Hongloumeng/de/Chapter 89
Neunundachtzigstes Kapitel
Die Verstorbene ist fort, doch die Dinge sind noch da — der junge Herr dichtet ein Lied, Schlangenspiegelung im Becher — Fräulein Pin hört auf zu essen
Wie berichtet, saß Phönixglanz[1] gerade grübelnd da, als sie die Nachricht des kleinen Mädchens erschreckte. Hastig fragte sie: „Was für eine Amtssache?" Das Mädchen sagte: „Ich weiß es nicht. Eben kam ein Diener vom zweiten Tor herein und meldete dem gnädigen Herrn etwas Dringendes." Phönixglanz hörte, dass es das Ministerium für Öffentliche Arbeiten betraf, und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Geh zurück und bestelle der Gnädigen Frau, dass der Zweite Herr gestern Abend Geschäfte außerhalb der Stadt hatte und nicht zurückgekommen ist. Man möge zunächst den Ersten Herrn Zhen rufen." Das Mädchen ging.
Herrlichkeit Kaufmann[2] kam, sprach mit dem Ministerialbeamten und berichtete dann Frau König: „Das Ministerium meldet: Gestern ging eine Eingabe des Oberflussinspektors ein — in Henan ist der Fluss an mehreren Stellen durchgebrochen und hat einige Präfekturen und Kreise überschwemmt. Es werden Staatsgelder benötigt, um Deiche und Stadtmauern zu reparieren. Die Beamten des Ministeriums müssen nun alles überwachen und schickten deshalb einen Boten zum gnädigen Herrn." Damit zog er sich zurück. Als Aufrecht Kaufmann[3] nach Hause kam, wurde ihm alles berichtet. Von da an bis in den Winter hatte Aufrecht Kaufmann täglich zu tun und war oft im Ministerium. Schatzjade[4]s Studien wurden allmählich nachlässiger, doch aus Furcht, Aufrecht Kaufmann könnte es bemerken, wagte er nicht, der Schule fernzubleiben, und ging auch zu Kajaljade[5] seltener.
Es war Mitte des zehnten Monats. Schatzjade stand auf und wollte zur Schule. Das Wetter war plötzlich kalt geworden. Dufthauch[6] hatte bereits ein Bündel Kleidung bereitgelegt und sagte: „Es ist heute sehr kalt — nimm morgens und abends lieber etwas Wärmeres." Sie holte ein Stück heraus und half Schatzjade hinein. Ein weiteres wickelte sie ein und gab es einem kleinen Mädchen, die es Beiming übergab: „Wenn der Zweite Herr sich umziehen will, halte alles bereit." Beiming sagte zu und folgte Schatzjade mit dem Filzbündel.
In der Schule erledigte Schatzjade seine Aufgaben, als plötzlich ein Windstoß gegen die Papierfenster klatschte. Dairu sagte: „Das Wetter schlägt schon wieder um." Er öffnete die Windtür — im Nordwesten türmten sich Wolkenberge und wälzten sich nach Südosten. Beiming kam herein: „Zweiter Herr, es wird kalt — zieht Euch etwas über." Schatzjade nickte. Beiming brachte ein Kleidungsstück herein. Schatzjade schaute hin — und erstarrte. Auch die kleinen Schüler rissen die Augen auf. Es war der Goldbrokat-Fasanenpelz, den Heitermuster[7] einst geflickt hatte. Schatzjade fragte: „Warum hast du ausgerechnet den mitgebracht? Wer hat ihn dir gegeben?" Beiming: „Die Mädchen drinnen haben ihn eingepackt." Schatzjade sagte: „Mir ist nicht so kalt — ich ziehe ihn lieber nicht an. Pack ihn wieder ein." Dairu dachte, Schatzjade wolle das Kleidungsstück schonen, und freute sich über seine Sparsamkeit. Beiming bat: „Zieht ihn doch an, Zweiter Herr. Wenn Ihr Euch erkältet, bin ich schuld. Tut es mir zuliebe." Schatzjade musste ihn widerwillig anziehen und saß dann reglos und geistesabwesend vor seinen Büchern. Dairu dachte, er lese, und ließ ihn in Ruhe.
Am Abend bat Schatzjade Dairu um einen Tag Urlaub wegen Unwohlsein. Dairu, selbst ein alter Mann, der nur der Gesellschaft einiger Kinder wegen Schule hielt und selbst oft kränkelte, ließ sich gern einen Schüler weniger sorgen; zumal er wusste, dass Aufrecht Kaufmann beschäftigt und die Herzoginmutter nachsichtig war — so nickte er.
Schatzjade kehrte direkt nach Hause zurück, begrüßte die Herzoginmutter und Frau König mit der gleichen Erklärung — natürlich glaubte man ihm. Er saß kurz und ging dann in den Garten. Im Hof der Roten Freude[8] war er nicht so heiter und gesprächig wie sonst, sondern legte sich angezogen auf den Kang. Dufthauch fragte: „Das Abendessen ist fertig — willst du jetzt essen oder später?" Schatzjade sagte: „Ich esse nichts, mir ist unwohl. Esst ihr."
Dufthauch sagte: „Dann solltest du wenigstens das Kleid ausziehen. Das Stück verträgt keine grobe Behandlung." Schatzjade: „Muss nicht sein." Dufthauch: „Es geht nicht nur um den feinen Stoff — sieh dir die Näharbeit an! Die sollte man nicht ruinieren!" Diese Worte trafen Schatzjades wunden Punkt. Er seufzte: „Dann nimm es und verwahre es gut. Ich werde es nie wieder tragen." Er stand auf und zog es aus. Als Dufthauch es nehmen wollte, hatte er es bereits selbst zusammengelegt. Dufthauch fragte verwundert: „Seit wann ist der Zweite Herr so sorgfältig?" Schatzjade antwortete nicht. Als er fertig war, fragte er: „Wo ist das Tuch, in das es eingewickelt war?" Moschusmond[9] reichte es eilig herüber und ließ ihn selbst einpacken, wobei sie Dufthauch hinter seinem Rücken zuzwinkerte und kicherte.
Schatzjade beachtete es nicht und saß niedergeschlagen da. Die Uhr auf dem Regal schlug; er sah auf seine Taschenuhr — schon Viertel nach fünf. Bald brachte ein Mädchen Licht. Dufthauch sagte: „Wenn du nicht essen willst, trink wenigstens eine halbe Schale heiße Reissuppe. Hungern ist nicht gut — wenn sich Leerlaufhitze einstellt, müssen wir es ausbaden." Schatzjade schüttelte den Kopf: „Ich habe noch keinen richtigen Hunger — wenn ich mich zwinge, wird mir nur schlecht." Dufthauch: „Dann geh lieber gleich schlafen." Dufthauch und Moschusmond richteten das Bett, und Schatzjade legte sich hin. Er wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Erst gegen Morgen döste er kurz ein, doch nach nicht mehr als der Dauer einer Mahlzeit war er schon wieder wach.
Dufthauch und Moschusmond waren ebenfalls aufgestanden. Dufthauch sagte: „Ich habe gehört, wie du dich bis zum fünften Nachtwächtersignal gewälzt hast. Ich wagte nicht zu fragen. Dann bin ich selbst eingeschlafen — hast du schließlich doch geschlafen?" Schatzjade: „Kurz. Ich weiß nicht, warum ich so früh aufgewacht bin." Dufthauch: „Fehlt dir etwas?" Schatzjade: „Nein, ich bin nur unruhig im Herzen."
Dufthauch fragte: „Gehst du heute in die Schule?" Schatzjade: „Ich habe gestern schon einen Tag Urlaub genommen. Heute möchte ich im Garten spazieren und mich ein wenig zerstreuen, aber es ist so kalt. Richtet mir ein Zimmer her, mit einem Räuchergefäß, Papier, Tusche, Pinsel und Tuschstein. Ihr könnt eure Sachen machen — ich möchte einen halben Tag still für mich sitzen. Schickt mir niemanden herein." Moschusmond sagte: „Wenn der Zweite Herr in Ruhe arbeiten will, wer würde ihn stören?" Dufthauch meinte: „Das ist sehr gut — so erkältest du dich auch nicht, und ein wenig Stille sammelt den Geist." Dann fragte sie: „Wenn du keine Lust auf Essen hast — was soll die Küche machen? Sag es früh." Schatzjade: „Etwas Einfaches, kein großes Aufheben. Legt nur ein paar Früchte in das Zimmer — ihres Duftes wegen." Dufthauch: „Welches Zimmer soll es sein? Die meisten sind nicht sauber genug. Nur das, wo Heitermuster früher wohnte — da kommt niemand hin, es ist noch sauber, nur etwas kalt." Schatzjade: „Macht nichts — stellt den Kohleofen hinüber." Dufthauch sagte zu.
Während sie sprachen, brachte ein kleines Mädchen eine Schale auf einem Tablett und reichte sie Moschusmond: „Die Blumen-Schwester hat das eben bestellt — die Köchin hat es geschickt." Moschusmond nahm es entgegen — eine Schale Schwalbennestersuppe. Sie fragte Dufthauch: „Hast du das bestellt?" Dufthauch lachte: „Gestern Abend hat der Zweite Herr nichts gegessen und sich die ganze Nacht gewälzt — heute Morgen muss er sich doch leer fühlen. Deshalb habe ich die Mädchen in die Küche geschickt." Dufthauch ließ ein Tischchen aufstellen; Moschusmond half Schatzjade beim Trinken und Mundspülen. Da kam Herbstmuster: „Das Zimmer ist fertig — wartet aber, bis die erste Kohlehitze verflogen ist, ehe der Zweite Herr hineingeht." Schatzjade nickte; sein Herz war voll, doch er mochte nicht reden.
Nach einer Weile kam ein kleines Mädchen und meldete: „Pinsel und Tusche sind aufgestellt." Schatzjade: „Gut." Ein anderes Mädchen: „Das Frühstück ist fertig — wo soll es serviert werden?" Schatzjade: „Bringt es einfach her, ohne Umstände." Das Mädchen ging, und bald wurde aufgetragen. Schatzjade lächelte Moschusmond und Dufthauch an: „Mir ist so schwer ums Herz — allein essen, fürchte ich, bringe ich nichts hinunter. Esst ihr beide mit mir, vielleicht bekomme ich dann auch mehr Appetit." Moschusmond lachte: „Das ist der Wunsch des Zweiten Herrn — wir wagen es nicht." Dufthauch sagte: „Eigentlich geht das schon — wir haben ja auch zusammen Wein getrunken. Nur wenn du dich einmal aufheitern willst, ist es vertretbar; aber aus Gewohnheit wäre es gegen alle Ordnung." Die drei setzten sich: Schatzjade oben, Dufthauch und Moschusmond an den Seiten.
Nach dem Essen brachte ein Mädchen Spültee; die beiden räumten ab. Schatzjade hielt seine Teetasse und versank in Gedanken. Nach einer Weile fragte er: „Ist das Zimmer fertig?" Moschusmond: „Das habe ich doch vorhin schon gemeldet — und du fragst noch einmal."
Schatzjade saß noch einen Moment, dann ging er in das Zimmer hinüber. Er zündete persönlich eine Räucherstange an, stellte Obst auf und schickte alle hinaus. Er schloss die Tür. Draußen verhielten sich Dufthauch und die anderen mucksmäuschenstill. Schatzjade nahm einen Bogen rosa Briefpapier mit goldenen Eckverzierungen hervor, murmelte einige Worte des Gebets, dann schrieb er:
Der Herr des Hofes der Roten Freude verbrennt dies zur Kenntnis der Schwester Heitermuster: Tee und Duft seien dir dargebracht, auf dass du kommst und dich daran erfreust.
Sein Gedicht lautete:
Treue Gefährtin — einsam sinne ich dir nach. Wer hätte gedacht, ein Sturm bricht über ebener Erde los, Und jählings wird dein Lebenslicht gelöscht! Wer flüstert nun zarte Worte?
Nach Osten fließt das Wasser — nie kehrt es gen Westen. Selbst im Traum kann ich dein Bild nicht mehr schaffen; Doch beim Aufhängen des Pelzes seh ich das Brokat der Regenwolken. Stille Sehnsucht — sie macht mich traurig.
Als er fertig geschrieben hatte, hielt er das Papier an den Weihrauch und verbrannte es. Still wartend, bis die Räucherstange herabgebrannt war, öffnete er die Tür und trat hinaus. Dufthauch fragte: „Schon fertig? War dir wohl wieder langweilig?" Schatzjade lächelte und log: „Ich hatte es nur im Herzen, und wollte ein stilles Plätzchen. Jetzt ist mir besser. Ich möchte noch ein wenig draußen spazieren."
Er ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon und rief im Hof: „Ist Schwester Lin zu Hause?" Purpurkuckuck[10] antwortete: „Wer ist da?" Sie hob den Vorhang und lachte: „Der Zweite Herr Bao! Das Fräulein ist drinnen — bitte herein." Schatzjade ging mit Purpurkuckuck hinein. Kajaljade war im Hinterzimmer und rief: „Purpurkuckuck, lass den Zweiten Herrn hereinkommen." Schatzjade sah an der Tür zum Hinterzimmer ein neues Paar Spruchbänder aus purpurschwarzer Goldwolken-Drachenseide hängen:
Grünes Fenster, heller Mond — sie sind noch da; Die alten Weisen in den Annalen — sie sind nur noch Leere.
Schatzjade lächelte, trat ein und fragte: „Was macht die Schwester?" Kajaljade stand auf, kam ihm zwei Schritte entgegen und bot ihm lächelnd einen Platz an: „Ich bin beim Sutra-Abschreiben — nur noch zwei Zeilen. Wenn ich fertig bin, plaudern wir." Sie rief Schneegans, Tee zu bringen. Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht, schreib nur weiter."
Er sah ein Rollbild an der Wand hängen: darauf eine Chang'e mit einer Dienerin und eine weitere Göttin mit einer Dienerin, die einen langen Kleiderbeutel trug. Um beide Gestalten zog sich leichte Wolkenwatte, sonst war kein Schmuck zu sehen — ganz im Stil der weißen Tuschezeichnungen des Li Longmian. Darüber stand in eleganter Kanzleischrift: „Bild des Frostgefechts". Schatzjade fragte: „Schwester, dieses ‚Bild des Frostgefechts' — hast du es erst kürzlich aufgehängt?" Kajaljade: „Ja. Gestern beim Aufräumen fiel es mir ein, und ich ließ es aufhängen." Schatzjade: „Was ist die Vorlage?" Kajaljade lachte: „Das kennst du doch bestens — und fragst noch!" Schatzjade lachte: „Mir fällt es gerade nicht ein — sag es mir." Kajaljade: „Kennst du nicht den Vers: ‚Reiffee und Mondgöttin trotzen beide der Kälte, im Mond und im Frost wetteifern sie an Schönheit'?" Schatzjade rief: „Ja, richtig! Das ist wirklich originell und geschmackvoll — und genau zur rechten Jahreszeit aufgehängt."
Er schaute sich noch ein wenig um. Schneegans brachte Tee. Schatzjade trank und wartete, bis Kajaljade fertig geschrieben hatte. Sie stand auf: „Verzeiht die Unhöflichkeit." Schatzjade lachte: „Immer noch so förmlich, Schwester." Er betrachtete Kajaljade: Sie trug ein weißes, mit Blumen besticktes Pelzjäckchen und darüber eine Weste aus Silberfuchsfell; das Haar war in einem einfachen Wolkenknoten hochgesteckt, mit nur einer schlichten Goldnadel und keinem Blumenschmuck; um die Hüften einen rosafarbenen bestickten Wattrock. Wahrlich:
Wie ein Jadebaum, schlank im Winde stehend, Wie eine duftende Lotosblüte, sanft im Tau sich öffnend.
Schatzjade fragte: „Hast du in den letzten Tagen Zither gespielt?" Kajaljade: „Seit zwei Tagen nicht. Vom Schreiben allein werden die Hände schon kalt — wo soll da noch Zither gespielt werden?" Schatzjade: „Vielleicht ist es auch besser so. Die Zither mag ein erhabenes Instrument sein, aber kein gutes: Noch nie hat jemand sich Reichtum, Rang und langes Leben erspielt — nur Kummer, Sehnsucht und Leid. Außerdem muss man sich die Noten merken, was anstrengend ist. Du bist ohnehin zart — erspare dir die Mühe." Kajaljade lächelte.
Schatzjade deutete auf die Wand: „Ist das deine Zither? Warum ist sie so kurz?" Kajaljade lachte: „Sie ist nicht kurz. Als ich klein war und spielen lernte, reichten meine Arme für gewöhnliche Zithern nicht aus, deshalb ließ man diese anfertigen. Zwar ist es kein verkohltes Paulownia-Holz, aber der Kranichberg und der Phönixschwanz sind gut proportioniert, und der Drachenteich und die Gänsefüße passen in der Höhe zusammen. Sieh dir die Risse an — sehen sie nicht aus wie Yakhaare? Deshalb ist auch der Klang klar und rein."
Schatzjade fragte: „Hast du in letzter Zeit Gedichte geschrieben?" Kajaljade: „Seit der Dichtergesellschaft kaum." Schatzjade lachte: „Täusch mich nicht. Ich habe gehört, wie du etwas sangst von ‚nicht zu erschrecken, das reine Herz — wie der Mond am Himmel'. Du hast es in die Zithermelodie eingebettet, und der Klang war besonders durchdringend. Stimmt das?" Kajaljade fragte: „Wie hast du das gehört?" Schatzjade: „Neulich kam ich von der Liaofeng-Veranda und hörte es. Ich wollte deine klare Melodie nicht stören und lauschte still eine Weile, dann ging ich. Nur eines wollte ich fragen: Die ersten Strophen standen im ebenen Ton, und am Ende wechseltest du plötzlich in den schrägen — was bedeutet das?" Kajaljade: „Das ist der natürliche Klang des Herzens. Man dichtet, wohin der Geist einen führt — eine feste Regel gibt es nicht." Schatzjade: „Ach so. Schade, dass ich kein musikalisches Ohr habe — da habe ich umsonst zugehört." Kajaljade sagte: „Seit alten Zeiten — wie viele wahre Kenner hat es je gegeben?"
Schatzjade merkte, dass seine Worte wieder unbedacht waren, und fürchtete, Kajaljades Herz zu verletzen. Er saß eine Weile; tausend Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er fand nichts mehr zu sagen. Auch Kajaljade bereute ihren Satz — er war ihr entschlüpft und klang im Nachhinein zu kühl. Schatzjade vermutete, Kajaljade hege einen Vorbehalt, und stand verlegen auf: „Schwester, bleib sitzen. Ich möchte noch bei der Dritten Schwester vorbeischauen." Kajaljade: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir." Schatzjade sagte zu und ging.
Kajaljade kehrte an die Tür zurück und setzte sich grübelnd hin: „In letzter Zeit redet Schatzjade so halb und halb, bald kalt, bald warm — was meint er nur?" Da kam Purpurkuckuck: „Fräulein, schreibt Ihr nicht weiter? Soll ich die Schreibsachen wegräumen?" Kajaljade: „Ich schreibe nicht mehr — räum es weg." Sie ging ins Hinterzimmer und legte sich aufs Bett, um in aller Stille nachzudenken. Purpurkuckuck kam herein: „Fräulein, trinkt eine Schale Tee." Kajaljade: „Ich möchte nicht. Ich ruhe mich nur ein wenig aus — geht."
Purpurkuckuck trat hinaus und sah Schneegans allein vor sich hin starren. Sie trat neben sie: „Hast du jetzt auch etwas, das dich beschäftigt?" Schneegans hatte sie nicht kommen sehen und erschrak. Dann sagte sie: „Psst! Heute habe ich etwas gehört — ich erzähl es dir, es ist wirklich merkwürdig! Aber sag kein Wort." Sie wies mit dem Kinn zur Tür, ging voraus und winkte Purpurkuckuck mit, hinauszukommen. Auf der Terrasse vor der Tür flüsterte sie: „Schwester, hast du gehört? Schatzjade ist verlobt!"
Purpurkuckuck erschrak: „Woher kommt das? Ist das auch wahr?" Schneegans: „Und ob! Alle wissen es anscheinend, nur wir haben nichts gehört." Purpurkuckuck: „Von wem hast du es?" Schneegans: „Von Shishu. Es soll eine Präfektenfamilie sein — wohlhabend, das Mädchen schön."
Purpurkuckuck wollte mehr hören, als Kajaljade drinnen hustete, als stünde sie auf. Purpurkuckuck fürchtete, sie könnte herauskommen, zog Schneegans am Ärmel und legte den Finger auf die Lippen. Sie spähte hinein — nichts rührte sich. Leise fragte sie weiter: „Was hat Shishu genau gesagt?" Schneegans berichtete: „Neulich schickte mich das Fräulein zum Dritten Fräulein, um sich zu bedanken. Das Dritte Fräulein war nicht da, nur Shishu. Wir saßen herum und kamen zufällig auf Schatzjades Ungezogenheit zu sprechen. Shishu sagte: ‚Was soll aus dem Zweiten Herrn Bao werden? Er spielt nur und benimmt sich nicht wie ein Erwachsener — und dabei ist er schon verlobt und trotzdem noch so verträumt.' Ich fragte, ob es feststehe. Sie sagte ja — ein gewisser Herr Wang habe vermittelt. Dieser Herr Wang sei ein Verwandter des Osthauses, und so habe man nicht lange fragen müssen — auf den ersten Antrag sei es schon beschlossen gewesen."
Purpurkuckuck legte den Kopf schief und überlegte: „Merkwürdig!" Dann fragte sie: „Warum hat bei uns zu Hause niemand davon gesprochen?" Schneegans: „Shishu hat das auch erklärt: Es sei der Wille der Alten Ahnin. Wenn man darüber rede, könnte Schatzjade vor lauter Aufregung verrückt spielen; deshalb schweigen alle. Shishu hat es mir erzählt und mich dringend ermahnt: ‚Lass ja nichts verlauten — sonst heißt es, ich plaudere.' " Sie wies auf die Tür: „Deshalb habe ich auch vor ihr nichts gesagt. Heute hast du gefragt — da konnte ich es dir nicht verschweigen."
Gerade da schrie der Papagei: „Das Fräulein ist zurück! Schnell, bringt Tee!" Purpurkuckuck und Schneegans erschraken. Sie blickten sich um — niemand war da. Sie schimpften den Papagei aus, gingen hinein und sahen Kajaljade keuchend auf einem Stuhl sitzen. Purpurkuckuck versuchte unbefangen nach Tee und Wasser zu fragen. Kajaljade fragte: „Wo wart ihr beide? Man ruft und ruft, und keine Menschenseele kommt." Damit ging sie zum Kang, ließ sich fallen, drehte sich zur Wand und rief: „Lasst den Vorhang herunter." Purpurkuckuck und Schneegans taten es. Beide ahnten, dass Kajaljade ihr Gespräch belauscht haben könnte, doch keine wagte, das Thema zu berühren.
Tatsächlich hatte Kajaljade, die ohnehin voller Sorgen war, das geflüsterte Gespräch der beiden teilweise aufgeschnappt. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, doch sieben oder acht Zehntel reichten aus: Es war, als hätte man sie in ein tiefes Meer geworfen. Sie dachte hin und her — es stimmte genau mit der Weissagung ihres Traums überein. Tausend Sorgen, zehntausend Groll türmten sich in ihr auf. Sie überlegte: „Lieber früh sterben, als mitansehen zu müssen, wie das Unerwartete geschieht — das wäre noch bitterer." Dann dachte sie an ihre Verwaistheit: „Von heute an werde ich meinen Körper Tag für Tag zugrunde richten. In einem Jahr oder einem halben ist der reine Himmel erreicht." Mit diesem Entschluss deckte sie sich nicht zu, legte keine zusätzliche Kleidung an, schloss die Augen und tat, als schliefe sie.
Purpurkuckuck und Schneegans kamen mehrmals herein, doch nichts regte sich, und sie wagten nicht zu rufen. Auch das Abendessen blieb unberührt. Nachdem die Lampen angezündet waren, schob Purpurkuckuck den Bettvorhang beiseite: Kajaljade schien zu schlafen, doch die Decke war ans Fußende getreten. Aus Angst vor Erkältung legte Purpurkuckuck sie behutsam wieder auf. Kajaljade rührte sich nicht. Kaum war Purpurkuckuck hinaus, streifte Kajaljade die Decke wieder ab.
Purpurkuckuck fragte Schneegans immer wieder: „War das heute die Wahrheit oder nicht?" Schneegans: „Natürlich!" Purpurkuckuck: „Woher weiß Shishu das?" Schneegans: „Von Xiaohong." Purpurkuckuck: „Ich fürchte, das Fräulein hat unser Gespräch gehört — hast du ihr Verhalten eben gesehen? Da steckt etwas dahinter. Von heute an dürfen wir das Thema nicht mehr erwähnen." Beide machten sich fertig zum Schlafen. Purpurkuckuck ging noch einmal nachsehen — die Decke war schon wieder abgetreten. Leise legte sie sie wieder auf. Der Rest der Nacht verging.
Am nächsten Morgen war Kajaljade ganz früh aufgestanden und saß allein und stumm da. Purpurkuckuck wachte auf und erschrak: „Fräulein, warum so früh?" Kajaljade: „Kein Wunder — ich bin früh eingeschlafen, also wache ich früh auf." Purpurkuckuck weckte Schneegans, und beide halfen bei der Morgentoilette. Kajaljade saß vor dem Spiegel und starrte ihr Spiegelbild an. Nach einer Weile flossen die Perlentränen unaufhörlich und durchtränkten das Seidentuch. Wahrlich:
Der hagere Schatten spiegelt sich im Frühlingswasser: Du solltest mich bemitleiden — ich bemitleide dich.
Purpurkuckuck wagte nicht zu trösten, aus Furcht, durch beiläufige Worte alte Wunden aufzureißen. Erst nach langer Zeit machte sich Kajaljade flüchtig zurecht; doch die Tränenspuren in ihren Augen trockneten nicht.
Wieder saß sie eine Weile, dann rief sie: „Purpurkuckuck, zünd Weihrauch an." Purpurkuckuck: „Fräulein, Ihr habt kaum geschlafen — wozu jetzt Weihrauch? Wollt Ihr Sutras abschreiben?" Kajaljade nickte. Purpurkuckuck: „Das Fräulein ist heute so früh aufgewacht und will jetzt auch noch Sutras schreiben — ist das nicht zu anstrengend?" Kajaljade sagte: „Keine Angst — je früher ich fertig bin, desto besser. Eigentlich geht es mir gar nicht um die Sutras — ich möchte mir durch das Schreiben die Zeit vertreiben. Wenn ihr später meine Schriftzüge seht, ist es, als säht ihr mich selbst." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen ungehindert herunter. Purpurkuckuck konnte nun nicht mehr trösten; sie selbst konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
In der Tat hatte Kajaljade ihren Entschluss gefasst: Von nun an würde sie ihren Körper absichtlich zugrunde richten. Essen und Trinken nahm sie kaum noch zu sich und verringerte beides täglich. Wenn Schatzjade von der Schule kam, erkundigte er sich zwar regelmäßig, doch Kajaljade wusste tausend Dinge zu sagen und wagte doch nichts — sie war älter geworden und konnte nicht mehr wie als Kind mit zärtlichem Scherz locken. Alles, was sie auf dem Herzen hatte, blieb unausgesprochen. Schatzjade wiederum wollte ihr die Wahrheit sagen und sie beruhigen, fürchtete aber, Kajaljade könnte zornig werden und die Krankheit verschlimmern. So beschränkten sich beide bei ihren Treffen auf oberflächliche Trostworte — wahrhaftig: je inniger verbunden, desto entfremdeter.
Zwar sorgten sich die Herzoginmutter, Frau König und andere um Kajaljade und ließen Ärzte kommen, doch sie dachten nur an ihre üblichen Beschwerden und ahnten nichts von ihrer Herzkrankheit. Purpurkuckuck und die anderen durchschauten es, wagten aber nichts zu sagen. So verringerte Kajaljade ihr Essen Tag für Tag. Nach einem halben Monat wurde ihr Verdauungsvermögen immer schwächer, und schließlich konnte sie nicht einmal mehr Reisbrei zu sich nehmen. Alles, was Kajaljade tagsüber hörte, schien ihr von Schatzjades Heirat zu handeln; jeder aus dem Hof der Roten Freude, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, schien ihr so auszusehen, als bereiteten sie Schatzjades Hochzeit vor. Wenn Tante Schnee[11] zu Besuch kam und Schatzspange[12] nicht mitbrachte, steigerte sich Kajaljades Argwohn noch mehr. Sie lehnte jeden Besuch ab, wollte keine Medizin nehmen und wünschte sich nur, schnell zu sterben. Im Schlaf hörte sie ständig jemanden „Zweite Herrin Bao" rufen. Ein einziger Argwohn wuchs zum Schlangenspiegelbild. Eines Tages hörte sie gänzlich auf zu essen — nicht einen Reiskorn nahm sie mehr zu sich. Kraftlos und fast atemlos lag sie dem Tode nahe.
Wie es um Kajaljades Leben stand, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
- ↑ Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
- ↑ Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
- ↑ Hof der Roten Freude (怡红院): „Hof der Roten Freude", Schatzjades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.
- ↑ Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).