Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 1

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Kapitel 1: In der Phönix-Stadt hat ein Ritterherz Mitleid mit einem Liebespaar

Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766

Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.

Erstes Kapitel. In der Stadt Tah-ming a) lebte vormals ein junger Mensch, der sich auf die Wife. A senschaften legte, und Tieh-tschong-u hieß. Sein Körper war eben so schön, als seine Seele, und er wurde, wegen der Vortreflichkeit feiner Person, die dem schönsten Frauenzimmer gleich tam, der schöne Tieh genannt. So an genehm und einnehmend aber feine Gestalt war, so hihig und ungestům war sein Naturell. Er war kühn, und von schneller Entschließung, die ihm erzeigten Beleidigungen zu rächen, ohne vor feine Obern Ehrerbietung zu haben. Er war aber auch A 2 a) Tah-ming-fu ist eine Stadt vom ersten Range. Sie liegt in der Provinz Pe-tsche-li, der Stadt Pe - king gegen Süden. Man lese du Halde Beschreibung von China, Rostock, 1747. 1749. 4. in vier Bänden, nebst den Zusäßen, ebendas. 1756. 4. 1 Th. S. 144. Fu oder fou bedeutet eine Stadt vom ersten Range. auch höchst gerecht, menschenfreundlich, großmů, thig, und von einer edlen Denkungsart. Nie- mals schäßte er sich glücklicher, als wenn er im Stande war, Unglücklichen beyzustehen. Seis Tieh- Sein Vater, so Tieh-ying hieß, war ein Mandarin, der die Gerechtigkeit ausübte. ne Mutter nannte sich Sheh - sheh. ying gehörte zu einem der vornehmsten richterli chen Aemter des kaiserlichen Palastes. Er ents fernete seinen Sohn, wegen seiner hefftigen Ge- müthsart, von sich, und ließ ihn in seinem Hause, fo er in einer andern Stadt hatte b), wohnen, weil er befürchtete, er möchte ihm etwan Verdruß bey Hofe verursachen. Dafelbft lebte Tieh-tschong-u vor sich, beschäftigte sich mit Studieren, und pfleg» te zumeilen seinen Geist in Gesellschaft andrer auf- zuheitern. Als er sein sechzehntes Jahr angetre ten hatte, waren feine Weltern darauf bedacht, ihn zu verheurathen c). Sie gaben ihm ihren Vor- fat b) Die Mandarinen pflegen in China ihre Hduser nicht in denjenigen Städten zu haben, wo sie ihr Amt bekleiden, damit, so viel möglich, alle Partenlichkeit vermieden werde. Du Halde, 2 Th. S. 49. c) Die Chineser sind so eifrig darauf bedacht, Nachkom, men zu hinterlassen, daß ein Vater nicht eher vergnågt und ruhig lebet, als bis er alle seine Kinder verheurathet hat. Daher sind sie darauf bedacht, ihre Kinder ben Zeiten durch eine Heurath zu versorgen. Man hat Beyspiele in China, daß Verbrechern, so den Tod verdienet, und welche ohne Kinder waren, ver- stattet zu erkennen; allein er war hierinn gar nicht ein- stimmig mit ihnen. Er stellte ihnen vor, daß die Ehe nicht so, wie eine Bekanntschaft beschaffen fen, die man bey dem geringsten Mißfallen wieder aufheben kann d), und daß er in seiner Wahl forg fältiger seyn wollte, als es insgemein geschiehet, wenn er eine Neigung zu einer Heurath tragen würde; allein dieses könnte nicht ehender gesche, hen, als bis er ein Frauenzimmer angetroffen ha- be, deren Person und Geist mit allen Arten von Vollkommenheiten gezieret wäre. Diese Vorstel Lungen wirketen bey feinen Aeltern so viel, daß sie ihn in dieser Sache seinem eigenen Willen über- ließen. Als er zwanzig Jahr alt war, und einstens fich die Zeit mit Lesung einer Geschichte verkürzte, las er in dem Leben eines Kaifers, daß derselbe R A 3 fich stattet wurde, ihren Weibern beyzuwohnen, weil ihre Familien in Gefahr stunden, zu verlöschen. Es wurde daher die Vollstreckung des Todesurtheils so lange aufge schoben, bis sich ihre Weiber schwanger befanden. Du Halde, 2 Th. S. 160. 163. d) Bey den Chinesern kann keine Ehescheidung ftatt fin den, wenn die Ehe nach allen Formalitäten geschloffen worden. Ihre Geseße erlauben zwar in einigen wenigen Fällen die Trennung, worunter der Ehebruch oben an ftehet; allein man hat gar selten Beyspiele davon, und wenn die Sache auch zu Schulden kömmt, so geschiehet es gemeiniglich unter dem allérniedrigsten Pöbel. Du Halde, 1Th. S. 146. Lettres édifiantes, Recueil 26. S. 107. fich das Herz c) eines feiner Mandarinen, der Pi-kang hieß, ausgebetben habe, um für die Kaise e) So wild und ausschweifend dergleichen Dinge uns schei- nen, so sind sie doch bey den Chinesern gewöhnlich. In einem ihrer moralischen Bücher wird das Bezeigen des Tsi king als ein Mußer des kindlichen Gehorsams an- gepriesen. Dieser hörte, daß kranke Leute, wenn alle Hülfe verlohren zu seyn schien, zuweilen durch den Ge- nuß des Menschenfleisches wieder genesen wären. Et schnitt daher ein Stück aus seiner Wade, und gab es feiner Mutter zu essen, die gefährlich krank lag. Du Halde, 2 Th. S. 419. Einer ihrer Kaiser bediente sich, bey Erbauung eines prächtigen Grabmaals, solcher Lampen, welche mit Menschenfette unterhalten wurden. Noch im Jahre 1746 wurde ein Mißionarius in Ver- haft genommen. Weil man nun bey ihm einige weiße Wachskerzen fand; so bildeten sich die Chineser, bey des nen das Wachsbleichen etwas unbekanntes ift, sogleich ein, sie waren von Menschenfette gemacht. Nicht nur das gemeine Volk, sondern auch die Mandarinen selbst glaub. ten dieses, ob sie es gleich hätten wissen sollen. Lettres édi- fiantes & curieufes écrites des miffions étrangères par quelques Miffionaires de la Comp. de Jesus. Paris, 1702 - 1758. 12. Recueil 27. p. 365. Was diese oben erzählte (Geschichte von Pi-kang an: betrifft, so ist dieselbe unter den Chinesern sehr bekannt. Ihre Schriftsteller erzählen sie also: Der Kaiser Tschu, welcher 1127* Jahre vor Chrifti Geburt regierte, und der

  • ) Im Englischen stehet irrig 1154. Man sehe du Haldė

1 Th. S. 283. Kaiferinn, fo eben krank war, einen Arzneytrank daraus zubereiten zu laffen. Pi-kang ließ sich sogleich willig öffnen, und fein Herz, dem Willen des A 4 der Wero der Chineser ist, hatte eine sehr gottlose Ges mahlinn, Namens Tą: kia, auf deren Ansisten er uns adhlige Grausamkeiten begieng, und sich überall verhaßt machte. Einer seiner Vettern, so Pi-kang hieß, sagte bey sich selbst: „Es ist besser, zu sterben, als länger still „zu schweigen: wenn auch der Tyrann meiner Vorstel- „lung nicht Gehör geben will, so wird es doch mein Was „terland, und die Nachwelt thun.« Er redete hierauf den Kaiser an, der seine Verweise mit Verachtung und Grimm anhörte. Man sagt," gab er zur Antwort, „daß. die Weisen sieben Herzkammern haben *): ich will das her sehen, ob sich dieses ben Piskang also verhält, der "so viel Wesen von seiner Weisheit und Tapferkeit ma "chet. Er befahl sodann, seine Bruft zu öffnen, und bez trachtete dessen Herz, als man es ihm brachte, mit vie- lem Höhnen und Spotten. Dn Halde, 1Th. S. 285, 2 Th. S. 430. Martini Martinii Sinicae hiftoriae, decas. prima. Amst. 1659. 8. P.94, "

  • ) Dieses zielet auf eine bekannte Redensart in China,

womit sie die größte Tapferkeit und Weisheit ihrer Hei- ligen oder Helden ausdrücken. Die Chinesischen Ge- schichtschreiber versichern uns, daß diese Kaiserinn Ta: kia die Mode der kleinen Füßfe unter dem Weibsvolke eingeführet habe, weil die ihrigen sehr klein waren. Sie band dieselben mit Schnüren sehr feft, und woll- te das für eine ausgesuchte Schönheit gehalten wissen, was eigentlich eine zufällige Unvollkommenheit war. Dn Halde, 12h. S. 285. Martini Sin, hift, p.94. 8* des Kaifers zufolge, herausnehmen. Der junge Tieh tschong-u bemerkte hieben, wie sehr die Großen dem gefährlichen Eigensinne der Fürsten unterworfen sind. Noch mehr aber wurde er durch die große Selbstverläugnung des Pi-kang in Bewunderung verseßet, und diese Ueberlegun- gen führten ihm seine Pflicht und den Gehorsam f). zu Gemüthe, den er seinen Aeltern nicht geleistet hatte. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ihm sein Herz beständig Vorwürfe deswegen machte. Endlich entschloß er sich, zu ihnen zu reisen, sich zu ihren Füssen zu werfen, und sie we gen seiner Halsstarrigkeit um Vergebung zu bit- ten, die ihn so lange von ihnen entfernet hatte. Er stund mit diesem Entschluffe frühe auf, nahm nur einen Bedienten, Namens Siau-tan mit sich, und trat die Reise nach hofe an. Nach zween Tagereifen, die er, aus Verlangen, feinen Vater zu sehen, in größter Eile zurückgeleget, oh, ne fast auf Ruhe, oder Erfrischung zu denken, fabe f) Die Handschrift des englischen Uebersehers füget noch diese Worte hinzu: welcher die nächste Stelle nach demjenigen hat, den man dem Kaiser schuldig ist. Diese Verbindung der Begriffe ist den Chinesern eis gen, derca Regierungsform blos patriarchalisch ist, und bey welchen diese Grundsäße zu Stüßen ihrer Staats: verfassung dienen: daß der Staat eine große und zahls reiche Familie ist; daß Könige in ihrer Regierung alle Zdrtlichkeit eines Vaters, und Vdter bey ihren Fami lien alle Zärtlichkeit eines Königes haben sollen. Du Halde, Th. S.419, 420. 2 Th. S.29. " fabe er bey berangehender Nacht kein Haus vor fich, das zur Beherbergung der Reisenden bestimmt war g). Endlich kam er an ein großes Dorf, das in einiger Entfernung von dem Orte lag, wo er sich befand. In der Nähe waren etliche schlech te Hütten, die zum Aufenthalte sehr armer Leute dieneten. Er hielt bey einer davon still, und ruf- te. Eine alte Frau kam sogleich herbey. Da fie ihn in der Kleidung eines Studenten erblickte, fagte sie zu ihm: „Siang-cuhn, d. t. Junger „Herr, ich vermuthe, sie sind vom Hofe hieher ,,gekommen, Wey-siang-cuhn, d. i. unfern ,,jungen Gelehrten, dieses Dorfes zu besuchen." Er gab ihr zur Antwort, daß er keine solche Per fon kenne. Sie fragte ihn hierauf, warum er sich hieher begeben habe? Tieh-tschöng-u fagte ihr, daß er seinen Weg verlohren, und bath fie, ihm in ihrem Hause ein Nachtlager zu gönnen. Sie nahm ihn auf das bereitwilligste auf; nur bedauerte sie es, daß sie ihn nicht standesgemäß bewirthen konnte h). Sein Bedienter Siau- A 5 tan g) Die Gasthöfe sind gemeiniglich in China sehr schlecht bestellet. Sie bestehen meistens aus vier Wänden von Thon, ohne Fußboden oder Estrich. In den größten Heerstrassen aber sind sie geraumer und schöner. Reisen- de müssen aber ihre Betten mit sich führen, so in ein paar Matraßen bestehen, wenn sie nicht auf bloßen Strohsdcken liegen wollen. Du Halde, 2 Th. S. 65,66. h) Kein Volck in der Welt übertrifft die Chineser an Ce- remonien und Höflichkeitsbezeigungen, und diese gezwun- gene Höflichkeiten findet man auch bey den schlechtesten Leus tan trug fein Bett und übriges Reisegeräthe hinein in das Haus, allwo ihm die gute Alte einen Plat für sein Pferd anwies, ein Zimmer mit reinem Stroh belegte, und ihm Thee brachte. Tieh-tschong-u erholte sich nach und nach. von der Beschwerlichkeit seiner Reife. Er fragte sie, warum sie sich so genau bey seiner Ankunft erkundiget habe, und wer denn dieser junge Ge- lehrte sey, von dem sie ihm Meldung gethan? Sie wissen vielleicht nicht, versezte sie, daß dies ses Dorf vor diesem nicht Wey-tswůn i) bieß, wie jest, sondern daß es seinen Namen von einer Familie hat, die allhier wohnet, und ehedem bey Hofe fehr, hoch gehalten wurde, nunmehr aber in die größte Niedrigkeit heruntergefeßet ist. Dem Himmel sey Dank, daß doch einer davon gelehrt ist, ob er gleich sich in Dürftigkeit befindet. Er reisete Leuten, bey denen fie viel Gutes stiften. „Ich befand „mich einsmals, sagt Vater le Fontenay, auf einem „sehr engen und tiefen Wege, allwo sich gar bald eine »Menge Karren häuften, und einander hinderten. Ich „vermuthete, daß die Fuhrleute zornig werden, einander „schmähen, und wohl gar schlagen würden, wie es in „Europa zu geschehen pfleget; allein ich sahe mit Erstau- „nen, daß sie einander grüßeten, freundlich mit einander „redeten, als ob sie schon lange bekannt gewesen wären, „und einander hülfliche Hand leisteten, Raum zu ma- „chen.“ Du Halde, 1Th. S.133. Montesquieu Geift der Gesefe, 1Th. S. 441. i) Thwün bedeutet im Chinesischen ein Dorf. II reisete nach Hofe, sich daselbst prüfen k) zu laf- fen. Daselbst traf er einen Freund an, der ein gelehr k) Diese Prüfungen, oder examina heißen in der chinesis schen Sprache Rau-shi. Da alle Bedienungen in Chis na nach persönlichen Verdiensten ausgetheilet werden, so ist es kein Wunder, daß die Wissenschaften bey den Chinesern in der höchsten Achtung stehen. Vielleicht ist dieses eine von den Hauptursachen, warum ihr Reich von ihnen Tayat sing ke, das Reich der großen Reinig- keit, genannt wird. Diese Prüfungen der jungen Stu- dierenden geschehen mit der ausgesuchtesten Wohlanstdn- digkeit, Hoheit, und Richtigkeit. Sie müssen verschies dene geringere Examina ausgehalten haben, ehe sie zu der Prüfung für die Würde eines Sieoutsai gelassen werden, welche ziemlich mit dem Grade eines Bacca- laureus auf unsern Universitäten übereinkommt. Dieses Examen wird alle drey Jahre einmal in den weiteßen Dertern der Provinzen vor den Mandarinen gehalten, und es erlangen nicht leicht vier bis fünf unter hunders ten diese Würde. Der zweyte Grad heißt Riu-gin, (Magister oder Licentiat.) Die Prüfungen dazu wers den ebenfalls alle dren Jahre in der Hauptstadt einer je den Proving vorgenommen. Es müssen alle Sicou-tsai dabey gegenwärtig seyn, und es werden öfters kaum fechszig unter zehntausend mit dieser Dignität, bechret, die sie in den Stand sehet, niedere Bedienungen zu er- langen. Die höchsten Stellen aber werden denen zu Theil, welche den Grad eines Thin: fee, oder Doctors, erhalten. Die Riu's gin dörfen sich nicht eher, als ein Jahr nach Erlangung ihrer Würde, zur Prüfung wegent dieses dritten und höchsten Grades melden. Się find auch nicht verbunden, bey diesem Eramen sämmtlich sich einzus gelehrter Mann ist, und sich Han-yuen´nennet. Dieser gewann ihn so lieb, daß er ihm feine einzi- ge Tochter zur Frau geben wollte. Er ließ ihm daber ein Ehepfand nehmen. Es sind nun schon bereits vier Jahre verflossen 1), daß er mit ihr verlobet einzufinden, welches zu Peking, in Gegenwart des Kaisers felbst, gehalten wird, und der selten mehr, als hundert und funfzig unter fünf bis sechstausend Candida- ten, zur Würde eines Tsïn-see, erhebet. Ein jeder die- fer Grade wird nach Beschaffenheit der Fähigkeit der Candidaten in der Geschichte, Staatswissenschaft, Sit- tenlehre, ertheilet. Insonderheit sieht man sehr auf die Geschicklichkeit, in ihrer Sprache Bücher zu verfertigen, ynd auf die Kenntniß der Geseze. Die Kriegsleute ha- ben eben solche Proben und Grade, wie die Gelehrten. Wie sehr ist es zu wünschen, aber wie schwer zu hoffen, daß in Europa, und insonderheit in Deutschland, unter hunderten, die sich um akademische Würden melden, auch nur etwan vier bis fünf sie erlangen mögten! Du Halde, 2 Th. S. 299. feq. . 1) Die Mißionarien haben uns noch nicht die Art und Wei- se beschrieben, wie die Chineser ihre Kinder verloben. Es ist sehr gewöhnlich unter ihnen, daß sie ihre Kinder zuweilen gleich nach der Geburt verloben. Die Braut bleibet auch öfters einige Jahre nach der Verläbniß bey ihren Freunden, ehe die Heurath vollzogen wird. „Die „Gebräuche wollen es haben," sagt ein alter chinesischer Schriftsteller, „daß die Mädchen frühzeitig verbeurathet werden. Funfzehn Jahr ist die gewöhnliche Verlo- „bungszeit, und im zwanzigsten soll die Heurath vor sich „gehen." Anjest schieben die Chineser sehr selten die Verheurathung ihrer Kinder so lange auf. The history of verlobet ist, weil ihn seine Armuth hindert, seine Frau nach Hause zu bringen, und sie zu unterhal ten. Vor einiger Zeit sabe sie ein vornehmer Man- darin, verliebte sich in fie, und wollte sie zu sei ner zweyten Frau, oder Concubine, machen, wel- ches aber ihre Aeltern durchaus nicht verstatteten. Der mächtige Mandarin wurde hierdurch so sehr aufgebracht, daß er verschiedene Mittel versuchte, fte mit Gewalt zu entführen. Endlich gelung ihm dieses. Wey siang cuhn erfuhr diese That, und gieng nach Hofe, seine Klage vorzu- bringen. Da er aber nicht wußte, was für Mit- tel zu ihrer Befreyung er ergreifen sollte, und weder von seiner Frau, noch von ihren Anverwandten Nachrichten einholen konnte, weil sie der Mandarin in Verwahrung bringen laffen, kehrete er wieder verzweiflungsvoll nach Hause zurücke. Von die ser Zeit an befürchtete seine Mutter, er mögte sich etwan selbst das Leben nehmen, und bat sich den Beystand ihrer Nachbarn aus, dieses Unglück zu verhüten. (6 Sie redete noch, als man ein großes Getöse auf der Straffe hörete. Sie sahen mitten unter einer großen Menge Volkes einen jungen Men- schen, der blau m) gekleidet war, und bitterlich weine- of China etc. lately written by F. Alv. Semedo, now put into English, Lond. 1655. fol. p. 71. Duhalde, 2 Th. S. 142. feq m) Die Kleidung derer, welche den ersten Grad in der Ge- Lehrsamkeit erlangen, und Sieou atsai heißen, bestehet in einem weinete. Das Weib wurde auch ihres Mannes gewahr, den sie zu sich rief, und ihm von ihrem Gaste Nachricht gab. Er gab ihr einen Verweiß, daß sie nicht sogleich eine Abendmahlzeit für den Fremden zubereitet habe, und befahl ihr, etwas zuzurichten. Tieh-tschong-u befragte ihn, ob des jungen Studenten Frau bey Tage, oder ben Nacht entführet worden. Man sagte ihm, bey Tage. Auf Befragen, ob es niemand gesehen habe? erhielt er zur Antwort, daß es verschiedene Personen gesehen hätten, welche aber aus Furcht keine Zeugen abgeben wollten, weil niemand kühn genug wåre, wider einen so großen und mächtigen Mandarin n) ein Zeugniß abzulegen. Hier un- terbrach = einem blauen langen Rocke, der rund herum schwarz eingefasset ist, und in einer Müse, auf welcher ein zine nerner oder silberner Vogel ist. Die von dem zweyten Grade, so Riu gin heißen, tragen eine Kleidung ven bräunlichter Farbe, mit einer blauen Einfassung. Der Vogel, den sie auf ihrem Hute tragen, ist theils von mass fivem Golde, theils von Kupfer und stark übergoldet. Die vom höchsten Grade, oder Tsin: see, unterscheiden 'sich wiederum von den andern durch ihre Kleidung, und insonderheit durch einen Gürtel, den sie beständig bey ihren Ehrenstellen tragen, der aber, nach Beschaffenheit ihrer Bedienungen, immer reicher und prächtiger ist. Du Halde, 2 Th. S.300, 301. und 37. §. 21. n) Mandarin, oder Mandarim ist ein portugiesischer Name, der einen Befehlshaber bedeutet, und von man- dar, (lat. mandare) befehlen, herkommt. Da die Pore tugiesen die ersten waren, so nach China tamen, gaben fif Terbrach sie das alte Weib, und bat, nichts mehr von dieser Sache zu erwähnen, weil man kein Mittel ergreifen könnte. Tieh-tschong-u gab ihr lächelnd zur Antwort: „Jhr guten Dorfleute send so verzagt und zweifelhaft! Vielleicht wisset ihr die wahre Beschaffenheit dieser Sache nicht, und faget mir bloße Erdichtungen vor. Ganz und gar nicht, verseßte sie, ich weis, daß alles wahr ist: woben sie sich über seine Zweifelhaftigkeit år- gerte." Ein Better von mir, der den Hof mit Stroh verfiehet, war zum Glücke gegenwärtig, als die junge Frau, nebst ihrem Vater und Mutter, in den Palast des Mandarins geführet wurde, den ihm der Kaiser verehret, und zu seiner Luftwoh- nung fie diesen Titel allen chinesischen Magistratspersonen und Kriegsbedienten ohne Unterschied. In der Landessprache heißen sie Quan-fu, Präsidenten, und Lau-yi, Her- ren oder Gebieter, wegen ihrer Würde. Dieser lehte Name wird eigentlich den Gelehrten vom ersten Range, fie mögen eine Bedienung haben, oder nicht, gegeben. Zuweilen aber bechret man auch andere damit. Man rechnet im ganzen chinesischen Reiche dreyzehntausend und sechshundert Mandarinen. Diese bestehen aus neur Claffen. Die Kriegsmandarinen bestehen aus fünf Class sen, und man zählet ordentlicher Weise achtzehntausend derselben. Sie müssen durch verschiedene Examina ges hen, und baben auch, wie die Gelehrten, drey Stufen. Sie müssen erst Kriegsbaccalaurei, hernach Kriegslicen tiaten, und endlich Kriegsdoctores werden. Du Halde, 2 Th. S. 37, 55. u. f. f. Lettres édifiantes, Rec. 3. S. 132, Allgem. Welthift. der neuern Zeiten, 7 Th. S. 537- nung verstattet hatte. Es darf niemand in den felben kommen, als nur diejenigen, denen der Kaiser den Zutritt gestattet." „Warum gabet ihr dem jungen Ehemanne keine Nachricht davon?“ fagte Tieh- tschong-u. Was hätte dieses ge- holfen? versezte sie: das Widersehen ist hier ver- geblich." Er erkundigte sich, wo der Pallast ste. he? Sie sagte ihm, daß er außerhalb der Stadt wåre, und daß niemand sich demselben nähern dürfe, wenn er ihn auch entdecket haben würde. Weil das Abendessen aufgetragen wurde, so mach- ten sie dem Gespräche ein Ende. Nach der Mahl- zeit rief er seinem Diener Siau -tan, das Bett zurechte zu machen, weil er müde und schläfrig war. Als er am folgenden Morgen sein Frühstück eingenommen hatte, befahl er seinem Diener, der alten Frau fünf Tsien 0) auszuzahlen. Er nahm o) Das chinesische Pfund beßkehet aus 16 Unzen, welche Unze die Chineser Leang, die Portugiesen aber Taels nennen. Das Gewicht Leang, so fünf französische Li- vres macht, wird wieder in zehn Theile abgetheilet, die bey den Chinesern Tsien, bey den Portugiesen Maz, und bey den Engländern Mace heißen. Der Tsien oder Maz wird wieder in zehn Fuen, oder französische Sols abgetheilet; der Fuen oder Sol aber in zehn silberne Li. Da ein Tael eine Unze Silber ist, so werden die Einkünf- te des Kaisers von China jährlich auf zweyhundert Mil- Honen Taels gerechnet, welche eine Summe von tausend Millionen Livres, oder funfzig Millionen Pfund Ster- ling beträgt. Du Halde, 2. Th. S. 21, 197 feq. nahm hierauf von ihr Abschied, und dankte ihr für ihre höfliche Aufnahme. Sie entschuldigte fich, daß sie ihn nicht besser bewirthen können, und bath ihn insonderheit, ja nichts von dem, was sie ihm gesagt habe, sich merken zu lassen, weil es so wohl seine als ihre Sicherheit erfordere, das genaueste Stillschweigen zu beobachten. ,,Was gehet mich diese Sache an? antwortete er. Eure höfliche Aufnahme ist es, die ich in Angedenken haben muß: Fürchtet nichts.“. Sie begleitete ihn hierauf bis an die Landstrasse, und beurlaubte fich von ihm. Tieh-tschong -u bestieg sein Pferd, und war kaum etliche Lys p) fortgeritten, als er in einiger Entfernung vor ihm Wey - siang-cuhn erblickte, der in der äußersten Wuth und Verzweifelung den Himmel anrief, und sich wegen seines Schicksals beklagte. Tieh-tschong-u hatte ihn kaum wahr, genommen, als er in aller Eile auf ihn zuritte, vom Pferde stieg q), ihn auf die Schulter klopf- te, und ihm zurief: Mein Bruder, überlasse dich nicht der Verzweiflung: die Ursache deines Kummers kann gehoben werden. Ich will mein "" möglich. so weit man ei- Zehn Lys machen. Du halde, 1Th. p) Ly ist ein Maaß in der Feldmeßkunst, ne Menschenstimme vernehmen kann. eine gemeine französische Meile. C.450. 4) Es ist in China gewöhnlich vom Pferde zu steigen, wenn man seines gleichen, oder Vornehmere unterweges an= " trifft. möglichstes than, und ich hoffe deine schöne Ges bieterinn dir wiederum in die Arme zu liefern." Der Gelehrte fabe ihn mit großem Erstaunen an. Er wunderte sich noch mehr, da er eine Person von feinem Anfehen vor sich fand, die ihm gånz- lich unbekannt war. Er sagte nichts destoweniger zu ihm: „Mein Herr, Sie scheinen eine Stan desperson zu seyn: ich bin ein armer und schlech- ter Mensch. Ich habe noch nie die Ehre gehabt, Sie zu sehen. Ich befinde mich in der größten Sorge und Betrübniß; aber ich weiß nicht, ob Ihnen mein Unglück bekannt ist. Ihre Worte ha. ben mich so sehr aufgerichtet, daß ich glaube, fie können nur vom Himmel kommen. Aber, ach! es ist alles vergebens! Mein Unglück ist so groß, daß es nicht möglich für Sie ist, mir Hülfe zu schaffen, wenn Sie auch ein Engel wåren r).“ Tieh-tschong-u lachte, und sprach: „Sie er- regen meine Neugier noch mehr: wenn ich diesen Knoten r) Die Chineser glauben eine Art von Schußgeistern, oder guten Engeln. In ihren Städten sind eigene Tempel für diese guten Genii, in denen die Mandarinen Opfer darbringen. Sie opfern auch den Geistern der Flüsse, Berge, vier Theile der Welt, u. s. w. Nach dem To- de des Kaisers Vou - ti, aus der Dynastie Han, 36 Jaha re vor Christi Geburt, wurden zween der berühmtesten Lehrer öffentlich berechtiget, diejenige Art der Verehrung zu erhalten, die man den Geistern in öffentlichen Tein- peln hin und wieder zu erweisen pflegte. Du Halde, 3 Th. S. 24, 37. feq. (6 Knoten nicht aufldse, so soll die Welt mich ausla- chen. In den vorigen Zeiten gab es Helden, so -große Thaten volibrachten, warum sollte es an- jegt nicht mehr möglich seyn?" Wey-siang- cuhn glaubte, allhier etwas außerordentliches zu finden, und versezte: „Ich sehe, mein Herr, daß Sie eine Person von besondern Verdiensten find. It es mir erlaubt, Sie um ihren Namen zu fragen?",,Dieses ist eben vorjego nicht noth wendig, erwiederte Tieh-tschong-u, für Sie, zu wiffen; aber ich bitte mir Ihren wahren Nah, men aus, und ich möchte auch gerne den Ort Jhe res Aufenthaltes wissen, weil ich noch mehrers mit Ihnen zu reden babe." „Mein Name, sagte er, ist Wey-zhey s). Ich würde suchen, meis nem Leben ein Ende zu machen, wenn ich nicht eis ne Mutter hätte, welche eine Wittwe ist, und des ren Unterhalt blos auf mir beruhet. Ich ertrage meine Unfälle wegen ihrer, und habe auf alle mög- liche Mittel gedacht, meinem Unglücke abzuhelfen. Anjeht weiß ich nichts anders zu unternehmen, als eine Bittschrift aufzufeßen, und mich nach Ho fe zu verfügen, sie daselbst einem Mandarin zu überreichen. Wird er sie nicht annehmen, so will ich zu einem andern gehen, und so will ich fort- fahren, bis ich einen finde, der sie annimmt. B 2 Sollte "" s) Denn der andere Name Wey - siang - cuhn war ein bloßer Ehrenname, weil er sich mit der Gelehrsamkeit beschafftigte, und heißt so viel, als unser hochgeehrter Herr. Sollte mir keiner Gerechtigkeit widerfahren lassen, so ist nichts mehr für mich übrig, als der Tod. Ich werde aber vor den Augen der Welt sterben,' und nicht in geheim auf eine schlechte Art.“ Hier nahm er seine Bittschrift heraus, und gab sie Tieh- tschong-u, der sie las, und fand, daß der Va ter der Entführten ein Kiu-gin, oder Gelehrter vom zweyten Range, sey. Es war ihm auch der Mandarin, so diese gewaltsame That begangen hatte, nicht unbekannt. „Gut, gut, fagte er, diese Bittschrift ist ganz recht, und muß dem Kaiser überreichet werden: er allein ist mächtig. Es wird nichts nüßen, sich an ein oder anderes Gericht zu wenden. Es wür de auch nicht rathsam seyn, daß Sie selbst dem Kaiser Ihre Bittschrift überreichen. Ueberlaffen Sie dieselbe meiner Vorsorge: vielleicht finde ich Gelegenheit, Ihnen zu dienen. Wey-zhey bückte sich nieder, und umfassete seine Füsse. „Herr, sprach er, die Freude, welche Ihr Mitleideu in meinem Herzen erwecket, ist den hervorkeimenden zarten Blättern der dürren Aeste eines Baumes ähnlich. Da Sie mir die Gefälligkeit erzeigen, und meine Bittschrift selbst bekannt machen wollen, fo habe ich keine Zeit zu versäumen. Erlauben Sie mir, daß ich den Füssen Ihres Pferdes folgen, und Ihnen bey Hofe aufwarten darf.“ würde viel Aufsehen machen, erwiederte Tieh- tschong-u, wenn Sie mit mir gehen würden: es ist viel besser, Sie kehren wiederum in ihr Dorf zurück. Ich werde Ihnen innerhalb zehn Tagen Nach- Eg Erftes Buch. Nachricht ertheilen. ,,Mein werthester Herr und Freund, verseßte Wey-zhey, ich achte diese Ge- fälligkeit, so Sie mir erzeigen, so schågbar, als Himmel und Erden." Er vergoß Thrånen, und machte ihm eine tiefe Verbeugung. Tieh tschong-u ermahnete ihn, Muth zu faffen, nahm die Bittschrift aus seinen Hånden, und steckte sie in seinen Aermelt). Hierauf nahm er Abschied `von ihm, stieg auf sein Pferd, und ritte fort. Wey-zhey blieb mit Erstauuen stehen: seine Aus gen waren so lange auf Tieh-tschong-u gerich tet, bis er ihn aus dem Gesichte verlor. Er wußte nicht, ob er das, was ihm begegnet, für eine wirkliche Begebenheit, oder für einen Traum halten sollte. B.3 Zwey- " t) Die Chineser tragen Aermel, die von der Schulter an sehr weit sind, und unten bis an die Fauft immer enger zusammen laufen, wo sie sich in der Gestalt eines Huf- eisens endigen, die Hände bedecken, und weiter nichts, als das dußere Ende der Finger, sehen lassen. Sie um- gürten sich mit einem langen seidenen Gürtel, dessen außerste Ende ihnen bis auf die Knie herab hangen, an welchen gemeiniglich ein Futteral befestiget zu seyn pfle- get, darinnen ein Messer, zween, kleine Spiesse, deren fie sich statt der Gabeln bedienen, ein Beutel, und der- gleichen, befindlich ist. Auf der Reise tragen sie einen Rock von schwarzer oder Violetfarbe über dem langen Unterkleide, der bis auf die Knie herab hanget, mit wei- ten und kurzen Aermeln. Du Halde, 2 Th. S.99, 101. Hoah Kidh Tschwen. Zweytes Kapitel Das Dorf Wey-tswün war funfzig Lys vom Hofe entlegen, allwo Tieh- tschong-u in zwo Stunden ankam. Er eilete sogleich dem Hau- se seines Vaters zu, und traf in demselben alles stille und ruhig an: niemand ließ sich vor der Thüs re sehen. Er stieg vom Pferde, und giena in den Audienzsaal; allein er fand weder einen Gerichts- bedienten, noch sonst jemand allda, mit dem er sprechen konnte. Er wollte weiter a) gehen, fand aber a) Die Hduser der vornehmsten Mandarinen haben zuwei- len vier bis fünf Vorhöfe. Inwendig findet man einen großen Plat, darauf sich diejenigen versammlen, die ents weder einen Proceß abwarten, oder Bittschriften über, geben. Auf beyden Seiten befinden sich kleine Verschld- ge, wo die Bedienten des Tribunals ihre Sachen aus- fertigen. Darauf folgen drey Pforten, die aber nicht eher geöffnet werden, als wenn der Mandarin den Rich- terßuhl besteiget. Die mittelste unter denselben ist die größeßte, und es dürfen nur die vornehmen Personen durch dieselbe gehen. Die andern gehen durch die'zu beyden Seiten liegenden ein. Es folger darauf ein gros- fer Hof, an deffen dußerstem Ende der Audienzsaal ist, wo der Mandarin Gericht hält. Hinter demselben fol> gen Såle, wo er die Besuche anzunehmen pfleget. Sie find nett und schön, voller Stühle, und mit artigem Hausgeräthe geschmücket. Und so sind an den meisten Oertern die Tribunale der Mandarinen beschaffen. Ih- re Bedienten sind Schreiber, Notarien, u. s. f. Man kommt sodann in einen andern Hof, und aus demselben in aber die Thüren fest verschlossen. Er klopfte und rufte laut. Als ihn die Bedienten inwendig vér- nahmen, öffneten sie die Thüre, und da sie ihren jungen Herrn erblickten, schrien sie:,,Schlimme Neuigkeiten? Es stehet übel aus!" Auf Be- fragen, in wie ferne? gaben sie ihm zur Antwort: „Unser Herr ist auf des Kaifers Befehl ins Ge- fångniß geleget worden: Sie sind eben zu rechter Zeit angelanget. Eilen Sie doch in das Zimmer Ihrer Mutter, unsrer Frau, und geben ihr Trost und Rath." Tieh - tschong - u wurde hierüber so bestürzt, daß er sprachlos sich zu dem Zimmer feiner Mutter führen ließ. Man nannte sie Shehafu-jin, oder Mylady Sheh. Als sie ihn erblickte, hielt sie ihn bey dem Aermel, und B4 rief: in einen Saal, der weft schöner ist, als der vorhergehen de, dahin niemand, als besonders gute Freunde geführet werden. Rund herum wohnen die Bedienten des Man- darins. Hinter diesem Saal folget ein anderer Hof, wo man eine große Pforte findet, die das Zimmer der Frauen und Kinder verschließet. Keine Mannsperfon unterstehet sich, dahinein zu gehen. Es ist in demselben alles nett und schön. Man sieht Gärten, Gehölze, Seen, Teiche, und alles, was das Auge ergößen kann. Ein jes der Mandarin stellet mit seinem Tribunal dasjenige im kleinen vor, was die sechs Oberhofgerichte zu Pe-king im großen sind. Sie werden von den allgemeinen Landes- einkünften unterhalten, und müssen beständig bleiben, ob gleich mit den Mandarinen selbst manche Veränderung vorgehet, wenn man sie entweder abseßet, oder sie in ans dere Provinzen verschicket. Du halde, 2 Th. S. 103. rief: „Mein Sohn, du bist eben noch zu rech» ter Zeit angelanget. Dein Vater hat die Pflicht eines rechtschaffenen Mannes mit der größten Wachsamkeit und Sorgfalt unermüdet erfüllet b) : er machte sich Tag und Nacht ein Vergnügen daraus, Klagen bald abzuhelfen, und Bittschriften zu über geben. Es hat sich eine Sache von großer Wich- tigkeit zugetragen. Er ist im Gefängnisse, und ich weis nicht, ob er todt, oder noch lebendig ist.“ Tich tschong-u gerieth in die heftigste Betrüb- niß. Als er aber sabe, wie groß der Schmerz und die Traurigkeit feiner Mutter war, fiel er vor ihr auf die Knie, und sagte: „Liebste Mutter, laffen Sie sich trösten, Sie müssen sich nicht der Betrübniß völlig überlassen. Wäre auch die Sa- che so wichtig, als der Himmel hoch ist; so müf- fen wir doch niemals der Verzweiflung Raum ver- statten. Wir wollen uns berathschlagen. Er- zählen Sie mir nur, was sich zugetragen hat.“ Sie hieß ihn aufstehen, und sich niedersegen. Hier- auf redete sie folgendermassen:,,Als dein Vater vor einigen Tagen aus dem kaiserlichen Palaste zurückkam, wurde er auf der Straffe von einem alten Manne und deffen Frau aufgehalten. Ihre

  • Haare hiengen ihnen zerstreuet vom Kopfe herab,

ihr Gesicht war verwundet und blutrünstig, und - ihre b) Im Chinesischen stehet: Dein Vater war heute ein rechtschaffener Mann, er war morgen ein rechtschaf= fener Mann: er war unermüdet, Tag und Nacht, Bittschriften zu übergeben. ihre Kleider zerriffen. Sie warfen sich beyde zu den Füssen seines Pferdes nieder, und schrien um Gerechtigkeit. Dein Vater fragte sie, wer sie wären, und wer sie beleidiget habe? Ich bin ein Gelehrter vom zweyten Range, sagte der alte Mann: mein Name ist Han-yuen. Ich habe eine Tochter, die ich schon lange jemanden verlo- bet habe. Ein vornehmer Mandarin, der sich Tah quay nennet, hdrete von ihr reden, daß sie einige Schönheit befiße, und trug einigen Leuten auf, mir anzutragen, daß er sie zu seiner zweyten Frau, oder Concubine, nehmen wolle. Ich gab zur Antwort, daß ich dieses nimmermehr zugeben könnte, weil ich bereits meine Tochter schon einem andern verlobet hätte. Er könnte mir mein Leben neh men, wenn er Luft hätte; aber niemals würde ich ihm meine Tochter überlassen.. Tah - quay wur de hierüber rafend. Was! schrie er, ich habe einen so billigen Antrag c) gethan, und muß se B 5 hen, e) Die chinesischen Geseze verstatten nur Eine Frau in ei- gentlichem Verstande. Außer der rechtmäßigen Ehegats tinn können sie auch verschiedene Kebsweiber halten, de ren Stand gar nichts ehrenrühriges an sich hat. Allein sie sind der ersten Frau, welche eigentlich die Gebieterinn im Hause ist, sehr unterworfen. Ihre Kinder werden denen, von der ersten Frau, gleich gehalten, und haben das Recht in gleichen Theilen mit ihnen zu erben. Die Städte Nang tscheon und Soutscheou stehen in dem Rufe, daß die meisten Concubinen daher kamen. Du Halde, 2Th. S.143, 145. ben, daß man mir eine abschlägliche Antwort giebt! Ich will versuchen, ob mit Gewalt mehr auszu» richten seyn wird. Er schickte auch wirklich Leute ab, sie zu entführen, und da wir beyde dieses zu verhindern suchten, giengen sie so mit uns um, wie Sie sehen. Dein Vater wurde durch seine Erzählung sehr gerühret, und suchte, ihnen Hülfe zu verschaffen. So bald er nach Hause kam, setz- te er eine Bittschrift an den Kaiser auf. Aber dein Vater hatte leider! fuhr die Dame Sheh fort, so sorgfältig er sonst ist, vergessen, die bey, den alten Leute in Verwahrung bringen zu lassen, fie als Zeugen aufführen zu können. Denn so bald der Kaiser feine Bittschrift gelesen, fragte er, was für Beweise er anführen könne? Dein Va- ter ließ sie sogleich aufsuchen; allein es war um- fonst. Tah-quay hatte schon Nachricht davon, bekommen, und sich der beyden alten Leute be- mächtiget d). Die Furcht vor seiner Macht zog fast alle Mandarinen des Hofes auf seine Seite, als er gleichfalls eine Bittschrift überreichte, in welcher er deinem Vater beschuldiget, das Zu- trauen, so der Kaiser in ihn gefeßet, gemißbrau, chet, und ihn mit falschen Beschuldigungen gegen feine getreue Diener eingenommen zu haben. Dein Bater wurde hierauf seines Amtes entseßet, und in das Gefängniß gesendet. Es ließen zwar ei, nige d) Dieses stimmt vollkommen mit demjenigen überein, was du Halde von den Ungerechtigkeiten der Mandarinen

  • meldet. 2 Th. S.48. Uebers.

nige Mandarinen eine Neigung von sich blicken, ihm benzustehen; allein es half nichts, da er keis ne Zeugen zu seiner Vertheidigung anführen konn- te. Ich glaube, es wird ihm noch das Leben fo ften, wenn er die Zeugen nicht herben schaffen fann." Als sie ihre Erzählung geendiget hatte, beis terte sich das Angesicht Tieh-tschong-u_auf. „Wie? fagte er, Han yuen verursachet alles dieses? Diese ganze Sache hat nicht viel zu be- deuten. Jedermann kennet Han-yuen und fei- ne Tochter, und viele wissen, daß man sich ihrer in ihrem eigenen Hause bemächtiget habe. Seyn Sie nicht mehr traurig, Madam, sondern trösten Sie sich. Beyde können nicht verlohren seyn. Räuber e) und Diebe, wenn sie auch in andere Pro- Es halt für Räuber in China sehr schiver, zu entwi- schen. Denn man findet auf den Hauptstrassen hin und wieder Thürme, auf welchen Schilderhduser für die Schildwachen, und lange Stangen zum Lärmmachen aufgestellet find. In einigen Provinzen trifft man auf diesen Thürmen eiserne Glocken an. Diese Thürme sind theils von Wasen, theils von geschlagener Erde aufge= führet. Ihre Höhe ist zwölf Fuß, und ihre Gestalt vier- eckigt. Die Geseze des Reichs verordnen, daß sie dera gestalt abgetheilet seyn sollen, daß alle fünf Lys cin klei- ner, alle zehu Lys ein großer, auf dem funfzehnten Ly wieder ein kleiner, u. f. f. seyn soll. Es können daher die Mandarinen so gleich von allem Nachricht haben, was sich in ihrem Districte zuträgt, und einer derselben pflegte zu sagen, daß ein Verbrecher im ganzen Reiche feinem "" - Provinzen flüchten, werden ausfindig gemacht: warum sollte man Leute, die dem Hofe nahe sind, nicht finden können? Fürchten Sie sich gar nicht: denn wir wollen diese Leute schon herbeyschaffen: ja, ich selbst weiß es, wo man ste verborgen hålt.“ ‚Wie! fagte Sheh-fu-jin, ist dieses möglich ? Redest du die Wahrheit?" „Kann wohl ein Sohn, versezte Tieh-tschong-u, seiner Mut- ter Unwahrheiten vorsagen? Das kann nimmer- mehr geschehen.“ Die Dame war hierüber sehr erfreuet; „ruhe aus, sprach sie, wenn sich dieses also verhält, und erfrische dich ein wenig: sodann kannst du eilen, deinen Vater im Gefångnisse zu besuchen, und seinen Kummer von ihm zu neh, men." Sie befahl, eine Tafel für ihn zu decken. So bald er gespeiset, und andere Kleidung ange zogen hatte, rief sie einen Diener, ihn zu beglei ten. Madam, sagte er, es ist nicht nöthig, so fehr zu eilen; ich will zuvor eine Bittschrift für meinen Vater auffeßen, und sie dem Kaiser zeis Als er damit fertig war, ließ er sich von seiner Mutter das Siegel f) seines Vaters geben. Dieses, gen." "" Semedo, S. 2, keinen Schlupfwinkel finden könne. 116. Du halde, 2 Th. S. 67, 68. f) Die Siegel der Vicekönige, der Mandarinen und Ma- giftrate sind von Silber. Die geringern obrigkeitlichen Personen dürfen keine andere, als kupferne Siegel füh ren. Wenn sie ein solches Siegel abgenuget und un- brauchbar gemachet haben, so müssen sie dem Tribunal, darunter sie stehen, Nachricht davon ertheilen, welches ihnen Dieses, nebst der Bittschrift des Wey - zhey, steckte er in seinen Aermel, und ließ sich hierauf durch den Diener zu seinem Vater führen. Der Mandarin, welcher die Aufsicht über das Gefängniß hatte, kannte Tich- tschong-u, und empfieng ihn mit großer Höflichkeit. „Mein Herr, sagte er zu ihm, der Mandarin, Jhr Vater, ist allhier, Sie können mit Ihm sprechen, wenn es Ihnen beliebet. Entschuldigen Sie mich, daß ich Sie nicht begleite: ich vermuthe, Sie werden al- lein mit ihm reden wollen." Tieh-tschong-u dankte ihm für sein höfliches Bezeigen, und gieng hinein zu seinem Vater. Er fand ihn ohne Kets ten, in einer großen Gelassenheit fißend. warf sich alsobald viermal zu seinen Füssen nieder, und bat um Vergebung, daß er nicht eher gekom, men sen, ihm in feinen verwirreten Umständen Beystand zu leisten: er glaubte, nicht den Namen eines Sohnes zu verdienen, da er durch seine Ab- wesenheit verhindert worden, ihm zu dienen, oder doch wenigstens seine Befehle zu vernehmen. Tich Er ihnen sodann ein anderes zuschicket, mit der Verpflich tung, solches auch alt werden zu lassen. Die Gestalt desselben ist bald größer, bald kleiner, nachdem die Col- legia hoch oder niedrig sind. Seitdem die Tartarn in China regieret, sind die Siegel mit chinesischen und tartarischen Buchstaben bezeichnet gewesen, so wie die Collegia selbst mit Chinesern und Tartarn besest wors den, Du Halde, 2 Th. S. 19. Uebers. Tieh-u-sheh g) stand auf, und gab ihm zur Antwort: „Ich bin an dem Orte, wo ich seyn foll: wie kommt es, daß du nicht zu Hause bist, dein Studiren abwartest, und deiner Schuldig- teit nachlebest?“ „Herr, fagte Tieh-tschong-u, wenn es Ihre Pflicht mit sich bringet, hier zu seyn, so ist es auch die meinige, Ihnen allhier aufzu> warten. Hier stand sein Vater stille; endlich antwor- tete er ihm: „Du hast recht: du kommest deiner Pflicht nach: aber wir leben in solchen Zeiten, da die Mandarinen des Hofes treulos sind, und ihre Pflichten übertreten. Da ich überzeuget bin, daß ich meiner Schuldigkeit gemäß gehandelt habe, so überreichete ich meine Bittschrift, und überließ es dem Schicksale, ob man sie in Erwägung ziehen wird, oder nicht. Es stehet jetzt bey dem Kaiser, ob ich leben oder sterben soll. Deine Ankunft wird mir nichts helfen können. „Herr, erwiederte Tieh tschong-u, ich weiß die Ursache Ihrer Gefangenschaft: aber warum suchen Sie nicht die beyden alten Leute auf, und bitten sich die Er- laubniß aus, es in eigner Person zu thun, ohne andern Leuten zu trauen?“ „Dieses würde nicht schwer zu erlangen seyn, antwortete Tieh-u-sheh; nur befürchte ich, es würde diese Erlaubniß, wenn ich auch darum anhielte, mein Verbrechen vergrd- Bern, und meine Ungnade vermehren, woferne ich g) Sheh ist eine Ehrenbenennung, und bedeutet My Lord, oder My Lady. "" ich die Zeugen nicht ausfinden könnte.". Ich habe von den drey Personen in dieser Sache Nach richt, sagte der Sohn, allein sie können ohne aus, drücklichen Befehl des Kaisers nicht gefangen ges 'nommen werden. ,,Man erhielt den kaiserlichen Befehl, verfeßte der Vater, sie waren aber nic gends zu finden. Meine Freunde fragten nach; fie konnten aber nicht das geringste von ihnen vers nehmen. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß du etwas von ihnen wissen solltest, da du so eben an gelanget bist. Es ist alles nichts, was du sagest. Du bist noch zu jung, und hörest dich selbst gerne reden; was du weist, das hast du bios vom Hd rensagen. Gehe, du bist einfältig!“ „Herr, sprach Tieh-tschong-u, dieses ist eine Sache, worauf Ihr Leben beruhet: ist es möglich, daß ein Sohn bey einer solchen Gelegenheit scherzen kann?" Er fahe sich hierauf um, ob niemand ihn hören könne, und erzählte alles, was ihm auf feiner Reise begegnet, und was er so wohl von der Alten, als vom Wey-zhey vernommen, dessen Bittschrift er ihm zeigte. Hier wurde Ties-us sheh freudig, und sagte: „Wenn dem also ist, so wird der Kaiser von meiner Unschuld überzeu- get werden, und mein Leben wird nicht länger in Gefahr stehen. Ist es aber nicht zu befürchten, Tah quay möchte vielleicht diese Leute vergiftet, oder sie sonst aus dem Wege geräumer haben? Tieh tschong-u antwortete: Der Palast, in dem er sich aufhält, ist ein Geschenk des Kaifers, den niemand betreten darf. Ihr Feind ist ein gottlos ? gottloser Mann, und von schlechtem Verstande. Er überlässet sich völlig der Wolluft und Schwel- gerey, und befürchtet nichts, weil er sich vor als ler Gefahr sicher glaubt. Er besiget auch nicht List genug, sie abzuwenden. Lassen Sie sich also mein Herr, wiederum aufrichten." „Mein Sohn, sagte der Mandarin Tich, du redest vernünftig: gehe jest nach Hause, und bringe mir Papier und mein Siegel, damit ich eine Bittschrift an dem Kaiser auffeßen kann." „Das ist bereits gesche- hen, antwortete der Sohn, ich habe beydes hier bey mir ist Ihnen diese Bittschrift, so ich aufs feßte, recht, so kdunen Sie felbige übergeben; wo nicht, so können Sie eine neue mit größrer Zier. lichkeit und Richtigkeit verfertigen. “ Der Man darin las sie durch, und fand sie vollkommen recht. Er druckte das Siegel darunter, übergab sie den Vorgesezten des Eefängnisses, und bath ihn, fie einem Mandarin von des Kaifers Audienzzim- mer, der Tong-tsching-su heißet, einzuhåndi- gen, dessen Amt in Annehmung der Bittschriften bestehet.