Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 10
第十回 / Kapitel 10
金寡妇贪利权受辱
张太医论病细穷源
| DE3 (Schwarz/Woesler) | DE4 (Woesler, 4. Aufl.) |
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10.Aus Gewinnsucht nimmt Djin Jungs verwitwete Mutter die Schande in Kauf, bei der Krankendiagnose geht der Arzt Dschang bis ins letzte Detail. Erst als sich Djin Jung infolge der gegnerischen Übermacht und unter dem Druck von Djia Juee bei Tjin Dschung entschuldigt und einen Stirnaufschlag vor ihm gemacht hatte, gab sich Bau-yü zufrieden, und alle gingen auseinander. Doch nachdem Djin Jung zu Hause war, wurde er immer wütender, je länger er über die Sache nachdachte, und murrte vor sich hin: „Tjin Dschung ist bloß der Schwager von Djia Jung und kein Kind der Familie Djia. In der Schule ist er genau wie ich nur geduldet. Doch im Vertrauen auf Bau-yüs Freundschaft dünkt er sich besser als andere. Aber dann müßte er sich auch anständig benehmen, und kein Mensch würde etwas sagen. Statt dessen hat er dauernd Heimlichkeiten mit Bau-yü und glaubt, alle andern seien blind, daß sie nichts merken. Heute wollte er wieder mit jemand anbändeln, und ich mußte ausgerechnet dazukommen. Warum soll ich eigentlich Angst haben, wenn ein Skandal daraus wird?“ „Was willst du wieder für einen Skandal anzetteln?“ fragte seine Mutter, Frau Hu, die ihn murmeln gehört hatte. „So viel Mühe hat es mich gekostet, mit der Tante zu sprechen, und sie hat wieder tausendfache List gebrauchen müssen, ehe sie endlich mit der Frau von Djia Liän im Westanwesen sprechen konnte. Nur so hast du Gelegenheit bekommen zu lernen. Hätten wir wohl die Mittel, ohne fremde Hilfe einen Lehrer anzustellen? Dazu bekommst du noch in der Schule Tee und Essen. In den zwei Jahren, seitdem du dort lernst, haben wir zu Hause ganz schön Wirtschaftsgeld sparen können. Von dem Ersparten hast du hübsche Sachen bekommen, wie du sie gern trägst. Und hast du nicht durch die Schule auch diesen Herrn Hsüä kennengelernt, der uns das ganze Jahr hindurch unter die Arme greift, so daß wir in den zwei Jahren siebzig oder achtzig Liang Silber von ihm bekommen haben? Wenn du jetzt einen Skandal machst und deswegen aus der Schule geworfen wirst, wird es schwerer sein, eine zweite derartige Stelle für dich zu finden, als in den Himmel zu steigen, das sage ich dir. Spiel jetzt lieber noch ein Weilchen, und dann geh schlafen!“ Also verbiß sich Djia Jung den Ärger und hielt seinen Mund. Bald darauf legte er sich schlafen. Am nächsten Tag ging er in die Schule wie immer, und es soll nicht weiter davon die Rede sein. Djin Jungs Tante väterlicherseits war mit einem Angehörigen der Hauptlinie der Djia-Sippe aus der Jade-Generation verheiratet worden, der Djia Huang hieß. Unnötig zu sagen, daß nicht alle Sippenangehörigen der Djias so reich und mächtig waren wie die Djias im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen. Djia Huang und seine Frau verfügten über einen kleinen Besitz und gingen ansonsten auch häufig ins Ning-guo- und ins Jung-guo-Anwesen, um ihren Gruß zu entbieten. Sie verstanden es, Hsi-fëng und Frau You zu schmeicheln, und wurden deshalb von diesen immer wieder mit Geld und Gut unterstützt. Nur so konnten sie ihr Leben in der jetzigen Weise führen. Heute war das Wetter klar, zu Hause gab es nichts zu tun, darum bestieg Frau Hu mit einer alten Dienerin einen Wagen und fuhr in ihr Elternhaus, um dort ihre verwitwete Schwägerin und ihren Neffen zu besuchen. Im Laufe des Gesprächs kam Frau Hu dann auf das gestrige Ereignis in der Familienschule der Djias zu sprechen und erzählte es der Schwägerin von Anfang bis Ende in allen Einzelheiten. Hätte Frau Djin nichts davon erfahren, wäre der Fall erledigt gewesen, kaum aber hatte sie davon gehört, stieg Wut aus ihrem Herzen auf, und sie sagte: „Dieses kleine Biest, der Tjin Dschung, ist ein angeheirateter Verwandter der Djias. Ist Jung das etwa nicht genausogut? Es sollte sich doch keiner zu sehr an die Reichen und Mächtigen hängen! Noch dazu, wenn er sich solche Sachen erlaubt! Auch Bau-yü hätte ihn nicht in diesem Maße einseitig in Schutz nehmen dürfen! Aber warte, ich fahre ins Ostanwesen zu Djia Dschëns Frau und spreche mit Tjin Dschungs Schwester! Dann soll sie einmal sagen, wer hier im Recht ist!“ Als Djin Jungs Mutter das hörte, geriet sie in helle Aufregung und sagte rasch: „Daß ich doch meine Zunge nicht im Zaum halten kann! Sonst hätte ich es dir nie erzählt. Fahr nicht dorthin, ich bitte dich! Egal, wer recht hat und wer unrecht, wenn ein Skandal daraus wird, kann Jung dort nicht in der Schule bleiben, und dann können wir nicht nur keinen Lehrer für ihn anstellen, es kommt überdies eine ganze Menge Unkosten für ihn auf uns zu.“ Darauf sagte Frau Djin: „Was macht das schon groß aus? Laß mich nur mit ihr sprechen, dann wollen wir weitersehen!“ Und ohne sich von der Schwägerin etwas sagen zu lassen, befahl sie der Dienerin, den Wagen bereitmachen zu lassen, dann stieg sie ein und begab sich zum Ning-guo-Anwesen. Hier fuhr sie durch die Einfahrt hinein, verließ den Wagen am östlichen Seitentor und ging zu Fuß weiter. Als sie zu Djia Dschëns Gattin, Frau You, kam, wagte sie nicht, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. Sie sprach vielmehr höflich vom Wetter und einigen Nichtigkeiten, ehe sie fragte: „Warum bekomme ich denn Jungs Frau heute gar nicht zu Gesicht?“ „Ich weiß auch nicht, was in jüngster Zeit mit ihr ist“, antwortete Frau You. „Sie hat schon mehr als zwei Monate nicht ihre Regel bekommen, aber als wir einen Arzt holten, sagte er, daß sie nicht guter Hoffnung sei. In den letzten Tagen fühlt sie sich nachmittags so matt, daß sie sich nicht bewegen und auch nicht unterhalten mag. Außerdem flimmert es ihr vor den Augen. Ich habe ihr gesagt: ‚Du brauchst dich nicht so starr an die Vorschriften zu halten und mußt uns nicht morgens und abends deinen Gruß entbieten wie sonst! Ruh dich nur schön aus! Wenn Verwandte kommen, bin ich ja da, und wenn die Älteren sich wundern sollten, erkläre ich es ihnen.‘ Auch Jung habe ich eingeschärft, wie er sich zu verhalten hat. ‚Du darfst sie jetzt nicht überanstrengen und darfst sie auch nicht ärgern‘, habe ich ihm gesagt. ‚Gönn ihr nur Ruhe, und wenn sie auf etwas Appetit haben sollte, kommst du es bei mir holen, und was du bei mir nicht findest, kannst du unbesorgt bei der Frau von Vetter Liän holen lassen. Wenn ihr etwas zustoßen sollte, wirst du eine zweite Frau mit ihrem Aussehen und ihrem Wesen nirgendwo finden können, und wenn du sie mit der Laterne suchst!‘ Wer von den Verwandten und von den Älteren mag sie nicht ihres Charakters und ihres Verhaltens wegen! Das hat mir in den letzten Tagen viel Kummer gemacht, und ich war in schrecklicher Sorge. Dann mußte ausgerechnet heute früh ihr Bruder zu ihr kommen und sich wie ein Kindskopf ohne Sinn und Verstand benehmen, wo er doch hätte sehen müssen, daß ihr nicht wohl ist, und deshalb nichts hätte sagen dürfen, auch wenn etwas gewesen wäre, ganz zu schweigen von so einer Lappalie. Auch wenn ihm noch so großer Schimpf angetan worden wäre, hätte er doch vor ihr davon schweigen müssen. Da haben sie sich gestern in der Schule geprügelt, und irgendwer, der dort mitlernen darf, hat ihn beleidigt, dabei sind die schmutzigsten Wörter gefallen. Das hat er ihr alles erzählt. Ihr kennt sie ja, Schwägerin, wenn sie auch in Gegenwart von andern stets scherzt und lacht und tätig ist, ist sie doch bedachtsam und nimmt alles so schwer. Egal, was man ihr sagt, grübelt sie drei Tage und fünf Nächte darüber nach. Auch ihre Krankheit hat sie sich durch diesen Charakterzug angegrübelt. Als sie heute hörte, ihr Bruder sei von jemand beleidigt worden, war sie empört und hat sich erregt. Empört war sie über den schlechten Umgang, den er hat, über diese unverschämten Taugenichtse, die nur die Tatsachen auf den Kopf stellen und den Leuten Schlechtigkeiten nachsagen können, und erregt hat sie sich über ihren Bruder, der nicht ordentlich lernt und nicht fleißig ist, wodurch es dann zu einem Skandal in der Schule kommt. Nachdem er ihr von dieser Sache erzählt hatte, aß sie heute nicht einmal ihre Morgenmahlzeit. Als ich das erfuhr, war ich eben zu ihr gegangen, um sie ein bißchen zu beruhigen. Auch mit ihrem Bruder habe ich gesprochen. Ich habe ihm gesagt, er solle zu Bau-yü hinübergehen. Dann habe ich aufgepaßt, daß sie ein halbes Schälchen Schwalbennestersuppe aß, ehe ich wieder hergekommen bin. Sagt selbst, Schwägerin, ob ich Grund zum Kummer habe oder nicht! Noch dazu haben wir keinen guten Arzt. Wenn ich an diese Krankheit denke, ist mir, als ob Nadeln in mein Herz stächen. Wißt Ihr nicht einen guten Arzt?“ Als Frau Djin diesen langen Redeschwall hörte, verflog ihre ganze Wut, die sie eben noch an Frau Tjin hatte auslassen wollen, vor Schreck bis ins ferne Djawaland. Als dann Frau You fragte, ob sie nicht einen guten Arzt wüßte, antwortete sie rasch: „Soweit wir hörten, hat wirklich niemand einen guten Arzt erwähnt. Aber nach dem, was Ihr gerade erzählt habt, ist sie vielleicht doch in anderen Umständen. Ihr dürft auf keinen Fall zulassen, daß sie einer falschen Behandlung ausgesetzt wird, Schwägerin. Eine Fehldiagnose wäre hier wirklich fürchterlich!“ „Eben, eben!“ sagte Frau You, und im selben Augenblick kam Djia Dschën von draußen herein. Als er Frau Djin erblickte, fragte er seine Frau: „Ist das nicht die Frau von Vetter Huang?“ Frau Djin trat vor und entbot Djia Dschën ihren Gruß. „Lad die junge Frau Schwägerin zum Essen ein!“ forderte Djia Dschën seine Frau auf und ging in den Nachbarraum. Eigentlich war ja Frau Djin gekommen, um Frau Tjin zu Rede zu stellen, weil Tjin Dschung ihren Neffen beleidigt hatte, aber dann hörte sie, Frau Tjin sei krank, und so konnte sie sie nicht nur nicht zur Rede stellen, sie wagte nicht einmal, die Sache auch nur zu erwähnen. Als dann noch Djia Dschën und Frau You so freundlich zu ihr waren, verwandelte sich ihr Zorn in Freude, und erst nachdem sie das Gespräch noch eine Weile fortgesetzt hatte, fuhr sie wieder nach Hause. Nachdem Frau Djin gegangen war, kam Djia Dschën ins Zimmer zurück, setzte sich und fragte seine Frau: „Hat sie etwas gewollt, daß sie heute gekommen ist?“ „Gesagt hat sie nichts“, antwortete Frau You. „Als sie kam, machte sie wohl ein Gesicht, als ob sie verärgert sei, aber als ich dann so lange mit ihr sprach und dabei die Krankheit unserer Schwiegertochter erwähnte, hat sie sich allmählich beruhigt, und dann hast du noch gesagt, ich solle sie zum Essen einladen. Aber das war ihr wohl peinlich, nachdem sie gehört hatte, die Schwiegertochter sei krank, darum hat sie nur noch ein Weilchen hier gesessen und ein paar Belanglosigkeiten erzählt, dann ist sie fort. Um aber wieder auf die Krankheit der Schwiegertochter zu kommen, das Wichtigste ist jetzt, daß du einen guten Arzt für sie findest. Das darfst du nicht versäumen! Die jetzt ins Haus kommen, taugen doch allesamt nichts. Jeder von ihnen redet einem nur nach dem Munde. Sie plappern nach, was man sagt, und fügen ein paar hochtrabende Redensarten dazu. Sie machen sich viel Mühe, und drei oder vier Mann kommen vier, fünf Mal am Tage, um abwechselnd die Pulse zu fühlen, danach beraten sie alle miteinander und schreiben ein Rezept, nur helfen ihre Mittel nicht. So muß sich die Schwiegertochter vier, fünf Mal am Tag anziehen und aufsetzen, um die Ärzte zu empfangen, und das ist doch auch nicht gut für eine Kranke!“ „Das ist aber auch zu töricht von dem Kind!“ sagte Djia Dschën darauf. „Warum muß sie sich andauernd ausziehen und wieder anziehen? Es wäre ja nicht auszudenken, wenn sie sich auch noch erkälten würde und so eine weitere Krankheit bekäme! Was kosten schon Kleider, auch wenn es die allerbesten sind? Auf ihren Körper kommt es an! Selbst wenn wir sie jeden Tag neu einkleiden müßten, wäre das nicht zu teuer. Aber als ich eben hereinkam, hatte ich dir erzählen wollen, daß Fëng Dsï-ying mich gerade besucht hat. Als er bemerkte, daß ich etwas bedrückt aussah, fragte er, was mit mir sei, und da habe ich ihm erzählt, daß die Schwiegertochter sich plötzlich sehr unwohl fühlt und daß ich in den letzten Tagen wirklich sehr besorgt bin, weil ich keinen guten Arzt finde und nicht herausbekommen kann, ob sie in anderen Umständen oder krank ist und ob es Komplikationen geben kann oder nicht. Da hat mir Fëng Dsï-ying gesagt, er habe einen Lehrer aus seinen Kindertagen, der mit Familiennamen Dschang und mit Rufnamen You-schï heiße, ein tiefgreifendes, umfangreiches Wissen besitze und sich dabei auch in medizinischen Dingen gründlich auskenne, ja, der sogar zu erkennen vermöge, ob ein Kranker sterben müsse oder nicht. Der sei dieses Jahr in die Hauptstadt gekommen, um für seinen Sohn einen Beamtentitel zu erwerben, und wohne in Fëngs Haus. Wer weiß denn, ob die Schwiegertochter nicht gerade unter seinen Händen gesund werden soll! Ich habe sofort jemand mit einer Namenskarte losgeschickt, um ihn herzubitten. Wenn es heute schon zu spät sein sollte und er nicht mehr kommen könne, kommt er bestimmt morgen, denke ich. Außerdem ist Fëng Dsï-ying sofort nach Hause gegangen, um persönlich mit ihm zu sprechen. Sicher kann er ihn bewegen, herzukommen und sie zu untersuchen. Wenn er hier war, wollen wir weitersehen!“ Über diese Nachricht war Frau You sehr glücklich. Jetzt fragte sie: „Übermorgen ist der Geburtstag des alten gnädigen Herrn. Wie soll er eigentlich begangen werden?“ „Ich bin gerade bei ihm gewesen, um ihm meinen Gruß zu entbieten“, sagte Djia Dschën, „und habe ihn bei dieser Gelegenheit gebeten, nach Hause zu kommen, um die Glückwünsche der ganzen Familie entgegenzunehmen. Aber darauf hat er gesagt: ‚Ich bin daran gewöhnt, den Schmutz der Welt zu fliehen, und möchte müßigen Getümmels wegen nicht wieder an euren Stätten des Alltags sein. Ihr werdet sagen, es sei mein Geburtstag und ich solle kommen, um alle vor mir ihren Stirnaufschlag machen zu lassen, aber lieber wäre es mir, du ließest den ‚Text der verborgenen Vorherbestimmung‘, zu dem ich seinerzeit Kommentare verfaßte, von jemandem sauber abschreiben und Druckplatten danach schneiden. Das wäre hundertmal besser, als von mir zu verlangen, daß ich ohne jeden Grund aller Leute fußfällige Ehrerbietung über mich ergehen lasse! Wenn übermorgen und am Tag darauf die ganze Familie zu dir nach Hause kommt, dann bewirte sie schön, und damit mag die Sache ihr Bewenden haben. Ihr sollt mir auch nichts herbringen, und du sollst übermorgen auch nicht extra hierher kommen. Falls dir das im Herzen Unruhe bereitet, kannst du schon heute deinen Stirnaufschlag vor mir machen. Solltest du übermorgen doch kommen, noch dazu mit lauter Leuten, die mich nur belästigen, nehme ich dir das auf jeden Fall übel!‘ Nachdem er das ein ums andere Mal gesagt hat, traue ich mich übermorgen wirklich nicht hin. Aber laß Lai Schëng kommen und trage ihm auf, eine Festtafel für zwei Tage vorzubereiten!“ Also schickte Frau You jemanden nach Djia Jung und sagte zu ihm: „Laß Lai Schëng in der üblichen Weise eine Festtafel für zwei Tage herrichten, aber üppig soll sie sein! Dann gehst du selbst ins Westanwesen und lädst die alte gnädige Frau, die beiden gnädigen Frauen und die Frau von Vetter Liän zu uns ein. Außerdem hat dein Vater heute von einem tüchtigen Arzt erfahren und hat schon jemand zu ihm geschickt, um ihn herbitten zu lassen. Ich denke, morgen wird er bestimmt kommen, dann mußt du ihm alle Krankheitszeichen der letzten Tage genau schildern!“ Djia Jung versprach das eine wie das andere und ging hinaus. Dort stieß er auf den Sklavenjungen, der eben in Fëng Dsï-yings Haus gewesen war, um den Arzt Dschang herzubitten, der ihm nun berichtete: „Eben war ich mit der Namenskarte unseres gnädigen Herrn im Hause des gnädigen Herrn Fëng, um den Arzt herzubitten. Der Arzt hat gesagt: ‚Gerade hat mir der Herr hier davon erzählt, aber ich habe den ganzen Tag Besuche gemacht und bin gerade erst zur Tür herein. Darum bin ich heute beim besten Willen nicht mehr imstande, mich zu konzentrieren. Selbst wenn ich heute käme, könnte ich keine Diagnose mehr stellen. Wartet, bis ich mich über Nacht erholt habe, morgen werde ich kommen.‘ Und dann hat er noch gesagt: ‚Meine medizinischen Kenntnisse sind nur gering, und eigentlich wage ich nicht, diesem schwerwiegenden Ruf Folge zu leisten. Weil es aber Herr Fëng deinem Herrn schon versprochen hat, muß ich wohl kommen. Sag das deinem Herrn! Die Namenskarte deines Herrn wage ich wirklich nicht zu behalten.‘ Dann hat er mir befohlen, die Karte zurückzubringen. Meldet das bitte statt meiner!“ Djia Jung machte kehrt und ging noch einmal zu Djia Dschën und Frau You hinein, um ihnen alles zu berichten, dann erst kam er wieder heraus, ließ Lai Schëng rufen und trug ihm auf, ein Festmahl für zwei Tage vorzubereiten. Als Lai Schëng den Auftrag vernommen hatte, ging er fort, um alles wie üblich herzurichten. Aber davon soll nicht weiter die Rede sein. Am nächsten Tag um die Mittagsstunde wurde gemeldet: „Der Arzt Dschang ist gekommen!“ Djia Dschën führte den Gast in die Empfangshalle, wo sie sich niedersetzten. Erst als der Tee getrunken war, hob Djia Dschën an: „Gestern hat mich Herr Fëng über Eure Qualitäten und Kenntnisse belehrt und mich auch wissen lassen, wie gründlich Ihr Euch in den letzten Feinheiten der Medizin auskennt. Ich kann gar nicht freudig genug zu Euch aufblicken!“ „Ich bin nur ein plumper kleiner Gelehrter, und mein Wissen ist seicht und beschränkt“, erwiderte der Arzt. „Herr Fëng hat mich darüber aufgeklärt, daß in Eurem Hause auch unbedeutende Gelehrte ohne Überheblichkeit behandelt werden. Außerdem habt Ihr mich rufen lassen, und wie könnte ich es wagen, Eurem Befehl nicht nachzukommen? Nur habe ich gar keine wirklichen Kenntnisse, und das vermehrt meinen Angstschweiß um ein vielfaches!“ „Warum müßt Ihr so übermäßig bescheiden sein?“ fragte Djia Dschën. „Geht bitte hinein und untersucht meine Schwiegertochter! Ich verlasse mich darauf, in meiner Unkenntnis durch Eure Weisheit erleuchtet zu werden!“ Daraufhin führte Djia Jung den Arzt hinein. Als sie in die Wohngemächer kamen und der Arzt Frau Tjin erblickte, fragte er Djia Jung: „Ist das Eure verehrte Gemahlin?“ „Sie ist es“, erwiderte Djia Jung. „Nehmt bitte Platz und laßt mich die Krankheit beschreiben, ehe Ihr ihre Pulse fühlt!“ „Mir scheint, es wäre besser, erst darüber zu sprechen, nachdem ich ihr die Pulse gefühlt habe“, sagte der Arzt. „Ich bin zum ersten Mal in Eurer erhabenen Residenz und bin völlig unwissend. Nur weil Herr Fëng mich so dringend darum bat, konnte ich nicht umhin zu kommen. Wollen wir sehen, ob ich das Richtige treffe oder nicht, wenn ich ihr erst die Pulse gefühlt habe! Dann könnt Ihr mir den Zustand der Kranken in den letzten Tagen schildern, und anschließend wollen wir ein Rezept dafür überlegen. Ob es anwendbar ist oder nicht, könnt Ihr dann entscheiden.“ „Ihr seid wirklich ein Weiser, und ich kann es nur bedauern, daß ich erst heute Eure Bekanntschaft mache!“ sagte Djia Jung. „Also fühlt bitte die Pulse und sagt mir, ob die Krankheit zu heilen ist, damit meine Eltern wieder Ruhe finden!“ Sklavinnen brachten ein großes Unterlegkissen und streiften Frau Tjin die Ärmel zurück, um ihre Handgelenke zu entblößen, und erst jetzt streckte der Arzt seine Hand aus und legte sie auf die Pulsgegend des rechten Armes. Er wartete, bis sein Atem ruhig ging, und zählte die Pulsschläge danach. Erst als er sich längere Zeit vollkommen darauf konzentriert hatte, wechselte er zum linken Arm hinüber und verfuhr dort genauso. Als er fertig war, sagte er: „Setzen wir uns draußen hin!“ Also ging Djia Jung mit ihm ins Vorzimmer hinaus, wo sie sich aufs Bett setzten, und eine Alte brachte Tee. „Bitte!“ sagte Djia Jung und trank zur Gesellschaft mit. Dann fragte er: „Wie lautet Eure Diagnose, nachdem Ihr die Pulse gefühlt habt? Ist die Krankheit noch zu heilen?“ „Bei Eurer verehrten Gemahlin ist der linke untere Puls schwach und beschleunigt, der linke mittlere Puls kaum spürbar, der rechte untere Puls ist zart und kraftlos, der rechte mittlere Puls matt und ohne Energie“, erklärte der Arzt. „Daß der linke untere Puls schwach und beschleunigt ist, zeigt an, daß die Lebenskraft des Herzens geschwächt ist, wodurch Feuer erzeugt wird. Daß der linke mittlere Puls kaum spürbar ist, zeigt an, daß die Lebenskraft der Leber stockt, was Blutarmut hervorruft. Daß der rechte untere Puls zart und kraftlos ist, zeigt an, daß die Lebenskraft der Lungenbahn zu schwach ist. Und daß der rechte mittlere Puls matt und ohne Energie ist, zeigt an, daß das Holzelement der Leber das Übergewicht über das Erdelement der Milz hat. Schwache Lebenskraft des Herzens und dadurch erzeugtes Feuer müssen sich in Regelstörungen und Schlaflosigkeit äußern. Bei einer Stockung der Lebenskraft der Leber und Blutarmut muß eine schmerzhafte Schwellung unter den Rippen vorliegen, die Regel muß fehlen, und im Herzen muß Hitze auftreten. Bei schwacher Lebenskraft der Lungenbahn ist der Kopf ständig benommen, und vor den Augen flimmert es, in den frühen Morgenstunden gibt es mit Sicherheit Schweißausbrüche und ein Gefühl, als ob man in einem Boot säße. Bei Übergewicht des Holzelements der Leber über das Erdelement der Milz müssen Appetitlosigkeit, Mattigkeit des Geistes und schmerzhafte Schwäche der vier Gliedmaßen die Folge sein. Das sind die Krankheitszeichen, die meiner Meinung nach bei diesen Pulsen vorliegen müssen. Daß solche Pulse eine Schwangerschaft anzeigen sollen, ist eine Ansicht, der ich nicht zu folgen wage.“ „Alles ist genau, wie Ihr es gesagt habt“, bestätigte eine alte Sklavin, die zur unmittelbaren Bedienung gehörte. „Der Herr sagt es so unfehlbar, als ob er ein Gott wäre. Was bedarf es da unserer Schilderung! Wir hatten schon so viele Hofärzte im Hause, die sie untersuchten, aber keiner hat es so genau zu treffen vermocht. Der eine sagt, sie sei in anderen Umständen, der andere sagt, sie sei krank, der dritte sagt, es habe nichts damit auf sich, und der nächste sagt, sie müsse zur Wintersonnenwende auf der Hut sein. Keiner wußte etwas Genaues. Gebt uns bitte klare Unterweisungen, Herr!“ Lächelnd sagte der Arzt: „Die Krankheitssymptome der jungen gnädigen Frau sind zu lange von niemand beachtet worden. Hätte sie die richtigen Medikamente bekommen, seitdem sie zum erstenmal ihre Regel hatte, dann wäre es zu dem jetzigen Leiden erst gar nicht gekommen, und sie wäre heute schon vollkommem gesund. Nachdem die Krankheit aber so lange verschleppt worden ist, mußte es notwendig zu dem jetzigen Übel kommen. Ich bin der Meinung, daß noch drei Zehntel Aussicht auf Heilung bestehen. Wir müssen abwarten, ob sie nachts schlafen kann, nachdem sie meine Arznei eingenommen hat. Dann kämen noch zwei Zehntel Hoffnung hinzu. Nach den Pulsen, wie ich sie gefühlt habe, ist die junge gnädige Frau ein Mensch von edelstem Charakter und unübertrefflicher Klugheit. Aber wer zu klug ist, trifft ständig auf Dinge, die nicht nach seinem Sinn sind. Trifft nun einer ständig auf Dinge, die nicht nach seinem Sinn sind, dann grübelt er zuviel. Die Krankheit ist dadurch hervorgerufen worden, daß sorgenvolle Gedanken die Milz geschädigt haben und das Holzelement der Leber zu üppig geworden ist. Deshalb kann die Regel nicht zur rechten Zeit kommen. Bei der jungen gnädigen Frau ist doch die Regel sicher nie zu früh, sondern immer zu spät gekommen, oder?“ „Aber ja!“ antwortete die Alte. „Zu früh ist sie nie gekommen, manchmal zwei, drei Tage zu spät, manchmal sogar ganze zehn.“ „Aha!“ sagte der Arzt. „Die Krankheitsursache ist klar. Hätte man ihr rechtzeitig ein Mittel gegeben, um das Herz zu stärken und die Regel zu ordnen, hätte es dazu nicht kommen müssen! Jetzt sprechen alle Zeichen dafür, daß das Wasserelement zu schwach und das Holzelement zu stark ist. Wollen wir abwarten, was die Arznei bewirkt!“ Dann schrieb er ein Rezept und reichte es Djia Jung. Darauf stand: „Absud zur Förderung der Lebenskräfte, Stärkung des Bluts, Kräftigung der Milz und Harmonisierung der Leber Nachdem Djia Jung das Rezept gelesen hatte, sagte er: „Das ist wahrhaft weise! Aber ich möchte Euch noch um Belehrung darüber bitten, ob die Krankheit lebensgefährlich ist oder nicht.“ Lächelnd erwiderte der Arzt: „Ein Mann von Eurer Klugheit müßte wissen, daß eine Krankheit in diesem Stadium nicht nur einen Tag lang Beschwerden verursacht. Nach Einnahme des Medikaments müssen wir erst einmal sehen, welche Heilungsaussichten vom Schicksal bestimmt sind! Meiner Meinung nach ist für diesen Winter nichts zu befürchten, und wenn sie die Frühlings-Tagundnachtgleiche übersteht, dürfen wir auf eine vollständige Heilung hoffen.“ Djia Jung war verständig genug, nicht mit weiteren Fragen in den Arzt zu dringen. Als er ihn hinausgeleitet hatte, brachte er Djia Dschën das Rezept und die Diagnose. Ihm und Frau You berichtete er auch alles, was der Arzt ihm sonst noch gesagt hatte. „Keiner der Ärzte hatte sich so treffend geäußert“, sagte Frau You zu Djia Dschën. „Ich denke, auch auf sein Rezept ist bestimmt Verlaß.“ „Dabei praktiziert er nicht zum Gelderwerb“, sagte Djia Dschën. „Nur weil ich mit Fëng Dsï-ying befreundet bin, hat der ihn mit größter Mühe bewegen können, zu uns zu kommen. Vielleicht ist die Krankheit der Schwiegertochter mit seiner Hilfe wirklich zu heilen. In dem Rezept ist auch Ginsengwurzel enthalten, dafür kann nur das eine Djin Ginseng genommen werden, das wir neulich gekauft haben.“ Als Djia Jung alles angehört hatte, ging er hinaus und befahl jemandem, die Zutaten für die Arznei zu besorgen, sie zu kochen und den fertigen Trank Frau Tjin einzugeben. Wie sich Frau Tjins Zustand veränderte, nachdem sie das Mittel genommen hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt. |
Goldruhm [金荣] hatte sich der Übermacht beugen müssen, und da auch Glücksstein Kaufmann[1] [贾瑞] ihn dazu zwang, hatte er sich entschuldigt und vor Liebglocke Minne[2] [秦钟] einen Kotau gemacht. Erst dann gab Schatzjade[3] [贾宝玉] Ruhe. Alle gingen aus der Schule nach Hause. Goldruhm kehrte heim und wurde immer wütender, je länger er darüber nachdachte. „Liebglocke Minne ist nichts weiter als der kleine Schwager von Hibiskus Kaufmann [贾蓉]", sagte er sich. „Er ist kein Spross der Familie Kaufmann — er ist bloß ein Gastschüler, genau wie ich. Nur weil Schatzjade ihn begünstigt, spielt er sich so auf und glaubt, er sei etwas Besseres als alle anderen. Wenn er sich schon so aufspielt, sollte er wenigstens anständige Dinge treiben, dann hätte niemand etwas zu sagen. Aber er treibt sich tagaus, tagein heimlich mit Schatzjade herum, als wären wir alle blind und sähen nichts! Und heute hat er wieder jemanden verführen wollen und ist mir geradewegs in die Augen gelaufen. Selbst wenn es deswegen Ärger gibt — was soll ich schon zu fürchten haben?" Seine Mutter, Frau Hu, hörte ihn vor sich hin murren und fragte: „Worüber ärgerst du dich schon wieder? Ich habe mich mühsam an deine Tante gewandt, und deine Tante hat mit tausend Listen und hundert Kniffen die Zweitfrau Kette Kaufmann [贾琏] [d.i. Phönixglanz[4], 王熙凤] im Westanwesen dazu gebracht, dir diesen Studienplatz zu verschaffen. Ohne die Hilfe dieser Leute — hätten wir etwa das Geld, um uns einen eigenen Hauslehrer zu leisten? Außerdem sind in der Schule Tee und Mahlzeiten umsonst. Seitdem du dort lernst — das sind jetzt zwei Jahre —, haben wir zu Hause einen ganzen Haufen Essgeld gespart. Und vom Ersparten kaufst du dir gern ein schickes Gewand. Und wärst du nicht in dieser Schule, hättest du dann den Herrn Xue [薛蟠] kennengelernt? Dieser Herr Xue hat uns in den letzten zwei Jahren, ob er nun wollte oder nicht, mit siebzig, achtzig Liang Silber geholfen! Wenn du jetzt aus dieser Schule hinausfliegst und einen solchen Platz wiederfinden willst — das sage ich dir —, das ist schwerer, als zum Himmel hinaufzusteigen! Also sei brav, spiel noch ein Weilchen und geh schlafen — mehr habe ich nicht zu sagen." Goldruhm schluckte seinen Zorn hinunter, und nach kurzer Zeit ging er tatsächlich schlafen. Am nächsten Tag besuchte er wie gehabt die Schule. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein. Nun zu seiner Tante väterlicherseits: Sie war in die Hauptlinie der Kaufmann-Familie eingeheiratet, in die Generation mit dem Radikal „Jade" im Namen. Ihr Mann hieß Huang Kaufmann [贾璜]. Doch nicht alle Sippenangehörigen waren so wohlhabend und mächtig wie die Familien der beiden Anwesen Ning-guo und Jung-guo — das versteht sich von selbst. Die Eheleute Huang Kaufmann lebten von ihrem kleinen Besitz, statteten den beiden Anwesen regelmäßig Höflichkeitsbesuche ab und verstanden es, sich bei Phönixglanz [王熙凤] und Dame Sonders[5] [尤氏] einzuschmeicheln. Darum unterstützten Phönixglanz und Dame Sonders sie auch hin und wieder mit Zuwendungen, was ihnen so gerade zum Leben reichte. An diesem Tag war zufällig das Wetter schön, und da zu Hause nichts Dringendes anlag, nahm sie eine alte Dienerin mit, stieg in eine Kutsche und fuhr zu ihrer Familie hinüber, um ihre verwitwete Schwägerin und ihren Neffen zu besuchen. Im Laufe des Gesprächs kam Goldruhms Mutter ausgerechnet auf den Vorfall in der Familienschule der Kaufmanns vom Vortag zu sprechen und erzählte ihrer Schwägerin die ganze Geschichte von Anfang bis Ende, Punkt für Punkt. Frau Huang Kaufmann brauchte es nur zu hören, um in helle Empörung auszubrechen: „Dieser kleine Bengel Liebglocke Minne ist ein Verwandter der Kaufmanns — ist unser Rong'er etwa keiner? Die Leute sollten nicht so entsetzlich auf den Vorteil bedacht sein! Und überhaupt — was für ehrenwerte, schöne Dinge treiben denn die alle! Selbst Schatzjade hat keinen Grund, ihn derart zu begünstigen. Wartet nur, ich fahre ins Ostanwesen und besuche die Frau unseres Herrn Herrlichkeit Kaufmann[6] [贾珍]. Dann spreche ich auch mit Qin Zhongs Schwester [Anmutig Minne[7], 秦可卿] und lasse sie beurteilen, ob das gerecht ist!" Goldruhms Mutter erschrak heftig und sagte hastig: „Das kommt nur von meiner vorschnellen Zunge, dass ich der Frau Tante das erzählt habe! Ich bitte die Frau Tante, nicht hinzugehen und sich nicht darum zu scheren, wer recht hat und wer nicht. Wenn es deswegen Krach gibt, wie soll er sich dann dort noch halten können? Wenn er seinen Platz verliert, können wir uns zu Hause nicht nur keinen Hauslehrer leisten, sondern er fällt uns obendrein als zusätzlicher Esser wieder zur Last!" Frau Huang Kaufmann erwiderte: „So viel kann ich nicht bedenken! Warte nur, bis ich dort geredet habe — dann wirst du schon sehen!" Ohne sich von ihrer Schwägerin zurückhalten zu lassen, ließ sie ihre Dienerin die Kutsche herrichten und fuhr geradewegs zum Stillfriede-Anwesen. Dort angekommen, fuhr sie durchs große Tor, stieg vor dem kleinen Seiteneingang an der Ostseite aus der Kutsche und ging hinein, um Herrlichkeit Kaufmanns Gattin, Dame Sonders, zu besuchen. Doch sie wagte es nicht, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. Mit betont herzlicher Höflichkeit erkundigte sie sich nach dem Befinden, plauderte über dies und jenes und fragte schließlich: „Warum ist die junge Frau Herrlichkeit Kaufmann [Anmutig Minne] heute nicht zu sehen?" Dame Sonders seufzte: „Seit einigen Tagen geht es ihr irgendwie gar nicht gut. Ihre Regel ist seit über zwei Monaten ausgeblieben. Wir haben Ärzte kommen lassen, aber die sagen, eine Schwangerschaft sei es nicht. In den letzten Tagen mag sie sich nachmittags kaum noch bewegen, hat keine Lust zu sprechen, und vor den Augen wird ihr schwindlig. Ich habe zu ihr gesagt: ‚Du brauchst dich nicht an die Etikette zu halten. Morgens und abends brauchst du nicht wie üblich bei mir zu erscheinen — pflege dich einfach ordentlich! Wenn Verwandte zu Besuch kommen, bin immer noch ich da. Und wenn die Älteren sich über dich beklagen, werde ich es ihnen erklären.' Selbst dem jungen Hibiskus Kaufmann habe ich eingeschärft: ‚Du darfst sie nicht ermüden, du darfst sie nicht ärgern — lass sie in aller Ruhe gesund werden! Wenn sie Appetit auf etwas hat, soll sie es bei mir holen. Wenn ich es nicht habe, soll sie es bei der Frau von Kette Kaufmann [Phönixglanz] besorgen. Wenn ihr etwas zustößt und du eine solche Ehefrau wieder finden willst — eine von solcher Schönheit und solchem Wesen —, da kannst du mit der Laterne suchen und wirst sie nirgends finden!' Ihr Betragen und ihre Art, die Dinge zu handhaben — welcher Verwandte, welcher Ältere in der Familie hat sie nicht gern? Deshalb bin ich in den letzten Tagen ganz außer mir vor Sorge. Und dann musste ausgerechnet heute Morgen ihr kleiner Bruder sie besuchen kommen! Dieses Kind versteht eben noch nicht, was sich gehört — wenn er sieht, dass seine Schwester nicht wohlauf ist, sollte er selbst bei etwas Wichtigem nichts davon sagen. Von einer solchen Kleinigkeit ganz zu schweigen — selbst wenn man zehntausendfaches Unrecht erlitten hat, hätte man es ihr nicht erzählen dürfen! Aber nein — es gab gestern in der Schule eine Schlägerei, und irgendein Gastschüler hat ihn beleidigt. Es kamen auch einige anrüchige Geschichten dabei vor, und er hat ihr alles haarklein berichtet. Du kennst ja unsere Schwiegertochter, Schwägerin: Nach außen hin ist sie heiter und gesellig und versteht es, mit allen umzugehen. Aber im Herzen ist sie empfindsam und nimmt sich alles schwer. Bei jedem Wort, das sie hört, grübelt sie drei Tage und fünf Nächte darüber nach. Ihre Krankheit kommt eben von diesem Naturell — vom zu vielen Grübeln! Heute hat sie gehört, dass jemand ihren Bruder schikaniert hat, und da war sie zugleich empört und betrübt. Empört über diese Bande von nichtsnutzigen Fuchs- und Hundefreunden, die Gerüchte verbreiten und Streit säen. Betrübt darüber, dass ihr Bruder nichts Rechtes lernt und sich nicht auf seine Bücher konzentriert, sodass es zu solchem Tumult in der Schule kommt. Nachdem sie das gehört hatte, hat sie heute nicht einmal gefrühstückt. Als ich das erfuhr, bin ich sofort zu ihr gegangen und habe sie eine Weile getröstet, dann habe ich ihrem Bruder ins Gewissen geredet. Ich habe ihn hinüber ins andere Anwesen geschickt, damit er Schatzjade aufsucht. Erst als sie unter meiner Aufsicht eine halbe Schale Schwalbennestersuppe[8] zu sich genommen hatte, bin ich hierhergekommen. Schwägerin, kannst du dir vorstellen, wie besorgt ich bin? Dazu kommt, dass wir einfach keinen guten Arzt finden. Wenn ich an ihre Krankheit denke, ist mir, als stäche man mir Nadeln ins Herz. Wisst ihr vielleicht von einem tüchtigen Arzt?" Frau Huang Kaufmann hatte diese lange Rede angehört, und der ganze Zorn, mit dem sie eben noch bei ihrer Schwägerin Anmutig Minne zur Rede stellen wollte, war ihr vor Schreck in die Fersen gefahren. Als Dame Sonders sie fragte, ob sie einen guten Arzt kenne, beeilte sie sich zu antworten: „So, wie wir das hören, hat wirklich niemand einen guten Arzt empfohlen. Aber nach dem, was die Frau Schwägerin eben beschrieben hat, ist es am Ende doch vielleicht eine Schwangerschaft. Da sollte man nicht irgendwelche Pfuscher an sie heranlassen. Wenn die sich irren — das wäre nicht auszudenken!" „Das ist wohl wahr", stimmte Dame Sonders zu. Während sie noch sprachen, kam Herrlichkeit Kaufmann von draußen herein, erblickte Frau Huang Kaufmann und fragte Dame Sonders: „Ist das nicht die Frau von Huang Kaufmann?" Frau Huang Kaufmann trat vor und grüßte Herrlichkeit Kaufmann mit einer Verbeugung. Herrlichkeit Kaufmann sagte zu Dame Sonders: „Bewirte die Schwester zum Essen, ehe sie geht." Damit ging er in ein anderes Zimmer hinüber. Frau Huang Kaufmann war eigentlich gekommen, um Anmutig Minne wegen der Beleidigung ihres Neffen durch Liebglocke Minne zur Rede zu stellen. Doch als sie von Qin Keqings Krankheit erfuhr, konnte sie die Sache nicht nur nicht ansprechen — sie wagte es nicht einmal, sie zu erwähnen. Zudem behandelten Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders sie so freundlich, dass sich ihr Zorn in Freude verwandelte. Sie plauderte noch eine Weile und fuhr dann nach Hause. Nachdem Frau Huang Kaufmann gegangen war, kam Herrlichkeit Kaufmann herüber, setzte sich und fragte Dame Sonders: „Hatte sie heute ein besonderes Anliegen?" Dame Sonders antwortete: „Eigentlich nicht. Als sie hereinkam, sah sie zwar so aus, als sei sie verärgert, aber nachdem wir lange geredet und die Krankheit unserer Schwiegertochter zur Sprache gekommen war, beruhigte sie sich allmählich. Als du ihr dann sagtest, sie solle zum Essen bleiben, war es ihr angesichts der Krankheit unserer Schwiegertochter nicht recht, noch länger sitzenzubleiben. Sie plauderte noch ein wenig und ging dann. Ein besonderes Anliegen hatte sie nicht. Aber sprechen wir lieber über die Krankheit unserer Schwiegertochter: Du musst irgendwo einen guten Arzt finden, der sie untersucht — und bald! Die Ärzte, die bei uns ein und aus gehen, taugen doch nichts! Jeder Einzelne von ihnen hört nur auf das, was man ihm sagt, und wiederholt es dann mit ein paar gelehrten Redewendungen aufgeputzt. Eifrig sind sie allerdings — drei oder vier von ihnen wechseln sich ab und kommen vier- bis fünfmal am Tag, um den Puls zu fühlen. Dann beraten sie gemeinsam und stellen ein Rezept zusammen, aber die Arznei zeigt keine Wirkung. Dabei muss sie sich vier- bis fünfmal am Tag umziehen und sich aufsetzen, um die Ärzte zu empfangen — der Kranken schadet das nur." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „So ist es. Das Kind ist auch einfältig — warum muss sie sich denn ständig umziehen? Wenn sie sich dabei erkältet, kommt noch eine weitere Krankheit hinzu, und das wäre schlimm! Kleider, gleichgültig wie kostbar sie sind, was sind die schon wert? Die Gesundheit des Kindes ist das Wichtigste — selbst wenn sie jeden Tag einen neuen Anzug trüge, wäre das nichts. Ich bin gerade hereingekommen, um dir etwas mitzuteilen: Vorhin war Feng Ziying [冯紫英][9] bei mir zu Besuch. Er bemerkte meinen trübsinnigen Ausdruck und fragte, was mir fehle. Da erzählte ich ihm, dass unsere Schwiegertochter plötzlich ernstlich erkrankt sei, dass wir keinen guten Leibarzt finden könnten, der zuverlässig feststelle, ob es sich um eine Schwangerschaft oder eine Krankheit handle, und ob Gefahr drohe oder nicht — weshalb ich mir seit Tagen ernsthafte Sorgen mache. Da erzählte Feng Ziying, er habe einen Lehrer aus seiner Jugendzeit, mit Nachnamen Zhang [张], mit Vornamen Youshi [友士], einen Mann von außerordentlicher Gelehrsamkeit, der sich zudem auf die Heilkunst aufs Gründlichste verstehe und sogar über Leben und Tod eines Menschen Auskunft geben könne. Dieses Jahr sei er nach Peking gekommen, um für seinen Sohn ein Amt zu kaufen, und logiere derzeit bei ihm. So betrachtet, scheint es geradezu vom Schicksal bestimmt, dass unsere Schwiegertochter durch seine Hände von ihrem Leiden befreit werden soll. Ich habe sofort einen Boten mit meiner Visitenkarte losgeschickt, um ihn einzuladen. Sollte er heute Abend nicht mehr kommen können, wird er sicher morgen erscheinen. Außerdem ist Feng Ziying sogleich persönlich nach Hause geeilt, um ihn zu bitten. Er hat sich verpflichtet, ihn auf jeden Fall herzubringen. Warten wir also auf diesen Herrn Zhang." Dame Sonders war erfreut und fragte: „Übermorgen ist der Geburtstag des Familienältesten — was sollen wir tun?" Herrlichkeit Kaufmann berichtete: „Ich bin vorhin zum Familienältesten gegangen, um ihm meinen Gruß zu entbieten und ihn einzuladen, in unser Haus zu kommen und die Glückwünsche der ganzen Familie entgegenzunehmen. Aber der Familienälteste sagte: ‚Ich bin an Ruhe und Frieden gewöhnt — ich mag nicht in eure Streitarena gehen und mich ins Getümmel stürzen! Ihr werdet wohl sagen, es sei mein Geburtstag und ich solle kommen, damit alle vor mir ihren Kotau machen. Doch mir wäre es hundertmal lieber, wenn du meinen Kommentar zum Text der verborgenen Verdienste[10] [Anm.: ein taoistisches Werk über himmlische Belohnung guter Taten] von jemandem sauber abschreiben und in Druckplatten schneiden ließest — das wäre besser, als mich grundlos all diese Kotaus über mich ergehen zu lassen! Wenn übermorgen die ganze Familie kommt, dann bewirte sie ordentlich in deinem Hause — damit hat sich's. Ihr braucht mir auch nichts zu schicken, und du brauchst übermorgen auch nicht eigens zu kommen. Falls es dir im Herzen keine Ruhe lässt, kannst du schon heute deinen Kotau vor mir machen. Solltest du aber übermorgen mit einem ganzen Gefolge bei mir aufkreuzen und mich belästigen, werde ich das nicht hinnehmen!' Nachdem er das wieder und wieder gesagt hat, traue ich mich übermorgen wahrlich nicht mehr hin. Lass Laisheng [来升] rufen und trag ihm auf, für zwei Tage ein Festmahl vorzubereiten." Dame Sonders ließ daraufhin Herrlichkeit Kaufmann rufen und wies ihn an: „Sag Laisheng, er soll wie üblich für zwei Tage ein üppiges Festmahl herrichten! Dann geh persönlich ins Westanwesen und lade die Herzoginmutter[11] [贾母], die Erste Gnädige Frau, die Zweite Gnädige Frau und die Frau von Kette Kaufmann [Phönixglanz] ein, uns zu besuchen. Dein Vater hat heute von einem guten Arzt erfahren und schon jemanden losgeschickt, um ihn einzuladen. Morgen wird er sicher kommen — dann musst du ihm die Krankheitssymptome der letzten Tage genau schildern." Herrlichkeit Kaufmann sagte zu allem ja und ging hinaus. Dort traf er auf den Boten, der eben aus dem Hause des Feng Ziying zurückgekehrt war. Der berichtete: „Euer Diener war soeben bei Herrn Feng und hat mit der Visitenkarte des gnädigen Herrn den Arzt eingeladen. Der Herr Arzt sagte: ‚Der Herr hier hat mir eben davon erzählt. Aber ich habe den ganzen Tag Besuche abgestattet und bin gerade erst nach Hause gekommen. Im Augenblick reichen meine Kräfte nicht mehr aus — selbst wenn ich in Euer Haus käme, könnte ich den Puls nicht untersuchen. Lasst mich eine Nacht ausruhen — morgen komme ich bestimmt.' Dann sagte er noch: ‚Meine medizinischen Kenntnisse sind nur oberflächlich, und eigentlich wage ich es nicht, dieser gewichtigen Empfehlung nachzukommen. Aber da sowohl Herr Feng als auch Euer gnädiger Herr darauf bestehen, kann ich nicht ablehnen. Richtet das Eurem Herrn aus! Die Visitenkarte Eures Herrn anzunehmen, wage ich wahrhaftig nicht.' Dann befahl er mir, die Karte zurückzubringen. Bitte, junger Herr, meldet das statt meiner!" Herrlichkeit Kaufmann ging noch einmal hinein, erstattete Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders Bericht und kam dann heraus, um Laisheng rufen zu lassen und ihm die Vorbereitungen für das zweitägige Festmahl aufzutragen. Laisheng ging, um alles wie gewohnt herzurichten. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein. Am nächsten Tag gegen Mittag wurde gemeldet: „Der eingeladene Arzt Zhang ist da!" Herrlichkeit Kaufmann ließ ihn in die große Empfangshalle führen, wo sie Platz nahmen. Nachdem der Tee getrunken war, begann Herrlichkeit Kaufmann: „Gestern hat mich Herr Feng über Eure vorzüglichen Fähigkeiten und Eure Gelehrsamkeit unterrichtet und auch darüber, wie tief Eure medizinischen Kenntnisse reichen. Meine Bewunderung kennt keine Grenzen!" Arzt Zhang erwiderte: „Ich bin nur ein ungehobelter, unbedeutender Gelehrter, dessen Wissen seicht und beschränkt ist. Gestern hat mich Herr Feng darüber belehrt, dass man in Eurem hohen Hause auch bescheidenen Gelehrten mit Hochachtung begegnet. Da Ihr mich zudem habt rufen lassen — wie dürfte ich mich Eurem Befehl widersetzen? Doch ich habe keinerlei wirkliche Kenntnisse, und mein Schweiß der Beschämung verdoppelt sich." „Warum so übertrieben bescheiden, Herr!" sagte Herrlichkeit Kaufmann. „Bitte geht hinein und untersucht meine Schwiegertochter! Ich setze alle Hoffnung in Eure Weisheit, damit mein besorgtes Herz Ruhe findet." Daraufhin ging Herrlichkeit Kaufmann mit dem Arzt hinein. Als sie in die Gemächer kamen und der Arzt Anmutig Minne erblickte, fragte er Herrlichkeit Kaufmann: „Das ist also Eure verehrte Gemahlin?" „So ist es", antwortete Herrlichkeit Kaufmann. „Bitte nehmt Platz. Darf ich Euch zunächst die Krankheit schildern, ehe Ihr den Puls fühlt?" Der Arzt sagte: „Meiner bescheidenen Meinung nach wäre es besser, erst den Puls zu fühlen und dann zu sprechen. Ich betrete Euer erhabenes Haus zum ersten Mal und weiß von nichts. Nur weil Herr Feng so dringend darauf bestand, konnte ich nicht umhin zu kommen. Lasst mich nun den Puls fühlen, und dann urteilt, ob meine Diagnose zutrifft oder nicht. Anschließend könnt Ihr mir den Krankheitsverlauf der letzten Tage schildern, und gemeinsam werden wir ein Rezept erwägen. Ob es taugt oder nicht, könnt dann Ihr entscheiden." „Ihr seid wahrhaft ein herausragender Arzt, und ich kann nur bedauern, Euch nicht früher begegnet zu sein!" sagte Herrlichkeit Kaufmann. „Bitte fühlt den Puls und sagt mir, ob Heilung möglich ist, damit meine Eltern beruhigt sind." Die Dienerinnen brachten ein großes Unterlagekissen, und man streifte Qin Keqings Ärmel zurück, um ihre Handgelenke freizulegen. Erst jetzt legte der Arzt seine Hand auf die Pulsstelle des rechten Arms. Er regulierte seinen Atem, zählte die Pulsschläge und konzentrierte sich eine gute halbe Viertelstunde auf die feinsten Regungen des Pulses. Dann wechselte er zum linken Arm und verfuhr ebenso. Als er die Pulsdiagnose abgeschlossen hatte, sagte er: „Setzen wir uns draußen hin." Herrlichkeit Kaufmann ging mit dem Arzt ins Vorzimmer hinaus, wo sie sich auf dem Ruhebett niederließen. Eine alte Dienerin brachte Tee. „Bitte", sagte Herrlichkeit Kaufmann und trank dem Arzt Gesellschaft. Dann fragte er: „Wie lautet Eure Diagnose? Ist die Krankheit noch heilbar?" Der Arzt erklärte: „Bei Eurer verehrten Gemahlin zeigt der linke untere Puls[12] [Anm.: die Pulsstelle, die dem Herzen zugeordnet ist] Schwäche und beschleunigte Schläge; der linke mittlere Puls [Anm.: der Leber zugeordnet] ist kaum spürbar; der rechte untere Puls [Anm.: der Lunge zugeordnet] ist zart und kraftlos; der rechte mittlere Puls [Anm.: der Milz zugeordnet] ist matt und ohne Energie. Dass der linke untere Puls schwach und beschleunigt ist, zeigt an, dass die Lebenskraft des Herzens geschwächt ist, wodurch überschüssiges Feuer entsteht. Dass der linke mittlere Puls kaum spürbar ist, zeigt an, dass die Lebenskraft der Leber stockt und das Blut verarmt. Dass der rechte untere Puls zart und kraftlos ist, bedeutet, dass die Lebenskraft der Lungenbahn zu schwach ist. Und dass der rechte mittlere Puls matt und ohne Energie ist, zeigt an, dass das Erdelement der Milz vom Holzelement der Leber unterdrückt wird [Anm.: gemäß der Fünf-Elemente-Lehre[13] der chinesischen Medizin überwindet Holz die Erde]. Bei geschwächter Herzenskraft und überschüssigem Feuer müssen Regelstörungen und Schlaflosigkeit auftreten. Bei stockender Leberkraft und Blutarmut muss es zu schmerzhafter Schwellung unter den Rippen kommen, die Regel muss ausbleiben, und im Herzen muss Hitze empfunden werden. Bei zu schwacher Lungenkraft wird der Kopf benommen, vor den Augen flimmert es, und in den frühen Morgenstunden zwischen drei und sieben Uhr treten unweigerlich Schweißausbrüche auf — ein Gefühl, als säße man in einem schwankenden Boot. Wenn das Erdelement der Milz vom Holzelement der Leber unterdrückt wird, fehlt der Appetit, der Geist ist matt, und die vier Gliedmaßen sind kraftlos und schmerzen. Dies sind die Symptome, die nach meiner Beurteilung dieses Pulses vorliegen müssen. Wer diesen Puls als Zeichen einer Schwangerschaft deuten will — dem zu folgen wage ich nicht." Eine alte Dienerin, die Anmutig Minne persönlich bediente, bestätigte: „Genau so ist es! Der Herr Arzt spricht so unfehlbar, als wäre er ein Gott — wir brauchen gar nichts mehr zu schildern! Wir haben schon etliche Hofärzte gehabt, die sie untersuchten, aber keiner konnte so treffsicher diagnostizieren. Der eine sagt, sie sei schwanger, der andere, sie sei krank. Dieser sagt, es habe nichts auf sich, jener, sie müsse sich vor der Wintersonnenwende in Acht nehmen — nie weiß einer etwas Bestimmtes. Wir bitten den Herrn Arzt, uns klar und deutlich den Weg zu weisen!" Der Arzt lächelte und sagte: „Die Krankheitssymptome der jungen gnädigen Frau sind durch diese Herren viel zu lange verschleppt worden. Hätte man gleich bei Einsetzen der ersten Regelblutung mit der richtigen Arznei begonnen, wäre es nicht nur nie zu dem heutigen Leiden gekommen — sie wäre inzwischen längst völlig genesen. Doch nachdem die Krankheit so weit fortgeschritten ist, musste dieses Unheil wohl eintreten. Meiner Einschätzung nach bestehen noch drei Zehntel Aussicht auf Heilung. Wenn sie nach Einnahme meiner Arznei nachts schlafen kann, kommen noch zwei weitere Zehntel Zuversicht hinzu. Wie ich den Puls lese, ist die junge gnädige Frau ein Mensch von höchstem Ehrgeiz und überragender Klugheit. Doch wer allzu klug ist, trifft unweigerlich auf Dinge, die nicht nach seinem Sinn sind, und wer ständig auf solche Dinge trifft, grübelt zu viel. Diese Krankheit rührt daher, dass sorgenschweres Grübeln die Milz geschädigt und das Holzelement der Leber übermächtig hat werden lassen — darum kann die Regelblutung nicht zur rechten Zeit kommen. Darf ich fragen, wie es um die früheren Zyklen der jungen gnädigen Frau bestellt war? Die Regel kam gewiss nie zu früh, sondern immer zu spät — habe ich recht?" Die alte Dienerin bestätigte: „Jawohl! Zu früh ist sie nie gekommen — manchmal zwei oder drei Tage zu spät, manchmal sogar ganze zehn Tage." „Aha!" rief der Arzt. „Da haben wir die Krankheitsursache! Hätte man ihr rechtzeitig ein Mittel zur Stärkung des Herzens und Regulierung der Monatsblutung verabreicht, wäre es nie so weit gekommen. Jetzt zeigt sich deutlich das Muster: Das Wasserelement ist zu schwach und das Holzelement zu stark. Versuchen wir es mit einer Arznei." Er schrieb ein Rezept und reichte es Herrlichkeit Kaufmann. Darauf stand: Absud zur Stärkung der Lebenskraft[14], Nährung des Blutes, Kräftigung der Milz und Harmonisierung der Leber: Ginsengwurzel (人参) — 2 Qian Atractylodes-Wurzel (白术), in Ofenlehm geröstet — 2 Qian Yünnan-Porling (云苓) — 3 Qian Aufbereitete Rehmannia-Wurzel (熟地) — 4 Qian Angelikawurzel (归身), mit Reiswein gewaschen — 2 Qian Weiße Päonie (白芍) — 2 Qian Szechuan-Liebstöckel (川芎) — 1½ Qian Tragantwurzel (黄芪) — 3 Qian Gemahlene Zypergraswurzel (香附米) — 2 Qian Mit Essig behandelte Hasenohrwurzel (醋柴胡) — 8 Fen Yamswurzel aus Huaining (怀山药), geröstet — 2 Qian Echter Eselsleim (真阿胶), mit Muschelschalenpulver geröstet — 2 Qian Lerchenspornwurzel (延胡索), in Reiswein gekocht — 1½ Qian Mit Honig kandiertes Süßholz (炙甘草) — 8 Fen Zusätze: 7 Lotoskerne aus Fujian, ohne Keim; 2 rote Jujuben. Herrlichkeit Kaufmann las das Rezept und sagte: „Das ist wahrhaft meisterhaft! Nur eine Frage noch: Ist die Krankheit letztendlich lebensbedrohlich oder nicht?" Der Arzt lächelte und sagte: „Ihr seid ein kluger Mann und werdet verstehen: Eine Krankheit, die so weit fortgeschritten ist, ist nicht das Werk eines einzelnen Tages. Ob die Arznei wirkt, hängt auch vom Schicksal ab. Meiner Einschätzung nach besteht diesen ganzen Winter hindurch keine unmittelbare Gefahr. Wenn sie die Frühlings-Tagundnachtgleiche gut übersteht, darf man auf vollständige Genesung hoffen." Herrlichkeit Kaufmann war verständig genug, nicht weiter nachzufragen. Er geleitete den Arzt hinaus und brachte dann das Rezept und die Diagnose Herrlichkeit Kaufmann. Er berichtete ihm und Dame Sonders alles, was der Arzt gesagt hatte. Dame Sonders sagte zu Herrlichkeit Kaufmann: „So klar und bestimmt hat sich noch keiner der Ärzte geäußert. Ich denke, auf sein Rezept ist Verlass." Herrlichkeit Kaufmann erwiderte: „Er ist ja auch kein gewöhnlicher Arzt, der seine Brötchen mit Medizin verdient. Nur weil ich mit Feng Ziying befreundet bin, hat der ihn mit größter Mühe dazu bewegen können zu kommen. Nun, da wir diesen Mann haben, wird unsere Schwiegertochter vielleicht wirklich gesund. Im Rezept steht Ginseng — dafür nehmen wir das Jin erstklassigen Ginseng, das wir neulich gekauft haben." Herrlichkeit Kaufmann hörte alles an, ging hinaus und befahl einem Diener, die Arzneizutaten zu besorgen, sie zu kochen und den Trank Anmutig Minne einzugeben. Ob Qin Keqings Zustand sich nach Einnahme dieser Arznei besserte oder verschlechterte — das soll im nächsten Kapitel erzählt werden.
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