Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 3
第三回 / Kapitel 3
托内兄如海荐西宾
接外孙贾母惜孤女
| DE3 (Schwarz/Woesler) | DE4 (Woesler, 4. Aufl.) |
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3.Djia Yü-tsun bekommt durch Protektion sein Amt zurück,Lin Dai-yü verläßt ihren Vater und reist in die Hauptstadt. Rasch drehte Djia Yü-tsun sich um und erblickte niemand anders als einen ehemaligen Amtsgefährten, der auf Grund derselben Throneingabe wie er seines Postens enthoben worden war und Dschang Ju-guee hieß. Er stammte aus der hiesigen Gegend und hatte nach seiner Entlassung zu Hause gelebt. Heute hatte er in Erfahrung gebracht, daß in der Hauptstadt dem Gesuch entsprochen worden war, die Entlassenen wieder in ihre Ämter einzusetzen, und hatte sich daraufhin überall umgetan und nach Möglichkeiten gesucht, um seine Sache zu fördern. Als er plötzlich Djia Yü-tsun erblickte, gratulierte er ihm schnell, und nachdem sie einander begrüßt hatten, teilte er ihm die Neuigkeit mit. Djia Yü-tsun freute sich natürlich, und nachdem sie in aller Eile noch ein paar Sätze gewechselt hatten, verabschiedeten sie sich, und jeder ging nach Hause. Lëng Dsï-hsing, der ihr Gespräch mit angehört hatte, gab Djia Yü-tsun sogleich den Rat, er solle sich an Lin Ju-hai wenden, damit dieser seinerseits Djia Dschëng in der Hauptstadt um Hilfe anginge. Djia Yü-tsun griff den Gedanken auf, verabschiedete sich und kehrte in sein Quartier zurück, wo er sofort im Hofanzeiger nachsuchte und fand, daß die Nachricht stimmte. Am nächsten Tag sprach er mit Lin Ju-hai darüber. „Das trifft sich gut“, sagte Lin Ju-hai. „Nachdem meine Frau gestorben ist, macht sich meine Schwiegermutter in der Hauptstadt Gedanken darüber, daß meine kleine Tochter niemanden hat, auf den sie sich stützen kann und der sie erzieht. Darum hat sie bereits Leute und Boote geschickt, um sie zu holen. Aber weil meine Tochter nicht ganz gesund war, ist sie bisher noch nicht abgereist. Jetzt habe ich gerade darüber nachgedacht, daß ich Euch die Güte Eurer Unterweisung noch nicht vergolten habe. Warum sollte ich nicht die Gelegenheit nutzen, um Euch nach Kräften meine Dankbarkeit zu bezeugen? Seid nur bitte ganz unbesorgt! Ich hatte mir schon im Voraus meine Gedanken gemacht und habe einen Empfehlungsbrief verfaßt, in dem ich meinen Schwager beauftrage, Euch in jeder Hinsicht behilflich zu sein. Nur auf diese Weise kann ich meine Aufrichtigkeit ein wenig unter Beweis stellen. Auch auf die Frage der Unkosten, die Euch möglicherweise entstehen, bin ich in dem Brief schon eingegangen. Ihr braucht Euch keine unnötigen Sorgen darum zu machen.“ Sich verbeugend, dankte Djia Yü-tsun ihm wieder und wieder, dann fragte er: „Welches Amt bekleidet Euer werter Verwandter zur Zeit? Ich fürchte, ich bin zu ungehobelt, um ihm in der Hauptstadt plötzlich zur Last zu fallen.“ „Meine Verwandten stehen mit Euch im selben Ahnenregister, sie sind die Enkel des Herzogs Jung-guo“, erwiderte Lin Ju-hai lächelnd. „Mein älterer Schwager trägt jetzt den Ehrentitel eines Marschalls erster Klasse. Sein Rufname ist Schë, sein Ehrenname Ën-hou. Der Rufname meines zweiten Schwagers lautet Dschëng, sein Ehrenname Tsun-dschou. Er ist zur Zeit Ministerialsekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten. In seinem Verhalten ist er gutmütig und bescheiden. Er hat viel von der Art seines Großvaters und gehört nicht zu jenem Typ leichtfertiger Beamter aus reicher Familie. Nur deshalb habe ich Euretwegen an ihn geschrieben. Andernfalls würde nicht nur Eure Wohlanständigkeit beschmutzt werden, auch ich selbst hätte es verachtet, so etwas zu tun.“ Als Djia Yü-tsun das hörte, glaubte er endlich, was Lëng Dsï-hsing ihm am Tag zuvor erzählt hatte, und bedankte sich noch einmal bei Lin Ju-hai. Dieser fuhr nun fort: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Termin für die Abreise meiner kleinen Tochter ausgewählt. Wäre es nicht das bequemste, wenn Ihr mit ihr reist?“ Djia Yü-tsun stimmte bereitwillig zu und war innerlich höchst zufrieden. Lin Ju-hai machte ihm dann noch einige Geschenke und gab ein Abschiedsessen für ihn. Djia Yü-tsun nahm das eine wie das andere an. Seine Schülerin Dai-yü war eben wieder gesund und wollte sich nicht gern vom Vater trennen. Aber die Großmutter hatte bestellen lassen, sie solle unbedingt kommen, und Lin Ju-hai ergänzte: „Dein Vater ist bald fünfzig und hat nicht die Absicht, noch einmal zu heiraten. Außerdem bist du viel krank und bist auch noch sehr klein. Du hast weder eine Mutter, die dich erziehen könnte, noch Geschwister, die dir beistehen könnten. Darum nimmt es mir die Sorge ab, mich um dich kümmern zu müssen, wenn du jetzt in der Großmutter und den Kusinen eine Stütze findest. Wie kannst du sagen, du fährst nicht?“ Nach dieser Ansprache kniete Dai-yü unter Tränen nieder, um vom Vater Abschied zu nehmen, und bestieg mit ihrer Amme und einigen älteren Frauen aus dem Jung-guo-Anwesen das Boot. Für Djia Yü-tsun war ein anderes Boot da, auf dem er mit zwei Sklavenjungen Dai-yü begleitete. Nach einer Reihe von Tagen gelangten sie zur Hauptstadt und passierten schließlich die Stadtmauer. Djia Yü-tsun brachte erst Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, dann begab er sich mit den Knaben zum Tor des Jung-guo-Anwesens und gab dort seine Visitenkarte ab, auf der er sich als ‚Euer Neffe‘ bezeichnete. Djia Dschëng, der bereits den Brief seines Schwagers gelesen hatte, ließ Djia Yü-tsun sofort hereinbitten. Er stellte fest, daß dieser eine stattliche Erscheinung war und daß seine Ausdrucksweise nichts Vulgäres hatte. Ohnehin hegte er eine große Vorliebe für studierte Männer, war höflich und leutselig zu allen Befähigten, half den Schwachen und Bedrängten und hatte viel von der Art seines Ahnen an sich. Überdies war Djia Yü-tsun ihm von seinem Schwager empfohlen worden, deshalb behandelte er ihn zuvorkommend und war bemüht, ihm zu helfen. Als er deswegen eine Throneingabe machte, erwirkte er mit Leichtigkeit den Entscheid, daß Djia Yü-tsun in seinem Rang bestätigt wurde und auf eine Vakanz warten durfte. Nach weniger als zwei Monaten wurde die Stelle des Präfekten von Ying-tiän fu in Djin-ling frei, und Djia Yü-tsun erreichte, daß er dort eingesetzt wurde. Dann verabschiedete er sich von Djia Dschëng, wählte einen Glückstag aus und reiste ab, um seinen Dienst anzutreten. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als Dai-yü an jenem Tage aus dem Boot ans Land stieg, standen dort schon längst Sänften bereit sowie Wagen für das Gepäck, alles aus dem Jung-guo-Anwesen geschickt. Dai-yü hatte oft von ihrer Mutter gehört, die Familie der Großmutter unterscheide sich von anderen Familien, und was sie bisher bei drittrangigen Sklaven und Sklavinnen an Nahrung, Kleidung und Aufmachung gesehen hatte, bestätigte dies. Wie mußte es erst werden, wenn sie jetzt in die Familie kam! Deshalb wollte sie auf jeden Schritt achten und ständig auf der Hut sein, nicht einen Satz zuviel zu sagen, um nicht dafür ausgelacht zu werden. Als sie in der Sänfte saß und in die Stadt kam, blickte sie verstohlen durch die Gazefenster hinaus. Durch die Fülle der Märkte und die Menge der Häuser hob sich die Hauptstadt von anderen Orten ab. Nachdem noch einmal etliche Zeit vergangen war, erblickte Dai-yü plötzlich auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwenfiguren und drei große Tore mit Türklopfern in Form von Tierköpfen daran. Vor diesen Toren saßen mehr als zehn Männer in prächtiger Kleidung und Kopfbedeckung. Das Haupttor war geschlossen, nur durch das östliche und das westliche Nebentor gingen Leute ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel, auf der in großen Schriftzeichen stand ‚Auf kaiserlichen Befehl erbautes Ning-guo-Anwesen‘. ‚Hier muß der äußere Zweig der Familie wohnen‘, dachte Dai-yü. Bei dieser Überlegung waren sie schon weiter nach Westen gekommen, wo sich nicht allzuweit entfernt genau so ein dreifaches großes Tor befand. Dies erst war das Jung-guo-Anwesen. Sie gingen aber nicht durch das Haupttor hinein, sondern durch das westliche Nebentor. Die Sänftenträger trugen die Sänften noch eine Pfeilschußweite hinein, dann setzten sie sie an einer Stelle ab, wo es um die Ecke ging, und zogen sich zurück. Die Sklavenfrauen in den hinteren Sänften waren alle ausgestiegen und traten an Dai-yüs Sänfte heran. Diese wurde von drei oder vier ordentlich gekleideten Sklavenjungen von siebzehn, achtzehn Jahren wieder aufgehoben und, umringt von den Sklavinnen, die jetzt zu Fuß gingen, bis an ein Innentor mit vorspringendem Balkenschmuck getragen. Die Jungen entfernten sich, die Sklavenfrauen schlugen den Sänftenvorhang zurück und halfen Dai-yü beim Aussteigen. Auf die Arme der Sklavinnen gestützt, trat Dai-yü durch das Tor, hinter dem auf beiden Seiten ein überdachter Wandelgang entlangführte. Dem Tor gegenüber lag eine Durchgangshalle mit einem großen marmornen Wandschirm in einem Gestell aus Padoukholz davor. Hinter dem Schirm befand sich eine kleine Halle von drei Säulenzwischenräumen Breite, und daran schloß sich der Wohnhof mit den Haupträumen an. Das Hauptgebäude hatte eine Front von fünf Säulenzwischenräumen Breite, das Balkenwerk war geschnitzt und bemalt. An den Seitengängen und den Nebengebäuden hingen Käfige mit bunten Papageien, Häherlingen und anderen Vögeln. Auf der Plattform des Hauses saßen ein paar in Rot und Grün gekleidete Sklavenmädchen, die ihnen lächelnd entgegenkamen, kaum daß sie sie erblickt hatten, und sagten: „Eben noch hat die alte gnädige Frau davon geprochen, und nun seid ihr wirklich da!“ Drei oder vier von ihnen griffen gleichzeitig nach dem Türvorhang, um ihn zurückzuschlagen, und man hörte, wie jemand meldete: „Fräulein Lin ist gekommen.“ Kaum war Dai-yü eingetreten, als sie eine alte Frau mit silbernen Schläfen auf sich zukommen sah, die von beiden Seiten gestützt wurde, und sie sagte sich, das müsse die Großmutter sein. Eben wollte sie zur Begrüßung niederknien, da zog die Großmutter sie mit den Rufen „Mein Herz, meine Leber!“ an ihre Brust und begann laut zu weinen. Und es war keine unter den Anwesenden, die nicht ebenfalls ihr Gesicht bedeckt und geweint hätte. Auch Dai-yü weinte ohne Unterlaß, bis man ihr begütigend zusprach und sie endlich niederkniete, um der Großmutter ihren Gruß zu entbieten. Dies war die Edelfrau Schï, die Herzoginmutter, von der Lëng Dsï-hsing erzählt hatte, daß Djia Schë und Djia Dschëng ihre Söhne seien. Die Herzoginmutter wies dann mit der Hand auf jede der Anwesenden und erklärte Dai-yü: „Dies ist deine Tante, die Frau deines älteren Onkels. Dies ist die Frau deines zweiten Onkels. Dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Dschu.“ Nachdem Dai-yü vor jeder von ihnen zur Begrüßung niedergekniet war, befahl die Herzoginmutter: „Bittet die Fräulein her! Heute ist ein Gast von weither gekommen, da brauchen sie nicht zum Unterricht zu gehen.“ Der Befehl wurde bestätigt, und zwei Sklavenfrauen gingen hinaus. Bald darauf sah man die drei Kusinen, von drei alten Ammen und fünf oder sechs Sklavenmädchen umringt, hereinkommen. Die erste war etwas füllig und von mittlerer Statur, ihre Wangen waren rot wie frische Litchipflaumen, die Nase zart wie feine Seife. Sie schien sanftmütig und schweigsam zu sein. Wenn man sie ansah, fühlte man sich zu ihr hingezogen. Die zweite hatte abfallende Schultern und eine zarte Taille, sie war hochgewachsen, und ihr Gesicht war oval wie ein Entenei. Sie hatte hübsche Augen und wohlgeformte Brauen, jeder Blick von ihr war voll Ausdruck. Ihre Art war elegant und verfeinert, bei ihrem Anblick vergaß man alles Profane. Die dritte war noch nicht ausgewachsen, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches. Kleidung und Schmuck waren bei allen dreien gleich. Rasch stand Dai-yü auf, ging ihnen entgegen und begrüßte sie. Nachdem sie sich bekannt gemacht hatten, setzten sich alle wieder hin, und die Sklavenmädchen brachten Tee. Kaum daß sie davon sprachen, wie Dai-yüs Mutter krank geworden war, wie man Ärzte geholt und sie behandelt hatte und wie man sie schließlich beerdigt und betrauert hatte, begann sich die Herzoginmutter wieder zu grämen und sagte: „Von allen meinen Kindern habe ich allein deine Mutter geliebt. Nun aber hat sie mich so plötzlich verlassen, ohne daß ich sie noch einmal wiedersehen konnte. Wie sollte ich da nicht traurig sein, nachdem ich dich jetzt gesehen habe!“ Mit diesen Worten zog sie Dai-yü an ihre Brust und begann wieder, laut zu schluchzen. Erst als alle sie trösteten und ihr zuredeten, beruhigte sie sich ein wenig. Allen fiel auf, daß Dai-yü wohl noch klein war, daß aber ihr Benehmen und ihre Redeweise tadellos waren und daß ihr trotz ihrer schwächlichen Erscheinung eine natürliche Anmut zu eigen war. Man sah ihr an, daß sie an einer Mangelkrankheit litt, darum wurde sie gefragt, was für Medikamente sie gewöhnlich einnehme und warum sie nicht bestrebt sei, sich auskurieren zu lassen. „Ich war noch nie anders“, berichtete Dai-yü. „Seitdem ich essen gelernt habe, nehme ich auch Medikamente ein, und so ist es bis heute geblieben. Wieviel berühmte Ärzte haben mich untersucht und Rezepturen für mich zusammengestellt, aber nichts hat geholfen. Man hat mir erzählt, als ich drei Jahre alt war, sei ein grindköpfiger Buddhamönch gekommen und habe gebeten, mich ins Kloster zu geben. Als meine Eltern sich beharrlich weigerten, habe er gesagt: ‚Wenn Ihr sie nicht hergebt, wird sie wohl ihr Leben lang nicht gesund werden. Wenn es ihr gut gehen soll, darf sie nie mehr einen Menschen weinen sehen. Nur wenn sie außer ihren Eltern keinen Menschen mit anderem Familiennamen zu Gesicht bekommt, auch nicht Freunde oder Verwandte, kann sie ihre Tage in Frieden verbringen.‘ Aber verrückt, wie er war, und unsinnig, wie er redete, hat ihm niemand Beachtung geschenkt. Ich nehme noch heute Ginsengpillen.“ „Das trifft sich gut“, sagte die Herzoginmutter. „Bei mir hier werden gerade Pillen zubereitet. Ich werde befehlen, daß man eine Portion mehr davon macht...“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als auf dem hinteren Hof jemand lachend sagte: „Ich komme zu spät und war nicht dabei, als der Gast aus der Ferne begrüßt wurde.“ Verwundert sagte sich Dai-yü: ‚Hier möchte am liebsten jeder den Atem anhalten, so ehrerbietig und ernst sind sie. Wer mag das sein, der so unbeherrscht und respektlos ist?‘ Während sie das überlegte, sah sie jemanden inmitten eines ganzen Trupps älterer und jüngerer Sklavinnen zur Hintertür hereinkommen. Der Ankömmling war anders gekleidet als die übrigen Fräulein. Mit den buntschillernden Stickereien sah die Frau aus wie eine Götterfrau oder eine Unsterbliche. Den Haarknoten auf ihrem Kopf zierte ein Schmuckstück aus Goldfiligran mit bunten Edelsteinen und durchbohrten Perlen, durch das ein Haarpfeil mit fünf Phönixen gesteckt war, an denen Perlenschnüre hingen. Um den Hals trug sie einen goldenen Reif mit verschlungenen Drachen, und über dem Rock hing an einem Palastgürtel ein rosenfarbener Jadeanhänger in Form eines doppelten Fisches. Gekleidet war sie in eine lange enganliegende Jacke aus dunkelrotem Atlas, die mit Schmetterlingen und Blumen aus Goldfäden bestickt war. Darüber trug sie ein azuritblaues Gewand, das mit bunten Seidenwebereien geschmückt und mit Hermelin gefüttert war, außerdem einen eisvogelblauen Krepprock mit Streublumenmuster. Sie hatte dreieckige Phönixaugen und Brauen wie Weidenblätter, ihre Gestalt war grazil, ihre Bewegungen waren anmutig. Das gepuderte Gesicht wirkte lieblich und verriet nichts von ihrer herrischen Art. Ihr Lachen war schon zu hören, ehe die roten Lippen sich öffneten. Dai-yü stand rasch auf, um sie zu begrüßen, da sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du kennst sie nicht, sie ist unser berühmter Hausteufel. Im Süden würde man ‚Taugenichts‘ zu ihr sagen, du kannst sie auch einfach so nennen.“ Dai-yü wußte wirklich nicht, wie sie sie anreden sollte, da erklärten ihr die Kusinen schon: „Sie ist die Frau von Vetter Liän.“ Wenn Dai-yü sie auch noch nicht gesehen hatte, so hatte sie doch von ihrer Mutter gehört, Djia Liän, der Sohn des älteren Onkels Djia Schë, habe eine Nichte von Dame Wang, der Frau des jüngeren Onkels, geheiratet, die von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Wang Hsi-fëng trug. Lächelnd entbot sie ihr jetzt den Gruß und nannte sie Schwägerin. Hsi-fëng faßte Dai-yü bei den Händen, musterte sie aufmerksam von oben bis unten und führte sie dann an die Seite der Herzoginmutter zurück, wobei sie sagte: „Gibt es also doch so schöne Mädchen auf der Welt! So etwas sehe ich heute zum ersten Mal. Aber nach ihrer ganzen Art sieht sie nicht aus wie ein Tochterkind der alten Ahne, sondern mehr wie eine Enkelin aus der Hauptlinie der Familie. Kein Wunder, daß die alte Ahne in einem fort an sie dachte und von ihr sprach. Aber es ist ein Jammer, was mein Kusinchen für ein schweres Los hat! Warum nur hat die Tante sterben müssen?!“ Dabei wischte sie sich mit einem Tuch die Tränen ab. „Kaum habe ich mich beruhigt, fängst du wieder damit an“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Deine Kusine ist gerade nach langer Reise angekommen, außerdem ist sie ein zartes Kind, und wir haben sie eben erst trösten können. Also sprich nicht mehr davon!“ Kaum hatte Hsi-fëng das gehört, zeigte ihr Gesicht schon Freude statt Kummer, und sie sagte: „Ganz recht! Kaum hatte ich die Kusine gesehen, dachte ich nur noch an sie, habe mich über sie gefreut und mich ihretwegen gegrämt. Die alte Ahne hatte ich darüber ganz vergessen. Ich habe Schläge verdient.“ Dann faßte sie Dai-yü wieder bei den Händen und fragte: „Wie alt bist du, Kusinchen? Hast du auch Unterricht bekommen? Was nimmst du für Medizin? Du mußt hier kein Heimweh haben! Und wenn du etwas zu essen oder zum Spielen haben möchtest, brauchst du es mir nur zu sagen. Auch wenn die Mägde oder die Frauen nicht nett zu dir sind, brauchst du es mir nur zu sagen.“ Dann wandte sie sich den Sklavenfrauen zu und erkundigte sich: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Leute hatte sie bei sich? Räumt schnell zwei Gesindestuben auf, wo sie sich ausruhen können!“ Während Hsi-fëng sprach, waren schon Tee und Naschwerk gebracht worden, und Hsi-fëng reichte es selbst herum. Dann wurde sie von ihrer Tante gefragt: „Hast du die Monatsgelder ausgezahlt?“ „Die Monatsgelder sind alle ausgezahlt“, berichtete Hsi-fëng. „Eben war ich mit den Leuten oben im Hintergebäude und habe nach dem Atlas gesucht. Wir haben eine halbe Ewigkeit damit zugebracht, aber solchen, wie Ihr gestern gesagt habt, haben wir nicht gefunden. Wahrscheinlich habt Ihr Euch geirrt.“ „Was macht es schon, ob er da ist oder nicht“, entgegnete Dame Wang und fuhr dann fort: „Such nach Belieben zwei Stücken aus und laß deiner Kusine hier Kleider daraus nähen. Denk am Abend daran, jemand danach zu schicken. Vergiß es nicht!“ „Daran hatte ich auch so schon gedacht“, sagte Hsi-fëng. „Da ich wußte, daß die Kusine dieser Tage ankommen mußte, habe ich den Stoff schon bereitlegen lassen. Wenn Ihr drüben seid und ihn Euch angesehen habt, schickt ihn bitte her.“ Lächelnd nickte Dame Wang daraufhin und sagte nichts mehr. Der Tee und die Näschereien wurden abgetragen, und als die Herzoginmutter jetzt zwei alten Ammen befahl, Dai-yü zu ihren beiden Onkeln zu bringen, erhob sich auch Djia Schës Gattin, Dame Hsing, und bot lächelnd an, „Ich werde sie nach drüben mitnehmen. So ist es das bequemste.“ „Das ist recht“, sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Du kannst auch gehen und brauchst dann nicht wieder herüberzukommen.“ Dame Hsing antwortete kurz: „Jawohl!“ Sie ließ Dai-yü von Dame Wang Abschied nehmen, und dann begleiteten alle sie bis zu der Durchgangshalle. Als sie zu dem Innentor mit dem vorspringenden Balkenwerk hinaustraten, hatten die Sklavenjungen schon einen Wagen mit eisvogelblauem Verdeck und dunkelblauen Seidenvorhängen herbeigezogen. Dame Hsing faßte Dai-yü bei der Hand und stieg mit ihr ein. Die Sklavenfrauen ließen erst den Wagenvorhang wieder herab, ehe sie den Jungen befahlen, den Wagen in Bewegung zu setzen, und diese zogen ihn an eine geräumige Stelle, wo sie ein sanftmütiges Maultier vorspannten. Der Wagen fuhr zum westlichen Seitentor hinaus, von dort in östlicher Richtung am Haupttor des Jung-guo-Anwesens vorbei und dann zu einem großen schwarzlackierten Tor hinein. Erst vor einem Zeremonialtor blieb er stehen. Nachdem sich die Jungen zurückgezogen hatten, hoben die Sklavenfrauen den Wagenvorhang auf, und Dame Hsing betrat mit Dai-yü an der Hand den Wohnhof. Dai-yü schien es, der Hof und die Gebäude müßten vom Garten des Jung-guo-Anwesens abgetrennt worden sein. Nachdem sie drei weitere Zeremonialtore durchschritten hatten, erblickte Dai-yü das Hauptgebäude, die Anbauten und die Wandelgänge, die fein und zierlich aussahen, und nicht so grandios und erhaben wie drüben bei der Herzoginmutter. Auch an Bäumen und Felsgruppen fehlte es nicht. Als sie dann das Hauptgebäude betraten, kam ihnen eine ganze Schar reich geschmückter und schön gekleideter Nebenfrauen und Sklavenmädchen entgegen. Dame Hsing ließ Dai-yü Platz nehmen und schickte jemand in die äußere Bibliothek, um Djia Schë herzubitten. Aber bald kam die Sklavin wieder und meldete: „Der alte Herr hat gesagt, er fühle sich schon seit Tagen nicht wohl, und wenn er das Fräulein empfinge, würde das beide Seiten nur traurig stimmen, darum sei er vorerst nicht imstande, das Fräulein zu sehen. Er läßt dem Fräulein sagen, sie solle sich nicht grämen und brauche kein Heimweh zu haben, sie solle sich bei der alten gnädigen Frau und den Tanten wie zu Hause fühlen. Ihre Kusinen seien zwar dumme Dinger, aber ihre Gesellschaft könne ihr doch den Kummer etwas zerstreuen helfen. Und wenn etwa jemand sie kränke, solle sie es nur sagen und sich nicht als Fremde betrachten.“ Dai-yü hatte sich rasch erhoben und die Botschaft stehend angehört. Nachdem sie dann noch ein Weilchen gesessen hatte, wollte sie sich verabschieden, Dame Hsing aber drängte sie, zum Abendessen zu bleiben. Lächelnd sagte Dai-yü: „Wenn die Tante so lieb zu mir ist und mich zum Essen einladen möchte, dürfte ich eigentlich nicht nein sagen. Ich muß aber noch hinübergehen, um dem zweiten Onkel meine Aufwartung zu machen. Ich fürchte, wenn ich die Einladung annehme und dann erst gehe, wäre das unehrerbietig. Ich kann doch ein andermal wiederkommen. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, Tante!“ Lächelnd erwiderte Dame Hsing: „Du hast recht.“ Und so befahl sie ein paar alten Ammen, sie sollten das Fräulein mit dem Wagen von vorhin schön wieder hinüberbringen. Also verabschiedete sich Dai-yü, und Dame Hsing begleitete sie bis vor das Zeremonialtor, wo sie das Gesinde noch ein paarmal ermahnte und dann wartete, bis der Wagen abgefahren war, ehe sie ins Haus zurückging. Wenig später war Dai-yü im Jung-guo-Anwesen und stieg aus dem Wagen. Von den Ammen geführt, wandte sie sich nach Osten, passierte eine Durchgangshalle in Ostwestrichtung und gelangte hinter der Südhalle durch ein Zeremonialtor in ein Wohngehöft, dessen Hauptgebäude fünf Säulenzwischenräume breit war. Es war in allen Richtungen mit Seiten- und Nebenräumen verbunden und wirkte noch imposanter als das Wohngehöft der Herzoginmutter. Dai-yü begriff, daß erst hier das Zentrum der Privatgemächer des Anwesens war, zumal von hieraus ein breiter gepflasterter Weg direkt zum Haupttor führte. Als Dai-yü beim Betreten der Halle den Kopf hob, erblickte sie eine große blaue Namenstafel, die von neun goldenen Drachen eingefaßt war und auf der in scheffelgroßen Schriftzeichen stand ‚Halle des Blühenden Glücks‘. Darauf folgte eine Zeile kleinerer Schriftzeichen ‚Am Tage sowieso des soundsovielten Jahres geschrieben für Djia Yüan, Herzog Jung-guo‘, daneben prangte ein kaiserliches Siegel. Auf einem großen Tisch aus Padoukholz, der mit geschnitzten Drachen verziert war, stand ein alter Dreifußkessel aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt und drei Tschï hoch. Darüber hing ein großes Bild in monochromer Tuschmalerei, das einen Drachen in der Brandung des Meeres zeigte. Daneben waren auf der einen Seite ein goldinkrustiertes Bronzegefäß und auf der anderen Seite ein gläserner Weinbehälter plaziert. Auf dem Boden standen in zwei Reihen sechzehn Klappstühle aus Nanmu-Holz. Eine Parallelinschrift aus silbernen Zeichen auf zwei Ebenholztafeln lautete: ‚Die Perlen auf den Gewändern strahlen wie die Sonne und wie der Mond, die Ornamente auf den Amtstrachten schimmern wie Wolken im Morgenrot.‘ Darunter verkündete eine Zeile kleinerer Schriftzeichen: ‚Vom Landsmann und Studiengefährten Mu Schï, Prinz Dung-an, ehrfurchtsvoll geschrieben.‘ Weil sich Dame Wang für gewöhnlich nicht hier in der Haupthalle aufhielt, sondern in einem Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite östlich davon, führten die alten Ammen Dai-yü dorthin. Das große Ofenbett am Fenster war mit einem scharlachroten fremdländischen Wollteppich bedeckt. Darauf lagen in der Mitte ein dunkelrotes Rückenpolster, azuritblaue Armkissen und eine blaß gelbgrüne Matratze, allesamt mit Drachenmedaillons verziert. Auf beiden Seiten stand je ein Lacktischchen in Aprikosenblütenform. Auf dem linken Tischchen hatten ein altertümlicher Dreifußkessel aus Bronze, eine Weihrauchdose und ein Räucherbesteck ihren Platz, auf dem rechten eine schlanke Vase aus Ju-dschou-Porzellan mit frischen Blumen darin, eine Teeschale, ein Spucknapf und weitere Gebrauchsgegenstände. Auf der Westseite standen vier Stühle in einer Reihe, die mit Ziertüchern bedeckt waren, deren Muster Streublumen auf rosa Grund zeigte. Davor standen vier Fußbänke und auf jeder Seite ein hoher Tisch mit Teegeschirr und Blumenvasen darauf. Eine genaue Beschreibung der restlichen Einrichtung erübrigt sich. Die alten Ammen wollten, daß sich Dai-yü auf das Ofenbett setzte, aber dort lagen zwei brokatbezogene Kissen einander gegenüber, und die Regeln der Sitzordnung bedenkend, nahm Dai-yü auf einem Stuhl an der Ostseite Platz. Sofort brachten ihr die Sklavenmädchen, die zu den hiesigen Räumen gehörten, Tee, und während Dai-yü davon trank, musterte sie die Sklavenmädchen, die sich in Kleidung, Aufmachung und Betragen wirklich von denen in anderen Familien unterschieden. Noch ehe Dai-yü den Tee ausgetrunken hatte, kam ein Sklavenmädchen in einer langen rotseidenen Jacke und einer Überweste aus blauem Atlas, deren Ränder mit andersfarbiger Borte eingefaßt waren, und meldete lächelnd: „Die gnädige Frau läßt Fräulein Lin zu sich herüber bitten.“ Als die alten Ammen das hörten, führten sie Dai-yü in ein südwärts gewandtes Gebäude von drei Säulenzwischenräumen Breite am östlichen Wandelgang. Quer auf dem Ofenbett im Hauptraum stand ein flaches Tischchen, das mit Büchern und Teegeschirr beladen war. An der Ostwand lag ein Rückenpolster, das mit abgenutztem blauen Atlas bezogen war. Dame Wang aber saß auf dem weniger ehrenvollen Platz an der Westseite, wo ebenfalls ein abgenutztes blaues Rückenpolster und ein Sitzkissen lagen. Als sie Dai-yü hereinkommen sah, bot sie ihr den Sitz auf der Ostseite des Ofenbetts an, aber Dai-yü sagte sich, das müsse der Platz von Djia Dschëng sein, und da sie neben dem Ofenbett eine Reihe von drei Stühlen mit abgenutzten schwarzbedruckten Schonbezügen sah, setzte sie sich auf einen davon. Erst als Dame Wang sie bei der Hand nahm und sie immer wieder drängte, auf das Ofenbett zu kommen, nahm sie dicht neben ihr Platz. Darauf sagte Dame Wang zu ihr: „Dein Onkel hat sich heute zurückgezogen, um zu fasten, und wird dich ein andermal begrüßen. Aber ich möchte dir etwas sagen. Deine drei Kusinen sind liebe Mädchen. Wenn ihr in Zukunft zusammen lesen und schreiben werdet, Nadelarbeiten erlernt oder euch einmal zusammen vergnügt, werden sie sich immer nachgiebig zeigen. Aber was mir die größte Sorge bereitet, ist etwas anderes: Ich habe einen mißratenen Sohn, der der Schrecken des Hauses ist. Er ist jetzt nicht hier, weil er noch nicht aus dem Tempel zurück ist, wo er heute ein Gelübde erfüllt. Wenn du ihn am Abend siehst, wirst du Bescheid wissen. Du mußt ihn einfach nicht beachten, auch deine Kusinen wagen es nicht, sich mit ihm abzugeben.“ Dai-yü hatte oft von ihrer Mutter gehört, ihre zweite Tante habe einen Sohn, der mit einem Jadestein im Mund zur Welt gekommen sei. Dieser Vetter sei schrecklich ungezogen, verabscheue das Lernen und treibe sich am liebsten in den Mädchengemächern herum. Die Großmutter aber habe eine maßlose Schwäche für ihn, weshalb es niemand wage, ihn zu zügeln. Als sie jetzt hörte, was Dame Wang sagte, wußte sie, daß von diesem Vetter die Rede war. Darum fragte sie lächelnd: „Ihr meint wohl den Vetter, der mit einem Jadestein im Mund geboren worden ist, Tante? Zu Hause hat mir die Mutter oft von ihm erzählt. Sie sagte, er sei ein Jahr älter als ich, heiße mit Kindheitsnamen Bau-yü, und wenn er auch sonst sehr ungezogen sei, zu den Mädchen sei er sehr lieb. Aber ich werde doch hier nur mit den Kusinen zusammenkommen, während die Vettern in anderen Höfen und anderen Räumen leben. Wie sollte ich mich da mit ihm abgeben können?“ „Du kennst noch nicht den Grund“, erwiderte Dame Wang lächelnd. „Mit ihm ist es nicht dasselbe wie mit anderen Kindern. Weil ihn die alte gnädige Frau von klein auf zu gern hat, ist er daran gewöhnt, zusammen mit den Kusinen verzogen zu werden. Wenn sich die Kusinen ein paar Tage lang nicht um ihn kümmern, ist er ein wenig ruhiger, und selbst wenn er sich deswegen ärgert, geht er nur bis ans Innentor und reagiert sich dort heimlich an ein paar Dienerknaben ab. Mit ein bißchen Gemaule ist die Sache dann abgetan. Sprechen aber die Kusinen mal einen Satz zuviel mit ihm, dann freut er sich so, daß er die unmöglichsten Dinge anstellt. Darum wollte ich dir auftragen, ihn nicht zu beachten. Mal sind seine Worte honigsüß, dann wieder ist er böse und ungerecht, und schließlich ist er ganz und gar wie von Sinnen. Du darfst ihn nicht ernst nehmen!“ Dai-yü versprach es ihr, und im nächsten Augenblick meldete ein Sklavenmädchen: „Man hat Bescheid gegeben, daß bei der alten gnädigen Frau das Abendessen bereitet ist.“ Rasch griff Dame Wang nach Dai-yüs Hand und trat mit ihr durch eine Hintertür in einen Wandelgang hinaus, der nach Westen zu einem Nebentor führte, durch das sie in einen Gang gelangten, der zwischen zwei Mauern in Nordsüdrichtung verlief. An seinem Südende lag ein kleiner Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite, dessen Eingang nach Norden wies. Nördlich davon stand eine getünchte Blendmauer vor einem Tor, das in ein kleines Wohngehöft führte. Lächelnd wies Dame Wang mit der Hand darauf und sagte: „Dies ist die Wohnung deiner Schwägerin Hsi-fëng. Hier kannst du sie finden, wenn du sie suchst. Wenn du irgend etwas brauchst, mußt du es ihr nur sagen.“ Am Hoftor standen mit dienstfertig herabhängenden Armen vier oder fünf kleine Sklavenjungen, die ihr Haar eben in Knoten zu tragen begannen. Mit Dai-yü an der Hand passierte Dame Wang eine Durchgangshalle in Ostwestrichtung, und sie kamen in den hinteren Hof der Herzoginmutter. Durch die Hintertür traten sie ins Haus, wo schon eine zahlreiche Gesellschaft wartete. Erst als man sah, daß Dame Wang eingetroffen war, wurden Tische und Stühle zurechtgestellt. Djia Dschus Witwe Li Wan brachte den Reis, Hsi-fëng legte die Eßstäbchen zurecht, und Dame Wang holte die Suppe herein. Die Herzoginmutter saß allein in der Mitte auf einem niedrigen Polsterbett. Auf beiden Seiten standen vier leere Stühle. Hsi-fëng faßte rasch nach Dai-yüs Hand und zog sie zu dem ersten Stuhl zur Linken, aber Dai-yü wehrte sich beharrlich. „Deine Tanten und deine Schwägerinnen essen nicht hier“, erklärte ihr die Herzoginmutter lächelnd. „Darum gebührt dir als Gast dieser Platz.“ Jetzt erst bat Dai-yü höflich, sich setzen zu dürfen, und nahm Platz. Auch Dame Wang mußte sich auf Geheiß der Herzoginmutter setzen. Ying-tschun und ihre beiden Kusinen baten erst, sich setzen zu dürfen, ehe sie herantraten. Ying-tschun setzte sich auf den ersten Platz zur Rechten, Tan-tschun auf den zweiten Platz zur Linken und Hsi-tschun auf den zweiten Platz zur Rechten. An der Seite waren Sklavenmädchen mit Fliegenwedeln, Mundspülnäpfen und Tüchern postiert. Li Wan und Hsi-fëng standen am Tisch und bedienten. Im Vorzimmer befanden sich zwar viele aufwartende Sklavinnen und Sklavenmädchen, aber man hörte sie nicht einmal husten. Nachdem die Mahlzeit unter Schweigen beendet war, brachten Sklavenmädchen jedem eine Schale Tee auf einem Tablett. Nun hatte Lin Ju-hai seine Tochter zu Mäßigkeit und gesunder Lebensführung erzogen und ihr beigebracht, wenn man seinen Reis aufgegessen habe, müsse man erst eine Weile warten, ehe man den Tee trinken könne, ohne Milz und Magen zu schaden. Jetzt aber hatte Dai-yü gesehen, daß hier vieles anders war als zu Hause, und wohl oder übel würde sie sich anpassen und in allem umstellen müssen. Also nahm sie ihren Tee entgegen. Aber da sah sie schon, daß noch Mundspülnäpfe gebracht wurden, und so spülte sie wie die anderen nur den Mund mit dem Tee. Als sie sich dann die Hände gewaschen hatten, wurde wieder Tee gebracht, und erst diesmal war er zum Trinken bestimmt. „Geht jetzt und laßt uns noch ein Weilchen allein miteinander plaudern!“ sagte die Herzoginmutter, und rasch erhob sich Dame Wang, sprach noch ein paar belanglose Sätze und ging dann mit Hsi-fëng und Li Wan hinaus. Nun wollte die Herzoginmutter von Dai-yü wissen, was sie schon gelesen habe, und Dai-yü antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher gelesen.“ Anschließend erkundigte sie sich ihrerseits, welche Bücher die Kusinen gelesen hätten. „Was sollten sie für Bücher gelesen haben?“ fragte die Herzoginmutter. „Sie kennen nur ein paar wenige Schriftzeichen, gerade genug, um nicht mit sehenden Augen blind zu sein.“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als draußen Schritte zu hören waren. Ein Sklavenmädchen kam herein und meldete lächelnd: „Bau-yü ist gekommen.“ Dai-yü überlegte, was dieser Bau-yü wohl für ein Taugenichts oder Einfaltspinsel sein mochte und daß es nicht schade wäre, wenn sie so einen dummen Kerl nicht zu Gesicht bekäme. Aber während sie noch darüber nachdachte und das Sklavenmädchen noch nicht zu Ende gesprochen hatte, trat schon ein junger Herrensohn zur Tür herein. Er hatte einen edelsteinverzierten Kopfschmuck aus purem Gold auf, und seine Stirn bedeckte bis zu den Augenbrauen eine Binde, die mit zwei Drachen verziert war, welche mit einer Perle spielten. Gekleidet war er in eine dunkelrote Robe mit hufförmigen Manschetten, die mit Schmetterlingen und Blumen aus zweierlei Goldfäden bestickt war. Um den Leib hatte er einen Palastgürtel aus bunter Seide gebunden, der mit blütenförmigen Knoten besetzt war und in langen Quasten endete. Über der Robe trug er ein azuritblaues Obergewand aus Japanatlas, das acht Kreise mit Blumenmustern aufwies und unten mit Quasten verziert war. Seine Audienzstiefelchen waren aus schwarzem Atlas und hatten weiße Sohlen. Sein Gesicht glich dem Vollmond am Herbstabend, seine Miene einer Blüte am Frühlingsmorgen. Das Schläfenhaar wirkte wie mit dem Messer geschnitten, die Brauen wie mit Tusche gemalt. Die Wangen sahen aus wie Pfirsichblüten, die Augen wie herbstliche Wellen. Selbst im Zorn schien er zu lächeln, auch wütend verriet sein Blick noch Gefühl. Um den Hals trug er einen Reif mit goldenen Drachen und eine bunte Seidenschnur mit einem schönen Jadestein daran. Kaum hatte Dai-yü ihn erblickt, erschrak sie zutiefst und dachte bei sich: ‚Merkwürdig! Es kommt mir vor, als hätte ich ihn schon irgendwo gesehen, so vertraut ist mir sein Gesicht.‘ Nun sah sie, wie er zur Begrüßung das Knie vor der Herzoginmutter beugte. Diese befahl ihm: „Geh auch deine Mutter begrüßen und komm dann wieder!“ Bau-yü machte kehrt und ging hinaus. Als er nach einiger Zeit wiederkam, war er anders zurechtgemacht. Das kurze Haar rund um den Kopf war zu kleinen Zöpfchen geflochten, die mit roter Seide umschnürt und auf dem Scheitel zusammengefaßt waren, wo ein großer Zopf entsprang, der schwarz und glänzend wie Lack war. Auf dem Zopf saßen vier große Perlen, und sein Ende war mit edelsteinbesetztem Goldzierat beschwert. Gekleidet war Bau-yü jetzt in eine abgetragene lange Jacke mit Streublumenmuster auf rosa Grund. Um den Hals trug er noch immer den goldenen Reif, den Jadestein, ein Namensschloß und andere Amulette. Unten waren Hosenbeine aus mattgrüner Seide mit Streublumenmustern zu erkennen, schwarzbedruckte Strümpfe mit Brokatkanten und dunkelrote Schuhe mit dicken Sohlen. Sein Gesicht wirkte wie gepudert, seine Lippen wie geschminkt. Das Spiel seiner Augen zeigte Empfindung, seine Worte waren häufig von einem Lächeln begleitet. Seine ganze natürliche Anmut zeigte sich in den Spitzen seiner Brauen, alle menschlichen Gefühle drängten sich in seinen Augenwinkeln. Sein äußerer Anblick war prächtig, aber was in seinem Innern vor sich ging, war schwer zu erraten. Später hat jemand nach dem Tonmuster ‚Mond überm Westfluß‘ zwei Gedichte über Bau-yü geschrieben, die ihn sehr treffend charakterisieren. Sie lauten: Grundlos befällt ihn bald Trauer, bald Zorn, ein andermal wirkt er wie blöd, wie verrückt. Gut gewachsen die äußere Hülle, doch im Kopf nichts weiter als Stroh. Ein Versager, dem die Welt völlig fremd, und zu dumm, um die Schriften zu lesen. Die Taten abnorm, das Wesen skurril, ihn kümmert nicht das Urteil der Leute. Reich und vornehm ist er nicht zufrieden, arm und in Not hält er es auch nicht aus. Sinnlos hat er die Jugend vergeudet, Staat und Familie hat er maßlos enttäuscht. Der größte Nichtsnutz ist er auf Erden, kein zweiter Sohn ist mißraten wie er. Sagt es den Söhnen aus gutem Hause: Nehmt euch kein Beispiel an ihm! Lächelnd rügte die Herzoginmutter: „Du hast dich schon umgezogen, ehe du unseren Gast begrüßt hast. Willst du nicht bald deine Kusine willkommen heißen?“ Bau-yü hatte längst gesehen, daß eine Kusine mehr da war, und hatte sich gedacht, das müsse die Tochter von Tante Lin sein. Rasch verbeugte er sich jetzt mit zusammengelegten Händen vor ihr. Dann setzte er sich wieder hin und musterte eingehend ihr Gesicht, das sie von der Menge unterschied: Fein geschwungene Brauen wie zarter Rauch und gleichsam wie schmerzlich gerunzelt; gefühlvolle Augen, aus denen auch ohne Lachen die Freude sprach; eine bekümmerte Miene, die dennoch Liebreiz enthielt; ein zerbrechlicher Körper, der trotzdem Anmut verriet. Tränenfeucht der Blick, zart keuchend der Atem. In Ruhe glich sie einer schönen Blume, die sich im Wasser spiegelt, in Bewegung ähnelte sie einer schlanken Weide, die sich im Wind wiegt. Ihr Herz war klüger als das des Bi-gan, ihre Schönheit war größer als die der Hsi-dsï. Als Bau-yü sie zu Ende beschaut hatte, sagte er lächelnd: „Diese Kusine habe ich schon gesehen.“ „Was redest du wieder für Unsinn?“ fragte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Wie kannst du sie gesehen haben?“ Und Bau-yü erwiderte: „Auch wenn ich sie noch nicht gesehen habe, ist mir doch ihr Gesicht so vertraut, daß sie mir vorkommt wie eine gute alte Bekannte, die ich nach langer Trennung wiedersehe. Auch das wäre möglich.“ „Um so besser!“ sagte die Herzoginmutter. „Wenn das so ist, werdet ihr euch besonders gut verstehen.“ Bau-yü setzte sich dicht neben Dai-yü, musterte sie noch einmal sorgfältig und fragte dann: „Was für Bücher hast du gelesen?“ „Keine“, antwortete Dai-yü, „ich hatte nur ein Jahr Unterricht und kenne erst wenige Schriftzeichen.“ „Wie wird dein werter Name geschrieben?“ erkundigte sich Bau-yü weiter. Dai-yü sagte es ihm, und Bau-yü fragte nach ihrem Ehrennamen. „Ich habe keinen“, erklärte Dai-yü. „Dann will ich dir einen geben“, sagte Bau-yü lächelnd. „Keiner paßt besser als Pin-pin – ‚gerunzelte Brauen‘!“ „Woher stammt das?“ wollte Tan-tschun wissen. „In den ‚Vollständigen Untersuchungen über Menschen und Dinge aus alter und neuer Zeit‘ heißt es: ‚Im Westen gibt es einen Stein, dai genannt, mit dem man die Brauen statt mit Tusche färben kann‘“, gab Bau-yü Auskunft. „Und die Brauen von Kusine Lin sehen aus wie gerunzelt. Wäre da der Name nicht in zweifacher Hinsicht geeignet?“ „Ich fürchte, das hast du dir wieder einmal ausgedacht“, wandte Tan-tschun lächelnd ein. „Abgesehen von den Vier Büchern ist so vieles einfach ausgedacht, und da soll ausgerechnet ich es sein, der sich so etwas ausdenkt?“ fragte Bau-yü zurück. Dann erkundigte er sich bei Dai-yü: „Und hast du auch einen Jade?“ Niemand verstand, was er meinte, und Dai-yü vermutete, weil er selbst einen Jadestein besaß, glaube er, sie müsse auch einen haben. Deshalb antwortete sie: „Ich habe keinen. Ein Jadestein ist wohl zu selten, als daß jeder einen haben könnte.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, bekam er einen seiner Anfälle. Er riß sich den Jadestein herunter, schleuderte ihn mit aller Kraft von sich und wütete dazu: „Was heißt hier selten? Beseelt soll er sein und kann nicht einmal unterscheiden, ob einer edel ist oder gemein! Ich will das Ding nicht mehr!“ Alle waren erschrocken dazugestürzt, um den Jadestein aufzuheben. Die Herzoginmutter zog Bau-yü besorgt an ihre Brust und redete auf ihn ein: „Du Strafe meiner Sünden! Wenn du wütend bist, kannst du jemanden schlagen oder schelten, aber warum mußt du den Stein wegwerfen, an dem dein Leben hängt?!“ Mit tränenüberströmtem Gesicht sagte Bau-yü: „Keines der Mädchen in unserem Hause hat so einen Stein, nur ich habe einen, und ich habe ihn satt. Heute nun ist diese göttergleiche Kusine gekommen und hat auch keinen. Da sieht man doch, daß er nichts taugt.“ Rasch flunkerte die Herzoginmutter: „Die Kusine hat auch einen gehabt. Aber als deine Tante im Sterben lag, konnte sie die Trennung von ihrer Tochter nicht ertragen, und es blieb keine andere Wahl, als ihr den Jade mitzugeben. Zum einen wurde dadurch das Ritual der Grabbeigaben vollständig eingehalten und deine Kusine konnte ihre Kindespflicht erfüllen, zum anderen hat die Seele deiner Tante darin ein Andenken an sie. Nur darum hat sie gesagt, sie habe keinen, denn sie konnte sich nicht gut damit brüsten. Du kannst dich wirklich nicht mit ihr vergleichen. Willst du den Stein nicht endlich brav wieder umhängen, ehe deine Mutter davon erfährt?“ Bei diesem Worten nahm sie den Jadestein von einem der Sklavenmädchen entgegen und hängte ihn Bau-yü mit eigener Hand wieder um. Bau-yü fand, daß es sehr vernünftig klang, was sie gesagt hatte, und gab sich zufrieden. Im selben Moment kam eine Amme herein, um zu fragen, wo Dai-yü wohnen solle. „Wir werden Bau-yü in mein Seitenzimmer umquartieren, wo er im Alkoven schlafen kann, und dein Fräulein Lin bekommt einstweilen das Ofenbett hinter den gazebespannten Gittertüren“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn der Frühling kommt, lassen wir andere Räume in Ordnung bringen und teilen neu ein.“ „Liebe Ahne“, sagte Bau-yü, „ich kann doch gut in dem Bett schlafen, das vor den Gittertüren steht. Warum soll ich zu dir ziehen und deine Ruhe stören?“ Die Herzoginmutter dachte kurz nach, dann sagte sie: „So geht es auch.“ Jeder sollte eine von den Ammen und eines von den Sklavenmädchen zur Bedienung bei sich haben, während die übrigen von ihnen im Vorzimmer Nachtwache hielten. Zugleich hatte Hsi-fëng schon jemanden mit einem lilafarbenen geblümten Bettvorhang sowie ein paar brokatbezogenen Decken und atlasbezogenen Matratzen geschickt. Dai-yü hatte nur zwei Leute mitgebracht. Eines war ihre alte Amme Wang, das andere ein zehnjähriges Sklavenmädchen, das ebenfalls von klein auf bei ihr war und Hsüä-yän hieß. Aber die Herzoginmutter hatte gesehen, daß Hsüä-yän noch sehr klein und ein rechtes Kind war, Amme Wang aber schon alt, so daß Dai-yü bestimmt ihre Kräfte nicht schonen konnte, wie sie es gern wollte. Und so teilte sie ihr noch eines ihrer zweitrangigen Sklavenmädchen mit Namen Ying-gë zu. Nach der Regelung, wie sie für Ying-tschun und die anderen galt, sollte jeder außer seiner eigenen Amme noch vier alte Ammen zur Erziehung haben und außer den beiden Leibsklavinnen, die für Schmuck und Körperpflege verantwortlich waren, noch fünf, sechs andere kleine Sklavenmädchen, die die Zimmer ausfegten und Botengänge machten. Amme Wang und Ying-gë leisteten Dai-yü auf ihrem Ofenbett Gesellschaft, während auf dem großen Bett davor Amme Li und ein Sklavenmädchen namens Hsi-jën bei Bau-yü blieben. Hsi-jën war ursprünglich auch eine Sklavin der Herzoginmutter gewesen und hatte eigentlich den Namen Dschën-dschu getragen. In ihrer abgöttischen Liebe zu Bau-yü hatte die Herzoginmutter gefürchtet, seine Sklavinnen seien nicht tüchtig und ergeben genug, darum hatte sie ihm Hsi-jën gegeben, die sie wegen der Lauterkeit ihrer Gesinnung und wegen ihrer Pflichttreue schätzte. Weil Bau-yü wußte, daß Hsi-jën mit Familiennamen Hua – ‚Blume‘ – hieß und er sich an den Satz eines alten Dichters erinnerte ‚Hüllt Blumenduft den Menschen ein...‘, hatte er der Herzoginmutter davon berichtet und die Sklavin in Hsi-jën – ‚hüllt den Menschen ein‘ – umbenannt. Die schwache Stelle dieser Hsi-jën war es, daß es für sie nur die Herzoginmutter gegeben hatte, solange sie der Herzoginmutter diente, und daß es jetzt nur Bau-yü für sie gab, seitdem sie Bau-yü diente. Weil aber Bau-yü so einen verschrobenen Charakter hatte, mußte sie ihm immer wieder Vorhaltungen machen, was ihr von ganzem Herzen weh tat. Als Bau-yü und Amme Li schon schliefen, bemerkte Hsi-jën, daß Dai-yü und Ying-gë drinnen auf dem Ofenbett noch wach waren. Darum ging sie leise zu ihnen heinein, nachdem sie ihren Putz abgelegt hatte, und fragte lächelnd: „Warum schlaft Ihr noch nicht, Fräulein?“ Rasch forderte Dai-yü sie auf: „Nimm Platz, Schwester!“ Hsi-jën setzte sich auf die Bettkante, und Ying-gë erklärte ihr lächelnd: „Fräulein Lin macht sich Sorgen. Sie hat geweint und gesagt: ‚Ich bin heute erst angekommen, und gleich hat der kleine Herr einen Anfall bekommen. Wäre nicht ich daran schuld, wenn er seinen Jadestein entzweigeworfen hätte?‘ Das ist es, worüber sie sich grämt, und ich habe sie nur mit Mühe beruhigen können.“ „Ihr solltet das besser sein lassen, Fräulein“, riet ihr Hsi-jën. „Denn Ihr werdet wohl in Zukunft noch merkwürdigere Dinge mit ihm erleben, und wenn Ihr Euch sein Verhalten so zu Herzen nehmt und Euch deswegen grämt, werdet Ihr aus dem Grämen nicht mehr herauskommen, fürchte ich. Also macht Euch rasch keine Gedanken mehr darum!“ „Ich werde mir merken, was ihr beide gesagt habt“, versprach Dai-yü, dann fragte sie: „Was hat es eigentlich mit dem Jadestein auf sich? Und stehen auch Schriftzeichen darauf?“ „Was es damit auf sich hat, weiß nicht einmal die Familie zu sagen“, erläuterte Hsi-jën. „Es heißt, man habe ihn in seinem Mund gefunden, als er geboren wurde, und es war sogar das Öhr schon darin, um eine Schnur durchzuziehen. Wartet, ich werde ihn holen, damit Ihr ihn Euch ansehen könnt und Bescheid wißt.“ Aber rasch hielt Dai-yü sie zurück und sagte: „Schon gut! Es ist schon spät. Wenn ich ihn morgen sehe, ist es auch noch früh genug.“ Nachdem sie noch ein Weilchen geplaudert hatten, legten sie sich schlafen. Als Dai-yü am nächsten Morgen nach dem Aufstehen der Herzoginmutter ihre Aufwartung gemacht hatte, ging sie zu Dame Wang, die sie dabei antraf, wie sie mit Hsi-fëng zusammen einen Brief aus Djin-ling las. Außerdem waren auch zwei Sklavenfrauen aus dem Hause von Dame Wangs Bruder da, die etwas mit ihr zu besprechen hatten. Dai-yü wußte zwar nicht, worum es ging, aber Tan-tschun und die anderen hatten bereits in Erfahrung gebracht, daß es ihren Vetter Hsüä Pan betraf, den Sohn von Tante Hsüä in Djin-ling. Auf seinen Reichtum und seine Macht bauend, hatte er jemanden umgebracht, und nun lief in Ying-tiän fu ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Davon hatte jetzt Dame Wangs Bruder Wang Dsï-tëng erfahren und deshalb jemanden geschickt, um hier Bescheid zu sagen. Seiner Meinung nach war es das beste, die Hsüäs in die Hauptstadt kommen zu lassen. |
Nun geschah es, dass Regendorf sich hastig umwandte: Es war kein anderer als sein ehemaliger Amtskollege, ein gewisser Jadegleich Zhang[1], der im selben Verfahren wie er seinerzeit des Amtes enthoben worden war. Dieser stammte aus dem hiesigen Ort, und nach seiner Amtsenthebung lebte er hier als Privatmann. Als er nun vernahm, dass in der Hauptstadt die Wiedereinstellung ehemals abgesetzter Beamter genehmigt worden sei, lief er überall umher und suchte Beziehungen und Wege — da stieß er plötzlich auf Regendorf und beeilte sich, ihm zu gratulieren. Nachdem die beiden einander begrüßt hatten, teilte Zhang Rugui Regendorf diese Neuigkeit mit. Regendorf war natürlich hocherfreut und verabschiedete sich nach einem hastigen Wortwechsel. Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], der dies gehört hatte, unterbreitete Regendorf sogleich einen Plan: Er solle Ozeangleich Wald [林如海] bitten, sich an Aufrecht Kaufmann [贾政] in der Hauptstadt zu wenden. Regendorf folgte seinem Rat und kehrte zu seinem Quartier zurück, wo er eilig die Amtsnachrichten nach einer Bestätigung durchsah. Am nächsten Tag sprach er Ozeangleich Wald persönlich darauf an. Ozeangleich Wald sagte: „Das trifft sich gut! Da meine Frau kürzlich verstorben ist, hat die Großmutter meiner Frau [Anm.: Regendorfs Dienstherrin ist Tochter der Kaufmann-Familie] in der Hauptstadt sich Sorgen gemacht, dass meine kleine Tochter ohne mütterliche Fürsorge ist, und bereits Diener und Dienerinnen mit Schiffen geschickt, sie abzuholen. Da die Kleine aber noch nicht ganz genesen war, haben wir den Aufbruch verschoben. Ich habe ohnehin schon lange daran gedacht, wie ich Euch für Eure Lehrtätigkeit danken könnte, und diese Gelegenheit kommt wie gerufen — wie sollte ich da nicht mein Bestes tun? Seid ganz unbesorgt: Ich habe bereits alles vorbereitet. Ein Empfehlungsbrief ist geschrieben und an meinen Schwager mit der dringenden Bitte gesandt, Euch in jeder Weise zu unterstützen. Sollten damit Kosten verbunden sein, habe ich dies in dem Schreiben an meinen Schwager bereits vermerkt, so dass Ihr Euch darum nicht zu sorgen braucht." Regendorf verbeugte sich dankend, wieder und wieder, und fragte dann: „Darf ich erfahren, welche Stellung Euer verehrter Herr Schwager bekleidet? Ich fürchte, als bescheidener Mann ungebeten an seine Tür zu klopfen." Ozeangleich Wald lachte: „Was meine Verwandten betrifft — sie stehen mit Eurem verehrten Namen im selben Stammbaum. Es handelt sich um einen Enkel des Herzogs von Rong. Mein älterer Schwager führt derzeit den Erbrang eines Generals erster Klasse, er heißt She [赦] mit Beinamen Enhou[2] [恩侯]. Mein zweiter Schwager heißt Zheng [政] mit Beinamen Cunzhou [存周] und bekleidet derzeit den Posten eines Vizedirektors im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Sein Wesen ist bescheiden und aufrichtig, ganz im Geiste seiner Vorväter — keineswegs einer jener blasierten, leichtfertigen Beamtensöhne. Deshalb habe ich es gewagt, ihm zu schreiben und Euch zu empfehlen. Andernfalls würde ich nicht nur Euren guten Ruf beflecken, sondern auch selbst nicht darauf eingehen." Regendorf hörte dies und glaubte nun vollends, was Leng Selbstaufsteiger am Vortag erzählt hatte. Er dankte Ozeangleich Wald nochmals. Dieser sagte: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Abreisetag für meine Tochter festgesetzt. Ihr könntet im selben Zug reisen — wäre das nicht für beide Seiten vorteilhaft?" Regendorf stimmte freudig zu und war im Herzen überaus zufrieden. Ozeangleich Wald traf also die Vorbereitungen für Geschenke und Abschiedsmahl, die Regendorf sämtlich entgegennahm. Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Ozeangleich Wald ihr sagte: „Dein Vater ist fast fünfzig und denkt nicht daran, wieder zu heiraten. Du aber bist kränklich und noch so klein. Oben hast du keine Mutter, die dich erzieht, unten keine Geschwister, die dich stützen. Wenn du jetzt zu deiner Großmutter und deinen Tanten und Cousinen gehst, wird meine Sorge um dich geringer — warum willst du denn nicht gehen?" — da blieb Kajaljade unter Tränen nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. In Begleitung ihrer Amme und einiger älterer Dienerinnen des Prunkwille-Anwesenes bestieg sie das Schiff. Regendorf folgte auf einem separaten Boot mit zwei Dienerjungen, im Gefolge Kajaljades. Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. Regendorf richtete als Erstes seine Kleidung und seinen Hut, nahm seinen Dienerjungen mit, ergriff seine Visitenkarte als „Neffe aus dem Stamm" und überreichte sie am Tor des Prunkwille-Anwesen. Zu jener Zeit hatte Aufrecht Kaufmann den Brief seines Schwagers bereits gelesen und bat Regendorf eilig zum Empfang herein. Er fand Regendorfs Erscheinung stattlich und seine Rede gewandt, und da Aufrecht Kaufmann stets Gelehrte liebte, Tugendhafte ehrte und Schwachen half — ganz im Geiste seiner Ahnen —, und da es überdies der ausdrückliche Wunsch seines Schwagers war, behandelte er Regendorf mit besonderer Zuvorkommenheit. Er setzte seinen ganzen Einfluss ein, und als der Tag der Eingabe kam, verschaffte er ihm mühelos die Wiedereinstellung mit Wartestatus. Keine zwei Monate später wurde eine Vakanz in der Präfektur Yingtianfu[3] in Jinling frei, und er erhielt diese Stelle. Regendorf nahm Abschied von Aufrecht Kaufmann, wählte einen günstigen Tag und trat sein Amt an. Damit sei es für den Moment genug. Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der Prunkwille-Anwesen bereits Sänften und Gepäckwagen geschickt, die lange auf sie warteten. Diese Kajaljade hatte von ihrer Mutter stets gehört, dass das Haus ihrer Großmutter sich von allen anderen unterscheide. Schon die Dienerinnen dritten Ranges, die sie in diesen Tagen gesehen hatte, waren in Kleidung, Speise und Auftreten keineswegs gewöhnlich — wie würde es erst im Hause selbst sein? Daher achtete sie auf jeden Schritt und jedes Wort, um nur nicht ausgelacht zu werden. Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter Stillfriede-Anwesen" [敕造宁国府]. Kajaljade dachte: „Das muss das Haus des ältesten Zweigs meiner Großmutterfamilie sein." Die Sänfte trug sie weiter nach Westen, und nicht weit entfernt stand ein ebensolches Anwesen mit drei großen Toren — das war der Prunkwille-Anwesen. Doch sie trug nicht durch das Haupttor ein, sondern durch das westliche Seitentor. Die Sänftenträger trugen sie hinein, legten nach etwa einer Bogenschussweite, als sie um eine Ecke biegen sollten, die Sänfte ab und traten zurück. Die Dienerinnen, die zu Fuß gefolgt waren, eilten heran. Drei oder vier Lakaien von siebzehn, achtzehn Jahren, sauber gekleidet, kamen und hoben die Sänfte wieder auf. Die Frauen folgten zu Fuß bis vor ein Blumenhangtor, wo die Sänfte abgesetzt wurde. Die Lakaien zogen sich zurück; die Frauen hoben den Sänftenvorhang, stützten Kajaljade beim Aussteigen. Kajaljade, an den Händen der Frauen, trat durch das Blumenhangtor; zu beiden Seiten waren überdachte Wandelgänge, in der Mitte ein Durchgangsraum mit einem großen Wandschirm aus Rosenholz mit einer eingelassenen Marmorplatte. Hinter dem Wandschirm lag ein kleines Empfangszimmer mit drei Räumen; dahinter begann der große Innenhof. Fünf Räume breit erstreckte sich das Hauptgebäude — alles mit geschnitzten Balken und bemalten Dächern. Zu beiden Seiten Wandelgänge und Seitenflügel, an denen allerlei Papageien, Drosseln und andere Vögel hingen. Auf den Stufen saßen mehrere rotgekleidete Dienerinnen, die, als sie die Besucher kommen sahen, lächelnd entgegeneilten und riefen: „Eben noch hat die alte Fürstin nach ihr gefragt — und wie gerufen kommt sie!" Drei oder vier drängten sich, den Vorhang hochzuhalten, während von drinnen gemeldet wurde: „Fräulein Lin ist angekommen!" Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann. Die Großmutter stellte Kajaljade nun eine nach der anderen vor: „Dies ist deine Erste Schwiegertante [Anm.: die Frau von Begnadigung Kaufmann], dies deine Zweite Schwiegertante [die Frau von Aufrecht Kaufmann], und dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Zhu — deine älteste Schwägerin." Kajaljade verbeugte sich vor jeder einzelnen. Die Großmutter befahl: „Ruft die jungen Damen herbei. Heute ist ein Gast von weither gekommen — sie brauchen nicht zur Schule zu gehen." Zwei Dienerinnen eilten los. Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste. Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan[4] [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen." Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete. Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns unser berühmtester kleiner Wildfang. In der Südprovinz nennt man das eine ‚Pfefferschote' [辣子] — nenn sie einfach ‚Pfefferschote Feng[5]'!" Kajaljade wusste nicht recht, wie sie sie anreden sollte, doch die Cousinen flüsterten ihr zu: „Das ist die Schwägerin Lian [琏嫂子]." Kajaljade hatte zwar nie ihre Bekanntschaft gemacht, wusste aber von ihrer Mutter, dass der Sohn ihres ersten Onkels, Kette Kaufmann, eine Nichte ihrer Zweiten Tante Wang geheiratet hatte — ein Mädchen, das von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Phönixglanz [王熙凤][6] trug. Kajaljade begrüßte sie lächelnd und nannte sie „Schwägerin". Phönixglanz [熙凤] ergriff Kajaljades Hand, musterte sie sorgfältig von oben bis unten, führte sie dann zurück an die Seite der Großmutter und sagte lachend: „Was für ein wunderschönes Geschöpf — wahrhaftig, so etwas sehe ich heute zum ersten Mal! Und diese ganze Erscheinung — sie sieht gar nicht aus wie die Enkelin einer anderen Familie, sondern wie eine leibliche Enkelin der alten Fürstin! Kein Wunder, dass unsere Ahne Tag für Tag an sie denkt und sie nicht vergessen kann. Nur schade um meine arme kleine Schwester — was für ein hartes Schicksal, dass ihre Mama so früh sterben musste!" Bei diesen Worten tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. Die Großmutter lachte: „Ich habe mich gerade beruhigt, und du fängst wieder an, mich zum Weinen zu bringen! Deine Schwester ist von weither gekommen und ist schwach — gerade haben wir sie beruhigt. Hör bitte auf, an die alten Sachen zu erinnern!" Phönixglanz schlug sofort von Trauer in Fröhlichkeit um: „Ach, natürlich! Ich habe meine Schwester gesehen, und da war mein ganzes Herz bei ihr — vor lauter Freude und Rührung habe ich die alte Fürstin ganz vergessen. Ich verdiene Strafe, ich verdiene Strafe!" Dann ergriff sie wieder Kajaljades Hand und fragte: „Schwesterchen, wie alt bist du? Bist du schon zur Schule gegangen? Welche Medizin nimmst du? Hier brauchst du kein Heimweh zu haben — wenn du etwas zu essen oder etwas zum Spielen brauchst, sag es mir einfach. Wenn die Mägde und Frauen nicht ordentlich sind, sag es auch mir!" Zugleich fragte sie die Dienerinnen: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Dienerinnen hat sie mitgebracht? Räumt schnell zwei Zimmer auf, damit sie sich ausruhen können!" Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz reichte Kajaljade persönlich Tee und Obst. Dann fragte die Zweite Tante: „Ist das Monatsgeld schon ausgezahlt?" Phönixglanz antwortete: „Das ist schon erledigt. Ich habe gerade Leute auf den Dachboden geschickt, um nach Seide zu suchen — aber nach langem Suchen habe ich die Sorte, von der die Tante gestern sprach, nicht gefunden. Vielleicht hat die Tante sich geirrt?" Dame König[7] sagte: „Ob es sie gibt oder nicht, das ist nicht so wichtig." Dann fuhr sie fort: „Man sollte gleich zwei Stück herausnehmen, damit deine Schwester sich Kleider nähen lassen kann. Lass heute Abend nochmals jemanden nachschauen — vergiss es nicht." Phönixglanz sagte: „Das habe ich bereits vorher bedacht. Da ich wusste, dass meine Schwester in den nächsten Tagen kommen würde, habe ich alles schon vorbereitet. Wenn die Tante sie gesehen hat, lasse ich sie herüberbringen." Dame König lächelte und nickte schweigend. Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing[8], erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau Strafe stimmte zu, nahm Kajaljade an der Hand und verabschiedete sich von Dame König. Alle geleiteten sie bis zum Durchgang. Vor dem Blumenhangtor warteten bereits Lakaien mit einer Kutsche mit grünem Baldachin und grünseidenen Vorhängen. Frau Strafe half Kajaljade hinein; die Dienerinnen ließen den Vorhang herab, und die Lakaien trugen die Kutsche hinaus. An einer breiteren Stelle spannten sie ein zahmes Maultier vor und verließen durch das westliche Seitentor. Dann ging es ostwärts am Haupttor des Prunkwille-Anwesen vorbei in ein großes schwarz lackiertes Tor, wo sie vor dem Zeremonielltor anhielten und abstiegen. Die Lakaien zogen sich zurück. Frau Strafe half Kajaljade in den Innenhof. Kajaljade bemerkte, dass die Gebäude offenbar von einem Garten des Prunkwille-Anwesen abgetrennt worden waren. Durch drei Tore hindurch sah man das Hauptgebäude mit Seitenflügeln und Wandelgängen — alles zierlich und elegant, nicht so majestätisch wie auf der anderen Seite, dafür überall Bäume und Gartenfelsen. Im Hauptzimmer angekommen, eilten zahlreiche prächtig gekleidete Nebenfrauen und Dienerinnen herbei. Frau Strafe bat Kajaljade, Platz zu nehmen, und schickte nach dem Ersten Onkel. Nach einer Weile kam ein Bote zurück mit der Nachricht: „Der Herr lässt sagen: ‚Ich bin in den letzten Tagen unwohl, und wenn ich meine Nichte sähe, würden wir beide nur traurig. Ich möchte sie bitten, sich nicht zu grämen und kein Heimweh zu haben. Bei der Großmutter und den Tanten ist sie wie zu Hause. Obwohl die Cousinen nicht vollkommen sind, kann ihre Gesellschaft doch zur Zerstreuung beitragen. Sollte sie sich jemals ungerecht behandelt fühlen, soll sie es nur sagen — sie braucht nicht fremd zu tun.'" Kajaljade stand eilig auf und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Pause nahm sie Abschied. Frau Strafe wollte sie zum Abendessen zurückhalten, doch Kajaljade erwiderte lächelnd: „Es wäre unhöflich, die Einladung der Tante abzulehnen — aber ich muss noch meinen Zweiten Onkel besuchen, und wenn ich vorher hier speise, wäre das ungehörig. An einem anderen Tag gern." Frau Strafe lächelte und ließ sie von zwei oder drei Ammen in der Kutsche zum Zweiten Onkel bringen. Bald darauf gelangte Kajaljade zum Prunkwille-Anwesen. Sie stieg aus der Kutsche und wurde von den Ammen durch einen östlichen Durchgang, hinter die große Südhalle, durch ein Zeremonielltor in einen großen Innenhof geführt. Das Hauptgebäude hatte fünf Räume, mit Seitenflügeln und kleinen Nebenzimmern — alles weit geräumiger und prächtiger als beim Ersten Onkel. Kajaljade erkannte, dass dies die eigentlichen Hauptgemächer sein mussten, mit dem breiten Hauptweg, der direkt zum großen Tor hinausführte. In der Empfangshalle erblickte sie eine große goldene Tafel auf blaugrünem Grund mit den drei riesigen Zeichen „Halle des Rong-Glücks" [荣禧堂][9], darunter eine kleine Zeile: „Im Jahre XY vom Kaiser dem Herzog Rong Jia Yuan geschenkt", dazu das Kaiserliche Siegel. Auf einem großen Tisch aus Rosenholz mit geschnitzten Drachen stand ein drei Fuß hoher antiker Bronzedreifuß; an der Wand hing ein großes Gemälde mit einem schwarzen Drachen als Wartemotiv [Anm.: „Warten auf die Morgenaudienz"]; auf der einen Seite ein goldenes Ritualgefäß, auf der anderen eine Glasschale. Auf dem Boden standen sechzehn Stühle aus Kampferholz in zwei Reihen. An der Wand hing ein Spruchband auf Ebenholztafeln mit silbernen Schriftzeichen: Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, Pracht und Brokat in der Halle leuchten wie Morgenröte. Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand." Da Dame König sich für gewöhnlich nicht in den Haupträumen aufhielt, sondern in drei kleinen Seitenzimmern östlich davon, führten die Ammen Kajaljade durch die östliche Tür. Am Fenster stand ein großes Bett mit leuchtend rotem fremdländischem Teppich, darauf ein großes Rückenkissen mit dem Seidenmuster goldener Drachenschlangen auf steinblauem Grund, dazu eine passende Armlehne und eine große Matratze in Herbstgelb mit dem gleichen Muster. Auf den beiden kleinen Beistelltischen im Pflaumenblütendesign und Fremdlack stand links ein Weihrauchgefäß, rechts eine Vase aus Ru-Keramik [汝窑, berühmteste Keramik der Song-Zeit] mit frischen Blumen, dazu Teetassen und ein Spucknapf. Auf dem Boden standen vier Stühle mit silberrotem Blumenstoff, darunter vier Fußbänkchen. Kajaljade bemerkte die Rangordnung der Plätze und setzte sich nicht auf das Bett, sondern nahm auf einem der östlichen Stühle Platz. Die Dienerinnen brachten Tee. Während Kajaljade trank, betrachtete sie die Mägde — Kleidung, Schmuck und Benehmen waren in der Tat anders als anderswo. Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. Dame König saß unten an der westlichen Seite auf einem ebensolchen halbabgenutzten Seidenpolster. Als Kajaljade hereinkam, wies Dame König sie nach Osten — Kajaljade erkannte, dass dies der Platz von Aufrecht Kaufmann sein musste. Da sie neben dem Bett drei Stühle mit halbabgenutzten Tintentuschbezügen sah, setzte sie sich auf einen der Stühle. Dame König zog sie mehrmals zum Bett herauf, bis sie sich schließlich neben sie setzte. Dame König sprach: „Deinen Onkel wirst du heute nicht sehen — er fastet gerade. Aber eines möchte ich dir ans Herz legen: Deine drei Cousinen sind alle sehr umgänglich — zusammen lesen, schreiben und Handarbeiten machen, damit wird es nie Schwierigkeiten geben. Aber was mich beunruhigt, ist eine Sache: Ich habe einen Sohn, der ein wahrer Unglückskeim ist — der ‚Teufel, der die Welt verwirrt[10]' [混世魔王] in diesem Haus. Heute ist er zum Tempel gegangen, ein Gelübde einzulösen, und noch nicht zurück. Heute Abend wirst du ihn sehen. Kümmere dich einfach nicht um ihn. Keine deiner Cousinen wagt es, sich mit ihm einzulassen." Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern seine Zeit verbrachte, und den die Großmutter so verhätschelte, dass niemand ihm Einhalt zu gebieten wagte. Nun war ihr klar, dass Dame König von diesem Cousin sprach. Sie erwiderte lachend: „Die Tante meint wohl den Cousin, der mit der Jade geboren wurde? Ich habe zu Hause von meiner Mutter oft gehört, dass dieser Cousin zwar recht ungezogen sei, sich aber seinen Schwestern gegenüber immer gut benehme. Da ich nun hier bin, werde ich natürlich nur mit den Cousinen zusammen sein; die Brüder leben in anderen Gebäuden und Zimmern — wie sollte ich mit ihm in Berührung kommen?" Dame König lachte: „Du kennst die Gründe nicht. Er ist anders als andere. Seit seiner frühesten Kindheit ist er von der Großmutter verwöhnt und zusammen mit den Mädchen aufgezogen worden. Wenn die Mädchen ihn eines Tages nicht beachten, ist er ganz ruhig; höchstens geht er hinaus und lässt seinen Ärger an seinen zwei kleinen Dienern aus — ein bisschen Murren, dann ist es vorbei. Aber wenn die Mädchen an einem Tag ein Wort mehr als nötig mit ihm wechseln, wird er fröhlich und stiftet tausenderlei Unfug an. Deshalb sage ich dir: Kümmere dich nicht um ihn! Den einen Moment hat er süße Worte auf den Lippen, den nächsten ist er maßlos und zügellos, dann wieder verrückt und albern — glaub ihm nichts." Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." Dame König führte Kajaljade durch die Hintertür, über den westlichen Korridor und durch ein Seitentor in einen breiten Nord-Süd-Gang. Im Süden lag ein kleines Empfangszimmer, im Norden stand eine weiß gestrichene Spiegelwand, dahinter ein Seitentor und ein kleines Gebäude. Dame König zeigte lächelnd darauf: „Das ist das Quartier deiner Schwägerin Phönixglanz. Wenn du etwas brauchst, geh einfach zu ihr." Vor diesem Tor standen auch vier oder fünf Dienerknaben mit Haarknötchen. Dame König führte Kajaljade durch einen weiteren Durchgang hindurch in den Hinterhof der Großmutter. Dort warteten bereits viele Dienerinnen; als Dame König kam, wurden Tisch und Stühle aufgestellt. Jia Zhus Witwe Seidenweiß Pflaume[11] [李纨] trug die Speisen auf, Phönixglanz legte die Essstäbchen zurecht, Dame König reichte die Suppe. Die Großmutter saß allein in der Mitte auf dem Hauptdiwan; vier leere Stühle standen zu beiden Seiten. Phönixglanz zog Kajaljade rasch auf den ersten Stuhl links. Kajaljade wehrte sich sehr, doch die Großmutter lachte: „Deine Tanten und Schwägerinnen essen nicht hier. Du bist der Gast — so gehört es sich." Erst dann setzte sich Kajaljade. Die Großmutter ließ Dame König sich setzen. Die drei Schwestern Willkommensfrühling, Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling nahmen auf der rechten Seite Platz. Dienerinnen standen mit Staubwedeln, Spülschalen und Tüchern bereit. Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz standen neben dem Tisch und bedienten. Obwohl draußen zahlreiche Dienerinnen und Mägde warteten, war kein einziger Huster zu hören. In vollkommener Stille wurde die Mahlzeit beendet. Jede erhielt auf einem kleinen Tablett Tee. Kajaljades Vater Ozeangleich Wald hatte seine Tochter gelehrt, nach dem Essen zu warten, bis die letzte Reiskorn geschluckt war, und erst eine Weile später Tee zu trinken, um den Magen nicht zu schädigen. Hier aber sah Kajaljade, dass vieles anders war als zu Hause, und so musste sie sich nach und nach anpassen. Sie nahm den Tee an und sah, wie Spülwasser gebracht wurde — sie spülte sich den Mund, ebenso wie die anderen. Dann wurde nochmals Tee gebracht — dies war der Tee zum Trinken. Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." Dame König erhob sich, wechselte noch ein paar Worte, dann führte sie Phönixglanz und Seidenweiß Pflaume hinaus. Die Großmutter fragte Kajaljade, welche Bücher sie lese. Kajaljade antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher [四书, die konfuzianischen Grundtexte] begonnen." Dann fragte sie, was die Cousinen läsen. Die Großmutter antwortete: „Was die schon lesen! Sie können gerade so ein paar Zeichen erkennen und sind keine Analphabeten — das ist alles." Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing[12]. Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen. Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster „Mond über dem Westfluss" (西江月)[13], die Schatzjade treffend beschreiben: Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, Bald scheint er ein Narr, bald ein Toller. Mag er auch in hübscher Hülle stecken — Im Innern birgt er nur Wildnis und Gestrüpp. Nachlässig und ohne Sinn für die Welt, Dumm und abgeneigt gegen Bücher. Sein Wesen ist eigensinnig und verkehrt — Was kümmert ihn der Tadel der Leute! Reichtum kennt er, ohne ihn zu genießen, Armut erträgt er nicht, wenn sie kommt. Schade um die schöne Jugend, die er vertan! Für Land und Familie — keine Hoffnung. Der Untauglichste der ganzen Welt, Der Nichtsnutzigste aller Zeiten. Ihr Söhne des Reichtums und der Seide — Nehmt euch kein Beispiel an diesem Burschen! Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen." Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin'[14] [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" Erkundefrühling fragte: „Woher nimmst du das?" Schatzjade antwortete: „Im ‚Alten Wörterbuch' steht ‚die fernste Ferne' [远], und im ‚Breiten Wörterbuch' steht ‚weit über zehntausend Meilen' — also: Kajaljade [黛玉] ist der Name; zwischen ihren Brauen aber liegt ein Hauch, der ‚Pinpin' [颦颦] heißen sollte." Erkundefrühling lachte: „Wieder mal eine Erfindung — in keinem Buch steht so etwas!" Schatzjade lachte: „Alle Bücher haben ihre Autoren auch nur selbst erfunden!" Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich. In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im Prunkwille-Anwesen. [Ende des dritten Kapitels] |
- ↑ Chin. 张如圭 Zhāng Rúguī. 如圭 rúguī „wie ein Jadeplättchen" (makellos). Der Name klingt wie 如归 rúguī „wie Heimkehr".
- ↑ 恩侯 Ēnhóu „Marquis der kaiserlichen Gnade" — Beiname (字 zì) von 贾赦 Jiǎ Shè, ein Hinweis auf den ererbten Adelsrang. 存周 Cúnzhōu „den Zhou-Geist bewahrend" — Beiname von 贾政 Jiǎ Zhèng, eine konfuzianische Anspielung auf den Herzog von Zhou (周公 Zhōu gōng), das Vorbild des tugendhaften Beamten. Die Beinamen unterstreichen die programmatischen Charakterunterschiede der beiden Brüder: She lebt von der ererbten Gnade, Zheng will der konfuzianischen Tradition gerecht werden.
- ↑ 应天府 Yìngtiānfǔ — Verwaltungsbezeichnung Nankings (= Jinling) zur Ming-Zeit (Hongwu-Periode), als Nanking erste Hauptstadt der Dynastie war. In der Qing-Zeit nicht mehr offizielle Präfektur, im Roman aber zur Selbstchiffrierung beibehalten — Cao Xueqins Familie (曹寅 Cáo Yín) amtierte als Salzbeamte in eben diesem Wirtschaftsraum.
- ↑ 人参养荣丸 Rénshēn Yǎngróng wán „Ginseng-Pillen zur Pflege des leuchtenden Wesens" — klassisches Rezept der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), bestehend aus Ginseng, Astragalus, Süßholz, Cinnamomum cassia, Angelica sinensis u. a., zur Stärkung des qi (Lebensenergie) und xue (Blut). Es wird Patienten mit chronischer Erschöpfung, Blutarmut und Konstitutionsschwäche verordnet — also genau Kajaljades Symptomatik. Der Name ist zudem onomastisches Wortspiel: 养荣 yǎngróng „Pflege/Nähren des Glanzes" wird im Roman zu einem Symbol für die unausweichliche Krankheit, die sie bis zum Tod begleitet.
- ↑ 辣子 làzi „Chilischote/Pfefferschote", in der Südprovinz auch „zähe/scharfe Person". 凤辣子 Fèng làzi ist der von der Großmutter liebevoll-spöttisch verliehene Spitzname für Wang Xifeng — sie ist die einzige Figur des Romans, die mehrfach so genannt wird, was die außergewöhnliche Position als oberste Wirtschafterin der Familie unterstreicht. Der Spitzname betont scharfe Zunge, Witz, Gerissenheit und einen Hauch von Bedrohlichkeit.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix". 熙 xī „strahlend/glänzend", 凤 fèng „Phönix".
- ↑ Der Familienname 王 Wáng bedeutet „König". Die König-Familie ist eine der vier großen Familien (贾王薛史 = Kaufmann, König, Schnee, Geschichte).
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūren. 邢 xíng — der Name erinnert an 刑 xíng „Strafe".
- ↑ 荣禧堂 Róngxǐ táng „Halle des Glanzes und der Glückseligkeit" — Empfangshalle der Rongguo-Residenz, die wegen ihrer prächtigen Ausstattung (kaiserliche Inschriften, antike Bronze, kostbare Kalligraphien) sofort den hohen Rang der Familie signalisiert. Das „Geschenkt vom Kaiser an Herzog Rong"-Schild unterstreicht den engen kaiserlichen Rückhalt — den die Familie im Romanverlauf nach und nach verliert. Die Spruchpaar-Tafel ist von 穆莳 Mù Shí (Erbherzog von Dong'an) signiert: ein realer Adelstitel im Roman, der auf die enge Verflechtung der „acht Banner-Familien" verweist.
- ↑ 混世魔王 Hùnshì Mówáng „Welt-verwirrender Dämonenkönig" — Anspielung auf die gleichnamige Dämonengestalt aus dem Roman 西游记 Xīyóujì („Reise nach Westen"). Der Spitzname für Schatzjade ist halb scherzhaft („Familienunglücksbringer") und halb anerkennend (außergewöhnliches, der sozialen Norm widersprechendes Wesen). In der jiapu-/Familienethik der Qing-Zeit war ein Sohn, der die Beamtenkarriere ablehnte und sich stattdessen in den Frauengemächern aufhielt, tatsächlich „chaotisch" für die Familienordnung.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. 李 lǐ „Pflaume" (Familienname); 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" (Symbol der tugendhaften Witwenschaft). Frau des verstorbenen ältesten Sohnes der Wang (贾珠 Jiǎ Zhū / Perle Kaufmann); im Roman als mustergültig-keusche junge Witwe gezeichnet, die sich der Erziehung ihres Sohnes 贾兰 Jiǎ Lán („Orchidee") widmet.
- ↑ 通灵宝玉 Tōnglíng Bǎoyù „Geistdurchdringende Schatz-Jade" — der von der Göttin Nüwa zurückgelassene Stein (Kap. 1), den ein Mönch mit Schriftzeichen gravierte und der Schatzjade bei der Geburt im Mund lag. Er ist Talisman, Schutzamulett und Lebenszeichen zugleich; sein Verlust bzw. seine Rückkehr in die mythische Sphäre rahmt den gesamten Roman. Die Inschrift „Verliere mich nicht, vergiss mich nicht — ewige Jugend, ewiges Leben" (莫失莫忘,仙寿恒昌) korrespondiert spiegelbildlich mit der Inschrift auf dem Goldschloss der Schatzspange (Xue Baochai), was im Folgekapitel zur „goldnen-Jade-Verbindung" wird — Quelle der zentralen Spannung Schatzjade ↔ Schatzspange ↔ Kajaljade.
- ↑ 西江月 Xījiāngyuè ist eine klassische Ci-Versform (Melodie).
- ↑ 颦颦 Pínpín „die zwei Stirnrunzelnde" — Anspielung auf 西施 Xī Shī, eine der vier klassischen Schönheiten Chinas (春秋 Chunqiu-Zeit), die der Legende nach so schön war, dass sie selbst beim Stirnrunzeln wegen Brustschmerzen noch lieblicher wirkte (东施效颦 Dōng Shī xiào pín, „Dong Shi ahmt das Stirnrunzeln nach"). Schatzjades phantasievolle Etymologie aus „Alten" und „Breiten Wörterbüchern" ist absichtlich humorvoll-erfunden — eine Parodie auf gelehrte Pseudo-Etymologien. Im weiteren Romanverlauf wird Kajaljade aber tatsächlich mit Xi Shi verglichen.