Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 90

From China Studies Wiki
< Hongloumeng‎ | DE3-DE4
Revision as of 15:12, 26 April 2026 by Admin (talk | contribs) (DE3-DE4 comparison)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel 90: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
90.Ein armes Mädchen verliert ihre gefütterte Jacke und schlägt sich mit aufmüpfigem Verhalten herumEin Mann nimmt Süßigkeiten an und ärgert sich über eine Intrige. Kapitel 90
Seit Dai-yü versucht hatte, selbständig zu leben, fühlte sie sich schließlich immer schwächer, bis sie eines Tages die Nahrungsaufnahme verweigerte. Seit mehr als zehn Tagen besuchten sie die Herzoginmutter und andere abwechselnd. Gelegentlich wechselte sie ein paar Worte mit ihnen. Seit zwei Tagen sprach sie nicht mehr mit ihnen, fühlte sich schwindelig und war nur gelegentlich bei klarem Verstand. Die Herzoginmutter hatte einen gewissen Verdacht für den Grund der Krankheit und fragte Dsï-djüan und Hsüä-yän mehr als einmal aus. Aber die zwei Dienstmädchen hatten zuviel Angst, um zu sagen, was sie wußten. Dsï-djüan ihrerseits, während sie gerne die letzten Neuigkeiten von Schï-schu erfahren hätte, fürchtete, daß die Wahrheit einen weiteren Schock hervorrufen und die Stunde von Dai-yüs Tod schneller herbeiführen würde. Deshalb blockte sie das Thema, als sie Schï-schu sah, komplett ab. Hsüä-yän, als Überbringer der Nachrichten, fühlte sich verantwortlich für Dai-yüs Zustand und sehnte sich nach hundert Zungen, um zu schreien: „Ich habe nie ein Wort gesagt!“ Auch sie blieb verschlossen, wenn sie gefragt wurde. Das arme Mädchen verliert sein Wattenjäckchen und erträgt den Tumult mit Geduld. Der junge Herr bekommt Obst geschickt und ist aufs Äußerste erschrocken.
Als Dsï-djüan sah, daß Dai-yü nichts mehr essen wollte und entschieden hatte, alle Hoffnung aufzugeben, stand sie eine Weile weinend an der Seite ihres Bettes, dann ging sie nach draußen und flüsterte Hsüä-yän zu: Es wird erzählt, dass Kajaljade[1] [林黛玉], seitdem sie beschlossen hatte, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen, von Tag zu Tag schwächer wurde, bis sie eines Tages aufhörte zu essen. In den ersten zehn und mehr Tagen waren die Herzoginmutter [贾母] und die anderen abwechselnd bei ihr gewesen, und sie hatte zuweilen noch ein paar Worte gesagt. In den letzten zwei Tagen jedoch sprach sie fast gar nicht mehr. Obwohl sie zeitweise das Bewusstsein verlor, war sie zu anderen Zeiten noch bei Sinnen.
„Geh hinein und paß gut auf sie auf. Ich werde sofort hinüber zur alten Dame, den Damen und der jungen gnädigen Frau Liän gehen und sagen, daß es heute besonders ernst ist.“ Die Herzoginmutter und die anderen erkannten, dass diese Krankheit nicht grundlos entstanden sein konnte, und hatten Purpurkuckuck[2] [紫鹃] und Schneegans [雪雁] zweimal befragt, doch die beiden wagten nichts zu sagen. Purpurkuckuck hätte gern bei Shishu [侍书] Neuigkeiten erfragt, fürchtete aber, je mehr Aufsehen man mache, desto schneller werde Kajaljade sterben. Daher erwähnte sie bei Begegnungen mit Shishu kein Wort. Schneegans war es gewesen, die durch ihr unbedachtes Weitererzählen die ganze Sache verursacht hatte — nun hätte sie sich am liebsten hundert Münder gewünscht, um zu beteuern: „Ich habe nichts gesagt!" Natürlich konnte auch sie die Sache nicht erwähnen.
Hsüä-yän nickte und Dsï-yüan ging dann raus. Sie setzte sich zu Dai-yü und fand sie wie ohnmächtig liegend. Sie war noch ein Kind und hatte so etwas noch nie erlebt. Sie deutete den Zustand als Tod und begann sogleich Trauer und Angst zu fühlen. Wenn nur Dsï-djüan sich beeilen und endlich zurückkommen würde! Genau in diesem Moment hörte sie Fußstapfen draußen am Fenster. Das mußte jetzt Dsï-djüan sein! Sie atmete erleichtert auf, stand sofort auf und hob in voller Erwartung den Türvorhang. Sie hörte das Rascheln des Vorhanges der außen Tür, und herein kam nicht Dsï-djüan, sondern Schï-schu, die von Tan-tschun geschickt wurde, um zu fragen, wie es Dai-yü ging. Sie sah Hsüä-yän im inneren Flur stehen und fragte: „Wie geht es Fräulein Dai-yü?“ An diesem Tag nun, als Kajaljade aufgehört hatte zu essen und Purpurkuckuck erkannte, dass es keine Hoffnung mehr gab, weinte sie eine Weile an ihrem Bett und ging dann hinaus, um Schneegans heimlich zu sagen: „Geh ins Zimmer und pass gut auf sie auf! Ich gehe zur Ahnherrin, zur Gnädigen Frau und zur Zweiten Herrin, um Bescheid zu sagen. Heute sieht es ganz anders aus als sonst."
Hsüä-yän gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen mitzukommen, und Schï-schu betrat den inneren Raum mit ihr. Sie stellte fest, daß Dsï-djüan nicht dort war, und als sie Dai-yü ansah und sah, wie schwer sie atmete, machte sie ein entsetztes Gesicht. Schneegans gehorchte, und Purpurkuckuck ging.
„Wohin ist Dsï-djüan gegangen?“, fragte sie. Schneegans saß nun allein bei Kajaljade im Zimmer. Sie sah, wie sie in tiefer Bewusstlosigkeit lag. Das junge Mädchen hatte so etwas noch nie erlebt und dachte, so müsse es aussehen, wenn jemand stirbt. Ihr Herz war zugleich voll Schmerz und Angst, und sie wünschte sich nur, Purpurkuckuck käme bald zurück.
„In die oberen Gemächer um zu berichten“, antwortete Hsüä-yän.

Sicher, daß Dai-yü, wenn nicht wirklich tot, dann zumindest zu diesem Zeitpunkt „tot für die Welt“ war, entschied sich Hsüä-yän den Vorteil von Dsï-djüans Abwesenheit zu nutzen, um Schï-schu Fragen zu stellen. Sie nahm ihre Hand und fragte sie flüsternd:
Gerade als sie sich am meisten fürchtete, hörte sie draußen am Fenster Schritte. Schneegans wusste, es war Purpurkuckuck, die zurückkehrte, und atmete auf. Eilig stand sie auf und hob den inneren Vorhang, um sie hereinzulassen. Doch die Person, die durch den äußeren Vorhang trat, war nicht Purpurkuckuck, sondern Shishu. Tanchun [探春] hatte sie geschickt, um nach Kajaljade zu sehen. Als Shishu Schneegans den Vorhang halten sah, fragte sie: „Wie geht es dem Fräulein?" Schneegans nickte nur und winkte sie herein. Shishu folgte ihr und sah, dass Purpurkuckuck nicht da war. Als sie einen Blick auf Kajaljade warf und sah, dass sie nur noch schwach atmete, erschrak sie zutiefst.
„Meintest du neulich wirklich, was du sagtest – daß Herr Wang Herrn Bau-yü eine Verlobung vermittelt hat?“ „Wo ist Schwester Purpurkuckuck?", fragte sie.
„Natürlich meinte ich das ernst!“, antwortete Schï-schu. Schneegans sagte: „Sie ist hinüber gegangen, um den Herrschaften Bescheid zu sagen."
„Für wann ist die Verlobung festgesetzt?“ – Schneegans glaubte zu diesem Zeitpunkt, Kajaljade sei in einem Zustand, in dem sie nichts mehr wahrnehme. Da Purpurkuckuck nicht da war, zog sie leise Shishu am Ärmel und fragte: „Was du mir neulich erzählt hast — dass ein Herr Wang für den zweiten jungen Herrn hier eine Heirat vorgeschlagen hat — war das wirklich wahr?"
„Ich habe nie gesagt, daß sie festgesetzt worden ist! Was ich dir sagte war nur, was ich am selben Tag von Hsiau-hung gehört hatte. Später war ich selbst bei der jungen gändigen Frau Liän und hörte sie zu Ping sagen, daß das Ganze nur ein Gesprächsthema der Gäste war, um ihm zu gefallen und eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen. Wie es schien, dachte Dame Hsing nicht einmal daran, daß es eine gute Partie wäre. Aber auch wenn sie es für gut befunden hätte, so weiß doch jeder, wie unverläßlich ihr Urteilsvermögen ist. Außerdem, die alte Dame hat bereits jemand anderen für Herrn Bau-yü vorgesehen, jemanden hier aus dem Garten. Die Dame Hsing hatte natürlich keine Ahnung davon, und die Herzoginmutter hat ihnen nur um Herrn Wangs willen erlaubt, mit den normalen Anfragen der Form wegen weiterzumachen. Ich habe von Frau Liän gehört, was Bau-yü angeht, so will die Herzoginmutter, daß er eine Verwandte heiratet, und ihre Meinung ist unwiderruflich, also sind alle anderen Vorschläge Zeitverschwendung.“ Shishu sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?"
Hsüä-yän war außer sich. Schneegans fragte: „Wann wurde die Verlobung besiegelt?"
„Also stirbt unsere Herrin für nichts!“, rief sie. „Was meinst du?“, fragte Schï-schu.

„Ja weißt du denn nicht? Vor ein paar Tagen hörte Fräulein Dai-yü, wie ich Dsï-djüan von der Verlobung erzählte – deswegen hat sie sich jetzt in diese entsetzliche Lage gebracht.“

„Pssst!“ flüsterte Schï-schu, „sie könnte dich hören!“

„Sie ist komplett tot für diese Welt“, antwortete Hsüä-yän. „Sieh – es wird nicht länger als ein oder zwei Tage dauern.“

Während sie sprach, wurde der Türvorhang zur Seite geschoben und Dsï-djüan kam herein.

„Du meine Güte!“, rief sie aus. „Könnt ihr nicht woanders lästern? Ihr könnt sie genausogut in den Tod treiben!“
Shishu sagte: „So weit ist es gar nicht gekommen! An dem Tag, als ich dir davon erzählte, hatte ich es von der kleinen Rot gehört. Danach ging ich zur Zweiten Herrin hinüber, und die sprach gerade mit Schwester Friedchen[3] [平儿] darüber: ‚Das sind alles nur die Höflinge, die diese Geschichte aufbauschen, um dem gnädigen Herrn zu schmeicheln und sich bei ihm einzuschmeicheln. Ganz abgesehen davon, dass die Erste Gnädige Frau es nicht gut findet — selbst wenn sie einverstanden wäre und das Mädchen lobte, was versteht die Erste Gnädige Frau schon von Menschen? Außerdem hat die Ahnherrin längst jemanden im Sinn — und die lebt in unserem Garten! Die Erste Gnädige Frau hat keine Ahnung, woran sie mit der Ahnherrin ist. Die Ahnherrin hat nur wegen der Worte des gnädigen Herrn ein paar höfliche Fragen gestellt, weiter nichts.' Dann hörte ich die Zweite Herrin noch sagen: ‚Bei Schatzjade[4]s [贾宝玉] Heirat besteht die Ahnherrin darauf, dass es eine Verbindung innerhalb der Verwandtschaft wird. Wer auch immer eine Braut vorschlägt — es wird nichts daraus.'"
„Ich kann einfach nicht an solch merkwürdigen Vorgänge glauben“, murmelte Schï-schu. Schneegans vergaß vor Erstaunen alles andere und sagte: „Was soll das heißen! Dann hätten wir unserer Herrin völlig umsonst das Leben genommen!"
„Meine Liebe Schï-schu“, erwiderte Dsï-djüan scharf, „versteh mich bitte nicht falsch. Ich will dich nicht beleidigen, aber du mußt schon sehr dumm sein, um so zu lästern.“ Shishu fragte: „Wie meinst du das?"
Während die drei sprachen, hörten sie plötzlich Dai-yü husten. Dsï-djüan eilte an ihre Bettseite, während Hsüä-yän und Schï-schu verstummten. Dsï-djüan bückte sich und flüsterte Dai-yü, die mit dem Gesicht zur Wand lag zu: Schneegans sagte: „Du weißt es ja gar nicht! Neulich haben Schwester Purpurkuckuck und ich davon geredet, und unsere Herrin hat es gehört — und seither ist es so weit gekommen."
„Möchten Sie etwas Wasser, Fräulein?“ Shishu sagte: „Sprich leiser! Pass auf, dass sie es nicht hört!"
Da kam ein schwer hörbares „Ja,“ und Hsüä-yän füllte sofort eine Tasse halbvoll mit heißem Wasser und gab es Dsï-djüan, die sie in der Handfläche hielt. Schï-schu hatte sich währenddessen zum Ofenbett bewegt und wollte gerade etwas zu Dai-yü sagen, als Dsï-djüan sie mit einer Bewegung zum Schweigen brachte, und sie sich wieder besann. Sie warteten. Nach einer kurzen Pause hustete Dai-yü wieder und Dsï-djüan fragte sofort: „Möchten Sie das Wasser jetzt, Fräulein?“ Schneegans sagte: „Sie ist doch nicht mehr bei Bewusstsein. Schau sie dir an — es dauert höchstens noch ein, zwei Tage."
Da war wieder ein leises „Ja“, und Dai-yü sah aus, als wollte sie ihren Kopf heben, aber sie war zu schwach dazu. Dsï-djüan kletterte auf das Ofenbett an ihre Seite und, immer noch die Tasse in der Hand haltend, probierte sie erst das Wasser, ob es nicht zu heiß war, und hob es dann an Dai-yüs Mund, ihren Kopf stützend, bis der Tassenrand ihre Lippen erreichte. Dai-yü nahm einen kleinen Schluck, und Dsï-djüan wollte gerade die Tasse wegnehmen, als sie sah, daß Dai-yü mehr wollte. Sie hielt die Tasse, wo sie war. Dai-yü trank wieder, schüttelte den Kopf, um zu zeigen, daß sie nichts mehr wollte, atmete tief ein und legte sich wieder hin. Nach einer langen Pause öffnete sie die Augen ein wenig und fragte: Gerade als sie das sagte, kam Purpurkuckuck herein, hob den Vorhang und rief: „Das ist ja unerhört! Wenn ihr etwas zu besprechen habt, warum geht ihr nicht hinaus? Müsst ihr es ausgerechnet hier sagen? Wollt ihr sie geradewegs in den Tod treiben?"
„War das Schï-schu, die ich gerade reden hörte?“ Shishu sagte: „Ich kann nicht glauben, dass es so etwas Seltsames gibt!"
„Ja, Fräulein“, antwortete Dsï-djüan. Purpurkuckuck sagte: „Liebe Schwester, nimm es mir nicht übel, aber du verstehst eben manche Dinge nicht. Wenn du es verstanden hättest, hättest du nicht solchen Klatsch weitergetragen."
Schï-schu war noch immer im Raum und kam sofort, um Dai-yü zu begrüßen. Sie überbrachte Tan-tschuns Nachricht. Dai-yü starrte sie kurz an und nickte. Nach einer Pause sagte sie: Während die drei so redeten, hörten sie plötzlich, wie Kajaljade hustete. Purpurkuckuck eilte sofort an den Bettrand. Shishu und Schneegans verstummten. Purpurkuckuck beugte sich über sie und fragte leise: „Fräulein, möchtet Ihr einen Schluck Wasser trinken?"
„Wenn du nach Hause gehst, grüß’ Fräulein Tan-tschun ganz lieb von mir, ja?“ Kajaljade antwortete mit einem kaum hörbaren Laut. Schneegans goss eilig eine halbe Tasse heißes Wasser ein. Purpurkuckuck nahm sie entgegen und hielt sie ihr hin. Shishu trat ebenfalls näher, doch Purpurkuckuck schüttelte den Kopf, damit sie nicht sprach. Shishu schluckte ihre Worte hinunter.
Schï-schu nahm das als Wink Dai-yüs zu gehen und verließ leise den Raum. Nach einer Weile hustete Kajaljade erneut. Purpurkuckuck nutzte die Gelegenheit und fragte: „Fräulein, wollt Ihr Wasser?"
Nun, obwohl Dai-yüs Zustand sehr schlimm war, war sie doch klar bei Verstand. Schï-schus Ankunft hatte sie bewußt mitbekommen und vage die ersten Worte gehört, die sie mit Hsüä-yän sprach. Sie fühlte sich jedoch zu schwach, um sich mit einem Besucher auseinanderzusetzen, und tat daher so, als schliefe sie. Aber als die Unterhaltung weiterging, wurde ihr klar, daß was sie als Tatsache angesehen hatte, nicht mehr als ein Heiratsantrag war. Und dann hörte sie wie Schï-schu die Worte Hsi-fëngs wiederholte, daß die Herzoginmutter vorhatte, Bau-yü mit einer seiner Kusinen zu verheiraten, mit einer, die im Garten lebte; und wer könnte das anders sein als sie selbst? So wie in der Wintersonnenwende Yin Yang das Leben schenkt, so gab nun in ihrem Kopf Dunkelheit den Weg für Licht frei. Sie fühlte plötzlich viel mehr Klarheit in sich, und entschied sich, zwei Schluck Wasser zu trinken und sogar mit Schï-schu zu sprechen. Kajaljade antwortete wieder schwach. Ihr Kopf schien sich heben zu wollen, doch sie hatte nicht die Kraft dazu. Purpurkuckuck kletterte aufs Bett, legte sich neben Kajaljade, prüfte die Temperatur des Wassers und führte die Tasse an ihre Lippen. Sie stützte Kajaljades Kopf, und Kajaljade trank einen Schluck. Purpurkuckuck wollte die Tasse gerade wegnehmen, doch Kajaljade wollte noch einen Schluck. Purpurkuckuck hielt die Tasse still. Kajaljade trank noch einmal, schüttelte dann den Kopf — genug. Sie atmete einmal tief durch und legte sich wieder hin.
Genau in diesem Moment kamen die Herzoginmutter, die Dame Wang, Li Wan und Hsi-fëng, aufgrund Dsï-djüans dringender Aufforderung. Da nun Dai-yüs innere Zweifel sich so dramatisch zerstreut hatten, präsentierte sie nicht länger das Schauspiel der sterbenden Herrin, welches Dsï-djüan erwartete. Sie war noch immer schwach und schlechten Gemüts, aber sie war fähig, mit etwas Mühe einige ihrer Fragen zu beantworten. Hsi-fëng rief Dsï-djüan herüber und fragte sie: Nach langer Zeit öffnete sie leicht die Augen und sagte: „Vorhin — war das nicht Shishus Stimme?"
„Fräulein Dai-yü ist nicht einmal ansatzweise so krank, wie du uns gesagt hast. Warum hast du so übertrieben? Wir haben uns große Sorgen gemacht.“ Purpurkuckuck bestätigte: „Ja."
„Wirklich, Herrin“, antwortete Dsï-djüan, „eben gerade war sie in sehr schlechtem Zustand. Deswegen kam ich zu Ihnen. Unter anderen Umständen hätte ich es nie gewagt, Euch zu rufen. Sie sieht jetzt tatsächlich viel besser aus. Das ist sehr seltsam.“ Shishu, die noch nicht gegangen war, eilte herbei und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Kajaljade öffnete die Augen, sah sie an und nickte leicht. Nach einer Weile sagte sie: „Geh zurück und grüß dein Fräulein von mir."
Die Herzoginmutter sagte zu Hsi-fëng mit einem Lächeln: Shishu dachte, Kajaljade fühle sich gestört, und zog sich leise zurück.
„Du solltest nicht so ernst nehmen, was sie sagt, meine Liebe. Sie versteht solche Dinge nicht. Wohlgemerkt hatte sie sehr wohl das Recht etwas zu sagen, wenn sie etwas in dieser Richtung bemerkt hätte. Ich habe kein Verständnis für junge Leute, die nie ein Wort sagen oder nie etwas tun, nur um nicht dumm auszusehen.“ Tatsächlich war Kajaljade, obwohl schwer krank, bei vollem Bewusstsein gewesen. Als Shishu und Schneegans vorhin gesprochen hatten, hatte sie einzelne Worte aufgefangen, doch so getan, als wüsste sie nichts, denn sie hatte wirklich keine Kraft zu antworten. Erst als sie Schneegans' und Shishus Worte hörte, wurde ihr klar, dass die frühere Angelegenheit nur diskutiert, aber nie beschlossen worden war. Zudem hatte Shishu gesagt, Phönixglanz[5] [王熙凤] habe erklärt, die Ahnherrin bestehe darauf, dass es eine Verbindung innerhalb der Verwandtschaft werde — und die Person lebe im Garten. Wer konnte das sein, wenn nicht sie selbst?
Die Damen unterhielten sich noch eine Weile, dann kehrten sie, überzeugt, daß alles gut war, zu ihren Gemächern zurück. Bei diesem Gedanken war es, als würde am tiefsten Punkt der Finsternis ein Licht aufgehen. Ihr Geist klärte sich augenblicklich auf. Deshalb hatte sie zwei Schluck Wasser getrunken und wollte Shishu noch etwas fragen.
Wahrhaft: Da kamen die Herzoginmutter, Dame Wang, Frau Li [李纨] und Phönixglanz, die von Purpurkuckuck gehört hatten, alle eilig herüber, um nach ihr zu sehen. Kajaljade, deren Todeswunsch sich nun aufgelöst hatte, war natürlich nicht mehr so wie zuvor. Obwohl sie körperlich schwach und kraftlos war, brachte sie doch mühsam ein oder zwei Antworten hervor.
Eine Liebeskranke muß letztlich mit Liebe geheilt werden

Nur die Hand, die den Knoten knüpfte, kann ihn wieder lösen.
Phönixglanz rief Purpurkuckuck beiseite und fragte: „So schlecht steht es doch nicht um das Fräulein! Was soll das, dass du uns so erschreckst?"
Nachdem sich der Zustand Dai-yüs stetig besserte, schickten Hsüä-yän und Dsï-djüan viele geheime Dankgebete zu Buddha. Purpurkuckuck sagte: „Vorhin sah es wirklich schlecht aus, deshalb wagte ich es zu melden. Als ich zurückkam, ging es ihr auf einmal viel besser — ich verstehe es selbst nicht."
„Gott sei Dank, ihr geht es besser!“, sagte Hsüä-yän zu Dsï-djüan. „Aber welch merkwürdige Krankheit! Und welch merkwürdige Art der Heilung!“ Die Herzoginmutter lachte: „Glaub ihr nicht! Was versteht sie schon? Wenn sie sieht, dass es schlecht steht, meldet sie es — das zeigt wenigstens, dass sie aufpasst. Ein Kind, das den Mund nicht zu faul hat und die Beine nicht zu zart, ist gut genug."
„Wir wissen, was die Ursache für die Krankheit war“, sagte Dsï-djüan, „es ist nur die plötzliche Besserung, die uns so Kopfzerbrechen macht. Ich denke, Bau-yü und Fräulein Dai-yü müssen nach allem für das Heiraten vorherbestimmt sein. ‚Schwierigkeiten sind dazu da, um überwunden zu werden‘, aber es gilt auch: ‚Hochzeiten, die im Himmel geschlossen wurden, sollen nie gebrochen werden‘! Das ist es, was beide tief in ihrem Herzen wollen, und das muß es sein, was der Himmel für sie erdacht hat. Erinnerst du dich, was mit Bau-yü letztes Jahr passierte, als ich ihm erzählte, daß Fräulein Dai-yü in ihre Heimat, gen Süden, gehen würde? An dem Schock wäre er fast gestorben, und dann machte er eine schreckliche Szene. Und nun war eine kleine Bemerkung von uns fast ihr Tod. Ihre Liebe muß ein Bund aus einem früheren Leben sein, welches vor einem Jahrhundert am Berg der Wiedergeburt geschlossen wurde!“ Nachdem man eine Weile geplaudert und festgestellt hatte, dass keine Gefahr mehr bestand, gingen die Herzoginmutter und die anderen wieder.
Angesichts dieser romantischen Geschichte tauschten sie ein geheimes Lächeln aus, und Hsüä-yän rief: Wahrlich heißt es:
„Gott sei Dank, jedenfalls geht es ihr besser! Wir dürfen es niemals wieder erwähnen! Sogar wenn Bau-yü eine andere Frau heiraten und ich die Hochzeit mit eigenen Augen ansehen müßte, schwöre ich, daß ich nie ein Wort zu irgendjemandem darüber verlieren würde.“ Herzkrankheit braucht Herzensmedizin zur Heilung;
Dsï-djüan lachte. Wer die Glocke band, der muss sie auch lösen.
„Schön gesagt!“ Kajaljades Zustand besserte sich allmählich. Schneegans und Purpurkuckuck sprachen hinter ihrem Rücken ein Dankgebet. Schneegans sagte zu Purpurkuckuck: „Zum Glück geht es ihr besser! Nur war die Krankheit ebenso seltsam wie die Genesung."
Diese Unterhaltung war nicht die einzige geheime Diskussion über dieses Thema. Alle dachten, daß die Krankheit von Dai-yü merkwürdig war und die Besserung noch merkwürdiger. Alle flüsterten und spekulierten darüber. Diese Gerüchte erreichten bald Hsi-fëng. Die Damen Wang und Hsing hatten einen vagen Verdacht, und die Herzoginmutter kam mit ihren Vermutungen zu acht oder neun Zehntel der Wahrheit nahe. Die vier Damen kamen eines Tages in den Gemächern der Herzoginmutter zusammen, und im Zuge ihrer Unterhaltung kam das Thema von Dai-yüs Krankheit auf. Purpurkuckuck sagte: „Das Erkranken war nicht seltsam — nur die Genesung ist seltsam. Schatzjade und unser Fräulein sind bestimmt füreinander bestimmt. Man sagt: ‚Gute Dinge haben viel Mühsal.' Und auch: ‚Was vom Schicksal bestimmt ist, lässt sich selbst mit Knüppeln nicht auseinandertreiben.' So gesehen sind die beiden wahrlich vom Himmel füreinander geschaffen. Denk nur daran, wie ich vor ein paar Jahren sagte, Fräulein Lin wolle in den Süden zurückkehren — da ist Schatzjade fast vor Angst gestorben, und das ganze Haus stand Kopf! Und jetzt reicht ein Wort, und unsere Herrin schwebt zwischen Leben und Tod. Wenn das nicht beweist, dass die Verbindung schon vor hundert Jahren auf dem Stein der drei Geburten geschrieben stand!"
„Da ist etwas, was ich euch allen sagen möchte“, sagte die Herzoginmutter. „Bau-yü und Fräulein Dai-yü sind zusammen, seit sie klein waren, und das hat mich nie gestört, da ich beide immer als Kinder ansah. Wie häufig hörte man davon, daß Fräulein Dai-yü schnell krank und ebenso schnell wieder gesund wurde. Das läßt einiges vermuten. Ich denke, wenn man den beiden erlaubte, auf ewig zusammen zu bleiben, sähe das nicht vernünftig aus. Was denkt ihr?“ Die beiden kicherten eine Weile hinter vorgehaltener Hand. Dann sagte Schneegans: „Zum Glück ist es gut ausgegangen! Ab morgen dürfen wir kein Wort mehr darüber verlieren. Selbst wenn Schatzjade ein Mädchen aus einer fremden Familie heiraten sollte und ich mit eigenen Augen bei der Hochzeit zusähe — kein Wort mehr über meine Lippen!"
Die Dame Wang war eine Weile sprachlos und antwortete dann nur: „Fräulein Dai-yü macht sich sehr viele Gedanken über viele Dinge. Und Bau-yü ist ein Kindskopf und Taugenichts. Wenn wir einen von beiden aus dem Garten entfernten, wäre das nicht zu offensichtlich? Es wurde schon immer gesagt, daß jeder Junge ein Bräutigam und jedes Mädchen eine Braut wird. Denkst du nicht, Mutter, daß es eine bessere Lösung wäre, so schnell wie möglich zu handeln und beide zu verheiraten?“ Purpurkuckuck lachte: „Das ist vernünftig."
Die Herzoginmutter runzelte die Stirn: Nicht nur Purpurkuckuck und Schneegans sprachen unter sich darüber — auch die anderen wussten, dass Kajaljades Erkranken ebenso seltsam wie ihre Genesung war. Zu zweit und zu dritt steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Es dauerte nicht lang, bis auch Phönixglanz davon erfuhr. Dame Xing und Dame Wang hatten gewisse Vermutungen, aber nur die Herzoginmutter hatte die Wahrheit zu acht oder neun Zehnteln erraten.
„Ich weiß, daß Fräulein Dai-yüs brave und geduldige Haltung auf manche anziehend wirkt. Eben aus diesem Grund würde ich sie ihm nicht zur Frau geben. Außerdem, glaube ich, daß sie in diesem schwachen Zustand nicht sehr alt wird. Ich bin mir sicher, daß Bau-tschai in jeder Hinsicht die beste Wahl wäre.“ Gerade saßen Dame Xing, Dame Wang und Phönixglanz bei der Herzoginmutter und plauderten, als das Gespräch auf Kajaljades Krankheit kam.
„Natürlich stimmen wir alle in dem Punkt mit Euch überein, Mutter“, sagte Dame Wang, „aber wir müssen dann auch einen Ehemann für Fräulein Dai-yü finden. Wenn sie wirklich Bau-yü will, würde es sonst sehr schwierig werden, wenn sie erfährt, daß er schon Bau-tschai versprochen ist.“ Die Herzoginmutter sagte: „Ich wollte es euch ohnehin sagen. Schatzjade und Kajaljade sind von klein auf zusammen gewesen. Ich dachte immer, kleine Kinder — was kann da schon passieren? Aber in letzter Zeit wurde Kajaljade plötzlich krank, plötzlich wieder gesund — alles, weil bei ihr ein Bewusstsein entstanden ist. Deshalb denke ich, wenn man die beiden dauernd zusammenlässt, wird daraus kein gutes Ende. Was meint ihr?"
„Natürlich muß erst die eigene Familie und dann ein Außenstehender verheiratet werden“, antwortete die Herzoginmutter. „Die Reihenfolge muß also lauten: Erst muß Bau-yü verheiratet werden, dann wird Fräulein Dai-yü verlobt. Außerdem ist Fräulein Dai-yü zwei Jahre jünger als Bau-yü. Wenn ich euch richtig verstehe, werden wir die Verlobung Bau-yüs vor ihr verheimlichen.“ Dame Wang war einen Moment lang wie erstarrt und sagte dann: „Fräulein Lin hat einen feinfühligen Verstand. Was Schatzjade angeht — er ist tollpatschig und gedankenlos und achtet nicht auf Anstand, das stimmt. Äußerlich wirkt er noch immer wie ein Kind. Wenn wir jetzt plötzlich eine von beiden aus dem Garten herausnehmen, wäre das nicht gerade ein Hinweis auf etwas? Wie man seit alters sagt: ‚Junge Männer müssen heiraten, junge Frauen müssen heiraten.' Wäre es nicht am besten, Ahnherrin, ihre Sache schnell zu regeln?"
Hsi-fëng wandte sich plötzlich an alle anwesenden Frauen: Die Herzoginmutter runzelte die Stirn und sagte: „Kajaljades Eigensinn — das ist zwar auch ihre Stärke, aber gerade deswegen will ich sie nicht mit Schatzjade verheiraten. Und Kajaljade ist so schwach — ich fürchte, sie ist nicht für ein langes Leben bestimmt. Schatzspange[6] [薛宝钗] wäre am geeignetsten."
„Habt ihr das verstanden? Nicht ein Wort der Verlobung Bau-yüs zu irgendjemandem! Wenn ich eine von euch über das Thema sprechen höre, werde ich keine Gnade zeigen.“ Dame Wang sagte: „Das denken wir auch. Aber für Fräulein Kajaljade muss dann ebenfalls eine Verbindung gefunden werden. Sonst — welches Mädchen, das erwachsen wird, hat nicht Gedanken im Herzen? Wenn sie erfährt, dass Schatzjade mit Schatzspange verlobt ist, könnte alles aus dem Ruder laufen."
Die Herzoginmutter fuhr fort: „Feng, Liebes, ich habe festgestellt, daß du seit deiner Krankheit weniger Interesse an den Vorgängen im Garten hast. Du mußt ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Es sind nicht nur die Dinge, die wir eben besprochen haben. Jede Wiederholung der schändlichen Glücksspiele und des Feierns, das wir bei den Dienern letztes Jahr beobachtet haben, muß um jeden Preis verhindert werden. Um deutlicher zu werden, du wirst das tun, und behalte ein wachsames Auge auf alles, was vorgeht. Sie müssen diszipliniert werden, und du scheinst die Person zu sein, die sie am meisten respektieren.“

Hsi-fëng stimmte zu.
Die Herzoginmutter sagte: „Natürlich müssen wir zuerst Schatzjade verheiraten und dann für Kajaljade jemanden suchen. Es wäre doch nicht recht, zuerst die Fremde zu bedenken und dann erst die Eigene! Außerdem ist Kajaljade am Ende noch zwei Jahre jünger als Schatzjade. Wenn ihr so denkt, dann darf Schatzjades Verlobung ihr auf keinen Fall zu Ohren kommen."
Die Damen sprachen noch eine Weile miteinander und gingen dann ihrer Wege. Phönixglanz befahl den Dienstmädchen sogleich: „Habt ihr gehört? Von der Verlobung des Zweiten jungen Herrn darf kein Wort nach draußen dringen! Wenn jemand schwatzt, ziehe ich ihm das Fell über die Ohren!"
Von nun an begann Hsi-fëng, den Garten häufiger zu inspizieren. Eines Tages, während einer ihrer Rundgänge, als sie auf der Insel der Violetten Wassernüsse am See ging, hörte sie eine Amme dort schreien und ging zu ihr, um nachzusehen. Als sie näherkam, bemerkte die Amme sie, ließ ihre Hände an den Seiten nach unten fallen, stand stramm und murmelte ein verwirrtes „Guten Morgen, Herrin“. –

„Warum machst du so einen Lärm hier draußen?“, fragte Hsi-fëng.

Sie antwortete: „Sie und Herrin Dschu hatten mich geschickt, hier auf die Blumenbeete und Obstbäume aufzupassen. Ich habe nichts falsch gemacht, aber Fräulein Hsings Mädchen hat mich des Stehlens beschuldigt.“
Die Herzoginmutter wandte sich wieder an Phönixglanz: „Phönixglanz, seit du selbst nicht ganz gesund bist, kümmerst du dich auch nicht mehr so sehr um die Angelegenheiten im Garten. Ich sage dir: Du musst ein wenig mehr achtgeben. Nicht nur in dieser Sache — denk an das Trinken und Glücksspielen vor ein paar Jahren, das war auch nicht in Ordnung. Sei etwas gewissenhafter, halt sie strenger — denn sie gehorchen dir noch am ehesten."
„Und warum sollte sie das tun?“, fragte Hsi-fëng. Phönixglanz stimmte zu. Man plauderte noch eine Weile, dann ging jede ihres Weges.
„Gestern folgte mir mein Enkel Hei’örl“, antwortete die Frau, „und hat hier gespielt. Er wußte es nicht besser und ging in Fräulein Hsings Gemächer, um sich dort mal umzusehen. Ich habe ihn sofort nach Hause geschickt. Heute Morgen dann habe ich gehört, wie eine der Damen sagte, sie hätte etwas verloren. Als ich fragte, was es war, fing sie an mich darüber auszufragen.“ – „Das ist kein Grund dich nicht zu beherrschen“, erwiderte Hsi-fëng scharf. Von nun an kam Phönixglanz häufig in den Garten, um nach dem Rechten zu sehen. Eines Tages, kaum hatte sie den Garten des Großartigen Anblicks[7] betreten und war ans Ufer der Purpurwasserlinsenbucht gelangt, hörte sie eine alte Dienerin laut schimpfen. Als Phönixglanz näher kam, erblickte die Alte sie erst jetzt, stand sofort mit gesenkten Händen stramm und machte ihre Verbeugung.
„Dieser Garten gehört der Familie der jungen gnädigen Frau Dschu und nicht ihr!“ protestierte die Amme. „Wir wurden alle von der jungen gnädigen Frau Dschu eingesetzt, und ich möchte nicht als Diebin bezeichnet werden!“ Phönixglanz fragte: „Was lärmt du hier?"
Hsi-fëng spuckte mitten in das Gesicht der Amme und sagte rau: Die Alte sagte: „Die gnädigen Frauen haben mich zum Bewachen von Blumen und Früchten hierher abgestellt, und ich habe keinen Fehler gemacht. Aber das Mädchen von Fräulein Xing sagt, wir seien Diebe!"
„Halt den Mund! Das ist wirklich genug! Du bist für die Dinge hier verantwortlich und, wenn etwas verloren geht, haben die Mädchen sehr wohl das Recht, dich dafür zu beschuldigen. Wie kannst du es wagen, so einen Unsinn zu reden! Ruft den alten Lin herbei!“ Phönixglanz fragte: „Warum denn?"
Die Mädchen waren dabei, ihre Anordnungen zu befolgen, als Hsing Hsiu-yän herausgeeilt kam. Sie grüßte Hsi-fëng und sagte mit einem ängstlichen Lächeln:

„Das darfst du nicht tun! Es war eigentlich nichts. Und jetzt ist es vorbei.“
Die Alte sagte: „Gestern war mein Enkel Heier mit mir hergekommen und hat ein Weilchen gespielt. Ohne dass ich es wusste, ist er zu Fräulein Xings Quartier hinübergelaufen und hat sich dort ein wenig umgesehen. Ich habe ihn sofort zurückgerufen. Heute Morgen hörte ich dann, dass die Mädchen sagten, es sei etwas verschwunden. Ich fragte, was verschwunden sei — und da fragten sie mich!"
„Mein liebes Mädchen“, sagte Hsi-fëng, „sprich nicht so. Wenn wir die Sache nicht aufklären, ist das Prinzip gefährdet. Die Angestellten müssen ihre Grenzen kennen.“ Phönixglanz sagte: „Wenn sie dich einmal gefragt haben, ist das doch kein Grund, so wütend zu werden!"
Hsiu-yän sah, daß die Frau auf Knien um Gnade bettelte, und bat Hsi-fëng, sofort mit ihr ins Haus zu gehen und sich zu setzen.

„Ich kenne diese Sorte Menschen“, sagte Hsi-fëng. „Die denken, sie könnten sich alles erlauben, außer wenn ich in der Nähe bin.“
Die Alte sagte: „Dieser Garten gehört doch den Herrschaften und nicht ihnen! Wir sind alle von den Herrinnen eingesetzt. Wie können wir den Namen ‚Dieb' auf uns sitzen lassen?"
Als jedoch Hsiu-yän nicht aufhörte, sich für die Frau einzusetzen, und darauf bestand, die Schuld auf ihr eigenes Mädchen zu nehmen, gab Hsi-fëng nach.

„Nur aus Rücksicht für Fräulein Hsing“, erklärte sie, „lasse ich dich diesmal davon kommen.“
Phönixglanz spuckte ihr ins Gesicht und fuhr sie scharf an: „Hör auf, vor mir herumzuplappern! Wenn dir hier das Aufpassen anvertraut ist und dem Fräulein etwas abhanden kommt, dann ist es an euch, danach zu fragen! Was sind das für unverschämte Reden? Ruft den alten Lin her und werft sie raus!"
Die Amme stand auf und machte erst einen Kotau vor Hsi-fëng, dann vor Hsiu-yän, und ging. Da kam Xing Xiuyan[8] [邢岫烟] eilig heraus und sagte lächelnd: „Das geht nicht! Es war gar nichts! Die Sache ist längst erledigt."
Als sie weg war, setzten sich Hsiu-yän und Hsi-fëng wieder. Hsi-fëng fragte freundlich: „Was hast du denn verloren?“ – „Nichts Besonderes“, antwortete Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Nur meine alte, rote, gefütterte Jacke. Ich befahl ihnen, danach zu suchen, und, als sie nicht mehr auftauchte, dachte ich nicht mehr daran. Mein Dienstmädchen war dumm genug, diese alte Frau zu verdächtigen. Die Amme mußte sich ja verteidigen. Mein Dienstmädchen war sehr leichtsinnig, und ich habe ihr bereits ins Gewissen geredet. Die ganze Affäre ist erledigt. Sprechen wir nicht mehr darüber.“ Phönixglanz sagte: „Fräulein, es geht nicht um die Sache selbst. Es geht um den Respekt — und den hat sie gründlich verletzt!"
Während sie sprach, musterte Hsi-fëng sehr gründlich den Zustand von Hsiu-yäns Gemächern. Ihre wenige gefütterte oder pelzbesetzte Kleidung sah sehr getragen und nicht mehr wirksam als Schutz vor Kälte aus. Die meisten ihrer gesteppten Decken sahen ebenfalls ausgedünnt aus. Sie schaute sich die Möbel und Dekoration auf dem Tisch an, alle stammten von der Herzoginmutter. Hsi-fëng stellte fest, wie makellos rein und ordentlich diese bewahrt wurden. Hsi-fëng fühlte einen warmen Respekt vor ihr. Xiuyan sah, dass die Alte auf den Knien lag und um Gnade bettelte, und bat Phönixglanz dringend hinein. Phönixglanz sagte: „Solche Leute kenne ich — vor mir haben sie Respekt, vor allen anderen nicht."
„Ich weiß, wegen einer Jacke sollte man nicht so viel Ärger machen“, sagte sie, „aber das Wetter wird kälter, und du mußt dich warm halten. Warum hast du nicht mal einen Ton gesagt! Diese verwilderte Sklavin meint noch, alles machen zu dürfen.“ Xiuyan legte wiederholt Fürsprache ein und schob die Schuld auf ihr eigenes Dienstmädchen. Phönixglanz sagte: „Dir zuliebe, Fräulein Xing, verschone ich sie diesmal." Die Alte erhob sich, machte einen Kotau vor Phönixglanz und noch einen vor Xiuyan und trollte sich.
Sie redete noch eine Weile mit Hsiu-yän und verließ sie dann, um mit ihrer Inspektiosnrunde weiterzumachen, in all den verschiedenen Wohnungen haltmachend, bevor sie in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte. Dort befahl sie Ping, ein Paket mit Kleidung zu schnüren und zu Hsiu-yän zu schicken: Zwei gefütterte Jacken, eine kurz mit dunkelroter, importierter Seide, die andere klein mit viridian-grüner Damask-Seide, das Futter aus Persianer, einen langen, türkisen Rock aus Kammwolle mit Brokat-Applikationen und einem gestickten Rand, und ein dunkelblaues Obergewand, das mit Hermelin gefüttert war. Die beiden nahmen Platz, und Phönixglanz fragte lächelnd: „Was ist dir denn abhanden gekommen?"
Trotz Hsi-fëngs Parteiergreifen für sie war Hsiu-yän noch immer erschrocken von der Grobheit der Frau. ‚Von allen Frauen, die hier leben‘, dachte sie bei sich, ‚bin ich die einzige, bei der es die Angestellten wagen, sie auf diese Art zu beleidigen. Sie reden immer wieder über mich. Und nun hat Hsi-fëng es selbst gesehen!’ Xiuyan lachte: „Nichts Wichtiges — ein kleines rotes Wattenjäckchen, schon ziemlich abgetragen. Ich hatte die Mädchen gebeten, danach zu suchen, und wenn sie es nicht finden, sei es eben weg. Mein dummes kleines Mädchen hatte aber die Alte gefragt, und die war natürlich empört. Es war das Mädchen, das so unbedacht gehandelt hat — ich habe sie schon gescholten. Die Sache ist erledigt, reden wir nicht mehr davon."
Je mehr sie darüber nachdachte, desto sinnloser kam ihr ihre Lage vor. Trotzdem konnte sie sich niemandem anvertrauen. Sich ihrem Schicksal fügend, begann sie zu weinen. Da sah sie Hsi-fëngs Dienstmädchen Fëng-örl kommen, die ein Bündel Kleidung trug. Als sie erfuhr, von wem die Kleidung war, weigerte sie sich strikt diese anzunehmen. Phönixglanz musterte Xiuyan von oben bis unten: Ein paar Kleider aus Pelz und Watte, schon halb abgetragen, schwerlich warm genug. Ihre Bettdecken waren dünn. Was an Einrichtungsgegenständen auf dem Tisch stand, waren alles Stücke, die die Ahnherrin ihr geschickt hatte — peinlich sauber gehalten, nichts angerührt. Phönixglanz fasste große Zuneigung zu ihr und sagte: „Ein Kleidungsstück ist zwar nicht wichtig, aber bei dieser Kälte, und noch dazu etwas, das man direkt auf der Haut trägt — wie konnte man nicht danach fragen? Diese freche Magd, die ist ja nicht mehr zu bändigen!"
„Aber Fräulein“, protestierte Fëng-örl, „meine Herrin Frau Hsi-fëng befahl mir, Euch zu sagen, daß sie, wenn Sie die Kleidung für zu alt empfänden, in Zukunft neue bekämen.“ Nach einer Weile stand Phönixglanz auf, machte noch einige Besuche im Garten und ging dann nach Hause. In ihren Räumen ließ sie von Friedchen ein rotes Wattenjäckchen aus feinem Krepp, ein kiefernblütengrünes Pelzjäckchen aus bestickter Seide mit Perlenverzierung, einen saphirblauen Brokatrock mit Blumenstickerei und einen dunkelblauen Silberfuchsmantel hervorholen, einpacken und hinüberschicken.
Hsiu-yän bedankte sich und lächelte. Xiuyan, die von der Alten zwar durch Phönixglanz' Eingreifen geschützt worden war, kam innerlich nicht zur Ruhe. Sie dachte: „All die Schwestern hier — keine einzige Dienerin wagt es, sie zu beleidigen. Nur bei mir erlauben sich die Leute solche Dreistigkeiten. Dass Phönixglanz gerade zufällig dazukam..." Je mehr sie nachdachte, desto bedrückter wurde sie. Sie konnte es niemandem sagen und schluckte nur still ihre Tränen.
„Das ist sehr fürsorglich von ihr. Aber ich kann unmöglich zulassen, daß sie mir ihre Kleidung gibt, nur weil ich eines meiner Kleidungsstücke verloren habe. Bring sie bitte wieder zurück und danke ihr zigtausend Mal von mir. Ich weiß diese Geste sehr zu schätzen.“ Da erschien Fenger von Phönixglanz mit den Kleidern. Xiuyan nahm sie in Augenschein und lehnte sofort ab. Fenger sagte: „Die Herrin lässt ausrichten: Wenn dem Fräulein die gebrauchten Kleider nicht gut genug sind, schickt sie neue."
Sie gab ihr eine kleine Tasche, und Fëng-örl verließ sie mit etwas Widerwillen, das Bündel tragend. Kurze Zeit später war sie zurück, diesmal begleitet von Ping. Hsiu-yän eilte hinaus, um sie zu begrüßen, und bat sie, sich zu setzen. Ping lächelte und sagte:

„Meine Herrin Frau Hsi-fëng sagt, als jemand aus der Familie sollten Sie die Kleidung annehmen und nicht aus Höflichkeit ablehnen.“

„Aber das ist nicht aus Höflichkeit“, antwortete Hsiu-yän, „ehrlich, ich schäme mich, sie anzunehmen.“
Xiuyan dankte lächelnd: „Ich bin der Herrin sehr dankbar. Aber nur weil ich ein Kleid verloren habe, kann ich doch keine Geschenke annehmen. Bring sie bitte zurück und danke der Herrin herzlich. Ihre Güte rechne ich mir als empfangen an." Sie schenkte Fenger ein Beutelchen. Fenger musste die Kleider wieder mitnehmen.
Ping sagte, „Frau Hsi-fëng sagt, daß Sie sie nicht annehmen, weil sie für Sie zu alt sind oder weil Sie den Gedanken nicht mögen, ihre Kleidung zu tragen. Sie sagt, daß sie, falls ich sie wieder mitnehme, böse auf mich würde.“ Nicht lange darauf kamen Friedchen und Fenger zusammen zurück. Xiuyan empfing sie, bot Platz an. Friedchen sagte lachend: „Unsere Herrin sagt, das Fräulein sei gar zu förmlich."
Hsiu-yän errötete und lächelte dankbar: Xiuyan sagte: „Es ist keine Förmlichkeit — es ist mir wirklich zu viel."
„Nun, wie könnte ich in diesem Fall ablehnen? Bitte richte meinen Dank an Frau Hsi-fëng aus.“ Friedchen sagte: „Die Herrin sagt: Wenn das Fräulein die Kleider nicht annimmt, heißt das entweder, sie seien zu alt, oder das Fräulein verachte unsere Herrin. Eben wollte ich sie zurückbringen, aber die Herrin war nicht einverstanden."
Sie brachte ihnen Tee, nach welchem Fëng-örl und Ping wieder gingen. Sie waren fast zu Hause, als sie eine von Frau Hsüä geschickte Amme trafen. Sie grüßte sie, und Ping fragte sie, woher sie komme. Xiuyan wurde rot und sagte lächelnd: „Wenn Ihr so sagt, wage ich nicht, sie abzulehnen." Man trank noch eine Tasse Tee.
„Meine Herrin Frau Hsüä und ihre Mädchen haben mich herübergeschickt, um alle Herinnen, jungen Damen und Damen herzlich zu grüßen. Ich war gerade bei Frau Hsi-fëng, um nach euch zu sehen und sie erzählte, mir ihr wäret in den Garten gegangen. Ihr wart nicht zufällig gerade bei Fräulein Hsing?“ Friedchen und Fenger gingen zurück. Kurz bevor sie Phönixglanz' Quartier erreichten, trafen sie auf eine alte Dienerin der Familie Xue, die grüßte. Friedchen fragte: „Wohin des Wegs?"
„Also, woher weißt du das denn?“, fragte Ping.

„Man erzählt sich das so. Es ist äußerst großzügig, was ihr und Eure Herrin da machen.“

Ping lachte: „Willst du später zu uns kommen und ein wenig plaudern?“
Die Alte sagte: „Die Herrin und das Fräulein schicken mich, um den Damen, Herrinnen und Fräulein einen Gruß zu bestellen. Ich habe eben nach Euch gefragt und gehört, dass Ihr im Garten seid. Kommt Ihr von Fräulein Xing?"
„Ich muß noch einiges erledigen. Ein andermal,“ anwortete die Amme und ging ihres Weges, während Ping hineinging und Hsi-fëng alles mitteilte. Friedchen fragte: „Woher weißt du das?"
Als die Dienstmagd zum Haus von Frau Hsüä zurückkehrte, das sich wegen des Unruhestiftens von Hsia Djin-guee im Chaos befand, erzählte sie die Geschichte von Hsing Hsiu-yäns Demütigung, und beide, Frau Hsüä und Bau-tschai, begannen zu weinen. Die Alte sagte: „Eben erst gehört! Die Zweite Herrin und die Fräulein — wie sie mit den Menschen umgehen, das verdient wirklich Dankbarkeit!"
„Es ist nur, weil Pan nicht hier ist“, sagte Bau-tschai, „daß sie so leiden muß. Wir haben Glück, daß Hsi-fëng sich um sie kümmert. In Zukunft müssen wir selbst mehr nach ihr schauen. Sie gehört jetzt nach allem praktisch zur Familie.“ Friedchen lächelte und sagte: „Wenn du zurückkommst, ruh dich aus." Die Alte ging.
Während sie sprach, kam Hsüä Kë herein. Friedchen kehrte zu Phönixglanz zurück und berichtete.
„In all den Jahren, die Pan hier war, hat er nicht einen vernünftigen Freund gefunden!“, sagte er. „Das ist ein Schurkenpack, das ganze Rudel! Ich bin sicher, daß sich keiner auch nur ein bißchen dafür interessiert, was mit ihm passiert. Die wollen alle nur die neuesten Nachrichten erfahren. In den letzten Tagen habe ich sie alle davongescheucht, und ich habe den Pförtnern Anweisung gegeben, keinen von ihnen mehr herein zu lassen.“ Bei der Familie Xue hatte die Schwiegertochter Jin Gui [金桂] inzwischen alles auf den Kopf gestellt. Als die Alte zurückkam und von Xiuyans Angelegenheit berichtete, vergossen Tante Schnee[9] [薛姨妈] und Schatzspange [薛宝钗] ein paar Tränen.
„Ist es wieder dieser Schauspieler Djiang Yü-han und seine Freunde?“, fragte Frau Hsüä. Schatzspange sagte: „Alles nur, weil der Bruder nicht zu Hause ist! Deshalb muss Fräulein Xing so viel erdulden. Zum Glück ist Phönixglanz recht anständig zu ihr. Wir müssen auch aufpassen — sie gehört schließlich zu unserer Familie."
„Nein, tatsächlich war der überhaupt nicht hier. Es sind ganz andere Leute.“

Hsüä Kës Worte verstärkten Frau Hsüäs Angst.
Da kam Xue Ke [薛蝌] herein und sagte: „Was für Leute hat der Bruder die letzten Jahre draußen kennengelernt! Kein einziger anständiger Mensch darunter. Eine ganze Bande ist aufgetaucht — mir scheint, die sind nicht hier, weil sie sich Sorgen machen, sondern um auszukundschaften. In den letzten zwei Tagen habe ich sie alle hinausgeworfen. Von jetzt an darf die Pforte solche Leute nicht mehr hereinlassen."
„Obwohl ich einen Sohn habe“, sagte sie, „ist es, als hätte ich keinen. Selbst wenn Pan eine Gnadenfrist erreicht, wäre sein Leben ruiniert. Du bist zwar nur mein Neffe, Kë, aber du hast mehr Verstand als Pan. Ich merke schon, daß ich von nun an auf dich angewiesen bin. Arbeite hart und mach’ das Beste aus deinem Leben. Und denk’ an deine zukünftige Braut, die aus einer Familie stammt, die gerade in harten Zeiten steckt. Es ist nicht einfach, wenn eine Tochter aus dem Haus geht und heiratet. Man kann dann nur dafür beten, daß der Schwiegersohn ein fähiger Mann ist, dann hat man sein Auskommen. Stell’ dir vor, Hsiu-yän würde so werden wie die Kreatur dort drüben. Tante Schnee fragte: „Schon wieder dieser Jiang Yuhan und Konsorten?"
Sie zeigte in die Richtung von Hsia Djin-guees Zimmer. Frau Hsüä fuhr fort: Xue Ke sagte: „Jiang Yuhan ist nicht dabei — andere."
„Aber ich will nicht über sie reden. Ich weiß, daß Hsiu-yän ein ehrliches und gescheites Mädchen wird, sparsam und nicht verwöhnt. Je schneller Pans Angelegenheit geklärt ist, desto eher können wir euch zwei verheiraten, und mein armes Herz kann sich erholen.“

„Vergiß nicht, daß Bau-tjin noch immer darauf wartet zu heiraten,“ erinnerte Hsüä Kë seine Tante, „Ich weiß, wie wichtig dir das ist. Mach’ dir über uns keine Gedanken.“
Tante Schnee wurde traurig und sagte: „Ich habe zwar einen Sohn, aber es ist, als hätte ich keinen. Selbst wenn die Behörden ihn begnadigen — er ist ein gebrochener Mensch. Du, Neffe, bist zwar nur mein Neffe, aber mir scheint, du hast mehr Verstand als dein Bruder. Auf dich setze ich meine ganze Hoffnung. Lerne von nun an Gutes! Außerdem — das Mädchen, das für dich ausgesucht wurde: Die Familienverhältnisse sind nicht mehr, was sie waren. Wenn ein Mädchen heiratet, hat sie nur den einen Wunsch, dass der Bräutigam tüchtig ist, dann hat sie gute Tage. Wenn das Xing-Mädchen so wäre wie die da" — sie zeigte mit der Hand nach drinnen — „dann sage ich lieber nichts. Aber Fräulein Xing ist wirklich ein Mädchen mit Anstand und Verstand, das Armut ertragen und Wohlstand genießen kann. Sobald unsere Sache vorbei ist, solltet ihr eure Hochzeit bald feiern — das wäre mir eine Sorge weniger."
Sie unterhielten sich noch ein wenig weiter, und dann kehrte Hsüä Kë in sein Zimmer zurück. Er aß sein Abendessen und begann, über Hsiu-yän im Garten nachzudenken, die von Armut gezwungen so vollkommen von den Jias abhängig war. Die zwei waren damals auf demselben Weg hergekommen, und die beiden mochten sich von Aussehen und Charakter. Wie ungerecht war das Schicksal, einer Person wie Hsia Djin-guee ein Leben in Reichtum und Luxus zu geben und sie in eine verwöhnte Hexe zu verwandeln, während das Leben für ein Mädchen wie Hsiu-yän nichts als Mühsal war! Was dachte sich der große Gebieter Yama, als er das Schicksal so ungerecht verteilte? Xue Ke sagte: „Schwester Qin ist noch nicht verheiratet — das ist doch die eigentliche Sorge der Tante. Unsere Sache ist dagegen nichts." Man plauderte noch eine Weile.
Diese traurigen Gedanken brachten Hsüä Kë dazu, seine Wut über die Ungerechtigkeit in Gedichten festzuhalten. Er ärgerte sich, daß er zu wenig Übung hatte, und schrieb ein Gedicht mit krakeliger Handschrift, so gut er konnte, nieder. Xue Ke ging in sein Zimmer zurück, aß zu Abend und dachte bei sich: „Xing Xiuyan lebt im Garten der Familie Kaufmann — letztlich unter fremdem Dach. Dazu noch arm — ihren Alltag kann man sich vorstellen. Damals, als wir zusammen reisten, habe ich ihr Aussehen und ihren Charakter kennengelernt. Der Himmel ist wahrlich ungerecht: Jemand wie Jin Gui, dem gibt er Geld, und verwöhnt, wird sie maßlos und wild. Jemand wie Xing Xiuyan aber lässt er so viel leiden. Wie der König der Unterwelt die Schicksale verteilt, weiß wohl niemand."
Ohne Wasser ist ein Flußdrache

wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Von diesen Gedanken bedrückt, wollte er ein Gedicht schreiben, um seinem Herzen Luft zu machen, aber da ihm die rechte Muße fehlte, kritzelte er einfach nieder:
Liebe getrennt bleibt allein. Nur gemeinsam

ertragen wir das Elend im Slum.
Wie ein Fisch auf dem Trockenen liegt der Drache ohne Wasser,
Wann könnten wir – frei, gemeinsam – aufsteigen

zu den Sternenbildern?
an zwei Orten sehnt sich das Herz im einsamen Verbleib.
Er las die Verse und dachte daran, sie an seine Wand zu pinnen. Er war jedoch ein bißchen verlegen und dachte bei sich: Gemeinsam im Schlamm erdulden wir so viel Leiden –
‚Was, wenn jemand das sieht und sich darüber lustig macht.“ Er las die Verse noch einmal. Wer weiß, wann wir einst zum klaren Himmel aufsteigen?
„Ach, wen kümmerts! Ich werde sie anpinnen. Ich kann sie dann lesen, um mich selbst aufzuheitern.“

Ein weiteres, letztes Lesen ließ ihn seine Meinung jedoch wieder ändern, und er steckte sie zwischen die Seiten eines Buches.

‚Ich bin alt genug für uns, um nun verheiratet zu sein,‘ grübelte er für sich. ‚Aber wer hätte diese Familienkrise vorhersehen können, und wer weiß, wann sie aufhört? Welch Geduldsprobe für ein Mädchen wie Hsiu-yän! Wie einsam und elend sie sich fühlen muß!’
Er betrachtete das Gedicht, wollte es an die Wand kleben, schämte sich aber. Er murmelte: „Besser nicht, sonst lacht man mich aus." Las es noch einmal, sagte dann: „Egal — ich klebe es einfach hin und schaue es mir an, wenn mir die Gedanken zu viel werden." Sah es noch einmal an, fand es doch nicht gut und klemmte es in ein Buch. Dann dachte er: „Ich bin auch nicht mehr so jung. Zu Hause trifft uns dieses Unglück — wer weiß, wann es ein Ende hat? Und unterdessen leidet ein zartes Mädchen so viel Not und Einsamkeit."
In diesem Moment wurde die Tür aufgedrückt und Bau-tschan kam mit einer Schachtel herein, welche sie mit einem albernen Lächeln auf dem Tisch absetzte. Er erhob sich und bat sie, sich zu setzen. Noch immer lächelnd sagte sie: Gerade als er in Gedanken versunken war, stieß Baochan [宝蟾] die Tür auf, trat ein und stellte lächelnd ein Kästchen auf den Tisch. Xue Ke stand auf und bot ihr einen Platz an.
„Vier Teller Süßigkeiten und eine kleine Flasche Wein, mit Empfehlung der jungen gnädigen Frau Pan, Herr Kë.“ Baochan sagte lächelnd zu Xue Ke: „Das sind vier Schälchen Obst und ein kleiner Krug Wein. Die Erste Herrin schickt sie dem Zweiten Herrn."
„Das ist sehr nett von ihr“, antwortete Kë, „aber sie hätte sicherlich auch eines ihrer jüngeren Dienstmädchen schicken können? Sie hätte dich nicht stören müssen, Fräulein Bau-tschan.“ Xue Ke erwiderte lächelnd: „Die Erste Herrin ist zu freundlich. Aber es hätte gereicht, ein kleines Mädchen zu schicken — warum musste sich die Schwester selbst bemühen?"
„Oh Herr Kë, es gibt keinen Grund so höflich zu sein. Wir sind schließlich alle ein Familie ... Frau Pan weiß, welchen Ärger Sie durchmachen wegen Herrn Pan, und sie wollte ihnen schon lange selbst danken, aber hatte Angst, die anderen könnten das falsch verstehen. In diesem Haushalt, wie Sie sicher wissen, mein Herr, spielt sich viel unter der Oberfläche ab. Das Geschenk ist nicht der Rede wert; wichtig ist, daß die Leute es nicht als Anlaß nehmen, alle möglichen Geschichten zu erfinden. Deshalb bat sie mich persönlich, mit diesen wenigen Dingen hierher zu kommen, wenn keiner zusieht.“

Sie lächelte Hsüä Kë keck an und fuhr fort:
Baochan sagte: „Ach was. Wir sind doch eine Familie, Zweiter Herr — wozu solche Förmlichkeiten? Außerdem — wegen der Angelegenheit unseres Ersten Herrn haben Zweiter Herr sich wirklich Mühe gemacht. Die Erste Herrin wollte sich schon lange persönlich bedanken, fürchtete aber, andere könnten es falsch verstehen. In unserer Familie ist es so: Man sagt das eine und meint das andere. Wenn man ein paar Sachen schickt, ist es harmlos — aber man redet sich trotzdem den Mund fusselig darüber. Deshalb hat die Erste Herrin heute heimlich ein paar Kleinigkeiten herrichten lassen und mich geschickt, sie persönlich und leise herüberzubringen."
„Der zweite Herr soll nicht so reden, das macht mich verlegen. Wir sind nur hier, um zu dienen, und wenn wir Herrn Pan bedienen können, dann warum nicht auch Sie?“

Hsüä Kë war jung und von zutraulicher Natur. Es war merkwürdig, daß Pans Dienstmädchen Djing-guee und Bau-tschan ihn plötzlich so behandelten; aber Bau-tschans Erklärung erschien ihm einleuchtend.
Dann warf sie Xue Ke noch einen Blick zu und lachte: „Morgen sagt der Zweite Herr besser nicht solche Sachen — das ist einem ja peinlich! Wir sind doch alle nur Dienstleute. Wenn wir dem Ersten Herrn aufwarten, können wir auch dem Zweiten Herrn aufwarten — was ist denn dabei?"
„Du kannst das Konfekt hierlassen“, sagte er. „Aber nimm den Wein mit zurück. Ich war nie ein großer Trinker: Manchmal, wenn ich gezwungen werde, trinke ich einen Humpen, aber eigentlich trinke ich gar nichts. Sicher wußtesn du und Frau Pan das?“ Xue Ke war erstens von aufrichtiger Natur und zweitens noch jung. Da er es nicht gewohnt war, dass Jin Gui und Baochan ihm so begegneten, dachte er an Baochans Worte über Xue Pans Angelegenheit und fand es nachvollziehbar. Er sagte: „Das Obst behalte ich. Aber den Wein nimm bitte wieder mit, Schwester. Ich trinke wirklich fast nie — nur gelegentlich ein Gläschen in Gesellschaft. Ohne Anlass trinke ich nicht. Das müssten die Erste Herrin und die Schwester doch wissen."
„Alles andere dürfen sie mich bitten!“ wendete Bau-tschan ein. „Aber ich würde es nicht wagen, dies zurückzubringen. – Sie kennen Frau Pans Gemüt. Wenn ich ihr erzähle, daß Sie nicht trinken, wird sie mir niemals glauben; sie wird sagen, ich hätte meine Pflicht nicht erfüllt.“ Baochan sagte: „Über alles andere kann ich entscheiden — nur darüber nicht. Die Erste Herrin hat ein Temperament, das der Zweite Herr kennt. Wenn ich den Wein zurückbringe, heißt es nicht, der Zweite Herr trinke nicht, sondern dass ich nicht sorgfältig genug war."
Ungern erlaubte Hsüä Kë ihr, den Wein ebenfalls dazulassen. Bau-tschan machte sich auf den Weg, aber als sie die Tür erreichte, sah sie noch einmal schnell nach draußen und blickte mit einem Lächeln zurück zu Hsüä Kë. Indem sie auf das Gemach von Hsia Djin-guee zeigte, sagte sie: Xue Ke blieb nichts anderes übrig, als den Wein ebenfalls anzunehmen.
„Ich denke, sie würde sogar selbst vorbeikommen und Ihnen für alles danken, was Sie getan haben.“

Hsüä Kë war nicht sicher, was er davon halten sollte, und begann, nervös zu werden.
Baochan wollte gerade gehen, trat aber an die Tür, schaute hinaus, drehte sich dann zu Xue Ke um, lachte und zeigte mit dem Finger nach drinnen: „Sie will womöglich noch selbst kommen, um sich bei Euch zu bedanken!"
„Bitte richte meinen Dank an Frau Pan aus, ja? Das Wetter ist kalt, und sie muß aufpassen, daß sie keine Erkältung bekommt. Außerdem ist sie meine eigene Schwägerin, daher gibt es keinen Grund für sie solche Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen.“

Bau-tschan sagte nichts, aber kicherte und ging ihres Wegs.
Xue Ke verstand nicht, was sie meinte, und war verlegen. Er sagte: „Die Schwester möge der Ersten Herrin danken. Es ist kalt draußen — sie soll sich nicht erkälten. Zwischen Schwager und Schwägerin sind solche Förmlichkeiten unnötig."
Zuerst war Hsüä Kë bereit, das Geschenk als großzügige Geste des Dankes von Djin-guees Seite zu akzeptieren. Aber jetzt hatte Bau-tschans andeutendes Benehmen seinen Verdacht erregt, und er begann zu denken, daß da etwas Faules vor sich ging. Baochan antwortete nicht, lachte nur und ging.
„Aber sicher würde Djin-guee niemals an so etwas denken?“, argumentierte er mit sich selbst. „Sie ist meine Schwägerin. Vielleicht heckt Bau-tschan etwas aus. Sie kann nicht sehr gut in ihrem eigenen Namen handeln. Vielleicht benutzt sie Djin-guee nur als Deckung ... Aber dann ist sie wieder Pans Zimmermädchen, das wäre kaum sehr ...“ Xue Ke hatte anfangs geglaubt, Jin Gui fühle sich wegen Xue Pans Angelegenheit verpflichtet und wolle sich mit Obst und Wein bedanken — das wäre durchaus möglich. Doch als er Baochans heimlichtuerisches, zweideutiges Benehmen sah, durchschaute er einiges.
Plötzlich dämmerte es ihm: Er überlegte bei sich: „Sie ist immerhin meine Schwägerin dem Namen nach — da kann es doch nichts Ungehöriges geben. Vielleicht ist es Baochan, die auf eigene Rechnung handelt, sich aber nicht traut, es offen zu sagen, und deshalb Jin Guis Namen vorschiebt." Dann dachte er weiter: „Aber Jin Guis Benehmen ist ja bekannt — ohne jede Sitte und Moral. Und wie sie sich manchmal herausputzt, kokett und aufreizend — wer sagt, dass sie nicht Hintergedanken hat? Oder vielleicht hat sie mit Schwester Qin irgendeinen Streit gehabt und will mich mit dieser Falle ins trübe Wasser ziehen, damit mein Ruf ruiniert wird?"
„Natürlich! Die junge Herrin Djin-guee! Sie behandelt Menschen ohne Beachtung von Sitte und Anstand. Wenn sie in der Stimmung ist, macht sie sich manchmal zurecht wie eine Hexe, findet sich dabei schön, ohne zu wissen, daß sie ein schlechtes Herz in sich trägt! Eine andere Möglichkeit wäre, daß sie sich mit [Bau-]tjin entzweit hat und dies eine Intrige ist, um über mich Schande zu bringen und den Namen der Familie in den Schmutz zu ziehen ...“ Bei diesem Gedanken bekam er geradezu Angst. Gerade als er noch unentschlossen war, hörte er draußen am Fenster ein unterdrücktes Lachen — und erschrak heftig.
Hsüä Kë konnte sich nicht helfen, fand dies alles sehr entmutigend und dachte angestrengt nach, um die Situation irgendwie zu erhellen. Zu seinem großen Schreck hörte er vor seinem Fenster jemanden auflachen. Wer dort lachte, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Aber um heraus zu finden, wer dort lachte, muß man das nächste Kapitel lesen.
  1. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  2. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  3. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
  4. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  5. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  6. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  7. Garten des Großartigen Anblicks (大观园, Dàguān Yuán): Der prachtvolle Garten der Kaufmann-Familie, in dem die jungen Herren und Damen wohnen.
  8. Xing Xiuyan (邢岫烟): Nichte der Dame Xing, verlobt mit Xue Ke; ein bescheidenes Mädchen aus armen Verhältnissen.
  9. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

← Übersicht | ← Kap. 89 | Kap. 91 →