Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 55
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Kapitel 55: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 55.Eine einfältige Konkubine schmäht in grundloser Wut die eigene Tochter,eine durchtriebene Sklavin verrät in tückischer Absicht ihre junge Herrin. | Kapitel 55 |
| Das Laternenfest war also vorüber, und da der herrschende Kaiser das Reich in kindlicher Ergebenheit regierte und eine der Nebenfrauen seines verewigten Vaters zur Zeit der Gesundheit ermangelte, hatten alle seine Nebenfrauen ihre Kost reduzieren und ihren Schmuck ablegen müssen. Nicht nur, daß sie keine Elternbesuche machen konnten, auch auf Bankette und Musik mußte verzichtet werden, und so waren diesmal zum Laternenfest auch keine Laternenrätsel ins Jung-guo-Anwesen geschickt worden. | Tanchun[1] zeigt ihre Klugheit bei der Aufdeckung alter Missstände und verwaltet nun den Haushalt. Phönixglanz[2] enthüllt im Gespräch die Sorgen um die Zukunft der Familie. |
| Nachdem alle Veranstaltungen zum Jahreswechsel vorbei waren, hatte Hsi-fëng eine Fehlgeburt und sollte sich deshalb einen Monat lang schonen, so daß sie nicht den Haushalt führen konnte. Täglich kamen zwei oder drei Hofärzte, die sie behandelten. Aber Hsi-fëng baute auf ihre kräftige Konstitution, und wenn sie auch nicht die Zimmer verließ, so plante und rechnete sie doch nicht anders als sonst. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Ping-örl los, um Dame Wang davon berichten zu lassen. Alles Zureden blieb vergeblich. | Das Laternenfest war nun vorüber. Da der gegenwärtige Kaiser sein Reich nach dem Grundsatz der Pietät regierte und eine kaiserliche Gemahlin im Palast erkrankt war, mussten sich alle Nebenfrauen und Konkubinen des Hofes in Speise und Schmuck einschränken. Es waren nicht nur keine Elternbesuche möglich, auch alle Festlichkeiten und Vergnügungen waren abgesagt worden. Daher fand auch im Kaufmann-Palast in diesem Jahr kein Laternenrätsel-Fest statt. |
| Dame Wang fühlte sich ihrer wichtigsten Stütze beraubt. Wie weit reichte schon ihre eigene Kraft! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst, alle Kleinigkeiten des Haushalts dagegen überließ sie vorübergehend Li Wan. Li Wan aber war ein Mensch von höchster Tugend, doch nicht von höchster Tüchtigkeit, und so war es nicht zu vermeiden, daß die Untergebenen bei ihr machen konnten, was sie wollten. Darum wurde Tan-tschun von Dame Wang beauftragt, Li Wan zu unterstützen. In einem Monat, wenn Hsi-fëng wieder gesund sein würde, sollte die Arbeit wieder ihr überlassen werden. | Kaum waren die Geschäftigkeiten des Jahreswechsels vorüber, da erlitt Phönixglanz eine Fehlgeburt. Sie musste sich einen Monat lang schonen und konnte den Haushalt nicht führen. Täglich kamen zwei oder drei Leibärzte, um sie zu behandeln. Phönixglanz vertraute jedoch auf ihre kräftige Konstitution, und obwohl sie das Haus nicht verließ, plante und rechnete sie wie gewöhnlich. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Friedchen[3] los, um es Frau Wang[4] berichten zu lassen. Alles Zureden war vergeblich, sie hörte auf niemanden. |
| Niemand konnte ja ahnen, daß Hsi-fëng ihrer Veranlagung nach über zu wenig Lebenskraft verfügte, was noch dadurch verschlimmert wurde, daß sie sich seit ihrer Kindheit niemals Schonung gegönnt hatte. Immer wollte sie die Erste und die Klügste sein, und dadurch hatte sie ihre Kräfte weiter untergraben. Was eigentlich nur eine Fehlgeburt war, entwickelte sich zur echten Entkräftung. Nach einem Monat kamen Unterleibsblutungen dazu. Hsi-fëng sprach zwar nicht davon, aber der Anblick ihres fahlen, abgemagerten Gesichts verriet jedem, daß sie sich nicht die nötige Schonung gönnte. Darum befahl ihr Dame Wang, sie solle brav ihre Medikamente nehmen und sich pflegen, ohne ihren Geist zu strapazieren. | Frau Wang fühlte sich ihrer wichtigsten Stütze beraubt. Wie weit reichte schon die Kraft eines einzelnen Menschen! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst; alle kleineren Angelegenheiten des Haushalts überließ sie vorübergehend Frau Li[5]. Frau Li war jedoch jemand, der Tugend über Tüchtigkeit stellte, und so war es unvermeidlich, dass die Bediensteten unter ihrer Führung tun und lassen konnten, was sie wollten. Darum befahl Frau Wang, dass Tanchun gemeinsam mit Frau Li die Geschäfte führen solle. In einem Monat, so hieß es, wenn Phönixglanz wieder genesen sei, werde ihr alles wieder übergeben. |
| Auch Hsi-fëng selbst bekam Angst, es könnte zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespött der Leute machen würde. Deshalb entschloß sie sich, so lange auszuspannen, bis sie geheilt wäre, und ärgerte sich nur, daß es nicht möglich war, über Nacht wieder die alte zu werden. Wer hätte gedacht, daß es bis zum achten, neunten Monat dauern würde, ehe es ihr nach ständiger Behandlung und größter Schonung allmählich wieder besser ging und auch die Blutungen langsam aufhörten! Doch das ist ein Vorgriff, und zunächst muß erzählt werden, was jetzt geschah. | Niemand konnte freilich ahnen, dass Phönixglanz von Natur aus über zu wenig Lebenskraft verfügte. Verschlimmert wurde dies noch dadurch, dass sie sich seit ihrer Jugend nie Schonung gegönnt hatte. Ihr Leben lang wollte sie die Erste und die Klügste sein und hatte dadurch ihre Kräfte weiter aufgezehrt. So entwickelte sich die eigentlich harmlose Fehlgeburt zu einer echten Entkräftung, und nach einem Monat kamen noch Unterleibsblutungen hinzu. Phönixglanz sprach zwar nicht darüber, doch ihr fahles, abgemagertes Gesicht verriet jedem, dass sie sich nicht die nötige Schonung gönnte. Darum befahl man ihr, sich zu pflegen und ihren Geist nicht zu strapazieren. Auch Phönixglanz selbst bekam Angst, es könne zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespött der Leute machen würde. Daher entschloss sie sich, die freie Zeit zur Genesung zu nutzen, und wünschte sich nichts sehnlicher, als über Nacht wieder die Alte zu sein. Doch wer hätte gedacht, dass es bis zum achten oder neunten Monat dauern würde, ehe es ihr nach beständiger Behandlung und größter Schonung allmählich besser ging und auch die Blutungen langsam aufhörten! Doch das ist ein Vorgriff. |
| Als Dame Wang erkannte, wie es um Hsi-fëng bestellt war und daß Li Wan und Tan-tschun ihre zusätzlichen Aufgaben so bald nicht wieder abgeben konnten, wodurch die Aufsicht über die Bewohner des Gartens nun fehlte, ließ sie Bau-tschai zu sich rufen und bat sie, auf alles ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nütze“, sagte sie, „sobald sie nichts zu tun haben, trinken sie Wein und spielen Karten. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht vergnügen sie sich. Ich weiß das alles. Solange sie wußten, draußen wacht deine Kusine Hsi-fëng, hatten sie noch Respekt, aber jetzt werden sie sich vollends gehen lassen. Auf dich ist Verlaß, mein gutes Kind. Dein Vetter und deine Kusinen sind noch jung, und ich habe keine Zeit. Darum nimm ein paar Tage lang die Mühe auf dich und führe die Aufsicht über sie! Wenn etwas Unerwartetes geschieht, kommst du und sagst es mir. Du darfst nicht warten, bis die alte gnädige Frau danach fragt und ich nicht weiß, was ich antworten soll. Wenn irgend jemand etwas nicht recht macht, sagst du es ihm, und wenn er nicht hören will, kommst du zu mir und meldest es. Auf keinen Fall darf irgend etwas Schlimmes geschehen!“ Bau-tschai hatte keine andere Wahl, als sich mit allem einverstanden zu erklären. Inzwischen war der Vorfrühling gekommen, und Dai-yü hustete wieder. Auch Hsiang-yün hatte sich eine Erkältung zugezogen und lag im Haselwurzpark krank zu Bett, den ganzen Tag über schluckte sie Medizin. |
Zunächst muss erzählt werden, was nun geschah. Als Frau Wang sah, wie es um Phönixglanz bestellt war und dass Tanchun und Frau Li ihre zusätzlichen Aufgaben so bald nicht würden abgeben können, und da im Garten viele Bewohner lebten und die Aufsicht zu fehlen drohte, ließ sie eigens Schatzspange[6] zu sich rufen und bat sie, überall ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nütze“, sagte sie. "Sobald sie Freizeit haben, spielen sie Karten und trinken Wein. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht treiben sie ihr Unwesen. Das alles ist mir bekannt. Solange Phönixglanz draußen aufpasste, hatten sie noch ein wenig Angst; jetzt aber werden sie sich erst recht gehen lassen. Du bist ein verlässliches Kind. Dein Bruder und deine Schwestern sind noch klein, und ich habe keine Zeit. Nimm die Mühe ein paar Tage lang auf dich und führe die Aufsicht. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, komm zu mir und berichte es. Warte nicht, bis die Herzoginmutter[7] danach fragt und ich keine Antwort weiß. Wenn jemand etwas nicht recht macht, sag es ihm. Hört er nicht, dann komm zu mir. Auf keinen Fall darf etwas Schlimmes geschehen!“ Schatzspange hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen. |
| Tan-tschun und Li Wan wohnten in einiger Entfernung voneinander, und seitdem sie jetzt eine gemeinsame Aufgabe hatten, war dies etwas anderes als die Besuche, die sie einander bisher gemacht hatten. Auch für die Sklavenfrauen, die ihnen ihre Berichte zu geben hatten, war es unbequem. Darum hatten sich die beiden beraten und festgelegt, jeden Morgen in die kleine Gästehalle südlich des Gartentors zu kommen, um gemeinsam ihr Amt zu führen. Dort aßen sie dann auch ihre Frühmahlzeit und kehrten erst zur Mittagsstunde in die eigenen Räume zurück. | Es war bereits der Beginn des Frühlings. Kajaljade[8] litt wieder an ihrem Husten. Auch Xiangji[9] hatte sich eine Erkältung zugezogen und lag krank im Haselwurzpark darnieder; den ganzen Tag über nahm sie Medizin. |
| Die kleine Halle von drei Säulenzwischenräumen Breite war ursprünglich als Aufenthaltsort für die verantwortlichen Eunuchen während Yüan-tschuns Elternbesuch erbaut worden, und da man sie anschließend nicht mehr benötigte, hatten seitdem nur jede Nacht ein paar alte Sklavenfrauen hier Wache gehalten. Da es jetzt schon wärmer war, brauchte die Halle nicht weiter instand gesetzt zu werden, nur etwas wohnlicher eingerichtet wurde sie, und dann konnten sich die beiden hier aufhalten. | Tanchun und Frau Li wohnten in einiger Entfernung voneinander. Da sie nun gemeinsame Aufgaben hatten, war es nicht mehr wie in früheren Zeiten, als sie sich nur gegenseitig besuchten; auch für die Dienstboten, die Berichte zu erstatten hatten, war es umständlich. Daher hatten sich die beiden verständigt: Jeden Morgen wollten sie sich in der kleinen Halle mit drei Säulenzwischenräumen südlich des Gartentors treffen, um gemeinsam die Geschäfte zu führen. Dort nahmen sie auch ihr Frühstück ein und kehrten erst zur Mittagszeit in ihre Gemächer zurück. |
| In der Halle hing auch eine Inschriftentafel mit den Schriftzeichen „Die Menschlichkeit fördern, durch Tugend erziehen“, aber das Hausgesinde nannte sie nur profan die Palaverhalle. Hierher kamen Li Wan und Tan-tschun nun täglich um sechs und gingen um zwölf, und während der ganzen Zeit riß der Strom der verantwortlichen Sklavinnen nicht ab, die hierher kamen, um Befehle zu empfangen und Berichte zu geben. Als das Gesinde zuerst erfahren hatte, Li Wan werde die Haushaltsführung allein übernehmen, hatten sich alle heimlich gefreut, weil Li Wan in dem Ruf stand, großzügig und gütig zu sein und ohne Strafen zu herrschen, so daß man sie leichter als Hsi-fëng mit dem bloßen Schein abspeisen konnte. |
Diese Halle war ursprünglich als Aufenthaltsraum für die diensthabenden Eunuchen während des kaiserlichen Elternbesuchs eingerichtet worden und war seither nicht mehr benutzt worden; nur nachts hielten dort ein paar alte Frauen Wache. Da es nun schon wärmer war, bedurfte es keiner großen Herrichtung; ein paar einfache Einrichtungsgegenstände genügten, und die beiden konnten dort ihren Dienst versehen. In der Halle hing eine Inschriftentafel mit den vier Zeichen „Die Menschlichkeit fördern, durch Tugend erziehen“, doch im Volksmund nannte man sie nur die "Beratungshalle“. Hier erschienen die beiden nun täglich um sechs Uhr morgens und gingen um die Mittagszeit. Während der ganzen Zeit riss der Strom der Verwalterinnen und Dienstfrauen nicht ab, die kamen, um Berichte zu erstatten und Anweisungen entgegenzunehmen. |
| Als dann auch noch Tan-tschun eingesetzt wurde, sagten sich die Bediensteten, sie sei ja nur ein junges Fräulein, das noch nie aus seinen Mädchengemächern herausgekommen war und sich zudem immer friedfertig und bescheiden gezeigt hatte. Darum machten sie sich weiter keine Gedanken und faulenzten viel, viel mehr als zu Hsi-fëngs Zeiten. Nach drei, vier Tagen aber, als Tan-tschun schon einige Entscheidungen getroffen hatte, war ihnen allmählich klar geworden, daß sie in bezug auf Gewissenhaftigkeit hinter Hsi-fëng nicht zurückstand, nur daß ihre Ausdrucksweise ruhiger war und ihr Charakter ausgeglichener. Nun wollte es der Zufall, daß sich tagelang hintereinander in mehreren Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Erbbeamten, mit denen die Djias entweder verwandt oder befreundet waren, mehr als zehn Fälle von Beförderung oder Versetzung, Degradierung oder Amtsenthebung, Tod oder Hochzeit ereigneten, so daß Dame Wang mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfängen und Abschiedsbesuchen mehr als genug zu tun hatte und den Haushalt völlig vernachlässigen mußte. |
Als die Bediensteten zunächst gehört hatten, dass Frau Li den Haushalt allein führen werde, hatten sich alle insgeheim gefreut, denn Frau Li stand im Ruf, gütig und großzügig zu sein und niemanden zu bestrafen — sie würde gewiss leichter zu täuschen sein als Phönixglanz. Auch als man dann von Tanchuns Ernennung erfuhr, dachten alle, sie sei nur ein junges Mädchen, das seine Kammern noch nie verlassen habe, dazu friedfertig und zurückhaltend von Natur. Darum machten sie sich keine Gedanken und faulenzten noch viel mehr als zu Zeiten von Phönixglanz. Doch nach drei oder vier Tagen, als Tanchun bereits einige Entscheidungen getroffen hatte, wurde ihnen allmählich klar, dass ihre Gründlichkeit der von Phönixglanz in nichts nachstand — nur dass ihre Sprache ruhiger und ihr Charakter ausgeglichener waren. |
| Jetzt saßen Li Wan und Tan-tschun den ganzen Tag lang in ihrem Amtsgebäude, Bau-tschai aber führte die Aufsicht im Wohngebäude von Dame Wang und kam erst zurück, wenn diese wieder zu Hause war. Am Abend unterbrach sie dann ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Schlafengehen, begleitet von den Verantwortlichen für die Nachtwachen, in einer kleinen Sänfte durch den Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren. So ging es unter diesem Dreierregiment noch strenger zu als unter der Herrschaft von Hsi-fëng, und das Gesinde im Innen- und Außenbereich des Anwesens murrte heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patroulliert, gleich haben wir statt dessen drei Jupitersterne bekommen, welche die Berge behüten. Nicht einmal zum Trinken und Spielen hat man nachts mehr Zeit!“ |
Nun wollte es der Zufall, dass sich tagelang hintereinander in über zehn Familien von Prinzen, Herzögen und Erbbeamten, mit denen die Kaufmann-Familie entweder verwandt oder befreundet war, Beförderungen, Degradierungen, Hochzeiten oder Todesfälle ereigneten, sodass Frau Wang mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfängen und Abschiedsbesuchen mehr als genug beschäftigt war und sich um den Haushalt nicht kümmern konnte. So sassen nun Tanchun und Frau Li den ganzen Tag in der Halle. Schatzspange ihrerseits beaufsichtigte tagsüber die Räume von Frau Wang und kam erst heim, wenn jene zurückkehrte. Am Abend unterbrach sie ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Zubettgehen in einer kleinen Sänfte, begleitet von den Nachtwächterinnen, durch den ganzen Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren. |
| Eines Tages war Dame Wang zu einem Festessen im Anwesen des Fürsten Djin-hsiang eingeladen. Li Wan und Tan-tschun hatten sich schon früh am Morgen frisiert und gewaschen, und nachdem sie Dame Wang zur Hand gegangen waren, als diese sich fortbegab, gingen sie in die kleine Halle am Gartentor. Sie hatten sich hingesetzt und tranken gerade Tee, als Wu Hsin-dëngs Frau hereinkam und meldete: „Gestern ist Dschau Guo-dji, der Bruder von Nebenfrau Dschau, gestorben, und als ich das der gnädigen Frau berichtete, hat sie gesagt, sie wisse nun Bescheid wisse, und ich solle es Euch melden, gnädiges Fräulein und junge gnädige Frau.“ Damit verstummte sie und verharrte in dienstfertiger Haltung abwartend am Rande der Halle. | Unter diesem Dreigestirn ging es noch strenger zu als unter der alleinigen Herrschaft von Phönixglanz. Im Innen- wie im Außenbereich murrte das Gesinde heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patrouillierte, bekommen wir gleich drei Jupitergötter, die die Berge behüten. Nicht einmal zum heimlichen Trinken und Spielen hat man nachts noch Zeit!“ |
| Zu dieser Zeit waren nicht wenige Sklavinnen anwesend, die Berichte zu geben hatten, und alle waren jetzt gespannt, was die beiden machen würden. Würde die Entscheidung korrekt ausfallen, dann würden die Sklavinnen Respekt vor ihnen haben, würde es aber den geringsten Anlaß zum Widerspruch geben, dann würden sie nicht nur keinen Respekt haben, sondern auch noch ihre Witze darüber machen, sobald sie zum Innentor hinaus wären. | An diesem Tag war Frau Wang zu einem Festessen im Palast des Fürsten von Jinxiang eingeladen. Frau Li und Tanchun hatten sich schon am frühen Morgen zurechtgemacht, Frau Wang beim Aufbruch assistiert und waren danach in die Halle gegangen. Sie hatten sich gerade hingesetzt und tranken Tee, als Wu Xindengs Frau hereinkam und meldete: "Zhao Guoji, der Bruder der Nebenfrau Zhao, ist gestern verstorben. Ich habe es gestern der gnädigen Frau gemeldet, und die gnädige Frau hat gesagt, sie wisse Bescheid, ich solle es dem gnädigen Fräulein und der jungen Herrin berichten.“ Damit ließ sie die Arme hängen, verharrte in dienstfertiger Haltung am Rand und sagte kein Wort mehr. |
| Wu Hsin-dëngs Frau hatte natürlich ihre Vorstellung davon, was zu tun war, und hätte sie Hsi-fëng vor sich gehabt, dann hätte sie schon längst ein paar Vorschläge gemacht, um ihren Eifer unter Beweis zu stellen, und hätte auch viele Präzedenzfälle vorgetragen, unter denen Hsi-fëng hätte wählen können. Vor Li Wan aber hatte sie keine Achtung, weil sie ihr zu simpel erschien, und vor Tan-tschun genausowenig, weil sie nur ein junges Mädchen war. Deshalb hatte sie absichtlich nur den einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen. | Zu dieser Zeit waren etliche Frauen anwesend, die Berichte zu erstatten hatten, und alle warteten gespannt darauf, wie die beiden entscheiden würden. Würde die Entscheidung angemessen ausfallen, würden alle Respekt empfinden. Würde es jedoch auch nur den geringsten Anlass zum Einwand geben, würden sie nicht nur keinen Respekt zeigen, sondern nach dem Verlassen des Innentors auch noch allerlei Witze darüber reißen. |
| Tan-tschun fragte Li Wan, was zu tun sei, und Li Wan erwiderte nach einigem Nachdenken: „Ich habe gehört, daß Hsi-jën neulich, als ihre Mutter starb, vierzig Liang Silber bekommen habe. Also sollten auch diesmal vierzig Liang gezahlt werden, und damit basta!“ Als Wu Hsin-dëngs Frau das hörte, sagte sie rasch jawohl, nahm die Hausmarke entgegen und wandte sich zum Gehen. „Komm zurück!“ befahl Tan-tschun, und notgedrungen machte Wu Hsin-dëngs Frau noch einmal kehrt. |
Wu Xindengs Frau hatte natürlich ihre eigene Vorstellung davon, was zu tun war. Hätte Phönixglanz vor ihr gesessen, hätte sie längst ihren Eifer unter Beweis gestellt, mehrere Vorschläge gemacht und allerhand alte Präzedenzfälle herausgesucht, unter denen Phönixglanz hätte wählen können. Nun aber blickte sie auf Frau Li herab, die ihr zu einfältig erschien, und auf Tanchun ebenso, weil diese nur ein junges Fräulein war. Darum hatte sie absichtlich nur diesen einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen. |
| „Geh das Silber noch nicht holen, ich will dich etwas fragen!“ fuhr Tan-tschun fort. „Bei den alten Nebenfrauen in den Räumen der alten gnädigen Frau wurde immer ein Unterschied zwischen denen gemacht, die hier geboren wurden, und denen, die von draußen kamen. Wieviel wurde gegeben, wenn eine von hier einen Todesfall in der Familie hatte, und wieviel, wenn es eine von draußen war? Gib uns ein paar Beispiele dafür!“ | Tanchun fragte Frau Li. Frau Li dachte einen Moment nach und sagte dann: „Als neulich Dufthauch[10]s Mutter starb, hat man, wie ich gehört habe, vierzig Liang Silber ausgezahlt. Dann lasst uns hier ebenfalls vierzig Liang geben, und damit basta.“ |
| Auf diese Weise befragt, wollte sich Wu Hsin-dëngs Frau auf nichts besinnen können und sagte rasch und mit lächelnder Miene: „Es spielt doch keine so große Rolle, wieviel gegeben wird. Glaubt Ihr denn, jemand würde es wagen, darüber zu streiten?“ | Wu Xindengs Frau hörte das, sagte eilig „Jawohl!“, nahm die Anweisungsmarke entgegen und wollte gehen. |
| „Das ist Unsinn!“ gab Tan-tschun lächelnd zurück. „Ich würde es vielleicht am besten finden, hundert Liang zu geben. Wenn ich mich nicht an die üblichen Regeln hielte, würdet nicht nur ihr über mich lachen, ich könnte auch in Zukunft eurer zweiten jungen Herrin nicht mehr ins Gesicht sehen.“ | "Halt, komm zurück!“, befahl Tanchun. |
| „Dann werde ich also in den alten Zahlungsbelegen nachsehen lassen“, schlug Wu Hsin-dëngs Frau lächelnd vor. „Ich kann mich jetzt nicht daran erinnern.“ | Notgedrungen kehrte Wu Xindengs Frau um. |
| „Soso“, nahm Tan-tschun wieder lächelnd das Wort, „du, die du im Dienst alt geworden bist, kannst dich also nicht daran erinnern, aber uns hier in die Enge treiben, das kannst du. Sagst du unter normalen Verhältnissen eurer zweiten jungen Herrin auch, du wirst erst einmal nachsehen lassen? Wenn das so ist, dürfte sie wohl kaum als so streng gelten, sondern eher als sehr nachsichtig. Vielleicht beeilst du dich und bringst mir endlich die Papiere, damit ich sie mir selber ansehen kann! Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzögert wird, wird es nicht heißen, ihr wärt unachtsam gewesen, sondern wir wüßten nicht, was wir zu tun haben.“ | „Hol noch kein Silber“, fuhr Tanchun fort. "Erst will ich dich etwas fragen: Bei den alten Nebenfrauen in den Gemächern der Herzoginmutter wurde stets unterschieden zwischen denen, die aus dem Haus stammten, und denen, die von draußen kamen. Wie viel wurde gegeben, wenn bei einer von hier jemand starb, und wie viel bei einer von draußen? Nenne mir ein paar Beispiele.“ |
| Wie mit Blut übergossen, machte Wu Hsin-dëngs Frau kehrt und ging hinaus. Die zahlreichen Sklavenfrauen aber ließen verblüfft die Zunge aus dem Mund hängen. | Auf diese Frage hin wollte sich Wu Xindengs Frau plötzlich an nichts erinnern können und sagte eilfertig mit aufgesetztem Lächeln: „Das ist doch keine so wichtige Angelegenheit. Wer würde es wagen, über die Höhe zu streiten?“ |
| Nachdem inzwischen andere Sklavinnen ihre Berichte gegeben hatten, kam Wu Hsin-dëngs Frau mit den geforderten Belegen zurück. Als Tan-tschun sie durchsah, stellte sie fest, daß in zwei Fällen Konkubinen, die aus dem Hause stammten, je zwanzig Liang bekommen hatten, und zwei von außerhalb je vierzig Liang. Zwei andere von außerhalb hatten mehr bekommen, die eine einhundert Liang, die andere sechzig. Doch diese beiden Zahlungen waren mit Begründungen versehen. Die eine hatte sechzig Liang mehr bekommen, um die Särge ihrer Eltern in eine andere Provinz überführen zu lassen, die zweite hatte die zusätzlichen zwanzig Liang erhalten, um eine Grabstätte kaufen zu können. Tan-tschun reichte Li Wan die Papiere, dann sagte sie: „Gib ihr zwanzig Liang Silber und laß die Belege hier, damit wir sie uns noch genauer ansehen können!“ | Tanchun lachte: "Das ist Unsinn! Nach mir ginge es, hundert Liang zu geben. Aber wenn ich mich nicht an die bestehenden Regeln halte, werden nicht nur die Leute über mich lachen — ich könnte auch der zweiten jungen Herrin künftig nicht mehr ins Gesicht sehen.“ |
| Nachdem Wu Hsin-dëngs Frau fortgegangen war, kam plötzlich Nebenfrau Dschau herein. Kaum daß Li Wan und Tan-tschun ihr einen Platz angeboten hatten, klagte sie auch schon: „Wenn alle andern im Haus auf mir herumtrampeln, ist mir das egal, Ihr aber müßtet mir Gerechtigkeit widerfahren lassen, Fräulein, meint Ihr nicht?“ Bei diesen Worten begann sie Rotz und Wasser zu heulen. | Wu Xindengs Frau sagte lächelnd: „Wenn dem so ist, werde ich die alten Rechnungsbücher nachschlagen. Im Augenblick kann ich mich nicht erinnern.“ |
| „Ich verstehe nicht, was Ihr meint“, gab Tan-tschun sofort zurück. „Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“ | Tanchun lachte: "Du führst seit Jahren diesen Dienst und kannst dich nicht erinnern, aber uns willst du in die Enge treiben? Sagst du etwa auch deiner zweiten jungen Herrin, du müsstest erst nachschlagen? Wenn das so wäre, dann wäre Phönixglanz ja gar nicht so streng, sondern geradezu nachsichtig! Also beeil dich und bring mir die Unterlagen, damit ich sie selbst ansehen kann. Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzögert wird, dann heißt es nicht, ihr wäret nachlässig gewesen, sondern wir hätten keine eigene Meinung.“ |
| „Ihr seid es, die auf mir herumtrampelt, bei wem soll ich mich also beschweren?!“ erwiderte Nebenfrau Dschau. | Wu Xindengs Frau war über und über rot geworden. Hastig machte sie kehrt und ging hinaus. Die Verwalterinnen draußen reckten verblüfft die Zunge heraus. Inzwischen wurden andere Angelegenheiten vorgetragen. |
| Sofort sprang Tan-tschun auf und sagte: „Wie würde ich so etwas wagen?!“ | Bald darauf kam Wu Xindengs Frau mit den alten Rechnungsbüchern zurück. Tanchun sah sie durch und fand: In zwei Fällen, in denen die Nebenfrau aus dem Haus stammte, waren jeweils zwanzig Liang gezahlt worden; in zwei Fällen, in denen sie von außerhalb kam, jeweils vierzig Liang. Daneben gab es noch zwei Zahlungen an Frauen von außerhalb — einmal hundert Liang und einmal sechzig Liang. Bei beiden war ein besonderer Grund vermerkt: Im einen Fall waren die sechzig Liang zusätzlich für die Überführung der Elternsärge in eine andere Provinz gewährt worden, im anderen die zwanzig Liang zusätzlich für den Kauf einer Grabstätte. Tanchun reichte die Unterlagen an Frau Li weiter, dann sagte sie: „Gebt ihm zwanzig Liang Silber. Die Bücher lasst hier, wir werden sie uns noch genauer ansehen.“ |
| Auch Li Wan stand auf, um den beiden gut zuzureden, Nebenfrau Dschau aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hört mich an! Ich bin hier im Hause alt geworden und bin immer schikaniert worden, obwohl ich Euch und Euren Bruder geboren habe. Und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Hsi-jën. Was bleibt mir da noch an Ansehen übrig? Ihr selbst verliert Euer Ansehen, von mir ganz zu schweigen.“ | Wu Xindengs Frau ging fort. Da kam plötzlich Nebenfrau Zhao herein. Frau Li und Tanchun boten ihr eilig einen Platz an, doch kaum dass sie sich gesetzt hatte, brach sie schon los: "Alle Leute in diesem Haus trampeln auf meinem Kopf herum — das mag ja noch hingehen. Aber Ihr, Fräulein, solltet doch ein wenig nachdenken und mir zu meinem Recht verhelfen!“ Bei diesen Worten begann sie hemmungslos zu weinen. |
| „Das also meint Ihr!“ sagte Tan-tschun und lächelte. „Ich sage Euch, ich bin nicht der Mensch, um gegen Recht und Gesetz zu verstoßen.“ Mit diesen Worten nahm sie wieder Platz, griff nach den Zahlungsbelegen, blätterte sie Nebenfrau Dschau hin und las sie ihr dabei vor. Dann sagte sie: „Das sind die alten Regelungen, die uns aus den Händen der Ahnen überkommen sind. Ein jeder hält sich daran, und nun werde ausgerechnet ich sie ändern, ja? | „Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Tante“, erwiderte Tanchun sofort. "Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“ |
| Nicht nur Hsi-jën wird so behandelt. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draußen nimmt, wird für sie selbstverständlich das gleiche gelten. Es gibt da gar nichts zu streiten, und von verlorenem Ansehen kann nicht die Rede sein. Wer eine Sklavin der gnädigen Frau ist, wird von mir nach den überkommenen Vorschriften behandelt. Wer damit zufrieden ist, der | Nebenfrau Zhao antwortete: „Ihr selbst seid es, die auf mir herumtrampelt! Bei wem soll ich mich also beschweren?“ |
| wird sagen, er genieße die Wohltaten der Ahnen und die Gunst der gnädigen Frau, und wer das ungerecht findet, der ist dumm und weiß sein Glück nicht zu schätzen, soll er also nur immer grollen! | Sofort sprang Tanchun auf und sagte: "Ich würde so etwas niemals wagen!“ |
| Wenn die gnädige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich kein höheres Ansehen dadurch, und wenn sie jemandem keine einzige Bronzemünze gibt, büße ich deswegen mein Ansehen nicht ein. Mir scheint, wenn die gnädige Frau außer Haus ist, solltet Ihr gemütlich der Ruhe pflegen, anstatt Euch unnütz aufzuregen. Die gnädige Frau liebt mich von ganzem Herzen, über Euch jedoch war sie schon mehrmals betrübt, weil Ihr immer wieder Skandal machen müßt. Wenn ich doch nur ein Mann wäre! Dann hätte ich schon längst das Haus verlassen, würde auf eigenen Beinen stehen und nach meinen eigenen Grundsätzen leben. | Auch Frau Li stand auf, um zu beschwichtigen. Nebenfrau Zhao aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hört mich an! Ich bin in diesem Haus alt geworden, habe mich mein ganzes Leben lang abgerackert, habe Euch und Euren Bruder zur Welt gebracht — und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Dufthauch! Was bleibt mir da noch an Ansehen? Nicht einmal Ihr habt noch ein Gesicht, von mir ganz zu schweigen!“ |
| Weil ich aber ein Mädchen bin, sage ich kein einziges unbedachtes Wort. Das weiß die gnädige Frau ganz genau, und nur weil sie mich schätzt, hat sie mich jetzt beauftragt, das Hauswesen zu führen. Aber noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, mußtet Ihr kommen und mich in den Schmutz ziehen. Was, wenn die gnädige Frau davon erfährt und mir den Posten wieder abnimmt, weil sie meint, die Sache sei zu unangenehm für mich? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin, und Eures genauso.“ Während sie das vorbrachte, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht. | Tanchun lächelte: "So ist das also. Ich sage Euch: Ich bin nicht der Mensch, der gegen Recht und Vorschrift verstößt.“ Damit setzte sie sich wieder, nahm die Rechnungsbücher und blätterte sie Nebenfrau Zhao hin, las ihr daraus vor und sagte: „Das sind die alten Regelungen, die von den Ahnen auf uns gekommen sind. Jeder hält sich daran — soll ausgerechnet ich sie ändern? Das betrifft nicht nur Dufthauch. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draußen nimmt, wird für sie selbstverständlich dasselbe gelten. Da gibt es nichts zu streiten, und von Gesichtsverlust kann keine Rede sein. Dufthauch ist eine Dienerin der gnädigen Frau, und ich handle nach den überlieferten Vorschriften. Wer sagt, es sei gut so, der genießt die Gnade der Ahnen und die Güte der gnädigen Frau. Wer es ungerecht findet, der ist dumm und weiß sein Glück nicht zu schätzen — soll er nur grollen! |
| Nebenfrau Dschau wußte ihr nichts Besseres zu erwidern als die Worte: „Wenn die gnädige Frau Euch liebt, müßtet Ihr uns erst recht unterstützen. Ihr aber habt nichts anderes im Sinn, als Euch bei der gnädigen Frau einzuschmeicheln, und uns habt Ihr vergessen.“ | Wenn die gnädige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich dadurch kein Ansehen, und wenn sie jemandem keinen einzigen Heller gibt, verliere ich auch keines. Wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, tätet Ihr besser daran, Euch auszuruhen und Eure Kräfte zu schonen, anstatt Euch unnötig aufzuregen. Die gnädige Frau liebt mich von ganzem Herzen, doch weil Ihr, Tante, immer wieder Unruhe stiftet, war sie schon mehrmals bitter enttäuscht. Wäre ich doch nur ein Mann! Ich hätte längst das Haus verlassen, stünde auf eigenen Beinen und lebte nach meinen eigenen Grundsätzen. Aber weil ich ein Mädchen bin, steht es mir nicht zu, auch nur ein einziges unbedachtes Wort zu sagen. Das weiß die gnädige Frau ganz genau. Und eben weil sie mich schätzt, hat sie mich beauftragt, den Haushalt mit zu führen. Noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, kommt Ihr und zieht mich in den Schmutz! Was, wenn die gnädige Frau davon erfährt und meint, die Sache sei mir zu unangenehm, und mir den Posten wieder abnimmt? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin — und Eures genauso!“ |
| „Inwiefern habe ich Euch vergessen,“ fragte Tan-tschun, „und wie sollte ich Euch unterstützen? Sucht nur bei Euch selber die Schuld! Welche Herrschaft wird ihre Leute nicht lieben, wenn sie tüchtig sind und sich nützlich machen? Und welcher ordentliche Mensch ist auf Unterstützung von andern angewiesen?!“ | Während sie sprach, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht. |
| Li Wan versuchte von der Seite her in einem fort, die beiden zu beruhigen, und sagte jetzt: „Ihr müßt Euch nicht aufregen, Tante, und dürft es dem Fräulein auch nicht verübeln. Sie ist ja von ganzem Herzen darauf bedacht, Euch zu unterstützen, aber wie könnte sie darüber reden!“ | Nebenfrau Zhao wusste nichts Besseres zu erwidern als: "Wenn die gnädige Frau Euch so liebt, müsstet Ihr uns doch erst recht unter die Arme greifen. Aber Ihr denkt nur daran, Euch bei der gnädigen Frau einzuschmeicheln, und habt uns ganz vergessen.“ |
| Doch sofort protestierte Tan-tschun: „Du redest Unsinn, Schwägerin! Wen will ich unterstützen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Mädchen des Hauses unterstützt? – Kümmert Euch nur selbst um Euer Geschick, was geht mich das an?!“ | Tanchun entgegnete: „Wie habe ich Euch vergessen? Und wie soll ich Euch unter die Arme greifen? Fragt Euch doch selbst: Welche Herrschaft liebt nicht die Bediensteten, die tüchtig und nützlich sind? Und welcher aufrechte Mensch ist auf die Fürsprache anderer angewiesen?“ |
| Wütend sagte Nebenfrau Dschau: „Daß Ihr andere unterstützt, verlangt ja niemand von Euch. Wenn Ihr nicht den Haushalt führen würdet, wäre ich auch nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt hier das Sagen. Glaubt Ihr, die gnädige Frau würde etwas dagegen haben, wenn Ihr mir für das Begräbnis Eures Onkels zwanzig oder dreißig Liang Silber zuviel geben würdet? Die gnädige Frau ist eindeutig eine gütige Herrin, Ihr seid es, die hartherzig und knickrig seid. Schade nur, daß die gnädige Frau ihre Güte nicht unter Beweis stellen kann! Ist es vielleicht Euer Silber, das Ihr mir geben sollt? Ich habe immer geglaubt, wenn Ihr erst einmal verheiratet seid, würdet Ihr Euch um die Familie Dschau besonders gut kümmern, aber jetzt habt Ihr vergessen, wo Ihr herkommt, noch ehe Ihr flügge seid, und wollt nur noch hoch hinaus.“ | Frau Li versuchte von der Seite her unablässig zu beschwichtigen und sagte: "Seid nicht böse, Tante. Man darf es dem Fräulein nicht verübeln — sie ist ja im Herzen ganz darauf bedacht, Euch zu helfen, nur aussprechen kann sie es nicht.“ |
| Tan-tschun war vor Wut bleich geworden, noch ehe die letzten Sätze gesagt waren. Stockend schluchzte sie: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Befehlshaber von neun Provinzen ernannt worden, einen anderen Onkel habe ich nicht. Ich war immer respektvoll, wie es sich gehört, und zum Dank dafür wird mir jetzt solche Verwandtschaft angehängt. Wenn Dschau Guo-dji mein Onkel gewesen wäre, warum mußte er dann jedesmal aufstehen, wenn Bruder Huan den Raum verließ, und warum mußte er ihn zur Schule begleiten? Warum hat er da nicht den Onkel herausgekehrt? | Sofort protestierte Tanchun: „Auch die Schwägerin redet nun Unsinn! Wen will ich denn unterstützen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Fräulein des Hauses unterstützt? Ob es ihnen gut oder schlecht ergeht — das solltet Ihr wissen. Was hat das mit mir zu tun?“ |
| Wozu muß denn das alles sein? Wer wüßte denn nicht, daß ich von Euch, einer Nebenfrau geboren wurde? Warum müßt Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, um alles gründlich aufzurühren, als ob Ihr Angst hättet, irgend jemand könnte das vergessen haben, und deshalb müßtet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glück nur, daß ich so vernünftig bin. Wenn ich dumm und unverständig wäre, hätte ich schon längst die Geduld verloren.“ | Wütend sagte Nebenfrau Zhao: "Niemand verlangt von Euch, andere zu unterstützen! Wenn Ihr nicht den Haushalt führen würdet, wäre ich erst gar nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt das Sagen! Wenn Ihr mir für das Begräbnis Eures Onkels zwanzig oder dreißig Liang mehr gebt — meint Ihr wirklich, die gnädige Frau hätte etwas dagegen? Die gnädige Frau ist wahrhaftig eine gütige Herrin! Ihr seid es, die hartherzig und knauserig seid. Es ist Euch leid, dass die Güte der gnädigen Frau nicht zur Geltung kommt! Und es ist ja nicht Euer eigenes Silber! Ich hatte gehofft, wenn Ihr einmal verheiratet seid, würdet Ihr Euch um die Familie Zhao besonders gut kümmern. Aber Ihr habt vergessen, woher Ihr kommt, noch ehe Euch die Federn gewachsen sind, und wollt nur noch hoch hinaus!“ |
| Während Li Wan sich in ihrer Erregung weiter bemühte, die beiden zu besänftigen, und Nebenfrau Dschau immer weiter palaverte, hörten sie plötzlich, wie jemand meldete: „Fräulein Ping-örl kommt im Auftrag der zweiten jungen gnädigen Frau.“ | Noch ehe die letzten Worte verklungen waren, war Tanchun vor Zorn bleich geworden und rang schluchzend nach Atem: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Oberbefehlshaber von neun Provinzen aufgestiegen — wo kommt auf einmal ein weiterer Onkel her? Ich habe mich stets respektvoll verhalten, wie es sich gehört, und zum Dank dafür wird mir nun solche Verwandtschaft angehängt! Wenn Zhao Guoji mein Onkel gewesen wäre — warum stand er dann jedes Mal auf, wenn Huan den Raum verließ? Warum begleitete er ihn zur Schule? Warum kehrte er da nicht den Onkel heraus? |
| Jetzt endlich hielt Nebenfrau Dschau den Mund, und im nächsten Augenblick trat Ping-örl auch schon ein. Rasch setzte Nebenfrau Dschau ein Lächeln auf, bot Ping-örl einen Platz an und fragte: „Geht es deiner jungen Herrin schon ein wenig besser? Eben wollte ich sie besuchen gehen, aber ich war noch nicht frei.“ Li Wan aber fragte Ping-örl: „Was willst du hier?“ |
Wozu muss das alles sein? Jeder weiß doch, dass ich von Euch, einer Nebenfrau, geboren bin. Warum müsst Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, alles gründlich aufzurühren, als hättet Ihr Angst, irgend jemand könnte es vergessen haben, und deshalb müsstet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glück nur, dass ich vernünftig genug bin! Wäre ich dumm und unverständig, hätte ich schon längst die Geduld verloren.“ |
| Lächelnd erwiderte Ping-örl: „Die junge gnädige Frau hat gesagt, wo jetzt der Bruder von Tante Dschau entschlafen ist, würdet Ihr und das Fräulein vielleicht nicht wissen, daß es alte Regelungen für solche Fälle gibt, nach denen normalerweise nur zwanzig Liang gezahlt werden dürfen. Angesichts der Umstände sei es aber möglich, daß das Fräulein in diesem Fall noch etwas zulegt.“ | Während Frau Li in ihrer Aufregung weiterzubeschwichtigen versuchte und Nebenfrau Zhao immer weiter palaverte, hörte man plötzlich jemanden melden: "Die zweite junge Herrin schickt Fräulein Friedchen mit einer Mitteilung.“ |
| Schon längst hatte Tan-tschun sich die Tränen abgewischt und erwiderte nun prompt: „Warum sollte ich ohne ersichtlichen Grund etwas zulegen? War der Verstorbene vielleicht ein Naturwunder, das von seiner Mutter erst nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt gebracht wurde? Oder war er mit im Krieg und hat seinem Herrn das Leben gerettet? Deine Herrin ist wirklich sonderbar, daß sie von mir verlangt, ich solle neue Maßstäbe setzen, damit sie als Wohltäterin dasteht. Auf Kosten der gnädigen Frau hat sie gut wohltätig sein. Sag ihr, ich wage es nicht, den Betrag zu erhöhen oder zu kürzen und unbegründete Entscheidungen zu treffen. Wenn sie etwas zulegen möchte und großzügig sein will, soll sie warten, bis sie gesund ist und wieder den Haushalt führt. Dann mag sie zahlen, soviel sie will.“ | Jetzt endlich hielt Nebenfrau Zhao den Mund. Im nächsten Augenblick trat Friedchen ein. Sofort setzte Nebenfrau Zhao ein Lächeln auf, bot Friedchen einen Sitz an und fragte eilfertig: „Geht es deiner Herrin schon etwas besser? Eben wollte ich sie besuchen, kam aber nicht dazu.“ |
| Schon beim Hereinkommen hatte Ping-örl halbwegs begriffen, daß etwas nicht in Ordnung war, und als sie jetzt diese Worte vernahm, wurde ihr die Sache um so klarer. Angesichts des Zorns, der Tan-tschun noch aus den Augen leuchtete, wagte sie nicht, sich genauso zu verhalten wie sonst, wenn Tan-tschun fröhlich war. Darum blieb sie schweigend und in dienstfertiger Haltung ein wenig abseits stehen. | Frau Li sah Friedchen kommen und fragte: "Was führt dich her?“ |
| Inzwischen kam auch Bau-tschai aus den Räumen von Dame Wang herüber, und Tan-tschun stand rasch auf, um ihr einen Platz anzubieten. Aber noch ehe sie den Mund aufgemacht hatten, um etwas zu sagen, kam wieder eine Sklavenfrau herein, die etwas berichten wollte, und eben brachten auch drei, vier kleinere Sklavenmädchen eine Waschschüssel, Tücher, einen Handspiegel und andere Toilettenartikel für Tan-tschun, weil sie geweint hatte. | Friedchen erwiderte lächelnd: „Die junge gnädige Frau hat gesagt, da jetzt der Bruder von Nebenfrau Zhao verstorben ist, könnten die Herrin und das Fräulein vielleicht nicht über die alten Regelungen Bescheid wissen. Nach dem üblichen Brauch sind nur zwanzig Liang vorgesehen. Sie bittet das Fräulein, nach eigenem Ermessen etwas draufzulegen, wenn sie es für angemessen hält.“ |
| Da Tan-tschun mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank saß, trat das Sklavenmädchen mit der Waschschüssel vor sie hin, ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und hielt die Schüssel in die Höhe. Auch die anderen Sklavenmädchen knieten sich hin und streckten Tan-tschun die Tücher, den Spiegel, das Rouge und den Puder entgegen. | Tanchun hatte sich längst die Tränen abgewischt und erwiderte sogleich: "Warum ohne Grund etwas drauflegen? War der Verstorbene etwa ein Wunder, das nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt kam? Oder war er ein Held, der im Krieg seinem Herrn das Leben rettete? Deine Herrin ist wirklich sonderbar — sie will, dass ich den Präzedenzfall schaffe, damit sie als die Wohltäterin dasteht. Mit dem Geld der gnädigen Frau lässt sich schön großzügig sein! Sag ihr: Ich wage es nicht, eigenmächtig etwas zu kürzen oder draufzulegen. Wenn sie etwas zulegen und Gnade walten lassen möchte, soll sie warten, bis sie genesen ist und wieder den Haushalt führt — dann mag sie zahlen, so viel sie will.“ |
| Ping-örl, die Dai-schu nirgends entdecken konnte, trat ebenfalls rasch mit heran, krempelte Tan-tschun die Ärmel auf, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein großes Handtuch über ihr Gewand, um es damit zu schützen. Jetzt erst griff Tan-tschun in die Schüssel und begann sich zu waschen. Da sagte die Sklavenfrau: „Junge gnädige Frau und gnädiges Fräulein, ich soll Euch melden, die Familienschule verlangt die diesjährigen Gelder für die jungen Herren Huan und Lan.“ | Friedchen hatte schon beim Eintreten die Lage halb durchschaut, und bei diesen Worten war ihr alles klar. Da Tanchun noch immer zornig dreinblickte, wagte sie nicht, sich so ungezwungen zu verhalten wie sonst in fröhlichen Zeiten, und blieb still und dienstfertig an der Seite stehen. |
| „Hast du es so eilig?“ erwiderte Ping-örl anstelle von Tan-tschun. „Siehst du nicht, daß sich das gnädige Fräulein eben wäscht? Anstatt hinauszugehen und dort zu warten, platzt du hier los. Würdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so aufdringlich benehmen? Das gnädige Fräulein selbst mag wohl großzügig sein, aber wenn ich drüben der zweiten jungen Herrin berichte, wie wenig das gnädige Fräulein in euren Augen gilt, geht es euch allen schlecht. Aber dann macht mir keine Vorwürfe!“ | Gerade kam auch Schatzspange aus den Räumen von Frau Wang herüber. Tanchun und die anderen standen eilig auf und boten ihr einen Platz an. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, kam wieder eine Verwalterfrau herein, um etwas zu berichten. Da Tanchun soeben geweint hatte, brachten drei oder vier kleine Dienstmädchen eine Waschschüssel, Tücher, einen Handspiegel und Toilettenartikel. |
| Erschrocken setzte die Sklavenfrau ein Lächeln auf und entschuldigte sich: „Ich war unachtsam!“ Dann zog sie sich rasch nach draußen zurück. | Tanchun sass mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank. Das Mädchen mit der Waschschüssel trat vor sie hin, kniete sich auf beide Knie nieder und hielt die Schüssel in die Höhe. Die beiden anderen Mädchen knieten ebenfalls nieder und reichten Tücher, Spiegel, Rouge und Puder dar. Da Dienstbuch nirgends zu sehen war, trat Friedchen eilig heran, krempelte Tanchun die Ärmel hoch, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein großes Handtuch über ihr Gewand, um es zu schützen. Erst dann streckte Tanchun die Hände in die Schüssel und wusch sich. |
| Tan-tschun, die inzwischen beim Schminken war, lächelte Ping-örl kühl an und sagte: „Du bist ein wenig zu spät gekommen. Es hat noch etwas Besseres gegeben. Selbst eine altgediente Frau wie Wu Hsin-dëngs Eheweib ist hier erschienen, ohne sich vorher die notwendige Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumführen. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, an Präzedenzfälle könne sie sich nicht erinnern. Ich glaube, wenn sie deiner Herrin etwas zu melden hätte und sagte, sie könne sich an nichts erinnern und müsse erst nachsehen lassen, dann würde deine Herrin wohl nicht die Geduld aufbringen, sie erst auf die Suche gehen zu lassen.“ | Da begann die Verwalterfrau ihren Bericht: „Junge gnädige Frau und gnädiges Fräulein, die Familienschule verlangt die diesjährigen Unkosten für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan.“ |
| Sofort erwiderte Ping-örl mit lächelnder Miene: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal passiert wäre, hätte sie ihr aber ganz schnell die Sehnen aus den Beinen gerissen, das kann ich Euch versichern. Ihr dürft denen nichts glauben, Fräulein. Sie sehen, die junge Herrin hier ist ein Bodhisattwa, und auch Ihr seid ein liebes junges Fräulein, da bringen sie es fertig, ihren Nutzen daraus ziehen zu wollen und es sich bequem zu machen, und lügen Euch frech ins Gesicht.“ Dann sagte sie in Richtung der Tür: „Benehmt euch nur weiter so rüpelhaft! Wenn die junge gnädige Frau gesund ist, sprechen wir uns wieder!“ | Friedchen ergriff als Erste das Wort: "Was soll die Eile? Siehst du denn nicht, dass sich das Fräulein gerade wäscht? Statt draußen zu warten, platzt du hier einfach herein! Würdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so benehmen? Das Fräulein ist zwar nachsichtig, aber wenn ich drüben meiner Herrin berichte, dass ihr alle das Fräulein für nichts achtet, handelt ihr euch etwas ein. Dann macht mir aber keine Vorwürfe!“ Die Frau erschrak, setzte eilig ein Lächeln auf, entschuldigte sich — „Ich war unachtsam“ — und zog sich rasch nach draußen zurück. |
| Lächelnd antworteten die Sklavenfrauen: „Ihr seid doch ein verständiger Mensch, Fräulein! Wie das Sprichwort sagt, ‚Jeder muß die eigene Zeche bezahlen.‘ Wir würden es doch nicht wagen, das gnädige Fräulein zu hintergehen. Hübsch und zart, wie das gnädige Fräulein ist, würden wir es verdienen, daß unsere Knochen nach unserm Tod unbegraben vermodern, wenn wir das gnädige Fräulein ernsthaft erzürnen wollten!“ | Tanchun war inzwischen beim Schminken und wandte sich mit einem kühlen Lächeln an Friedchen: "Du bist einen Schritt zu spät gekommen. Es gab noch etwas Lächerlicheres: Selbst eine so altgediente Frau wie Wu Xindengs Gattin erschien hier, ohne sich vorher Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumführen. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, sie könne sich an nichts erinnern. Wenn sie deiner Herrin etwas meldet und sagt, sie müsse erst nachschlagen — glaubst du, deine Herrin hätte die Geduld, darauf zu warten?“ |
| „Gut, daß ihr das wißt!“ erwiderte Ping-örl mit frostiger Stimme. Dann wandte sie sich wieder Tan-tschun zu und sagte lächelnd: „Ihr wißt ja, wieviel die zweite junge Herrin zu tun hat, Fräulein. Da kann sie sich nicht um alles kümmern, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie manches außer acht gelassen hat. ‚Der Zuschauer sieht, was der Spieler nicht merkt‘, wie man sagt. Als Unbeteiligter ist Euch in den letzten Jahren vielleicht manches aufgefallen, wofür man die Mittel kürzen oder erhöhen müßte, ohne daß es die zweite junge Herrin getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es zum einen im Interesse der gnädigen Frau, zum andern wäre es ein Beweis Eurer Freundschaft gegenüber meiner jungen Herrin...“ | Friedchen erwiderte lächelnd: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal vorgekommen wäre, hätte ihr meine Herrin gewiss schon längst die Sehnen aus den Beinen gerissen! Glaubt ihnen nichts, Fräulein. Die sehen, dass die Herrin hier ein gutherziger Bodhisattva ist und das Fräulein ein zartes junges Mädchen, und schon versuchen sie, es sich bequem zu machen und euch frech ins Gesicht zu lügen.“ Dann rief sie in Richtung Tür: "Treibt es nur weiter so! Wenn die junge Herrin wieder gesund ist, sprechen wir uns!“ |
| Noch ehe sie ausreden konnte, fielen ihr Bau-tschai und Li Wan lachend ins Wort und sagten: „Was für ein prächtiges Mädchen! Es ist wirklich kein Wunder, daß Schwägerin Hsi-fëng ausgerechnet sie so gern mag! – Du meinst also, wir sollten jetzt Kürzungen oder Erhöhungen erwägen, die bisher nicht möglich gewesen sind? Da sollst du nicht enttäuscht werden!“ | Die Verwalterinnen draußen erwiderten lächelnd: „Fräulein, Ihr seid doch ein verständiger Mensch! Wie das Sprichwort sagt: ›Jeder muss seine eigene Zeche zahlen.‹ Wir würden es niemals wagen, das Fräulein zu hintergehen. Das Fräulein ist so zart und vornehm — wenn wir es wahrhaft erzürnten, verdienten wir es, dass unsere Gebeine unbegraben vermodern.“ |
| Lächelnd sagte auch Tan-tschun: „Eben fehlte mir jemand, an dem ich die Wut, die ich im Bauch habe, auslassen könnte, und ich hatte mir schon ihre Herrin dafür ausgesucht, aber nachdem sie jetzt hier hereingeplatzt ist und diese Sachen gesagt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.“ Dann rief sie die Sklavenfrau von vorhin herein und fragte: „Zu welchem Zweck werden die Jahresgelder für die jungen Herren Huan und Lan in der Familienschule verwendet?“ | "Gut, dass ihr das wisst“, erwiderte Friedchen kühl. Dann wandte sie sich wieder lächelnd an Tanchun: „Ihr wisst ja, Fräulein, wie viel die zweite junge Herrin zu tun hat. Da kann sie sich unmöglich um alles kümmern, und es ist nicht ausgeschlossen, dass manches übersehen worden ist. Wie man sagt: ›Der Zuschauer sieht klarer als der Spieler.‹ In den letzten Jahren habt Ihr mit kühlem Blick zugesehen — vielleicht ist Euch aufgefallen, wo Mittel hätten gekürzt oder aufgestockt werden sollen, ohne dass die zweite junge Herrin es getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es erstens im Interesse der gnädigen Frau, und zweitens beweist Ihr damit die Freundschaft, die Ihr unserer jungen Herrin schon immer entgegengebracht habt.“ |
| „Jeder von ihnen hat einen Aufwand von acht Liang Silber für den Imbiß, der in der Schule gereicht wird, sowie zum Kauf von Schreibwaren“, gab die Sklavin Auskunft. | Noch bevor sie den Satz beendet hatte, fielen Schatzspange und Frau Li lachend ein: "Was für ein prächtiges Mädchen! Es ist wirklich kein Wunder, dass Phönixglanz ausgerechnet sie so gernhat! Du meinst also, wir sollten uns jetzt ein paar Dinge vornehmen, die bisher nicht erledigt worden sind? Da sollst du nicht enttäuscht werden!“ |
| „Für den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld“, sagte Tan-tschun. „Für Huan bekommt Nebenfrau Dschau zwei Liang, für Bau-yü bekommt Hsi-jën zwei Liang aus den Räumen der alten gnädigen Frau, und für Lan bekommt sie die ältere junge Herrin. Warum müssen noch einmal acht Liang für jeden an die Schule gezahlt werden? Gehen sie vielleicht um dieser acht Liang Silber willen zur Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! – Ping-örl! Wenn du nach Hause kommst, bestellst du deiner Herrin, was ich gesagt habe, diese Zahlung muß unbedingt abgeschafft werden.“ | Auch Tanchun lächelte: „Ich hatte einen Bauch voll Wut und keinen, an dem ich sie auslassen konnte. Schon hatte ich mir ihre Herrin dafür ausgesucht — da platzt sie herein und sagt diese Dinge, sodass ich gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.“ Dann rief sie die Verwalterfrau von vorhin herein und fragte: "Wofür werden die Jahresgelder für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan in der Familienschule verwendet?“ |
| „Sie hätte längst abgeschaft sein sollen“, erklärte Ping-örl eifrig und lächelte dabei. „Schon Ende des Jahres hatte die junge Herrin sie abschaffen wollen, aber weil zum Jahreswechsel so viel zu tun war, hat sie es vergessen.“ | Die Frau antwortete: „Jeder erhält acht Liang Silber im Jahr für den Imbiss in der Schule und für Schreibpinsel und Papier.“ |
| Die Sklavenfrau sagte notgedrungen jawohl und ging fort. | Tanchun sagte: "Für den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld. Für Huan erhält Nebenfrau Zhao zwei Liang, für Schatzjade[11] erhält Dufthauch zwei Liang aus den Gemächern der Herzoginmutter, und für Lan bekommt sie die ältere junge Herrin. Warum werden dann noch einmal acht Liang pro Person an die Schule gezahlt? Gehen sie etwa nur wegen dieser acht Liang in die Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! Friedchen, wenn du nach Hause kommst, bestelle deiner Herrin, was ich gesagt habe: Diese Zahlung muss unbedingt abgeschafft werden.“ |
| Jetzt brachten Sklavinnen aus dem Garten des Großen Anblicks Speiseschachteln mit dem Essen. Längst hatten Dai-schu und Su-yün einen kleinen Eßtisch hereingetragen, und Ping-örl beteiligte sich nun eilfertig am Auftragen der Speisen. | Friedchen erwiderte lächelnd: „Sie hätte schon längst abgeschafft werden sollen. Gegen Jahresende hatte die junge Herrin sie streichen wollen, vergass es aber, weil um den Jahreswechsel so viel zu tun war.“ |
| „Wenn du alles gesagt hast, was zu sagen war, geh jetzt!“ forderte Tan-tschun sie auf. „Was scharwenzelt du hier noch herum?“ | Die Verwalterfrau sagte notgedrungen "Jawohl“ und ging. Darauf brachten Dienerinnen aus dem Garten des Großen Anblicks Speisekästen mit dem Essen. |
| Doch Ping-örl erwiderte lächelnd: „Ich habe nichts anderes zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hierher geschickt, um ihre Worte zu übermitteln, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal. Darum sollte ich den anderen Mägden helfen, die junge Herrin und das gnädige Fräulein zu bedienen.“ | Dienstbuch und Suyun hatten längst einen kleinen Esstisch hereingetragen, und Friedchen half eilfertig beim Auftragen. |
| „Warum ist nicht auch das Essen für Fräulein Bau-tschai gebracht worden, damit wir gemeinsam essen können?“ erkundigte sich Tan-tschun jetzt. | Tanchun sagte lächelnd: „Wenn du alles gesagt hast, geh ruhig. Was machst du dich hier noch zu schaffen?“ |
| Kaum hatten die Sklavenmädchen das gehört, gingen sie hinaus zu den Sklavenfrauen, die draußen im Säulengang standen, und befahlen: „Fräulein Bau-tschai ißt heute hier, laßt ihr Essen bringen!“ | Friedchen erwiderte lächelnd: "Ich habe weiter nichts zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hergeschickt, um die Mitteilung zu überbringen, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal — ich soll den Mädchen helfen, die junge Herrin und das Fräulein zu bedienen.“ |
| Als Tan-tschun das hörte, sagte sie laut: „Kommandiert hier nicht sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die für wichtigere Dinge verantwortlich sind, und ihr wollt sie das Essen und den Tee holen lassen, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ping-örl steht hier herum, sie kann Bescheid sagen gehen.“ | Tanchun fragte: „Warum hat man das Essen für Fräulein Schatzspange nicht gleich mitgebracht, damit wir zusammen essen können?“ |
| „Jawohl!“ sagte Ping-örl ohne Zögern und ging hinaus. Dort faßten die Sklavenfrauen sie sogleich an der Hand und sagten leise und mit lächelnder Miene: „Ihr braucht nicht zu gehen, Fräulein, wir haben eben schon jemand hingeschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern die steinerne Plattform des Hauses ab und luden Ping-örl ein: „Ihr müßt müde sein vom langen Stehen, Fräulein. Ruht Euch hier im Schatten ein wenig aus!“ | Kaum hatten die Dienstmädchen das gehört, liefen sie hinaus zu den Verwalterinnen im Säulengang und riefen: "Fräulein Schatzspange isst heute hier mit — lasst ihr Essen herbringen!“ |
| Als Ping-örl sich anschickte, Platz zu nehmen, reichten ihr zwei alte Sklavinnen aus der Teeküche ein Sitzkissen zum Unterlegen und sagten dazu: „Die Steine sind kühl, das Kissen ist ganz sauber. Setzt Euch ein Weilchen darauf, Fräulein!“ | Als Tanchun das hörte, sagte sie laut und bestimmt: „Kommandiert nicht so sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die für wichtige Angelegenheiten zuständig sind. Ihr schickt sie los, Essen und Tee zu holen, ohne den Unterschied zwischen hoch und niedrig zu kennen! Friedchen steht hier — sie kann Bescheid sagen gehen.“ |
| „Vielen Dank!“ sagte Ping-örl sofort und lächelte. Dann brachte ihr eine andere Sklavin eine Schale feinen, frischen Tee heraus und erklärte dazu ebenfalls leise und mit lächelnder Miene: „Das ist nicht unser gewöhnlicher Tee, den haben wir für die gnädigen Fräulein gebrüht. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fräulein!“ | Friedchen antwortete ohne Zögern "Jawohl“ und ging hinaus. Draußen fassten die Verwalterinnen sie sogleich am Arm, lächelten und flüsterten: „Fräulein, Ihr braucht nicht zu gehen. Wir haben bereits jemanden geschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern eine Steinstufe ab und luden Friedchen ein: "Ihr steht nun schon so lange, Fräulein, setzt Euch doch ein wenig in den Schatten.“ |
| Rasch beugte Ping-örl sich vor, um ihr die Schale abzunehmen, dann wies sie mit der Hand auf die Frauen und sagte leise zu ihnen: „Ihr seid aber auch zu dreist! Sie ist ein gnädiges Fräulein und tut sich weder wichtig, noch ist sie jähzornig. Es geht um ihre Würde. Ihr aber behandelt sie verächtlich und seid beleidigend zu ihr. Wenn ihr sie wirklich dazu bringt, daß sie in Zorn gerät, wird es von ihr nur heißen, sie sei grob geworden, und damit basta, ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften könnt. Wenn sie sich aufspielen würde, müßte die gnädige Frau ihr schon einige Zugeständnisse machen, dann könnte sich auch die zweite junge Herrin nicht erlauben, etwas dagegen einzuwenden. So frech, wie ihr sie zu verachten wagt, ist das nichts anderes, als wenn ein Hühnerei gegen einen Stein schlägt.“ | Friedchen setzte sich. Zwei alte Frauen aus der Teeküche brachten ein Sitzkissen und legten es auf den Stein: „Der Stein ist kalt. Das Kissen ist ganz sauber — setzt Euch doch einen Moment darauf, Fräulein.“ |
| „Wie hätten wir es gewagt, frech zu ihr zu sein?!“ verteidigten sich die Sklavenfrauen sofort. „An allem war nur Nebenfrau Dschau schuld.“ | Friedchen lächelte und dankte freundlich. Eine andere Frau brachte ihr eine Schale feinen, frischen Tee heraus und sagte leise und lächelnd: "Das ist nicht unser gewöhnlicher Tee, sondern der für die gnädigen Fräulein zubereitete. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fräulein.“ |
| „Schluß damit, gute Frauen!“ sprach Ping-örl leise weiter. „‚Wenn die Mauer einstürzt, schieben alle mit.‘ Nebenfrau Dschau handelt wirklich unüberlegt, aber was auch passiert, immer wird sie beschuldigt. Meint ihr, ich hätte in all den Jahren nicht bemerkt, wie überheblich und rücksichtslos ihr stets seid? Wenn sich die zweite junge Herrin auch nur die kleinste Verfehlung hätte zuschulden kommen lassen, hättet ihr sie doch zu Fall gebracht. Und wenn man euch nur die Gelegenheit gibt, bringt ihr sie in Schwierigkeiten, wo ihr nur könnt. | Friedchen beugte sich eilig vor, um die Schale entgegenzunehmen, dann wies sie auf die Verwalterinnen und sagte leise: „Ihr treibt es wirklich zu weit. Sie ist ein Fräulein und tut sich weder wichtig, noch fährt sie aus der Haut — das ist ihre Würde. Aber ihr behandelt sie geringschätzig und tretet ihr zu nahe. Wenn ihr sie wirklich so weit treibt, dass sie in Zorn gerät — von ihr wird es nur heißen, sie sei ungehobelt gewesen, und damit ist es erledigt; ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften könnt. Wenn sie nur ein kleines Schmollen zeigt, muss selbst die gnädige Frau ihr nachgeben, und auch die zweite junge Herrin wagt nicht, etwas dagegen einzuwenden. Wenn ihr so frech seid, sie zu verachten, ist das nichts als ein Ei, das sich am Stein zerschlägt.“ |
| Oft genug war sie nahe daran, euren Zungen zum Opfer zu fallen. Alle sagen, sie sei hart, und ihr hättet Angst vor ihr. Dabei weiß ich, daß man wahrlich nicht sagen kann, sie hätte im Grunde ihres Herzens nicht ebenfalls Angst vor euch. Schon als wir neulich davon sprachen, stellten wir fest, daß hier nicht mehr alles im Lot ist und daß es mit Sicherheit noch den einen oder anderen Skandal geben wird. Das dritte junge Fräulein ist noch ein Mädchen, und ihr seht sie alle scheel an, aber sie ist die einzige unter den Schwägerinnen, vor der die zweite junge Herrin einigen Respekt hat. Wenn ihr sie nicht ernst nehmt, ...“ | Sofort verteidigten sich die Frauen: "Wie hätten wir es gewagt, frech zu sein! Das alles ist nur Nebenfrau Zhaos Schuld.“ |
| Weiter war sie noch nicht gekommen, als plötzlich Tjiu-wën in den Hof trat. Rasch begrüßten die Sklavinnen sie und forderten sie auf: „Ruht Euch ebenfalls etwas aus, Fräulein! Drinnen essen sie gerade. Wartet besser, bis sie damit fertig sind, ehe Ihr hineingeht, um zu berichten, was Ihr wollt.“ | Friedchen flüsterte weiter: „Lastt es gut sein, werte Damen! ›Wenn die Mauer einstürzt, schieben alle mit.‹ Nebenfrau Zhao handelt wirklich unüberlegt, aber immer wird alles ihr in die Schuhe geschoben. Meint ihr, ich hätte in all den Jahren nicht bemerkt, wie hochmütig und hinterhältig ihr seid? Wäre die zweite junge Herrin auch nur ein wenig angreifbarer, ihr hättet sie längst zu Fall gebracht. Und selbst so, wie es ist, lauert ihr auf jede Gelegenheit, um ihr Schwierigkeiten zu machen. Mehr als einmal wäre sie beinahe euren bösen Zungen zum Opfer gefallen. |
| „Wie könnt ihr mich mit euch gleichsetzen?“ fragte Tjiu-wën lächelnd. „Warum sollte ich warten müssen?“ Schon wollte sie einfach ins Haus treten, da rief Ping-örl sie an: „Komm zurück!“ | Alle Welt sagt, sie sei streng, und ihr hättet Angst vor ihr. Doch ich allein weiß, dass man wahrlich nicht sagen kann, sie hätte in ihrem Herzen nicht auch Angst vor euch. Neulich erst haben wir darüber gesprochen und festgestellt, dass hier nicht mehr alles im Lot ist und es mit Sicherheit noch ein paar hässliche Szenen geben wird. Das dritte Fräulein ist zwar noch ein Mädchen, und ihr seht sie alle scheel an. Aber unter all den Schwägerinnen der zweiten jungen Herrin ist sie die Einzige, vor der meine Herrin wirklich einigen Respekt hat. Und ausgerechnet sie nehmt ihr jetzt nicht ernst.“ |
| Tjiu-wën wandte den Kopf, und als sie Ping-örl erblickte, fragte sie lächelnd: „Wie denn, mußtest du hier den äußeren Wachdienst übernehmen?“ Dann machte sie kehrt und setzte sich zu Ping-örl auf das Kissen. | Kaum hatte sie das gesagt, erschien Herbstmuster im Hof. Die Verwalterinnen begrüßten sie eilig und sagten: "Ruht Euch ebenfalls ein wenig aus, Fräulein! Drinnen wird gerade gegessen. Wartet doch, bis der Tisch abgeräumt ist, bevor Ihr hineingeht.“ |
| „Was sollst du melden?“ erkundigte sich Ping-örl mit leiser Stimme. | Herbstmuster sagte lächelnd: „Mich kann man nicht mit euch gleichsetzen. Warum sollte ich warten?“ Schon wollte sie schnurstracks in die Halle eintreten, als Friedchen rief: "Komm sofort zurück!“ |
| „Ich soll fragen, wann wir endlich das monatliche Silber für Bau-yü und unser Monatsgeld bekommen“, erwiderte Tjiu-wën. | Herbstmuster drehte sich um, erblickte Friedchen und lachte: „Was machst du hier draußen — spielst du den Wachposten?“ Dann setzte sie sich neben Friedchen auf das Kissen. |
| „Auch eine Wichtigkeit!“ meinte Ping-örl. „Geh schnell wieder zu Hsi-jën und bestelle ihr, ich hätte gesagt, sie solle heute nichts melden lassen, egal, was es ist. Wenn sie eine Sache melden läßt, wird man ihr die eine Sache abschlagen, und wenn sie hundert melden läßt, dann hundert.“ | "Was willst du melden?“, fragte Friedchen leise. |
| „Warum das?“ wollte Tjiu-wën wissen. | „Ich wollte fragen, wann endlich das monatliche Silber für Schatzjade und unser Monatsgeld ausgezahlt werden“, antwortete Herbstmuster. |
| Rasch erklärte ihr Ping-örl mit Hilfe der Sklavenfrauen den Grund und fügte dann hinzu: „Sie lauert nur darauf, daß jemand Angesehenes mit etwas Wesentlichem kommt, um ein Exempel zu statuieren, das allen andern zur Warnung dient. Wollt ausgerechnet Ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst, und sie will das Exempel an Euch statuieren, dann sind ihr die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dabei im Wege. Läßt sie Euch aber ungeschoren, dann wird es heißen, sie sei parteiisch, und wer sich auf die Macht der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau stützen kann, vor dem habe sie Angst und rühre ihn nicht an, nur wer schwach sei, müsse als Erster leiden. Glaub mir, sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Sachen abschlagen, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“ | "Was für eine Wichtigkeit!“, meinte Friedchen. „Geh schnell zurück und sage Dufthauch, sie solle heute nichts melden lassen, gleich was es ist. Wenn sie eine Sache meldet, wird man ihr diese eine Sache abschlagen; meldet sie hundert, werden hundert abgeschlagen.“ |
| Als Tjiu-wën das hörte, ließ sie die Zunge aus dem Mund hängen, dann sagte sie lächelnd: „Ein Glück, daß du hier warst, Schwester Ping-örl, sonst hätte ich mich schön in die Nesseln gesetzt! Ich will nur gleich drüben Bescheid sagen gehen!“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging weg. | "Warum das?“, wollte Herbstmuster wissen. |
| Dann wurde Bau-tschais Essen gebracht, und Ping-örl ging rasch wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Dschau war inzwischen gegangen, und die drei saßen auf der hölzernen Ruhebank und aßen, in der Mitte mit dem Blick nach Süden Bau-tschai, daneben mit dem Blick nach Westen Tan-tschun und mit dem Blick nach Osten Li Wan. Alle Sklavenfrauen standen draußen im Säulengang und warteten still, im Innenraum aber waren nur noch die vertrautesten Sklavenmädchen, die auch sonst ständig um die drei waren, und bedienten sie. Es wagte sich niemand anders hinein. | Friedchen und die Verwalterinnen erklärten ihr den Grund und fügten hinzu: „Man wartet geradezu darauf, dass jemand Gewichtiges mit etwas Wichtigem kommt, um ein Exempel zu statuieren und allen anderen eine Warnung zu erteilen. Wollt ausgerechnet ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst und sie das Exempel an euch statuieren will, stehen ihr die Herzoginmutter und die gnädige Frau im Weg. Lässt sie euch aber ungeschoren, dann heißt es, sie sei parteiisch — vor denen, die sich auf die Herzoginmutter und die gnädige Frau stützen können, habe sie Angst, nur an den Schwachen lasse sie alles aus. Glaub mir: Sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Anordnungen aufheben, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“ |
| Verstohlen berieten sich draußen die Sklavenfrauen: „Wir sollten uns vorsehen und keine unlauteren Pläne schmieden! Selbst Wus Frau hat sich vorhin eine Abfuhr geholt. Genießen wir vielleicht mehr Ansehen als sie?!“ So flüsterten sie miteinander und warteten, daß die Mahlzeit zu Ende ging, damit sie ihre Berichte erstatten konnten. Drinnen aber war es mucksmäuschenstill, keine Schüssel klirrte, keine Eßstäbchen klapperten. | Herbstmuster ließ verblüfft die Zunge heraus, dann lachte sie: "Ein Glück, dass Schwester Friedchen hier war! Sonst hätte ich mir eine blutige Nase geholt. Ich sage lieber gleich drüben Bescheid!“ Damit stand sie auf und ging davon. |
| Dann sahen sie, wie ein Sklavenmädchen den Türvorhang in die Höhe hob und zwei andere den Tisch herausbrachten. Längst standen auch drei Sklavenmädchen aus der Teeküche mit drei Waschschüsseln bereit, die sie jetzt, als sie sahen, daß der Eßtisch herausgebracht wurde, hineintrugen. Ein Weilchen später kamen sie mit den Schüsseln und mit Mundspülkummen wieder heraus, und nun trugen Dai-schu, Su-yün und Ying-örl je ein Tablett mit einem Deckelschälchen voll Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dai-schu den kleineren Sklavenmädchen: „Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurückkommen, lösen wir euch ab. Lauft nicht wieder heimlich weg, um irgendwo herumzusitzen!“ | Inzwischen wurde Schatzspanges Essen gebracht, und Friedchen ging wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Zhao war mittlerweile gegangen. Die drei sassen auf der Holzbank und assen: Schatzspange in der Mitte mit dem Gesicht nach Süden, Tanchun mit dem Gesicht nach Westen, Frau Li mit dem Gesicht nach Osten. Alle Verwalterinnen standen draußen im Säulengang und warteten schweigend. Drinnen waren nur die engsten Vertrauten und ständigen Begleiterinnen der drei anwesend, um sie zu bedienen. Niemand sonst wagte hinein. |
| Jetzt erst wagten sich die Sklavenfrauen langsam wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemäß eine nach der anderen Bericht. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschätzig und nachlässig zu sein wie zuvor. Dadurch verrauchte bei Tan-tschun allmählich der Zorn, und sie sagte zu Ping-örl: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, was ich schon lange mit deiner jungen Herrin besprechen wollte, eben fällt es mir glücklicherweise wieder ein. Komm also schnell wieder hierher, sobald du gegessen hast! Fräulein Bau-tschai ist auch hier, da können wir zu viert darüber beraten, und dann kannst du es deiner jungen Herrin in allen Einzelheiten vortragen und sie fragen, ob es sich verwirklichen läßt oder nicht.“ | Draußen berieten sich die Verwalterinnen flüsternd: „Lastt uns lieber vernünftig sein und keine unlauteren Pläne schmieden. Selbst Frau Wu hat vorhin eine Abfuhr erhalten — welches Ansehen genießen wir denn erst?“ So tuschelten sie miteinander und warteten auf das Ende der Mahlzeit, um ihre Berichte erstatten zu können. Drinnen aber herrschte Totenstille; kein Schüsselklirren, kein Stäbchenklappern war zu vernehmen. |
| Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und ging nach Hause. Hier fragte Hsi-fëng sie: „Warum bist du die ganze Zeit weg gewesen?“ Und Ping-örl erzählte ihr lächelnd Punkt für Punkt, was sie erlebt hatte. | Dann sah man, wie ein Dienstmädchen den Türvorhang hochhob und zwei andere den Tisch heraustrugen. In der Teeküche standen längst drei Mädchen mit Waschschüsseln bereit; als der Tisch herausgetragen war, trugen sie die Schüsseln hinein. Bald darauf kamen sie mit den Schüsseln und Mundspülschalen wieder heraus. Nun trugen Dienstbuch, Suyun und Oriole je ein Tablett mit einem Deckelschälchen Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dienstbuch den kleineren Mädchen: "Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurückkommen, lösen wir euch ab. Schleicht euch nicht wieder heimlich davon, um irgendwo herumzusitzen!“ |
| „Das ist gut, das ist gut!“ sagte Hsi-fëng daraufhin lächelnd: „Tan-tschun ist ein gutes Mädchen. Schade nur, daß ihr kein gutes Los beschieden ist, weil sie nicht aus dem Bauch der gnädigen Frau zur Welt gekommen ist.“ | Erst jetzt wagten sich die Verwalterinnen langsam, eine nach der anderen, wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemäß ihre Berichte. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschätzig und nachlässig zu sein wie zuvor. |
| „Ihr redet aber auch Unsinn, junge Herrin“, sagte Ping-örl lächelnd. „Auch wenn nicht die gnädige Frau sie geboren hat, wird es doch wohl niemand wagen, Fräulein Tan-tschun geringer zu schätzen als die übrigen Töchter des Hauses.“ | Tanchuns Zorn war allmählich verraucht. Sie wandte sich an Friedchen und sagte: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, das ich schon lange mit deiner Herrin besprechen wollte. Heute fällt es mir glücklicherweise wieder ein. Iss schnell und komm dann wieder her. Fräulein Schatzspange ist auch hier — wir können zu viert darüber beraten und es dann deiner Herrin im Einzelnen vortragen, ob es sich verwirklichen lässt oder nicht.“ |
| „Was weißt du schon davon!“ sagte Hsi-fëng mit einem Seufzer. „Obwohl die Kinder von Nebenfrauen gleichwertig sind, so ist doch ein Unterschied zwischen Töchtern und Söhnen, der sich zeigen wird, wenn Tan-tschun einmal verlobt wird. Heutzutage gibt es respektlose Menschen, die sich erkundigen, ob ein Mädchen die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die die Tochter einer Nebenfrau zumeist nicht wollen. | Friedchen sagte "Jawohl“ und ging nach Hause. |
| Dabei weiß ein jeder, daß bei uns, ganz zu schweigen von den Töchtern der Nebenfrauen, selbst die Mägde noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fräulein. Wer weiß, welchem Pechvogel es einmal beschieden ist, sein Glück zu verspielen, weil er einen Unterschied zwischen den Töchtern von Hauptfrauen und von Nebenfrauen macht, und welcher Glückspilz Tan-tschun einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“ | Phönixglanz fragte, warum sie den ganzen Tag fortgewesen sei, und Friedchen erzählte ihr lächelnd alles von Anfang bis Ende. |
| Dann fuhr sie, wieder lächelnd, fort: „Wie viele Sparmaßnahmen habe ich in den letzten Jahren erdacht! Es gibt wohl niemanden hier bei uns, der mich nicht heimlich deswegen haßte. Aber es ist nun einmal nicht zu ändern, ich ‚reite auf dem Rücken des Tigers‘, und wenn ich auch etwas einsichtiger bin, darf ich doch nicht so dumm sein, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben groß, unsere Einnahmen aber gering sind. | Phönixglanz lachte: „Gut, gut, gut! Ein gutes Mädchen, diese dritte Schwester! Ich habe immer gewusst, dass sie etwas taugt. Nur schade, dass ihr kein gutes Los beschieden ist — sie hätte aus dem Leib der gnädigen Frau zur Welt kommen sollen.“ |
| Alle wichtigen und unwichtigen Dinge regeln sich nach den Grundsätzen, wie sie von den Ahnen überkommen sind, obwohl die Einnahmen eines Jahres nicht mehr dieselben sind wie früher. Aber wenn ich noch mehr spare, werden wir von den Leuten ausgelacht. Es würde die alte gnädige Frau und die gnädige Frau kränken, und das Gesinde würde murren, ich sei geizig. Und doch wird, wenn wir nicht bald einen Weg finden, um zu sparen, in ein paar Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht sein.“ | Friedchen sagte lächelnd: "Nun redet auch Ihr Unsinn, junge Herrin. Auch wenn nicht die gnädige Frau sie geboren hat — wer würde es wagen, sie geringer zu schätzen als die anderen Töchter des Hauses?“ |
| „Damit habt Ihr vollkommen recht“, bestätigte Ping-örl. „Für drei, vier gnädige Fräulein und zwei, drei junge Herren sowie für die alte gnädige Frau werden noch große Summen gebraucht.“ | Phönixglanz seufzte: „Was weißt du schon! Obwohl die Kinder von Nebenfrauen dem Rang nach gleichgestellt sind, ist doch bei den Töchtern ein Unterschied, der sich bei der Verlobung zeigt. Heutzutage gibt es leichtfertige Menschen, die sich als Erstes erkundigen, ob ein Fräulein die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die eine Tochter der Nebenfrau zumeist verschmähen. Dabei weiß jeder, dass bei uns — ganz zu schweigen von den Töchtern der Nebenfrauen — selbst die Dienerinnen noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fräulein. Wer weiß, welcher Pechvogel sein Glück verspielt, weil er zwischen Hauptfrau und Nebenfrau unterscheidet, und welcher Glückspilz Tanchun einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“ |
| „Das habe ich alles schon überdacht“, nahm wieder Hsi-fëng lächelnd das Wort. „Dafür wird es reichen. Wenn Bau-yü einmal heiratet und Fräulein Lin einen Mann bekommt, braucht unser Familienvermögen nicht angegriffen zu werden, denn die alte gnädige Frau hat ihren eigenen Besitz, auf den sie hierfür zurückgreifen wird. Fräulein Ying-tschun gehört zum älteren gnädigen Herrn drüben und zählt deshalb auch nicht mit. Es bleiben also noch drei oder vier Fräulein. | Dann fuhr Phönixglanz, wieder lächelnd, fort und wandte sich an Friedchen: "Du weißt ja, wie viele Sparmassnahmen ich in den letzten Jahren ersonnen habe. Es gibt wohl niemanden in der ganzen Familie, der mich deswegen nicht insgeheim hasst. Nun sitze ich einmal auf dem Tiger und muss weiterreiten — auch wenn ich manches klarer sehe als zuvor, kann ich es mir nicht leisten, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben groß sind und die Einnahmen gering. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge richten sich nach den Grundsätzen der Ahnen, obwohl die Einnahmen aus den Gütern bei weitem nicht mehr so hoch sind wie früher. Spare ich aber zu sehr, lachen die Leute, die Herzoginmutter und die gnädige Frau fühlen sich gekränkt, und das Gesinde beklagt sich über Geiz. Wenn wir jedoch nicht bald einen Weg zum Sparen finden, ist in wenigen Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht.“ |
| Wenn im Höchstfall zehntausend Liang Silber für jedes von ihnen anfallen und einfach dadurch gespart wird, daß man die Kosten für die Hochzeit des jungen Herrn Huan auf dreitausend Liang beschränkt, dann kommen wir aus. Wenn es mit der alten gnädigen Frau einmal soweit ist, werden nur noch Kleinigkeiten gebraucht, die uns alles in allem vielleicht drei- bis fünftausend Liang kosten, sonst ist schon alles für sie vorbereitet. Wenn wir also nur jetzt noch etwas sparsamer leben, werden wir auch in Zukunft immer unser Auskommen haben. Ich habe nur Angst, daß ein paar unvorhergesehene Ereignisse dazwischenkommen könnten. Dann wären wir übel dran. Aber wir wollen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, ehe es soweit ist! Iß jetzt erst einmal, und dann hör dir an, was sie beratschlagen wollen! | Friedchen bestätigte: „So ist es. Drei oder vier Fräulein, zwei oder drei junge Herren und die Herzoginmutter — für all das werden noch große Summen gebraucht.“ |
| Die Sache trifft sich gut für mich, denn ich mache mir Sorgen, weil ich keine geeignete Stütze habe. Bau-yü ist zwar da, aber er ist nicht der passende Kandidat für diesen Posten. Selbst wenn ich ihn weichmachen würde, hätte ich von ihm keinen Nutzen. Die ältere junge Herrin ist eine Heilige und würde mir auch nichts nützen, Fräulein Ying-tschun erst recht nicht, außerdem gehört sie nicht zu unserem Haushalt. Fräulein Hsi-tschun ist zu jung, der kleine Herr Lan ist noch jünger, und der junge Herr Huan ist einfach ein frierendes Kätzchen, das gern bereit ist, sich das Fell zu versengen, wenn es nur in den Herd oder ins Ofenloch kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Bauch einer Mutter geboren worden, zwischen denen ein himmelweiter Unterschied klafft! Sooft ich auch daran denke, abfinden kann ich mich damit nicht. | Phönixglanz sagte lächelnd: "Das habe ich alles schon durchgerechnet; es wird wohl reichen. Wenn Schatzjade heiratet und Schwester Kajaljade einen Mann bekommt, brauchen wir dafür kein Geld aus der Familienkasse — die Herzoginmutter hat ihre eigenen Ersparnisse, die sie dafür aufwenden wird. Das zweite Fräulein Yingchun[12] gehört zum Haushalt des älteren Herrn und zählt daher nicht mit. Bleiben drei oder vier Fräulein. Rechnet man für jede höchstens zehntausend Liang, für die Hochzeit des jungen Herrn Huan höchstens dreitausend Liang — von irgendeiner Stelle lässt sich das schon einsparen. Wenn es mit der Herzoginmutter einmal so weit ist, ist das meiste schon vorbereitet; es bleiben nur Kleinigkeiten, die drei- bis fünftausend Liang kosten mögen. Wenn wir also jetzt noch etwas sparsamer leben, kommen wir aus. Ich fürchte nur, es könnten ein oder zwei unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen — dann wären wir übel dran. |
| Dann haben wir noch Fräulein Lin und Fräulein Bau-tschai. Sie wären nicht schlecht geeignet, aber sie gehören ausgerechnet zur Verwandtschaft über die weibliche Linie und können deshalb nicht gut den Haushalt führen. Außerdem gleicht die eine einer gemalten Schönheit auf einer Seidenlaterne, die der erste Windstoß kaputt macht, und die andere hat es sich zur Regel gemacht, den Mund nur aufzutun, wenn etwas sie selber betrifft, und sonst auf alle Fragen durch Kopfschütteln zu zeigen, sie wisse von nichts, so daß man sich an sie schlecht wenden kann. So bleibt einzig Fräulein Tan-tschun übrig, bei der Herz und Mund auf dem rechten Fleck sitzen. Außerdem gehört sie voll zu unserem Haushalt, und die gnädige Frau hat sie gern. Sie macht zwar immer ein gleichgültiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stück, die Nebenfrau Dschau, schuld. | Aber lassen wir die Zukunft. Iss jetzt erst einmal und hör dir dann an, was sie beraten wollen! Die Sache kommt mir gerade recht, denn ich mache mir Sorgen, dass ich keine geeignete Stütze habe. Schatzjade ist zwar da, aber er taugt nicht für solche Aufgaben; selbst wenn ich ihn fügig machte, hätte ich keinen Nutzen von ihm. Die ältere junge Herrin Frau Li ist eine Heilige und würde mir auch nichts nützen. Das zweite Fräulein Yingchun erst recht nicht, und sie gehört überdies nicht zu unserem Haushalt. Xichun[13] ist zu jung, der kleine Herr Lan noch jünger. Und der junge Herr Huan ist nichts als ein frierendes Kätzchen, das sich gern das Fell versengt, wenn es nur in den Ofen kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Leib derselben Mutter geboren, und zwischen ihnen klafft ein himmelweiter Unterschied! Sooft ich daran denke, kann ich mich nicht damit abfinden. |
| Innerlich gilt Fräulein Tan-tschun der gnädigen Frau genausoviel wie Bau-yü, ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gern zu haben, und den ich längst hinausgeworfen hätte, wenn es nach mir ginge. Wenn Fräulein Tan-tschun jetzt so einen Plan hegt, sollten wir uns zusammentun und einander helfen, dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Güte verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe ein bißchen weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnädigen Frau hat einigen Nutzen dadurch. | Dann haben wir noch Schwester Kajaljade und Fräulein Schatzspange. Beide wären nicht schlecht geeignet, aber ausgerechnet sie gehören zur Verwandtschaft und können deshalb nicht gut unseren Haushalt führen. Außerdem gleicht die eine einer gemalten Schönheit auf einer Papierlaterne — der erste Windstoß macht sie kaputt. Und die andere hat es sich zur Regel gemacht: ›Was mich nichts angeht, darüber rede ich nicht; wer mich fragt, dem schüttle ich dreimal den Kopf.‹ So kann man sich schlecht an sie wenden. Es bleibt einzig Tanchun — bei der sind Herz und Mund am rechten Fleck. Außerdem gehört sie voll und ganz zu unserem Haushalt, und die gnädige Frau hat sie gern. Zwar macht sie immer ein gleichgültiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stück von einer Nebenfrau Zhao schuld. |
| Von meinem eigenen egoistischen Standpunkt aus gesehen, ist es so, daß ich ein wenig zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten muß. Wollte ich den Leuten weiter so zusetzen, würde das ihren Haß auf die Spitze treiben, und hinter jedem Lächeln von ihnen würde dann ein Dolch lauern. Mit dir zusammen habe ich nur vier Augen und zwei Köpfe, ein unachtsamer Augenblick, und ich bin verloren. Wenn in dieser kritischen Situation nach außen hin sie in Erscheinung tritt, wird der Haß, den die Leute gegen uns hegen, allmählich verfliegen. | Innerlich gilt Tanchun der gnädigen Frau genauso viel wie Schatzjade — ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gernzuhaben; wenn es nach mir ginge, hätte ich ihn längst hinausgeworfen. Da sie nun solche Pläne hat, sollten wir uns zusammentun und einander unterstützen — dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Gewissen verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnädigen Frau hat einigen Nutzen. |
| Und noch etwas muß ich dir sagen, weil du dich wohl trotz deiner Klugheit innerlich nicht dazu durchringen kannst. Sie ist zwar ein Mädchen, aber sie begreift alles und jedes, nur daß sie mit ihren Worten zurückhaltend ist. Sie kann auch besser lesen und schreiben als ich, was sie noch brauchbarer macht. Nun weißt du ja, daß ein Sprichwort sagt, ‚Willst du eine Räuberbande fangen, mußt du als Erstes den Hauptmann fassen.‘ Wenn sie jetzt neue Regelungen einzuführen versucht, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also einen Wunsch von mir zurückweist, darfst du nicht mit ihr streiten, du mußt vielmehr um so demütiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken darüber machen, daß es meinem Ansehen schadet. Wenn du auch nur ein Wort gegen sie sagst, ist das Unglück da, ...“ | Von meinem eigenen, egoistischen Standpunkt aus ist es so, dass ich bisher wohl zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten sollte. Setze ich den Leuten weiter so zu, treibe ich ihren Hass auf die Spitze, und hinter jedem Lächeln lauert dann ein Dolch. Wir beide zusammen haben nur vier Augen und zwei Köpfe — ein unachtsamer Augenblick, und wir sind verloren. Wenn in dieser heiklen Lage Tanchun nach außen hin in Erscheinung tritt, wird der Hass, den die Leute gegen uns hegen, allmählich verfliegen. |
| Ohne sie ausreden zu lassen, sagte Ping-örl lächelnd: „Du hältst einen aber auch für zu dumm! Eben habe ich schon danach gehandelt, und jetzt belehrst du mich noch.“ | Und noch etwas muss ich dir sagen: Sie ist zwar ein Mädchen, begreift aber alles und jedes — nur mit ihren Worten ist sie zurückhaltend. Und sie kann besser lesen und schreiben als ich, was sie noch tüchtiger macht. Nun heißt es im Sprichwort: ›Willst du die Bande fangen, fang zuerst den Anführer.‹ Wenn sie jetzt neue Maßstäbe setzen will, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also eine meiner Anordnungen zurückweist, darfst du nicht widersprechen — du musst im Gegenteil umso demütiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken machen, ob mein Ansehen dadurch leidet. Wenn du auch nur ein einziges Wort gegen sie sagst, ist alles verdorben.“ |
| Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-fëng: „Ich dachte, in deinem Herzen wie in deinen Augen sei nur für mich und niemand anders Platz, und deshalb ginge es nicht ohne diese Belehrung. Aber vor lauter Eifer hast du mich wieder einmal einfach geduzt.“ | Friedchen ließ sie gar nicht erst ausreden und sagte lächelnd: „Ihr haltet mich wirklich für zu dumm! Ich habe doch schon vorhin genau so gehandelt, und jetzt belehrt Ihr mich noch.“ |
| „Ich habe dich absichtlich geduzt“, erklärte Ping-örl. „Und wenn es dir nicht paßt, dann gib mir nur Ohrfeigen dafür. Als ob mein Gesicht noch nicht wüßte, wie das ist!“ | Phönixglanz erwiderte lächelnd: "Ich fürchtete nur, in deinem Herzen und deinen Augen sei nur für mich Platz und für sonst niemanden — darum musste ich es noch einmal sagen. Aber da du schon danach gehandelt hast, bist du offenbar klüger als ich. Vor lauter Eifer hast du mich allerdings schon wieder einfach geduzt.“ |
| „Wie oft wirst du mir das noch vorhalten, du kleines Spitzbein?“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Obwohl ich so krank bin, mußt du mich ärgern. Aber komm, setz dich zu mir! Jetzt kommt sowieso niemand zu uns, da können wir auch gemeinsam essen!“ | Friedchen sagte: „Und ob ich ›du‹ sage! Wenn es dir nicht passt — hier sind meine Wangen. Schlag nur! Als ob sie noch nicht wüssten, wie sich das anfühlt!“ |
| Im selben Moment traten Fëng-örl und ein paar andere kleine Sklavenmädchen in den Raum und stellten ein flaches, kleines Tischchen auf das Ofenbett. Hsi-fëng aß nur eine nüchterne Reissuppe mit Schwalbennestern und ein paar erlesene Kleinigkeiten. Die alltäglichen Speisen, die sie beanspruchen durfte, hatte sie abbestellt. Für Ping-örl setzte Fëng-örl die vier Gerichte, die ihr zustanden, auf das Tischchen und füllte ihr Reis in die Schale. | Phönixglanz lachte: "Du kleine Frechheit! Wie oft willst du mir das noch vorhalten? Obwohl ich so krank bin, musst du mich noch ärgern. Komm, setz dich her! Da ohnehin niemand kommt, können wir auch zusammen essen.“ |
| Dann kniete sich Ping-örl mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Hsi-fëng beim Essen Gesellschaft, und erst als sie sie noch beim Händewaschen und Mundspülen bedient hatte, ging sie wieder zu Tan-tschun hinüber. Doch dort fand sie den Hof still und menschenleer. | In diesem Augenblick traten Fenger und drei oder vier andere Dienstmädchen herein und stellten ein kleines Tischchen auf das Ofenbett. Phönixglanz ass nur Schwalbennester-Reisbrei mit zwei Schälchen feiner Beilagen; ihre übliche Tagesration hatte sie bereits abbestellt. Fenger stellte Friedchens vier Portionen Essen auf das Tischchen und füllte ihr Reis in die Schale. Friedchen kniete sich mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Phönixglanz beim Essen Gesellschaft. Nachdem sie ihr auch noch beim Mundspülen und Händewaschen geholfen hatte, ermahnte sie Fenger noch mit einigen Worten und machte sich dann wieder auf den Weg zu Tanchun. Im Hof dort war es still, die Leute hatten sich zerstreut. |
| Wer wissen will, wie das kam, ... | Wer wissen will, wie es weiterging, ... |
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