dem Posten seid, wolltet Ihr Euch bestimmt ungestört der Ruhe hingeben, und wenn wir kämen, würde unser Geschwätz Euch lästig werden.“ „Von lästig kann nicht die Rede sein“, gab Hsi-fëng lächelnd zurück, „aber von all den Mädchen in Bau-yüs Räumen bist du die einzige, auf die Verlaß ist, und so kannst du wirklich nicht fort. Doch Ping-örl hat mir oft berichtet, wie du dich insgeheim um mich gesorgt und dich oft nach mir erkundigt hast. Damit hast du getan, was du konntest.“ Dann befahl sie Ping-örl, einen Hocker zu bringen und an ihr Bett zu stellen, damit Hsi-jën sich setzen konnte. Als Fëng-örl dann den Tee hereinbrachte, verneigte sich Hsi-jën im Sitzen und forderte sie auf: „Nimm doch Platz, Schwester!“ Während sie dann miteinander plauderten, hörte Hsi-jën, wie im Vorraum ein kleineres Sklavenmädchen leise zu Ping-örl sagte: „Lai Wang ist da, er wartet am Innentor.“ Und Ping-örl erwiderte genauso leise: „Gut, ich weiß Bescheid. Schick ihn noch einmal weg, und wenn er dann wieder da ist, soll er hereinkommen, ohne am Tor stehenzubleiben.“ Daraus schloß Hsi-jën, daß sie hier im Wege war, und nach einigen weiteren Sätzen stand sie auf, um zu gehen. |
Nun sei erzählt, dass die Nebenfrau Zhao, als sie Schatzspanges Geschenk für den jungen Huan[20] sah, es eilig entgegennahm und sich vor Freude nicht lassen konnte. Überschwänglich lobte sie: „Alle sagen, Fräulein Schatzspange versteht es, sich zu benehmen und ist großzügig — heute sehe ich, dass es stimmt. Ihr Bruder hat doch nur begrenzt Dinge mitbringen können, und sie verteilt von Haus zu Haus, vergisst niemanden und lässt nicht erkennen, wem sie mehr gibt und wem weniger — sogar an uns arme Schlucker hat sie gedacht. Wirklich bewundernswert! Wenn es Fräulein Kajaljade wäre — nun ja, ihr schickt ja niemand etwas; aber selbst wenn jemand etwas brächte, würde sie nur den Einflussreichen und Angesehenen etwas schenken — an unsereins käme sie nie heran! Man sieht: Wer es versteht, sich zu benehmen, der sticht wirklich heraus." Die Nebenfrau Zhao, ganz stolz, weil Huan etwas bekommen hatte, betrachtete die Gaben wieder und wieder in ihren Händen. Da Schatzspange eine Nichte von Frau Wang mütterlicherseits war, wollte sie die Gelegenheit nutzen, sich bei Frau Wang einzuschmeicheln. So trug sie die Sachen zu Frau Wangs Gemächern, stellte sich an die Seite und sprach: „Das hat Fräulein Schatzspange gerade dem jungen Huan geschickt. So jung und schon so umsichtig! Ich habe dem Botenmädchen zweihundert Kupfermünzen als Trinkgeld gegeben. Ich habe auch gehört, dass Tante Schnee der Gnädigen Frau etwas geschickt hat — was mag es wohl sein? Seht nur — aus einem Haus kommen zwei Portionen; wie viel kann es da schon sein? Kein Wunder, dass die Herzoginmutter und die Gnädige Frau sie so loben und lieben — sie macht sich wirklich beliebt." Damit reichte sie Frau Wang die Gaben zur Ansicht. Doch Frau Wang hob nicht einmal den Kopf, streckte nicht einmal die Hand aus und sagte nur: „Schön, gib es dem jungen Huan zum Spielen" — ohne auch nur hinzusehen. Die Nebenfrau Zhao hatte sich eine Abfuhr geholt und kehrte voller Ärger in ihr Zimmer zurück, warf die Sachen in eine Ecke und schimpfte endlos über dies und jenes, ohne dass ihr jemand zuhörte. Sie saß schmollend in ihrer Ecke. Man sieht: Die Nebenfrau Zhao war ein kleinlicher, begriffsstutziger Mensch — selbst wenn sie etwas Gutes erhielt, verdarb sie es durch ihr ärgerliches Geschwätz. Kein Wunder, dass Spürfrühling[21] sich über sie ärgerte und sie geringschätzte. Doch genug davon. |
| „Wenn du wieder einmal Zeit hast, komm her, setz dich zu uns und plaudere mit uns, das macht mir Freude“, forderte Hsi-fëng sie auf. Dann befahl sie Ping-örl: „Begleite deine Schwester hinaus!“ Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und trat mit Hsi-jën hinaus. Dort standen zwei, drei kleinere Sklavenmädchen in korrekter Haltung wartend bereit und wagten kaum zu atmen. Hsi-jën konnte sich keinen Reim darauf machen und ging ihres Weges. Kaum hatte sie Hsi-jën draußen verabschiedet, ging Ping-örl wieder hinein und meldete Hsi-fëng: „Eben ist Lai Wang gekommen, aber weil Hsi-jën hier war, habe ich ihm sagen lassen, er solle draußen warten. Soll ich ihn jetzt gleich holen lassen, oder wollt Ihr warten, bis er wiederkommt? Ich bitte um Eure Weisung, junge Herrin.“ „Laß ihn holen!“ sagte Hsi-fëng, und sofort befahl Ping-örl den kleinen Sklavenmädchen, hinauszugehen und Lai Wang zu bestellen, er solle jetzt kommen. Dann erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Wie hast du es erfahren?“ |
Nun sei erzählt, dass Schatzspanges Botenmädchen zurückkam und berichtete: „Alle haben gedankt, manche haben Trinkgeld gegeben. Nur das Päckchen für die kleine Qiaojie[22] — das habe ich zurückgebracht." Schatzspange fragte verwundert: „Warum denn? Hast du es nicht abgeliefert, oder hat man es nicht angenommen?" Oriölchen sagte: „Als ich bei der Familie des jungen Huan die Sachen abgab, sah ich, dass die Zweite Herrin zur Herzoginmutter gegangen war. Wenn die Zweite Herrin nicht zu Hause ist, wem sollte ich es dann geben? Darum habe ich es nicht abgegeben." Schatzspange sagte: „Du bist wirklich ein Dummchen! Wenn die Zweite Herrin nicht da ist — sind denn Friedchen[23] und Fenger auch nicht da? Du gibst es einfach bei ihnen ab, und wenn die Zweite Herrin zurückkommt, sagen sie es ihr. Muss man es unbedingt persönlich überreichen?" |
| „Eine kleine Magd hat es mir erzählt, dieselbe wie voriges Mal“, gab Ping-örl Auskunft. „Sie sagte, daß sie am Innentor gehört hätte, wie zwei von den Jungens hinter dem Tor miteinander sprachen und der eine sagte: ‚Die neue Frau des zweiten jungen Herrn ist schöner als die alte, und ein besseres Gemüt hat sie auch.‘ Dann habe Lai Wang oder wer die beiden angeschrien und gesagt: ‚Was heißt neue Frau, alte Frau?! Wollt ihr wohl endlich still sein! Wenn die drinnen davon erfahren, wird man euch die Zunge abschneiden!‘“ Während Ping-örl das erzählte, kam eines der kleineren Sklavenmädchen herein, um zu melden: „Lai Wang wartet draußen.“ Mit kühlem Lächeln befahl Hsi-fëng: „Er soll hereinkommen!“ Das Sklavenmädchen ging hinaus und sagte dort: „Die junge gnädige Frau läßt rufen.“ Sofort sagte Lai Wang jawohl und trat ins Haus. Nachdem er seinen Gruß entboten hatte, nahm er mit dienstfertig herabhängenden Armen an der Tür des Vorraums Aufstellung. „Komm her, ich will dich etwas fragen!“ sagte Hsi-fëng, und jetzt erst trat Lai Wang in den Innenraum und blieb wieder an der Tür stehen. „Weißt du etwas davon, daß sich der junge Herr draußen jemand angeschafft hat?“ fragte Hsi-fëng. Noch einmal beugte Lai Wang das Knie und sagte: „Ich Sklave stehe tagtäglich in Erwartung von Aufträgen am Innentor, wie könnte ich davon wissen, was der junge Herr außerhalb tut?“ „Natürlich weißt du von nichts“, sagte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln, „wenn du etwas wüßtest, wie könntest du dann versuchen, ihn zu decken?!“ Aus diesen Worten schloß Lai Wang, daß er sich schon verraten hatte, und da er fürchtete, nichts mehr vertuschen zu können, kniete er nieder und berichtete: „Ich Sklave weiß wahrhaftig nichts. Neulich habe ich Hsing-örl und Hsi-örl nur die Meinung gesagt, als sie diesen Unsinn schwatzten, aber die näheren Umstände kenne ich nicht, und ich möchte Euch keinen falschen Bericht geben, junge gnädige Frau. Fragt bitte Hsing-örl, er ist lange Zeit mit dem jungen Herrn zusammen draußen gewesen.“ |
Oriölchen nahm das Päckchen und ging erneut aus dem Garten hinaus zu Phönixglanz[24]. Unterwegs sagte sie zur alten Dienerin: „Hätte ich es gleich abgeliefert, wäre alles erledigt gewesen und mir dieser Gang erspart geblieben." Die Alte sagte: „Müßig herumzusitzen ist auch langweilig — ein kleiner Spaziergang schadet nicht. Nur hat das Fräulein heute schon viele Wege gemacht und ist sicher müde. Nach diesem letzten Gang können wir uns dann gemeinsam ausruhen." So plaudernd kamen sie bei Phönixglanz an, lieferten die Geschenke ab und kehrten zu Schatzspange zurück. Schatzspange fragte: „Hast du die Zweite Herrin gesehen?" Oriölchen sagte: „Nein." Schatzspange fragte: „Ist sie noch nicht zurück?" Das Mädchen sagte: „Doch, sie war zurück. Aber Fenger hat mir gesagt: ‚Die Zweite Herrin kam von der Herzoginmutter zurück und war nicht wie sonst fröhlich und vergnügt, sondern hatte einen zornigen Gesichtsausdruck. Sie hat Friedchen zu sich gerufen und tuschelt im Flüsterton mit ihr — niemand darf zuhören. Sogar mich hat sie hinausgeschickt. Geh besser nicht hinein — ich sage es ihr für dich.' Also hat Fenger die Sachen hineingetragen und kam mit der Nachricht zurück: ‚Die Zweite Herrin dankt dem Fräulein schön.' Sie hat uns einen Faden Kupfergeld als Trinkgeld gegeben, und damit bin ich zurückgekommen." Schatzspange hörte das, grübelte eine Weile und konnte sich nicht erklären, warum Phönixglanz so erzürnt war. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. |
| Als Hsi-fëng das gehört hatte, spuckte sie aus, so stark sie konnte, und schimpfte: „Ihr verkommenes, gewissenloses Pack! Ihr steckt doch alle unter einer Decke und glaubt, ich merke nichts. Hol mir Hsing-örl, diesen Hurensohn! Aber geh nicht fort! Wenn ich mit ihm fertig bin, rede ich mit dir weiter. Ha! Ein sauberes Gesindel habe ich da in meinen Diensten herangezogen!“ Lai Wang hatte keine andere Wahl, als immer wieder jawohl zu sagen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, rappelte sich auf und ging hinaus, um Hsing-örl zu holen. Hsing-örl saß gerade mit anderen Sklavenjungen zusammen in der Buchhaltung beim Spiel, als er hörte, die zweite junge Herrin lasse ihn rufen. Im ersten Augenblick fuhr er vor Schreck zusammen, aber da er nicht ahnen konnte, was bereits im Gange war, folgte er Lai Wang rasch nach drinnen. Als Lai Wang zuerst allein hineinging und meldete, Hsing-örl sei da, brüllte Hsi-fëng mit furchtbarer Stimme: „Hol ihn herein!“ Kaum daß Hsing-örl diese Stimme vernahm, wußte er weder aus noch ein, aber wohl oder übel mußte er seinen Mut zusammennehmen und eintreten. Als Hsi-fëng ihn erblickte, sagte sie sofort: „Ein feiner Schlingel bist du! Und feine Dinge treibst du mit deinem Herrn! Los, raus mit der Sprache!“ |
Nun sei erzählt, dass Dufthauch[25], als Schatzjade zurückkam, ihn fragte: „Warum bist du nicht spazieren gegangen und schon zurück? Du hattest doch gesagt, du wolltest Fräulein Kajaljade abholen und mit ihr gemeinsam zu Fräulein Schatzspange gehen — warst du dort?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Ich wollte Schwester Kajaljade abholen und gemeinsam gehen. Aber als ich ankam, saß sie in ihrem Zimmer, von den Mitbringseln umgeben, und war ganz unglücklich. Ich kenne ja ihre Gründe — man darf sie nicht direkt darauf ansprechen, man darf sie auch nicht tadeln. So tat ich, als wüsste ich von nichts, lenkte sie mit allerlei Plaudereien ab, bis sie sich beruhigte. Dann erst gingen wir zusammen zu Schwester Schatzspange, um zu danken, plauderten eine Weile und gingen. Ich habe sie nach Hause gebracht und bin dann erst selbst zurückgekehrt." |
| Bei diesen Worten und beim Anblick von Hsi-fëngs Miene und den Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten bereitstanden, begannen Hsing-örl die Glieder zu schlottern, und schon kniete er nieder und schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden. „Wie ich hörte, hast du ja mit der Sache nichts zu tun“, fuhr Hsi-fëng jetzt fort, „aber dein Fehler war es, daß du mir nicht schon längst davon berichtet hast. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, will ich dir noch verzeihen, aber wenn du auch nur ein einziges Wort lügen willst, dann überzeug dich besser als Erstes, wie viele Köpfe du auf den Schultern hast!“ Zitternd schlug Hsing-örl noch einmal mit der Stirn vor ihr auf den Boden, ehe er fragte: „Was für Dinge meint Ihr, junge gnädige Frau, die ich Sklave mit dem jungen Herrn zusammen verbrochen haben soll?“ Jetzt begann es in Hsi-fëng zu kochen, und sie schrie: „Aufs Maul schlagen!“ Schon trat Lai Wang näher und wollte zuschlagen, da schimpfte Hsi-fëng: „Du dummer Hurensohn! Er selbst soll sich schlagen, was braucht es dich! Für deine Ohrfeigen ist nachher noch Zeit, wenn ihr alle ihn schlagt.“ |
Dufthauch fragte: „Die Geschenke für Fräulein Kajaljade — waren es mehr oder weniger als deine, oder gleich viel?" Schatzjade sagte: „Ein- bis zweimal so viel wie meine." Dufthauch sagte: „Das ist eine verständige Frau, die es richtig macht. Fräulein Schatzspange weiß, dass alle anderen Schwestern nahe Verwandte haben, die sich um sie kümmern und ihnen Dinge schenken — nur Fräulein Kajaljade lebt zwei-, dreitausend Li von der Heimat entfernt und hat keinen einzigen Verwandten hier, der ihr etwas schicken würde. Zudem sind die beiden nicht nur verwandt, sondern auch Wahlschwestern — hast du vergessen, dass Fräulein Kajaljade letztes Jahr Tante Schnee zur Wahlmutter erkoren hat?[26] Deshalb ist es nur recht und billig, ihr mehr zu geben." |
| Tatsächlich holte Hsing-örl links und rechts aus und gab sich mehr als zehn Ohrfeigen. „Genug!“ rief Hsi-fëng und fragte: „Daß der junge Herr woanders eine neue Frau genommen hat, weißt du also nicht, nein?“ Als Hsing-örl hörte, worum es ging, verlor er vollends den Kopf. Hastig riß er seine Mütze herunter, schlug mit der Stirn auf den Backsteinboden, daß es dröhnte, und versprach: „Wenn Ihr mir nur das Leben schenkt, junge gnädige Frau, werde ich Sklave mich nicht erdreisten, auch nur ein einziges Wort zu lügen.“ „Also sprich, aber schnell!“ forderte Hsi-fëng ihn auf. Hsing-örl richtete sich in kniender Haltung kerzengerade auf, und dann berichtete er: „Ich Sklave hatte zuvor keine Ahnung von der Sache. Eines Tages aber, als der Leichnam des alten gnädigen Herrn aus dem anderen Anwesen schon in den Familientempel übergeführt worden war, kam Yü Lu dorthin, um sich vom gnädigen Herrn Dschën Silber geben zu lassen. Da ist unser junger Herr mit Herrn Jung zusammen in das andere Anwesen geritten, und unterwegs haben sie von den beiden Schwestern der Frau des gnädigen Herrn Dschën gesprochen. Als unser junger Herr die beiden gelobt hat, hat Herr Jung ihm zum Scherz angeboten, er wolle ihm die gnädige Frau Tante zur Frau geben...“ Als Hsi-fëng bis hierher zugehört hatte, spuckte sie wütend aus und schnauzte ihn an: „Du schamloser Hurenbock! Was für eine gnädige Frau Tante ist sie für dich?!“ Rasch schlug Hsing-örl erneut mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Ich Sklave habe den Tod verdient.“ Dann blickte er wieder auf, wagte aber nicht fortzufahren. „War das schon alles? Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte Hsi-fëng. Jetzt erst machte Hsing-örl wieder den Mund auf und sagte: „Nur wenn Ihr mir Sklaven verzeiht, werde ich wagen weiterzusprechen, junge gnädige Frau.“ |
Friedchen kam herüber und bat Dufthauch um einige Rollen roten Damast für die Herstellung von Seidenschnüren, wobei sie scherzte, die letzte Lieferung sei aufgebraucht und man brauche dringend Nachschub. Dufthauch suchte die gewünschten Stoffe heraus und gab sie ihr. Die beiden plauderten über dies und jenes. Friedchen blieb eine Weile, und sie tranken zusammen Tee. Dufthauch bemerkte auf dem Bettrand ein Nähkästchen mit einem kleinen, aus rotem ausländischem Brokat genähten Leibchen. „Hat die Herrin bei all ihren tausend Geschäften wirklich noch Zeit zum Nähen?" fragte sie. Phönixglanz — die gerade hereingekommen war — sagte: „Ich kann ja von Natur aus nicht gut nähen. Jetzt, wo ich gerade erst genesen bin und die Hausgeschäfte mich nicht zur Ruhe kommen lassen, wo sollte ich da Zeit hernehmen? Das Wichtigste lasse ich liegen. Diesen Stoff habe ich bei der Herzoginmutter gesehen — Tante Schnee hatte ihn der Alten Dame geschickt. Die Herzoginmutter meinte: ‚Diese bunten Blumen und Farben — das wäre doch hübsch für kleine Kinderkleidchen!' Da habe ich gleich darum gebeten. Die Herzoginmutter hat mich ausgescholten — ich sei ihr ‚Plagegeist', der alles haben will und alles mitnimmt, was er sieht. Alle mussten lachen. Ihr wisst ja, ich bin ein dickes Fell und scheue kein Wort — die Alte Dame schimpft, und ich tu, als hörte ich nichts, nehme es und gehe. So habe ich es Friedchen gegeben, damit sie zuerst ein Leibchen für Qiaojie näht — den Rest für später." |
| „Einen Dreck werde ich tun!“ schimpfte Hsi-fëng, nachdem sie ein weiteres Mal ausgespuckt hatte. „Was heißt hier verzeihen? Erzähl nur hübsch weiter, es fehlt noch eine ganze Menge!“ Also fuhr Hsing-örl fort: „Als der junge Herr das hörte, hat er sich gefreut. Später ist dann, ich weiß nicht wie, Ernst aus der Sache geworden.“ „Natürlich, wie könntest du das auch wissen!“ höhnte Hsi-fëng mit einem leichten ironischen Lächeln. „Alles, was du weißt, bringt dir nur Ärger ein. Also los, erzähl mir, was dann daraus geworden ist!“ „Dann hat Herr Jung für den jungen Herrn ein Haus gesucht“, fuhr Hsing-örl fort. „Wo ist dieses Haus?“ wollte Hsi-fëng sofort wissen. „Hinter unserm Anwesen“, verriet Hsing-örl. „Ach!“ sagte Hsi-fëng. Dann wandte sie sich um, blickte Ping-örl an und sagte: „Was waren wir dumm! Hör dir das an!“ Ping-örl wagte kein Wort darauf zu erwidern, und Hsing-örl fuhr in seinem Bericht fort: „Die Familie Dschang hat vom gnädigen Herrn Dschën Silber bekommen, wieviel weiß ich nicht, und hat nichts dazu gesagt.“ „Wieso kommt nun wieder eine Familie Dschang ins Spiel?“ erkundigte sich Hsi-fëng. „Ihr müßt wissen, junge gnädige Frau, daß die gnädige junge Frau Tante...“ Hier unterbrach sich Hsing-örl und gab sich eine Ohrfeige. Als Hsi-fëng deswegen auflachte, verzogen auch die Sklavenmädchen, die auf beiden Seiten standen, den Mund zu einem Lächeln. Hsing-örl aber dachte nach und korrigierte sich dann: „Also die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën...“ „Was war?“ fragte Hsi-fëng. „So rede doch endlich!“ |
Dufthauch lachte: „Auch nur unsere Herrin schafft es, die alte Ahnherrin so zum Lachen zu bringen." Sie nahm die Handarbeit in die Hand und lobte: „Wirklich hübsch! Alle Farben sind darin. Feines Material verdient geschickte Hände. Und dazu für Qiaojie — wenn man sie damit herumträgt, werden alle sie bewundern." Dann fragte sie: „Wo ist Qiaojie? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen." Friedchen sagte: „Vorhin hat Fräulein Schatzspange Spielsachen geschickt — Qiaojie war ganz begeistert und hat eine ganze Weile damit gespielt. Dann hat die Amme sie hinausgetragen — sie wird müde gewesen sein und schlafen." Dufthauch sagte: „Qiaojie wird von Mal zu Mal aufgeweckter." Friedchen sagte: „Das kleine Mondgesicht ist rund wie ein silbernes Becken. Wenn sie jemanden sieht, lacht sie — sie beleidigt nie jemanden. Wirklich der Trostschatz unserer Herrin." Phönixglanz fragte: „Was macht der junge Bruder Bao zu Hause?" Dufthauch lachte: „Ich habe ihn gebeten, zusammen mit Heitermuster[27] und den anderen auf das Haus aufzupassen, und bin dann hierhergekommen. Aber ich bin schon viel zu lange hier! Wenn Schatzjade sich zu Hause beschwert, ich hätte ein zu schweres Hinterteil und würde mich überall festsetzen, wo ich mich hinsetze ..." So stand sie auf, verabschiedete sich und kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon genug. |
| „Die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën war eigentlich von klein auf mit einem gewissen Dschang verlobt“, erzählte Hsing-örl weiter. „Dschang Hua heißt er wohl. Aber der ist jetzt so arm, daß er auf Almosen angewiesen ist und sein Essen zusammenbetteln muß. Der gnädige Herr Dschën hat ihm Silber gegeben, und da hat er auf seine Verlobte verzichtet.“ Hier nickte Hsi-fëng, wandte sich zu ihren Sklavenmädchen und fragte: „Habt ihr das alles gehört? Aber zuerst hat dieser kleine Hurenbengel behauptet, er wisse von nichts.“ Und wieder fuhr Hsing-örl fort: „Dann erst hat der junge Herr befohlen, das Haus neu zu tapezieren, und hat seine Frau dorthin geholt.“ |
Nun sei erzählt, dass Phönixglanz, nachdem Friedchen die Dufthauch hinausbegleitet hatte, Friedchen erneut ins Zimmer rief und sie über die früheren Dinge ausfragte. Je mehr sie hörte, desto wütender wurde sie: „Der Zweite Herr heiratet draußen heimlich eine zweite Frau, und du sagst, du hättest es von den Burschen am Zweiten Tor gehört. Welcher genau hat es erzählt?" |
| „Woher hat er sie geholt?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Aus dem Haus ihrer Mutter“, antwortete Hsing-örl. „Schön“, sagte Hsi-fëng, um dann weiter zu fragen: „Hat niemand der Braut das Geleit gegeben?“ „Einzig Herr Jung“, sagte Hsing-örl, „sonst nur ein paar Mägde und alte Weiber, weiter niemand.“ „Die junge gnädige Frau von drüben war nicht dabei?“ vergewisserte sich Hsi-fëng. „Nein“, sagte Hsing-örl, „sie ist erst ein paar Tage später gekommen und hat Geschenke gebracht.“ |
Friedchen sagte: „Es war Wanger, der es gesagt hat." Phönixglanz ließ sofort Wanger rufen und fragte ihn: „Dein Zweiter Herr hat draußen ein Haus gekauft und eine Nebenfrau geheiratet — weißt du davon?" Wanger sagte: „Der Kleine steht den ganzen Tag am Zweiten Tor auf Posten — woher sollte ich die Angelegenheiten des Zweiten Herrn kennen? Ich habe es von Xing'er gehört." Phönixglanz fragte: „Wann hat Xing'er es dir erzählt?" Wanger sagte: „Noch bevor der Zweite Herr abgereist ist." Phönixglanz fragte weiter: „Wo ist Xing'er jetzt?" Wanger sagte: „Xing'er ist bei der Neuen Zweiten Herrin." |
| Hsi-fëng lächelte flüchtig, dann sah sie sich nach Ping-örl um und sagte: „Ist es ein Wunder, daß unser junger Herr die junge gnädige Frau von drüben in der letzten Zeit nur in einem fort gepriesen hat?“ Dann wandte sie sich wieder Hsing-örl zu, um ihn weiter auszufragen: „Wer bedient dort? Natürlich du!“ Rasch schlug Hsing-örl mit der Stirn auf den Boden, sagte aber kein Wort. Also fragte Hsi-fëng: „Demnach war d a s seine Beschäftigung, wenn er in der letzten Zeit immer gesagt hat, er habe drüben im anderen Anwesen zu tun?“ „Teils hatte er wirklich drüben zu tun, teils war er in seinem neuen Haus“, gestand Hsing-örl. „Und wer wohnt mit ihm zusammen?“ wollte Hsi-fëng nun wissen. „Ihre Mutter und zuerst auch noch ihre jüngere Schwester, aber die hat sich jetzt die Gurgel durchgeschnitten“, sagte Hsing-örl. |
Phönixglanz war vor Wut außer sich, spuckte aus und schimpfte: „Du niederträchtiger Affenbalg! Was heißt hier ‚Neue Herrin' und ‚Alte Herrin'? Du verteilst eigenmächtig Titel! Mit deinem frechen Mundwerk — dafür gehörst du geohrfeigt!" Dann fragte sie: „Xing'er ist doch einer von denen, die dem Zweiten Herrn folgen — warum ist er nicht mitgereist?" Wanger sagte: „Er wurde eigens daheim gelassen, um auf die Zweite Schwester You aufzupassen." Phönixglanz rief in einem fort: „Hol mir sofort Xing'er her!" |
| „Warum das nun wieder?“ fragte Hsi-fëng, und daraufhin erzählte Hsing-örl ihr die Sache mit Liu Hsiang-liän. „Der Mann ist vom Glück begünstigt, möchte ich sagen, denn es ist ihm erspart geblieben, ein stadtbekannter Hahnrei zu werden“, kommentierte Hsi-fëng, um sich dann zu erkundigen: „Weiter war nichts?“ |
Wanger rannte hinaus, fand Xing'er und sagte nur: „Die Zweite Herrin ruft dich." Xing'er spielte gerade draußen mit den Burschen herum. Als er den Ruf hörte, fragte er — wohlgemerkt — nicht einmal, was die Zweite Herrin von ihm wolle, sondern folgte Wanger eilig zum Zweiten Tor. Er meldete sich an, trat ein, begrüßte Phönixglanz mit der üblichen Verbeugung und stellte sich an die Seite. |
| „Weiter weiß ich Sklave nichts“, beteuerte Hsing-örl. „Und jedes Wort, das ich Sklave eben gesagt habe, ist wahr. Wenn Ihr herausfindet, daß auch nur ein Wort gelogen war, könnt Ihr mich totschlagen, ohne daß ich deswegen grollen werde, junge gnädige Frau.“ Hsi-fëng saß ein Weilchen mit gesenktem Kopf da, dann wies sie mit der Hand auf Hsing-örl und sagte: „Ich sollte dich wirklich totschlagen, du Affenbastard! Hast du geglaubt, du könntest mir etwas verheimlichen? Wolltest es verheimlichen, um dich bei deinem törichten Herrn und deiner neuen jungen Herrin einzuschmeicheln, ja? Wenn ich nicht gesehen hätte, daß du eben vor lauter Angst nicht zu lügen wagtest, würde ich dir die Beine brechen lassen. – Steh auf!“ herrschte sie ihn schließlich an, und Hsing-örl schlug ein weiteres Mal mit der Stirn auf den Boden, bevor er wieder aufstand und sich bis an die Tür des Vorraums zurückzog, wo er abwartend stehenblieb, weil er nicht einfach zu gehen wagte. „Komm her, ich habe dir noch etwas zu sagen!“ befahl ihm Hsi-fëng, und rasch nahm Hsing-örl mit herabhängenden Armen vor ihr Aufstellung, um ergeben zuzuhören. „Warum so eilig?“ fragte Hsi-fëng. „Deine neue junge Herrin wartet wohl mit einer Belohnung auf dich?“ |
Phönixglanz starrte ihn mit funkelnden Augen an und fuhr ihn an: „Euer Herr und Knecht treibt draußen feine Sachen! Ihr haltet mich wohl für dumm und ahnungslos? Du bist einer der engsten Begleiter des Zweiten Herrn — du musst alles ganz genau wissen. Erzähl mir jetzt Punkt für Punkt die Wahrheit! Wenn du auch nur das Geringste verschweigst oder lügst, breche ich dir die Beine!" Xing'er fiel auf die Knie und stammelte: „Was will die Herrin denn wissen? Was soll ich getan haben?" Phönixglanz schrie: „Du elender kleiner Bastard! Du wagst es, mich hinzuhalten? Ich frage dich: Wie kam es, dass der Zweite Herr sich draußen mit der Zweiten Schwester You eingelassen hat? Wie hat er das Haus gekauft, die Ausstattung besorgt? Wie hat er sie geheiratet? Eins nach dem anderen — alles, und zwar sofort! Dann verschone ich dein Hundeleben!" |
| Hsing-örl wagte nicht einmal aufzublicken, und Hsi-fëng fuhr fort: „Ab sofort gehst du mir nicht mehr dorthin! Wann immer ich dich rufen lasse, kommst du zu mir! Und versuch es nur, auch nur einen Augenblick zu zögern. – Raus jetzt!“ Hastig sagte Hsing-örl mehrmals hintereinander jawohl, dann zog er sich vor die Tür zurück. Aber noch einmal rief Hsi-fëng: „Hsing-örl!“ Sofort antwortete er und kam wieder herein. „Jetzt willst du wohl schnell zu deinem Herrn eilen, um ihm alles zu erzählen, ja?“ fragte Hsi-fëng. „Ich Sklave werde es nicht wagen“, versicherte Hsing-örl. |
Xing'er, am ganzen Leib zitternd, hatte keine andere Wahl als von Anfang bis Ende alles zu erzählen — wie Schein Kaufmann-Echt und Herrlichkeit Kaufmann die Sache eingefädelt hatten, wie das Haus gekauft, die Hochzeit inszeniert und die Zweite Schwester You als Nebenfrau aufgenommen worden war. Phönixglanz hörte zu, und mit jedem Wort wuchs ihr Zorn. Als er geendet hatte, sagte sie mit schneidender Stimme: „Geh und sag kein Wort zu niemandem! Wenn ich erfahre, dass du geredet hast, schlage ich dich tot!" Xing'er kroch auf allen vieren hinaus. |
| „Wenn du draußen auch nur ein Wort davon erwähnst, dann nimm dein Fell in acht!“ warnte ihn Hsi-fëng, und rasch sagte Hsing-örl jawohl dazu, ehe er wieder hinausging. „Lai Wang?“ rief Hsi-fëng nun. Und sofort meldete sich Lai Wang und kam herein. Schweigend ließ Hsi-fëng ihren Blick so lange auf ihm ruhen, wie man braucht, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann erst sagte sie: „Brav, mein guter Lai Wang! Jetzt kannst du gehen, aber wenn irgendjemand draußen auch nur ein Wort über die Sache spricht, wirst du mir dafür geradestehen.“ „Jawohl“, sagte Lai Wang und ging. Inzwischen verlangte Hsi-fëng nach Tee, und die kleineren Sklavenmädchen verstanden, wie das gemeint war, und gingen sämtlich hinaus. Dann erst sagte Hsi-fëng sarkastisch zu Ping-örl: „Hast du das gehört? War das nicht gut?“ Aber Ping-örl wagte nichts zu erwidern und lächelte nur schweigend zu ihr hinüber. |
Phönixglanz rief Friedchen zu sich, schloss die Tür und sagte mit einem bitteren Lachen: „Da hast du es. Der feine Herr hat also draußen seine Hochzeit gefeiert, mit Haus und allem Drum und Dran, und alle wissen es — nur ich, die Ehefrau, bin die Letzte, die es erfährt. Gut, gut! Er soll mich kennenlernen!" Friedchen wagte kaum zu atmen und sagte leise: „Die Herrin sollte sich nicht so aufregen. Es muss auch daran gedacht werden, wie es nach außen wirkt." Phönixglanz sagte: „Hab keine Angst — ich werde nichts Unüberlegtes tun. Aber diese Sache lasse ich nicht auf sich beruhen. Lass mich erst einen Plan ausdenken." |
| Je länger Hsi-fëng über den Fall nachdachte, desto mehr geriet sie in Zorn. An ihre Kissen gelehnt, brütete sie stumm vor sich hin. Auf einmal aber runzelte sie die Brauen – jetzt hatte sie einen Plan bereit. „Ping-örl!“ rief sie, und Ping-örl sagte rasch jawohl und trat näher. | Die ganze Nacht grübelte Phönixglanz. Am nächsten Morgen war ihr Gesicht wieder freundlich, als wäre nichts geschehen. Doch in ihrem Herzen brütete sie finstere Rache. Von diesem Tage an merkte sich Phönixglanz jedes Wort und jede Handlung und wartete auf den richtigen Augenblick, um zuzuschlagen. |
| „Paß auf, wie wir es machen müssen!“ sagte Hsi-fëng. „Wir dürfen nicht warten, bis der junge Herr wieder zurück ist.“ | Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. |
| Wer wissen will, was Hsi-fëng unternahm, muß das nächste Kapitel lesen. |
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