Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 30
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Kapitel 30: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 30.Bau-tschai nimmt einen Fächer zum Vorwand, um durch Scharfsinn einen Doppeltreffer zu erzielen; Ling-guan schreibt Zeichen in den Sand, und die Torheit übersteigt alle Grenzen. | Kapitel 30 宝钗借扇机带双敲 龄官划蔷痴及局外 Schatzspange nutzt einen Fächer als Anlass für doppeldeutige Seitenhiebe — Chunling malt das Zeichen „Rose" und wird selbst zur Betörten |
| Dai-yü bereute es also ebenfalls, sich mit Bau-yü gezankt zu haben, aber da sie keinen Grund hatte, ihm nachzugeben, war sie Tag und Nacht in gedrückter Stimmung, als ob sie etwas verloren hätte. Dsï-djüan konnte sich denken, wie ihr zumute war, deshalb redete sie ihr zu: „Wenn man sich die Sache von gestern durch den Kopf gehen läßt, ist es wohl so, daß Ihr etwas leichtfertig wart, Fräulein. Denn wenn sonst niemand Bau-yüs Temperament kennt, wir kennen es. Schließlich hat er sich nicht erst ein oder zwei Mal seines Jadesteins wegen aufgeregt.“ | Es wird erzählt, dass Kajaljade[1] es ebenfalls bereute, sich mit Schatzjade[2] gezankt zu haben, doch fand sie keinen Grund, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. So grübelte sie Tag und Nacht in gedrückter Stimmung, als hätte sie etwas verloren. Purpurkuckuck[3] erriet ihre Gedanken und redete ihr zu: „Was den Vorfall neulich betrifft, so wart Ihr diesmal wirklich etwas zu aufbrausend, Fräulein. Wenn auch andere Schatzjades Temperament nicht kennen mögen — wir kennen es doch! Schließlich hat es wegen dieses Jadesteins nicht erst ein- oder zweimal Aufruhr gegeben." |
| „Ha!“ schnaubte Dai-yü, „wirfst du mir in anderer Leute Namen Fehler vor? Inwiefern war ich leichtfertig?“ | Kajaljade schnaubte verächtlich: „Da wirfst du mir im Namen anderer Leute Fehler vor! Inwiefern war ich aufbrausend?" |
| „Wieso mußtet Ihr grundlos die Quaste zerschneiden?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Stimmt es etwa nicht, daß Bau-yü nur zu drei Zehnteln im Unrecht war, während die restlichen sieben Zehntel Euch anzulasten sind? Mir scheint, Bau-yü ist immer sehr lieb zu Euch, und nur weil Ihr so aufbrausend seid und ihm ständig ungerechtfertigte Vorhaltungen macht, ist es so gekommen.“ | Purpurkuckuck erwiderte lächelnd: „Was musste denn die Quaste zerschnitten werden, ohne jeden Grund? Ist es denn nicht so, dass Schatzjade nur zu drei Zehnteln im Unrecht war, während sieben Zehntel Euch anzulasten sind? Ich finde, er ist stets gut zu Euch, doch weil Ihr so empfindlich seid und ihm ständig ungerechtfertigte Vorhaltungen macht, ist es so gekommen." |
| Gerade als Dai-yü etwas erwidern wollte, begann am Hoftor jemand zu rufen, man solle öffnen. Dsï-djüan lauschte kurz, dann sagte sie lächelnd: „Es ist Bau-yüs Stimme. Sicher kommt er sich entschuldigen!“ | Gerade als Kajaljade erwidern wollte, hörte man draußen am Hoftor jemanden rufen und um Einlass bitten. Purpurkuckuck lauschte einen Moment und sagte lächelnd: „Das ist Schatzjades Stimme. Er kommt sicher, um sich zu entschuldigen." |
| „Du darfst ihm nicht aufmachen!“ befahl Dai-yü. | Kajaljade befahl: „Du darfst ihm nicht öffnen!" |
| „Schon wieder verhaltet Ihr Euch nicht recht, Fräulein“, warf Dsï-djüan ihr vor. „An so einem heißen Tag wollt Ihr ihn wohl in der sengenden Sonne umkommen lassen?“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und öffnete das Hoftor. Tatsächlich stand draußen Bau-yü, und während sie ihn einließ, sagte sie lächelnd: „Ich hatte glaubte schon, Ihr kämt nicht mehr zu uns, junger Herr, und nun seid ihr doch hier!“ | Purpurkuckuck wandte ein: „Da verhaltet Ihr Euch wieder nicht recht, Fräulein. Bei dieser Hitze und dieser sengenden Sonne — wenn er sich einen Hitzschlag holt, wer trägt dann die Verantwortung?" Während sie noch sprach, ging sie schon hinaus und öffnete das Tor. Tatsächlich war es Schatzjade. Während sie ihn hereinließ, sagte sie lächelnd: „Ich dachte schon, der junge Herr würde unsere Schwelle nie wieder betreten, und nun seid Ihr doch hier!" |
| „Müßt ihr jede Kleinigkeit dermaßen aufbauschen?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Warum sollte ich nicht mehr kommen? Selbst nach meinem Tod noch wird mein Geist hundertmal am Tag hierher kommen. Ist meine Kusine wieder gesund?“ | Schatzjade entgegnete lächelnd: „Ihr macht aus einer Mücke einen Elefanten! Warum sollte ich denn nicht kommen? Selbst nach meinem Tod wird mein Geist hundertmal am Tag hierherkommen. Geht es meiner Kusine wieder besser?" |
| „Körperlich ist sie gesund“, berichtete Dsï-djüan, „ihre Stimmung aber ist nicht so gut.“ | Purpurkuckuck antwortete: „Körperlich geht es ihr besser, aber im Herzen ist sie noch verstimmt." |
| „Ich weiß, was ihr fehlt“, sagte Bau-yü lächelnd und trat ins Haus, wo er Dai-yü weinend auf dem Bett vorfand. Dabei hatte sie erst nicht geweint, doch als sie hörte, daß Bau-yü kam, war sie unversehens von Schmerz überwältigt worden und konnte die Tränen nicht zurückhalten. | Schatzjade sagte lächelnd: „Ich weiß schon, was sie bedrückt." Während er noch sprach, betrat er das Zimmer und sah Kajaljade wieder weinend auf dem Bett liegen. |
| Lächelnd trat Bau-yü an ihr Bett und fragte: „Bist du wieder gesund, Kusinchen?“ | Dabei hatte Kajaljade zunächst gar nicht geweint, doch als sie hörte, dass Schatzjade kam, wurde sie unwillkürlich von Schmerz überwältigt und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Schatzjade ging lächelnd auf das Bett zu und fragte: „Geht es dir wieder besser, Kusinchen?" |
| Anstatt zu antworten, wischte sich Dai-yü nur die Tränen ab, und so setzte sich Bau-yü dicht neben sie auf die Bettkante und sagte lächelnd: „Ich weiß ja, du bist mir nicht böse. Aber wenn ich nicht herkommen würde und die anderen das merkten, werden sie glauben, wir seien wieder einmal verzankt. Und wenn sie kommen, um uns miteinander zu versöhnen, sieht es dann aus, als wollten wir einander nicht mehr kennen. Darum ist es das Beste, du machst jetzt mit mir, was du willst, schlägst mich oder schiltst mich, bloß abweisen darfst du mich nicht!“ Und er nannte sie tausend und zehntausend Mal „liebstes Kusinchen“. | Kajaljade wischte sich nur die Tränen ab, ohne zu antworten. Da setzte sich Schatzjade dicht an die Bettkante und sagte lächelnd: „Ich weiß ja, dass du mir nicht böse bist. Aber wenn ich nicht herkäme, würden es die anderen bemerken, und es sähe aus, als hätten wir uns wieder gestritten. Und wenn sie dann kämen, um uns zu versöhnen — wäre das nicht so, als wären wir einander fremd geworden? Lieber lasse ich jetzt alles über mich ergehen: Du kannst mich schlagen oder schelten, ganz wie du willst — nur ignoriere mich nicht!" Und er rief sie tausend- und zehntausendmal „liebes Kusinchen". |
| Eigentlich hatte sich Dai-yü vorgenommen, Bau-yü einfach nicht mehr zu beachten, aber als er jetzt sagte, niemand solle erfahren, daß sie verzankt seien, damit es nicht so aussah, als ob sie einander nicht mehr kennen wollten, verstand sie, daß sie ihm doch lieber war als irgend jemand sonst, und darum vermochte sie sich nicht zu bezähmen und sagte unter Tränen: „Du mußt mich nicht zum Narren halten! In Zukunft werde ich gewiß nicht mehr wagen, mich dem jungen Herrn zu nähern. Der junge Herr möge nur annehmen, ich sei gegangen.“ | Im Herzen hatte Kajaljade sich fest vorgenommen, Schatzjade keines Blickes mehr zu würdigen. Doch als er nun sagte, niemand solle merken, dass sie sich gestritten hätten, weil es sonst so aussähe, als seien sie einander fremd geworden — da erkannte sie darin, dass er sie doch inniger liebte als alle anderen. So konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und sagte unter Tränen: „Du brauchst mir nicht schönzutun! Von nun an werde ich es nicht mehr wagen, mich dem jungen Herrn zu nähern, und der junge Herr möge einfach annehmen, ich sei fort." |
| „Wohin willst du gehen?“ fragte Bau-yü lächelnd. | Schatzjade fragte lächelnd: „Wohin willst du denn gehen?" |
| „Nach Hause“, sagte Dai-yü. | Kajaljade sagte: „Ich gehe nach Hause." |
| „Dann folge ich dir!“ verkündete Bau-yü. | Schatzjade erwiderte lächelnd: „Dann folge ich dir!" |
| „Und wenn ich sterbe?“ fragte Dai-yü. | Kajaljade sagte: „Und wenn ich sterbe?" |
| „Wenn du stirbst, werde ich Mönch“, erklärte Bau-yü. | Schatzjade antwortete: „Wenn du stirbst, werde ich Mönch!" |
| Sofort machte Dai-yü ein böses Gesicht und sagte: „Und ich dachte, dann wolltest du auch sterben! Was für einen Unsinn du redest! Schließlich hast du mehrere Schwestern und Kusinen im Haus. Was ist, wenn sie nun alle sterben? Wie viele Körper hast du denn, um so oft Mönch zu werden? Morgen werde ich es allen erzählen, dann wollen wir hören, was sie dazu sagen!“ | Kaum hatte Kajaljade diese Worte vernommen, veränderte sich ihre Miene schlagartig. Sie fragte: „Was redest du da für einen Unsinn! Willst du etwa selbst sterben? Du hast doch mehrere leibliche Schwestern und Kusinen im Haus — wenn die alle sterben, wie viele Körper hast du dann, um so oft Mönch zu werden? Morgen werde ich das allen erzählen und sie darüber urteilen lassen!" |
| Bau-yü erkannte, daß seine Worte unüberlegt gewesen waren. Aber die Reue kam zu spät. Er lief rot an, ließ den Kopf hängen und sagte keinen Ton mehr. Glücklicherweise war niemand weiter im Zimmer. | Schatzjade erkannte, dass seine Worte unüberlegt gewesen waren. Doch die Reue kam zu spät. Er lief rot an, ließ den Kopf hängen und wagte keinen Ton mehr zu sagen. Zum Glück war niemand sonst im Zimmer. |
| Lange starrte Dai-yü ihn unverwandt an und brachte vor Zorn kein Wort über die Lippen. Als sie sah, daß er vor verhaltenem Ärger schon blau im Gesicht wurde, biß sie die Zähne zusammen und bohrte ihm heftig den Finger in die Stirn. Zähneknirschend stieß sie hervor: „Du...“ Dann mußte sie seufzen und hob wieder das Taschentuch, um sich die Tränen wegzuwischen. | Kajaljade starrte ihn lange unverwandt an und brachte vor Zorn kein Wort heraus. Als sie sah, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg und er schon ganz blau anlief, biss sie die Zähne zusammen und bohrte ihm mit aller Kraft den Finger in die Stirn. „Hmm!", machte sie, dann stieß sie zähneknirschend hervor: „Du bist wirklich —" Doch kaum hatte sie diese zwei Worte gesagt, seufzte sie nur und griff wieder zum Taschentuch, um sich die Tränen abzuwischen. |
| Bau-yü hatte so viel auf dem Herzen gehabt, worüber er sprechen wollte, und dann hatte er etwas Unbedachtes gesagt. Während ihn noch die Reue darüber quälte, stieß ihm Dai-yü den Finger vor die Stirn, wollte etwas sagen und konnte es nicht. Statt dessen seufzte und weinte sie. Unwillkürlich begannen auch ihm vor Rührung die Tränen zu fließen. Er wollte sie mit dem Taschentuch abwischen, aber da merkte er, daß er wieder einmal vergessen hatte, eines einzustecken, und so nahm er den Ärmel. | Schatzjade hatte unendlich viel auf dem Herzen, und dann hatte er noch etwas Unbedachtes gesagt und bereute es zutiefst. Als Kajaljade ihm auch noch den Finger in die Stirn bohrte und etwas sagen wollte, es aber nicht konnte, sondern nur seufzte und weinte — da wurde auch er von Rührung überwältigt, und unwillkürlich rollten ihm die Tränen über die Wangen. Er wollte nach einem Taschentuch greifen, stellte aber fest, dass er wieder einmal vergessen hatte, eines einzustecken, und wischte sich die Augen mit dem Ärmel ab. |
| Dai-yü weinte zwar, aber sie hatte nicht übersehen, daß Bau-yü ein nagelneues Gewand aus lila Seidengaze trug, und damit wischte er sich jetzt die Tränen ab! So wischte sie sich zunächst selbst die Tränen ab, wandte sich dann nach einem seidenen Tuch um, das neben ihrem Kopfkissen lag, und warf es Bau-yü an die Brust. Ohne ein Wort zu sagen, verdeckte sie dann ihr Gesicht und hörte nicht auf zu weinen. | Obwohl Kajaljade weinte, hatte sie doch mit einem Blick bemerkt, dass Schatzjade ein nagelneues Gewand aus lotusfarbenem Seidengaze trug und sich damit die Tränen abwischte. Sie wischte sich selbst die Tränen ab, wandte sich um, nahm ein seidenes Tuch, das neben ihrem Kopfkissen lag, und warf es Schatzjade an die Brust, ohne ein Wort zu sagen. Dann bedeckte sie wieder ihr Gesicht und weinte weiter. |
| Bau-yü griff schnell nach dem Tuch und wischte sich die Tränen ab, dann rückte er näher an Dai-yü heran, faßte sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Alle meine fünf Eingeweide sind schon zerrissen, aber du weinst immer weiter. Komm, wir gehen zur alten gnädigen Frau!“ | Schatzjade fing das Tuch auf, wischte sich die Tränen ab, rückte noch näher heran, ergriff Kajaljades Hand und sagte lächelnd: „Mir zerreißt es schon alle fünf Eingeweide [Anm.: Herz, Leber, Milz, Lunge, Nieren — ein Ausdruck tiefen Herzeleids], und du weinst immer noch. Komm, lass uns zusammen zur Herzoginmutter gehen!" |
| Dai-yü schüttelte seine Hand ab und sagte: „Was gibt es da zu zerren? Du wirst immer älter, und trotzdem bist du so unverschämt und weißt nicht, was sich gehört.“ | Kajaljade entzog ihm ihre Hand und sagte: „Was soll das Händezerren! Du wirst von Tag zu Tag älter und bist trotzdem so dreist und unverschämt und weißt nicht, was sich gehört!" |
| Das hatte sie kaum ausgesprochen, als plötzlich jemand rief: „Das ist aber fein!“ | Kaum hatte sie den Satz beendet, rief plötzlich jemand: „Das ist aber fein!" |
| Bau-yü und Dai-yü, die darauf nicht gefaßt waren, fuhren vor Schreck zusammen. Als sie sich umsahen, erblickten sie Hsi-fëng, die ins Zimmer gestürmt kam und lächelnd zu ihnen sagte: „Die alte gnädige Frau hadert drüben mit Himmel und Erde und befiehlt mir in einem fort nachzusehen, ob ihr euch wieder vertragen habt. Ich sage, da brauche ich gar nicht nachzusehen, in weniger als drei Tagen vertragen sie sich ganz von selbst. Aber da schilt mich die alte gnädige Frau und sagt, ich sei faul. Und nun, wo ich hier bin, stimmt es tatsächlich, was ich gesagt habe! | Schatzjade und Kajaljade, die darauf nicht gefasst waren, fuhren vor Schreck zusammen. Als sie sich umwandten, sahen sie Phönixglanz[4], die hereingesprungen kam und lächelnd sagte: „Die Herzoginmutter hadert drüben mit Himmel und Erde und schickt mich ständig her, um nachzusehen, ob ihr euch wieder vertragen habt. Ich habe gesagt: ‚Dazu brauche ich gar nicht hinzugehen, in weniger als drei Tagen vertragen sie sich von selbst.' Aber die Herzoginmutter hat mich ausgescholten und gesagt, ich sei faul. Nun bin ich da, und tatsächlich hat sich bestätigt, was ich gesagt habe! Ich weiß wirklich nicht, was ihr beide immer zu zanken habt — drei Tage seid ihr euch gut, und zwei Tage seid ihr euch böse. Je älter ihr werdet, desto kindischer werdet ihr! Wenn ihr jetzt Hand in Hand weint, warum musstet ihr dann gestern wie die Kampfhähne aufeinander losgehen? Und jetzt komm mit mir zur Herzoginmutter, damit die alte Dame sich wieder beruhigen kann!" Damit fasste sie Kajaljade bei der Hand und zog sie mit sich. |
| Ich weiß gar nicht, was ihr beide zu zanken habt! Drei Tage seid ihr euch gut, und zwei Tage seid ihr euch böse. Je größer ihr werdet, desto kindischer werdet ihr auch. Wenn ihr jetzt Hand in Hand weint, warum mußtet ihr dann gestern wie die Kampfhähne zueinander sein? Marsch, ab mit dir zur alten gnädigen Frau, damit sie sich wieder beruhigt!“ Damit faßte sie Dai-yü bei der Hand und wollte gehen. | Kajaljade wandte sich um und rief nach ihren Dienerinnen, doch keine war da. Phönixglanz sagte: „Wozu brauchst du die? Ich bin ja da, um dich zu bedienen!" Und schon ging sie los und zog Kajaljade mit sich. Schatzjade folgte ihnen. So verließen sie den Garten und kamen zur Herzoginmutter. |
| Dai-yü wandte sich um und rief nach ihren Sklavenmädchen, aber keines von ihnen war da. „Wozu rufst du nach ihnen?“ fragte Hsi-fëng. „Ich bin ja zu deiner Bedienung hier.“ Und schon ging sie los und zog Dai-yü mit sich, Bau-yü aber ging hinterher. So verließen sie den Garten und gingen zur Herzoginmutter. | Dort berichtete Phönixglanz lächelnd: „Habe ich nicht gesagt, man brauche sich um die beiden keine Sorgen zu machen, sie würden sich ganz von selbst wieder vertragen? Aber Ihr, ehrwürdige Ahnin, wolltet das nicht glauben und habt mir unbedingt befohlen, hinzugehen und sie zu versöhnen. Als ich dann ankam und vermitteln wollte, saßen die beiden schon beieinander und baten sich gegenseitig um Verzeihung. Lachend und weinend zugleich haben sie aufeinander eingeredet — es war wie bei dem Sprichwort vom ‚Habicht, der den Sperber am Bein gepackt hat' [Anm.: 黄鹰抓住了鹞子的脚, ein Sprichwort für zwei, die sich so ineinander verkeilt haben, dass keiner loslassen kann]: Beide haben sich so verhakt, dass keiner mehr loskam. Da brauchte es wirklich niemanden mehr zur Versöhnung!" Alle im Zimmer brachen in Gelächter aus. |
| Dort berichtete Hsi-fëng lächelnd: „Habe ich nicht gesagt, man brauche sich keine Sorgen um die beiden zu machen, sie würden sich ganz von selbst wieder vertragen? Ihr jedoch, alte Ahne, wolltet das nicht wahrhaben und mußtet mir unbedingt befehlen, hinzugehen und sie zu versöhnen. Aber als ich ankam und sie versöhnen wollte, saßen sie schon beieinander, baten sich gegenseitig um Verzeihung und machten einander lachend Vorwürfe. So eng haben sie beieinander gehockt, daß es aussah, als hielte ein Habicht einen Sperber am Bein gepackt. Was brauchen sie da noch jemand, der sie versöhnt!“ | Schatzspange[5] war gerade anwesend. Kajaljade setzte sich wortlos neben die Herzoginmutter. Schatzjade, dem nichts einfiel, was er sagen konnte, wandte sich lächelnd an Schatzspange: „Gerade ist der große Festtag meines älteren Vetters, und ausgerechnet da bin ich krank. Ich habe ihm nicht einmal ein Geschenk schicken können, geschweige denn meinen Stirnaufschlag vor ihm machen. Er weiß nicht, dass ich krank bin, und denkt vielleicht, ich sei zu faul gewesen und hätte mich nur herausreden wollen, um nicht kommen zu müssen. Falls er mir böse sein sollte, erkläre es ihm bitte, Schwester!" |
| Alles brach über die Worte in Lachen aus. | Schatzspange erwiderte lächelnd: „Da machst du dir zu viele Gedanken. Selbst wenn du hingegangen wärst, hätte man es nicht gewagt, dich zu behelligen, um wieviel mehr gilt das, wenn du krank bist. Vettern, die täglich zusammen sind — wenn man sich da solche Sorgen machte, wäre es ja, als behandle man einander wie Fremde." |
| Da auch Bau-tschai im Zimmer war, setzte sich Dai-yü, ohne ein Wort zu sagen, dicht neben die Herzoginmutter. Bau-yü aber, der nicht wußte, was er sagen sollte, wandte sich an Bau-tschai und bemerkte: „Heute hat dein Bruder seinen großen Tag, und ausgerechnet da muß ich mich nicht wohl fühlen! Ich habe ihm weiter nichts geschenkt, und nun kann ich nicht einmal meinen Stirnaufschlag vor ihm machen. Dein Bruder weiß nicht, daß ich krank bin, und denkt vielleicht, ich sei zu bequem und hätte nur eine Ausrede gesucht, damit ich nicht zu kommen brauche. Falls er mir böse ist, mußt du ihm das erklären!“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn du Verständnis für mich hast, bin ich beruhigt." Dann fragte er: „Warum bist du nicht bei der Theatervorführung geblieben?" |
| „Das ist übertriebene Sorge von dir“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Auch wenn du hingehen könntest, würde es niemand wagen, dich zu belästigen, um wieviel mehr gilt das, wenn du krank bist. Wenn sich Vettern, die tagtäglich zusammen sind, solche Gedanken machen wollten, wäre das ja, als ob sie einander wie Fremde behandelten.“ | Schatzspange antwortete: „Ich vertrage die Hitze schlecht. Ich habe mir zwei Szenen angesehen, dann war es mir zu heiß, und ich wollte gehen. Aber da die Gäste noch nicht aufbrachen, blieb mir nichts anderes übrig, als vorzugeben, ich fühlte mich nicht wohl, und hierherzukommen." |
| „Wenn du Bescheid weißt und mir nachfühlen kannst, bin ich beruhigt“, sagte Bau-yü lächelnd. Dann erkundigte er sich: „Warum siehst du dir die Theatervorführung nicht an?“ | Als Schatzjade das hörte, war ihm unwillkürlich etwas peinlich zumute, und er versuchte lächelnd abzulenken: „Kein Wunder, dass man dich mit der Yang Guifei [Anm.: 杨贵妃, Yang Yuhuan, die legendär schöne und wohlbeleibte Lieblingskonkubine des Tang-Kaisers Xuanzong] vergleicht — auch du bist so wohlgerundet und hitzeempfindlich." |
| „Ich habe Angst vor der Hitze“, gab Bau-tschai Auskunft. „Zwei Szenen habe ich mir angesehen, dann wurde es mir zu heiß, und ich wollte gehen. Aber da auch die Gäste noch nicht gingen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Ausrede zu suchen und zu sagen, ich fühlte mich nicht wohl. So bin ich hierher gekommen.“ | Als Schatzspange diese Worte hörte, wurde sie so zornig, dass sie Schatzjade am liebsten gehörig zurechtgewiesen hätte — doch das schickte sich nicht. Sie überlegte kurz, lief rot an und sagte dann mit eisigem Lachen: „Ich mag ja der Yang Guifei gleichen — nur fehlt mir leider ein passender Vetter, der den Yang Guozhong [Anm.: 杨国忠, der berüchtigte Cousin der Yang Guifei, der dank ihrer Gunst zum Kanzler aufstieg] spielen könnte!" |
| Beschämt von diesen Worten, versuchte Bau-yü lächelnd abzulenken. „Kein Wunder, daß man dich mit der Yang Guee-fee vergleicht“, sagte er. „Die war auch so mollig und gegen Hitze empfindlich.“ | Während die beiden noch miteinander sprachen, kam zufällig das kleine Dienstmädchen Indigo [靛儿], die ihren Fächer vermisste, und sagte lächelnd zu Schatzspange: „Bestimmt hat das Fräulein Schnee meinen Fächer versteckt! Gebt ihn mir bitte wieder, liebes Fräulein!" |
| Als Bau-tschai das hörte, wurde sie zornig und hätte Bau-yü gern etwas Passendes erwidert. Aber da das schlecht anging, dachte sie kurz nach, errötete und sagte dann mit höhnischem Lachen: „Gewiß doch, nur fehlt mir der rechte Vetter als Yang Guo-dschung!“ | Schatzspange wies mit dem Finger auf sie und sagte: „Nimm dich in Acht! Habe ich je solche Scherze mit dir getrieben, dass du mich verdächtigst? Geh lieber zu den Fräulein, die sonst immer Spaß mit dir treiben — bei denen solltest du nachfragen!" Das verschreckte Indigo, die davonlief. |
| Während die beiden so miteinander sprachen, vermißte das kleine Sklavenmädchen Diän-örl seinen Fächer und sagte nun lächelnd zu Bau-tschai: „Bestimmt habt Ihr ihn versteckt! Gebt ihn mir wieder, liebes Fräulein!“ | Schatzjade erkannte, dass er schon wieder etwas Unbedachtes gesagt hatte, und in Gegenwart so vieler Leute war ihm das noch peinlicher als vorhin bei Kajaljade. So wandte er sich hastig ab und suchte anderswo Unterhaltung. |
| „Sei vorsichtig, du!“ sagte Bau-tschai und wies mit dem Finger auf sie. „Mache ich solche Scherze mit dir, daß du mich verdächtigen mußt? Mit so etwas gehst du besser zu den Fräulein, die sich stets leichtfertig dir gegenüber betragen!“ | Kajaljade hatte mit Genugtuung gehört, wie Schatzjade Schatzspange beschämte, und wollte gerade die Gelegenheit nutzen, um ebenfalls einen spöttischen Kommentar loszuwerden. Doch da kam Indigo wegen des Fächers dazwischen, und nach Schatzspanges scharfer Erwiderung änderte Kajaljade rasch ihren Tonfall und fragte lächelnd: „Schwester Schatzspange, was für Szenen hast du dir angesehen?" |
| Erschrocken über diese Worte, lief Diän-örl hinaus. Bau-yü aber erkannte, daß er schon wieder etwas Unbedachtes gesagt hatte, und in Gegenwart so vieler Zeugen war das natürlich peinlicher als vorhin bei Dai-yü. So wandte er sich rasch um und unterhielt sich zur Ablenkung mit den anderen. | Schatzspange, die Kajaljades zufriedenen Gesichtsausdruck bemerkt hatte — zweifellos hatte sie Schatzjades Kränkung mitbekommen, und nun freute sie sich darüber —, antwortete lächelnd: „Ich habe gesehen, wie Li Kui [Anm.: 李逵, der unbändige Held aus dem Roman ‚Die Räuber vom Liangshanmoor'] den Song Jiang beschimpfte und sich hinterher bei ihm entschuldigte." |
| Dai-yü hatte es gut getan zu hören, wie Bau-tschai von Bau-yü beschämt wurde, und sie hatte schon eine Bemerkung auf der Zunge, mit der sie die Situation ausnutzen wollte, um sich ebenfalls über Bau-tschai lustig zu machen, aber da kam Diän-örl mit ihrem Fächer dazwischen, und nach Bau-tschais Erwiderung fragte sie statt dessen rasch mit einem Lächeln: „Was waren das für Theaterszenen, die du gesehen hast, Kusine Bau-tschai?“ | Schatzjade lachte und sagte: „Du bist doch bewandert in der Literatur von Altertum und Gegenwart und weißt über alles Bescheid — wie kommt es, dass du den Namen dieses Stücks nicht kennst und es uns stattdessen so umständlich schilderst? Es heißt ‚Reumütige Entschuldigung' [Anm.: 负荆请罪, wörtlich ‚Dornenruten auf dem Rücken tragend um Verzeihung bitten', ein Stück über Lian Po und Lin Xiangru aus der Zeit der Streitenden Reiche]." |
| Bau-tschai, die den zufriedenen Ausdruck in Dai-yüs Gesicht bemerkte, sagte sich, daß sie bestimmt gehört hatte, wie sie eben von Bau-yü geschmäht worden war, und sich nun darüber freute, deshalb antwortete sie lächelnd: „Ich habe gesehen, wie Li Guee erst Sung Djiang beschimpfte und ihn dann um Verzeihung bat.“ | Schatzspange erwiderte lächelnd: „Ach so, ‚Reumütige Entschuldigung' heißt es! Ihr seid es ja, die mit der Literatur aus alter und neuer Zeit vertraut sind — da müsst ihr natürlich wissen, was eine ‚reumütige Entschuldigung' ist. Ich dagegen weiß nicht, was das ist!" |
| Ebenfalls lächelnd, schaltete Bau-yü sich ein. „Da bist du nun mit der Literatur aus alter und neuer Zeit bestens vertraut, weißt über alles und jedes Bescheid“, sagte er, „aber von diesem Theaterstück kennst du den Namen nicht und mußt es uns statt dessen umständlich erläutern. ‚Reumütige Entschuldigung‘ heißt es.“ | Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wurde es Schatzjade und Kajaljade schon heiß und kalt, denn beide hatten ein schlechtes Gewissen [Anm.: Schatzspange spielt damit auf den Streit zwischen Schatzjade und Kajaljade an, der einer ‚reumütigen Entschuldigung' bedurfte], und als das letzte Wort verklang, waren sie beide schon schamrot geworden. |
| „So?“ fragte Bau-tschai. „‚Reumütige Entschuldigung‘ heißt es? Ihr seid es, die alles und jedes kennen, da müßt ihr natürlich wissen, was eine reumütige Entschuldigung ist. Ich weiß nicht, was das ist.“ | Phönixglanz verstand zwar von solchen literarischen Anspielungen nichts, doch als sie die verlegenen Mienen der drei beobachtete, begriff sie den Zusammenhang und fragte lächelnd in die Runde: „Wer von euch hat denn bei dieser Sommerhitze frischen Ingwer gegessen?" Niemand verstand, was sie meinte, und alle sagten: „Wir nicht." Da legte Phönixglanz absichtlich verwundert die Hand an die Wange und sagte: „Wenn niemand frischen Ingwer gegessen hat, woher kommt dann diese Schärfe, die hier in der Luft liegt?" [Anm.: 辣 (là) bedeutet sowohl „scharf" als auch „beißend/stechend"; Phönixglanz spielt darauf an, dass Schatzspanges Worte „scharf" wie Ingwer waren] |
| Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wurde Bau-yü und Dai-yü schon beklommen ums Herz, und als das letzte Wort eben verklang, waren sie beide schamrot geworden. | Als Schatzjade und Kajaljade das hörten, wurde ihnen erst recht unbehaglich. Schatzspange hatte eigentlich noch etwas sagen wollen, doch als sie Schatzjades beschämtes, verändertes Gesicht sah, ließ sie es lieber bleiben und lachte nur noch. Die übrigen Anwesenden hatten sowieso nichts von dem verstanden, was die vier gesagt hatten, und ließen es an sich vorbeirauschen. |
| Hsi-fëng konnte in diesen Dingen zwar nicht mitreden, aber der Anblick, den die drei boten, sagte ihr genug. Lächelnd fragte sie jetzt: „Wer von euch hat denn an so einem heißen Tag auch noch frischen Ingwer gegessen?“ Niemand verstand, was sie meinte, und so sagte jeder: „Ich nicht.“ Scheinbar ratlos legte Hsi-fëng die Hand an die Wange und sagte verwundert: „Wenn niemand frischen Ingwer gegessen hat, woher kommt dann die Schärfe, die hier in der Luft liegt?“ | Als Schatzspange und Phönixglanz bald darauf gegangen waren, sagte Kajaljade lächelnd zu Schatzjade: „Siehst du, jetzt hast du es einmal mit jemandem zu tun bekommen, der schlagfertiger ist als ich! Nicht jeder hat ein so einfältiges Herz und eine so unbeholfene Zunge wie ich und lässt sich alles von den Leuten gefallen." |
| Diese Bemerkung machte Bau-yü und Dai-yü vollends verlegen. Bau-tschai hatte ursprünglich noch etwas sagen wollen, aber Bau-yü sah vor lauter Scham so verändert aus, daß sie es lieber bleiben ließ und nur lachte. Der Rest der Gesellschaft hatte sowieso nicht verstanden, wovon die vier sprachen, und hatte ihre Worte nur an sich vorbeirauschen lassen. | Schatzjade, der sich ohnehin schon elend fühlte, weil Schatzspange ihm seine Worte verübelt hatte, wurde durch diese Bemerkung Kajaljades ganz und gar niedergeschlagen. Er wollte ihr etwas erwidern, fürchtete aber, sie könnte sich das zu Herzen nehmen. So biss er die Zähne zusammen, beherrschte sich und ging lustlos und niedergeschlagen hinaus. |
| Als Bau-tschai und Hsi-fëng bald darauf gingen, sagte Dai-yü lächelnd zu Bau-yü: „Siehst du, nun bist du einmal an eine geraten, die schlagfertiger ist als ich. Nicht jeder hat so ein einfältiges Herz und so eine unbeholfene Zunge wie ich und redet den Leuten nach dem Munde.“ | Da es mitten im Hochsommer war und die Frühmahlzeit längst vorüber, hatten sich Herrschaft und Dienerschaft, ermüdet von der Hitze des langen Tages, allerorten zur Ruhe begeben. Schatzjade ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen von einem Raum zum anderen — überall herrschte Totenstille. Von der Herzoginmutter kommend, wandte er sich nach Westen, durchquerte die Durchgangshalle und gelangte zu Phönixglanz' Wohnhof. Das Hoftor war angelehnt. Da Schatzjade wusste, dass es zu Phönixglanz' Gewohnheiten gehörte, an heißen Tagen über Mittag eine Doppelstunde zu ruhen, wollte er nicht eintreten. Stattdessen ging er durch das Seitentor zu den Haupträumen von Frau Wang [Anm.: 王夫人, Schatzjades Mutter]. |
| Bau-yü, der sich ohnehin schon unbehaglich fühlte, weil Bau-tschai seine Worte übelgenommen hatte, wurde durch diese Bemerkung ganz und gar verstimmt. Schon wollte er Dai-yü eine passende Antwort geben, aber dann fürchtete er, sie könnte sich das zu Herzen nehmen, und so beherrschte er sich notgedrungen und ging lustlos und niedergeschlagen hinaus. | Dort fand er einige Dienstmädchen mit Näharbeiten in der Hand, die eingenickt waren. Frau Wang schlief im hinteren Raum auf einem kühlen Ruhebett, und Goldnadel[6], die neben ihr saß und ihr die Beine klopfte, waren ebenfalls die Augen zugefallen; ihr Körper schwankte schläfrig hin und her. |
| Da sich bei der hochsommerlichen Hitze, zumal nach der Frühmahlzeit, Herrschaft und Gesinde gleichermaßen müde fühlte, traf Bau-yü, als er – die Hände auf dem Rücken – durch die einzelnen Räume ging, überall auf Totenstille. Er verließ das Gehöft der Herzoginmutter und wandte sich nach Westen. Nachdem er die Durchgangshalle passiert hatte, kam er zu Hsi-fëngs Wohngehöft. Das Hoftor war geschlossen, und weil Bau-yü wußte, daß es zu Hsi-fëngs Regeln gehörte, in der heißen Jahreszeit über Mittag eine Doppelstunde zu schlafen, konnte er nicht gut hineingehen. Darum trat er durch das Seitentor und ging zu den Haupträumen von Dame Wang. | Schatzjade trat leise zu ihr und entfernte einen Ohrring von ihrem Ohr. Goldnadel schlug die Augen auf und erkannte Schatzjade. „So müde?", flüsterte er lächelnd. Goldnadel verzog den Mund zu einem Lächeln und gab ihm mit einer Handbewegung ein Zeichen hinauszugehen, dann schloss sie wieder die Augen. |
| Als er hier eintraf, fand er mehrere Sklavenmädchen, die mit ihren Nadelarbeiten in der Hand eingenickt waren. Dame Wang aber schlief im Innenraum auf einem Sommerbett, und Djin-tschuan, die daneben saß, um ihr die Beine zu klopfen, waren ebenfalls die Augen zugefallen, und ihr Körper schwankte benommen hin und her. | Als Schatzjade sie so sah, konnte er sich nicht losreißen. Er reckte vorsichtig den Hals und vergewisserte sich, dass Frau Wang die Augen geschlossen hatte. Dann holte er aus dem Beutelchen an seinem Gürtel eine „Duftschnee"-Erfrischungspastille [Anm.: 香雪润津丹, eine aromatische Pastille zum Erfrischen des Mundes] hervor und schob sie Goldnadel in den Mund. Goldnadel lutschte sie, ohne die Augen zu öffnen. |
| Leise trat Bau-yü auf sie zu und tippte an ihr Ohrgehänge. Djin-tschuan schlug die Augen auf und erkannte Bau-yü. „So müde?“ fragte Bau-yü leise und mit lächelnder Miene. Djin-tschuan verzog den Mund zu einem Lächeln und machte Bau-yü mit der Hand ein Zeichen hinauszugehen, dann schloß sie wieder die Augen. | Schatzjade rückte näher, ergriff ihre Hand und flüsterte: „Morgen bitte ich die gnädige Frau, dich mir zu geben, dann können wir zusammen sein!" |
| Bau-yü fand den Anblick zu lieblich, um wegzugehen, darum reckte er vorsichtig den Hals, und weil er sah, daß Dame Wang die Augen zu hatte, holte er eine ‚Duftschnee‘-Erfrischungspastille aus seinem Gürteltäschchen und schob sie Djin-tschuan in den Mund. Sie lutschte sie, ohne die Augen zu öffnen. | Goldnadel antwortete nicht. |
| Bau-yü rückte näher zu ihr heran, faßte sie bei der Hand und sagte leise: „Morgen will ich dich von der gnädigen Frau für mich verlangen, dann sind wir zusammen!“ Und als Djin-tschuan nichts darauf erwiderte, sagte er: „Dann gleich, wenn sie wach wird!“ | Schatzjade fuhr fort: „Oder ich bitte sie sofort, wenn sie aufwacht!" |
| Jetzt machte Djin-tschuan die Augen auf, schob Bau-yü weg und fragte lächelnd: „Warum so eilig? Weißt du, was das bedeutet: ‚Der goldene Haarpfeil liegt im Brunnen – was dein ist, das ist dein‘? Soll ich dir etwas sagen? Wenn du in den kleinen Osthof gehst, kannst du deinen Bruder Huan mit Tsai-yün erwischen.“ | Da öffnete Goldnadel die Augen, schob Schatzjade von sich weg und sagte lächelnd: „Was hast du es so eilig! ‚Die goldene Haarnadel fiel in den Brunnen — was dein ist, das bleibt dein.' [Anm.: Ein Sprichwort, das bedeutet: Was einem bestimmt ist, geht nicht verloren] Verstehst du nicht einmal dieses Sprichwort? Aber ich sage dir, wo es etwas zu sehen gibt: Geh in den kleinen Osthof und schnapp dir den jungen Herrn Ring[7] mit Buntwölkchen [彩云]!" |
| „Soll er doch machen, was er will!“ sagte Bau-yü. „Mich kümmerst nur du!“ | Schatzjade lachte: „Soll er doch tun, was er will — mich kümmert nur, bei dir zu sein." |
| Da setzte Dame Wang sich plötzlich auf, gab Djin-tschuan eine Ohrfeige, wies mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Du gemeines kleines Hurenweib! Mußt du unschuldige junge Herren verderben?“ | Da richtete sich Frau Wang plötzlich auf, gab Goldnadel eine schallende Ohrfeige, zeigte mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Du niederträchtige kleine Hure! Unschuldige junge Herren verführst du!" |
| Bau-yü war, kaum daß er sah, wie Dame Wang sich aufrichtete, gleich einem flüchtigen Rauch verschwunden. Djin-tschuan aber, der die eine Gesichtshälfte brannte wie Feuer, wagte kein einziges Wort zu erwidern. | Schatzjade war, sobald er Frau Wang sich aufrichten sah, blitzschnell verschwunden. |
| Im Nu standen die übrigen Sklavenmädchen, die bemerkt hatten, daß Dame Wang wach war, im Innenraum, und diese erteilte Yü-tschuan den Befehl: „Deine Mutter soll kommen, um deine ältere Schwester abzuholen!“ | Goldnadel brannte die eine Gesichtshälfte wie Feuer, doch sie wagte kein einziges Wort zu sagen. Im nächsten Augenblick eilten die übrigen Dienstmädchen herbei, die bemerkt hatten, dass Frau Wang wach war. Frau Wang rief Jadeschale [玉钏儿, Goldnadels jüngere Schwester]: „Hol deine Mutter, sie soll deine ältere Schwester abholen!" |
| Kaum hatte Djin-tschuan das gehört, als sie niederkniete und weinend sagte: „Ich will es nie wieder tun! Straft mich mit Schlägen und Schelte, ganz wie Ihr wollt, gnädige Frau, aber schickt mich nicht fort, das wird eine himmlische Gnade für mich sein. Zehn Jahre bin ich bei Euch, gnädige Frau. Kann ich noch einem Menschen ins Gesicht sehen, wenn Ihr mich jetzt hinauswerft?“ | Kaum hatte Goldnadel diese Worte gehört, als sie vor Frau Wang niederkniete und weinend flehte: „Nie wieder werde ich es tun! Straft mich mit Schlägen und Schelte, ganz wie Ihr wollt, gnädige Frau, nur schickt mich nicht fort — das wäre eine himmlische Gnade! Zehn Jahre habe ich Euch gedient, gnädige Frau. Wenn Ihr mich jetzt hinauswerft, wie soll ich je wieder einem Menschen ins Gesicht sehen?" |
| Dame Wang war wirklich ein gütiger, großzügiger Mensch und hatte noch nie ein Sklavenmädchen geschlagen. Aber solche Schamlosigkeit, wie sie sie jetzt hatte erleben müssen, haßte sie wie nichts sonst auf der Welt, darum war sie so in Zorn geraten und hatte Djin-tschuan geschlagen und beschimpft. Und wie flehentlich Djin-tschuan auch bitten mochte, Dame Wang wollte sie nicht länger bei sich behalten. So wurde schließlich Djin-tschuans Mutter, eine alte Sklavin namens Bai, gerufen und mußte Djin-tschuan holen. In Schimpf und Schande ging Djin-tschuan fort, und mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. | Frau Wang war in Wahrheit ein gütiger und großherziger Mensch und hatte noch nie in ihrem Leben ein Dienstmädchen geschlagen. Doch als sie nun mit eigenen Augen solch schamloses Treiben hatte mitansehen müssen — und Schamlosigkeit war das, was sie auf der Welt am meisten verabscheute —, war sie so empört gewesen, dass sie zugeschlagen und gescholten hatte. So sehr Goldnadel auch flehte, Frau Wang war nicht bereit, sie zu behalten. Schließlich ließ sie Goldnadels Mutter, die alte Dienerin Bai, rufen, die Goldnadel mit sich nahm. In Scham und Schande ging Goldnadel fort, und mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. |
| Als Bau-yü gesehen hatte, daß Dame Wang wach wurde, war ihm die Laune verdorben, und er ging rasch in den Garten des Großen Anblicks hinüber. Die glühende Sonne stand hoch am Himmel, die Schatten der Bäume bedeckten die Erde. Der Lärm der Zikaden erfüllte die Ohren, keine menschliche Stimme war zu vernehmen. Doch als Bau-yü an das Rosenspalier kam, hörte er plötzlich ein verhaltenes Schluchzen. Zuerst glaubte er, sich verhört zu haben, darum blieb er stehen und lauschte. Doch es war tatsächlich jemand auf der anderen Seite des Spaliers. | Schatzjade aber, dem die Laune verdorben war, seit er gesehen hatte, wie Frau Wang aufgewacht war, ging eilig in den Garten des Großartigen Anblicks [大观园] hinüber. Die glühende Sonne stand hoch am Himmel, die Schatten der Bäume bedeckten die Erde, ringsum erfüllte das Zirpen der Zikaden die Luft, und keine menschliche Stimme war zu hören. Gerade als er zum Rosenspalier kam, vernahm er plötzlich ein verhaltenes Schluchzen. Schatzjade, verwundert, blieb stehen und lauschte aufmerksam. Tatsächlich war jemand auf der anderen Seite des Spaliers. Es war die Zeit des fünften Monats, und die Rosensträucher standen in voller Blüte, üppig mit Blättern und Blüten bedeckt. |
| Es war schon der fünfte Monat und eben die Zeit, in der die Rosensträucher dicht mit Blättern und Blüten bedeckt sind. Verstohlen schaute Bau-yü durch eine Öffnung im Bambusflechtwerk und erblickte ein Mädchen, das vor den Sträuchern hockte, mit einem Haarpfeil, wie man ihn für eine Schneckenfrisur braucht, in der Erde stocherte und leise vor sich hin weinte. | Vorsichtig spähte Schatzjade durch eine Lücke im Flechtwerk und erblickte ein Mädchen, das vor den Sträuchern in der Hocke saß, mit einem Haarpfeil, wie man ihn für eine Schneckenfrisur verwendet, in der Erde stocherte und leise vor sich hin weinte. |
| „Ist das noch so ein Närrchen?“ fragte sich Bau-yü. „Will sie etwa auch Blüten begraben wie Dai-yü?“ Dann sagte er sich mit einem Seufzer: „Wenn sie tatsächlich Blüten begraben will, kann man das wahrhaftig nicht anders bezeichnen als ,Eine falsche Hsi-schï ahmt die gerunzelten Brauen nach.‘ Nicht nur, daß es nichts Neues ist, es ist im Gegenteil widerlich.“ | Schatzjade dachte bei sich: „Ist das etwa noch so ein närrisches Mädchen, das wie Kajaljade Blüten begraben will?" Dann seufzte er und sagte sich: „Wenn sie wirklich Blüten begraben wollte, so wäre das nichts als ‚die hässliche Xishi, die gerunzelte Brauen nachahmt' [Anm.: 东施效颦, ein Sprichwort für plumpe Nachahmung] — nicht nur ohne jeden Reiz des Neuen, sondern geradezu abstoßend." Er wollte das Mädchen schon ansprechen und sagen: „Du brauchst Fräulein Lin nicht nachzuahmen!" — doch ehe er den Mund öffnete, blickte er zum Glück noch einmal genauer hin. Das Mädchen war ihm fremd; es gehörte nicht zur Dienerschaft, sondern sah aus wie eines der zwölf Mädchen aus der Theatertruppe, nur konnte er nicht erkennen, welche Rolle sie spielte — jungen Mann, junge Frau, den Gerechten oder den Spaßmacher. |
| Als er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, wollte er dem Mädchen schon sagen: „Du mußt nicht Fräulein Lin nachahmen!“ Aber ehe er den Mund aufmachte, blickte er glücklicherweise noch einmal hin und erkannte, daß ihm das Mädchen fremd war und gar nicht zur Dienerschaft gehörte. Vielmehr sah sie aus, als ob sie eine der zwölf kleinen Schauspielerinnen wäre, nur konnte er nicht ausmachen, was sie spielen mochte, eine Männer- oder eine Frauenrolle, einen Haudegen oder einen Spaßmacher. | Rasch biss er sich auf die Zunge und hielt sich den Mund zu. „Ein Glück, dass ich nicht wieder so voreilig war!", dachte er. „Schon zweimal habe ich heute etwas Unbedachtes gesagt: Erst habe ich Kajaljade erzürnt, dann hat Schatzspange es mir verübelt. Wenn ich jetzt auch noch diese hier kränken würde, wäre es endgültig vorbei!" |
| Rasch biß er sich auf die Zunge und hielt sich den Mund zu. Dabei sagte er sich: „Ein Glück, daß ich nicht wieder so voreilig war! Vorhin habe ich schon zweimal etwas Unüberlegtes gesagt und dadurch erst Dai-yü erzürnt und dann Bau-tschai verärgert. Es wäre schlimm, wenn ich jetzt noch jemand gekränkt hätte!“ | Während er so nachdachte, ärgerte es ihn, dass er das Mädchen nicht erkennen konnte. Er sah noch einmal genauer hin: Ihre Brauen wölbten sich wie bewaldete Frühlingshügel, ihre Augen schimmerten wie der Wasserspiegel herbstlicher Seen. Ihr Gesicht war schmal, ihre Taille zierlich, und in ihrer anmutigen Zartheit erinnerte sie sehr an Kajaljade. Schatzjade konnte sich schon nicht mehr von dem Anblick losreißen und starrte wie betört zu ihr hinüber. |
| So dachte er und ärgerte sich, weil er nicht erkennen konnte, wer das Mädchen war. Noch einmal spähte er aufmerksam zu ihr hinüber und stellte fest, daß ihre Brauen dicht waren wie der Pflanzenwuchs auf Bergen im Frühling und die Augen klar wie der Wasserspiegel von Seen im Herbst. Ihr Gesicht war schmal, ihre Taille schlank. In ihrer zarten Schönheit erinnerte sie sehr an Dai-yü, und Bau-yü konnte sich schon nicht mehr von dem Anblick losreißen, um fortzugehen. | Er bemerkte dabei, dass sie zwar mit dem goldenen Haarpfeil auf der Erde herumfuhr, aber nicht um den Boden aufzuwühlen und Blüten zu begraben, sondern um Schriftzeichen darauf zu schreiben. Schatzjade folgte mit den Augen den Bewegungen der Pfeilspitze: Längsstrich, Querstrich, Punkt, Haken — und zählte mit. Er kam auf achtzehn Striche. Dann schrieb er sie in derselben Reihenfolge mit der Fingerspitze auf seiner Handfläche nach und grübelte, welches Zeichen es sein konnte. Kaum hatte er den letzten Strich gezogen, erkannte er es: Es war das Zeichen 薔 — „Rose", der erste Teil des Wortes 蔷薇 „Rosengewächs" für die Rosen des Spaliers. |
| Betört starrte er sie an und bemerkte dabei, daß sie zwar mit dem Haarpfeil auf der Erde herumfuhr, aber nicht um den Boden zu lockern und Blüten zu begraben, sondern um etwas darauf zu schreiben. Er folgte den Bewegungen der Pfeilspitze mit den Augen: Längsstrich, Querstrich, Punkt und Haken... und zählte mit. Dabei kam er auf achtzehn Striche. Dann schrieb er sie in derselben Reihenfolge mit der Fingerspitze auf seiner Handfläche nach und rätselte, welches Schriftzeichen es sein konnte. Kaum daß er den letzten Strich gezogen hatte, erkannte er, daß es das Zeichen tjiang – „Rose“ – gewesen sein mußte. | Schatzjade überlegte: „Bestimmt will sie ein Gedicht oder ein Lied verfassen. Der Anblick der Blüten hat sie wohl inspiriert, und sie hat spontan ein oder zwei Verse ersonnen. Aus Angst, sie wieder zu vergessen, schreibt sie sie auf den Boden und feilt daran. Ich will sehen, was sie als Nächstes schreibt!" |
| „Bestimmt will sie ein Gedicht machen und hat sich von den Blüten hier inspirieren lassen“, überlegte Bau-yü. „Vielleicht ist sie durch Zufall auf eine Doppelzeile gekommen und hat nun in ihrer Begeisterung Angst, sie wieder zu vergessen. Darum schreibt sie sie auf die Erde und feilt daran herum. Wer weiß! Ich will sehen, was sie noch schreibt!“ | Doch während er weiter beobachtete, schrieb das Mädchen wieder dasselbe Zeichen: 薔. Und als er noch länger hinsah, schrieb sie es abermals. Auf ihrer Seite des Spaliers war sie längst in eine Art Trance verfallen und schrieb, kaum dass sie ein Zeichen vollendet hatte, sofort das nächste — und hatte es wohl schon einige tausend Mal geschrieben. Auf seiner Seite war Schatzjade ebenfalls in den Bann gezogen und starrte ihr unverwandt zu. Seine Augen folgten jeder Bewegung des Haarpfeils, und in seinem Herzen dachte er: „Bestimmt hat dieses Mädchen einen großen Kummer, den es nicht in Worte fassen kann, um sich so zu verhalten. Wenn es äußerlich schon so aussieht, wie muss es erst in ihrem Inneren toben! Und bei ihrer zarten Gestalt — wie soll sie solchen Kummer ertragen! Wie bedauerlich, dass ich ihr nichts davon abnehmen kann!" |
| Mit diesen Gedanken beobachtete er, wie das Mädchen weiterschrieb. Aber sie schrieb wieder das Schriftzeichen tjiang, und als er sie weiter beobachtete, schrieb sie es noch einmal. Wie gebannt schrieb sie auf ihrer Seite des Spaliers das Zeichen immer wieder von neuem, sobald sie es fertig geschrieben hatte, und hatte das nun wohl schon ein paar tausend Mal getan. Ebenfalls wie gebannt schaute ihr Bau-yü von seiner Seite aus zu. Seine beiden Augäpfel folgten jeder Bewegung des Haarpfeils, in seinem Herzen aber dachte er: „Bestimmt hat das Mädchen einen großen Kummer, den sie nicht aussprechen kann, daß sie sich so verhält. Wer weiß, wie bedrängt ihr zumute ist! Aber bei ihrer Zartheit ist sie ganz bestimmt keinem Kummer gewachsen. Wie schade, daß ich ihr nicht ein wenig davon abnehmen kann!“ | In den Hundstagen ist das Wetter unbeständig — die kleinste Wolke kann einen Regenguss bringen. Plötzlich wehte ein kühler Wind, und rauschend ging ein Schauer nieder. |
| In den Hundstagen ist auf den Sonnenschein kein Verlaß, das kleinste Wölkchen kann einen Schauer bringen. Plötzlich wehte ein kühler Wind, und rauschend begann es zu regnen. | Schatzjade sah, wie dem Mädchen das Wasser vom Kopf tropfte und wie ihr Gazegewand im Nu durchnässt war. Er dachte: „Jetzt regnet es. Dieser zarte Körper — wie soll er einen plötzlichen Wolkenbruch aushalten!" So konnte er nicht anders und rief: „Hör auf zu schreiben! Sieh doch, es regnet in Strömen! Du bist schon ganz nass!" |
| Bau-yü sah, wie dem Mädchen das Wasser vom Kopf tropfte und wie ihr Gazegewand im Nu durchnäßt war, und er dachte: „Es regnet, aber dieser Körper verträgt keinen Wolkenbruch!“ Und unwillkürlich sagte er: „Hör auf zu schreiben! Schau, wie es gießt! Du bist schon ganz naß.“ | Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen, blickte auf und sah, dass ihr jemand von der anderen Seite der Blüten zurief, sie solle nicht mehr schreiben, es regne heftig. Da Schatzjade ein so hübsches Gesicht hatte und das üppige Laub ihn größtenteils verdeckte, so dass nur die Hälfte seines Gesichts zu sehen war, hielt sie ihn für ein Dienstmädchen und sagte lächelnd: „Danke, Schwester, dass du mich aufmerksam machst! Aber hast du dort drüben denn etwas, womit du dich vor dem Regen schützen kannst?" |
| Erschrocken fuhr das Mädchen zusammen, als sie so angesprochen wurde. Als sie aufblickte und wahrnahm, daß ihr jemand von der anderen Seite des Spaliers her sagte, sie solle nicht mehr schreiben, weil es so gieße, glaubte sie – da Bau-yü ein so hübsches Gesicht hatte und die üppige Pracht der Blüten und Blätter noch dazu nur die Hälfte seines Gesichts sehen ließ –, es sei ein Sklavenmädchen, das da zu ihr sprach. Darum sagte sie lächelnd: „Danke, Schwester, daß du mich darauf aufmerksam machst, aber hast du dort drüben vielleicht einen Regenschutz?“ | Diese Worte rissen Schatzjade aus seinen Gedanken. „Ach herrje!", rief er und merkte erst jetzt, dass ihm am ganzen Körper eiskalt war. Als er an sich hinuntersah, stellte er fest, dass auch er völlig durchnässt war. „So etwas!", rief er und rannte in einem Zug zurück zum Hof der Roten Freude [怡红院]. Im Herzen aber machte er sich immer noch Sorgen um das Mädchen, das nirgends Schutz vor dem Regen fand. |
| „O weh!“ sagte Bau-yü, denn erst ihre Worte ließen ihn darauf aufmerksam werden, daß ihm am ganzen Körper eiskalt war, und als er an sich herunterschaute, sah er, daß er selber pitschnaß war. „Du meine Güte!“ rief er aus und stürzte geradewegs zum Hof der Freude am Roten zurück. Auch jetzt machte er sich noch immer Gedanken darum, daß jenes Mädchen sich nirgendwo unterstellen konnte. | Am nächsten Tag war nämlich das Drachenbootfest [Anm.: 端阳节, auch Duanwu-Fest, am fünften Tag des fünften Monats], und die zwölf Mädchen der Theatertruppe unter Führung von Wenguan [文官] hatten schulfrei bekommen und waren in den Garten gekommen, um sich zu vergnügen. Zwei von ihnen, Baoguan [宝官], die junge Männerrollen spielte, und Yuguan [玉官], die junge Frauenrollen spielte, waren gerade im Hof der Roten Freude, wo sie mit Dufthauch[8] scherzten, und waren vom Regen überrascht worden. Gemeinsam hatten sie den Abflussgraben verstopft, so dass sich das Regenwasser im Hof sammelte. Dann hatten sie grünköpfige Stockenten, gefleckte Sichelenten und bunte Mandarinenten eingefangen, ihnen die Flügel zusammengebunden und sie im Hof schwimmen lassen. Das Hoftor hatten sie fest verschlossen. |
| Da am nächsten Tag das Drachenbootfest bevorstand, hatten die zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze frei und waren in den Garten gekommen, um hier dem Vergnügen nachzugehen. Die beiden Mädchen Bau-guan und Yü-guan, von denen erstere die Rollen junger Männer, letztere die junger Frauen spielte, waren in den Hof der Freude am Roten gekommen, um mit Hsi-jën zusammen lustig zu sein, und durch den Regen hier festgehalten worden. Dann hatten alle gemeinsam den Abflußgraben verstopft und den Hof unter Wasser gesetzt, grünköpfige Stockenten, gefleckte Sichelenten und bunte Mandarinenten eingefangen oder herbeigetrieben und mit zusammengebundenen Flügeln im Hof schwimmen lassen. Das Hoftor aber hatten sie verriegelt. | Dufthauch und die anderen standen im Wandelgang und amüsierten sich lachend. |
| Während Hsi-jën mit den anderen zusammen im Wandelgang stand, wo sie sich laut amüsierten, fand Bau-yü das Hoftor geschlossen und schlug mit der Hand dagegen. Aber drinnen war das bei dem allgemeinen Gelächter nicht zu hören. Erst als er lange gerufen und donnernd ans Tor geschlagen hatte, wurden sie darauf aufmerksam, dachten aber nicht, daß es Bau-yü sein könnte. | Schatzjade fand das Hoftor verschlossen und klopfte dagegen. Doch drinnen waren alle so mit Lachen beschäftigt, dass niemand ihn hörte. Er rief eine halbe Ewigkeit und hämmerte donnernd gegen das Tor, bis man drinnen endlich aufmerksam wurde — aber niemand rechnete damit, dass Schatzjade schon zurück sein könnte. |
| „Wer ist es, der da ruft?“ fragte Hsi-jën lachend. „Wer geht hin und macht auf?“ | Dufthauch rief lachend: „Wer klopft denn da? Niemand geht auf!" |
| „Ich bin‘s“, sagte draußen Bau-yü. | Schatzjade rief: „Ich bin es!" |
| „Das klingt wie Fräulein Bau-tschai“, meinte Schë-yüä. | Moschusmond[9] meinte: „Das klingt wie Fräulein Schatzspanges Stimme." |
| „Quatsch!“ sagte Tjing-wën. „Wozu sollte Fräulein Bau-tschai jetzt hierher kommen?“ | Heitermuster[10] widersprach: „Unsinn! Was sollte Fräulein Schatzspange jetzt hier wollen?" |
| „Laßt mich durch den Türspalt sehen!“ sagte Hsi-jën. „Wenn es jemand ist, den wir einlassen können, mache ich auf. Wenn nicht, soll sie nur naß werden!“ Damit ging sie durch den Wandelgang bis zum Tor, spähte hinaus und erblickte Bau-yü, der naß war wie ein Huhn im Regen. Der Anblick machte sie betroffen, belustigte sie aber zugleich, darum öffnete sie rasch das Tor, krümmte sich dabei vor Lachen, klatschte in die Hände und sagte: „Was läufst du denn bei diesem Regen herum? Wer konnte ahnen, daß du es bist!“ | Dufthauch sagte: „Lasst mich durch den Türspalt schauen — wenn es jemand ist, den wir einlassen können, mache ich auf. Wenn nicht, soll sie eben nass werden." Damit ging sie durch den Wandelgang zum Tor und spähte hinaus. Da stand Schatzjade, nass wie ein Huhn im Regen. Der Anblick machte sie betroffen und erheiterte sie zugleich. Rasch öffnete sie das Tor und sagte, vor Lachen krumm und in die Hände klatschend: „Was rennst du auch bei diesem Regen herum! Wer konnte ahnen, dass Ihr es seid!" |
| Bau-yü, der eine schreckliche Wut im Bauch hatte, wollte derjenigen, die das Tor aufmachte, ein paar Fußtritte versetzen. Als es jetzt aufging, sah er überhaupt nicht hin, wer vor ihm stand, und glaubte nicht anders, als daß es eines der kleinen Sklavenmädchen sei. Also hob er das Bein und gab ihr einen Tritt in die Rippen. | Schatzjade hatte eine fürchterliche Wut im Bauch und wollte derjenigen, die das Tor öffnete, ein paar Fußtritte versetzen. Als sich das Tor öffnete, sah er gar nicht hin, wer davorstand — er hielt sie für eines der kleinen Dienstmädchen —, hob das Bein und trat ihr kräftig in die Rippen. |
| „Au!“ schrie Hsi-jën auf, Bau-yü aber schimpfte: „Ihr gemeines Pack! Ich bin immer großzügig zu euch, daß ihr zufrieden sein könnt, ihr aber habt keinen Respekt und macht euch über mich lustig!“ | „Au!", schrie Dufthauch auf. Schatzjade schimpfte noch: „Ihr freches Pack! Ich bin immer großzügig zu euch, und zum Dank habt ihr nicht den geringsten Respekt und treibt euren Spott mit mir!" |
| Während er das sagte, schaute er hinunter und erblickte die weinende Hsi-jën. Jetzt erst bemerkte er, daß der Fußtritt fehl am Platz gewesen war, und sagte rasch mit einem Lächeln: „O weh, du warst das! Wohin habe ich dich getreten?“ | Während er noch sprach, blickte er hinunter und sah die weinende Dufthauch. Erst jetzt erkannte er seinen Irrtum und sagte hastig lächelnd: „Ach herrje, du bist es! Wo habe ich dich getroffen?" |
| Hsi-jën hatte nie auch nur ein lautes Wort zu hören bekommen, jetzt aber mußte sie plötzlich erleben, wie ihr Bau-yü in seiner Wut einen Tritt versetzte, und das im Angesicht all der anderen Mädchen. Darum war sie beschämt und wütend zugleich, außerdem hatte sie Schmerzen, und so wäre sie am liebsten im Boden versunken. Schon wollte sie sich aufregen, aber dann sagte sie sich, Bau-yü habe sie wohl nicht mit Vorbedacht getreten, darum unterdrückte sie notgedrungen Schmerz und Zorn und sagte: „Du hast mich gar nicht getroffen. Willst du dich nicht endlich umziehen gehen?“ | Dufthauch, die in ihrem ganzen Leben noch nie ein böses Wort gehört hatte, musste nun plötzlich erleben, dass Schatzjade ihr in seinem Zorn einen Fußtritt versetzte — und das vor all den anderen. Scham, Zorn und Schmerz zugleich übermannten sie, und am liebsten wäre sie im Boden versunken. Schon wollte sie sich aufregen, doch dann sagte sie sich, dass Schatzjade sie wohl kaum absichtlich getreten hatte. So schluckte sie den Schmerz hinunter und sagte nur: „Es ist nichts. Willst du dich nicht endlich umziehen?" |
| Bau-yü ging ins Zimmer und zog sich aus, dabei sagte er lächelnd: „So groß mußte ich werden, ehe ich heute zum ersten Mal nach jemand getreten habe, und ausgerechnet dich hat es getroffen!“ | Schatzjade ging ins Zimmer, zog sich um und sagte dabei lächelnd: „So alt musste ich werden, um heute zum ersten Mal im Leben jemanden zu treten — und dann trifft es ausgerechnet dich!" |
| Hsi-jën, die sich ihren Schmerz verbiß und Bau-yü beim Umkleiden behilflich war, antwortete ebenfalls mit einem Lächeln: „Ich bin die Erste unter deinen Mädchen, darum muß natürlich im Großen wie im Kleinen, im Guten wie im Bösen alles bei mir seinen Anfang nehmen. Aber davon ganz abgesehen, daß du nach mir getreten hast, in Zukunft wirst du auch bei anderen einfach zuschlagen.“ | Dufthauch, die sich den Schmerz verbiss und ihm beim Umziehen half, erwiderte ebenfalls lächelnd: „Ich bin die Erste unter deinen Mädchen, und so muss alles bei mir seinen Anfang nehmen — ob groß oder klein, ob gut oder schlecht. Aber lass es nicht dabei bewenden, dass du mich getreten hast — am Ende schlägst du künftig auch noch andere." |
| „Eben habe ich es auch nicht mit Absicht getan“, beteuerte Bau-yü. | Schatzjade beteuerte: „Eben habe ich es wirklich nicht mit Absicht getan!" |
| „Wer sagt denn, daß du es mit Absicht getan hast?“ fragte Hsi-jën und fuhr dann fort: „Das Tor zu öffnen und zu schließen ist für gewöhnlich die Aufgabe der kleineren Mädchen. Ungehorsam ist ihnen schon dermaßen zur Gewohnheit geworden, daß man dauernd vor Wut mit den Zähnen knirschen möchte, sie haben nicht den geringsten Respekt. Wenn du angenommen hast, es sei eine von ihnen, und wolltest ihr einen Fußtritt geben, um sie einzuschüchtern, war das nicht ganz so schlimm. Es war bloß nicht recht von mir, daß ich nicht sie das Tor habe aufmachen lassen.“ | Dufthauch sagte: „Wer behauptet denn, dass du es mit Absicht getan hast? Das Tor zu öffnen und zu schließen ist gewöhnlich die Aufgabe der kleinen Mädchen. Die sind an Ungehorsam so gewöhnt, dass man vor Wut die Zähne knirschen möchte — nicht die Spur von Respekt haben sie. Wenn du geglaubt hast, es sei eine von ihnen, und ihr einen Fußtritt geben wolltest, um sie einzuschüchtern, ist das verständlich. Der Fehler lag bei mir, dass ich sie nicht das Tor habe aufmachen lassen." |
| Während sie das sagte, hatte der Regen schon aufgehört, und Bau-guan und Yü-guan waren längst fort. Hsi-jën fühlte, daß ihr die Rippen weh taten und daß sie Beschwerden in der Brust hatte. Auch das Essen wollte ihr nicht schmecken. Als sie sich am Abend zum Waschen auszog, erblickte sie in der Rippengegend einen blauen Fleck von der Größe einer Reisschale. Sie fuhr vor Schreck zusammen, konnte sich aber nicht gut beschweren. Als sie sich dann schlafen gelegt hatte, taten ihr die Rippen auch im Traum noch weh, und sie wimmerte im Schlaf: „Au, au!“ | Inzwischen hatte der Regen aufgehört, und Baoguan und Yuguan waren schon gegangen. Dufthauch spürte, wie ihr die Rippen wehtaten und ein beklemmendes Gefühl in der Brust saß. Auch beim Abendessen konnte sie kaum etwas zu sich nehmen. Als sie sich abends zum Baden auszog, erblickte sie an der Seite einen blauen Fleck so groß wie eine Reisschale und erschrak selbst darüber, wagte es aber nicht, Aufhebens davon zu machen. Als sie sich dann schlafen gelegt hatte, plagte sie der Schmerz auch im Traum, und unwillkürlich stöhnte sie im Schlaf: „Au, au..." |
| Bau-yü hatte Hsi-jën zwar nicht absichtlich getreten, aber da er gesehen hatte, wie mühsam sie sich bewegte, fand er keine Ruhe. Als er in der Nacht plötzlich ihre Schmerzenslaute vernahm, erkannte er, wie schwer er sie getreten haben mußte. Darum stand er auf und griff leise nach der Lampe. Eben trat er zu Hsi-jën ans Bett, da hustete sie ein paarmal und spuckte dann aus. Stöhnend öffnete sie die Augen und schreckte zusammen, als sie Bau-yü erblickte. | Obwohl Schatzjade sie nicht absichtlich getreten hatte, bemerkte er doch, wie matt Dufthauch sich bewegte, und fand keine Ruhe. Als er in der Nacht plötzlich ihr Stöhnen hörte, wusste er, dass er sie schwer getroffen haben musste. Er stand auf, nahm leise die Lampe und ging zu ihrem Bett. Gerade als er herantrat, hustete Dufthauch ein paarmal, spuckte aus und stöhnte. Als sie die Augen aufschlug und Schatzjade erblickte, erschrak sie und fragte: „Was willst du?" |
| „Was willst du?“ fragte sie. | Schatzjade antwortete: „Du hast im Schlaf gestöhnt. Bestimmt habe ich dich schwer getreten. Lass mich nachsehen." |
| „Du hast im Schlaf gestöhnt“, sagte Bau-yü. „Das kommt bestimmt davon, daß ich dich so schlimm getreten habe. Laß mich mal sehen!“ | Dufthauch klagte: „Mir ist schwindelig, und im Hals habe ich einen widerlich süßen Geschmack. Leuchte lieber einmal auf den Boden." |
| „Mir ist schwindlig im Kopf, und ich habe einen widerlich-süßen Geschmack in der Kehle“, klagte Hsi-jën. Dann bat sie: „Leuchte mal auf die Erde!“ | Schatzjade hielt die Lampe über den Boden — und erblickte dort einen Fleck frischen Blutes. Entsetzt rief er: „Um Himmels willen!" |
| Als Bau-yü die Lampe hob und ihr Schein auf den Fußboden fiel, sah er dort einen frischen Blutfleck. Bestürzt sagte er: „Nein, so etwas!“ | Auch Dufthauch wurde bei dem Anblick eiskalt ums Herz. |
| Auch Hsi-jën wurde bei dem Anblick einen kurzen Moment lang eiskalt ums Herz. | Wer wissen will, wie es weiterging, muss das nächste Kapitel lesen. |
| Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. |
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