Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 86

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Kapitel 86: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
86.Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des GesetzesZeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt. Sechsundachtzigstes Kapitel
Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief den Dienstboten herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte. Durch private Bestechung dreht ein Beamter die Akten um,
„Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...“ In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch[1]
Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war:

„...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertfünfzehn Kilometer südlich der Stadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Gastwirtschaft, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Herr Djiang brach noch am selben Tag auf.

Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann – der, mit dem er vorhatte zu reisen – in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seiner Schale sofort auf den Kellner ein. Niemand hatte vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug ihm mit Weinschale auf den Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.“

„Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä.

„Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.“ –

„Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ –

„Vielen Dank, gnädige Frau.“ –

So gingen dann beide hinaus.
Wie berichtet, hatte Tante Schnee[2] [薛姨妈] Xue Kes Brief erhalten und den Diener hereinrufen lassen. Sie fragte: „Hast du gehört, was dein Erster Herr erzählt hat — wie es dazu kam, dass jemand totgeschlagen wurde?" Der Diener sagte: „Ich habe es nicht genau gehört. An dem Tag erzählte der Erste Herr dem Zweiten Herrn …" Er blickte sich um, und als er sah, dass niemand zuhörte, fuhr er fort: „Der Erste Herr sagte: Seit es zu Hause so furchtbar zuging, habe er die Lust verloren und wolle in den Süden fahren, um Waren einzukaufen. An dem Tag wollte er jemanden als Reisebegleiter treffen, der über zweihundert Li südlich der Stadt wohnt. Auf dem Weg dorthin traf er zufällig den früheren Bekannten Jiang Yuhan, der mit einer Gruppe junger Schauspieler in die Stadt kam. Der Erste Herr aß und trank mit ihm in einer Wirtschaft. Da der Schankbursche ständig zu Jiang Yuhan hinüberschielte, wurde der Erste Herr ärgerlich. Danach ging Jiang Yuhan. Am nächsten Tag lud der Erste Herr den Reisebegleiter zum Trinken ein. Nach dem Wein erinnerte er sich an den Vorfall vom Vortag und rief den Schanken, um anderen Wein zu bringen. Der Bursche kam zu spät, und der Erste Herr fing an zu schimpfen. Der Mann war nicht einverstanden, und der Erste Herr warf die Weinschale nach ihm. Doch der Kerl war ein Raufbold und streckte den Kopf vor, damit der Erste Herr zuschlagen möge. Der Erste Herr schlug ihm die Schale auf den Kopf — sofort schoss das Blut hervor, und er fiel zu Boden. Erst schimpfte er noch, dann sagte er nichts mehr." Tante Schnee fragte: „Hat denn niemand vermittelt?" Der Diener sagte: „Davon hat der Erste Herr nichts erzählt; ich wage nicht, etwas zu erfinden." Tante Schnee sagte: „Geh dich erst einmal ausruhen." Der Diener ging hinaus.
Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, der Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht davon gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte.

Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch den Dienstboten.

Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes:

„Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen.
Tante Schnee suchte Wang Furen auf und bat sie, bei Aufrecht Kaufmann[3] [贾政] ein gutes Wort einzulegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich nach den Umständen und konnte nur vage zusagen; er sagte, man müsse erst abwarten, bis Xue Ke seine Eingabe eingereicht habe und wie der Kreisrichter darüber befinde, ehe man weitersehen könne.
Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund – derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“ Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange[4] [宝钗] benachrichtigen, die eilig herüberkam. Der Brief lautete:
Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt. „Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden — das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe."
Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall verwickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet. Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor:
Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über eine Weinschale war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seiner Weinschale auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen der Weinschale des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab. „Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Becken Schnee [薛蟠], gebürtig aus Nanjing, wohnhaft in der Westlichen Hauptstadt, reiste an dem betreffenden Tag mit Kapital in den Süden zum Handel. Wenige Tage nach seiner Abreise sandte ein Diener Nachricht nach Hause, dass er in einen Totschlag verwickelt sei. Ich eilte sofort zur ehrenwerten Behörde und erfuhr, dass mein Bruder unbeabsichtigt einen Mann namens Zhang verletzt habe. Im Gefängnis erzählte mein Bruder unter Tränen: Er kenne den besagten Zhang überhaupt nicht, es bestehe keinerlei Feindschaft. Bei einem Wortwechsel wegen des Weinwechselns habe er den Wein zu Boden geschüttet. Unglücklicherweise bückte sich Zhang San gerade, um etwas aufzuheben, und die Weinschale traf versehentlich seine Fontanelle, woran er starb. Bei der früheren Vernehmung habe mein Bruder aus Angst vor der Folter zugegeben, er habe ihn im Streit totgeschlagen. Euer erhabene Güte hat bereits erkannt, dass hier Unrecht vorliegt, und den Fall noch nicht abgeschlossen. Mein Bruder als Häftling darf keine Eingabe machen; ich wage es als sein Bruder, unter Einsatz meines Lebens, stellvertretend um Wiederaufnahme und Anhörung der Zeugen zu bitten. Falls dies gnädig gewährt wird, werden wir die grenzenlose Gnade unserer Lebetage preisen."
Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde. Der Bescheid lautete:
Bautschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand:

Stellungnahme zum Berufungsantrag

Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen.
„Die Leichenschau am Tatort hat eindeutige Beweise erbracht. Zudem hat dein Bruder ohne Anwendung von Folter aus freien Stücken den Totschlag im Streit gestanden, und das Geständnis liegt aktenkundig vor. Du bist von weit hergekommen und warst kein Augenzeuge — wie darfst du da erdichtete Behauptungen aufstellen und eine unbegründete Gegenklage einreichen? Eigentlich wärest du zu bestrafen; in Anbetracht deiner brüderlichen Sorge sei dir vorerst verziehen. Abgelehnt."
Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen.

Berufung abgewiesen.

„Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ –

„Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bautschai, „es gibt ein P. S.“
Tante Schnee sagte bestürzt: „Dann ist er also nicht mehr zu retten? Was sollen wir tun?" Schatzspange antwortete: „Der Brief des Zweiten Bruders ist noch nicht zu Ende — es kommt noch etwas." Sie las weiter: „Das Wichtigste erfährt man vom Boten."
Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“

Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Sie sagen, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“
Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat."
Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an.

Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Es steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten.
Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um Wang Furen alles zu erklären und Aufrecht Kaufmann um Hilfe zu bitten. Aufrecht Kaufmann war bereit, jemanden zu beauftragen, ein gutes Wort beim Kreisrichter einzulegen, wollte aber kein Geld ins Spiel bringen. Tante Schnee fürchtete, das reiche nicht aus, und bat Phönixglanz[5], mit Jadeschale Kaufmann[6] zu sprechen. Mit einigen tausend Tael Silber wurde der Kreisrichter bestochen, und auch Xue Ke konnte an seinem Ende alles regeln.
Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Örl, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen.

Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.)

„Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“

Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsuntergeordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ –

„Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden.

„War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter.

„Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl.
Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Becken Schnee aus dem Gefängnis vor und rief die Gerichtsschreiber auf, alle Namen zu verlesen. Der Richter ließ den Dorfvorsteher das Originalgeständnis vortragen und rief dann die Witwe des Toten, Zhang Wang Shi, sowie den Onkel Zhang Er auf. Zhang Wang Shi heulte: „Mein Mann Zhang Da ist vor achtzehn Jahren gestorben. Der erste und der zweite Sohn sind auch gestorben. Nur dieser Jüngste blieb mir übrig, Zhang San, dreiundzwanzig Jahre alt, noch unverheiratet. Weil wir so arm waren und es nichts zu essen gab, hat er als Schankbursche bei der Wirtschaft Li gearbeitet. An dem Tag kam mittags jemand aus der Wirtschaft und sagte: ‚Dein Sohn ist totgeschlagen worden!' Ach, gnädiger Herr, ich wäre vor Schreck fast gestorben! Ich rannte hin und sah meinen Jungen mit blutigem Kopf auf dem Boden liegen und keuchen; auf meine Fragen konnte er nicht mehr antworten, und kurz darauf war er tot. Ich wollte mich auf diesen Lump stürzen und mit meinem Leben bezahlen!" Die Gerichtsdiener riefen sie zur Ordnung. Zhang Wang Shi warf sich auf die Knie: „Gnädiger Herr, verschafft mir Gerechtigkeit! Er war mein einziger Sohn!"
„Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen Sie mir, haben Sie diesen Schlag mit eigenen Augen mit angesehen?“ –

„Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es seiner Mutter [Frau Dschang] mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“

„Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ –

„Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“

Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen.

„Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter.
Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Becken Schnee Zhang San mit der Schale totschlug. Hast du es wirklich gesehen?" Li Er sagte: „Ich stand am Tresen und hörte, dass im Gastzimmer Wein verlangt wurde. Kurz darauf hieß es: ‚Es ist etwas Schlimmes passiert — es ist einer verletzt!' Ich rannte hin und sah Zhang San auf dem Boden liegen; er konnte nicht mehr sprechen. Ich benachrichtigte den Dorfvorsteher und seine Mutter. Wie genau geschlagen wurde, weiß ich wirklich nicht. Fragen Sie doch den Zechgenossen." Der Richter herrschte ihn an: „Bei der ersten Vernehmung hast du behauptet, du habest es mit eigenen Augen gesehen — und heute sagst du, du habest nichts gesehen?" Li Er stammelte: „An dem Tag war ich so verwirrt vor Schreck, dass ich alles durcheinanderbrachte." Die Gerichtsdiener brüllten ihn an.
„Sagen Sie mir“, fragte der Richter, „haben Sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag? Sagen Sie die Wahrheit.“ –

„An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er eine neue Weinschale. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seiner Schale ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß die Weinschale aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ –

„Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“
Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Becken Schnee zugeschlagen? Sag die Wahrheit!" Wu Liang sagte: „Ich war an dem Tag zu Hause. Dieser Herr Xue lud mich zum Trinken ein. Er fand den Wein schlecht und wollte tauschen, aber Zhang San weigerte sich. Herr Xue wurde wütend und schüttete ihm den Wein ins Gesicht — ich weiß nicht, wie, aber die Schale traf seinen Kopf. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen." Der Richter schrie: „Unsinn! Bei der Leichenschau hat Becken Schnee selbst zugegeben, er habe ihn mit der Schale totgeschlagen, und du hast bestätigt, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warum stimmt deine heutige Aussage nicht überein? Maulschellen!" Die Diener wollten zuschlagen. Wu Liang flehte: „Becken Schnee hat sich wirklich nicht mit Zhang San geprügelt. Die Weinschale ist ihm aus der Hand gerutscht und gegen den Kopf gestoßen. Fragen Sie doch Becken Schnee selbst — das wäre eine Gnade!"
Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“

Der Richter rief Hsüä Pan herbei.

„Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ –

„Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ –

„Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“
Der Richter rief Becken Schnee vor und fragte: „Was für eine Feindschaft hattest du mit Zhang San? Wie genau ist er gestorben? Sag die Wahrheit!" Becken Schnee flehte: „Euer Gnaden, Erbarmen! Ich habe ihn wirklich nicht geschlagen. Weil er den Wein nicht wechseln wollte, schüttete ich den Wein auf den Boden. Dabei rutschte mir die Schale aus der Hand und traf seinen Kopf. Sofort versuchte ich, das Blut zu stillen, aber es war nicht zu stoppen; es blutete immer mehr, und bald darauf war er tot. Bei der Leichenschau hatte ich Angst vor der Folter und sagte deshalb, ich hätte ihn mit der Schale geschlagen. Ich flehe um Gnade!" Der Richter herrschte ihn an: „Du dummer Kerl! Als ich dich fragte, wie du ihn geschlagen hast, gestehst du, du habest ihn aus Wut über den Wein geschlagen — und heute sagst du, die Schale sei dir ausgerutscht!" Der Richter tat, als wolle er foltern und pressen lassen. Becken Schnee beharrte unerschütterlich auf seiner Aussage.
Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis.

Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben.

„Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“

Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen.
Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an.
„Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ –

„Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“

Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ –

„Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang.

Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“

Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Örl an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und die anderen und ihr Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich.
Zhang Wang Shi schrie weinend: „Gnädiger Herr! Letztes Mal hieß es noch, es gäbe viele Verletzungen — warum sind die heute alle verschwunden?" Der Richter schrie: „Was redet die Frau da! Hier ist das offizielle Protokoll — kannst du nicht lesen?" Er rief den Onkel Zhang Er und fragte: „Dein Neffe ist tot — wie viele Verletzungen hatte er?" Zhang Er beeilte sich zu sagen: „Eine Wunde am Kopf." Der Richter nickte: „Na also!" Er ließ den Gerichtsschreiber der Witwe das Protokoll vorzeigen und den Dorfvorsteher und den Onkel es ihr erklären: Alle Zeugen hätten übereinstimmend ausgesagt, es habe keine Schlägerei stattgefunden — also liege kein Totschlag im Streit vor. Es werde als versehentliche Tötung gewertet. Er ordnete die Unterzeichnung an und ließ Becken Schnee in Haft auf die Bestätigung durch die höhere Instanz warten; alle übrigen wurden dem Dorfvorsteher zur Freilassung übergeben, und die Sitzung wurde geschlossen. Zhang Wang Shi schrie und tobte; der Richter ließ sie von den Dienern hinaustreiben. Zhang Er redete auf sie ein: „Es war wirklich ein Versehen — wie willst du dem die Schuld geben? Der Richter hat klar geurteilt. Hör auf mit dem Unsinn."
Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen:

„Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“

Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war.

Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr:
Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Becken Schnee, er solle geduldig ausharren, und fuhr nach Hause; in ein paar Tagen komme er wieder. Becken Schnee fürchtete um seine Mutter und ließ ausrichten: „Mir geht es gut. Man muss noch einige Male bei der Behörde Geld aufwenden, dann kann ich nach Hause. Nur spart nicht am Silber."
„Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Herumhängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause.

Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,Angriff‘ zu ,Unfall‘ gelungen war.

„Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung beschlossen ist, wird alles vorbei sein.“

Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung.
Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut."
„Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ –

„Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer kaiserlichen Konkubinen Djia doch gut geht.“
Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling [元春] vor sich, und alle machten sich Sorgen. Als man aber nachforschte, war im Palast alles in Ordnung. Dann, vorgestern Abend, sagte die Alte Ahnin selbst: ‚Warum kommt Urfrühling ganz allein zu mir?' Alle dachten, eine alte Dame phantasiere in der Krankheit, und glaubten es nicht. Die Alte Ahnin sagte weiter: ‚Ihr glaubt mir nicht? Urfrühling hat sogar zu mir gesagt: Aller Glanz geht rasch zu Ende — man muss sich rechtzeitig zurückziehen.' Jeder dachte, das seien die Grübeleien einer alten Frau, und nahm es nicht ernst. Am nächsten Morgen kam aufgeregt die Nachricht aus dem Palast: Die Gemahlin sei schwer erkrankt, und alle Ehrentitelträgerinnen sollten sich melden. Da erschraken alle zutiefst und eilten in den Palast. Ehe sie zurückkehrten, hörten wir zu Hause schon, dass die Zhou-Kaisergemahlin gestorben sei. Stell dir vor: Das Gerücht von draußen und die Angst zu Hause fielen genau zusammen — ist das nicht seltsam?"
„Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ –

„Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bautschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war.

„Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort:
Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'"
„Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ – Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist."
„Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“

Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über unseren Bruder? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir seinen Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ –

„Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai.

Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tantschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei.

„Mutter meinte gestern Abend nur“, sagte Tantschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ –

„Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Kë war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem ist meine Schwiegertochter [Djin Guee] nicht sehr verständig, deshalb konnte ich mich nicht freimachen und herkommen. Der einzige Grund, weshalb Kë nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ –

„Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan.

Frau Hsüä nickte.

„Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft leisten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bautschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ –
Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur Li Schleierfrau[7] [李纨] und Spürfrühling[8] [探春] zu Hause und empfingen sie. Spürfrühling fragte: „Wie steht es mit dem Fall des Großen Bruders?" Tante Schnee sagte: „Man wartet noch auf die Bestätigung der höheren Instanz, aber es sieht so aus, als werde es nicht die Todesstrafe." Da waren alle erleichtert. Spürfrühling erzählte: „Gestern Abend sagte die Tante: ‚Als wir damals in Schwierigkeiten waren, hat die Tante uns geholfen; jetzt, wo wir selbst Sorgen haben, können wir schlecht darum bitten.' Es lässt ihr keine Ruhe." Tante Schnee sagte: „Auch mir fällt es zu Hause schwer. Nur hat mein älterer Sohn diesen Ärger, und der jüngere ist in Geschäften unterwegs. Zu Hause ist Schatzspange allein — was kann die schon ausrichten? Dazu ist unsere Schwiegertochter eine, die nichts versteht; deshalb konnte ich mich nicht losreißen. Jetzt, wo der Kreisrichter mit den Vorbereitungen für die Zhou-Kaisergemahlin beschäftigt ist und den Fall nicht weiterverfolgen kann, ist der Zweite zurückgekehrt, und ich konnte endlich herüberkommen." Li Schleierfrau sagte: „Wenn die Tante ein paar Tage hierbleiben möchte, wäre das noch besser." Tante Schnee nickte: „Ich möchte euch Mädchen ein wenig Gesellschaft leisten; nur ist eure Schwester Bao dann einsamer." Bewahrfrühling[9] [惜春] fragte: „Wenn die Tante sich sorgt — warum holt man Schwester Schatzspange nicht auch her?" Tante Schnee lachte: „Das geht nicht." Bewahrfrühling fragte: „Warum nicht? Früher hat sie doch auch hier gewohnt!" Li Schleierfrau sagte: „Du verstehst das nicht. Bei ihnen zu Hause ist gerade etwas vorgefallen — wie soll sie da kommen?" Bewahrfrühling nahm das für bare Münze und fragte nicht weiter.
„Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsitschun vor.

Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ –

„Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“

Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“

Hsitschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-tschais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach.
Da kamen die Herzoginmutter [贾母] und die anderen zurück. Beim Anblick von Tante Schnee vergaßen sie fast die Begrüßung und fragten sofort nach Becken Schnees Angelegenheit. Tante Schnee erzählte alles ausführlich. Schatzjade[10] [宝玉], der daneben stand und den Namen Jiang Yuhan hörte, wagte vor den anderen nicht zu fragen, dachte aber bei sich: „Wenn er nach Peking zurückgekommen ist, warum besucht er mich nicht?" Und dass Schatzspange nicht erschien, wusste er nicht zu deuten. Grübelnd stand er da, als Kajaljade[11] [黛玉] ebenfalls zur Begrüßung kam. Schatzjade fühlte sich sogleich ein wenig froher, ließ den Gedanken an Schatzspange fahren und aß mit den Schwestern bei der Großmutter zu Abend. Danach ging man auseinander; Tante Schnee übernachtete in die Herzoginmutters Nebengemach.
Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yühans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, ‚Warum hat er nicht bei mir vorbeigeschaut, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war.‘ Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen Schwestern bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb.

Bau-yü ging zurück in seine Gemächer und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Leibtuch erinnerte, das Djiang Yühan ihm einst geschenkt hatte.

„Das dunkelrote Leibtuch, welches du nicht tragen wolltest, hast du es noch?“, fragte er Hsi-jën.

„Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ –

„Ach, ich überlegte nur.“ –

„Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ –

„Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger verwickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“
Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch[12] [袭人]: „Das rote Schweißtuch, das du vor Jahren nicht mehr getragen hast — hast du das noch?" Dufthauch sagte: „Ich habe es aufgehoben. Warum fragst du?" Schatzjade: „Nur so." Dufthauch: „Du hast gehört, mit was für Gesindel Herr Xue verkehrt und wie das zu diesem Mordfall geführt hat — und da bringst du solche Sachen zur Sprache? Statt dir unnötig den Kopf zu zerbrechen, könntest du lieber in Ruhe lernen und diese belanglosen Dinge beiseitelassen." Schatzjade: „Ich mache doch gar nichts — es fiel mir nur zufällig ein. Ob es da ist oder nicht, ich frage ja nur, und schon hältst du mir eine Predigt!" Dufthauch lachte: „Ich rede nicht zu viel. Wenn ein Mensch gebildet und gesittet ist, sollte er nach oben streben. Selbst wenn jemand, den man liebt, käme — man möchte doch, dass er Freude und Achtung empfindet!"
Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ –

„Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“

Und schon war er fort.
Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt."
„Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“

Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd.

„Bist du schon lange zurück, Kusinchen?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie.

„Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“

Er lachte.

„Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“

Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend.
Schatzjade antwortete nicht, ging mit gesenktem Kopf geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kajaljade saß am Tisch und las. Schatzjade trat heran und sagte lächelnd: „Schwester, du bist schon früh zurück?" Kajaljade lachte: „Wenn du mich nicht beachtest, was soll ich dort noch?" Schatzjade entschuldigte sich lachend: „Es waren so viele Leute, ich kam nicht zu Wort, deshalb habe ich nicht mit dir gesprochen." Dabei blickte er auf Kajaljades Buch — kein einziges Zeichen konnte er lesen. Manche sahen aus wie „Shao", andere wie „Mang"; dann gab es ein „Da"-Zeichen mit einem Haken daneben, einer „Neun" darüber und einer „Fünf" in der Mitte; andere hatten oben eine „Fünf" und eine „Sechs", dann ein „Mu"-Zeichen, und unten wieder eine „Fünf". Es sah sonderbar und rätselhaft aus. Schatzjade sagte: „Schwester, du machst wirklich Fortschritte — schon liest du Himmelsschrift!"
„Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er.

Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich.

„Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither.

„Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ –

„Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ –
Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?"
„Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ –

„Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt.
Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von Wen König stammte. ‚Hohe Berge und fließendes Wasser' — so fand man den wahren Geistesverwandten." Bei diesen Worten zuckten ihre Augenlider leicht, und langsam senkte sie den Kopf.
„Als wir in Yangdschou lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“

Sie schloß die Augen und senkte langsam den Kopf.

Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ –

„Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ –

„Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“

Dai-yü lachte.
Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik."
„Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend mit offensaitigem Dröhnen...“

Bau-yü war außer sich vor Begeisterung.

„So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ –

„Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer...

Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten.

Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln.

So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen.

„Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ –
Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer."
„Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“

Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln:

„Warum freuen Sie sich heute so sehr, zweiter junger Herr Bau[-yü]?“ –

„Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ –

„Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ –

„Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ –

„Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ –

„Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ –
Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck[13] [紫鹃] herein und sah Schatzjade. Lachend sagte sie: „Der Zweite Herr Bao ist heute aber bester Laune!" Schatzjade lachte: „Was die Schwester eben auseinandergesetzt hat, war mir eine wahre Erleuchtung — je mehr ich höre, desto lieber höre ich zu." Purpurkuckuck sagte: „Das meine ich nicht — ich meine, dass Ihr zu uns herübergekommen seid." Schatzjade erwiderte: „In letzter Zeit war die Schwester krank, und ich fürchtete, sie zu stören; außerdem ging ich in die Schule — so entstand der Eindruck, als hätten wir uns entfremdet." Purpurkuckuck unterbrach ihn: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Wenn der Zweite Herr schon so sagt — sitzen kann er ja ein Weilchen, aber dann sollte er das Fräulein auch ausruhen lassen, statt sie mit solchen Vorträgen zu ermüden." Schatzjade lachte: „Natürlich — ich habe nur so gern zugehört, dass ich ganz vergessen habe, wie anstrengend es für die Schwester ist."
„Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über so etwas zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ –

„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“

Er stand auf.

„Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester [Tan] und die vierte Schwester [Hsi] fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ –

„Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“

An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur:

„Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“
Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und Xueyan lachten.
Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls.

Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug.

„Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“

Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren.

Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert:
Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam Qiuwen mit einem kleinen Mädchen, das ein Töpfchen mit Orchideen trug, und sagte: „Drüben bei der Gnädigen Frau hat jemand vier Töpfe Orchideen gebracht; weil drinnen gerade viel los ist und niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern, schickt man dem Zweiten Herrn einen und dem Fräulein Lin einen." Kajaljade betrachtete die Pflanze — einige Stiele trugen Doppelblüten — und ein plötzliches Gefühl durchzuckte sie, sie wusste nicht, ob Freude oder Trauer, und starrte nur stumm auf die Blüten. Schatzjade aber hatte im Augenblick nur die Zither im Sinn und sagte: „Jetzt, wo die Schwester Orchideen hat, kann sie die ‚Elegie auf die Orchidee' spielen."
„Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“

Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte:
Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen.
‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘

Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’
Purpurkuckuck sah es und konnte sich den Grund nicht erklären: „Eben, als Schatzjade hier war, war sie so fröhlich; und jetzt schaut sie sich Blumen an und wird plötzlich traurig?" Gerade grübelte sie, wie sie trösten sollte, als ein Bote von Schatzspange erschien.
Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen. Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
  1. Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).
  2. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  3. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  4. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  5. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  6. Jadeschale Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
  7. Li Schleierfrau: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".
  8. Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  9. Bewahrfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
  10. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  11. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  12. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  13. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

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