Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 45

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Kapitel 45: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
45.Zwei Freundinnen wechseln Freundesworte,in einer Regennacht entsteht ein Herbstgedicht. Kapitel 45
Hsi-fëng war also eben dabei, Ping-örl zu trösten, als plötzlich die Mädchen hereinkamen. Rasch bat Hsi-fëng sie, Platz zu nehmen, und Ping-örl goß ihnen Tee ein.

„Ihr kommt alle auf einmal, so daß es aussieht, als hätte ich Einladungen verschickt“, scherzte Hsi-fëng.
Schatzspange[1] und Kajaljade[2] schließen einen Bund der Goldenen Orchidee und schütten einander das Herz aus — An einem Herbstabend bei Wind und Regen dichtet Kajaljade trübsinnig am Fenster
„Es geht um zweierlei“, erklärte ihr Tan-tschun lächelnd. „Das eine war meine Idee, das andere betrifft Hsi-tschun. Und eine Anordnung der alten gnädigen Frau spielt auch noch mit hinein.“

„Und was sind das für schwerwiegende Dinge, um die es sich handelt?“ erkundigte Hsi-fëng sich lächelnd.
Es wird erzählt, dass Phönixglanz [凤姐][3] eben dabei war, Friedchen [平儿][4] zu trösten, als plötzlich die Schwestern hereinkamen. Eilig bat sie alle, Platz zu nehmen, und Friedchen schenkte Tee ein. Phönixglanz sagte lächelnd: "Ihr kommt heute so vollzählig, als hätte ich Einladungskarten verschickt."
„Wir hatten einen Dichterbund gegründet“, gab Tan-tschun Auskunft, „aber schon bei unserm ersten Treffen waren wir nicht vollzählig. Diese Unordnung kommt nur zustande, weil wir alle zu weich sind. Darum habe ich mir gedacht, das läßt sich nur ändern, indem wir dich zu unserem Zensor machen, damit du eisern und unparteiisch entscheidest.

Das andere ist, daß Hsi-tschun die Sachen nicht beisammen hat, die sie braucht, um das Gartenbild zu malen. Wir haben der alten gnädigen Frau darüber berichtet, und sie hat gesagt, hinten im Untergeschoß müßte noch liegen, was damals übriggeblieben ist. Du solltest nachsehen und uns geben, was da ist, den Rest aber kaufen lassen.“
Spürfrühling [探春][5] sagte lächelnd: "Es geht um zwei Dinge: eines betrifft mich, das andere Bewahrfrühling [惜春][6], und es hängt auch noch mit einer Anordnung der Herzoginmutter [贾母][7] zusammen."
„Aber ich kann weder dichten noch klempnern“, wandte Hsi-fëng lächelnd ein. „Wollt ihr mich also zu euren Essen einladen?“ "Was sind das für dringende Angelegenheiten?" erkundigte sich Phönixglanz lächelnd.
„Dichten sollst du auch nicht“, sagte Tan-tschun. „Es reicht, wenn du darüber wachst, wer von uns faul und träge ist, und sagst, wie er bestraft werden soll.“

„Ihr wollt mich doch an der Nase herumführen!“ erklärte Hsi-fëng lächelnd. „Ich weiß schon, worum es euch geht. Nicht zu eurem Zensor wollt ihr mich machen, sondern zu eurem Geldgeber. Was für einen Bund ihr auch immer haben mögt, ihr müßt reihum den Wirt spielen, und dafür reichen eure Monatsgelder nicht, deshalb habt ihr euch diesen Plan ausgeheckt, um das Geld von mir zu verlangen. Das war es doch, was ihr wollt, nicht wahr?“
Spürfrühling erklärte lächelnd: "Wir haben eine Dichtergesellschaft gegründet, aber schon beim ersten Treffen waren wir nicht vollzählig. Weil alle zu weichherzig sind, ist alles durcheinander geraten. Ich dachte mir, du müsstest unbedingt als Zensorin der Gesellschaft fungieren — eisern und unparteiisch. Außerdem braucht Bewahrfrühling für das Gartenbild allerhand Materialien, die ihr fehlen. Wir haben es der Herzoginmutter berichtet, und sie sagte: 'Im Untergeschoß des hinteren Gebäudes müssten noch Restbestände von früher liegen. Sucht danach — wenn etwas da ist, nehmt es heraus; wenn nicht, lasst es kaufen.'"
Alle lachten über diese Worte, und Li Wan versicherte lächelnd: „Also wirklich, du bist ein Glasmensch mit Eingeweiden aus Kristall! Wie könntest du sonst so scharfsichtig sein!“ Phönixglanz sagte lächelnd: "Ich kann doch weder nasse noch trockene Verse machen — wollt ihr mich etwa zum Essen einladen?"
„Und du bist mir eine feine ältere Schwägerin“ gab Hsi-fëng lächelnd zurück. „Du sollst mit den Mädchen zusammen lesen und ihnen Anstand und Nadelarbeiten beibringen, und wenn sie sich nicht korrekt verhalten, sollst du ihnen ins Gewissen reden. Wieviel Geld können sie schon brauchen, wenn sie jetzt diesen Bund gegründet haben? Aber das kümmert dich nicht. Spürfrühling erwiderte: "Dichten sollst du ja auch nicht. Du musst nur überwachen, ob jemand von uns faul und träge ist, und eine angemessene Strafe verhängen."
Abgesehen von der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen, die als Beamtengattinnen geehrt werden, hast du mit deinem Monatsgeld von zehn Liang doppelt soviel wie die andern, aber die alte gnädige Frau und die gnädigen Frauen meinen noch, du seist eine arme Witwe ohne eigenen Hausstand und könntest mit dem Geld nicht auskommen, darum gibt man dir um deines Sohnes willen noch einmal volle zehn Liang, so daß du auf einer Stufe mit der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen stehst. Phönixglanz sagte lächelnd: "Führt mich nicht hinters Licht! Ich habe euch längst durchschaut. Ihr wollt mich gar nicht zur Zensorin der Gesellschaft machen — vielmehr sollt ich euch als Geldgeber dienen. Was für eine Gesellschaft ihr auch haben mögt, ihr müsst der Reihe nach die Gastgeber spielen. Euer Monatsgeld reicht nicht aus, deshalb habt ihr diesen Plan ausgeheckt, um mich anzuzapfen und mir Geld abzupressen. Stimmt es etwa nicht?"
Dazu hat man dir noch Gartenland zugeteilt, für das du Pachtzins kassierst, und bei der Verteilung der Jahreszuwendungen wirst du in der allerhöchsten Kategorie bedacht. Aber mit deinem Sohn und mit allen Sklavinnen zusammen seid ihr keine zehn Personen, und Essen wie Kleidung bekommt ihr nach wie vor aus der gemeinsamen Kasse. So mußt du alles in allem deine vier-, fünfhundert Liang Silber im Jahr haben. Diese Worte brachten alle zum Lachen. Schleierfrau [李纨] sagte lächelnd: "Also wirklich, du hast ein Herz aus Kristall und bist ein Mensch aus Glas!"
Kannst du davon nicht ein-, zweihundert pro Jahr für ihre Vergnügungen beisteuern? Wieviel Jahre wird das schon dauern? Verlangt man denn von dir, daß du ihre Aussteuer bezahlst, wenn sie einmal heiraten? Weil du kein Geld ausgeben möchtest, hast du sie jetzt angestiftet, mich deswegen zu löchern. Aber das wäre mir neu, daß ich mich gern kahlfressen lasse!“

„Also hört euch das an!“ sagte Li Wan lächelnd. „Ich sage ihr einen Satz, und gleich redet sie irre und überschüttet mich mit zwei Wagenladungen Gassenjargon. Und alles, was sie sagt, hat sie kleinlich berechnet. In einer bekannten Familie von Gelehrten und Beamten ist sie als gnädiges Fräulein geboren, in genau so eine Familie hat sie hineingeheiratet, und trotzdem ist sie noch so. Wer weiß, was sie alles von sich geben würde, wenn sie als Sohn einer armen Familie zur Welt gekommen wäre! – Über alle Leute stellst du deine Berechnungen an.
Phönixglanz sagte lächelnd: "Und du bist mir eine schöne ältere Schwägerin! Die Mädchen sind dir anvertraut, damit du mit ihnen liest und ihnen Anstand und Handarbeiten beibringst. Wenn sie etwas falsch machen, sollst du sie ermahnen. Jetzt gründen sie eine Dichtergesellschaft — wie viel Geld kann das schon kosten? Und du kümmerst dich nicht darum? Von der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen abgesehen, die als Beamtengattinnen geehrt werden: du bekommst zehn Liang Silber Monatsgeld, doppelt so viel wie wir anderen. Die Herzoginmutter und die gnädigen Frauen meinen noch, du seist eine arme Witwe ohne Hausstand, die nicht genug habe, und weil du einen Sohn hast, gibt man dir nochmals volle zehn Liang dazu, so dass du auf gleicher Stufe mit der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen stehst. Dazu hat man dir Gartenland zugeteilt, von dem du Pachtzins einnimmst. Bei der jährlichen Verteilung der Zuwendungen wirst du in der höchsten Stufe bedacht. Herrin und Dienerschaft zusammen seid ihr nicht einmal zehn Personen, und Essen und Kleidung kommen nach wie vor aus der Gemeinschaftskasse. Alles in allem müssen es im Jahr vier- bis fünfhundert Liang Silber sein. Könntest du da nicht jedes Jahr ein- bis zweihundert Liang für ihr Vergnügen beisteuern? Wie viele Jahre kann das schon daürn? Wenn sie einmal heiraten, wird man ja wohl nicht verlangen, dass du die Mitgift bezahlst! Du willst kein Geld ausgeben und stiftest sie an, mich zu belästigen — ich soll euren Geldbeutel spielen, und dabei wäre mir das alles völlig neu!"
Gestern hast du sogar Ping-örl geschlagen, nur weil du es dir bei ihr erlauben kannst und weil du dir deinen Hundebauch mit gelber Brühe gefüllt hattest. Ich war so wütend darüber, daß ich Ping-örl am liebsten gerächt hätte. Daran hatte ich ernsthaft gedacht, und nur weil es Hündchens Geburtstag war und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau könnte sich darüber ärgern, habe ich darauf verzichtet. Noch ist meine Wut nicht gestillt, und schon legst du dich mit mir an. Du bist es nicht wert, Ping-örl auch nur die Schuhe zu reichen. Von Rechts wegen müßtet ihr beide die Plätze tauschen!“

Alles lachte darüber, Hsi-fëng aber sagte lächelnd: „Also seid ihr weder eures Dichterbundes wegen gekommen noch wegen des Gartenbildes! Nur weil du für Ping-örl Rache nehmen willst, kommst du mit so einem Gesicht hier an. Hätte ich gewußt, daß Ping-örl ausgerechnet von dir Rückendeckung erhält, dann hätte ich sie nicht geschlagen, selbst wenn mir ein Teufel die Hand geführt hätte. – Komm her, Ping-örl! Ich will mich vor der jungen Herrin und den Fräulein bei dir entschuldigen. Verzeih mir, daß ich im Rausch keine Tugend mehr hatte!“
Schleierfrau sagte lächelnd: "Hört euch das an! Ich sage einen einzigen Satz, und schon redet sie sich in Rage und schüttet zwei Wagenladungen gemeiner Marktfrau-Sprüche aus, alles kleinlich berechnet auf Heller und Pfennig. So ein Geschöpf — und dabei hat sie das Glück gehabt, in einer bekannten Familie von Gelehrten und Beamten als Fräulein geboren zu werden! Eingeheiratet hat sie in genau so eine Familie, und trotzdem ist sie noch so. Wäre sie als Sohn einer armen Familie zur Welt gekommen, wer weiß, was sie dann für ein vulgäres, schamloses Mundwerk hätte! Alle Menschen auf der Welt hast du übervorteilt! Gestern hast du sogar Friedchen geschlagen — du hast es dir also tatsächlich erlaubt, die Hand gegen sie zu erheben! Den gelben Fusel hast du wohl einem Hundsmagen eingeschüttet? Ich war so wütend, dass ich Friedchen am liebsten gerächt hätte. Ich habe einen halben Tag mit mir gerungen, aber weil es gerade Hündchens Geburtstag war — so ein seltener Glückstag! — und ich fürchtete, die Herzoginmutter würde sich darob grämen, bin ich nicht gekommen. Doch mein Zorn hat sich immer noch nicht gelegt. Und heute hast du mich schon wieder herausgefordert! Du bist es nicht wert, Friedchen auch nur die Schuhe zu reichen. Ihr zwei müssten eigentlich die Plätze tauschen!"
Wieder fingen alle zu lachen an, Li Wan aber fragte Ping-örl: „Na? Habe ich dir nicht gesagt, ich würde erst Ruhe geben, wenn ich mich für dich eingesetzt habe?“

„Trotzdem“, sagte Ping-örl lächelnd, „ich vertrage es nicht, wenn die jungen Herrinnen mich zum besten haben.“

„Was ist da nicht zu vertragen?“ fragte Li Wan. „Du hast doch mich. Aber jetzt hol schnell die Schlüssel und laß deine Herrin das Hintergebäude aufschließen und unsere Sachen heraussuchen!“
Alle lachten darüber. Phönixglanz sagte eilig lächelnd: "Also seid ihr gar nicht wegen der Dichtkunst oder der Malerei zu mir gekommen — du machst dieses Gesicht einzig und allein, um für Friedchen Rache zu nehmen! Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen gerade an dir eine Beschützerin hat. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich sie nicht geschlagen, selbst wenn ein Gespenst meine Hand geführt hätte. — Friedchen, komm her! Ich entschuldige mich vor der älteren Herrin und den Fräulein bei dir. Verzeih mir, dass ich im Rausch keine Tugend kannte!" Darauf lachten wieder alle.
„Beste Schwägerin, geh doch mit den Mädchen in den Garten zurück!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß erst hier die Getreiderechnungen addieren. Dann hat die ältere gnädige Frau nach mir geschickt, und ich weiß nicht, was sie von mir will. Also muß ich zu ihr hinübergehen. Außerdem sind auch die Kleider, die ihr zu Neujahr bekommen sollt, noch nicht in Auftrag gegeben.“ Schleierfrau fragte Friedchen lächelnd: "Wie ist das nun? Habe ich nicht gesagt, ich würde erst Ruhe geben, wenn ich deinen guten Ruf verteidigt habe?"
„Das alles ist mir ganz egal“, entgegnete Li Wan lächelnd. „Erledige nur erst meine Sachen, damit ich schlafen gehen kann und die Mädchen mir nicht böse sind.“ Friedchen antwortete lächelnd: "Das mag so sein, aber wenn die Herrinnen sich auf meine Kosten amüsierten, das hielte ich nicht aus."
„Gönn mir doch ein kleines bißchen Ruhe, beste Schwägerin!“ bat Hsi-fëng rasch. „Sonst hattest du mich immer so gern, jetzt aber magst du mich wegen der Sache mit Ping-örl nicht mehr. Du warst es doch, die mir stets zugeredet hat: ‚Auch wenn viel zu tun ist, muß man auf seine Gesundheit achten und sich Pausen gönnen, um auszuruhen.‘ Heute aber willst du mich umbringen. Schleierfrau sagte: "Was hieltst du nicht aus? Du hast doch mich. Aber jetzt nimm schnell die Schlüssel und lass deine Herrin das Lagergebäude aufschließen und die Sachen heraussuchen!"
Außerdem würde es ja nichts ausmachen, wenn die Neujahrskleider für andere nicht rechtzeitig fertig würden, aber für die Kleider der Mädchen trägst du die Verantwortung. Würde die alte gnädige Frau dir nicht vorwerfen, du hättest dich nicht einmal um so eine Kleinigkeit gekümmert und auch nicht einen Ton dazu gesagt? Ich dagegen würde eher den Fehler auf mich nehmen, als dich in die Sache hineinzuziehen.“ Phönixglanz sagte lächelnd: "Liebe Schwägerin, geh doch bitte erst mit ihnen in den Garten zurück. Ich muss sogleich die Reisabrechnungen zusammenrechnen, und drüben hat die ältere gnädige Frau [邢夫人] auch schon wieder nach mir geschickt — ich weiß nicht, was sie will, muss aber auf jeden Fall hinüber. Und die Neujahrsgarderobe, die ihr für die Dienstboten zuschustern lassen müsst, die ist auch noch nicht vorbereitet."
„Hört euch nur an, wie sie zu reden versteht!“ sagte Li Wan lächelnd. „Dir werde ich helfen, du Rednerin... Aber ich frage dich: Wirst du dich nun um den Dichterbund kümmern oder nicht?“ Schleierfrau sagte lächelnd: "Das alles kümmert mich nicht. Erledige nur erst meine Angelegenheit, damit ich mich ausruhen kann und mir die Mädchen nicht weiter in den Ohren liegen."
„Was für eine Frage!“ erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Würde ich nicht wie ein Verbrecher vor dem Garten des Großen Anblicks dastehen, wenn ich nicht eintreten und einiges Geld spendieren würde? Könnte ich dann noch in Ruhe meinen Reis hier essen? Gleich morgen früh, wenn ich den Posten antrete und das Amtssiegel in Empfang nehme, werde ich fünfzig Liang Silber hinlegen, damit der Bund für einige Zeit etwas hat, um seine Gastmähler auszurichten. Phönixglanz sagte rasch lächelnd: "Liebste Schwägerin, gönn mir doch ein Stündchen Luft! Du bist doch sonst immer die, die mich am meisten verwöhnt — warum hast du heute wegen Friedchen kein Erbarmen mehr mit mir? Du selbst hast mir doch oft genug zugeredet: 'Auch wenn viel zu tun ist, musst du auf deine Gesundheit achten und dir hin und wieder eine Pause gönnen.' Und heute treibst du mich zu Tode! Wenn die Neujahrskleider anderer Leute etwas später fertig werden, macht das nichts. Aber wenn die der Schwestern sich verzögern, ist das deine Verantwortung. Wird die Herzoginmutter dich nicht tadeln, dass du dich nicht einmal um eine solche Kleinigkeit gekümmert hast? Diesen naheliegenden Einwand hättest du auch selbst vorbringen können! Ich würde lieber selbst den Fehler auf mich nehmen, als dich in Schwierigkeiten zu bringen."
Da ich weder Gedichte noch Prosa schreiben kann und nur ein ganz profaner Mensch bin, werdet ihr mich, wenn ihr das Geld erst habt, sowieso schon nach wenigen Tagen wieder hinauswerfen, ohne viel danach zu fragen, ob ich euer Zensor bin oder nicht.“ Schleierfrau sagte lächelnd: "Hört euch nur an, wie geschickt sie redet! Was für ein Redetalent sie hat! Aber jetzt frage ich dich: Kümmerst du dich nun um die Dichtergesellschaft oder nicht?"
Alle lachten darüber, dann fuhr Hsi-fëng fort: „Nachher werde ich gleich das Hintergebäude aufschließen und all die Sachen herausbringen lassen, damit ihr sie euch ansehen könnt. Was ihr davon gebrauchen könnt, nehmt ihr euch, und wenn noch etwas fehlt, lasse ich es nach eurer Liste kaufen, und Schluß! Die Seide zum Malen schneide ich euch sofort ab.

Jene Zeichnung aber ist nicht bei der gnädigen Frau, sondern drüben beim jungen Herrn Dschën. Das sage ich euch, damit ihr nicht umsonst danach fragt. Ich werde jemand schicken, der sie holt, und lasse sie dann den jungen Freunden des gnädigen Herrn übergeben, und zwar zusammen mit der Seide, die sie beizen sollen. Wie wäre das?“
Phönixglanz sagte lächelnd: "Was für eine Frage! Wenn ich nicht der Gesellschaft beitrete und ein paar Münzen beisteuere, stehe ich am Ende als Aufrührerin des Gartens des Großen Anblicks da — da könnte ich gleich aufhören, hier zu essen! Morgen in aller Frühe trete ich mein Amt an, steige vom Pferd ab, nehme das Amtssiegel entgegen und lege zunächst fünfzig Liang Silber hin, damit ihr in Ruhe eure Zusammenkünfte ausrichten könnt. Ich für mein Teil kann ohnehin weder dichten noch schreiben, ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch. Ob ich nun 'Zensorin' bin oder nicht — wenn ihr erst das Geld habt, werdet ihr mich sowieso hinauswerfen!" Alle lachten wieder.
Li Wan nickte lächelnd und sagte: „Danke! Wenn du das wirklich tust, ist alles in Ordnung. Dann können wir jetzt wieder gehen. – Warten wir‘s ab! Wenn sie uns die Sachen nicht bringen läßt, kommen wir wieder und löchern sie noch einmal!“ Damit setzte sie sich an die Spitze der Mädchen, die sich zum Gehen anschickten.

„Das alles kann sich doch kein anderer als Bau-yü ausgedacht haben!“ bemerkte Hsi-fëng noch.
Phönixglanz fuhr fort: "Nachher öffne ich das Lagergebäude und lasse alles herausbringen. Ihr könnt euch ansehen, was davon brauchbar ist. Was fehlt, kaufe ich nach eurer Liste ein. Die Malseide schneide ich sofort zu. Die Vorlagezeichnung ist allerdings nicht bei der gnädigen Frau, sondern drüben beim Herrn Juwel Kaufmann [贾珍][8]. Das sage ich euch, damit ihr euch nicht umsonst auf den Weg macht. Ich werde jemanden schicken, der sie holt, und dann die Zeichnung zusammen mit der Seide den jungen Herren zum Beizen übergeben lassen. Was meint ihr dazu?"
Als Li Wan das hörte, wandte sie sich rasch noch einmal um und sagte lächelnd: „Ach, richtig! Bau-yü war es ja, um dessentwillen wir hergekommen waren, aber dann hatte ich das vergessen. Er war es, der unser erstes Treffen versäumt hat. Aber weil wir zu weich sind, solltest du uns sagen, wie wir ihn bestrafen können!“

Hsi-fëng dachte nach, dann sagte sie: „Es gibt nichts Besseres, als ihm zu befehlen, zur Strafe bei euch allen die Zimmer auszufegen.“
Schleierfrau nickte lächelnd und sagte: "Das ist nett von dir. Wenn du das wirklich tust, ist alles bestens. Dann lasst uns zurückgehen — wenn sie die Sachen nicht liefert, kommen wir wieder und belästigen sie aufs Neue." Damit führte sie die Schwestern zum Aufbruch.
„Das ist gut!“ sagten alle und wollten nun gehen, als eben, von einem kleinen Sklavenmädchen gestützt, Amme Lai hereinkam.

Sofort erhob sich Hsi-fëng und forderte sie auf: „Setz dich, Tante!“ Anschließend beglückwünschten sie alle zum freudigen Ereignis.
Phönixglanz bemerkte noch: "An alldem ist doch nur Schatzjade [宝玉][9] schuld!"
Amme Lai nahm auf dem Rand des Ofenbetts Platz und sagte lächelnd: „Für mich ist es eine Freude, aber auch für die Herrschaften ist es eine Freude. Wie hätte es ohne die Gnade der Herrschaften diese Freude für uns gegeben?! Als gestern auch noch Tsai-ming mit Geschenken der gnädigen Frau kam, hat sich mein Enkel kniefällig vor dem Haupttor bedankt.“ Als Schleierfrau das hörte, drehte sie sich rasch um und sagte lächelnd: "Richtig, wegen Schatzjade sind wir hergekommen, und beinahe hätte ich ihn vergessen! Er war es, der das erste Treffen versäumt hat. Wir sind zu weichherzig gewesen — sag uns, wie wir ihn bestrafen sollen."
„Wann wird er sein Amt antreten?“ fragte Li Wan lächelnd. Phönixglanz überlegte einen Moment und sagte: "Es gibt keine bessere Strafe, als ihn sämtliche Zimmer bei euch allen ausfegen zu lassen." Alle lachten und sagten: "Das ist treffend!"
„Was kümmere das mich? Das ist seine Sache“, gab Amme Lai zurück. „Als er mir neulich zu Hause seinen Respekt bezeugte, habe ich ihm keine zärtlichen Worte gegeben, sondern gesagt: ‚Junge, du darfst jetzt nicht darauf pochen, daß du Beamter bist, und darfst nicht etwa tyrannisch und eigenmächtig werden. Dreißig Jahre bist du alt und warst nur ein Sklave, doch durch die Gnade der Herrschaften hast du die Freiheit erhalten, kaum daß du aus dem Mutterleib kamst. Oben war es das Glück der Herrschaften, und unten waren es deine Eltern, weshalb du lernen und studieren konntest wie ein junger Herr, und von Sklavenfrauen und -mädchen bist du bedient worden wie ein Phönix. Groß, wie du bist, weißt du nicht einmal, wie das Wort „Sklave“ geschrieben wird, du weißt nur, wie man das Leben genießt. Gerade wollten sie gehen, als ein kleines Dienstmädchen die alte Lai-Amme [赖嬷嬷] hereinstützte. Phönixglanz und die anderen standen eilig auf. "Setz dich, Tante!" sagte Phönixglanz lächelnd. Dann beglückwünschten sie alle.
Du weißt auch nichts davon, wie dein Großvater und dein Vater ihr Leben lang Leid und Elend ertragen haben, ehe du werden konntest, was du bist. Aus dem Silber, das wir für dich ausgaben, seitdem dich von klein auf ein Mißgeschick nach dem andern befiel, hätte man eine Silberfigur schmieden können, die genauso groß wäre wie du. Als du zwanzig warst, konnten wir durch die Gnade der Herrschaften einen Beamtenrang für dich kaufen. Sieh dir nur an, wie viele Leute von ordentlicher Herkunft Hunger und Not leiden müssen! Also paß auf, daß du, der du von Sklaven abstammst, dir dein Glück nicht verdirbst! Die alte Lai-Amme setzte sich an den Rand des Ofenbetts und sagte lächelnd: "Für mich ist es eine Freude, aber für die Herrschaften ist es ebenso eine Freude. Ohne die Gnade der Herrschaften, woher käme uns dieses Glück? Als gestern die gnädige Frau noch Tsai-ming mit Geschenken schickte, hat mein Enkel sich vor dem Haupttor kniefällig bedankt."
Nachdem es dir zehn Jahre lang gut gegangen ist, hast du es jetzt – mit wer weiß welchen Mitteln und Methoden! – über die Herrschaften erreicht, daß man dich für diesen Posten ausgewählt hat. Ein Kreis- oder Bezirksvorsteher ist zwar kein hoher Beamter, aber seine Aufgaben sind schwerwiegend genug. Wer der Vorsteher eines Bezirks ist, der ist Vater und Mutter für den ganzen Bezirk. Wenn du dich jetzt nicht zufriedengibst mit deinem Los, dem Staat nicht deine Treue und Dankbarkeit beweist und dich den Herrschaften gegenüber nicht ehrerbietig benimmst, wird der Himmel dich nicht dulden!‘“ Schleierfrau fragte lächelnd: "Wann wird er sein Amt antreten?"
Lächelnd sagten Li Wan und Hsi-fëng: „Du machst dir zuviel Gedanken! Wir finden ihn ganz in Ordnung. Früher war er noch manchmal hier, in den letzten Jahren hat er sich allerdings nicht mehr herbemüht, nur seine Namenskarte haben wir zu Neujahr und zu den Geburtstagen zu sehen bekommen, und das war alles. Doch als er neulich vor der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen seinen Stirnaufschlag machen kam, haben wir ihn im Gehöft der alten gnädigen Frau gesehen. In seiner neuen Amtstracht sah er sehr stattlich aus, auch voller geworden ist er im Vergleich zu früher. Die alte Lai-Amme seufzte: "Was kümmert mich das — soll er tun, was er will! Neulich, als er mir zu Hause seinen Respekt bezeugte, habe ich ihm keine liebevollen Worte gegeben, sondern gesagt: 'Junge, bilde dir ja nicht ein, du seist nun ein Beamter und könnest tyrannisch und willkürlich schalten und walten! Du bist dreissig Jahre alt. Zwar warst du als Sohn von Dienern geboren, aber kaum kamst du aus dem Mutterleib, schenkten die Herrschaften dir in ihrer Gnade die Freiheit. Dank des Glücks der Herrschaften und deiner Eltern wurdest du wie ein junger Herr erzogen, konntest lesen und schreiben lernen und wurdest von Mägden, Frauen und Ammen bedient wie ein kostbarer Phönix. Jetzt, da du erwachsen bist, weißt du nicht einmal, wie man das Wort 'Sklave' schreibt! Du kennst nur das Genießen. Du weißt nichts davon, welche Mühsal und Entbehrungen dein Großvater und dein Vater durch zwei, drei Generationen ertragen haben, ehe sie dich aus sich herausringen konnten. An dem Silber, das seit deiner Kindheit für deine Krankheiten und Unglücksfälle ausgegeben wurde, hätte man eine Silberfigur gießen können, die so groß wäre wie du. Als du zwanzig warst, durftest du dank der Gnade der Herrschaften einen Beamtenrang erwerben. Sieh dir nur an, wie viele Leute von ordentlicher Herkunft Hunger und Not leiden! Du, ein Sprössling von Sklaven, pass bloß auf, dass du dir dein Glück nicht verderbst! Nun hast du zehn Jahre lang in Saus und Braus gelebt und es mit allerlei Schlichen und Kniffen über die Herrschaften fertiggebracht, dass man dich für einen Posten ausgewählt hat. Ein Kreis- oder Bezirksbeamter mag ein kleines Amt sein, doch die Verantwortung ist groß: Wer einen Bezirk regiert, ist Vater und Mutter für die ganze Bevölkerung. Wenn du nicht zufrieden und pflichttreu bist, dem Staat nicht loyal dienst und den Herrschaften nicht ehrfürchtig begegnest, wird dich der Himmel nicht dulden!'"
Nachdem er jetzt diesen Posten bekommen hat, solltest du froh sein, anstatt dir Sorgen zu machen. Wenn er sich nicht richtig verhält, ist doch noch sein Vater da. Du aber freu dich an dem, was du hast, und damit basta! Wenn du Muße hast, setz dich in eine Sänfte und komm her, spiel einen Tag lang Karten mit der alten gnädigen Frau oder verplaudere einen Tag mit ihr! Wem würde es einfallen, dir deswegen Vorwürfe zu machen?! Zu Hause aber hast du Häuser und Hallen, alles achtet dich, und du lebst nicht anders als die Mutter eines verdienten Beamten, die seinetwegen Ehrungen genießt.“

Ping-örl brachte den Tee, und rasch stand Amme Lai auf, um ihn entgegenzunehmen. Lächelnd sagte sie: „Warum hast du nicht irgendeine von den Mägden damit geschickt? Das ist zuviel Ehre für mich!“
Schleierfrau und Phönixglanz sagten beide lächelnd: "Du machst dir zu viele Sorgen. Wir finden, er ist ganz tüchtig geworden. Früher kam er noch hin und wieder vorbei, aber seit einigen Jahren hat man nur noch seinen Namen auf den Namenskarten gesehen, zu Neujahr und an Geburtstagen, das war alles. Als er neulich kam, um der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen seinen Kotau zu machen, sah man ihn im Hof der Herzoginmutter in seiner neuen Amtstracht — er machte einen recht stattlichen Eindruck und ist auch fülliger geworden als früher. Jetzt, da er sein Amt erhalten hat, solltest du dich eigentlich freuen, statt dich in Sorgen zu grämen. Wenn er sich daneben benimmt, ist ja immer noch sein Vater da. Du aber genieße deinen Lebensabend, und damit basta! Wenn du Musse hast, lass dich in einer Sänfte hierhertragen, spiel einen Tag Karten mit der Herzoginmutter oder plaudere mit ihr — wer würde es wagen, dich schlecht zu behandeln? Auch zu Hause hast du Häuser und Hallen, jeder respektiert dich, und du lebst nicht anders als eine alte Feudalherrin."
Sie trank von dem Tee und fuhr fort: „Ihr jungen Herrinnen wißt das nicht, man muß die Kinder in allem streng halten. Aber wie streng man sie auch hält, sie passen doch einen Augenblick ab und richten ein Unheil an, das den Erwachsenen Kummer bereitet. Wer Bescheid weiß, sagt, das sind Kinderstreiche, aber wer nicht Bescheid weiß, sagt, hier würden Reichtum und Macht mißbraucht, um andere zu bedrücken. Dadurch geraten dann selbst die Herrschaften mit in Verruf. Darüber ärgere ich mich so, daß ich gar nicht weiß, was ich machen soll. Wie oft muß ich seinen Vater holen lassen, damit der ihn ausschimpft, ehe er sich ein wenig bessert!“ Friedchen brachte Tee herein. Die alte Lai-Amme stand eilig auf, um die Tasse entgegenzunehmen, und sagte lächelnd: "Fräulein, lasst doch irgendeines der Mädchen den Tee bringen — ich verdiene solche Ehre nicht." Sie trank einen Schluck und fuhr dann fort: "Das wissen die Herrinnen gar nicht: Diese Kinder muss man streng halten. Und selbst wenn man streng ist, finden sie immer noch eine Gelegenheit, Unfug anzurichten und den Erwachsenen Kummer zu bereiten. Wer Bescheid weiß, sagt, das seien eben Kindereien. Wer aber nicht Bescheid weiß, sagt, hier werde Reichtum und Macht missbraucht, um andere zu bedrücken, und dann leidet selbst der Ruf der Herrschaften. Darüber ärgere ich mich so, dass ich nicht weiß, was ich tun soll. Oft muss ich seinen Vater rufen und ihn ausschelten lassen, dann bessert er sich etwas."
Nun wies sie auf Bau-yü und sprach weiter: „Auch wenn du mir diese Worte übelnimmst, aber der gnädige Herr hält dich nicht sehr streng, und die alte gnädige Frau nimmt dich immer wieder in Schutz. Dabei hat auch der gnädige Herr von deinem Großvater Schläge bekommen, als er noch klein war. Wer hätte das nicht gesehen! Dabei war der gnädige Herr als Kind nicht so wie du, der du keinen Respekt vor Himmel und Erde kennst. Auch der ältere gnädige Herr war ungezogen als Kind, aber er hat nicht das ganze Haus auf den Kopf gestellt, wie du es tust, und doch hat er Tag für Tag Schläge bekommen.

Und wie jähzornig erst der Großvater von deinem Vetter Dschën drüben war! Ein Wort, und er brauste auf. Dann gab es keinen Sohn mehr für ihn, er schien vielmehr einen Verbrecher zu verhören. Nach dem, was ich zu sehen und zu hören bekomme, behandelt Herr Dschën seinen Sohn nach denselben Grundsätzen, wie sie damals der verstorbene Ahnherr hatte. Nur daß er blindlings dabei vorgeht, und auf ein bißchen Selbstzucht achtet er auch nicht. Kein Wunder, daß er bei den Jüngeren keine Autorität genießt! Wenn du Verstand hast, wirst du dich freuen, daß ich dir das gesagt habe. Wenn du aber keinen Verstand hast, wird es dir zwar peinlich sein, etwas zu erwidern, innerlich aber wirst du schön auf mich fluchen.“

Als sie das eben sagte, kam Lai Das Frau herein, und kurz darauf erschienen auch die Frauen von Dschou Juee und Dschang Tsai, die Berichte zu geben hatten.

„Du kommst wohl deine Schwiegermutter abholen?“ wandte sich Hsi-fëng lächelnd an Lai Das Frau.
Dann deutete sie auf Schatzjade und sprach: "Nimm es mir nicht übel, aber der gnädige Herr, dein Vater, züchtigtdich heutzutage nur mäßig, und die Herzoginmutter nimmt dich immer in Schutz. Dein Vater hat in seiner Kindheit von deinem Großvater Prügel bezogen — wer hätte das nicht mit eigenen Augen gesehen? Und als Kind war dein Vater längst nicht so wie du, der weder Himmel noch Erde fürchtet. Auch der ältere Herr, dein Onkel Begnadigung Kaufmann [贾赦], war als Junge ungezogen, aber er hat nie das ganze Haus auf den Kopf gestellt wie du, und trotzdem wurde er täglich geschlagen. Und erst der Großvater von eurem Juwel Kaufmann drüben im Ostanwesen — der war wie Öl aufs Feuer! Wenn er einmal in Zorn geriet, kannte er keinen Sohn mehr, sondern verhörte ihn wie einen Verbrecher! Soweit ich sehen und hören kann, erzieht Juwel Kaufmann seinen Sohn durchaus nach den Grundsätzen des alten Ahnherrn — nur trifft er oft daneben. Und sich selbst hält er erst recht nicht im Zaum. Kein Wunder, dass die jüngeren Brüder und Neffen ihn nicht respektieren und nicht fürchten! Wenn du das im Herzen verstehst, wirst du dich über meine Worte freuen. Wenn du es nicht verstehst, wirst du zwar nichts sagen, aber insgeheim auf mich schimpfen."
„Nein“, erwiderte diese, ebenfalls lächelnd. „Ich wollte mich erkundigen, ob Ihr und die Fräulein uns die Ehre geben werdet.“ Während sie noch sprach, trat Lai Das Frau [赖大家的] herein, und gleich darauf kamen auch die Frauen von Zhou Rui und Zhang Cai, um Bericht zu erstatten.
„Richtig!“ sagte wieder Amme Lai und lächelte. „Ich bin aber auch dumm! Worum es eigentlich geht, das sage ich nicht, statt dessen breite ich hier muffige Hirse und schimmligen Sesam aus. Da der Junge den Posten bekommen hat und alle Freunde und Verwandten ihm gratulieren wollen, kommen wir nicht umhin, ein Fest für ihn zu geben. Da habe ich mir gedacht, wenn wir nur einen Tag lang feiern, können wir den einen oder den andern nicht mit einladen. Aber wenn uns – dem Glück unserer Herrschaften sei Dank – schon solche Ehre zuteil wird, dann will ich dafür gern unser ganzes Vermögen opfern. Darum habe ich zu seinem Vater gesagt, wir müssen drei Tage lang feiern. Phönixglanz sagte lächelnd: "Die Schwiegertochter kommt die Schwiegermutter abholen."
Am ersten Tag richten wir in unserem schäbigen Garten einige Weintafeln und eine Theaterbühne her, damit die alte gnädige Frau, die gnädigen Frauen und die Fräulein sich unterhalten können. Eine Bühne und Weintafeln richten wir auch draußen in der Halle her, wo uns die alten und jungen gnädigen Herren die Ehre erweisen können.Am zweiten Tag laden wir Freunde und Verwandte ein und am dritten unseresgleichen aus beiden Anwesen. Das ergibt drei Tage Glanz, die wir im Schatten des Glücks unserer Herrschaften genießen.“ Lai Das Frau sagte lächelnd: "Ich will sie gar nicht abholen, sondern nur hören, ob die Herrin und die Fräulein uns die Ehre erweisen."
„Wann soll das sein?“ fragten Li Wan und Hsi-fëng lächelnd. „Wir kommen auf jeden Fall, und sicher freut sich auch die alte gnädige Frau und kommt ebenfalls, aber wir können das nicht festlegen.“ Als die alte Lai-Amme das hörte, sagte sie lächelnd: "Ja, da bin ich wirklich zerstreut — die Hauptsache sage ich nicht und rede stattdessen von altem Hirse und schimmligem Sesam! Da unser Junge den Posten bekommen hat und Verwandte und Freunde ihm gratulieren wollen, müssen wir wohl ein Fest ausrichten. Ich dachte mir: Wenn wir nur einen Tag feiern, können wir dies und jenes nicht einladen. Dann dachte ich weiter: Dem Glück unserer Herrschaften sei Dank — wer hätte je von solcher Ehre geträumt! Selbst wenn wir unser ganzes Vermögen aufwenden, tü ich es gern. Deshalb habe ich seinen Vater angewiesen, drei Tage lang zu feiern. Am ersten Tag richten wir in unserem kleinen Garten einige Weintafeln und eine Theaterbühne her und laden die Herzoginmutter, die gnädigen Frauen und die Fräulein ein, sich einen Tag lang zu zerstreuen. Draußen in der großen Halle gibt es ebenfalls eine Bühne und Tafeln für die alten und jungen gnädigen Herren. Am zweiten Tag laden wir Verwandte und Freunde ein, am dritten unsere Kameraden aus beiden Anwesen. Drei Tage Festlichkeit — im Glanze des Glücks unserer Herrschaften."
„Wir haben den vierzehnten dafür ausgewählt“, sagte darauf Lai Das Frau und bat: „Tut nur unserer alten Mutter die Ehre!“ Schleierfrau und Phönixglanz sagten lächelnd: "Wann soll es sein? Wir kommen gewiss, und vielleicht freut sich auch die Herzoginmutter und kommt mit — aber versprechen können wir das nicht."
Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Wie die anderen es halten, weiß ich nicht, aber ich komme unbedingt. Nur das eine will ich euch vorher sagen: Geschenke bringe ich nicht mit, und Belohnungen zu verteilen kommt bei mir auch nicht in Frage. Sobald ich mich satt gegessen habe, gehe ich wieder. Das ist kein Scherz.“ Lai Das Frau sagte eilig: "Wir haben den Vierzehnten gewählt. Bitte erweist nur unserer alten Mutter die Ehre!"
„Was sagt Ihr da, junge Herrin!“ erwiderte Lai Das Frau lächelnd. „Wenn Ihr nur wollt, könnt Ihr uns eine Belohnung von zwanzig- oder dreißigtausend Liang Silber gewähren. Ihr besitzt doch genug.“ Phönixglanz sagte lächelnd: "Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich komme auf jeden Fall. Eines sage ich euch aber gleich vorweg: Ein Geschenk bringe ich nicht mit, und Trinkgeld verteile ich auch nicht. Wenn ich mich satt gegessen habe, gehe ich wieder — lacht mich deswegen nicht aus."
„Die alte gnädige Frau habe ich vorhin schon eingeladen“, warf Amme Lai lächelnd dazwischen. „Sie hat gesagt, sie werde kommen. Ich genieße wohl doch noch einiges Ansehen mit meinem alten Gesicht.“ Dann wiederholte sie ihre Einladung noch ein paarmal und stand schon auf, um zu gehen, als ihr beim Anblick von Dschou Juees Frau plötzlich etwas einfiel, und so sagte sie: „Richtig! Da war noch etwas, was ich Euch fragen wollte, junge Herrin. Was hat sich der Sohn von Schwägerin Dschou zuschulden kommen lassen, daß Ihr ihn hinauswerfen mußtet?“ Lai Das Frau sagte lächelnd: "Was sagt Ihr denn da, gnädige Frau! Wenn Ihr belohnen wollt, gebt uns zwei- bis dreitausend Liang, das würde schon genügen."
„Ach ja“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Das hatte ich schon deiner Schwiegertochter sagen wollen, aber dann vergaß ich es, weil soviel dazwischengekommen ist. – Sag zu Hause deinem Mann, der Bursche darf in keinem unserer Anwesen mehr Aufnahme finden. Er soll seiner Wege gehen.“ Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Eben war ich bei der Herzoginmutter, und sie hat gesagt, sie komme auch — da sieht man, dass mein altes Gesicht noch etwas gilt." Nachdem sie noch ein paarmal gemahnt hatte, stand sie auf, um zu gehen. Da fiel ihr beim Anblick von Zhou Ruis Frau [周瑞家的] etwas ein, und sie sagte: "Ach ja, eine Frage hätte ich noch an die gnädige Frau: Was hat denn der Sohn von Schwester Zhou angestellt, dass Ihr ihn hinausgeworfen und entlassen habt?"
Während Lai Das Frau nur jawohl sagte, ließ sich Dschou Juees Frau rasch auf die Knie fallen und bat um Gnade für ihren Sohn. Phönixglanz hörte das und sagte lächelnd: "Richtig, das wollte ich deiner Schwiegertochter sagen, habe es aber bei all den Geschäften vergessen. Schwester Lai, richte deinem Alten aus: In keinem unserer beiden Anwesen darf man den Burschen aufnehmen. Er soll seiner Wege gehen."
„Worum geht es denn?“ fragte Amme Lai. „Erzählt es mir, und ich werde richten!“ Lai Das Frau konnte nur jawohl sagen. Zhou Ruis Frau aber fiel rasch auf die Knie und flehte um Gnade. Die alte Lai-Amme sagte eilig: "Was ist denn los? Erzählt es mir, und ich werde urteilen."
„Gestern, als ich Geburtstag hatte, war ihr Sohn schon betrunken, noch ehe wir drinnen den ersten Becher geleert hatten“, berichtete Hsi-fëng. „Und als Geschenke von meiner Mutter gebracht wurden, ist er draußen, anstatt die Botinnen zu begrüßen, einfach sitzen geblieben und hat sie beschimpft. Die Geschenke hat er auch nicht hereingetragen. Erst als die beiden Frauen schon drinnen waren, hat er sie zusammen mit ein paar Dienerknaben gebracht. Phönixglanz sagte: "Neulich an meinem Geburtstag, als wir drinnen noch nicht einmal den ersten Becher getrunken hatten, war ihr Sohn draußen bereits sternhagelvoll. Als meine Mutter Geschenke schickte, statt die Boten draußen zu empfangen, sass er herum und beschimpfte die Leute und brachte die Gaben nicht herein. Als die beiden Frauen schließlich drinnen waren, begann er erst mit den jungen Dienern die Sachen hereinzutragen. Die kleinen Diener benahmen sich ordentlich, aber er ließ eine Schachtel fallen und verstreute Dampfbrötchen über den ganzen Hof. Nachdem die Boten fort waren, schickte ich Tsai-ming [彩明] hin, um ihm Vorhaltungen zu machen, und er hat stattdessen Tsai-ming beschimpft! So einen schamlosen, zügellosen Taugenichts wirft man nicht hinaus — was soll man dann mit ihm tun?"
Aber während die Knaben sich ordentlich aufgeführt haben, hat er die Schachtel, die er trug, fallen lassen, so daß die Dampfbrötchen, die darin waren, über den ganzen Hof gerollt sind. Als die Botinnen wieder fort waren und ich Tsai-ming zu ihm schickte, um ihn zur Rede zu stellen, hat er auch Tsai-ming beschimpft. Wenn so ein schamloses, ehrvergessenes Schildkrötenjunges nicht hinausgeworfen wird, was soll ich dann mit ihm machen?“ Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Ich dachte, es wäre etwas Schlimmeres! Also nur deshalb. Hört mich an, gnädige Frau: Wenn er sich vergangen hat, bestraft und schimpft ihn, damit er sich bessert. Aber hinauswerfen dürft Ihr ihn auf keinen Fall. Er ist ja nicht wie die Kinder unserer alten Hausdienerfamilien — seine Mutter kam als Brautbegleitung der gnädigen Frau ins Haus. Wenn Ihr ihn einfach hinausjagt, fällt das auf die gnädige Frau [王夫人] zurück. Meiner Meinung nach solltet Ihr ihm ein paar Hiebe verabreichen lassen, damit er künftig gewarnt ist, und ihn dann behalten. Wenn Ihr es nicht um seiner Mutter willen tut, tut es um der gnädigen Frau willen."
„So war das also!“ sagte Amme Lai lächelnd. „Und ich dachte wunder was er angestellt hätte. Hört mich an, junge Herrin! Wenn er sich vergangen hat, solltet Ihr ihn schlagen und schelten, damit er sich bessert. Aber hinauswerfen dürft Ihr ihn auf keinen Fall. Ihr könnt ihn ja nicht mit den Kindern von uns alten Familiensklaven gleichsetzen, denn seine Mutter wurde von der gnädigen Frau mit in die Ehe gebracht. Deshalb würde es kein gutes Licht auf die gnädige Frau werfen, wenn Ihr ihn einfach davonjagt. Darum meine ich, es ist das Beste, wenn Ihr ihn mit ein paar Hieben belehrt, damit er für die Zukunft gewarnt ist, und ihn doch im Hause behaltet. Wenn Ihr es nicht um seiner Mutter willen tut, tut es um der gnädigen Frau willen!“ Phönixglanz hörte das an und wandte sich an Lai Das Frau: "Gut, dann lasst ihm vierzig Stockhiebe geben, und künftig darf er keinen Wein mehr trinken."
„Also laß ihm vierzig Stockschläge geben, und in Zukunft darf er keinen Wein mehr trinken!“ wandte sich Hsi-fëng an Lai Das Frau. Lai Das Frau sagte: „Jawohl!“, und Dschou Juees Frau bedankte sich kniefällig. Erst als Lai Das Frau sie festhielt, ließ sie davon ab. Lai Das Frau sagte jawohl. Zhou Ruis Frau machte einen Kotau, stand auf und wollte sich auch vor der alten Lai-Amme auf die Knie werfen, aber Lai Das Frau hielt sie zurück. Darauf gingen die drei, und auch Schleierfrau und die Schwestern kehrten in den Garten zurück.
Nachdem die Frauen gegangen waren, kehrte auch Li Wan mit den anderen in den Garten zurück. Am Abend ließ Phönixglanz tatsächlich allerhand alte Malutensilien heraussuchen und in den Garten bringen. Schatzspange [宝钗] und die anderen sortierten sie durch. Nur die Hälfte der verschiedenen Gegenstände war brauchbar. Für die fehlende Hälfte schrieben sie eine neue Liste und übergaben sie Phönixglanz, die alles nach Muster einkaufen ließ. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Am Abend ließ Hsi-fëng dann wirklich eine Vielzahl von Malutensilien heraussuchen und in den Garten bringen. Bau-tschai wählte mit den anderen zusammen aus, was davon zu gebrauchen war, aber es ergab nur die Hälfte von dem, was sie verlangt hatten. Für den Rest schrieben sie eine neue Liste und übergaben sie Hsi-fëng, die danach einkaufen ließ. Aber das muß hier nicht im einzelnen beschrieben werden. Eines Tages brachte man die draußen gebeizten und vorgezeichneten Seidenstücke herein. Fortan war Schatzjade [宝玉] jeden Tag bei Bewahrfrühling, um ihr beim Malen zu helfen. Auch Spürfrühling, Schleierfrau, Willkommenfrühling [迎春] und Schatzspange kamen oft dort vorbei — teils um beim Malen zuzusehen, teils weil es eine beqüme Gelegenheit war, sich zu treffen.
Eines Tages wurde dann der seidene Malgrund, der draußen gebeizt und mit dem Entwurf versehen worden war, hereingebracht, und nun war Bau-yü jeden Tag emsig bemüht, Hsi-tschun zur Hand zu gehen. Auch Tan-tschun, Li Wan, Ying-tschun und Bau-tschai saßen häufig bei Hsi-tschun. Zum einen, um sie malen zu sehen, zum anderen, weil es eine bequeme Gelegenheit war, einander zu treffen. Da das Wetter kühler wurde und die Nächte länger, ging Schatzspange zu ihrer Mutter, um verschiedene Handarbeiten zu besprechen und vorzubereiten. Am Tag machte sie zweimal ihre Aufwartung bei der Herzoginmutter und bei Dame Wang [王夫人][10]; dabei kam es natürlich vor, dass sie ihnen zu Gefallen eine Weile sitzen blieb und plauderte. Auch die Schwestern im Garten wollte sie besuchen und ein wenig mit ihnen reden. Deshalb hatte sie tagsüber kaum freie Zeit und sass allabendlich im Lampenschein an ihren Handarbeiten, bis sie erst in der dritten Nachtwache schlafen ging.
Da das Wetter kühler und die Nächte länger wurden, besuchte Bau-tschai ihre Mutter, um sich mit ihr über einige Nadelarbeiten zu beraten. Am Tage ging sie zweimal zur Herzoginmutter und zu Dame Wang, um ihnen ihre Aufwartung zu machen, und da ließ es sich nicht zu vermeiden, daß sie ihnen zu Gefallen ein Weilchen sitzen blieb, um zu plaudern. Auch die Kusinen im Garten durfte sie nicht zu selten auf einen Schwatz besuchen gehen, und so hatte sie tagsüber kaum Muße. An den Abenden saß sie dann im Lampenschein bis in die dritte Nachtwache an ihren Handarbeiten, ehe sie schlafen ging.

Dai-yü, die regelmäßig jedes Jahr um die Frühlings- und die Herbst-Tagundnachtgleiche an Husten litt, hatte diesmal, um der Herzoginmutter eine Freude zu machen, mehrmals an Feiern teilnehmen müssen, und die unvermeidliche Folge davon war, daß sie sich überanstrengt hatte und jetzt wieder hustete, und zwar, wie sie selber merkte, schlimmer als sonst. Darum verließ sie nicht mehr das Haus und blieb in ihren Räumen, um sich zu kurieren.
Kajaljade [黛玉] litt jedes Jahr um die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche an einem Hustenanfall. Da in diesem Herbst die Herzoginmutter besonders gut aufgelegt gewesen war und sie an einigen zusätzlichen Ausflügen teilgenommen hatte, war sie unweigerlich überanstrengt und hatte nun einen neuerlichen Hustenanfall, der ihr schlimmer vorkam als sonst. Deshalb ging sie überhaupt nicht mehr vor die Tür und blieb zu Hause, um sich auszukurieren. Manchmal, wenn ihr langweilig wurde, sehnte sie sich danach, dass eine der Schwestern käme und ein wenig mit ihr plauderte. Wenn dann aber Schatzspange und die anderen sie besuchten, war sie nach drei, fünf Sätzen schon wieder genervt und erschöpft. Die anderen hatten Verständnis für ihre Krankheit und ihren ohnehin zarten Körper, der nicht die geringste Kränkung ertrug, und machten ihr deshalb auch keine Vorwürfe, wenn der Empfang zu wünschen übrig ließ und sie die Höflichkeit vernachlässigte.
Manchmal hatte sie es satt und sehnte sich nach einer ihrer Kusinen, um mit ihr zu plaudern und sich dadurch aufzuheitern, aber wenn dann Bau-tschai und die anderen sie besuchen kamen, war sie ihrer schon nach wenigen Sätzen überdrüssig. Die anderen hielten ihr zugute, daß sie leidend war und auch sonst nicht die Kraft hatte, Kränkungen hinzunehmen, darum machten sie ihr keine Vorhaltungen, wenn der Empfang zu wünschen übrig ließ und die Anstandsregeln zu kurz kamen. An diesem Tag kam Schatzspange zu Besuch, und das Gespräch kam auf Kajalades Krankheit. Schatzspange sagte: "Die Ärzte, die hier ein und aus gehen, sind zwar nicht schlecht, aber die Medizin, die sie dir verschreiben, zeigt keine Wirkung. Warum lassen wir nicht einen wirklich hervorragenden Arzt kommen, der dich gründlich untersucht? Wäre es nicht wunderbar, wenn du endlich geheilt würdest? Jedes Jahr quälst du dich im Frühling und im Sommer herum, dabei bist du weder alt noch ein kleines Kind. So kann es doch nicht ewig weitergehen."
Eines Tages war Bau-tschai zu Besuch und kam auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. „Die Ärzte, die hier ein- und ausgehen, sind zwar nicht schlecht“, sagte sie, „aber die Medikamente, die sie dir verschreiben, zeitigen keine Wirkung. Deshalb sollte man einen wirklichen Fachmann herbitten, damit er dich untersucht. Wäre es nicht schön, wenn du endlich geheilt würdest? Was soll denn das, wenn du dich jedes Jahr im Frühling und im Sommer damit quälen mußt, obwohl du kein kleines Kind und keine alte Frau bist! So geht doch das nicht auf die Dauer.“ Kajaljade sagte: "Es ist zwecklos. Ich weiß, dass meine Krankheit unheilbar ist. Schon wenn ich mich nur ansehe, wie ich an meinen guten Tagen bin, weiß man alles."
„Es hat keinen Zweck“, erwiderte Dai-yü. „Ich weiß, daß meine Krankheit nicht zu heilen ist. Das siehst du auch daran, wie es mir geht, wenn ich mich besser fühle.“ Schatzspange nickte und sagte: "Genau das meine ich. Die Alten sagen: 'Wer Getreide isst, lebt.' Aber was du täglich zu dir nimmst, stärkt weder Geist noch Körper noch Blut. Das ist kein guter Zustand."
„Eben das meine ich ja“, bestätigte ihr Bau-tschai mit einem Nicken. „Bei den Alten heißt es ‚Mit Getreide erhält man sein Leben.‘ Mit dem, was du für gewöhnlich ißt, kann man Seele und Leib nicht stärken. Das ist nicht in Ordnung!“ Kajaljade seufzte: "'Tod und Leben sind vom Schicksal bestimmt, Reichtum und Ehre hängen vom Himmel ab' — das kann kein Mensch erzwingen. Dieses Jahr kommt es mir auch noch schlimmer vor als in den vergangenen Jahren." Während sie sprach, musste sie schon zwei-, dreimal husten.
„‚Leben und Tod liegen im Schicksal begründet, über Reichtum und Würde entscheidet der Himmel‘“, gab Dai-yü seufzend zurück. „Mit menschlicher Kraft kann man nichts erzwingen. Mir ist auch so, als ob es mir diesmal schlechter ginge als in früheren Jahren.“ Während sie das sagte, hatte sie ein paarmal husten müssen.

„Gestern habe ich dein Rezept gesehen und hatte den Eindruck, es sei zuviel Ginseng und Kassiarinde dabei“, fuhr Bau-tschai wieder fort. „Dadurch werden zwar Körper und Geist belebt und erfrischt, aber ungünstig ist, daß diese Mittel zu ‚heiß‘ sind. Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, erst einmal die Leber zu beruhigen und den Magen zu stärken. Sobald das Feuer der Leber gelöscht ist, kann es das Erdelement nicht mehr überwinden, und wenn der Magen gesund ist, wird der Körper durch Essen und Trinken gekräftigt.
Schatzspange sagte: "Gestern habe ich mir dein Rezept angesehen. Der Ginseng und die Zimtrinde scheinen mir viel zu reichlich dosiert. Zwar stärken diese Mittel die Lebenskraft und erfrischen den Geist, aber sie sind auch sehr 'heiß'. Meiner Meinung nach sollte man zuerst die Leber beruhigen und den Magen stärken. Wenn das Feuer der Leber gelöscht ist, kann es das Erdelement [Anm.: In der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre überwindet die Leber (Holz/Feuer) den Magen (Erde); ein übermäßiges Leberfeuer schädigt die Verdauung] nicht mehr überwinden, und wenn der Magen gesund ist, kann Essen und Trinken den Körper nähren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen solltest du ein Liang bester Schwalbennester mit fünf Qian Kandiszucker in einem silbernen Tiegel zu einer Suppe kochen lassen. Wenn du dich daran gewöhnt hast, ist das besser als jede Medizin. Es ist das Allerbeste, um das Yin-Element zu stärken und die Lebenskraft zu nähren."
Du mußt dir jeden Morgen nach dem Aufstehen in einem silbernen Tiegel eine Suppe aus einem Liang besten Schwalbennestern und fünf Tjiän Kandiszucker kochen lassen. Wenn du die regelmäßig zu dir nimmst, ist das besser als jede Medizin. Sie kräftigt ungemein das yin-Element und stärkt die Lebenskraft.“

„Du bist immer so gut zu einem, aber ich bin so mißtrauisch, daß ich dachte, du hättest Böses im Sinn“, gestand Dai-yü. „Als du mir neulich sagtest, es sei nicht gut, unorthodoxe Bücher zu lesen, und mir so gut zugeredet hast, war ich innerlich tief bewegt. Bis dahin hatte ich stets eine falsche Vorstellung von dir. Fünfzehn Jahre bin ich alt, und wenn ich es recht überlege, hat mir in der ganzen Zeit, seitdem meine Mutter tot ist und ich ohne Schwestern und Brüder lebe, niemand solche Belehrungen zukommen lassen wie du.

Kein Wunder, daß Hsiang-yün große Stücke auf dich hält. Früher habe ich mich geärgert, wenn sie dich lobte, und verstehen kann ich sie erst, seit ich es neulich selbst erlebte. Wenn du mir früher etwas sagtest, tat ich es immer leichthin ab, aber du hast dich nicht daran gestört und hast mir weiter gute Ratschläge gegeben. Jetzt erkenne ich, daß ich im Unrecht war. Wenn ich das nicht neulich bemerkt hätte, würde ich heute auch nicht so mit dir reden.

Eben hast du gesagt, ich solle Schwalbennestersuppe essen. Nun sind zwar Schwalbennester leicht zu bekommen, aber ich habe so eine zarte Gesundheit und werde jedes Jahr krank, auch wenn es nie so ernst ist, daß man immer den Arzt holen und Medizin aus Ginseng und Kassiarinde für mich kochen muß. Das verursacht schon Aufregung genug.

Wenn ich jetzt wieder mit etwas Neuem komme, werden die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und Kusine Hsi-fëng nichts dagegen sagen, die Sklavenfrauen und -mädchen jedoch werden mich für zu anspruchsvoll halten. Du weißt ja, wie bösartig schon alle die alte gnädige Frau belauern, weil sie Bau-yü und Hsi-fëng so gern hat, und wie sie hinter ihrem Rücken darüber reden. Was also würden sie erst in meinem Falle machen! Zumal ich nicht einmal richtig zur Herrschaft gehöre, sondern schutz- und hilflos hier Zuflucht gesucht habe. Ich werde ohnehin schon genug verachtet und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Warum soll ich ihnen auch noch Anlaß geben, mich zu verfluchen?!“
Kajaljade seufzte: "Die Art, wie du Menschen behandelst, war schon immer äusserst liebenswürdig. Aber ich bin nun einmal überaus argwöhnisch und hielt dich früher für hinterhältig. Seit jenem Tag, als du mich vor den schlechten Büchern warntest und mir so gute Worte gabst, bin ich dir zutiefst dankbar. All die Jahre zuvor war ich im Irrtum, das sehe ich jetzt klar. Wenn ich es mir recht überlege: Meine Mutter starb früh, ich habe weder Brüder noch Schwestern, und in meinen ganzen fünfzehn Jahren hat mich kein einziger Mensch so belehrt wie du neulich. Kein Wunder, dass Wolke vom Xiang-Fluss [史湘云][11] dich rühmt! Früher, wenn ich sie dich loben hörte, nahm ich es ihr übel. Erst seit jenem jüngsten Erlebnis weiß ich es einzuschätzen. Wenn du zum Beispiel solche Dinge gesagt hättest wie jemand anderes, ich hätte es dir nie verziehen. Aber du hast es nicht übelgenommen und mir stattdessen gut zugeredet. Daraus erkennt man, wie sehr ich mich getäuscht habe. Hätte ich es nicht neulich selbst erlebt, würde ich dir heute nicht so offen reden. Was nun die Schwalbennester-Suppe angeht, die du mir empfiehlst: Schwalbennester wären leicht zu beschaffen. Aber bedenke, ich bin ohnehin krank, und jedes Jahr habe ich denselben Anfall — es ist nie so dramatisch, dass man etwas Besonderes unternehmen müsste. Allein der Arzt, die Medizin, der Ginseng und der Zimt haben schon für genug Aufregung gesorgt. Wenn ich jetzt auch noch mit einer neuen Idee wie Schwalbennester-Suppe käme — die Herzoginmutter, die gnädige Frau und Phönixglanz würden vielleicht nichts sagen, aber die Dienerinnen und Mägde im Hintergrund würden mich ganz gewiss zu anspruchsvoll finden. Sieh dir die Leute hier an: Schon weil die Herzoginmutter Schatzjade und Phönixglanz besonders gern hat, beäugen sie die beiden wie Tiger ihre Beute und reden hinter ihrem Rücken übles Zeug. Wie viel schlimmer wäre es erst bei mir! Zumal ich gar nicht ihre eigentliche Herrin bin — ich bin als Schutzlose und Heimatlose hierher geflüchtet. Man hat ohnehin schon genug gegen mich. Wenn ich mich jetzt auch noch unangemessen verhalte, warum sollte ich ihnen noch mehr Anlass geben, mich zu verwünschen?"
„Wenn du es so nimmst, geht es mir nicht anders als dir“, sagte Bau-tschai. Schatzspange sagte: "Wenn du so argumentierst, dann geht es mir genauso."
„Wie kannst du dich mit mir gleichsetzen?“ fragte Dai-yü. „Du hast eine Mutter und einen Bruder. Hier treibt ihr Handel und verfügt über Landbesitz, und daheim besitzt ihr ebenfalls Häuser und Äcker. Du wohnst hier nur umsonst als Verwandte, aber du beanspruchst doch keine einzige Münze von ihnen, und wenn du fortgehen willst, gehst du fort. Ich jedoch nenne nicht den geringsten Besitz mein eigen, doch in bezug auf Essen, Kleidung und alles, was man sonst noch braucht, bekomme ich bis zum letzten Strohhalm und bis zum letzten Blatt Papier genau dasselbe wie die Mädchen des Hauses. Wie also sollten mich so kleinliche Seelen nicht verachten?!“ Kajaljade sagte: "Wie willst du dich mit mir vergleichen? Du hast eine Mutter und einen Bruder. Eure Familie hat hier Geschäfte und Grundbesitz, und daheim besitzt ihr ebenfalls Häuser und Land. Du wohnst hier nur als Verwandte, beanspruchst keinen einzigen Heller von ihnen, und wenn du gehen willst, gehst du. Ich dagegen besitze rein gar nichts. Essen, Kleidung, alles, was ich brauche, bis zum letzten Grashalm und zum letzten Blatt Papier — alles erhalte ich genauso wie die Töchter des Hauses. Wie sollten diese kleinen Leute mich da nicht verachten?"
Lächelnd hielt ihr Bau-tschai entgegen: „Aber das bedeutet doch weiter nichts als eines Tages eine Aussteuer mehr. Und noch ist es zu früh, sich darüber Sorgen zu machen.“ Schatzspange sagte lächelnd: "Am Ende kommt höchstens eine Aussteuer mehr dazu — aber so weit muss man jetzt noch nicht denken."
Errötend warf Dai-yü ihr vor: „Ich halte dich für einen anständigen Menschen und offenbare dir meinen Herzenskummer, aber du machst dich lustig über mich!“ Als Kajaljade das hörte, wurde sie unwillkürlich rot und sagte lächelnd: "Und ich habe dich gerade für einen verständigen Menschen gehalten und dir meine Sorgen anvertraut — und du neckst mich!"
„Es war nur ein Scherz, und doch ist es die Wahrheit“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Sei unbesorgt! Solange ich hier bin, werde ich dir deinen Kummer zerstreuen. Erzähl mir nur, was dich kränkt und was dich bekümmert, und ich tue für dich, was ich kann. Ja, ich habe einen Bruder, aber du weißt, wie er ist. Nur dadurch bin ich ein wenig besser dran als du, weil ich meine Mutter habe. Sonst aber sind wir Leidensgefährten, die einander nachfühlen können. Warum mußt du seufzen wie Sï-ma Niu, du bist doch ein verständiger Mensch! Eben jedoch hattest du recht – lieber eine Forderung zuwenig als eine zuviel. Morgen werde ich zu Hause meine Mutter fragen. Ich glaube, wir müssen noch Schwalbennester haben. Ich schicke dir ein paar Liang davon, und du läßt dir jeden Tag von den Mägden die Suppe daraus kochen. So ist es billiger, und es wird auch keine Staatsaktion daraus.“ Schatzspange sagte lächelnd: "Es war zwar ein Scherz, aber auch die Wahrheit. Sei unbesorgt! Solange ich hier bin, werde ich dich jeden Tag ein wenig aufheitern. Was immer dich kränkt und kümmert, sag es mir ruhig, und ich werde tun, was in meiner Macht steht, um es für dich zu lösen. Gewiss habe ich einen Bruder, aber du weißt ja, was für einer das ist. Nur dass ich meine Mutter habe — darin bin ich ein wenig besser dran als du. Im Übrigen aber sind wir Leidensgefährtinnen, die einander nachfühlen können. Du bist ein kluger Mensch — warum seufzt du wie Sima Niu? [Anm.: Sima Niu, ein Schüler des Konfuzius, klagte, er allein habe keine Brüder; der Vergleich meint: sich unnötig über Einsamkeit grämen] Und was du vorhin gesagt hast, stimmt auch: Lieber eine Forderung weniger als eine mehr. Morgen gehe ich nach Hause und spreche mit meiner Mutter. Ich glaube, wir haben noch Schwalbennester. Ich schicke dir einige Liang, und jeden Tag lassen deine Mägde die Suppe kochen. So ist es beqüm und billig, und es gibt keine große Aufregung deswegen."
„Entscheidend ist nicht, daß du mir etwas schickst, sondern daß du so lieb zu mir bist!“ sagte Dai-yü sogleich dankbar. Kajaljade sagte rasch lächelnd: "Auf die Schwalbennester kommt es nicht an — es ist deine Herzensgüte, die mir so viel bedeutet!"
„Das ist doch nicht der Rede wert!“ beteuerte Bau-tschai. „Ich sorge mich nur, daß ich es oft an der nötigen Hilfe fehlen lasse. Doch ich fürchte, jetzt wirst du müde sein, also werde ich gehen!“ Schatzspange sagte: "Ach, das ist doch nicht der Rede wert! Ich fürchte nur, dass ich es bei diesem und jenem an der nötig Aufmerksamkeit fehlen lasse. Aber ich will dich jetzt nicht länger belästigen, ich gehe."
„Komm am Abend wieder und rede mit mir!“ bat Dai-yü. Bau-tschai versprach es und ging. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein.

Nachdem Dai-yü ein paar Schlucke nüchterne Reissuppe getrunken hatte, lehnte sie sich auf ihrem Bett zurück.
Kajaljade sagte: "Komm am Abend noch einmal und plaudere ein wenig mit mir." Schatzspange versprach es und ging. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein.
Unverhofft schlug dann noch vor Sonnenuntergang das Wetter um, und es begann sachte zu regnen. Unaufhörlich fielen die Tropfen, ein Ende war nicht abzusehen, und zur Stunde der Dämmerung war es bereits stockfinster. Zusammen mit dem Geräusch des Regens, der auf die Bambuswipfel fiel, schuf das eine Stimmung von Furcht und Kälte.

Dai-yü sagte sich, daß Bau-tschai nun nicht kommen konnte, und griff im Lampenschein wahllos nach einem Buch. Es waren „Vermischte Manuskripte von Musikamt-Gedichten“, in denen sie auf Verse wie „Abschiedsschmerz eines Mädchens im Herbst“ und „Trennungsschmerz“ stieß. Unwillkürlich regte sich etwas in ihrem Herzen und formte sich unversehens zu Sätzen, so daß sie nach dem Muster der „Mondnacht am Fluß unter blühenden Bäumen“ ebenfalls ein Abschiedsgedicht mit dem Titel „Herbstnacht am Fenster bei strömendem Regen“ schrieb, das lautete:

Welk sind die Blumen, die Gräser vergilbt,

lang ist die Herbstnacht bei flackerndem Licht.
Kajaljade trank einige Löffel dünnen Reisbrei und lehnte sich auf dem Bett zurück. Unversehens schlug noch vor Sonnenuntergang das Wetter um, und ein feiner, gleichmäßiger Regen begann zu fallen. Endloser Herbstregen, mal stieg er auf, mal ließ er nach, der Himmel wurde allmählich gelb vor Dämmerung und dann düsterschwarz. Dazu kam das Prasseln der Regentropfen auf den Bambuswipfeln, was die Tröstlosigkeit nur noch vertiefte. Kajaljade wusste, dass Schatzspange nun nicht mehr kommen konnte, und griff im Lampenschein nach einem Buch, das ihr gerade in die Hände fiel. Es waren die "Vermischten Manuskripte des Musikamtes" mit Gedichten wie "Herbstklagen einer einsamen Frau" und "Abschiedsschmerz". Unwillkürlich regte sich etwas in Kajalades Herzen, und die Empfindungen formten sich ganz von selbst zu Versen. So dichtete sie ein "Stellvertretendes Abschiedslied" im Stil des alten Gedichts "Mondnacht am Frühlingsstrom zwischen Blumen" und nannte es "Herbstfenster bei Wind und Regen". Es lautet:
Nimmer will enden, so scheint es, der Herbst, Herbstblumen welken bleich, Herbstgras vergilbt,
kühl genug war‘s schon ohne Regen und Wind. die Herbstlampe flackert, endlos die Herbstnacht.
Woher treibt mit dem Wind der Regen so schnell, Man spürt: am Herbstfenster endet der Herbst nie,
der klopft an mein Fenster und stört meinen Traum? wie könnten Wind und Regen nicht Trübsal mehren!
Im Herzen die Wehmut verleidet den Schlaf, So rasch schon bringt der Herbstwind den Regen!
die tränende Kerze allein trifft mein Blick. Er bricht den Herbsttraum am Herbstfenster jach.
Die Kerze brennt nieder, zurück bleibt kein Rest,

zum Kummer gesellt sich der Trennung Verdruß.
Im Herzen den Herbstschmerz, schlaflos vor Kummer,
Vor niemandes Hof macht der Herbstwind je halt, zum Herbstschirm hin rückt man die Tränenkerze.
an jedermanns Fenster klopft Regen heut nacht. Die Tränenkerze zuckt am kurzen Leuchter,
Der herbstlichen Kühle hält Seide nicht stand, weckt Sehnsuchtsqual und rührt den Trennungsschmerz.
im Tropfen des Regens pocht Wasseruhrtakt. In wessen Herbsthof dringt kein Wind?
Die ganze Nacht rauscht es, die ganze Nacht heult‘s, An wessen Herbstfenster schweigt der Regen?
als teilte das Wetter den Schmerz sich mit mir. Die Seidendecke wehrt dem Herbstwind nicht,
Öd liegt mein Höfchen im nebligen Dunst, die lecke Wasseruhr treibt den Herbstregen.
vom Bambus am Fenster tropft es und tropft. Nacht um Nacht still und rauschend,
Wann nimmt, so sagt mir, der Regen ein Ende, vor der Lampe als Gefährte, der mit dem Einsamen weint.
am Fenster selbst perlen schon Tränen herab. Kalter Nebel im kleinen Hof — alles veröedet,
Als Dai-yü das Gedicht eben noch einmal überlesen und den Schreibpinsel beiseite gelegt hatte, wollte sie schlafen gehen, aber da meldete ein Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist gekommen.“ am offenen Fenster, im Bambus: tropft es und tropft.
Kaum waren die Worte verklungen, erblickte sie Bau-yü mit einem breitkrempigen Hut auf dem Kopf und einem langfasrigen Regenumhang um die Schultern. Unwillkürlich mußte sie lachen und fragte: „Wie kommt denn dieser Fischer hierher?“ Wann hören Wind und Regen endlich auf?
Bau-yü aber erkundigte sich sofort: „Geht es dir jetzt ein wenig besser? Hast du deine Medizin genommen? Wieviel hast du heute gegessen?“ Während er das fragte, legte er Hut und Umhang ab, hob dann die Lampe in die Höhe, schirmte ihren Schein mit der anderen Hand ab und leuchtete Dai-yü ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen sah er sie einen Moment lang prüfend an, dann bemerkte er lächelnd: „Du siehst heute etwas besser aus.“ Längst haben Tränen den Gazevorhang durchnässt.
Nachdem Bau-yü den Umhang abgelegt hatte, trug er nur noch ein abgetragenes halblanges Gewand aus dünner roter Seide und eine grüne Leibbinde darüber. Von den Knien abwärts sah man die Hosenbeine aus dunkelgrüner Seide, die mit Streublumen verziert war, darunter dicht mit Goldfäden bestickte Baumwollstrümpfe und Schuhe, die ein Muster von Schmetterlingen zwischen Blüten zeigten. Kaum hatte sie das Gedicht niedergeschrieben und den Pinsel beiseite gelegt und wollte sich zur Ruhe begeben, da meldete ein Dienstmädchen: "Der Zweite Junge Herr ist gekommen!" Noch bevor der Satz verklungen war, erblickte sie Schatzjade mit einem großen Bambushut auf dem Kopf und einem strohgeflochtenen Regenumhang über den Schultern. Kajaljade musste unwillkürlich lachen: "Wo kommt denn dieser Fischer her?"
„Den Kopf schützt du vor dem Regen, Schuhe und Strümpfe aber nicht, und trotzdem sind sie sauber!“ wunderte sich Dai-yü. Schatzjade fragte sogleich: "Geht es dir heute etwas besser? Hast du deine Medizin genommen? Wie viel hast du heute gegessen?" Während er so sprach, nahm er den Hut ab und legte den Umhang ab, hob eilig mit einer Hand die Lampe hoch, schirmte mit der anderen Hand den Lichtschein ab und leuchtete Kajaljade ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie prüfend und sagte dann lächelnd: "Du siehst heute etwas besser aus."
„Meine Regensachen sind ein kompletter Satz“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Es gehören noch Überschuhe aus Birnenholz dazu, die ich anhatte, als ich kam, und erst unter dem Dachvorsprung ausgezogen habe.“ Kajaljade sah, dass er ohne den Umhang nur ein halbgetragenes kurzes Gewand aus roter Seide trug, mit einem grünen Schweißtuch gegürtet. Unter den Knien lugten die Hosenbeine aus ölgrüner Seide mit Streublumen hervor, darunter dicht mit Gold bestickte Baumwollstrümpfe, und an den Füßen trug er Schuhe mit einem Muster von Schmetterlingen zwischen fallenden Blüten.
Dai-yü bemerkte, daß auch Hut und Umhang nicht von der gewöhnlichen Art waren, wie man sie auf dem Markt zu kaufen bekommt, vielmehr waren sie außerordentlich fein und zierlich gearbeitet. Darum fragte sie: „Woraus ist das gemacht? Angezogen sieht es gar nicht igelartig aus.“ Kajaljade fragte: "Oben schützt du dich vor dem Regen, aber Schuhe und Strümpfe unten sind wohl regenfest? Sie sind ja ganz sauber."
„Alle drei Sachen hat mir der Prinz Bee-djing geschenkt“, erklärte ihr Bau-yü. „Wenn er bei Regenwetter Muße hat, läuft er zu Hause auch so herum. Wenn dir das gefällt, besorge ich noch einen Satz und schenke ihn dir. Die anderen Sachen sind nichts Besonderes, der Hut aber ist interessant, denn er läßt sich auseinandernehmen. Das Mittelteil kann man abmachen. Wenn es im Winter schneit und man eine Mütze trägt, zieht man innen ein Bambusstück heraus und nimmt das Mittelteil ab, dann bleibt nur die Krempe übrig, die Männer so gut wie Frauen tragen können. Ich schenke dir so einen Hut, und wenn es schneit, setzt du ihn auf!“ Schatzjade sagte lächelnd: "Mein Regenanzug ist ein vollständiges Set. Dazu gehört ein Paar Holzüberschuhe aus Birnbaumholz, die ich eben anhatte und unter dem Dachvorsprung ausgezogen habe."
„Ich will keinen!“ lehnte Dai-yü lächelnd ab. „Wenn ich den aufsetze, sehe ich ja aus wie eine Fischerin auf einem Bild oder auf der Bühne.“ Kajaljade betrachtete Umhang und Hut genaür und stellte fest, dass es keine gewöhnliche Marktware war, sondern außerordentlich fein und zierlich gearbeitet. Sie fragte: "Aus was für einem Gras ist das geflochten? Deshalb sieht es angezogen auch nicht so igelhaft aus."
Erst als sie diese Worte schon ausgesprochen hatte, merkte sie, wie unüberlegt sie waren, weil man sie mit der Bezeichnung in Verbindung bringen konnte, die sie eben für Bau-yü gebraucht hatte. Aber jetzt war es zu spät. Schamröte überflog Dai-yüs Gesicht, und sie beugte sich über den Tisch und gab sich einem endlosen Hustenanfall hin. Schatzjade sagte: "Alle drei Stücke sind Geschenke vom Nordkönig [北静王]. Wenn er bei Regenwetter Musse hat, trägt er zu Hause auch solche Sachen. Wenn dir das gefällt, besorge ich noch einen Satz für dich. Die anderen Teile sind nichts Besonderes, aber der Hut hier ist interessant: Er lässt sich auseinandernehmen. Das Oberteil ist abnehmbar. Im Winter, wenn es schneit und man eine Mütze trägt, zieht man einfach das Bambusstäbchen heraus und nimmt das Oberteil ab, dann bleibt nur die Krempe übrig. Im Schnee können ihn Männer wie Frauen tragen. Ich schenke dir so einen Hut, und wenn es im Winter schneit, setzt du ihn auf."
Bau-yü jedoch hatte gar nicht darauf achtgegeben, und als er jetzt auf dem Tisch das Gedicht entdeckte, nahm er es auf und las es durch. „Wunderbar!“ Er konnte sich nicht enthalten, es zu loben. Kajaljade sagte lächelnd: "Den will ich nicht. Wenn ich so etwas aufsetze, sehe ich ja aus wie eine Fischerfrau auf einem Bild oder auf der Bühne!" Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, bemerkte sie, dass sie sich nicht bedacht hatte: Die Bezeichnung "Fischerfrau" stand in direkter Verbindung zu dem "Fischer", den sie eben noch Schatzjade genannt hatte. [Anm.: "Fischer" und "Fischerfrau" — 渔翁 und 渔婆 — bilden ein Paar; Kajaljade erröitet, weil die Zusammenstellung sie und Schatzjade als Ehepaar erscheinen lässt] Es war zu spät, es zurückzunehmen. Vor Scham wurde Kajaljade puterrot im Gesicht, beugte sich über den Tisch und hustete ohne Unterlass.
Als Dai-yü das hörte, richtete sie sich hastig auf, nahm Bau-yü das Gedicht weg und verbrannte es an der Lampe.

„Ich kann es schon auswendig“, versicherte Bau-yü lächelnd. „Es macht also gar nichts, daß du es verbrannt hast.“
Doch Schatzjade hatte gar nicht darauf geachtet. Als er auf dem Tisch das Gedicht entdeckte, nahm er es auf, las es durch und konnte nicht umhin, begeistert auszurufen. Kajaljade hörte das, sprang rasch auf, riss ihm das Blatt aus der Hand und verbrannte es über der Lampe.
„Mir geht es viel besser“, sagte Dai-yü. „Ich danke dir, daß du so oft hier warst, um nach mir zu sehen, und jetzt sogar noch bei Regen. Aber es ist schon Nacht, und ich möchte schlafen, also geh bitte nach Hause und komm morgen wieder.“ Schatzjade sagte lächelnd: "Ich habe es schon auswendig gelernt — Verbrennen nützt da nichts."
Bau-yü griff unter sein Gewand und holte die walnußgroße goldene Uhr hervor, die er am Busen trug. Er schaute darauf, und die Zeiger wiesen bereits auf den Anfang der neunten Stunde. Rasch steckte er die Uhr wieder weg und sagte: „Du hättest längst schlafen müssen und hast dich meinetwegen so lange gequält!“ Damit legte er sich den Umhang um, stülpte sich den Hut auf und ging hinaus. Aber draußen machte er gleich wieder kehrt, kam noch einmal herein und sagte zu Dai-yü: „Wenn du auf irgend etwas Appetit hast, dann sag es mir, und ich richte es gleich morgen früh der alten gnädigen Frau aus. Ich kann doch das besser erklären als die alten Weiber.“ Kajaljade sagte: "Mir geht es auch schon viel besser. Ich danke dir, dass du am Tag so oft nach mir siehst und sogar bei Regen herkommst. Aber jetzt ist es tiefe Nacht, und ich möchte mich hinlegen. Geh bitte nach Hause und komm morgen wieder."
Lächelnd erwiderte dai-yü: „Vielleicht fällt mir über Nacht etwas ein, dann sage ich es dir morgen früh. Aber horch nur, der Regen ist stärker geworden. Geh schnell nach Hause! Du hast doch jemand mit, oder nicht?“ Daraufhin griff Schatzjade in seinen Ärmel und holte eine walnussgroße goldene Taschenuhr hervor. Er schaute darauf — die Zeiger standen zwischen dem Ende der Stunde des Hundes und dem Beginn der Stunde des Schweins [Anm.: zwischen 20:45 und 21:15 Uhr]. Rasch steckte er die Uhr wieder weg und sagte: "Du hättest schon längst schlafen sollen. Ich habe dich einen halben Tag lang belästigt." Damit legte er den Umhang an, setzte den Hut auf und ging hinaus. Doch auf halbem Weg kehrte er um und kam noch einmal herein: "Worauf hättest du Appetit? Sag es mir, und ich richte es morgen früh der Herzoginmutter aus. Ist das nicht besser, als wenn die alten Frauen es ausrichten?"
Sofort antworteten aus dem Vorzimmer zwei Sklavenfrauen: „Es warten Leute mit Regenschirmen und Laternen draußen.“ Kajaljade sagte lächelnd: "Lass mich heute Nacht darüber nachdenken. Morgen früh sage ich es dir. Hörst du — der Regen wird immer stärker! Geh schnell. Hat dich denn jemand begleitet?"
„Laternen bei solchem Wetter?“ fragte Dai-yü lächelnd. Zwei Dienerinnen antworteten: "Jawohl, draußen warten Leute mit Regenschirmen und Laternen."
„Das Wetter macht nichts“, erklärte ihr Bau-yü. „Die Laternen sind aus durchsichtigen Austernschalen, der Regen schadet ihnen nicht.“ Kajaljade sagte lächelnd: "Bei diesem Wetter Laternen anzüzünden?"
Als Dai-yü das hörte, wandte sie sich um und nahm eine verzierte Glaslaterne vom Büchergestell, ließ eine kleine Kerze darin anzünden und reichte sie Bau-yü mit den Worten: „Die hier ist heller und gerade das Richtige für Regenwetter!“ Schatzjade sagte: "Das macht nichts. Es sind Laternen aus Marienglas [Anm.: 明瓦, transparent geschliffene Muschelschalen, die als Laternenfenster dienten und regenfest waren], die vertragen den Regen."
„Ich habe auch so eine“, erwiderte Bau-yü. „Aber ich hatte Angst, die Frauen könnten ausrutschen und damit hinfallen, dann wäre sie entzwei. Darum habe ich sie nicht genommen.“ Kajaljade hörte das, drehte sich um und nahm eine Glaslaterne mit gesticktem Kugeldekor vom Bücherregal. Sie ließ eine kleine Kerze darin anzüzünden und reichte sie Schatzjade mit den Worten: "Diese hier ist heller und eignet sich gerade für Regenwetter."
„Was ist denn schlimmer, wenn die Laterne hinfällt oder wenn du hinfällst?“ fragte Dai-yü. „Du bist es auch nicht gewöhnt, in hölzernen Überschuhen zu gehen. Laß deine Laternen vornwegtragen, diese hier ist leicht und hell, sie ist gerade dafür gedacht, daß man sie bei Regen selber trägt. Also nimm sie nur! So wird es besser sein. Morgen bringst du sie mir zurück. Und wenn du sie fallen läßt, ist das auch nicht so schlimm. Was stellst du dich plötzlich so an, daß du dir am liebsten den Bauch aufschlitzen möchtest, nur damit du eine Perle besser verstecken kannst?“ Schatzjade sagte: "Ich habe auch so eine, aber ich hatte Angst, die Dienerinnen könnten ausrutschen und hinfallen und sie zerbrechen, deshalb habe ich sie nicht mitgebracht."
Rasch ließ sich Bau-yü die Glaslaterne geben. Kajaljade sagte: "Ist es wertvoller, wenn die Laterne hinfällt, oder wenn du hinfällst? Du bist es doch auch nicht gewöhnt, in Holzüberschuhen zu gehen. Die Laterne dort sollen sie vorneweg tragen. Diese hier ist leicht und hell und dafür gemacht, sie bei Regen selbst in der Hand zu tragen. Nimm sie also. Morgen bringst du sie mir zurück. Und selbst wenn du sie fallen lässt, ist der Verlust gering. Wie kommst du plötzlich auf die Idee, dir den Bauch aufzuschlitzen, um eine Perle zu verbergen?" [Anm.: Sprichwort 剖腹藏珠, "sich den Bauch aufschlitzen, um eine Perle zu verstecken" — grösseren Schaden in Kauf nehmen, um etwas Geringeres zu schützen]
Vornweg gingen dann zwei Sklavenfrauen mit Schirmen und Austernschalenlaternen, und hinter Bau-yü folgten noch zwei Sklavenmädchen, die ebenfalls Schirme trugen. Die Glaslaterne reichte Bau-yü einem weiteren Sklavenmädchen, auf dessen Schulter er sich beim Gehen stützte. Schatzjade nahm die Laterne eilig entgegen. Vorneweg gingen zwei Dienerinnen mit Regenschirmen und Marienglas-Laternen, dahinter folgten noch zwei kleine Mägde mit Schirmen. Schatzjade übergab die Glaslaterne einem der Mädchen und stützte sich auf deren Schulter. So gingen sie davon.
Als sie eben das Gehöft verlassen hatten, kam eine Sklavenfrau aus dem Haselwurzpark, die ebenfalls Schirm und Laterne trug und ein großes Paket bester Schwalbennester und ein Päckchen schneeweißen Zucker brachte. „Dies ist etwas Besseres als das, was man zu kaufen bekommt“, sagte sie. „Das Fräulein läßt bestellen, Ihr solltet es getrost verbrauchen. Wenn es alle ist, schickt sie mehr.“

„Bestell ihr meinen Dank!“ sagte Dai-yü. Dann befahl sie der Frau, sie solle draußen Platz nehmen und Tee trinken.

Lächelnd erwiderte die Frau: „Ich mag keinen Tee trinken, ich habe noch zu tun.“
Bald darauf kam eine Dienerin aus dem Hengwu-yuan [Anm.: Haselwurzpark, der Wohnsitz von Schatzspange im Garten des Großen Anblicks], ebenfalls mit Schirm und Laterne, und brachte ein großes Paket bester Schwalbennester sowie ein Päckchen feinen Pflaumenblüten-Kristallzucker. Sie sagte: "Das ist besser als das, was man kaufen kann. Unser Fräulein lässt bestellen: Essen Sie es erst einmal auf, wenn es alle ist, wird mehr geschickt."
„Ich weiß schon, was ihr zu tun habt“, sagte Dai-yü lächelnd. „Jetzt, wo es wieder kühler ist und die Nächte länger werden, müßt Ihr Euch natürlich zur Nacht treffen, um nach Herzenslust zu spielen.“ Kajaljade sagte: "Bestellt ihr meinen Dank." Dann wies sie die Frau an, draußen Platz zu nehmen und Tee zu trinken.
„Ich will es nicht vor Euch verheimlichen, Fräulein, ich habe dieses Jahr großes Glück damit“, antwortete die Sklavenfrau. „Und da sowieso jede Nacht ein paar von uns Wache halten müssen und man den Dienst nicht versäumen darf, ist es besser, man spielt dabei. So ist man auf Wache und kann sich zugleich die Zeit vertreiben. Heute halte ich die Bank, und wenn die Gartentore verschlossen sind, soll ich zur Stelle sein.“ Die Dienerin sagte lächelnd: "Keinen Tee, ich habe noch zu tun."
„Da möchte ich mich bedanken, daß du mir trotz des Regens die Sachen gebracht hast und dabei die Gelegenheit aufs Spiel setzt, reich zu werden“, sagte Dai-yü lächelnd. Dann befahl sie, man solle der Frau ein paar hundert Bronzemünzen geben, damit sie sich Wein kaufen könne, um sich aufzuwärmen. Kajaljade sagte lächelnd: "Ich weiß schon, was Ihr vorhabt. Jetzt, wo es wieder kühler ist und die Nächte länger werden, müsstet Ihr Euch natürlich zur Nacht zusammenfinden, um ordentlich zu spielen."
„Ihr stürzt Euch in Unkosten, Fräulein!“ bedankte sich die Sklavenfrau strahlend und fiel auf die Knie, um mit der Stirn den Boden zu berühren. Dann trat sie hinaus, um sich das Geld geben zu lassen, und ging anschließend mit dem Schirm in der Hand wieder fort. Die Dienerin sagte lächelnd: "Ich will es dem Fräulein nicht verheimlichen: Dieses Jahr habe ich großes Glück dabei. Sowieso müssen jede Nacht überall einige Leute Wache halten, und den Dienst zu versäumen geht nicht. Da ist es besser, man richtet eine nächtliche Spielrunde ein — so hält man gleichzeitig Wache und vertreibt sich die Langeweile. Heute halte ich die Bank, und sobald die Gartentore geschlossen sind, geht es los."
Dsï-djüan räumte die Schwalbennester weg, dann stellte sie die Lampen um, ließ die Türvorhänge herab und brachte Dai-yü zu Bett. Kajaljade sagte lächelnd: "Da muss ich mich ja bedanken, dass du trotz des Regens gekommen bist und dafür deine Glückssträhne aufs Spiel setzt!" Sie befahl, der Frau einige hundert Kupfermünzen zu geben, damit sie sich Wein kaufe und sich gegen die Nässe aufwärme.
Als Dai-yü auf ihrem Kissen lag, dachte sie erst dankbar an Bau-tschai und beneidete sie dann wieder, weil sie Mutter und Bruder hatte. Anschließend dachte sie an Bau-yü, der immer so gut zu ihr war und dem sie dennoch Zweifel entgegenbrachte. Dann hörte sie wieder, wie draußen der Regen auf die Bambuswipfel und die Bananenblätter prasselte, und spürte, wie die Kälte durch ihre Bettvorhänge drang. Unwillkürlich begannen ihr wieder die Tränen zu fließen, und erst als die vierte Nachtwache zu Ende ging, schlief sie allmählich ein. Die Dienerin sagte lächelnd: "Da muss das Fräulein auch noch Geld für meinen Wein ausgeben!" Sie machte einen Kotau, nahm draußen das Geld entgegen und ging mit dem Schirm davon.
Mehr ist einstweilen von ihr nicht zu berichten. Purpurkuckuck [紫鹃] räumte die Schwalbennester weg, stellte die Lampe um, ließ die Vorhänge herab und half Kajaljade ins Bett. Kajaljade lag auf ihrem Kissen und dachte dankbar an Schatzspanges Güte, dann beneidete sie sie um Mutter und Bruder. Dann dachte sie an Schatzjade, mit dem sie zwar seit jeher vertraut war, gegenüber dem aber doch Bedenken blieben. Dann hörte sie draußen auf den Bambuswipfeln und Bananenblättern den Regen prasseln, und die feuchte Kälte drang durch die Bettvorhänge. Unwillkürlich rollten ihr wieder die Tränen herab. Erst gegen Ende der vierten Nachtwache schlief sie allmählich ein. Mehr ist für den Augenblick nicht zu berichten. Was weiter geschah —
Wer wissen will, wie es weiterging, ...
  1. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
  2. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
  3. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
  4. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.
  5. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
  6. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „den Frühling bewahren". Jüngste Tochter des Hauses Kaufmann, talentierte Malerin.
  7. Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
  8. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Juwel Kaufmann/Kostbarkeit". Oberhaupt des Osthauses der Familie Kaufmann.
  9. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.
  10. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame Wang". Schatzjades Mutter.
  11. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Shi Wolke vom Xiang-Fluss". Schatzjades lebhafte Cousine.

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