Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 109
< Hongloumeng | DE3-DE4
Jump to navigation
Jump to search
Kapitel 109: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
|---|---|
| 109.Wu-örl teilt die Nachtwache und empfängt die Zuneigung, die für jemand anderen gedacht warYing-tschun muß sich dem Schicksal ergeben und kehrt in die himmlischen Sphären der ursprünglichen Wahrheit zurück. | = Kapitel 109 = |
| Bau-tschai hatte Hsi-jëns ausführlichen Bericht über die Vorfälle im Garten angehört und befürchete, daß sich Bau-yüs Krankheit dadurch wieder verstärken könne. Um dies zu vermeiden, bezog sie sich direkt auf Dai-yüs Sterben und lenkte das Gespräch mit Hsi-jën auf dieses Thema. „Menschen haben bestimmte Gefühle zueinander, wenn sie leben“, sagte sie weiter. „Doch nach dem Tod betritt die Person eine andere Sphäre und wird ein anderes Wesen. Jemand, der weiter lebt, kann immer noch verliebt sein, doch die tote Person, das Objekt dieser Gefühle, weiß davon nichts. Außerdem, wenn Dai-yü eine Fee geworden ist, kann sie einfache Sterbliche nur eingeschränkt wahrnehmen und würde sich kaum dazu herablassen, sich hier unter die Menschen zu mischen. Wenn man sich ängstigt, kann man von bösen Geistern in Besitz genommen werden.“ | == Wu'er empfängt fälschlich Zuneigung im Namen eines duftenden Geistes; == |
| Sie sprach zwar mit Hsi-jën, doch ihre Worte waren eigentlich für Bau-yüs Ohren bestimmt. Hsi-jën bemerkte das und antwortete dazu passend: „Natürlich ist sie keine Fee. Das steht außer Frage. Wenn Fräulein Lins Geist den Garten heimsuchen würde, warum ist sie mir dann niemals im Traum erschienen? Wir waren doch sehr gute Freunde.“ | == Im Kreislauf der Vergeltung kehrt Willkommensfrühling ins Wahre zurück == |
| Bau-yü lauschte von außen und überlegte detailliert: ‚Das ist seltsam! Seit ich das erste Mal von Kusine Lins Tod gehört hatte, habe ich jeden Tag oft an sie gedacht. Doch warum habe ich sie nie in meinen Träumen gesehen? Sie muß im Himmel sein und hält mich für einen dummen Erdling, der unfähig ist, mit höheren Sphären zu kommunizieren. Ich weiß, was zu tun ist: heute Nacht werde ich in einem äußeren Zimmer schlafen. Vielleicht wird sie erst durch meine Rückkehr in den Garten auf meine Gefühle aufmerksam und wird herabsteigen, um mich im Traum zu besuchen. Wenn sie das tut, muß ich sie fragen, wo sie hingegegangen ist, sodaß ich sie öfter sehen kann. Wenn es sich aber andererseits herausstellt, daß sie selbst für einen nächtlichen Besuch zu rein ist, dann muß ich sie für immer aus meinen Gedanken verbannen.‘ | Es wird erzählt, daß Schatzspange[1] [宝钗] Dufthauch[2] [袭人] beauftragt hatte, den wahren Grund herauszufinden. Aus Sorge, Schatzjade[3] [宝玉] könnte vor Kummer krank werden, sprach sie mit Dufthauch absichtlich im Plauderton über Kajaljades [黛玉] letzte Worte vor ihrem Tod, so daß Schatzjade es mithören konnte. Sie sagte: „Solange ein Mensch auf der Welt ist, hat er Gefühle und Empfindungen. Doch nach dem Tode geht jeder seiner eigenen Wege, und es ist keineswegs so wie im Leben. Die Toten sind nicht mehr so, wie sie zu Lebzeiten waren. Die Lebenden mögen noch so sehr an ihnen hängen — die Verstorbenen wissen nichts davon. Zudem hat Fräulein Lin doch gesagt, sie gehe zu den Unsterblichen; sie betrachtet die Sterblichen als unreine, trübe Wesen — wie sollte sie sich noch in der irdischen Welt aufhalten wollen? Nur der eigene Argwohn der Menschen ruft allerlei Dämonen und böse Geister herbei, die einen dann heimsuchen." Obwohl Schatzspange mit Dufthauch sprach, waren die Worte für Schatzjades Ohren bestimmt. Dufthauch verstand und sagte ebenfalls: „So etwas gibt es nicht. Wenn Fräulein Lins Seele wirklich noch im Garten weilte — wir waren doch auch befreundet, warum habe ich dann nicht ein einziges Mal von ihr geträumt?" |
| Als er diese Entscheidung getroffen hatte, sagte er laut: „Ich werde heute Nacht hier draußen schlafen. Ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen.“ | Schatzjade hörte draußen zu und dachte sorgfältig nach: „Es ist wirklich seltsam! Ich weiß, daß Schwester Lin tot ist, und denke jeden Tag unzählige Male an sie — warum habe ich nie von ihr geträumt? Gewiß ist sie in den Himmel aufgestiegen und blickt auf mich gewöhnlichen Sterblichen herab, der nicht mit den Göttern verkehren kann — deshalb habe ich nicht einen einzigen Traum gehabt. Wenn ich heute nacht draußen im Vorzimmer schlafe, oder wenn ich aus dem Garten zurückkomme, wird sie vielleicht mein Herz kennen und mir im Traume erscheinen wollen. Ich muß sie unbedingt fragen, wo sie wirklich hingegangen ist, dann werde ich ihr auch regelmäßig Opfer darbringen. Wenn sie sich aber tatsächlich um dieses trübe Wesen nicht kümmert und kein einziger Traum kommt, dann werde ich auch aufhören, an sie zu denken." Sein Entschluß stand fest, und er sagte: „Ich werde heute nacht draußen im Vorzimmer schlafen. Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern." |
| Bau-tschai wollte sich dem nicht direkt widersetzen, doch warnte ihn: „Komm nicht auf dumme Gedanken!“ Hast du nicht gesehen, wie bekümmert die gnädige Frau [Mutter] war, als sie hörte, daß du im Garten warst? Sie konnte vor Angst kaum sprechen! Du mußt vorsichtig sein. Wenn du wieder etwas Dummes tust, und die alte Dame findet es heraus, wird sie uns die Schuld geben, nicht genug auf dich aufgepaßt zu haben.“ – „So ernst ist das doch nicht“, sagte Bau-yü, „ich möchte hier nur eine Weile sitzen und dann reinkommen. Du bist sicher müde. Geh schlafen und warte nicht auf mich!“ Bau-tschai glaubte, er würde später nachkommen und sagte, sich unwissend stellend: „Nun gut, ich gehe schlafen. Fräulein Hsi[-jën] wird nach dir sehen.“ |
Schatzspange drängte ihn nicht, sondern sagte nur: „Du brauchst nicht so wirre Gedanken zu haben. Hast du nicht gesehen, wie aufgeregt die Mutter war, als du in den Garten gegangen bist, so daß sie kaum ein Wort herausbrachte? Wenn du jetzt noch nicht auf deine Gesundheit achtest und die Großmutter davon erfährt, wird sie wieder sagen, wir kümmerten uns nicht genug." Schatzjade sagte: „Es wird schon nichts sein, ich sitze noch ein Weilchen und komme dann herein. Du bist auch müde, leg dich zuerst schlafen." Schatzspange rechnete damit, daß er ohnehin hereinkommen würde, und sagte zum Schein: „Ich gehe schlafen. Laß die Schwester Dufthauch dich bedienen." |
| Genau darauf hatte Bau-yü gehofft. Er wartete, bis Bau-tschai ins Bett gegangen war, und trug dann Hsi-jën und Schë-yüä auf, sein Bett zu bereiten. Er schickte eine der beiden in regelmäßigen Abständen los, um zu sehen, ob die zweite Herrin [Bau-tschai] bereits schlief oder nicht. Bau-tschai gab vor zu schlafen, obwohl sie tatsächlich hellwach war, und so blieb es die ganze Nacht. Bau-yü fiel darauf herein und sagte zu Hsi-jën: „Ihr könnt jetzt schlafen gehen. Ich bin jetzt nicht mehr traurig. Wenn ihr mir nicht glaubt, bleibt hier, bis ich schlafe und geht. Doch ich möchte später in der Nacht nicht gestört werden.“ Hsi-jën blieb eine Weile, brachte ihn ins Bett und servierte ihm noch etwas Tee. Dann schloß sie die Tür und ging in das innere Zimmer, wo sie noch ein paar gewöhnliche Arbeiten verrichtete und sich dann hinlegte. Sie gab auch vor zu schlafen und lag wach, bereit aufzuspringen, falls Bau-yü sie draußen brauchte. |
Schatzjade hörte das und fand es gerade passend. Als Schatzspange sich niedergelegt hatte, ließ er Dufthauch und Moschusmond[4] [麝月] ein weiteres Bett aufschlagen und schickte ständig jemanden hinein, um nachzusehen, ob die Zweite Herrin schon eingeschlafen sei. Schatzspange tat absichtlich so, als schliefe sie, war aber die ganze Nacht unruhig. Schatzjade glaubte, Schatzspange schlafe, und sagte zu Dufthauch: „Geht alle schlafen, ich bin gar nicht traurig. Wenn du mir nicht glaubst, bediene mich, bis ich eingeschlafen bin, und geh dann hinein; du brauchst mich nur nicht zu wecken." Dufthauch bediente ihn tatsächlich bis zum Einschlafen, stellte Tee bereit, schloß die Tür und ging ins Innenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen, legte sich dann selbst hin und döste nur, bereit, wieder herauszukommen, falls Schatzjade sich regen sollte. |
| Bau-yü schickte die beiden Dienstmädchen der Nachtwache fort; und als er allein war, stand er vorsichtig auf, sprach ein leises Gebet und legte sich wieder hin. Zunächst konnte er nicht einschlafen, dann meditierte er ein wenig, schließlich nickte er ein und schlief die ganze Nacht durch. Als er erwachte, war es bereits hellichter Tag. Er rieb sich die Augen, setzte sich auf und dachte nach. Er hatte traumlos geschlafen. Nichts Besonderes war ihm erschienen. Er seufzte: „Wie das Gedicht besagt, so grübele ich laut: Getrennt durch den Tod wollten die Jahre vor Trauer nicht mehr vergehen; Sogar in meinen Träumen ward ihr Antlitz nicht mehr gesehen.“ Bau-tschai, die im Gegensatz zu Bau-yü die ganze Nacht über nicht geschlafen hatte, hörte ihn diese wohlbekannten tangzeitlichen Verse aus Bo Djü-yis „Lied andauernden Kummers“ zitieren und bemerkte: „Was für ein unangebrachtes Zitat; wäre Kusine Lin noch am Leben, wäre sie wieder böse mit dir, weil du sie mit Yang Guee-fee verglichen hast!“ |
Als Schatzjade sah, daß Dufthauch hineingegangen war, schickte er die beiden Nachtwache haltenden alten Weiber nach draußen. Dann setzte er sich leise auf, murmelte im Stillen einige Gebetsworte und legte sich erst dann nieder. Anfangs konnte er durchaus nicht einschlafen, doch nachdem er sein Herz beruhigt hatte, schlief er unversehens ein und ruhte die ganze Nacht friedlich. Erst als es hell wurde, erwachte er, rieb sich die Augen, saß da und dachte nach — doch er hatte keinen Traum gehabt. Er seufzte und sprach: „So ist es denn: ‚Seit langem trennt der Tod uns voneinander, und doch ist ihre Seele nie im Traum erschienen.'" [5] |
| Bau-yü schämte sich, daß sie ihn gehört hatte. Er kletterte aus dem Bett und ging verschlafen in das innere Zimmer. „Ich wollte letzte Nacht kommen“, sagte er, „doch irgendwie bin ich auf einmal ganz fest eingeschlafen.“ – „Was für einen Unterschied macht es für mich, ob du hergekommen bist oder nicht?“, fragte Bau-tschai. |
Schatzspange hingegen hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als sie hörte, wie Schatzjade draußen diese beiden Verse murmelte, erwiderte sie: „Da hast du dich unbedacht ausgedrückt — wenn Schwester Lin noch am Leben wäre, würde sie sich wieder ärgern." Als Schatzjade das hörte, wurde es ihm verlegen zumute, und er stand auf, kam verlegen herein und sagte: „Eigentlich wollte ich hereinkommen, doch weiß ich nicht, wie es kam — ich bin einfach eingenickt." Schatzspange sagte: „Ob du hereinkommst oder nicht, was geht mich das an!" |
| Hsi-jën hatte auch nicht geschlafen, und wie sie die beiden reden hörte, eilte sie herüber, um Tee anzubieten. In diesem Moment kam eine jüngere Magd der alten Dame. „Hat der zweite Herr Bau[-yü] letzte Nacht gut geschlafen?“, fragte sie. „Wenn ja, werden dann der zweite Herr Bau[-yü] und die zweite Herrin Bau[-tschai] bitte hinübergehen, wenn sie sich angekleidet haben?“ – „Bitte teilen Sie der gnädigen Frau mit“, antwortete Bau-tschai, „daß Herr Bau-yü überaus gut geschlafen hat und umgehend vorbeikommen wird.“ Die Magd brach mit dieser Nachricht auf. Bau-tschai machte sich sofort zurecht und in Begleitung von Ying-örl und Hsi-jën ging sie zuerst zur Herzoginmutter. Dann erwies sie der Dame Wang und Hsi-fëng ihre Referenz, bevor sie wieder zu den Gemächern der Herzoginmutter zurückkehrte. Ihre Mutter war gerade angekommen. „Wie ging es Bau-yü letzte Nacht?“, wollten alle wissen. „Sobald wir zu Hause angekommen waren, ist er schlafen gegangen,“ berichtete Bau-tschai. „Es ging ihm gut.“ |
Auch Dufthauch hatte nicht geschlafen. Als sie die beiden reden hörte, stand sie eilig auf und brachte Tee. Da kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter[6] [贾母] herüber und fragte: „Hat der Zweite Herr Schatzjade letzte Nacht ruhig geschlafen? Wenn ja, soll er sich bald mit der Zweiten Herrin frisieren und herüberkommen." Dufthauch sagte: „Geh und melde der Herzoginmutter, daß Schatzjade letzte Nacht sehr ruhig geschlafen hat; er kommt gleich." Das kleine Mädchen ging. Schatzspange machte sich eilig zurecht, und Oriole [莺儿], Dufthauch und die anderen folgten ihr. Zuerst ging sie zur Herzoginmutter und erwies ihr die Ehre, dann zu Frau Wang[7] [王夫人], danach zu Phönixglanz[8] [王熙凤] — allen machte sie ihren Besuch. Dann kehrte sie zur Herzoginmutter zurück und traf auch ihre Mutter an. Alle fragten: „Geht es Schatzjade abends gut?" Schatzspange sagte: „Er hat sich gleich hingelegt und geschlafen, es gab nichts." Alle waren beruhigt und plauderten noch ein wenig. |
| Sie waren erleichtert, dies zu hören, und die Unterhaltung berührte mehrere andere Themen. Nun trat eine jüngere Magd ein und gab Bescheid, daß die zweite Herrin [Ying-tschun] nach Hause gehen wollte: „Der Herr Schwiegersohn Sun schickte jemanden zur ersten Dame [Hsing], um sich zu beschweren; die gnädige Herrin besprach sich mit dem vierten Fräulein [Hsi-tschun], um zu sagen, daß sie [Fräulein Ying-tschun] nicht aufgehalten werden solle, sondern umgehend nach Hause zurückkehren dürfe. Die zweite Herrin [Ying-tschun] ist gerade bei der gnädigen Herrin. Sie ist sehr traurig und weint. Sie wird nun vorbeikommen, um sich von der gnädigen Frau [Herzoginmutter] zu verabschieden.“ Die Herzoginmutter war über Ying-tschuns bevorstehende Abreise sehr betrübt. „Warum mußte das Schicksal ein so süßes Kind wie das zweite Fräulein [Ying-örl] mit so einem Menschen [Sun] zusammenbringen! Sie wird ihn den Rest ihres Lebens ertragen müssen. Das arme Mädchen wird ihr Leben lang keinen Ausweg finden!“ |
Da kam ein kleines Mädchen herein und sagte: „Die Zweite Herrin Schwägerin will zurückfahren. Es heißt, daß von Schwager Suns Seite Leute gekommen sind und bei der Ersten Herrin einiges besprochen haben. Die Erste Herrin hat zum Quartier der Vierten Herrin schicken lassen und sagen lassen, man brauche sie nicht mehr aufzuhalten, sie solle gehen. Jetzt weint die Zweite Herrin Schwägerin bei der Ersten Herrin; wahrscheinlich kommt sie gleich, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden." Als die Herzoginmutter und alle es hörten, waren sie äußerst betrübt und sagten: „Willkommensfrühling[9] [迎春] ist doch eine so feine Person — warum muß das Schicksal ihr ausgerechnet solch einen Menschen bescheren? Ihr ganzes Leben lang kann sie den Kopf nicht heben — wie soll das nur enden?" |
| Während sie sprachen, kam Ying-tschun herein, sie hatte geweint. Die Familie war immer noch damit beschäftigt, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, deswegen bemühte sie sich, beim Abschied nicht zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß Ying-tschun ihre Abreise nicht verzögern durfte und versuchte nicht, sie aufzuhalten. „Du machst dich am besten auf den Weg“, sagte sie, „doch bitte, so schlecht die Dinge auch stehen, versuche die Dinge positiv zu sehen! Er ist, wer er ist, und du wirst ihn kaum ändern können. In einigen Tagen werde ich wieder jemanden schicken, der dich zu einem Besuch einlädt.“ – „Oh Großmutter!“ schluchzte Ying-tschun, „du hast mich immer geliebt! Doch es hat keinen Zweck! Ich weiß, ich werde niemals wiederkommen!“ Sie konnte sich nicht länger zusammenreißen und brach in Tränen aus. „Nun komm schon!“, alle versuchten, sie aufzuheitern: „Natürlich kommst du wieder! Sei doch dankbar, daß du nicht am anderen Ende der Welt lebst wie die arme dritte Schwester [Tan-tschun]. Sie hat kaum die Möglichkeit, jemals wieder hierherzukommen.“ Die Erwähnung von Tan-tschun rührte die Herzoginmutter und die Damen nur noch mehr zu Tränen. Doch da es Bau-tschais Geburtstag war, schlug wieder jemand einen optimistischeren Ton an: „Wer weiß? Wenn der Friede an der Küste wieder hergestellt ist, könnte Tan-tschuns Schwiegervater zurück in die Hauptstadt geschickt werden, und dann können wir sie wieder sehen!“ „Aber natürlich!“ stimmten alle ein. Ying-tschun mußte nun ihren Kummer so gut wie möglich zurückhalten und brach auf. Sie führten sie hinaus und kehrten zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo die Feier für den Rest des Tages bis in den Abend fortgesetzt wurde. Als sie sahen, daß die Herzoginmutter müde wurde, zogen sich alle in ihre Gemächer zurück. |
Während sie noch redeten, trat Willkommensfrühling herein, das Gesicht voller Tränenspuren. Da es Schatzspanges Geburtstag war, schluckte sie die Tränen hinunter, verabschiedete sich von allen und wollte gehen. Die Herzoginmutter kannte ihr Leid und versuchte sie nicht gewaltsam zurückzuhalten, sondern sagte nur: „Geh nur zurück, aber sei nicht traurig. Einen solchen Menschen zu treffen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. In ein paar Tagen schicke ich jemanden, der dich wieder abholt." Willkommensfrühling sagte: „Die Großmutter hat mich von Anfang an geliebt, doch jetzt kann sie nichts mehr für mich tun. Die Ärmste, ich habe keine Gelegenheit mehr, wiederzukommen." Dabei strömten ihr die Tränen. Alle trösteten sie: „Was soll denn daran sein, daß du nicht wiederkommen könntest? Du bist doch nicht wie deine Dritte Schwester, die so weit weg ist, daß ein Wiedersehen schwierig wäre." Als die Herzoginmutter und die anderen an Willkommensfrühlings Dritte Schwester [探春] dachten, begannen unwillkürlich alle zu weinen. Da es Schatzspanges Geburtstag war, rissen sie sich zusammen und sagten: „So schwierig ist das auch nicht — wenn die Küstenprovinzen befriedet sind und die dortigen Anverwandten in die Hauptstadt versetzt werden, dann kann man sich wiedersehen." Alle sagten: „Ja, so wird es wohl sein." |
| Nur Frau Hsüä ging nach dem Abschied von der Herzoginmutter zu Bau-tschai und sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr überlebt, und wenn er nur eine Kaiserliche Begnadigung erhielte und sein Urteil gemildert würde, könnte er sein Bußgeld zahlen und frei kommen. Die letzten paar Jahre waren unerträglich einsam für mich! Ich hatte überlegt, ob ich nicht die Hochzeit deines zweiten älteren Bruders [Kë] in die Wege leiten sollte, was denkst du?“ | Willkommensfrühling mußte trauernd Abschied nehmen. Alle geleiteten sie hinaus und kehrten dann zur Herzoginmutter zurück. Von morgens bis abends war wieder ein ganzer Tag vergangen. Als die Leute sahen, daß die Herzoginmutter erschöpft war, zerstreuten sich alle. |
| „Du bist besessen davon, nicht wahr, Mama?“, antwortete Bau-tschai. „Das Freien des älteren Bruders [Pan] ist so übel ausgegangen, und du bist besorgt, daß es dem zweiten Bruder [Kë] genauso ergehen wird. Nun, mein Rat wäre, es zu tun. Du kennst den Charakter von Fräulein Hsing [Hsiu-yän] und hast deshalb nichts zu befürchten. Das Leben war für sie noch nie einfach. Wenn sie einmal in unsere Familie eingeheiratet hat, wird es ihr trotz unserer Armut besser gehen, und sie ist nicht mehr so von anderen abhängig.“ „In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä, „wirst du es der gnädigen Frau erzählen, wenn du die Gelegenheit dazu hast? Bei mir ist niemand zu Hause und sie sollte sich einen günstigen Tag dafür aussuchen.“ „Besprich es nur mit dem zweiten Bruder [Kë] und suche ihr einen Tag aus“, sagte Bau-tschai, „dann kannst du es der gnädigen Frau und der ersten Dame [Hsing] wissen lassen und die Hochzeit planen. Ich bin sicher, die erste Dame [Hsing] wird überglücklich sein, wenn sie Hsiu-yän verheiratet hat.“ – „Ich habe heute gehört, daß Fräulein Shï [Hsiang-yün] nach Hause geht“, sagte Frau Hsüä. „Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester [Bau-tjin] ein paar Tage hier bei dir bleibt. Auch sie wird bald heiraten, deshalb solltest du die Gelegenheit nutzen und dich gut mit ihr unterhalten.“ „Das werde ich, Mama.“ Frau Hsüä blieb noch eine Weile bei ihrer Tochter und ging, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, nach Hause. |
Nur Tante Schnee[10] [薛姨妈] verabschiedete sich von der Herzoginmutter und ging zu Schatzspange hinüber. Sie sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr hinter sich; man muß bis zu einer kaiserlichen Amnestie warten, bis seine Strafe gemildert und er ausgelöst werden kann. Diese paar Jahre — wie soll ich das allein und verlassen aushalten? Ich möchte deinen Zweiten Bruder [Xue Ke 薛蝌] verheiraten — was meinst du?" Schatzspange sagte: „Mutter hat Angst bekommen wegen der Heirat des älteren Bruders und zweifelt deshalb auch an der Sache des zweiten Bruders. Meiner Meinung nach sollte man es unbedingt tun. Die Xing-Schwägerin [Xing Xiuyan 邢岫烟] kennt Mutter ja — sie hat es hier auch recht schwer. Wenn man sie heiratet, mögen wir auch arm sein, aber es ist allemal besser, als bei fremden Leuten unterzukommen." Tante Schnee sagte: „Wenn du Gelegenheit hast, geh und sag es der Herzoginmutter — sag ihr, daß unser Haus niemanden hat und wir einen günstigen Tag wählen wollen." Schatzspange sagte: „Mutter soll nur mit dem Zweiten Bruder besprechen und einen guten Tag wählen, dann herüberkommen und es der Herzoginmutter und der Ersten Herrin sagen, sie heimführen, und damit ist die Sache erledigt. Die Erste Herrin hier kann es auch kaum erwarten, daß sie geheiratet wird." Tante Schnee sagte: „Heute habe ich gehört, daß auch die Xiang-Schwägerin [Shi Xiangyun 史湘云] bald zurückkehren wird. Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester noch ein paar Tage hierbleibt, deshalb ist sie geblieben. Ich denke, auch sie wird nicht mehr lange bleiben — ihr Schwestern solltet noch ein paar Tage miteinander plaudern." Schatzspange sagte: „Ganz recht." Daraufhin saß Tante Schnee noch eine Weile, verabschiedete sich von allen und ging heim. |
| Laßt uns nun zu Bau-yü zurückkehren. Als er am Abend wieder in seinen Gemächern war, dachte er über die Erfahrung der letzten Nacht nach. Es gab keinen Zweifel daran, daß Dai-yü ihm nicht erschienen war. Das konnte zwei Dinge bedeuten: entweder war sie wirklich eine Fee geworden und hielt sich fern davon, mit einem Grobian wie ihm zu verkehren. Oder er war nur zu ungeduldig. Er entschied sich für die zweite Alternative und beschloß, das Experiment noch einmal zu wagen. Er hatte eine Idee: „Irgendwie habe ich letzte Nacht“, sagte er zu Bau-tschai, „als ich draußen schlief, viel ruhiger geschlafen als sonst innen. Beim Aufwachen fühlte ich mich entspannt und erfrischt. Ich dachte, ich sollte es für ein paar Nächte wiederholen. Doch ich nehme an, ihr [du und Hsi-jën] habt wieder etwas einzuwenden.“ | Nun wird erzählt, daß Schatzjade am Abend in sein Zimmer zurückkehrte und bei sich dachte: „Letzte Nacht ist Kajaljade mir wirklich nicht im Traum erschienen. Vielleicht ist sie schon zur Unsterblichen geworden und will sich deshalb einem so trüben Wesen wie mir nicht zeigen — das ist durchaus möglich. Oder aber ich war zu ungeduldig — auch das kann sein." Er ersann einen Plan und sagte zu Schatzspange: „Ich bin gestern zufällig draußen eingeschlafen, und es scheint, als hätte ich draußen ruhiger geschlafen als drinnen. Heute morgen fühlte ich mich auch klarer im Kopf. Ich möchte noch zwei Nächte draußen schlafen, aber ihr werdet mich wohl wieder daran hindern." |
| Als Bau-tschai ihn früh am Morgen das Gedicht hatte rezitieren hören, wußte Bau-tschai, daß die Erinnerung an Dai-yü ihn dazu inspirierte. Sie wußte, daß sie seine Besessenheit mit Worten nicht mildern konnte und folgerte, daß sie ihn ruhig zwei Nächte draußen verbringen lassen konnte und er es schon bald aufgeben würde. Dennoch erschreckte sie die Tatsache, daß er so fest geschlafen hatte, während sie selbst wach gelegen hatte. „Was für ein Unsinn!“, antwortete sie, „warum sollten wir etwas einwenden? Wenn du dort schlafen möchtest, nur zu. Komm nur nicht auf dumme Gedanken! Du öffnest dich ja doch nur, damit böse Geister von dir Besitz ergreifen können.“ |
Schatzspange hörte es und wußte genau, daß die Verse, die er am Morgen gemurmelt hatte, natürlich Kajaljades wegen gewesen waren. Da sie bedachte, daß sein eigensinniges Naturell nicht umzustimmen war, hielt sie es für besser, ihn zwei Nächte schlafen zu lassen, damit er sich die Sache vielleicht von selbst aus dem Kopf schlage; zudem hatte sie gehört, daß er in der vergangenen Nacht durchaus ruhig geschlafen hatte. Sie sagte: „Was für ein Unsinn! Schlaf nur, wir halten dich doch nicht auf. Nur denk dir nicht lauter wirres Zeug aus und ruf damit Dämonen und Spukgestalten herbei." Schatzjade lachte: „Wer denkt denn an so etwas?" |
| Bau-yü lachte: „Was soll ich denn davon halten?“ Hsi-jën sagte: „Ich denke, Sie sollten besser innen schlafen. Draußen ist es schwerer, Sie zu bedienen. Sie könnten sich vielleicht erkälten…“ Bevor Bau-yü antworten konnte, warf Bau-tschai Hsi-jën einen bedeutungsvollen Blick zu. „Nun gut“, sagte Hsi-jën, „Sie sollten zumindest jemanden mitnehmen, der Ihnen etwas bringt, wenn Sie Tee möchten.“ Bau-yü lachte: „Na, wenn du das sagst, dann komm doch mit!“ Hsi-jën errötete sofort und sagte nichts. Bau-tschai wußte, daß Hsi-jën für solch eine Neckerei zu empfindsam war, und antwortete für sie: „Sie [Hsi-jën] bleibt jetzt bei mir. Ich denke, sie sollte hier bleiben. Schë-yüä und Wu-örl können nach dir sehen. Außerdem hat Hsi-jën den ganzen Tag damit verbracht, mit mir herumzulaufen und ist müde. Sie verdient Ruhe.“ Bau-yü lächelte und ging aus dem Zimmer. |
Dufthauch sagte: „Ich rate dem Zweiten Herrn, doch lieber im Zimmer zu schlafen. Draußen kann man nicht gleich nach dem Rechten sehen, und wenn Ihr Euch erkältet, ist das auch nicht gut." Schatzjade wollte gerade antworten, da machte Schatzspange Dufthauch ein Zeichen mit den Augen. Dufthauch verstand und sagte: „Na gut, dann laß wenigstens jemanden bei dir sein, der dir nachts Tee und Wasser bringen kann." Schatzjade lachte: „Wenn schon, dann komm du mit mir." Dufthauch wurde es peinlich zumute, augenblicklich errötete sie bis über beide Ohren und sagte kein Wort. Schatzspange kannte Dufthauchs gesetztes Wesen und sagte: „Sie ist es gewohnt, bei mir zu sein — laß sie nur bei mir. Moschusmond und Wu'er [五儿] können sich um dich kümmern. Außerdem hat sie heute den ganzen Tag mit mir herumgewirtschaftet und ist müde — laß sie ein wenig ausruhen." |
| Bau-tschai trug Schë-yüä und Wu-örl auf, sein Bett im äußeren Zimmer aufzustellen. „Schlaft nicht so fest“, wies sie sie an, „und seid bereit, ihm etwas zu bringen, wenn er danach verlangt.“ Die beiden stimmten zu und gingen hinaus, um Bau-yü aufrecht auf dem Bett sitzen zu sehen, die Augen geschlossen und die Hände zusammen wie ein Mönch in Meditation. Sie wagten es nicht, ein Wort zu sagen, starrten ihn jedoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Bau-tschai schickte Hsi-jën hinein, um zu sehen, ob sie gebraucht wurde, und Hsi-jën fand dieses ebenfalls sehr lustig. „Zeit zu schlafen“, flüsterte sie. „Warum beginnst du zu dieser Nachtstunde zu meditieren?“ Bau-yü öffnete seine Augen und blickte sie an. „Ihr könnt jetzt alle ins Bett gehen“, verkündete er. „Ich werde noch eine Weile hier sitzen und dann schlafen gehen.“ „Letzte Nacht“, sagte Hsi-jën, „hieltet ihr die zweite Herrin [Bau-tschai] die ganze Nacht bis in den Morgen wach. Ihr wollt das doch bestimmt nicht wiederholen?“ Bau-yü sah ein, daß, wenn er nicht schlafen ging, es niemand tun würde und kletterte ins Bett. Hsi-jën gab Schë-yüä und den anderen ein paar letzte Anweisungen und ging in das innere Zimmer, um zu schlafen, schloß die Tür dabei hinter sich. |
Schatzjade ging lachend hinaus. Schatzspange wies Moschusmond und Wu'er an, für Schatzjade im Vorzimmer wieder ein Bett aufzuschlagen, und ermahnte die beiden: „Schlaft mit einem offenen Auge; ob Tee, ob Wasser — seid aufmerksam." Die beiden sagten ja und kamen heraus. Da sahen sie Schatzjade aufrecht auf dem Bett sitzen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet — wahrhaftig wie ein Mönch. Die beiden wagten nicht zu sprechen und konnten ihn nur anblicken und kichern. Schatzspange schickte Dufthauch noch hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Als Dufthauch ihn so sah, mußte sie auch lachen und rief leise: „Es ist Zeit zu schlafen — was sitzt du denn da und meditierst?" Schatzjade öffnete die Augen, sah Dufthauch und sagte: „Geht nur alle schlafen, ich sitze noch ein Weilchen und lege mich dann hin." Dufthauch sagte: „Weil du gestern so warst, hat die Zweite Herrin die ganze Nacht nicht geschlafen. Wenn du so weitermachst, was soll denn das werden?" Schatzjade merkte, daß niemand schlafen würde, solange er selbst nicht schlief, und legte sich gehorsam nieder. Dufthauch ermahnte Moschusmond noch mit einigen Worten und ging dann hinein, schloß die Tür und schlief. Hier räumten Moschusmond und Wu'er ihre Betten zusammen und warteten, bis Schatzjade eingeschlafen war, dann legten sie sich selbst hin. |
| Schë-yüä und Wu-örl bereiteten ihre Betten und warteten darauf, daß Bau-yü vor ihnen einschlief. Doch er blieb hartnäckig wach. Als er sie dabei sah, wie sie die Betten machten, dachte er plötzlich an die Zeit, als Hsi-jën fort war und Tjing-wën und Schë-yüä übrig waren, um nach ihm zu sehen. Damals ging Schë-yüä in die Nacht hinaus, und Tjing-wën versuchte, ihr einen Streich zu spielen und sie zu erschrecken. Sie war zu leicht angezogen und hatte sich deshalb erkältet. Es war diese Kälte, die letztendlich dazu führte, daß sie starb. Als er so nachdachte, war sein Kopf erfüllt mit Erinnerungen an Tjing-wën. Dann fiel ihm ein, wie Hsi-fëng Wu-örl einst mit Tjing-wën verglichen hatte, ‚das lebende Abbild‘ waren ihre Worte. Kaum merkbar übertrugen sich seine alten Gefühle gegenüber Tjing-wën auf Wu-örl. Er lag dort, gab vor zu schlafen und beobachtete sie heimlich. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr verwunderte ihn die Ähnlichkeit und desto erregter fühlte er sich. Im inneren Raum war alles still. ‚Sie müssen schlafen’, dachte er bei sich. Doch er mußte feststellen, dass Schë-yüä auch schon eingeschlafen war. Er rief ihren Namen mehrere Male und es kam keine Antwort. Wu-örl hörte es trotzdem: „Was wollt ihr, Herr?“ |
Doch Schatzjade wollte schlafen und konnte nicht. Als er sah, wie die beiden ihre Betten richteten, fiel ihm plötzlich ein: „In jenem Jahr, als Dufthauch nicht zu Hause war, bedienten mich Heitermuster[11] [晴雯] und Moschusmond. Nachts ging Moschusmond hinaus, und Heitermuster wollte sie erschrecken; weil sie nichts übergezogen hatte, erkältete sie sich, und schließlich ist sie an eben dieser Krankheit gestorben." Bei diesem Gedanken wandten sich alle seine Gedanken Heitermuster zu. Dann fiel ihm ein, daß Phönixglanz gesagt hatte, Wu'er sei Heitermuster wie ein Ebenbild, und er übertrug seine Sehnsucht nach Heitermuster auf Wu'er. Er tat so, als schliefe er, und beobachtete Wu'er verstohlen — je länger er schaute, desto mehr glich sie Heitermuster. Unwillkürlich regte sich wieder sein eigensinniges Wesen. Er lauschte und hörte, daß es im Innenzimmer still geworden war — dort schlief man also. Doch er wußte nicht, ob Moschusmond schon schlief, und rief absichtlich zwei Mal — doch niemand antwortete. |
| „Ich möchte meinen Mund waschen.“ Wu-örl konnte sehen, daß Schë-yüä schlief, erhob sich dann eilig aus dem Bett, entzündete eine Kerze und gab Bau-yü eine Tasse Tee, hielt den Spucknapf dabei in der anderen Hand. Sie mußte sich beim Umziehen beeilen und trug über ihrem Nachtgewand nur ein rosafarbenes, seidenes Jäckchen. Ihr offenes Haar lag wild auf ihrem Kopf . Wie er sie ansah, konnte sich Bau-yü nur zu gut vorstellen, daß Tjing-wën von den Toten auferstanden sei. Plötzlich erinnerte er sich an Tjing-wëns Worte: „Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten.“ Er starrte Wu-örl wie besessen an, vergaß dabei die Teekanne in ihrer ausgestreckten Hand. |
Wu'er hörte, daß Schatzjade nach jemandem rief, und fragte: „Was wünscht der Zweite Herr?" Schatzjade sagte: „Ich möchte mir den Mund ausspülen." Wu'er sah, daß Moschusmond bereits schlief, und stand widerwillig auf, putzte die Kerze, goß eine Tasse Tee ein und hielt mit der anderen Hand die Spülschale. Da sie eilig aufgestanden war, trug sie nur ein dünnes pfirsichrotes Seidenjäckchen und hatte das Haar lose hochgesteckt. Als Schatzjade hinblickte, war es wahrhaftig, als sei Heitermuster wiedererstanden. Da fielen ihm Heitermusters Worte ein: „Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten" — und er starrte sie geistesabwesend an, ohne den Tee zu nehmen. |
| Seit der Abreise von Fang-guan hatte Wu-örl ihre Idee völlig aufgegeben, jemals [in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zum Dienst] zu kommen. Doch dann, als Hsi-fëng Anweisungen gab, sie in Bau-yüs Dienst aufzunehmen, war sie davon noch mehr begeistert als Bau-yü selbst. Zu ihrer Überraschung machte nach ihrer Ankunft die besondere und erhabene Art, wie Bau-tschai und Hsi-jën sich benahmen, einen großen Eindruck auf sie, und sie war von großem Respekt und großer Bewunderung erfüllt, wohingegen Bau-yü im Gegensatz dazu zu einem völligen Blödian verkommen zu sein schien und nicht annähernd so gut aussah wie sonst. Außerdem wußte sie, daß die Dame Wang bereits Mägde entlassen hatte, die mit Bau-yü geflirtet hatten, und sie entschloß sich daher, jeden verrückten und romantischen Gedanken ihn betreffend zu verwerfen. Doch jetzt war er hier, dieser Einfaltspinsel, der in dieser Nacht offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte. Sie wußte nichts von dem Prozess, durch welchen seine Gefühle für Tjing-wën auf sie übertragen wurden. | Jene Wu'er hatte, seit Duftköpfchen [芳官] fortgegangen war, eigentlich kein Herz mehr gehabt, hierher zu kommen. Später, als sie hörte, daß Phönixglanz sie hereinbeordert hatte, um Schatzjade zu bedienen, war sie noch ungeduldiger als Schatzjade selbst, der auf ihr Kommen wartete. Doch als sie dann wirklich da war und sah, wie Schatzspange und Dufthauch gleichermaßen vornehm und gesetzt waren, empfand sie in ihrem Herzen aufrichtige Bewunderung. Zudem bemerkte sie, daß Schatzjade sich verrückt und töricht benahm, nicht mehr so anmutig wie früher. Und sie hatte gehört, daß Frau Wang alle Mädchen, die mit Schatzjade gescherzt hatten, hinausgeworfen hatte. Deshalb legte sie ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und ihre frühere schwärmerische Zuneigung ganz beiseite. |
| Ihre Wangen brannten. Sie wagte nicht, etwas Lautes zu sagen, doch flüsterte: „Zweiter Herr [Bau-yü], bitte wascht jetzt Euren Mund!“ Er lächelte und nahm die Tasse in die Hand. Sie konnte nicht sagen, ob er seinen Mund nun wusch oder nicht, als Nächstes wußte sie, daß er kicherte, und sie fragte: „Bist Du Tjing-wëns Freundin?“ Wu-örl verstand nicht, was mit ihm los war. „Natürlich! Wir kamen alle gut miteinander aus.“ Bau-yü dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern: „Als Tjing-wën so krank war, habe ich sie besucht. Warst du nicht auch da?“ |
Doch an diesem Abend behandelte der eigensinnige junge Herr sie wie Heitermuster und begann sie zu umhegen. Wu'er war längst vor Scham über beide Wangen errötet, wagte aber nicht laut zu sprechen und sagte nur leise: „Zweiter Herr, spült Euch doch den Mund." Schatzjade nahm lächelnd die Tasse in die Hand — ob er sich den Mund gespült hatte oder nicht, war unklar — und fragte dann grinsend: „Du warst doch mit Schwester Heitermuster befreundet, nicht wahr?" Wu'er wußte nicht, wovon er sprach, und sagte: „Wir waren alle Schwestern, es gab nichts, was nicht gut gewesen wäre." Schatzjade fragte leise weiter: „Als Heitermuster schwer krank war und ich sie besuchte — warst du da nicht auch dabei?" Wu'er lächelte leicht und nickte. Schatzjade fragte: „Hast du gehört, was sie gesagt hat?" Wu'er schüttelte den Kopf: „Nein." |
| Wu-örl lächelte und nickte. „Hast du sie irgend etwas sagen hören?“, fragte Bau-yü. Wu-örl schüttelte den Kopf und sagte: „Habe ich nicht.“ Bau-yü hielt Wu-örls Hand. Er schien völlig hingerissen zu sein. Sie errötete stark, und ihr Herz schlug heftig. „Aber zweiter Herr [Bau-yü]!“, flüsterte sie, „was ist los mit Ihnen, sagen Sie es mir. Hören Sie schon auf, sich so zu benehmen.“ |
Schatzjade war bereits ganz entrückt und ergriff Wu'ers Hand. Wu'er erschrak und errötete, ihr Herz klopfte wild, und sie sagte leise: „Zweiter Herr, wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es ruhig, aber bitte kein Zerren und Ziehen." Schatzjade ließ sie erst dann los und sagte: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten.' Wie kannst du das nicht gehört haben?" |
| Bau-yü ließ ihre Hand los. „Sie [Tjing-wën] hatte damals gesagt: ‚Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten...‘ Hast du es auch gehört?“ Nun war Wu-örl völlig klar, was für ein „anderes Verhalten“ er im Sinn hatte. Sie fühlte sich herausgefordert: „Wenn es das ist, was sie sagte, hätte sie sich schämen sollen! Kein ehrbares Mädchen hätte so etwas vorgeschlagen!“ – „Halte mir doch kein Predigt!“, antwortete Bau-yü irritiert. „Ich dachte daran, wie ähnlich du ihr [Tjing-wën] siehst, deshalb erzählte ich dir, was sie sagte. Wie kannst du sie nur so beschimpfen?“ Wu-örl konnte Bau-yüs wahre Absichten nun gar nicht mehr erkennen. |
Wu'er hörte das und merkte deutlich, daß diese Worte auf sie selbst abzielten, wagte aber nichts zu erwidern und sagte: „Das war doch ihr eigenes schamloses Gerede — können wir Mädchen so etwas sagen?" Schatzjade rief aufgeregt: „Wieso bist auch du so ein Moralprediger? Ich sehe, daß du ihr aufs Haar gleichst, deshalb sage ich dir diese Dinge — wie kannst du sie mit solchen Worten beschmutzen?" Wu'er wußte in diesem Augenblick nicht, was Schatzjade eigentlich meinte, und sagte: „Es ist spät in der Nacht, Zweiter Herr, legt Euch schlafen. Sitzt nicht die ganze Zeit auf, Ihr könntet Euch erkälten. Was haben die Herrin und Schwester Dufthauch vorhin gesagt?" Schatzjade sagte: „Mir ist nicht kalt." |
| „Es ist spät“, sagte sie, „ihr solltet wirklich besser schlafen und nicht so sitzen. Ihr könntet euch erkälten. Habt ihr nicht gehört, was die Herrin [Bau-tschai] und Schwester Hsi-jën vorhin gesagt haben?“ – „Ich friere nicht“, sagte Bau-yü. Wie er dies sagte, bemerkte er erst, daß Wu-örl höchst unangemessen gekleidet war und sie sich schnell eine fiebrige Erkältung holen könnte, wie es Tjing-wën passiert war. „Warum hast du dir keinen richtigen Umhang angezogen?“, fragte er sie. „Ihr habt gerufen, und es klang wichtig“, antwortete sie. „Ich hatte kaum Zeit, mich anzukleiden. Hätte ich gewußt, daß ihr nur auf solches Geplauder aus seid, hätte ich mir etwas anderes angezogen.“ |
An dieser Stelle fiel ihm plötzlich ein, daß Wu'er keinen Mantel anhatte, und er fürchtete, sie könnte sich wie Heitermuster erkälten. Er fragte: „Warum bist du herübergekommen, ohne dir etwas überzuziehen?" Wu'er sagte: „Der Herr hat so dringend gerufen, wo hätte ich Zeit gehabt, mich erst ordentlich anzuziehen? Hätte ich gewußt, daß wir so lange reden, hätte ich mich auch angezogen." Schatzjade nahm sogleich seinen eigenen mondweißen Seidenwattejacke, die über ihn gebreitet lag, und reichte sie Wu'er, damit sie sich darin einwickle. Wu'er weigerte sich anzunehmen und sagte: „Der Zweite Herr soll sich zudecken, mir ist nicht kalt; wenn mir kalt ist, habe ich meine eigenen Sachen." |
| Bau-yü reichte Wu-örl eine hellblaue Seidenjacke, die auf dem Bett lag und forderte sie auf, diese anzuziehen. Doch sie lehnte ab. „Behaltet sie, mir ist nicht kalt. Außerdem habe ich selbst einen guten Umhang.“ Sie ging hinüber zu ihrem Bett, um sich ihren Umhang zu besorgen. Sie horchte für einen Moment. Schë-yüä schlief fest. Sie ging langsam zurück zu Bau-yü: „Ich dachte, ihr wolltet heute eine ruhige Nacht haben?“ Bau-yü lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, war dies nie meine Absicht. Eigentlich wollte ich ja eine Fee treffen.“ Seine Worte bestätigten ihren Verdacht. „Wen meinen Sie denn?“ „Das sag’ ich dir gern“, antwortete er, „doch das ist eine lange Geschichte. Du kommst besser her und setzt dich zu mir, dann erzähle ich es dir.“ „Doch Sie beanspruchen schon das ganze Bett“, protestierte Wu-örl, errötete wieder und lächelte schüchtern, „wie kann ich dann neben Ihnen sitzen?“ – |
Damit ging sie zu ihrem Bett zurück und zog eine lange Jacke über. Sie horchte — Moschusmond schlief tief und fest. Dann kam sie langsam herüber und sagte: „Wollte der Zweite Herr heute nacht nicht den Geist beruhigen?" Schatzjade lachte: „Ich sage es dir ehrlich — was ‚Geist beruhigen', ich wollte eigentlich Unsterblichen begegnen." Wu'er wurde immer mißtrauischer und fragte: „Welchen Unsterblichen begegnen?" Schatzjade sagte: „Wenn du es wissen willst, das ist eine lange Geschichte. Setz dich neben mich, dann erzähle ich es dir." Wu'er errötete und lachte: „Ihr liegt da im Bett — wie soll ich mich denn setzen?" Schatzjade sagte: „Was macht das schon? In jenem kalten Winter spielten deine Schwester Heitermuster und Schwester Moschusmond miteinander. Ich fürchtete, sie könne frieren, und nahm sie sogar mit unter eine Decke. Was ist schon dabei? Im allgemeinen soll man sich nicht so affig und heuchlerisch anstellen." |
| „Warum nicht? In einer Nacht jenen Jahres, als das Wetter kalt war, blieben deine Schwestern Schë-yüä und Tjing-wën aus Spaß auf. Damals befürchtete ich, daß sie [Tjing-wën] Fieber bekommt, deshalb habe ich sie unter meine Decke geholt, um sie warm zu halten. Was ist so schlimm daran? Die Leute sollten nicht so prüde sein.“ | Wu'er hörte es, und Satz für Satz klangen Schatzjades Worte wie Schmeichelei — doch wußte sie nicht, daß dieser eigensinnige junge Herr jedes Wort von Herzen meinte. Wu'er wußte in diesem Augenblick weder, ob sie gehen, stehen oder sich setzen sollte, und war ganz ratlos. Sie blickte ihn aus den Augenwinkeln an, preßte die Lippen zusammen und kicherte: „Hört auf, solches Zeug zu reden — wenn jemand das hört, was soll der denken? Kein Wunder, daß die Leute sagen, Ihr wendet Eure ganze Mühe nur an die Mädchen. Ihr habt doch die Zweite Herrin und Schwester Dufthauch, die wie Göttinnen sind — und mißt Euch lieber mit anderen herum. Wenn Ihr morgen wieder so redet, gehe ich zur Zweiten Herrin und sage es — dann schauen wir mal, wie Ihr den Leuten ins Gesicht blickt!" |
| Wu-örl glaubte, er sagte das nur im Spaß. Sie wußte nicht, daß er jedes Wort meinte, wie er es sagte. Sie überlegte, daß sie kaum entkommen konnte, und wenn sie doch blieb, wäre es ohnehin heikel für sie, ob sie stünde oder säße. Sie blickte ihn an und ihr Gesicht wandelte sich in ein Lächeln: „Sagen Sie nicht so etwas Dummes! Die Leute könnten das hören. Kein Wunder, daß Sie so einen Ruf haben. Wie können Sie immer noch so weiter flirten mit zwei feengleiche Frauen wie die zweite Herrin [Bau-tschai] und Schwester Hsi-jën an Ihrer Seite! Wenn Sie so etwas nochmal versuchen sollten, muß ich es am nächsten Tag Frau Bau-tschai berichten. Und dann haben Sie einen Grund, sich zu schämen!“ | Gerade als sie das sagte, hörten sie draußen ein dumpfes Poltern, und beide erschraken. Im Innenzimmer hustete Schatzspange. Schatzjade hörte es und legte hastig den Finger auf die Lippen. Wu'er löschte eilig die Lampe und legte sich leise hin. In Wahrheit hatten Schatzspange und Dufthauch, da sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tagsüber den ganzen Tag geschuftet hatten, so fest geschlafen, daß sie ihr Gespräch gar nicht gehört hatten. Als es im Hof polterte, fuhren sie jäh aus dem Schlaf, lauschten eine Weile und hörten nichts mehr. |
| Während sie sprach, gab es draußen einen plötzlichen Lärm, der sie beide erschreckte und kurz danach hörte man, wie Bau-tschai im inneren Zimmer keuchte. Bau-yü machte eine schnelle Handbewegung, Wu-örl löschte umgehend die Lampe, um unbemerkt in ihr Bett zu verschwinden. In der Tat waren früher am Abend Bau-tschai und Hsi-jën beide direkt schlafen gegangen, erschöpft von ihren vorigen schlaflosen Nächten und den Anstrengungen des Tages, und beide hatten während des Gesprächs zwischen Bau-yü und Wu-örl fest geschlafen. Es war der plötzliche Lärm im Hof, der sie geweckt hatte. Sie horchten nach einem weiteren Geräusch, doch alles blieb ruhig. Bau-yü hatte sich währenddessen wieder hingelegt und dachte bei sich: | Schatzjade lag im Bett und grübelte: „Sollte Schwester Lin gekommen sein, unser Gespräch gehört und uns absichtlich erschreckt haben?" Er wälzte sich hin und her, in wirren Gedanken, und erst nach der fünften Nachtwache fiel er in einen leichten Schlummer. |
| „Diesen Lärm hat Kusine Lin gemacht! Sie kam, und als sie mich mit Wu-örl sprechen hörte, wollte sie uns erschrecken.“ Im Liegen drehte und wälzte er sich, tausend wilde Vorstellungen rasten durch seinen Kopf, und kurz vor dem Morgengrauen nickte er ein. Bau-yüs Versuchungen hinterließen bei Wu-örl ein schlechtes Gewissen, und als Bau-tschai keuchte, fürchtete sie, daß sie gehört worden waren, und lag die ganze Nacht grübelnd wach. Sie stand früh am Morgen auf und, wie sie Bau-yü dort tief schlafen sah, räumte sie leise das Zimmer auf. Schë-yüä war bereits wach. „Warum bist du so früh auf?“, fragte sie Wu-örl. „Sag’ nicht, du warst die ganze Nacht über wach.“ |
Nun wird erzählt, daß Wu'er, die Schatzjades alberne Reden eine halbe Nacht lang über sich hatte ergehen lassen, überdies durch Schatzspanges Husten ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie fürchtete, Schatzspange könnte alles gehört haben. Sie grübelte vor und zurück und schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und sah, daß Schatzjade noch in tiefem Schlummer lag. Leise räumte sie das Zimmer auf. Inzwischen war Moschusmond wach geworden und sagte: „Warum bist du so früh aufgestanden? Hast du etwa die ganze Nacht nicht geschlafen?" Als Wu'er das hörte, glaubte sie, Moschusmond wüßte Bescheid, und konnte nur verlegen lächeln, ohne zu antworten. Bald standen auch Schatzspange und Dufthauch auf und öffneten die Tür. Als sie sahen, daß Schatzjade noch schlief, wunderten sie sich: „Wie kommt es, daß er draußen zwei Nächte lang so ruhig geschlafen hat?" |
| Dies brachte Wu-örl auf den Verdacht, daß auch Schë-yüä sie gehört hatte. Sie lächelte gezwungen und sagte nichts. Dann standen Bau-tschai und Hsi-jën auf, öffneten die Tür und traten in das äußere Zimmer, wo sie sehr überrascht waren, Bau-yü immer noch schlafen zu sehen. Es verwirrte sie, daß er zwei Nächte hintereinander so ruhig geschlafen hatte. | Als Schatzjade erwachte und sah, daß alle schon auf waren, sprang er hastig auf. Er rieb sich die Augen und dachte sorgfältig nach — auch letzte Nacht hatte er nicht geträumt; die Wege der Unsterblichen und Sterblichen waren also wirklich getrennt. Langsam stieg er aus dem Bett und erinnerte sich an Wu'ers gestrige Worte, daß Schatzspange und Dufthauch wie himmlische Göttinnen seien — das war eigentlich gar nicht falsch. So starrte er Schatzspange geistesabwesend an. |
| Als Bau-yü aufwachte und alle um sich stehen sah, setzte er sich sofort auf und rieb sich die Augen. Er dachte an die Nacht zurück. Nein, es hatte immer noch keinen Traum gegeben. Er war niemandem begegnet. Er tröstete sich selbst mit den Worten des alten Sprichwortes: ‚Feen und Sterbliche beschreiten verschiedene Pfade, die sich niemals kreuzen.’ Als er langsam aus seinem Bett kletterte, klangen ihm Wu-örls Worte über Bau-tschai und Hsi-jën immer noch in den Ohren: „zwei so feengleiche Frauen“. Ja, das stimmte, dachte er bei sich und starrte Bau-tschai an. Bau-tschai glaubte, es müsse wieder etwas mit Dai-yü zu tun haben, obwohl sie sich nicht danach erkundigt hatte, ob sein Traum ertragreich war oder nicht. Sie fühlte sich schnell unbehaglich unter seinem penetranten Starren und fragte schließlich: „Nun, bist du letzte Nacht einer Fee begegnet oder nicht?“ Bau-yü folgerte daraus, daß sie sein tête-à-tête mit Wu-örl gehört haben mußte. Er lachte nervös und antwortete mit gespielter Überraschung: „Was meinst du?“ |
Schatzspange sah sein Starren und wußte, daß es wegen Kajaljade war, doch sie konnte nicht sicher sein, ob er geträumt hatte oder nicht. Nur daß sein Starren sie selbst verlegen machte. Sie sagte: „Bist du gestern nacht einer Unsterblichen begegnet?" Schatzjade hörte es und glaubte, Schatzspange habe das Gespräch von gestern abend gehört. Er lachte verlegen und sagte gezwungen: „Was für ein Unsinn!" Als Wu'er das hörte, wurde sie nur noch nervöser, wagte aber nichts zu sagen und beobachtete nur Schatzspanges Miene. Schatzspange fragte Wu'er lächelnd: „Hast du gehört, ob der Zweite Herr im Schlaf geredet hat?" Schatzjade hörte das, konnte nicht mehr sitzen bleiben und schlüpfte verlegen davon. |
| Wu-örl für ihren Teil fühlte sich nur noch schuldiger und beobachtete still Bau-tschais Reaktion. Bau-tschai wandte sich danach an sie und fragte mit einem Lächeln: „Nun, hat der zweite Herr [Bau-yü] während seines Schlafes letzte Nacht geredet?“ Hier stammelte Bau-yü nun einige unzusammenhängende Entschuldigungen und verließ ängstlich das Zimmer. Wu-örl errötete sofort und antwortete so ausweichend wie möglich: „In der frühen Nacht sagte er etwas, doch ich habe es nicht ganz verstanden. Etwas wie ,hätte ich gewußt, daß die Dinge so stehen, dann…‘ und dann irgendwas wie ‚völlig anders verhalten’. Ich konnte nicht verstehen, was er zu sagen versuchte, deshalb sagte ich ihm nur, er solle versuchen zu schlafen. Dann schlief ich selbst ein, und wenn er noch etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht gehört.“ |
Wu'er errötete tief und sagte nur vage: „In der ersten Nachthälfte hat er ein paar Sätze gesagt, ich habe nicht genau zugehört. Etwas von ‚einen falschen Ruf getragen' und ‚keinen ordentlichen Entschluß gefaßt' — ich habe es nicht verstanden und den Zweiten Herrn zum Schlafen ermahnt. Danach bin ich auch eingeschlafen und weiß nicht, ob der Zweite Herr noch weiter geredet hat." Schatzspange senkte den Kopf und überlegte: „Diese Worte beziehen sich eindeutig auf Kajaljade. Doch wenn ich ihn ständig draußen schlafen lasse, könnte sein Geist sich verirren und allerlei Blumen- und Weidengespenster herbeirufen. Zudem lag sein altes Leiden ja immer in seiner tiefen Zuneigung zu den Schwestern. Man muß einen Weg finden, seine Zuneigung auf mich zu lenken, dann wird es vielleicht Ruhe geben." Bei diesem Gedanken errötete sie unwillkürlich, und auch ihr wurde es verlegen zumute. So ging sie linkisch ins Zimmer, um sich frisieren und waschen zu lassen. |
| Bau-tschai neigte gedankenvoll ihren Kopf: „Das hat offensichtlich etwas mit Dai-yü zu tun. Wenn ich ihn weiter draußen schlafen lasse, bekommt er mehr von diesen wirren Ideen in den Kopf, und wer weiß, was für merkwürdige Feenerscheinungen dann kommen? Es ist die Schwachheit unseres Geschlechtes, die uns verwundbar macht. Wie kann ich ihn nur für mich gewinnen? Wenn das nur jemals aufhören würde.“ Als sie so dachte, errötete sie stark, und ging schnell zurück ins innere Zimmer, um sich anzukleiden. |
Nun wird berichtet, daß die Herzoginmutter an den beiden festlichen Tagen etwas zuviel gegessen hatte und sich am Abend unwohl fühlte. Am nächsten Tag hatte sie ein Völlegefühl in der Brust. Mandarinenente[12] [鸳鸯] und die anderen wollten Aufrecht Kaufmann[13] [贾政] benachrichtigen, doch die Herzoginmutter verbot es ihnen und sagte: „Ich war in den letzten Tagen etwas gierig und habe zuviel gegessen. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, wird es schon besser. Macht nur ja keinen Lärm!" So sagten Mandarinenente und die anderen niemandem Bescheid. |
| Während der zweitägigen Geburtstagsfeier hatte die Herzoginmutter zu viel gegessen und am zweiten Abend hatte sie ein Völlegefühl sowie einen Druck in der Brust. Am folgenden Tag fühlte sie sich im Magen ganz aufgebläht, was Yüan-yang Djia Dschëng berichten wollte. Doch die Herzoginmutter unterband dies: „Ich war über die letzten Tage nur beim Essen etwas zu gierig. Wenn ich eine Weile faste, werde ich mich schnell erholen. Macht doch deshalb kein Aufhebens.“ Also berichtete es Yüan-yang niemandem. An diesem Abend, als Bau-yü in seine Gemächer zurückkehrte und Bau-tschai hereinkommen sah, um die Herzoginmutter und die Dame Wang zu begrüßen, erinnerte er sich an den morgendlichen Zwischenfall und errötete vor Scham. Bau-tschai bemerkte seine Verlegenheit sofort. ‚In solchen extremen Gefühlssituationen‘, dachte sie bei sich, ,ist für manche der einzige Ausweg die Manipulation dieser Gefühle selbst.‘ „Wirst du heute wieder draußen schlafen?“, fragte sie. Bau-yü schien diese Angelegenheit nicht mehr dringend verfolgen zu wollen: „Eigentlich ist es mir egal.“ |
Am Abend dieses Tages kehrte Schatzjade in sein Zimmer zurück. Schatzspange war gerade von ihrem Besuch bei der Herzoginmutter und Frau Wang zurückgekommen. Schatzjade dachte an die peinliche Angelegenheit vom Morgen und schämte sich. Schatzspange sah ihn so und wußte, daß es ihm unangenehm war. Da sie bedachte, daß er ein leidenschaftlicher Mensch war, mußte man seine Krankheit wohl mit Leidenschaft heilen. Sie überlegte und fragte Schatzjade dann: „Willst du heute abend wieder draußen schlafen?" Schatzjade fühlte sich beschämt und sagte: „Drinnen oder draußen, das ist alles dasselbe." Schatzspange wollte noch etwas sagen, aber es kam ihr nicht über die Lippen. |
| Bau-tschai fiel keine passende Erwiderung ein und war etwas verlegen. „Was soll das denn jetzt?“ protestierte Hsi-jën. „Ich glaube nicht, daß man draußen so gut schlafen kann.“ Wu-örl sagte sofort: „Der zweite Herr [Bau-yü] hat eine friedliche Nacht verbracht, unabhängig von seinem Gerede im Schlaf. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, was er sagte, aber es schien sinnvoll, nicht mit ihm darüber zu streiten.“ – |
Dufthauch sagte: „Laßt doch, was soll das für eine Ordnung sein? Ich glaube nicht, daß er so ruhig geschlafen hat." Wu'er hörte das und warf schnell ein: „Wenn der Zweite Herr draußen schläft, gibt es weiter nichts — nur redet er gern im Schlaf, man versteht kein Wort, und man traut sich auch nicht, ihm zu widersprechen." Dufthauch sagte: „Heute nacht werde ich draußen auf dem Bett schlafen und nachsehen, ob er im Schlaf redet oder nicht. Bringt einfach das Bettzeug des Zweiten Herrn ins Innenzimmer, dann ist es erledigt." |
| „Ich werde heute Nacht mit ihm im Bett schlafen,“ kündigte Hsi-jën an, „dann weiß ich, was er nachts redet. Du kannst damit anfangen, des zweiten Herrns [Bau-yüs] Decke ins innere Zimmer zurückzubringen.“ Bau-yü fühlte sich für einen Einwand zu schuldig und wollte Bau-tschai trösten. Sie befürchtete, zu viel Selbstbeobachtung und Kummer könnten seine Gesundheit gefährden. Dies brachte sie nur dazu, noch zärtlicher zu ihm zu sein. Sie versuchte ganz bewußt, seine Zuneigung für sich zu gewinnen, und suchte seine Nähe, um Dai-yüs Platz in seinem Herzen zu erobern. Hsi-jën ging an diesem Abend doch draußen schlafen. Bau-yü verhielt sich reuevoll gegenüber Bau-tschai, und Bau-tschai hatte natürlich nicht die Absicht, ihn abzuweisen. In ihrer Hochzeitsnacht waren sie sich das erste Mal körperlich näher gekommen, auf diese Weise kosteten sie die vollen Früchte der ehelichen Vereinigung. Doch davon später mehr. |
Schatzspange hörte das und sagte nichts. Schatzjade schämte sich — wie hätte er da noch widersprechen können? Also fügte er sich und zog wieder ins Innenzimmer. Zum einen wollte Schatzjade sein Vergehen gutmachen und Schatzspanges Herz beruhigen; zum anderen fürchtete Schatzspange, Schatzjade könnte vor Grübelei krank werden, und zeigte ihm lieber etwas Zärtlichkeit und Nähe — eine List, um die Blume zu verpflanzen und den Stamm zu wechseln [14]. So schlief Dufthauch tatsächlich an diesem Abend draußen. Schatzjade hatte natürlich die Absicht, sein Vergehen abzubüßen, und Schatzspange war natürlich nicht abgeneigt, den Gast zu empfangen. Von der Hochzeitsnacht bis zum heutigen Tage war es erst jetzt so weit, daß Regen und Wolken sich süß vereinten und Dunst und Nebel sich harmonisch vermischten [15]. Fortan „verbanden sich Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen fügten sich wunderbar zusammen und verdichteten sich" [16]. Doch dies ist eine spätere Geschichte. |
| Als Bau-tschai und Bau-yü am Morgen aufstanden, ging sich Bau-yü waschen und begab sich zur Herzoginmutter. Sie hatte an diesem Morgen den plötzlichen Drang, ihrem geliebten Enkelsohn Bau-yü und ihrer ergebenen Schwiegerenkelin Bau-tschai einen Gefallen zu tun und hatte Yüan-yang aufgetragen, eine der Truhen zu öffnen und einen antiken Jadefingerring der Han-Dynastie herauszuholen, ein Familienerbstück von ihr. Sie wußte, daß es nicht mit Bau-yüs originaler Jade zu vergleichen war, doch hielt sie es trotzdem für ein besonderes Schmuckstück. Yüan-yang fand es und gab es der Herzoginmutter. „So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Wie konnte die gnädige Frau sich nach all den Jahren daran erinnern, wo es war? Die gnädige Frau wußten genau, welche Ecke in welcher Truhe. Mit diesen Anweisungen konnte ich es sofort finden. Wofür brauchen Sie ihn, Herrin?“ – „Du kannst nichts über diesen Jadestein wissen“, antwortete die Herzoginmutter, „ursprünglich gab ihn mein Urgroßvater meinem Vater. Als ich verheiratet war, schickte mein Vater nach mir, um mir dieses Geschenk zu machen. Er sagte mir, es sei ein sehr kostbarer Jadestein der Han-Dynastie. Mit dem Stein sollte ich mich an ihn erinnern. Zu dieser Zeit war ich sehr jung und habe kaum darüber nachgedacht. Ich habe ihn nur in die Truhe gelegt. Und als ich herkam, um hier zu leben und so viele andere Schätze um mich sah, schien er mir nicht mehr so besonders. Ich habe ihn noch nicht einmal getragen. Er muß über sechzig Jahre in der Truhe gelegen haben. Heute dachte ich, was für ein ergebener Enkelsohn Bau-yü für mich ist; und seit er seinen eigenen Jadestein verloren hat, dachte ich, ich könnte ihm diesen geben, aus demselben Grund wie ihn mein Vater mir gab.“ Und da traf Bau-yü auch schon ein. „Komm her“, sagte die Herzoginmutter, „komm und sieh dir etwas an!“ Bau-yü ging zu dem Ofenbett, auf dem sie lag, und die Herzoginmutter überreichte ihm den Jadestein. Er nahm ihn in die Hände und schaute ihn an. Sein Umfang betrug etwa eine Handbreit, mit seiner elliptischen Form ähnelte er einer langen Melone mit rötlichem Farbton. Es war ein sehr schönes Stück Handarbeit. Bau-yü war überaus begeistert. |
Am nächsten Morgen standen Schatzjade und Schatzspange gemeinsam auf. Schatzjade machte sich zurecht und ging als erstes zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter, die Schatzjade liebte und auch an Schatzspanges Pietät dachte, fiel plötzlich ein bestimmter Gegenstand ein. Sie ließ Mandarinenente eine Truhe öffnen und ein von den Vorfahren vererbtes Jadestück aus der Han-Dynastie herausnehmen — ein Jade-Jue [17]. Zwar kam es nicht an Schatzjades eigenen Jadestein heran, doch am Körper getragen war es durchaus kostbar. Mandarinenente fand es und reichte es der Herzoginmutter, wobei sie sagte: „Dieses Stück habe ich anscheinend noch nie gesehen. Die Herzoginmutter erinnert sich nach all den Jahren noch so genau — sie sagte, in welcher Truhe, in welchem Kästchen es lag, und ich brauchte nur hinzugreifen. Wozu läßt die Herzoginmutter es jetzt heraussuchen?" Die Herzoginmutter sagte: „Das weißt du nicht. Dieses Jadestück hat mein Urgroßvater meinem Großvater gegeben. Mein Großvater liebte mich, und als ich heiratete, ließ er mich zu sich kommen und gab es mir eigenhändig. Er sagte noch: ‚Dieses Jade stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr kostbar. Wenn du es trägst, ist es, als sähest du mich.' Damals war ich noch klein; ich nahm es und machte mir nichts daraus — warf es einfach in die Truhe. Als ich hierherkam, sah ich, daß unsere Familie ohnehin viele Schätze besaß; was war das schon? Ich habe es nie getragen und über sechzig Jahre lang vergessen. Heute, da Schatzjade so voller Pietät ist und seinen Jadestein verloren hat, dachte ich daran, es herauszuholen und ihm zu geben — ganz im Sinne meines Großvaters, der es mir einst schenkte." |
| „Gefällt er dir?“, fragte die Herzoginmutter. „Er wurde mir von meinem Urgroßvater übergeben und nun gebe ich ihn dir.“ Bau-yü lächelte und sprach, ein Knie auf den Boden hinunterlassend, seinen Dank aus und meinte, er würde ihn gern seiner Mutter zeigen. „Wenn sie ihn sieht, wird sie es deinem Vater erzählen“, ermahnte ihn die Herzoginmutter, „und dann wird er sagen, daß ich dich mehr liebe als ich ihn geliebt habe. Sie haben ihn noch niemals gesehen.“ Bau-yü lächelte und ging hinaus, Bau-tschai blieb noch eine Weile und sprach noch ein wenig mit der Herzoginmutter, bevor sie ging. |
Als Schatzjade seine Aufwartung gemacht hatte, sagte die Herzoginmutter freudig: „Komm her, ich zeige dir etwas." Schatzjade trat ans Bett, und die Herzoginmutter reichte ihm das Han-Jade. Schatzjade betrachtete es: Es war etwa drei Zoll im Umfang, melonenförmig, rötlich schimmernd und äußerst fein gearbeitet. Schatzjade pries es in den höchsten Tönen. Die Herzoginmutter fragte: „Gefällt es dir? Mein Urgroßvater hat es mir gegeben — ich vererbe es dir." Schatzjade lachte, machte eine tiefe Verbeugung zum Dank und wollte es seiner Mutter zeigen. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn deine Mutter es sieht und es deinem Vater erzählt, wird er wieder sagen, ich liebte die Enkel mehr als die Söhne. Die haben es noch nie gesehen." Schatzjade ging lachend davon. Schatzspange und die anderen wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich ebenfalls. |
| Die Herzoginmutter fastete zwei Tage, doch immer noch fühlte sich ihr Magen schmerzhaft aufgebläht an, sie begann zu keuchen und ihr wurde schwindelig. Die Damen Wang und Hsing sowie Hsi-fëng fanden sie in gutem Zustand, als sie ihren Pflichtbesuch abstatteten, doch sie überbrachten Djia Dschëng die Nachricht, daß er vorbeischauen solle. Er eilte sofort zu ihr und rief nach einem Arzt, der ihren Puls messen und eine Diagnose geben solle. Der Arzt erschien umgehend und verkündete nach seiner Untersuchung, daß diese Umstände nichts Ungewöhnliches für eine Person im Alter der Herzoginmutter seien. Eine fehlerhafte Diät habe leichtes Fieber verursacht, was durch die Einnahme eines Beruhigungsmittels schnell gelindert würde. Er schrieb das Rezept und als Djia Dschëng sah, daß es nichts Besonderes enthielt, trug er einer der Mägde auf, die Zutaten zusammenzubrauen und das Gemisch der Herzoginmutter zu verabreichen. | Von da an nahm die Herzoginmutter zwei Tage lang keine Nahrung zu sich. Die Brust war immer noch aufgebläht, und sie fühlte Schwindel und Husten. Frau Xing[18] [邢夫人], Frau Wang, Phönixglanz und andere kamen, um nach ihr zu sehen. Da die Herzoginmutter noch bei gutem Geist war, ließen sie nur Aufrecht Kaufmann informieren, der sogleich kam und nach ihr sah. Aufrecht Kaufmann ging hinaus und rief sofort einen Arzt. Nach kurzer Zeit kam der Arzt, untersuchte den Puls und sagte, es handle sich bei einer betagten Person um eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung; ein wenig verdauungsanregende und schweißtreibende Medizin, und alles werde gut. Er schrieb ein Rezept. Aufrecht Kaufmann sah es sich an, erkannte gewöhnliche Kräuter und ließ die Medizin kochen und verabreichen. Danach kam Aufrecht Kaufmann morgens und abends, um nach der Herzoginmutter zu sehen. |
| Djia Dschëng besuchte die Herzoginmutter morgens und abends. Nach drei Tagen, als immer noch keine Besserung eintrat, sagte Djia Dschëng zu Djia Liän: „Du mußt einen besseren Arzt herbestellen, daß er so schnell wie möglich nach der gnädigen Frau sehen kann. Ich fürchte, ein einfacher Arzt wird dafür nicht ausreichen.“ Djia Liän überlegte einen Moment und sagte: „Ich erinnere mich daran, wie Bau-yü vor einer Weile krank war, da besorgten wir zuletzt auch einen Arzt, der streng genommen auch nur ein gewöhnlicher Hausarzt war – und am Ende ging es Bau-yü doch wieder besser. Warum holen wir ihn nicht wieder her?“ – „Medizin ist eine durchaus raffinierte Kunst“, Djia Dschëng überlegte laut, „und manchmal werden die fähigsten Mediziner nicht als solche erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“ Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu. |
Drei Tage vergingen ohne Besserung. Aufrecht Kaufmann befahl Kette Kaufmann [贾琏]: „Erkundige dich nach einem guten Arzt und hole ihn schnell, um die Herzoginmutter zu untersuchen. Die Ärzte, die wir gewöhnlich rufen, scheinen mir nicht besonders gut zu sein — deshalb schicke ich dich." Kette Kaufmann überlegte und sagte: „Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr, als Bruder Schatzjade krank war, ein Arzt gerufen wurde, der gar nicht praktizierte, und der hat ihn geheilt. Warum suchen wir nicht ihn?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Die Heilkunst ist in der Tat äußerst schwierig; gerade die Ärzte, die nicht in Mode sind, haben oft die größte Begabung. Schick sofort Leute, ihn zu suchen." Kette Kaufmann ging eilig und kam zurück mit der Nachricht: „Dieser Doktor Liu ist kürzlich aufs Land gezogen, um als Lehrer zu arbeiten, und kommt nur alle zehn Tage in die Stadt. Jetzt können wir nicht so lange warten. Ich habe einen anderen bestellt, der kommt gleich." Aufrecht Kaufmann hörte es und mußte sich damit abfinden. |
| Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter. Bei einer Gelegenheit, als sie alle in den Gemächern versammelt waren, kam eine der alten Frauen, deren Aufgabe es war, das Seitentor des Gartens zu bewachen, mit einer Botschaft. „Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün, die zur Zeit im Garten ist, hat gehört, daß die Herzoginmutter krank ist und kommt daher zu Besuch.“ – „Sie kommt so selten“, kommentierten alle, „geht und laßt sie sofort vor!“ Hsi-fëng ging zum Bett der Herzoginmutter, um es ihr zu erzählen, und Hsiu-yän, Miau-yüs alte Freundin, ging hinaus, um sie zu empfangen. Miau-yü trug die Kopfbedeckung einer ungeschorenen Schwester und einen mondweißen Seidenumhang mit dem Flickwerk einer langen, ärmellosen Jacke darüber, abgesetzt mit Seide in wasserblauer Farbe. Sie hatte ihren Umhang mit einer in herbstlichen Farben gewebten Binde geschlossen, worunter sie einen langen, weißen damast-seidenen Rock, mit hellgrauen Mustern verziert, trug. In einer Hand hielt sie eine Gebetskette. Sie folgte der Dienerin und schritt würdevoll herein. Hsiu-yän begrüßte sie: „Als ich auch noch im Garten wohnte, konnte ich öfter kommen und Sie sehen. Doch in letzter Zeit gibt es wenige Diener im Garten, und es ist schwer für mich, allein hinauszugehen. Darüberhinaus ist das Seitentor oft geschlossen. Deswegen konnte ich Euch so lange nicht besuchen. Wie schön es ist, euch heute wiederzusehen!“ – „Ihr und die anderen wart hier immer in geschäftigem Treiben“, antwortete Miau-yü. „Deshalb konnte ich euch, auch als Ihr noch im Garten gewohnt hattet, nicht oft besuchen. Doch ich habe von dem derzeitigen Ärger gehört und erfuhr, daß die Herzoginmutter krank ist. Ich habe an euch gedacht und wollte Bau-tschai sehen. Was für einen Unterschied macht es für mich, ob die Tore geschlossen sind oder nicht? Ich wollte kommen und kam. Wenn ich mich entschieden hätte, nicht zu kommen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob mich jemand sehen wollte.“Hsiu-yän lachte. „Du hast dich wirklich kein bißchen verändert!“ Dann betraten sie das Zimmer der Herzoginmutter. Alle Damen hießen Miau-yü willkommen und sie ging an das Bett, erkundigte sich nach der Gesundheit der alten Dame und unterhielt sich ein wenig mit ihr. |
Als die Herzoginmutter krank lag, kamen alle Frauen des Hauses täglich, um nach ihr zu sehen. Eines Tages, als alle versammelt waren, kam die alte Frau, die die Gartenpforte bewachte, herein und meldete: „Die ehrwürdige Meisterin Miao[19] [妙玉] aus dem Grünlack-Kloster [栊翠庵] im Garten hat von der Krankheit der Herzoginmutter erfahren und kommt eigens, um nach ihr zu sehen." Die Leute sagten: „Sie kommt sonst nicht oft herüber; wenn sie heute eigens kommt, bittet sie schnell herein." Phönixglanz ging zum Bett und meldete es der Herzoginmutter. Xiuyan[20] [邢岫烟], die Meisterin Miao von früher kannte, ging als erste hinaus, um sie zu empfangen. Sie sah Meisterin Miao mit der Miaochangguan-Haube auf dem Kopf [21], in einem mondweißen Seidenhemd, darüber eine lange Weste aus wasserblauem Atlas mit eingefaßtem Rand, mit einer herbstgelben Seidenkordel gegürtet, darunter einen weißen Seidenrock mit blasser Tuschmalerei. In der Hand hielt sie einen Fliegenwedel und einen Rosenkranz, und eine Dienerin folgte ihr — so kam sie herangeschwebt. Xiuyan begrüßte sie und sagte: „Als ich noch im Garten wohnte, konnte ich dich oft besuchen. Seit weniger Leute im Garten wohnen, kommt man als einzelne Frau nicht leicht heraus, und außerdem ist unsere Gartenpforte meist geschlossen — deshalb habe ich dich in letzter Zeit nicht gesehen. Welch glückliches Treffen heute!" Meisterin Miao sagte: „Früher wart ihr alle in eurer lebhaften Gesellschaft, und obwohl du auch im äußeren Garten wohntest, schickte es sich für mich nicht, ständig zu kommen. Nun weiß ich, daß es hier nicht mehr so gut steht; ich habe gehört, daß die Herzoginmutter krank liegt; ich denke an dich und will auch Fräulein Schatzspange sehen. Ob ihr die Türen sperrt oder nicht — wenn ich kommen will, komme ich; und wenn ich nicht kommen will, könnt ihr mich auch nicht herbeirufen!" Xiuyan lachte: „Du hast noch immer dein altes Temperament." |
| „Du bist ein weiblicher Boddhisattva“, sagte die alte Dame, „sag’ mir, wird es mir besser gehen oder nicht?“ „Eine wohltätige und tugendhafte Person wie sie, Herzoginmutter, wird gewiß ein sehr hohes Alter erreichen“, antwortete Miau-yü. „Sie haben eine leichte Erkältung, und ich bin sicher, ein wenig Medizin wird alles wieder in Ordnung bringen. In ihrem Alter ist es wichtig, sich auszuruhen.“ – „Meine Krankheit liegt nicht an den unglücklichen Umständen“, sagte die Herzoginmutter. „Ich war immer frohen Mutes. Ich weiß nicht, warum ich derzeit Druck in der Brust und einen aufgeblähten Magen habe. Der letzte Arzt, den ich sah, sagte, daß ich mich in letzter Zeit etwas überanstrengt habe. Doch du weißt ganz genau, daß niemand wagt, mich aufzuregen! Ich glaube, der Arzt wußte nicht recht, wovon er sprach. Ich sagte Liän, der erste Arzt habe Recht gehabt. – Ich habe nur Magenbeschwerden und eine Erkältung. Liän sollte ihn morgen wieder herbestellen.“ Sie rief Yüan-yang zu sich: „Sag’ in der Küche Bescheid, es soll etwas Vegetarisches zubereitet werden, sodaß Schwester Miau-yü etwas essen kann, während sie hier ist.“ – „Ich habe bereits gegessen“, sagte Miau-yü, „ich möchte nichts.“ – „Auch wenn du nichts essen möchtest“, sagte die Dame Wang, „bleibe und plaudere doch noch mit uns.“ – „Nun gut, es ist lange her, daß ich das letzte Mal hier war. Ich wollte sowieso wissen, wie es euch allen geht.“ Sie sprach noch etwas länger mit ihnen und sagte dann, daß sie gehen müsse. Wie sie sich umblickte, sah sie Hsi-tschun. „Warum siehst du so dünn aus, viertes Fräulein [Hsi-tschun]?“, fragte sie. „Du darfst dich beim Malen nicht zu sehr erschöpfen.“ „Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gemalt“, sagte Hsi-tschun. „Das Zimmer, das ich bewohne, hat zu wenig Licht. Außerdem ist mir zur Zeit nicht nach Malen.“ – „Wo lebst du denn jetzt?“, fragte Miau-yü. „In einem Zimmer östlich des Tores, durch das Ihr eben gekommen seid“, antwortete Hsi-tschun. „Es ist nicht weit, schau’ ruhig mal vorbei.“ – „Das werde ich eines Tages“, antwortete Miau-yü, „wenn ich mich in der richtigen Verfassung dazu befinde.“ Hsi-tschun und die anderen führten sie hinaus und unterhielten sich beim Gehen. Als sie zurückkamen, informierten sie die Mägde, daß der Arzt bei der Herzoginmutter sei, und sie gingen alle ihrer Wege. |
Während sie sprachen, gelangten sie ins Zimmer der Herzoginmutter. Alle begrüßten sich. Meisterin Miao trat ans Bett der Herzoginmutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wobei sie einige Höflichkeitsfloskeln sagte. Die Herzoginmutter sprach: „Du bist eine weibliche Bodhisattva — sag mir, ob meine Krankheit zu heilen ist oder nicht." Meisterin Miao sagte: „Ein so gütiger Mensch wie die Herzoginmutter hat gewiß noch viele Lebensjahre. Eine vorübergehende Erkältung — ein paar Rezepte, und es wird schon besser. Bei betagten Personen kommt es nur darauf an, sich nicht zu viele Sorgen zu machen." Die Herzoginmutter sagte: „Mir geht es gar nicht um solche Dinge — ich suche von jeher gern das Vergnügen. Diese Krankheit spüre ich kaum, nur die Brust ist mir beklemmt. Vorhin sagte der Arzt, es komme von Kummer und Ärger. Du weißt doch selbst — wer wagte es, mir Ärger zu bereiten? Ist das nicht ein Beweis, daß der Arzt den Puls nur mittelmäßig liest? Ich habe zu Kette Kaufmann gesagt, der erste Arzt, der Erkältung und Verdauungsstörung diagnostizierte, lag richtig — morgen soll er ihn wieder holen." Dann rief sie Mandarinenente: „Sag der Küche, sie soll ein rein vegetarisches Mahl zubereiten — die ehrwürdige Meisterin Miao soll hier zu Mittag essen." Meisterin Miao sagte: „Ich habe schon zu Mittag gegessen; ich esse nichts mehr." Frau Wang sagte: „Dann setz dich wenigstens noch ein Weilchen, und wir plaudern." Meisterin Miao sagte: „Ich habe euch schon lange nicht gesehen; heute kam ich, um nach euch zu sehen." Sie unterhielt sich noch eine Weile und wollte dann gehen. Da sah sie Xichun[22] [惜春] stehen und fragte: „Warum ist die Vierte Schwester so mager geworden? Du solltest nicht so viel malen und dein Herz anstrengen." Xichun sagte: „Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Die Räume, in denen ich jetzt wohne, sind nicht so hell wie im Garten — deshalb habe ich keine Lust mehr zu malen." Meisterin Miao fragte: „Wo wohnst du denn jetzt?" Xichun sagte: „Gleich östlich von der Pforte, durch die du eben gekommen bist. Wenn du mich besuchen willst, ist es ganz nah." Meisterin Miao sagte: „Wenn mir danach ist, komme ich dich besuchen." Xichun und die anderen geleiteten sie hinaus. Als sie zurückkamen, hörten sie die Mägde sagen, der Arzt sei bei der Herzoginmutter, und alle zerstreuten sich vorläufig. |
| Im Gegensatz zu jedermanns heiterer Voraussage verschlechterte sich der Zustand der Herzoginmutter weiter. Keine Behandlung, die ihr verordnet wurde, führte zur Besserung, und sie litt unter schwerem Durchfall. Djia Dschëng bemerkte, daß ihr Zustand kritisch wurde und war sehr betroffen. Er schickte einen Botschafter zum Amt, um Bescheid zu geben, daß er zu Hause bleibe. Er selbst und die Dame Wang bereiteten Tag und Nacht die Medizin für die alte Dame zu. Als sie an einem Tag etwas aß und trank, waren sie ein wenig zuversichtlicher. Ein altes Dienstmädchen schob ihren Kopf durch die Tür. Die Dame Wang schickte Tsai-yün hin, um zu sehen, wer es war. Es war eine der Frauen, die Ying-tschun mit zu ihrer Hochzeit genommen hatte. | Die Krankheit der Herzoginmutter verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Die ärztliche Behandlung zeigte keine Wirkung, und es kam noch Durchfall hinzu. Aufrecht Kaufmann war sehr besorgt, wußte, daß die Krankheit schwer zu heilen war, und ließ seinen Urlaub vom Amt melden. Tag und Nacht pflegte er zusammen mit Frau Wang die Kranke persönlich und reichte ihr die Medizin. |
| „Warum bist du gekommen?“, fragte sie. „Ich habe eine Ewigkeit gewartet!“, antwortete die alte Frau. „Ich konnte nirgends eine Magd finden und wollte nicht hereinplatzen. Ich war sehr aufgeregt!“ – „Wozu der Aufwand?“, fragte Tsai-yün. „Sag’ nicht, Schwiegersohn [Sun] hat dem Fräulein [Ying] wieder etwas Schlimmes angetan!“ „Es gibt keine Hoffnung mehr für sie!“, sagte die alte Frau. „Er hatte vorgestern einen seiner Ausbrüche, sie weinte die ganze Nacht, gestern würgte sie und konnte kaum atmen. Sie wollten keinen Arzt rufen und heute ist es sogar noch schlimmer!“ „Die gnädige Frau ist selbst krank!“, sagte Tsai-yün. „Um Himmels willen, macht nicht so einen Lärm!“ |
Eines Tages, als die Herzoginmutter ein wenig gegessen hatte und Aufrecht Kaufmanns Sorge etwas nachließ, sah er eine alte Frau vor der Tür herumspähen. Frau Wang schickte Caiyun [彩云] nachsehen, wer es sei. Caiyun erkannte die Begleiterin, die Willkommensfrühling zum Hause Sun begleitet hatte, und sagte: „Was willst du hier?" Die alte Frau sagte: „Ich bin schon eine halbe Ewigkeit hier, konnte aber keine der Fräulein finden. Ich wagte nicht, mich vorzudrängen, und bin doch so in Sorge." Caiyun fragte: „Was hast du für Sorgen? Hat der Schwiegersohn die Herrin wieder mißhandelt?" Die alte Frau sagte: „Der Herrin geht es schlecht! Vorgestern gab es wieder einen schrecklichen Streit, die Herrin weinte die ganze Nacht. Gestern hat Schleim ihr die Atemwege verstopft. Die haben auch keinen Arzt geholt, und heute ist es noch schlimmer." Caiyun sagte: „Die Herzoginmutter ist krank — mach hier keine Aufregung." |
| Die Dame Wang hatte diese Unterhaltung von innen gehört. Aus Angst, die gnädige Frau könnte auf diese Ereignisse schlecht reagieren, trug sie Tsai-yün auf, das Dienstmädchen mitzunehmen und woanders mit ihr zu sprechen. Doch die Herzoginmutter hatte ihre Sinnesschärfe nicht verloren und verstand einen großen Teil der Unterhaltung. „Stirbt Fräulein Ying[-tschun]?“ weinte sie. „Bestimmt nicht“, sagte die Dame Wang. „Diese Frauen haben ihren Sinn für Angemessenheit verloren. Es ging ihr in den letzten Tagen nur etwas schlecht, sie waren deshalb besorgt und wollten einen Arzt kommen lassen.“ – |
Frau Wang hatte drinnen alles gehört und fürchtete, die Herzoginmutter könnte es hören und sich aufregen. Eilig ließ sie Caiyun die Frau nach draußen bringen. Doch die Herzoginmutter, deren Geist in der Krankheit besonders wach war, hatte jedes Wort gehört und fragte: „Will Willkommensfrühling sterben?" Frau Wang sagte: „Nein, nein. Die alten Weiber kennen kein Maß; sie sagen nur, sie sei seit einigen Tagen ein wenig krank und werde wohl nicht so schnell gesund. Sie kommen hierher, um nach dem Arzt zu fragen." Die Herzoginmutter sagte: „Dann schickt unseren Arzt hin. Beeilt euch!" Frau Wang ließ Caiyun die alte Frau zur Ersten Herrin [Frau Xing] schicken. Die alte Frau ging. |
| „Sie sollten besser meinen nehmen“, sagte die Herzoginmutter. „Sagt ihm, er soll nach ihr sehen.“ Die Dame Wang beauftragte Tsai-yün, die alte Frau zurück zur ersten Dame [Hsing] zu schicken, und die alte Frau verließ sie. | Da begann die Herzoginmutter zu weinen und sagte: „Meine drei Enkeltöchter — eine hat das Glück bis zum Ende genossen und ist gestorben [23]; die Dritte ist weit fortgeheiratet und läßt sich nicht mehr sehen; Willkommensfrühling hat es zwar schwer, aber vielleicht übersteht sie es — doch daß ein so junges Mädchen schon sterben soll, damit habe ich nicht gerechnet. Wozu lebe ich Alte noch?" Frau Wang, Mandarinenente und die anderen trösteten sie eine ganze Weile. |
| Die Herzoginmutter wurde auf einmal sehr betrübt. „Von meinen drei Enkelinnen“, sagte sie, „hat eine glücklich gelebt und ist verstorben. Die dritte Enkelin [Tan-tschun], ist verheiratet und lebt am anderen Ende der Welt und ich werde sie niemals wiedersehen. Und jetzt Enkelin Ying[-tschun],, – ich wußte, daß ihr Leben schwer ist, doch irgendwie glaubte ich, sie würde noch bessere Tage sehen. Jetzt wird sie sterben und sie ist doch noch so jung! Und ich bin hier noch übrig, eine nutzlose, alte Frau ohne Grund, weiter zu leben.“ Die Damen Wang und Yüan-yang versuchten, sie zu trösten. Bau-tschai und Li [Wan] waren an diesem Tag nicht da, und Hsi-fëng war in den letzten Tagen auch wieder krank. Die Dame Wang fürchtete, daß die Krankheit der Herzoginmutter durch diesen geistigen Druck noch verschlimmert würde, und schickte sofort nach den anderen Damen, daß diese zur Herzoginmutter kommen möchten. Sie selbst kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und rief Tsai-yün zu sich. |
Zu dieser Zeit waren Schatzspange, Frau Li[24] [李纨] und die anderen nicht im Zimmer; Phönixglanz war seit kurzem selbst krank. Frau Wang, die fürchtete, die Herzoginmutter könnte vor Trauer noch kränker werden, ließ sie alle herbeiholen. Sie selbst ging in ihr Zimmer zurück und schalt Caiyun: „Diese dumme Alte! Von jetzt an, wenn ich bei der Herzoginmutter bin, braucht ihr mit nichts zu kommen!" Die Mägde gehorchten und sagten nichts mehr. |
| „Dieses dumme, alte Dienstmädchen!“, sagte sie ärgerlich, „wenn ich in Zukunft bei der Herzoginmutter bin, wirst du mich nicht noch einmal stören, egal, worum es geht!“ Tsai-yün versprach, diese Anweisungen zu befolgen und sagte nichts mehr. Die alte Frau war inzwischen bei der Dame Hsing angekommen, als die Neuigkeit antraf, daß die zweite Herrin [Ying-tschun] gestorben war. Die Dame Hsing brach in Tränen aus. Während der Abwesenheit von [Ying-tschuns] Vater [Djia Schë] mußte sie Djia Liän zu den Suns schicken, daß er die Familie repräsentieren möge. Die Herzoginmutter war so krank, daß niemand es wagte, ihr die Neuigkeiten zu überbringen. |
Doch kaum war die alte Frau bei Frau Xing eingetroffen, brachten die Leute von draußen die Nachricht: „Die Zweite Herrin Schwägerin ist gestorben." Als Frau Xing es hörte, weinte sie eine ganze Weile. Da Willkommensfrühlings Vater [Begnadigung Kaufmann / 贾赦] nicht daheim war, ließ sie nur Kette Kaufmann hingehen, um nachzusehen. Da die Herzoginmutter schwer krank war, wagte niemand, es ihr zu sagen. Ach, die arme Willkommensfrühling — blumenschön und mondgleich, kaum ein Jahr verheiratet, vom Hause Sun zu Tode gequält! Und da die Herzoginmutter im Sterben lag, konnte niemand fortgehen; man ließ die Familie Sun die Beerdigung notdürftig erledigen. |
| Ohje, was für ein grausames Ende für so ein zartes Geschöpf, ihre blumenhafte Schönheit war innerhalb eines Ehejahres dahingewelkt! Niemand von den Djias konnte das Haus mit der Herzoginmutter in einem solchen Zustand verlassen, und die Suns gaben Ying-tschun eine erwartungsgemäß notdürftige Beerdigung. Der Herzoginmutter ging es weiterhin immer schlechter, doch ihre einzigen Gedanken waren stets bei ihren Enkelinnen und Großnichten. Einmal stand Hsiang-yün im Zentrum ihrer Gedanken, und sie schickte eine Magd, um zu sehen, wo sie war. Die Magd kehrte zurück und schlich hinein, um heimlich Yüan-yang zu finden. Yüan-yang stand am Bett sowie die Dame Wang und die anderen Damen. Die Magd, welche nicht stören wollte, ging zurück, um Hu-po zu suchen. „Die gnädige Frau schickt mich, um Neuigkeiten von Fräulein Shï [Hsiang-yün] einzuholen“, sagte sie zu Hu-po, „und ich sah, daß sie bitterlich weinte! Ihr Ehemann ist plötzlich krank geworden, und die Ärzte sagen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Im besten Fall kommt es zu einer Auszehrung, und er erlebt noch weitere vier oder fünf Jahre! Du kannst dir vorstellen, wie sehr es Fräulein Shï [Hsiang-yün] zu schaffen macht! Sie ist von der Krankheit der gnädigen Frau tief bedrückt, doch jetzt kann sie ihr zu Hause einfach nicht verlassen. Sie sagte mir, ich solle die Krankheit ihres Mannes nicht gegenüber der gnädigen Frau erwähnen. Wenn die gnädige Frau fragt, mußt du dir eine Ausrede für ihre Abwesenheit [Hsiang-yüns] einfallen lassen.“ |
Die Krankheit der Herzoginmutter nahm von Tag zu Tag zu. Sie dachte ständig an ihre Enkeltöchter. Einmal dachte sie an Xiangyun[25] [史湘云] und schickte Leute, nach ihr zu sehen. Der Bote kam zurück und suchte leise Mandarinenente; da diese aber am Bett der Herzoginmutter saß und auch Frau Wang dabei war, traute er sich nicht hinauf. Er ging nach hinten und fand Hupo[26] [琥珀] und erzählte ihr: „Die Herzoginmutter vermißt die Xiang-Schwester und hat mich losgeschickt, Erkundigungen einzuziehen. Wer hätte gedacht, daß die Xiang-Schwester bitter weint! Sie sagt, ihr Mann sei plötzlich schwer erkrankt, alle Ärzte hätten ihn gesehen, und man fürchtet, er werde nicht gesund. Wenn es sich in eine Schwindsucht verwandelt, könne er vielleicht noch vier, fünf Jahre hinschleppen. Die Xiang-Schwester macht sich große Sorgen. Sie weiß auch von der Krankheit der Herzoginmutter und kann nur nicht zur Aufwartung kommen. Sie bittet, es vor der Herzoginmutter nicht zu erwähnen, und falls die Herzoginmutter fragen sollte, sollen wir uns eine Ausrede einfallen lassen." Als Hupo das hörte, seufzte sie nur und sagte lange nichts. Dann sagte sie: „Geh nur." Hupo wagte es auch nicht, es zu berichten; sie wollte Mandarinenente informieren und sie lügen lassen. Als sie an das Bett der Herzoginmutter trat, sah sie, daß sich die Gesichtsfarbe der Herzoginmutter stark verändert hatte. Im Zimmer standen die Leute dicht an dicht und flüsterten: „Es sieht nicht gut aus." Da wagte sie nicht mehr zu sprechen. |
| Hu-po seufzte tief und schickte die Magd nach langem Schweigen fort. Sie dachte auch, es sei unklug, die Herzoginmutter davon zu unterrichten und ging mit der Absicht an ihr Bett, mit Hilfe von Yüan-yang eine erfundene Geschichte zu erzählen. Sie fand die Herzoginmutter leichenblaß und jeder im Raum flüsterte: „Man kann sehen, daß sie von uns geht!“ Hu-po wagte kein Wort zu sagen. Djia Dschëng wandte sich an Djia Liän, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und Djia Liän schlich hinaus, um seine Anweisungen zu geben. Er versammelte draußen den restlichen Hausstand. „Die gnädige Frau weilt nicht mehr lange unter uns. Ihr müßt sicher gehen, daß alles in Ordnung ist. Zunächst untersucht ihr den Sarg und meßt ihn genau ab. Geht durch alle Gemächer, nehmt eines jeden Maße auf und gebt dem Schneider eine vollständige Liste mit Anweisungen, für jeden Trauergewänder zu schneidern. Sorgt dafür, daß im Garten für die Beerdigung ein Tuch aufgespannt wird und Sargträger bestellt werden. Und haltet die Küche voll besetzt.“ – „Der zweite Herr [Liän]“, antwortete Lai Da für die anderen, „machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben bereits an alles gedacht. Doch woher nehmen wir das Geld?“ – |
Aufrecht Kaufmann winkte Kette Kaufmann leise zu sich und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Kette Kaufmann antwortete leise, ging hinaus, versammelte alle im Hause anwesenden Leute und sagte: „Was die Angelegenheit der Herzoginmutter betrifft — sowie es so weit ist, geht schnell und verteilt die Aufgaben. Erstens: Laßt den Sarg herausschaffen und prüft, ob die Auskleidung in Ordnung ist. Zweitens: Geht schnell zu allen und nehmt die Maße für die Kleidung auf, schreibt alles genau auf und laßt die Schneider sofort die Trauerkleider nähen. Drittens: Die Trauerzelte, die Sargträger und das Geleit müssen bestellt werden. Viertens: Die Küche braucht mehr Personal." Laide [赖大] und die anderen fragten: „Zweiter Herr, um all das braucht Ihr Euch nicht zu sorgen — wir haben alles schon vorbereitet. Nur eins: Woher kommt das Geld dafür?" Kette Kaufmann sagte: „Dieses Geld braucht nicht von außen zu kommen — die Herzoginmutter hat es selbst zurückgelegt. Der Herr hat es gerade so bestimmt: Es soll gut gemacht werden. Ich denke, auch nach außen soll es ansehnlich sein." Laide und die anderen antworteten und gingen, die Aufgaben zu verteilen. |
| „Wir müssen uns nichts leihen“, sagte Djia Liän, „die gnädige Frau hat selbst vorgesorgt. Der gnädige Herr [Djia Dschëng] trug mir eben auf, daß er keine Kosten scheuen möchte. Es soll würdevoll vonstatten gehen; wir möchten alles gut präsentieren.“ – „Ja, Herr.“ – Lai Da und die anderen gingen sofort ihren Aufträgen nach, und Djia Liän kehrte in seine eigenen Gemächer zurück. „Wie geht es deiner Herrin [Liän]?“, fragte er Ping-örl. Ping-örl blickte in Richtung des inneren Raumes: „Geht und seht selbst!“ Djia Liän ging hinein. Hsi-fëng war bemüht, sich selbst anzukleiden, doch war sie zu schwach. Sie war auf dem Ofenbett zusammengebrochen und lehnte über dem Ofenbett-Tisch. „Es ist jetzt keine Zeit zum Ausruhen!“, rief Djia Liän. „Mit der gnädigen Frau neigt es sich heute oder morgen zum Ende, und du mußt da sein. Beeil’ dich und sag’, daß hier alles aufgeräumt werden soll. Und nimm dich zusammen, wenn das Schlimmste passiert, werden wir uns nicht zurückziehen können.“ „Es ist nichts mehr zum Aufräumen übrig!“, sagte Hsi-fëng bitter. „Nur noch etwas Krempel, nichts, worum man sich sorgen müßte. Geh nur vor, der gnädige Herr [Djia Dschëng] könnte nach dir verlangen. Komm wieder, wenn ich vernünftig angezogen bin.“ |
Kette Kaufmann kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und fragte Friedchen[27] [平儿]: „Wie geht es deiner Herrin heute?" Friedchen deutete mit einer Lippenbewegung nach innen und sagte: „Sieh selbst." Kette Kaufmann trat ein und sah Phönixglanz, die sich gerade anziehen wollte, aber nicht mehr konnte und sich vorläufig auf den Kangtisch lehnte. Kette Kaufmann sagte: „Du wirst wohl nicht durchhalten können. Die Sache mit der Herzoginmutter — heute oder morgen wird es so weit sein. Kannst du dich noch aufraffen? Laß schnell das Zimmer aufräumen und dann geh hinauf. Wenn es soweit ist, können wir dann noch hierher zurückkommen?" Phönixglanz sagte: „Was gibt es hier noch aufzuräumen? Es sind nur noch diese paar Dinge, was soll man da fürchten? Geh du zuerst und sieh nach, ob der Herr dich braucht. Ich ziehe mich um und komme gleich." Kette Kaufmann ging zurück zum Zimmer der Herzoginmutter und berichtete Aufrecht Kaufmann leise: „Alles ist verteilt und geregelt." Aufrecht Kaufmann nickte. |
| Djia Liän kehrte in die Gemächer der Herzoginmutter zurück, und berichtete Djia Dschëng leise, daß alle Vorbereitungen getroffen und alle Aufträge erteilt worden seien. Djia Dschëng nickte. Der Kaiserliche Leibarzt wurde angekündigt, und Djia Liän ging hinaus, um ihn zu empfangen. Der Puls der Herzoginmutter wurde gemessen, und dann fuhr der Arzt fort, Djia Liän in gedämpftem Ton zu berichten: „Der Puls der gnädigen Frau ist sehr schwach. Ihr müßt auf das Schlimmste gefaßt sein.“ | Von draußen wurde gemeldet: „Der Leibarzt ist da." Kette Kaufmann empfing ihn und ließ ihn den Puls fühlen. Der Arzt ging hinaus und sagte leise zu Kette Kaufmann: „Der Puls der Herzoginmutter ist ungünstig. Seid darauf gefaßt." Kette Kaufmann verstand und informierte Frau Wang und die anderen. Frau Wang gab Mandarinenente sogleich ein Zeichen, sie solle die Sterbekleider der Herzoginmutter heraussuchen und bereitlegen. Mandarinenente ging, um alles vorzubereiten. |
| Djia Liän verstand und überbrachte der Dame Wang und den anderen die Nachricht. Die Dame Wang gab Yüan-yang ein bedeutungsvolles Zeichen und trug ihr auf, die Begräbniskleidung der gnädigen Frau vorzubereiten. Yüan-yang ging sie holen. Die Herzoginmutter öffnete ihre Augen und bat um etwas Tee. Die Dame Hsing brachte ihr eine Tasse Ginseng-Tee, und sie setzte ihre Lippen daran. „Nicht sowas!“ protestierte sie. „Gebt mir vernünftigen Tee!“ Sie wagten nicht, ihr die Bitte zu verweigern und brachten ihr sofort normalen Tee. Sie nahm einen Schluck, dann noch einen und dann kündigte sie an, sie wolle sich aufsetzen. „Gnädige Frau [Mutter],“ flehte Djia Dschëng für die anderen, „was immer du möchtest, du mußt es uns nur sagen. Doch bitte streng dich selbst nicht zu sehr mit dem Sitzen an!“ – |
Die Herzoginmutter öffnete die Augen und verlangte nach Tee. Frau Xing reichte ihr eine Tasse Ginsengbrühe. Die Herzoginmutter setzte gerade die Lippen an und sagte: „Das will ich nicht. Bringt mir eine Tasse Tee." Die Leute wagten nicht zu widersprechen und brachten ihn sogleich. Sie trank einen Schluck und wollte noch mehr, trank einen zweiten Schluck und sagte dann: „Ich möchte mich aufsetzen." Aufrecht Kaufmann und die anderen sagten: „Wenn die Herzoginmutter etwas wünscht, soll sie es nur sagen — aber bitte nicht aufstehen." Die Herzoginmutter sagte: „Ich habe einen Schluck Wasser getrunken, und mein Herz fühlt sich etwas besser. Ich möchte mich nur anlehnen und ein wenig mit euch reden." Perle [珍珠] und die anderen richteten sie vorsichtig auf, und man sah, daß die Herzoginmutter in diesem Augenblick etwas mehr Lebenskraft hatte. |
| „Ich habe etwas getrunken und fühle mich nun besser“, antwortete sie. „Ich möchte gerne sitzen und mich etwas unterhalten.“ | Ob sie leben oder sterben wird — das wird im nächsten Kapitel erzählt. |
| Dschën-dschu und die anderen Mägde stützten sie vorsichtig mit den Händen. Sie schien wiederbelebt. | ---- |
| Doch ob sie nun weiterlebt oder nicht, das erfährt man im nächsten Kapitel. | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026. |
|