Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 116

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Kapitel 116: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
116.Menschliche Schicksale werden enthüllt und der Stein wird seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegebenSterbliche Überreste werden in ihre weltliche Heimat zurückgebracht und ein pietätvoller Sohn erfüllt seine Pflicht. Kapitel 116
Schë-yüäs zeitlich unpassende Erwähnung einer empfindlichen Periode aus Bau-yüs Vergangenheit ließ ihn ohnmächtig werden und zurück in sein Bett fallen. Die Dame Wang und die versammelte Familie begannen von Neuem zu weinen und zu wimmern, während Schë-yüä selbst, wie sie bemerkte, daß ihre unbedachte Äußerung Schuld daran war, zu weinen begann, obwohl Frau Wang noch keine Zeit hatte, sie auszuschelten. Sie faßte zur gleichen Zeit einen verzweifelten Entschluß: „Wenn Bau-yü stirbt, werde ich mein Leben beenden und mit ihm sterben!“ Der Wunderjadestein wird wiedergefunden, und in der Traumwelt erkennt man das Schicksal;
Die Dame Wang konnte sehen, daß kein Versuch, Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen, überhaupt Wirkung zeigen würde, und schickte dem Mönch die dringende Nachricht, er solle ihn bitte wieder retten. Doch der Mönch war nirgends zu sehen. Djia Dschëng war vorher in die Halle zurückgekehrt, um herauszufinden, daß sein exzentrischer Gast sich in Luft aufgelöst hatte. Dieser neue Aufschrei aus den inneren Gemächern erreichte nun Djia Dschëngs Ohren, und er beeilte sich. Er fand Bau-yü wieder ohne Bewußtsein vor, mit verkrampftem Gebiß und keiner Spur eines Pulses. Er fühlte seine Brust und fand sie immer noch recht warm, rief aus Verzweiflung einen Arzt, um auf irgendeine Art eine Wiederbelebung zu erzwingen. Der Sarg der liebevollen Großmutter wird in die Heimat geleitet, um die Kindespflicht zu erfüllen
Doch Bau-yüs Geist hatte bereits sein sterbliches Umfeld verlassen. Das heißt doch, er sei tot, werden Sie sagen? Die genaue Situation, lieber Leser, war wie folgt: sein Geist war in körperlosem Zustand in die Empfangshalle geschwebt, wo er den jadebringenden Mönch sah und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Der Mönch erhob sich, berührte ihn an der Hand und verschwand. Bau-yüs Geist folgte, leicht wie eine Feder im Wind. Sie begaben sich auf den Weg nach draußen, nicht um am Eingang zu verweilen. Doch dann konnte er den Weg nicht mehr erkennen, und sie erreichten einen offenen Raum, eine Wildnis, wo er in der Ferne einen ihm merkwürdig bekannten Torbogen erblickte. Er wollte den Mönch gerade fragen, was es war, als eine nebelhafte weibliche Gestalt hinter ihm erschien. Es wird erzählt, dass Schatzjade, als er Mondscheins Worte hörte, nach hinten fiel und abermals wie tot war. Frau Wang und die anderen waren außer sich und hörten nicht auf zu weinen und zu rufen. Mondschein wusste, dass ihre unbedachten Worte das Unglück verursacht hatten. Frau Wang und die anderen waren in diesem Augenblick nicht in der Lage, sie zurechtzuweisen. Mondschein weinte und überlegte fieberhaft. Sie dachte: „Sollte Schatzjade sterben, dann nehme ich mir das Leben und folge ihm."
„Was macht so eine wunderschöne Kreatur an einem so verlassenen Ort?“, fragte sich Bau-yü. „Sie muß eine Göttin auf Erden sein.“ Von Mondscheins Gedanken sei hier nicht weiter die Rede. Frau Wang und die anderen sahen, dass Schatzjade nicht zu Bewusstsein kam, und schickten Leute hinaus, um den Mönch zu suchen, damit er ihn heile. Doch als Aufrecht Kaufmann vorhin hinausgegangen war, war der Mönch bereits verschwunden. Aufrecht Kaufmann war noch ganz verwundert, als er drinnen erneut Lärm hörte. Eilig ging er hinein und sah, dass Schatzjade wieder im selben Zustand war wie zuvor: der Kiefer fest zusammengepresst, der Puls erloschen. Als er mit der Hand auf die Herzgrube drückte, war dort noch Wärme. So ließ er eilends den Arzt kommen und Medizin einflößen. Doch Schatzjades Seele hatte den Körper längst verlassen. War er etwa tot? Nein — in einem verschwommenen Zustand war er zum vorderen Saal geeilt, wo er den Mönch, der den Jade gebracht hatte, sitzen sah. Er verneigte sich. Der Mönch stand hastig auf, nahm Schatzjade bei der Hand und ging los. Schatzjade folgte dem Mönch und fühlte sich leicht wie ein Blatt — schwebend und schwerelos. Er war nicht durch das Haupttor gegangen und wusste nicht, wo er herausgekommen war.
Er näherte sich ihr und schaute sie genau an. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie der Torweg, doch irgendwie konnte er sich nicht daran erinnern, wer sie war. Sie begrüßte den Mönch und verschwand plötzlich aus der Sicht. Im selben Moment fiel Bau-yü ein, wem sie ähnelte: der dritten Schwester You. Was hatte sie hier zu suchen? Noch verwirrter als vorher, wollte er nun den Mönch befragen. Doch bevor er das konnte, führte der Mönch ihn an der Hand durch den Torweg. Inmitten des Bogens war folgende Inschrift zu lesen:

Das Paradies der Wahrheit

Ein Reimpaar in kleineren Buchstaben stand auf beiden Seiten:

„Wenn dasErdichtete schwindet und Wahrheit erscheint,

Wird die Wahrheit siegen;

Obwohl das Unwirkliche einst wirklich war,

Ist das Wirkliche niemals unwirklich.“

Als sie den Torweg durchquert hatten, erreichten sie plötzlich ein Palasttor, über dem in wagerechter Ausrichtung geschrieben stand:
Nach einer Weile gelangten sie an einen öden, verwilderten Ort. In der Ferne erblickte man einen Torbogen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Gerade wollte er den Mönch fragen, als schemenhaft eine Frau auftauchte. Schatzjade dachte bei sich: „In dieser einsamen Wildnis — woher kommt eine solche Schönheit? Das muss eine Unsterbliche sein, die herabgestiegen ist." Während er noch überlegte, ging er näher und schaute genau hin — es kam ihm vor, als kenne er sie, doch im Augenblick fiel ihm nicht ein, woher. Er sah, wie die Frau und der Mönch sich einen Blick zuwarfen, und dann war sie verschwunden. Als er nachdachte, erkannte er: Es war das Antlitz der Dritten Schwester You. Noch verwunderter fragte er sich: „Wie kommt auch sie hierher?" Ehe er fragen konnte, hatte der Mönch ihn schon am Torbogen vorbeigeführt. Auf dem Bogen standen in großen Schriftzeichen die vier Worte: „Wahres Sosein — Gefilde der Glückseligkeit". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:
„Gesegnet seien die Tugendhaften, Unglück den Verdorbenen.“ Das Falsche geht, das Wahre kommt — das Wahre übertrifft das Falsche;
Folgende Worte waren senkrecht auf beiden Seiten zu lesen: Das Nichts bedingt das Sein, das Sein bedarf des Nichts.
„Der menschliche Geist kann niemals die Geheimnisse der Zeit erfassen, und die engste Sippe kann niemals das Schicksal herausfordern.“ Hinter dem Torbogen befand sich ein Palasttor. Darüber standen ebenfalls vier große Schriftzeichen: „Glück den Guten, Unheil den Frevlern." Und wiederum ein Spruchpaar:
‚Nun...‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚es ist Zeit, daß ich mehr über das Wirken des Schicksals erfahre.‘ Als er daran dachte, sah er unter den Leuten Yüan-yang etwas entfernt stehen, winkte und rief nach ihr. Vergangenheit und Zukunft — rühmt euch nicht, der Weise könne sie durchschauen;
‚Nach all der Zeit bin ich immer noch im Garten daheim!‘ überlegte er erstaunt. ‚Doch warum hat es sich so verändert?‘ Ursache und Wirkung — wisset, dass selbst Nahestehende einander verfehlen.
Er eilte voran, um mit Yüan-yang zu sprechen, doch kurz darauf war sie verschwunden, und er stand alleine dort, noch verwirrter als zuvor. Er ging weiter zu dem Ort, an dem Yüan-yang gestanden hatte, und dabei bemerkte er eine Reihe von Gebäuden neben sich und über den Eingängen eines jeden Gebäudes hing ein Namensschild. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich die Gebäude näher anzusehen, sondern suchte weiter nach Yüan-yang. Der Eingang hinter der Stelle, an der sie gestanden hatte, war halb geöffnet, doch er wagte nicht einzutreten, er wollte lieber seinen Führer dazu befragen. Und als er sich gerade nach ihm umsehen wollte, war der Mönch verschwunden. Bau-yü war verwirrt. Die Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr groß, und es schien Bau-yü allmählich, daß dies überhaupt nicht der Garten des Großen Anblicks war. Er stand still und hob seinen Kopf, um die Worte über dem Torweg direkt vor ihm zu lesen:

Erwacht durch die Narrheit der Liebe

Das Reimpaar an jeder Seite lautete:

„Lächeln der Zufriedenheit, Tränen des Kummers, alles ist Täuschung; Jedes Streben entspringt einzig der Narrheit.“
Schatzjade las und dachte: „So also verhält es sich. Ich möchte nach dem Kommen und Gehen von Ursache und Wirkung fragen." Kaum hatte er das gedacht, sah er Mandarinenente dort stehen, die ihm zuwinkte. Schatzjade dachte: „Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit gelaufen, und eigentlich habe ich den Garten nie verlassen — warum sieht hier alles anders aus?" Er eilte zu Mandarinenente, um mit ihr zu sprechen, doch als er den Blick wandte, war sie verschwunden. Verwundert ging er zu der Stelle, wo sie gestanden hatte: Es war eine Reihe von Seitenhallen, jede mit einer Inschriftentafel. Schatzjade achtete nicht darauf und lief zu dem Ort, wo Mandarinenente gestanden hatte. Eine der Seitenhallen hatte eine halb offene Tür. Schatzjade wagte nicht, einfach einzutreten. Er wollte gerade den Mönch fragen, doch als er sich umdrehte, war der Mönch längst verschwunden. Schemenhaft erkannte Schatzjade, dass die Hallen majestätisch aufragten — ganz und gar keine Landschaft des Großen Gartens. Er blieb stehen und hob den Blick zur Inschriftentafel. Dort stand: „Den Liebessüchtigen zur Erleuchtung." Daneben ein Spruchpaar:
Bau-yü senkte seinen Kopf und seufzte. Er wollte immer noch den Torweg durchschreiten und nach Yüan-yang suchen, um zu fragen, was dies für ein Ort sei. Er spürte das wachsende Gefühl, er sei bereits einmal da gewesen. Zuletzt faßte er den Mut, die Tür zu öffnen und ging hinein. Er schaute überall, aber fand keine Spur von Yüan-yang. Es war innen stockfinster und er wollte gerade seiner Angst nachgeben und wieder heraus gehen, als seine Augen in der Dunkelheit verschwommen die Formen eines Dutzend großer Schränke erspähte, ihre Türen waren zwar zu, doch nicht verschlossen. Eine plötzliche Erkenntnis erleuchtete ihn: ‚Ich weiß, daß ich hier schon irgendwie gewesen bin. Ich erinnere mich daran. Es war in einem Traum. Was für ein Segen, in eine Traumszene meiner Kindheit zurückzukehren!‘ Freude und Lachen, Trauer und Leid — alles ist Schein;
Plötzlich hatte er in seiner Verwirrung seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des ersten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘ Gier und Sehnsucht kommen allein aus der Torheit.
Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“.

‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘
Schatzjade las, nickte und seufzte. Er wollte hineingehen und Mandarinenente suchen, um sie zu fragen, was dies für ein Ort sei. Je mehr er darüber nachdachte, desto vertrauter kam ihm alles vor. Er fasste Mut, stieß die Tür auf und trat ein. Er blickte sich im ganzen Raum um — keine Spur von Mandarinenente. Drinnen war es stockfinster, und ihm wurde bange. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er ein Dutzend große Schränke bemerkte, deren Türen halb offen standen. Plötzlich erinnerte sich Schatzjade: „In meiner Jugend habe ich einmal geträumt, ich sei an einem solchen Ort gewesen. Nun kann ich wirklich hierher kommen — welch ein Glück!" In seiner Benommenheit vergaß er den Gedanken an Mandarinenente, fasste Mut und öffnete die Tür des ersten Schranks. Darin lagen mehrere Alben; sein Herz schlug vor Freude. Er dachte: „Gewöhnlich sagt man, Träume seien unwahr. Aber wo es diesen Traum gibt, gibt es auch diese Wirklichkeit. Ich habe immer gesagt, ich wollte diesen Traum noch einmal träumen, und es gelang mir nie. Und heute habe ich das hier gefunden! Nur weiß ich nicht, ob es dieselben Alben sind, die ich einst gesehen habe."
Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte. Es folgte eine Reihe von Buchstaben in einer kaum entzifferbaren Handschrift, worüber er gerade eben einige Zeilen erkennen konnte: „Jadegürtel“ (Daiyü), darüber „Wald“ (Lin).

‚Das muß sicher ein Rätsel für Kusine Dai-yü sein‘, dachte er bei sich und las konzentriert weiter. Die nächste Zeile enthielt die Zeichen ‚die Goldhaarnadel (Bau-tschai) im Schnee (Hsüä)‘.

„Wieso ist das denn schon wieder wie Bau-tschais Name!“, rief er laut.

Er las bis zum Ende des vierten und letzten Verses.

‚Das scheint nicht viel zu sagen. Es ist nur eine Reihe von Rätseln über die Namen Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Nur Wörter wie „leiden“ und „seufzen“ klingen nicht gut. Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat?‘ – ‚ Ich sollte überhaupt nicht hier sein,‘ tadelte er sich selbst. ‚Wenn ich meine Zeit weiter mit Tagträumen verbringe und jemand kommt, werde ich meine Chance vertan haben, den Rest auch durchzusehen.‘
Er griff nach einem Album; darauf stand: „Goldenes Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling — Hauptregister". Schatzjade nahm es in die Hand und dachte: „Ich erinnere mich verschwommen daran — nur war mir leider nicht mehr klar genug." Er schlug die erste Seite auf. Oben war eine Zeichnung, doch die Linien waren so verwischt, dass man sie nicht mehr erkennen konnte. Dahinter standen einige Zeilen Schrift, ebenfalls undeutlich, doch noch einigermaßen nachzulesen. Er schaute genauer hin und erkannte etwas wie „Jadegürtel", oben darüber ein Zeichen, das dem Schriftzeichen „Lin" glich. Er dachte: „Handelt das etwa von meiner Cousine Lin?" Aufmerksam las er weiter. Darunter standen die vier Zeichen „Goldene Nadel im Schnee". Erstaunt sagte er: „Wie? Das sieht auch aus wie ihr Name?" Er las die vier Verse vor und zurück und sagte: „Da steckt keine besondere Bedeutung drin — es sind nur die beiden Namen versteckt. Nichts Ungewöhnliches. Nur die Zeichen ‚kalt' und ‚Seufzer' verheißen nichts Gutes. Was bedeutet das?"
Er fuhr mit der Betrachtung der weiteren Register fort. Er gestattete sich keine Zeit, um über die nächsten Bilder zu blicken, sondern begab sich direkt zu dem Gedicht, welches mit den Worten endete:

„Wenn der Hase dem Tiger begegnet, wird dein großer Traum enden.“

Dabei kam ihm plötzlich die Erleuchtung: ‚Was für eine brilliante Weissagung! Es muß auf den Tod meiner ältesten Schwester Yüän-tschun bezogen sein. Wenn sie alle so klar sind, sollte ich sie abschreiben und sorgfältig studieren. Auf diese Weise kann ich alles über meine Schwestern und Kusinen herausfinden, wie lange sie leben werden, ob sie versagen oder im Leben Erfolg haben, ob sie wohlhabend oder arm werden. Zu Hause werde ich mein Wissen geheim halten. Doch mein inneres Wissen wird mich zuletzt vor unnötigem Kummer bewahren.‘
Bei diesem Gedanken schalt er sich: „Ich schaue heimlich — wenn ich hier nur stehe und grüble und jemand kommt, kann ich den Rest nicht mehr lesen." Also blätterte er weiter, ließ die Zeichnungen unbeachtet und las nur den Text. Als er am Ende einige Verse fand, darunter den Satz „Tiger und Hase begegnen sich, der große Traum endet", ging ihm plötzlich ein Licht auf: „Ja! So ist es also — das Schicksal irrt sich nicht. Das muss die älteste Schwester Yuanchun sein. Wenn alles so deutlich ist, möchte ich es abschreiben und in Ruhe studieren — dann wüsste ich um Lebensdauer und Schicksal aller Schwestern. Zu Hause würde ich nichts verraten, nur ein Hellseher sein, und mir bliebe viel unnötiges Grübeln erspart."
Er suchte überall nach Schreibwerkzeug, doch fand er weder Pinsel noch Tinte und fürchtete, daß ihn jemand überraschen könnte, so überflog er den Rest des Registers. Das nächste Bild zeigte einen Menschen, der einen Papierdrachen steigen ließ. Er war nicht in der Stimmung, sich die Bilder näher anzusehen, sondern las eilig die verbleibenden zwölf Gedichte. In einigen Fällen konnte er die versteckte Botschaft sofort erfassen, bei anderen mußte er länger nachdenken, während wieder andere unergründlich wirkten. Er versuchte, sich alle gut einzuprägen. Mit einem Seufzen nahm er das nächste Album, beschrieben mit „Ergänzungsregister zu Nanking“ und begann zu lesen. Er verweilte bei den Zeilen:

„Du wählst den Spieler des bevorzugten Glücks, ohne an deines Herren Untergang zu denken.“

Zunächst verstand er die Zeilen nicht. Dann betrachtete er das begleitende Bild, ein Bündel Blumen und eine Matte im gleichen Stil wie der fliegende Drache. Plötzlich brach er in Tränen aus.

Er wollte gerade weiter lesen, als er eine Stimme sagen hörte: „Schon wieder am Tagträumen! Komm, Kusine Dai-yü möchte dich sehen.“
Er sah sich nach allen Seiten um, doch nirgends fand er Pinsel und Tusche. Aus Angst, es könnte jemand kommen, las er hastig weiter. Im Bild sah er schattenhaft jemanden, der einen Drachen steigen ließ, doch er schenkte dem keine Beachtung. In aller Eile las er alle zwölf Gedichte durch — manche verstand er auf den ersten Blick, manche nach kurzem Nachdenken, manche blieben ihm dunkel. Er prägte sich alles fest ein. Seufzend griff er nach dem „Zweitrangigen Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling". Als er las: „Bewundernswert, die Schauspielerin hat Glück; wer hätte gedacht, der junge Herr hat kein Schicksal mit ihr" — das hatte er vorher nicht verstanden, doch als er oben die Umrisse einer Blumenmatte erkannte, erschrak er zutiefst und brach in heftiges Weinen aus.
Die Stimme ähnelte sehr der von Yüan-yang, doch als er sich umdrehte, um nachzusehen, war dort zu seiner großen Verwunderung niemand. Dann sah er plötzlich wieder Yüan-yang am Torweg stehen und ihm zuwinken.

Voller Begeisterung rannte er hinaus, doch ihre schattenhafte Gestalt schwebte stets vor ihm, und er konnte sie nicht einholen.

„Liebe Schwester, bitte warte auf mich!“, rief er.

Sie reagierte nicht und eilte weiter, während er ihr hinterher keuchte. Plötzlich tauchte eine weitere Aussicht vor ihm auf, von hohen Gebäuden und umständlich geformten Dächern, worin er verschwommen die Figuren der Palastdamen erahnen konnte. In seinem Eifer, diesen neuen Bereich zu erkunden, vergaß Bau-yü völlig Yüan-yang. Wie er durch einen der Torwege hineinging, fand er sich selbst inmitten verschiedenster Pflanzen und Blumen, keine davon kannte er. Eine darunter fiel ihm besonders auf, eine Krautpflanze umgeben von einer Marmorbalustrade, die Spitzen ihrer Blätter waren rötlich besetzt.
Er wollte weiterlesen, als er jemanden sagen hörte: „Da stehst du wieder und starrst! Cousine Lin ruft dich." Es klang wie Mandarinenentes Stimme, doch als er sich umdrehte, war niemand da. Sein Herz war voller Erstaunen und Zweifel, als Mandarinenente plötzlich draußen vor der Tür erschien und ihm zuwinkte. Schatzjade war überglücklich und eilte hinaus, doch Mandarinenente ging schattenhaft vor ihm her, und er konnte sie nicht einholen. Schatzjade rief: „Gute Schwester, warte auf mich!" Doch Mandarinenente achtete nicht auf ihn und ging weiter. Schatzjade hatte keine Wahl und rannte mit aller Kraft hinterher. Plötzlich eröffnete sich eine andere Welt: Hochragende Paläste, fein gearbeitete Dachgiebel, und dazwischen schimmerten zahlreiche Palastmädchen. Schatzjade war so gefesselt von der Pracht, dass er Mandarinenente ganz vergaß.
„Was für eine seltene Pflanze kann das sein“, überlegte er, „daß ihr so ein Ehrenplatz gebührt?“

Eine leichte Brise war zu spüren, und die Blätter der Pflanze bewegten sich in einem lang anhaltenden Zittern. Sie war klein und blütenlos, doch ihr erlesener Zauber hielt Bau-yüs Herz wie gebannt und entzückte seine Seele. Er starrte sie weiterhin entgeistert an, bis eine Stimme neben ihm sagte:

„Wo kommst du her, du großer Tölpel? Was fällt dir ein, diese Feenpflanze anzustarren?“
Schatzjade trat durch ein Palasttor. Drinnen wuchsen wundersame Blumen und seltene Gewächse, die er nicht zu benennen wusste. Nur eine Pflanze fiel ihm auf: Hinter einer Balustrade aus weißem Stein wuchs ein grünes Kraut mit einem Hauch von Rot an den Blattspitzen; er wusste nicht, was es war, dass man es so sorgsam hegte. Ein leiser Wind kam auf, und das grüne Kraut schwankte unablässig. Obgleich es nur ein kleiner Halm ohne Blüte war, lag in seiner Anmut etwas, das das Herz rührte, den Geist bezauberte und die Seele ergriff.
Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, drehte sich Bau-yü um und sah eine junge Fee neben sich stehen. Er verbeugte sich und sagte zur Antwort: „Ich habe hier nach Yüan-yang gesucht. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihren besonderen Bereich unabsichtlich betreten habe. Können Sie mir bitte sagen, Schwester Fee, was dies für ein Ort ist und warum Yüan-yang sagte, das Kusine Dai-yü mich sehen möchte? Können Sie mir das bitte erklären?“ –

„Schwester hin, Kusine her! Solche Namen bedeuten mir nichts!“, antwortete die Fee. „Alles, was ich weiß, ist, daß ich die Verantwortung für diese Feenpflanze trage und daß es Sterblichen wie dir streng verboten ist, sich hier aufzuhalten. Du mußt sofort gehen.“

Bau-yü mußte dem Befehl der Fee gehorchen.

„Schwester Fee!“, flehte er nochmal, „wenn Sie die Verantwortung für diese Feenpflanze tragen, müssen Sie selbst eine Blumenfee sein. Können Sie mir sagen: was ist so besonders an dieser einen Pflanze?“ –

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete die Fee. „Sie ist an den Ufern des Magischen Flusses gewachsen und wurde Purpurblume genannt. Sie welkte und begann zu sterben, doch sie wurde wiederbelebt und ihr wurde Unsterblichkeit durch das Eingreifen des Pagen Geisterjade verliehen, der sie größzügigerweise mit Tau wässerte. Danach stieg sie in die Menschenwelt hinab, um ihre Schuld mit den Tränen einer Lebenszeit zu bezahlen und da dies nun vollbracht ist, ist sie in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Die feenhafte Ernüchterung hat mir die Anweisung gegeben, sie zu pflegen und Bienen und Schmetterlinge von ihr fern zu halten.
Schatzjade starrte es gedankenverloren an, als neben ihm eine Stimme ertönte: „Du plumpes Ding — wo kommst du her, dass du hier das Unsterblichkeitskraut belauschst?" Schatzjade erschrak, drehte sich um und sah eine Himmelsjungfrau. Er verneigte sich und sprach: „Ich suchte meine Schwester Mandarinenente und bin versehentlich in die Himmelssphäre eingedrungen. Vergebt mir meine Kühnheit. Darf ich die Himmelsjungfrau fragen: Was ist das für ein Ort? Warum ist meine Schwester Mandarinenente hierher gelangt, und warum sagte sie, Cousine Lin rufe nach mir? Ich bitte um Aufklärung." Jene antwortete: „Was weiß ich von deinen Schwestern und Cousinen! Ich bin die Hüterin des Unsterblichkeitskrauts und dulde keine Sterblichen hier." Schatzjade wollte gehen, konnte sich aber nicht losreißen, und bat: „Wenn Ihr, Himmelsjungfrau, dieses Kraut hütet, seid Ihr gewiss die Blumengöttin. Was hat es mit diesem Kraut auf sich?" Die Himmelsjungfrau erwiderte: „Wenn du es wissen willst — die Geschichte ist lang. Dieses Kraut wuchs am Ufer des Geistigen Flusses und hieß ‚Purpurperlen-Kraut'. Als es einst verwelkte, hatte es das Glück, dass ein Diener des Göttlichen Jaspis es Tag für Tag mit süßem Tau begoss, sodass es ewiges Leben erlangte. Später stieg es in die Welt der Sterblichen hinab, um die Schuld für jene Bewässerung abzutragen, und ist nun in die Sphäre der Wahrheit zurückgekehrt. Darum hat die Himmelsfee der Warnung mich beauftragt, es zu hüten und keine Bienen und Falter heranzulassen."
Bau-yü verstand immer noch nicht. Er hatte den wachsenden Verdacht, daß dies wirklich die Blumenfee sein müsse, der er begegnet war und war entschlossen, sich so eine seltene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er fragte höflich: „Also tragen Sie, Schwester Fee, die Verantwortung für diese Pflanze. Doch jede dieser vielen feinen Blumen muß ihre eigene Fee zur Pflege haben. Ich möchte Sie nicht belästigen, doch ich frage mich, ob Sie mir nicht vielleicht sagen könnten, welche Fee sich um den Hibiskus kümmert?“ –

„Das weiß ich nicht. Dazu mußt du meine Herrin fragen.“ – „Wer ist denn Ihre Herrin?“ – „Meine Herrin ist die Königin des Hsiau-hsiang-Flusses.“ – „Ich wußte es!“, rief Bau-yü. „Das ist meine Kusine Lin Dai-yü!“ – „Absoluter Unsinn!“, erwiderte die nun sehr empörte Fee. „Muß ich dich wieder daran erinnern, daß dies ein himmlischer Bereich und das Reich der Feen ist. Meine Herrin mag zwar Flußkönigin genannt werden, doch sie hat nichts mit euren weltlichen Königinnen und so weiter zu tun. Wie könnte sie mit einer Sterblichen verbunden sein? Hör’ auf, so einen Unsinn zu reden, oder ich muß dich schlagen und von den Wachen hinauswerfen lassen.“
Schatzjade verstand nicht; er war überzeugt, der Blumengöttin begegnet zu sein, und durfte diese Gelegenheit nicht verpassen. Er fragte: „Ihr hütet dieses Kraut, Himmelsjungfrau. Es gibt unzählige edle Blumen — gewiss hat jede ihre eigene Hüterin. Ich wage nicht, nach allen zu fragen; nur: Wer hütet die Lotosblume?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Das weiß ich nicht. Nur meine Herrin könnte es sagen." Schatzjade fragte: „Wer ist denn Eure Herrin?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Meine Herrin ist die Fürstin des Xiaoxiang-Palastes." Schatzjade hörte das und rief: „Genau! Ihr wisst es nicht, aber diese Fürstin ist meine Cousine Lin Daiyu." Die Himmelsjungfrau rief: „Unsinn! Dies hier ist die Sphäre himmlischer Göttinnen. Zwar trägt sie den Titel ‚Fürstin von Xiaoxiang', doch sie ist keineswegs wie die Kaiserinnen E Huang und Nü Ying. Wie sollte sie mit einem Sterblichen verwandt sein? Hüte deine Zunge, oder ich lasse die Wächter dich hinausprügeln!"
Bau-yü wurde von den Worten der Fee beinahe erschlagen und wurde sich schmerzhaft seiner Unreinheit bewußt. Er wollte gerade gehen, als er eine Botschafterin herbeieilen hörte, die rief: „Sie fragten nach dem Pagen Geisterjade!“ – „Ich weiß“, antwortete die Fee, „man sagte mir, ich solle nach ihm Ausschau halten. Deshalb habe ich hier die ganze Zeit gewartet. Doch ich habe hier keinen solchen Pagen gesehen. Was soll ich nun machen?“ – „Das war bestimmt der, der uns gerade verlassen hat!“, rief die Botschafterin lachend und eilte hinaus, um Bau-yü zu erwischen: „Sind sie der göttliche leuchtende Bote auf der Rückkehr?“

Bau-yü glaubte, sie müsse jemanden anderen meinen. Er hatte Angst, erwischt und gefangen zu werden und stolperte weiter vorwärts, um schnellstmöglich zu verschwinden. Als er aufblickte, sah er vor sich eine fabelartige Figur mit einem langen Schwert, die sich ihm in den Weg stellte: „Wohin gehst du?“

Bau-yü hatte große Angst, doch konnte er genug Mut zusammen nehmen, um nochmal hinzusehen. Er war überrascht und dann beruhigt, als er auf einmal der dritten Schwester You gegenüberstand.

„Oh Kusine!“, wimmerte er, „warum bist du auch hinter mir her?“ –
Schatzjade stand wie betäubt da und empfand sich als schmutzig und unwürdig. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er jemanden hörte, der eilig herankam und rief: „Man bittet den Diener des Göttlichen Jaspis herein." Ein anderer erwiderte: „Ich habe auf Befehl lange gewartet, doch der Diener des Göttlichen Jaspis kam nicht vorbei. Wo soll ich ihn denn suchen?" Der Erste lachte: „Der gerade zurückgetreten ist — war er das nicht?" Die Dienerin eilte hastig hinaus und rief: „Der Diener des Göttlichen Jaspis möge bitte zurückkehren." Schatzjade glaubte, man frage nach jemand anderem, und fürchtete zugleich, verfolgt zu werden, also stolperte er davon.
„Ihr Männer seid alle gleich!“, antwortete sie. „In eurer ganzen Gattung gibt es keinen guten. Ihr zerstört den Ruf der Mädchen, dann zerstört ihr ihre Ehe. Jetzt habe ich dich und du wirst mir nicht mehr entkommen!“

Bau-yü wußte, daß sie es toternst meinte und geriet in Panik, bis er eine andere Stimme hörte, die hinter ihm sagte: „Schwester! Halte diesen Mann sofort auf! Er darf nicht gehen!“ – „Ich habe meine Anweisungen von der Flußkönigin“, antwortete die dritte Schwester You, „und ich habe lang auf so etwas gewartet. Jetzt sitzt du in meiner Falle und mit einem Hieb meines Schwertes werde ich die Lügen zerschmettern, die dich an die sterbliche Welt binden.“

Bau-yü war entsetzt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte und drehte sich zur Flucht um, doch dann stand er der Stimme von vorhin gegenüber, es war Tjing-wën. Freude und Kummer umklammerten sein Herz.
Während er ging, stellte sich ihm plötzlich jemand mit einem Schwert in der Hand in den Weg und rief: „Wohin des Wegs?" Schatzjade erschrak. Mutig blickte er auf — es war niemand anderes als die Dritte Schwester You. Er fasste sich ein wenig und bat: „Schwester, wie — auch Ihr bedrängt mich?" Jene antwortete: „Unter euch Brüdern ist kein einziger guter Mensch: Ihr ruiniert den Ruf der Frauen und zerstört ihre Ehen. Heute, da du hierher gekommen bist, verschone ich dich nicht." Schatzjade hörte, dass es übel klang, und war in großer Angst. Da rief jemand von hinten: „Schwester, haltet ihn schnell fest, lasst ihn nicht entkommen!" Die Dritte Schwester You sagte: „Auf Befehl der Fürstin habe ich lange gewartet. Heute, da ich dich sehe, werde ich mit einem Schwerthieb deine irdischen Bande durchtrennen!"
„Ich bin verloren!“, rief er traurig, „ich bin völlig allein und laufe direkt in die Arme meines Feindes. Ich will hier weg und nach Hause, doch ich habe niemanden gefunden, der mich zurückbringt. Jetzt sollte ich doch sicher sein! Liebe Tjing-wën, nimmst du mich bitte mit nach Hause?“ – „Page Geisterjade, laß dich nicht entmutigen“, antwortete Tjing-wën. „Ich bin nicht Tjing-wën. Ich wurde nur von unserer Königin beauftragt, dich zu ihr zu geleiten. Ich will dir nichts antun.“

Bau-yü war nun völlig verwirrt: „Du sagst, ‚unsere Königin‘ schickt dich; doch wer ist eure Königin?“ – „Frag’ jetzt nicht“, antwortete Tjing-wën, „bald wirst du es selbst sehen.“
Schatzjade erschrak noch mehr und verstand nicht, was all diese Worte bedeuteten. Er wollte umkehren und fliehen. Doch die Person hinter ihm war niemand anderes als Klarwolke. Bei ihrem Anblick erfüllten ihn Trauer und Freude zugleich. Er rief: „Ganz allein bin ich umhergeirrt und habe den Weg verloren; dann traf ich auf eine Feindin und wollte fliehen, doch ich fand niemanden von euch, der mir folgte. Nun ist alles gut — Schwester Klarwolke, bring mich schnell nach Hause!" Klarwolke sagte: „Der Diener möge nicht misstrauisch sein. Ich bin nicht Klarwolke — ich komme auf Befehl der Fürstin, um Euch zu einer Begegnung einzuladen. Es geschieht Euch nichts." Schatzjade war voller Zweifel und fragte: „Ihr sagt, die Fürstin rufe mich — wer ist diese Fürstin?" Klarwolke antwortete: „Fragt jetzt nicht. Wenn Ihr dort ankommt, werdet Ihr es wissen."
Bau-yü folgte ihr hilflos, und wie sie gingen, blickte er sie näher an. Sie ähnelte Tjing-wën bis ins kleinste Detail. ‚Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme sind wie Tjing-wëns!‘, dachte er bei sich selbst. ‚Wie kann sie nicht Tjing-wën sein? Ich bin verwirrt. Dann laß ich das eben. Ich sollte besser erst die Königin treffen. Obwohl ich etwas falsch gemacht habe, kann ich die Königin, wenn ich ihr vorgeführt werde, um Vergebung bitten. Frauen haben trotzdem weiche Herzen. Sie wird mir sicher vergeben.’

Sie hatten nun den eindrucksvollen Palast erreicht, aufwendig und brilliant verziert bis ins kleinste Detail. Im Hof vor ihnen wuchs ein hellgrüner Bambusstrauch, während am Torweg eine Reihe dunkler Fichten stand. Unter der Regenrinne standen einige Dienstmädchen, gekleidet in feine Palastgewänder, und als sie Bau-yü eintreten sahen, flüsterten sie zueinander: „Ist das nicht der Page Geisterjade?“

Bau-yüs Begleiterin unterrichtete sie: „Er ist es, also beeilt euch besser und kündigt seine Ankunft an!“
Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Er betrachtete ihren Rücken, ihre Bewegungen — es war genau Klarwolke. „Gesicht und Stimme stimmen — warum sagt sie, sie sei es nicht? Mein Verstand ist gerade umnebelt; lassen wir das. Wenn ich dort ankomme und die Fürstin sehe — selbst wenn ich etwas falsch gemacht habe, werde ich sie um Verzeihung bitten. Frauen sind barmherzigen Herzens; sie wird mir meine Unbedachtheit gewiss verzeihen."
Eine der Damen warf Bau-yü ein Lächeln zu, und er folgte ihr durch verschiedene Gemächer, bis sie schließlich den Eingang zur Haupthalle des Palastes erreichten. Ein Perlenvorhang hing davor. Davor anhaltend drehte sich das Dienstmädchen zu Bau-yü um und sagte: „Wartet hier auf Anweisungen von ihrer Majestät!“

Bau-yü wagte nicht, ein Wort zu sagen, sondern wartete gehorsam vor dem Torweg. Dann kehrte das Dienstmädchen zurück und sagte: „Möge der Page bitte zur Audienz eintreten.“

Eine weitere Dienerin zog den Perlenvorhang zur Seite, und wie sie dies tat, konnte Bau-yü eine majestätische Person erkennen, mit einer Blumenkrone auf dem Kopf, bekleidet mit reichlich geschmückten Gewändern, die dort thronte. Er hob seinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Dann sah er, wie sehr die Königin Dai-yü ähnelte und rief impulsiv aus: „Hier finde ich dich nun, Kusinchen! Oh, wie ich dich vermißt habe!“

Die Dienstmädchen außerhalb des Vorhangs flüsterten sich empört zu: „Was für schlechte Manieren dieser Page hat! Sofort hinaus mit ihm!“
Noch während er grübelte, gelangten sie bald an einen Ort. Prachtvolle Hallen, leuchtende Farben; im Hof ein Hain von Bambus, vor den Türen einige alte Kiefern. Unter den Dachtraufen standen mehrere Dienerinnen in Palasttracht. Als sie Schatzjade eintreten sahen, flüsterten sie: „Ist das der Diener des Göttlichen Jaspis?" Die Begleiterin sagte: „Ja, das ist er. Geh schnell hinein und melde es." Eine Dienerin winkte lächelnd; Schatzjade folgte ihr. Nach mehreren Räumen erblickte er einen Hauptsaal mit hochgezogenen Perlenvorhängen. Die Dienerin sagte: „Bleibt stehen und wartet auf den kaiserlichen Befehl." Schatzjade wagte keinen Laut und wartete draußen. Nach kurzer Zeit kam die Dienerin heraus und sagte: „Der Diener möge eintreten und sich vorstellen." Jemand hob den Perlenvorhang. Drinnen saß eine Frau, das Haupt mit einer Blumenkrone geschmückt, den Leib in ein besticktes Gewand gekleidet. Schatzjade hob kaum den Blick und erkannte Kajaljade. Er konnte nicht an sich halten und rief: „Cousine! Hier bist du — ich habe dich so vermisst!" Die Dienerin draußen vor dem Vorhang zischte: „Dieser Diener ist unverschämt! Hinaus, sofort!" Kaum hatte sie ausgesprochen, ließ eine andere den Perlenvorhang herab.
Kaum hatten sie das gesagt, da ließ die andere Dienerin den Vorhang wieder herunter. Bau-yü war zu ängstlich, um einzutreten, doch war jeder Gedanke an Flucht unvorstellbar. Er wollte eines der Dienstmädchen um eine Erklärung bitten, doch als er sich umschaute, bemerkte er, daß sie ihm alle fremd waren. Jetzt drängten sie ihn hinaus, und er konnte nicht anders als gehen. Er wollte als letztes Mittel „Tjing-wën“ fragen. Doch als er sie suchte, konnte er sie nirgends finden. Eine tiefe Verwirrung und Vorahnung stiegen in ihm auf. Er ging fort, dieses Mal ohne Führung. Es gab keine Spur von dem Weg, den er gekommen war, und er überlegte, ob er jemals seinen Weg zurück fände, bis er zu seiner Überraschung die Gestalt von Hsi-fëng erblickte, die ihm unter der Dachrinne eines anderen Gebäudes zuwinkte. Schatzjade wagte weder einzutreten noch fortzugehen; er konnte sich nicht trennen. Er wollte jemanden fragen, doch die Dienerinnen kannte er alle nicht, und man jagte ihn fort. Verzweifelt ging er hinaus und wollte Klarwolke fragen, doch als er sich umsah, war sie nirgends zu sehen. Ratlos schleppte er sich von dannen; es war niemand da, der ihn führte, und er fand den alten Weg nicht mehr.
„Dem Himmel sei Dank! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich meine Haltung nur so schnell verlieren?“

Er eilte zu ihr: „Da bist du ja! Sie waren alle so grausam zu mir und Kusine Dai-yü wollte mich nicht sehen. Ich weiß nicht warum!“

Er stand direkt neben Hsi-fëng. Doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, daß dies überhaupt nicht Hsi-fëng war, sondern Djia Jungs erste Frau, Tjin Kë-tjing. Er zögerte einen Moment und fragte sie dann, wo Hsi-fëng hingegangen sei. Doch die Dame gab keine Antwort, drehte sich dann um und ging hinein.

Bau-yü stand verblüfft da, wagte nicht, ihr zu folgen, sondern starrte nur entgeistert vor sich hin.

„Was habe ich heute nur falsch gemacht“, seufzte er, „daß alles mißlingt, was ich nur anfasse?“

Als er gerade in Tränen ausbrach, kam eine Menge Wächter mit gelben Turbanen und Peitschen in der Hand auf ihn zugelaufen.

„Woher kommt dieser Mann und was fällt ihm ein, im Reich der Feen herumzulungern? Fort mit Ihnen, sofort!“

Bau-yü wagte kein Wort zu sagen und suchte einen Weg aus dem Palast. In der Ferne erblickte er eine Menge lachender Damen, die in seine Richtung liefen und dachte zu seiner Erleichterung, daß er Ying-tschun darunter erkannt hätte.

„Hilfe!“ schrie er. „Ich habe mich hier verlaufen! Rettet mich!“
In seiner Not sah er Phönixglanz unter einem Dachvorsprung stehen und ihm zuwinken. Schatzjade freute sich und rief: „Endlich! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich nur so verwirrt sein?" Er rannte hin und sagte: „Schwester, du bist hier? Diese Leute haben mich so genarrt, und Cousine Lin wollte mich nicht sehen — ich weiß nicht, warum." Als er an der Stelle ankam, wo Phönixglanz gestanden hatte, und genau hinsah, war es gar nicht Phönixglanz — es war Kaufmann Rons erste Gemahlin, Frau Qin. Schatzjade blieb stehen und wollte fragen, wo Schwester Phönixglanz sei. Doch Frau Qin antwortete nicht und ging einfach ins Haus. Schatzjade war ganz benommen und wagte nicht, ihr zu folgen. Er stand da und seufzte: „Was habe ich heute verbrochen, dass niemand sich um mich kümmert?" Er brach in Tränen aus. Da kamen einige Wächter mit gelben Kopftüchern und Peitschen angelaufen und riefen: „Was für ein Mann wagt es, in unser Paradies der Himmelsjungfrauen einzudringen? Raus mit dir, sofort!"
Sogar als er schrie, stießen die Wachen ihn beständig von hinten an, und er taumelte hilflos vorwärts. Zu seinem Schrecken sah er, daß die Frauen sich in seltsame, schreckliche Ungeheuer verwandelt hatten und ihn auch verfolgten. Seine Nerven hielten das nicht mehr aus. Plötzlich erschien der Mönch vor ihm und hielt ihm einen Spiegel vor das Gesicht: „Durch Anordnung der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun muß ich dich retten!“ Schatzjade wagte kein Wort. Gerade suchte er den Ausweg, als er in der Ferne eine Schar Frauen sah, die lachend und plaudernd näherkamen. Es schienen Willkommfrühling und die anderen zu sein. Freudig rief er: „Ich bin hier verloren! Kommt schnell und rettet mich!" Doch die Wächter hinter ihm holten ihn ein. Schatzjade rannte in Panik vorwärts — da verwandelten sich die Frauen in Gespenster und Ungeheuer und stürzten sich auf ihn.
Auf einmal verschwanden die Ungeheuer, und Bau-yü war in die düstere Wildnis zurückversetzt, durch welche er diesen Bereich erst betreten hatte. Er ergriff die Hand des Mönches: „Ihr habt mich hergebracht, ich erinnere mich; und als Nächstes weiß ich, daß ihr verschwunden wart und ich Menschen meiner Familie traf, doch sie wollten nichts mit mir zu tun haben und am Ende verwandelten sie sich in Monster! War das alles ein Traum, oder war es wirklich? Bitte Herr, ich flehe Sie an, mir die Wahrheit zu sagen.“ –

„Als Sie diesen Ort zuerst betreten hattet“, sagte der Mönch, „ist Ihnen da irgend etwas Besonderes aufgefallen?“

Bau-yü überlegte: ‚Wenn er mich schon in das Feenparadies führen konnte, muß er selbst ein Eingeweihter sein, deshalb ist es zwecklos, ihn in die Irre führen zu wollen. Aber ich will mehr wissen.‘

Er berichtete dem Mönch, daß er verschiedene Register gesehen habe.

„Hören Sie sich selbst doch mal zu!“, rief der Mönch. „Ihr habt die Register selbst gesehen und seid immer noch blind! Jetzt hört mir gut zu: vorbestimmte Anlagerungen im menschlichen Herzen sind nichts als blanke Einbildung, sie sind Hürden, die euren geistigen Weg behindert. Überlegen Sie gut, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich werde es dann erläutern, wenn wir uns wieder sehen.“

Dann versetzte er Bau-yü einen heftigen Stoß. „Geh zurück!“, rief er.

Bau-yü verlor den Halt, stolperte vorwärts und schrie vor Schreck „Ahh!“.
In äußerster Not erschien der Mönch, der den Jade gebracht hatte, mit einem Spiegel in der Hand. Er richtete ihn auf die Szene und rief: „Auf Befehl der Edlen Gemahlin Yuanchun bin ich gekommen, um dich zu retten." Augenblicklich verschwanden die Geister, und es war wieder nur öde Wildnis. Schatzjade hielt den Mönch fest und sagte: „Ich erinnere mich — Ihr habt mich hierhergeführt, doch dann wart Ihr plötzlich verschwunden. Ich habe viele Verwandte gesehen, doch niemand achtete auf mich; dann verwandelten sie sich in Gespenster. War dies ein Traum oder Wirklichkeit? Ich bitte den ehrwürdigen Meister um eine klare Erklärung." Der Mönch fragte: „Hast du hier heimlich irgendwelche Dinge angeschaut?" Schatzjade überlegte: „Da er mich zum Paradies der Himmelsjungfrauen führen konnte, ist er gewiss selbst ein Unsterblicher. Wie sollte ich etwas vor ihm verbergen? Und ich möchte ohnehin Klarheit." Er sagte: „Ich habe tatsächlich einige Alben gesehen." Der Mönch rief: „Da haben wir's! Du hast die Alben gesehen und begreifst immer noch nicht? Alle Liebesbande auf Erden sind nur Trugbilder des Bösen. Merke dir nur alles, was du erlebt hast; in Zukunft werde ich es dir erklären." Damit gab er Schatzjade einen kräftigen Stoß und rief: „Geh zurück!" Schatzjade verlor das Gleichgewicht, stürzte zu Boden und schrie: „Au!"
Die Familie stand an seinem Bett, als er plötzlich unmißverständliche Lebenszeichen von sich gab. Sie riefen seinen Namen, und er öffnete seine Augen, um sich selbst auf einem alten Ofenbett liegend zu finden. Vor ihm waren die Dame Wang, Bau-tschai und andere seiner Familienmitglieder, ihre Augen waren rot und tränenunterlaufen. Er überlegte einen Augenblick und versuchte sich aufzurichten.

‚Nun!‘, sagte er zu sich selbst, ‚ich habe die Sphäre der Toten besucht, und jetzt bin ich wieder zu den Lebenden zurückgekehrt!‘

Er dachte weiter über die Erlebnisse während seiner Seelenwanderung nach, und ein glasiger Blick durchdrang seine Augen. Zu seiner großen Erleichterung sah er, daß er sich immer noch an jedes Detail seines Traumes erinnern konnte und voller Befriedigung kicherte er laut: „So! So!“
Alle weinten gerade, als sie hörten, dass Schatzjade zu sich kam. Hastig riefen sie nach ihm. Schatzjade öffnete die Augen — er lag noch immer auf seinem Ruhebett. Er sah Frau Wang, Schatzspange und die anderen mit rotgeschwollenen Augen vom Weinen. Er sammelte seine Gedanken und dachte: „Ja — ich bin gestorben und zurückgekehrt." Er rief sich alles, was seine Seele erlebt hatte, sorgfältig ins Gedächtnis. Zum Glück erinnerte er sich an das meiste und lachte: „So ist es also, so ist es!"
Die Dame Wang vermutete die Rückkehr eines seiner früheren Anfälle und beschloß, daß der Arzt sofort wieder gerufen werden solle. Sie schickte eine Magd und eines der Dienstmädchen, um Herrn Dschëng zu berichten, daß Bau-yü das Bewußtsein wieder erlangt habe und daß seine vorige und offensichtlich tödliche Krise nur ein vorübergehender, mentaler Zusammenbruch war, von dem er sich nun erholt zu haben schien. Da es ihm nun besser ging und er sogar einige Sätze sprechen konnte, konnten sie sicher die Begräbnisvorbereitungen verwerfen. Djia Dschëng eilte herbei, um sich selbst von den Neuigkeiten zu überzeugen.

„Unglückseliges Geschöpf“, rief er, „wolltest du uns zu Tode erschrecken?“
Frau Wang glaubte, das alte Leiden sei zurückgekehrt, und wollte schon den Arzt rufen lassen. Sie befahl den Zofen und alten Dienerinnen, schnell Aufrecht Kaufmann mitzuteilen: „Schatzjade ist zu sich gekommen. Vorhin war er nur in Geistesverwirrung befangen; nun spricht er wieder. Die Vorbereitungen für das Letzte können eingestellt werden." Aufrecht Kaufmann hörte es und eilte herein. Tatsächlich sah er Schatzjade wieder bei Bewusstsein und sagte: „Du glückloses Kind! Wen willst du zu Tode erschrecken?" Dabei liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab. Er seufzte mehrmals und ging hinaus, um den Arzt kommen zu lassen, den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen.
Gegen seinen Willen weinte er. Nach einigen heftigen Schluchzern fuhr er fort und schickte nach einem Arzt, der Bau-yüs Puls messen und ihm Medizin verschreiben sollte.

Es soll daran erinnert werden, daß Schë-yüä nur kurzzeitig an Selbstmord gedacht hatte. Doch da Bau-yü sich nun erholt hatte, war sie beruhigt. Die Dame Wang bestellte etwas Longanpflaumen-Suppe und sagte Bau-yü, er solle ein wenig davon zu sich nehmen. Sie war höchst erleichtert, ihn wieder belebt zu sehen. Er hatte seine Haltung wiedererlangt, und sie schimpfte noch nicht einmal mit Schë-yüä wegen ihres vorigen Patzers, sondern trug nur einer der Mägde auf, die wieder gefundene Jade Bau-tschai zu bringen, die sie wieder um Bau-yüs Hals hängen sollte.

„Ich frage mich, wo der Mönch sie gefunden hat?“, fragte sie ihn laut. „Es scheint so merkwürdig. In einem Moment verlangte er sein Geld, im nächsten war er verschwuden. Glaubst du, er war eine Art Unsterblicher?“

„Von der ‚mysteriösen‘ Art zu urteilen, wie er hereinkam“, sagte Bau-tschai, „und von der ‚mysteriösen‘ Weise, auf die er verschwand, würde ich sagen, er hat ihn überhaupt nicht gefunden, sondern ihn überhaupt zuerst an sich genommen.“

„Wie hätte er sie direkt vor den Augen anderer wegnehmen können?“, fragte die Dame Wang.

„Wenn er sie zurückbringen konnte, so konnte er sie auch wegnehmen,“ beharrte Bau-tschai.

„Als der Jade verloren war,“ warfen Hsi-jën und Schë-yüä ein, „hatte Verwalter Lin Dschï-hsiau einen Wort-Wahrsager herbestellt – wir haben es Ihnen erzählt, Herrin, kurz nach der Hochzeit. Das Zeichen, das er vorausahnte, war shang, was ,Belohnung‘ bedeutet. Erinnert ihr euch, Herrin?“ –
Mondschein, die gerade an Selbstmord gedacht hatte, beruhigte sich, als sie sah, dass Schatzjade wieder erwacht war. Frau Wang ließ Longansaft bringen und ihn einige Schlucke trinken, und allmählich kam er zu Sinnen. Frau Wang und die anderen waren beruhigt und machten Mondschein keine Vorwürfe. Sie ließen den Jade wieder Schatzspange übergeben, damit sie ihn Schatzjade umhänge. Dann dachte man an den Mönch: „Wo er den Jade wohl her hatte — das ist auch sonderbar: Erst verlangt er Silber, dann ist er plötzlich verschwunden. War er ein Unsterblicher?" Schatzspange sagte: „Wenn man bedenkt, wie er kam und wie er ging — der Jade wurde nicht ‚gefunden'. Als er damals verloren ging, muss der Mönch ihn genommen haben." Frau Wang fragte: „Der Jade war im Hause — wie hätte er ihn nehmen können?" Schatzspange erwiderte: „Wenn er ihn bringen konnte, konnte er ihn auch nehmen." Dufthauch und Mondschein sagten: „In dem Jahr, als der Jade verloren ging, ließ der Herr Lin ein Schriftzeichen deuten. Nachdem die Zweite Herrin ins Haus gekommen war, haben wir ihr davon erzählt — das Zeichen war ‚Shang', ‚Belohnung'. Erinnert Ihr Euch, Zweite Herrin?" Schatzspange überlegte: „Ja! Ihr sagtet, man solle im Pfandhaus nachforschen. Jetzt wird mir alles klar — es war das Zeichen ‚Shang' von ‚Heshang', ‚Mönch', das oben stand. Hat der Mönch ihn nicht weggenommen?"
„Ja, ihr habt Recht“, sagte Bau-tschai, „ihr sagtet, es hätte etwas mit dem Pfandhaus zu tun. Doch jetzt sehe ich, daß es wirklich auf das Wort „Mönch“ verwies, welches über dem Zeichen shang steht. Uns wurde von dem Wort-Wahrsager gesagt, ein Mönch habe sie genommen!“ –

„Der Mönch war ohnehin seltsam genug“, sagte die Dame Wang, „als Bau-yü vorher krank war, kam ein anderer Mönch - ich erinnere mich - und sagte uns, Bau-yü habe ein kostbares Objekt bei sich zu Hause, das ihn heilen könne. Er meinte den Jade damit. Er mußte von seinen magischen Eigenschaften gewußt haben: Es ist außergewöhnlich, daß Bau-yü mit diesem Stein im Mund auf die Welt kam! Habt ihr in der gesamten Weltgeschichte schon mal von so einer Begebenheit gehört? Wer weiß, was am Ende noch aus dem Stein wird? Und wer weiß, was aus Bau-yü wird! Sie scheint ein untrennbarer Teil seines Lebens zu sein, in Krankheit und Gesundheit, bei seiner Geburt und ...“
Frau Wang sagte: „Dieser Mönch war schon immer sonderbar. In dem Jahr, als Schatzjade krank war, kam ein Mönch und sagte, in unserem Hause sei ein Schatz, der helfen könne — er meinte diesen Jade. Da er das wusste, hat der Jade gewiss eine besondere Herkunft. Außerdem wurde dein Mann mit dem Stein im Mund geboren — habt ihr je von so etwas gehört, von der Antike bis heute? Nur weiß ich nicht, was auf Dauer mit diesem Jade geschehen wird; ja, wir wissen nicht einmal, was mit unserem eigenen Schatzjade werden wird. Krank ist er wegen dieses Steins, gesund auch wegen dieses Steins; geboren ist er mit diesem Stein …" Bei diesen Worten stockte sie, und die Tränen flossen erneut. Schatzjade hörte zu und verstand in seinem Herzen. Wenn er an das dachte, was er im Jenseits erlebt hatte, wurde alles noch deutlicher. Er sprach kein Wort, sondern erinnerte sich still an jedes Detail.
Sie hielt plötzlich inne, und Tränen traten ihr in die Augen. Bau-yü konnte für sich sagen, daß er nun die Antwort auf ihre Fragen nur zu gut wußte. Wie er zurückdachte, verstand er immer deutlicher die Wichtigkeit seines Besuches in der ‚anderen Welt‘. Doch er sagte nichts und behielt diese Gedanken still für sich.

Es war Hsi-tschun, die als Nächstes sprach: „Als der Jadestein verloren war, baten wir Miau-yü, das Geisterschreibgerät zu unserer Hilfe zu befragen. Die Antwort, die sie von dem Geist erhielt, enthielt folgende Zeilen:

‚An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. [...]‘

Es endete mit: ‚Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung!‘

Es gibt viele Gedanken, die mit den Worten ‚tritt durch meine Tür‘ in Verbindung gebracht werden könnten. Das Tor des Dharma ist sicherlich weit und allumfassend, doch irgendwie bezweifle ich, daß Vetter Bau-yü sich durchzwängen konnte, wer auch immer der ‚Folgende‘ sein sollte.“

Bau-yü schnaubte verächtlich. Bau-tschai bemerkte seine Reaktion, fröstelte unfreiwillig und starrte zerstreut in den Raum.

„Du kannst doch deinen Buddha zu Rate ziehen“, warf Frau You ein. „Du willst doch immer noch in die Schwesternschaft eintreten, oder?“
Da sagte Bewahrfrühling: „Als damals der Jade verloren ging, bat man Miaoyu, ein Geistorakel zu befragen. Es hieß: ‚Am Fuß des Grünen Grates, angelehnt an eine uralte Kiefer' und ‚Tritt ein in mein Tor und begegne einem Lächeln'. Wenn ich jetzt daran denke, sind die drei Worte ‚Tritt ein in mein Tor' von tiefer Bedeutung. Das Tor des Buddhismus ist das größte aller Tore — nur fürchte ich, der Zweite Bruder kann es nicht durchschreiten." Schatzjade hörte das und lachte mehrmals kalt. Schatzspange zog die Augenbrauen zusammen und fiel in Grübeln. Frau You sagte: „Du musst immer gleich vom Buddhismus reden — hast du deinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, immer noch nicht aufgegeben?" Bewahrfrühling lächelte: „Ich will es der Schwägerin nicht verschweigen — ich habe schon lange auf Fleisch verzichtet." Frau Wang sagte: „Gutes Kind, Amitabha! Solche Gedanken darf man gar nicht erst aufkommen lassen." Bewahrfrühling schwieg dazu.
Hsi-tschun lächelte und sagte: „Eigentlich, Schwiegerschwester, habe ich bereits den ersten Schritt gemacht. Vor langer Zeit habe ich geschworen, nur noch vegetarisch zu essen.“

„Mein Kind!“, sagte die Dame Wang, „im Namen von Buddha selbst! Nimm Abstand von dieser verrückten Idee!“ Hsi-tschun war still.

Während dieses Austausches erinnerte sich Bau-yü an die zwei Zeilen, die er in einem der Register gelesen hatte:

‚Oje, die Tochter eines so großen Hauses

An Buddhas Altar alleine schlafend.’
Schatzjade dachte an den Vers „Neben der grünen Lampe und dem alten Buddha" und seufzte mehrmals. Dann fiel ihm das Gedicht ein — „Ein Bett aus Binsen", „Ein Zweig, eine Blüte" — und er blickte Dufthauch an, worauf ihm erneut die Tränen kamen. Alle sahen, wie er bald lachte, bald trauerte, und verstanden nicht, was das bedeutete; sie hielten es für sein altes Leiden. Doch Schatzjade, wo immer er hinkam, empfing geheime Zeichen; tatsächlich hatte er sich die Verse aus dem heimlich betrachteten Album fest eingeprägt. Nur sprach er nicht darüber; in seinem Herzen aber hatte er sich längst eine eigene Meinung gebildet. Doch davon sei für den Augenblick nicht weiter die Rede.
Er konnte einige leise Seufzer nicht zurückhalten. Dann erinnerte er sich an den Blumenstrauß und die Matte und blickte Hsi-jën an. Tränen füllten seine Augen. Als die Familie sah, auf welch merkwürdige Art er sich benahm, in der einen Minute lachend und in der nächsten weinend, konnten sie nur an Symptome seiner alten Anfälle denken. Keiner von ihnen wußte, daß ihre Reden Bau-yü eine plötzliche Erleuchtung bereitet hatten, mit dem Ergebnis, daß er sich Wort für Wort an jedes Gedicht aus den Registern seines Traumes erinnern konnte. Obwohl er nichts sagte, hatte er im Gedanken bereits einen neuen Entschluß gefaßt. Doch davon sehen wir ab. Alle sahen, dass Schatzjade vom Tode zurückgekehrt war. Sein Geist war klar, und mit den Tagen, an denen er Medizin einnahm, ging es ihm von Tag zu Tag besser; er erholte sich vollständig. Da Aufrecht Kaufmann sah, dass Schatzjade genesen war, und er sich, ohnehin in der Trauerzeit ohne Amtsgeschäfte, Sorgen machte — der Sarg der Herzoginmutter stand noch immer im Tempel, ohne dass man wusste, wann Kaufmann Huldreich begnadigt würde — , wollte er den Sarg nach Süden überführen und dort bestatten lassen. Er rief Kette Kaufmann, um sich zu beraten.
Nach Bau-yüs plötzlicher Erholung verbesserte sich seine Gesundheit täglich und durch die regelmäßige Einnahme seiner Medizin machte er beständige Fortschritte. Da nun sein Sohn außer Gefahr war, hatte Djia Dschëng Sorgen um den Sarg der Herzoginmutter, der eine lange Zeit im Tempel gelegen hatte, und wollte mit der Beerdigung fortfahren. Er selbst trauerte immer noch und war deshalb von seinen öffentlichen Verpflichtungen befreit. Es gab immer noch keine Nachricht darüber, wann oder ob Djia Schë begnadigt würde, daher entschied Djia Dschëng, aus eigenem Antrieb zu handeln und zu veranlassen, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter in den Süden gebracht und dort vernünftig beerdigt würden. Er schickte nach Djia Liän, um dies zu besprechen.

„Dein Vorschlag ist ausgezeichnet, Onkel“, sagte Djia Liän. „Es wäre das Beste, direkt damit zu beginnen. Wenn die Trauerzeit erst vorbei ist, wird es schwer sein, einen angemessenen Zeitpunkt zu finden. Vater ist nicht zu Hause, und es wäre anmaßend von mir, seine Aufgaben zu übernehmen. Mein einziges Bedenken sind die Kosten. Wir müssen einige tausend Tael aufbringen. Unser gestohlenes Eigentum muß ich leider als unwiederbringbaren Verlust notieren.“
Kette Kaufmann sagte: „Der Herr hat vollkommen recht. Jetzt, in der Trauerzeit, ist der beste Zeitpunkt, diese wichtige Sache zu erledigen. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, wird es vermutlich nicht mehr möglich sein. Nur — mein Vater ist nicht zu Hause, und ich als Neffe wage es nicht, mich anzumaßen. Der Gedanke des Herrn ist richtig; doch diese Angelegenheit kostet einige tausend Silbertael. Die Behörden werden das konfiszierte Vermögen nicht herausgeben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Mein Entschluss steht fest. Nur weil dein Vater nicht da ist, rufe ich dich zur Beratung. Du selbst kannst ja nicht abreisen; es fehlt hier an Leuten. Ich dachte daran, den jungen Ron mitzunehmen — zumal der Sarg seiner Frau auch dabei ist. Und auch der Sarg deiner Cousine Lin gehört dazu, so hat es die Herzoginmutter verfügt: Er soll zusammen mit ihr nach Süden zurückkehren. Was das Geld betrifft — ich werde mir dort einige tausend borgen; das dürfte reichen."
„Damit habe ich mich bereits abgefunden“, sagte Djia Dschëng. „In der Abwesenheit deines Vaters habe ich eben nach dir geschickt, damit wir die besten Mittel und Wege besprechen können. Du kannst nicht gehen, dann wäre niemand mehr zu Haus. Ich werde selbst dorthin gehen und die Särge gleichzeitig transportieren. Ich werde etwas Unterstützung brauchen und denke daran, den jungen Djia Jung mitzunehmen. Es sind zusammen drei Särge, mitgezählt der seiner Frau und deiner Kusine Lin. Es war der Wunsch deiner Großmutter, daß ihre Enkelinnen mit ihr zusammen im Süden begraben werden. Und wegen des Geldes müssen wir halt irgendwo ein paar Tausend Tael leihen.“ –

„Es gibt heutzutage nur noch wenig Großzügigkeit“, kommentierte Djia Liän bitter. „Du bist in Trauer, Onkel, und Vater ist im Exil. Ich fürchte, wir können das Geld nirgends aufbringen. Dann müssen wir wohl eine Hypothek auf unser Eigentum aufnehmen.“

„Doch unsere Residenz steht uns durch Kaiserlichen Erlaß zu,“ warf Djia Dschëng ein, „es steht uns nicht frei, so damit zu verfahren.“ –

„Das ist wahr“, sagte Djia Liän, „doch wir haben anderes Eigentum, auf das wir eine Hypothek aufnehmen könnten. Nach deiner Trauerzeit kann es dann eingelöst werden und nach Vaters Rückkehr, – umso mehr, wenn er wieder eingesetzt wird. Unser wesentliches Bedenken ist, daß du dich mit so einer langen Reise in deinem Alter überlasten könntest.“

„Es ist ein Gefallen, den ich Großmutter schulde“, sagte Djia Dschëng, „während ich weg bin, zähle ich darauf, daß du den Haushalt führst und alles streng unter Kontrolle hältst.“ –

„Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Djia Liän, „ich werde mein Bestes geben. Wenn du einige Diener mitnimmst, sind das einige Mäuler weniger, die es hier zu stopfen gilt, so könnten wir ein wenig sparen. Wenn du auf deinem Weg irgendwelche Hilfe brauchst, so reise in der Nähe der offiziellen Residenz von Lai Schang-jung, [dem Sohn des Verwalters Lai Da], ihn kannst du immer um Hilfe bitten.“ –

„Ich trage allein die Verantwortung dafür“, kommentierte Djia Dschëng trocken, „warum sollte ich die Hilfe von irgend jemandem brauchen?“ –

„Natürlich,“ stimmte Djia Liän zu und zog sich zurück, um seinen finanziellen Berechnungen nachzugehen.
Kette Kaufmann sagte: „Die Leute sind heutzutage herzlos; der Herr ist in Trauer, und unser Herr ist auswärts — kurzfristig lässt sich nichts borgen. Man könnte nur die Grundbücher und Grundstücksurkunden als Pfand geben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Das Wohnhaus ist ein kaiserliches Gebäude, das darf nicht angetastet werden." Kette Kaufmann erwiderte: „Das Wohnhaus nicht, aber draußen haben wir noch einige Häuser, die man veräußern kann. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, kann man sie zurückkaufen; und wenn mein Vater zurückkommt und ebenfalls wieder ein Amt erhält, kann man sie ebenfalls auslösen. Nur: Der Herr ist in einem Alter, in dem er sich eine solche Strapaze nicht mehr antun sollte; das bedrückt uns Neffen." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um die Angelegenheit der Herzoginmutter — das ist meine Pflicht. Du musst nur zu Hause besonnen sein und die Dinge fest im Griff behalten." Kette Kaufmann sagte: „Was das betrifft, kann der Herr ganz beruhigt sein; so verständnislos bin ich nicht, dass ich die Dinge nicht gewissenhaft erledigen würde. Da der Herr auf dem Weg nach Süden sicher einige Leute mitnimmt, bleiben nur wenige zurück; die Kosten dürften zu bewältigen sein. Sollte es auf der Reise an Geld fehlen: Der Weg führt am Amtssitz von Lai Shangrong vorbei — man könnte ihn um Unterstützung bitten." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um unsere eigene Großmutter — warum sollten wir andere belästigen?" Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und ging hinaus, um die Finanzen zu ordnen.
Djia Dschëng teilte Frau Wang seine Pläne mit, wies sie an, ein wachsames Auge auf den Haushalt zu werfen, und wählte einen günstigen Tag im Almanach aus, an welchem die Reise stattfinden sollte. Dann traf er seine Vorbereitungen für den Aufbruch.

Bau-yü war nun wieder völlig gesund, Djia Huan und Djia Lan waren ernsthaft in ihre Studien vertieft. Djia Dschëng vertraute sie alle Djia Liän an und erinnerte ihn: „Dieses Jahr wird das Staatsexamen stattfinden. Huan wird es nicht beenden können, weil er immer noch um seine Mutter trauert. Es gibt nichts, was Lan davon abhalten könnte, doch da seine Trauerzeit nun kürzer ist, wird sie auch bald vorüber sein. Er und Bau-yü sollen das gemeinsam erledigen. Wenn sie das Examen bestehen und Provinzmagister werden, wird das helfen, die Familie von ihrer Schande zu befreien.“
Aufrecht Kaufmann unterrichtete Frau Wang und übergab ihr die Haushaltsführung. Er wählte einen Tag für die Überführung und den Aufbruch. Da Schatzjade wieder genesen war, widmeten sich Huan Kaufmann und Lan Kaufmann ernsthaft den Studien. Aufrecht Kaufmann übergab alles an Kette Kaufmann und trug ihm auf, über die Ausbildung zu wachen: „In diesem Jahr findet die große Prüfung statt. Huan kann wegen der Trauerzeit nicht teilnehmen; Lan als Enkel darf jedoch nach Ablauf der Trauerfrist antreten. Schatzjade muss unbedingt zusammen mit dem Neffen zur Prüfung gehen. Sollte einer von ihnen den Titel eines Juren erlangen, könnte das unsere Schuld ein wenig tilgen." Kette Kaufmann und die anderen gehorchten. Aufrecht Kaufmann gab den Daheimgebliebenen noch viele Anweisungen, nahm Abschied vom Ahnentempel, hielt einige Tage Gebete außerhalb der Stadt ab und brach dann mit dem Trauerzug auf. Er bestieg das Schiff und nahm Lin Zhixiao und andere mit. Er wollte weder Verwandte noch Freunde belästigen; nur die eigenen Familienangehörigen begleiteten den Zug ein Stück und kehrten dann zurück.
Djia Liän versicherte ihm schnell, daß er seine Anweisungen ausführen werde. Djia Dschëng widmete sich dann länger den Hausangestellten, verabschiedete sich feierlich am Schrein der Ahnen, und er war, nachdem er einige Tage außerhalb der Stadt religiöse Dienste im Tempel verrichtet hatte, schließlich bereit, aufzubrechen. Verwalter Lin Dschï-hsiau und einige Diener reisten mit ihm. Einige Familienmitglieder begleiteten ihn ein Stück, um sich von ihm zu verabschieden. Er störte dabei keine weiteren Familienangehörige oder Freunde. Da Aufrecht Schatz Kaufmannjade befohlen hatte, an der Prüfung teilzunehmen, drängte Frau Wang ihn immer wieder und prüfte seine Studienleistungen. Dass Schatzspange und Dufthauch ihn beständig ermahnten und ermutigten, versteht sich von selbst. Doch nach seiner Krankheit wurde Schatzjades Gesinnung immer eigentümlicher, ja sie verwandelte sich vollständig: Nicht nur verabscheute er Ruhm und Karriere, auch die Bande der Zuneigung zu Frauen nahm er leichter als je zuvor. Nur sprach er zu niemandem davon; und die anderen bemerkten es nicht.
Da nun Bau-yü den Auftrag hatte, am nächsten Beamtenexamen teilzunehmen, begann die Dame Wang, mehr Druck auf ihn auszuüben und schaute beständig nach dem Fortschritt seiner Arbeit, während Bau-tschai und Hsi-jën ihn durch stetige Lektüre unterstützten. Sie bemerkten die tägliche Verbesserung seines Geistes, doch ihnen war nicht bewußt, daß sich in ihm eine große, innere Wandlung vollzogen hatte, die ihn in eine unvorhergesehene für ihn äußerst widernatürliche Richtung führte. Zusätzlich zu seiner tief verwurzelten Geringschätzung weltlichen Erfolgs und Fortschritts hatte er auch eine tiefe Abneigung gegenüber allen romantischen Anlagen entwickelt – mit einem Wort, gegenüber der Liebe. Doch diese radikale neue Haltung wurde um ihn herum kaum wahrgenommen, und er sagte nichts zu dieser Erkenntnis.

Dsï-djüan war eine der wenigen, die die frühen Symptome seines inneren Wandels bemerkt hatte, und sie zog ihre eigenen Schlüsse. Sie war gerade davon zurückgekehrt, Dai-yüs Sarg zur Anlegestelle zu begleiten und saß grübelnd und weinend in ihrem Zimmer. Sie dachte: „Wie kaltherzig Bau-yü ist! Er scheint es nicht im geringsten zu bedauern, daß Fräulein Lins Sarg nun fortgeschafft wurde. Er hat nicht mehr als eine einzige Träne vergossen. Er sah, wie ich mir die Augen ausweinte, und hat noch nicht ein-
Eines Tages kam Zijuan, die den Sarg Kajaljade nach Süden begleitet hatte, zurück. In ihrem Zimmer saß sie einsam da und weinte. Sie dachte: „Schatzjade ist herzlos! Er hat den Sarg von Fräulein Lin nach Süden abreisen sehen und kein Zeichen von Trauer oder Tränen gezeigt; als er mich so weinen sah, kam er nicht einmal, um mich zu trösten, sondern sah mich an und lachte. Was für ein treueloser Mensch! Früher waren es alles nur schöne Worte, um uns zu betören. Neulich nachts — zum Glück habe ich es durchschaut, sonst wäre ich beinahe wieder auf ihn hereingefallen. Nur eines ist unbegreiflich: Jetzt sehe ich, dass er auch Dufthauch gegenüber kühl ist. Die Zweite Herrin war schon immer jemand, der Herzlichkeit nicht besonders pflegt. Beschweren sich Mondschein und die anderen denn nicht? Offenbar sind die meisten Mädchen von törischem Herzen; umsonst haben sie sich all die Jahre gesorgt. Wie wird das am Ende ausgehen?"
mal versucht, mich zu trösten, sondern starrte mich nur an und lächelte. Was für eine Enttäuschung! All die freundlichen Worte, die er in der letzten Zeit zu uns gesagt hatte, haben uns nur genarrt. Ein Glück, daß ich ihn am nächsten Abend durchschaut hatte und nicht nochmal darauf hereinfiel! Doch eines verstehe ich immer noch nicht. Er scheint sogar Hsi-jën gegenüber noch kälter geworden zu sein. Ich weiß, daß Frau Bau-tschai von Natur aus kein warmer Mensch war, – vielleicht hat sie seinen Wandel im Herzen gar nicht bemerkt. Doch was ist mit Schë-yüä und den anderen, fühlen sie sich nicht schlecht behandelt? Sie haben sich von ihren Gefühlen zum Narren halten lassen und ihr halbes Leben für ihn verschwendet, nur um jetzt so verlassen zu sein!“

Während sie grübelte, kam Wu-örl auf sie zu. „Weinst du immer noch um Fräulein Dai-yü?“, fragte Wu-örl, wie sie Dsï-djüans tränenüberflutetes Gesicht sah. „Wenn du meine Meinung über Herrn Bau-yü hören möchtest, ich denke, es ist Zeit, daß wir seinen Ruf vergessen und ihn so sehen, wie er wirklich ist. Man hatte mir immer gesagt, wie nett er sei, besonders gegenüber Mädchen. Deswegen hat sich meine Mutter so sehr darum bemüht, daß ich hier in Dienst treten kann. Von da an habe ich seit Beginn seiner Krankheit darauf gewartet. Doch wo es ihm nun besser geht, habe ich nicht ein freundliches Wort von ihm gehört. Ich glaube, er hat noch nicht einmal meine Anwesenheit bemerkt!“
Noch in Gedanken versunken, kam Fünftchen herein, um nach ihr zu sehen. Als sie Zijuans tränennasses Gesicht erblickte, sagte sie: „Schwester weint schon wieder um Fräulein Lin? Ich dachte immer, was man von einem Menschen hört, ist weniger als das, was man mit eigenen Augen sieht. Früher hörte ich, der Zweite Herr sei zu den Mädchen überaus freundlich, und so drängte meine Mutter darauf, mich hierher zu schicken. Und jetzt? Ich habe ihm mit Leib und Seele bei seinen Krankheiten gedient, und nun, da er gesund ist, gibt es nicht einmal ein gutes Wort; und jetzt würdigt er mich nicht einmal eines Blickes." Zijuan fand ihre Worte zum Lachen, prustete los und spuckte verächtlich aus: „Pfui, du kleines Biest! Was willst du denn, wie Schatzjade dich behandelt? Als Mädchen — schämst du dich nicht? Seine ordentlich angetrauten Bediensteten beachtet er kaum — wo hätte er Zeit, sich um dich zu kümmern?" Dann lachte sie und fuhr mit dem Finger über ihre eigene Wange: „Was bist du für Schatzjade eigentlich?"
Dsï-djüan brach in Gelächter aus zu dieser komischen Kummergeschichte. „Hör’ dich doch nur an, du kleiner Drachen!“, rief sie aus. „Wie soll Herr Bau-yü dich denn behandeln? Du solltest dich wirklich schämen! Wenn er sich noch nicht einmal für die Mägde interessiert, die ihm am nächsten stehen, erwartest du, daß er dann Zeit für dich findet?“

Sie lachte wieder und hielt Wu-örl einen mahnenden Finger vors Gesicht. „Wer bist du, daß du glaubst, Bau-yüs Gefühle für dich beanspruchen zu können?“
Fünftchen erkannte, dass sie sich verraten hatte, und lief rot an. Gerade als sie erklären wollte, es ginge ihr nicht um besondere Aufmerksamkeit, sondern um seine neuerdings fehlende Fürsorge für die Dienerschaft, hörte man draußen im Hof lautes Geschrei: „Der Mönch ist wieder da und verlangt die zehntausend Tael Silber! Die Gnädige Frau ist in Aufregung und hat den Zweiten Herrn Kette geschickt, um mit ihm zu verhandeln, doch ausgerechnet ist Kette nicht zu Hause. Der Mönch redet draußen wirres Zeug. Die Gnädige Frau lässt die Zweite Herrin bitten, herüberzukommen und zu beraten."
Wu-örl errötete über ihre eigene Dummheit. Sie wollte gerade erklären, daß es nicht ihre Behandlung von Bau-yü war, die ihr Sorge machte, sondern die aller Mägde, doch dann rief jemand von innen: „Der Mönch ist zurück! Und er verlangt seine zehntausend Tael! Die Dame weiß nicht, was zu tun ist, und wollte, daß Herr Liän mit ihm spricht, doch Herr Liän ist nicht zu Hause! Der Mönch ist draußen, tobt und schimpft vor sich hin. Die Herrin möchte, daß Frau Bau-tschai hinübergeht und sich mit ihr bespricht.“ Wie man den Mönch abfertigte — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
Um herauszufinden, wie sie den Mönch beruhigten, lese man bitte das nächste Kapitel. ----
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

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