Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 94
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Kapitel 94: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
|---|---|
| 94.Die Herzoginmutter lädt zu einem großen Bankett ein, und alle bewundern die Schönheit der BegonieBau-yü verliert seinen magischen Jade – eine Vorahnung drohenden Unheils. | Vierundneunzigstes Kapitel |
| Lai Da kam mit Djia Tjin heraus, um auf Djia Dschëngs Rückkehr zu warten. | Beim Begonienfest bestaunt die Herzoginmutter eine Geisterblüte, |
| Die jungen Novizinnen waren erfreut, wieder zurück im Garten zu sein und waren eifrig dabei, ihre alten Lieblingsplätze zu besuchen, weil sie dachten, daß der nächste Tag damit besetzt wäre, sich auf den Palastbesuch vorzubereiten. Man stelle sich ihre Enttäuschung vor, als Lai Da Anweisungen an die Ammen und den Pagen gab, die gerade arbeiteten, daß sie etwas zu essen erhalten sollten, aber nicht herauskommen dürften. Die Mädchen hatten keine Ahnung, weshalb sie so behandelt wurden, und verbrachten die Nacht wach in Ungewißheit. Sie wußten nur, daß sie sich bereithalten sollten, um im Palast zu arbeiten, wußten aber nicht den wahren Grund ihres Hierseins. | Durch den Verlust der Jade offenbart sich ein unheilvolles Omen |
| Als Djia Dschëng früh am nächsten Tag seine Nachtschicht beendet hatte, wollte er gerade die Direktion verlassen, als ihn ein weiteres wichtiges Dokument erreichte: der Finanzplan von zwei Provinzen über die Reparatur des gebrochenen Damms zur sofortigen Prüfung. Er sah, daß es noch weitaus später werden würde und schickte eine Nachricht nach Hause zu Djia Liän und bat ihn, den Fall gründlich zu überprüfen, Lai Da auszufragen, wann er vom Tempel zurückkehre, die notwendigen Schritte einzuleiten, wenn etwas zu tun sei. | Wie berichtet, hatte Lai Da den jungen Jia Qin herausgebracht, und die Nacht verging ohne Vorkommnisse, man wartete still auf Aufrecht Kaufmanns [1] Rückkehr. Die Nonnen und Daistinnen, die man wieder in den Garten gebracht hatte, freuten sich ungemein und wollten überall umherspazieren, da sie am nächsten Tag in den Palast geschickt werden sollten. Doch Lai Da wies die Gartenaufseherinnen und die Burschen an, sie zu bewachen. Man gab ihnen zwar zu essen, doch keinen einzigen Schritt durften sie tun. Die Mädchen begriffen gar nicht, was mit ihnen geschah, und mussten sich einfach hinsetzen und bis zum Morgengrauen warten. Die Dienstmädchen im Garten hatten zwar alle davon gehört, dass man die Nonnen hereingeholt und sie für den Palastdienst vorbereitet hatte, doch die näheren Hintergründe kannten sie nicht. |
| Als Djia Liän diese Anordnungen erhielt, dachte er zunächst, daß das gut für Tjin sei. Bei weiterer Überlegung jedoch fiel ihm ein, daß er die Zweifel Djia Dschëngs wecken würde, wenn er einfach alles unter den Teppich kehren würde. Es wäre ratsamer, die Dame Wang um Rat zu fragen. Wenn er dann die Unzufriedenheit des Herrn auf sich zöge, wäre er wenigstens nicht allein verantwortlich. | Am nächsten Morgen wollte Aufrecht Kaufmann gerade aus dem Amt nach Hause kommen, als ihm die Abteilung zwei Abrechnungsbücher über den Festungsbau in den Provinzen vorlegte, die sofort geprüft werden mussten. Er konnte daher nicht gleich heimkehren und schickte jemanden zurück, der Jia Lian ausrichten sollte: „Wenn Lai Da zurückkommt, musst du die Sache gründlich nachprüfen. Was immer zu tun ist, tu es, ohne auf mich zu warten." |
| Er entschied sich für diese Vorgehensweise und ging, um die Dame Wang zu sehen, sagte ihr, was passiert war, und endete: „Onkel Dschëng war sehr verärgert über diese anonymen Aushänge und gab Lai Da den Befehl, den jungen Tjin und all die Mädchen hierher zu bringen, um sie zu befragen. Heute ist der Onkel zu beschäftigt, um sich mit dieser elenden Sache zu befassen und hat mich gebeten, dich um Rat zu fragen. Was denkst du, sollten wir tun, Tante?“ – | Jia Lian nahm den Auftrag an und freute sich insgeheim für den jungen Qin. Dann überlegte er: „Wenn ich die Sache so erledige, dass sich gar nichts ergibt, wird der Herr misstrauisch. Am besten berichte ich der Zweiten Gnädigen Frau und hole mir von ihr einen Entschluss, nach dem ich handeln kann. Sollte es dem Herrn dann nicht recht sein, so trage wenigstens nicht ich allein die Verantwortung." So gefasst, ging er hinein zu Frau Wang und berichtete: „Gestern hat der Herr den anonymen Anschlag gesehen und war sehr erzürnt. Er ließ den jungen Qin sowie die Nonnen und Daistinnen herbeischaffen, um sie zu befragen. Heute hat der Herr keine Zeit, sich mit dieser unanständigen Angelegenheit zu befassen, und schickt mich, die Gnädige Frau zu fragen, wie wir verfahren sollen." |
| „Was soll man denn dazu sagen?“, rief die Dame Wang bestürzt und erbost, „wenn der junge Tjin sich wirklich auf so eine niedere Art und Weise benommen hat, sollte die Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Es ist eine jämmerliche Art, solche Aushänge über Menschen anzuschlagen... Glaubst du, daß es wahr ist? Hast du Tjin bisher schon dazu befragt, ob er das getan hat? Was hat er selbst dazu zu sagen?“ – „Ich habe ihn eben ausgefragt“, antwortete Liän, „natürlich stritt er alles ab. Aber überlege, Tante; wenn wir annehmen, er hätte es wirklich getan, glaubst du, er würde es zugeben? Ich persönlich glaube nicht, daß er es getan hat. Die Mädchen wissen, daß du sie zum Hof gerufen hast. Wenn wir einen Skandal daraus machen, was dann? Wenn du mich fragst, so ist das nicht schwer zu beantworten, denn wenn die Wahrheit wirklich herauskommt, was würdest du denn dann tun?“ – „Wo sind die Mädchen nun?“, fragte die Dame Wang. „Sie sind im Garten eingesperrt“, antwortete Djia Liän. – „Sind sie im Unklaren darüber, daß sie eingesperrt sind?“ – „Sie wissen ungefähr, daß sie hier für etwas gebraucht werden. Soweit es die Mädchen angeht, sind sie auf dem Weg zum Palast. Das ist es, was allen erzählt wurde.“ |
Frau Wang hörte dies und rief bestürzt: „Was soll man dazu sagen! Wenn der junge Qin sich wirklich so aufführt, kann er dann noch zu unserer Familie gehören? Aber auch der, der den Anschlag geklebt hat, ist abscheulich — kann man denn solches Zeug einfach so hinschreiben? Hast du den jungen Qin denn gefragt, ob das alles wahr ist?" — Jia Lian erwiderte: „Ich habe ihn eben befragt. Aber überlegen Sie, gnädige Frau: Selbst wenn er es getan hätte — würde ein Mensch denn zugeben, dass er so etwas Gemeines getan hat? Ich persönlich glaube allerdings, dass der junge Qin so etwas nicht wagen würde. Er weiß doch, dass diese Mädchen jederzeit für die Kaiserliche Gemahlin gerufen werden können. Wenn da ein Skandal herauskommt, was dann? Meiner bescheidenen Meinung nach wäre es nicht schwer, die Wahrheit herauszufinden, aber wenn sie tatsächlich herauskommt, was gedenkt die Gnädige Frau dann zu tun?" — Frau Wang fragte: „Wo sind die Mädchen jetzt?" — Jia Lian antwortete: „Sie sind alle im Garten eingeschlossen." — Frau Wang fragte: „Wissen die jungen Damen davon?" — Jia Lian sagte: „Die jungen Damen wissen wohl nur, dass die Mädchen für den Palast bereitgehalten werden. Nach außen hin ist nichts anderes verlautet." |
| „Gut“, sagte die Dame Wang, „wir müssen diese Dinger sofort loswerden, ein für alle Mal. Ich wollte sie in erster Linie sowieso nicht behalten – es war alles deine und Hsi-fëngs Idee. Sagte ich nicht, es würde am Ende Ärger geben? Du sagst besser Lai Da, er solle eine nach der anderen nach ihrer Herkunft fragen. Finde ihre Verträge und gib so viel Geld wie nötig frei, um ihnen ein Boot zu mieten – zwanzig oder dreißig Taels sollten genügen. Laß jemand Vertrauenswürdigen sie alle in ihre Heimat bringen. Sie können ihre Verträge mitnehmen, und damit basta. Nur weil ein oder zwei etwas Verbotenes getan haben, müssen alle ins weltliche Leben zurückkehren. Das wäre ja echt schlecht. Und wenn wir sie dem offiziellen Heiratsvermittler übergeben, der üblicherweise einen Ehemann für Waisenmädchen findet: selbst wenn wir selbst nicht den Körperpreis kassieren, irgendjemand wird sicherlich versuchen, Geld mit ihnen zu machen, und niemand wird an ihr Wohlergehen denken. Wer weiß, was mit ihnen passieren könnte? Und wegen Tjin, - du solltest ihn richtig ausschimpfen. Er soll nie wieder hierher kommen, außer im Todesfall oder bei Hochzeit. Er sollte besser auch Herrn Dschëng aus dem Weg gehen, es sei denn, er will wirklich Ärger. Und vergiß nicht, den Buchhaltern zu sagen, daß sie jenen gewissen Eintrag löschen sollen. Schick’ jemanden zum Kloster,“ endete die Dame Wang, „mit strengen Anweisungen von Herrn Dschëng, daß keine männlichen Familienmitglieder dort als Gast willkommen geheißen werden dürfen, außer für das Verbrennen von Papiergeld am Familiengrab. Und wenn es noch mehr Skandale geben wird, werden wir alle Schwestern, auch die älteren, entfernen.“ Djia Liän nahm alles auf und ging zu Lai Da, um die Befehle weiterzugeben. „Das ist es, was die Dame sagt, daß du tun sollst“, sagte er. „Berichte mir, wenn du fertig bist, und ich werde es der Dame weitergeben. Tu das schnell. Wenn Herr Dschëng zurückkommt, ist alles, was du tun mußt, die Befehle der Dame zu wiederholen.“ – „Die Dame Wang hat ja wirklich ein Buddhaherz. Sie schickt sogar noch Leute, um diese ganze Truppe zurückzuschicken. Das ist ja nur, weil sie ein gutes Herz hat. Dann muß ich gute Menschen suchen, um das zu erledigen“, kommentierte Lai Da. |
Frau Wang sagte: „Ganz recht so. Diese Geschöpfe dürfen keinen Augenblick länger bleiben. Ich wollte sie schon vorher wegschicken, aber ihr sagtet alle, man solle sie behalten. Ist jetzt nicht genau der Ärger eingetreten, den ich vorhergesagt hatte? Sag Lai Da, er solle sie der Reihe nach befragen, ob sie in der Heimat noch Verwandte haben. Dann suche ihre Verträge heraus, gib ein paar Dutzend Tael Silber aus, miete ein Boot, schicke einen zuverlässigen Menschen mit und bringe sie alle in ihre Heimat zurück. Gib ihnen ihre Verträge mit, und damit ist die Sache erledigt. Wegen ein oder zwei schwarzer Schafe alle zum Austritt aus dem Klosterleben zu zwingen, das wäre eine Sünde. Und wenn wir sie hier dem amtlichen Heiratsvermittler übergeben — selbst wenn wir keinen Leibpreis verlangen, werden die sie zum Verkauf weitergeben und sich nicht um ihr Schicksal scheren. Den jungen Qin schimpfe gründlich aus. Außer zu Opferfesten und Familienfeiern braucht er hier nicht mehr aufzutauchen. Er soll sich vorsehen, dass er dem Herrn in seinem Zorn nicht in die Quere kommt, sonst kann er einpacken! Sag auch der Buchhaltung, sie soll diesen Posten aus den Büchern streichen. Und schicke jemanden zum Wassermondkloster mit folgender Weisung des Herrn: Außer wenn Angehörige zum Grab kommen, um Papiergeld zu verbrennen, darf keine männliche Person aus der Familie dort empfangen werden. Und wenn es noch das geringste üble Gerücht gibt, werden alle Nonnen, auch die alten, hinausgeworfen." |
| „Und ich bringe Herrn Tjin hierher, Herr, damit sie mit ihm reden können. Und was den anonymen Aushang-Anschläger angeht, so werde ich alles daran setzen, ihn zu finden. Wenn ich ihn in Händen habe, werde ich ihm eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergessen wird.“ Djia Liän nickte: „Gut.“ Djia Tjin wurde gerufen und verbannt. Lai Da kümmerte sich um die Mädchen, so wie es mit der Dame Wang abgesprochen war. Als Djia Dschëng an diesem Abend heimkam, gingen Djia Liän und Lai Da beide hinein, um zu berichten. Djia Dschëng war kein Mann, der nach unnützem Ärger suchte und war zufrieden, die Sache als abgeschlossen betrachten zu können. Die Neuigkeiten, daß der Djia-Haushalt vierundzwanzig Novizinnen entlassen hatte, verbreitete sich schnell, und jeder junge Wüstling in der Stadt, stellte sich vor, eine von ihnen für sich selbst zu gewinnen. Was wirklich mit den Mädchen am Ende passierte und ob sie jemals ihr Heim erreichten oder nicht, erzählt unsere Geschichte nicht, und es wäre müßig, darüber zu spekulieren. |
Jia Lian nahm alles an. Er ging hinaus und teilte Lai Da die Anweisungen der Gnädigen Frau mit: „So hat es die Gnädige Frau beschlossen. Wenn du fertig bist, sage mir Bescheid, damit ich es ihr berichte. Mach dich schnell an die Arbeit. Wenn der Herr später kommt, wiederhole ihm einfach die Worte der Gnädigen Frau." — Lai Da hörte dies und sagte: „Unsere Gnädige Frau hat wahrlich ein Buddhaherz! Diese ganze Truppe noch mit Begleitung zurückzuschicken! Weil die Gnädige Frau so gütig ist, muss man auch einen anständigen Menschen dafür auswählen. Den jungen Herrn Qin möge der Zweite Herr selbst abfertigen. Was den anonymen Zettelankleber angeht, werde ich ihn schon aufspüren und ihm dann eine ordentliche Lektion erteilen." — Jia Lian nickte: „So ist es gut." Sogleich wurde Jia Qin verwiesen. Lai Da führte auch die Nonnen hinaus und erledigte alles wie besprochen. |
| Kehren wir stattdessen zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurück. Aufgrund einer leichten Besserung von Dai-yüs Gesundheit, war Dsï-djüan weniger beschäftigt als üblich. Als sie von der Ankunft der Novizinnen hörte, war sie neugierig über den Vorfall, der sie an den Hof rief, und entschied sich, die Herzoginmutter in ihren Gemächern zu besuchen, in der Hoffnung, sie könnte von einem der Mädchen dort mehr darüber herausfinden. Als sie ankam, traf sie zufällig Yüan-yang. Die beiden konnten sich zum Plaudern setzen. Dsï-djüan erwähnte die Novizinnen. Ihre Anwesenheit im Garten war eine völlige Überraschung für Yüan-yang, die rief: | Am Abend kam Aufrecht Kaufmann nach Hause, und Jia Lian sowie Lai Da erstatteten ihm Bericht. Aufrecht Kaufmann war kein Mann, der unnötig Ärger suchte, und ließ die Sache auf sich beruhen. Nur die Taugenichtse und Nichtsnutze der Stadt hatten gehört, dass das Haus Jia vierundzwanzig junge Mädchen entlassen hatte, und jeder stellte sich vor, eine davon zu ergattern. Ob diese Mädchen je nach Hause gelangten oder nicht, ist unbekannt und soll hier nicht weiter ausgemalt werden. |
| „Das ist das erste Mal, daß ich davon höre! Ich werde Frau Liän später darüber befragen. Dann werde ich Bescheid wissen.“ In diesem Moment kamen zwei alte Frauen von der Famile Fu Schï, um die Herzoginmutter zu sehen, und Yüan-yang nahm sie mit. Die Herzoginmutter hatte sich jedoch gerade für ihren Nachmittagsschlaf hingelegt, also tauschten die Frauen ein paar Worte mit Yüan-yang und gingen wieder ihres Weges. „Woher sind diese beiden?“, fragte Dsï-djüan. |
Wenden wir uns nun Purpurkuckuck [2] zu: Da es Kajaljade [3] allmählich besser ging und im Garten nichts Besonderes los war, hörte sie, dass die Nonnen für den Palastdienst vorbereitet wurden. Neugierig, was dahintersteckte, ging sie zu den Gemächern der Herzoginmutter [4], um sich zu erkundigen. Dort traf sie zufällig auf Mandarinenente [5], die gerade heruntergekommen war und nichts zu tun hatte. Die beiden setzten sich und plauderten, und Purpurkuckuck erwähnte die Nonnen. Mandarinenente war erstaunt: „Davon habe ich gar nichts gehört! Ich werde die Zweite Herrin Lian nachher fragen, dann weiß ich Bescheid." |
| „Sie sind ein lästiges Paar“, antwortete Yüan-yang. „Sie wollen immer zur alten Dame und erzählen ihr, wie wunderbar die Tochter ihres Hauses sei – so herzlich, schön, mit gutem Benehmen, so leise sprechend, eine perfekte Näherin, sie kann schreiben und rechnen, ein Vorbild töchterlicher Gehorsamkeit, freundlich und damenhaft gegenüber den Dienern, und so weiter und so fort... Jedesmal, wenn sie kommen, halten sie der Herzoginmutter denselben Vortrag. Ich kann diese Dinge nicht ausstehen, aber die Herzoginmutter scheint es zu lieben. Und das Komische daran ist, daß Bau-yü, der normalerweise alte Frauen gar nicht so mag, bei diesen beiden eine Ausnahme macht. Ist das nicht seltsam? Vor ein paar Tagen, als sie zuletzt hier waren, sagten sie, daß Herr Fu nicht einen der Verehrer ansehen würde, und es seien viele, sondern sich in den Kopf gesetzt habe, in eine Familie wie unsere einzuheiraten. Dann sangen sie wieder ihre Belobigungen. Irgendwie scheinen sie das alles so darzustellen, um der gnädigen Frau zu gefallen.“ Dsï-djüan schaute für einen Moment nachdenklich drein. Dann fragte sie mit vorgetäuschter Interesse: „Wenn die Herzoginmutter so einen Gefallen an dem hat, was sie sagen, warum verheiratet sie Bau-yü dann nicht mit der jungen Dame?“ Yüan-yang wollte Dsï-djüan gerade, an dem Punkt angelangt, den wahren Grund nennen, als sie einen Ruf von drinnen hörte: „Die alte Dame ist erwacht!“ Sie eilte hinein, verließ Dsï-djüan, damit sie sich auf den Weg nach Hause machte. Als Dsï-djüan den Garten erreichte und die Richtung zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß einschlug, dachte sie bei sich: ‚Jeder könnte denken, daß Bau-yü der einzige Junge auf der Welt wäre, gemessen an der Zeit, die wir alle damit verbringen, an ihn zu denken! Meine arme Herrin scheint mehr und mehr von ihm berauscht zu sein. Wann immer ich sie in eine ihrer Schmermutanfälle sinken sehe, kann ich sagen, daß es seinetwegen ist. |
Gerade als sie so sprachen, kamen zwei Frauen aus dem Hause Fu Shi, um der Herzoginmutter ihre Aufwartung zu machen. Mandarinenente wollte sie hinaufbegleiten, doch da die Herzoginmutter gerade ihren Mittagsschlaf hielt, sagten die beiden Frauen nur ein paar Worte zu Mandarinenente und gingen wieder. Purpurkuckuck fragte: „Von wem waren die denn geschickt?" — Mandarinenente sagte: „Ach, die sind so lästig! Nur weil sie zu Hause ein hübsches Mädchen haben, kommen sie wie Händler mit einer Kostbarkeit und preisen ständig vor der Herzoginmutter, wie schön ihre Tochter sei, was für ein gutes Herz sie habe, wie vorbildlich ihre Manieren seien, wie knapp und treffend sie spreche, wie geschickt sie mit Nadel und Faden umgehe, wie gut sie schreiben und rechnen könne, wie ehrerbietig sie gegen die Älteren sei und wie freundlich gegen die Dienerschaft — jedesmal kommen sie mit so einer langen Litanei und erzählen das alles der Herzoginmutter. Mich ärgert das gewaltig. Diese alten Weiber sind wirklich unerträglich, aber unsere Herzoginmutter hört solche Dinge gerade gern. Und das ist noch nicht alles: Schatzjade [6], der sonst alte Weiber gar nicht leiden kann, macht ausgerechnet bei denen aus dem Hause Fu eine Ausnahme. Ist das nicht seltsam? Neulich kamen sie wieder und erzählten, dass für ihre Tochter schon viele Familien um die Hand angehalten hätten, aber ihr Herr wolle keinen annehmen und wolle nur in eine Familie wie die unsere einheiraten. Erst lobten sie, dann schmeichelten sie, und so haben sie das Herz der Herzoginmutter regelrecht aufgeweicht." |
| Das hat sie auch immer krank werden lassen. Hier zu Hause kann man noch nicht einmal unterscheiden, was Gold und was Silber ist. Und nun dieses Fräulein Fu – ich weiß nicht! Ich dachte immer, Bau-yü liebt Fräulein Dai-yü, aber wegen dem, was Yüan-yang sagt, scheint es, daß er sich sofort verliebt, wenn er ein neues Mädchen trifft. Meine arme Herrin! All ihr Herzleid ist umsonst!‘ | Purpurkuckuck war einen Moment wie erstarrt, dann fragte sie mit gespieltem Gleichmut: „Wenn die Herzoginmutter so angetan ist, warum verlobt sie sie dann nicht gleich mit Schatzjade?" — Mandarinenente wollte gerade den wahren Grund nennen, als man von oben rief: „Die Herzoginmutter ist wach!" — Mandarinenente eilte sogleich hinauf. |
| Dsï-djüan hatte begonnen, sich für Dai-yü traurig zu fühlen, aber je mehr sie darüber nachdachte, desto jammervoller und verwirrter wurde sie selbst. Plötzlich weinte sie. Sie hätte gerne Dai-yü geraten, ihr Herz nicht für eine so aussichtslose Affaire aufzuzehren, aber sie war zu ängstlich, sich ihre Mißbilligung zuziehen. Und doch, wie konnte sie nur dastehen und ihr bei ihren Qualen zusehen? Gerade, als sie das Problem in ihrem Kopf drehte und wendete, wich ihr Mitgefühl einem plötzlichen Gefühl des Ärgers. Sie schalt sich selbst: ‚Warum sollte ich mir überhaupt Gedanken über andere machen? Angenommen, Fräulein Dai-yü heiratet Bau-yü –, so wird sie immer noch so schwierig zufriedenzustellen sein wie immer. Und Bau-yü wäre freundlich genug, aber ich weiß auch, wie unbeständig er ist. Ich sage den anderen vergebens, nicht ihre Herzen für andere auszuzehren, und dann mache ich das selbst! Nein, von nun an werde ich mich darauf konzentrieren, meine Aufgaben zu erledigen, meiner Herrin zu dienen, und es mir nicht erlauben, hineingezogen zu werden.‘ |
Purpurkuckuck musste aufbrechen und ging in den Garten zurück. Während sie ging, dachte sie: „Es gibt wohl nur einen einzigen Schatzjade auf der Welt! Die eine will ihn, die andere auch. Unsere Herrin wird immer verliebter in ihn. Wie sie ihn ansieht, ist klar, dass ihr ganzes Herz an Schatzjade hängt. Dass sie schon mehrmals krank geworden ist — ist das nicht genau deswegen? In diesem Hause ist es mit den ›goldenen‹ und den ›silbernen‹ Partien schon unübersichtlich genug, und nun kommt noch ein Fräulein Fu dazu, da wird es vollends unmöglich. Ich dachte, Schatzjades Herz gehört unserer Herrin, aber nach dem, was Mandarinenente sagt, scheint er sich in jede zu verlieben, die er sieht. Hat unsere Herrin denn ganz umsonst ihr Herz verzehrt?" |
| In diesem neuen klaren Bewußtsein setzte sie ihren Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß fort, und kam an, um Dai-yü alleine auf dem Ofenbett sitzen zu sehen, wie sie einige ihrer alten Gedichte und andere Schriften sortierte. Als sie den Raum betrat, sah Dai-yü auf und fragte: „Wo warst du?“ „Oh, ich ging nur aus, um mit einem der Mädchen zu reden“, antwortete Dsï-djüan. „Dann warst du wahrscheinlich bei Hsi-jën?“ – „Warum sollte ich die denn sehen wollen?“ Dai-yü war peinlich berührt, weil sie einfach so drauflos gefragt hatte. Sie sagte: „Wen du besucht hast, hat mit mir nichts zu tun. Bring mir eine Tasse Tee.“ Dsï-djüan lachte innerlich und ging hinaus, um ihr eine Tasse Tee einzuschenken. Da hörte sie einen Tumult im Garten, konnte aber nicht sagen, was vor sich ging. Sie begann, den Tee einzugießen und schickte ein junges Mädchen hinaus, um zu hören, was los war. Das Mädchen kehrte nach einer kurzen Weile zurück und berichtete: |
Purpurkuckuck hatte begonnen, für Kajaljade traurig zu sein, aber je mehr sie nachdachte, desto ratloser und verwirrter wurde sie selbst, bis sie ganz benommen war. Sie hätte Kajaljade gern geraten, sich nicht unnötig das Herz zu zermartern, fürchtete aber, sie damit aufzuregen. Und doch — konnte sie einfach tatenlos zusehen, wie ihre Herrin sich quälte? Sie grübelte hin und her, bis sie ärgerlich wurde und sich selbst schalt: „Warum machst du dir denn Sorgen für andere? Selbst wenn Fräulein Kajaljade wirklich Schatzjade heiraten würde — ihr Wesen ist ja doch schwer zufriedenzustellen. Und Schatzjades Charakter mag gut sein, aber er will von allem zu viel auf einmal. Ich rate anderen vergebens, sich nicht das Herz zu zermartern, und dabei zermartre ich mir meines! Von nun an werde ich mich ganz darauf beschränken, meiner Herrin treu zu dienen, und mich um alles andere nicht kümmern." So gefasst, fühlte sie sich innerlich ruhiger. |
| „Manche Stämme der Zierapfelbäume im Hof der Freude am Roten waren vertrocknet, und niemand hat sie seitdem gegossen. Gestern ging Bau-yü sie sich mal ansehen, und dachte, er könnte Knospen an manchen Ästen sehen. Keiner glaubte ihm oder schenkte der Geschichte zu der Zeit Aufmerksamkeit. Aber heute gibt es keinen Zweifel darüber, daß die schönsten Blüten wachsen! Es hat eine große Aufregung ausgelöst, und alle eilen dorthin, um nachzusehen. Sogar die alte Dame und die Damen wurden in die Aufregung einbezogen und werden sich die Blüten ansehen. Also hat Frau Dschu Anweisung gegeben, alle Blätter von den Wegen zu entfernen – deswegen gab es all das Geschrei.“ Als Dai-yü hörte, daß die Herzoginmutter kam, stand sie auf, um sich umzuziehen, schickte Hsüä-yän vor, und befahl ihr, in dem Moment Bescheid zu geben, wenn die Herzoginmutter ankam. Sie kam bald zurückgelaufen. „Die alte Dame und die Dame und viele andere Damen sind angekommen! Beeilt euch, Herrin!“ |
Sie kehrte zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss zurück und fand Kajaljade allein auf dem Ofenbett sitzend vor, wie sie alte Gedichte und Texte durchsah. Kajaljade blickte auf, als Purpurkuckuck hereinkam, und fragte: „Wo warst du denn?" — Purpurkuckuck antwortete: „Ich habe die Schwestern besucht." — Kajaljade sagte: „Du warst wohl bei Schwester Dufthauch [7]?" — Purpurkuckuck erwiderte: „Was hätte ich bei ihr zu suchen?" — Kajaljade dachte: „Warum habe ich das einfach so herausgesagt?" Sie schämte sich und schimpfte: „Wen du besuchst oder nicht, was geht mich das an! Geh und bring mir Tee." |
| Dai-yü sah kurz in den Spiegel, kämmte sich schnell und ging mit Dsï-djüan in Richtung des Hofes der Freude am Roten. Sie kam an und sah, daß die Herzoginmutter auf Bau-yüs Tagessofa saß. Dai-yü begrüßte sie, stand auf, zog sich zurück und sah die Damen Hsing und Wang, dann Li Wan, Tan-tschun, Hsi-tschun und Hsing Hsiu-yän kommen. Alle begrüßten sich. Sie bemerkte, daß mehrere Menschen abwesend waren: Hsi-fëng lag krank im Bett. Schï Hsiang-yün war nach Hause gegangen, um nach ihrem Onkel zu sehen, der in die Hauptstadt versetzt worden war. Hsüä Bau-tjin war mit Bau-tschai und den beiden Schwestern Li Wën und Li Tji zu Hause geblieben. Die Familie Li wohnte woanders, weil es im Garten des Großen Anblicks zu unruhig war. Sie unterhielten sich alle gut, jede schlug eine andere Deutung des seltsamen Phänomens der winter-blühenden Begonien vor. |
Purpurkuckuck lachte innerlich und ging hinaus, um den Tee einzugießen. Da hörte sie einen Tumult im Garten, konnte aber nicht erkennen, was los war. Während sie den Tee eingoss, schickte sie ein Mädchen hinaus, um nachzufragen. Die kam zurück und berichtete: „Die Begonien im Hof der Freude am Roten [8] waren seit dem Frühjahr verwelkt, und niemand hatte sich um sie gekümmert. Gestern ging Schatzjade hin und sah, es sahen aus, als seien Knospen an den Zweigen. Keiner glaubte ihm, und man achtete nicht weiter darauf. Heute aber stehen die Begonien in voller Blüte! Alle sind ganz aufgeregt und strömen hin, um zu schauen. Sogar die Herzoginmutter und die Gnädige Frau haben sich von der Aufregung anstecken lassen und kommen, um die Blüten zu bewundern. Deshalb hat die Erste Herrin angeordnet, die Blätter in den Wegen zusammenzufegen, und die Leute schreien sich die Anweisungen zu." |
| „Sie blühen normalerweise im dritten Monat, ich weiß“, sagte die Herzoginmutter, „und wir haben jetzt den elften Monat. Aber die verschiebbaren Bedingungen im Kalender sind dieses Jahr eher spät, also könnten wir sagen, das dies mehr wie der zehnte Monat ist, was nach allem manchmal auch „Kleiner Frühling“ genannt wird. Mit dem außergewöhnlich warmen Wetter, das wir hier hatten, kann man eine kleine Blüte tatsächlich erwarten.“ „Mutter hat schon vieles gesehen“, pflichtete die Dame Wang bei. „Es stimmt, daß dies nichts wirklich Außergewöhnliches ist.“ Die Dame Hsing jedoch war nicht so leicht überzeugt. „Ich hörte, daß diese Blumen bereits fast ein Jahr vertrocknet waren... Wieso blühen sie jetzt plötzlich auf einmal?“ Li Wan sprach als Nächste: „Ich denke, ihr beide habt recht“, sagte sie mit einem Lächeln. „Meine eigene bescheidene Erklärung ist, daß sie nur blühen, um uns von einer Hochzeit zu erzählen, die bald in Bau-yüs Leben stattfinden wird. Diese Blume kündigt zuerst von dieser guten Nachricht.“ Tan-tschun, obwohl sie ruhig blieb, dachte heimlich bei sich: ‚Das muß ein schlechtes Omen sein. Die Sträucher kennen das Schicksal. Wenn sie außerhalb der Saison blühen, müssen sie verzaubert sein.‘ |
Kajaljade hatte es ebenfalls gehört. Als sie erfuhr, dass die Herzoginmutter kam, wechselte sie ihre Kleidung und schickte Schneegans [9] vor: „Wenn die Herzoginmutter da ist, sag mir sofort Bescheid." Schneegans war noch nicht lange fort, als sie schon hereingelaufen kam: „Die Herzoginmutter, die Gnädige Frau und viele andere sind schon da. Die Herrin möge sich beeilen!" — Kajaljade warf noch einen kurzen Blick in den Spiegel, strich sich rasch das Haar zurecht und ging dann, auf Purpurkuckuck gestützt, zum Hof der Freude am Roten. Die Herzoginmutter saß bereits auf Schatzjades Liegebett. Kajaljade grüßte: „Ich wünsche der Herzoginmutter Wohlergehen." Dann begrüßte sie die Damen Xing und Wang und wechselte Höflichkeiten mit Li Wan, Tanchun [10], Xichun [11] und Xing Xiuyan [12]. Nur Phönixglanz [13] war wegen ihrer Krankheit nicht gekommen. Shi Xiangyun war nach Hause gegangen, da ihr Onkel zum Dienstwechsel nach Peking zurückkehrte. Xue Baoqin war bei ihrer Schwester zu Hause. Die Schwestern der Familie Li waren von Frau Li aus dem Garten genommen worden, weil es dort zu unruhig war. So sah Kajaljade heute nur wenige. |
| Sie behielt das alles jedoch für sich. Es war Dai-yü, die als Nächste sprach. Sie war von Li Wans Anmerkung über die Hochzeit angestachelt worden, und sagte freudig: „Da war mal eine Familie von Bauern, die hatten einen Dornbusch. Sie hatten drei Söhne in der Familie, und eines Tages entschieden die drei Söhne sich, ihr Heim zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Sobald sie gegangen waren, verblich der Dornbusch und ging ein. Aber einige Zeit später begannen die Brüder sich nacheinander zu sehnen, kehrten nach Hause zurück und waren wieder vereint. Und sofort begann der Dornenbusch wieder zu blühen. Da seht ihr, daß Pflanzen genau dem Geschick der Leute folgen, zu denen sie gehören. Nun, Vetter Bau-yü gibt sich voll seinen Studien hin, was Onkel Dschëng gefällt, deshalb blühen die Begonien!“ Dies gefiel der Herzoginmutter und der Dame Wang sehr gut. „Welch gut gewählte Geschichte! So eine interessante Idee!“ Djia Schë Djia Dschëng, Djia Huan und Djia Lan kamen nun an, um die Blumen anzusehen, begleitet von Djia Huan und Djia Lan. Djia Schë sprach zuerst. „Schneid sie ab. Das ist, was ich dazu sage. Hier ist eine böse Macht am Werk.“ – „Im Gegenteil“, sagte Djia Dschëng, „laß sie in Ruhe! Böse Mächte gedeihen bei solchem Aberglauben. Ignoriere sie, und sie verschwinden.“ – „Was soll das alles?“, unterbrach die Herzoginmutter gereizt, „wir sind hier versammelt, um einem schönen Ereignis beizuwohnen. Warum fängst du an, über Aberglauben zu reden, und was hast du? Wenn Glück da ist, dann erfreue dich daran, solange du kannst. Ich werde auf alles Unglück aufpassen. Ich verbiete dir, noch ein Wort über solch düstere Gedanken auszusprechen.“ Djia Dschëng verstummte, und er und Djia Schë brachen schnell auf. Die Herzoginmutter war aber nicht verstört und bestimmte, daß es weiterhin ein Grund zur Feier sei. „Schicke jemanden in die Küche“, sagte sie, „wir wollen Wein und einige schöne Speisen, bereite ein Bankett vor! Wir werden eine kleine Feier veranstalten. Und alle sollen die Schönheit der Blumen bewundern. Ich möchte, daß ihr, Bau-yü, Huan und Lan, jeder ein Gedicht schreibt, um dieses Ereignis zu würdigen. Fräulein Dai-yü ist gerade erst gesund geworden, also ist sie entschuldigt. Wenn sie sich danach fühlt, kann sie euch Jungs helfen, eure zu überarbeiten.“ Sie wendete sich an Li Wan und fuhr fort: „Du und die anderen kommen mit und trinkt etwas Wein mit mir.“ „Ja Großmutter“, sagte Li Wan, dann wendete sie sich an Tan-tschun, lachte und sagte: „Das ist alles deine Schuld, Tan!“ – „Was meinst du?“ protestierte Tan-tschun. „Wir müssen keine Gedichte schreiben – meine Schuld für was?“ – |
Man unterhielt sich und lachte eine Weile und erörterte das seltsame Blühen der Begonien. Die Herzoginmutter sagte: „Diese Blumen öffnen sich eigentlich im dritten Monat. Jetzt haben wir zwar den elften Monat, aber weil die Jahreszeiten dieses Jahr spät kommen, ist es eigentlich erst der zehnte, der ›Kleine Frühling‹. Bei solch warmem Wetter können Blumen durchaus auch blühen." — Frau Wang pflichtete bei: „Die Herzoginmutter hat vieles erlebt und hat recht; es ist nichts Ungewöhnliches." — Die Dame Xing war nicht so überzeugt: „Ich hörte, diese Blumen waren schon ein ganzes Jahr verwelkt. Wie können sie jetzt auf einmal außer der Zeit blühen? Das muss einen Grund haben." — Li Wan lächelte: „Die Herzoginmutter und die Gnädige Frau haben beide recht. Nach meiner bescheidenen Vermutung steht Schatzjade eine frohe Nachricht bevor, und diese Blüte ist der Vorbote." — Tanchun schwieg zwar, dachte aber bei sich: „Das kann kein gutes Zeichen sein. Wer der Natur folgt, gedeiht; wer ihr widerstrebt, geht unter. Wenn Pflanzen das Schicksal kennen und außer der Zeit blühen, ist das ein Unheilszeichen." Doch sie behielt es für sich. Nur Kajaljade, die bei der Erwähnung einer frohen Nachricht innerlich aufhorchte, sagte freudig: „Es gab einst die Familie Tian, die besaß einen Dornbusch. Als die drei Brüder ihr Erbe teilten, verdorrte der Busch. Später bereuten die Brüder es, kamen wieder zusammen, und der Dornbusch ergrünte wieder. Das zeigt doch, dass auch Pflanzen dem Geschick der Menschen folgen. Jetzt, da Vetter Schatzjade sich fleißig seinen Studien widmet und der Onkel sich darüber freut, ist auch jener Baum wieder zum Leben erwacht." — Die Herzoginmutter und Frau Wang hörten es gern und sagten: „Fräulein Kajaljade hat das wunderbar verglichen! Was für ein sinnreicher Gedanke!" |
| „Bist du nicht der Begründer des Begonienbundes?“, fragte Li Wan. „Ich weiß, daß diese Begonie eine Herbstbegonie war, – aber siehst du nicht? Nun wollen die echten Begonien auch Mitglieder werden. Jeder lachte über diese Idee. Essen und Getränke wurden serviert, und sie tranken alle und taten ihr Bestes, um die gnädige Frau mit leichten Unterhaltungen zu amüsieren. Bau-yü kam herein, um sich etwas Wein einzuschenken, und, als er da stand, dachte er sich einen Vierzeiler aus, welchen er dann niederschrieb und für seine Großmutter rezitierte: Warum, Begonie, bist du dahingewelkt? Und warum blühst du nun wieder so üppig? Gewiß, weil eine gnädige Dame in der nördlichen Halle dies zu tun hieß! Mittwinter kündet von der Geburt des Lichtes: Schöner bist du jetzt als ein Strauch voller Schneeflocken. |
Gerade als man so sprach, kamen Jia She, Aufrecht Kaufmann, Jia Huan und Jia Lan herein, um die Blüten zu betrachten. Jia She sagte: „Meiner Meinung nach sollte man den Strauch fällen. Da ist ein Blumengeist am Werk." — Aufrecht Kaufmann erwiderte: „Wer das Seltsame sieht und sich nicht wundert, dem schadet es von selbst nicht. Man braucht ihn nicht zu fällen, man lässt ihn einfach." — Die Herzoginmutter hörte dies und sagte: „Was soll das Gerede? Hier ist ein freudiges Ereignis, warum redet ihr von Geistern und Spuk? Wenn es Glück bringt, so genießt es; wenn es Unglück ist, nehme ich es allein auf mich. Ich verbiete solch düsteres Geschwätz." — Aufrecht Kaufmann verstummte und zog sich mit Jia She verschämt zurück. |
| Huan war als Nächstes dran. Er schrieb sein Gedicht nieder und begann zu rezitieren: Pflanzen sollten im Frühling blüh'n. Das Gespür unserer Begonie für Zeit ist wohl verwirrt. Von wie vielen Weltwundern wissen wir! Doch einen Strauch, der im Winter blüht, gibt's nur bei uns. Dann machte Djia Lan vorsichtig eine Abschrift von seinem Gedicht, in makelloser Kaischu-Kalligraphie und überreichte es seiner Urgroßmutter, die Li Wan darum bat, es für sie vorzulesen. Deine Schönheit, nebelerstarrt, ward' im Frühling zu Abfall. Nun erröten deine Blütenblätter – erstarrend – im Schnee: Die Blume weißt nichts davon: Doch ihr Blüh'n hat uns mit Freude erfüllt. Als die Gedichterunde zu Ende war, kommentierte die Herzoginmutter: „Ich weiß nicht viel über Gedichte, aber ich würde Lans mit ‚gut‘ bewerten, während ich sagen würde, daß Huans schlecht war. Kommt nun, kommt alle und nehmt euch etwas zu essen!“ |
Die Herzoginmutter war bester Laune und ließ die Küche anweisen, eilig Wein und Speisen vorzubereiten, um gemeinsam die Blüten zu feiern. Sie befahl: „Schatzjade, Huan und Lan sollen jeder ein Gedicht zur Feier verfassen. Fräulein Kajaljade ist gerade erst genesen, lasst sie nicht anstrengen. Wenn sie Lust hat, kann sie euch beim Verbessern helfen." Zu Li Wan gewandt sagte sie: „Ihr alle trinkt mit mir Wein." — Li Wan antwortete mit „Ja" und wandte sich lachend an Tanchun: "Das ist alles deine Schuld!" — Tanchun protestierte: „Wir sollen doch gar keine Gedichte schreiben — was habe ich denn damit zu tun?" — Li Wan sagte: „Hast du nicht den Begonienbund gegründet? Jetzt wollen auch die echten Begonien dem Bund beitreten!" — Alle lachten. |
| Bau-yü war von ihrer guten Laune angesteckt. Aber dann dachte er bei sich: „Als die Begonie starb, war das dasselbe Jahr, als Tjing-wën starb. Nun erwachen die Begonien wieder zum Leben. Das ist alles sehr schön für uns; aber Tjing-wën wird nie wiedergeboren werden.“ |
Bald waren die Speisen aufgetragen, und man trank. Jeder bemühte sich, der Herzoginmutter mit heiteren Worten Freude zu machen. Schatzjade trat vor, schenkte Wein ein und dichtete stehend einen Vierzeiler, den er niederschrieb und der Herzoginmutter vorlas: |
| Dieser Gedanke warf ihn in eine plötzliche Depression; dann erinnerte er sich, was Tjiau-djiä kürzlich gesagt hatte, daß Hsi-fëng ihm vielleicht die schöne Wu Er schickt. Vielleicht war es ihre bevorstehende Ankunft, worauf die seltsamen Blüten hinwiesen? Diese Aussicht beseitigte seine Traurigkeit, und er wurde noch einmal wieder fröhlich. | Warum, Begonie, welktest du so plötzlich hin? |
| Die Herzoginmutter blieb noch eine Weile länger, dann kehrte sie zu ihren Gemächern zurück, stüzte sich dabei auf Dschën-dschu und wurde von der Dame Wang und den anderen begleitet. Als sie ging, kam Ping herangeeilt und lachte: | Warum erblühst du heute wieder voller Pracht? |
| „Die Herrin Liän hörte, daß Sie hier seien und die Blumen betrachteten“, sagte sie, „und obwohl sie selbst nicht kommen konnte, bat sie mich zu kommen, um den Damen beizuwohnen und dieses Paket zu bringen. Es enthält zwei Rollen roter Seide, damit Herr Bau-yü die Bäume schmücken kann, und kommt mit den Glückwünschen von Frau Liän zu diesem glücklichen Ereignis.“ | Gewiss mehrt sich das Alter in der Nördlichen Halle — |
| Hsi-jën kam vor, um die Seide entgegenzunehmen und präsentierte sie der Herzoginmutter, die fröhlich lachte. | Im Winterwechsel blühst du noch vor dem Pflaumenbaum. |
| „Gut daß Hsi-fëng immer an das Richtige denkt! Was für eine schöne Idee! So bedeutend, erfrischend und interessant!“ | Jia Huan schrieb ebenfalls sein Gedicht und las vor: |
| Hsi-jën schenkte Ping ein Lächeln. | Im Frühling sollen Gras und Bäume treiben, |
| „Bitte, danke Frau Liän von Herrn Bau-yü, wenn du zurückgehst, ja?“, sagte sie. „Das glückliche Ereignis, auf welches sie sich bezieht, ist eines, daß uns alle glücklich machen wird, da bin ich sicher.“ | Die Begonie hat ihren Zeitpunkt ganz verfehlt. |
| Als Hsi-jën das sagte, dämmerte der Herzoginmutter, daß Hsi-fëng an Bau-yüs Hochzeit dachte, und ihr Gesicht erhellte sich. | Von Wundern gibt es viele auf der Welt, |
| „Ach!“, rief sie. „Natürlich! Das ist mir nie aufgefallen! Hsi-fëng mag im Bett liegen, aber sie denkt trotzdem an so etwas. Was für ein vollkommenes Geschenk!“ | Doch Winterblüten gibt es nur in unserem Haus. |
| Als sie dies sagte, ging sie bereits von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß los, hinter ihr das Gefolge. Ping flüsterte Hsi-jën zu: | Jia Lan hatte das seine in makelloser Regelschrift abgeschrieben und überreichte es der Herzoginmutter. Diese bat Li Wan, es vorzulesen: |
| „Eigentlich sagt Frau Liän, daß diese Blumen ein schlechtes Omen sind, und du sollst Streifen von dieser roten Seide schneiden und in die Blumen hängen; das würde helfen, das Pech in Glück zu verwandeln. Und in der Zukunft sollst du jede abergläubische Unterhaltung darüber vermeiden.“ | Im Nebel welkt die Anmut vor dem Frühling, |
| Hsi-jën nickte und brachte Ping hinaus. | Im Reif errötet zarter Schimmer nach dem Schnee. |
| Früher an diesem Tag, faulenzte Bau-yü drinnen herum, einfach angezogen in einem pelzbesetzten Gewand mit Schlitzen an den Seiten. Als er die blühenden Begonien durch das Fenster erblickte, ging er hinaus, um sie sich anzusehen. Je mehr er auf die Blüten starrte, je lieblicher und rührender sie ihm schienen, desto mehr schien die Blume Abschiede, Wiedersehen, Freude und Trauer zu verkörpern. Die Blüten waren die Verkörperung seiner eigenen Gedanken und Gefühle. Dann, als er hörte, daß die Herzoginmutter herüberkommen würde, beeilte er sich mit dem Umziehen in eine förmlichere Kleidung, wählte ein blasses, fuchsbesetztes Gewand mit einem ausgeschnittenen Bogenärmel und eine dunklere Jacke, auch fuchsbesetzt, welche dazu paßte. Er trat wieder ordentlich angezogen auf, um seine Großmutter zu begrüßen, und vergaß in seiner Eile, den magischen Jade umzulegen. | Man sage nicht, die Blume sei gering an Wissen — |
| Als die Herzoginmutter ging, kehrte er wieder um, um wieder seine bequehmere Kleidung anzuziehen, und da war es, daß Hsi-jën die Abwesenheit des Jadesteins entdeckte und fragte, wo er war. | Ihr Blühen stimmt voraus den Freudensbecher ein. |
| „Ich war in solcher Eile, als ich hereinkam, um mich umzuziehen“, antwortete er. „Ich legte den Jadestein ab und ließ ihn auf dem Ofenbett-Tisch liegen. Dann vergaß ich ihn wieder umzulegen.“ | Die Herzoginmutter hörte alle an und sagte: „Ich verstehe nicht viel von Gedichten, aber wenn ich so hinhöre, ist das von Lan am besten, Huans dagegen nicht gelungen. Kommt alle und esst!" |
| Hsi-jën schaute, aber er war nicht auf dem Tisch. Sie suchte überall aber konnte ihn nirgends finden. Sie begann, sich zu fürchten, und ihr brach am ganzen Körper kalter Schweiß aus. | Schatzjade sah, dass die Herzoginmutter sich freute, und wurde noch heiterer. Da dachte er plötzlich: „Als Qingwen starb, verdorrte die Begonie in jenem Jahr. Jetzt blüht die Begonie wieder, und allen in unserem Hof geht es gut — nur Qingwen kann nicht wie die Blume sterben und wieder auferstehen." Sogleich schlug seine Fröhlichkeit in Trauer um. Dann fiel ihm aber ein, dass Qiaojie neulich gesagt hatte, Phönixglanz wolle Wu'er zu ihm schicken. Vielleicht blühten die Blumen ihretwegen? So wandelte sich seine Trauer wieder in Freude, und er scherzte und lachte wie zuvor. |
| „Bitte mach’ dir keine Sorgen“, bat Bau-yü sie, „er muß irgendwo im Zimmer sein. Er wird wieder auftauchen. Frag’ die anderen – sie könnten es wissen.“ | Die Herzoginmutter blieb noch eine gute Weile, dann kehrte sie, auf Perle [14] gestützt, in ihre Gemächer zurück. Frau Wang und die anderen folgten. Da kam Friedchen [15] lachend entgegen und sagte: „Unsere Herrin hat gehört, dass die Herzoginmutter hier die Blüten bewundert. Sie konnte selbst nicht kommen und schickt mich, um der Herzoginmutter und den Gnädigen Frauen aufzuwarten. Außerdem schickt sie zwei Bahnen rote Seide, damit Herr Schatzjade die Blüten schmücken kann — als Glückwunsch." — Dufthauch [16] trat vor, nahm die Seide entgegen und zeigte sie der Herzoginmutter. Diese lachte: „Immer ist es Phönixglanz, die etwas Schönes einfällt! Stilvoll, originell und amüsant zugleich." — Dufthauch wandte sich lachend an Friedchen: „Richte Herrn Schatzjades Dank an die Zweite Herrin aus. Wenn es ein Freudenereignis gibt, freuen sich alle." — Die Herzoginmutter hörte das und rief: „Ach, jetzt fällt es mir ein! Phönixglanz mag krank im Bett liegen, aber sie denkt an alles, und ihr Geschenk ist treffend gewählt." So sprach sie und ging weiter, das Gefolge hinter sich. |
| Hsi-jën dachte, daß Schë-yüä oder eines der anderen Mädchen ihn irgendwo versteckt haben könnten, um ihn zu ärgern, und sie befragte sie mit dem Ausdruck einer spielerischen Anklage: | Friedchen flüsterte Dufthauch zu: „Die Herrin sagt, diese Blüten seien seltsam. Du sollst rote Seide zurechtschneiden und daran hängen, damit es als gutes Omen gedeutet wird. Und gib in Zukunft keinen Anlass zu abergläubischem Gerede darüber." — Dufthauch nickte und begleitete Friedchen hinaus. |
| „Ihr gemeines Pack! Könnt ihr euch nicht einen besseren Weg ausdenken, euch zu amüsieren? Kommt schon, wo habt ihr ihn versteckt? Treibt es nicht zu weit! Wenn er wirklich verloren ginge, wären wir in großen Schwierigkeiten, jede von uns!“ Aber Schë-yüä antwortete mit einem ernsten Gesicht: „Wieso redest du denn so? Scherz ist Scherz und Lachen ist Lachen. Diese Sache ist kein Spiel. Du wirst doch nicht so etwas behaupten! Du bist ja selbst durcheinander. Versuch’ dich zu erinnern, wo du ihn zuletzt hingelegt hast, anstatt grundlos andere zu beschuldigen!“ Hsi-jën konnte sehen, daß Schë-yüä es ernst meinte, und rief aufgeregt: „Dann möge uns der Himmel und alle Heiligen beistehen! Mein lieber Herr Bau-yü, wo könnten sie ihn hingelegt haben?“ |
Nun war es so: Schatzjade hatte an diesem Tag bequem in einem gefütterten Rundmantel aus Pelz zu Hause geruht. Als er die Blüten sah, ging er immer wieder hinaus, schaute, bewunderte, seufzte und schwärmte, und alle Freuden und Leiden des Abschieds und Wiedersehens übertrug er auf diesen Strauch. Als er dann hörte, dass die Herzoginmutter kommen wollte, eilte er hinein und wechselte zu einem Fuchspelz-Pfeilärmelgewand, darüber eine Jacke aus dunklem Fuchsbein. In der Eile vergaß er, die Geisterhafte Jade umzuhängen. Als die Herzoginmutter gegangen war, zog er sich wieder um. Da bemerkte Dufthauch, dass an seinem Hals nichts hing, und fragte: „Wo ist die Jade?" — Schatzjade antwortete: „Vorhin beim hastigen Umkleiden habe ich sie abgenommen und auf den Ofenbett-Tisch gelegt. Ich habe sie nicht wieder umgehängt." — Dufthauch schaute auf den Tisch — keine Jade. Sie suchte überall, nirgends eine Spur. Kalter Schweiß brach ihr am ganzen Leib aus. Schatzjade sagte: „Keine Aufregung, sie muss im Zimmer sein. Fragt die anderen, dann wisst ihr es." |
| Bau-yü antwortete: „Ich erinnere mich ganz genau, daß ich ihn auf den Ofenbett-Tisch legte. Schau doch noch einmal dort nach.“ Hsi-yän, Schë-yüä, Tjiu-wën und die anderen Mädchen waren zu ängstlich, um es jemand anderem zu erzählen, und leiteten gemeinsam eine heimliche Suche in jedem Winkel ein. Dies nahm den halben Tag in Anspruch, aber es gab immer noch kein Zeichen vom Jade. Sie entleerten jeden Koffer und durchstöberten jede Truhe, bis es einfach nichts mehr gab, wo sie suchen konnten, und sie fingen an sich zu fragen, ob es vielleicht einer der Besucher früher am Tage mitgenommen hätte. |
Dufthauch glaubte, Moschusmond [17] und die anderen hätten die Jade zum Spaß versteckt, und sagte lachend zu ihnen: „Ihr kleinen Dinger! Scherz ist Scherz, aber wo habt ihr dieses Ding versteckt? Wenn es wirklich verlorengeht, ist es mit uns allen vorbei!" — Moschusmond und die anderen erwiderten mit ernster Miene: „Was redest du da? Spaß ist Spaß und Lachen ist Lachen, aber so etwas ist kein Spiel. Rede keinen Unsinn! Du bist selbst ganz durcheinander. Überleg doch, wo du sie hingelegt hast! Jetzt beschuldigst du auch noch grundlos andere." — Dufthauch sah an ihren Gesichtern, dass es kein Spiel war, und rief angstvoll: „Himmel und alle Heiligen! Mein kleiner Herr! Wo habt Ihr sie nur gelassen?" — Schatzjade sagte: „Ich erinnere mich doch ganz genau, dass ich sie auf den Tisch gelegt habe. Sucht doch!" |
| „Wie könnte jemand so etwas nur wagen?“, sagte Hsi-jën. „Jeder weiß, wie wichtig er ist und daß Herr Bau-yüs Leben daran hängt. Fragt danach, aber seid sehr diskret. Wenn ihr herausfindet, daß eines der Mädchen ihn genommen hat und uns einen Streich spielt, macht einen Kotau vor ihr und erbittet ihn zurück. Wenn es ein junges Mädchen ist, die ihn gestohlen hat, fragt sie aus, erzählt aber nichts nach oben. Egal, was wir dafür tauschen sollen, um ihn zurückzuerhalten, werden wir ihn eintauschen. Das ist keine Kleinigkeit. Es wäre schrecklich, wenn wir den Jadestein verlieren würden, schlimmer sogar als würden wir Herrn Bau-yü selbst verlieren!“ Schë-yüä und Tjiu-wën zogen nun in dieser Mission los. Hsi-jën eilte ihnen mit ein paar letzten Anweisungen hinterher: „Bei nochmaliger Überlegung, laßt die Leute in Ruhe, die hier zuletzt während des Mittagessens waren. Wenn sich herausstellt, daß es jemand anderes war, wollen wir sie nicht beleidigen und sie ohne jeden Grund verärgern.“ Die zwei Mädchen teilten sich auf, um ihre Befragungen zu machen, aber überall, wo sie hingingen, gab es dieselbe Geschichte. Niemand wußte irgendetwas darüber. Jeder war gleichermaßen über die Neuigkeit verblüfft. Schë-yüä kam zurück, war sprachlos, und alle starrten sich gegenseitig in mutlosem Schweigen an. Bau-yü selbst war stocksteif vor Schreck und Hsi-jën war so verzweifelt, daß sie nur hilflos weinen konnte. Was konnten sie tun? Für das Suchen gab es keinen Ort mehr, an dem man noch suchen konnte. Wenn man zurückwollte, wagte man nicht mehr, nach Hause zu kommen. Im Roten Hof der Freude waren alle erschrocken und erstarrt wie Tonfiguren. |
Dufthauch, Moschusmond und die anderen wagten es nicht, irgend jemanden davon zu erzählen, und suchten heimlich in jedem Winkel. Den halben Tag dauerte es, doch nicht der geringste Hinweis fand sich. Sogar Koffer und Truhen wurden umgestülpt — es gab einfach nichts mehr, wo man hätte suchen können. Man begann, die Besucher vom Nachmittag zu verdächtigen. Dufthauch sagte: „Wer von denen auch immer hereinkam — jeder weiß doch, dass diese Jade so kostbar wie ein Leben ist! Wer würde es wagen, sie an sich zu nehmen? Bitte, sagt vorerst kein Wort davon und fragt überall unauffällig nach. Wenn eine der jungen Damen sie zum Spaß genommen hat, macht einen Kotau vor ihr und bittet sie zurück. Wenn eines der kleinen Mädchen sie gestohlen hat, fragt sie aus, aber meldet es nicht nach oben — egal, was wir dafür eintauschen müssen, tauscht sie ein. Das ist keine Kleinigkeit. Wenn diese Jade wirklich verloren ist, wäre das schlimmer, als Schatzjade selbst zu verlieren!" — Moschusmond und Qiuwen wollten gerade losgehen, da eilte Dufthauch noch hinterher und rief: „Die Leute, die vorhin hier zum Essen waren, fragt lieber nicht zuerst. Wenn sich nichts ergibt und wir stattdessen einen Aufruhr verursachen, wird es nur schlimmer." |
| Während alle so in Trance waren, kamen von überall her Leute, die die Neuigkeiten gehört hatten, unter ihnen Tan-tschun, die sofort die Anweisung gab, daß das Tor zum Garten geschlossen werde. Sie schickte eine Amme und zwei Mädchen auf eine neue ausgedehnte Suche und gab an alle Anwesenden aus, daß es eine erhebliche Belohnung für das Wiederfinden des Jade geben würde. Erst wollten alle weiße Westen zeigen. Als sie hörten, daß ein dicker Finderlohn ausgelobt war, brach eine fieberhafte, wilde Suche aus, sogar in den Toiletten. Der Jadestein im Garten war aber wie die Nadel im Heuhaufen, und als sich der Tag dem Ende neigte, gab es immer noch keine Spur. Li Wan spürte nun die Dringlichkeit der Situation und sagte: „Das ist jetzt kein Spiel mehr. Jetzt werde ich etwas Unhöfliches sagen.“ Alle fragten sie, was sie meine. |
Moschusmond und die andere taten wie geheißen, teilten sich auf und fragten überall nach — doch niemand wusste etwas, jeder war gleichermaßen bestürzt. Die beiden kehrten eilig zurück, sprachlos, mit offenem Mund, und starrten sich nur gegenseitig an. Auch Schatzjade war vor Schreck erstarrt. Dufthauch konnte nur trocken schluchzen. Suchen war zwecklos, Melden wagte man nicht — im Hof der Freude am Roten standen alle wie Holzpuppen und Lehmfiguren. |
| „Die Sache hat sich nun soweit entwickelt, daß es keine Tabus mehr gibt. Abgesehen von Bau-yü, sind alle Bewohner des Gartens Mädchen. Ich möchte euch nun bitten, eure Mädchen darum zu bitten, sich auszuziehen, so daß wir jeden gut durchsuchen können. Wenn das nichts fruchtet, dann rufen wir die die Ammen und die Arbeiterinnen.“ Die meisten stimmten zu: „Das ist vernünftig. Da so viele Menschen darin verwickelt sind und es ein solches Durcheinander ist, ist das der einzige Weg, daß jeder seine Unschuld beweisen kann.“ Tan-tschun war die einzige, die sich nicht geäußert hatte. |
Während alle wie betäubt dastanden, kamen von überall die Leute, die davon gehört hatten. Tanchun ordnete an, die Gartentore zu schließen, und schickte eine ältere Dienerin mit zwei Mädchen los, noch einmal überall zu suchen. Zugleich ließ sie bekanntgeben: „Wer die Jade findet, wird reichlich belohnt." Jeder wollte zum einen seine Unschuld beweisen, zum anderen lockte die Belohnung, und so stürzten sich alle in eine wilde Suche, bis hin zu den Abtritten. Aber die Jade war wie eine Nadel im Heuhaufen — den ganzen Tag suchte man, doch keine Spur. |
| Die anderen Mädchen waren eifrig dabei, sich zu entkleiden, um ihre Unschuld zu beweisen. Ping-örl war die erste Freiwillige. Eine nach der anderen zog sich aus und ordnete sich ein, während Li Wan die Untersuchung anführte. Tan-tschun konnte sich nicht länger beherrschen. „Liebe Wan, du guckst dir da das Falsche aus. Angenommen jemand hat ihn gestohlen; glaubst du wirklich, er oder sie wäre dumm genug, ihn herumzutragen? Warum sollte jemand ihn stehlen wollen? Uns bedeutet er sehr viel, aber außerhalb des Haushalts ist er völlig wertlos. Wenn du mich fragst, tut dies jemand aus Groll.“ Sie wußten alle, an wen sie dachte. Djia Huan war an diesem Tag in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß viele Male ein- und ausgegangen. Niemand war jedoch darauf vorbereitet, seinen Namen auszusprechen, und so mußte sie genauer zu werden: |
Li Wan wurde dringlich und sagte: „Das ist kein Spaß mehr. Ich muss nun etwas Unhöfliches sagen." — Alle fragten: „Was denn?" — Li Wan sagte: „Die Lage ist so ernst, dass es keine Rücksichten mehr gibt. Außer Schatzjade sind hier im Garten nur Frauen. Ich bitte alle Schwestern und Fräulein, ihre Dienerinnen die Kleider ablegen zu lassen und sich durchsuchen zu lassen. Wenn das nichts ergibt, durchsuchen wir die alten Dienerinnen und die gröberen Mägde. Ist das in Ordnung?" — Die meisten stimmten zu: „Das ist vernünftig. Bei so vielen Leuten und solchem Durcheinander ist das der einzige Weg, die Unschuld jeder Einzelnen zu beweisen." Nur Tanchun schwieg. Die Mädchen waren alle bereit, ihre Unschuld zu zeigen. Friedchen war die Erste und sagte: „Fangt bei mir an." So öffnete jede ihr Gewand, und Li Wan durchsuchte sie der Reihe nach. |
| „Es muß Huan sein. Wer sonst würde einen so üblen Streich spielen? Schicke jemanden heimlich in seinen Raum und bring ihn her. Hol’ ihn allein und überrede ihn, den Jade hervorzuholen, dann drohe ihm damit, ihn bloßzustellen, es sei denn, er hielte seinen Mund. Und dann haben wir unser Geheimnis gelöst.“ Mitten unter nickenden Köpfen wendete sich Li Wan an Ping-örl und sagte: „Diese Sache solltest besser du machen.“ – „Ja, Fräulein“, antwortete Ping-örl und eilte davon. Eine kurze Weile später, als sie mit Djia Huan zurückkehrte, taten die anderen so, als wäre nichts passiert. Eine von ihnen machte ihm eine Tasse Tee und setzte ihn an den Tisch im inneren Zimmer. Dann gingen sie alle hinaus und überließen Ping-örl das Feld. Sie schenkte ihm ein unbedarftes Lächeln. „Herr Bau-yüs Jadestein ist verloren gegangen... Ich glaube nicht, daß du ihn irgendwo gesehen hast, oder?“ Djia Huan wurde sofort häßlich dunkelrot. Er blickte sie finster an. „Nur weil jemand etwas verloren hat, heißt das automatisch, daß ich der Verdächtige bin und du mich zu einem Verhör rufst? Du verdächtigst mich? Habe ich eine kriminelle Vergangenheit oder so?“ |
Tanchun schalt Li Wan: „Liebe Schwägerin, du machst es jetzt auch wie diese unfähigen Leute! Wer die Jade gestohlen hat, würde sie doch nicht am Leib tragen! Außerdem: Dieses Ding ist hier im Hause ein Schatz, aber draußen für jemanden, der es nicht kennt, wertloses Zeug. Wer sollte es stehlen wollen? Ich denke, jemand hat einen bösen Streich gespielt." — Alle wussten sofort, woran sie dachte. Jia Huan war nicht anwesend, und gestern war er im ganzen Haus umhergerannt. Alle verdächtigten ihn, nur wagte es niemand auszusprechen. Tanchun fuhr fort: „Von einem üblen Streich kann das nur Huan gewesen sein. Schickt jemanden los, der ihn heimlich herbringt. Lockt es im Stillen aus ihm heraus, dann droht ihm, damit er den Mund hält. Damit wäre die Sache erledigt." — Alle nickten. |
| Ping-örl entschied sich, die Taktik zu ändern und sagte mit einem Lächeln: „Natürlich würde niemand davon träumen zu sagen, daß du es gestohlen hast! Sie dachten nur, daß du es vielleicht irgendwo versteckt hättest, als einen Streich, und daß du, wenn wir dich fragen würden, ob du es gesehen hättest, mir vielleicht ein paar Hinweise geben würdest, wo wir es suchen sollten.“ – |
Li Wan wandte sich an Friedchen: „Diese Sache kannst nur du erledigen." — Friedchen machte sich gleich auf den Weg. Kurz darauf kam sie mit Jia Huan zurück. Die anderen taten so, als sei nichts, ließen Tee aufgießen und setzten ihn im inneren Zimmer an den Tisch. Die Leute zerstreuten sich absichtlich und überließen Friedchen das Feld. |
| „Es ist sein Jadestein, richtig?“, antwortete Djia Huan entrüstet, „er ist derjenige, der das Ding trägt – frag’ ihn, nicht mich! Ihr seid alle so eifrig dabei, ihm zu gefallen, das ist euer Problem! Wenn ihr etwas bekommt, höre ich gar nichts davon! Aber in dem Moment, wenn etwas verloren geht, dann fragt ihr nur mich!“ Er stand auf und stampfte aus dem Zimmer. Die Mädchen traten zurück, um ihn durchzulassen. All das führte dazu, Bau-yü zu verärgern. „Der ganze Ärger, den dieses Ding gestiftet hat!“, sagte er. „Ich habe keine Sehnsucht danach, und ich wünsche, daß ihr es alle vergeßt. Nun seht, was wir getan haben! Huan wird losgehen und es allen erzählen. Da haben wir uns etwas eingebrockt!“ „Lieber Herr Bau-yü, bitte,“ kam es tränenerfüllt aus der Ecke, in der Hsi-jën stand, im Gewimmel der bestürzten Mädchen. „Es ist alles sehr einfach für euch, zu sagen, es zu vergessen! Aber Sie scheinen vergessen zu haben, daß, wenn die Damen davon hören, unsereins zerfetzt und zu Puder zermalmt wird!“ |
Friedchen lächelte und fragte Jia Huan: „Dein Bruder Schatzjades Jade ist verlorengegangen. Hast du sie vielleicht gesehen?" — Jia Huan wurde sofort puterrot im Gesicht, riss die Augen auf und rief: „Wenn jemand etwas verliert, warum holt ihr dann mich her zum Verhör? Bin ich etwa ein vorbestrafter Dieb?" — Friedchen wagte nicht weiterzufragen und sagte beschwichtigend: „So ist das nicht gemeint. Wir dachten nur, der Dritte Herr hätte sie vielleicht genommen, um die anderen zu erschrecken, und darum fragen wir nur, ob du sie gesehen hast, damit wir wissen, wo wir suchen sollen." — Jia Huan schrie: „Es ist seine Jade, er trägt sie am Leib — ob ich sie gesehen habe oder nicht, das müsst ihr ihn fragen, nicht mich! Ihr umschwärmt ihn alle; wenn er etwas bekommt, erfahre ich nichts; aber sobald etwas verloren geht, kommt ihr gleich zu mir!" — Er stand auf und stampfte hinaus. Niemand wagte, ihn aufzuhalten. |
| Darauf folgte anhaltendes Jammern. Es wurde ihnen allen schnell klar, daß diese Sache nicht viel länger geheim gehalten werden konnte. Sie mußten sich auf eine Geschichte einigen, die sie der Herzoginmutter und den anderen Damen erzählen konnten. „Das ist einfach“, sagte Bau-yü. „sagt ihnen einfach, ich hätte ihn selbst zerschmettert.“ – „Nein nein! Das ist nicht gut!“, sagte Ping. „Sehen Sie nicht? Sie werden wissen wollen, warum Sie ihn zerschmettert haben, und das bedeutet ebenfalls unseren Tod. Vor allem werden sie die Stücke sehen wollen, wie sollen wir denn das machen?“ – „Nun, dann sag’, ich hätte ihn verloren, als ich vorgestern aus dem Garten ging.“ |
Da wurde Schatzjade ungeduldig: „All der Ärger kommt von diesem Plunder! Ich brauche die Jade gar nicht, und ihr sollt auch nicht länger Theater machen. Jetzt wird Huan draußen alles herumerzählen, und dann haben wir erst recht eine Katastrophe!" — Dufthauch und die anderen weinten verzweifelt: „Ach, kleiner Herr! Es ist leicht für Euch zu sagen, Ihr braucht die Jade nicht. Aber wenn die Oberen davon erfahren, werden wir alle in Stücke gerissen!" — Dann brach sie in lautes Jammern aus. |
| Da gab es eine kurze Stille, als sie alle diesen Vorschlag erwägten. „Mit dieser Lüge könnten wir vielleicht davonkommen“, sagte jemand endlich. „Aber während der letzten paar Tage waren Sie nicht in der Schule, und Sie waren auch sonst nirgendwo.“ – „Doch war ich“, korrigierte sie Bau-yü, „vor ein paar Tagen ging ich zu Graf Lin-an, um Theater zu sehen. Ihr könnt sagen, daß ich ihn da verlor.“ – „Nein, das wird nicht reichen“, sagte Tan-tschun. „Wenn Sie ihn vor so langer Zeit verloren haben, werden sie wissen wollen, warum sie erst jetzt benachrichtigt werden.“ Sie waren immer noch damit beschäftigt, die relativen Vorteile dieser verschiedenen Geschichten zu besprechen, als sie plötzlich eine Stimme von Frau Dschau hörten, wie sie auf dem Weg zu ihnen fluchte und jammerte. „Wenn sie etwas verlieren, warum können sie nicht selbst danach suchen, statt herzuschleichen und meinen Jungen zu beschuldigen? Nun, hier ist er! Nehmt sie ihn! Opfert ihn, wenn ihr denkt, das würde etwas bringen! Tötet ihn! Hackt ihn in Stücke! Tut mit ihm, was ihr wollt!“ |
Alle wurden noch bestürzter. Man wusste, dass sich die Sache nicht länger verheimlichen ließ, und musste sich auf eine Erklärung einigen, die man der Herzoginmutter und den anderen geben konnte. Schatzjade sagte: „Sagt einfach, ich hätte sie zertrümmert." — Friedchen sagte: „Mein Herr! So einfach ist das nicht! Die da oben werden fragen, warum Ihr sie zertrümmert habt, und das wäre auch unser Tod! Und wenn sie die Scherben sehen wollen, was dann?" — Schatzjade sagte: „Dann sagt eben, ich hätte sie unterwegs verloren." — Die anderen überlegten: „Das ließe sich vielleicht noch glaubhaft machen. Nur war er die letzten Tage weder in der Schule noch sonst irgendwo." — Schatzjade sagte: „Wieso nicht? Vorgestern war ich doch beim Markgrafen von Lin'an zum Theaterschauen. Sagt einfach, ich hätte sie damals verloren." — Tanchun wandte ein: „Das geht auch nicht. Wenn Ihr sie schon vorgestern verloren habt, warum wurde es dann nicht sofort gemeldet?" |
| Sie trieb Djia Huan ins Zimmer und schrie: „Dieb! Beichte deine Tat auf der Stelle!“ Djia Huan war so verärgert, daß er laut protestierte. Li Wan wollte sie gerade unterbrechen und beruhigen, als ein Mädchen hereinkam und ankündigte: „Die Dame ist hier!“ Hsi-jën und die Mädchen konnten sehen, daß eine Konfrontation nun unabwendbar war. Bau-yü und die Mädchen gingen sofort hinaus, um die Dame Wang zu empfangen. Frau Dschaus Wut verebbte für einen Moment, und sie folgte ihm hinaus. Den erschrockenen Gesichtern nach zu urteilen, konnte die Dame Wang sehen, daß das, was sie gehört hatte, wahr sein mußte. „Ist er wirklich weg?“, rief sie. |
Während alle noch fieberhaft überlegten und sich eine Ausrede zurechtlegen wollten, hörte man Frau Zhao von draußen heulend und schreiend herbeigestürmt kommen: „Wenn ihr etwas verloren habt, sucht doch selbst! Warum lasst ihr hintenherum meinen Huan verhören? Hier bringe ich ihn euch — nehmt ihn, diesen Streber und Speichellecker-Pack! Tötet ihn, zerstückelt ihn, macht mit ihm, was ihr wollt!" — Sie stieß Jia Huan ins Zimmer und schrie: „Du bist der Dieb! Gestehe sofort!" — Jia Huan war so wütend, dass er ebenfalls zu schreien und zu weinen begann. |
| Niemand traute sich zu antworten. Die Dame Wang ging hinein, setzte sich nieder und rief Hsi-jën. Diese fiel zitternd auf die Knie. Mit erstickter Stimme murmelte sie: „Ja.“ „Nun, steh auf!“, sagte die Dame Wang, „wir müssen eine gründliche Suche durchführen. Komm schon, so durcheinander zu sein, bringt nichts.“ |
Li Wan wollte gerade schlichten, als ein Mädchen hereinlief und rief: „Die Gnädige Frau kommt!" — Dufthauch und die anderen wären am liebsten im Erdboden versunken. Schatzjade und alle eilten hinaus, um Frau Wang zu empfangen. |
| Hsi-jën schluchzte und konnte kein Wort sagen. Bau-yü sprach endlich, aus Angst, sie könnte die Wahrheit ausplaudern. „Mutter, das hat nichts mit Hsi-jën zu tun. Ich habe ihn neulich unterwegs verloren, als ich auf dem Weg zurück vom Schauspiel bei Graf Lin-an war.“ – „Warum hast du ihn dann damals nicht gesucht?“ – „Ich wollte nicht, daß es jemand erfährt. Ich habe Bee-ming nur darum gebeten, es überall am Straßenrand zu suchen.“ – |
Frau Zhao verstummte vorläufig und folgte den anderen hinaus. Frau Wang sah die bestürzten Gesichter aller und glaubte nun, was sie vorhin gehört hatte. Sie fragte: „Ist die Jade wirklich verloren?" — Niemand wagte zu antworten. Frau Wang ging hinein, setzte sich und rief Dufthauch. Diese fiel zitternd auf die Knie und wollte unter Tränen berichten. Frau Wang sagte: „Steh auf. Schickt Leute los und sucht sorgfältig. Wenn ihr in Panik geratet, wird es nur schlimmer." — Dufthauch schluchzte und brachte kein Wort heraus. |
| „Unsinn! Du weißt sehr genau, daß es Hsi-jën oder eines der deiner anderen Mädchen gemerkt hätten. Das ist ihre Aufgabe. Sie sind immer bei dir, wenn du dich umziehst. Wann immer du von einer Feier oder einem anderen Ausflug hereinkommst, wenn eines deiner Taschentücher oder eine kleine Tasche fehlen, sind sie gezwungen dich zu fragen, wo es geblieben ist – glaubst du wirklich, sie würden es erlauben, daß eine so unersetzbare Sache, wie dein Jadestein, einfach verschwindet und niemand ein Wort sagen würden?“ Bau-yü hatte keine Karte mehr in der Hinterhand. Als Frau Dschau das hörte, fragte sie: „Wenn Sie sich so sicher sind, daß sie es draußen verloren haben, warum versuchen Sie dann, meinen Huan zu beschuldigen?“ – Bevor sie noch zu Ende reden konnte, sagte die Dame Wang laut: „Wir haben uns gerade unterhalten. Von welcher unwichtigen Sache sprichst du denn da?“ |
Schatzjade fürchtete, Dufthauch könnte die Wahrheit verraten, und sprach: „Mutter, es hat nichts mit Dufthauch zu tun. Ich habe die Jade neulich verloren, als ich beim Markgrafen von Lin'an zum Theaterschauen war." — Frau Wang fragte: „Warum hast du sie dann nicht an jenem Tag gesucht?" — Schatzjade sagte: „Ich wollte nicht, dass jemand davon erfährt, und ließ Beiming draußen überall suchen." — Frau Wang sagte: „Unsinn! Wenn du dich umziehst, sind es doch Dufthauch und die anderen, die dich bedienen! Wenn du von einem Ausflug heimkommst und auch nur ein Taschentuch oder ein Beutelchen fehlt, fragen sie sofort nach. Wie hätten sie es zulassen können, dass ein so unersetzliches Ding wie diese Jade einfach verschwindet, ohne ein Wort zu sagen?" — Schatzjade hatte keine Antwort mehr. |
| Frau Dschau wagte nicht mehr weiterzureden. Es war nun an Li Wan und Tan-tschun, die wahre Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen. Dies rührte die Dame Wang zu Tränen. In ihrer Aufregung erzählte sie es der Herzoginmutter und ging hinüber zu den Gemächern der Dame Hsing, um alle Mitglieder des Haushalts zu befragen, die früher am Tage zusammen mit der Dame Hsing bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß waren. Die Neuigkeiten hatten mittlerweile Hsi-fëng in ihrem Krankenbett erreicht. Als sie hörte, daß die Dame Wang an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß angekommen war, fühlte sie sich dazu gedrängt, dort aufzutauchen und machte sich, an Fëng-örls Arm gelehnt, auf den Weg in Richtung Garten. Sie kam gerade an, als die Dame Wang gehen wollte. „Guten Abend, Tante.“ Hsi-fëngs Stimme zitterte leicht, als sie sprach. Bau-yü und die anderen kamen hinzu, um sie zu begrüßen. |
Frau Zhao hörte das und sagte triumphierend: „Wenn es doch draußen verloren wurde, warum beschuldigt man dann meinen Huan ..." — Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als Frau Wang sie anfuhr: „Wir besprechen hier gerade diese wichtige Sache, und du kommst mit deinem unwichtigen Gerede!" — Frau Zhao wagte kein Wort mehr. Schließlich erzählten Li Wan und Tanchun der Gnädigen Frau die ganze Geschichte von Anfang bis Ende. Frau Wang kamen vor Aufregung die Tränen. Sie wollte die Sache der Herzoginmutter melden und dann bei der Dame Xing nachforschen lassen, wer von deren Leuten an jenem Tag dabei gewesen war. |
| „Also hast du auch die Neuigkeiten gehört!“, sagte die Dame Wang to Hsi-fëng. „Ist das nicht mysteriös? Er verschwand einfach so und kann nirgendwo gefunden werden. Bedenke für einen Moment: von allen Mädchen, eingeschlossen die der Herzoginmutter und sogar deine eigene Ping-örl, welche von denen, würdest du sagen, stiehlt oder hat ein räuberisches Wesen? Ich würde es der Herzoginmutter sagen und eine ordentliche Suche anordnen. Bis wir es finden, hängt Bau-yüs Leben in der Schwebe!“ – „Wir haben so einen großen Haushalt“, sagte Hsi-fëng, „und, wie das Sprichwort sagt, du kennst das Gesicht eines Mannes, aber nie sein Herz. Mit all der Aufregung der Suche muß es ja jeder hören, und der Dieb wird so verängstigt vor den Konsequenzen sein, daß er, bevor er geschnappt wird, er lieber den Beweis – den Jade selbst – zerstören wird, und wo wären wir dann? Nein, mein Rat, wenn dieser etwas wert ist, ist, daß wir bekannt machen sollten, daß Bau-yü den Jadestein angeekelt weggeworfen habe und daß es egal sei. Alle müssen sehr diskret sein, wir müssen es auch vor der Herzzoginmutter und Herr Dschëng verschweigen. Währenddessen können wir insgeheim überall fragen und suchen, und wenn wir klug sind, dann sollten wir mit beidem enden, dem Dieb und dem Jadestein. Ergibt das einen Sinn für Sie, Tante?“ Nach einer langen Pause antwortete die Dame Wang: „Das ist alles sehr gut, aber wie sollen wir es vor Herrn Djia Dschëng geheimhalten?“ Sie rief Djia Huan zu sich. „Bau-yü hat seinen Jade verloren und dich dann gefragt. Wie konntest du daraufhin alles wild durcheinander ausposaunen? Wenn der Dieb das gehört hat und den Jade zerstört, wirst du mit deinem Leben dafür bezahlen!“ – „Ich verspreche ihnen, ich werde es nie wieder erwähnen!“ jammerte Djia Huan erschrocken. Diesmal blieb Frau Dschau still. |
Phönixglanz hatte in ihrem Krankenbett ebenfalls von dem Verlust der Jade gehört. Als sie erfuhr, dass Frau Wang im Garten war, hielt sie es nicht länger aus und machte sich, auf Fenger [18] gestützt, auf den Weg in den Garten. Sie kam gerade an, als Frau Wang aufbrechen wollte. Mit zarter Stimme grüßte Phönixglanz: „Die Gnädige Frau möge verzeihen." Schatzjade und die anderen begrüßten sie ebenfalls. Frau Wang sagte: „Du hast also auch davon gehört? Ist das nicht unbegreiflich? Eben war sie noch da, und nun ist sie verschwunden. Überlege einmal: Von allen Mädchen, angefangen bei denen der Herzoginmutter bis hin zu deiner Friedchen — wer hat keine sauberen Hände, wer ist zu einem bösen Streich fähig? Ich will es der Herzoginmutter melden und eine gründliche Untersuchung anordnen. Wenn wir die Jade nicht finden, hängt Schatzjades Leben am Faden." — Phönixglanz erwiderte: „Bei einem so großen Haushalt und so vielen Händen — das Sprichwort sagt: Man kennt das Gesicht, aber nicht das Herz. Aber wenn wir jetzt einen großen Aufruhr machen, weiß es jeder. Der Dieb bekommt Angst und zerstört den Beweis — die Jade selbst — um die Spur zu verwischen. Was dann? Meiner bescheidenen Meinung nach sollten wir bekanntgeben, Schatzjade habe die Jade angewidert weggeworfen und es sei nicht wichtig. Wir müssen es auch vor der Herzoginmutter und dem Herrn verschweigen. Insgeheim aber lassen wir überall nachforschen und herumfragen. So finden wir am Ende sowohl die Jade als auch den Schuldigen. Was meint die Gnädige Frau?" — |
| „Da muß es einige Orte geben, wo ihr nicht nachgesehen habt,“ fuhr die Dame Wang fort und wendete sich an die versammelten Mädchen. „Er muß hier irgendwo sein. Er wird wohl kaum wegfliegen, oder? Aber wenn ihr sucht, seid so leise, wie möglich. Hsi-jën, ich gebe dir drei Tage, es zu finden. Wenn wir es dann immer noch nicht gefunden haben, sollten wir es nicht länger vor der Herzoginmutter und Herrn Dschëng verheimlichen. Dann werden wir keine ruhigen Tage mehr haben!“ Sie bat Hsi-fëng, sie zu begleiten, und die Dame Wang machte sich auf den Weg zu den Gemächern der Dame Hsing, für weitere Hilfestellungen, um den Dieb zu stellen. |
Frau Wang überlegte eine ganze Weile und sagte dann: „Was du sagst, hat zwar Sinn, aber wie sollen wir es vor dem Herrn verbergen?" — Dann rief sie Jia Huan herbei und sagte: „Dein Bruder hat seine Jade verloren, und als man dich nur einmal danach fragte, hast du gleich alles herausgeschrien. Wenn der Dieb das hört und die Jade zerstört, bezahlst du mit deinem Leben!" — Jia Huan erschrak und weinte: „Ich wage es nie wieder!" — Frau Zhao hielt diesmal den Mund. Frau Wang wandte sich an die versammelten Mädchen: „Es muss noch Stellen geben, wo ihr nicht gesucht habt. Die Jade ist hier im Haus — wird sie wohl davonfliegen? Aber sucht leise! Dufthauch, ich gebe dir drei Tage. Wenn sie bis dahin nicht gefunden ist, lässt es sich wohl nicht mehr verheimlichen, und dann wird es für alle ungemütlich." — Damit bat sie Phönixglanz, sie zu begleiten, und machte sich auf den Weg zu Dame Xing, um weitere Nachforschungen zu verabreden. |
| Li Wan und die anderen fuhren fort mit ihrer Debatte, was sie tun sollten. Sie schickten nach verschiedenen Dienstboten, die im Garten Verantwortung trugen, und gaben Anweisungen, daß die Tore sicher geschlossen waren. Die Frau von Lin Dschï-hsiau wurde auch gerufen und ihr wurden vertrauliche Anweisungen gegeben: „Sag’ den Dienern an beiden Toren, daß es die nächsten drei Tage absolut niemandem erlaubt sei, den Garten zu verlassen. Wir dürfen die Bewegungssfreiheit nur innerhalb des Gartens erlauben, aber es darf niemand gehen. Sag’, daß etwas verloren ging und daß niemand hinausgehen darf, bis wir es gefunden haben.“ – „Ja, Frau Dschu“, sagte Lins Frau. „Entschuldigen Sie, Herrin“, fuhr sie fort, „aber wir haben neulich etwas zu Hause verloren – nichts Wertvolles natürlich, aber mein Mann wollte unbedingt wissen, wo es war. Er ging auf die Straße und suchte einen Wahrsager. Ich glaube, sein Name war Liu Tie-dsuee. Seine Weissagung war sehr deutlich. Mein Mann folgte seinen Anweisungen und fand das vermißte Stück sofort.“ Als Hsi-jën dies hörte, bettelte sie sie an, ihnen zu helfen. „Oh, Frau Lin! Bitte geht und bittet euren Ehemann, diesen Wahrsager für uns um Rat zu fragen!“ – Lins Frau stimmte zu und ging hinaus. Hsing Hsiu-yän machte nun einen Vorschlag. „Wenn du mich fragst, sind diese Rutengänger und Wahrsager, die man an den Straßenecken findet, alles Scharlatane. Aber als ich Miau-yü im Süden kennenlernte, bevor sie hierher kam, um hier zu leben, hörte ich von ihrer Gabe des Zweiten Gesichts. Warum bitten wir sie nicht, ob sie eine Séance für uns halten kann? Hatte Bau-yüs Jade nicht sowieso einen mysteriösen Ursprung? Es wäre sicherlich ein Grund für diese Art der Herangehensweise.“ |
Li Wan und die anderen berieten weiter. Sie ließen die Gartenaufseherinnen kommen und befahlen, die Tore abzuschließen. Dann wurde Lin Zhixiaos Frau eilig herbeigerufen und ihr im Stillen mitgeteilt, sie solle den Wächtern an Vorder- und Hintertor sagen: „In den nächsten drei Tagen darf niemand, ob Mann oder Frau, den Garten verlassen. Innerhalb dürfen sie sich frei bewegen, aber hinaus darf keiner. Man sage nur, im Inneren sei etwas verlorengegangen. Erst wenn es gefunden ist, werden die Leute wieder herausgelassen." — Lin Zhixiaos Frau nahm dies an und sagte dann: „Neulich ging bei uns zu Hause auch etwas verloren, nichts Wichtiges, aber Lin Zhixiao wollte es unbedingt wiederhaben. Er ging auf die Straße und suchte einen Zeichendeuter auf, einen gewissen Liu Tiezui. Der deutete ein Zeichen und sagte alles ganz klar voraus. Als man danach suchte, fand man es auch sofort." — Als Dufthauch das hörte, bat sie dringend: „Liebe Frau Lin! Geht schnell hinaus und lasst Herrn Lin für uns nachfragen!" — Lin Zhixiaos Frau machte sich sofort auf den Weg. |
| Die anderen schienen sehr überrascht zu sein, dies zu hören, und dachten daran, das in all der Zeit, in der sie sie kannten, Miau-yü nicht ein einziges Mal eine solche Gabe erwähnt hatte. Schë-yüä flehte Hsiu-yän ernst an: „Oh, Fräulein! Ich glaube nicht, daß sie dies für jemand anderen als für dich machen würde! Bitte, bitte, wirst du sie für uns fragen? Ich mache einen Kotau vor dir – wenn sie die Antwort findet, bin ich dir, solange du lebst, etwas schuldig!“ Sie wollte gerade einen Kotau machen, aber Hsiu-yän hindert sie daran. Dai-yü und die anderen schlossen sich dem Flehen Schë-yüäs an, und Hsiu-yän ging in aller Eile zum Kloster Gefangenes Grün. Sobald sie gegangen war, kehrte Lins Frau von ihrer Mission zurück. „Meine Damen!“, rief sie jubelnd, „ich bringe gute Neuigkeiten! Lin Dschï-hsiau besuchte diesen Mann, und er sagte, daß der Jade sicher auftauchen werde. Jemand würde ihn auf jeden Fall zurückbringen.“ |
Xing Xiuyan sagte: „Diese Wahrsager und Zeichendeuter auf der Straße taugen nichts. Aber als ich im Süden war, hörte ich, Miaoyü könne durch Geisterschrift weissagen. Warum bitten wir sie nicht? Zumal diese Jade ja selbst einen übernatürlichen Ursprung hat — so eine Anfrage wäre naheliegend." — Alle waren erstaunt: „So oft wir sie gesehen haben, nie hat sie davon erzählt." — Moschusmond bat Xiuyan eifrig: „Jemand anderen würde sie bestimmt abweisen. Liebes Fräulein, ich mache einen Kotau vor Euch! Bitte geht und fragt sie! Wenn dadurch etwas herauskommt, bin ich Euch mein ganzes Leben dankbar!" — Sie wollte sich niederknien, doch Xiuyan hielt sie auf. Kajaljade und die anderen drängten Xiuyan ebenfalls, schnellstens zum Kloster Geborgen im Grün zu eilen. |
| Sie mußte immer noch ihre Zuhörer überzeugen, außer Hsi-jën und Schë-yüä, die bereit waren, sich an die kleinste Hoffnung zu klammern. Tan-tschun fragte: „Was hat er gesehen?“ „Er sagte viel“, antwortete Lins Frau, „und manches davon konnte ich nicht verstehen. Aber er sagte das Wort „belohnen“. Liu Tie-dsuee fragte nicht, sondern sagte gleich, ‚Du hast etwas verloren, richtig?‘ !“ „Gütiger Himmel! Das hört sich sehr gut an!“, rief Li Wan. Lins Frau sagte: „Dann fuhr er fort und sagte, daß Zeichen für Belohnung sei aus den Zeichen ‚klein‘ und ‚Mund‘ komponiert, das verlorene Objekt sei also klein genug, daß es in den Mund passe. Es müsse ein Juwel oder ein kostbarer Stein sein.“ Die Leute, die dabei standen, hörten das und lobten: „Der ist ja wirklich ein Weiser!“ und „Wie ging es weiter?“, Lins Frau fuhr fort: „Der Wahrsager sagte, daß unten im Zeichen ‚Belohnung‘ das Zeichen für ‚Muschel‘ sei. Das Zeichen für Muschel, wenn man es genau analysiere, sei eigentlich ein nicht vollständiges Zeichen: ‚sehen‘. Das hieße doch, daß irgendetwas nicht vollständig zu sehen, also verloren sei. Oben gibt es das Zeichen ‚Pfandhaus‘. Das heißt, man sollte im Pfandhaus suchen. Es gab also jemanden, der es verpfändet hat. Das bedeutet, daß man es wiedererlangen könne. 1 7 8 Dann machte er darauf aufmerksam, daß wenn man ein „Mann“ [siehe Abbildung Nr. 7] zu der linken Seite dazu nehme, die Zusammensetzung ‚etwas auslösen‘ heiße. „Find den Mann beim Pfandleiher, bezahl’ den Preis, und das verlorene Objekt ist ausgelöst.“ |
Da kam Lin Zhixiaos Frau herein und rief: „Meine Damen, ich bringe gute Nachricht! Lin Zhixiao hat ein Zeichen deuten lassen, und der Wahrsager sagt, diese Jade sei nicht verloren, es werde sie gewiss jemand zurückbringen!" — Die Zuhörer waren halb ungläubig, halb hoffnungsvoll. Nur Dufthauch und Moschusmond freuten sich überaus. Tanchun fragte: „Was war das für ein Zeichen?" — Lin Zhixiaos Frau sagte: „Er hat viel geredet, und ich kann nicht alles wiederholen. Es war das Zeichen ›shǎng‹ 赏 — ›belohnen‹. Liu Tiezui fragte nicht erst, sondern sagte gleich: ›Etwas ist verlorengegangen, nicht wahr?‹" — Li Wan sagte: „Das klingt ja vielversprechend." — Lin Zhixiaos Frau fuhr fort: „Er sagte dann, oben im Zeichen sei ein ›xiǎo‹ 小, darunter ein ›kǒu‹ 口 — das Verlorene sei so klein, dass es in den Mund passe, also ein Juwel oder Edelstein." — Alle lobten: „Ein wahrer Seher! Was sagte er weiter?" — Lin Zhixiaos Frau fuhr fort: „Unten sei das Zeichen ›bèi‹ 贝, das sei eigentlich ein unvollständiges ›jiàn‹ 见 — ›sehen‹ — also: etwas ist nicht zu sehen, also verloren. Oben ergebe sich ›dāng‹ 當 — ›Pfandhaus‹: Man solle schnell in den Pfandhäusern suchen! Und wenn man ›rén‹ 人 — ›Mensch‹ — hinzufüge, ergebe sich ›cháng‹ 償 — ›Erstattung‹: Finde man den Menschen beim Pfandleiher, löse man die Jade aus, und alles sei erstattet." |
| „Worauf warten wir?“, riefen die Mädchen. „Suchen wir in der Nachbarschaft! Wenn wir unseren Weg durch die Pfandleiher durcharbeiten, werden wir sicher früher oder später das Richtige finden. Und wenn wir den Jade gefunden haben, wird es leicht sein, den Dieb zu finden.“ – „Find den Jade, und wir müssen uns noch nicht einmal darum kümmern, wer der Dieb ist“, sagte Li Wan. Sie wendete sich an Lins Frau und fuhr fort: „Geh und sag’ Frau Hsi-fëng, was du uns gerade gesagt hast. Sie soll sich beruhigen. Und bitte Frau Hsi-fëng darum, jemanden herauszuschicken und die Pfandhäuser zu durchsuchen.“ Lins Frau ging sofort los. |
Alle riefen: „Dann lasst uns sofort bei den Pfandleiern in der Nachbarschaft anfangen! Wenn wir sie alle abklappern, findet sich gewiss etwas. Haben wir erst die Jade, ist es leicht, den Dieb zu finden." — Li Wan sagte: „Wenn wir nur die Jade haben, brauchen wir den Dieb gar nicht unbedingt. Frau Lin, geht und erzählt der Zweiten Herrin Lian den Befund. Richtet aus, sie solle sich beruhigen und sofort Leute aussenden, um die Pfandhäuser zu durchsuchen." — Lin Zhixiaos Frau machte sich gleich auf den Weg. |
| Die Dinge schienen nun hoffnungsvoller zu sein, und es kehrte wieder etwas Ruhe ein. Sie warteten in einem etwas benebelten Zustand auf die Rückkehr von Hsiu-yän, als sie sahen, daß Bee-ming den jungen Mädchen vor dem Tor winkte. Ein Dienstmädchen rief hinaus. Bee-ming antwortete: „Schnell! Geh hinein und sag’ Herrn Bau-yü und den Damen und den Herrinnen und jungen Herinnen, daß ich die schönsten Neuigkeiten haben!“ – „Was ist es? Heraus damit!“, sagte das Mädchen. |
Alle beruhigten sich etwas und warteten benommen auf Xiuyans Rückkehr. Gerade als sie so warteten, sah man Beiming vor dem Tor einem kleinen Mädchen winken. Das Mädchen lief eilig hinaus. Beiming sagte: „Geh schnell hinein und sag dem Herrn und den Damen und Fräulein — die allergrößte Freude!" — Das Mädchen drängte: „Sag schon, was machst du es so umständlich!" — Beiming klatschte lachend in die Hände: „Ich sage es dir, und du gehst hinein und meldest es, dann bekommen wir beide eine Belohnung. Stell dir vor: Schatzjades Jade — ich habe eine sichere Nachricht, wo sie ist!" |
| Bee-ming fing an zu lachen und klatschte in die Hände. „Na gut, ich werde es dir sagen. Und dann kannst du hineingehen und es den anderen sagen, und wir können die Belohnung untereinander teilen. Rate mal? Mich hat gerade eine absolut glaubwürdige Information über den Aufenthaltsort des verlorenen Jadesteins erreicht!“ | Wie es weiterging, erzählt das nächste Kapitel. |
| Der Ausgang dieser Aufregung wird im nächsten Kapitel erzählt. | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). |
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