Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 69

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Kapitel 69: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
69.Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘,angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben. Kapitel 69
Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt. 弄小巧用借剑杀人 / 觉大限吞生金自逝
„Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter. Die Zweite Schwester You schluckt Gold und stirbt; Friedchen stiehlt heimlich Silber für die Bestattung
Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“ Im Herzen zerbricht die Zweite Schwester YouCite error: Closing </ref> missing for <ref> tag.</ref>.</ref> und schluckt Gold, um ihrem elenden Leben ein Ende zu setzen. Das Dienstmädchen Friedchen[1] stiehlt heimlich Silber, um die Bestattung zu ermöglichen.
Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen.

Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“

Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“

Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“
Es wird erzählt, dass die Zweite Schwester You, als sie Phönixglanz' Bericht hörte, sich nur immer wieder bedankte und ihr folgte. Die Schwägerin You konnte schlecht nicht mitkommen und begleitete sie, um bei der Erklärung vor der Herzoginmutter[2] dabei zu sein — so verlangte es der Anstand. Phönixglanz lachte: „Du sagst einfach nichts, lass nur mich reden." Die Schwägerin You antwortete: „Natürlich. Aber wenn etwas schiefgeht, schiebe ich es auf dich." So kamen alle zunächst in die Gemächer der Herzoginmutter.
Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“

Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben.
Die Herzoginmutter war gerade dabei, mit den jungen Damen aus dem Garten zu plaudern und sich zu amüsieren, als plötzlich Phönixglanz mit einer hübschen jungen Frau hereinkam. Die Herzoginmutter kniff die Augen zusammen und sagte: „Wessen Kind ist das? Wie reizend!"
Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“

Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“
Phönixglanz trat lachend vor: „Ahnherrin, schaut sie Euch doch genau an — ist sie nicht schön?" Dann zog sie die Zweite Schwester You heran: „Das ist die Urgroßmutter — schnell, mach den Kotau!" Die Zweite Schwester You vollzog die große Verbeugung. Dann stellte Phönixglanz die jungen Damen vor: „Das ist die und die — lern sie schon einmal kennen. Wenn die Gnädigen Frauen dich gesehen haben, machst du die formelle Begrüßung." Die Zweite Schwester You stellte sich jeder einzeln vor und stand dann mit gesenktem Kopf zur Seite.
Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte. Die Herzoginmutter musterte sie von oben bis unten, lächelte und fragte: „Wie heißt du? Wie alt bist du?" Phönixglanz lachte: „Ahnherrin, fragt noch nicht — sagt nur, ob sie hübscher ist als ich!"
Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte. Die Herzoginmutter setzte ihre Brille auf und befahl Mandarinenente[3] und Bernstein: „Bringt das Kind näher, ich will mir die Haut ansehen!" Alle unterdrückten ein Kichern und schoben die Zweite Schwester You vor. Die Herzoginmutter betrachtete sie eingehend und sagte zu Bernstein: „Zeig mir ihre Hände!" Mandarinenente hob ihren Rock an. Nachdem die Herzoginmutter alles betrachtet hatte, nahm sie die Brille ab und sagte lachend: „Das ist ein makelloses Kind! Ich finde, sie ist hübscher als du."
Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“ Phönixglanz kniete lächelnd nieder und erzählte der Herzoginmutter die mit der Schwägerin You abgesprochene Geschichte Punkt für Punkt: „Bitte, Ahnherrin, habt ein gnädiges Herz und erlaubt ihr, einzuziehen. In einem Jahr erst wird die Ehe vollzogen."
Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“ Die Herzoginmutter sagte: „Was ist daran auszusetzen? Da du so tugendhaft bist, ist das sehr löblich. Nur darf die Ehe erst in einem Jahr vollzogen werden."
Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen. Phönixglanz dankte mit einem Kotau, stand auf und bat die Herzoginmutter, zwei Frauen mitzuschicken, um die Zweite Schwester You den Gnädigen Frauen vorzustellen — mit dem Hinweis, es sei der Wille der Ahnherrin. Die Herzoginmutter stimmte zu. So wurde die Zweite Schwester You auch Dame Xing und anderen vorgestellt. Frau Wang, die sich ohnehin wegen der anrüchigen Gerüchte Sorgen gemacht hatte, war erleichtert über dieses Vorgehen.
Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei. Von nun an lebte die Zweite Schwester You offen im Haus und zog in die Seitenflügelzimmer ein.
Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“

„Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You.
Gleichzeitig ließ Phönixglanz heimlich Zhang Hua anstacheln, seine Erstfrau zurückzufordern — neben großzügiger Abfindung und Geld zum Lebensunterhalt. Zhang Hua hatte eigentlich nie den Mut und die Absicht gehabt, die Familie Kaufmann zu verklagen. Als dann Herrlichkeit Kaufmann[4] Leute zur Verhandlung schickte, argumentierten diese: „Zhang Hua hatte die Verlobung bereits aufgelöst. Wir sind alles Verwandte. Dass die Dame im Haus wohnt, ist wahr — aber von einer Heirat war nie die Rede. Zhang Hua schuldet unserem Haus Geld, und weil er es nicht zurückzahlt, verleumdet er uns."
„Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“

„Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“
Da das Zensorat sowohl mit der Familie Kaufmann als auch mit der Familie Wang verwandt war und zudem bestochen worden war, erklärte der Richter Zhang Hua für einen Taugenichts, der aus Armut Erpressung betreibe, wies die Klage ab und ließ ihn hinausprügeln. Draußen sorgte Qinger dafür, dass die Prügel nicht zu hart ausfielen, und stachelte Zhang Hua erneut an: „Die Verlobung wurde ja von deiner Familie geschlossen. Du brauchst nur die Braut zu fordern — das Gericht muss sie dir zusprechen!" Also klagte Zhang Hua erneut.
Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“

„Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“
Wang Xin steckte dem Zensorat einen Wink, woraufhin der Richter urteilte: „Die Schulden Zhang Huas gegenüber dem Haus Kaufmann sind fristgerecht zu begleichen. Die vereinbarte Verlobung kann eingelöst werden, sobald Zhang Hua über die Mittel verfügt." Auch Zhang Huas Vater wurde vorgeladen und stimmte vor Gericht zu — auch er war von Qinger eingeweiht und freute sich, Mensch und Geld zugleich zu gewinnen. Er ging zum Haus Kaufmann, um die Braut abzuholen.
Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“ Phönixglanz lief erschrocken zur Herzoginmutter und berichtete: „Die Schwägerin You hat die Sache schlecht gehandhabt! Die Verlobung war nie ordentlich aufgelöst worden, und jetzt hat der Mann geklagt, und das Gericht hat so entschieden!"
Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück. Die Herzoginmutter rief sofort die Schwägerin You herbei und schalt sie: „Deine Schwester war seit ihrer Kindheit verlobt, und die Verlobung wurde nie aufgehoben — da klagt man natürlich!"
Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“ Die Schwägerin You konnte nur sagen: „Er hat das Geld doch genommen — wie kann die Sache nicht erledigt sein?"
Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“ Phönixglanz warf von der Seite ein: „In Zhang Huas Aussage steht, er habe kein Geld gesehen und es sei niemand zu ihm gekommen. Sein Vater sagt: ‚Die Schwiegermutter hat einmal davon gesprochen, aber es wurde nie vereinbart. Nachdem die Schwiegermutter starb, habt ihr sie einfach als Zweitfrau aufgenommen.' Ohne Zeugen kann er sagen, was er will. Glücklicherweise war der Zweite Herr nicht zu Hause und die Ehe wurde noch nicht vollzogen — das ist nicht so schlimm. Nur — sie ist schon hier. Wie sollen wir sie zurückschicken? Das wäre doch eine Schande."
Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt. Die Herzoginmutter sagte: „Die Ehe ist nicht vollzogen — da behalten wir doch nicht die Frau eines anderen Mannes! Der Ruf wäre ruiniert. Schickt sie ihm zurück. Es finden sich genug gute Frauen."
Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“ Die Zweite Schwester You trat vor und sagte zur Herzoginmutter: „Meine Mutter hat ihm tatsächlich an dem und dem Datum zehn Liang Silber zur Auflösung der Verlobung gegeben. Er klagt nur aus Verzweiflung und hat sein Wort gebrochen. Meine Schwester hat nichts falsch gemacht."
Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester. Die Herzoginmutter sagte: „Das zeigt, wie schwer es ist, mit solchem Gesindel umzugehen. Wenn es so ist, Phönixglanz, kümmere dich darum."
Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als Erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß. Phönixglanz hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Zurück in ihren Räumen, schickte sie nach Herrlichkeit Kaufmann. Der verstand genau, was Phönixglanz wollte — wenn Zhang Hua die Zweite Schwester You wirklich zurückholte, wäre das eine Blamage. Also besprach er sich mit Schein Kaufmann-Echt[5] und ließ Zhang Hua heimlich ausrichten: „Du hast jetzt genug Silber. Wozu brauchst du die Frau? Wenn du weiter darauf bestehst, könnten die Herren zornig werden und einen Vorwand finden — dann hast du keinen Ort mehr für dein Grab. Mit deinem Silber kannst du zu Hause jede beliebige gute Frau finden. Wenn du gehst, bekommst du noch Reisegeld obendrauf."
Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze. Zhang Hua überlegte und fand den Vorschlag vernünftig. Er beriet sich mit seinem Vater, und nachdem sie zusammen etwa hundert Liang erhalten hatten, brachen Vater und Sohn am nächsten Tag um fünf Uhr morgens auf und kehrten in ihre Heimat zurück.
Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten. Herrlichkeit Kaufmann ermittelte die Wahrheit und berichtete der Herzoginmutter und Phönixglanz: „Zhang Hua und sein Vater haben falsch geklagt. Aus Furcht vor Strafe sind sie geflohen. Die Behörden wissen Bescheid und verfolgen die Sache nicht weiter. Die Angelegenheit ist erledigt."
Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert. Phönixglanz aber überlegte: Wenn sie Zhang Hua die Zweite Schwester You hätte zurückbringen lassen, hätte Jadeschale Kaufmann bei seiner Rückkehr einfach ein paar Münzen gezahlt und sie zurückgeholt — Zhang Hua hätte dem nie widerstanden. Es war besser, die Zweite Schwester You blieb hier in ihrer Gewalt.
Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen, nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen. Nur — Zhang Hua war auf unbekanntem Weg geflohen. Wenn er jemandem davon erzählte oder die Sache eines Tages wieder aufrollte, hätte sie sich selbst geschadet. Es war ein Fehler gewesen, einem Außenstehenden das Messer in die Hand zu geben. Reue kam zu spät. Also ersann sie einen neuen Plan und befahl Wang Er heimlich, Zhang Hua aufzuspüren und ihn umzubringen — ob durch eine fingierte Anklage wegen Diebstahls oder durch einen Mordanschlag —, um das Gras mit der Wurzel auszureißen und ihren Ruf zu schützen.
Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt. Wang Er überlegte zu Hause: Der Mann ist weg, die Sache erledigt. Menschenleben sind doch kein Kinderspiel! Am besten lüge ich sie an. So versteckte er sich ein paar Tage, kam dann zurück und berichtete Phönixglanz: Zhang Hua sei mit seinem Geld geflohen und am dritten Tag bei Jingkou im Morgengrauen von Straßenräubern erschlagen worden. Sein Vater sei vor Schreck in der Herberge gestorben; dort habe man die Leichen untersucht und bestattet.
‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“ Phönixglanz glaubte ihm nicht und drohte: „Wenn du lügst und ich herausfinde, dass es anders war, schlage ich dir die Zähne ein!" Doch dann ließ sie die Sache auf sich beruhen. Von nun an war sie nach außen hin überaus herzlich zur Zweiten Schwester You — noch liebevoller als zu einer leiblichen Schwester.
Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte. Jadeschale Kaufmann kehrte eines Tages von seiner Geschäftsreise zurück. Zuerst suchte er das Haus in der Blumenstraße auf — es war still verschlossen, nur ein alter Hauswächter war da. Auf seine Frage erzählte ihm der Alte die ganze Geschichte. Jadeschale Kaufmann stampfte wütend mit dem Fuß im Steigbügel.
Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend. Er musste Begnadigung Kaufmann[6] und Dame Xing aufsuchen und über den Erfolg seiner Reise berichten. Begnadigung Kaufmann war hocherfreut, lobte ihn als tüchtig, schenkte ihm hundert Liang Silber und gab ihm obendrein ein siebzehnjähriges Dienstmädchen namens Qiutong als Nebenfrau. Jadeschale Kaufmann dankte mit einem Kotau und war überglücklich.
Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“

Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“
Als er dann die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und zu Phönixglanz kam, war seine Miene unweigerlich etwas verlegen. Doch überraschenderweise empfing ihn Phönixglanz nicht mit der gewohnten Strenge, sondern kam zusammen mit der Zweiten Schwester You heraus, um ihn zu begrüßen.
Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte.

Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam, bedauerten sie sie. Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen.
Jadeschale Kaufmann erzählte von Qiutong, wobei sein Gesicht unvermeidlich Stolz und Selbstzufriedenheit zeigte. Phönixglanz ließ sofort zwei Frauen Qiutong herüberholen. Ein Stachel war noch nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter hinzu. Schlucken und Schweigen — sie zeigte nur eine freundliche Miene. Sie ließ ein Willkommensessen herrichten und stellte Qiutong der Herzoginmutter und Frau Wang vor. Jadeschale Kaufmann wunderte sich insgeheim.
Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen. Am zwölften Tag des zwölften Monats brach Schein Kaufmann-Echt zum Begräbniszug auf. Jadeschale Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang. Unterwegs ermahnte Schein Kaufmann-Echt sie, den Haushalt gut zu führen. Beide versprachen es mit wohlgesetzten Worten — doch das braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden.
Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war.

Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben.
Von nun an behandelte Phönixglanz zu Hause die Zweite Schwester You äußerlich tadellos, trug aber ganz andere Absichten im Herzen. Unter vier Augen sagte sie zur Zweiten Schwester You: „Schwester, dein Ruf ist sehr schlecht. Sogar die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen wissen davon und sagen, du wärst schon als Mädchen nicht anständig gewesen und hättest mit deinem Schwager etwas gehabt. ‚Da hat sie sich eine ausgesucht, die keiner mehr wollte — warum verstößt sie sie nicht und sucht eine Bessere?' Als ich das hörte, wurde mir fast schlecht vor Wut. Ich habe versucht herauszufinden, wer das gesagt hat, aber es war nicht festzustellen. Auf Dauer — wie soll ich den Dienstleuten noch in die Augen sehen? Da habe ich mir selbst die Scherben aufgeladen."
Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen. Nachdem sie das zweimal so erzählt hatte, wurde sie selbst vor Ärger krank und aß und trank nicht mehr. Abgesehen von Friedchen redeten alle Mädchen und Dienerinnen hinter dem Rücken schlecht, stachelten an und sticheln.
Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“

Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“
Qiutong, die sich einbildete, als Geschenk von Begnadigung Kaufmann über allen zu stehen, verachtete sogar Phönixglanz und Friedchen — von der Zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Bei jeder Gelegenheit schimpfte sie: „Diese Hure, die erst herumgehurt hat und dann, als sie keiner mehr wollte, geheiratet wurde — die will mir den Rang streitig machen?"
Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen. Phönixglanz freute sich insgeheim darüber. Die Zweite Schwester You empfand Scham, Zorn und Bitterkeit.
Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“

„So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach.
Da Phönixglanz sich krank stellte, aß sie nicht mehr mit der Zweiten Schwester You zusammen. Täglich ließ sie ihr Essen ins Zimmer bringen — aber alles war ungenießbarer Abfall. Friedchen, die das nicht mitansehen konnte, gab eigenes Geld aus und brachte ihr Speisen. Manchmal sagte sie auch einfach, sie gehe mit ihr im Garten spazieren, und ließ in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen. Niemand wagte, Phönixglanz davon zu erzählen. Doch eines Tages erwischte Qiutong die beiden und verriet es Phönixglanz: „Friedchen untergräbt Euren Ruf! Das gute Essen hier verschmäht sie, und dann geht sie in den Garten zum Stehlen!"
Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf. Phönixglanz schalt Friedchen: „Bei anderen Leuten fangen die Katzen Mäuse — nur meine Katze stiehlt die Hühner!" Friedchen wagte keinen Widerspruch und hielt sich fortan von der Zweiten Schwester You fern. Gegen Qiutong aber hegte sie einen stillen Hass, den sie nicht aussprechen konnte.
Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde.

Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat.
Von den Gartenbewohnerinnen sympathisierten Frau Li, Yingchun und Xichun mit Phönixglanz. Schatzjade[7], Kajaljade[8] und ihre Gesinnungsgenossen aber sorgten sich insgeheim um die Zweite Schwester You. Zwar konnten sie nicht viel tun, doch wann immer sie kam, bedauerten sie sie. Aber selbst wenn niemand zuhörte, weinte die Zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen.
Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“

„Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“
Phönixglanz ließ sich nie etwas Böses anmerken. Wenn Jadeschale Kaufmann nach Hause kam, sah er nur ihre Güte und war unachtsam. Zudem hatte Jadeschale Kaufmann angesichts der überaus zahlreichen Nebenfrauen und Mädchen seines Vaters Begnadigung Kaufmann schon immer ungehörige Gedanken gehegt, sie aber nicht in die Tat umgesetzt. Qiutong war eine alte Bekannte Jadeschale Kaufmanns gewesen, doch hatte es nie zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen kommen können. Jetzt, da der Himmel es so gefügt hatte und sein Vater sie ihm geschenkt hatte, waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Jadeschale Kaufmanns Interesse an der Zweiten Schwester You erlahmte, und nur noch Qiutong war sein Ein und Alles.
„Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.‘ Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“

„Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen.
Phönixglanz hasste Qiutong zwar, freute sich aber, sie als Werkzeug benutzen zu können, um zuerst die Zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe. Sie wollte mit „fremder Hand töten"[9] und „vom Berg den kämpfenden Tigern zusehen"[10] — wenn Qiutong die Zweite Schwester You erledigt hatte, wollte sie als Nächstes Qiutong erledigen.
Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“

„Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken.
Tag für Tag schimpfte Qiutong, ermutigt von Phönixglanz' vermeintlicher Schwäche: „Die Herrin ist zu weichherzig! Ich hingegen lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Ich werde es dieser Hure zeigen!" Die Zweite Schwester You lag in ihrem Zimmer, weinte, aß nichts und wagte nicht, Jadeschale Kaufmann davon zu erzählen.
Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung.

„Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein.

Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch.
Als die Herzoginmutter bemerkte, dass die Augen der Zweiten Schwester You rot und geschwollen waren, fragte sie nach dem Grund — doch die Zweite Schwester You wagte nichts zu sagen. Qiutong aber flüsterte der Herzoginmutter zu: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag heult sie grundlos herum und wünscht insgeheim, die Zweite Herrin und ich möchten bald sterben, damit sie den Zweiten Herrn für sich allein hat."
Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“ Die Herzoginmutter sagte: „Eine so betörende Schönheit lässt auf ein eifersüchtiges Herz schließen. Phönixglanz ist so gut zu ihr, und sie muss Streit suchen! Wirklich ein undankbares Ding!" So ließ ihr Wohlwollen für die Zweite Schwester You nach.
Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus. Als die anderen merkten, dass die Herzoginmutter nicht mehr gut auf sie zu sprechen war, trampelten sie erst recht auf ihr herum, bis die Zweite Schwester You weder leben noch sterben konnte. Nur Friedchen tröstete sie immer wieder hinter Phönixglanz' Rücken.
Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging. Doch die Zweite Schwester You war ein Mensch mit einem Herz aus Blumen und einer Haut aus Schnee — wie sollte sie solche Quälereien ertragen? Nach nur einem Monat stillen Grams wurde sie krank. Ihre Glieder waren schwer und träge, sie konnte nicht essen, wurde gelb und mager.
Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig.

Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub.

Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon.

Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot.
Eines Abends, als sie die Augen schloss, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Enten-und-Erpel-Schwertern auf sich zutreten: „Schwester, dein törichtes Herz und dein weicher Sinn haben dich ins Verderben geführt. Glaub nicht den Blumenworten und raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Äußerlich gibt sie die Gute, innerlich ist sie verschlagen. Ihr Hass ruht nicht, ehe sie dich umgebracht hat. Wenn ich noch lebte, hätte ich nie zugelassen, dass du zu ihr ziehst. Aber es musste so kommen. Wir haben beide ohne Zucht und Tugend gelebt und Väter und Söhne, Vettern und Brüder in schändliche Verwirrung gestürzt. Das ist nun die Vergeltung. Hör auf mich — erschlage die Eifersüchtige mit diesen Schwertern, dann komm mit mir vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und lass sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, und niemand wird dich bedauern."
Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“ Die Zweite Schwester You weinte: „Schwester, mein ganzes Leben war ohne Tugend — die Vergeltung, die mich jetzt trifft, ist die unvermeidliche Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich laden? Lass mich weiter aushalten. Vielleicht hat der Himmel Erbarmen."
Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll. Die jüngere Schwester seufzte: „Du bleibst eine Närrin. ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend — grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.' Du hast zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet — wie sollte der Himmel dich in Frieden leben lassen?"
Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“ Die Zweite Schwester You weinte: „Wenn mir kein Frieden bestimmt ist, nehme ich es ohne Groll hin."
Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld. Die Jüngere seufzte lang und verschwand. Die Zweite Schwester You fuhr auf — es war ein Traum.
Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen. Als Jadeschale Kaufmann kam, um nach ihr zu sehen, und sie allein waren, sagte sie unter Tränen: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich bei dir, und ich weiß, dass ich schwanger bin — ob Junge oder Mädchen, kann ich nicht sagen. Wenn der Himmel Mitleid hat, werde ich das Kind zur Welt bringen. Wenn nicht, steht es um mein Leben schlecht — vom Kind ganz zu schweigen."
Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“ Jadeschale Kaufmann weinte ebenfalls: „Beruhige dich! Ich hole einen fähigen Arzt."
Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun. Doch Hofarzt Wang war auf die Idee gekommen, sich beim Militär Verdienste zu erwerben. So brachten die Burschen einen Hofarzt namens Hu Junrong. Der fühlte den Puls und diagnostizierte: unregelmäßige Menstruation, kräftige Stärkung nötig.
Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“ Jadeschale Kaufmann wandte ein: „Ihre Regel hat seit drei Monaten ausgesetzt, und sie muss sich oft erbrechen. Vermutlich ist sie schwanger."
Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus. Hu Junrong ließ sich die Hand noch einmal zeigen, fühlte lange den Puls und erklärte: „Bei einer Schwangerschaft müsste der Leberpuls kräftig sein. Die Unregelmäßigkeit wird durch Leberholz verursacht. Ich muss so kühn sein, der gnädigen Frau das Gesicht sehen zu lassen, um ihren Lebenshauch zu beurteilen."
Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte. Jadeschale Kaufmann ließ den Bettvorhang einen Spalt öffnen. Der flüchtige Anblick genügte, um Hu Junrongs Seele in die neunte Himmelssphäre entschweben zu lassen. Nach dem Vorhangschließen ging er hinaus und erklärte: „Keine Schwangerschaft — nur angestautes Blut. Es kommt darauf an, dieses Blut abzuleiten."
Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“ Er schrieb ein Rezept und ging. Noch in derselben Nacht bekam die Zweite Schwester You heftige Bauchschmerzen, und es ging ihr ein vollständig ausgebildeter männlicher Fötus ab. Es folgte eine unstillbare Blutung, und sie verlor das Bewusstsein.
„Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“ Jadeschale Kaufmann fluchte wütend auf Hu Junrong, schickte nach einem anderen Arzt und ließ gegen Hu Junrong Anzeige erstatten. Doch der war bereits geflohen.
Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe i h r nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“ Der neue Arzt erklärte: „Die Patientin hatte von Natur aus eine schwache Konstitution. Seit der Schwangerschaft hat sich offenbar viel Gram angestaut. Der andere Arzt hat mit seiner Tiger-und-Wolf-Medizin ihren Lebensatem zu acht, neun Zehnteln zerstört. Eine baldige Genesung ist nicht möglich. Nur mit Heiltränken und Pillen zugleich und unter Fernhaltung jeglicher Aufregung besteht vielleicht noch Hoffnung."
„Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als Erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“

Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen.
Phönixglanz tat zehnmal aufgeregter als Jadeschale Kaufmann selbst: „Uns war kein Sohn bestimmt, und jetzt, da endlich einer kam, mussten wir an so einen Pfuscher geraten!" Sie brannte Weihrauch, kniete nieder und betete: „Wenn ich dafür krank werden muss — ich bitte nur, dass Schwester You vollständig gesundet, erneut schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich ewiges Fasten halten und zu Buddha beten!"
Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“ Alle lobten sie dafür. Wenn Jadeschale Kaufmann bei Qiutong war, kochte Phönixglanz Suppen und ließ sie der Zweiten Schwester You bringen. Sie befragte sogar Wahrsager — und das Ergebnis war, dass jemand „im Zeichen des Hasen" die Schwangerschaft gestört habe. Nur Qiutong war im Zeichen des Hasen geboren.
Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt. Qiutong, die ohnehin vor Eifersucht kochte, tobte: „Was kümmern mich diese blinden Wahrsager! ‚Brunnenwasser tut dem Flusswasser nichts zuleide!' Die feine Dame hat sich draußen mit wer weiß wem eingelassen — und ich soll schuld sein? Wer weiß, ob das Kind überhaupt von einem Kaufmann wäre! Selbst wenn sie eines hätte — wer weiß, ob es Zhang oder Wang heißen müsste!" Dann schimpfte sie laut unter dem Fenster der Zweiten Schwester You, die nur noch kränker wurde.
Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten. Eines Abends, als Jadeschale Kaufmann bei Qiutong schlief und Phönixglanz bereits zu Bett gegangen war, kam Friedchen zur Zweiten Schwester You und tröstete sie leise: „Kurier dich nur und achte nicht auf das Biest!"
Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“ Die Zweite Schwester You ergriff ihre Hand und weinte: „Schwester, seit ich hier bin, warst du die Einzige, die sich um mich gekümmert hat. Wie viel Ärger hast du meinetwegen einstecken müssen! Wenn ich mit dem Leben davonkomme, vergelte ich dir deine Güte. Wenn nicht, muss es bis zum nächsten Leben warten."
Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten. Auch Friedchen weinte: „Eigentlich bin ich an deinem Unglück schuld. Ich hatte ein törichtes Herz und habe ihr nie etwas verschwiegen. Als ich von dir erfuhr, habe ich es ihr natürlich gesagt. Und daraus ist all dieses Unheil entstanden."
Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“ Die Zweite Schwester You widersprach: „Da hast du unrecht! Auch ohne dich hätte sie es herausgefunden. Außerdem war es mein eigener Wunsch, ins Haus zu ziehen, damit alles seine Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun."
Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren. Beide weinten noch eine Weile. Friedchen gab ihr einige Ermahnungen, und erst spät in der Nacht ging sie schlafen.
Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof. Hier stand schon ein Sterndeuter bereit, und als er das Leichentuch anhob, um die Tote zu betrachten, sah ihr Gesicht so frisch wie das einer Lebenden aus, nur daß es noch schöner war. Die Zweite Schwester You aber dachte bei sich: „Die Krankheit hat mich fest im Griff, und von Tag zu Tag geht es mir schlechter statt besser. Genesen werde ich bestimmt nicht. Zudem habe ich mein Kind verloren — woran soll sich mein Herz noch klammern? Wozu diese Kränkungen ertragen? Besser, ich sterbe — das wäre sauberer. Ich habe oft gehört, man könne sich mit Rohgold[11] umbringen. Das ist doch sauberer als Erhängen oder Halsabschneiden."
Noch einmal schloß Djia Liän die Tote in seine Arme, weinte laut und rief dabei aus: „Du bist rätselhaft gestorben, meine Frau! Doch ich allein bin daran schuld!“

Rasch trat Djia Jung näher und redete ihm zu: „Faßt Euch, Onkel! Meiner Tante war kein Glück beschieden, das ist es.“ Dabei wies er mit der Hand nach Süden in Richtung der Mauer, hinter der der Garten des Großen Anblicks lag.
Als sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, raffte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe und fand ein Stück unbearbeitetes Gold — sie wusste nicht, wie schwer es war. Mit Tränen in den Augen schob sie es sich in den Mund. Mehrmals musste sie mit aller Gewalt schlucken, bis sie es endlich hinunterbekam.
Djia Liän verstand, was Djia Jung damit sagen wollte, stampfte leise mit dem Fuß auf und verkündete mit gedämpfter Stimme: „Ich war zu nachlässig, aber früher oder später werde ich herausfinden, was dahintersteckt, und dann wirst du gerächt!“ Dann kleidete sie sich hastig in ihre besten Gewänder, schmückte sich mit ihrem Kopfschmuck und legte sich aufs Bett. Kein Mensch bemerkte etwas, kein Geist wurde gewahr.
„Da die junge gnädige Frau heute früh in der zweiten Hälfte der vierten Doppelstunde gestorben ist, darf sie nicht am fünften Tag, sondern entweder am dritten oder am siebenten übergeführt werden“, erklärte der Sterndeuter. „Die dritte Doppelstunde des morgigen Tages ist ein glückverheißender Termin für die Einsargung.“ Am nächsten Morgen, als die Mädchen und Frauen merkten, dass die Zweite Schwester You nicht nach ihnen rief, machten sie sich seelenruhig an ihre eigene Toilette. Phönixglanz war bereits mit Qiutong zur Begrüßung bei den Älteren.
„Am dritten Tag geht es auf keinen Fall, also am siebenten!“ sagte Djia Liän. „Da mein Onkel und mein Vetter nicht hier sind und da es auch nur ein kleinerer Trauerfall ist, wage ich nicht, die Aufbahrung im Hause in die Länge zu ziehen. Im Tempel wird sie noch fünfmal sieben Tage aufgebahrt bleiben, und erst nach einer großen Totenmesse soll der Sarg verschlossen werden. Im nächsten Jahr wird sie dann in den Süden übergeführt und begraben.“

Der Sterndeuter äußerte seine Zustimmung, dann stellte er den Totenschein aus und ging fort. Inzwischen war längst Bau-yü eingetroffen,
Friedchen aber schalt die Mädchen: „Ihr taugt wirklich nur dazu, von jemandem bedient zu werden, der kein Herz hat und euch schlägt und beschimpft! Eine Kranke — habt ihr denn kein Mitleid? Auch wenn sie sanftmütig ist, solltet ihr es nicht so übertreiben! ‚Wenn die Mauer fällt, schieben alle mit' — das seid ihr!"
um die Tote eine Zeitlang zu beweinen, und auch die übrigen Sippenangehörigen kamen. Die Mädchen öffneten die Tür — und fanden die Zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt, tot auf dem Bett liegend. Entsetzt schrien sie auf.
Djia Liän eilte dann in seine Wohnräume zurück, um von Hsi-fëng Geld für den Sarg und das Trauerzeremoniell zu verlangen. Aber Hsi-fëng hatte, schon als die Tote hinausgetragen wurde, Krankheit vorgeschützt und erklärt: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben gesagt, für mich als Kranke seien Brautgemächer, Kreißzimmer und Sterbezimmer tabu, und deshalb dürfe nicht mit dabei sein.“ Anstatt Trauer anzulegen und an der Aufbahrungszeremonie teilzunehmen, hatte sie sich in den Garten des Großen Anblicks begeben, wo sie um die Berge herumging und an die nördliche Umfassungsmauer trat, um zu horchen, was draußen gesprochen wurde. Was sie dabei leise und verschwommen gehört hatte, berichtete sie anschließend der Herzoginmutter. Friedchen trat ein, sah die Tote und brach in lautes Weinen aus. Auch die anderen, obwohl sie Phönixglanz fürchteten, dachten daran, wie freundlich und nachsichtig die Zweite Schwester You immer zu ihnen gewesen war — besser als Phönixglanz —, und weinten um sie, wenn auch nicht so, dass Phönixglanz es sehen konnte.
„Was für ein Unfug!“ schimpfte die Herzoginmutter. „In allen andern Familien werden die Leichen von Mädchen, die an Auszehrung gestorben sind, verbrannt, und die Asche wird verstreut. Er aber will ein richtiges Trauerzeremoniell beginnen und ein Grab für sie anlegen. Da sie nun einmal zu seiner Nebenfrau bestimmt war, mag er sie fünfmal sieben Tage lang aufbahren lassen, aber dann soll sie verbrannt oder irgendwo verscharrt werden, und damit basta!“ Im Nu war der Tod im ganzen Haus bekannt. Jadeschale Kaufmann nahm die Tote in die Arme und weinte hemmungslos. Phönixglanz klagte mit geheuchelten Tränen: „Hartherzige Schwester! Warum hast du mich allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank vergolten?"
„Ihr habt vollkommen recht“, stimmte Hsi-fëng lächelnd zu. „Doch ich traue mich nicht, ihm das zu sagen.“

Im selben Moment kam ein Sklavenmädchen, um Hsi-fëng zu holen, und sagte: „Der zweite junge Herr erwartet Euch, um sich Silber geben zu lassen.“
Die Schwägerin You und Herrlichkeit Kaufmann kamen ebenfalls, weinten eine Weile und trösteten Jadeschale Kaufmann. Dann bat Jadeschale Kaufmann Frau Wang um Erlaubnis, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufzubahren und dann zum Kloster Eiserne Schwelle zu überführen. Frau Wang gestattete es.
Also mußte Hsi-fëng nach Hause gehen, aber dort fragte sie Djia Liän: „Was für Silber? Weißt du noch nicht, daß wir in der letzten Zeit knapp dran sind? Die Monatsgelder reichen nicht für den ganzen Monat, die Hühner fressen – wie man so sagt – schon die Körner vom nächsten Jahr. Gestern mußte ich zwei goldene Halsreifen gegen dreihundert Liang Silber verpfänden, und du gibst dich noch irgendwelchen Träumen hin. Zwanzig, dreißig Liang habe ich übrig, die kannst du bekommen, wenn du willst.“ Damit befahl sie Ping-örl, das Silber zu bringen und Djia Liän auszuhändigen, dann gab sie vor, die Herzoginmutter habe ihr noch etwas zu sagen, und ging wieder fort. Doch als Jadeschale Kaufmann Phönixglanz um Geld für Sarg und Begräbnis bat, spielte sie die Arme: „Welches Geld? Du weißt doch, wie knapp es ist! Gestern habe ich zwei goldene Halsketten für dreihundert Liang verpfändet. Hier sind noch zwanzig, dreißig Liang — nimm sie, wenn du willst." Dann ging sie mit einem Hinweis auf die Ahnherrin davon.
Vor Wut waren Djia Liän die Worte im Hals steckengeblieben. Nun öffnete er die Truhen und Schränke der zweiten Schwester You, um dort seinen Privatbesitz zu suchen, den er ihr anvertraut hatte, aber alles war leer bis auf ein paar zerbrochene Haarpfeile, verwelkte Blumen und halbzerschlissene Seidenkleider, die die zweite Schwester You getragen hatte. Bei diesem Anblick wurde Djia Liän erneut von Kummer ergriffen und begann zu weinen. Dann steckte er die Sachen in einen Kleiderbeutel, und anstatt seine Sklavenjungen oder die Sklavenmädchen damit zu beauftragen, trug er ihn selber fort, um alles zu verbrennen. Jadeschale Kaufmann, wütend und stumm, öffnete die Truhen der Zweiten Schwester You — alles leer, nur alte Haarnadeln, verwelkte Blumen und halbgetragene Seidenkleider, die die Verstorbene immer getragen hatte. Er weinte aufs Neue, packte alles in ein Bündel und trug es selbst hinaus, um es zu verbrennen.
Ping-örl, die darüber zugleich gerührt und belustigt war, holte schnell in aller Heimlichkeit ein Päckchen mit zweihundert Liang Bruchsilber und ging damit in den Seitenflügel, wo sie Djia Liän am Arm faßte, ihm wortlos das Päckchen hinhielt und ihn dann ermahnte: „So sei doch still! Wenn du heulen willst, kannst du das draußen tun, soviel du willst. Du aber mußt ihr hier damit unter die Augen kommen!“ Friedchen, gleichermaßen traurig und belustigt, stahl heimlich ein Päckchen mit zweihundert Liang Silber, zerrte Jadeschale Kaufmann in die Seitenkammer und flüsterte ihm zu: „Schweig! Wenn du weinen willst — draußen kannst du weinen, so viel du willst. Komm nicht hier herein und mach Theater!"
„Du hast recht“, sagte Djia Liän. Dann nahm er ihr das Silber ab und reichte ihr einen Rock, wobei er sagte: „Den hat sie immer zu Hause getragen. Heb ihn mir gut auf, damit ich ein Andenken habe!“ Jadeschale Kaufmann sagte: „Du hast recht." Er nahm das Silber und reichte Friedchen einen Rock: „Das hat sie immer getragen. Bewahre ihn für mich auf — als Andenken." Friedchen verbarg ihn und nahm ihn mit.
Notgedrungen verbarg Ping-örl den Rock an ihrem Körper, um ihn dann wegzulegen. Inzwischen übergab Djia Liän das Silber dem Gesinde und befahl, Bretter für den Sarg zu kaufen. Aber gutes Holz war teuer, und mittelmäßiges wollte er nicht. Also ritt er los, um selber danach zu suchen, und kam am Abend wirklich mit einer Partie guter Bretter zurück, die er allerdings zum Preis von fünfhundert Liang Silber auf Kredit erstanden hatte, und nun wurde die ganze Nacht hindurch der Sarg gezimmert. Zugleich bestimmte Djia Liän Leute, die in Trauerkleidung die Totenwache halten mußten. Auch er selbst kehrte am Abend nicht in die Wohnräume zurück und wachte statt dessen die Nacht über bei der Toten. Jadeschale Kaufmann nahm das Silber, ließ zunächst einen Sarg kaufen. Die guten waren zu teuer, die mittelmäßigen wollte er nicht. Er ritt selbst los, um sich umzusehen, und am Abend wurde tatsächlich ein schöner Sarg hereingetragen — fünfhundert Liang auf Kredit. Über Nacht wurde er fertiggestellt. Er teilte Leute ein, die in Trauerkleidung beim Sarg Wache hielten, und schlief die Nacht über nicht in seinen Gemächern, sondern neben dem Aufbahrungsort.
Wahrhaftig:
  1. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
  2. Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
  3. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, die treue Leibmagd der Herzoginmutter.
  4. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Schein Kaufmann-Echt.
  5. Schein Kaufmann-Echt: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts.
  6. Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, der ältere der Kaufmann-Brüder, Vater von Jadeschale Kaufmann.
  7. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans.
  8. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade.
  9. 借刀杀人 jiè dāo shā rén: Eines der 36 Strategeme der chinesischen Kriegskunst — „Mit einem geliehenen Messer töten".
  10. 坐山观虎斗 zuò shān guān hǔ dòu: Sprichwörtl. Strategie — abwarten und andere den Kampf ausfechten lassen.
  11. Selbstmord durch Verschlucken von Gold (吞金): Eine in der chinesischen Literatur häufig beschriebene Methode des Freitods, bes. bei Frauen der Oberschicht.

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