Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 11
第十一回 / Kapitel 11
庆寿辰宁府排家宴
见熙凤贾瑞起淫心
| DE3 (Schwarz/Woesler) | DE4 (Woesler, 4. Aufl.) |
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11.Zur Feier des Geburtstags begeht man im Ning-guo-Anwesen ein Fest,beim Anblick von Hsi-fëng überkommt Djia Juee die Lust. Als nun Djia Djings Geburtstag gekommen war, ließ Djia Dschën sechzehn große Speiseschachteln mit auserlesenen Eßwaren und seltenen Früchten füllen und befahl Djia Jung, sie mit einigen Leuten vom Gesinde zu Djia Djing zu bringen. Dabei trug er Djia Jung auf: „Gib acht, ob sich der alte gnädige Herr darüber freut oder nicht! Dann entbietest du deinen Gruß und sagst: ‚Mein Vater wagte nicht zu kommen, da Ihr es so angeordnet habt. Am Morgen hat er zu Hause an der Spitze der gesamten Familie die Riten vollzogen.‘“ Als Djia Jung ihn angehört hatte, begab er sich mit den Leuten auf den Weg. Im Ning-guo-Anwesen trafen derweilen nach und nach die Gäste ein. Zuerst kamen Djia Liän und Djia Tjiang. Sie sahen sich erst einmal die Sitzordnung an und fragten, ob irgendwelche Unterhaltung geboten werde. „Ursprünglich hatte der Herr den alten gnädigen Herrn bitten wollen, heute nach Hause zu kommen, und hatte daher durchaus nicht gewagt, für Unterhaltungen zu sorgen“, erklärte ihnen das Gesinde. „Als er dann vorgestern erfuhr, der alte gnädige Herr werde nicht kommen, haben wir auf seinen Befehl rasch eine kleine Theatertruppe und ein Zehnerorchester suchen müssen, die jetzt auf der Bühne im Garten ihre Vorbereitungen treffen.“ Als nächste kamen Dame Hsing, Dame Wang, Hsi-fëng und Bau-yü. Sie wurden von Djia Dschën und Frau You empfangen und in die inneren Gemächer geführt, wo sich bereits Frau Yous Mutter aufhielt. Nachdem sie sich wechselseitig begrüßt und, einander den Vorrang lassend, Platz genommen hatten, reichten Djia Dschën und Frau You selbst den Tee, anschließend sagte Djia Dschën: „Die alte gnädige Frau ist die Ahne unserer Sippe, und mein Vater ist ihr Neffe. Eigentlich hätte ich es nicht gewagt, sie an einem Tag wie diesem einzuladen, aber das Wetter ist angenehm kühl, und überall im Garten stehen die Chrysanthemen in voller Blüte. Darum hatte ich die alte Ahne hergebeten, damit sie sich ein wenig zerstreut und sieht, wie ausgelassen ihre Kinder und Enkel sind. Das allein war meine Absicht. Wer hätte gedacht, daß uns die alte Ahne nicht mit ihrer Anwesenheit beehren würde!“ Noch ehe Dame Wang den Mund aufgemacht hatte, sagte Hsi-fëng: „Sagte die alte gnädige Frau nicht gestern noch, sie werde kommen?! Aber dann sah sie am Abend, wie Bau-yü mit den anderen zusammen Pfirsiche aß, und gierig, wie sie ist, hat sie ebenfalls mehr als einen halben Pfirsich gegessen und mußte dann in der fünften Nachtwache zweimal hintereinander aufstehen. So fühlte sie sich heute Morgen ein wenig müde und hat mir aufgetragen, Euch zu bestellen, sie könne heute auf gar keinen Fall kommen. Dann hat sie noch gesagt, wenn es etwas Gutes zu essen gebe, wolle sie von den Gerichten ein paar abhaben, nur ganz durchgekocht müßten sie sein.“ Als Djia Dschën das gehört hatte, sagte er lächelnd: „Ich weiß doch, daß die alte Ahne den Trubel mag und daß es einen Grund haben muß, wenn sie heute nicht kommt. Aber wenn es so ist, ist die Sache schon klar.“ „Neulich hörte ich, wie deine kleine Schwester sagte, Jungs Frau sei etwas unpäßlich. Was ist denn mit ihr?“ erkundigte sich Dame Wang. „Es ist sonderbar mit ihrer Krankheit“, gab Frau You Auskunft. „Vorigen Monat zum Mittelherbstfest vergnügte sie sich noch die halbe Nacht mit der alten gnädigen Frau und Euch gnädigen Frauen zusammen und war gesund und munter, als sie nach Hause kam. Aber nach dem zwanzigsten fühlte sie sich dann von Tag zu Tag matter und mochte nicht einmal mehr essen, und so geht das jetzt bald reichlich einen halben Monat. Außerdem hat sie schon den zweiten Monat ihre Regel nicht bekommen.“ „Dann ist sie wohl guter Hoffnung?“ fragte jetzt Dame Hsing. Als sie das eben sagte, wurde von draußen gemeldet: „Der ältere und der jüngere gnädige Herr sowie die jungen Herren der Familie sind da und warten in der Empfangshalle.“ Darauf ging Djia Dschën eilig hinaus. Hier aber berichtete Frau You: „Zuerst waren auch von den Ärzten einige der Meinung, daß sie guter Hoffnung sei. Aber gestern war durch Vermittlung von Fëng Dsï-ying ein Gelehrter hier, dessen Schüler er früher war und der auf medizinischem Gebiet außerordentlich beschlagen ist. Er hat sie untersucht und gesagt, daß sie nicht in anderen Umständen, sondern von einer schweren Krankheit befallen sei. Gestern stellte er ein Rezept für sie zusammen, und nachdem sie von dieser Arznei einmal genommen hatte, ist ihr Kopf heute nicht mehr so benommen, was aber die übrigen Beschwerden betrifft, so ist keine große Wirkung zu verspüren.“ „Ich glaube, sie muß wirklich völlig entkräftet sein“, sagte Hsi-fëng. „Sonst hätte sie sich an einem Tag wie diesem ganz bestimmt zusammengerissen und wäre gekommen.“ „Du hast sie am dritten hier gesehen“, erläuterte Frau You. „Da hatte sie alle Kräfte zusammengenommen und einen halben Tag durchgehalten, und auch das nur, weil sie sich gut mit dir versteht und dich so gern hat, daß sie sich am liebsten gar nicht von dir trennen würde.“ Als Hsi-fëng das hörte, bekam sie rote Augenränder, und erst nach längerem Schweigen sagte sie: „Wahrhaftig, Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich. Was würde das Leben für unsereinen noch bedeuten, wenn ihr in ihrem Alter infolge dieser Krankheit etwas zustoßen sollte!“ Während sie das eben sagte, kam Djia Jung herein, und erst nachdem er nacheinander vor Dame Hsing, Dame Wang und Hsi-fëng getreten war, um jeder seinen Gruß zu entbieten, berichtete er Frau You: „Eben habe ich dem alten gnädigen Herrn die Speisen gebracht und habe ihm ausgerichtet: ‚Mein Vater empfängt zu Hause die beiden gnädigen Herren und bewirtet die jungen Herren der ganzen Familie. Er hält sich an Euren Befehl und hat es deshalb nicht gewagt, zu Euch zu kommen.‘ Als der alte gnädige Herr das hörte, freute er sich und sagte: ‚So ist es recht!‘ Dann hat befahl er mir auszurichten, Vater und Mutter sollten sich ja gut um die beiden gnädigen Herren und ihre Frauen kümmern, und auch ich solle mich schön um die Onkel und Tanten kümmern und um meine Vettern ebenfalls. Außerdem möchte er, daß wir von dem ‚Text der verborgenen Vorherbestimmung‘ so schnell wie möglich die Druckplatten schneiden und dann zehntausend Stück davon drucken ließen, um sie an die Leute zu verteilen. Das alles habe ich meinem Vater bereits ausgerichtet, und jetzt muß ich mich beeilen und die beiden gnädigen Herren und die jungen Herren der Familie zum Essen begleiten.“ „Warte noch, Jung“, bat ihn Hsi-fëng. „Wie geht es deiner Frau heute?“ „Nicht gut“, erwiderte Djia Jung und zog schmerzlich die Brauen zusammen. „Geht nur nachher selber zu ihr, Tante, dann werdet Ihr es sehen.“ Und damit verließ er den Raum. „Möchtet Ihr lieber hier essen oder im Garten?“ erkundigte sich Frau You jetzt bei Dame Hsing und Dame Wang. „Die Theateraufführung wird im Garten vorbereitet.“ „Wir sollten einfach hier essen und dann erst hinübergehen, das erspart die vielen Umstände!“ sagte Dame Wang zu Dame Hsing, und als diese den Vorschlag billigte, befahl Frau You den Sklavinnen, rasch das Essen zu bringen. Von draußen wurde dieser Auftrag wie mit einer Stimme bestätigt, dann trug jede der Sklavinnen das Ihre herein, und bald waren die Tische gedeckt. Frau You bat Dame Hsing, Dame Wang und ihre eigene Mutter auf die Ehrenplätze, sie selbst aber nahm mit Hsi-fëng und Bau-yü die Seitenplätze ein. „Eigentlich sind wir gekommen, um dem alten gnädigen Herrn zum Geburtstag zu gratulieren, aber jetzt sieht es ja aus, als ob wir selber Geburtstag hätten, oder nicht?“ sagten Dame Hsing und Dame Wang. Da warf Hsi-fëng ein: „Der alte gnädige Herr liebt die Selbstvervollkommnung in der Stille und hat es dabei schon so weit gebracht, daß er als unsterblicher Heiliger gelten kann. Also wird er auch Eure Glückwünsche auf Geisterart aus der Ferne vernehmen!“ Darüber brachen alle im Raum in Gelächter aus. Als Frau Yous Mutter sowie Dame Hsing, Dame Wang und Hsi-fëng gegessen hatten und sich den Mund gespült und die Hände gesäubert hatten, verlangten sie, in den Garten zu gehen. Da kam Djia Jung wieder herein und berichtete Frau You: „Die beiden gnädigen Herren sowie die Onkel und Vettern sind jetzt fertig mit dem Essen. Der ältere gnädige Herr sagte, er habe zu Hause zu tun, und der jüngere gnädige Herr mag kein Theater, weil er fürchtet, es werde ein unerträglicher Lärm dabei herrschen, darum sind sie beide gegangen. Die jungen Herren der Familie hat Onkel Liän mit Vetter Tjiang zusammen in den Garten gebeten, um die Theatervorführungen anzusehen. Außerdem sind Boten mit Namenskarten und Geburtstagsgeschenken von den vier Prinzen Nan-an, Dung-ping, Hsi-ning und Bee-djing, aus dem Hause Niu des Herzogs Dschën-guo und von fünf weiteren Herzögen sowie aus dem Hause Schï des Fürsten Dschung-djing und von sieben anderen Fürsten gekommen. Ich habe meinem Vater alles gemeldet und habe dafür gesorgt, daß die Geschenke erst einmal ins Kassenhaus kommen, die Geschenklisten aber zu den Akten genommen werden. Den Boten sind die Dankeskarten mit dem Namen des gnädigen Herrn ausgehändigt worden, außerdem hat jeder von ihnen das übliche Trinkgeld bekommen, und auch zum Essen sind sie alle gebeten worden. Eben erst sind sie wieder fortgegangen. Ihr solltet die beiden gnädigen Frauen, Eure Frau Mutter und die Tante in den Garten hinüberbitten, Mutter!“ „Wir sind auch eben erst mit dem Essen fertig und wollten gerade hinübergehen“, erwiderte Frau You. „Gnädige Frau!“ sagte jetzt Hsi-fëng. „Ich möchte erst einmal nach Jungs Frau sehen, ehe ich hinübergehe.“ „Daran tust du recht“, antwortete Dame Wang. „Wir würden alle gern nach ihr sehen, wenn wir nicht fürchten müßten, daß ihr der Lärm, den wir dabei machen würden, lästig ist. Sag ihr, wir lassen sie grüßen!“ Und Frau You setzte hinzu: „Liebste Schwägerin, auf dich hört die Schwiegertochter. Red ihr ein bißchen zu, dann bin ich unbesorgt. Komm aber schnell in den Garten nach!“ Bau-yü wollte Hsi-fëng zu Frau Tjin begleiten, und Dame Wang ermahnte ihn: „Schau zu ihr hinein, und dann komm in den Garten hinüber, sie ist die Frau deines Neffen!“ Nun bat Frau You Dame Hsing, Dame Wang und ihre eigene Mutter in den Garten der Gesammelten Düfte, Hsi-fëng und Bau-yü aber gingen mit Djia Jung zu Frau Tjin. Als sie im Haus waren und leise in die Tür zum Innenraum traten, erblickte Frau Tjin sie und wollte sich erheben. Hsi-fëng aber sagte: „Nicht doch! Wenn du zu hastig aufstehst, wird dir schwindlig im Kopf.“ Dann trat sie noch zwei Schritte näher, faßte Frau Tjin bei der Hand und sagte: „Wie bist du nur in den paar Tagen, die wir uns nicht gesehen haben, so mager geworden, junge Frau?“ Damit setzte sie sich mit auf das Polster, auf dem Frau Tjin saß. Bau-yü begrüßte sie ebenfalls und nahm auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz. „Bringt rasch Tee!“ rief Djia Jung. „Die Tante und der Onkel haben drüben noch keinen getrunken.“ Frau Tjin drückte Hsi-fëngs Hand, zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich habe kein Glück, das ist alles! Da behandeln mich die Schwiegereltern wie eine leibliche Tochter, Euer Neffe achtet mich trotz seiner Jugend genau wie ich ihn, und wir sind einander noch nie böse gewesen, die Älteren und die Gleichaltrigen mögen mich einer wie der andere, von Euch ganz zu schweigen, alle sind gut zu mir, und dann mußte ich jetzt diese Krankheit bekommen, die mich völlig zermürbt hat, so daß ich den Schwiegereltern gegenüber keinen Tag mehr meine Kindespflichten erfüllen kann. Auch Ihr seid so lieb zu mir, Tante, und ich möchte Euch zu gern meinen kindlichen Gehorsam beweisen, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich glaube, den Jahreswechsel werde ich vielleicht nicht überleben.“ Bau-yü starrte unverwandt auf das Bild ‚Frühlingsschlaf unter Zierapfelblüten‘ und jene Parallelinschrift von Tjin Tai-hsü ‚Die Frische stört ihren Schlummer, der Frühling ist kühl; ein Hauch umfängt sie, das Aroma von Wein‘, und unwillkürlich kam ihm dabei die Erinnerung daran, wie er hier während des Mittagsschlafs im Traum in die Wahngefilde der Großen Leere gelangt war. Als er, in diese Erinnerungen versunken, die Worte von Frau Tjin hörte, war ihm, als ob tausend Pfeile sein Herz durchbohrten, und ohne daß er es gewahr wurde, liefen ihm die Tränen herunter. Auch Hsi-fëng war zutiefst betroffen, aber sie fürchtete, wenn sich alle gehen ließen, würde das den Kummer der Kranken nur noch weiter vermehren, während sie doch gekommen war, um ihr gut zuzureden, darum sagte sie, als sie Bau-yüs Tränen bemerkte: „Du bist wahrhaft weibisch, Bau-yü! Als Kranke sagt sie das so dahin, du aber glaubst, es stünde wirklich schlimm! – Wie kann denn ein Mensch in deinem Alter, nur weil er mal ein bißchen krank ist, gleich auf solche Gedanken verfallen?! Das macht einen kränker als man ist!“ „Sie muß nur tüchtig essen und trinken, dann hat sie nichts zu befürchten“, ließ Djia Jung sich vernehmen. „Bau-yü, hatte die gnädige Frau nicht gesagt, du solltest bald nachkommen?“ nahm Hsi-fëng wieder das Wort. „Du sitzt hier herum und bringst die junge Frau auf trübe Gedanken, und drüben macht sich die gnädige Frau Sorgen um dich. – Geh schon mal mit deinem Onkel hinüber, ich bleibe noch einen Augenblick hier sitzen!“ fuhr sie dann, an Djia Jung gewandt, fort. Also ging Djia Jung mit Bau-yü in den Garten der Gesammelten Düfte, Hsi-fëng aber redete weiter begütigend auf Frau Tjin ein und sagte ihr mit leiser Stimme viele zärtliche Worte. Erst als Frau You schon zwei, drei Mal nach Hsi-fëng geschickt hatte, sagte diese zu Frau Tjin: „Ruh dich nur gut aus, ich komme dich wieder besuchen! Ganz bestimmt wirst du gesund, nachdem euch vorgestern jemand diesen guten Arzt vermittelt hat. Jetzt ist kein Grund mehr zur Sorge!“ Lächelnd erwiderte Frau Tjin: „Selbst wenn er ein Heiliger ist, kann er doch nur meine Krankheit behandeln, aber nicht mein vorbestimmtes Schicksal verändern. Tante, ich weiß, daß ich mich mit dieser Krankheit nur noch von Tag zu Tag hinschleppe.“ „Wenn du so denkst, kannst du ja nicht gesund werden“, sagte Hsi-fëng. „Man darf doch nie den Mut verlieren! Noch dazu, da der Arzt gesagt haben soll, für das Frühjahr habe er Bedenken, wenn du nicht behandelst wirst. Jetzt ist erst der neunte Monat des Jahres zur Hälfte um, also sind es bis dahin noch vier oder fünf Monate. In dieser Zeit ist jede Krankheit zu heilen. Schlimm wäre es, wenn wir uns keinen Ginseng leisten könnten, aber wenn deine Schwiegereltern wissen, daß es dir hilft, kannst du zwei Djin Ginseng am Tag bekommen, von zwei Tjiän ganz zu schweigen. Also ruh dich nur schön aus, und ich gehe jetzt in den Garten hinüber!“ „Tante, ich ärgere mich wirklich, daß ich nicht mitgehen kann“, sagte Frau Tjin. „Kommt mich bitte immer wieder einmal besuchen, wenn Ihr frei seid! Ich möchte noch oft so mit Euch sitzen und plaudern.“ Unwillkürlich bekam Hsi-fëng wieder rote Augenränder, als sie das hörte, und sie versprach: „Bestimmt komme ich dich noch oft besuchen, wenn ich mich frei machen kann!“ Damit verließ sie an der Spitze ihrer eigenen Sklavinnen und der Sklavinnen aus dem Ning-guo-Anwesen die inneren Gemächer und ging auf gewundenen Pfaden durch das Seitentor in den Garten. Und was sah sie? Gelbe Blumen bedecken den Boden, weiße Weiden stehen am Hang. Schmale Brücken überspannen den Bach Juo-yä, krumme Pfade führen zum Berg Tiän-tai. Heftig rauscht zwischen den Steinen das klare Wasser – ein Duft streicht durch den Bambuszaun; flatternd fällt von den Bäumen das rote Laub – einem Bild gleicht der lichte Hain. Kaum daß der Westwind heftiger weht, verstummt gleich der Goldamsel Lied, doch wird etwas wärmer der Tag, erhebt sich noch Grillengesang. Fern im Südosten hohe Häuser an den Berg gelehnt, dort im Nordwesten ein flacher Bau auf das Wasser blickt. Flötenklänge dringen ans Ohr – ein Zauber eigener Art, Seidenkleider schimmern im Wald, vollenden das reizvolle Bild. Als Hsi-fëng diese Gartenlandschaft erblickte und unter bewundernden Ausrufen Schritt für Schritt weiterging, kam plötzlich hinter einem künstlichen Felsen eine Gestalt hervor, trat vor sie hin und sagte: „Einen guten Tag wünsche ich Euch, Schwägerin!“ Hsi-fëng war vor Schreck einen Schritt zurückgewichen. „Seid Ihr Herr Juee oder wer?“ fragte sie. „Ach, Ihr erkennt mich nicht einmal, Schwägerin?“ sagte Djia Juee. „Wer sollte ich denn sonst sein?“ „Natürlich erkenne ich Euch“, sagte Hsi-fëng. „Aber Ihr seid so plötzlich aufgetaucht, und ich war nicht darauf gefaßt, Euch hier zu treffen.“ „Dann muß es uns wohl vorherbestimmt gewesen sein, uns hier zu begegnen“, sagte Djia Juee. „Eben hatte ich mich von den anderen weggestohlen, um mich an diesem stillen, reinen Ort ein wenig zu ergehen, und da kommt Ihr hier vorbei. Muß das nicht Vorherbestimmung sein?“ Und während er das sagte, verschlang er sie förmlich mit seinen Blicken. Nun war ja Hsi-fëng eine gescheite Frau, und so konnte sie zu acht, neun Zehnteln durchschauen, worum es hier ging. Darum sagte sie mit gespieltem Lächeln: „Kein Wunder, daß Euer Vetter Liän immer wieder von Euch spricht und Euch lobt. Nach dem, was ich jetzt von Euch sehe und höre, seid Ihr ein kluger, umgänglicher Mann. Aber ich bin jetzt auf dem Weg zu den gnädigen Frauen und kann mich nicht mit Euch unterhalten. Sprechen wir uns also ein andermal, wenn ich Zeit habe!“ „Ich würde ja zu Euch nach Hause kommen, um Euch meinen Gruß zu entbieten, nur fürchte ich, bei Eurer Jugend werdet Ihr nicht leichthin Besuch empfangen“, sagte Djia Juee. „Was hat mein Alter damit zu tun, wo wir doch engste Verwandte sind?“ fragte Hsi-fëng und lächelte wieder scheinheilig. Als Djia Juee auch noch diese Worte hörte, nachdem schon die Begegnung unverhofft genug für ihn gewesen war, verzog sich sein Gesicht zu einer unerträglichen Grimasse. „Geht nur schnell zu Eurer Tischrunde zurück und paßt auf, daß Euch niemand ertappt, sonst müßt Ihr einen Strafbecher trinken!“ riet ihm Hsi-fëng. Djia Juee, der sich leicht betäubt fühlte, ging langsam davon und wandte noch einmal den Kopf, um nach ihr zu sehen. Hsi-fëng verhielt bewußt ihren Schritt, bis er weit weg war, und dachte: ‚Wahrhaftig! Wenn man jemanden kennt, dann kennt man wohl sein Gesicht, aber nicht sein Herz. Wie kann es nur solche Tiere geben unter den Menschen! Kommt er mir so, dann soll er sterben durch meine Hand, damit er mich kennenlernt!‘ Mit diesen Gedanken bog sie im Weitergehen um einen Hügel, und hier kamen ihr zwei, drei alte Sklavenfrauen eilig entgegen und sagten bei ihrem Anblick lächelnd: „Als die junge Herrin merkte, daß Ihr zögertet zu kommen, war sie ganz außer sich und hat uns befohlen, Euch noch einmal herüberzubitten!“ „Eure Herrin ist schon ein rechter Heißsporn!“ sagte Hsi-fëng, ging langsam weiter und fragte dabei, wie viele Szenen schon aufgeführt worden seien. Acht oder neun seien es schon, sagten die Sklavinnen, und damit waren sie bereits am Hintereingang zum Turm des Himmelsduftes angelangt, wo sich Bau-yü mit einem Schwarm Sklavenmädchen zusammen die Zeit vertrieb. „Aber nicht ungezogen sein, Bau-yü!“ mahnte Hsi-fëng, und eines der Sklavenmädchen sagte: „Die gnädigen Frauen sitzen alle oben. Geht bitte von hieraus hinauf, junge Herrin!“ Daraufhin raffte Hsi-fëng ihre Kleider und stieg vorsichtig ins Obergeschoß des Turmes hinauf, wo Frau You sie bereits an der Treppe erwartete und lächelnd zu ihr sagte: „Ihr beide versteht euch aber auch zu gut miteinander! Jedesmal, wenn ihr euch seht, könnt ihr euch kaum wieder voneinander trennen. Am besten, du ziehst morgen gleich zu ihr! Aber jetzt setz dich hin, ich will dir zuerst einen Becher kredenzen!“ Da bat Hsi-fëng Dame Hsing und Dame Wang, sich setzen zu dürfen, widmete auch kurz Frau Yous Mutter ihre Aufmerksamkeit und setzte sich dann mit Frau You zusammen an einen Tisch, trank Wein und schaute dem Theaterspiel zu. Frau You befahl, man solle Hsi-fëng den Repertoirzettel reichen, und forderte sie auf, einige Szenen auszusuchen. „Wie könnte ich das im Beisein der gnädigen Frauen wagen?“ sträubte sich Hsi-fëng. „Wir und die gnädige Frau Schwägerin haben bereits etliche Szenen ausgewählt“, sagten Dame Hsing und Dame Wang. „Such jetzt du zwei schöne Szenen aus, und wir sehen sie uns an!“ Hsi-fëng erhob sich von ihrem Platz und sagte „Jawohl!“, ehe sie den Zettel entgegennahm und durchsah. Sie zeichnete die Szenen ‚Die Rückkehr der Seele‘ und ‚Die Ballade‘ an, reichte den Zettel zurück und sagte: „Wenn die jetzige Szene ‚Zwei Ernennungen in einem Erlaß‘ zu Ende ist, sollen sie noch diese beiden Szenen spielen, und dann wird es wohl auch Zeit!“ „Du hast recht“, sagte Dame Wang. „Wir müssen deinem Schwager und seiner Frau rechtzeitig Ruhe gönnen, zumal sie in Sorge sind!“ „Aber Ihr gnädigen Frauen kommt doch so selten einmal herüber“, sagte Frau You. „Laßt uns noch ein Weilchen zusammen sitzen, ehe Ihr geht! Es ist ja noch früh!“ Jetzt stand Hsi-fëng auf, blickte vor den Turm hinab und fragte: „Wohin sind denn all unsere Herren gegangen?“ „Die Herren sind eben ins Gemach des Geronnenen Sonnenscheins gegangen, das Orchester haben sie mitgenommen. Sie wollen dort ihren Wein trinken“, gab eine alte Sklavin Auskunft, die dabeistand. „Wer weiß, was sie wieder anstellen, daß es ihnen hier nicht behagt!“ sagte Hsi-fëng darauf. Und Frau You bemerkte lächelnd: „Es sind eben nicht alle Menschen so mustergültig wie du!“ So lachten und plauderten sie, bis alle Theaterszenen gespielt waren, die sie ausgesucht hatten, dann wurde der Wein abgeräumt und das Essen aufgetragen. Nach dem Essen verließen sie den Garten und gingen ins Hauptgebäude hinüber, wo sie noch Tee tranken, ehe sie befahlen, die Wagen bereitzumachen. Frau Yous Mutter nahm schon hier von ihnen Abschied, Frau You aber begleitete sie an der Spitze der Nebenfrauen und Sklavinnen hinaus. Dort stand Djia Dschën mit den Söhnen und Neffen der Familie zusammen in dienstfertiger Haltung wartend neben den Wagen und sagte, als Dame Hsing und Dame Wang kamen: „Die werten Tanten müssen morgen noch einmal zu uns herüberkommen!“ „Laß es gut sein!“ wehrte Dame Wang ab. „Heute haben wir den ganzen Tag hier gesessen und sind müde geworden. Morgen wollen wir uns ausruhen!“ Damit stiegen sie in die Wagen und fuhren hinaus. Die ganze Zeit über hatte Djia Juee kein Auge von Hsi-fëng gelassen. Erst als Djia Dschën mit den anderen wieder hineingegangen war, brachte Li Guee das Pferd, und Bau-yü saß auf und ritt dem Wagen von Dame Wang hinterher. Im Ning-guo-Anwesen aber aß Djia Dschën noch mit den jungen Leuten der Familie zu Abend, ehe alle auseinander gingen. Am nächsten Tag feierten die engeren Familienangehörigen unter sich weiter, aber davon soll hier nicht mehr die Rede sein. Hsi-fëng ging dann häufig zu Frau Tjin auf Besuch, und dieser ging es mal ein paar Tage besser und dann wieder ein paar Tage so wie zuvor, und Djia Dschën, Frau You und Djia Jung waren von Herzen betrübt darüber. Djia Juee kam in dieser Zeit ein paarmal ins Jung-guo-Anwesen, aber es traf sich so, daß Hsi-fëng jedesmal gerade im Ning-guo-Anwesen war. In diesem Jahr fiel die Wintersonnenwende auf den dreißigsten Tag des elften Monats. Als dieses Datum näher rückte, schickten die Herzoginmutter, Dame Wang und Hsi-fëng Tag für Tag jemanden, um nach Frau Tjin zu sehen, und jedesmal meldete die Botin, es sei weder eine Besserung noch eine Verschlimmerung zu erkennen. Da sagte Dame Wang zur Herzoginmutter: „Wenn es mit dieser Krankheit zu so einem bedeutenden Zeitpunkt nicht schlimmer wird, besteht wohl noch die beste Hoffnung!“ „Aber ja!“ erwiderte die Herzoginmutter. „Das gute Kind! Wenn ihr etwas vorherbestimmt sein sollte, bräche es mir das Herz!“ Während sie das sagte, überkam sie der Schmerz, und sie rief nach Hsi-fëng, um ihr zu sagen: „Du hast dich doch auch immer gut mit ihr verstanden. Morgen ist der erste Tag des neuen Monats, aber übermorgen solltest du wieder einmal nach ihr sehen! Gib genau acht, wie ihr Zustand ist, und wenn es ihr vielleicht besser geht, sagst du mir das, sobald du zurück bist, dann kann auch ich mich freuen. Das Kind hat auch immer gerne gegessen. Du solltest öfter einmal etwas für sie zubereiten lassen und es ihr hinüberschicken!“ Hsi-fëng versprach das eine wie das andere, und am zweiten Tag des neuen Monats fuhr sie nach der Morgenmahlzeit ins Ning-guo-Anwesen hinüber. Frau Tjins Krankheit hatte sich zwar nicht verschlimmert, aber sie war im Gesicht und am ganzen Körper so abgemagert, daß sie aussah wie eingetrocknet. Hsi-fëng saß lange Zeit bei ihr, plauderte mit ihr und versuchte, sie mit der Versicherung aufzuheitern, die Krankheit habe nichts zu besagen. „Ob ich gesund werde, erfahren wir im Frühling“, sagte Frau Tjin. „Jetzt ist die Wintersonnenwende vorübergegangen, ohne daß etwas passiert ist. Wer weiß, vielleicht werde ich doch noch gesund. Meldet der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau, sie könnten ganz ruhig sein. Von den Yamswurzelkuchen mit Jujubenfüllung, die mir die alte gnädige Frau gestern geschickt hat, habe ich zwei Stück gegessen, und es scheint, ich kann sie verdauen.“ „Morgen schicke ich dir mehr davon“, sagte Hsi-fëng, „aber jetzt will ich noch zu deiner Schwiegermutter gehen, und dann will ich rasch nach Hause fahren und der alten gnädigen Frau Bericht erstatten.“ „Bestellt der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau meinen Gruß!“ bat Frau Tjin. Hsi-fëng versprach es und ging hinaus. Als sie bei Frau You im Hauptgebäude saß, fragte diese: „Wie findest du den Zustand der Schwiegertochter, nüchtern betrachtet?“ Hsi-fëng blickte lange zu Boden, ehe sie endlich sagte: „Es bleibt keine andere Wahl, als alles vorzubereiten, was im Ernstfall gebraucht wird. Vielleicht kann man dadurch die Krankheit austreiben.“ „Ich hatte schon befohlen, diese Vorbereitungen in aller Stille zu treffen“, sagte Frau You. „Nur für das Bewußte ist kein ordentliches Holz zu bekommen, damit müssen wir einstweilen noch warten.“ Hsi-fëng trank ihren Tee, sprach noch ein Weilchen mit Frau You, und schließlich sagte sie: „Ich will jetzt zurückfahren und der alten gnädigen Frau Bericht geben!“ „Mach es aber behutsam, damit du ihr keinen Schreck einjagst!“ mahnte Frau You. „Ich weiß schon“, sagte Hsi-fëng. Als sie dann zu Hause war und zur Herzoginmutter kam, sagte sie: „Jungs Frau läßt Euch grüßen und macht vor Euch ihren Stirnaufschlag. Sie sagt, sie fühle sich etwas besser und bitte die alte Ahne, unbesorgt zu sein. Wenn sie sich noch weiter erholt hat, will sie selber kommen, um der alten Ahne fußfällig ihren Gruß zu entbieten.“ „Und was meinst du, wie es ihr geht?“ fragte die Herzoginmutter. „Einstweilen ist noch nichts zu befürchten, und ihre Stimmung ist gut“, sagte Hsi-fëng. Darauf schwieg die Herzoginmutter eine lange Zeit, ehe sie Hsi-fëng endlich befahl: „Geh dich umziehen und ruh dich aus!“ „Jawohl!“ sagte Hsi-fëng und ging hinaus. Nachdem sie noch Dame Wang begrüßt hatte, ging sie in ihre Gemächer, wo Ping-örl ihr die vorgewärmten Alltagskleider anlegen half. Kaum hatte Hsi-fëng sich hingesetzt, fragte sie: „Ist hier irgend etwas gewesen?“ „Nein“, sagte Ping-örl, die eben Tee gebracht hatte und ihn Hsi-fëng reichte. „Nur die Zinsen für die dreihundert Liang Silber hat Lai Wangs Frau gebracht. Ich habe sie weggelegt. Dann hat Herr Juee jemanden geschickt, um sich zu erkundigen, ob Ihr zu Hause wärt, damit er Euch seinen Gruß entbieten und mit Euch plaudern könnte.“ Als Hsi-fëng das hörte, schnaubte sie verächtlich und sagte: „Dieses Vieh stürzt sich wirklich ins Verderben, so wie es sich benimmt!“ „Warum kommt nur Herr Juee immer wieder?“ wollte Ping-örl wissen. Also erzählte ihr Hsi-fëng in allen Einzelheiten, wie sie ihm damals im neunten Monat im Garten des Ning-guo-Anwesens begegnet war. „Die Kröte gelüstet‘s nach Schwanenfleisch“, kommentierte Ping-örl, um dann fortzufahren: „Für dieses Ansinnen verdient der ehrlose Kerl, daß er kein gutes Ende findet!“ „Ich habe mir schon etwas für ihn ausgedacht, wenn er kommt“, versicherte Hsi-fëng. Wer wissen möchte, was Djia Juee erwartete, muß das nächste Kapitel lesen. |
Kapitel 11: Beim Geburtstagsbankett im Stillfriede-Anwesen erkundigt man sich nach Anmutig Minnes Krankheit — Im Garten der gesammelten Düfte begegnet Phönixglanz dem Glücksstein Kaufmann Ein Gedicht sagt: Ein einziger Fehltritt auf dem Weg — hundert Jahre, wenn man sich umblickt. Der Spiegel von Wind und Mond seit alter Zeit[1]: Wie viele hat er in die Gelbe Quelle geweint! An diesem Tag, dem Geburtstag des Familienältesten Jing Kaufmann[2], ließ Herrlichkeit Kaufmann[3] die besten Speisen und erlesensten Früchte in sechzehn große Trageschachteln packen und befahl Hibiskus Kaufmann[4], sie mit dem Gesinde zum alten Herrn zu bringen. Zu Hibiskus Kaufmann sagte er: „Achte genau darauf, ob der Großvater sich freut. Dann verbeuge dich vor ihm und sage: ‚Mein Vater hält sich an Euren Befehl und hat sich nicht getraut zu kommen. Er hat zu Hause die ganze Familie zum feierlichen Gruß versammelt.'" Hibiskus Kaufmann nahm den Auftrag entgegen und brach mit dem Gesinde auf. Hier kamen nach und nach die Gäste. Zuerst trafen Kette Kaufmann[5] und Edelrose Kaufmann[6] ein, die überall die Sitzplätze inspizierten und fragten: „Gibt es Unterhaltung?" Ein Diener antwortete: „Unser gnädiger Herr hatte eigentlich damit gerechnet, dass der Familienälteste heute ins Haus käme, weshalb er keine Unterhaltung vorbereiten ließ. Als wir vorgestern hörten, dass der alte Herr doch nicht kommt, haben wir in aller Eile eine Theatertruppe junger Schauspieler sowie ein Ensemble für das Zehn-Instrumente-Spiel [Anm.: ein Orchesterarrangement mit zehn verschiedenen Instrumenten] bestellt. Beides wartet im Garten auf der Bühne." Danach erschienen Dame Strafe[7], Dame König[8], Phönixglanz[9] und Schatzjade[10], die von Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders[11] empfangen wurden. Dame Sonderss Mutter war bereits da. Alle begrüßten einander und nahmen ihre Plätze ein. Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders reichten höchstpersönlich den Tee und sagten: „Die Herzoginmutter[12] ist unsere Ahnherrin, und mein Vater ist ihr Neffe — an einem solchen Tag würden wir nicht wagen, sie zu belästigen. Aber bei diesem herrlich kühlen Wetter und all den blühenden Chrysanthemen im Garten dachten wir, die alte Ahne könnte sich ein wenig zerstreuen und sich an dem munteren Treiben ihrer Kinder und Enkel erfreuen — das war unser Gedanke. Aber leider hat uns die alte Ahne die Ehre nicht erwiesen." Noch ehe Dame König den Mund auftun konnte, ergriff Phönixglanz das Wort: „Die alte Ahne wollte gestern noch kommen! Aber abends hat sie zugesehen, wie Bruder Schatzjade und die anderen Pfirsiche aßen, und da war die alte Dame selbst lüstern geworden und hat eine gute halbe Frucht gegessen. Um die fünfte Nachtwache musste sie zweimal hintereinander aufstehen, und heute Morgen fühlte sie sich ein wenig matt. Sie bat mich, dem Herrn auszurichten, dass sie heute unmöglich kommen könne. Sie möchte aber gern ein paar Schüsselchen von den guten Speisen haben — und schön weich gekocht sollen sie sein!" Herrlichkeit Kaufmann lachte und sagte: „Ich wusste doch, dass die alte Ahne den Trubel liebt! Wenn sie heute nicht kommt, muss es einen Grund haben. Wenn es so ist, ist alles in Ordnung." Dame König fragte: „Neulich hörte ich deine kleine Schwester sagen, dass es der Frau von Hibiskus Kaufmann [Anmutig Minne, 秦可卿] nicht so gut geht. Was fehlt ihr eigentlich?" Dame Sonders antwortete: „Es ist eine seltsame Krankheit. Zum Mittherbstfest letzten Monat hat sie noch die halbe Nacht mit der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen gefeiert und war gesund und munter, als sie nach Hause kam. Aber nach dem Zwanzigsten wurde sie von Tag zu Tag matter, hatte keine Lust mehr zu essen, und so geht es nun schon gut einen halben Monat. Außerdem ist ihre Regel seit zwei Monaten ausgeblieben." Dame Strafe warf ein: „Dann ist sie wohl in anderen Umständen?" In diesem Moment wurde von draußen gemeldet: „Der ältere gnädige Herr, der jüngere gnädige Herr und alle jungen Herren der Familie sind eingetroffen und warten in der Empfangshalle." Herrlichkeit Kaufmann eilte hinaus. Hier berichtete Dame Sonders weiter: „Einige Ärzte meinten zunächst auch, es sei eine Schwangerschaft. Aber gestern vermittelte Feng Ziying[13] einen Gelehrten, bei dem er als Junge studiert hatte und der ein vorzüglicher Arzt ist. Der untersuchte sie und sagte, es sei keine Schwangerschaft, sondern eine schwere Erkrankung. Gestern schrieb er ein Rezept, und nachdem sie eine Dosis eingenommen hat, ist ihr Schwindel heute etwas besser, aber ansonsten zeigt sich keine große Wirkung." Phönixglanz sagte: „Ich bin sicher, dass sie nicht ganz entkräftet ist — an einem Tag wie diesem hätte sie sich bestimmt zusammengerissen und wäre erschienen." Dame Sonders erwiderte: „Am Dritten hast du sie hier gesehen — da hat sie sich einen halben Tag mit letzter Kraft aufrecht gehalten, und das auch nur, weil ihr zwei euch so gut versteht und sie sich nicht von dir trennen mochte." Als Phönixglanz das hörte, bekam sie rote Augenränder. Erst nach langem Schweigen sagte sie: „Wahrlich: ‚Am Himmel ziehen unvermutete Wolken auf, und über die Menschen brechen ungeahnte Schicksale herein.' Wenn ihr in ihrem Alter wegen dieser Krankheit etwas zustößen sollte — was hätte das Leben dann noch für einen Sinn!" Während sie noch sprach, kam Hibiskus Kaufmann herein, begrüßte nacheinander Dame Strafe, Dame König und Phönixglanz und berichtete dann Dame Sonders: „Ich habe dem Familienältesten eben die Speisen gebracht und ihm ausgerichtet, dass mein Vater zu Hause die gnädigen Herren empfängt und die ganze Familie bewirtet und sich in Befolgung seines Befehls nicht zu kommen getraut hat. Der Familienälteste war sehr erfreut und sagte: ‚So ist es recht!' Er ließ Vater und Mutter ausrichten, sie mögen die gnädigen Herren und Frauen gut bewirten, und auch ich solle mich um die Onkel, Tanten und Vettern kümmern. Außerdem sagte er, man solle den Text der verborgenen Verdienste schleunigst in Druckplatten schneiden lassen und zehntausend Exemplare zum Verteilen drucken. Ich habe meinem Vater bereits alles ausgerichtet. Jetzt muss ich rasch hinaus und mich um das Essen für die gnädigen Herren und die jungen Herren der Familie kümmern." Phönixglanz sagte: „Warte, Hibiskus Kaufmann! Wie geht es deiner Frau heute?" Hibiskus Kaufmann zog die Brauen zusammen und sagte: „Nicht gut! Wenn die Tante nachher hingeht, wird sie es selbst sehen." Damit ging er hinaus. Dame Sonders fragte Dame Strafe und Dame König: „Möchten die gnädigen Frauen hier zu Mittag essen oder drüben im Garten? Die Theatervorführung ist im Garten vorbereitet." Dame König sagte zu Dame Strafe: „Wir sollten einfach hier essen und dann hinübergehen — das erspart die Umstände." Dame Strafe stimmte zu, und Dame Sonders befahl den Dienerinnen: „Bringt rasch das Essen!" Von draußen erschallte ein vielstimmiges „Jawohl!", und jede Dienerin trug ihren Teil herein. Bald war aufgetragen. Dame Sonders bat Dame Strafe, Dame König und ihre eigene Mutter auf die Ehrenplätze; sie selbst saß mit Phönixglanz und Schatzjade an den Seitenplätzen. Dame Strafe und Dame König sagten: „Wir sind gekommen, um dem Familienältesten zum Geburtstag zu gratulieren — und nun sieht es aus, als feierten wir unseren eigenen!" Phönixglanz warf ein: „Der Familienälteste liebt die Stille und Selbstvervollkommnung. Er hat es darin schon so weit gebracht, dass man ihn getrost einen Unsterblichen nennen darf. Wenn die gnädigen Frauen das so sagen, dann ist das eben das, was man ‚das Herz denkt es, und die Götter wissen es' nennt!" Alle im Raum brachen in Gelächter aus. Als Dame Sonderss Mutter, Dame Strafe, Dame König und Phönixglanz fertig gegessen, sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatten und gerade in den Garten aufbrechen wollten, kam Hibiskus Kaufmann herein und berichtete Dame Sonders: „Die gnädigen Herren und alle Onkel, Vettern und Brüder haben auch gegessen. Der ältere gnädige Herr sagte, er habe zu Hause zu tun, und der jüngere gnädige Herr mag kein Theater und fürchtet den Lärm — beide sind bereits gegangen. Die jungen Herren der Familie sind von Onkel Kette Kaufmann und Bruder Edelrose Kaufmann in den Garten zum Theaterschauen gebeten worden. Außerdem haben die vier Prinzenhäuser Nan'an, Dongping, Xining und Beijing sowie die sechs Herzogsfamilien[14], darunter die Familie Niu vom Herzogtum Zhenguo, und die acht Fürstenhäuser, darunter die Familie Shi vom Fürstentum Zhongjing, Boten mit Visitenkarten und Geburtstagsgeschenken geschickt. Ich habe meinem Vater alles gemeldet. Die Geschenke sind einstweilen im Kassenhaus verwahrt, die Geschenklisten zu den Akten genommen. Die Dankeskarten des gnädigen Herrn wurden den Boten übergeben, und jedem wurde das übliche Trinkgeld gegeben. Alle wurden zum Essen eingeladen und sind inzwischen wieder gegangen. Mutter sollte nun die gnädigen Frauen, die Schwiegermutter und die Tante in den Garten bitten." Dame Sonders sagte: „Wir haben gerade fertig gegessen und wollten ohnehin hinübergehen." Phönixglanz sagte: „Gnädige Frau, ich möchte erst nach der Frau von Hibiskus Kaufmann sehen und komme dann nach." Dame König sagte: „Das ist recht. Wir würden alle gern nach ihr sehen, fürchten aber, der Trubel wäre ihr lästig. Sag ihr, wir lassen sie grüßen!" Dame Sonders fügte hinzu: „Liebe Schwägerin, auf dich hört die Schwiegertochter. Rede ihr ein wenig zu, dann bin ich beruhigt. Aber komm dann schnell in den Garten nach!" Auch Schatzjade wollte mit Phönixglanz zu Anmutig Minne gehen, aber Dame König ermahnte ihn: „Schau kurz nach ihr und komm dann in den Garten — sie ist die Frau deines Neffen." So bat Dame Sonders Dame Strafe, Dame König und ihre Mutter in den Garten der Gesammelten Düfte, während Phönixglanz und Schatzjade mit Hibiskus Kaufmann zu Anmutig Minne gingen. Als sie das Haus betraten und leise an die Tür des inneren Zimmers traten, erblickte Anmutig Minne sie und wollte aufstehen. „Bleib sitzen!" sagte Phönixglanz rasch. „Wenn du zu hastig aufstehst, wird dir schwindlig." Sie trat zwei schnelle Schritte näher, ergriff Anmutig Minnes Hand und rief: „Ach, junge Frau! Wie bist du nur in den paar Tagen, seit wir uns nicht gesehen haben, so mager geworden!" Damit setzte sie sich neben Anmutig Minne auf das Polster. Schatzjade begrüßte sie ebenfalls und nahm auf einem Stuhl gegenüber Platz. Hibiskus Kaufmann rief: „Bringt schnell Tee! Die Tante und der Onkel haben im Hauptgebäude noch keinen getrunken!" Anmutig Minne hielt Phönixglanz' Hand, zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Es fehlt mir eben am Glück — das ist alles. In einem solchen Hause behandeln mich die Schwiegereltern wie ihre eigene Tochter. Euer Neffe und ich, obwohl wir jung sind, achten einander — nie sind wir aneinandergeraten. Und von den Älteren und Gleichaltrigen in der ganzen Familie — von Euch ganz zu schweigen — hat mich jeder gern und ist gut zu mir. Und dann musste ich diese Krankheit bekommen! All mein Ehrgeiz ist dahin. Nicht einen Tag konnte ich meinen Schwiegereltern meine kindliche Pflicht erweisen! Und Ihr, liebe Tante, die Ihr mich so liebhabt — selbst wenn ich die tiefste Dankbarkeit empfinde, kann ich sie nicht mehr zeigen. Ich fürchte, ich werde den Jahreswechsel nicht überleben." Schatzjade hatte gerade auf das Bild „Frühlingsschlaf unter Begonien" und das von Qin Taixu[15] kalligrafierte Versepaar „Kühle Frische sperrt den Traum ein, denn der Frühling ist kalt; / Blütenduft umhüllt den Schlafenden — es ist der Hauch des Weins" gestarrt und war in die Erinnerung daran versunken, wie er hier einst während des Mittagsschlafs im Traum in die Wahngefilde der Großen Leere [Anm.: 太虚幻境, das Reich der Illusionen] gelangt war. Völlig in Gedanken verloren, hörte er Anmutig Minnes Worte — und es war ihm, als durchbohrten tausend Pfeile sein Herz. Die Tränen liefen ihm über die Wangen, ohne dass er es bemerkte. Auch Phönixglanz war tief erschüttert, doch sie fürchtete, wenn sie alle ihren Gefühlen freien Lauf ließen, würde das den Kummer der Kranken nur noch mehren — und das war nicht der Sinn ihres Besuchs gewesen. Als sie Schatzjades Tränen sah, sagte sie: „Bruder Schatzjade, du bist wahrhaft weibisch! Sie redet als Kranke eben so dahin — so schlimm wird es schon nicht sein! In ihrem Alter, bei einem kleinen Unwohlsein gleich solche Gedanken zu haben — das macht einen ja noch kränker!" Hibiskus Kaufmann warf ein: „Die Hauptsache ist, dass sie wieder ordentlich isst und trinkt — dann ist nichts zu befürchten." Phönixglanz sagte: „Bruder Schatzjade, die gnädige Frau hat gesagt, du sollst schnell nachkommen! Wenn du hier so dasitzt, bringst du die junge Frau auch auf trübe Gedanken, und drüben macht sich die gnädige Frau Sorgen um dich." Dann wandte sie sich an Hibiskus Kaufmann: „Geh du mit deinem Onkel Schatzjade voraus — ich bleibe noch einen Augenblick." Also ging Hibiskus Kaufmann mit Schatzjade in den Garten der Gesammelten Düfte. Phönixglanz blieb bei Anmutig Minne und tröstete sie ausgiebig. Mit leiser, inniger Stimme sprach sie ihr viele herzliche Worte zu. Erst als Dame Sonders zwei-, dreimal nach ihr schicken ließ, sagte Phönixglanz zu Anmutig Minne: „Pflege dich ordentlich! Ich komme dich wieder besuchen. Es ist ein gutes Zeichen, dass man vorgestern diesen tüchtigen Arzt gefunden hat — jetzt gibt es keinen Grund mehr zur Sorge!" Anmutig Minne lächelte und sagte: „Selbst ein Unsterblicher kann nur die Krankheit behandeln, nicht aber das Schicksal verändern. Tante, ich weiß: Ich schleppe mich mit dieser Krankheit nur noch von Tag zu Tag." Phönixglanz erwiderte: „Wenn du immer so denkst, wie soll die Krankheit da besser werden? Du musst dir Mut machen! Außerdem hat der Arzt gesagt, wenn man nichts unternimmt, sei im Frühling mit dem Schlimmsten zu rechnen. Jetzt ist erst Mitte des neunten Monats — bis dahin sind es noch vier bis fünf Monate. In dieser Zeit lässt sich jede Krankheit heilen! Wären wir eine Familie, die sich keinen Ginseng leisten kann — ja, dann wäre es schwierig. Aber deine Schwiegereltern werden, wenn sie hören, dass es dir hilft, nicht nur zwei Qian Ginseng am Tag aufbringen — sie könnten dir auch zwei Jin [Anm.: ca. 1 kg] geben, ohne mit der Wimper zu zucken! Also pflege dich ordentlich — ich gehe jetzt in den Garten hinüber." Anmutig Minne sagte: „Tante, verzeiht, dass ich Euch nicht begleiten kann. Wenn Ihr einmal frei seid, besucht mich bitte oft! Ich möchte gern noch oft so mit Euch zusammensitzen und plaudern." Als Phönixglanz das hörte, bekam sie unwillkürlich wieder rote Augenränder und sagte: „Sobald ich frei bin, komme ich bestimmt oft zu dir." Damit verließ sie, gefolgt von ihren eigenen Dienerinnen und den Dienerinnen des Stillfriede-Anwesens, die inneren Gemächer und gelangte auf Umwegen durch ein Seitentor in den Garten. Was sie erblickte: Gelbe Blumen bedecken den Boden, weiße Weiden stehen am Hang. Schmale Brücken überspannen den Bach von Ruoye, gewundene Pfade führen zum Berg Tiantai. Zwischen den Steinen rauscht klares Wasser, durch den Bambuszaun streicht ein Duft; rotes Laub tanzt von den Bäumen herab — der lichte Hain gleicht einem Gemälde. Kaum weht der Westwind heftiger, verstummt der Goldamsel Lied; doch wärmt die Sonne ein wenig mehr, erhebt sich erneut der Grillengesang. Fern im Südosten Pavillons an den Berg gelehnt, dort im Nordwesten ein Haus, das aufs Wasser blickt. Flötenklänge füllen das Ohr — ein Zauber ganz eigener Art; Seidenkleider schimmern im Wald und vollenden das reizvolle Bild. Als Phönixglanz bewundernd Schritt für Schritt durch diese Gartenlandschaft wandelte, trat plötzlich hinter einem künstlichen Felsen eine Gestalt hervor, stellte sich vor sie hin und sagte: „Meinen Gruß, Schwägerin!" Phönixglanz erschrak und wich einen Schritt zurück. „Seid Ihr Herr Glücksstein Kaufmann[16]?" fragte sie. „Schwägerin erkennt mich nicht einmal?" fragte Glücksstein Kaufmann. „Natürlich bin ich es!" „Doch, natürlich erkenne ich Euch", sagte Phönixglanz. „Aber Ihr seid so plötzlich aufgetaucht — ich hatte nicht erwartet, Euch hier zu treffen." „Es muss uns vorherbestimmt gewesen sein, uns hier zu begegnen!" sagte Glücksstein Kaufmann. „Eben hatte ich mich aus der Tischrunde gestohlen, um mich an diesem stillen, abgelegenen Ort ein wenig zu ergehen — und da kommt Ihr hier vorbei! Wenn das keine Bestimmung ist!" Während er sprach, ließen seine Augen nicht einen Moment von Phönixglanz ab. Phönixglanz war eine kluge Frau — sie durchschaute seine Absichten sofort. Mit gespieltem Lächeln sagte sie: „Kein Wunder, dass Euer Vetter Kette Kaufmann stets von Euch schwärmt und Euch lobt! Jetzt, wo ich Euch kennenlerne und diese Worte höre, weiß ich, dass Ihr ein kluger, umgänglicher Mensch seid. Aber ich bin auf dem Weg zu den gnädigen Frauen und kann mich jetzt nicht mit Euch unterhalten. Reden wir ein andermal, wenn ich Zeit habe!" Glücksstein Kaufmann sagte: „Ich würde Euch ja gerne zu Hause meinen Respekt erweisen, nur fürchte ich, in Eurem jungen Alter werdet Ihr nicht leichthin Besuch empfangen wollen." Phönixglanz lächelte scheinheilig: „Wir sind doch eine Familie, Fleisch und Blut — was hat da das Alter damit zu tun?" Als Glücksstein Kaufmann auch noch diese Worte hörte — nachdem ihm schon die bloße Begegnung wie ein Geschenk des Himmels vorkam —, verzog sich sein Gesicht zu einer unerträglich selbstgefälligen Grimasse. „Geht lieber schnell zurück zu Eurer Tischgesellschaft", sagte Phönixglanz. „Gebt acht, dass sie Euch nicht erwischen — sonst müsst Ihr Strafbecher trinken!" Glücksstein Kaufmann, den es am ganzen Leib kribbelte, ging langsam davon und drehte sich im Gehen immer wieder nach ihr um. Phönixglanz verlangsamte absichtlich ihre Schritte, und als er außer Sichtweite war, dachte sie bei sich: „Wahrhaftig: Man kennt das Gesicht eines Menschen, aber nicht sein Herz! Wie kann es nur solche Bestien unter den Menschen geben! Wenn er wirklich so weit geht, soll er einst durch meine Hand sterben — dann wird er erfahren, was ich kann!" Damit setzte sie ihren Weg fort. Als sie um einen Hügel bog, kamen ihr zwei oder drei alte Dienerinnen hastig entgegen und sagten lächelnd: „Die Herrin war ganz außer sich, weil Ihr einfach nicht kamt, und hat uns geschickt, Euch noch einmal zu holen!" „Eure Herrin hat es immer so eilig wie ein Geist!" sagte Phönixglanz. Sie ging gemächlich weiter und fragte: „Wie viele Szenen sind schon gespielt worden?" Die Dienerinnen antworteten: „Acht oder neun." Inzwischen waren sie am Hintereingang des Turms des Himmelsdufts[17] [天香楼] angekommen, wo Schatzjade mit einer Schar Mägde spielte. „Nicht so wild, Bruder Schatzjade!" mahnte Phönixglanz. Ein Mädchen sagte: „Die gnädigen Frauen sitzen alle oben. Bitte geht von hier hinauf, junge Herrin!" Phönixglanz raffte ihr Gewand, stieg vorsichtig die Treppe hinauf und fand Dame Sonders bereits oben wartend. Lächelnd sagte Dame Sonders: „Ihr versteht euch wirklich zu gut, ihr zwei! Jedes Mal, wenn ihr euch seht, könnt ihr euch kaum trennen. Am besten ziehst du morgen gleich bei ihr ein! Setz dich — ich will dir zuerst einen Becher kredenzen." Phönixglanz bat Dame Strafe und Dame König um Erlaubnis, sich zu setzen, machte Dame Sonderss Mutter ihre Aufwartung und setzte sich dann mit Dame Sonders an einen Tisch, um Wein zu trinken und dem Theaterspiel zuzusehen. Dame Sonders ließ den Spielplan bringen und bat Phönixglanz, Stücke auszuwählen. „Wie könnte ich es wagen, in Gegenwart der gnädigen Frauen und der Frau Schwiegermutter die Stücke auszusuchen?" wehrte Phönixglanz ab. Dame Strafe und Dame König sagten: „Wir und die Frau Schwiegermutter haben schon etliche ausgewählt — such du zwei schöne Szenen aus!" Phönixglanz erhob sich, sagte „Jawohl!", nahm den Spielplan entgegen und sah ihn durch. Sie wählte „Die Rückkehr der Seele[18]" und „Die Ballade" [Anm.: zwei Szenen aus dem berühmten Kunqu-Stück Mudanting (Der Pfingstrosenpavillon) von Tang Xianzu], reichte den Plan zurück und sagte: „Wenn die laufende Szene ‚Zwei Ernennungen in einem Erlass' zu Ende ist, können sie noch diese beiden spielen — dann wird es auch Zeit." Dame König stimmte zu: „Ganz recht. Wir sollten deinem Schwager und seiner Frau rechtzeitig Ruhe gönnen — sie haben genug Sorgen." Dame Sonders bat: „Aber Ihr gnädigen Frauen kommt so selten! Bleibt noch ein Weilchen — es ist doch noch früh!" Phönixglanz stand auf, blickte vom Turm hinab und fragte: „Wo sind denn unsere Herren geblieben?" Eine alte Dienerin antwortete: „Die Herren sind eben ins Gemach des Geronnenen Sonnenscheins [凝曦轩] gegangen und haben das Orchester mitgenommen. Dort trinken sie Wein." „Hier ist es ihnen wohl zu anständig — wer weiß, was sie dort treiben!" bemerkte Phönixglanz. Dame Sonders lächelte: „Nicht jeder ist so tugendhaft wie du!" So lachten und plauderten sie, bis die ausgewählten Stücke alle gespielt waren. Dann wurde der Wein abgeräumt und das Essen aufgetragen. Nach dem Essen verließen sie den Garten, setzten sich im Hauptgebäude nieder, tranken Tee und ließen die Wagen vorfahren. Sie verabschiedeten sich von Dame Sonderss Mutter. Dame Sonders geleitete sie mit dem Gefolge der Nebenfrauen und Dienerinnen hinaus. Dort stand Herrlichkeit Kaufmann mit den Söhnen und Neffen der Familie dienstfertig neben den Wagen. Als Dame Strafe und Dame König kamen, sagte er: „Die verehrten Tanten müssen morgen noch einmal herüberkommen!" Dame König wehrte ab: „Wir haben den ganzen Tag hier gesessen und sind müde. Morgen wollen wir uns ausruhen." Damit stiegen sie ein und fuhren davon. Die ganze Zeit über hatte Glücksstein Kaufmann kein Auge von Phönixglanz gelassen. Erst als Herrlichkeit Kaufmann mit den anderen hineingegangen war, brachte Li Gui[19] das Pferd, und Schatzjade ritt dem Wagen Dame Königs hinterher. Im Stillfriede-Anwesen aß Herrlichkeit Kaufmann noch mit den jungen Leuten der Familie zu Abend, ehe sich alle trennten. Am nächsten Tag feierten die engeren Familienmitglieder unter sich weiter, doch davon soll nicht die Rede sein. Danach besuchte Phönixglanz Anmutig Minne häufig persönlich. An manchen Tagen ging es der Kranken etwas besser, an anderen war ihr Zustand wieder wie zuvor. Herrlichkeit Kaufmann, Dame Sonders und Hibiskus Kaufmann waren von Herzen besorgt. Glücksstein Kaufmann kam in dieser Zeit mehrmals ins Jung-guo-Anwesen, aber es traf sich jedes Mal so, dass Phönixglanz gerade ins Stillfriede-Anwesen gefahren war. In diesem Jahr fiel die Wintersonnenwende auf den dreißigsten Tag des elften Monats. Als der Tag näher rückte, schickten die Herzoginmutter, Dame König und Phönixglanz täglich jemanden, um nach Anmutig Minne zu sehen. Die Boten meldeten jedes Mal: „Es ist weder eine Verschlimmerung noch eine merkliche Besserung zu erkennen." Dame König sagte zur Herzoginmutter: „Wenn diese Krankheit an einem so bedeutenden Wendepunkt nicht schlimmer wird, besteht noch die beste Hoffnung!" Die Herzoginmutter erwiderte: „Ganz recht! Das liebe Kind! Wenn ihr etwas vorherbestimmt sein sollte — das bräche mir das Herz!" Bei diesen Worten überkam sie der Schmerz, und sie wandte sich an Phönixglanz: „Du hast dich doch immer gut mit ihr verstanden. Morgen ist der erste Tag des neuen Monats — aber übermorgen solltest du wieder nach ihr sehen. Achte genau darauf, wie es ihr geht. Wenn es ihr vielleicht besser geht, sag es mir gleich, wenn du zurückkommst, damit auch ich mich freuen kann. Das Kind hat immer gern gegessen — lass öfter etwas für sie zubereiten und hinüberschicken!" Phönixglanz versprach alles. Am zweiten Tag des neuen Monats fuhr sie nach dem Frühstück ins Stillfriede-Anwesen. Anmutig Minnes Zustand hatte sich zwar nicht verschlechtert, aber Gesicht und Körper waren bis auf die Knochen abgemagert. Phönixglanz saß lange bei ihr, plauderte und versuchte, sie mit der Versicherung aufzuheitern, die Krankheit sei nicht schlimm. Anmutig Minne sagte: „Im Frühling wird sich zeigen, ob ich gesund werde. Jetzt ist die Wintersonnenwende vorbei, und es ist nichts passiert — vielleicht werde ich doch noch gesund, wer weiß? Richtet der Herzoginmutter und der gnädigen Frau aus, sie mögen beruhigt sein. Von den Yamswurzelkuchen mit Jujubenpaste, die mir die Herzoginmutter gestern geschickt hat, habe ich zwei Stück gegessen — ich glaube, ich kann sie verdauen." Phönixglanz sagte: „Morgen schicke ich dir mehr davon. Jetzt gehe ich noch kurz zu deiner Schwiegermutter und dann schnell nach Hause, um der Herzoginmutter Bericht zu erstatten." Anmutig Minne bat: „Bestellt der Herzoginmutter und der gnädigen Frau meinen Gruß!" Phönixglanz versprach es und ging hinaus. Im Hauptgebäude bei Dame Sonders fragte diese: „Wie schätzt du den Zustand der Schwiegertochter ein — ganz nüchtern betrachtet?" Phönixglanz blickte lange zu Boden, ehe sie sagte: „Es gibt keinen anderen Weg. Du solltest alles für den Ernstfall vorbereiten lassen — vielleicht kann man dadurch das Schicksal abwenden." Dame Sonders sagte: „Ich habe bereits im Stillen Vorbereitungen treffen lassen. Nur für das Bewusste [Anm.: den Sarg] haben wir noch kein geeignetes Holz gefunden. Damit müssen wir noch warten." Phönixglanz trank ihren Tee, plauderte noch eine Weile und sagte dann: „Ich muss jetzt schnell nach Hause und der Herzoginmutter Bericht erstatten." Dame Sonders mahnte: „Sag es behutsam — erschreck die alte Dame nicht!" „Ich weiß schon", sagte Phönixglanz. Zu Hause angekommen, trat sie vor der Herzoginmutter und sagte: „Die Frau des jungen Hibiskus Kaufmann lässt die alte Ahne grüßen und macht ihren Kotau vor Euch. Sie sagt, es gehe ihr besser, und sie bittet die alte Ahne, unbesorgt zu sein. Wenn sie sich noch etwas erholt hat, will sie persönlich kommen, um der alten Ahne ihren fußfälligen Gruß zu entbieten." Die Herzoginmutter fragte: „Wie findest du ihren Zustand?" „Einstweilen besteht keine Gefahr, und ihre Stimmung ist gut", sagte Phönixglanz. Die Herzoginmutter schwieg eine lange Zeit und sagte dann: „Geh dich umziehen und ruh dich aus." Phönixglanz nahm den Befehl entgegen und ging hinaus. Nachdem sie Dame König begrüßt hatte, ging sie in ihre Gemächer, wo Friedchen[20] ihr die vorgewärmten Hauskleider anlegte. Kaum hatte Phönixglanz sich gesetzt, fragte sie: „Ist hier irgendetwas vorgefallen?" Friedchen brachte gerade den Tee und reichte ihn ihr. „Nichts Besonderes. Nur die Zinsen für die dreihundert Liang Silber hat die Frau von Laiwang gebracht — ich habe sie verwahrt. Dann hat Herr Glücksstein Kaufmann jemanden geschickt, um zu fragen, ob die Herrin zu Hause sei — er wolle seinen Gruß entbieten und plaudern." Phönixglanz hörte das und schnaubte verächtlich: „Dieses Vieh rennt sehenden Auges ins Verderben! Warte nur, bis er kommt — ich werde ihm schon zeigen!" Friedchen fragte: „Warum kommt Herr Glücksstein Kaufmann nur immer wieder?" Also erzählte ihr Phönixglanz in allen Einzelheiten, wie sie ihm im neunten Monat im Garten des Stillfriede-Anwesens begegnet war und was er gesagt hatte. Friedchen sagte: „Die Kröte gelüstet es nach Schwanenfleisch! Dieser ehrlose, sittenlose Kerl — für solche Gedanken verdient er ein elendes Ende!" Phönixglanz erwiderte: „Wenn er kommt, habe ich schon einen Plan für ihn." Was Glücksstein Kaufmann bei seinem Besuch erwartete — das soll im nächsten Kapitel erzählt werden. |
- ↑ 风月宝鉴 Fēngyuè bǎojiàn „Kostbarer Spiegel von Wind und Mond" — klassische literarische Wendung für die zwei Seiten der erotischen Begierde: die rauschhafte Verlockung (Wind = unbeständig, Mond = illusorisch) und ihr letztlich tödlicher Preis. Im Roman hat dieser Spiegel zwei konkrete Bedeutungen: (1) als allegorischer Untertitel „风月宝鉴" für den gesamten Roman (vgl. Kap. 1, eine der frühen Titelvarianten); (2) als der **buchstäbliche** magische Spiegel, der in Kap. 12 dem todkranken 贾瑞 Jiǎ Ruì (Glücksstein Kaufmann) vom hinkenden Priester überreicht wird — wer in seine Vorderseite blickt, sieht die begehrte Frau und stirbt; wer in die Rückseite blickt (einen Totenschädel), kann gerettet werden. Das Eröffnungsgedicht dieses Kapitels ist programmatische Vorausdeutung auf Jia Ruis Schicksal.
- ↑ Chin. 贾敬 Jiǎ Jìng, wörtl. „Ehrfurcht Kaufmann“.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. 珍 zhēn „kostbar/herrlich“. Hausherr des Stillfriede-Anwesen.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, wörtl. „Hibiskus Kaufmann“.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.
- ↑ Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Kletterrose“.
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén — Gemahlin von 贾赦 Jiǎ Shè (Begnadigung Kaufmann), der älteren Linie der Rongguo-Familie. Der Familienname 邢 xíng ist homophon zu 刑 xíng „Strafe/Bestrafung" — eine ironische Spiegelung mit ihrem Mannes Namen 赦 shè „Begnadigung". Sie wird im Roman als engstirnig, geizig und ohne Autorität charakterisiert; sie lebt im Schatten der mächtigeren 王夫人 Wáng Fūrén (Dame König) im Hauptzweig.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, Gemahlin von Aufrecht Kaufmann (贾政).
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
- ↑ Chin. 尤氏 Yóu Shì, Gemahlin von Herrlichkeit Kaufmann (贾珍).
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, ein Freund der Kaufmann-Familie.
- ↑ 八公 Bāgōng „die Acht Herzöge" — die acht Gründer-Adelsfamilien der gegenwärtigen Dynastie (im Roman ein fiktives Gegenstück zu den Qing-„Acht Bannern" und den Ming-„Acht Marquis"): 镇国公 (Niu, „Befrieder des Reiches"), 理国公 (Liu, „Lenker des Reiches"), 齐国公 (Chen, „Ordner des Reiches"), 治国公 (Ma, „Reglierer des Reiches"), 修国公 (Hou, „Erbauer des Reiches"), 缮国公 (Shi, „Vollender des Reiches"), 宁国公 (Jia, vom Stillfriede-Anwesen), 荣国公 (Jia, vom Prunkwille-Anwesen). Plus die vier 王 Wáng „Prinzenhäuser" (Nan'an, Dongping, Xining, Beijing). Die Aufzählung in dieser Geburtstagsszene zeigt das politisch-soziale Netzwerk, in dem die Jia-Familie eingebettet ist — ein Netz, das beim Untergang der Familie (Kap. 105 ff.) gleichzeitig zerfällt.
- ↑ Chin. 秦太虚 Qín Tàixū, Kalligraph der Song-Dynastie (auch Qin Guan 秦观).
- ↑ Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, wörtl. „Kaufmann Glücksverheißung“.
- ↑ 天香楼 Tiānxiāng lóu „Turm/Pavillon des himmlischen Duftes" — der höchste Pavillon im 会芳园 Garten der Gesammelten Düfte des Stillfriede-Anwesens. Hier finden in mehreren Kapiteln die wichtigsten festlichen Versammlungen statt. Der Name birgt eine düstere Ironie: in der ältesten Roman-Fassung (脂砚斋-Manuskript) starb 秦可卿 Qín Kěqīng (Anmutig Minne) buchstäblich auf diesem Pavillon — 秦可卿淫丧天香楼 „Qin Keqing stirbt in Schande am Tianxiang lou". Cao Xueqin wurde von Zhiyanzhai überredet, diese Episode zu mildern; in der gedruckten Fassung kommt es zur Krankheit ohne explizite Schande, doch der Pavillon bleibt im Hintergrund präsent als Zeichen der nicht-ausgesprochenen Tabu-Tragödie der Ningguo-Linie.
- ↑ 《牡丹亭》 Mǔdān tíng „Der Pfingstrosenpavillon" (1598) — meisterhaftes Kunqu-Opern-Drama von 汤显祖 Tāng Xiǎnzǔ (1550–1616), einem der bedeutendsten Dramatiker der späten Ming-Zeit. Die Heldin 杜丽娘 Dù Lìniáng träumt von einem unbekannten Geliebten, verliebt sich, stirbt vor Sehnsucht — und kehrt drei Jahre später aus dem Totenreich zurück, um den realen 柳梦梅 Liǔ Mèngméi zu finden. Die Szene 还魂 Huánhún „Rückkehr der Seele" (Akt 35) ist ein Höhepunkt; 离魂 (oder Beimei: „Ballade") bezieht sich wahrscheinlich auf eine andere Szene des Stücks. Die Wahl gerade dieser zwei Szenen durch Phönixglanz ist nicht zufällig: das Stück handelt von einer jungen Frau, die an Liebes-Gram stirbt — unmittelbare Parallele zu Anmutig Minne, deren Tod im nächsten Kapitel-Block droht.
- ↑ Chin. 李贵 Lǐ Guì, Schatzjades Diener.
- ↑ Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe und Vertraute von Phönixglanz.