Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 117

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Kapitel 117: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
117.Zwei wunderschöne Jungfrauen halten den Jade fest und verhindern eine Flucht aus weltlicher BindungNichtsnutze nehmen das Anwesen ein und versammeln eine Menge an Kumpanen. Kapitel 117
Die Dame Wang schickte nach Bau-tschai, um sich mit ihr zu beraten, während Bau-yü, wie er hörte, daß der Mönch draußen war, zuerst auf den Hof eilte. „Wo ist mein Meister?“, rief er. Zwei vortreffliche Frauen schützen den Jadestein und hindern den Weg zur Überwelt,
Als es letztlich kein Lebenszeichen von dem Mönch gab, ging er hinaus, wo er sah, daß sein Knecht Li Guee dem Mönch den Weg versperrte. Üble Söhne schließen sich fröhlich zusammen und übernehmen allein das Haus
„Die gnädige Frau [Meine Mutter] bittet mich, den Meister hereinzuführen“, sagte Bau-yü. Wang-furen [王夫人][1] hatte jemanden geschickt, um Schatzspange [宝钗] zu sich zu rufen und die Angelegenheit zu besprechen. Als Schatzjade [宝玉] hörte, daß draußen ein Mönch stehe, eilte er allein nach vorne und rief laut durcheinander: „Wo ist mein Meister?" Er rief eine ganze Weile, doch nirgends war ein Mönch zu sehen. So ging er hinaus vor das Tor und sah, daß Li Gui den Mönch aufhielt und nicht hereinließ. Schatzjade sprach: „Die gnädige Frau hat mich gebeten, den Meister hereinzubitten." Als Li Gui das hörte, ließ er los, und der Mönch kam wackelnd und schwankend herein.
Li Guee lockerte seinen Griff und der Mönch stolzierte herein. Bau-yü bemerkte sofort die Ähnlichkeit zwischen diesem Mönch und dem Führer in seinem Traum und die Wahrheit schien ihm immer deutlicher. Er verbeugte sich: „Meister, bitte vergeben Sie Ihrem Schüler, Sie so verzögert empfangen zu haben.“ –

„Ich habe nicht das Verlangen danach, unterhalten zu werden“, sagte der Mönch. „Ich will nur mein Geld, und dann bin ich weg.“

‚Dies ist kaum die Art, die man von einem Mann mit solch geistigem Niveau erwartet!‘, dachte Bau-yü. Doch dann sah er sich den Kopf des Mönches an, der voller Schorf war, dazu trug er eine schmutzige, verschlissene Robe, und er dachte bei sich: ‚Es gibt ein altes Sprichwort: „Der wahre Weise offenbart sich nicht selbst und wer sich selbst offenbart, ist kein wahrer Weiser.“ Ich muß vorsichtig sein und mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich sollte ihn besser wegen des Geldes versichern und ihn etwas beruhigen.‘

„Meister“, sagte er, „bitte seid geduldig. Meine Mutter bereitet gerade eben das Geld vor. Bitte setzt euch und wartet einen Moment. Darf ich euch fragen, Meister, ob ihr eben aus dem Land der Täuschungen zurückgekehrt seid?“

„Welche Täuschungen?“, rief der Mönch. „Ich komme, woher ich komme und gehe, wohin ich gehe. Ich kam her, um den Jade zurückzugeben. Doch laß mich dir eine Frage stellen: Woher hast du deine Jade?“

Eine Weile lang fiel Bau-yü keine Antwort ein. Der Mönch lachte. „Wenn du nichts von deiner Herkunft weiß, wozu sich dann in meine vertiefen?“

Bau-yü war immer ein empfindsames und intelligentes Kind gewesen, und seine jetztige Erleuchtung hatte ihn unfähig gemacht, den Schleier weltlicher Einbildung und Illusion zu durchdringen. Doch er wußte immer noch nichts von seiner eigenen ‚Geschichte‘, und die Frage des Mönches hatte ihn wie ein Schlag getroffen.

„Ich weiß!“, rief er, „Sie wollen gar nicht mein Geld. Sie wollen, daß ich Ihnen meinen Jade zurückgebe.“ –

„Und das solltest du tun.“ kicherte der Mönch.
Schatzjade sah, daß die Gestalt des Mönchs genau der glich, die er während seines Todeszustandes erblickt hatte, und in seinem Herzen war ihm bereits vieles klar. Er trat vor, verneigte sich und rief: „Meister! Euer Schüler hat Euch zu spät empfangen." Der Mönch sagte: „Ich brauche euren Empfang nicht, gebt mir nur das Silber, dann gehe ich." Schatzjade hörte das und fand, dies klinge nicht nach den Worten eines erleuchteten Mannes. Er betrachtete seinen Kopf voller Grindgeschwüre und seinen schmutzigen, zerlumpten Körper und dachte bei sich: „Seit alters heißt es: ‚Der wahre Meister zeigt nicht sein wahres Gesicht, und wer sein Gesicht zeigt, ist kein wahrer Meister.' Man darf diese Gelegenheit nicht versäumen. Ich will ihm das Danksilber zusagen und dabei seine Absichten ergründen." So sprach er: „Meister, bitte habt keine Eile. Meine Mutter kümmert sich bereits darum. Bitte setzt Euch und wartet einen Augenblick. Euer Schüler möchte fragen: Kommt Ihr etwa aus dem Illusorischen Land der Großen Leere [2]?" Der Mönch erwiderte: „Was für ein illusorisches Land! Es ist nichts weiter als: Man kommt, woher man kommt, und geht, wohin man geht. Ich bin gekommen, um Euch Euren Jadestein zurückzubringen. Aber laßt mich Euch fragen: Woher stammt dieser Stein?" Schatzjade konnte einen Augenblick nicht antworten. Der Mönch lachte: „Ihr kennt nicht einmal Euren eigenen Ursprung und wollt mich befragen!" Schatzjade war von Natur aus klug und scharfsinnig, und nach der Erleuchtung hatte er die Staubwelt [3] bereits durchschaut — nur sein eigener tiefster Grund war ihm noch unbekannt. Als er den Mönch nun nach dem Jadestein fragen hörte, war es, als träfe ihn ein Schlag auf den Kopf [4]. Er sagte: „Ihr braucht kein Silber, ich gebe Euch den Jadestein zurück." Der Mönch lachte: „Es ist auch an der Zeit, ihn mir zurückzugeben."
Ohne ein Wort rannte Bau-yü ins Haus. Er erreichte seine Gemächer und wie er dort sah, daß Bau-tschai, Hsi-jën und die anderen hinausgegangen waren, um auf Dame Wang zu warten, nahm er schnell seinen Jade von der Stelle am Bett, wo er lag und rannte damit zurück. Als er den Raum verließ, stieß er mit Hsi-jën zusammen, was sie zu Tode erschreckte.

„Die gnädige Frau hat gerade eben gesagt, was für eine gute Idee es sei“, protestierte sie, „daß du dem Mönch Gesellschaft leistest, während sie versucht, das Geld aufzutreiben. Was machst du denn auf einmal wieder hier drin?“ –

„Ich möchte, daß du sofort zurückgehst,“ befahl Bau-yü, „und sag’ der gnädigen Frau, sie muß sich nicht mehr um das Geld kümmern. Ich werde ihm den Jade zurückgeben. Damit ist die Rechnung beglichen.“

Hsi-jën hielt Bau-yü auf der Stelle fest: „Das ist völlig verrückt! Der Jade ist dein ganzes Leben! Wenn er ihn fortnimmt, wirst du bestimmt wieder krank.“ –

„Nicht jetzt“, antwortete Bau-yü, „ich werde nicht wieder krank. Da ich nun um meine wahre Bestimmung weiß, wofür brauche ich dann noch den Jade?“

Er schüttelte Hsi-jën ab und ging. Sie eilte ihm nach und rief: „Komm zurück! Es gibt noch etwas, das ich dir sagen muß!“

Bau-yü blickte zurück zu ihr: „Es muß nichts mehr gesagt werden.“

Sie rannte hinterher, warf all ihre Hemmungen ab und weinte beim Rennen: „Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal, als du sie verloren hast, wie es beinahe mein Ende war? Du hast sie gerade eben zurück, und wenn er sie wieder fort nimmt, wird es dein und mein Leben kosten! Du wirst mich in den Tod treiben.“

Sie überholte ihn und hielt ihn leicht fest, während sie sprach. „Ob es deinen Tod bedeutet oder nicht“, sagte Bau-yü mit seltsamer Heftigkeit, „Ich werde sie trotzdem zurückgeben.“

Er stieß Hsi-jën mit aller Kraft weg und versuchte, sich aus ihrem Griff zu lösen. Mit von seinem Griff wunden Handgelenken sank sie zu Boden, schluchzte und rief um Hilfe.

Die Mägde in den inneren Gemächern hörten den Lärm und kamen herausgerannt, um sie beide in ihrer verzweifelten Umarmung zu finden.
Schatzjade antwortete nicht weiter, sondern rannte hinein. Er lief in seinen eigenen Hof und sah, daß Schatzspange, Dufthauch [袭人][5] und die anderen alle zu Wang-furen gegangen waren. Eilig griff er den Jadestein von seinem Bett und lief hinaus. Geradewegs stieß er auf Dufthauch und prallte frontal mit ihr zusammen, was sie zu Tode erschreckte. Sie sagte: „Die gnädige Frau hat gesagt, du sollst bei dem Mönch sitzen bleiben und ihm Gesellschaft leisten. Die gnädige Frau bereitet gerade etwas Silber vor. Was kommst du denn zurück?" Schatzjade sagte: „Geh schnell und richte der gnädigen Frau aus, sie braucht kein Silber zu beschaffen. Ich gebe ihm einfach den Jadestein zurück, dann ist alles erledigt." Als Dufthauch das hörte, packte sie Schatzjade eilig und hielt ihn fest: „Das geht auf keinen Fall! Der Jadestein ist dein Leben! Wenn er ihn mitnimmt, wirst du wieder krank!" Schatzjade sagte: „Von nun an werde ich nie mehr krank. Ich habe jetzt ein Herz — wozu brauche ich den Jadestein?" Er riß sich von Dufthauch los und wollte gehen. Dufthauch rannte ihm nach und schrie: „Komm zurück! Ich muß dir etwas sagen!" Schatzjade drehte sich um: „Es gibt nichts mehr zu sagen." Dufthauch kümmerte sich um nichts mehr, rannte ihm nach und schrie: „Beim letzten Mal, als der Jadestein verlorenging, hat es mich beinahe das Leben gekostet! Kaum ist er wieder da, und er soll ihn mitnehmen — du kannst nicht leben, und ich kann auch nicht leben! Wenn du ihn zurückgeben willst, nur über meine Leiche!" Dabei holte sie ihn ein und packte ihn fest. Schatzjade wurde wütend: „Ob du stirbst oder nicht, ich gebe ihn zurück!" Mit aller Kraft stieß er Dufthauch weg und wollte davoneilen. Doch Dufthauch hatte beide Hände um Schatzjades Gürtel geschlungen und ließ nicht los, weinte und schrie und setzte sich auf den Boden.
„Schnell!“, rief Hsi-jën, „geht und sagt es der gnädigen Frau! Der zweite Herr Bau[-yü] will dem Mönch den Jade zurückgeben!“

Die Mägde eilten mit dieser Nachricht zur Dame Wang, während Bau-yü noch zorniger wurde und versuchte, sich Hsi-jëns Griff zu entwinden. Sie hielt um ihr Leben fest und Dsï-djüan hastete aus den inneren Gemächern, sobald sie gehört hatte, was Bau-yü vorhatte. Ihre Aufregung und Betroffenheit schienen noch größer als die von Hsi-jën, und ihr voriger Entschluß, gegenüber Bau-yü Gleichgültigkeit zu zeigen, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie half Hsi-jën mit ihrer Kraft und umfaßte Bau-yü, der, obwohl er als Mann gegen Frauen stand, sich nicht gegen ihre Verzweiflung wehren konnte. Unfähig, sich zu befreien, seufzte er und sagte: „Wollt ihr so kämpfen, nur um ein Stück Jade zu behalten? Was würdet ihr machen, wenn ich euch verließe?“

Diese Worte riefen einen lauten Ausbruch des Schluchzens von Hsi-jën und Dsï-djüan hervor.

Sie hatten ein Patt erreicht, bis die Dame Wang und Bau-tschai hinzukamen. Nun konnte die Dame Wang die Wahrheit des Berichtes mit eigenen Augen bezeugen.

„Bau-yü!“, rief sie weinend, „hast du wieder den Verstand verloren?“
Die Dienerinnen drinnen hörten den Lärm und kamen eilig herbeigelaufen. Sie sahen, daß es den beiden gar nicht gut ging. Sie hörten Dufthauch weinen: „Schnell, sagt der gnädigen Frau Bescheid! Der Zweite Herr will den Jadestein dem Mönch zurückgeben!" Eine Dienerin rannte sofort los, um Wang-furen zu benachrichtigen. Schatzjade wurde noch wütender und versuchte, Dufthauchs Hände aufzubrechen. Zum Glück hielt Dufthauch trotz der Schmerzen fest. Purpurkuckuck [紫鹃][6] hörte in ihrem Zimmer, daß Schatzjade den Jadestein weggeben wollte, und war noch aufgeregter als alle anderen. Sie vergaß ihren Vorsatz, Schatzjade in letzter Zeit kühl zu begegnen, vollkommen, rannte heraus und half, Schatzjade festzuhalten. Obwohl Schatzjade ein Mann war und sich mit aller Kraft wehrte, hielten die beiden ihn mit verzweifelter Kraft fest, und er konnte sich nicht befreien. Er seufzte: „Wegen eines einzigen Steins haltet ihr mich so verzweifelt fest. Wenn ich eines Tages allein fortginge — was würdet ihr dann tun?" Als Dufthauch und Purpurkuckuck diese Worte hörten, brachen sie in lautes Schluchzen aus.
Bau-yü wußte, daß er nach der Ankunft der Dame Wang nicht mehr entkommen konnte – und wechselte deswegen seine Strategie.

„Es gibt keinen Grund, daß gnädige Frau sich so aufregt, Mutter“, sagte er mit einem friedlichen Lächeln. „Du machst aus nichts immer so einen Akt. Ich dachte, der Mönch sei hier allein von Sinnen, da er darauf bestand, daß man ihm jeden Münze seiner zehntausend Tael zahlen sollte. Das machte mich sehr wütend, und ich wollte ihm den Jade nur zurückgeben, um ihm zu sagen, daß er nicht echt sei. Wenn ich ihn davon überzeugen kann, daß er für uns nicht von Wert ist, dann würde er sicher annehmen, was immer wir ihm anbieten.“ –

„Meine Güte! Ich dachte, du meinst es ernst!“, rief die Dame Wang. „Du hättest ruhig die Wahrheit sagen können! – Sieh nur, was du dadurch ausgelöst hast!“ –

„Was Bau-yü vorschlägt, klingt nach einer guten Idee“, sagte Bau-tschai. „Doch ich denke trotzdem, daß es zu riskant ist, sie ihm zurückgeben zu wollen. Wenn du mich fragst, ist dieser Mönch irgendwie merkwürdig. Er könnte genausogut etwas Schreckliches tun und die ganze Familie wieder ins Chaos stürzen. Wir können immer noch Schmuck verkaufen, um das Geld aufzutreiben.“

„Ja“, sagte Dame Wang, „das versuchen wir zuerst.“

Bau-yü kommentierte das nicht. Bau-tschai kam auf ihn zu und nahm ihm den Jade aus der Hand.

„Es gibt keinen Anlaß, daß du dich darum kümmerst“, sagte sie, „Gnädige Frau und ich werden ihm das Geld geben.“ –
Gerade als die Lage unentwirrbar war, kamen Wang-furen und Schatzspange in aller Eile herbei. Als sie die Szene sahen, rief Wang-furen unter Tränen: „Schatzjade, bist du wieder wahnsinnig geworden?" Schatzjade wußte, daß er sich nun, da Wang-furen gekommen war, nicht mehr losreißen konnte. Er mußte wohl oder übel lächeln und sagte: „Was soll denn das! Warum macht sich die gnädige Frau schon wieder Sorgen! Die sind immer so aufgeregt über nichts. Ich sage Euch: Dieser Mönch hat kein Einsehen, er verlangt unbedingt zehntausend Silbertael, keinen weniger. Ich war wütend und bin hereingekommen, um den Jadestein zu holen und ihm zurückzugeben — ich wollte sagen, es sei ein falscher Stein, wozu bräuchte man ihn? Wenn er sieht, daß wir keinen Wert auf den Stein legen, dann geben wir ihm einfach ein bißchen Geld, und die Sache ist erledigt." Wang-furen sagte: „Ich dachte schon, du wolltest ihn wirklich zurückgeben — na gut, das mag angehen. Aber warum hast du es ihnen nicht erklärt? Sie weinen und schreien — wie sieht denn das aus?" Schatzspange sagte: „Wenn es so gemeint ist, mag es hingehen. Aber wenn er den Jadestein wirklich dem Mönch geben wollte — dieser Mönch ist recht seltsam, und wenn man ihm den Stein gibt und es dann im Haus wieder keine Ruhe gibt, wäre das nicht ein Desaster? Was das Geld betrifft — selbst wenn ich meinen Kopfschmuck versetze, reicht es immer noch." Wang-furen hörte das und sagte: „Nun gut, dann machen wir es eben so."
„Nun gut, ich werde ihm den Jade nicht geben“, sagte Bau-yü. „Doch ich muß ihn zumindest noch einmal sehen.“

Hsi-jën und die anderen wagten immer noch nicht, ihn loszulassen. Am Ende war es Bau-tschai, die anordnete, ihn frei zu lassen: „Er sollte besser gehen, wenn er möchte.“

Widerwillig gab Hsi-jën nach.

„Ihr alle scheint dem Jade mehr Wert beizumessen als dem Besitzer!“, sagte Bau-yü mit einem schiefen Lächeln. „Was wäre, wenn ich mit dem Mönch mitginge und euch mit dem Jade allein ließe? Dann würdet ihr reichlich blöde aussehen, nicht wahr?“

Dies erweckte wieder Angst bei Hsi-jën, und sie hätte ihn wieder ergriffen, wäre sie nicht durch die Anwesenheit der Dame Wang und Bau-tschais gehemmt und von der Notwendigkeit überzeugt gewesen, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort.
Schatzjade antwortete nicht. Da trat Schatzspange vor, nahm ihm den Jadestein aus der Hand und sagte: „Du brauchst nicht hinauszugehen, ich gebe ihm zusammen mit der gnädigen Frau Geld." Schatzjade sagte: „Es ist auch recht, den Jadestein nicht zurückzugeben, aber ich muß ihn noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen." Dufthauch und die anderen wollten ihn immer noch nicht loslassen. Schließlich entschied Schatzspange mit klarem Kopf: „Laßt ihn los, er soll gehen." Dufthauch mußte ihn loslassen. Schatzjade lachte: „Ihr Leute schätzt den Jadestein höher als den Menschen! Jetzt, da ihr mich losgelassen habt — wenn ich ihm einfach folge und davongehe, dann seht doch zu, wie ihr mit dem Stein allein zurechtkommt!" Dufthauch wurde wieder ängstlich und wollte ihn abermals festhalten, doch in Gegenwart von Wang-furen und Schatzspange wagte sie nicht, sich zu auffällig zu benehmen. Da riß sich Schatzjade auch schon los und ging. Dufthauch rief schnell einer kleinen Dienerin zu, sie solle am Dritten Tor Beiming [焙茗] und die anderen Burschen benachrichtigen: „Sagt den Leuten draußen, sie sollen auf den Zweiten Herrn aufpassen, er ist etwas verrückt geworden." Die kleine Dienerin antwortete und ging hinaus.
Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Die Dame Wang und Bau-tschai waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Dame Wang: „Der zweite Herr [Bau-yü] benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin. Die Pagen draußen sagen, daß, weil Sie ihm den Jade nicht gegeben haben, er sich nun selbst an seiner Stelle anbiete.“ –

„Ausgezeichnet!“, rief Dame Wang. „Und was hat der Mönch darauf gesagt?“ –

„Er sagte, er wolle den Jade, nicht den Mann“, antwortete die Magd. „Nicht das Geld?“, fragte Bau-tschai.

„Das hatten sie gar nicht erwähnt. Danach standen der Mönch und der zweite Herr [Bau-yü] sich unterhaltend da und lachten zusammen. Doch viel davon habe ich nicht mitbekommen.“ –

„Diese kleinen Dummköpfe!“, nörgelte die Dame Wang. „Wenn sie es schon nicht verstanden haben, könnten sie es wenigstens für uns wiederholen. Geh und sag’ ihnen, sie sollen herkommen!“
Wang-furen, Schatzspange und die anderen kamen herein und setzten sich. Sie fragten Dufthauch nach den Einzelheiten, und Dufthauch erzählte Schatzjades Worte ausführlich. Wang-furen und Schatzspange waren sehr beunruhigt und schickten noch jemanden hinaus, um die Diener anzuweisen, aufzupassen und zu hören, was der Mönch sagte. Bald darauf brachte eine kleine Dienerin eine Nachricht herein und berichtete Wang-furen: „Der Zweite Herr ist wirklich etwas verrückt. Die Burschen draußen sagen: Drinnen hat man ihm den Jadestein nicht gegeben, also konnte er nichts machen. Jetzt aber, da er selbst draußen ist, bittet er den Mönch, ihn mitzunehmen." Als Wang-furen das hörte, rief sie: „Das darf nicht sein! Was sagt denn der Mönch?" Die kleine Dienerin erwiderte: „Der Mönch sagt, er will den Jadestein, nicht den Menschen." Schatzspange fragte: „Will er also kein Silber mehr?" Die kleine Dienerin sagte: „Davon habe ich nichts gehört. Danach redeten der Mönch und der Zweite Herr zusammen und lachten und sprachen viele Worte, die die Burschen draußen nicht richtig verstanden." Wang-furen sagte: „Dummköpfe! Wenn sie es nicht verstehen, können sie es doch wenigstens nachsprechen!" Und sie wies die kleine Dienerin an: „Ruf mir den Burschen herein."
Die Magd mußte sich einer Befragung der Dame Wang unterziehen. Dann erschien ein Page [Bee-ming], stand draußen im Flur, mischte sich ein und begrüßte sie durch das Fenster.

„Natürlich“, so die Dame Wang, „wenn ihr die Bedeutung nicht von dem verstanden habt, was der zweite Herr [Bau-yü] und der Mönch sagten, sollte es doch wenigstens möglich sein, uns die Worte zu wiederholen.“ –

„Alles, was wir gehört haben“, antwortete der Page [Bee-ming], „war etwas über einen großen einsamen Berg und ein grünen Bergesfuß. Und dann etwas über ein Land der Täuschungen und „sich auflösende weltliche Bänder“.

Für die Dame Wang ergab das genauso wenig Sinn wie für den Pagen. Doch Bau-tschai, die stumm vor sich hin starrte, konnte etwas damit anfangen.
Die kleine Dienerin rannte hinaus und rief den Burschen herein, der im Korridor stand und durch das Fenster hindurch seinen Gruß entbot. Wang-furen fragte: „Ihr versteht die Worte des Mönchs und des Zweiten Herrn nicht — aber könnt ihr sie nicht wenigstens wiedergeben?" Der Bursche antwortete: „Wir haben nur gehört, daß sie etwas von einem ‚Großen Ödberg' [大荒山] sagten, etwas von einem ‚Grünkamm-Gipfel' [青埂峰], und dann etwas von einem ‚Land der Großen Leere' [太虚境] und davon, ‚alle irdischen Bande abzuschneiden' [斩断尘缘]." Wang-furen verstand auch nichts davon. Schatzspange aber erschrak, als sie das hörte, dermaßen, daß sie die Augen aufriß und kein einziges Wort herausbrachte.
Sie wollten gerade jemanden schicken, der Bau-yü zurückholt, bis Bau-yü selbst breit lächelnd eintrat und verkündete: „Alles ist gut! Alles ist gut!“

Bau-tschai starrte ihn kummervoll an, während die Dame Wang fragte: „Was gab es denn mit dem Mönch zu plaudern?“
Man wollte gerade jemanden hinausschicken, um Schatzjade hereinzuholen, da kam er schon lächelnd herein und sagte: „Gut, gut, alles ist gut!" Schatzspange stand immer noch wie erstarrt. Wang-furen sagte: „Was redest du Verrücktes daher?" Schatzjade sagte: „Ich sage lauter vernünftige Dinge, und Ihr nennt mich verrückt! Diesen Mönch kenne ich von früher. Er wollte mich nur einmal sehen; er hat nie wirklich Silber verlangt. Es ging ihm nur darum, eine gute Verbindung zu stiften. So habe ich es ihm erklärt, und er ist von selbst davongeschwebt. Ist das nicht wunderbar?"
„Es war kein Geplauder. Es war ein ernsthaftes Gespräch. Es hat sich herausgestellt, daß er mich kennt und daß er mich im Grunde genommen nur sehen wollte. Er wollte niemals Geld. Er hoffte nur auf eine freundliche Zuwendung, welche gutes Karma hervorruft. Sobald er sich verstanden gefühlt hatte, war er auch schon gegangen. Ganz einfach. Daher wirst du mir sicher zustimmen, daß alles gut ist!“ Wang-furen glaubte ihm nicht und fragte noch einmal durch das Fenster den Burschen. Der Bursche rannte hinaus, erkundigte sich bei den Männern am Tor und kam zurück: „Der Mönch ist tatsächlich gegangen. Er sagte: ‚Bittet die gnädigen Frauen, sich keine Sorgen zu machen, ich wollte nie Silber. Der Zweite Herr soll nur von Zeit zu Zeit einmal zu mir kommen, das genügt. In allen Dingen folge man dem Schicksal, es gibt für alles eine bestimmte Ordnung.'"
Die Dame Wang konnte das nicht glauben und fragte den Page [Bee-ming], die immer noch auf der anderen Seite des Fensters stand, ob sie Bau-yüs Geschichte bestätigen könne. Er eilte fort, um den Torwächter zu befragen und kehrte sofort zurück, um zu berichten: „Es ist wahr. Der Mönch ist wirklich fort. Als er ging, sagte er: „Die gnädigen Frauen braucht sich nicht zu sorgen. Das Geld wollte ich niemals.“ Er sagt, er wolle nur, daß zweite Herr Bau[-yü] ihn oft besucht. ‚Laß alles mit Karma angereichert werden! In allen Dingen liegt eine feste Bestimmung.‘ Das waren seine Abschiedsworte.“ –

„Also war er nur ein guter Mönch“, rief die Dame Wang, „hat ihn irgend jemand gefragt, wo er denn lebt?“

„Der Torwächter meint, der Mönch sagte, unser zweite Herr Bau[-yü] würde wissen, wo er ihn zu finden habe.“

Dame Wang wandte sich an Bau-yü: „Nun – und wo lebt er?“

Bau-yü lächelte rätselhaft: „Seine Unterkunft ist weit weg und zugleich ganz in der Nähe. Es hängt alles davon ab, von wo aus man es betrachtet.“ –
Wang-furen sagte: „Also war es doch ein guter Mönch. Habt ihr ihn gefragt, wo er wohnt?" Der Bursche sagte: „Die am Tor sagen, er habe es erwähnt — unser Zweiter Herr wisse Bescheid." Wang-furen fragte daraufhin Schatzjade: „Wo wohnt er denn nun?" Schatzjade lachte: „Dieser Ort — sagt man ‚fern', so ist er fern; sagt man ‚nah', so ist er nah." Schatzspange ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Wach doch auf! Hör auf, dich in solchen Dingen zu verlieren! Der Herr Vater hat eigens angeordnet, daß du dich um die Beamtenlaufbahn und deinen Aufstieg bemühst!" Schatzjade sagte: „Spreche ich etwa nicht von der Beamtenlaufbahn? Ihr kennt doch das Sprichwort: ‚Tritt ein Sohn in die Hauslosigkeit ein, steigen sieben Ahnen in den Himmel auf' [7]?"
„Um Himmels willen!“, unterbrach Bau-tschai ihn ungeduldig, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Reiß dich zusammen und hör’ mit dem Unsinn auf! Du weißt, wie sehr der gnädige Herr und Frau dich lieben! Und der gnädige Herr hat dir gesagt, wie wichtig es im Leben sei, Erfolg zu haben!“ –

„Zählt das, worüber ich spreche, nicht als Erfolg?“, fragte Bau-yü auf heitere Art. „Kennst du nicht das Sprichwort: ‚Wenn ein Sohn ein Mönch wird, werden die Seelen von sieben Generationen in den Himmel aufsteigen‘? “

Als sie dies hörte, war die Dame Wang noch verzeifelter als vorher: „Unsere Familie ist ruiniert! Hsi-tschun spricht nur noch von ihrer Schwesternschaft, und jetzt fängt auch er noch damit an! Warum soll ich mein Leben dann noch unnötig verlängern?“
Als Wang-furen das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie sagte: „Was für ein Schicksal hat unser Haus! Das Vierte Mädchen redet die ganze Zeit davon, ins Kloster einzutreten, und jetzt kommt auch noch einer dazu! Wozu soll ich solche Tage noch durchleben?" Dabei brach sie in lautes Weinen aus. Schatzspange sah Wang-furens Kummer und trat vor, um sie inständig zu trösten. Schatzjade lachte: „Ich habe doch nur einen Scherz gemacht, und die gnädige Frau nimmt es gleich ernst!" Wang-furen hielt inne mit Weinen und sagte: „Sind denn solche Worte etwa zum Scherzen?"
Sie begann, hysterisch zu schluchzen. Bau-tschai versuchte sie zu trösten, doch Bau-yü lachte nur und sagte: „Das war ein Scherz! Es gibt doch keinen Grund, das ernst zu nehmen.“ Die Dame Wang trocknete ihre Tränen: „Wie kann man über so etwas nur scherzen?“

In diesem kritischen Augenblick kam eine Magd herein, um die Ankuft von dem zweiten Herrn anzukündigen: „Er sieht auch traurig aus, Herrin. Er möchte sich gerne mit gnädiger Frau unterhalten.“

Das war ein weiterer Schock für die Dame Wang. „Frag’ ihn bitte, ob er herkommen kann. Die jüngere Schweigerin [Bau-tschai] ist seine Kusine, also muß er sich um ihre Anwesenheit nicht kümmern!“

Djia Liän kam ordnungsgemäß herein und begrüßte die Dame Wang. Bau-tschai grüßte Djia Liän auch, dann sagte er: „Ich habe eben einen Brief von meinem Vater erhalten“, sagte Djia Liän, „darin steht, er sei schwer krank geworden. Ich muß schnell zu ihm gehen, bevor es zu spät ist!“ Tränen flossen ihm über die Wangen.

„Stand in dem Brief, was für eine Krankheit er hat?“, fragte die Dame Wang.

„Es begann als eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung entwickelt hat, die sich nun in einem kritischen Stadium befindet. Ein spezieller Botschafter reiste Tag und Nacht, um die Neuigkeiten zu überbringen und sagte, daß wenn sich meine Abreise um einen Tag verzögere, es schon zu spät sein könnte. Ich muß schnellstmöglich aufbrechen. Ich fürchte, dass niemand hier sein wurde, um sich um alles zu kümmern. Ihr müßtet dann mit Tjiang-örl und Yün-örl zurechtkommen. So groß ihre Schwächen auch sein mögen, wenigstens sind sie Männer und können mit euch über alles reden, was draußen geschieht. In meinen Gemächern meiner Wenigkeit muß man sich nicht um viel kümmern. Tjiu-tung ist die ganze Zeit am Weinen und Klagen und sagt, daß sie gehen will, deshalb habe ich ihrer Familie gesagt, sie solle sie abholen. Das wird das Leben für Ping-örl immerhin erträglicher machen. Es ist niemand da, der sich um Tjiau-djiä kümmern kann, ich weiß, doch Ping-örl kommt gut mit ihr zurecht. Tjiau-djiä ist ein sehr einfühlsames Mädchen, doch hat sie einen noch härteren Charakter als ihre Mutter, deshalb hoffe ich, daß gnädige Frau sie weitgehend führen kann.“

Während er sprach, erröteten seine Augen verräterisch, und er nahm ein seidenes Taschentuch aus seiner Betelnußtasche am Bauch und tupfte sie damit ab.
Während sie noch so stritten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Der Zweite Herr Kette [贾琏][8] ist zurückgekommen. Er sieht ganz verändert aus und bittet die gnädige Frau, hinüberzukommen, um mit ihm zu sprechen." Wang-furen erschrak abermals und sagte: „Dann laßt ihn eben hereinkommen. Die junge Schwägerin ist doch eine alte Vertraute, er braucht sich nicht fernzuhalten." Kette Kaufmann [贾琏] kam herein, begrüßte Wang-furen und verneigte sich vor ihr. Schatzspange trat ihm entgegen und erkundigte sich ebenfalls nach seinem Befinden. Kette Kaufmann sagte: „Eben habe ich einen Brief meines Vaters erhalten. Er schreibt, er sei sehr schwer erkrankt und ich solle sofort kommen — wenn ich zu spät komme, könnte es sein, daß wir uns nicht mehr sehen." Bei diesen Worten rollten ihm die Tränen herunter. Wang-furen fragte: „Was steht in dem Brief über seine Krankheit?" Kette Kaufmann sagte: „Er schreibt, es habe als Erkältung begonnen und sich nun zu einer Schwindsucht ausgewachsen. Sein Zustand ist jetzt kritisch. Er hat eigens einen Boten Tag und Nacht hergeschickt, und wenn ich mich noch ein oder zwei Tage verzögere, könne ich ihn nicht mehr lebend antreffen. Darum bin ich gekommen, um der gnädigen Frau zu berichten: Euer Neffe muß sofort aufbrechen. Nur ist zu Hause niemand, der sich um alles kümmert. Qiang-er und Yun-er sind zwar etwas unbesonnen, aber immerhin Männer — wenn draußen etwas anfällt, können sie zumindest Bescheid geben. Bei mir zu Hause gibt es nicht viel zu tun. Herbstzither [秋桐][9] hat jeden Tag geweint und geschrien und wollte nicht hier bleiben, darum habe ich ihre Leute kommen lassen und sie mitgenommen — das erspart Friedchen [平儿][10] eine Menge Ärger. Was Qiao-jie [巧姐][11] betrifft, so hat sie zwar niemanden, der auf sie achtet, aber zum Glück ist Friedchens Herz nicht schlecht. Die Kleine ist auch verständig, nur ist sie von Charakter her noch eigensinniger als ihre Mutter. Ich bitte die gnädige Frau, hin und wieder nach ihr zu sehen." Bei diesen Worten wurden seine Augenränder rot, und er zog hastig das kleine Seidentuch herunter, an dem sein Betelnußbeutel am Gürtel hing, und wischte sich die Augen.
„Wenn ihre eigene Großmutter unmittelbar in der Nähe ist, warum vertraust du sie dann mir an?“, fragte die Dame Wang.

„Wenn gnädige Frau sich so eine Haltung angewöhnen, kann ich mich genau so gut totschlagen!“, sagte Djia Liän zur Dame Wang mit leiser Stimme. „Ich werde nichts mehr sagen, ich bitte dich nur, nett zu meiner Wenigkeit zu sein und zu tun, was du kannst.“

Er kniete vor ihr.

„Steh sofort auf!“, rief die Dame Wang, ihre Augen waren naß vor Tränen. „Was ist das für eine Art, wie Tante und Neffe miteinander reden? Eines sollten wir noch besprechen. Das Kind hat nun sein Alter erreicht. Wenn deinem Vater irgend etwas Unerwartetes zugestoßen ist und du zurückgehalten wirst und wenn in dieser Zeit eine angemessene Familie ein Heiratsangebot macht, soll ich damit dann auf deine Rückkehr warten, oder soll ich deine Mutter während deiner Abwesenheit entscheiden lassen?“

„Natürlich brauchst du nicht auf mich warten. Wenn die gnädigen Frauen hier sind, könnt ihr beide so entscheiden, wie ihr es für richtig haltet.“ –

„Dann geh jetzt besser“, sagte Dame Wang. „Schreibe dem zweiten gnädigen Herrn [deinem Onkel Dschëng] eine Nachricht. Sag’ ihm, daß dein Vater in einem bedenklichen Gesundheitszustand ist und daß keine Männer im Haus sind. Bitte den zweiten gnädigen Herrn, die Beerdigungsriten für die alte Dame schnellstmöglich zu beenden und so zügig wie möglich nach Hause zu kommen.“

„Nun gut, Tante.“
Wang-furen sagte: „Ihre eigene Großmutter ist doch da — warum mich darum bitten?" Kette Kaufmann sagte leise: „Wenn die gnädige Frau so spricht, dann hätte Euer Neffe längst totgeschlagen werden müssen. Es gibt nichts zu sagen — ich bitte die gnädige Frau nur, weiterhin Güte für Euren Neffen zu zeigen." Dabei kniete er schon nieder. Auch Wang-furens Augenränder röteten sich. Sie sagte: „Steh schnell auf! Wir sind doch wie Mutter und Kind, was soll das! Nur eines: Das Kind ist schon groß. Sollte deinem Vater etwas zustoßen und du dort festgehalten werden — wenn jemand kommt, der eine standesgemäße Partie für sie anbietet, sollen wir dann auf dich warten, oder soll deine Schwiegermutter [12] entscheiden?" Kette Kaufmann sagte: „Solange die gnädigen Frauen zu Hause sind, sollen natürlich die gnädigen Frauen entscheiden. Auf mich braucht Ihr nicht zu warten." Wang-furen sagte: „Wenn du aufbrichst, dann schreib eine Mitteilung und schick dem Zweiten Herrn Aufrecht [贾政][13] eine Nachricht. Sag ihm, daß zu Hause niemand mehr ist, daß der Zustand deines Vaters ungewiß ist, und bitte ihn, die Angelegenheiten der Herzoginmutter [贾母][14] rasch abzuschließen und schnell zurückzukehren."
Als er gerade gehen wollte, kehrte er noch einmal um und sagte: „Es sollten genug Diener im Haus sein. Doch es ist niemand im Garten. Der Ort ist zu verlassen, besonders da Bau Yung mit ihrem gnädigen Herrn [den Dschëns] zurückgegangen ist und zweite Herr Hsüä [Kë] und Frau Hsüä in ihr altes Gelände in der Nähe des Gartens gezogen sind, um in ihren eigenen Gemächern zu wohnen. Alle Gebäude im Garten sind leer und vernachlässigt. Die Gnädige Frau sollte jemanden schicken, der sich diesen Ort näher anschaut. Das Kloster Gefangenes Grün ist ein Familienstift, und da Miau-yü verschwunden ist, muß etwas mit ihren Begleitern geschehen. Die Oberin glaubt nicht, sie könne selbst eine Entscheidung treffen und möchte, daß jemand aus der Familie das übernimmt.“

„Das wird warten müssen“, antwortete die Dame Wang. „Wenn unser eigener Haushalt schon in solchem Chaos ist, sind wir nicht in der Lage, zusätzliche Verpflichtungen zu übernehmen. Das darfst du auf keinen Fall gegenüber dem vierten Fräulein [Hsi-tschun] erwähnen. Das würde sie nur in ihrem Vorhaben bestärken. Meine Güte, wie weit ist es nur mit uns gekommen? Eine Nonne in der Familie wäre eine Katastrophe!“ –
Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und wollte schon gehen, kehrte aber nochmals um und sagte: „Was unsere Dienerschaft betrifft, so sind genügend Leute im Haus. Nur im Garten [15] ist niemand mehr, es ist viel zu leer. Bao Yong [包勇][16] ist mit seinem Herrn fortgegangen. Was das Haus der Tante Schnee [薛姨妈] betrifft, so ist der Zweite Herr Schnee [薛蟠] bereits in sein eigenes Haus umgezogen. Im Garten stehen alle Häuser leer, es gibt überhaupt keine Aufsicht. Die gnädige Frau sollte jemanden beauftragen, regelmäßig nachzusehen. Was das Grünjadekloster [栊翠庵] betrifft — das steht ja auf unserem eigenen Grundstück, und jetzt weiß niemand, wohin Miaoyu [妙玉][17] gegangen ist. Die Nonnen, die zu ihr gehören, wagen nicht, selbst zu entscheiden, und bitten darum, daß jemand aus unserer Familie sich darum kümmert." Wang-furen sagte: „Wir können nicht einmal unsere eigenen Angelegenheiten ordnen, wie sollen wir uns da noch um äußere Dinge kümmern? Und dieses Wort darf Xichun [惜春][18] auf keinen Fall zu Ohren kommen! Wenn sie das erfährt, wird sie wieder auf den Gedanken kommen, ins Kloster zu gehen. Bedenke doch, was für eine Familie wir sind! Daß ein Fräulein aus gutem Hause ins Kloster geht — das wäre ja unerhört!"
„Das hätte meine Wenigkeit schon nicht selbst erwähnt“, sagte Djia Liän, „doch da die gnädige Frau es nun getan hat, sollte ich vielleicht meinen Rat anbieten. Das vierte Fräulein [Hsi-tschun] gehört trotz allem zum ostlichen [Ning-guo-] Anwesen der Familie. Von ihren Eltern lebt keiner mehr, ihr älterer Bruder wurde in die Verbannung geschickt, und sie und ihre Schwiegerschwester kommen schlecht miteinander aus. Meine Wenigkeit hat gehört, daß sie einige Male versucht hat, Selbstmord zu begehen. Wenn sie wirklich fest entschlossen ist, eine Nonne zu werden, und wir immer noch auf unserer Ablehnung beharren, wird sie sich wirklich das Leben nehmen. Und dann hätten wir sie ganz verloren!“

Die Dame Wang nickte: „Diese Last ist zu schwer für mich! Das gehört wirklich nicht zu meiner Verantwortung. Ich muß es ihrer Schwiegerschwester überlassen, das zu entscheiden.“
Kette Kaufmann sagte: „Wenn die gnädige Frau es schon anspricht, so wage ich es kaum zu sagen. Die Vierte Schwester gehört eigentlich zum Ostanwesen [19]. Sie hat keine Eltern mehr, ihr leiblicher Bruder ist in der Ferne, und ihre Schwägerin hat bei ihr nicht viel zu sagen. Euer Neffe hat gehört, daß sie schon mehrfach versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn ihr Herz nun einmal so entschlossen ist und man sie mit Gewalt daran hindert, könnte sie es am Ende wirklich tun — und das wäre schlimmer als der Eintritt in ein Kloster." Wang-furen hörte das und nickte: „Diese Sache ist wirklich zu schwer für mich. Ich kann auch nicht allein entscheiden. Laßt es ihre Schwägerin regeln."
Djia Liän sagte noch etwas und brach dann auf. Er rief die Diener herbei und gab ihnen Anweisungen. Dann schrieb er einen Brief [an Djia Dschëng] und packte seine Sachen. Ping-örl bat ihn, gut auf sich acht zu geben, während Tjiau-djiä sehr traurig über die Abreise ihres Vaters war. Djia Liän formulierte seinen Wunsch, sie solle sich um [Onkel] Wang Jën kümmern, doch das wollte sie nicht. Und wie sie erfuhr, daß [Djia] Yün und [Djia] Tjiang außerhalb verpflichtet waren, war sie sehr widerspenstig und sagte nichts mehr. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater und beschloß, zu Hause ein ruhiges Leben mit Ping-örl zu verbringen.

Fëng-örl und Hsiau-hung waren seit Hsi-fëngs Tod völlig von der Rolle, in einem Moment wollten sie gehen, im anderen gaben sie vor, krank zu sein. Ping-örl hatte ein Mädchen aus einem anderen Zweig ihrer Familie hergebeten, um bei ihnen zu bleiben, zum Teil, um Tjiau-djiä Gesellschaft zu leisten, zum Teil, um sie zu erziehen, doch die einzigen Namen, die ihr einfielen, waren Hsi-luan und Si-djie-örl, die Liebste der Herzoginmutter, und von den beiden hatte Si-djie-örl kürzlich geheiratet, während Hsi-luan verlobt und kurz davor war, das Haus zu verlassen.
Kette Kaufmann sprach noch einige Worte und ging dann hinaus. Er rief die Diener zusammen und erteilte seine Anweisungen; er schrieb einen Brief und packte sein Reisegepäck. Friedchen und die anderen ermahnten ihn eindringlich. Nur Qiao-jie war untröstlich traurig. Kette Kaufmann wollte noch Wang Ren [王仁][20] bitten, ein Auge auf die Dinge zu haben, doch Qiao-jie wollte das nicht. Als sie hörte, daß draußen Yun und Qiang [Yun Kaufmann 贾芸, Qiang Kaufmann 贾蔷] mit der Aufsicht betraut worden waren, wurde ihr noch unbehaglicher zumute, doch sie konnte nichts sagen. Sie verabschiedete ihren Vater und lebte von da an vorsichtig und bescheiden unter Friedchens Fürsorge. Feng-er [丰儿] und Xiaohong [小红] hatten nach Phönixglanz' [王熙凤] Tod die eine Urlaub genommen, die andere sich krank gemeldet. Friedchen überlegte, ein Mädchen aus der Verwandtschaft herzuholen — zum einen als Gesellschaft für Qiao-jie, zum anderen als Hilfe, um auf sie achtzugeben. Sie ging alle Möglichkeiten durch, doch niemand war geeignet. Nur Xi Luan [喜鸾] und Si-jie-er [四姐儿] waren Mädchen gewesen, die die Herzoginmutter einst besonders ins Herz geschlossen hatte. Doch Si-jie-er war erst kürzlich verheiratet worden, und Xi Luan war ebenfalls schon verlobt und stand kurz vor der Hochzeit. So mußte Friedchen es sein lassen.
Djia Yün und Djia Tjiang begleiteten Djia Liän hinaus und kamen dann wieder herein, um den Damen Hsing und Wang zu berichten. Die zwei Männer erfüllten ihre nächtlichen Pflichten im äußeren Studierzimmer, und während des Tages vergnügten sie sich mit den Dienern, veranstalteten Feste und luden verschiedene Freunde ein, die sich als Gastgeber stets abwechselten. Es gab sogar ernsthaftes Glücksspiel. Die Damen hatten davon natürlich keine Ahnung.

Eines Tages kamen der ältere Onkel Hsing [Dë-tchüän] und Wang Jën vorbei. Wie sie erfuhren, daß Djia Yün und Djia Tjiang nun hier [im Jung-guo-Anwesen], und wie sie mitbekamen, wie sie ihre Zeit genossen, begannen sie regelmäßig, ‚nach dem Rechten zu sehen‘ und richteten ein regelmäßiges Trinken und Spielen im äußeren Studierzimmer ein. Alle derzeitigen Diener hatten entweder Djia Dschëng oder Djia Liän begleitet und die übrigen männlichen Diener waren Söhne und Neffen von Verwalter Lai und Lin, die nun dem leichten Leben zugeneigt waren, welches ihre Eltern ihnen zufällig vermacht hatten; sie interessierten sich recht wenig für die Grundsätze, wie ein Haushalt vernünftig geführt werden sollte. Da ihre Eltern fort waren, glichen sie jungen Hengsten, die man auf der Weide losgelassen hat. Und durch die zwei jüngeren Herren, die sie weiter anspornten, kannten ihre Vergnügen keine Grenzen.

Unter dieser Herrschaft hätte das Familienmotto einfach lauten können: ‚Erlaubt ist, was gefällt.‘
Nun wollen wir von Yun Kaufmann [贾芸] und Qiang Kaufmann [贾蔷] berichten. Nachdem sie Kette Kaufmann verabschiedet hatten, gingen sie hinein und sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor. Die beiden wechselten sich ab und übernachteten im äußeren Studienzimmer. Tagsüber trieben sie sich mit den Dienern herum, mal luden sie ein paar Freunde zu einem „Wagenrad-Essen" [21] ein, und es kam sogar so weit, daß sie zusammen um Geld spielten. Im Inneren des Hauses wußte niemand davon. Eines Tages kamen der Schwager Xing [邢大舅, der ältere Bruder von Dame Hsing] und Wang Ren [王仁] vorbei, sahen, daß Yun Kaufmann und Qiang Kaufmann hier wohnten und es lustig zuging, und kamen unter dem Vorwand, nach dem Rechten zu sehen, regelmäßig ins äußere Studienzimmer, um dort Trinkgelage zu veranstalten und um Geld zu spielen. Was die ordentlichen Diener betraf: Aufrecht Kaufmann [贾政] hatte einige mitgenommen, Kette Kaufmann ebenfalls, und es waren nur noch die Söhne und Neffen der Familien Lai und Lin übrig. Diese jungen Burschen verließen sich auf den Verdienst ihrer Eltern, waren es gewohnt zu essen und zu trinken, und verstanden nichts von der Führung eines Haushalts. Da zudem ihre Älteren alle nicht zu Hause waren, waren sie wie Pferde ohne Zaum. Zwei Herren aus den Nebenlinien feuerten sie noch an — da machten alle nur zu bereitwillig mit. So wurde das Rong-guo-Anwesen [22] derart auf den Kopf gestellt, daß es weder oben noch unten gab, weder innen noch außen.
Djia Tjiang hatte überlegt, Bau-yü einzuladen, doch Djia Yün verwarf die Idee schnell: „Der zweite Herr Bau ist ein absoluter Spaßverderber. Der würde nur Ärger machen. Vor ein oder zwei Jahren hatte ich die perfekte Hochzeit für ihn vorbereitet. Der Vater des Mädchens war ein Steuereintreiber aus einer der Provinzen, die Familie besaß mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen selbst war einfach zuckersüß. Ich habe viele Strapazen auf mich genommen und ihm einen langen Brief geschrieben, doch die Mühe hätte ich mir sparen können. Er ist der reinste Spielverderber.“

Yün blickte um sich, um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte und fuhr fort:

„In Wirklichkeit hatte er schon seine neue Frau im Auge! Und dann war da noch Fräulein Lin [Dai-yü], davon mußt du gehört haben. Sie starb an gebrochenen Herzen, das ist allgemein bekannt. Und es war alles seine Schuld. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedem gebührt sein eigenes Schicksal in der Liebe, nehme ich an. Alles dasselbe, ich sehe nicht ein, warum er böse auf mich sein und mir alles vermasseln sollte. Vielleicht glaubte er, ich würde in Schulden geraten oder so.“
Qiang Kaufmann dachte noch daran, Schatzjade in das Treiben hineinzuziehen, doch Yun Kaufmann hielt ihn zurück: „Der Zweite Herr Schatzjade ist ein Mensch ohne Glück, laß ihn in Ruhe. Damals habe ich für ihn eine absolut wunderbare Partie vorgeschlagen: Der Vater war auswärts als Steuereintreiber, die Familie betrieb mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen war schöner als eine Himmelsfee. Ich schrieb ihm einen sorgfältig abgefaßten Brief — aber er hatte kein Glück." An dieser Stelle schaute er sich um, ob auch niemand zuhörte, und fuhr fort: „Sein Herz hing schon lange an unserer Zweiten Tante [23]. Hast du nicht gehört, daß da auch noch ein Fräulein Lin [24] war, die sich vor lauter Liebeskummer zu Tode grämte? Wer wüßte das nicht? Nun gut, jeder hat sein eigenes Schicksal. Aber wegen dieser Sache war er mir böse und hat mich seither kaum beachtet. Er glaubt wohl, daß jedermann nach seiner Pfeife tanzen müßte!" Qiang Kaufmann hörte das, nickte und ließ den Plan fallen.
Djia Tjiang nickte und gab die Idee auf, Bau-yü einzuladen. Was keiner von ihnen wußte, war, daß Bau-yü seit seinem Treffen mit dem Mönch völlig von seinen weltlichen Fesseln gelöst war. Während der Anwesenheit der Dame Wang benahm er sich so normal wie möglich, doch seine Beziehungen zu Bau-tschai und Hsi-jën waren um einiges kälter geworden. Die Mägde hatten von diesem Wandel nichts bemerkt und behandelten ihn wie vorher, wobei sie allerdings von Bau-yüs Seite ignoriert wurden. Er schien praktische Haushaltsangelegenheiten völlig vergessen zu haben. Und was seine Studien betrifft, wann immer die Dame Wang und Bau-tschai sich danach erkundigten, heuchelte er Strebsamkeit, doch in Wirklichkeit konnte er nur an den Mönch und seine rätselhafte Reise in das Feenreich denken. Jeder um ihn schien so unerträglich banal, und er begann, sich in seiner familiären Umgebung immer weniger wohl zu fühlen. Wenn er von Verpflichtungen befreit war, war es Hsi-tschun, die er als Begleitung aussuchte. Die beiden entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und ihre belebten Unterhaltungen festigten seinen Entschluß. Für Djia Huan und Djia Lan hatte er nur noch wenig Zeit. Die beiden wußten noch nicht, daß Schatzjade, seit er jenem Mönch begegnet war, alle irdischen Bande abzuschneiden wünschte. Obwohl er es in Wang-furens Gegenwart nicht wagte, seinem Willen freien Lauf zu lassen, hatte er sich von Schatzspange, Dufthauch und den anderen bereits innerlich entfernt. Die Dienerinnen wußten das nicht und versuchten, mit ihm zu scherzen, doch Schatzjade beachtete sie gar nicht. Er kümmerte sich auch nicht um die Haushaltsangelegenheiten. Wenn Wang-furen und Schatzspange ihn zum Lernen anhielten, tat er nur so, als studiere er. In Wahrheit dachte er nur an das Geheimnis jener Traumwelt, zu der ihn der Mönch führen wollte, und alles vor seinen Augen erschien ihm als vulgär und weltlich. Zu Hause war es ihm unerträglich, und in seiner freien Zeit unterhielt er sich nur mit Xichun [惜春]. Wenn die beiden erst ins Gespräch kamen, verstärkte sich jener Sinn in ihnen nur noch mehr, und sie kümmerten sich um Unheil Kaufmann [贾环][25] und Lan Kaufmann [贾兰][26] nicht im geringsten.
Djia Huan begann nun, da sein Vater von Zuhause fort und [seine Mutter], Frau Dschau, tot war, und seit die Dame Wang ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte, sich zu Djia Tjiang und seinen Kumpanen hingezogen zu fühlen. Tsai-yün, die stets versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, empfing nichts als Beschimpfungen für ihre Mühen. Yü-tschuan-örl bemerkte selbst, daß Bau-yü noch gestörter als zuvor war und fragte ihre Mutter, ob sie aus dem Dienst genommen werden könnte. Derzeit gelang es Bau-yü und Djia Huan auf ihre Weise, die Leute um sich herum abzuschrecken. Djia Lan saß im Gegensatz dazu fleißig studierend an der Seite seiner Mutter. Und wenn er einen Aufsatz beendet hatte, ging er damit zur Familienschule, um Kommentare des Lehrers zu erhalten. Zur Zeit war der Lehrer lange Zeit bettlägerig gewesen, und Djia Lan mußte ständig alleine arbeiten. [Seine Mutter] Li Wan mochte es immer friedlich und ruhig und, außer die Dame Wang und Bau-tschai zu treffen, tat sie weiter nicht viel, als zu Hause zu sitzen und Djia Lan bei seiner Arbeit zuzusehen. So ging das Leben im Jung-guo-Anwesen weiter, jeder ging seinen eigenen Geschäft nach, was Djia Huan, Djia Tjiang und der Gesellschaft die Freiheit ließ, ungestört fortzufahren. Bald hatten sie alles Familieneigentum heimlich verpfändet oder verkauft, um ihre unehrenhaften Geschäfte zu bezahlen. Djia Huan war am schlimmsten. Seine Hurerei und sein Spiel kannten keine Grenzen. Unheil Kaufmann [贾环] seinerseits hatte, da sein Vater nicht zu Hause war und Nebenfrau Zhao [赵姨娘][27] gestorben war und Wang-furen sich kaum um ihn kümmerte, sich dem Treiben von Qiang Kaufmann angeschlossen. Caiyun [彩云] ermahnte ihn zwar häufig, wurde dafür aber von Unheil Kaufmann beschimpft. Yuchuan-er [玉钏儿] sah, daß Schatzjades Verrücktheit noch schlimmer geworden war, und hatte schon mit ihrer Mutter gesprochen, um zu bitten, den Dienst verlassen zu dürfen.
Eines Tages wollten Hsing [Dë-tchüän] und Wang Jën, die bereits heiter trinkend im Studierzimmer waren Unterhaltung. Sie waren ganz berauscht und verlangten nach ein paar Singmädchen, die sie mit einigen Liedern unterhalten und ihnen beim Zechen Gesellschaft leisten sollten.

„Das wird doch die reinste Orgie!“, protestierte Djia Tjiang scherzhaft. „Ich schlage vor, wir veranstalten ein Trinkspiel, um etwas in Stimmung zu kommen.“
So hatten Schatzjade und Unheil Kaufmann, die beiden Brüder, jeder sein eigenes Temperament, und ihr Betragen war so, daß sich niemand mehr um sie kümmerte. Allein Lan Kaufmann [贾兰] folgte seiner Mutter und vertiefte sich mit aller Kraft in seine Studien. Er verfaßte Aufsätze und schickte sie in die Schule, um Herrn Dai Ru [代儒] zu konsultieren. Da Dai Ru in letzter Zeit alt und krank im Bett lag, mußte Lan Kaufmann allein durchbeißen. Li Wan [李纨][28] war von Natur aus still und zurückgezogen; außer daß sie Wang-furen ihre Aufwartung machte und sich mit Schatzspange traf, tat sie keinen Schritt aus dem Haus und achtete nur darauf, daß Lan Kaufmann fleißig lernte. Obwohl im Rong-Anwesen nicht wenige Menschen wohnten, lebte jeder für sich, und niemand wollte für den anderen die Verantwortung übernehmen. Unheil Kaufmann, Qiang Kaufmann und die anderen trieben es immer ärger — sie stahlen, versetzten und verkauften Sachen, und das war noch nicht alles. Unheil Kaufmann ging sogar zu Prostituierten und spielte maßlos um Geld — es gab nichts, was er nicht tat.
Jeder hielt das für eine gute Idee. „Reich’ den Becher auf das Wort ‚Mond‘ weiter,“ schlug Djia Tjiang vor. „Ich nenne einen Vers und zähle, und wer das Wort ‚Mond‘ bekommt, muß trinken und zwei Verse nennen – einen Einleitungs- und einen Endvers – meinen Anweisungen folgend. Die Strafe sind drei große Becher.“

Jeder stimmte seinen Regeln zu. Zuerst trank Djia Tjiang einen Becher zum Auftakt und zitierte dann Li Bos Vers: „Die Pfauenbecher fliegen, der betrunkene Mond...“ Der ‚Mond‘ fiel auf Djia Huan.

„Für den Einleitungsvers gib einen Vers mit ‚Cassia‘ “, sagte Djia Tjiang.

Djia Huan zitierte einen Vers des Tang-Dichters Wang Djiän: „Kalter Tau benäßt still die Cassia-Blumen...“ –

„Und Duft für den Endvers“, folgerte Djia Tjiang.

Djia Huan war mit dem Vers eines weiteren Tang-Dichters an der Reihe, Sung Dschï-wën: „Hinter den Wolken weht ein himmlischer Duft...“.
Eines Tages tranken der Schwager Xing und Wang Ren im äußeren Studienzimmer der Kaufmann-Familie und waren in bester Laune. Sie riefen ein paar Gesellschafterinnen herbei, und so wurde gesungen, getrunken und einander zugetrunken. Qiang Kaufmann sagte: „Was ihr da treibt, ist zu gewöhnlich. Ich möchte ein Trinkspiel vorschlagen." Die anderen sagten: „Einverstanden." Qiang Kaufmann sagte: „Spielen wir ‚Mondzeichen-Becherreigen' [29]. Ich beginne mit dem Zeichen ‚Mond'. Auf wen es der Reihe nach trifft, der muß trinken und dazu einen ‚Trinkspruch' und einen ‚Trinkschluß' liefern, die dem Spielleiter gehorchen. Wer nicht folgt, wird mit drei großen Bechern bestraft." Alle waren einverstanden.
„Langweilig! Langweilig!“ beschwerte sich der ältere Onkel Hsing [Dë-tchüän]. „Hör’ auf rumzupoetisieren, Huan, alter Junge! Was weißt du schon von Poesie! Das macht überhaupt keinen Spaß. Es reicht, du machst mich krank! Wir machen Schluß und spielen lieber Fingerraten. Der Verlierer trinkt und singt ein Lied, eine doppelte Strafe. Wer nicht singen kann, muß statt dessen einen Witz erzählen. Doch es sollte besser ein lustiger sein.“

Alle stimmten dem neuen Vorschlag zu, und es gab einen großen Lärm, als sie begannen, die Finger auszuwürfeln. Wang Jën war der erste Verlierer. Er trank und sang ein Lied.
Qiang Kaufmann trank einen Becher als Spielleiterbecher und sprach: „‚Laßt die Federschale kreisen und berauscht euch am Mond!' [30]." Er zählte der Reihe nach durch, und es traf Unheil Kaufmann. Qiang Kaufmann sagte: „Der Trinkspruch muß das Zeichen ‚Osmanthus' [桂] enthalten." Unheil Kaufmann sprach: „‚Kalter Tau befeuchtet lautlos die Osmanthusblüten' [31]. Und der Trinkschluß?" Qiang Kaufmann sagte: „Sag etwas mit dem Zeichen ‚Duft' [香]." Unheil Kaufmann sagte: „‚Himmelsduft weht von jenseits der Wolken herab' [32]."
„Bravo!“, riefen sie und machten weiter. Als nächstes verlor eines der Mädchen. Sie sang ein Lied mit dem Namen „Lilien-Fräulein-Zauberhaft“. Dann war Hsing [Dë-tchüän] an der Reihe. Jeder wollte, daß er ein Lied sang, doch er beharrte darauf, er sei taubstumm. „Dann erzähl’ uns einen Witz!“ –

„Wenn keiner lacht,“ warnte ihn Djia Tjiang, „mußt du auch Strafe zahlen.“
Der Schwager Xing rief: „Langweilig, langweilig! Was verstehst du schon von Schriftzeichen! Du tust nur gebildet. Das ist kein Vergnügen, das ist eine Qual! Hören wir auf damit und spielen Fingerspiel — der Verlierer trinkt, der Verlierer singt, das nennt man ‚Bitterkeit über Bitterkeit'. Wer nicht singen kann, darf auch einen Witz erzählen, Hauptsache, es ist lustig." Alle riefen: „Einverstanden!"
Der ältere Onkel Hsing senkte den Becher und erzählte seine Geschichte: „Meine Damen und Herren: Es war einmal in einem bestimmten Dorf, da waren zwei Tempel, – ein Großer, dem Großen Gott des Nordens gewidmet und daneben ein Kleinerer, dem Dorfgott gewidmet. Der Große Gott lud den Dorfgott immer zum Plaudern ein. Eines Tages wurde ihm etwas aus seinem Tempel gestohlen, und er bat den Dorfgott, der Sache auf den Grund zu gehen. ‚Doch es gibt in dieser Gegend keine Diebe‘, protestierte der Dorfgott. ‚Es muß die Nachlässigkeit einer deiner Torwächter sein. Jemand muß sich hineingeschlichen und die Dinge gestohlen haben.‘ – ‚Unsinn!‘ antwortete der Große Gott. ‚Du hast zur Zeit Schulden. Wenn es einen Dieb gibt, trägst du die Verantwortung. Was soll denn das auch? Du solltest den Dieb besser suchen, als die Torwächter der Nachlässigkeit zu beschuldigen!‘ – ‚Was ich mit nachlässig meinte‘, verdrehte der Dorfgott, ‚ist, daß dein Tempel schlecht plaziert ist, die Drachenlinien müssen sich irren.‘ – ‚Ich wußte nicht, daß du über Fëngshuee Bescheid weißt‘, kommentierte der Große Gott ungläubig. ‚Erlaube mir, selbst nachzusehen‘, bot der Dorfgott an, ‚und wir werden sehen, was ich sehe.‘ Er ging um den Tempel, untersuchte jede Nische und jedes Versteck und nach einer Weile berichtete er: ‚Mein Herr, hinter deinem Thron ist eine doppelblättrige, rote Tür. Eine unsichere Konstruktion. Ich persönlich habe hinter meinem Thron eine stabile Steinmauer, deshalb wird mir nichts gestohlen. Du kannst dir in der jetztigen Situation einfach damit behelfen, an Stelle des Thrones eine Mauer zu bauen.‘ Dies erschien dem Großen Gott einleuchtend, und er wies die Torwächter an, Arbeiter zu rufen, die eine solche Mauer errichten sollten. ‚Doch wir können uns nicht einmal eine Kerze oder ein Weihrauchstäbchen für diesen Tempel leisten!‘, klagten die Torwächter. ‚Wie können wir uns dann Steine und Mörtel leisten und die Arbeiter bezahlen?‘ Dem Großen Gott fiel keine Lösung ein. Er trug ihnen auf, eine zu finden, doch sie waren zu ratlos dazu. Doch der Schildkrötengeneral, dessen ruhende Steinform zu Füßen des Großen Gottes lag, stand auf und sagte: ‚Ihr seid eine nutzlose Bande! Ich habe eine Idee: reißt die rote Tür nieder und benutzt meinen Bauch, um die Öffnung zu blockieren. Ich bin sicher, das wird seinen Zweck erfüllen.‘ – ‚Ein ausgezeichneter Plan!‘, riefen die Torwächter im Chor, ‚einfach, zuverlässig und umsonst!‘ So wurde der Schildkrötengeneral zur Rückwand, und es herrschte Frieden – eine Weile. Dann begannen wieder, Dinge aus dem Tempel zu verschwinden. Die Torwächter riefen den Dorfgott herbei und klagten: ‚Ihr habt uns Sicherheit garantiert, wenn wir eine Mauer errichten, doch nun seht, was geschehen ist! Wir haben eine Mauer und verlieren immer noch Dinge!‘ – ‚Die Mauer kann nicht stabil genug sein.‘ – ‚Schaut selbst nach,‘ forderten sie. Dies tat der Dorfgott. Die Mauer schien durchaus stabil. Das war seltsam. Dann fühlte er mit seiner Hand. ‚Aaah!‘, rief er, ‚kein Wunder! Ich meinte eine vernünftig gebaute Mauer. Ein alter Dieb könnte diese Mauer herunterdrücken (Djia Tjiang).‘ “ So begannen sie wild mit dem Fingerspiel. Wang Ren verlor, trank einen Becher und sang ein Lied. Alle riefen: „Gut!" Dann spielten sie wieder, und eine der Gesellschafterinnen verlor und sang etwas von „Fräulein, Fräulein, wie bezaubernd" [33]. Dann verlor der Schwager Xing, und die anderen verlangten, er solle singen. Er sagte: „Ich kann nicht singen, ich erzähle lieber einen Witz." Qiang Kaufmann sagte: „Wenn er nicht zum Lachen bringt, gibt es trotzdem eine Strafe."
Alle lachten, sogar Djia Tjiang, dessen Name als Grundlage für diesen Witz diente. „Komm schon, Onkel Hsing!“, protestierte er. „Sei fair! Ich habe niemals etwas von Witzen auf Kosten von Namen gesagt! Dafür mußt du einen trinken!“ Der Schwager Xing trank einen Becher und begann: „Hört alle zu: In einem Dorf gab es einen Tempel des Kaisers Yuan [34], und daneben stand ein Schrein des Erdgottes. Der Kaiser Yuan ließ den Erdgott häufig zu sich kommen, um zu plaudern. Eines Tages wurde im Tempel des Kaisers Yuan eingebrochen, und er befahl dem Erdgott, Nachforschungen anzustellen. Der Erdgott meldete: ‚In dieser Gegend gibt es keine Diebe. Es müssen die göttlichen Wächter unachtsam gewesen sein, und ein fremder Dieb hat das Diebesgut gestohlen.' Der Kaiser Yuan rief: ‚Unsinn! Du bist der Erdgott — wenn es einen Einbruch gibt, wen soll ich da fragen, wenn nicht dich? Anstatt den Dieb zu fangen, behauptest du, meine göttlichen Wächter seien nachlässig!' Der Erdgott meldete: ‚Obwohl sie nachlässig waren, liegt es doch vor allem am schlechten Fengshui des Tempels.' Der Kaiser Yuan fragte: ‚Du verstehst wohl auch etwas von Fengshui?' Der Erdgott sagte: ‚Laßt Euer niederes göttliches Wesen einmal schauen.' Der Erdgott blickte sich überall um und meldete dann: ‚Hinter dem Thron Eurer Erhabenheit sind zwei rote Flügeltüren — das ist nicht sicher genug. Hinter meinem niedrigen Sitz ist eine gemauerte Wand, da geht natürlich nichts verloren. Wenn man auch hinter Eurem Thron eine Mauer errichtet, wird es gut sein.' Der Kaiser Yuan fand das einleuchtend und befahl seinen göttlichen Wächtern, eine Mauer zu bauen. Die Wächter seufzten: ‚Heutzutage gibt es nicht einen einzigen Räucherstab als Opfergabe — woher sollen wir Ziegel, Kalk und Arbeiter nehmen, um eine Mauer zu bauen?' Der Kaiser Yuan wußte keinen Rat und ließ die Wächter einen Plan ersinnen, doch keiner hatte eine Idee. Da richtete sich der Schildkrötengeneral zu Füßen des Kaisers Yuan auf und sprach: ‚Ihr seid alle nutzlos. Ich habe eine Idee: Reißt die roten Türen ab, und bei Nacht stellt mich mit meinem Bauch in die Türöffnung — bin ich nicht so gut wie eine Mauer?' Alle Wächter sagten: ‚Vortrefflich! Das kostet nichts und ist bequem und stabil.' So übernahm der Schildkrötengeneral diese Aufgabe, und es war tatsächlich ruhig. Doch nach ein paar Tagen waren im Tempel wieder Sachen verschwunden. Die Wächter ließen den Erdgott kommen und sagten: ‚Du hast gesagt, wenn man eine Mauer baut, geht nichts verloren. Wieso fehlt jetzt trotz der Mauer wieder etwas?' Der Erdgott sagte: ‚Die Mauer ist nicht stabil gebaut.' Die Wächter sagten: ‚Sieh selbst nach.' Der Erdgott schaute hin — tatsächlich sah es aus wie eine tadellose Mauer. Wieso fehlte trotzdem etwas? Er tastete mit der Hand darüber und rief: ‚Ich dachte, es sei eine echte Mauer [真墙]. Wer hätte gedacht, daß es eine falsche Mauer [假墙] ist!'" [35]
Der ältere Onkel Hsing, der bereits ein Blatt im Wind war, gab willig nach. Sie tranken alle noch ein paar Becher und im allgemeinen Rausch ließ der dumme Onkel einige boshafte Bemerkungen über seine Schwester [die Dame Hsing] los, während Wang Jën eine entwürdigende Erinnerung an seine Schwester [Hsi-fëng] beisteuerte, – beide waren voller Bitterkeit. Ihr Beispiel und der Wein verliehen Djia Huan mehr Mut, und auch er lieferte einen Beitrag, bemängelte, wie herzlos Hsi-fëng gewesen sei und wie sie versucht habe, so viele ihrer Leben zu ruinieren. „Ja, die Leute sollten allgemein mehr Anstand zeigen“, stimmten alle ein. „Wie sie den Einfluß der alten Dame genutzt hat, jeden zu schikanieren, war furchtbar. Sie war starr, ohne einen Erben zu gebähren. Sie hatte nur eine Tochter. Vergeltung noch zu Lebzeiten!“

Djia Yün, der sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie grob Hsi-fëng einst zu ihm war und wie Tjiau-djiä-örl immer anfing zu brüllen, wenn sie ihn erblickte, verfiel dem herrschenden Ton und gab auch seine Schmähungen zum Besten. Djia Tjiang wollte die rachsüchtige Gesellschaft wieder etwas aufheitern: „Laßt uns lieber noch einen Becher trinken! Das Gerede führt doch zu nichts!“ –

„Wie alt ist denn das Mädchen, das du erwähnt hast?“, erkundigten sich die beiden Gesangsmädchen. „Ist sie hübsch?“ –

„Oh ja“, antwortete Djia Tjiang, „sehr sogar. Sie ist etwa dreizehn.“ –
Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Qiang Kaufmann konnte sich auch kaum halten vor Lachen und sagte: „Dummer Onkel, du bist mir einer! Ich habe dich nicht beschimpft — warum beschimpfst du mich? Her mit dem Becher, ein großer Strafbecher!" Der Schwager Xing trank aus und war schon angetrunken. Alle tranken noch einige Becher und wurden betrunken. Der Schwager Xing schimpfte auf seine Schwester, Wang Ren schimpfte auf seine Schwester, und beide redeten äußerst giftig. Unheil Kaufmann hörte zu und sagte in seiner Trunkenheit ebenfalls, Phönixglanz [王熙凤][36] sei schlecht gewesen — wie sie ihn stets schikaniert und mit Füßen getreten habe. Die anderen sagten: „Ein Mensch sollte schon anständig sein. Seht nur die Phönix-Tante — sie hat sich auf die Herzoginmutter gestützt und war so unerbittlich, und jetzt hat sich das Blatt gewendet. Sie hat nur noch eine einzige Tochter hinterlassen, und die wird wohl die Vergeltung in diesem Leben zu spüren bekommen!" Yun Kaufmann dachte daran, wie schlecht Phönixglanz ihn behandelt hatte, und erinnerte sich auch, daß Qiao-jie jedesmal weinte, wenn sie ihn sah, und redete ebenfalls drauflos, was ihm gerade in den Sinn kam. Nur Qiang Kaufmann sagte: „Laßt uns trinken — was reden wir über andere Leute?"
„In diesem Fall ist es eine Schande, daß sie in eine Familie wie eure hineingeboren wurde,“ bemerkten die Mädchen, „wenn sie nur aus einem ehrbaren Haus wäre, könnte sie eine Stellung erreichen, wodurch sie für ihre Familie gute Arbeit finden und haufenweise Geld bringen würde.“ –

„Was meinst du?“ –

„Wir kennen einen bestimmten mongolischen Prinzen“, antworteten die Mädchen, „er ist wirklich ein Mann der Damen. Er sucht nach einer Konkubine, und die Dame, die seinen Vorstellungen entspricht, könnte mit ihrer ganzen Familie im Palast leben. Was für ein unsagbares Glück das für jemanden wäre!“

Keiner von ihnen schien wirklich zuzuhören, mit Ausnahme von Wang Jën, der sehr nachdenklich aussah. Zunächst sagte er nichts und trank weiter.

Ein wenig später kamen zwei junge Männer herein, jüngere Söhne der Verwalter Lai und Lin.

„Ihr scheint euch die Zeit gut zu vertreiben, ihr Herren, in Anbetracht der Umstände“, riefen sie.

Jeder erhob sich, um sie zu grüßen.

„Wo wart ihr zwei denn so lange? Wir haben so lange auf euch gewartet.“
Die beiden Gesellschafterinnen fragten: „Wie alt ist denn dieses Fräulein? Wie sieht sie aus?" Qiang Kaufmann sagte: „Hübsch ist sie, sehr sogar, und sie ist schon dreizehn oder vierzehn." Die Gesellschafterinnen sagten: „Schade um ein solches Kind, daß es in einem solch vornehmen Hause geboren wurde. Wäre sie in einer kleinen Familie geboren, hätten Vater, Mutter und Brüder alle Beamte werden und ein Vermögen machen können!" Die anderen fragten: „Wieso das?" Die Gesellschafterinnen sagten: „Derzeit gibt es einen Fürsten aus den Außengebieten [37], der äußerst großzügig ist und sich eine Nebenfrau auswählen möchte. Wenn sie ihm gefällt, dürfen Vater, Mutter und Brüder alle mitgehen — wäre das nicht eine feine Sache?" Die meisten beachteten das nicht weiter, nur Wang Ren horchte innerlich ein wenig auf, und dann tranken sie weiter.
Sie erklärten: „Am frühen Morgen hörten wir das üble Gerücht, unsere Familie sei wieder in ernsthaften Schwierigkeiten; also eilten wir hin, um zu sehen, welche Neuigkeiten im Palast herauszufinden seien. Es stellte sich heraus, daß es gar nichts mit unserer Familie zu tun hatte.“

Alle fragten: „Wenn dem so ist, warum seid ihr dann nicht direkt hergekommen?“

Die beiden erklärten: „Es betraf nicht genau unsere Familie, doch es hat etwas mit uns zu tun. Es war dieser Herr Djia Yü-tsun. Als wir am Palast waren, sahen wir ihn in Ketten gelegt. Man sagte uns, er würde zum Hohen Gericht zu einem Verhör gebracht. Wir wußten, daß er hier regelmäßig zu Besuch war und fürchteten, daß uns dieser Fall doch beträfe, deshalb folgten wir ihm, um zu sehen, was dabei heraus käme.“

„Gut bedacht, Männer!“, rief Djia Yün. „Wir sind euch zu Dank verpflichtet. Setzt euch, trinkt etwas und erzählt uns davon.“
Da kamen von draußen die jungen Burschen der Familien Lai und Lin herein und sagten: „Ihr Herren amüsiert euch ja prächtig!" Alle standen auf: „Ihr beiden, warum kommt ihr erst jetzt? Wir haben gewartet!" Die beiden sagten: „Heute morgen haben wir ein Gerücht gehört: Es heißt, unsere Familie habe wieder Ärger bekommen. Wir waren beunruhigt und sind sofort nach drinnen gelaufen, um nachzuforschen — aber es geht gar nicht um unsere Familie." Die anderen fragten: „Wenn es nicht unsere ist, warum seid ihr dann nicht gleich hergekommen?" Die beiden sagten: „Auch wenn es nicht unsere Familie ist, hat es doch mit uns zu tun. Wißt ihr, wen es betrifft? Den Herrn Jia Yucun [贾雨村][38]. Als wir heute hineingingen, sahen wir ihn in Ketten — er soll zum Dreier-Gerichtshof [39] gebracht und verhört werden! Da wir wissen, daß er häufig bei unserer Familie ein- und ausging, haben wir befürchtet, daß es Verwicklungen geben könnte, und sind ihm nachgegangen, um uns zu erkundigen." Yun Kaufmann sagte: „Der Älteste hat recht, so etwas muß man nachprüfen. Setzt euch erst mal und trinkt einen Becher, dann erzählt weiter."
Die zwei setzten sich nach höflicher Zurückhaltung und fuhren trinkend fort: „Dieser Herr Yü-tsun ist bestimmt ein fachverständiger Mann und weiß, wie man die Fäden zu ziehen hat. Bis jetzt hatte er das immer gut getan. Doch er hat einiges Schmiergeld genommen und wurde verraten. Wie wir alle wissen, ist unser derzeitiger erhabener Herrscher überaus weise, mitleidig und wohltätig. Es gibt nur eine Sache, die ihn wirklich erzürnt, und das ist Korruption, jede Form tyrannischen oder schikanierenden Benehmens. Daher beschloß seine Majestät, daß der Beschuldigte in diesem Fall festgenommen und vor Gericht gebracht werden solle. Wenn er für schuldig befunden wird, sieht es sehr schlecht für ihn aus. Wird er frei gesprochen, dann geraten die Männer, die ihn angeklagt haben, in Schwierigkeiten. Es ist überaus beruhigend zu sehen, in welch gerechten Zeiten wir leben! Glückliche Zeiten auf jeden Fall für Beamte.“ –

„Wie dein älterer Bruder“, sagten die Männer und bezogen sich dabei auf den ältesten Sohn des Verwalters Lai Da, Lai Shang-jung. „Er ist Bezirksmagistrat. Er hat wohl für sich ausgesorgt.“

„Wohl wahr“, antwortete der junge Lai, „doch sein Verhalten läßt durchaus zu wünschen übrig, fürchte ich. Seine Stellung wird er nicht so lange behalten.“ –

„Hat er sich selbst in einen Engpaß getrieben?“

Lai nickte und senkte sein Glas.

„Was für andere Neuigkeiten habt ihr aus dem Palast mitgebracht?“, fragten sie die beiden.
Die beiden ließen sich nach einigem Sträuben nieder, tranken und erzählten: „Dieser Herr Yucun ist fähig und geschickt im Aufsteigen, sein Amt war nicht gering — nur ist er habgierig gewesen und wurde wegen mehrfacher Erpressung seiner Untergebenen [40] angeklagt. Unser jetziger Kaiser ist ein äußerst weiser und gnädiger Herrscher. Einzig beim Wort ‚Gier' — wenn jemand das Volk mißhandelt oder sich auf seine Macht gestützt hat, um Anständige zu unterdrücken — , da wird er äußerst zornig, und darum hat er befohlen, ihn festzunehmen und zu verhören. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, wird es ihm schlecht ergehen; wenn sie unbegründet sind, wird es auch dem Ankläger nicht gut gehen. In unserer Zeit hat man es wirklich gut — wenn man Glück hat und ein Amt bekommt, ist es wunderbar." Die anderen sagten: „Euer Bruder hat doch Glück — er ist Kreisvorsteher geworden, ist das nicht schön?" Der Lai-Sproß sagte: „Mein Bruder ist zwar Kreisvorsteher, aber sein Betragen — wer weiß, ob er sich halten kann!" Die anderen fragten: „Greift er auch zu?" Der Lai-Sproß nickte nur und hob seinen Becher zum Trinken.
„Ach, nicht viel. Eine Zahl Verbrecher an der Küste wurde festgenommen und zum Hohen Gericht geschickt. Während ihrer Verhandlung haben sie wohl sämtliche Mitwirkenden bekannt gegeben, die hier in der Stadt ansässig sind, die alles beobachten und auf eine gute Gelegenheiten für weitere Verbrechen warten. Glücklicherweise haben die zivilen und militärischen Autoritäten hier soweit alles im Griff und sind ihrem Dienst für den Thron so ergeben, daß alle kriminellen Elemente sicher kontrolliert werden.“ –

„Wenn ihr von solchen Fällen gehört habt, vielleicht gibt es etwas Neues von unserem Diebstahl?“, fragten die Männer.
Die anderen fragten weiter: „Habt ihr drinnen noch andere Neuigkeiten gehört?" Die beiden sagten: „Sonst nichts, nur daß an der Küste viele Seeräuber gefaßt worden sind und ebenfalls zum Gerichtshof zur Verhandlung gebracht werden. Es sind noch viele weitere Räuber aufgespürt worden — einige hatten sich in der Stadt versteckt, um Nachrichten auszukundschaften, und griffen bei Gelegenheit Häuser an. Jetzt weiß man, daß die Herren am Hofe alle gleichermaßen befähigt in Literatur und Krieg sind. Sie haben sich mit Hingabe eingesetzt, und wo immer sie hinkamen, haben sie die Räuber bereits vernichtet."
„Ich fürchte nicht,“ war die Antwort, „ich hörte nur etwas von einem Mann aus den inneren Provinzen, der sich hier in der Stadt dafür Ärger einhandelte, daß er eine Frau entführte und mit ihr an die Küste verschwand. Sie setzte sich zur Wehr und das endete mit ihrem Tod. Sie nahmen ihn an der Grenze fest und richteten ihn auf der Stelle hin.“ –

„War jene Miau-yü sowieso aus dem Kloster Gefangenes Grün nicht unter ähnlichen Umständen entführt worden?“ warf einer der anderen ein. „Könnte sie es nicht gewesen sein?“ –

„Sie war es“, murrte Djia Huan.

„Woher weißt du das?“, fragten sie ihn.

„Sie war eine äußerst unsympathische Person“, sagte Djia Huan. „Sie hielt sich selbst immer für etwas Besseres. Sie mußte nur Bau-yü anschauen, da lächelte sie schon über das ganze Gesicht. Doch meine Existenz hat sie nie zur Kenntnis genommen. Ich hoffe, sie war es!“

„Es werden ständig Leute entführt“, kommentierte jemand. „Es könnte genau so gut jemand anderes gewesen sein.“

„Ich kann mir gut vorstellen, daß sie es war“, sagte Djia Yün. „Vorgestern habe ich gehört, daß eine der Nonnen in der Herberge einen Traum hatte, in welchem Miau-yü ermordet wurde.“

Das wurde mit Spott aufgenommen: „Träume kann man doch nicht ernst nehmen.“

„Traum oder nicht Traum, das ist mir alles gleich“, protestierte der ältere Onkel Hsing. „Laßt uns lieber erst zu Abend essen und dann eine ordentliche Partie spielen.“
Die anderen fragten: „Ihr habt gehört, daß sich Räuber in der Stadt versteckt hatten — ist denn der Fall des Einbruchs bei uns aufgeklärt worden?" Die beiden sagten: „Davon haben wir nichts gehört. Aber es hieß verschwommen, daß jemand aus dem Landesinneren in der Stadt ein Verbrechen begangen, eine Frau geraubt und aufs Meer verschleppt habe. Die Frau habe sich geweigert und sei von dem Räuber getötet worden. Gerade als der Räuber über die Grenze fliehen wollte, sei er von den kaiserlichen Truppen gefaßt und an Ort und Stelle hingerichtet worden." Die anderen sagten: „Die Miaoyu [妙玉] aus unserem Grünjadekloster — wurde sie nicht entführt? Das könnte doch sie gewesen sein!" Unheil Kaufmann sagte: „Das muß sie gewesen sein!" Die anderen fragten: „Woher weißt du das?" Unheil Kaufmann sagte: „Diese Miaoyu war das widerlichste Geschöpf überhaupt. Die ganze Zeit tat sie übertrieben vornehm, aber sobald sie Schatzjade erblickte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Wenn ich ihr aber begegnete, würdigte sie mich keines einzigen Blickes. Wenn sie es wirklich war — dann geschieht es ihr recht!" Die anderen sagten: „Es sind doch viele Leute entführt worden — wie willst du wissen, daß sie es war?" Yun Kaufmann sagte: „Es gibt aber ein gewisses Indiz: Neulich erzählte jemand, daß die alte Tempeldienerin aus ihrem Kloster geträumt habe, sie habe Miaoyu sehen können, wie sie von jemandem getötet wurde." Die anderen lachten: „Traumworte zählen nicht."
Das wurde allgemein begrüßt und, sobald sie ihr Essen beendet hatten, spielten sie intensiv. Bis nach Mitternacht waren sie damit beschäftigt, als sie in den inneren Gemächern einen plötzlichen Aufruhr hörten. Sie wurden schließlich informiert, daß das vierte Fräulein [Hsi-tschun] mit der ersten gnädige Frau Dschën gestritten hatte und das Ergebnis war, daß sie ihr ganzes Haar abgeschnitten hatte und zu den Damen Hsing und Wang gerannt war. Dort verbeugte sie sich und flehte sie an, ihrem Wunsch nachzugeben. Wenn nicht, so drohte sie, sich sofort das Leben zu nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang waren mit ihren Nerven am Ende und schickten nach Djia Tjiang und Djia Yün, um einzugreifen. Djia Yün wußte aber, daß dies etwas war, das sie [Hsi-tschun] schon längst hätte tun sollen, spätestens seit der fatalen Nacht der Plünderung, als ihr allein die Verantwortung des Hauses übertragen worden war, und ihm schien es, daß es kaum noch Hoffnung gab, sie davon abbringen zu können. Er besprach es mit Djia Tjiang: „Die gnädige Frau [Wang] sagt, wir sollen eingreifen, doch ich wüßte nicht, wie wir etwas erreichen könnten. Das ist eine schwere Verantwortung, und sie wollen sie auf uns abwälzen. Wir müssen uns einiges einfallen lassen, um sie [Hsi-tschun] von ihrem Plan abzubringen, und dann, wenn sie nicht zuhören will, müssen wir sie den Damen wieder übergeben. Währenddessen schreibe ich dem zweiten Onkel Liän einen Brief, der uns von aller Schuld befreit.“ Der Schwager Xing sagte: „Ob Traum oder nicht — laßt uns schnell essen! Heute nacht spielen wir um hohe Einsätze." Alle waren einverstanden. Sie aßen und begannen dann, um viel Geld zu spielen.
Sie stimmten beide seinem Plan zu, riefen die Damen Hsing und Wang und versuchten nun, Hsi-tschun zu überzeugen. Wie vorhergesagt, blieb Hsi-tschun hartnäckig. Wenn sie in keinen Konvent außerhalb des Familiengrundstücks flüchten könne, würde sie sich, wie sie sagte, einige stille Zimmer einrichten, worin sie ihre Sutras rezitieren und ihre Gebete aufsagen konnte. So konnte Frau You sehen, daß die Tanten nicht in der Lage waren, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre eigene Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, war sie los, und sie zwang sich selbst zu einem Kompromiß. Sie spielten bis tief in die dritte Nachtwache [41], als von drinnen lautes Geschrei zu hören war: „Das Vierte Fräulein hat sich mit der Frau des Erstgeborenen Zhen [尤氏][42] gestritten und sich die Haare abgeschnitten! Sie ist zu den Damen Hsing und Wang gelaufen, hat den Kopf auf den Boden geschlagen und fleht, man möge ihr erlauben, Nonne zu werden, und ihr einen Platz zuweisen. Wenn man es ihr nicht erlaubt, wird sie sich hier und jetzt das Leben nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang wissen keinen Rat und bitten den Herrn Qiang und den Herrn Yun herein." Als Yun Kaufmann das hörte, wußte er, daß sie diesen Entschluß bereits seit jenem Mal gefaßt hatte, als er das Haus hüten mußte. Er dachte, daß man sie wohl nicht umstimmen könne, und beriet sich mit Qiang Kaufmann: „Die gnädigen Frauen rufen uns herein, aber wir können doch nicht darüber entscheiden, und wir sollten es auch nicht. Wir können nur versuchen, sie zu überreden. Wenn das nichts nutzt, müssen wir sie eben gewähren lassen. Schreiben wir einen Brief an den Zweiten Onkel Kette — damit ist unsere Verantwortung abgegeben."
„Ich werde sehen, daß ich die Schuld auf mich nehme. Nun gut. Laß sie sagen, daß ich es war, der ich die Schwester meines eigenen Mannes nicht geduldet habe und sie in die Schwesternschaft getrieben habe. Was kümmert es mich? Doch ich kann ihr nicht gestatten, das Haus zu verlassen. Das steht außer Frage. Sie wird hier bleiben müssen. Die gnädige Frauen [Hsing und Wang],, ich bitte Sie, meine Entscheidung zu bezeugen. Älterer Bruder [Djia] Tjiang, schreibe bitte einen Brief, worin du deinem ersten gnädigen Herrn Dschën und dem zweiten Onkel [Liän] mitteiltest, was vorgefallen ist.“ Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, gingen sie hinein, sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor und versuchten zum Schein, Xichun zu überreden. Doch Xichun bestand fest darauf, ins Kloster einzutreten. Wenn man sie nicht hinauslasse, bitte sie nur um ein oder zwei ruhige Zimmer, um darin Sutren zu rezitieren und Buddha anzubeten. Frau You [尤氏] sah, daß die beiden die Verantwortung nicht übernehmen wollten, und da sie fürchtete, Xichun könne sich das Leben nehmen, traf sie selbst entschlossen eine Entscheidung und sagte: „Dann nehme ich das lieber auf mich. Man soll sagen, ich als Schwägerin habe die Schwägerin nicht geduldet und sie ins Kloster getrieben — damit ist es dann abgetan. Nach draußen gehen lassen — das kommt auf keinen Fall in Frage. Wenn sie aber hier im Hause bleibt, und da die gnädigen Frauen alle hier sind — rechnet es mir an. Laßt den Herrn Qiang einen Brief an Euren Herrn Bruder Zhen [贾珍][43] und den Zweiten Onkel Kette schreiben, das genügt." Qiang Kaufmann und die anderen antworteten zustimmend.
Djia Tjiang und Djia Yün stimmten Frau Yous Entscheidung zu. Ob die Damen Hsing und Wang dem zustimmten oder nicht, wird im nächsten Kapitel berichtet.
Doch um zu erfahren, ob die Damen Hsing und Frau Wang dies auch taten, muß man das nächste Kapitel lesen. ----
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  2. 太虚幻境, die Traumwelt, die Schatzjade im 5. Kapitel besucht hat
  3. die irdische Welt, 红尘
  4. buddhistischer Ausdruck 当头棒喝, wörtl. „ein Stockhieb auf den Kopf", um jemanden zur plötzlichen Erleuchtung zu bringen
  5. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  7. 一子出家,七祖升天, volkstümliche Redensart, die den Verdienst des klösterlichen Lebens für die ganze Sippe betont
  8. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  9. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  12. Dame Hsing als Stiefmutter
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  14. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  15. der Garten der Großen Aussicht, 大观园
  16. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Zhen empfohlener Wächter.
  17. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  18. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  19. Ning-guo-fu 宁国府, das Anwesen der östlichen Kaufmann-Familie
  20. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  21. 车箍辘会, ein Rundessen, bei dem reihum jeder als Gastgeber fungiert
  22. 荣国府, das Anwesen der westlichen Kaufmann-Familie
  23. gemeint ist Wang Xifeng, Phönixglanz 王熙凤
  24. Kajaljade 林黛玉
  25. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Ring Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  26. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Li Wan.
  27. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Ring Kaufmann.
  28. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Juwel Kaufmann (Jia Zhu), Vorsteherin des Gartens.
  29. 月字流觞, ein Trinkspiel, bei dem jeder in seinem Trinkspruch das Zeichen ‚Mond' 月 verwenden muß
  30. Zitat aus Li Bais 飞羽觞而醉月
  31. Vers von Wang Jian 王建: 冷露无声湿桂花
  32. Vers von Song Zhiwen 宋之问: 天香云外飘
  33. 小姐小姐多丰采, Arie aus der „Südlichen" Version des „Westlichen Flügels" 西厢记, mit erotischen Anspielungen
  34. 元帝庙, Tempel des Nordgottes Zhenwu/Xuanwu, unter der Qing-Dynastie „Yuan" genannt, um den Namen des Kangxi-Kaisers zu vermeiden
  35. Das Wortspiel beruht darauf, daß 假墙 „falsche Mauer" klingt wie 贾墙 — „Kaufmann-Mauer", also eine satirische Anspielung auf die Kaufmann-Familie (贾家), die nur nach außen hin stabil erscheint.
  36. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  37. 外藩, nicht-chinesischer Vasallenfürst, vermutlich ein mandschurischer oder mongolischer Prinz
  38. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".
  39. 三法司, die drei obersten Justizbehörden der Qing-Dynastie
  40. 婪索属员
  41. zwischen 23 Uhr und 1 Uhr
  42. Chin. 尤氏 Yóu Shì. Ehefrau von Juwel Kaufmann.
  43. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Ningguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.

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