Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 19

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Kapitel 19: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
19.Zu traulicher Nachtstunde spricht Hsi-jën ein ernstes Wort,in stiller Nachmittagszeit entsrömt Dai-yü ein süßer Duft. 第十九回

情切切良宵花解语 意绵绵静日玉生香

Kapitel 19

In zärtlicher Innigkeit spricht in einer schönen Nacht die Blume —
Nachdem Yüan-tschun in den Kaiserpalast zurückgekehrt war, wurde sie am folgenden Tag vom Kaiser empfangen und bedankte sich für seine Huld. Gleichzeitig berichtete sie ihm über ihren Elternbesuch, und des Kaisers Drachenantlitz war hocherfreut. Er beschenkte Djia Dschëng wie auch die Väter der übrigen Nebenfrauen mit buntem Brokat, Gold und Silber sowie anderen Gaben aus den kaiserlichen Speichern. Aber davon muß nicht im einzelnen erzählt werden. In sanfter Zuneigung duftet an einem stillen Tag die Jade

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Im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen war durch die Anstrengungen der letzten Tage jedermann müde und erschöpft. Aber erst einmal mußten jetzt zwei, drei Tage lang im Garten alle Ausstattungsstücke wieder eingesammelt werden. Die meisten Sorgen und die schwerste Bürde hatte dabei Hsi-fëng. Alle anderen konnten sich vielleicht heimlich eine Ruhepause verschaffen, nur sie kam nicht frei. Auch war sie von Natur aus ehrgeizig und wollte sich von niemandem etwas nachsagen lassen. Also riß sie sich zusammen und tat so, als ob gar nichts wäre. Urfrühling[1] [元春] kehrte in den Palast zurück. Am nächsten Tag wurde sie vom Kaiser empfangen, dankte für die Gnade und berichtete über den Familienbesuch. Der Kaiser war hoch erfreut und stiftete weitere Seiden, Gold und Silber aus der kaiserlichen Schatzkammer für Aufrecht Kaufmann[2] [贾政] und die Familienmitglieder. Davon ist nichts weiter zu berichten.

In den beiden Palästen Prachtglanz [荣] und Prahlglanz [宁] hatten alle tagein, tagaus ihre ganze Kraft aufgewendet — wahrlich, jeder war erschöpft und jeder müde. Das Zusammenräumen aller Einrichtungsgegenstände und Utensilien im Garten dauerte noch zwei bis drei Tage.
Die allergrößte Muße aber hatte Bau-yü, und ausgerechnet heute war am frühen Morgen Hsi-jëns Mutter gekommen, um der Herzoginmutter zu melden, sie hole Hsi-jën nach Hause, damit sie mit der Familie den Neujahrstee trinken könne. Hsi-jën konnte erst am Abend wieder zurück sein, deshalb hatte Bau-yü nur die übrigen Sklavenmädchen, mit denen er zum Zeitvertreib Würfel spielte. Da kamen, als er lustlos im Zimmer beim Spiel saß, andere Sklavenmädchen mit der Meldung, Herr Dschën aus dem Ostanwesen lasse zu einer Theatervorführung und zur Laternenschau hinüberbitten. Phönixglanz[3] [熙凤] hatte die meisten Aufgaben und die schwerste Last. Andere konnten sich vielleicht hier und da ausruhen, sie aber konnte sich keinen Augenblick freimachen. Außerdem war sie von Natur aus ehrgeizig und wollte keinen Tadel auf sich ziehen, sodass sie sich zusammenriss und sich nicht anmerken ließ, wie erschöpft sie war.
Als Bau-yü das hörte, befahl er, man solle ihn umkleiden, und als er dann losgehen wollte, wurde eben eine süße Cremespeise gebracht, die Yüan-tschun ihm schicken ließ. Da Bau-yü wußte, daß letztens Hsi-jën Geschmack daran gefunden hatte, befahl er, man solle sie ihr aufheben. Nachdem er sich dann bei der Herzoginmutter abgemeldet hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber, um dort die Theaterschau anzusehen. Wider Erwarten wurden aber bei Djia Dschën nur Stücke gespielt wie „Ding-lang findet seinen Vater“, „Huang Bo-yang führt Geister in die Schlacht“, „Sun Wu-kung stiftet Unruhe im Himmel“ und „Djiang Dsï-ya bringt Feldherren um und verteilt Götterlehen“, in denen unversehens mal Götter und Teufel, mal Ungeheuer und Gespenster auftraten. Fahnenschwenkende Prozessionen zogen vorüber, und unter Gebeten wurde Weihrauch verbrannt. Der Lärm der Becken und Trommeln und der Schreie und Rufe drang weit über die Gasse hinaus, und auf der Straße sagte jedermann anerkennend: „Was für ein lebhaftes Spiel! Nirgendwo sonst kann es das geben!“ Schatzjade[4] [宝玉] dagegen hatte am allerwenigsten zu tun und die meiste freie Zeit. An diesem Morgen kam nun gerade die Mutter von Dufthauch[5] [袭人] persönlich, um bei der Herzoginmutter[6] [贾母] Bescheid zu geben, dass sie Dufthauch für den Tag nach Hause holen wolle, um den Neujahrstee zu trinken. Dufthauch würde erst am Abend zurückkehren. So blieb Schatzjade allein mit den Mädchen zurück und vertrieb sich die Zeit mit Würfelspielen und Brettspielpartien. Da er keine rechte Lust daran fand, kam plötzlich ein Mädchen und meldete: „Der Herr Edelperle Kaufmann[7] [贾珍] aus dem Ostpalast lässt fragen, ob Ihr nicht herüberkommen möchtet, um Theater zu sehen und Feuerwerk anzuschauen.“
Angesichts dieses unerträglichen Prunks und Tumults hielt es Bau-yü nicht lange aus und begann, überall müßig umherzustreifen. Zuerst ging er in die inneren Gemächer, wo er ein Weilchen mit Frau You und den Sklavenmädchen und Nebenfrauen plauderte und scherzte. Dann ging er wieder zum Innentor hinaus, und da Frau You dachte, er ginge das Theaterspiel anzusehen, kümmerte sie sich nicht weiter um ihn. Djia Dschën, Djia Liän und Hsüä Pan aber hatten nichts anderes im Sinn, als Weinrunden auszuknobeln und sich auf hunderterlei Art zu vergnügen, deshalb machten sie sich um Bau-yü keine Gedanken, und als er nicht wieder auftauchte, meinten sie, er müsse noch in den inneren Gemächern sein. So unterließen sie es, sich nach ihm zu erkundigen. Schatzjade hörte das und ließ sich umkleiden. Gerade als er losgehen wollte, schickte Urfrühling gedämpften Milchrahm [酥酪] aus dem Palast. Schatzjade erinnerte sich, dass Dufthauch dieses Gericht beim letzten Mal besonders gern gegessen hatte, und befahl, es für Dufthauch aufzuheben. Dann meldete er sich bei der Herzoginmutter ab und ging hinüber zum Theater.
Von Bau-yüs Sklaven aber hatten die älteren, weil sie wußten, Bau-yü würde bis zum Abend bleiben, wenn er einmal hier war, die Gelegenheit wahrgenommen – die einen, um sich zu Glücksspielen zusammenzutun, die anderen, um zu Freunden oder Verwandten zu gehen und mit ihnen den Neujahrstee zu trinken, und wieder andere sogar, um Freudenhäuser oder Weinstuben aufzusuchen. So waren sie alle auseinandergelaufen, um sich erst am Abend wieder einzufinden. Die jüngeren aber waren ins Theatergebäude geschlüpft, um sich am Tumult des Spiels zu ergötzen. Im Ostpalast bei Edelperle Kaufmann wurde gerade „Ding Lang erkennt seinen Vater“ gespielt, dazu „Huang Boyang stellt die Geisterarmee auf“, und dann noch „Der Affenkönig randaliert im Himmlischen Palast“ und „Jiang Ziya köpft die Generäle und versiegelt die Götter“ — lauter solche Stücke. Geister und Dämonen wuselten durcheinander, plötzlich sprangen Ungeheuer hervor, dann wieder wurden Fahnen geschwenkt und Prozessionen abgehalten, Gongs und Trommeln lärmten und Geschrei hallte bis in die Gassen. Alle Leute auf der Straße priesen: „Was für ein prächtiges Theater! Das hat sonst niemand zu bieten!“
Als Bau-yü sah, daß er ganz allein war, kam ihm der Gedanke, daß hier in einem kleinen Bibliotheksraum immer das Bild einer schönen Frau gehangen hatte, das sehr lebendig gemalt war, und er sagte sich, die Frau müsse sich an so einem Tag, wo alles vergnügt war, sicher sehr einsam fühlen, darum wollte er zu ihr gehen, um sie zu trösten. Als er sich mit diesem Gedanken der Bibliothek genähert hatte und eben vor dem Fenster stand, hörte er plötzlich von drinnen ein Stöhnen. Erschrocken fuhr er zurück und fragte sich: ‚Ist die Schöne etwa lebendig geworden?‘ Dann aber faßte er Mut, machte mit der Zungenspitze ein Loch ins Fensterpapier und schaute hinein. Da war nicht das Bild lebendig geworden, sondern Ming-yän preßte sich auf ein Mädchen und war mit der Sache beschäftigt, über die Bau-yü von der Fee Warnendes Trugbild belehrt worden war. Schatzjade fand das Treiben unerträglich lärmend und vulgär, blieb nur kurz sitzen und ging dann umher. Zürst besuchte er drinnen Frau You [尤氏] und die Konkubinen und Mädchen und plauderte eine Weile, dann ging er wieder durch das zweite Tor hinaus. Frau You und die anderen nahmen an, er wolle wieder zum Theater, und kümmerten sich nicht weiter um ihn. Edelperle Kaufmann, Jadeschale Kaufmann [贾琏], Xü Pan [薛蟠] und die anderen waren mit Trinkspielenen und Scherzen beschäftigt und beachteten ihn ebenfalls nicht. Selbst wenn er einmal fehlte, nahmen sie an, er sei nach drinnen gegangen, und fragten nicht nach.
Bau-yü konnte nicht an sich halten. „Was ist denn das?“ rief er laut, stieß mit einem Fußtritt die Tür auf und ging hinein, so daß die beiden erschrocken auseinanderfuhren und vor Angst schlotterten. Als Ming-yän erkannte, daß es Bau-yü war, kniete er rasch nieder und bat in einem fort um Gnade. Was die kleinen Diener betraf, die Schatzjade begleiteten: Die älteren wussten, dass er den ganzen Abend bleiben würde, und machten sich heimlich davon — manche zum Glücksspiel, manche zu Verwandten zum Neujahrstee, manche zu Freudenhäusern oder Trinkgelagen. Die jüngeren stürzten sich ins Theaterhaus, um die Aufführungen aus der Nähe zu sehen.
„Schöne Sachen treibst du hier am hellichten Tag“, sagte Bau-yü. „Wenn Herr Dschën davon erfährt, geht es dir an den Kragen!“ Dabei musterte er das Sklavenmädchen und stellte fest, daß sie zwar keine Schönheit war, aber doch recht sauber aussah und durchaus etwas Anziehendes hatte. Jetzt glühte sie vor Scham bis an die Ohren, hielt den Kopf gesenkt und brachte kein Wort hervor. Da stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und fragte: „Willst du nicht endlich fortlaufen?“ Schatzjade, nun ganz allein, dachte bei sich: „Hier gibt es doch dieses kleine Arbeitszimmer, in dem ein Bild einer wunderschönen Dame hängt, das äußerst lebendig gemalt ist. Bei all dem Trubel heute ist es dort sicher ruhig, und die schöne Dame ist bestimmt einsam — ich sollte hingehen und sie ein wenig trösten.“ Mit diesem Gedanken ging er zum Arbeitszimmer.
Seine Worte brachten das Mädchen wieder zur Besinnung, und schnell wie im Flug lief sie hinaus. Bau-yü stürzte ihr nach und rief: „Hab keine Angst, ich verrate niemand davon!“ Aufgeregt rief Ming-yän von drinnen: „Kleiner Ahnherr! Auf diese Weise verratet Ihr es mit Sicherheit!“ Kaum war er ans Fenster getreten, hörte er drinnen ein Stöhnen. Schatzjade erschrak: Sollte die schöne Dame im Bild lebendig geworden sein? Mutig leckte er ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein. Das Gemälde war unberührt, doch er sah seinen Diener Mingyan [茗烟], der ein Mädchen festhielt und sich mit ihr in jener Kunst übte, die Schatzjade einst im Traumland der Feengöttin gelernt hatte. Schatzjade konnte nicht anders als laut zu rufen: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Er trat die Tür auf und stürzte hinein. Die beiden erschraken zu Tode und sprangen auseinander.
„Wie alt ist das Mädchen?“ fragte Bau-yü ihn dann. Mingyan erkannte Schatzjade und kniete sofort nieder und flehte um Vergebung. Schatzjade sagte: „Am hellichten Tag! Wenn Edelperle Kaufmann davon erfährt, bist du tot oder lebendig?“
„Älter als sechzehn oder siebzehn kann sie nicht sein“, erwiderte Ming-yän. Er betrachtete das Mädchen: Sie war zwar nicht besonders hübsch, hatte aber eine helle Haut und gewissen Liebreiz. Vor Scham war sie rot bis hinter die Ohren und hielt den Kopf gesenkt, ohne ein Wort zu sagen.
„Wenn du sie nicht einmal nach ihrem Alter gefragt hast, weißt du doch sonst erst recht nichts von ihr“, sagte Bau-yü. „Wie man sieht, wäre es besser gewesen, sie hätte dich nicht kennengelernt. Schade um sie!“ Dann fragte er: „Und wie heißt sie?“ – Schatzjade stampfte mit dem Fuß auf: „Lauf noch nicht weg!“ Mit einem Mal besinnte sich das Mädchen und rannte wie der Blitz davon. Schatzjade rief ihr nach: „Hab keine Angst! Ich verrate niemanden!“ Mingyan rief hinterher: „Herr! So wie Ihr das sagt, habt Ihr es gerade allen erzählt!“
„Das ist eine Geschichte für sich“, sagte Ming-yän lachend, „und so ungewöhnlich, daß niemand sie sich ausdenken könnte. Wie sie erzählte, hat ihre Mutter, als sie mit ihr schwanger ging, im Traum ein Stück Brokat bekommen, dessen buntes Muster die Motive Reichtum und Vornehmheit sowie ein Band aus verschlungenen Hakenkreuzen zeigte. Darum hat sie ihre Tochter Wan-örl – ‚Hakenkreuzchen‘ – genannt.“ Schatzjade fragte: „Wie alt ist das Mädchen?“
„Das ist wirklich ungewöhnlich“, sagte Bau-yü lächelnd. „Gewiß wird sie noch ihr Glück machen.“ Nach diesen Worten versank er in Nachdenken. Mingyan sagte: „Höchstens sechzehn oder siebzehn.“
„Warum seht Ihr Euch die schönen Theaterstücke nicht an, junger Herr?“ fragte Ming-yän. Schatzjade sagte: „Du hast nicht einmal nach ihrem Alter gefragt — natürlich weißt du auch sonst nichts über sie. Man sieht, sie hat dich ganz umsonst kennengelernt. Wie bedauerlich, wie bedauerlich!“ Dann fragte er: „Wie heißt sie?“
„Ich habe sie mir ja eine ganze Weile angesehen“, sagte Bau-yü, „aber es war schrecklich langweilig. Darum ging ich spazieren, und dabei bin ich auf Euch gestoßen. Aber was machen wir jetzt am besten?“ Mingyan lachte laut: „Wenn ich Euch den Namen sage, ist es eine lange Geschichte! Wirklich seltsam und kurios — man könnte es nicht erfinden. Ihre Mutter hat bei ihrer Geburt einen Traum gehabt: Sie träumte, sie beküme ein Stück Brokat geschenkt, auf dem ein Muster mit fünffarbigen 'Reichstum-und-Glück-ohne-Ende'-Blumen zu sehen war. Deshalb heißt das Mädchen Wan'er [万儿, 'Zehntausend'].“
Lachend erwiderte Ming-yän: „Niemand wird etwas davon merken, darum will ich Euch heimlich vor die Stadt führen, und dort gehen wir spazieren. Dann kommen wir hierher zurück, und die andern werden nichts davon erfahren!“ Schatzjade hörte das und sagte lächelnd: „Das ist wirklich kurios. Bestimmt hat sie noch ein glückliches Schicksal vor sich.“ Dann versank er in Gedanken.
„Das ist nicht das Richtige“, sagte Bau-yü. „Wir müßten aufpassen, daß wir nicht von Bettlern entführt werden. Und wenn die andern doch etwas von der Sache erfahren, gibt es Ärger. Das beste ist, wir bleiben hier in der Nähe, dann sind wir schneller wieder zurück!“ Mingyan fragte: „Warum schaut Ihr Euch nicht das schöne Theater an?“
„Aber zu wem wollen wir hier in der Nähe gehen? Das ist die Schwierigkeit“, wandte Ming-yän ein. Schatzjade sagte: „Ich habe eine Weile zugesehen, aber es langweilte mich so. Deshalb bin ich herausgegangen, um mich umzusehen — und bin auf euch gestoßen. Was machen wir jetzt?“
Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Ich finde, wir sollten Schwester Hua besuchen und nachsehen, was sie zu Hause treibt.“ Mingyan grinste: „Was haltet Ihr davon — ich führe Euch heimlich vor die Stadt, wir machen einen Spaziergang und sind rechtzeitig wieder zurück. Keiner wird etwas merken.“
„Richtig!“ sagte Ming-yän. „Sie hatte ich ganz vergessen. Aber wenn die andern davon erfahrten, werden sie sagen, ich hätte Euch auf Abwege geführt, und werden mich schlagen.“ Schatzjade sagte: „Nicht gut! Wenn uns Bettler erwischen, ist es schlimm genug. Und wenn die anderen es erfahren, gibt es Ärger. Besser, wir gehen zu einem Ort, den wir kennen, dann können wir schnell zurück sein.“
Aber Bau-yü beruhigte ihn: „Ich bin ja auch noch da!“ Mingyan sagte: „Ein vertrauter Ort — aber wo? Das ist schwierig.“
Daraufhin holte Ming-yän das Pferd, und sie gingen zum Hintertor hinaus. Glücklicherweise wohnte Hsi-jëns Familie nicht weit entfernt, es war nur ein halbes Li, und so standen sie schon im Handumdrehen vor dem Tor. Zuerst ging Ming-yän allein hinein und rief nach Hsi-jëns älterem Bruder Hua Dsï-fang. Schatzjade lächelte: „Ich habe eine Idee! Gehen wir zu deiner Blumen-Schwester — schauen wir, was sie zu Hause treibt.“
Hsi-jëns Mutter hatte außer Hsi-jën noch ein paar Nichten eingeladen, und sie knabberten eben Naschwerk zum Tee, als draußen jemand rief: „Bruder Hua!“ Mingyan lachte: „Richtig, richtig! Die hatte ich ganz vergessen.“ Dann überlegte er: „Wenn die anderen es herausbekommen und sagen, ich hätte den jungen Herren irregeführt — dann werde ich verhauen!“
Verwundert ging Hua Dsï-fang hinaus und erblickte dort Herrn und Diener. Er war vor Schreck ganz verwirrt und half Bau-yü rasch vom Pferd. Dann rief er noch vom Hof aus: „Der junge Herr Bau-yü ist gekommen!“ Für die anderen ging das noch an, Hsi-jën aber, die nicht wußte, was sie davon halten sollte, lief rasch hinaus, ging Bau-yü entgegen, faßte ihn am Arm und fragte: „Wie kommst du denn hierher?“ Schatzjade lächelte: „Keine Sorge, ich bin ja da.“ Mingyan hörte das, sattelte ein Pferd, und die beiden verließen den Palast durch die Hintertür.
„Ich hatte so schreckliche Langeweile“, erwiderte Bau-yü lächelnd, „da bin ich gekommen, um zu sehen, was du hier machst.“ Glücklicherweise wohnte Dufthauchs Familie nicht weit entfernt — kaum eine halbe Meile. Im Handumdrehen waren sie da. Mingyan ging voraus und rief nach Dufthauchs Bruder Hua Zifang [花自芳]. Dufthauchs Mutter hatte Dufthauch zusammen mit einigen Nichten und Cousinen zum Neujahrstee nach Hause geholt, und sie assen gerade Obst und Tee. Als sie draußen jemanden „Bruder Hua!“ rufen hörten, stürmte Hua Zifang hinaus und sah die beiden — er erschrak zutiefst. Hastig hob er Schatzjade vom Pferd und rief ins Haus: „Der junge Herr Schatzjade ist da!“
Hsi-jën fiel ein Stein vom Herzen, und nach einem Seufzer der Erleichterung sagte sie lächelnd: „Was fällt dir nur ein? Was willst du nun hier?“ Dann wandte sie sich zu Ming-yän und fragte: „Wen habt ihr noch mit dabei?“ Während die anderen das vielleicht mit Fassung aufnahmen, stürmte Dufthauch erschrocken hinaus, ergriff Schatzjades Hand und fragte: „Wie kommst du hierher?“
Lächelnd gab ihr Ming-yän zur Antwort: „Kein Mensch weiß etwas davon. Wir sind nur zu zweit.“ Schatzjade lächelte: „Mir war so langweilig, da wollte ich sehen, was du so treibst.“
Als Hsi-jën das hörte, bekam sie einen Schreck und sagte: „Was soll denn das heißen? Wenn ihr nun jemand getroffen hättet, oder der gnädige Herr hätte euch gesehen? Außerdem wimmelt es auf der Straße von Menschen, Pferden, Wagen und Sänften. Wie leicht hätte euch etwas zustoßen können! Ihr seid ja wirklich mehr als tapfer! Aber natürlich bist du der Anstifter, Ming-yän! Wenn ich zurück bin, sage ich es den Ammen, und dann setzt es Schläge!“ Dufthauch, nun beruhigt, seufzte und sagte lächelnd: „Was du dir wieder einfallen lässt! Aber was soll schon passieren?“ Dann fragte sie Mingyan: „Wer ist sonst noch mitgekommen?“
Worauf Ming-yän trotzig den Mund verzog und sagte: „Mit Schelte und Schlägen hat mir der junge Herr befohlen, ihn herzuführen, und jetzt wird mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Dabei habe ich noch gesagt, wir sollten besser nicht gehen. Wenn nicht anders, kehren wir wieder um!“ Mingyan grinste: „Sonst weiß niemand etwas — nur wir beide.“
Rasch legte sich Hua Dsï-fang ins Mittel und sagte: „Wenn ihr schon einmal hier seid, brauchen wir auch nicht mehr lange darüber zu streiten. Aber unser ärmliches Haus ist eng und schmutzig. Wie kann der junge Herr wohl hier Platz nehmen!“ Inzwischen war auch Hsi-jëns Mutter herausgekommen, und nun faßte Hsi-jën Bau-yü an der Hand und führte ihn hinein. Im Zimmer erblickte Bau-yü ein paar Mädchen, die bei seinem Eintritt verschämt die Köpfe senkten. Dufthauch erschrak erneut: „Das geht doch nicht! Stellt Euch vor, jemandem zu begegnen oder gar dem Herren! Auf der Straße drängen sich die Menschen, Wagen und Sänften überall — wenn etwas passiert, ist das noch ein Spaß? Ihr habt beide einen Mut, der größer ist als ein Scheffelgefäss. Das hat bestimmt Mingyan eingefädelt — wenn wir zurück sind, sage ich den Ammen Bescheid, dann gibt es Schläge!“
Hua Dsï-fang und seine Mutter hatten tausend Befürchtungen, Bau-yü könnte frieren, darum nötigten sie ihn, er solle auf dem Ofenbett Platz nehmen, begannen ein Extratischchen mit Näschereien zu richten und gossen ihm rasch vom besten Tee ein. Aber lächelnd warf Hsi-jën ein: „Ihr braucht euch keine Mühe zu geben, ich weiß doch Bescheid. Auch das Naschwerk ist überflüssig. Er kann nicht wahllos alles mögliche essen.“ Bei diesen Worten legte sie ihr eigenes Sitzkissen für Bau-yü aufs Ofenbett, schob ihm ihren Fußofen unter die Füße und nahm dann zwei pflaumenblütenförmige Duftstofftäfelchen aus ihrer Gürteltasche, öffnete den Deckel ihres Handöfchens, zündete die Täfelchen darin an, machte den Deckel wieder zu und schob Bau-yü das Öfchen in den Brustausschnitt. Dann goß sie Tee in ihre eigene Tasse und reichte diese Bau-yü. Mingyan protestierte: „Der junge Herr hat mich gescholten und geschlagen, bis ich ihn herführte, und jetzt schiebt er alles auf mich! Am besten gehen wir gleich wieder zurück.“
Inzwischen brachten ihre Mutter und ihr Bruder das Tischchen, das sie zierlich mit Naschwerk gedeckt hatten. Hsi-jën sah, daß Bau-yü nichts davon essen würde, und sagte lächelnd zu ihm: „Der Anstand verlangt, daß du auch etwas ißt, wenn du schon einmal hier bist. Darum mußt du wohl oder übel wenigstens davon kosten, damit du wirklich bei uns zu Besuch gewesen bist.“ Damit nahm sie ein paar Zirbelnüsse vom Teller, blies die Häutchen davon ab und reichte sie Bau-yü auf einem Taschentuch. Hua Zifang beschwichtigte: „Nun ist er schon mal da, es hat keinen Sinn, sich aufzuregen. Nur — unsere Strohhütte ist so eng und schmutzig, wie soll der junge Herr sich hier setzen?“
Bau-yü, der sah, daß Hsi-jëns Augen gerötet waren und daß Tränenspuren über ihr gepudertes Gesicht liefen, fragte leise: „Warum hast du geweint?“ Auch Dufthauchs Mutter kam eilig heraus, um Schatzjade zu begrüssen. Dufthauch führte Schatzjade hinein. Schatzjade sah drei oder fünf junge Mädchen, die bei seinem Eintritt verschämt den Kopf senkten. Hua Zifang und seine Mutter fürchteten, Schatzjade könne frieren, ließen ihn aufs beheizte Kanglager steigen und stellten hastig Obst auf. Dufthauch sagte lächelnd: „Macht euch nicht unnötig Mühe — ich weiß, was er braucht. Obst braucht Ihr nicht aufzutragen, und er darf auch nicht wahllos etwas essen.“
„Warum sollte ich geweint haben?“ gab sie lächelnd zurück. „Ich hatte etwas ins Auge bekommen und habe es gerieben.“ Sie holte ihr eigenes Sitzkissen und breitete es auf dem Kang aus, damit Schatzjade sich setzte. Sie stellte ihren eigenen Fußwärmer hin, nahm zwei Pflaumenduft-Räucherpastillen aus ihrem Beutel, öffnete ihren Handwärmer, legte sie hinein und stellte ihn Schatzjade in den Arm. Dann goss sie Tee in ihre eigene Tasse und reichte ihn Schatzjade.
Da Bau-yü eine dunkelrote Robe mit hufförmigen Manschetten trug, die mit vierklauigen goldenen Drachen bestickt und mit Fuchsklaue gefüttert war, und darüber eine mit Quasten verzierte und mit Zobelfell gefütterte azuritblaue Überjacke, fragte Hsi-jën jetzt: „Hat denn niemand gefragt, wo du hingehst, wenn du dich extra frisch angezogen hast, um hierher zu kommen?“ Währenddessen hatten Mutter und Bruder bereits ordentlich einen ganzen Tisch mit Obst aufgedeckt. Dufthauch sah, dass nichts davon für Schatzjade geeignet war, und sagte lächelnd: „Da du nun schon hier bist, kannst du nicht mit leeren Händen gehen. Probier wenigstens ein wenig — das gehört sich so, wenn du schon einmal bei mir zu Hause bist.“ Sie nahm einige Pinienkerne, blies die dünnen Häutchen ab und reichte sie Schatzjade auf einem Taschentuch.
„Das hatte ich angezogen, um bei Herrn Dschën eine Theatervorführung anzusehen“, gab Bau-yü lächelnd zur Antwort. Schatzjade bemerkte, dass Dufthauchs Augen leicht gerötet waren und ihre Haut sanft glänzte. Er fragte leise: „Warum hast du geweint?“
Hsi-jën nickte, dann sagte sie: „Bleib ein Weilchen sitzen und geh dann wieder! Das hier ist nicht der richtige Ort für dich.“ Dufthauch lächelte: „Ich habe nicht geweint — mir ist nur etwas ins Auge gekommen, und ich habe gerieben.“ Damit war die Sache übergangen.
„Am schönsten wäre es, wenn du gleich mitkämst“, sagte Bau-yü. „Ich habe auch etwas Gutes für dich aufheben lassen.“ Schatzjade trug seine große rote Goldbrokat-Pelzjacke mit dem Drachenmuster, darüber einen schieferblauen Zobelpelzmantel. Dufthauch sagte: „Du bist extra zum Hierkommnen in neue Kleidung geschlüpft — haben sie dich nicht gefragt, wohin du gehst?“
Hsi-jën lächelte verstohlen darüber, bevor sie sagte: „Nicht so laut! Was sollen die andern denken, wenn sie das hören?“ Dann streckte sie ihre Hand aus, nahm Bau-yü den beseelten Jadestein ab, den er um den Hals trug, und sagte lächelnd zu ihren Kusinen: „Hier, seht ihn euch an! Immer, wenn davon die Rede war, habt ihr gemeint, es wäre wunder was, und wolltet ihn gerne sehen. Heute nun könnt ihr ihn nach Herzenslust anschauen. Was ist denn nun groß daran?“ Damit reichte sie ihnen den Stein, und als ihn alle der Reihe nach angesehen hatten, hängte sie ihn Bau-yü wieder um. Dann befahl sie ihrem Bruder, er solle gehen, um eine kleine Sänfte oder einen Wagen zu mieten, und Bau-yü nach Hause bringen. Schatzjade lächelte: „Ich habe sie zum Theatersehen bei Bruder Edelperle Kaufmann angezogen.“
„Er kann doch auch reiten, und ich begleite ihn“, sagte Hua Dsï-fang. Dufthauch nickte. „Setz dich noch ein wenig und dann geh zurück — dies ist kein Ort für dich.“
„Darum geht es ja nicht“, erklärte Hsi-jën. „Es ist nur, damit ihn unterwegs niemand sieht.“ Schatzjade lächelte: „Am besten wärst du ganz zu Hause geblieben, dann hätte ich dir etwas Gutes aufheben können.“
Also ging Hua Dsï-fang rasch fort und holte eine kleine Sänfte. Niemand von den anderen wagte es, Bau-yü zum Bleiben aufzufordern, und so begleiteten sie ihn alle hinaus. Hsi-jën steckte Ming-yän noch etwas von dem Naschwerk zu, gab ihm ein wenig Geld, für das er sich Feuerwerkskörper kaufen sollte, und schärfte ihm ein: „Sag nur keinem Menschen etwas, denn du bist selber nicht unschuldig!“ Dann begleitete sie Bau-yü bis vor das Tor, sah zu, wie er in die Sänfte stieg, und ließ die Vorhänge herab. Hua Dsï-fang und Ming-yän führten zu zweit Bau-yüs Pferd hinterher. Dufthauch flüsterte lächelnd: „Sag das leise — wenn die anderen es hören, was sollen sie denken?“
Als sie am Ning-guo-Anwesen waren, befahl Ming-yän den Sänftenträgern zu halten und sagte zu Hua Dsï-fang: „Ich muß erst ein Weilchen mit dem Herrn hier ins Ostanwesen gehen, ehe wir zu uns hinüber können, sonst schöpft noch jemand Verdacht!“ Dann nahm sie ihm den Wunderstein [通灵玉] von der Brust und zeigte ihn ihren Schwestern: „Schaut euch den mal an! Ihr habt immer davon gehört und euch gewünscht, ihn zu sehen — heute könnt ihr ihn euch gründlich anschauen. Schaut ihn an und wundert euch nicht mehr über Raritäten — am Ende ist es auch nur so ein Ding.“ Sie reichte ihn herum, hängte ihn dann Schatzjade wieder um und befahl ihrem Bruder, eine kleine Sänfte oder einen Wagen zu mieten, um Schatzjade zurückzubringen.
Hua Dsï-fang fand es vernünftig, was er sagte, darum hob er Bau-yü rasch aus der Sänfte und half ihm aufs Pferd. „Hab Dank für die Mühe!“ sagte Bau-yü lächelnd und ritt dann zum Hintertor hinein. Weiter soll davon nicht die Rede sein. Hua Zifang sagte: „Ich bringe ihn auf dem Pferd zurück, das reicht.“
Nachdem Bau-yü aus seinem Zimmer fortgegangen war, hatten sich die Sklavenmädchen dort noch ausgelassener vergnügt. Die einen würfelten, die anderen spielten Domino, und der ganze Fußboden war mit den ausgekauten Schalen von Melonenkernen bedeckt. Und ausgerechnet jetzt mußte Amme Li auf ihren Stock gestützt hereinkommen, um ihren Gruß zu entbieten und nach Bau-yü zu sehen. Dufthauch sagte: „Das Pferd wäre kein Problem, aber er könnte jemandem begegnen.“
Als sie feststellte, daß Bau-yü nicht zu Hause war und die Sklavenmädchen unbekümmert weiterspielten, war sie zutiefst empört und sagte mit einem Seufzer: „Seitdem ich nicht mehr hier bin und nicht so oft komme, habt ihr überhaupt keinen Anstand mehr. Die anderen Ammen wagen euch nichts zu sagen, und Bau-yü ist so eine große Leuchte, daß sein Licht überallhin fällt, nur nicht vor seine eigenen Füße. Andern wirft er vor, sie seien schmutzig, aber was ihr aus seinem Zimmer macht, spottet jeder Beschreibung!“ Hua Zifang mietete eine kleine Sänfte. Man verabschiedete sich von Schatzjade, und Dufthauch drückte Mingyan Obst in die Hand und gab ihm Geld für Feuerwerk. Sie ermahnte ihn: „Erzähl niemandem davon — sonst bist du auch dran.“ Sie begleitete Schatzjade bis vor die Tür, sah zu, wie er in die Sänfte stieg, und ließ den Vorhang herunter. Hua Zifang und Mingyan führten das Pferd und folgten.
Die Mädchen wußten nur zu gut, daß Bau-yü es damit nicht sehr genau nahm, außerdem war Amme Li wegen ihres Alters aus dem Dienst geschieden und weggezogen, so daß sie ihnen nichts mehr zu sagen hatte, darum spielten sie unbeirrt weiter und kümmerten sich nicht um die Worte der Alten. Amme Li aber erkundigte sich, wieviel Bau-yü gegessen habe, wann er schlafen gegangen sei und ähnliches mehr. In der Straße des Prahlglanz-Palastes ließ Mingyan anhalten und sagte zu Hua Zifang: „Ich muss mit dem jungen Herren noch ein wenig im Ostpalast herumlaufen, damit es so aussieht, als wären wir dort gewesen — sonst werden die Leute misstrauisch.“ Hua Zifang stimmte zu, hob Schatzjade aus der Sänfte und half ihm aufs Pferd. Schatzjade sagte lächelnd: „Du hast dir Mühe gemacht.“ So ritten sie durch die Hintertür zurück in den Ostpalast. Mehr ist davon nicht zu berichten.
Die Mädchen gaben nur beiläufig darauf Antwort und eine sagte: „So ein garstiges altes Ding!“ Unterdessen hatten die Mädchen in Schatzjades Zimmer, da ihr Herr fort war, sich erst recht ausgelassen vergnügt: Manche spielten Brettspiele, manche warfen Würfel, überall lagen Kürbiskernschalen auf dem Boden. Da humpelte die alte Amme Li [李嬷嬷] auf ihrem Stock herein, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie Schatzjade nicht antraf und die Mädchen nur herumalberten, konnte sie sich nicht zurückhalten.
„Das ist wohl Creme hier in dem Schälchen?“ fragte Amme Li jetzt. „Warum habt ihr mir das nicht bringen lassen? Ich werde es essen!“ Bei diesen Worten griff sie nach einem Löffel, und schon begann sie zu essen. „Seit ich nicht mehr so oft herkomme“, seufzte sie, „seid ihr völlig zugellos geworden! Die anderen Ammen trauen sich erst recht nicht, euch etwas zu sagen. Schatzjade ist wie eine mannshohe Laterne — er sieht bei anderen die Flecken, aber nicht seine eigenen. Er meckert immer, andere seien schmutzig, dabei ist das hier sein eigenes Zimmer, und er lässt euch alles verwüsten — das hat keinen Stil!“
„Rühr das nicht an!“ sagte eines der Mädchen. „Bau-yü hat gesagt, es soll für Hsi-jën aufgehoben werden. Wenn er zurückkommt und es wieder Ärger gibt, mußt du ihm selbst eingestehen, daß du daran gewesen bist, damit wir nicht mit hineingezogen werden!“ Die Mädchen wussten genau, dass Schatzjade auf solche Dinge keinen Wert legte, und außerdem war die alte Li langst aus dem Dienst entlassen — sie hatte keine Macht mehr über sie. Also spielten sie einfach weiter und beachteten sie nicht. Die alte Li fragte noch, wie viel Schatzjade beim Essen ässe und wann er schlafen gehe. Die Mädchen gaben beliebige Antworten. Einer murmelte: „Was für eine lästige alte Schachtel!“
Als Amme Li das hörte, war sie zornig und beschämt zugleich. „Ich glaube nicht, daß Bau-yü so ein schlechter Mensch ist“, sagte sie. „Nicht nur so ein Schälchen Kuhmilch, auch teurere Sachen müßte er mir gönnen. Kann er denn Hsi-jën besser behandeln als mich? Und wird er denn, nachdem er so groß geworden ist, nicht daran denken, daß er mit meiner Milch aufgezogen wurde, die sich aus meinem Blut gebildet hat? Und da soll er sich aufregen, nur weil ich jetzt so ein Schälchen Kuhmilch esse? Nun will ich es gerade essen, um zu sehen, was daraus wird! Ihr haltet Hsi-jën für wer weiß was, dabei ist sie nichts weiter als ein dummes Ding, das ich selber ausgebildet habe.“ Und damit aß sie die Cremespeise trotzig auf. Dann entdeckte die alte Li eine zugedeckte Schale: „Was ist da drin? Milchrahm? Warum hat man mir den nicht gebracht? Dann esse ich ihn eben selbst!“ Sie nahm den Löffel und wollte zugreifen.
„Die andern wissen sich nicht richtig auszudrücken, kein Wunder, daß Ihr da in Zorn geratet, alte Frau“, sagte jetzt ein anderes Sklavenmädchen. „Bau-yü schickt Euch doch ständig etwas, um Euch seine kindliche Ehrerbietung zu bezeugen, da wird ihm auch das nichts ausmachen!“ Ein Mädchen sagte: „Finger weg! Der ist für Dufthauch aufgehoben — wenn Ihr den esst, gibt es wieder Ärger. Das müssst Ihr dann selbst verantworten und dürft es nicht auf uns schieben!“
„Ihr braucht gar nicht mir schönzutun“, erwiderte Amme Li. „Ihr meint wohl, ich wüßte nicht, wie damals wegen des Tees Tjiän-hsüä hinausgeworfen wurde? Wenn mir Bau-yü morgen wieder eine Schuld zuspricht, werde ich kommen und sie auf mich nehmen!“ Die alte Li hörte das und sagte wütend und beschämt: „Ich glaube nicht, dass er so schlecht geworden ist! Selbst wenn ich eine Schale Milch esse — ist das nicht mein gutes Recht? Ist Dufthauch ihm etwa wichtiger als ich? Hat er vergessen, wie er gross geworden ist? Mein Blut wurde zu Milch, und mit dieser Milch ist er so gross geworden, und jetzt soll ich nicht einmal eine Schale Milch essen dürfen? Ich esse sie trotzdem — sehen wir, was passiert! Was denkt ihr alle über Dufthauch? Die ist ein kleines Mädchen, das ich selbst großgezogen habe — was für ein feines Ding soll sie denn sein!“
Mit diesen Worten ging sie wütend hinaus. Trotzig ass sie den gesamten Milchrahm auf.
Bald darauf kam Bau-yü zurück und befahl, man solle Hsi-jën abholen. Als er sah, daß Tjing-wën auf dem Bett lag, ohne sich zu rühren, fragte er: „Ist sie etwa krank? Wenn nicht, hat sie bestimmt im Spiel verloren!“ Ein anderes Mädchen sagte beschwichtigend: „Die anderen können nicht reden — kein Wunder, dass Ihr aufgebracht seid. Schatzjade schickt Euch doch regelmässig Sachen und erweist Euch die Ehre — er würde doch nie wegen so etwas böse werden.“
„Zuerst hatte sie gewonnen“, gab ihm Tjiu-wën Auskunft. „Doch dann kam Amme Li, und vor lauter Verwirrung verlor sie. Da hat sie sich vor Wut schlafen gelegt.“ Die alte Li sagte: „Versucht nicht, mich mit eurem Fuchscharme zu beschwichtigen! Glaubt ihr, ich wisse nicht über die Sache mit dem Tee und Qianxü [茜雪] Bescheid? Wenn es noch einmal Ärger gibt, komme ich zurück und mache reinen Tisch!“ Damit ging sie verargert davon.
„Aber du wirst doch einen anderen Horizont haben als Amme Li!“ sagte Bau-yü lächelnd zu Tjing-wën. „Laß sie machen, was sie will, und kümmer dich nicht darum!“ Nach einer Weile kehrte Schatzjade zurück und ließ Dufthauch abholen. Da kam Qingwen [晴雯] — sie lag auf dem Bett und rührte sich nicht. Schatzjade fragte: „Bist du krank? Oder hast du verloren?“
Bei diesen Worten kam eben Hsi-jën herein, und nachdem sie einander begrüßt hatten, fragte sie Bau-yü, wo er gegessen habe und wann er zurückgekommen sei. Dann richtete sie den übrigen Mädchen Grüße von ihrer Mutter und ihren Kusinen aus. Nachdem sie sich umgezogen und ihren Schmuck abgelegt hatte, befahl Bau-yü, die Cremespeise zu holen, aber die Mädchen berichteten, Amme Li habe sie aufgegessen. Gerade als Bau-yü etwas dazu sagen wollte, griff Hsi-jën lächelnd mit den Worten ein: „Ach, Cremespeise war es also, was du für mich aufheben ließest! Schönen Dank, daß du daran gedacht hast, aber als ich letztens davon aß, hat sie wohl gut geschmeckt, hinterher jedoch hatte ich schöne Bauchschmerzen, und mir wurde erst besser, als ich sie wieder von mir gegeben hatte. Gut, daß sie sie Qiuwen [秋纹] sagte: „Sie hat sogar gewonnen. Aber dann kam die alte Amme Li und hat alles durcheinandergebracht, und sie hat sich vor Ärger hingelegt.“
gegessen hat, sie hätte nur umsonst hier gestanden und wäre noch schlecht geworden. Das einzige, was ich essen möchte, sind getrocknete Kastanien. Schäl mir welche, und ich gehe derweilen das Bett machen!“ Schatzjade lächelte: „Lass sie in Ruhe, nimm es ihr nicht übel.“ Bald darauf kam Dufthauch zurück.
Bau-yü zweifelte nicht an dem, was sie sagte, und ließ die Sache mit der Cremespeise auf sich beruhen. Er holte Kastanien und begann sie im Schein der Lampe zu schälen. Als er sah, daß niemand weiter im Zimmer war, fragte er Hsi-jën lächelnd: „Wer waren denn heute die Mädchen in Rot?“ Schatzjade ließ den Milchrahm bringen. Die Mädchen meldeten: „Die alte Amme Li hat ihn aufgegessen.“
„Das waren zwei Kusinen von seiten der Schwester meiner Mutter“, gab Hsi-jën Auskunft, und Bau-yü seufzte bewundernd. Schatzjade wollte gerade etwas sagen, da sagte Dufthauch schnell lächelnd: „So ist das also — es war doch für mich aufgehoben! Vielen Dank für die Mühe! Als ich ihn neulich ass, schmeckte er zwar gut, aber danach bekam ich furchtbare Bauchschmerzen und musste alles wieder von mir geben. Dass sie ihn gegessen hat, ist besser — hier stehenzulassen wäre Verschwendung gewesen. Eigentlich hätte ich gern gedörrte Kastanien — schälst du mir welche? Ich richte derweil das Bett.“
„Warum seufzt du?“ fragte Hsi-jën. „Ach, ich verstehe schon, was du meinst. Du fragst dich, wie sie dazu kommen, sich in Rot zu kleiden.“ Schatzjade glaubte ihr, vergass den Milchrahm und begann, Kastanien zu schälen. Als niemand sonst im Zimmer war, fragte er Dufthauch lächelnd: „Wer war eigentlich das Mädchen in Rot heute? Eine Verwandte von dir?“
„Nicht doch, nicht doch“, wehrte Bau-yü ab. „Wenn sie sich nicht in Rot kleiden dürften, wer dann? Ich meinte nur, es ist schade, daß wir solche schönen Mädchen nicht hier bei uns haben können.“ Dufthauch sagte: „Das ist meine Cousine mütterlicherseits.“
„Mag ich immerhin als Sklavin leben müssen“, erwiderte Hsi-jën darauf mit einem kühlen Lächeln, „aber müssen deshalb etwa auch alle meine Verwandten Sklaven werden? Und die schönsten Mädchen müssen es auch noch sein, die du haben willst!“ Schatzjade seufzte zwei Mal. Dufthauch sagte: „Was seufzt du? Ich weiß, was du denkst. Du findest, sie sei zu hübsch, um Rot zu tragen.“
„Du traust mir wieder mal nur das Schlimmste zu“, sagte Bau-yü rasch. „Wenn ich sage, ich möchte sie hier bei uns haben, muß das ja nicht unbedingt heißen, ich will sie als Sklavinnen haben? Kann es nicht heißen, als Verwandte?“ Schatzjade lächelte: „Nein, nein! Wenn nicht einmal sie Rot tragen darf, wer dann? Ich habe nur geseufzt, weil sie wirklich ausgesprochen hübsch ist — wie schade, dass sie nicht bei uns im Hause lebt.“
„Dafür kommen sie dann wohl doch nicht in Frage“, sagte Hsi-jën. Dufthauch sagte kühl lächelnd: „Nur weil ich eine Sklavin bin, müssen meine Verwandten noch lange keine Sklavinnen sein. Sollte man etwa extra die hübschesten Mädchen aussuchen, um sie in Euer Haus zu bringen?“
Jetzt wollte Bau-yü das Gespräch nicht mehr fortsetzen und schälte stumm die Kastanien. Schatzjade sagte hastig: „Da hast du mich falsch verstanden! Wenn ich sage, sie sollte bei uns sein, meint das doch nicht als Sklavin — als Verwandte wäre es doch auch möglich!“
„Warum sagst du denn nichts mehr?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Wahrscheinlich habe ich dich mit meinen unüberlegten Worten gekränkt. Geh doch einfach morgen hin und kauf sie für ein paar Liang Silber!“ Dufthauch sagte: „Das wäre für sie nicht standesgemäss.“
„Was sollte ich dir noch antworten?“ sagte Bau-yü wieder lächelnd. „Ich habe die Mädchen nur gelobt und fand, sie seien gerade die richtigen, um hier in diesen Hallen und Höfen zu leben anstelle von uns schmutzigen Dingern.“ Schatzjade sprach nicht weiter und schälte nur still seine Kastanien.
„Dieses Glück haben sie zwar nicht“, sagte Hsi-jën, „aber sie sind doch von klein auf verzärtelt worden und sind die Lieblinge meines Onkels und meiner Tante. Jetzt sind sie siebzehn Jahre alt, und Aussteuer jeglicher Art liegt für sie schon bereit. Nächstes Jahr werden sie heiraten.“ Dufthauch lächelte: „Warum sagst du nichts mehr? Habe ich dich etwa beleidigt? Wenn du willst, kannst du sie ja für ein paar Liang Silber kaufen.“
Als Bau-yü das Wort ‚heiraten‘ hörte, seufzte er unwillkürlich auf, und es war ihm offensichtlich nicht wohl dabei zumute. Dann aber hörte er, wie auch Hsi-jën seufzte, bevor sie weitersprach. „Nun habe ich all die Jahre, die ich hier bin, nicht mit meinen Kusinen zusammen sein können“, sagte sie, „und jetzt, wo ich nach Hause zurückkehre, gehen sie alle fort.“ Schatzjade lächelte: „Was du da sagst — wie soll ich darauf antworten? Ich wollte sie doch nur loben, weil sie hübsch ist und hierhergehört in ein solch prächtiges Haus — nicht, dass jemand wie ich es verdient, hier zu leben.“
Bau-yü merkte, daß etwas mehr in diesen Worten steckte, und bekam einen Schreck. Rasch legte er die Kastanien aus der Hand und fragte: „Was heißt das, du kehrst nach Hause zurück?“ Dufthauch sagte: „Obwohl sie nicht so ein Glück hat, wurde sie durchaus verwöhnt — der Augapfel meiner Tante und meines Onkels. Sie ist jetzt siebzehn, und die Mitgift ist schon komplett — nächstes Jahr heiratet sie.“
„Heute hörte ich, wie meine Mutter mit meinem Bruder darüber sprach, ich solle noch ein Jahr aushalten, und nächstes Jahr würden sie mich dann freikaufen“, antwortete Hsi-jën. Schatzjade hörte das Wort „heiraten“ und seufzte abermals zweimal. Gerade als ihn betrübte Stimmung überkam, seufzte auch Dufthauch: „Seit ich hierher kam, waren meine Geschwister und ich nie beisammen. Jetzt, wo ich zurückgehen würde, wären sie alle schon weg.“
Als Bau-yü das hörte, geriet er noch mehr in Verwirrung und fragte: „Warum wollen sie dich freikaufen?“ Schatzjade spürte, dass in diesen Worten mehr steckte, erschrak und ließ die Kastanien fallen: „Wie meinst du das — du willst zurück?“
„Du fragst aber auch komisch“, sagte Hsi-jën. „Ich bin doch nicht bei euch als Sklavin geboren. Meine ganze Familie lebt woanders, und ich allein lebe hier bei euch, das ist doch nichts auf die Dauer.“ Dufthauch sagte: „Heute habe ich gehört, wie meine Mutter und mein Bruder besprachen, dass sie mich noch ein Jahr durchhalten lassen wollen und mich dann freikaufen.“
„Und wenn ich dich nicht gehen lasse?“ fragte Bau-yü. Schatzjade war wie erstarrt und fragte: „Warum wollen sie dich freikaufen?“
„Das gibt es ja nicht“, erwiderte Hsi-jën, „selbst im Kaiserpalast gilt die feststehende Regel, daß alle paar Jahre Palastmädchen ausgewählt werden und für einige Jahre in den Palast kommen. Keine wird dort auf ewig festgehalten, geschweige denn hier bei euch.“ Dufthauch sagte: „Was für eine seltsame Frage! Ich bin doch keine hier Geborene — meine ganze Familie lebt woanders. Ich bin hier allein — wie soll das auf Dauer gehen?“
Bau-yü dachte darüber nach und sagte sich, daß sie recht hatte. Dennoch fuhr er fort: „Und wenn die alte gnädige Frau dich nicht gehen läßt?“ Schatzjade sagte: „Ich werde dich nicht gehen lassen.“
„Warum sollte sie das tun?“ fragte Hsi-jën. „Ja, wenn ich etwas ganz Besonderes wäre und die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau fänden so großen Gefallen an mir, daß sie mich auf keinen Fall fortlassen wollten, könnten sie meiner Familie vielleicht noch ein paar Liang Silber geben und mich hier behalten. So etwas mag es schon geben. Aber ich bin ja nur ein ganz gewöhnliches Mädchen, und bessere gibt es noch und noch. Dufthauch sagte: „So etwas hat es noch nie gegeben. Selbst im Kaiserpalast gibt es Regeln: Alle paar Jahre wird ausgewählt, alle paar Jahre wird aufgenommen — niemand wird für immer behalten. Von dir gar nicht zu reden!“
Als ich als kleines Kind hierher zur alten gnädigen Frau kam, bediente ich erst jahrelang Fräulein Schï. Jetzt bediene ich dich auch schon seit mehreren Jahren, und nun ist es wohl Zeit, daß meine Familie mich freikauft. Ich glaube, man wird vielleicht nicht einmal Geld für mich verlangen, sondern mich aus Gnade freigeben. Daß man mich nicht gehen läßt, weil ich dir gut gedient habe, kann wohl nicht sein, denn gut zu dienen gehört nun einmal dazu und ist keine besondere Leistung. Und wenn ich weg bin, kommt an meiner Statt eine andere, die genausogut ist wie ich. So ist es ja nicht, daß es ohne mich nicht ginge!“ Schatzjade überlegte — das war tatsächlich richtig. Dann sagte er: „Die Herzoginmutter wird dich auch nicht gehen lassen.“
Als Bau-yü das hörte, erkannte er, daß alles dafür sprach, daß Hsi-jën fortgehen würde, und nichts dafür, daß sie bliebe. So wurde seine innere Unruhe noch größer, und er sagte: „Ich glaube trotzdem, daß die alte gnädige Frau, wenn ich dich unbedingt behalten möchte, bestimmt mit deiner Mutter reden und ihr so viel Silber geben wird, daß es ihr peinlich sein würde, dich nach Hause zu holen.“ Dufthauch sagte: „Warum nicht? Wenn ich wirklich unersetzlich wäre und die Herzoginmutter und die Herrin mich unbedingt behalten wollten — vielleicht ginge es, wenn man meiner Familie mehr Silber gäibe. Aber ich bin doch nur ein gewöhnlicher Mensch; es gibt viele, die besser sind als ich. Seit ich klein war, diente ich zürst der Herzoginmutter, dann Fräulein Shi [史大姑娘] und jetzt dir. Wenn meine Familie mich freikaufen will, ist es nur recht und billig. Wahrscheinlich wird man nicht einmal den Kaufpreis zurückverlangen. Und was meinen Dienst an dir betrifft — das ist meine Pflicht, keine besondere Leistung. Wenn ich gehe, kommen andere, die genauso gut sind.“
„Meine Mutter würde sicher nicht wagen, sich darauf zu versteifen“, erwiderte Hsi-jën, „zumal wenn man sich gütlich mit ihr einigt und ihr reichlich Silber gibt. Doch selbst dann, wenn man nicht mit ihr redete und ihr gar kein Geld böte, würde sie bestimmt nachgeben, wenn man mich wirklich unbedingt hier behalten wollte. Aber deine Familie hat noch nie auf ihre Macht und Vornehmheit gebaut, um auf Tyrannenart zu handeln. Schatzjade hörte das — es gab gründliche Argumente für ihr Gehen, aber keinen für ihr Bleiben — und wurde immer besorgter. „Trotzdem“, sagte er, „ich werde alles tun, um dich zu behalten. Ich bitte die Herzoginmutter, mit deiner Mutter zu sprechen und ihr reichlich Silber zu geben — dann wird sie es sich nicht zu sagen trauen.“
Das ist auch etwas anderes als mit einem Gegenstand, für den man den zehnfachen Preis bezahlt, weil man ihn unbedingt haben will. Dann hat der Verkäufer keinen Nachteil davon, und die Sache mag angehen. Wenn man aber mich ohne Grund und Ursache hier behalten würde, brächte dir das keinen Vorteil, unsere Familie aber würde auseinandergerissen. So etwas machen die alte gnädige Frau und die gnädige Frau bestimmt nicht.“ Dufthauch sagte: „Meine Mutter würde natürlich nicht wagen, sich zu widersetzen. Man braucht nicht einmal freundlich zu sein oder Geld zu geben — auch ohne das würde sie gehorchen. Aber unsere Familie hat solche Dinge nie mit Gewalt durchgesetzt. Man kann alles kaufen, was einem gefällt, da kommen die Verkäufer nicht zu kurz. Aber mich ohne Grund hierbehalten, dir ohne Nutzen und uns als Familie auseinanderreißen — das werden die Herzoginmutter und die Herrin niemals tun.“
Bau-yü dachte lange über diese Worte nach, ehe er sagte: „Dann gehst du also ganz bestimmt?“ Schatzjade hörte das, dachte lange nach und sagte schließlich: „Deinen Worten nach bist du also fest entschlossen zu gehen?“
„Ja“, antwortete Hsi-jën. Dufthauch sagte: „Fest entschlossen.“
„Wer hätte gedacht, daß ein Mensch wie sie so kaltherzig und treulos sein kann!“ dachte Bau-yü still bei sich. Dann sagte er mit einem Seufzer: „Hätte ich früher gewußt, daß du fortgehen willst, dann hätte ich dich nicht zu mir genommen. Zum Schluß bleibe ich zurück wie ein armes Waisenkind.“ Mit diesen Worten legte er sich wütend aufs Bett. Schatzjade hörte das und dachte bei sich: „So jemand — und so undankbar und gleichgültig!“ Er seufzte: „Hätte ich gewusst, dass alle gehen würden, hätte ich sie nie hierher kommen lassen. Am Ende bleibe ich als einsamer Geist zurück.“ Verargert legte er sich ins Bett.
In Wirklichkeit hatte Hsi-jën, als sie zu Hause von der Absicht ihrer Mutter und ihres Bruders hörte, sie freizukaufen, erklärt, sie wolle bis an ihr Lebensende nicht wieder zurückkommen. Und sie hatte hinzugesetzt: „Als ihr damals nichts zu essen hattet, war ich das einzige, was noch ein paar Liang Silber einbringen konnte. Hättet ihr mich nicht verkauft, hätte ich zusehen müssen, wie Vater und Mutter verhungerten. Zum Glück bin ich zu Leuten gekommen, wo ich dasselbe Essen und dieselbe Kleidung habe wie die Herrschaften und wo es nicht Schläge am Morgen und Schelte am Abend gibt. In Wirklichkeit hatte Dufthauch zu Hause, als sie hörte, dass ihre Mutter und ihr Bruder sie freikaufen wollten, gesagt, sie werde lieber sterben als zurückzugehen. „Damals, als ihr nichts zu essen hattet und ich das einzige war, das noch ein paar Liang Silber wert war — hätte ich euch nicht erlaubt, mich zu verkaufen, wärst du wohl zusehen müssen, wie Vater und Mutter verhungerten. Jetzt habe ich glücklicherweise ein gutes Haus gefunden, wo ich esse und mich kleide wie die Herrschaften, ohne tagein, tagaus geschlagen zu werden. Und jetzt, wo ihr euch finanziell erholt habt, wollt ihr mich freikaufen? Wenn ihr wirklich noch in Not wäret und mich zurückholtet, um noch ein paar Münzen mehr herauszuschlagen — gut. Aber es geht euch doch nicht schlecht! Tut so, als wäre ich gestorben, und denkt nie wieder daran, mich freizukaufen!“
Außerdem habt ihr die Familie trotz Vaters Tod wieder in die Höhe gebracht. Ich würde es ja verstehen, wenn es euch noch immer schlecht ginge und wenn ihr mich freikaufen wolltet, um mich wieder zu verkaufen und etwas dabei herauszuschlagen. Aber es geht euch ja nicht schlecht. Wozu also wollt ihr mich freikaufen? Stellt euch einfach vor, ich sei tot, und schlagt euch eure Absicht aus dem Kopf!“ Anschließend hatte sie noch eine Weile geweint und getrotzt. So hatte sie geweint und getobt, bis ihre Mutter und ihr Bruder einlenkten. Außerdem war es ein endgültiger Verkauf mit festem Vertrag, und man wusste, dass die Kaufmann-Familie gütherzig und grosszügig war. Im Grunde genommen, so überlegte man, würde die Familie auf Bitten hin wahrscheinlich sogar den Kaufpreis erlassen. Zweitens behandelte die Familie Kaufmann ihre Dienstboten nie schlecht — es gab mehr Gnade als Strenge. Die persönlichen Mädchen der Herrschaften wurden sogar noch besser behandelt als die übrige Dienerschaft — manche Töchter aus armen Familien wurden nicht so wertgeschätzt wie sie. So gaben Mutter und Bruder den Freikauf auf.
Hsi-jëns Mutter und Bruder mußten einsehen, daß Hsi-jëns Vorsatz unerschütterlich war und daß sie bestimmt nicht nach Hause zurückkommen würde. Außerdem lautete der Kaufvertrag für Hsi-jën auf Lebenszeit, und sie hatten sich einfach auf die Güte und die Großzügigkeit der Familie Djia verlassen, in der Gewißheit, daß sie Hsi-jën auf ihre Bitte hin bestimmt freilassen und wahrscheinlich sogar auf die Rückzahlung des Kaufpreises verzichten würde. So etwas gab ja. Dann kam Schatzjades Besuch, und als sie sein inniges Verhalten sahen, wurde ihnen alles noch klarer. Nun war der Stein endgültig gefallen, und an Freikauf dachte niemand mehr.
Ansonsten war im Hause der Djias das Gesinde nie schlecht behandelt worden und erfuhr viel Güte und wenig Strenge. Gerade die Sklavenmädchen, die in den Räumen der alten und jungen Herrschaften aufwarteten, hatten es besser als das übrige Hausgesinde. Kein junges Mädchen aus armer Familie konnte so viel Achtung genießen wie sie. Deshalb waren Hsi-jëns Mutter und Bruder von dem Gedanken, Hsi-jën freizukaufen, wieder abgekommen. Als dann plötzlich Bau-yü erschienen war und sich zeigte, wie er und Hsi-jën zueinander standen, war Hsi-jëns Mutter und Bruder noch einiges klar geworden, was sie vorher nicht geahnt hatten. Deshalb war ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, und sie hatten ihren Plan endgültig aufgegeben. Zurück zu Dufthauch: Sie kannte Schatzjades eigenwilligen Charakter von Kindheit an — seine Wildheit und Sturheit übertrafen alle anderen Knaben, und dazu hatte er noch einige tausend seltsame und unerklärliche Eigenheiten. In letzter Zeit, verwöhnt von der Herzoginmutter und nicht streng genug von den Eltern erzogen, wurde er nur noch zügelloser und eigensinniger. Am wenigsten liebte er ernsthafte Beschäftigung. Jedes Mal, wenn sie ihn ermahnen wollte, wusste sie, dass er nicht zuhören würde. Heute bot sich durch die Sache mit dem Freikauf die Gelegenheit, ihn mit einer List zu prufen — seine Gefühle auszuloten und seinen Stolz zu dämpfen, um ihm dann Ermahnungen zu erteilen.
Was Hsi-jën betrifft, so hatte sie von klein auf beobachtet, daß Bau-yü einen sonderbaren Charakter besaß, daß seine Launen und Torheiten alles übertrafen, was man von anderen Kindern kannte, und daß er obendrein noch ein paar höchst merkwürdige Unarten hatte, auf die man nicht näher eingehen kann. Auf Grund der Schwäche, die seine Großmutter für ihn hegte, konnten ihn in der letzten Zeit auch seine Eltern nicht sehr streng halten, und so war er noch ungebärdiger geworden, ließ seinen Neigungen freien Lauf und haßte nichts mehr als die Beschäftigung mit ernsthaften Dingen. Als sie sah, dass er sich schweigend ins Bett legte und offenbar litt, wusste sie: Seine Gefühle waren zu stark, sein Trotz gebrochen. Die Kastanien hatte sie eigentlich gar nicht gewollt — sie hatte sie nur als Vorwand benutzt, damit Schatzjade nicht wegen des Milchrahms Ärger machte, wie beim Vorfall mit Qianxüs Tee. Sie ließ die kleinen Mädchen die Kastanien aufessen, ging dann zu Schatzjade und schob ihn sanft an.
Immer wieder hatte Hsi-jën ihm Vorhaltungen machen wollen, aber vermutlich hätte er nicht darauf gehört. Nachdem heute die Rede davon gewesen war, sie freizukaufen, hatte Hsi-jën zuerst mit einer List Bau-yüs Gefühle auf die Probe stellen und seinen Übermut dämpfen wollen, damit sie ihm anschließend desto besser Verhaltensmaßregeln erteilen konnte. Schatzjades Gesicht war tränennass. Dufthauch lächelte: „Das ist doch kein Grund zum Weinen! Wenn du mich wirklich behalten willst, gehe ich natürlich nicht.“
Als er sich jetzt ohne ein weiteres Wort hinlegte, wußte sie, daß ihm die Sache naheging und daß er bereits weich geworden war. Auf Kastanien hatte Hsi-jën durchaus keinen Appetit gehabt. Nur weil sie befürchtete, wegen der Cremespeise könnte sich etwas Ähnliches ereignen wie damals mit Tjiän-hsüä wegen des Tees, hatte sie Bau-yü mit Hilfe der Kastanien davon abhalten wollen, die Sache weiter zu verfolgen. Jetzt befahl sie den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten sich die Kastanien nehmen und aufessen. Anschließend trat sie zu Bau-yü ans Bett und stieß ihn an. Sein Gesicht war voller Tränenspuren. Schatzjade hörte, dass auch diese Worte ihre tiefere Bedeutung hatten, und sagte: „Sag mir, was ich tun soll, damit du bleibst. Ich weiß selbst nicht mehr, was ich sagen kann.“
„Warum grämst du dich?“ fragte Hsi-jën. „Wenn du mich wirklich behalten willst, gehe ich natürlich nicht fort.“ Dufthauch lächelte: „Was wir einander an Gutem getan haben, brauche ich nicht aufzuzählen. Aber heute, wenn du mich wirklich behalten willst, hängt das nicht davon ab. Ich nenne dir drei Bedingungen. Wenn du sie erfüllst, zeigst du mir, dass es dir ernst ist, und dann bleibe ich — selbst wenn man mir ein Messer an die Kehle hielt.“
Bau-yü merkte, daß mehr dahinter stecken mußte, als sie sagte, darum bat er: „Dann verrate mir, wie ich dich halten kann! Ich selbst wüßte es nicht zu sagen.“ Schatzjade lächelte eilig: „Nenn sie! Was es auch ist, ich erfülle alles! Liebe Schwester, liebe allerliebste Schwester — nenn sie, und würden es zwei- oder dreihundert sein, ich würde sie alle erfüllen! Ich bitte nur, dass ihr auf mich aufpasst und bei mir bleibt, bis ich eines Tages zu fliegender Asche werde — nein, Asche wäre noch zu gut, die hat noch Form und Gestalt und Bewusstsein — bis ich zu einem Hauch dünnen Rauches werde, den der Wind verweht, dann könnt ihr euch nicht mehr um mich kümmern, und ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Dann, erst dann, dürft ihr gehen, wohin ihr wollt.“
„Zwischen uns haben wir immer alles leicht regeln können“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Darüber brauchen wir nicht zu reden. Wenn du mich bei dir behalten möchtest, geht es um etwas anderes. Ich will dir zwei, drei Dinge nennen, und wenn du sie mir versprichst, weiß ich, daß du mich wirklich weiter bei dir haben willst. Und dann gehe ich von hier nicht fort, auch wenn man mir das Messer an die Kehle setzt.“ Bevor er ausgesprochen hatte, hielt Dufthauch ihm den Mund zu: „Hör auf, hör auf! Wir wollen dich doch gerade von solchen Reden abbringen, und du redest nur noch schlimmer!“
„Dann sag es nur schnell, ich verspreche dir alles!“ versicherte Bau-yü sofort. „Liebe Schwester, meine liebste, beste Schwester! Nicht nur zwei oder drei, auch zweihundert oder dreihundert Dinge will ich dir versprechen. Nur die eine Bitte habe ich, daß ihr gemeinsam bei mir bleibt und euch um mich sorgt, bis ich eines Tages zu Asche geworden bin, nein – Asche hat auch noch Form und Gestalt und Bewußtsein – bis ich zu Rauch geworden bin, den ein Lufthauch zerstreuen kann. Dann habt ihr keine Sorgen mehr mit mir, und auch ich kann mich um euch nicht mehr kümmern. Dann ziehe ich meines Weges, und auch ihr könnt gehen, wohin ihr wollt...“ Schatzjade sagte eilig: „Ich sage es nie wieder!“
Hier hielt ihm Hsi-jën vor Aufregung den Mund zu und sagte: „Gerade will ich dir deswegen Vorhaltungen machen, da schwatzt du um so wilder drauf los!“ Dufthauch sagte: „Das ist die erste Sache, die du ändern musst.“
„Nie wieder sage ich so etwas!“ versprach Bau-yü rasch. Schatzjade sagte: „Geändert! Wenn ich es noch einmal sage, kneif mir die Lippen zusammen! Was noch?“
„Das wäre das erste, worin du dich ändern mußt“, sagte Hsi-jën. Dufthauch sagte: „Zweitens: Ob du wirklich gern Bücher liest oder nur so tust — vor deinem Vater oder vor anderen musst du aufhören, alles zu kritisieren und zu verspötten. Tu wenigstens so, als läsest du gern, dann ärgert sich dein Vater weniger und du stehst vor den Leuten besser da. Er denkt sich: Unsere Familie liest seit Generationen, und seit du da bist, hat er gehofft, du würdest auch gern lesen — und nun bist du nicht nur desinteressiert, sondern redest hinter seinem Rücken auch noch solchen Unsinn! Alle, die fleissig studieren und vorwärtskommen, nennst du 'Gehaltsschlürfer' [禄蠹]. Und du sagst, außer 'Die lichte Tugend erhellen' [明明德] gebe es keine wahren Bücher — alles andere seien Fehlinterpretationen der alten Meister. Kein Wunder, dass dein Vater wütend wird und dich ständig verhauen will. Und was sollen die Leute von dir denken?“
„Ich ändere mich!“ versprach Bau-yü. „Wenn ich noch einmal so etwas sage, kneifst du mir in die Lippen! Was noch?“ Schatzjade lächelte: „Nie wieder! Das war Unsinn aus meiner Kindheit, als ich nichts verstand. Jetzt traue ich mich nicht mehr, so zu reden. Was noch?“
„Das zweite ist folgendes“, fuhr Hsi-jën fort. „Egal, ob du wirklich gern studierst oder es nur vorgibst, in Gegenwart des gnädigen Herrn und vor den Leuten darfst du nicht alles nur bemängeln und tadeln, sondern mußt so tun, als ob du gern studiertest. Dann braucht sich dein Vater weniger zu ärgern, und vor den Leuten kann er sich brüsten. Er sagt sich, daß in eurer Familie Generation für Generation die Schriften studiert wurden, während du nicht nur nicht lernen willst, was ihm schon genug Ärger und Scham verursacht, du mußt auch noch in seiner Gegenwart und hinter seinem Rücken deine dummen Reden führen. Alle, die studieren und voranzukommen suchen, nennst du ‚Postenjäger‘. Dann behauptest du, alle Bücher außer dem einen, das ‚die klare Tugend offenbart‘, seien von Leuten zusammengeschmiert, die unfähig waren, die Schriften des Heiligen zu verstehen. Bei solchen Reden ist es kein Wunder, wenn dein Vater sich ärgert und dich immer wieder schlägt. Und was sollen die Leute von dir denken!“ Dufthauch sagte: „Drittens: Hör auf, Mönche und Daoisten zu verspotten und herumzualbern mit Rouge und Puder. Und das Allerwichtigste — hör auf, den Mädchen den Lippenstift vom Mund zu lecken! Diese Vorliebe für Rot muss aufhören!“
„Ich werde es nicht mehr sagen!“ versprach Bau-yü lächelnd. „Das habe ich einfach so dahingesagt, als ich noch klein war und nicht wußte, wie hoch der Himmel ist und wie tief die Erde. Jetzt sage ich es nicht mehr. Was hast du noch?“ Schatzjade sagte: „Alles geändert, alles geändert! Was noch? Sag schnell!“
„Dann darfst du nicht mehr die buddhistischen und dauistischen Mönche schmähen“, verlangte Hsi-jën. „Du mußt die Finger von Schminke und Puder lassen, und was noch wichtiger ist, du darfst den Mädchen nicht mehr die Schminke von den Lippen schlecken und allem nachjagen, was rot ist.“ Dufthauch lächelte: „Mehr gibt es nicht. Achte einfach in allen Dingen mehr auf dich und handle nicht so nach Lust und Laune — das ist alles. Wenn du das alles befolgst, könnte man mich nicht einmal mit einer Sänfte mit acht Trägern hier wegschaffen!“
„Das ändere ich!“ versprach Bau-yü wieder. „Was hast du noch? Sag es nur schnell!“ Schatzjade lächelte: „Wenn du lange genug hier bleibst, wirst du irgendwann auch noch eine Sänfte mit acht Trägern bekommen!“
„Weiter habe ich nichts“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Wenn du nur an alle Dinge mit ein wenig Überlegung herangehst und nicht einfach deinen Trieben freien Lauf läßt, ist alles in Ordnung. Und wenn du wirklich alles hältst, was du mir jetzt versprochen hast, bringt man mich auch in einer Sänfte mit acht Trägern nicht von hier fort.“ Dufthauch sagte kühl: „Dafür habe ich keine Verwendung. Selbst wenn ich das Glück hätte — den Grund dafür gäbe es nicht. Und selbst wenn ich darin sässe, wäre es ohne Vergnügen.“
„Wenn du für immer hier bleibst, findet sich auch eine Sänfte mit acht Trägern für dich“, prophezeite Bau-yü lächelnd. Während sie noch sprachen, kam Qiuwen herein und sagte: „Es ist bald drei Uhr nachts — Ihr solltet schlafen. Vorhin hat die Herzoginmutter eine Amme geschickt, um nachzufragen, und ich habe gesagt, Ihr schlaft schon.“
„Auf die lege ich gar keinen Wert“, gab Hsi-jën mit kühlem Lächeln zurück. „Sie steht mir ja gar nicht zu, selbst wenn ich Glück habe. Und was ist überhaupt so spannend daran?“ Schatzjade ließ sich die Uhr bringen — tatsächlich, der Zeiger stand auf halb elf. Sie wuschen sich, zogen sich um und gingen zu Bett. Nichts weiter in dieser Nacht.
In diesem Augenblick kam Tjiu-wën herein und sagte: „Die dritte Nachtwache bricht bald an, ihr müßt euch schlafen legen! Eben hat die alte gnädige Frau eine Amme herübergeschickt, die sich danach erkundigen sollte, und ich habe gesagt, Bau-yü schläft schon.“ Am nächsten Morgen fühlte sich Dufthauch schwer, hatte Kopfschmerzen, geschwollene Augen und Fieber an allen Gliedern. Anfangs hielt sie noch durch, doch dann konnte sie nicht mehr und legte sich angekleidet aufs Kanglager. Schatzjade meldete es sofort der Herzoginmutter und ließ einen Arzt kommen, der sagte: „Nichts weiter als eine Erkältung. Ein oder zwei Dosen Medizin zum Schwitzen, und es geht ihr besser.“ Er schrieb ein Rezept, und der Arzt ging. Die Medizin wurde geholt, gekocht und eingenommen, und Dufthauch deckte sich zu, um auszuschwitzen. Schatzjade ging daraufhin zu Kajaljade[8] [黛玉], um nach ihr zu sehen.
Bau-yü befahl ihr, ihm die Uhr zu reichen, und tatsächlich wiesen die Zeiger schon auf zehn. Also wusch er sich noch einmal und spülte sich den Mund. Dann zog er sich aus und legte sich schlafen. Weiter soll davon nicht die Rede sein. Kajaljade ruhte sich gerade auf ihrem Bett aus. Die Mädchen waren alle draußen, und es war ganz still im Zimmer. Schatzjade hob den bestickten Seidenvorhang, trat ins innere Gemach und sah Kajaljade auf dem Bett liegen. Er ging zu ihr und schob sie sanft an: „Liebe Schwester, du hast gerade gegessen und legst dich schon wieder hin?“
Als es am nächsten Morgen hell wurde und Hsi-jën aufstand, fühlte sie sich am ganzen Körper unwohl. Der Kopf tat ihr weh, die Augen schienen geschwollen, und die vier Gliedmaßen waren heiß wie Feuer. Zuerst versuchte sie noch, sich zusammenzunehmen, aber dann wurde es zuviel für sie, und sie hatte nur noch den Wunsch zu schlafen. Also legte sie sich in ihren Sachen aufs Ofenbett. Kajaljade, geweckt, sah Schatzjade und sagte: „Geh und amüsier dich woanders. Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen, und mein ganzer Körper tut weh.“
Bau-yü ging sofort zur Herzoginmutter, um ihr dies zu melden. Sie ließ einen Arzt holen, der Hsi-jën untersuchte und dann erklärte, sie habe sich lediglich erkältet und werde wieder gesund sein, wenn sie ein, zwei Portionen Medizin eingenommen habe. Als er sein Rezept geschrieben hatte und fortgegangen war, befahl Bau-yü, die Zutaten zu holen und den Trank zu kochen. Nachdem Hsi-jën dann davon getrunken hatte, ordnete er an, man solle sie gut zudecken, damit sie tüchtig schwitzte, dann ging er zu Dai-yü hinüber. Schatzjade sagte: „Schmerzen sind eine Kleinigkeit, aber wenn du dir vom Schlafen eine Krankheit holst, ist das schlimm. Ich vertreibe dir die Langeweile, und wenn die Müdigkeit vergeht, ist alles gut.“
Dai-yü hielt eben Mittagsruhe. Ihre Sklavenmädchen waren weggegangen, und in den Räumen war es ganz still. Als Bau-yü den weichen, gestickten Türvorhang aufhob und ins Innengemach trat, fand er Dai-yü dort schlafend. Rasch trat er an ihr Bett, stieß sie an und weckte sie mit den Worten: „Kusinchen, eben erst hast du gegessen, und nun schläfst du schon wieder!“ Kajaljade schloss die Augen und sagte: „Ich bin nicht müde — ich ruhe mich nur ein wenig aus. Geh woanders hin und amüsier dich und komm später wieder.“
Als Dai-yü erkannte, daß es Bau-yü war, sagte sie: „Geh lieber draußen spazieren! Ich lag gestern die ganze Nacht wach und habe mich heute noch nicht ausschlafen können. Alles tut mir weh.“ Schatzjade schob sie an: „Wohin soll ich gehen? Bei anderen langweile ich mich immer.“
„Das ist nicht so schlimm“, sagte Bau-yü, „aber wenn du jetzt schläfst, könntest du krank werden, und das wäre dann wirklich schlimm. Ich werde dich wachhalten, und alles ist wieder gut!“ Kajaljade öffnete die Augen und lachte: „Wenn du schon hier bleiben willst, dann setz dich drüben brav hin und lass uns reden.“
Dai-yü schloß die Augen und sagte: „Ich will ja nicht schlafen, ich will mich nur ein wenig ausruhen. Geh ein Weilchen woandershin und komm dann wieder!“ Schatzjade sagte: „Ich will mich auch hinlegen.“
Bau-yü stieß sie noch einmal an und sagte: „Wohin soll ich denn gehen? Alle andern sind mir zuwider.“ Kajaljade sagte: „Dann leg dich hin.“
„Schön“, sagte Dai-yü lachend. „Wenn du unbedingt hier bleiben willst, setz dich brav dorthin, und wir unterhalten uns!“ Schatzjade sagte: „Wir haben kein Kopfkissen — lass uns ein Kissen teilen.“
„Ich will mich auch hinlegen!“ verlangte Bau-yü. Kajaljade sagte: „Unsinn! Draußen liegen doch Kissen — hol dir eins.“
„Dann leg dich hin!“ gab Dai-yü nach. Schatzjade ging hinaus, sah sich um, kam zurück und lächelte: „Dieses will ich nicht — wer weiß, welche schmutzige alte Frau darauf gelegen hat.“
„Es ist aber kein Kissen für mich da“, sagte Bau-yü. „legen wir uns zusammen auf eins!“ Kajaljade öffnete die Augen, setzte sich auf und lächelte: „Du bist wirklich mein 'Himmlischer Plagegeist' [天魔星]! Nimm dieses hier.“ Sie schob ihr eigenes Kissen zu Schatzjade hinüber, holte sich ein anderes und legte sich ihm gegenüber hin.
„Unsinn!“ protestierte Dai-yü. „Draußen sind genug Kissen. Hol dir eins und leg dich darauf!“ Kajaljade bemerkte auf Schatzjades linker Wange einen blutunterlaufenen Fleck, so gross wie ein Knopf. Sie beugte sich vor, betastete ihn und fragte: „Wessen Fingernägel haben dich denn da gekratzt?“
Bau-yü ging in den Vorraum hinaus, sah sich um und kam wieder. „Diese Kissen mag ich nicht“, erklärte er lächelnd. „Wer weiß, welchem schmutzigen alten Weib sie gehören!“ Schatzjade wich aus und lächelte: „Das ist kein Kratzer — vorhin habe ich ihnen Rougepaste angerüht und muss etwas abbekommen haben.“ Er suchte ein Taschentuch, um es abzuwischen. Kajaljade nahm ihr eigenes Tuch und wischte es für ihn ab. Dabei sagte sie: „Schon wieder so etwas! Wenn du es schon tust — musst du es dann auch noch zeigen? Wenn Onkel es nicht sieht, erzählen es andere als lustige Neuigkeit weiter und petzen es ihm — und dann gibt es wieder unnötig Ärger.“
Dai-yü öffnete die Augen, setzte sich auf und sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein Quälgeist! Bitte, leg dich auf mein Kissen!“ Damit schob sie Bau-yü das Kissen hin, auf dem sie gelegen hatte, stand auf und holte sich ein anderes, dann legte sie sich wieder hin. Schatzjade hatte gar nicht zugehört. Er roch nur einen feinen Duft, der aus Kajaljades Ärmel stieg und einem ganz schwindelig werden ließ. Er ergriff ihren Ärmel und wollte nachsehen, was darin verborgen war.
Als sie jetzt beide nebeneinander auf der Seite lagen und sich anblickten, entdeckte Dai-yü einen knopfgroßen Blutfleck auf Bau-yüs linker Wange. Sie rückte näher, um ihn genauer anzusehen, strich mit dem Finger darüber und fragte: „Wessen Fingernagel hat denn hier wieder seine Spur hinterlassen?“ Kajaljade lächelte: „Im kalten zehnten Monat — wer trägt da Duftsäckchen?“
Bau-yü rückte ein Stück ab, verbarg sein Gesicht und sagte lachend: „Das ist kein Kratzer. Sicher habe ich mir das angeschmiert, als ich vorhin für die Mädchen Schminke mischte.“ Und er suchte nach einem Taschentuch, um den Fleck wegzuwischen. Schatzjade lächelte: „Wenn dem so ist — woher kommt dann dieser Duft?“
Da nahm Dai-yü ihr eigenes Taschentuch, rieb ihm den Fleck weg und sagte: „Konntest du es wieder einmal nicht lassen? Du kannst es ja ruhig machen, aber mußt du unbedingt ein Zeichen davon mit dir herumtragen? Wenn es auch der Onkel nicht sieht, sehen es doch andere und erzählen es als Neuigkeit weiter, bis es jemand dem Onkel zuträgt, um sich einzuschmeicheln. Und dann haben wir alle den Ärger davon, weil es bei uns nicht ordentlich zugeht.“ Kajaljade sagte: „Ich weiß es auch nicht. Vielleicht hat sich der Duft aus dem Schrank auf die Kleider übertragen.“
Bau-yü hatte, anstatt ihr zuzuhören, nur auf den feinen Geruch geachtet, der aus Dai-yüs Ärmel kam und der ihm die Sinne berauschte und den Körper erschlaffen ließ. Jetzt zog er den Ärmel zu sich heran und wollte sehen, was sie darin hatte. Schatzjade schüttelte den Kopf: „Das glaube ich nicht. Dieser Duft ist seltsam — er kommt nicht von Duftkugeln, Duftbeuteln oder Räucherpastillen.“
„Wer trägt denn bei Frost und Kälte noch Duftstoffe in den Kleidern?“ wies ihn Dai-yü zurecht. Kajaljade sagte kühl lächelnd: „Habe ich vielleicht auch einen 'Wahren Menschen' oder 'Arhat', der mir besonderen Weihrauch gibt? Selbst wenn — ich habe keinen älteren Bruder, der mir Blumen und Puder und Cremes herstellt. Ich habe nur den gewöhnlichen Duft, sonst nichts.“
„Woher kommt dann dieser Duft?“ fragte Bau-yü. Schatzjade lächelte: „Was auch immer ich sage, du ziehst sofort solche Vergleiche. Wenn ich dich nicht ein wenig massregle, wirst du es nie lassen. Ab heute kenne ich keine Gnade mehr!“ Er richtete sich auf, hauchte sich zweimal in die Hände und begann, Kajaljade an den Seiten und unter den Achseln zu kitzeln.
„Ich weiß es selber nicht“, erwiderte Dai-yü. „Vielleicht duftet es in der Truhe so, oder die Sachen sind geräuchert worden.“ Kajaljade war von Natur aus äußerst kitzlig. Sobald Schatzjades Hände sie berühürten, wand sie sich vor Lachen und keuchte: „Schatzjade! Wenn du nicht aufhörst, werde ich böse!“
Aber Bau-yü schüttelte den Kopf. „Das ist es bestimmt nicht“, sagte er. „Es duftet so eigenartig wie keine Tabletten, Kügelchen oder Riechbeutel duften.“ Schatzjade hielt inne und fragte lächelnd: „Sagst du noch einmal solche Sachen oder nicht?“
„Ja, kenne ich vielleicht einen heiligen Arhat, der mir Duftstoffe schenken kann?“ fragte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Und wenn ich wirklich einmal etwas Seltenes bekomme, habe ich doch keinen lieben Bruder, der es mir mit Blüten und Knospen, Reif oder Schnee zubereiten würde. Alles, was ich habe, sind nur ganz gewöhnliche Duftstoffe.“ Kajaljade lächelte: „Nie wieder!“ Während sie sich das Haar richtete, sagte sie: „Ich habe seltenen Duft — hast du 'warmen Duft' [暖香]?“
Lächelnd hielt ihr Bau-yü vor: „Mußt du immer wieder damit anfangen, kaum daß ich einen Satz sage? Ich will dir einen Denkzettel geben, damit du es nicht vergißt. Von jetzt an kenne ich keine Gnade mehr!“ Damit richtete er sich auf, hauchte ein paarmal in seine Hände, und dann streckte er sie aus und begann Dai-yü in den Achselhöhlen und unter den Rippen zu kitzeln. Schatzjade verstand nicht und fragte: „Was für ein 'warmer Duft'?“
Kitzlig, wie sie war, bekam Dai-yü vor Lachen kaum Luft und stieß mühsam hervor: „Bau-yü, wenn du nicht aufhörst, werde ich böse!“ Kajaljade schüttelte den Kopf, seufzte und lächelte: „Dummkopf, Dummkopf! Du hast einen Jade-Stein, und prompt hat jemand ein Goldgeschmeide, das dazu passt. Jemand hat 'kalten Duft' [冷香] — und du hast keinen 'warmen Duft' als Gegenstück?“
Lachend hielt Bau-yü damit inne und fragte: „Wirst du noch einmal damit anfangen?“ Da erst verstand Schatzjade die Anspielung auf Schatzspanges goldenes Amulett und ihren 'kalten Duft'. Er lächelte: „Eben noch hast du um Gnade gebeten, und jetzt redest du noch schärfer!“ Er streckte wieder die Hände aus.
„Ich will es nie wieder tun!“ versprach sie lächelnd und brachte ihr Schläfenhaar in Ordnung, um dann fortzufahren: „Ich habe also einen eigenartigen Duft, aber hast du auch einen warmen Duft?“ Kajaljade rief lächelnd: „Lieber Bruder, ich traue mich nicht mehr!“
Bau-yü verstand nicht, was sie damit meinte, und fragte: „Was denn für einen warmen Duft?“ Schatzjade lächelte: „Gut, ich verzeihe dir — aber lass mich deinen Ärmel riechen.“ Er zog ihren Ärmel an sein Gesicht und roch unaufhörlich daran.
Dai-yü nickte lächelnd und sagte dann: „Du Dummkopf! Du hast einen Jade, und jemand anders hat ein Pendant aus Gold dazu. Wenn dieser Jemand einen kalten Duft hat, mußt du dann nicht als Pendant dazu einen warmen Duft haben?“ Kajaljade zog ihre Hand zurück: „Jetzt solltest du aber gehen.“
Jetzt hatte er verstanden, worauf sie anspielte, darum sagte er: „Eben erst mußtest du um Gnade bitten, und jetzt redest du schlimmer als zuvor.“ Und schon streckte er wieder die Hände nach ihr aus. Schatzjade lächelte: „Gehen? Unmöglich! Lass uns hier friedlich liegen und plaudern.“ Er legte sich wieder hin. Kajaljade legte sich ebenfalls hin und bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuch. Schatzjade plapperte dies und das, doch Kajaljade antwortete nicht. Er fragte sie, in welchem Alter sie nach Peking gekommen sei, was sie unterwegs gesehen habe, welche Sehenswürdigkeiten es in Yangzhou gäbe. Kajaljade schwieg beharrlich.
„Liebster Vetter, ich will es nie wieder tun!“ versprach Dai-yü rasch. Schatzjade fürchtete, sie könne vom Schlafen krank werden, und versuchte sie mit einer Geschichte wachzuhalten: „Oh je! In eurem Amtsgebäude von Yangzhou hat sich eine große Begebenheit zugetragen — weißt du davon?“
„Begnadigt ist begnadigt“, sagte Bau-yü, „aber laß mich noch einmal an deinem Ärmel schnuppern!“ Und schon zog er sich den Ärmel über das Gesicht, sog den Duft ein und hörte nicht eher damit auf, bis Dai-yü ihm den Ärmel wegzog und sagte: „Jetzt mußt du aber gehen!“ Kajaljade, die an seinem ernsten Tonfall glaubte, es sei etwas Wirkliches, fragte: „Was denn?“
„Nein“, sagte Bau-yü. „Wir wollen ganz gesittet daliegen und miteinander plaudern!“ Mit diesen Worten legte er sich wieder hin. Schatzjade hielt sein Lachen zurück und fabulierte drauflos: „In Yangzhou gibt es einen Dai-Berg [黛山], auf dem liegt eine Lin-Höhle [林子洞].“
Auch Dai-yü streckte sich wieder auf dem Bett aus, deckte aber ihr Gesicht mit einem Taschentuch zu. Bau-yü versuchte krampfhaft, sie mit allen möglichen Phantastereien zu unterhalten, aber sie reagierte nicht darauf. Also begann er, ihr Fragen zu stellen: Mit wieviel Jahren sie in die Hauptstadt gekommen sei, was sie unterwegs gesehen habe, was es in Yang-dschou für Sehenswürdigkeiten, Sitten und Gebräuche gebe und so weiter. Dai-yü aber antwortete nicht darauf. Kajaljade lächelte: „Das ist schon gelogen — so einen Berg gibt es nicht.“
Aus Furcht, sie könnte einschlafen und sich eine Krankheit zuziehen, entschloß sich Bau-yü, sie anzuführen. „Ach, sag einmal!“, begann er, „weißt du eigentlich von der Sache, die sich bei euch im Amtshaus in Yang-dschou zugetragen hat?“ Schatzjade sagte: „Es gibt unzählige Berge und Gewässer auf der Welt — die kannst du nicht alle kennen. Lass mich erst ausreden, dann kritisiere!“
„Was war denn da?“ erkundigte sich Dai-yü, die an seiner Stimme hörte, daß ihm die Frage wichtig sein mußte und daß er ganz ernsthaft sprach. Kajaljade sagte: „Erzähl weiter.“
Bau-yü verbiß sich das Lachen und flunkerte frisch drauflos: „In Yang-dschou gibt es einen Dai-Berg und in dem Berg eine Höhle, die Lin-Höhle heißt.“ Schatzjade fabulierte: „In der Lin-Höhle lebte eine Schar Ratten-Geister. Am siebten Tag des zwölften Monats nahm die Rattenmutter auf ihrem Thron Platz und verkündete: 'Morgen ist der achte, und alle Leute auf der Welt kochen das Laba-Reisbreiporgridge. In unserer Höhle fehlt es an Früchten — wir müssen die Gelegenheit nutzen und einige rauben!' Sie zog einen Befehlspfeil und sandte eine geschickte kleine Ratte zum Kundschaften. Nach einer Weile kam die Ratte zurück und meldete: 'Ich habe überall Erkundigungen eingeholt — im Tempel am Fuß des Berges gibt es am meisten Reis und Früchte.' Die Rattenmutter fragte: 'Wie viele Sorten Reis? Wie viele Sorten Früchte?' Die kleine Ratte sagte: 'Reis und Bohnen in Hülle und Fülle, nicht zu zählen. Früchte gibt es fünf Sorten: erstens rote Datteln, zweitens Kastanien, drittens Erdnüsse, viertens Wasserkastanien, fünftens Taro.' Die Rattenmutter war hoch erfreut und entsandte sofort Ratten. Eine übernahm den Reis, eine die Bohnen, jede bekam ihren Auftrag. Nur die süsser Taro war noch übrig. Sie zog einen Befehlspfeil und fragte: 'Wer stiehlt den süssen Taro?' Eine winzig kleine, schwächliche Ratte meldete sich: 'Ich möchte den süssen Taro stehlen!' Die Rattenmutter und alle anderen Ratten fanden sie zu klein und schwach und wollten sie nicht schicken. Aber die kleine Ratte sagte: 'Ich bin zwar klein und schwach, doch meine Zauberkräfte sind grenzenlos, meine Zunge gewandt und meine List tief. Ich werde es geschickter anstellen als sie alle.' Die anderen Ratten fragten: 'Wie denn geschickter?' Die kleine Ratte sagte: 'Ich stehle nicht einfach direkt. Ich verwandle mich selbst in einen süssen Taro, rolle mich unter die anderen Taros, und niemand sieht oder hört etwas. Dann transportiere ich sie heimlich mit meiner Teilungskunst ab — Stück für Stück, bis alles fort ist. Ist das nicht geschickter als plumpes Stehlen?' Alle Ratten lobten: 'Wunderbar, wunderbar! Aber wie verwandelst du dich? Zeig es uns erst!' Die kleine Ratte lächelte: 'Nichts leichter als das! Seht her!' Sie schüttelte sich und rief: 'Verwandlung!' — und verwandelte sich in ein bildhüsches, wunderschönes junges Fräulein. Alle Ratten riefen lächelnd: 'Falsch verwandelt, falsch verwandelt! Du solltest dich in eine Frucht verwandeln, nicht in ein Fräulein!' Die kleine Ratte nahm wieder ihre wahre Gestalt an und lächelte: 'Ihr habt eben keine Ahnung! Ihr kennt nur die Frucht namens süssen Taro [香芋], aber wisst ihr nicht, dass die Tochter des Salzsteuer-Inspektors Lin [林] der wahre süsse Jade-Schatz [香玉] ist?'“
„Du lügst ja“, sagte Dai-yü, „von so einem Berg habe ich nie gehört.“ Kajaljade sprang auf, drückte Schatzjade aufs Bett und rief lächelnd: „So ein unverschämter Mund! Ich hab es doch gewusst, dass du mich veralberst!“ Sie kniff ihn, bis Schatzjade um Gnade flehte: „Liebe Schwester, verzeih mir! Ich werde es nie wieder tun! Weil ich deinen Duft gerochen habe, ist mir plötzlich diese Anekdote eingefallen.“
„Es gibt so viele Berge und Flüsse auf der Welt“, erwiderte Bau-yü. „Wie willst du sie alle kennen? Warte mit deinen Einwänden, bis ich fertig bin!“ Kajaljade sagte lächelnd: „Erst beschimpft er einen, und dann nennt er es auch noch 'Anekdote'!“
„Dann erzähl weiter!“ forderte Dai-yü ihn auf. Kaum hatte sie das gesagt, kam Schatzspange[9] herein und fragte lächelnd: „Wer erzählt hier Anekdoten? Ich möchte auch zuhören.“
Also fuhr Bau-yü in seiner Lügengeschichte fort: „In der Lin-Höhle lebte eine Horde Rattengeister. Einmal, am siebenten Tag des zwölften Monats, bestieg der alte Ratterich den Thron, um mit den Seinen Rat zu halten. ‚Morgen‘, sagte er, ‚ist der achte Tag des zwölften Monats, und alle Leute kochen ihren Brei. Wir aber sind mit Reis und Früchten knapp in der Höhle und müßten etwas stehlen gehen!‘ Dann holte er einen Kommandopfeil hervor und schickte eine tüchtige kleine Ratte als Kundschafter aus. Eine Weile später war sie wieder da und berichtete: ‚Ich habe mich überall erkundigt und umgesehen. Am meisten Reis und Früchte gibt es in dem Tempel am Fuße des Berges.‘ ‚Wieviel ist von allem da?‘ wollte der alte Ratterich wissen. ‚Mit Reis und Bohnen sind ganze Speicher gefüllt, so daß man kaum weiß, wieviel es ist‘, sagte die kleine Ratte. ‚Früchte aber gibt es fünferlei: rote Jujuben, Edelkastanien, Erdnüsse, Wassernüsse und süße Taros.‘ Kajaljade bat sie herein und lächelte: „Sieh dir das an! Er hat mich beleidigt und nennt es eine Anekdote!“
Der alte Ratterich freute sich und musterte sogleich seine Horde, um zu sehen, wen er schicken könne. Er griff einen Kommandopfeil und fragte: ‚Wer geht Reis stehlen?‘ Eine Ratte griff nach dem Pfeil und ging los. Er nahm einen zweiten Pfeil und fragte: ‚Wer geht Bohnen stehlen?‘ Eine andere Ratte griff nach dem Pfeil und ging ebenfalls los. So ging es weiter, bis nur noch eine Ratte gebraucht wurde, um süße Taros zu stehlen. Also griff der alte Ratterich wieder einen Kommandopfeil und fragte: ‚Wer geht süße Taros stehlen?‘ Schatzspange lächelte: „Das ist eben unser Bruder Schatzjade — kein Wunder. Er hat so viele Anekdoten im Kopf. Nur leider: Wenn er sie braucht, vergisst er sie. Neulich Nacht bei dem Bananengedicht hätte er sich erinnern sollen — aber was direkt vor ihm lag, fiel ihm nicht ein. Andere froren, und er schwitzte vor Aufregung. Und jetzt hat er plötzlich wieder ein Gedächtnis!“
Da meldete sich eine ganz kleine, schwache Ratte und sagte: ‚Ich gehe!‘ Der alte Ratterich und die übrigen Ratten sahen sie an und meinten, sie werde zu furchtsam, ungeübt und schwach dafür sein, darum wollten sie sie nicht gehen lassen. Aber die kleine Ratte sagte: ‚Ich bin zwar jung an Jahren und schwach an Kräften, aber meine magischen Fähigkeiten sind unbegrenzt, mein Mund ist schlagfertig, und meine List ist tiefgründig. Wenn ich gehen darf, werde ich noch raffinierter stehlen als die andern!‘ Kajaljade sagte lächelnd: „Amitabha Buddha! Endlich kommt auch meine liebe Schwester mal dran! Wie man sieht: Es gibt Vergeltung auf der Welt, und sie ist präzise wie eine Waage!“
‚Wie willst du das anstellen?‘ fragten alle sofort. ‚Ich werde nicht einfach stehlen, wie die andern es tun‘, sagte die kleine Ratte. ‚Ich schüttle mich und verwandle mich dabei in einen Taro. Wenn ich mich dann unter die andern Taros mische, kann mich kein Mensch erkennen. Dann vervielfache ich mich und trage die Taros weg, bis sie alle sind. Ist das nicht raffinierter als einfaches Stehlen?‘‚Tatsächlich!‘sagten die andern Ratten. ‚Aber wie machst du das, wenn du dich verwandelst? Führ es uns einmal vor!‘‚Das ist nicht schwer‘, sagte die kleine Ratte. ‚Paßt auf!‘ Damit schüttelte sie sich und sagte: ‚Ich will verwandelt sein!‘, und schon verwandelte sie sich in ein wunderschönes junges Fräulein. Gerade als sie dies sagte, hörte man aus Schatzjades Zimmer lautes Geschrei und Gezanke. Was war geschehen?
‚Du hast es falsch gemacht!‘ riefen die andern Ratten lachend aus. ‚Du hast doch gesagt, du willst dich in einen süßen Taro verwandeln, warum hast du dich da in ein junges Fräulein verwandelt?‘ Die kleine Ratte verwandelte sich wieder zurück und sagte schmunzelnd: ‚Ihr habt ja keine Ahnung! Ihr wißt nur, daß Taros süß sind, aber daß das süßeste Früchtchen die Tochter des Salzinspektors Lin ist, wißt ihr nicht!‘“ [Ende des neunzehnten Kapitels]
Als Dai-yü das hörte, drehte sie sich um, richtete sich auf und drückte Bau-yü aufs Bett nieder. „Warte, du Lügenmaul! Wußte ich doch, daß du mich anführst!“ Und damit kniff sie ihn, bis Bau-yü bat: „Kusinchen, hab Gnade mit mir! Ich will es nie wieder tun! Mir ist diese Stelle aus den Klassikern eingefallen, als ich deinen süßen Duft gerochen habe.“ == Anmerkungen ==
„Was?“ sagte Dai-yü. „Du beschimpfst mich einfach, und dann behauptest du noch, das sei eine Stelle aus den Klassikern?“
  1. Urfrühling (元春, Yuánchūn) – Kaiserliche Konkubine, älteste Schwester von Schatzjade.
  2. Aufrecht Kaufmann (贾政, Jiǎ Zhèng) – Vater von Schatzjade.
  3. Phönixglanz (王熙凤, Wáng Xīfèng) – Verwalterin des Haushalts der Kaufmann-Familie.
  4. Schatzjade (贾宝玉, Jiǎ Bǎoyù) – Protagonist des Romans.
  5. Dufthauch (袭人, Xīrén) – Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Herzoginmutter (贾母, Jiǎ Mǔ) – Großmutter von Schatzjade.
  7. Edelperle Kaufmann (贾珍, Jiǎ Zhēn) – Oberhaupt des Ning-Guo-Zweigs.
  8. Kajaljade (林黛玉, Lín Dàiyù) – Cousine und Seelenverwandte von Schatzjade.
  9. Schatzspange (薛宝钗, Xuē Bǎochāi) – Cousine von Schatzjade.
Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da trat Bau-tschai herein und fragte: „Wer zitiert hier aus den Klassikern? Das möchte ich auch hören!“
Rasch bot ihr Dai-yü einen Platz an und sagte lächelnd: „Da schau ihn dir an! Erst hat er mich beschimpft, und jetzt behauptet er, das sei aus den Klassikern.“
„Ach, Vetter Bau-yü war das!“ sagte Bau-tschai. „Kein Wunder! Er steckt ja voller klassischer Zitate. Schade ist nur das eine, daß er sie nämlich immer dann gerade vergißt, wenn er sie benutzen müßte. Heute fällt ihm etwas ein, aber als er neulich in der Nacht ein Gedicht über Bananenblätter brauchte, ist er auf das nächstliegende nicht gekommen. Allen andern war kalt, aber er hat sogar geschwitzt vor Aufregung. Heute ist ihm also das Gedächtnis wiedergekommen!“
„Buddha Amitabha!“ lachte Dai-yü. „Du bist wirklich meine gute Kusine. Jetzt hat er seinen Gegner gefunden, und es wird ihm nichts geschenkt. Alles trifft genau ins Schwarze.“
Als sie das eben sagte, war aus Bau-yüs Zimmer plötzlich Lärm und Geschrei zu hören.

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