Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 68
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Kapitel 68: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 68.Die unglückliche zweite Schwester You wird in den Garten des Großen Anblicks gelockt,die eifersüchtige Hsi-fëng wütet im Ning-guo-Anwesen. | Kapitel 68 |
| Als Djia Liän auf die Reise ging, war der Kommandant von Ping-an eben zu einer Grenzinspektion unterwegs und wurde erst in ungefähr einem Monat zurückerwartet. Da Djia Liän noch keine eindeutige Antwort von ihm bekommen hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in einem Gasthaus einzumieten und zu warten. Bis der Kommandant endlich zurück war und sie sich gesehen und die Sache geregelt hatten, war Djia Liän bereits annähernd zwei Monate von zu Hause fort. | 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 |
| Wer konnte schon ahnen, daß Hsi-fëng alles längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer. | Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweite Schwester You ins Herzogshaus; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Ning-guo-Palast |
| Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los. | Die bitterböse Phönixglanz[1] spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweite Schwester You[2], wird ins Herzogshaus gelockt und gerät in die Falle. |
| Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“ | Es wird erzählt, dass Jadeschale Kaufmann[3] nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen. |
| Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst. | Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Jadeschale Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter[4] und Frau Wang, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen[5], Fenger, Frau Zhou Rui und Frau Wang Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los. |
| Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks. | Xinger führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Xinger sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!" |
| Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus. | Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweite Schwester You zu benachrichtigen. Auch die Zweite Schwester You erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus. |
| Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr. | Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweite Schwester You musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Frau Wang Er stützten sie beim Betreten des Hofes. |
| Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘ schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern. | Die Zweite Schwester You eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden. |
| Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten. | Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer. |
| Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester. | Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweite Schwester You ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen." |
| Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe. | Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen. |
| Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern. | Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte. |
| Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“ | Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht. |
| Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien. Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“ |
Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht! |
| Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen. | Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!" |
| Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“ | Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweite Schwester You, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten. |
| Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden. | Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweite Schwester You erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!" |
| Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“ | Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal." |
| Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“ | Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweite Schwester You nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen. |
| „Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“ „Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“ |
Die Zweite Schwester You hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie. |
| Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“ | Die Zweite Schwester You hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?" |
| „Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein. | Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier." |
| Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt. | Die Zweite Schwester You sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn." |
| Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“ | Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweite Schwester You, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu: |
| Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon. | „In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer." |
| Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“ | Die Zweite Schwester You sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester." |
| Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen. | Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor. |
| Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘ | Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweite Schwester You durch das Hintertor des Gartens des Großartigen Anblicks [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweite Schwester You begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben. |
| Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden. | Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Jadeschale Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein. |
| Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden. | Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweite Schwester You einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweite Schwester You vorübergehend auf. |
| Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen? | Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter. |
| Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal auf ordentliche Weise und mit anständigen Vermittlern geschlossen | Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?" |
| worden, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.“ | Die Zweite Schwester You aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein. |
| Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich. | Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweite Schwester You einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?" |
| Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“ | Nach dieser Predigt senkte die Zweite Schwester You den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen. |
| Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten. | Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweite Schwester You sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweite Schwester You fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend. |
| Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua. | Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!" |
| Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben. | Die Zweite Schwester You sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu. |
| Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.“ | Derweil schickte Phönixglanz Wang Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweite Schwester You: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua. |
| Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“ Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er. |
Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte Wang Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Jadeschale Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet." |
| Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage. | Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. Wang Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen." |
| Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“ | Wang Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies Wang Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue." |
| Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“ | Wang Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat." |
| Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“ | So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit Wang Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein. |
| Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“ | Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Jadeschale Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens Wang Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um Wang Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. Wang Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß." |
| Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“ Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen. |
So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. Wang Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen." |
| Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben. | Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt." |
| Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen. | Wang Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!" |
| Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten. | Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann[6]. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen. |
| „Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen. Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.“ Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“ |
Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort Wang Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte Wang Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit Wang Ziteng [王子腾] befreundet war und Wang Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen. |
| Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit. Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?“ |
Herrlichkeit Kaufmann und Schein Kaufmann-Echt[7] waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Schein Kaufmann-Echts Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Schein Kaufmann-Echt. Schein Kaufmann-Echt sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung. |
| Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest? | Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Schein Kaufmann-Echt erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!" |
| Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.“ | Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Schein Kaufmann-Echt lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon. |
| Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“ | Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin You kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?" |
| Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu. | Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer You-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!" |
| Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!“ Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten. | Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin You und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!" |
| Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden! | Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen. |
| Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre. | Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?" |
| Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.“ | Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen. |
| Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“ | Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin You, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort! |
| Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben? | Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen. |
| Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus. | Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!" |
| „Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.“ | So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin You war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?" |
| Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“ | Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin You am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht. |
| Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“ | Die Schwägerin You weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören." |
| Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen. | Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!" |
| Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden. | Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!" |
| Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.“ | Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem." |
| „Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“ | Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin You: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt." |
| Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben. | Die Schwägerin You und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen." |
| Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler. | Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen. |
| In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern. Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘ Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“ |
Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.' |
| „Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.“ | Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen." |
| „Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt. | Die Schwägerin You und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!" |
| Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“ | Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt." |
| Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.“ | Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte." |
| „Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.“ | Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches." |
| Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte. | Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!" |
| Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“ | Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte. |
| Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten. | Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären." |
| „Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?“ fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen. | Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen. |
| Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen. | Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen. |
| Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“ | Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?" |
| „Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“ | Die Schwägerin You und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken." |
| Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“ | Die Schwägerin You ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus. |
| Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse. |
| Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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