Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 95
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Kapitel 95: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
|---|---|
| 95.Ein Gerücht erweist sich als wahr: Die kaiserliche Nebenfrau Yüan stirbtEine Fälschung wird als das Original angesehen, Bau-yü verliert seinen Verstand. | Fünfundneunzigstes Kapitel |
| Bee-ming stand am Tor und meldete die Entdeckung des vermißten Jade. Eine jüngere Magd eilte herbei, um es Bau-yü zu berichten. Als die anderen dies hörten, schoben sie Bau-yü in Richtung des Eingangs, um ihn [Bee-ming] zu befragen, während sie lauschend im Wandelgang standen. Bau-yü, der über die Neuigkeiten sichtlich erleichtert war, ging hinaus und fragte: | Aus einer Lüge wird Wirklichkeit: Die Kaiserliche Gemahlin stirbt, |
| „Wo hast du sie gefunden? Los, gib sie mir.“ Bee-ming antwortete: | Wahres wird mit Falschem vertauscht: Schatzjade verfällt dem Wahnsinn |
| „Ich konnte sie leider nicht mitnehmen. Ich brauche einen Bürgen.“ – Bau-yü sagte: „Sag’ mir, wie du das bekommen kannst, damit ich jemanden hinschicken kann, um es zu holen.“ „Ich hörte, daß Herr Lin vorhatte, den Wahrsager zu konsultieren“, sagte Bee-ming, „also ging ich mit ihm. Als ich das Wort ‚Pfandhaus‘ hörte, hörte ich mir das Weitere nicht mehr an und eilte sofort zu einigen Pfandhäusern. Ich beschrieb ihnen den Jade, und einer von ihnen sagte, ‚Wir haben ihn.‘ Ich bat ihn, ihn mir auszuhändigen, doch er verlangte einen Pfandschein von mir. Als ich fragte, für wie viel er verpfändet wurde, sagte er, sie hätten einen für dreihundert und einen anderen für fünfhundert Taels. Der für dreihundert wurde gestern gebracht, der für fünfhundert kam heute.“ – „Schnell,“ unterbrach ihn Bau-yü. „Nimm dreihundert Taels und fünfhundert. Nimm sie beide, und wir werden sehen, welcher der Richtige ist.“ Doch Hsi-jën rief spottend von innen: „Beachte ihn nicht, zweiter Herr. Ich kann mich erinnern, wie mein älterer Bruder mir erzählte, als ich noch ein kleines Mädchen war, daß die Leute, die so mit Jade handeln, meist ein oder zwei aus ihrem Bestand verkaufen, wenn sie knapp bei Kasse sind. Jedes Pfandhaus muß also zumindest einen haben.“ |
Wie berichtet, stand Beiming vor dem Tor und sagte dem kleinen Mädchen, es gebe Nachricht über Schatzjades [1] Jade. Das Mädchen eilte hinein, um es Schatzjade mitzuteilen. Als alle es hörten, schoben sie Schatzjade nach draußen, damit er Beiming befragen könne, und standen selbst lauschend in der Galerie. Auch Schatzjade fühlte sich erleichtert, ging hinaus zum Tor und fragte: „Wo hast du sie bekommen? Bring sie schnell her!" — Beiming antwortete: „Mitnehmen kann ich sie nicht, man braucht erst einen Bürgen." — Schatzjade sagte: „Erzähl schnell, wie du es erfahren hast, dann schicke ich jemanden, sie zu holen." — Beiming sagte: „Ich war draußen und hörte, dass der alte Lin zum Zeichendeuter gegangen war. Da folgte ich ihm. Als ich hörte, man solle in den Pfandhäusern suchen, wartete ich gar nicht erst ab, bis er zu Ende gesprochen hatte, und lief zu mehreren Pfandhäusern. Ich beschrieb ihnen die Jade, und einer sagte, er habe eine. Ich sagte: ›Gebt sie mir.‹ Der Pfandleiher verlangte aber einen Pfandschein. Ich fragte: ›Für wieviel ist sie versetzt?‹ Er sagte: ›Für dreihundert Käsch gibt es eine, für fünfhundert auch. Neulich brachte jemand so ein Jadestück und versetzte es für dreihundert Käsch; heute brachte wieder jemand eines und versetzte es für fünfhundert Käsch.‹" — Schatzjade ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Nimm schnell dreihundert und fünfhundert Käsch mit und hole sie beide, dann sehen wir, welche die richtige ist." |
| Zuerst war jeder von Bee-mings Erzählung hingerissen. Aber nun, nach einigem Nachdenken über Hsi-jëns Worte, fingen sie an zu lachen. „Kommt rein, zweiter Herr. Hört nicht auf diesen Narren. Worüber er auch immer spricht, es kann sich nicht um das Richtige handeln.“ Bau-yü lachte ebenso. In diesem Moment kehrte Hsiu-yän [von ihrer Mission] zurück. Bei ihrer Ankunft im Kloster Gefangenes Grün kam sie direkt zur Sache. Würde Miau-yü die Geisteranrufung für sie veranstalten? Ihre Frage wurde von einem kalten Lächeln begleitet. |
Von drinnen rief Dufthauch [2] verächtlich: „Der Herr soll sich nicht mit ihm abgeben! Als ich klein war, hat mein Bruder mir oft erzählt, manche Leute kaufen solche kleinen Jadestückchen, und wenn sie kein Geld haben, versetzen sie die. In jedem Pfandhaus gibt es wahrscheinlich welche." — Die anderen, die erst gespannt zugehört hatten, dachten nach Dufthauchs Worten kurz nach und mussten dann alle lachen: „Ruft den Herrn schnell wieder herein! Kümmert euch nicht um diesen Narren. Was er da beschreibt, ist bestimmt nicht die echte." — Schatzjade lachte gerade noch, als Xiuyan eintraf. |
| „Ich dachte, du stündest über solchen weltlichen Dingen. Ich bin sicher, wir wären niemals so gute Freunde geworden, wenn ich gewußt hätte, daß solch faules Geschwätz dich dazu bringen könnte, mich zu belästigen. Ohnehin fürchte ich, daß die Séance, die du erwähnst, etwas ist, womit ich nicht vertraut bin.“ Ganz klar wollte sie auf diese Weise das Thema umgehen, und Hsiu-yän bereute, jemals gekommen zu sein. Sie wußte, in welcher schwierigen Verfassung Miau-yü war. Doch nun, da sie das Thema angesprochen hatte, wäre es zu schade, mit leeren Händen zurückzukehren. Sie versuchte nicht, auf den geistigen Kräften ihrer Freundin zu bestehen, statt dessen versuchte sie, Miau-yü dafür zu gewinnen, über die Dringlichkeit zu sprechen, in welcher Hsi-jën und die anderen den Verlust sahen. Da wurde Miau-yü etwas weicher und Hsiu-yän erhob sich und verbeugte sich mehrere Male demütigst vor ihr. Miau-yü seufzte: „Muß man hier auf jedermanns Bitten reagieren? Seit ich hier bin, habe ich es als Geheimnis bewahrt. Wenn ich jetzt für dich eine Ausnahme mache, werde ich nie wieder meine Ruhe haben.“ – „Ich fühlte, daß ich kommen mußte, ihre Not schien so groß“, antwortete Hsiu-yän. „Ich wußte, du würdest Mitleid haben. Wenn jemand anderes fragt, kannst du ruhig ablehnen. Niemand wird dich dazu zwingen.“ Miau-yü lachte. Sie wies einige der Nonnen an, Weihrauch anzuzünden und besorgte selbst den Sandteller und das Geisterschreibgestell aus einer Kiste. Nachdem sie gebetet hatte, forderte sie Hsiu-yän auf, niederzuknien und zu beten. Als dies getan war, standen sie beide und hielten den Stab an seinem Doppelgriff fest. Nach kurzer Zeit begann er, sich über das Brett zu bewegen. Die Schriftzeichen, die sich mit schnellen Bewegungen im Sand abzeichneten, lauteten wie folgt: Oje! Ohne Spur kommt es, und ohne Spur geht es. An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. |
Xiuyan war zum Kloster Geborgen im Grün [3] gegangen und hatte Miaoyü aufgesucht. Ohne Umschweife bat sie Miaoyü um eine Geisterschrift-Séance. Miaoyü lachte kalt und sagte: „Ich pflege den Umgang mit Euch, Fräulein, weil Ihr nicht zu den weltlich Gesinnten gehört. Wie kommt Ihr heute dazu, auf irgendwelche Gerüchte zu hören und mich damit zu belästigen? Überdies verstehe ich gar nichts von Geisterschrift." — Damit wollte sie sich abwenden. Xiuyan bereute, hierher gekommen zu sein. Sie kannte Miaoyüs schwieriges Wesen. Doch nun, da sie die Sache einmal angesprochen hatte, konnte sie nicht gut mit leeren Händen zurückkehren, und es wäre auch nicht schicklich gewesen, Miaoyü gegenüber darauf zu beharren, dass sie sehr wohl der Geisterschrift kundig war. So blieb ihr nichts, als zu lächeln und ihr zu erzählen, dass es für Dufthauch und die anderen um Leib und Leben ging. Als sie sah, dass Miaoyü etwas nachgiebiger wurde, erhob sie sich und verbeugte sich mehrmals demütig vor ihr. Miaoyü seufzte: „Muss man denn für alle die Brautschuhe nähen? Seit ich nach Peking gekommen bin, hat es niemand gewusst. Wenn ich heute für dich eine Ausnahme mache, wird man mich in Zukunft nie mehr in Ruhe lassen." — Xiuyan antwortete: „Auch mir tat es im Augenblick nur leid um sie. Ich wusste, Ihr seid barmherzig. Wenn andere Euch künftig bitten, liegt es an Euch, ob Ihr wollt oder nicht — niemand wird Euch dazu zwingen." |
| Warum in den Bergen suchen. Die Berge zu erklimmen ist so schwer. Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung! Das Schreiben endete und das Geisterschreibgestell kam zur Ruhe. Hsiu-yän fragte, welchen Geist sie angerufen hatte. „Den Krüppelgeist“, antwortete Miau-yü. |
Miaoyü lächelte, rief eine Klostermagd und ließ Räucherwerk anzünden. Aus einer Truhe holte sie den Sandteller und das Geisterschreibgestell hervor und schrieb Talismane. Sie bat Xiuyan, den Ritus der Verneigung und des Gebets zu vollziehen, und dann hielten beide zusammen das Gestell. Alsbald fuhr das Geisterschreibgestell rasch über den Sand und schrieb: |
| Hsiu-yän betrachtete das Geschriebene und fragte Miau-yü nach einer Erklärung für diese Zeilen. „Wie könnte ich?“, antwortete Miau-yü, „ich verstehe sie selbst nicht. Nimm es mit zu den anderen. Es gibt ja viele, die klüger sind als ich, da bin ich sicher.“ | O weh! Ohne Spur kommt es, ohne Spur geht es fort. |
| Hsiu-yän zwang sie nicht und kehrte in den Hof zurück. Bei ihrer Ankunft wurde sie mit Fragen überhäuft. „Sag’ uns, was passiert ist!“, riefen sie alle. | Am Fuß des Grünkamm-Gipfels lehnt es an einer uralten Kiefer. |
| Anstatt ihnen eine ausführliche Beschreibung der Séance zu geben, gab Hsiu-yän die Abschrift direkt Li Wan. Die Mädchen und Bau-yü versammelten sich, um sie zu lesen. Man kam zwischendurch zu folgender Auslegung: Der Jadestein ließe sich nicht während der Suche nach ihm finden und er war noch nicht unwiederfindbar verloren. Zu einer unvorhersehbaren Zeit, wenn niemand nach ihm suchte, würde er einfach wieder auftauchen. Doch wo war dieser grüne Berg? | Willst du es suchen — zehntausend Berge türmen sich. |
| „Es könnte eine Art versteckter Hinweis sein,“ vermutete Li Wan. „Wir haben mit Sicherheit niemals einen Berg in unserem Garten gehabt, und Berge sprießen nicht einfach aus dem Boden. Die einzige Erklärung, die ich mir vorstellen kann, ist, daß derjenige, der ihn gestohlen hat, die Nerven verlor und sie wegwarf, und nun liegt er hinter irgendeinem Hügel in einem Steingarten bei einem Kiefernbaum. Doch was hat dieses ganze ‚Tritt durch meine Tür‘ am Ende zu bedeuten? Durch wessen Tür?“ – | Tritt ein durch mein Tor, und ein Lächeln wird dich empfangen. |
| „Welcher Geist wurde angerufen?“, fragte Dai-yü. | Die Schrift endete, das Gestell kam zur Ruhe. Xiuyan fragte: „Welcher Unsterbliche wurde gerufen?" — Miaoyü antwortete: „Der Krücken-Unsterbliche." — Xiuyan schrieb den Spruch ab und bat Miaoyü um eine Deutung. Miaoyü sagte: „Das kann ich wirklich nicht. Selbst ich verstehe es nicht. Nimm es mit — dort drüben gibt es genug kluge Köpfe." |
| „Der Krüppelgeist“, sagte Hsiu-yän. „Wenn das die Tür eines Geistes ist, ist es schwer, ihm zu folgen!“ warf Tan-tschun ein. Währenddessen nahm Hsi-jën in ihrer Verzweiflung die Auslegung wörtlich und begann ernsthaft, überall blind zu suchen. Sie drehte jeden Stein im Garten um, doch es nützte nichts. Als sie zurückkam, fragte Bau-yü sie noch nicht einmal, ob sie erfolgreich war, sondern grinste sie nur frech an. „Mein lieber, verehrter Herr Bau-yü!!“, rief Schë-yüä, „sei gnädig und sag’ uns, wo du ihn verloren hast! Wenn nicht, sag’ uns wenigstens, warum wir deshalb leiden müssen!“ – |
Xiuyan musste sich also auf den Rückweg machen. Als sie in den Hof trat, bestürmten sie alle mit Fragen: „Was ist herausgekommen?" — Xiuyan hatte keine Zeit für ausführliche Erklärungen und reichte den notierten Spruch direkt an Li Wan weiter. Die Schwestern und Schatzjade drängten sich heran, um zu lesen. Man kam überein, die Deutung sei: Man könne die Jade gerade nicht finden, aber verloren sei sie auch nicht; irgendwann, wenn man nicht mehr danach suche, werde sie von selbst auftauchen. Nur — wo war der Grünkamm-Gipfel? — Li Wan sagte: „Das muss eine verborgene Andeutung sein. Woher sollte in unserem Garten ein Grünkamm-Gipfel kommen? Bestimmt hat jemand aus Angst vor der Entdeckung die Jade weggeworfen, und nun liegt sie unter einem Felsstein mit Kiefern in einem der Steingärten. Nur das ›Tritt ein durch mein Tor‹ — was soll das heißen? Durch wessen Tor?" — Kajaljade [4] fragte: „Welcher Geist wurde gerufen?" — Xiuyan antwortete: „Der Krücken-Unsterbliche." — Tanchun [5] sagte: „Wenn es das Tor eines Unsterblichen ist, wird es schwer sein, es zu durchschreiten." |
| „Du wolltest ja nicht zuhören, als ich sagte, ich habe ihn irgendwo draußen verloren“, protestierte Bau-yü. „Wenn ihr mich jetzt fragt, wie soll ich das noch genau wissen?“ Li Wan und Tan-tschun sagten, „Heute hatten alle einen langen und ermüdenden Tag hatten. Es ist bereits zwölf Uhr. Schau, Fräulein Lin Dai-yü war bereits zu erschöpft, um noch länger zu bleiben, und ist bereits früher nach Hause gegangen. Wir sollten jetzt alle zu Bett gehen,“ schlugen sie vor, „morgen können wir in aller Frische wieder anfangen.“ Die Versammlung löste sich auf. Bau-yü ging direkt schlafen. Hsi-jën und die anderen Mägde konnten allerdings nicht einschlafen und saßen die ganze Nacht über weinend und grübelnd beisammen. Doch wir müssen sie nun für eine Weile verlassen und unsere Aufmerksamkeit Dai-yü zuwenden. Als sie zu Hause angelangt war, drehten sich ihre Gedanken nur noch um das eine Thema, das sie immer beschäftigte, der Bund aus Gold und Jade. An dieser Stelle waren ihre Schlußfolgerungen ergiebiger als üblich. „Wie kann jemals Wahres an der Prophezeiung des buddhistischen Mönchs und des dauistischen Priesters gewesen sein?“ rang sie mit sich selbst. „Wenn es wirklich einen Bund aus Gold und Jade gäbe, wie konnte Bau-yü seinen Jade nur auf die Weise verlieren? Vielleicht ist es meinetwegen, daß Gold und Jade auseinandergehen...“ |
Dufthauch war in großer Hast und suchte blindlings drauflos, jeden Stein umdrehend — aber vergeblich. Als sie in den Hof zurückkehrte, fragte Schatzjade nicht einmal, ob sie etwas gefunden habe, sondern grinste nur albern vor sich hin. Moschusmond [6] rief verzweifelt: „Mein kleiner Herr! Sag uns doch endlich, wo du sie verloren hast! Selbst wenn wir dafür leiden müssen, wollen wir wenigstens wissen, woran wir sind!" — Schatzjade lachte: „Ich habe doch gesagt, dass ich sie draußen verloren habe, aber ihr wolltet es nicht glauben. Wenn ihr mich jetzt fragt — woher soll ich es noch wissen?" — Li Wan und Tanchun sagten: „Seit heute früh haben wir gesucht, und es ist schon gegen Mitternacht. Seht, Schwester Kajaljade hat es nicht mehr ausgehalten und ist schon nach Hause gegangen. Wir sollten uns auch ausruhen und morgen weitermachen." — So löste sich die Versammlung auf. Schatzjade legte sich sofort schlafen. Die arme Dufthauch und die anderen weinten eine Weile, grübelten eine Weile, und keine schloss in jener Nacht ein Auge. Aber lassen wir sie einstweilen. |
| Weitere Gedanken dieser Art beruhigten ihren Geist. Die Müdigkeit von den Strapazen dieses Tages schien von ihr zu fallen, und sie begann wieder zu lesen. Dsï-djüan hingegen war völlig erschöpft und drängte Dai-yü wiederholt, schlafen zu gehen. Dai-yü legte sich nieder, doch überlegte sie weiter. Dieses Mal waren es die Begonienblumen, die ihre Gedanken bestimmten. „Diese Jade ist kein gewöhnlicher Stein. Er ist mit ihm geboren und was mit ihm geschieht, ist von großer Bedeutung. Wenn die Begonien ein gutes Omen waren, warum sollte er dann zur selben Zeit seinen Jade verlieren? Das kann nur unheilvoll sein. Ich fürchte, ihm wird etwas Schlimmes passieren.“ Sie wurde wieder traurig. Dann dachte sie aber wieder, daß die Freude des Blumenblühens und die Trauer um den Jade vorherbestimmt waren. Sie lag bis vier Uhr wach. Früh am nächsten Morgen, schickte die Dame Wang Diener, um die Pfandleiher zu befragen, während Hsi-fëng ihre eigenen geheimen Untersuchungen einleitete. Mehrere Tage vergingen, aber trotz der gemeinsamen Bemühungen, gab es noch immer kein Zeichen des verschwundenen Jade. Zum Glück war noch kein Wort über die Katastrophe zur Herzoginmutter oder Djia Dschëng vorgedrungen. Aber Hsi-jën und die anderen Mädchen lebten von Tag zu Tag in unerträglicher Spannung, während Bau-yü, der nun mehrere Tage nicht zur Schule ging, stufenweise mißmutiger, lustloser und stiller wurde. Die Dame Wang war nicht zu besorgt darüber, denn sie sah es als vorübergehendes Leid an, welches durch den Verlust des Jade hervorgerufen wurde. |
Wenden wir uns Kajaljade zu: Als sie nach Hause kam, musste sie an die alte Geschichte vom „Bund aus Gold und Jade" denken, und seltsamerweise war sie darüber erfreut. Im Stillen sagte sie sich: „Die Worte der Mönche und Priester verdienen wirklich keinen Glauben. Wenn ›Gold‹ und ›Jade‹ tatsächlich füreinander bestimmt wären, wie hätte Schatzjade dann seine Jade verlieren können? Vielleicht wird meinetwegen der Bund aus Gold und Jade aufgelöst — wer weiß?" — Nach langem Grübeln fühlte sie sich immer beruhigter. Die Erschöpfung des Tages ließ sie unbeachtet und nahm erneut ein Buch zur Hand. Purpurkuckuck [7] hingegen war todmüde und drängte ihre Herrin mehrmals, sich hinzulegen. Kajaljade legte sich zwar hin, dachte aber wieder an die Begonienblüte: „Diese Jade wurde im Mutterleib mitgebracht, kein gewöhnliches Ding — ihr Kommen und Gehen hat tiefe Bedeutung. Wenn die Blüte eine frohe Botschaft verkündet, hätte die Jade nicht verlorengehen dürfen! Es scheint, dass diese Blüte ein unheimliches Zeichen ist — sollte ihm etwa ein Unglück bevorstehen?" — Trauer stieg in ihr auf. Dann aber dachte sie wieder an ein freudiges Ereignis — dann sollte die Blüte blühen und die Jade verlorengehen. So wechselten Trauer und Freude einander ab, bis sie erst gegen die fünfte Nachtwache einschlief. |
| Sie saß eines Tages in Gedanken verloren, als Djia Liän in ihre Gemächer kam, und, nachdem er ihr seine Aufwartung gemacht hatte, mit einem selbstgefälligen Lächeln ankündigte: | Am nächsten Morgen schickte Frau Wang Diener aus, um in den Pfandhäusern nachzufragen. Phönixglanz [8] ließ insgeheim auf eigene Faust suchen. Mehrere Tage vergingen, doch keine Spur. Zum Glück wussten die Herzoginmutter [9] und Aufrecht Kaufmann [10] noch nichts davon. Dufthauch und die anderen lebten in täglicher Angst. Auch Schatzjade ging mehrere Tage nicht zur Schule, saß nur starr da, sprach nicht und war ohne Sinn und Verstand. Frau Wang dachte, es komme nur vom Verlust der Jade, und machte sich nicht allzu viele Sorgen. |
| „Heute habe ich gehört, wie ein Bote Djia Yü-tsuns dem zweiten gnädigen Herrn [Dschëng] gehört, daß Onkel Wang [Dsï-teng] auf eine Stelle im Kaiserhof befördert wurde. Er bekam die kaiserliche Anordnung, zur Hauptstadt zu kommen. Seine offizielle Einsetzung wird am zwanzigsten des ersten Monats des nächsten Jahres sein, und eine wichtige Botschaft wurde geschickt, worin er von der Grenze berufen wird. Er wird Tag und Nacht reisen und sollte hier etwa in zwei Wochen ankommen. Euer Neffe ist nur hierher gekommen, um der gnädigen Frau diese Nachrichten zu bringen.“ Die Dame Wang war höchst erfreut. Sie hatte gerade daran gedacht, wie wenige aus ihrer eigenen Familie um sie herum waren, ein Mangel, der durch die jüngsten Probleme ihrer Schwester besonders deutlich geworden war. Ihr Buder Dsï-teng war auswärts beschäftigt und konnte deshalb keinen Einfluß in ihrem Sinne ausüben. Aber nun mit seiner neuen Anordnung und der Rückkehr zur Hauptstadt, konnte sie eine Auferstehung des Ansehens der Wang Familie heraufziehen sehen, von welchem auch Bau-yü profitieren könnte. Für die nächste Zeit fühlte sie sich fähig, ihre Angst über den verlorenen Jade leichter zu nehmen, und freute sich mehr und mehr über die Rückkehr ihres Bruders. Ein oder zwei Tage später kam Djia Dschëng unerwartet und mit Tränen-beflecktem Gesicht und sagte ihr schnaufend: „Du mußt die Herzoginmutter sofort informieren, daß ihre sofortige Anwesenheit im Palast erforderlich ist. Es muß keine große Gruppe gehen. Es wird reichen, wenn du Mutter begleitest. Die kaiserliche Nebenfrau wurde plötzlich schwer krank. Draußen wartet ein Eunuch des Hofes. Er sagt, daß die klare Diagnose der Schule der Ärzte eine unheilbare Lungenentzündung sei.“ Die Dame Wang brach in Tränen aus. |
Eines Tages saß sie in Gedanken versunken, als Jia Lian hereinkam, seine Aufwartung machte und lächelnd berichtete: „Heute hat Yucun jemanden geschickt, um unserem Herrn mitzuteilen, dass der Herr Onkel zum Großen Akademiker des Inneren Kabinetts befördert wurde. Auf kaiserlichen Befehl kehrt er nach Peking zurück. Die offizielle Ernennung ist für den zwanzigsten des ersten Monats des nächsten Jahres festgesetzt, und ein Eilkurier mit dreihundert Meilen Fahrstrecke ist schon unterwegs. Wenn der Herr Onkel Tag und Nacht reist, dürfte er in gut zwei Wochen hier sein. Ich komme eigens, um der Gnädigen Frau dies mitzuteilen." — Frau Wang war hocherfreut. Sie hatte gerade daran gedacht, wie wenige Verwandte sie um sich hatte: Die Familie der Tante Xue war in Verfall geraten, ihr Bruder im fernen Amt konnte ihr nicht beistehen. Nun hörte sie plötzlich, dass ihr Bruder zum Kanzler ernannt war und nach Peking zurückkehrte — das Ansehen der Familie Wang würde wieder erstrahlen, und auch Schatzjades Zukunft wäre gesichert. So ließ sie die Sorge um die verlorene Jade etwas ruhen und wartete Tag für Tag sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Bruders. |
| „Dies ist nicht die Zeit zu weinen“, sagte Djia Dschëng, „du mußt nun gehen und die Herzoginmutter sofort Bescheid sagen. Bring es ihr behutsam bei. Wir dürfen der alten Dame keinen zu großen Schreck versetzen.“ Nachdem er das gesagt hatte, ging Djia Dschëng hinaus und gab dem Personal Anweisungen. Die Dame Wang trocknete ihre Augen und ging zu den Gemächern der Herzoginmutter. Sie sagte nur, die kaiserliche Nebenfrau Yüän sei krank und sie müsse zum Palast gehen, um ihre Aufwartung zu machen. Die Herzoginmutter betete zu Buddha. „Wie konnte sie wieder krank werden? Letztes Mal, wenn du dich erinnerst, hatte ich so eine Angst, und dann haben wir herausgefunden, daß ich mir das alles eingebildet hatte. Wenn ich es mir nur jetzt einbilden würde!“ |
Eines Tages kam Aufrecht Kaufmann herein, mit tränennassem Gesicht und außer Atem, und sagte: „Geh schnell und sage es der Herzoginmutter — sie muss sofort in den Palast! Es brauchen nicht viele mitzugehen, du allein begleitest sie. Die Kaiserliche Gemahlin ist plötzlich schwer erkrankt. Draußen wartet schon ein Eunuch. Er sagt, die Kaiserliche Ärzteakademie habe dem Thron bereits gemeldet, es handle sich um einen Schleimanfall mit Erstickungsgefahr, der nicht mehr behandelt werden könne." — Frau Wang brach sofort in Tränen aus. Aufrecht Kaufmann sagte: „Jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen! Geh schnell und rufe die Herzoginmutter. Sag es ihr behutsam, damit die alte Dame nicht zu sehr erschrickt." — Damit ging Aufrecht Kaufmann hinaus und gab dem Gesinde Anweisungen. |
| Die Dame Wang redete mit der gnädigen Frau und drängte gleichzeitig Yüan-yang und die anderen Mädchen, nach ihren Hofgewändern zu suchen, und fing an, sie anzukleiden. Sie hastete dann zu ihren Gemächern, zog sich um und kehrte zurück, um der Herzoginmutter aufzuwarten. Nach einer kurzen Weile waren sie fertig, und gingen aus dem Raum in die Haupthalle zu den Sänften, in denen sie zum Palast getragen wurden. | Frau Wang trocknete die Tränen, ging zur Herzoginmutter und sagte nur, die Kaiserliche Gemahlin sei krank, und man müsse in den Palast, um ihr seine Aufwartung zu machen. Die Herzoginmutter murmelte ein Buddhagebet: „Was, schon wieder krank? Beim letzten Mal habe ich mich furchtbar geängstigt, und dann stellte sich heraus, dass es ein Irrtum war. Wenn es doch nur auch diesmal wieder ein Irrtum wäre!" — Frau Wang antwortete beruhigend und drängte zugleich Mandarinenente [11] und die anderen, die Truhen zu öffnen, Hofgewänder und Schmuck herauszusuchen und die Herzoginmutter anzukleiden. Dann eilte Frau Wang in ihr eigenes Zimmer, kleidete sich gleichfalls um und kam zurück, um der Herzoginmutter zu helfen. Bald trat man in die Halle, stieg in die Sänften und fuhr zum Palast. |
| Yüän-tschun war, seit sie für den Kaiserhof ausgewählt wurde, zu einem wertgeschätzten Objekt der Gunst des Kaisers geworden, und als Ergebnis etwas dick geworden. Unter stetem Druck und täglicher Erschöpfung vom Leben am Hof, hatte sie eine chronische bronchiale Krankheit entwickelt. Ein paar Tage vorher, als sie spät von einer Aufwartung von einem Bankett wiederkam, hatte sie eine Erkältung bekommen, welches schnell ihr altes Leiden zurückbrachte. Diesmal jedoch war es eine schwere Attacke. Schleim blockierte ihre Atemwege, was zu Kälte und Mattigkeit in ihren Gliedern führte. Der Kaiser wurde informiert, ein Arzt des Hofes wurde sofort gerufen. Aber sie konnte die Medizin nicht schlucken, die ihr verordnet wurde, und sogar die abschwellenden Salze, die man versuchte, ihr zu verabreichen, hatten keinen förderlichen Effekt. Besorgt um ihren kritischen Zustand, berichteten die anwesenden Eunuchen seiner Majestät, daß die nötigen Schutzmaßnahmen vorgenommen werden sollten. Und daher wurde ihre nächststehenden Familienangehörigen zum Palast gerufen. Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten sich selbst am Palast und betraten das Schlafzimmer der kaiserlichen Nebenfrau Yüän, um sie im Schleim erstickt zu finden, wie ihr Spucke aus dem Mund floß, nicht fähig zu sprechen. Als sie die Herzoginmutter auf sich zukommen sah, nahm ihr Gesicht den bemitleidenswertesten Ausdruck an, als wollte sie weinen, nur ohne Tränen. Die Herzoginmutter kam vor, um ihr ihre Aufwartung zu machen, und sprach ein paar tröstende Worte. Ein wenig später wurden die offiziellen Karten von Djia Dschëng und anderen hereingebracht, und eine wartende Frau gab sie der kaiserlichen Nebenfrau Yüän zum Anschauen. Sie hatte jedoch nicht länger die Kraft, sie anzusehen, und ihr Gesicht wurde von Minute zu Minute blasser. |
Yuanchun [12] war, seit sie für den Phönixalgenpalast auserwählt worden war, in der besonderen Gunst des Kaisers gestanden und hatte an Gewicht zugenommen, sodass jede Bewegung ihr Mühe machte. Die tägliche Anstrengung des Hoflebens verursachte immer wieder Schleimleiden. Vor einigen Tagen war sie nach einem Gastmahl im Palast einer leichten Erkältung erlegen, die ihr altes Leiden anfachte. Doch diesmal war es außerordentlich schwer: Der Schleim verstopfte die Atemwege, die Gliedmaßen waren kalt und steif. Man meldete es dem Thron und rief sofort die kaiserlichen Ärzte. Doch die Arznei ging nicht hinunter, und selbst die stärksten schleimlösenden Mittel zeigten keine Wirkung. Die Eunuchen des Inneren waren höchst besorgt und baten den Kaiser, die letzten Vorbereitungen treffen zu dürfen. Daher erging der Befehl, die Verwandten der Kaiserlichen Gemahlin in den Palast zu rufen. |
| Die Eunuchen waren dabei, dies wieder dem Kaiser zu berichten, und vorhersehend, daß die anderen Nebenfrauen bald ankommen würden, um ihren letzten Respekt zu erweisen, baten sie die Djia-Verwandten, ob sie freundlicherweise hinausgehen würden, um draußen in einem Vorzimmer zu warten. Die Herzoginmutter und die Dame Wang hatten keine Wahl, als sich den Gepflogenheiten am Hof zu beugen, und rissen sich selbst los. Sie hielten ihre Tränen zurück und verließen das Zimmer traurigen Herzens. | Die Herzoginmutter und Frau Wang folgten dem Befehl und betraten den Palast. Sie fanden die Kaiserliche Gemahlin, den Schleim im Mund, unfähig zu sprechen. Als Yuanchun die Herzoginmutter erblickte, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck tiefsten Kummers an, als wolle sie weinen, doch es kamen keine Tränen. Die Herzoginmutter trat vor, machte ihre Aufwartung und sprach einige tröstende Worte. Kurz darauf wurden die Visitenkarten von Aufrecht Kaufmann und den anderen hereingebracht, und eine wartende Hofdame gab sie der Gemahlin. Doch Yuanchun konnte die Augen nicht mehr darauf richten, und ihr Gesicht verfärbte sich zusehends. Die Eunuchen wollten dem Kaiser sogleich Bericht erstatten. Da zu erwarten stand, dass andere Gemahlinnen zum Abschied kommen würden, baten sie die Verwandten, in einem Vorzimmer zu warten. Die Herzoginmutter und Frau Wang konnten sich kaum losreißen, doch die Hofregeln zwangen sie. Sie gingen hinaus, wagten nicht zu weinen, und trugen ihren Schmerz nur im Herzen. |
| Sie konnten sehen, wie Nachrichten im Palast umherliefen, und kurz danach kam ein Eunuch heraus und schickte nach einem Hofbeamten von der kaiserlichen Behörde für Astronomie. Die Herzoginmutter wußte nur zu gut, was das hieß. Er wollte ein günstiges Datum für die Beerdigung erfragen. Es war alles vorbei. Aber sie traute sich noch immer nicht, sich zu bewegen. Es dauerte nicht lange, bis ein junger Eunuch herauskam, um eine palastamtliche Ankündigung zu machen: „Die kaiserliche Nebenfrau Djia ist gestorben. Es war der neunzehnte im zwölften Monat. Der Frühlingsanfang fiel auf den achtzehnten des zwölften Monats in diesem Jahr, welches das Jahr Djia Yin war; der neunzehnte des Monats war daher auch, astrologisch gesehen, im Monat Yin des folgenden Mau-Jahres. Die kaiserliche Nebenfrau wurde vierundreißig Jahre alt.“ | An der Palastpforte warteten Beamte auf Nachricht. Kurz darauf kam ein Eunuch heraus und ließ sofort den kaiserlichen Astronomierat rufen. Die Herzoginmutter wusste, was das bedeutete, wagte aber noch nicht, sich zu bewegen. Nach einem Augenblick kam ein junger Eunuch heraus und verkündete den Erlass: „Die Kaiserliche Gemahlin Jia ist verschieden." Es war das Jahr Jia-Yin, der achtzehnte Tag des zwölften Monats war Frühlingsanfang gewesen. Die Gemahlin starb am neunzehnten des zwölften Monats, der bereits dem Monat Yin des folgenden Mao-Jahres zuzurechnen war. Sie wurde einunddreißig Jahre alt. |
| Die Herzoginmutter erhob sich, tat ihr Bestes, ihre Fassung zu wahren, und verließ den Palast, kletterte in ihre Sänfte und wurde nach Hause getragen. Djia Dschëng und die anderen wurden auch benachrichtigt, und auch sie traten die traurige Heimreise an. Die Dame Hsing, Li Wan, Hsi-fëng, Bau-yü und die anderen Familienmitglieder standen an beiden Seiten des Hofes vor der Haupthalle [des Jung-guo-Anwesens] aufgereiht, um erst die Herzoginmutter und dann Djia Dschëng und die Dame Wang zu grüßen, als sie zurückkamen. Unsere Erzählung überspringt die tränenreiche Familienszene. | Die Herzoginmutter erhob sich, ihren Schmerz verbergend, verließ den Palast, stieg in die Sänfte und fuhr nach Hause. Auch Aufrecht Kaufmann und die anderen hatten die Nachricht erhalten und machten sich trauernd auf den Heimweg. Zu Hause empfingen Dame Xing, Li Wan, Phönixglanz, Schatzjade und die anderen sie in der Halle, teilten sich in zwei Reihen, machten ihre Aufwartung vor der Herzoginmutter, dann vor Aufrecht Kaufmann und Frau Wang. Alle weinten — davon sei nicht weiter berichtet. |
| Früh am nächsten Tag gingen alle Familienmitglieder mit einem offiziellen Rang zum Palast hinüber, um ihren Respekt zu erweisen und um zu trauern, wie es die Riten vorschrieben. Die Beerdigung folgte den Vorschriften für Konkubinen des Kaisers. Sie wurden hineingebeten, um in aller Ruhe trauern zu können. Auch Herzog Djia Dschëng erschien zur Beerdigung, aber er konnte nicht verhindern, daß er vom Bauministerium oft befragt wurde und seine Kollegen von ihm Rat suchten. Er war mit beiden Seiten beschäftigt. – Die vorhergehenden Hofbeerdigungen für die Kaiserinwitwe und die Dschou-Konkubine war überhaupt nicht damit zu vergleichen. Weil die kaiserliche Nebenfrau Yüän ohne Nachkommenschaft gestorben war, gab man ihr posthum den Titel: „Tugendhafte kaiserliche Nebenfrau des höchsten Ranges“. Das war in Übereinstimmung mit den Herrscherregeln. Aber nichts mehr davon. | Am nächsten Morgen machten alle Familienmitglieder mit amtlichem Rang gemäß dem Zeremoniell für Kaiserliche Gemahlinnen ihre Traueraufwartung im Palast. Aufrecht Kaufmann als Beamter des Bauministeriums musste die Zeremonien nach Vorschrift leiten, wurde aber auch von Amtskollegen um Rat gefragt, sodass er an beiden Seiten zu tun hatte und ungleich beschäftigter war als bei den früheren Trauerfeiern für die Kaiserinwitwe und Gemahlin Zhou. Da Yuanchun keine Nachkommen hatte, wurde ihr posthum der Titel „Tugendreiche und Sittsame Kaiserliche Gemahlin" verliehen. Das war nach Hofbrauch so und braucht nicht weiter erörtert zu werden. |
| Jeder in der Familie Djia wurde sehr beschäftigt gehalten, sie reisten täglich zum Palast und wieder zurück, solange die Beerdigung dauerte. Glücklicherweise verbesserte sich Hsi-fëngs Gesundheit in letzter Zeit, und sie war fähig aufzustehen und den Haushalt zu verwalten. Sie bereitete außerdem die Feier für die Rückkehr von Wang Dsï-tëng vor. Ihr eigener älterer Bruder, Wang Jën war nun, da sein Onkel ins Kabinett berufen wurde, auch mit seiner Familie auf dem Weg in die Hauptstadt. Hsi-fëng war froh darüber. Das Wissen, daß sie diese zusätzlichen Wangs um sich herum haben würde, gaben ihr neue Zufriedenheit und hatten einen förderlichen Effekt auf ihre Gesundheit. Nun, da Hsi-fëng wieder auf und munter war, lud die Dame Wang die Hälfte ihrer Verantwortung auf sie ab, und mit der sicheren Aussicht, daß sie ihren älteren Bruder bald wieder in der Haupstadt haben würde, fühlte sie sich beruhigter. | Im Hause Jia fuhren Männer und Frauen Tag für Tag zum Palast, und es herrschte größte Geschäftigkeit. Glücklicherweise ging es Phönixglanz in letzter Zeit etwas besser, und sie konnte aufstehen und den Haushalt führen. Gleichzeitig musste der Empfang für Wang Ziteng vorbereitet werden, der nach Peking zurückkehrte. Phönixglanz' eigener Bruder Wang Ren, der erfahren hatte, dass sein Onkel ins Kabinett aufgenommen worden war, kam ebenfalls mit seiner Familie in die Hauptstadt. Phönixglanz freute sich darüber. Trotz ihrer Leiden hatte sie nun ihre Verwandten um sich, und so ging es ihr gesundheitlich sogar etwas besser. Frau Wang, die sah, dass Phönixglanz wie früher die Geschäfte führte, legte die Hälfte ihrer Last ab. Und mit dem nahenden Eintreffen ihres Bruders in Peking fühlte sie sich in allem beruhigter. |
| Nur Bau-yü nahm nicht an den Beerdigungsriten teil, da er keinen offiziellen Titel besaß. Er ging auch nicht zur Schule, Dai-ju schob seinen Zustand auf die kürzlichen Ereignisse in der Familie, wärend Djia Dschëng viel zu beschäftigt war, um die Studien seines Sohnes zu prüfen. Man könnte von Bau-yü erwarten, daß er dies als ideale Gelegenheit nutzt, um sich in der schönen Gesellschaft seiner Schwester und den Kusinen täglich zu amüsieren. Aber von dem Tag, an dem er seinen Jade verlor, saß er nur die ganze Zeit herum und tat nichts, und wenn er sprach, tat er dies in zusammenhanglosem Gemurmel. Als die Herzoginmutter und die anderen vom Palast zurückkehrten, rief ihn jemand hinüber, um seine Aufwartung zu machen; wenn ihn niemand rief, blieb er, wo er war. All diese Zeit fühlten sich Hsi-jën und seine anderen Mädchen immer schuldiger und besorgter. Sie trauten sich nicht, ihn zu tadeln, aus Angst, er könnte einen Wutanfall bekommen. Jeden Tag trank er seinen Tee und aß seine Mahlzeiten, wenn sie vor ihm hingestellt wurden. Wenn ihm nichts hingestellt worden wäre, hätte er auch nichts gewollt. Es dämmerte Hsi-jën bald, daß dies nicht nur eine Laune von ihm war, sondern eine wirkliche Krankheit. Als sie einen freien Moment hatte, schlich sie hinüber zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und redete mit Dsï-djüan. „Wenn nur deine Herrin mit ihm reden könnte und versuchte ihn aufzuheitern“, sagte sie. |
Nur Schatzjade hatte keinen amtlichen Rang und nahm nicht an den Trauerzeremonien teil. Er ging auch nicht zur Schule. Lehrmeister Dai Ru wusste, dass es in seiner Familie Trauerfall gab, und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Aufrecht Kaufmann war viel zu beschäftigt, um sich um ihn zu kümmern. Man hätte meinen können, Schatzjade würde diese Gelegenheit nutzen, um sich mit den Schwestern täglich zu vergnügen. Doch seit dem Verlust der Jade saß er nur träge herum, sprach wirr und war zu nichts zu gebrauchen. Wenn die Herzoginmutter oder andere vom Palast zurückkehrten und man ihn rief, seine Aufwartung zu machen, ging er hin; rief ihn niemand, rührte er sich nicht. Dufthauch und die anderen hatten ein schlechtes Gewissen und wagten nicht, ihn zu reizen, aus Angst, er könnte zornig werden. Tee und Mahlzeiten — wenn man es ihm hinstellte, aß er; kam nichts, forderte er auch nichts. |
| Dsï-djüan leitete diese Nachricht direkt weiter an Dai-yü. Aber Dai-yü sah sich nun selbst als Bau-yüs zukünftige Braut, und fühlte nun den Drang, sich ihm gegenüber mit gewissenhaftem Anstand zu benehmen. „Wenn er kommen sollte, mich zu sehen,“ stritt sie mit sich selbst, „sollte ich ihn höflich empfangen, um unserer Freundschaft aus Kindertagen willen. Aber wenn es darum geht, daß ich zu ihm hinüber gehe, um ihn zu sehen, so kommt das gar nicht in Frage.“ |
Dufthauch sah, dass sein Zustand nicht wie Verärgerung war, sondern wie eine echte Krankheit. Sie stahl sich zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss und sagte zu Purpurkuckuck: „So steht es um den Herrn. Bitte bittet das Fräulein, mit ihm zu reden und ihn aufzuheitern." — Purpurkuckuck richtete es Kajaljade sofort aus. Doch Kajaljade war überzeugt, dass die Verlobung mit ihr beschlossene Sache sei, und empfand es als unschicklich, ihn zu sehen: „Wenn er zu mir kommt, kann ich ihn als Kindheitsfreund schwerlich abweisen. Aber dass ich zu ihm ginge, das kommt auf keinen Fall in Frage." — So weigerte sich Kajaljade zu kommen. |
| Also wollte Dai-yü auf keinen Fall herüberkommen. Hsi-jën erzählte dies als Nächstes heimlich Tan-tschun. Aber Tan-tschun war selbst in Trauer. In ihren Gedanken war das seltsame Blühen der Begonien, das erste einer Serie schlechter Omen, gefolgt von dem noch seltsameren Verlust des kostbaren Jade, und nun vom Tod ihrer Schwester. Während die Familienreichtümer so offensichtlich im Verfall begriffen waren, wie könnte sie noch die Stimmung finden, Bau-yü aufzuheitern? Außerdem waren sie auch als Bruder und Schwester Mann und Frau, und sie konnte ihn nicht ständig sehen. Sie besuchte ihn ein- oder zweimal, aber ihre Anwesenheit schien ihm gleichgültig zu sein, und sie unternahm keine weiteren Anstrengungen. Bau-tschai wußte auch vom vermißten Jade. Frau Hsüä hatte ihr bereits von der beabsichtigten Verlobung von Bau-yü erzählt. An dem Tag, an dem sie der Ehe mit Bau-yü zugestimmt hatte, kam sie nach Hause und berichtete es Bau-tschai. |
Dufthauch ging auch heimlich zu Tanchun. Doch Tanchun wusste genau, dass die Begonienblüte ein unheimliches Zeichen war, der Verlust der Jade noch unheimlicher, und nun war auch noch ihre Schwester, die Kaiserliche Gemahlin, gestorben. Sie ahnte, dass es mit der Familie bergab ging, und grübelte Tag für Tag. Wie hätte sie die Gemütsverfassung haben sollen, Schatzjade aufzuheitern? Zudem waren Bruder und Schwester schließlich Mann und Frau, und sie konnte ihn nicht ständig besuchen. Ein- oder zweimal kam sie vorbei, doch Schatzjade blieb immer nur teilnahmslos, und so kam sie nicht mehr oft. |
| „Obwohl es der Antrag deiner Tante Wang ist“, hatte sie zu Bau-tschai gesagt, „habe ich noch immer nicht meine endgültige Zusage dazu gegeben. Ich sagte, wir sollten warten, bis dein Bruder nach Hause kommt. Was sagst du zu der Idee? Bist du einverstanden?“ – „Mutter“, antwortete Bau-tschai, in einem sehr ernsten Ton, „du mußt mich nicht fragen. Die Zukunft einer Tochter liegt in den Händen der Eltern. Seit Vater tot ist, liegt die Entscheidung nur bei dir. Frag’ Pan um Rat, wenn du willst, aber warum mich?“ Frau Hsüä war sehr gerührt von dieser zur Schaustellung von Anstand ihrer Tochter, ein Beweis, daß ihr Grundcharakter nicht in irgendeiner Weise durch ihre luxuriöse Kindheit verzogen worden war. Sie wollte Bau-yüs Namen ihr gegenüber nicht mehr erwähnen. Bau-tschai für ihren Teil hielt ein striktes Tabu von diesem Tag an für diese zwei Silben aufrecht. Als sie daher von der vermißten Jade hörte, hielt sie sich trotz der Sorge, die sie fühlte, damit zurück, weitere Fragen zu stellen und gab sich mit dem zufrieden, was sie von anderen um sich herum herausbekam, während sie weiterhin gänzliche Gleichgültigkeit zur Schau stellte. |
Auch Schatzspange [13] wusste vom Verlust der Jade. Denn an jenem Tag, als Tante Xue der Verlobung mit Schatzjade zugestimmt hatte, war sie nach Hause gegangen und hatte es Schatzspange erzählt. Tante Xue hatte noch gesagt: „Zwar hat deine Tante Wang es vorgeschlagen, aber ich habe noch nicht endgültig zugesagt. Ich sagte, wir sollten warten, bis dein Bruder zurückkommt, um es zu entscheiden. Willst du oder willst du nicht?" — Schatzspange hatte mit ernster Miene geantwortet: „Mutter, diese Worte sind nicht richtig. In Angelegenheiten einer Tochter entscheiden die Eltern. Da Vater nicht mehr lebt, muss Mutter entscheiden, oder wenn nicht, dann der Bruder. Warum fragt Ihr mich?" — Tante Xue hatte sie dafür nur noch mehr geschätzt und gesagt, obgleich sie von klein auf verwöhnt worden sei, besitze sie doch angeborene Tugendhaftigkeit und Besonnenheit. Fortan erwähnte sie Schatzjades Namen nicht mehr vor ihr. Schatzspange ihrerseits nahm die zwei Silben „Schatzjade" seitdem erst recht nicht mehr in den Mund. Obwohl sie nun vom Verlust der Jade hörte und insgeheim bestürzt war, konnte sie nicht danach fragen. Sie begnügte sich mit dem, was andere erzählten, und tat, als ginge es sie nichts an. |
| Frau Hsüä, auf der anderen Seite, schickte mehrere Male ein Mädchen hinüber, um [nach Bau-yü] zu fragen. Sie war auch sehr besorgt über ihren eigenen Sohn Hsüä-Pan, und erwartete ungeduldig die Ankunft ihres älteren Bruders. Sein Einfluß würde Pans Freilassung sichern. Mit dem Tod der kaiserlichen Nebenfrau Yüan konnte sie sehen, wie beschäftigt die Djias waren. Aber da es Hsi-fëng gut genug ging, um sich um den Haushalt zu kümmern, hatte sie nicht das Gefühl, sie oft besuchen zu müssen. Die, die am meisten unter all dem litt, war Hsi-jën, obwohl sie versuchte, ruhig und gefaßt zu bleiben, und sich um Bau-yü zu kümmern. Er schien nichts zu verstehen, und sie konnte nur mit heimlicher Angst über ihm wachen. |
Nur Tante Xue schickte mehrmals ein Mädchen herüber, um nach Neuigkeiten zu fragen. Sie machte sich aber auch Sorgen um ihren eigenen Sohn Xue Pan und wartete sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Bruders, der ihm aus seiner Schuld heraushelfen könnte. Sie wusste, dass die Kaiserliche Gemahlin gestorben war und das Haus Jia in Aufruhr war, aber da es Phönixglanz besser ging und sie den Haushalt führte, kam Tante Xue nicht mehr so oft herüber. |
| Nach ein paar Tagen wurde die kaiserliche Nebenfrau Yüäns Sarg im kaiserlichen Tempel der Ruhe aufgebahrt, und die Herzoginmutter und die anderen älteren Familienmitglieder nahmen ein paar Tage an den Begräbnisfeiern teil. Bau-yü wurde täglich mehr und mehr wie ein Geisteskranker. Er hatte kein Fieber und keine physischen Schmerzen, aber er aß wenig und schlief noch weniger und wurde sehr unzusammenhängend in dem, was er sagte. Hsi-jën, Schë-yüä und die anderen Mädchen waren mit ihrer Weisheit am Ende und gingen mehrere Male zu Hsi-fëng, um dies zu berichten; die kam oft hinüber, um sehen, wie es ihm ging. Zuerst dachte sie, daß er einfach verärgert war, weil seinen Jade nicht gefunden worden war. Aber nun, als sie seinen verstörten Zustand sah, in den er versank, schickte sie nach dem Doktor. Der Arzt machte tägliche Besuche, und mehr als eine Art der Medizin wurde verschrieben, aber alles schien mehr zu schaden als Gutes zu bringen. Alle Fragen, wo er Schmerzen fühle, war er unfähig zu beantworten. | Am meisten litt die arme Dufthauch, die vor Schatzjade demütig aufwartete und tröstete, doch Schatzjade verstand nichts. Dufthauch konnte nur im Stillen bangen. |
| Als die kaiserliche Nebenfrau Yüäns Beerdigungszeremonien beendet waren, dachte die Herzoginmutter wieder an Bau-yü, sie kam in den Garten, um ihn zu besuchen und wurde von der Dame Wang begleitet. Hsi-jën sagte Bau-yü, er solle hinausgehen und sie höflich begrüßen. Bau-yü war immer noch nicht fähig sich angemessen zu verhalten, war aber in der Lage, die Herzoginmutter entsprechend zu begrüßen, mit Hsi-jën an seiner Seite, die ihm zu jeder Bewegung soufflierte. | Einige Tage vergingen. Yuanchuns Sarg wurde in den kaiserlichen Ruhetempel überführt, und die Herzoginmutter und die anderen begleiteten das Begräbnis einige Tage lang. Schatzjade aber wurde von Tag zu Tag stumpfsinniger: kein Fieber, keine Schmerzen, nur aß er ohne zu essen und schlief ohne zu schlafen, und wenn er sprach, waren seine Worte wirr und zusammenhangslos. Dufthauch, Moschusmond und die anderen gerieten in Panik und berichteten Phönixglanz mehrmals. Phönixglanz kam oft vorbei. Anfangs dachte sie, er sei nur verärgert, weil die Jade nicht gefunden worden sei. Doch als sie seinen verstörten Zustand sah, ließ sie täglich einen Arzt kommen. Die Arzneien, die er verschrieben bekam, machten die Krankheit nur schlimmer, statt sie zu lindern. Wenn man ihn fragte, wo er sich unwohl fühle, konnte Schatzjade es nicht sagen. |
| „Mein lieber Junge!“, rief die Herzoginmutter, „ich bin so erleichtert! Sie haben mich glauben lassen, daß du ernsthaft krank seist. Aber nun sehe ich, daß du so ziemlich dein altes Ich bist.“ Die Dame Wang schien ebenfalls angenehm überrascht zu sein. Bau-yü sagte nichts und schenkte ihnen ein dummes Grinsen. Sie gingen hinein und setzten sich. Als die Herzoginmutter ihn etwas fragte, konnte er nur wiederholen, was immer Hsi-jën sagte. Es wurde ihnen allen schnell klar, daß er, so weit von seinem wahren Ich entfernt, wenig mehr als ein Trottel war. Je mehr die Herzoginmutter dies sah, desto mehr verblüffte und peinigte es sie. |
Erst als die Trauerzeremonien für die Kaiserliche Gemahlin beendet waren, dachte die Herzoginmutter wieder an Schatzjade und kam persönlich in den Garten, um nach ihm zu sehen. Frau Wang begleitete sie. Dufthauch und die anderen sagten Schatzjade eilig, er solle hinausgehen und seine Aufwartung machen. Obwohl Schatzjade krank war, stand er jeden Tag auf und bewegte sich. Heute, als man ihn bat, die Herzoginmutter zu empfangen, machte er wie gewohnt seine Verbeugung, nur dass Dufthauch ihm dabei an der Seite stehen und jede Bewegung einflüstern musste. Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, ich dachte, du wärst bettlägerig, und bin deshalb gekommen, nach dir zu sehen. Aber du siehst aus wie immer — da bin ich doch sehr erleichtert." — Auch Frau Wang war beruhigt. Doch Schatzjade antwortete nicht und grinste nur albern. |
| „Als ich hereinkam“, sagte sie, „schien er wohlauf zu sein. Aber wenn ich genau hinschaue, kann ich sehen, daß er geistesgestört ist. Diese Krankheit ist tatsächlich sehr ernst. Er scheint seinen Geist verloren zu haben. Kann mir bitte jemand sagen, was passiert ist?“ Die Dame Wang erkannte, daß sie es ihr nicht länger verschweigen konnten. Um Hsi-jëns willen, die in schrecklicher Angst dastand, hielt sie sich an Bau-yüs Geschichte und erzählte die Herzoginmutter, daß er seinen Jade bei der Feier des Grafen Lin-an verloren hatte, sie flüsterte dies alles der gnädigen Frau ins Ohr, aus Angst, sie könnte allzu schockiert sein. „Den Dienern wurde befohlen, überall zu suchen“, fügte sie hinzu. „Wir haben verschiedene Wahrsager befragt, und sie sagten alle, es sei bei einem Pfandleiher, es kann also nur eine Frage der Zeit sein, bevor wir es finden.“ Die Herzoginmutter erhob sich in großer Aufregung, Tränen strömten ihre Wangen hinunter. „Wie konnte diese Jade verloren gehen? Ihr seid nicht geeignet, auf ihn aufzupassen! Was ist mit dem gnädigen Herrn? Hat er sich etwa nicht darum gekümmert?“ |
Die Herzoginmutter und die anderen traten ein und setzten sich. Wenn man ihm etwas fragte, sprach Dufthauch es ihm vor, und er wiederholte es Wort für Wort — ganz und gar nicht wie früher, wie ein reiner Trottel. Je genauer die Herzoginmutter hinsah, desto mehr erschrak sie und sagte: „Als ich eben hereinkam, schien ihm nichts zu fehlen. Aber wenn ich genau hinschaue, ist die Krankheit tatsächlich schwer — es sieht aus, als hätte er seinen Geist verloren. Was ist die Ursache?" — Frau Wang wusste, dass es sich nicht länger verheimlichen ließ. Als sie Dufthauchs erbarmungswürdigen Anblick sah, hielt sie sich an Schatzjades frühere Ausrede und erzählte der Herzoginmutter leise, er habe die Jade verloren, als er beim Markgrafen von Lin'an zum Theaterschauen war. Sie war selbst voller Angst, die Herzoginmutter könne sich zu sehr aufregen, und fügte hinzu: „Man lässt überall danach suchen. Wir haben Orakel und Wahrsager befragt, und alle sagen, man solle in den Pfandhäusern suchen. Sicher wird sie sich finden." |
| Die Dame Wang konnte sehen, daß die Herzoginmutter sehr zornig war. Sie befahl Hsi-jën und den anderen niederzuknien, und antwortete selbst, mit reuevollem Gesicht und geneigtem Kopf: „Ich hatte Angst, dich zu verärgern, Mutter, und daß der gnädige Herr zornig würde, also habe ich es ihm noch nicht erzählt.“ „Aber siehst du es denn nicht?“, rief die Herzoginmutter, „der Jadestein ist Bau-yüs Leben. Indem er ihn verlor, verlor er seinen Geist. Was werden wir machen? Die Menschen in der ganzen Stadt haben vom Jadestein gehört. Wenn ihn jemand mitnimmt, wird er ihn kaum zurückbringen. Schicke sofort jemanden zum gnädigen Herrn und bitte ihn herzukommen. Ich muß mit ihm darüber sprechen.“ Die Dame Wang, Hsi-jën und all die anderen Anwesenden waren in größter Angst vor den möglichen Folgen und flehten die Herzoginmutter an, nachzugeben. „Stell’ dir vor, wie zornig der gnädige Herr sein wird, Mutter! Denk’ an den armen Bau-yü! Um seinetwillen, gib uns eine letzte Chance. Wir werden überall suchen.“ – „Warum solltet ihr den Zorn seines Vaters fürchten? Ich werde hier sein“, sagte die Herzoginmutter bestimmt. Sie befahl Schë-yüä, jemanden zu ihm zu schicken. Kurz darauf kam die Nachricht zurück, daß dieser einen Freund besuche. |
Die Herzoginmutter hörte es, sprang auf, und Tränen strömten ihr übers Gesicht: „Wie kann man nur so ein Ding verlieren! Ihr seid ja alle ohne Verstand! Hat denn auch der Herr sich nicht darum gekümmert?" — Frau Wang sah, wie zornig die Herzoginmutter war, ließ Dufthauch und die anderen niederknien, verneigte sich selbst demütig und sagte: „Die Schwiegertochter fürchtete, die Herzoginmutter könnte sich aufregen und der Herr zürnen, und wagte daher nicht, es zu melden." — Die Herzoginmutter seufzte: „Diese Jade ist Schatzjades Lebenskern. Weil er sie verloren hat, ist er so von Sinnen. Das darf doch nicht wahr sein! Die ganze Stadt kennt diese Jade. Wenn sie jemand aufgehoben hat, wird er sie euch wohl zurückgeben? Schickt sofort jemanden, um den Herrn zu holen. Ich will mit ihm sprechen." — Da flehten Frau Wang, Dufthauch und alle anderen in größter Angst: „Wenn die Herzoginmutter so zürnt, wird der Herr umso schrecklicher! Schatzjade ist krank; überlasst es uns, die Jade mit aller Kraft zu suchen!" — Die Herzoginmutter sagte: „Ihr fürchtet den Zorn des Herrn? Dafür bin ich da." — Sie befahl Moschusmond, jemanden zum Herrn zu schicken. |
| „Nun, wir werden ohne ihn weitermachen“, sagte die Herzoginmutter. Zunächst einmal wird keiner der Diener bestraft. Das sind meine Anweisungen, und ich übernehme die volle Verantwortung. Schicke nach Liän und sage ihm, er soll eine Belohnung ausschreiben, und Kopien verbreiten, wo immer Bau-yü an diesem Tag hin ging, als er den Jade verlor. Es soll heißen: „Belohnung für das Zurückbringen des Jadesteins, zehntausend Tael Silber. Belohung für Nachrichten, die zu seiner Entdeckung führen, fünftausend Tael Silber.“ Und da gibt es keine Frage, daß wir nicht alles zahlen, wenn wirklich jemand den Jadestein hat. Das ist der einzige Weg, auf dem wir ihn jemals wiederfinden werden. Wenn wir uns nur auf unsere eigenen Leute verlassen, können wir bis zu unserem Lebensende suchen.“ Die Dame Wang traute sich nicht, ihre Vorbehalte zu diesem Plan vorzubringen. Die Herzoginmutter schickte den Text zu Djia Liän, der die Aushänge so schnell wie möglich machen sollte. „Bringt Bau-yüs Sachen in meine Gemächer,“ wies die Herzoginmutter einen der Diener an. „Nur Hsi-jën und Tjiu-wën dürfen mitkommen. Der Rest kann hierbleiben und nach seinen Gemächern schauen.“ |
Kurz darauf kam die Nachricht: „Der Herr ist zu einem Besuch ausgegangen." — Die Herzoginmutter sagte: „Auch ohne ihn geht es. Richtet in meinem Namen aus: Vorerst sollen keine Diener bestraft werden. Ich lasse Lian kommen. Er soll eine Belohnung ausschreiben und die Ausschreibung an den Stellen anbringen, die Schatzjade an jenem Tag passiert hat. Es heißt: ›Wer die Jade findet und bringt, erhält zehntausend Tael Silber. Wer weiß, dass jemand sie gefunden hat, und Nachricht bringt, die zum Auffinden führt, erhält fünftausend Tael.‹ Wenn sie wirklich auftaucht, spart nicht am Silber! So finden wir sie bestimmt. Wenn wir uns nur auf unsere eigenen Leute verlassen, suchen wir ein ganzes Leben lang und finden nichts." — Frau Wang wagte keinen Widerspruch. Die Herzoginmutter ließ Jia Lian die Nachricht überbringen und hieß ihn, es sofort in die Wege zu leiten. Dann befahl sie: „Bringt Schatzjades Habseligkeiten in meine Gemächer. Nur Dufthauch und Qiuwen begleiten ihn; die übrigen bleiben im Garten und hüten das Haus." — Schatzjade hörte alles, sagte aber kein Wort und grinste nur albern. |
| Bau-yü blieb während dieser ganzen Zeit stumm und grinste dumm. Die Herzoginmutter half ihm aufzustehen, nahm ihn an der Hand und führte ihn hinaus, Hsi-jën und die anderen stützten ihn auf seinem Weg durch den Garten. Als sie ihre Gemächer erreichten, bat die Herzoginmutter die Dame Wang sich zu setzen, und sie selbst beaufsichtigte das Aufräumen des inneren Zimmers. Als dies getan war, sprach sie mit der Dame Wang: „Du weißt, warum ich ihn hierher gebracht habe, oder? Erstens leben hier jetzt so wenige Leute im Garten, und ich kann nicht anders, als irgendetwas Seltsames über die Weise zu fühlen, daß die Pflanzen im Hof der Freude am Roten so plötzlich sterben und so plötzlich blühen. Früher konnte er sich immer an seinen Jade halten, um irgendwelche schlimmen Einflüsse von sich fernzuhalten. Aber jetzt, da der Jadestein verloren ist, befürchte ich, daß Böses einfacher hineinkommt. Deshalb dachte ich, es wäre das Beste für ihn, hier bei mir zu bleiben. Er sollte besser für ein paar Tage nicht hinausgehen. Wenn der Arzt kommt, kann er ihn hier sehen.“ – „Natürlich hast du recht“, sagte die Dame Wang sofort. „Bau-yü wohnt mit dir zusammen, und es ist gut, daß meine Mutter mit Glück gesegnet ist, daß wird seine Genesung unterstützen.“ – „Mein Glück? Nichts davon! Es ist sauberer hier, das ist alles, und es gibt viele Sutren, die er lesen kann, damit er seine Gedanken ordnen kann. Frag’ ihn, ob er einverstanden ist.“ Als seine Mutter ihn danach fragte, lächelte Bau-yü bloß. Endlich, aufgefordert von Hsi-jën, antwortete er, „ja.“ Die Dame Wang war zu Tränen gerührt von dem erbärmlichen Schauspiel, daß ihr Sohn darbot, aber beherrschte sich in Anwesenheit der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter konnte sehen, daß die Dame Wang sich Sorge machte, und sagte ihr, sie solle zurück in ihre Gemächer gehen. „Laß ihn bei mir. Ich werde auf ihn aufpassen. Wenn sein Vater diesen Abend nach Hause kommt, sag’ ihm, daß es keinen Grund für ihn gibt hierher zu kommen und mich zu sehen. Ich will nicht, daß er es jetzt schon weiß.“ Als die Dame Wang gegangen war, befahl die Herzoginmutter Yüan-yang eines ihrer beruhigenden Mittel zu bringen. Bau-yü nahm es; und da müssen wir sie jetzt verlassen. Djia Dschëng hörte an diesem Abend auf seinem Weg nach Hause aus seiner Wagen heraus folgende Unterhaltung von der Straße: |
Die Herzoginmutter nahm Schatzjade an der Hand, stand auf, und Dufthauch und die anderen stützten ihn aus dem Garten heraus. Zurück in ihren Gemächern, ließ die Herzoginmutter Frau Wang sich setzen und überwachte die Einrichtung des inneren Zimmers. Dann sagte sie zu Frau Wang: „Weißt du, warum ich ihn hergebracht habe? Im Garten sind wenig Leute, und die Blumen und Bäume im Hof der Freude am Roten welken und blühen so sonderbar. Früher konnte die Jade böse Einflüsse abwehren; nun, da sie verloren ist, fürchte ich, dass böse Mächte leichter eindringen. Darum habe ich ihn hergeholt, damit wir zusammen wohnen. Er soll die nächsten Tage nicht hinausgehen; wenn der Arzt kommt, kann er ihn hier untersuchen." — Frau Wang sagte sogleich: „Die Herzoginmutter hat natürlich recht. Wenn Schatzjade jetzt bei der Herzoginmutter wohnt, wird deren großes Glück alles Böse niederhalten." — Die Herzoginmutter sagte: „Was für ein Glück! Bei mir ist es nur sauberer, und es gibt viele Sutren, die er lesen kann, um seinen Geist zu beruhigen. Frag ihn, ob es ihm recht ist." — Als man Schatzjade fragte, lächelte er nur. Dufthauch flüsterte ihm zu, er solle „gut" sagen, und Schatzjade sagte „gut". Frau Wang konnte bei diesem Anblick die Tränen nicht zurückhalten, wagte aber in Gegenwart der Herzoginmutter keinen Laut. Die Herzoginmutter sah Frau Wangs Sorge und sagte: "Geh zurück. Ich kümmere mich um ihn. Wenn der Herr heute Abend nach Hause kommt, sage ihm, er brauche nicht zu mir zu kommen, und er soll kein Wort darüber verlieren." — Nachdem Frau Wang gegangen war, ließ die Herzoginmutter Mandarinenente ein beruhigendes Mittel suchen. Schatzjade nahm es ein — davon sei nicht weiter berichtet. |
| „Wenn du reich werden willst, kenne ich einen leichten Weg.“ – „Oh? Was wäre das?“ „Ich hörte heute, daß am Jung-guo-Anwesen einer der jungen besseren Leute einen Jadestein verloren hat, und sie haben Zettel mit einer Belohnung ausgehängt, mit allen Details – Form, Größe, Farbe etc. Zehntausend bieten sie jedem an, der es zurückbringt, und fünftausend für Informationen!“ |
Aufrecht Kaufmann kam am selben Abend nach Hause. Aus seiner Kutsche hörte er, wie Leute auf der Straße sagten: „Wer reich werden will, hat es leicht!" — Ein anderer fragte: „Wie das?" — Der erste sagte: „Heute habe ich gehört, dass im Rongguofu irgendeinem jungen Herrn eine Jade verlorengegangen ist. Man hat Ausschreibungen angeschlagen mit Größe, Form und Farbe. Wer sie findet und bringt, bekommt zehntausend Tael Silber, und wer nur eine Nachricht gibt, bekommt noch fünftausend!" |
| Djia Dschëng konnte nicht jedes Wort verstehen. Aber er hörte genug, um alarmiert zu sein. Er eilte nach Hause, und bei der Ankunft rief er einen der Diener und befragte ihn über die ganze Angelegenheit. „Ich wußte bis heute nichts davon“, antwortete der Diener. „Das erste, was ich hörte war diesen Nachmittag, als der zweite Herr Liän uns die Anweisungen der Herzoginmutter gab, die Anhänge aufzuhängen.“ – „Unsere Familie muß ja zugrundegehen!“, sagte Djia Dschëng zu sich selbst mit einem bitteren Seufzen. „Mein Sohn ist der Fluch unseres Lebens! Als er ein Kind war, war er das Gespräch der Nachbarschaft. Es brauchte mehr als die letzten zehn Jahre, um ihre Zungen zum Schweigen zu bringen, und nun müssen wir solchen Wind machen, um den Jadestein zu finden! Das kann ja nicht sein!“ |
Aufrecht Kaufmann hatte zwar nicht jedes Wort verstanden, war aber erschrocken. Er eilte nach Hause und rief den Pförtner, um ihn über die Sache zu befragen. Der Pförtner sagte: „Euer Diener wusste auch nichts davon. Erst heute Mittag gab der Zweite Herr Lian die Anweisung der Herzoginmutter weiter, Ausschreibungen aufzuhängen." — Aufrecht Kaufmann seufzte: „Die Familie ist zum Verfall bestimmt, und dann zieht man auch noch so ein Unglückskind groß! Als er geboren wurde, war das ganze Viertel voller Gerüchte. Nach über zehn Jahren hatte es sich etwas beruhigt. Und jetzt muss man es wieder in alle Welt hinausposaunen, wegen einer Jade! Was soll das!" |
| Er ging ohne weitere Verzögerung hinein und befragte die Dame Wang, die ihm die ganze Geschichte erzählte. Als er erfuhr, daß die Belohnung die Idee der Herzoginmutter war, wußte Djia Dschëng, daß er sie nicht sehr gut offen ablehnen konnte. Er kritisierte die Dame Wang stattdessen für ihre Rolle darin, ging noch einmal hinaus und gab Anweisung, die Aushänge wieder herunter zu nehmen, ohne daß es die Herzoginmutter erfahre. Wie sich herausstellte, hatten sie bereits ein paar Vandalen heruntergeholt. | Er ging eilig hinein und befragte Frau Wang, die ihm alles haarklein erzählte. Aufrecht Kaufmann wusste, dass es die Idee der Herzoginmutter war, und wagte nicht, offen zu widersprechen. Er machte Frau Wang Vorwürfe, ging dann wieder hinaus und ließ — ohne dass die Herzoginmutter es erfuhr — die Ausschreibungen still wieder abnehmen. Doch einige Müßiggänger und Taugenichtse hatten sie längst abgerissen und mitgenommen. |
| Trotzdem kam ein oder zwei Tage später ein Mann am Haupttor des Jung-guo-Anwesens an, der behauptete, den Jadestein zu bringen. Die Diener waren verzückt. „Gib ihn her!“, riefen sie. „Wir werden ihn für dich hineinbringen.“ – „Nicht so schnell!“ Der Mann kramte in seinem Gewand herum und holte den Aushang mit der Belohnung hervor. „Sieh her“, sagte er, und zeigte auf die Worte auf dem Aushang. „Das ist doch das, was euer Herr angebracht hat, oder? ‚Zehntausend Tael Silber für die Rückgabe des Jadesteins‘ – hier steht es deutlich. Ich mag heute vielleicht arm sein, aber wartet, bis ich meine zehntausend Taels habe. Dann bin ich ja ein gemachter Mann.“ Der Pförtner konnte sehen, daß er ein schwieriger Mensch war. „Nun, laß uns wenigstens nachsehen, damit wir hineingehen und berichten können.“ Zuerst verweigerte der Mann das. Aber bald wurde er überredet und holte den Jadestein aus seinem Gewand hervor, zeigte den Stein eilig auf seiner Handfläche und sagte: „Ihr sucht doch das hier?“ Diese Diener waren alle für Außenarbeiten zuständig, und obwohl sie von der Geschichte von Bau-yüs Jade gehört hatten, hatten sie ihn selten gesehen. Das war also die erste Gelegenheit, das Ding aus nächster Nähe zu betrachten. Dies hielt sie nicht davon ab, in sehr aufgeregtem Zustand in das Haus zu rennen, um die Ersten mit der Nachricht zu sein. |
Einige Tage später erschien tatsächlich ein Mann am Haupttor des Rongguofu und behauptete, die Jade zu bringen. Die Diener am Tor waren überglücklich: „Her damit! Wir bringen sie hinein und melden es." — Der Mann zog die Ausschreibung aus seinem Gewand und zeigte sie ihnen: „Ist das nicht der Aushang eures Hauses? Hier steht: Wer die Jade bringt, erhält zehntausend Tael Silber. Meine Herren, ihr mögt mich heute für arm halten, aber wenn ich mein Geld habe, bin ich ein gemachter Mann. Behandelt mich also nicht so gleichgültig." — Die Pförtner hörten, dass er fordernd auftrat, und sagten: „Dann lasst mich wenigstens kurz einen Blick darauf werfen, damit ich es melden kann." — Zuerst weigerte sich der Mann, aber dann ließ er sich überreden, holte die Jade hervor, hielt sie auf der Handfläche hoch und sagte: „Ist es die oder nicht?" — Die Diener am Tor, die nur Außendienst taten, wussten zwar von der Jade, hatten sie aber nie aus der Nähe gesehen. Jetzt sahen sie zum ersten Mal, wie die Jade aussah. Sie liefen eilig nach drinnen, als gelte es, den Kopfpreis davonzutragen. |
| Sie fanden heraus, daß beide, Djia Dschëng und Djia Schë, nicht da waren. Es war Djia Liän, der ihren Bericht erhielt. „Ist der Jadestein echt oder falsch?“, fragte er sie skeptisch. „Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen!“, antwortete einer von ihnen. „Er wollte ihn uns aber nicht hergeben, sondern bestand darauf, einen der Herren zu sehen, damit er ihn direkt für das Geld eintauschen könne.“ Djia Liän konnte nicht anders, als von ihrem Enthusiasmus angesteckt zu werden, und ging sofort los, um es der Dame Wang und der Herzoginmutter zu sagen. Als Hsi-jën es hörte, war sie überglücklich und faltete die Hände für ein Dankgebet an Buddha. Die Herzoginmutter stand ganz zu ihrem Wort. „Sag’ Liän, er soll ihn sofort in das Studierzimmer einladen, wenn wir uns den Jadestein angesehen haben, bekommt er sofort sein Geld.“ |
An jenem Tag waren Aufrecht Kaufmann und Jia She beide ausgegangen; nur Jia Lian war zu Hause. Man meldete es ihm. Jia Lian fragte: „Ist sie echt?" — Die Pförtner schworen: „Mit eigenen Augen gesehen! Nur will er sie nicht hergeben. Er will den Herrn selbst sehen: Hand gegen Hand, Silber gegen Jade." — Jia Lian war ebenfalls erfreut. Er eilte hinein, um Frau Wang zu informieren, und meldete es sogleich auch der Herzoginmutter. Dufthauch war so glücklich, dass sie die Hände faltete und Buddha anrief. Die Herzoginmutter blieb bei ihrem Wort und rief aufgeregt: „Lian soll den Mann sofort in das Studierzimmer bitten! Bringt die Jade herein, und sobald sie begutachtet ist, gebt ihm das Silber." |
| Djia Liän tat wie befohlen und lud den Fremden ein, behandelte ihn sehr höflich und drückte reichliche Danksagungen aus. „Ich möchte nur, daß der Besitzer einen Blick darauf wirft, wenn ich darf“, sagte er, „dann kannst du dein Geld haben, jede Münze davon, daß versichere ich dir.“ Widerstrebend gab der Mann ihm ein kleines Paket, welches in roter Seide eingewickelt war. Djia Liän öffnete es. Da lag ein strahlender Jadestein. Sicher war er es! Djia Liän, um die Wahrheit zu sagen, hatte nie groß darauf geachtet, während der Jadestein um Bau-yüs Hals hing. Nun blickte er zum ersten Mal genau darauf. Die Inschrift kam ihm bekannt vor. Er erinnerte sich an manche der Wörter, wie „vertreibt Unheil“. Mit großer Freude schritt er hinein, um es der Herzoginmutter und der Dame Wang zu zeigen, und ließ einen Diener bei dem Fremden. |
Jia Lian tat wie geheißen, bat den Mann herein, behandelte ihn als Gast, dankte ihm mit freundlichen Worten und sagte: „Wenn ich die Jade kurz hineinsenden darf, damit der Besitzer sie sieht, wird das vereinbarte Silber ohne jeden Abzug gezahlt." — Der Mann gab schließlich ein kleines Päckchen in roter Seide heraus. Jia Lian öffnete es — war das nicht jene strahlend schöne Jade? Jia Lian hatte nie sonderlich darauf geachtet, doch heute wollte er genauer hinschauen. Er betrachtete sie lange. Die Inschrift war undeutlich, aber erkennbar — „Vertreibt Unheil" und ähnliche Zeichen. Jia Lian war überglücklich, rief einen Diener herbei und eilte, die Jade der Herzoginmutter und Frau Wang zur Begutachtung zu bringen. |
| Nun hatte die ganze Familie die Neuigkeit gehört und versammelte sich in den Gemächern der Herzoginmutter. Sie warteten ungeduldig, jeder war bemüht, den Jadestein als Erstes zu sehen. Hsi-fëng sah Djia Liän hereinkommen, streckte ihre Hand aus, schnappte ihm das Paket weg und, ohne es selbst anzusehen, gab sie es der Herzoginmutter in die Hand. „Gönnst du mir nicht einmal Lob für eine so kleine Sache wie der hier?“, fragte Djia Liän spöttisch. Die Herzoginmutter öffnete das Seidenbündel und untersuchte den Stein. Es schien sehr viel dumpfer, als sie es in Erinnerung hatte. Sie rieb den Stein zwischen den Fingern. Yüan-yang brachte ihre Brille, und setzte sie ihr auf. Sie untersuchte ihn wieder. „Wie auffällig! Das muß er bestimmt sein; und doch scheint er sein ursprüngliches Leuchten ganz verloren zu haben.“ Nun untersuchte die Dame Wang ihn. Sie konnte ihn auch nicht mit Sicherheit identifizieren und bat Hsi-fëng herzukommen und ihn anzusehen. „Da ist eine gewisse Ähnlichkeit“, sagte Hsi-fëng nach ihrer Inspektion. „Aber die Farbe ist nicht richtig. Wir sollten es Bau-yü selbst zeigen. Er wird es wissen.“ |
Die Nachricht hatte sich im ganzen Haus verbreitet, und alle drängten sich, um die Jade zu sehen. Phönixglanz sah Jia Lian hereinkommen, riss ihm das Päckchen aus der Hand, wagte aber nicht, selbst zuerst hinzusehen, und legte es in die Hand der Herzoginmutter. Jia Lian lachte: „Nicht einmal bei so einer Kleinigkeit lässt du mich die Ehre einheimsen!" — Die Herzoginmutter öffnete das Päckchen und sah, dass die Jade viel matter war als zuvor. Sie rieb sie mit den Fingern. Mandarinenente brachte die Brille, und die Herzoginmutter setzte sie auf, betrachtete die Jade und sagte: „Merkwürdig! Es sieht schon aus wie sie, aber der Glanz von früher ist ganz verschwunden." — Frau Wang betrachtete sie eine Weile, konnte sie aber auch nicht sicher erkennen, und bat Phönixglanz, sie sich anzusehen. Phönixglanz sagte: „Ähnlich sieht sie schon aus, nur die Farbe stimmt nicht ganz. Am besten zeigen wir sie Bruder Schatzjade selbst, dann wissen wir es." — Dufthauch stand daneben. Auch ihr kam der Stein nicht wie der richtige vor, doch sie sehnte sich so sehr danach, ihn wiederzuhaben, dass sie ihre Zweifel nicht auszusprechen wagte. |
| Hsi-jën stand an ihrer Seite, und konnte einen Blick darauf werfen. Ihre Augen sagten ihr, daß dies nicht der Jade war, aber ihr Herz war zu voll von Hoffnung, um ihrer Stimme zu erlauben, ihre Befürchtungen kundzutun. Hsi-fëng nahm den Stein aus den Händen der Herzoginmutter und ging mit Hsi-jën, ihn Bau-yü zu zeigen, der gerade erwacht war. „Dein Stein wurde gefunden!“, rief Hsi-jën. Bau-yüs Augen waren immer noch müde vom Schlaf. Er nahm den Stein in seine Hand, und ohne lange darauf zu schauen, ließ er ihn auf den Boden fallen. „Na, versuch’ mich für dumm zu verkaufen!“, sagte er und lächelte kalt. Hsi-fëng hob ihn sofort auf. „Das ist merkwürdig“, sagte sie. „Wie kannst du das sagen, ohne einen Blick darauf zu werfen?“ Bau-yü lächelte nur wieder. Die Dame Wang war mittlerweile gekommen und beobachtete, was passierte. „Das ist nur natürlich“, kommentierte sie. „Der seltsame Jadestein kam mit ihm auf die Welt, es ist sein eigener. Er wüßte in jedem Fall, ob dies der echte ist oder nicht. Jemand muß den Belohnungsaushang gelesen haben und ihn gefälscht haben. Die Wahrheit dämmerte ihnen allen. Djia Liän, der alles vom äußeren Zimmer hörte, sagte sofort: |
Phönixglanz nahm die Jade aus den Händen der Herzoginmutter und ging mit Dufthauch zu Schatzjade, der gerade aufgewacht war. Phönixglanz sagte: „Deine Jade ist gefunden!" — Schatzjade, noch schlaftrunken, nahm sie in die Hand, ohne sie richtig anzusehen, und warf sie auf den Boden: „Ihr wollt mich wieder zum Narren halten!" — Dabei lächelte er kalt. Phönixglanz hob sie eilig auf und sagte: „Das ist doch seltsam — woher weißt du das, ohne sie auch nur angesehen zu haben?" — Schatzjade antwortete nicht und lachte nur. Frau Wang war inzwischen auch ins Zimmer gekommen. Als sie ihn so sah, sagte sie: „Da gibt es nichts mehr zu reden. Seine Jade ist mit ihm zur Welt gekommen, ein übernatürliches Ding — natürlich erkennt er es. Jemand muss die Ausschreibung gelesen und eine Fälschung angefertigt haben." — Allen ging ein Licht auf. |
| „Wenn er falsch ist. Dann gib ihn mir! Ich werde ihn zusammen mit dem Betrüger hinauswerfen! Wie kann er es wagen, uns in einer so ernsten Angelegenheit einen Streich zu spielen!“ – „Nicht, Liän!“, rief die Herzoginmutter, „gib ihn ihm zurück und sag’ ihm, er soll gehen. Ohne Zweifel war er hoffnungslos verarmt, und als er den Aushang las, hat er einen Weg gesehen, etwas Geld zu machen. Das ist verständlich. Nun ist er aufgeflogen, und was immer es ihn gekostet hat, das Ding zu machen, wurde auch verschwendet. Sei nicht zu hart zu ihm. Gib ihm den Jadestein zurück und sag’ einfach, es wäre nicht der unsere, und daß es ein Mißverständnis gab. Gib ihm ein paar Taels aus Silber. Wenn die Leute hören, daß er gut behandelt wurde, wird es jemanden mit einer echten Information ermutigen, sich zu melden. Wenn wir ihn so hart behandeln, wird ihn keiner zurückbringen, auch wenn er ihn gefunden hat.“ |
Jia Lian, der im äußeren Zimmer alles hörte, sagte: „Wenn sie falsch ist, gebt sie mir schnell zurück! So einem Betrüger werde ich es zeigen! In einer so ernsten Angelegenheit wagt er es, uns an der Nase herumzuführen!" — Die Herzoginmutter rief dazwischen: „Lian! Gib sie ihm zurück und lass ihn gehen. Der Ärmste hat sicher keinen anderen Ausweg mehr und wollte sich ein paar Tael verdienen, als er von unserer Ausschreibung hörte. Nun hat er für sein Geld eine Fälschung besorgt, und wir haben sie durchschaut. Ich sage: Macht es ihm nicht schwer. Gebt ihm die Jade zurück, sagt, sie sei nicht die unsere, und schenkt ihm ein paar Tael Silber dazu. Wenn die Leute draußen das hören, werden sie die echte Jade eher bringen. Wenn wir diesen Mann bestrafen, wird sich niemand mehr trauen, auch wenn er die echte hätte." |
| Djia Liän tat, worum er gebeten worden war. Der Betrüger hatte im Studierzimmer gewartet, und als die Zeit verging und keiner zurückkehrte, hatte er bereits begonnen, seine Nerven zu verlieren. Nun sah er die zornige Gesicht von Djia Liän, wie er sich dem Zimmer näherte. | Jia Lian ging hinaus. Der Mann wartete noch draußen. Er hatte lange niemanden kommen sehen und wurde schon unruhig. Da sah er Jia Lian wütend herausstürzen. |
| Den Ausgang für das folgende Gespräch lese man bitte im nächsten Kapitel. | Wie es weiterging, erzählt das nächste Kapitel. |
| Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). |