Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 113

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Kapitel 113: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
113.Hsi-fëng bereut ihre früheren Untaten und bittet eine Frau vom Lande um VergebungDsï-djüans langanhaltende Abneigung wird aufgeweicht, und sie erwärmt sich für einen vernarrten Herrn. Kapitel 113
Nach der Abreise des Großteils der Familie vom Tempel überkam Frau Dschau das Dilirium noch stärker, und diejenigen, die bei ihr geblieben waren, hörten erschrocken zu. Zwei Dienerinnen versuchten sie zu stützen, als sie auf dem Boden kniete. Mal sprach sie, mal weinte sie. Manchmal kroch sie herum und bettelte um Gnade: „Oh, großer Herr Rotbart! Töten Sie mich! Ich versuche, nie wieder so gemein zu sein!“ Frühere Schuld bereuen — Phönixglanz vertraut einer Bäuerin ihr Kind an
Sie preßte ihre Hände aneinander und heulte vor Schmerz. Ihre Augen quollen aus den Höhlen, Blut floß aus ihrem Mund, ihr Haar war wild durcheinander. Es war ein schrecklicher Anblick, und niemand traute sich, ihr nahezukommen. Alten Groll lösen — die treue Dienerin wird vom törichten Liebhaber gerührt
Am Abend begann Frau Dschaus Stimme heiser zu werden, und sie hörte sich mehr und mehr wie ein krächzender Dämon an. Niemand konnte ihre Anwesenheit ertragen, und sie baten einige mutige Männer, sich dazu zu setzen. Einmal schien Frau Dschau tot zu sein, dann kam sie wieder zu sich, und so verging die ganze Nacht. Am nächsten Morgen war sie unfähig zu sprechen, ihr Gesicht war schrecklich verzerrt, sie begann ihre Kleidung zu zerreißen und ihre Brust zu zeigen, als würde jemand anderer sie ausziehen. Die unaussprechlichen Qualen, denen Frau Dschau unterlag, waren schrecklich mitanzusehen. Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao [赵姨娘][1] im Tempel von einer plötzlichen Krankheit befallen worden war. Als die Umstehenden weniger wurden, redete sie nur noch wilder wirres Zeug daher, was alle Anwesenden vor Schrecken erstarren ließ. Zwei Frauen stützten Nebenfrau Zhao, die auf beiden Knien auf dem Boden kniete, bald redete, bald weinte. Manchmal warf sie sich auf den Boden und schrie um Gnade: „Schlagt mich nicht tot! Herr mit dem roten Bart, ich wage es nie wieder!" Dann wieder faltete sie die Hände und schrie vor Schmerzen; die Augen traten ihr aus dem Kopf, frisches Blut floss aus ihrem Mund, die Haare hingen ihr aufgelöst herab. Alle hatten Angst und wagten sich nicht in ihre Nähe. Inzwischen war es Abend geworden, und Nebenfrau Zhaos Stimme wurde immer heiserer, bis sie wie das Heulen eines Gespenstes klang. Niemand wagte es, bei ihr zu bleiben; man musste einige beherzte Männer hereinrufen, die sich zu ihr setzten. Nebenfrau Zhao starb zwischendurch, kam aber nach einer Weile wieder zu sich und trieb so die ganze Nacht ihr Unwesen.
Sie schien ihre letzte Krise erreicht zu haben, als der Doktor ankam. Er wollte ihren Puls nicht fühlen, sondern gab sofort Anweisungn, ihre letzten Dinge vorzubereiten und machte sich selbst ohne weitere Anweisungen auf den Heimweg. Der Diener, der ihn geholt hatte, ersuchte ihn zu bleiben und ihren Puls zu nehmen, sodaß er wenigstens mit einem zufriedenstellenden Bericht zu seinem Herrn zurückkehren können; am Ende gab der Arzt nach. Er fühlte einmal ihren Puls und verkündete, daß es kein Lebenszeichen mehr gab. Als er das hörte, brach Djia Huan in ein Geheul aus, und sofort war jede Aufmerksamkeit auf Djia Huan gerichtet, und niemand verschwendete noch einen Gedanken an Frau Dschau. Nur Frau Dschou schien bestürzt. ‚Solch ein Ende für eine Konkubine‘, dachte sie düster bei sich. ‚Und sie gebar dem Herren sogar einen Sohn. Wer weiß, wie ich sterben werde.‘ Sie weinte noch stärker. Am nächsten Tag sprach sie kein Wort mehr, schnitt nur noch Fratzen und riss sich mit den Händen die Kleider auf, entblößte die Brust, als ob jemand sie bei lebendigem Leibe häuten würde. Die arme Nebenfrau Zhao konnte zwar nicht mehr sprechen, doch ihr Leiden war wahrhaft unerträglich anzusehen. Gerade in diesem kritischen Augenblick kam der Arzt, wagte aber nicht einmal, den Puls zu fühlen, und sagte nur: „Bereitet die Bestattung vor!" Damit erhob er sich und wollte gehen. Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Bitte, Herr Doktor, fühlen Sie doch den Puls, damit ich meiner Herrschaft Bericht erstatten kann!" Der Arzt legte die Hand auf — es war kein Puls mehr zu fühlen. Als Ring Kaufmann [贾环][2] dies hörte, brach er erst in lautes Weinen aus. Alle kümmerten sich nur um Ring Kaufmann; wer kümmerte sich schon um Nebenfrau Zhao, die mit wirren Haaren und nackten Füßen auf dem Kang gestorben war? Nur Nebenfrau Zhou [周姨娘] dachte bei sich: „Das Schicksal einer Nebenfrau endet eben so! Dabei hat sie immerhin noch einen Sohn. Wenn ich einmal sterbe, wer weiß, wie es mir ergehen wird!" Und so empfand sie im Gegenteil tiefes Mitleid.
Der Diener eilte mittlerweile zurück, um Djia Dschëng zu informieren, der einen Mann schickte, um die Beerdigung zu arrangieren und mit Djia Huan drei Tage am Tempel zu bleiben, nach denen sie beide zurückkehren sollten. Nachdem der Diener gegangen war, verbreitete sich das Gerücht, daß Frau Dschau anderen das Leben schwer gemacht habe und dafür vor dem Höllengericht bestraft wurde. Man befürchtete auch, daß die zweite Herrin Liän [Hsi-fëng] sich nicht mehr von der Krankheit erholen würde; wie hätte Frau Dschau sie sonst beim Höllengericht ansprechen können! Man berichtete Aufrecht Kaufmann [贾政][3] von der Sache. Aufrecht Kaufmann schickte sofort jemanden, um alles Nötige wie üblich zu erledigen: Er solle Ring Kaufmann drei Tage lang Gesellschaft leisten und dann gemeinsam mit ihm zurückkehren. Der Bote ging.
Als dieser letzte Klatsch die Ohren von Ping-örl erreichte, war sie sehr erschüttert. Hsi-fëng schien in der Tat weit von der Hoffnung auf Genesung entfernt zu sein, und, um die Sache zu verschlimmern, hatte Djia Liän deutlich gemacht, daß er kein bißchen Liebe für seine Frau mehr empfand. Er war nun beschäftigter denn je und erschien unbesorgt wegen Hsi-fëngs Krankheit zu sein. Ping-örl tat ihr Bestes, um Hsi-fëng zu trösten. Aber die Damen Hsing und Wang, obwohl sie schon ein paar Tage vom Tempel zurück waren, hatten ihr beide noch keinen persönlichen Besuch abgestattet, hatten nur eine Magd geschickt, die sich nach ihrer Gesundheit erkundigen sollte. Ihre Kälte machte Hsi-fëngs Unglück noch schlimmer, wie die Tatsache, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr keine guten Worte für sie übrig hatte. Hier verbreitete sich die Nachricht von einem zum anderen, von zehn zu hundert, und alle wussten, dass Nebenfrau Zhao einst mit giftigem Herzen Menschen geschadet hatte und nun von den Richtern der Unterwelt zu Tode gepeitscht worden war. Manche sagten auch: „Die Frau des Zweiten Herrn Kette wird wohl auch nicht mehr gesund werden — so hat also sie es wohl bei den Unterweltrichtern angezeigt?"
Alles, was Hsi-fëng nun wollte, war ein schneller Tod, und darum bat sie alle bösen Geister. Bei einer Gelegenheit sah sie die Figur von You Örl-jie sich langsam ihrem Bett vom Ende des Raumes her nähern. Diese Gerüchte drangen auch Friedchen [平儿][4] zu Ohren, und sie war sehr beunruhigt. Wenn sie Phönixglanz' [王熙凤] Zustand betrachtete, war wirklich keine Hoffnung auf Genesung mehr. Zudem war Kette Kaufmann [贾琏][5] in letzter Zeit bei Weitem nicht mehr so liebevoll wie früher; da er ohnehin viel zu tun hatte, benahm er sich, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Friedchen konnte vor Phönixglanz nur tröstende Worte sprechen. Dazu kam noch, dass Dame Xing [邢夫人][6] und Dame Wang [王夫人][7] zwar seit einigen Tagen zu Hause waren, aber nur Boten schickten, um nach ihr zu fragen, ohne persönlich vorbeizukommen — was Phönixglanz' Herz noch bitterer stimmte. Auch wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, hatte er kein einziges herzliches Wort für sie.
„Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Schwester!“, sagte die Erscheinung. „Ich dachte oft an dich, aber ich dachte auch, es sei unmöglich, zu kommen und dich zu sehen. Nun habe ich es endlich geschafft, und ich finde die Schwester auf dieses Häufchen Elend geschrumpft. Unser zweiter Herr [Liän] ist ein zu großer Dummkopf, um zu schätzen, was die Schwester für ihn getan hat, und stattdessen beschwert er sich, wie gemein die Schwester sei, und sagt, daß die Schwester seine Karriere ruiniere und ihn sehr beschäme. Ich halte es nicht aus zu sehen, wie man dich so behandelt!“ –

„Ich selbst fühle mich nur schlecht, wegen meiner eigenen Engstirnigkeit“, murmelte Hsi-fëng als Antwort. „Liebe Schwester! Es ist so gut von dir, mich so zu besuchen, und die letzten Mißstände hinter dir zu lassen!“

Ping-örl stand an ihrer Seite und hörte sie sprechen: „Was war das, gnädige Frau?“, fragte sie.

Hsi-fëng wachte plötzlich auf und erinnerte sich sofort, daß You Örl-jie tot war. Dies mußte ihr Geist gewesen sein, der nach dem Leben ihres Folterers trachtet und auf Rache sinnt. Nun, da Ping-örl sie geweckt hatte, hatte sie Angst, aber gleichzeitig weigerte sie sich, ihre Angst zu beichten. Sie versuchte, etwas zitternd, sich zu beherrschen. „Ich fühle mich nur ein wenig unruhig“, sagte sie zu Ping-örl, „ich denke, ich muß im Schlaf geredet haben. Massierst du mich bitte?“
Phönixglanz wünschte sich zu dieser Zeit nur noch einen schnellen Tod. Sobald sie in Gedanken versank, kamen alle Dämonen herbei. Da sah sie, wie die Zweite Schwester You [尤二姐][8] von hinter dem Haus herbeikam, langsam auf ihr Bett zuging und sagte: „Schwester, wir haben uns so lange nicht gesehen! Ich, die jüngere Schwester, habe mich sehr nach Euch gesehnt; ich wollte Euch besuchen, aber konnte nicht. Nun habe ich endlich die Gelegenheit, hereinzukommen und Euch zu sehen. Schwester, Ihr habt all Eure Klugheit aufgebraucht, doch unser Zweiter Herr ist so töricht, er erkennt Eure guten Absichten gar nicht an! Im Gegenteil, er beklagt sich, Ihr hättet alles zu hart und zu grausam gemacht und ihm seine Karriere geraubt, sodass er sich jetzt vor den Menschen nicht mehr sehen lassen kann. Ich empfinde Empörung für Euch!"
Ping-örl kletterte auf das Ofenbett und hatte gerade angefangen, sie zu kneten, als eine junge Magd hereinkam und ankündigte, daß Oma Liu gekommen, und von den Dienerinnen hereingebracht worden war, um gnädige Frau ihren Respekt zu zeigen.

„Wo ist sie?“, fragte Ping-örl, und stieg ängstlich vom Ofenbett.

„Sie erdreistete sich nicht, sofort hereinzukommen“, antwortete die Magd, „sie wartet auf Frau Liäns Anweisungen“

Ping-örl nickte. Sie dachte, daß sich Hsi-fëng zu schwach fühlen würde, um Besucher zu empfangen, und sagte der Magd: „Gnädige Frau [Liän] braucht eine kleine Pause. Sag’ ihr [Oma Liu], sie solle eine Weile warten. Hast du sie gefragt, wieso sie gekommen ist?“ –
Phönixglanz sprach wie im Traum: „Ich bereue es jetzt auch, dass mein Herz zu eng war. Schwester, dass Ihr mir das Alte nicht nachtragt und mich trotzdem besuchen kommt ..." Friedchen, die daneben stand, hörte es und sagte: „Herrin, was sagt Ihr da?" Phönixglanz kam einen Augenblick zu sich und erinnerte sich, dass die Zweite Schwester You bereits tot war — sie musste gekommen sein, um ihr das Leben zu nehmen. Als Friedchen sie wachrief, bekam sie Angst; doch sie wollte es nicht aussprechen und sagte nur mit Mühe: „Ich bin geistig verwirrt und habe wohl im Traum geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken."
„Man habe sie bereits gefragt“, antwortete die Magd, „und sie sagte, sie sei ohne einen bestimmten Grund gekommen. Sie hat gerade erst vom Tod alten Dame gehört. Sie wäre früher gekommen, wenn sie es früher gewußt hätte.“

Hsi-fëng hatte sie gehört und rief Ping-örl herüber: „Wenn jemand so freundlich ist, mich zu besuchen, sollten wir nicht unverschämt oder undankbar erscheinen. Geh und bitte Oma Liu hereinzukommen! Ich würde gerne mit ihr reden.“

Ping-örl gab ungern nach und ging selbst hinaus, um Oma Liu zu holen. Hsi-fëng begann wieder einzuschlafen, und als sich ihre Augen schlossen, sah sie eine andere Erscheinung, diesmal von einem Mann und einer Frau, die zusammen zu ihrem Ofenbett kamen. Sie rief erschrocken nach Ping-örl: „Da kommt ein Mann auf mich zu!“

Ihre Schreie brachten Fëng-örl und Hsiau-hung an ihre Bettseite: „Was wollen sie, gnädige Frau?“
Friedchen klopfte ihr den Rücken, als eine kleine Magd hereinkam und sagte, die Alte Liu [刘姥姥][9] sei da; die Dienerinnen hätten sie hergebracht, um der Herrin ihre Aufwartung zu machen. Friedchen ging eilig hinunter und fragte: „Wo ist sie?" Die kleine Magd sagte: „Sie hat sich nicht getraut, einfach hereinzukommen, und wartet noch auf die Anweisung der Herrin." Friedchen hörte das und nickte nachdenklich. Da Phönixglanz in ihrer Krankheit sicher keinen Besuch empfangen wollte, sagte sie: „Die Herrin ruht sich gerade aus; lasst sie erst einmal warten. Hast du sie gefragt, warum sie kommt?" Die kleine Magd antwortete: „Man hat schon gefragt; es gibt nichts Besonderes. Sie sagt, sie habe vom Ableben der Herzoginmutter [贾母][10] erfahren, und weil sie keine Nachricht bekommen habe, sei sie zu spät gekommen."
Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Die Figuren waren verschwunden. Sie wußte, daß sie Geister waren, um zu kommen, sie zu verfolgen, aber sie konnte sich wieder nicht dazu durchringen, dies vor den Mägden zu sagen. „Wo ist diese erbärmliche Ping-örl hingegangen?“, fragte sie Fëng-örl.

„Hat die gnädige Frau sie nicht geschickt, um Oma Liu zu holen?“

Hsi-fëng lag für eine Weile still da, um ihren Geist auszuruhen. Da kam Ping-örl mit Oma Liu zurück, die ein kleines Mädchen bei sich hatte und fragte: „Und wo ist unsere gnädige Frau [Liän]?“

Ping-örl führte sie zum Ofenbett.
Während die kleine Magd noch sprach, hörte Phönixglanz es und rief: „Friedchen, komm her! Die Leute kommen mit guten Absichten, um nach mir zu sehen — man darf sie nicht kalt behandeln. Geh und bitte die Alte Liu herein; ich möchte ein wenig mit ihr plaudern." Friedchen musste also hinausgehen und die Alte Liu hereinbitten.
„Guten Tag, gnädige Frau“, sagte Oma Liu.

Hsi-fëng öffnete ihre Augen und fühlte sich, als sie die alte Dame ansah, seltsam bewegt.

„Wie geht es dir, Großmutter?“, fragte sie. „Warum hat es so lange gedauert, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben? Wie groß deine Enkelin geworden ist!“

Oma Liu war sehr erschrocken, den Zustand von Hsi-fëng zu sehen – dünn wie ein Stock, und offensichtlich verwirrt.

„Nun, meine gnädige Frau [Liän]!“, rief sie aufgewühlt, „zu denken, daß in den wenigen Monaten, seit ich das letzte Mal hier war, Sie so krank geworden sind! Ich bin total dumm und verdiene es zu sterben, weil ich die gnädige Frau nicht früher besucht habe!“
Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau auf den Kang zukommen sah, als wollten sie hinaufsteigen. Phönixglanz rief hastig nach Friedchen: „Woher kommt dieser Mann? Er ist bis hierher gelaufen!" Sie rief zweimal, doch nur Fenger [丰儿] und Kleine Rote [小红] kamen herbeigelaufen und fragten: „Was wünscht die Herrin?" Phönixglanz öffnete die Augen und sah niemanden mehr. Sie verstand in ihrem Herzen, was es war, wollte es aber nicht aussprechen, und fragte Fenger nur: „Wo ist denn Friedchen, dieses Ding, hingegangen?" Fenger antwortete: „Hat die Herrin sie nicht selbst losgeschickt, um die Alte Liu zu holen?" Phönixglanz sammelte sich eine Weile und sagte nichts mehr.
Sie bat die kleine Tjing-örl, herzukommen und ihren Respekt zu erweisen, aber das Kind lachte nur. Hsi-fëng dachte, was für ein süßes Kind sie sei, und bat Hsiau-hung, sich um sie zu kümmern.

„Wir vom Lande werden nie krank“, sagte Oma Liu, „und wenn es passiert, dann beten wir zu den Göttern und machen unsere Gelübde, wir nehmen nie Medizin oder so etwas. Ich wundere mich nun, ob die gnädige Frau nicht einem bösen Geist zum Opfer gefallen sind, der die gnädige Frau so krank gemacht hat?“
Da kamen Friedchen und die Alte Liu mit einem kleinen Mädchen herein. „Wo ist unsere gnädige Frau?", fragte die Alte Liu. Friedchen führte sie an den Kang. Die Alte Liu sagte: „Ich wünsche der gnädigen Frau gute Gesundheit!" Phönixglanz öffnete die Augen, und unwillkürlich überkam sie tiefe Trauer. Sie sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Warum kommt Ihr erst jetzt? Seht nur, Eure Enkelin ist auch schon so groß geworden."
Ping-örl war sich bewußt, daß nun für Oma Lius rustikalen Aberglauben nicht die richtige Zeit sei, und gab ihr einen leichten Kniff von hinten. Oma Liu deutete dies richtig und sagte nichts mehr. Aber ihre Worte hatten tatsächlich einen Widerhall in Hsi-fëngs eigenen Gedanken gefunden.

„Großmutter“, sagte sie, und sprach mit großer Anstrengung, „du bist eine Dame mit Jahren der Erfahrung, und du hast es genau getroffen. Wußtest du, daß auch Frau Dschau gestorben ist? Du hast sie getroffen, als sie hier war, oder?“
Die Alte Liu sah, dass Phönixglanz nur noch Haut und Knochen war und ihr Blick trübe und verwirrt, und auch ihr wurde es traurig ums Herz. Sie sagte: „Meine liebe gnädige Frau! Wie kommt es, dass Ihr in den paar Monaten, die ich Euch nicht gesehen habe, so krank geworden seid? Ich dumme alte Frau, warum bin ich nicht früher gekommen, um der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen?" Dann rief sie: „Qinger, grüß die gnädige Frau!" Qinger [青儿] lachte nur. Phönixglanz betrachtete sie und empfand große Zuneigung; sie bat Kleine Rote, sich um das Mädchen zu kümmern.
„Amitabha!“, rief Oma Liu mit großer Überraschung. „Sich vorzustellen, daß sie einfach so gestorben ist! Sie hatte so einen kräftigen Körper. Und sie hatte einen jungen Sohn, wenn ich mich erinnere. Was wird aus ihm?“

„Er wird in Ordnung sein“, tröstete sie Ping-örl, „er hat den Herren und die Dame Wang, die nach ihm sehen.“ –

„Das mag sein“, antwortete Oma Liu schwer, „aber können Sie so sicher sein, Fräulein? Ich meine, es ist seine eigene Mutter – wie schlecht auch immer sie gewesen war, als sie starb. Niemand kann jemals den Platz einer Mutter einnehmen.“

Dies überschnitt sich mit einer anderen sehr heftigen Angst von Hsi-fëng; sie brach zusammen und begann zu weinen. Sie alle kamen herbei, um sie zu trösten.

Als Tjiau-djiä-örl ihre Mutter in solcher Aufregung hörte, kam sie zum Ofenbett, hielt Hsi-fëngs Hand und brach selbst in Tränen aus.

„Hast du Oma [Liu] begrüßt?“, fragte Hsi-fëng voller Tränen. – „Nein.“ –

„Sie gab dir deinen Namen und ist wie eine Pflegemutter für dich. Erweise ihr nun deinen Respekt.“

Tjiau-djiä-örl ging hinüber zu Oma Liu und war dabei zu knicksen, als Oma Liu sie nahm und sagte: „Amitabha! Erdrückt mich nicht mit solchen Ehren, es wird mich ins Grab bringen! Fräulein Tjiau[-djiä], es ist mehr als ein Jahr her, seit ich zuletzt hier war. Erinnerst du dich noch an mich?“ –
Die Alte Liu sagte: „Wir Landbewohner werden selten krank. Wenn wir aber einmal krank werden, bitten wir die Götter um Hilfe und geloben Opfergaben; von Medizin verstehen wir nichts. Ich denke, die Krankheit der gnädigen Frau kommt vielleicht daher, dass sie einem bösen Geist begegnet ist?" Friedchen fand diese Worte unpassend und zupfte sie heimlich am Ärmel. Die Alte Liu verstand den Wink und schwieg. Doch diese Worte trafen genau Phönixglanz' eigene Gedanken. Sie stemmte sich hoch und sagte: „Alte Liu, Ihr seid eine betagte Frau, und was Ihr sagt, ist nicht falsch. Habt Ihr schon gehört, dass auch die Nebenfrau Zhao, die Ihr kennt, gestorben ist?" Die Alte Liu war erstaunt: „Amitabha! Kerngesund war die Frau, und nun ist sie tot? Ich erinnere mich, sie hatte auch einen kleinen Sohn — was soll nun aus ihm werden?" Friedchen sagte: „Was soll schon sein? Er hat ja noch den Herrn und die Dame." Die Alte Liu sagte: „Fräulein, das versteht Ihr nicht. Schlimm genug, wenn die leibliche Mutter stirbt — eine Stiefmutter ist nicht zu gebrauchen!" Diese Worte rührten an Phönixglanz' eigenen Kummer, und sie begann bitterlich zu schluchzen. Alle kamen herbei, um sie zu trösten.
„Natürlich tue ich das! Damals, als ich dich im Garten sah, war ich noch ein kleines Mädchen. Aber ich erinnere mich, daß ich dich vor zwei Jahren gebeten habe, mir ein paar große Grillen mitzubringen. Ich sehe, daß du mir keine gebracht hast. Du mußt es vergessen haben.“ –

„Gutes Mädchen!“, rief Oma Liu, „was für eine dumme alte Seele ich bin! Wenn du Grillen haben willst, haben wir genug, sie zu Hause zu teilen. Aber du kommst uns nie besuchen. Wenn du kommen würdest, könntest du einen ganzen Wagen voller Grillen nach Hause bringen, wenn du das wolltest.“ –

„In diesem Fall,“ warf Hsi-fëng ein, „warum nimmst du sie nicht für einen Besuch mit nach Hause?“ –

„Wie könnte ich das, Fräulein?“, sagte Oma Liu lachend. „So ein feines Fräulein, die in Samt und Seide eingewickelt aufgewachsen ist und gewohnt ist, leckere Sachen zu essen – nun, was könnte ich ihr zu Hause zum Spielen geben? Womit sollte ich sie füttern? Wollt ihr, daß ich vor Scham sterbe?“
Jie [巧姐][11] hörte ihre Mutter weinen und lief zum Kang; sie nahm Phönixglanz bei der Hand und weinte ebenfalls. Phönixglanz sagte unter Tränen: „Hast du die Alte Liu schon begrüßt?" Jie sagte: „Nein." Phönixglanz sagte: „Deinen Namen hat sie dir gegeben — sie ist wie eine Patin für dich. Geh und begrüße sie." Jie trat vor die Alte Liu. Die Alte Liu zog sie hastig an sich und rief: „Amitabha! Erschlagt mich nicht mit so viel Ehre! Liebes Fräulein Jie, ich war über ein Jahr nicht hier — erkennst du mich noch?" Jie antwortete: „Natürlich erkenne ich Euch! Damals im Garten, als wir uns sahen, war ich noch klein. Vorvoriges Jahr, als Ihr kamt, habe ich Euch um Heuschrecken vom letzten Jahr gebeten, aber Ihr habt mir keine gebracht — Ihr habt es bestimmt vergessen!" Die Alte Liu sagte: „Liebes Fräulein, ich bin eine vergessliche alte Frau! Was die Heuschrecken angeht — bei uns auf dem Land gibt es davon massenhaft. Wenn Ihr nur zu uns kämet, könntet Ihr einen ganzen Wagen voll haben, ganz leicht."
Sie lachte und fuhr fort: „Stell’ dir vor, ich könnte als Ehestifterin für das Fräulein fungieren. Wir mögen nur in einem Dorf leben, aber wir haben dort trotzdem reiche Leute, mit Land, das sich auf viele Tausende von Quadratfuß erstreckt und Hunderte von Kühen und auch ein gutes bißchen an Geld. Nicht zu vergleichen mit dem Schatz, den du hier hast, natürlich. Tatsächlich, wenn ich daran denke, hat gnädige Frau wahrscheinlich noch nie so ein Volk gesehen, Tjiau-djiä. Aber für uns Landvolk sind Sie Bewohner des Himmels!“ –

„Wenn du sagst, dass sie gehen soll, bin ich einverstanden, sie wegzugeben“, sagte Hsi-fëng. „Kommen Sie, gnädige Frau, sie müssen scherzen. Nun, ich würde sagen, gnädige Frau ist wählerisch und möchte eine große offizielle Familie, die in einem großen Herrenhaus lebt, und nicht einfach Landleute. Und selbst wenn Sie es wollen, denke ich nicht, daß die Damen es möchten!“

Tjiau-djiä fand die Unterhaltung unangenehm und ging hinaus, um mit Tjing-örl zu reden. Die zwei Mädchen unterhielten sich bald sehr gut miteinander und begannen gerade Freundschaft zu schließen.
Phönixglanz sagte: „Dann nehmt sie doch gleich mit!" Die Alte Liu lachte: „So ein hochedles Fräulein, in Seide und Brokat aufgewachsen, verwöhnt mit feinstem Essen — wenn sie zu uns käme, womit sollte ich sie unterhalten, was sollte ich ihr zu essen geben? Das wäre doch mein Untergang!" Dabei lachte sie selbst und sagte dann: „Na gut, dann stifte ich dem Fräulein doch eine Heirat! Bei uns auf dem Land gibt es zwar kein Gold und keine Edelsteine wie hier, aber es gibt auch dort große Grundbesitzer mit Tausenden von Morgen Land, Hunderten von Rindern und reichlich Silber und Geld. Die gnädige Frau schaut freilich auf solche Familien herab, aber wir Landbewohner betrachten solche Grundbesitzer geradezu als himmlische Wesen." Phönixglanz sagte: „Wenn Ihr ein gutes Angebot habt, bin ich einverstanden." Die Alte Liu sagte: „Das war wohl nur ein Scherz. Bei einer gnädigen Frau wie Euch — hohe Beamtenfamilien und Fürstenhäuser würden sie vielleicht noch nicht nehmen wollen, wie könnten sie sie da einer Bauernfamilie geben? Selbst wenn die gnädige Frau einverstanden wäre — die Damen oben würden es nicht erlauben."
Ping-örl war besorgt, daß Oma Lius endloses Gebrabbel Hsi-fëng zu sehr anstrengen würde, nahm sie bei Seite und sagte: „Da wir gerade von den Damen sprechen, ihr habt sie noch nicht besucht. Ich suche jemanden, der Sie hinüber bringt. Es wäre sehr schade, wenn Sie sie nicht sehen würden, da sie hier sind.“ Jie fand diese Worte unangenehm und ging zu Qinger hinüber, um mit ihr zu reden. Die beiden Mädchen verstanden sich sofort gut und waren bald vertraut miteinander.
Oma Liu war dabei zu gehen, aber Hsi-fëng rief sie zurück: „Was soll diese Eile? Setz’ dich, ich will mit dir sprechen. Sag’ mir, wie die Dinge zu Hause laufen.“ Friedchen fürchtete, die Alte Liu könne mit ihrem vielen Reden Phönixglanz belästigen, zog sie daher am Ärmel und sagte: „Ihr habt die Damen erwähnt — Ihr wart ja noch gar nicht bei ihnen! Ich lasse Euch jemanden bringen, der Euch hinführt. Die Reise soll sich ja gelohnt haben." Die Alte Liu wollte schon aufbrechen, doch Phönixglanz sagte: „Was eilt so? Setzt Euch doch. Ich wollte Euch fragen: Könnt Ihr in letzter Zeit über die Runden kommen?"
Oma Liu dankte Hsi-fëng sehr für ihr freundliches Interesse. „Wenn es nicht wegen gnädigen Fraus Hilfe wäre“, begann sie, und zeigt auf Tjing-örl, „ihre Mutter und ihr Vater wären nun verhungert. Das Leben ist immer noch hart. Wie könnte es anders sein, für das Landvolk? Aber sie waren fähig, einen Acker zusammenzukratzen, einen Brunnen zu setzen, Gemüse, Obst und Kürbisse zu ziehen. Mit dem Geld, das sie jedes Jahr für die Erzeugung erhalten, bekommen sie es hin, Körper und Seele zusammenzuhalten. Und was die Kleider und das Material angeht, was gnädige Frau uns regelmäßig die vergangenen Jahre zuschickten, Fräulein, hielten wir uns selbst für Wohlhabender im Dorf als andere. Amitabha! Ich erinnere mich an den Tag, als Tjing-örls Vater in den Ort kam und die Neuigkeiten hörte, daß Ihre Familie von den Goldjacken überfallen wurde, gnädige Frau. Als er nach Hause kam und es mir sagte, wäre ich vor Schreck fast gestorben! Dann erzählte mir später jemand anderes, daß es am Ende nicht Ihre Seite der Familie war – ich war so erleichtert! Danach hörte ich, daß der gnädige Herr hier [Herr Dschëng] befördert wurde und war so erfreut, daß ich sofort hierherkommen wollte, um zu gratulieren. Aber wir hatten soviel auf dem Land zu tun, daß ich nicht weg konnte. Und dann hörte ich gestern, daß die alte Dame verstorben ist! Ich brachte gerade die Bohnen rein, und ich war so erschrocken, daß ich nicht weitermachen konnte, ich konnte nur auf dem Boden sitzen und mich ausweinen. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kümmere mich nicht darum, was du sagst, es könnte wahr oder nur ein Gerücht sein, aber egal wie, ich werde in die Stadt gehen und es selbst herausfinden!‘ Sie sind keine schlechten Menschen, meine Tochter und mein Schwiegersohn, und sie weinten auch, als sie die Nachrichten hörten. Also verabschiedeten sie mich an diesem Morgen, und ich ging, bevor das erste Licht schien, und kam so schnell wie möglich hierher. Da war niemand, den ich auf dem Weg fragen konnte und bekam keine Neuigkeiten, also kam ich sofort hierher zum hinteren Tor und als ich die Türgötter weiß übertüncht sah, habe ich den Schreck meines Lebens bekommen. Ich versuchte Schwägerin Dschou zu finden, aber da war kein Zeichen von ihr. Dann rannte ich in ein junges Mädchen, das mir sagte, daß Schwägerin Dschou Ärger hatte und entlassen wurde. Ich wartete eine Ewigkeit, bevor ich jemanden sah, den ich kannte und hereinkommen konnte. Ich hatte keine Ahnung, daß gnädige Frau auch so krank sind!“ Die Alte Liu dankte tausendmal und sagte: „Wenn wir nicht die gnädige Frau gehabt hätten — " Sie zeigte auf Qinger. „ — wären ihre Eltern verhungert. Obwohl wir Landbewohner es schwer haben, haben wir doch etliche Morgen Land dazugewonnen und einen Brunnen gegraben; wir pflanzen Gemüse und Obst, und was wir im Jahr dafür einnehmen, ist nicht wenig — es reicht zum Leben. In den letzten Jahren hat die gnädige Frau uns immer wieder Kleider und Stoffe geschickt. In unserem Dorf gelten wir als wohlhabend. Amitabha! Vor einigen Tagen war ihr Vater in der Stadt und hörte, dass bei der gnädigen Frau hier Hab und Gut beschlagnahmt worden sei — da wäre ich fast vor Schreck gestorben! Zum Glück sagte jemand, es sei nicht bei Euch gewesen, da beruhigte ich mich. Dann hörte ich, der Herr sei befördert worden, und ich freute mich und wollte kommen, um zu gratulieren, aber die Ernte auf dem Feld ließ es nicht zu. Gestern dann hörte ich, die Herzoginmutter sei nicht mehr. Ich war gerade auf dem Feld beim Bohnendreschen; als ich die Nachricht hörte, erschrak ich so, dass ich die Bohnen gar nicht mehr halten konnte, und weinte bitterlich mitten auf dem Feld. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Ob es wahr ist oder nicht — ich muss in die Stadt und nachsehen!' Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind auch keine herzlosen Menschen; als sie es hörten, weinten auch sie eine Weile. Heute, noch vor Tagesanbruch, trieben sie mich zur Eile an, in die Stadt zu fahren. Ich kenne ja keinen Menschen und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. So ging ich geradewegs zum Hintertor. Als ich sah, dass die Türgötter mit weißem Papier überklebt waren, erschrak ich aufs Neue. Drinnen suchte ich nach Schwester Zhou, konnte sie aber nicht finden. Ich stieß auf ein kleines Mädchen, das mir sagte, Schwester Zhou sei in Ungnade gefallen und fortgejagt worden. Dann wartete ich noch lange, bis ich auf eine Bekannte traf, und erst dann wurde ich hereingelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch die gnädige Frau so krank ist." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herunter.
Oma Liu weinte. Der aufregende Effekt, den sie auf Hsi-fëng hatte, machte Ping-örl ängstlich, und sie zog sie an die Seite, bevor sie noch mehr sagen konnte: „Nun, Großmutter, nach all diesem Gerede mußt du einen trockenen Mund haben. Wie wäre es mit einer guten Tasse Tee?“

Sie nahm Oma Liu in einen der Räume einer anderen Magd, während Tjing-örl weiter mit Tjiau-djiä-örl spielte.

„Ich möchte wirklich keinen Tee“, protestierte Oma Liu. „Bitte, gutes Mädchen, kann mich nun jemand mit zu den Damen nehmen? Ich würde ihnen gerne meinen Respekt erweisen und mein Beileid zum Tod der alten Dame ausdrücken.“

„Es hat keine Eile“, sagte Ping-örl, „es wird sowieso für sie zu spät sein, uns noch an diesem Abend zu verlassen. Ich hatte Angst, Ihr würdet unsere gnädige Frau [Liän] aufregen, mit all Eurem Gerede. Deswegen habe ich sie schnell hinaus begleitet. Ich hoffe, ich habe sie nicht verletzt.“

„Amitabha! Sie machen sich zuviele Gedanken, Mädchen! Aber wie soll es gnädige Frau [Liän] jemals besser gehen?“ –

„Sieht es ernst für sie aus?“, fragte Ping-örl.
Friedchen war in Eile und ließ sie gar nicht ausreden, sondern zog sie mit sich und sagte: „Ihr redet nun schon so lange, Euer Mund muss ganz trocken sein — lasst uns Tee trinken gehen!" Sie zog die Alte Liu in die Gesindekammer. Qinger blieb bei Jie. Die Alte Liu sagte: „Tee brauche ich nicht. Liebes Fräulein, lasst jemanden mich zu den Damen bringen, damit ich ihnen meine Aufwartung mache und um die Herzoginmutter weine." Friedchen sagte: „Keine Eile. Heute schafft Ihr es ohnehin nicht mehr aus der Stadt hinaus. Vorhin hatte ich nur Angst, Ihr könntet unvorsichtig reden und unsere Herrin zum Weinen bringen, deshalb habe ich Euch herausgeholt. Nehmt es mir nicht übel." Die Alte Liu sagte: „Amitabha! Fräulein, da seid Ihr zu besorgt. Ich weiß das auch. Aber wie soll die Herrin nur gesund werden?" Friedchen fragte: „Was meint Ihr — ist es bedenklich oder nicht?" Die Alte Liu sagte: „Es ist eine Sünde, es auszusprechen, aber meiner Meinung nach sieht es nicht gut aus."
„Vielleicht sollte ich dies nicht sagen“, antwortete Oma Liu, „aber für mich sieht es sehr schlimm aus.“

Sie hörten Hsi-fëng rufen, und Ping-örl eilte an ihre Bettseite. Hsi-fëng sagte jedoch nichts weiter, und Ping-örl war gerade dabei, Fëng-örl zu fragen, worum es ging, als sie von der Ankunft von Djia Liän unterbrochen wurden. Er blickte auf das Ofenbett, wo Hsi-fëng lag, stampfte dann ohne ein Wort in den inneren Raum, stieß ein paar entnervte Laute aus und setzte sich. Tjiu-tung war die einzige, die ihm folgte. Sie goß ihm seinen Tee ein, wartete ihm aufmerksam auf und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Djia Liän rief Ping-örl herbei und fragte sie: „Nimmt gnädige Frau [Liän] keine Medizin?“

„Was, wenn nicht?“

„Oh, wie sollte ich das wissen? Bring mir den Schlüssel, der auf dem Schrank liegt.“

Djia Liäns schlechte Laune war so offensichtlich wie nie für Ping-örl. Sie traute sich nicht, etwas zu fragen, sondern ging hinaus und flüsterte Hsi-fëng etwas ins Ohr. Hsi-fëng war ruhig. Ping-örl holte einen Korb, stellte ihn neben Djia Liän und ging.

„Hat dich ein Geist wegberufen?“, rief Djia Liän ärgerlich. „Nimmst du nicht den Schlüssel für mich da raus, nun da du das Ding vor mich hingestellt hast?“

Ping-örl versuchte, nicht darauf zu reagieren. Sie öffnete den Korb, nahm den Schlüssel heraus und öffnete den Schrank damit. Dann fragte sie: „Was wollen Sie damit?“ –

Djia Liän fragte: „Was haben wir da drin?“

Ping-örl brach endlich zusammen. Halb ärgerlich, halb tränenerstickt, flehte sie Djia Liän an: „Sagen Sie mir direkt was los ist, selbst wenn es um das Sterben geht, will ich es wissen!“ –

„Was soll ich sagen? Ihr seid diejenigen, die uns überhaupt diesen Ärger eingebracht haben. Nun schulden wir vier- oder fünftausend Tael für Großmutters Beerdigung, und gnädige Herr [Dschëng] hat mir gesagt, ich solle Einiges vom Familienbesitz verpfänden, um Geld zu erhalten. Glaubst du, wir haben irgendetwas zum Verpfänden übrig? Es wird sehr schlecht aussehen, wenn wir unsere Schulden nicht tilgen können. Ich habe nie darum gebeten, dies zu tun. Ich werde wohl die Dinge, die die alte Dame mir gab, verpfänden. Nun, was ist los mit dir? Bist du nicht einverstanden?“
Gerade als sie so sprachen, rief Phönixglanz wieder. Friedchen eilte ans Bett, doch Phönixglanz sagte nichts mehr. Friedchen wollte Fenger gerade fragen, als Kette Kaufmann [贾琏] hereinkam, zum Kang hinüberblickte, kein Wort sagte und ins Innenzimmer ging, wo er sich wütend schnaubend hinsetzte. Nur Herbstglöckchen [秋桐][12] folgte ihm hinein, schenkte ihm Tee ein und umsorgte ihn eifrig, wobei sie leise miteinander tuschelten — man wusste nicht, worüber. Dann kam Kette Kaufmann heraus und rief Friedchen zu sich: „Nimmt die Herrin keine Medizin ein?" Friedchen antwortete: „Wie soll es ohne Medizin gehen?" Kette Kaufmann sagte: „Woher soll ich das wissen? Gib mir die Schlüssel zum Schrank." Friedchen sah, dass Kette Kaufmann erzürnt war, und wagte nicht zu fragen. Sie ging hinaus und flüsterte Phönixglanz nur ein Wort ins Ohr. Phönixglanz schwieg. Friedchen stellte daraufhin ein Kästchen bei Kette Kaufmann ab und ging. Kette Kaufmann schrie: „Hat dich ein Geist gerufen? Du stellst es hin — soll es sich selbst öffnen?" Friedchen schluckte ihren Ärger hinunter, öffnete das Kästchen, nahm die Schlüssel heraus, öffnete den Schrank und fragte: „Was soll ich herausnehmen?" Kette Kaufmann sagte: „Haben wir denn überhaupt noch etwas?" Friedchen weinte vor Wut und sagte: „Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es offen heraus! Und wenn ich dabei sterben sollte, ist es mir auch recht!" Kette Kaufmann sagte: „Muss man das erst noch sagen? Das Durcheinander vorher habt ihr angerichtet! Jetzt fehlen für die Trauerfeier der Herzoginmutter noch vier- bis fünftausend Tael Silber. Der Herr hat mich beauftragt, die Grundstücksregister des gemeinsamen Besitzes durchzugehen und Silber aufzutreiben. Hast du eine Ahnung, ob da noch etwas ist? Die Außenschulden — kann man die etwa unbezahlt lassen? Wer hat mich nur dazu gebracht, diesen Namen zu tragen! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sachen zu versetzen, die mir die Herzoginmutter gegeben hat. Bist du etwa dagegen?"
Ping-örl sagte kein Wort, aber begann, alles aus dem Schrank zu nehmen. Hsiau-hung kam zu ihr: „Kommen sie schnell! Frau Liäns Zustand hat sich verschlechtert!“

Ping-örl eilte hinein und vergaß Djia Liän ganz. Sie fand Hsi-fëng, wie sie mit ihren Armen wild in der Luft wedelte. Ping-örl versuchte, sie unten zu halten und rief weinend nach ihr. Sogar Djia Liän kam nun, um nachzuschauen. Er stampfte mit seinem Fuß auf und schrie: „Dies wird mein Tod sein!“

Tränen schossen ihm in die Augen. Fëng-örl kam herein: „Sie werden draußen gebraucht, zweiter Herr.“ Djia Liän fing sich und ging hinaus.
Friedchen hörte das und sagte kein Wort, sondern räumte die Dinge aus dem Schrank. Da kam Kleine Rote herübergelaufen und rief: „Schwester Friedchen, komm schnell! Der Herrin geht es schlecht!" Friedchen kümmerte sich nicht mehr um Kette Kaufmann und eilte hinüber. Sie sah, dass Phönixglanz mit den Händen ins Leere griff. Friedchen ergriff ihre Hand und rief weinend ihren Namen. Kette Kaufmann kam ebenfalls herüber, warf einen Blick auf sie und stampfte mit dem Fuß auf: „Wenn es so weit ist, dann bringt ihr mich auch noch um!" Auch ihm liefen die Tränen herunter. Fenger kam herein und sagte: „Draußen wird nach dem Zweiten Herrn gefragt." Kette Kaufmann musste also hinausgehen.
Hsi-fëng wurde jede Minute schwächer, und Fëng-örl und die anderen Mägde begannen zu jammern und zu schluchzen. Tjiau-djiä hörte dies und kam angerannt, gefolgt von Oma Liu, die hinüber zum Ofenbett eilte und begann, Gebete zu Buddha und einigen anderen Hokuspokus zu murmeln. Dies schien Hsi-fëngs Geist ein wenig zu beruhigen. In diesem Moment kam die Dame Wang an, die die Neuigkeiten von einer Magd gehört hatte. Zu dieser Zeit war Hsi-fëng friedlicher, und sie [die Dame Wang] sah keinen übertriebenen Grund zur Sorge. Sie grüßte die Oma Liu und fragte sie: „Oma Liu, wie geht es? Seit wann sind Sie da?“ Oma Liu grüßte zurück und begann sofort, länger über die Krankheit Hsi-fëngs zu reden. Nach einer Weile erschien Tsai-yün mit einer Nachricht, daß ihre Herrin vom gnädigen Herrn [Dschëng] gebraucht werde, woraufhin die Dame Wang Ping-örl ein paar Anweisungen gab und ging. Phönixglanz' Zustand verschlechterte sich immer mehr. Fenger und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Jie hörte es und eilte herbei. Auch die Alte Liu lief schnell zum Kang, murmelte Gebete und vollzog einige Beschwörungen — und tatsächlich ging es Phönixglanz etwas besser. Bald darauf kam auch Dame Wang, die durch eine Magd Nachricht erhalten hatte. Als sie sah, dass Phönixglanz ruhiger geworden war, beruhigte sie sich etwas. Sie bemerkte die Alte Liu und sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Wann seid Ihr angekommen?" Die Alte Liu begrüßte Dame Wang und sprach dann nur von Phönixglanz' Krankheit; sie berieten eine ganze Weile. Caiyun [彩云] kam herein und sagte: „Der Herr bittet die Dame zu sich." Dame Wang gab Friedchen noch einige Anweisungen und ging hinüber.
Nach dem Anfall schien Hsi-fëngs Kopf klarer zu werden. Sie sah Oma Liu wieder im Zimmer, und begann als Wirkung der Gebete der alten Dame einen immer größeren Glauben zu entwickeln. Sie bat Fëng-örl und die anderen, sie alleine zu lassen, und rief Oma Liu an ihre Bettseite. Sie vertraute ihr an, daß sie sich in ihrem Herzen sehr aufgewühlt fühle und ständig Geister sehe. Oma Liu antwortete, daß in ihrem Heimatdorf ein gewisser wunderlicher Erleuchteter wäre, und ein gewisser Tempel, wo Gebete immer erhört wurden.“

„Ich flehe dich an, für mich zu beten“, sagte Hsi-fëng. „Wenn du Geld für Opfer brauchst, kann ich es dir geben.“

Sie nahm ein goldenes Armband von ihrem Handgelenk und gab es ihr [Oma Liu].

„Gnädige Frau, das brauche ich nicht“, sagte Oma Liu, „wenn wir Landvolk ein Gelübde ablegen, geben wir ein paar Hundert in bar, wenn es uns besser geht – kein Grund für so etwas Großes wie dieses. Wenn ich gehe und für Euch bete, wird das Ihr Gelübde sein, Fräulein, und wenn es der gnädigen Frau besser geht, können Sie selbst gehen und geben, was sie wollen.“

Hsi-fëng wußte, daß Oma Liu ein gutes Herz hatte, und versuchte nicht, ihr das Armband aufzudrängen.

„Mein Leben liegt in deinen Händen, Oma!“, sagte sie. „Meine kleine Tjiau-djiä-örl ist auch verfolgt von zahllosen Krankheiten. Ich vertraue sie dir auch an.“

Oma Liu erklärte sich bereitwillig einverstanden.

„Ich sollte wirklich gehen, wenn ich die Tore noch kriegen will“, sagte sie. „Es ist noch Zeit. In ein oder zwei Tagen, wenn es der gnädigen Frau besser geht, können sie kommen und ihren Dank ausdrücken.“
Phönixglanz hatte eine Weile lang gewütet, doch nun wurde sie wieder etwas klarer im Kopf. Als sie die Alte Liu noch hier sah und an deren Gebete und Beschwörungen glaubte, schickte sie Fenger und die anderen hinaus, bat die Alte Liu, sich an ihr Bett zu setzen, und erzählte ihr von ihrer Unruhe und den Geistererscheinungen. Die Alte Liu berichtete, welcher Bodhisattva in ihrem Dorf Wunder wirke und welcher Tempel sich als wirksam erwiesen habe. Phönixglanz sagte: „Ich bitte Euch, für mich zu beten. Wenn Opfergaben und Geld nötig sind — ich habe welches." Sie streifte einen goldenen Armreif von ihrem Handgelenk und reichte ihn der Alten Liu. Die Alte Liu sagte: „Gnädige Frau, das ist nicht nötig! Wir Landbewohner geloben etwas, und wenn es geholfen hat, opfern wir ein paar hundert Kupfermünzen, das ist alles — wozu braucht man so viel? Auch wenn ich für die gnädige Frau beten gehe, ist es ja nur ein Gelübde. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist und etwas opfern will, kann sie es selbst tun." Phönixglanz wusste, dass die Alte Liu es aufrichtig meinte, und wollte sie nicht drängen. So behielt sie den Armreif und sagte: „Alte Liu, mein Leben lege ich in Eure Hände. Und meine Jie, die ist auch ein Kind von tausend Krankheiten und Plagen — auch sie vertraue ich Euch an." Die Alte Liu stimmte bereitwillig zu und sagte dann: „So, wie ich sehe, ist es noch nicht spät, ich kann noch vor Einbruch der Nacht aus der Stadt kommen — ich gehe jetzt los. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist, lade ich sie ein, persönlich das Gelübde einzulösen."
Hsi-fëngs Seele war belagert von den Geistern derer, denen sie während ihres Lebens geschadet hatte, und sie wollte, daß sie sofort ging und für sie betete: „Tue dein Bestes für mich! Wenn ich nur etwas ruhigen Schlaf bekommen könnte, wäre ich dir sehr dankbar. Du kannst deine Enkelin hier lassen.“

„Aber sie ist nur ein Landmädchen und hat keine Manieren“, protestierte Oma Liu, „ich befürchte, sie würde hier nur Ärger machen. Ich nehme sie besser mit mir.“

„Hab keine Angst. Sie ist Mitglied der Familie, es wird in Ordnung sein. Wir mögen arm dran sein, aber ich denke, wir können ein weiteres Maul stopfen.“
Phönixglanz wurde von den umherirrenden Geistern der Toten gequält und konnte es kaum erwarten, dass die Alte Liu ging. So sagte sie: „Wenn Ihr mir von Herzen helft und ich eine ruhige Nacht schlafen kann, bin ich Euch unendlich dankbar. Eure Enkelin — lasst sie doch hier ein paar Tage bleiben." Die Alte Liu sagte: „Ein Bauernkind hat keine Manieren und könnte sich hier unmöglich aufführen — ich nehme sie besser mit." Phönixglanz sagte: „Da seid Ihr zu besorgt. Wir sind doch eine Familie — was gibt es da zu fürchten? Auch wenn wir arm geworden sind, für eine Person mehr zu essen wird es schon noch reichen." Die Alte Liu sah Phönixglanz' aufrichtige Bitte und war froh, Qinger ein paar Tage hierbleiben zu lassen, um zu Hause ein Maul weniger füttern zu müssen. Nur fürchtete sie, Qinger wolle nicht. So sprach sie mit Qinger. Da Qinger sich mit Jie angefreundet hatte und Jie nicht wollte, dass sie ging, und Qinger selbst auch bleiben wollte, war die Sache entschieden. Die Alte Liu gab ihr noch ein paar Anweisungen, verabschiedete sich von Friedchen und eilte aus der Stadt. Davon sei nun nicht weiter die Rede.
Oma Liu konnte sehen, daß Hsi-fëng meinte, was sie sagte, und für ihren Teil war sie nur zu erfreut, Tjing-örl für ein paar Tage hier bei den Djias zu lassen und zu Hause etwas zu sparen. Das einzige Problem war, daß Tjing-örl selbst vielleicht nicht wollte. Sie entschied sich, sie herüber zu rufen und ihr die Wahl anzubieten; sie fand bald heraus, daß Tjing-örl sich mit Tjiau-djiä-örl angefreundet hatte geworden waren, sodaß Tjiau-djiä sich weigerte, Tjing-örl gehen zu lassen und daß Tjing-örl selbst gerne bleiben wollte. Oma Liu gab ihrem Enkelkind ein paar Abschiedsworte, sagte auf Wiedersehen zu Ping-örl und eilte hinaus, ängstlich, die Stadttore zu erreichen, bevor sie schlossen. Und da muß unsere Erzählung sie verlassen.

Das Kloster Gefangenes Grün war auf Familienland der Djias erbaut, und als der Garten des Großen Anblicks für Besuche geschaffen wurde, war eine Seite der Herberge in den Bereich des Gartens einbezogen worden. Aber als religiöse Einrichtung war es immer Selbstversorger und niemals von der Großzügigkeit der Familie Djia abhängig. Die Nonnen, die dort wohnten, hatten den Behörden Miau-yüs Elend berichtet und warteten darauf, daß man die Verbrecher festnahm. In der Zwischenzeit, da die Nonnengemeinde Miau-yü gehörte, entschieden sie sich zu bleiben, wo sie waren, und machten den Djias davon Mitteilung.
Was nun das Smaragdkloster [栊翠庵] betrifft: Es stand auf dem Grundstück der Kaufmann-Familie. Als man den Garten für den kaiserlichen Besuch errichtet hatte, war das Kloster in den Garten einbezogen worden. Die Kosten für Nahrung und Räucherwerk trug es immer selbst, ohne die Kaufmann-Familie zu belasten. Nachdem Miaoyu [妙玉][13] geraubt worden war, erstattete die verbliebene Nonne Anzeige bei den Behörden. Einerseits wartete man auf den Ausgang der behördlichen Räubersuche, andererseits war es Miaoyus Stiftung, die man nicht auflösen konnte, und so lebte die Nonne weiter dort — sie hatte es lediglich der Kaufmann-Familie mitgeteilt.
Obwohl das Haushaltspersonal alles über Miau-yüs Verschwinden wußte, wollten sie nicht Djia Dschëng mit solchen Dingen verärgern, während er in Trauer war und sonst einiges Andere im Kopf hatte. In der Tat war Hsi-tschun die einzige in der Familie, die als Erste davon wußte, und war in einem Zustand steter Angst und Spannung. Dann erreichte die Geschichte oder besser zwei Versionen davon, die Ohren Bau-yüs. Nach einer war Miau-yü entführt worden, nach einer anderen hatte Miau-yü sich den Gelüsten des Fleisches ergeben und brannte freiwillig mit einem Liebhaber durch. ‚Sie muß entführt worden sein‘, dachte Bau-yü sehr perplex bei sich, ‚eine Person wie sie wäre nie mit so etwas einverstanden gewesen. Sie wäre lieber gestorben!‘ Als die Zeit verging, gab es jedoch noch immer keine Nachricht über ihren Aufenthaltsort. Und jeden Tag seufzte er traurig und weigerte sich zu glauben, daß Miau-yü von allen Menschen, die selbsternannte ‚Bewohnerin hinter der Schwelle‘ dieser Welt, zu so einem weltlichen Ende kommen konnte. Seine Gedanken kehrten zu glücklicheren Tage zurück, die sie im Garten geteilt hatten und zu schlimmeren Zeiten, die darauf gefolgt waren: Seit die zweite Schwester [Ying-örl] das Haus verlassen hatte, waren manche seiner Kusinen gestorben, und andere verheiratet worden. Irgendwie dachte er immer, daß, wenn es eine absolut reine und nichtkäufliche Person unter uns gäbe, es sie sein müßte. Aber nun blies dieser plötzliche Sturm der Katastrophe ihr Lebenslicht aus dem Nichts aus, und ein seltsamerer Tod als der Kusine Lins schien sie fortgenommen zu haben. Als er diesen Gedanken zu einer logischen Konsequenz verfolgte, kam ihm eine Zeile aus dem Dschuang-Dsï in den Sinn: „Dieses Leben, dieses gebrechliche Tuch der Eitelkeit, schwebt wie eine Wolke im Wind!“ Dann brach er in Tränen aus, und Hsi-jën und die anderen Mägde dachten, es sei ein weiterer seiner Anfälle; sie bemühte sich, ihn mit zarten Worten zu trösten. Obwohl alle im Haus davon wussten, wagte bei Aufrecht Kaufmanns [贾政] frischer Trauer und seiner sonstigen Unruhe niemand, ihm solche nebensächlichen Dinge zu melden. Nur Beklagenswert [惜春][14] wusste davon und war Tag und Nacht beunruhigt. Allmählich drang die Nachricht auch zu Schatzjades [贾宝玉][15] Ohren: Miaoyu sei von Räubern entführt worden; andere sagten, Miaoyu habe weltliche Begierden entwickelt und sei mit einem Mann davongelaufen. Als Schatzjade das hörte, war er zutiefst bestürzt: „Sicherlich wurde sie von Banditen geraubt. So eine Person würde es sich niemals gefallen lassen — gewiss ist sie lieber in den Tod gegangen, als sich zu fügen." Doch da es keine Spur von ihr gab, war er in großer Sorge und seufzte Tag für Tag. Er sagte auch: „So ein Mensch, der sich selbst ‚Jenseits der Schwelle' nannte — wie konnte er ein solches Ende nehmen?" Dann dachte er weiter: „Wie lebhaft war es einst im Garten! Seit die Zweite Schwester verheiratet wurde, sind die einen gestorben, die anderen fortgezogen. Ich dachte, sie sei frei von jedem weltlichen Staub und würde bewahrt bleiben, doch unversehens kam ein Sturm über sie — noch seltsamer als der Tod der Schwester Lin [林黛玉][16]!" So ging ein Gedanke in den nächsten über, und er erinnerte sich an die Worte im Zhuangzi über das Nichtige und Flüchtige: In dieser Welt ist es unvermeidlich, dass Wind die Wolken zerstreut. Unwillkürlich brach er in lautes Weinen aus. Dufthauch [袭人][17] und die anderen dachten, seine alte Krankheit breche wieder aus, und versuchten ihn auf jede erdenkliche Weise sanft zu beruhigen.
Zuerst konnte Bau-tschai sich nicht vorstellen, was ihn aufregte, und sie ermahnte ihn in ihrer üblichen Art. Aber als er weiterhin deprimiert war, trotz ihrer Bemühungen, und er tagelang in einem offensichtlichen Zustand der Trance blieb, ohne daß ein Ende absehbar war, wurde sie sehr verwirrt. Schließlich, nachdem sie ständig Fragen stellte, entdeckte sie die Wahrheit. Sie war selbst sehr aufgeregt, als sie von Miau-yüs Verschwinden erfuhr, aber ihre Sorge um Bau-yü zügelten ihre Trauer, und sie ermahnte ihn wieder forsch: „Sieh dir nun Lan-örl an: Ich hörte, daß er sehr hart arbeitete, seit er von der Beerdigung zurückkam! Er ist nicht zur Schule gegangen, sondern hat auch Tag und Nacht alleine bei sich zu Hause über seinen Büchern gehockt. Und er ist nur der Urenkel der alten Dame! Du bist ihr Enkel. Die alte Dame hatte soviel Hoffung auf dich gesetzt. Und der gnädige Herr sorgt sich Tag und Nacht um dich. Und doch frönst du dir selbst und ruinierst deine Gesundheit, wegen einer Nichtigkeit, einem dummen Stück Gefühlsduselei. Wir brauchen dich. Was wird mit uns allen passieren, wenn du so weitermachst?“

Es gab wenig, was Bau-yü darauf antworten konnte. Nach einer langen Pause, brach es endlich aus ihm hervor: „Aber es ist keine Nichtigkeit! Das ist eine Tragödie! Das ist der Untergang unserer ganzen Familie, über den ich klage!“ –

„Hör’ dich an!“, sagte Bau-tschai scharf, „die eine Sache, die gnädige Herr und Herrin wollen, ist daß du alles gut machst und der Familie eine Ehre bist. Wenn du auf dieser Dummheit bestehst, wie soll man jemals darauf hoffen können, daß der Familienbesitz wiedererlangt wird?“

Ihre Worte lösten eine sehr teilnahmslose Reaktion bei Bau-yü aus, der sich über den Tisch lehnte und einschlief. Bau-tschai ignorierte ihn und ging zu Bett; sie bat Schë-yüä und eine andere Person, sich um ihn zu kümmern.
Schatzspange [薛宝钗][18] wusste anfangs nicht, was los war, und redete ihm auch mit ermahnenden Worten zu. Doch Schatzjade blieb niedergeschlagen und unempfänglich, und seine Gedanken wurden immer wirrer. Schatzspange konnte sich keinen Reim darauf machen und erkundigte sich mehrfach, bis sie erfuhr, dass Miaoyu geraubt worden war und ihr Verbleib unbekannt, worüber auch sie Trauer empfand. Doch weil Schatzjades Schwermut sie bekümmerte, sprach sie ernst zu ihm: „Lan [贾兰][19] ist seit der Rückkehr vom Begräbniszug zwar nicht mehr in die Schule gegangen, aber ich höre, er lernt Tag und Nacht unermüdlich. Er ist der Urenkel der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter hat sich immer gewünscht, dass du ein tüchtiger Mensch wirst. Der Herr Vater macht sich Tag und Nacht Sorgen um dich. Wenn du dich wegen müßiger Gefühle und törichter Gedanken zugrunde richtest — was soll dann aus uns werden, die wir an deiner Seite leben?" Diese Worte ließen Schatzjade verstummen. Nach einer Weile sagte er erst: „Ich kümmere mich doch gar nicht um die Angelegenheiten anderer Leute! Ich beklage nur, dass das Glück unserer Familie im Niedergang begriffen ist." Schatzspange sagte: „Schon wieder! Der Herr und die Dame wollen doch nur, dass du ein tüchtiger Mensch wirst und das Erbe der Vorfahren fortführst. Du aber bleibst verbohrt und uneinsichtig — was soll man da machen?" Schatzjade fand ihre Worte nicht nach seinem Geschmack, lehnte sich auf den Tisch und schlief ein. Schatzspange kümmerte sich nicht weiter um ihn, rief Moschusmond [麝月] und die anderen, um auf ihn aufzupassen, und ging selbst schlafen.
Bau-yü erwachte bald, und merkte, wie wenige Menschen mit ihm im Raum waren. ‚Ich habe nie eine anständige Unterhaltung mit Dsï-djüan geführt, seit sie in unsere Gemächer versetzt wurde‘, dachte er bei sich. ‚Sie denkt wahrscheinlich, ich wäre zu kalt. Ich fühle mich deswegen sehr schlecht. Ich kann sie nicht wie Schë-yüä oder Tjiu-wën behandeln – mit ihnen kann man einfach umgehen. Dsï-djüan ist anders. Ich erinnere mich, wie sie mir Gesellschaft leistete, all die Male, die ich krank war – ich habe immer noch den kleinen Spiegel, den sie vergessen hatte. Sie muß damals etwas für mich empfunden haben, aber nun, wann immer wir uns sehen, ist sie sehr distanziert und kalt. Sicher ist es nicht wegen Bau-tschai. Sie und Kusine Lin [Dai-yü] waren enge Freundinnen, und sie behandelt Dsï-djüan auch immer freundlich. Tatsächlich, wenn ich nicht zu Hause bin, reden sie und Dsï-djüan oft und lachen zusammen. Aber in dem Moment, in dem ich herein komme, verläßt Dsï-djüan das Zimmer. Es muß sein, weil meine Hochzeit genau dann stattfand, als Kusine Lin [Dai-yü] starb... Oh Dsï-djüan! Dsï-djüan! Ein schlaues Mädchen wie du kann sicher den Kummer sehen, den ich erleide!‘

Seine Gedanken gingen weiter: ‚Dies ist meine Chance, während sie alle schlafen oder mit Hausarbeiten beschäftigt sind, sie [Dsï-djüan] zu finden und mit ihr zu reden. Ich werde sehen, was sie zu sagen hat, und wenn ich sie trotzdem auf irgendeine Art beleidigt habe, kann ich versuchen, dies wieder gut zu machen.‘

Er stahl sich leise aus dem Zimmer und ging auf die Suche nach Dsï-djüan.
Als Schatzjade sah, dass kaum jemand mehr im Zimmer war, dachte er: „Purpurkuckuck [紫鹃][20] ist hierher gekommen, und ich habe nie ein aufrichtiges Wort mit ihr gewechselt. Eiskalt lässt man sie hier sitzen — das bedrückt mich sehr. Sie ist ja nicht wie Mondschein oder Herbstmuster [秋纹][21], die ich einfach so belassen kann. Ich erinnere mich, wie sie damals, als ich krank war, tagelang bei mir wachte; sogar ihr kleiner Spiegel ist noch bei mir — ihr Herz war wirklich nicht kalt. Warum nur begegnet sie mir jetzt so kühl? Wenn es wegen meiner Frau wäre — aber sie war doch Schwester Lins beste Vertraute, und ich sehe, dass meine Frau sie auch gut behandelt. Wenn ich nicht zu Hause bin, plaudert und lacht Purpurkuckuck durchaus mit ihr; doch sobald ich komme, geht Purpurkuckuck weg. Das muss wohl daran liegen, dass Schwester Lin gestorben ist und ich geheiratet habe. Ach, Purpurkuckuck, Purpurkuckuck! Du bist ein so kluges Mädchen — siehst du denn nicht, wie ich leide?" Dann überlegte er weiter: „Heute Abend sind alle entweder eingeschlafen oder mit Handarbeiten beschäftigt. Ich nutze die Gelegenheit und suche sie auf, um zu sehen, was sie zu sagen hat. Wenn ich sie in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte, dann bitte ich eben um Verzeihung." Mit diesem Entschluss schlich er leise aus der Tür und machte sich auf die Suche nach Purpurkuckuck.
Dsï-djüans Zimmer war auch im Westflügel. Bau-yü schlich zu einem der Fenster und sah, daß dort drinnen noch immer eine Lampe brannte, benutzte die Zungenspitze, um das Fensterpapier zu befeuchten, so ein Guckloch zu erzeugen und durchzusehen. Er sah Dsï-djüa untätig alleine bei der Lampe sitzen.

„Schwester Dsï-djüan!“, flüsterte er, „bist du noch wach?“

Dsï-djüan war verblüfft und saß erstaunt für ein paar Moment da, bevor sie fragte: „Wer ist da?“

„Ich!“, antwortete Bau-yü.

Dsï-djüan dachte, sie erkenne Bau-yüs Stimme.

„Sind sie es, der zweite Herr Bau?“

„Ja!“ flüsterte Bau-yü. Dsï-djüan antwortete: „Was machen Sie hier?“

„Ich will mit dir über etwas Privates reden. Laß mich rein, und wir können uns unterhalten.“

Nach einer Pause antwortete Dsï-djüan: „Worüber will der zweite Herr mit mir reden? Es wird spät. Bitte gehen Sie jetzt zurück in Ihr Zimmer. Sie können mir morgen davon erzählen.“
Purpurkuckucks Kammer lag gleich im Inneren des westlichen Seitengebäudes. Schatzjade schlich sich leise zum Fenster. Drinnen brannte noch Licht. Er leckte mit der Zunge ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein: Purpurkuckuck saß allein bei der Lampe, tat nichts, saß nur reglos da. Schatzjade rief leise: „Schwester Purpurkuckuck, bist du noch wach?" Purpurkuckuck erschrak heftig, starrte lange vor sich hin und sagte dann: „Wer ist da?" Schatzjade antwortete: „Ich bin es." Purpurkuckuck erkannte Schatzjades Stimme und fragte: „Ist das der Zweite Herr Schatzjade?" Schatzjade antwortete leise mit einem „Ja". Purpurkuckuck fragte: „Was wollt Ihr hier?" Schatzjade sagte: „Ich habe etwas auf dem Herzen und möchte mit dir darüber sprechen. Mach die Tür auf, ich setze mich einen Augenblick zu dir." Purpurkuckuck schwieg eine Weile und sagte dann: „Zweiter Herr, was auch immer Ihr zu sagen habt — es ist spät, bitte geht zurück. Wir können morgen darüber reden."
Bau-yü war entmutigt. Wenn sie seinen Anstrengungen so widerstand, fürchtete er, daß sie die Tür vor ihm verriegeln würde. Auf der anderen Seite, wenn er zurückging, wie könnten die Gefühle, die in ihm kochten, einen Ausgang finden, Gefühle, die durch den kurzen Austausch mit Dsï-djüan nur noch schlimmer wurden? Er machte einen letzten Versuch, sie zu überreden: „Ich habe nicht viel zu sagen. Nur eine Frage zu stellen.“

„Nun, wenn es nur eine Frage ist, fragen Sie.“
Schatzjade war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte noch hineingehen, fürchtete aber, Purpurkuckuck werde ihm nicht öffnen. Wollte er aber umkehren, so hatte Purpurkuckucks Abweisung all die verborgenen Gefühle in seinem Innern nur noch stärker hervorgerufen. So sagte er hilflos: „Ich habe auch gar nicht viel zu sagen — nur eine einzige Frage." Purpurkuckuck antwortete: „Wenn es nur eine Frage ist, dann stellt sie." Schatzjade schwieg lange.
Bau-yü jedoch, fand sich plötzlich seiner Sprache beraubt, und es enstand eine lange Pause. Dsï-djüan nun machte sich ob der Stille auf seiner Seite des Fensters Sorgen. Sie wußte, daß Bau-yü dazu tendierte, seine Anfälle zu haben, und fürchtete, daß ihre brüske Art ihn vielleicht zu einem Anfall gebracht hatte. Sie stand auf, und nachdem sie einen Moment vorsichtig horchte, fragte Sie:

„Sind Sie noch da, stehen Sie da noch und gaffen? Warum sagen Sie nicht, was Sie wollen, statt Ihre Zeit damit zu vergeuden, die Leute abzulenken? Sie haben bereits eine Person in den Tod getrieben. Wollen sie noch eine töten? Das ist alles so sinnlos!“

Sie sah zurück auf Bau-yü durch das Guckloch. Da war er, hörte ihr mit einem trance-artigem Ausdruck auf Bau-yüs Gesicht zu. Dsï-djüan dachte, es wäre ratsam, nichts mehr zu sagen, und ging zurück und begann ihre Lampe zu dimmen. Plötzlich hörte sie Bau-yü seufzen: „Oh Schwester Dsï-djüan! Du warst noch nie so kalt wie jetzt! Warum hattest du nicht ein einziges gutes Wort für mich in dieser Zeit? Ich weiß, daß ich ein bemitleidenswertes Exemplar der Menscheit bin, zu unkeusch, um einen echten Respekt zu verdienen. Aber ich wünsche trotzdem, daß Schwester mir sagst, was ich falsch gemacht habe. Dann könnte ich es aushalten, daß Schwester mich für den Rest meines Lebens meidest. Wenigstens könnte ich dann sterben und meine Fehler kennen.“
Purpurkuckuck hörte von drinnen, dass Schatzjade nichts mehr sagte. Sie wusste um seine alte Krankheit und fürchtete, ihre schroffe Abweisung könne seinen Anfall auslösen — das wäre auch nicht gut. So stand sie auf, lauschte aufmerksam und fragte: „Seid Ihr gegangen, oder steht Ihr noch wie ein Narr da? Ihr habt etwas zu sagen und sagt es nicht, steht nur hier herum und quält die Leute. Einen Menschen habt Ihr schon zu Tode gequält — wollt Ihr noch einen umbringen? Wozu das alles?" Dabei spähte auch sie durch das Loch, das Schatzjade geleckt hatte, und sah ihn draußen wie betäubt stehen. Sie wagte nicht weiterzusprechen, ging zurück und putzte den Lampendocht. Da hörte sie Schatzjade seufzen und sagen: „Schwester Purpurkuckuck, du warst doch nie so hartherzig wie Stein und Eisen! Warum hast du in letzter Zeit nicht ein einziges freundliches Wort für mich übrig? Ich bin freilich ein trüber, unwürdiger Mensch, und es steht Euch frei, mich nicht zu beachten. Doch wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sag es mir bitte — dann mag Schwester mich meinetwegen ein Leben lang ignorieren, aber wenigstens stürbe ich als ein Geist, der seine Fehler kennt!"
Dsï-djüan schnaufte verächtlich: „Ist das alles, was zweite Herr zu sagen hast? Gibt es da nichts Neues? Ich kenne all das auswendig. Ich hörte genug davon, als unser Fräulein [Dai-yü] lebte. Aber wenn ich etwas falsch gemacht habe, sollten sie Ihre Beschwerden der Dame vortragen. Sie ist diejenige, die mir sagte, ich solle auf den zweiten Herrn aufpassen. Wir sind sowieso nur Mägde, was zählen wir?“

Sie fing an zu schluchzen und zu schniefen. Bau-yü wußte, daß auch sie litt und stampfte frustriert auf den Boden. „Wir kannst du nur so reden? Nachdem ich hier all die Monate war, mußt du doch sicher wissen, was mir im Kopf herumschwirrt? Und wenn keine der anderen für mich sprechen will, willst du nicht, daß ich es dir selbst erkläre? Willst du, daß ich es für immer in mir einschließe und daran zu Tode ersticke?“
Purpurkuckuck hörte das und lachte kalt: „Das ist also alles, was der Zweite Herr zu sagen hat? Gibt es sonst noch etwas? Wenn es nur das ist — als unsere Herrin noch lebte, habe ich das auch oft genug gehört. Und wenn wir uns irgendwie verfehlt haben sollten — ich bin von der Dame hierher geschickt worden, da wendet Euch bitte an die Dame. Wir Dienstmädchen zählen ohnehin für gar nichts." Bei diesen Worten wurde ihre Stimme brüchig, und sie begann zu schluchzen und sich die Nase zu schnäuzen. Schatzjade draußen wusste, dass sie vor Kummer weinte, und stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Was soll das heißen! Meine Angelegenheiten — du bist nun schon einige Monate hier und weißt doch alles! Wenn schon niemand bereit ist, mir bei dir ein gutes Wort einzulegen, willst du mich etwa nicht einmal selbst sprechen lassen? Soll ich denn an dem Ungesagten ersticken?" Auch er begann zu schluchzen.
Auch er begann, aus Leibeskräften zu schluchzen, als er hinter sich eine Stimme hörte, die sagte: „Wer, sagen Sie, sollte für Sie sprechen? Warum ziehen Sie andere da herein? Sie haben sie verletzt, also machen Sie es auch wieder gut. Es ist Ihre Entscheidung, ob sie Ihnen vergeben wird. Warum geben sie Nichtswürdigen wie uns die Schuld?“

Beide, Bau-yü auf der Fensterseite und Dsï-djüan drinnen, waren sehr überrascht von diesem Eingreifer, der sich als Schë-yüä herausstellte. Bau-yü war peinlich berührt, als Schë-yüä fort fuhr: „Was geht hier vor? Einer kriecht um Vergebung, und die andere weigert sich, es zur Kenntnis zu nehmen. Kommen Sie schon, beeilen Sie sich und bitten Sie um Entschuldigung. Und du, unsere Schwester Dsï-djüan, du bist einfach zu gemein! Es ist schrecklich kalt hier draußen, und er bittet dich schon seit geraumer Zeit und hatte nicht einmal den Ansatz einer Antwort!“

Sie wendete sich an Bau-yü: „Es ist spät, und die zweite gnädige Frau [Bau-tschai] fragt sich, wo sie sind. Zu denken, daß sie die ganze Zeit bereits hier waren, draußen alleine unter der Dachrinne stehend! Was wollen sie hier?“ –

„Ehrlich“, protestierte Dsï-djüan von drinnen, „was soll das alles! Ich habe ihn nur gebeten wegzugehen. Ich sagte ihm, daß, was immer er mir sagen muß, auch bis zum Morgen warten könne. Er braucht hier überhaupt nicht zu stehen.“
Während Schatzjade hier seinen Kummer ergoss, sprach plötzlich hinter ihm jemand: „Wen wollt Ihr denn für Euch sprechen lassen? Wer ist wessen was? Wenn man sich an jemandem vergangen hat, muss man sich schon selbst entschuldigen! Ob das Gegenüber einem die Ehre erweist oder nicht, liegt in seinem Ermessen. Warum müsst Ihr Unbeteiligte wie uns als Prellbock benutzen?" Dieser Satz erschreckte die beiden drinnen wie draußen gleichermaßen. Wer war es? Es war Moschusmond [麝月]. Schatzjade war peinlich berührt. Mondschein fuhr fort: „Wie soll es denn nun sein? Der eine bittet um Verzeihung, die andere beachtet ihn nicht. Nun beeil dich und bitte ordentlich um Entschuldigung! Ach, unsere Schwester Purpurkuckuck ist auch zu hartherzig! Bei dieser Kälte draußen hat er sie schon so lange angefleht, und nicht einmal ein Lebenszeichen hat sie von sich gegeben!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die Zweite Herrin hat vorhin gefragt, wo Ihr steckt — es ist schon so spät, und sie wundert sich, wo Ihr seid. Was steht Ihr allein unter der Dachtraufe?" Purpurkuckuck rief von drinnen: „Was soll das alles? Ich habe den Zweiten Herrn längst gebeten, hineinzugehen; was er mir zu sagen hat, kann bis morgen warten. Wozu muss er hier stehen bleiben?"
Bau-yü wollte immer noch mit Dsï-djüan sprechen, aber nun, da sie nicht mehr alleine waren, war er zu peinlich berührt, um weiterzumachen. Er gab selbst auf und kehrte mit Schë-yüä zurück; als er ging, sagte er: „Dann lassen wir es! Ich werde in dieser Lebenszeit nie fähig sein, meine wahren Gefühle zu beweisen! Der Himmel alleine wird die Wahrheit kennen!“

Plötzlich kullerten Tränen in Strömen an seinen Wangen hinunter.

„Der zweite Herr [Bau-yü]!“, sagte Schë-yüä, „nehmen Sie meinen Rat an und schlagen Sie sich die ganze Sache aus dem Kopf. Sie verschwenden ihre Tränen.“

Bau-yü folgte ihr ruhig in seinen Raum. Bau-tschai schlief, oder eher, wie er annahm, gab sie vor zu schlafen, aber Hsi-jën begrüßte ihn tadelnd: „Hätte es nicht bis morgen warten können? Müssen Sie unbedingt hinausstürmen und sich selbst in einen neuen…“ Was immer sie sagen wollte, sie besann sich eines Besseren, und nach einer kurzen Pause fragte sie: „Sind sie sicher, daß Sie sich nicht schlecht fühlen?“

Bau-yü sagte nichts, aber schüttelte den Kopf. Hsi-jën brachte ihn ins Bett, und es muß nicht gesagt werden, daß er eine schlaflose Nacht verbrachte.
Schatzjade wollte noch etwas sagen, doch da Mondschein hier war, brachte er es nicht über sich. Er ging mit Mondschein zurück und sagte im Gehen: „Es ist vorbei! Es ist vorbei! In diesem Leben werde ich mein Herz niemals offenlegen können. Nur der Himmel allein weiß die Wahrheit!" Bei diesen Worten strömten ihm die Tränen in Bächen herunter — man wusste nicht, woher sie kamen. Mondschein sagte: „Zweiter Herr, folgt meinem Rat und gebt es auf. Es ist schade um die vergeblichen Tränen." Schatzjade antwortete nicht und betrat das Zimmer. Schatzspange schlief bereits — oder tat zumindest so, wie Schatzjade wohl wusste. Dufthauch [袭人] aber sagte: „Was es auch zu besprechen gibt, kann man es nicht morgen sagen? Unbedingt muss er dorthin rennen und einen Aufstand machen, bis ..." Hier hielt sie inne, wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Fühlt Ihr Euch nicht unwohl?" Schatzjade sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dufthauch bereitete sein Bett, und er legte sich hin. Dass er die ganze Nacht kein Auge zutat, versteht sich von selbst.
Dsï-djüan war sehr unglücklich nach Bau-yüs Besuch, und auch sie lag die ganze Nacht wach, weinend und tief in sich gekehrt. Was die Sache mit Bau-yü anging, so schien es deutlich, daß die Familie sich verschworen und ihn mit dieser Hochzeit betrogen hatte, zu einer Zeit, in der er zu krank war, um zu verstehen. Als er danach erkannte, was er getan hatte, erlitt er einen seiner Anfälle und konnte deswegen seitdem nicht aufhören, zu weinen und Trübsal zu blasen. Er ist offensichtlich nicht die herzlose, gemeine Person, für die ich ihn hielt. Nun, heute war seine Unterwürfigkeit so berührend, ich hatte wirklich Mitleid mit ihm. Was für eine schlimme Schande es ist, daß unsere Fräulein Lin [Dai-yü] nie das Glück hatte, seine Frau zu sein! Solche Verbindungen sind deutlich vom Schicksal vorgegeben. Bis das Schicksal sich selbst zeigt, machen Männer weiter, sich in blinde Leidenschaft und wilden Gedanken zu ergehen. Dann, wenn die Würfel gefallen sind und die Wahrheit bekannt ist, mögen die Dummen unbewegt bleiben, aber diejenigen, die sich wirklich kümmern, die Männer der wahren Gefühle, können nur bitter weinen, ob ihrer unnützen romantischen Gefühle, der Tragödie ihre weltlichen Leids. Sie ist tot und weiß von nichts. Er aber lebt noch, und es gibt für sein Leiden und sein Elend kein Ende. Besser ist das Schicksal von der Pflanze und dem Stein, des Wissens und Bewußtseins beraubt zu sein, aber wenigstens gesegnet mit reinen und friedlichen Gedanken!“ Purpurkuckuck ihrerseits war durch Schatzjades Besuch noch elender zumute geworden. Sie weinte die ganze Nacht durch und dachte hin und her: „Die Sache mit Schatzjades Hochzeit — ich weiß genau, dass er in seiner Krankheit nichts davon verstand; deshalb haben alle mit Täuschung und Trug die Heirat zustande gebracht. Später, als Schatzjade wieder bei Verstand war, erlitt er einen Rückfall seiner alten Krankheit; immer wieder weint er und sehnt sich zurück — er ist wahrlich kein herzloser, pflichtvergessener Mensch. Sein zartes Empfinden heute Abend war erst recht herzzerreißend. Nur unsere arme Herrin Lin — sie hatte wirklich nicht das Glück, sein Herz zu genießen. So betrachtet, sind die menschlichen Schicksalsbande alle vorherbestimmt: Solange das Ende noch nicht gekommen ist, gibt sich jeder seinen blinden Hoffnungen und eitlen Träumen hin. Wenn es dann aber unabwendbar ist, kümmert sich der Stumpfsinnige gar nicht mehr darum, während der Tieffühlende nur noch im Mondschein und im Abendwind seine Tränen vergießen kann. Die Tote weiß womöglich gar nichts davon; aber der Lebende — der leidet wirklich endlos und grenzenlos. So betrachtet, ist man am Ende schlechter dran als Gras und Stein: ohne Wissen und ohne Empfinden, aber wenigstens mit einem reinen Herzen." Bei diesem Gedanken erstarrte ihr heißes, schmerzliches Herz mit einem Mal zu Eis. Gerade wollte sie aufräumen und sich schlafen legen, als sie aus dem östlichen Hof lauten Lärm und Geschrei hörte.
Diese philosophischen Gedanken kühlten das fiebrige Durcheinander in ihres Kopf, und sie räumte auf und ging zu Bett, als sie einen großen Lärm aus Richtung von Hsi-fëngs Gemächern im Osten ausbrechen hörte. Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Aber um herauszufinden, was diesen auslöste, muß man das nächste Kapitel lesen. ----
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Ring Kaufmann.
  2. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Ring Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  3. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  4. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  5. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  6. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  7. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  8. Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.
  9. Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Großmutter Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.
  10. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  11. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  12. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  13. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  14. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  15. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  16. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  17. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  18. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  19. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Li Wan.
  20. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  21. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.

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