Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 6
第六回 / Kapitel 6
贾宝玉初试云雨情
刘老老一进荣国府
| DE3 (Schwarz/Woesler) | DE4 (Woesler, 4. Aufl.) |
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6.Bau-yü probiert zum ersten Male das Wolken- und Regen-Spiel,Oma Liu kommt erstmals ins Jung-guo-Anwesen. Frau Tjin hatte sich also gewundert, weil Bau-yü im Traum ihren Kindheitsnamen gerufen hatte, aber sie konnte ihn schlecht deswegen fragen. Bau-yü aber war ganz benommen. Es war ihm, als habe er etwas verloren. Man brachte ihm rasch einen Aufguß von Longanen, und nachdem er zwei Schlucke davon getrunken hatte, stand er auf und ordnete seine Kleider. Als Hsi-jën die Hand ausstreckte, um ihm das Hosenband zuzuschnüren, berührte sie zufällig seinen Schenkel und spürte dort einen kalten, klebrigen Fleck. Erschrocken zog sie die Hand zurück und fragte, was das sei. Bau-yü wurde rot und drückte stumm ihre Hand. Nun war Hsi-jën ein kluges Mädchen. Sie war zwei Jahre älter als Bau-yü, und in der letzten Zeit war sie allmählich hinter die Geheimnisse der Erwachsenen gekommen. Als sie jetzt sah, was mit Bau-yü war, konnte sie sich die Sache ungefähr denken, und unwillkürlich stieg auch ihr die Schamröte ins Gesicht. Sie wagte nicht, weiter danach zu fragen, und half Bau-yü, sich fertig anzuziehen. Anschließend ging Bau-yü in die Räume der Herzoginmutter, wo er hastig zu Abend aß, und dann kehrte er in sein Zimmer zurück. Rasch benutzte jetzt Hsi-jën die Abwesenheit der Ammen und der übrigen Sklavenmädchen, um Bau-yü eine frische Unterhose zu holen, die sie ihn anziehen ließ. Verschämt bat Bau-yü: „Liebste Schwester, sag nur auf keinen Fall jemand davon!“ Mit einem verlegenen Lächeln fragte Hsi-jën: „Was hattest du denn geträumt? Und was ist das für schmutziges Zeug, und wo ist es herausgelaufen?“ „Mit einem Wort ist das nicht erklärt“, sagte Bau-yü und erzählte Hsi-jën, was er im Traum erlebt hatte. Als er dann zu dem Punkt kam, wie ihn Warnendes Trugbild über das Wolken-und-Regen-Spiel belehrt hatte, hielt sich Hsi-jën vor Scham die Hände vors Gesicht, warf sich auf den Bauch und lachte. Bau-yü hatte Hsi-jën schon immer gemocht, weil sie reizend und lieblich war. So drängte er sie jetzt, mit ihm das Wolken-und-Regen-Spiel, das ihn die Fee gelehrt hatte, zu versuchen. Hsi-jën wußte, daß sie Bau-yü von der Herzoginmutter zugeteilt worden war, und wie die Dinge jetzt lagen, glaubte sie nicht, daß der Anstand dadurch verletzt werde. So probierten sie es verstohlen miteinander, und glücklicherweise überraschte sie niemand dabei. Seitdem sah Bau-yü Hsi-jën erst recht mit anderen Augen an als die übrigen Sklavenmädchen, und Hsi-jën diente Bau-yü noch ergebener als zuvor. Aber davon soll einstweilen nicht weiter die Rede sein. Ja, im Jung-guo-Anwesen lebten insgesamt nicht übermäßig viele Menschen, aber alles in allem waren es doch drei- oder vierhundert. Und wenn sich hier auch nicht allzuviel ereignete, gab es doch zehn bis zwanzig verschiedene Angelegenheiten pro Tag zu erledigen. Das ist wie ein verfilztes Bund Hanf, bei dem man nicht weiß, wo man beginnen soll. Und während ich überlege, womit und bei wem ich meine weitere Erzählung am besten beginne, kommt plötzlich von weither jemand, der so nichtig ist wie ein Senfkorn oder eine Bohne, ins Jung-guo-Anwesen, weil er weitläufig mit der Familie verwandt ist. Soll dieser Jemand also der Anfang für meine weitere Erzählung sein! Wer das war und was das für weitläufige Verwandtschaftsbeziehungen sind, fragt ihr? Dann hört mich nur an! Es handelt sich um eine ganz unbedeutende Familie aus der hiesigen Gegend. Wang hießen die Leute. Der Großvater hatte ein winziges Amt in der Hauptstadt bekleidet und hatte vor Zeiten Wang Hsi-fëngs Großvater, den Vater von Dame Wang, gekannt. Weil er begierig war, von dessen Macht zu profitieren, hatte er sich seiner Sippe angeschlossen und sich zu seinem Neffen erklärt. Von der Existenz dieses Familienzweiges, der sich der Sippe angeschlossen hatte, wußten aber nur noch Dame Wang und ihr älterer Bruder, Hsi-fëngs Vater, die damals mit in der Hauptstadt gewesen waren, und sonst niemand. Jener Großvater Wang war bereits tot. Sein einziger Sohn Wang Tschëng war verarmt und hatte deshalb außerhalb der Hauptstadt im Heimatdorf der Familie Zuflucht suchen müssen. Auch er war vor kurzem an einer Krankheit gestorben. Sein Sohn, der mit Kindheitsnamen Gou-örl hieß, hatte seinerseits einen Sohn mit Namen Ban-örl, außerdem hatte seine Frau, eine geborene Liu, noch eine Tochter zur Welt gebracht, die Tjing-örl hieß. So hatten sie zu viert auf dem Lande gelebt, aber weil Gou-örl am Tage noch anderweitig für ihren Lebensunterhalt sorgte und seine Frau mit der Hauswirtschaft zu tun hatte, konnte sich niemand um die Geschwister Tjing-örl und Ban-örl kümmern. Darum hatte Gou-örl seine Schwiegermutter, Oma Liu, ins Haus genommen. Oma Liu war eine betagte Witwe, die bis dahin ganz allein von ein paar Mu kärglichem Ackerland lebte. Darum hatte sie natürlich nichts dagegen gehabt, als der Schwiegersohn sie zu sich nahm, und versuchte nun mit allen Mitteln, Tochter und Schwiegersohn von Nutzen zu sein. Jetzt ging der Herbst zu Ende, der Winter begann, und es wurde kalt. Die Wintervorbereitungen aber waren noch nicht getroffen. Gou-örl machte sich natürlich Sorgen deswegen und hatte diesen Kummer im Wein ertränkt. Nun saß er müßig zu Hause und suchte Streit. Seine Frau wagte nicht, ihm die Stirn zu bieten, Oma Liu aber konnte es nicht mit ansehen und redete auf ihn ein: „Du mußt mich nicht geschwätzig schelten, Schwiegersohn, aber wer von uns Dörflern ißt nicht seinen Reis aus so großen Schalen, wie er sie eben hat? Als du klein warst und es deiner Familie gut ging, hast du dich daran gewöhnt, nach Belieben zu essen und zu trinken, darum kannst du jetzt nicht damit auskommen. Wenn du Geld hast, verbrauchst du es ohne Sinn und Verstand, und wenn du keins hast, regst du dich nur auf. Benimmt sich so ein richtiger Mann? Wir wohnen hier zwar außerhalb der Stadt, aber doch zu Füßen des Kaisers. In der Hauptstadt liegt das Geld auf der Straße, nur versteht leider keiner, es aufzuheben. Sich hier zu Hause aufzuregen nutzt gar nichts.“ „Du kannst auch nur auf dem Ofenbett hocken und Unsinn schwatzen“, fuhr Gou-örl auf. „Soll ich das Geld vielleicht rauben oder stehlen?“ „Wer sagt, daß du es stehlen sollst?“ entgegnete Oma Liu. „Aber wir müssen endlich einen Entschluß fassen. Meinst du, das Geld kommt von alleine zu uns ins Haus gelaufen?“ „Glaubst du, ich hätte bis heute gewartet, wenn ich wüßte, was ich machen soll?“ fragte Gou-örl und lächelte geringschätzig. „Ich habe keine Verwandten, die Steuereinnehmer sind, und keine Freunde, die als Beamte dienen. Was kann ich mir also ausdenken? Und selbst wenn ich solche Verwandten oder Freunde hätte, würden sie sich um uns nicht kümmern, fürchte ich.“ „Sag das nicht!“ meinte Oma Liu. „Der Mensch plant, und der Himmel entscheidet. Wer weiß, ob wir nicht doch einige Aussichten haben, wenn wir uns etwas überlegen und auf Buddhas Hilfe bauen! Ich jedenfalls habe einen Plan für euch ausgedacht. Seinerzeit habt ihr euch doch der Sippe Wang aus Djin-ling angeschlossen, und vor zwanzig Jahren handelten sie nicht eben schlecht an euch. Jetzt tut ihr euch natürlich schwer und wagt euch nicht an sie heran, darum seid ihr einander fremd geworden. Ich kann mich erinnern, daß ich zu Anfang einmal mit der Tochter bei ihnen war. Ihr zweites junges Fräulein war wirklich ein angenehmer Mensch. Sie verstand es, mit den Leuten umzugehen, und war nicht eingebildet. Jetzt ist sie die Frau des zweiten Herrn Djia im Jung-guo-Anwesen. Nachdem sie in die Jahre gekommen ist, soll sie noch gütiger und hilfsbereiter gegen Arme und Alte geworden sein, habe ich gehört. Besonders zu buddhistischen und dauistischen Mönchen soll sie freigebig mit Reis und Geld sein. Ihr Bruder aus dem Wang-Anwesen hat zwar jetzt einen Posten an der Grenze bekommen, aber ich denke, auch sie wird sich noch an uns erinnern. Willst du sie nicht einmal besuchen? Wer weiß, vielleicht erinnert sie sich der alten Freundschaft, und es bringt uns eine Kleinigkeit ein. Wenn sie ein bißchen Güte zeigt, ist ein Härchen, das sie sich ausreißt, immer noch stärker als unsere Taille.“ „Du hast schon recht“, schaltete ihre Tochter sich ein, „aber können wir mit unseren Visagen gut dorthin gehen? Ganz egal, ob wir sie früher kannten oder nicht, ihre Torhüter würden vielleicht nicht einmal Bescheid sagen, daß wir da sind, und dann sind wir die Blamierten!“ Bei Gou-örl aber überwog die Habsucht. Die Worte von Oma Liu hatten seine Seele gekitzelt, und als er nun den Einwand seiner Frau hörte, lachte er nur darüber und sagte: „Wenn du es sagst, Oma, und außerdem damals die Gnädige einmal gesehen hast, warum willst du dann nicht morgen hingehen und erst einmal sehen, woher dort der Wind weht, und dann reden wir weiter?“ „Ach, du meine Güte!“ sagte Oma Liu, „heißt es nicht: Ein Fürstenhof ist so tief wie das Meer? Wer bin ich denn schon? Außerdem kennt mich dort niemand vom Gesinde. Wenn ich also ginge, wäre das ganz umsonst.“ Lächelnd erwiderte Gou-örl: „Nein, das wäre es nicht. Ich werde dir sagen, wie du es anfangen mußt. Du nimmst deinen Enkel Ban-örl mit und wendest dich zuerst an Dschou Juee, den die gnädige Frau als Diener mit in die Ehe gebracht hat. Wenn du mit ihm sprechen kannst, kommt die Sache schon ins Rollen. Mit diesem Dschou Juee hat mein Vater einmal zu tun gehabt, wir standen sehr gut miteinander.“ „Den kenne ich auch“, sagte Oma Liu, „aber wo wir ihn so lange nicht gesehen haben, weiß man nicht, was heute mit ihm ist. Das ist schon schwer zu sagen. Als Mann, und noch dazu mit deiner Visage, kannst du natürlich nicht dorthin gehen. Auch eine junge Frau kann sich nicht gut in aller Öffentlichkeit präsentieren. Also muß doch ich altes Weib losgehen und mein Glück probieren. Wenn sich wirklich etwas dabei ergibt, haben wir alle den Nutzen davon. Und springt kein Silber dabei heraus, bekomme ich in so einem fürstlichen Anwesen doch etwas zu sehen von der Welt und habe nicht umsonst gelebt.“ Alle lachten, als sie das sagte, und damit galt der Plan als abgemacht. Am nächsten Tag stand Oma Liu noch ehe es hell wurde auf, frisierte und wusch sich und erteilte Ban-örl ein paar Verhaltensmaßregeln. Dieser Ban-örl war ein Kind von fünf oder sechs Jahren und noch völlig unwissend. Als er hörte, die Großmutter werde ihn mit in die Stadt nehmen, versprach er in seiner Freude alles, was man von ihm verlangte. Also machte sich Oma Liu mit dem Enkelkind auf den Weg, fragte sich in der Stadt nach der Straße durch, wo das Ning-guo- und das Jung-guo-Anwesen lagen, und stand schließlich vor den steinernen Löwenfiguren am Haupttor des Jung-guo-Anwesens. Angesichts der Mengen von Sänften und Pferden wagte sie nicht, hier hineinzugehen. Also klopfte sie sich den Staub von den Kleidern, erteilte Ban-örl noch ein paar Unterweisungen und ging dann zögernd zum Nebentor, wo ein paar hünenhafte Männer auf einer Bank saßen und sich lebhaft gestikulierend über alles mögliche unterhielten. Zaghaft trat Oma Liu zu ihnen heran und grüßte: „Glück zu, ihr Herren!“ Die Männer musterten sie eine Weile und fragten dann, woher sie komme. „Ich möchte zu Herrn Dschou aus dem Gefolge der gnädigen Frau“, sagte Oma Liu und lächelte dazu. „Wen von den Herren darf ich bemühen, ihn herauszubitten?“ Keiner der Männer schenkte ihr mehr Beachtung, und erst nach langer Zeit sagten sie endlich: „Geh beiseite und warte dort in der Mauerecke! Es muß bald jemand von seiner Familie herauskommen.“ Da mischte sich ein älterer Mann ein und fragte: „Warum müßt ihr der Frau ihre Sache verderben und sie zum besten halten?“ Dann wandte er sich an Oma Liu und sagte: „Herr Dschou ist im Süden, aber seine Frau ist zu Hause. Sie wohnen an der anderen Seite des Anwesens. Wenn du zu ihr willst, mußt du hier herum zum hinteren Tor gehen und dort nach ihr fragen.“ Oma Liu bedankte sich und ging mit Ban-örl zum Hintertor. Dort erblickte sie einige fliegende Händler mit ihren Traglasten, die Eßwaren und Spielsachen verkauften. Zwanzig bis dreißig Kinder tollten um sie herum. Oma Liu hielt einen der Jungen fest und sagte: „Ich möchte dich etwas fragen, kleiner Herr! Ist Tante Dschou zu Hause?“ „Welche Tante Dschou meinst du?“ erkundigte sich der Junge. „Wir haben hier drei Tanten Dschou und noch zwei Ammen Dschou. Was macht sie für eine Arbeit?“ „Sie ist die Frau von Dschou Juee aus dem Gefolge der gnädigen Frau“, sagte Oma Liu. „Dann ist es einfach“, sagte der Junge. „Komm mit!“ Damit hüpfte er vor Oma Liu her durch das Tor bis zu einer Umfassungsmauer, auf die er mit der Hand zeigte. „Hier wohnt sie“, sagte er. Dann rief er: „Tante Dschou! Hier ist eine Oma, die zu dir will. Ich habe sie hergeführt.“ Als Dschou Juees Frau drinnen seine Worte hörte, kam sie rasch heraus und fragte: „Wer ist es denn?“ Oma Liu trat vor sie hin und sagte: „Guten Tag, Schwägerin Dschou!“ Dschou Juees Frau brauchte längere Zeit, ehe sie sich endlich erinnerte und lächelnd zu ihr sagte: „Oma Liu! Guten Tag! Nun sag einer an! Wieviel Jahre ist das her? Ich hatte dich ganz vergessen. Komm ins Haus und nimm Platz!“ Oma Liu setzte sich wieder in Bewegung und sagte dabei lächelnd: „Hohe Herrschaften sind vergeßlich. Wie solltest du dich noch an uns erinnern!“ Bei diesen Worten traten sie ins Haus, und Dschou Juees Frau befahl ihrer kleinen Lohndienerin, Tee zu bringen. „Wie groß du schon bist!“ sagte sie zu Ban-örl. Dann erkundigte sich beiläufig, wie es Oma Liu ergangen sei, seitdem sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, und fragte schließlich, ob sie heute zufällig hierher gekommen sei oder in einer bestimmten Absicht. „Ich wollte dich einmal sehen, Schwägerin!“ erklärte Oma Liu, „außerdem wollte ich der gnädigen Frau guten Tag sagen. Es wäre das beste, wenn du mich zu ihr führen könntest. Wenn das nicht geht, muß ich dich um die Gefälligkeit bitten, ihr meinen Gruß auszurichten.“ Als Dschou Juees Frau das hörte, konnte sie sich ungefähr denken, was Oma Liu hierher geführt hatte, aber seinerzeit hatte Gou-örl ihrem Mann Dschou Juee kräftig geholfen, als es um einen strittigen Bodenkauf ging. Da konnte sie Oma Liu die Sache schlecht abschlagen. Außerdem wollte sie gern zeigen, daß auch sie etwas darstellte, darum gab sie lächelnd zur Antwort: „Keine Sorge, Oma! Warum sollte ich dir nicht helfen, den leibhaftigen Buddha zu sehen, wenn du in bester Absicht von so weit her zu uns gekommen bist! Eigentlich habe ich ja mit Besuchern nichts zu tun. Hier hat jeder seine Aufgabe. Mein Mann kassiert nur im Frühling und im Herbst die Bodenpacht ein, und in der übrigen Zeit begleitet er die jungen Herren, wenn sie ausgehen. Das ist alles. Ich aber begleite nur die gnädige Frau und die jungen gnädigen Frauen bei ihren Ausgängen. Aber weil du mit der gnädigen Frau verwandt bist und auch mich als Mensch behandelst und zuerst zu mir gekommen bist, will ich eine Ausnahme machen und dich anmelden. Aber eins mußt du wissen, Oma! Es ist bei uns nicht mehr so wie noch vor fünf Jahren. Die gnädige Frau kümmert sich nicht mehr groß um den Haushalt, das macht jetzt alles die Frau des jungen Herrn Djia Liän. Und weißt du, wer sie ist? Niemand anders als die Nichte der gnädigen Frau, die Tochter ihres Bruders, die mit Kindheitsnamen Fëng-gë hieß.“ „Sie ist das?“ fragte Oma Liu erstaunt. „Nicht umsonst habe ich schon damals gesagt, daß etwas in ihr steckt. Dann muß ich wohl heute mit ihr sprechen?“ „Das versteht sich von selbst“, erwiderte Dschou Juees Frau. „Der gnädigen Frau ist es lästig, sich um alles zu kümmern, und Besucher zu empfangen überläßt sie, wenn irgend möglich, der jungen gnädigen Frau. Mit ihr zu sprechen ist für dich wichtiger, als von der gnädigen Frau empfangen zu werden, wenn dein Besuch nicht umsonst sein soll.“ „Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu aus, „ich verlasse mich ganz auf deine Hilfe, Schwägerin.“ „Nicht doch!“ entgegnete Dschou Juees Frau. „Hilf andern, und du hilfst dir selbst, sagt das Sprichwort. Es kostet mich ja nur ein Wort, was macht das schon aus!“ Dann rief sie ihre kleine Dienerin und befahl ihr, sich unter der Hand zu erkundigen, ob bei der alten gnädigen Frau schon das Essen aufgetragen sei. Als das Mädchen gegangen war, unterhielten sich die beiden Frauen weiter, und Oma Liu sagte: „Die junge gnädige Frau kann jetzt noch nicht älter als zwanzig sein. Daß sie das Zeug hat, so ein Hauswesen zu führen, ist wirklich erstaunlich!“ „Mit Worten ist das kaum zu beschreiben, Oma!“ sagte Dschou Juees Frau. „Sie ist zwar noch jung, aber sie handelt verständiger als mancher erfahrene Mann. Eine richtige Schönheit ist sie geworden, und klug ist sie, wie nur selten einer. Mit ihrem Mundwerk können es zehn redegewandte Männer nicht aufnehmen. Wenn du sie nachher siehst, wirst du mir glauben. Das einzige ist, daß sie zum Gesinde ein bißchen zu streng ist.“ Bei diesen Worten kam die kleine Dienerin wieder und meldete: „Im Zimmer der alten gnädigen Frau ist aufgetragen. Die zweite junge Herrin ist bei der gnädigen Frau.“ Als Dschou Juees Frau das hörte, stand sie rasch auf und trieb Oma Liu zur Eile. „Schnell, schnell!“ sagte sie, „wenn sie jetzt essen geht, ist der einzige freie Augenblick. Wir müssen vor ihr da sein! Kommen wir auch nur einen Moment zu spät, sind so viele Leute da, um ihr Rapport zu erstatten, daß wir kaum mit ihr sprechen können. Und wenn sie dann ihren Mittagsschlaf hält, ist das erst recht nicht der geeignete Augenblick.“ Oma Liu war bei diesen Worten schon vom Ofenbett gestiegen, klopfte sich die Sachen ab und erteilte Ban-örl wiederum einige Belehrungen. Dann folgte sie Dschou Juees Frau auf Umwegen zur Wohnung von Djia Liän. Als sie an das Gebäude mit dem Eingang nach Norden kamen, ließ Dschou Juees Frau Oma Liu zunächst dort eintreten und ein Weilchen warten. Sie selbst bog um die Blendmauer und trat in den Hof. Als sie erfuhr, Hsi-fëng sei noch nicht da, ging sie zuerst zu deren vertrauter Sklavin Ping-örl, die von Hsi-fëng mit in die Ehe gebracht worden war und seitdem Djia Liän als Beischläferin diente. Dschou Juees Frau erklärte Ping-örl erst einmal, wer Oma Liu war, dann sagte sie: „Heute ist sie extra von so weit her gekommen, um ihren Gruß zu entbieten. Seinerzeit hat die gnädige Frau sie oft empfangen, da kann man sie heute schlecht wegschicken. Darum habe ich sie hergebracht. Wenn deine Herrin kommt, werde ich ihr genau darüber berichten, und ich denke, sie wird mir nicht vorwerfen, ich hätte unüberlegt gehandelt.“ „Laß sie hereinkommen und erst einmal hier warten!“ entschied Ping-örl. Also ging Dschou Juees Frau hinaus und holte die beiden in den Hof. Als sie auf der Plattform des Hauptgebäudes waren, schlug ein kleines Sklavenmädchen den Türvorhang aus scharlachrotem Filz für sie auf, und kaum daß sie ins Haus traten, umfing sie ein Duft, den Oma Liu nicht zu bestimmen vermochte, und sie kam sich vor, als ob sie durch Wolken ginge. Überall glänzte und blitzte es, so daß einem schwindlig davon wurde. Oma Liu nickte nur mit dem Kopf, schnalzte mit der Zunge und rief den Namen Buddhas an. Als sie in das östliche Zimmer traten, das der Schlafraum von Djia Liäns Tochter Da-djiä‘örl war, stand Ping-örl am Ofenbett und musterte Oma Liu mit ein paar kurzen Blicken. Wohl oder übel mußte sie die Alte begrüßen und ihr einen Platz anbieten. Oma Liu sah nur, daß Ping-örl ganz in Seide gekleidet und mit Gold und Silber geschmückt war und ein Gesicht wie Blumen und Jade hatte. Darum glaubte sie, niemand anders als Wang Hsi-fëng vor sich zu haben, und wollte sie eben mit ‚junge gnädige Frau‘ anreden, als sie hörte, wie Dschou Juees Frau einfach ‚Fräulein‘ zu ihr sagte und ihrerseits ‚Tante‘ von ihr genannt wurde. Da merkte sie erst, daß es ein bevorzugtes Sklavenmädchen sein mußte. Als Oma Liu mit Ban-örl zusammen auf dem Ofenbett Platz genommen hatte, setzten sich auch Ping-örl und Dschou Juees Frau zu ihnen auf die Bettkante, und ein kleines Sklavenmädchen goß allen Tee ein. Oma Liu hörte ein Geräusch, das tack-tack, tack-tack! ging, als ob man Mehl in einem Siebkasten siebte, und als sie sich unwillkürlich nach allen Seiten umsah, erblickte sie einen Kasten, der mitten im Zimmer an einer Säule hing. Unten guckte etwas heraus, das wie das Laufgewicht einer Balkenwaage aussah, und schwang unaufhörlich hin und her. ‚Was mag das sein? Wozu soll das dienen?‘ überlegte Oma Liu. Und während sie noch ganz fasziniert davon war, machte es plötzlich dong! wie eine Glocke oder eine Klangschale, so daß Oma Liu vor Schreck die Augen aufriß. Dann schlug es in einem fort noch acht, neun Mal, aber als sie sich eben deswegen erkundigen wollte, stürzten mehrere kleine Sklavenmädchen herein und meldeten: „Die Herrin kommt!“ Dschou Juees Frau stand mit Ping-örl zusammen rasch auf und sagte zu Oma Liu: „Bleib du nur hier sitzen! Wenn es soweit ist, kommen wir dich holen.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um mit den anderen zusammen Hsi-fëng zu begrüßen. Oma Liu saß da, ohne sich zu rühren, und spitzte die Ohren. Von ferne hörte sie Lachen, dann traten nacheinander an die zehn bis zwanzig Frauen mit raschelnden Kleidern in die Vorhalle und gingen in den anderen Innenraum. Mehrere Frauen, die je eine große lackierte Speiseschachtel trugen, kamen herein und nahmen wartend Aufstellung. Erst als von drüben der Ruf „Auftragen!“ ertönte, gingen die anderen Frauen nach und nach wieder fort, und zurück blieben nur diejenigen, die bei Tisch aufzuwarten hatten. Nachdem es dann lange mucksmäuschenstill geblieben war, kamen plötzlich zwei Frauen mit einem flachen Tischchen herein und stellten es auf das Ofenbett. Das Tischchen war mit Schüsseln und Tellern beladen, die voller Fisch und Fleisch waren, wovon nur das wenigste berührt war. Kaum daß Ban-örl die Speisen sah, bettelte er lautstark, er wolle Fleisch essen, und Oma Liu versetzte ihm eine Ohrfeige. Im selben Augenblick erschien Dschou Juees Frau mit strahlendem Lächeln in der Tür und machte Oma Liu ein Zeichen mit der Hand. Oma Liu verstand, was das zu bedeuten hatte, stieg mit Ban-örl vom Ofenbett und ging in die Vorhalle hinaus. Hier flüsterte Dschou Juees Frau noch ein Weilchen mit ihr, ehe sie sie in den anderen Innenraum führte. In der Tür hing an ziselierten Messinghaken ein weicher Türvorhang mit einem Streublumenmuster auf dunkelrotem Grund. Unter dem Südfenster befand sich das Ofenbett, das mit dunkelrotem Filz bedeckt war. An der hölzernen Zwischenwand auf der Ostseite lehnten ein brokatbezogenes Rückenpolster mit Kettenmuster und ein Armkissen. Ein großes mit Goldbrokat bezogenes Sitzpolster lag da, und daneben stand ein Spucknapf aus geschnittenem Lack. Hsi-fëng trug ihre Alltagskleidung: eine Kopfbinde aus Zobelfell, um die eine Perlenschnur geschlungen war, eine blaßrosa Jacke mit Streublumenmuster, darüber einen azuritblauen Umhang, der mit bunten Seidenwebereien geschmückt und mit Fehfell gefüttert war, sowie einen dunkelroten Rock aus ausländischem Krepp, der mit Hermelin gefüttert war. Sie war sorgfältig geschminkt und gepudert und saß kerzengerade. Mit einem Messingstäbchen stocherte sie in der Asche ihres Handöfchens. Ping-örl stand am Ofenbett und hielt ein winziges Lacktablett in Händen, das mit Einlegearbeiten verziert war und auf dem eine kleine Teeschale mit Deckel stand. Hsi-fëng nahm ihr die Schale nicht ab und blickte auch nicht auf. Sie stocherte weiter in der Asche und fragte gedehnt: „Warum bittet ihr sie nicht herein?“ Dabei richtete sie sich auf, um nach der Teeschale zu greifen, und erst jetzt sah sie, daß Dschou Juees Frau schon mit den beiden Besuchern im Zimmer stand. Daraufhin erhob sich andeutungsweise und grüßte mit einem Gesicht wie eitel Sonnenschein. Dann schalt sie Dschou Juees Frau, sie hätte sich längst bemerkbar machen sollen. Oma Liu war inzwischen niedergekniet und hatte schon ein paarmal mit der Stirn den Boden berührt und der jungen gnädigen Frau alles Gute gewünscht. Rasch sagte Hsi-fëng: „Hilf ihr auf, Schwester Dschou! Sie braucht keinen Stirnaufschlag zu machen und soll bitte Platz nehmen. Ich bin zu jung, um sie richtig zu kennen, und weiß nicht, auf welcher Stufe der Verwandtschaft wir zueinander stehen, darum wage ich nicht einmal, sie anzureden.“ „Das ist die alte Frau, von der ich gerade berichtet habe“, meldete Dschou Juees Frau eifrig. Hsi-fëng nickte. Oma Liu hatte sich inzwischen auf dem Rand des Ofenbetts niedergelassen. Ban-örl versteckte sich hinter ihrem Rücken und war durchaus nicht zu bewegen, hervorzukommen und eine Verbeugung zu machen. Lächelnd sagte Hsi-fëng: „Verwandte, die einander nicht besuchen, werden sich fremd. Eingeweihte werden sagen, ihr seid es, die uns vernachlässigen und selten zu Besuch kommen. Der Pöbel aber, der nicht Bescheid weiß, wird meinen, wir dächten nur an uns.“ Oma Liu rief rasch den Namen Buddhas an und sagte dann: „Uns geht es so schlecht, daß wir uns nur schwer aufraffen können. Mit unserem Besuch können wir Euch nur blamieren, oder aber Eure Herren Verwalter nehmen uns nicht für voll.“ Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Wie sollte man über solche Worte nicht böse sein! Wir leben ja auch nur vom leeren Ruhm unserer Vorfahren und sind eine arme Beamtenfamilie. Wer hat denn schon groß etwas? Das ist doch alles nur noch Fassade. Wie das Sprichwort sagt, hat selbst der Kaiserhof noch drei Zweige armer Verwandter, um wieviel mehr trifft das auf uns zu!“Dann wandte sie sich an Dschou Juees Frau mit der Frage: „Hast du der gnädigen Frau Bericht erstattet?“ „Ich habe auf Eure Weisung gewartet“, war die Antwort. „Dann geh zu ihr!“ befahl Hsi-fëng. „Sieh nach, ob sie Besuch hat oder beschäftigt ist. Wenn ja, laß es gut sein. Wenn sie Zeit hat, gib ihr Bericht und paß auf, was sie sagt!“ Dschou Juees Frau versprach es und ging fort. Jetzt ließ Hsi-fëng etwas Obst für Ban-örl bringen und fragte eben nach ein paar Belanglosigkeiten, als eine ganze Gruppe von verantwortlichen Sklavenfrauen erschien, um ihr Bericht zu geben. Ping-örl kam es melden, und Hsi-fëng entschied: „Ich habe mich um den Besuch zu kümmern, sie sollen am Abend wiederkommen. Wenn aber eine von ihnen etwas Wichtiges hat, bring sie herein, und wir erledigen das!“ Ping-örl ging wieder hinaus, und als sie eine Weile später wiederkam, sagte sie: „Ich habe alle gefragt, aber es war nichts Wichtiges, da habe ich sie fortgeschickt.“ Hsi-fëng nickte nur, und da kam eben auch Dschou Juees Frau zurück und berichtete: „Die gnädige Frau läßt sagen, sie habe heute keine Zeit und es sei ebensogut, wenn Ihr dem Gast Gesellschaft leistet. Sie lasse vielmals dafür danken, daß Oma Liu an sie gedacht hat. Wenn sie einfach so zu Besuch gekommen sei, wäre schon alles in Ordnung, wenn sie ihr aber etwas sagen wolle, solle sie es nur der jungen gnädigen Frau sagen, das käme auf eins heraus.“ „Es war nichts weiter“, sagte Oma Liu, „ich wollte nur die gnädige Frau und die junge gnädige Frau einmal sehen, wie es unter Verwandten üblich ist.“ „Wenn nichts weiter war, ist es ja gut“, sagte Dschou Juees Frau, „aber wenn du etwas sagen wolltest, sag es nur der jungen gnädigen Frau! Das ist dasselbe, als wenn du es der gnädigen Frau sagen würdest.“ Und dabei zwinkerte sie Oma Liu zu. Oma Liu verstand, was sie meinte, und lief rot an, ehe sie auch nur den Mund aufgemacht hatte. Sie hätte jetzt am liebsten gar nicht davon angefangen, aber wozu war sie dann erst hergekommen? Also unterdrückte sie das Schamgefühl und sagte: „Eigentlich dürfte ich es nicht sagen, weil ich Euch heute zum erstenmal sehe, junge gnädige Frau. Aber nun habe ich einmal den weiten Weg gemacht, da muß es auch heraus...“ Weiter war sie noch nicht gekommen, als draußen die Sklavenjungen vom Innentor meldeten: „Der junge Herr aus dem Ostanwesen kommt!“ Hsi-fëng bedeutete Oma Liu rasch zu schweigen und fragte laut nach draußen: „Wo ist Euer Herr?“ Dann hörte man das stapfende Geräusch von Füßen in Stiefeln, und herein trat ein junger Herr von siebzehn, achtzehn Jahren mit hübschem Ge- sicht und von schöner Gestalt, der einen leichten Pelz und einen kostbaren Gürtel über seinem prächtigen Gewand trug. Auf dem Kopf hatte er eine elegante Mütze. Oma Liu wußte nicht, ob sie aufstehen oder sitzen bleiben sollte. Am liebsten hätte sie sich irgendwo versteckt. „Bleib nur sitzen!“ sagte Hsi-fëng lächelnd, „das ist mein Neffe.“ Also blieb Oma Liu schüchtern auf dem Rand des Ofenbetts sitzen. Lächelnd sagte jetzt Djia Jung: „Tante, mein Vater schickt mich, um den kleinen gläsernen Setzschirm von Euch auszuborgen, den die Großtante Euch letztens geschenkt hat. Für morgen hat er einen wichtigen Gast eingeladen, da möchte er den Setzschirm aufstellen, und dann bringen wir ihn wieder zurück.“ „Das sagst du mir einen Tag zu spät“, entgegnete Hsi-fëng mit lächelnder Miene, „ich habe ihn gestern schon jemand anders gegeben.“ Djia Jung lächelte breit, kniete auf dem Rand des Ofenbetts nieder und sagte: „Wenn Ihr ihn mir nicht gebt, heißt es wieder, ich könne nicht reden, und ich bekomme eine tüchtige Portion Schläge dafür. Habt doch Mitleid mit mir, Tante!“ Lächelnd sagte Hsi-fëng: „Ihr scheint zu glauben, nur die Wangs hätten schöne Sachen. Alles, was bei euch herumsteht, seht ihr gar nicht, nur was wir haben, taugt etwas, ja?“ „Wo hätten wir so etwas Schönes!“ widersprach Djia Jung lächelnd und bat: „Habt doch Erbarmen mit mir!“ „Aber nimm dein Fell in acht, wenn du den Setzschirm auch nur ein bißchen anstößt!“ warnte Hsi-fëng. Dann befahl sie Ping-örl, den Schlüssel für das Zimmer im Obergeschoß zu holen und ein paar geeignete Leute zu rufen, um den Setzschirm hinüberzutragen. Djia Jung strahlte über das ganze Gesicht und sagte: „Leute habe ich schon selbst mitgebracht, damit ja niemand so unvorsichtig ist, den Setzschirm irgendwo anzustoßen.“ Bei diesen Worten erhob er sich und ging hinaus. Hsi-fëng fiel plötzlich etwas ein, und sie rief durchs Fenster: „Komm noch einmal zurück!“ Draußen wurde ihr Ruf aufgenommen, und mehrere Stimmen wiederholten: „Ihr möchtet noch einmal zurückkommen, junger Herr!“ Djia Jung machte sofort wieder kehrt und kam zurück. Mit dienstfertig herabhängenden Armen wartete er auf Hsi-fëngs Instruktionen, Hsi-fëng aber trank ungezwungen ihren Tee und saß lange wie geistesabwesend da, ehe sie lächelnd sagte: „Schon gut! Geh wieder und komm nach dem Abendessen noch einmal her, dann sage ich es dir. Jetzt habe ich Besuch und bin auch nicht in der Stimmung.“ Djia Jung versprach es und ging langsam wieder hinaus. Inzwischen hatte Oma Liu sich ein Herz gefaßt und sagte nun: „Ich komme heute nur deshalb mit Eurem Neffen hierher, weil seine Eltern zu Hause sitzen und nichts zu beißen haben. Jetzt, da es kalt wird, wissen sie erst recht nicht, was sie machen sollen. So blieb uns nichts weiter, als mit Eurem Neffen zu Euch zu kommen.“ Dann stieß sie Ban-örl an und sagte zu ihm: „Was hat dein Vater zu Hause gesagt, was du machen sollst? Wozu hat er uns hergeschickt? Du kannst nur dasitzen und Obst essen!“ Hsi-fëng hatte längst begriffen, worum es ging, und weil sie merkte, daß die Alte sich nicht auszudrücken verstand, unterbrach sie sie lächelnd mit den Worten: „Du brauchst nichts weiter zu sagen, ich weiß schon Bescheid.“ Dann fragte sie Dschou Juees Frau: „Hat denn die Oma gefrühstückt?“ „Wir sind seit dem frühen Morgen unterwegs gewesen“, fiel Oma Liu ein, „wann hätten wir da essen sollen!“ Als Hsi-fëng das hörte, befahl sie sofort, schnell etwas zu essen zu bringen. Ein Weilchen später brachte Dschou Juees Frau ein Gästegedeck und richtete es im Ostzimmer her. Dann kam sie herüber, um Oma Liu und Ban-örl zu holen. Laß sie tüchtig zugreifen, Schwester Dschou! Ich kann ihnen nicht Gesellschaft leisten“, sagte Hsi-fëng. Als Dschou Juees Frau die beiden ins Ostzimmer geführt hatte, rief Hsi-fëng sie wieder zu sich und fragte, was die gnädige Frau gesagt habe. Darauf berichtete Dschou Juees Frau: „Die gnädige Frau hat gesagt, diese Familie gehöre nicht zu unserer Sippe, sie trage nur denselben Familiennamen, und einer von ihnen habe am selben Ort als Beamter gedient wie der verstorbene gnädige Herr, da habe er sich mehr oder weniger zufällig unserer Sippe angeschlossen. In den letzten Jahren habe es kaum Kontakt zu ihnen gegeben, aber wenn sie seinerzeit einmal hier gewesen wären, hätten wir sie auch nie enttäuscht. Wenn sie heute zu Besuch gekommen seien, zeige das ihre gute Absicht, und man dürfe nicht unhöflich zu ihnen sein. Wenn sie etwas auf dem Herzen hätten, solle die junge gnädige Frau nur getrost darüber entscheiden.“ „Das habe ich ja gleich gewußt“, sagte Hsi-fëng. „Würden sie wirklich zur Familie gehören, könnte es doch nicht sein, daß ich nicht die geringste Ahnung von ihnen habe.“ Gerade als sie das sagte, kam Oma Liu, die inzwischen aufgegessen hatte, mit Ban-örl an der Hand wieder herein und bedankte sich, wobei sie sich die Lippen leckte und mit der Zunge schnalzte. „Setz dich bitte und hör mir zu!“ forderte Hsi-fëng sie auf, „ich weiß, was du mir eben sagen wolltest. Und als Verwandte hätten wir uns eigentlich um Euch kümmern müssen, auch ohne daß Ihr herkommt. Aber es ist jetzt so viel zu tun hier, und die gnädige Frau kommt langsam in die Jahre, da kann es schon einmal vorkommen, daß sie etwas vergißt. Ich habe ihr zwar in der letzten Zeit einiges abgenommen, aber ich kenne die Verwandtschaft zu wenig. Außerdem sieht es bei uns zwar nach außen hin prächtig aus, in Wirklichkeit aber haben die Großen auch große Sorgen. Es würde einem kaum jemand glauben, wenn man es erzählen wollte. Da du heute von so weit her zu uns gekommen bist und zum ersten Mal mit mir zu tun hast, kann ich dich schlecht mit leeren Händen wegschicken. Zufällig hat mir die gnädige Frau gestern zwanzig Liang Silber gegeben, um für meine Mägde hier Kleider nähen zu lassen, und ich habe es noch nicht angerührt. Wenn dir das nicht zu wenig erscheint, nimm es einstweilen!“ Als Oma Liu hörte, wie Hsi-fëng über große Sorgen klagte, dachte sie schon, sie bekäme nichts, und das Herz begann ihr zu klopfen. Als sie dann hörte, sie solle zwanzig Liang Silber bekommen, juckte es ihr vor Freude am ganzen Körper, und sie sagte: „Ach ja, ich weiß schon, was Sorgen sind! Aber wie das Sprichwort sagt, ist ein dürres totes Kamel immer noch größer als ein Pferd. Und wie dem auch sei, ein Härchen, das Ihr Euch ausreißt, ist stärker als unsere Taille.“ Als Dschou Juees Frau derart plump reden hörte, machte sie Oma Liu in einem fort Zeichen, den Mund zu halten. Hsi-fëng bemerkte es und lächelte, ohne darauf einzugehen. Sie befahl nur Ping-örl, das gestrige Päckchen Silber zu holen und noch eine Schnur Münzen dazu, und als Ping-örl alles vor Oma Liu hingelegt hatte, sagte Hsi-fëng: „Hier sind zwanzig Liang Silber, davon könnt ihr dem Kind erst einmal Wintersachen nähen lassen. Wenn du es nicht nimmst, muß ich annehmen, daß du mir böse bist. Für die Münzen kannst du dir einen Wagen mieten, um nach Hause zu fahren. Wenn du ein andermal nichts zu tun hast, komm uns nur besuchen, wie es sich unter Verwandten gehört. Jetzt ist es spät, und ich will euch nicht unnötig aufhalten. Grüß zu Hause alle, denen ein Gruß zukommt!“ Damit erhob sie sich. Oma Liu nahm mit endlosen Dankesworten das Silber und die Münzen an sich und ging mit Dschou Juees Frau hinaus. Als sie draußen waren, sagte Dschou Juees Frau: „Meine Güte! Dir hatte es wohl die Sprache verschlagen, als du bei ihr warst? Und als du endlich den Mund aufmachst, fängst du mit ‚Euer Neffe‘ an. Das will ich dir sagen, auch wenn du mir deswegen böse bist, selbst wenn es ihr leiblicher Neffe wäre, mußt du doch höflicher zu ihr sein. Herr Djia Jung ist ihr Neffe, du hast ihr da einen feinen Neffen angeschleppt.“ Lächelnd erwiderte Oma Liu: „Ach, Schwägerin! Als ich sie sah, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie sollte es mir da nicht die Sprache verschlagen!“ Während sie sich so unterhielten, gingen sie noch einmal in Dschou Juees Wohnung und setzten sich dort ein Weilchen. Oma Liu wollte Dschou Juees Frau ein Stück von dem Silber abgeben, damit sie ihren Kindern Obst davon kaufte. Aber was bedeutete für Dschou Juees Frau schon ein Stückchen Silber! Darum beharrte sie auf ihrer Ablehnung. Oma Liu konnte ihr gar nicht genug danken und ging schließlich durch das hintere Tor wieder davon. Wahrlich: Wenn ein Wunsch so reich sich erfüllt, ist das wahre Hilfe; wer einem so große Güte erweist, ist besser als alle Verwandten. |
Dem Kapitel vorangestellt: Morgens klopft man an des Reichen Tür — Der Reiche ist noch nicht zufrieden. Selbst ohne tausendfachen Golddank: Ach, sie übertrifft doch Fleisch und Blut! Nun also: Anmutig Minne hatte gehört, wie Schatzjade [宝玉] im Traum ihren Milchnamen gerufen hatte, und wunderte sich insgeheim, wagte aber nicht, genauer nachzufragen. Schatzjade selbst war noch ganz benommen und verwirrt, als hätte er etwas verloren. Die Dienerinnen brachten eilig Longan-Suppe; er trank ein paar Schlucke und stand auf, um sich anzukleiden. Als Dufthauch[1] [袭人] ihm dabei half, den Hosengürtel zu binden, berührte sie versehentlich seine Oberschenkel und spürte etwas Eiskaltes und Feuchtes. Erschrocken zog sie die Hand zurück und fragte, was los sei. Schatzjade wurde rot im Gesicht und drückte ihre Hand zusammen. Dufthauch war ein kluges Mädchen, zwei Jahre älter als Schatzjade, und verstand inzwischen einiges von den Dingen zwischen Mann und Frau. Als sie Schatzjades Zustand sah, ahnte sie sofort, was geschehen war, und errötete vor Scham ebenfalls, ohne weiter zu fragen. Sie ordnete seine Kleidung, und sie gingen zurück zur Herzoginmutter, aßen hastig zu Abend und kehrten in ihre Gemächer zurück. Dufthauch nutzte einen Moment, als die Ammen und Mägde nicht in der Nähe waren, nahm ein frisches Unterkleid heraus und wechselte es Schatzjade an. Schatzjade bat sie verschämt: „Liebe Schwester, sag es bitte niemandem!" Dufthauch fragte lächelnd und gleichfalls errötend: „Was hast du geträumt? Woher kam dieses ... schmutzige Zeug?" Schatzjade antwortete: „Das lässt sich nicht in wenigen Worten sagen." Und erzählte ihr seinen Traum in allen Einzelheiten, einschließlich der Unterweisung in den Freuden von Wolke und Regen durch die Fee. Dufthauch verbarg vor Scham das Gesicht und beugte sich lachend nieder. Da Schatzjade Dufthauchs sanfte und reizende Art schon immer gemocht hatte, überredete er sie nun, mit ihm zu erproben, was die Fee gelehrt hatte. Dufthauch wusste, dass die Herzoginmutter sie bereits Schatzjade als Dienerin „zugesprochen" hatte — so war es kein eigentlicher Verstoß gegen die Sitte. Die beiden probierten es heimlich miteinander, und zum Glück bemerkte es niemand. Fortan behandelte Schatzjade Dufthauch anders als alle anderen, und Dufthauch widmete sich Schatzjade mit noch größerer Hingabe. Doch darüber sei vorläufig nichts weiter gesagt. Betrachtet man den gesamten Haushalt des Prunkwille-Anwesen, so ist die Kopfzahl zwar nicht riesig, zählt aber von oben bis unten drei- bis vierhundert Seelen. Obwohl die Geschäfte nicht übermäßig zahlreich sind, fallen doch täglich ein, zwei Dutzend Angelegenheiten an — verworren wie Hanfstränge ohne Anfang und Ende. Gerade als der Erzähler überlegte, mit welcher Begebenheit und welcher Person er am besten beginnen solle, kam wie bestellt aus tausend Li Entfernung, aus einem winzigen, unbedeutenden Haushalt, der eine lose Verbindung zum Prunkwille-Anwesen hatte, jemand zu Besuch — und so beginnen wir eben mit dieser Familie; das ist auch ein guter Anfang. Fragt Ihr, wie diese Familie heißt und welche Verbindung sie zum Prunkwille-Anwesen hat? Wer solche Nebensächlichkeiten langweilig und vulgär findet, der lege dieses Buch beiseite und suche sich ein besseres; wer sich aber ein wenig die Zeit vertreiben mag, der höre zu, wie dieser Tölpel im Einzelnen berichtet. Die erwähnte kleine Familie stammte vom selben Ort, trug den Namen Wang und hatte einen Vorfahren, der einst ein kleines Beamtenamt in der Hauptstadt bekleidet hatte. In früherer Zeit hatte er sich mit dem Großvater von Phönixglanz[2] [王熙凤] und dem Vater von Dame König bekannt gemacht. Aus Begierde nach dem Einfluss und der Macht der Wangs hatte er sich als entfernter Verwandter eingeschrieben und den Status eines „Neffen" angenommen. Damals kannten nur der älteste Bruder von Dame König (Phönixglanz [熙凤]s Vater) und Dame König selbst, die in der Hauptstadt lebten, diese angeheiratete Verwandtschaft — alle anderen wussten nichts davon. Inzwischen war jener Urgroßvater verstorben und hatte nur einen Sohn hinterlassen, König Cheng, der wegen des Niedergangs des Familiengeschäfts aus der Stadt zurück in die ländliche Heimat gezogen war. Auch König Cheng war kürzlich an einer Krankheit gestorben und hinterließ nur einen Sohn mit dem Rufnamen Hündchen[3] [狗儿, „Hündchen"]. Hündchen hatte einen Sohn, Rufname Brettchen[4] [板儿, „Brettchen"], eine Ehefrau, geborene Liu, und eine Tochter namens Qinger [青儿]. Die vierköpfige Familie lebte weiterhin von der Landwirtschaft. Da Hündchen tagsüber auch anderen Geschäften nachging und seine Frau Liu mit Brunnen und Mühle beschäftigt war, hatte niemand Zeit, auf die beiden Kinder aufzupassen. So holte Hündchen seine Schwiegermutter, Oma Liu [刘姥姥, Oma Liu], zu sich. Diese alte Liu war eine langjährige Witwe ohne eigene Kinder und lebte von zwei mageren Feldern. Dass ihr Schwiegersohn sie nun zu sich nahm, war ihr nur recht, und sie half fortan mit ganzem Herzen bei Tochter und Schwiegersohn mit. In diesem Jahr, als der Herbst zu Ende ging und der Winter nahte, wurde es kalt, und die Wintervorräte waren noch nicht besorgt. Hündchen machte sich Sorgen, trank ein paar Becher Frustwein und suchte zu Hause Streit. Frau Liu wagte nicht zu widersprechen. Oma Liu aber konnte es nicht mehr mit ansehen und sprach: „Schwiegersohn, nimm es mir nicht übel, wenn ich den Mund aufmache. Wir Dorfleute sind alle einfach und ehrlich — man isst, was in die Schüssel passt. Du aber hast in jungen Jahren auf Kosten deines Vaters gut gelebt und dich daran gewöhnt. Jetzt kannst du nicht mehr maßhalten: Wenn du Geld hast, gibst du es kopflos aus, und wenn keines da ist, schimpfst du blindwütig — was für ein Mann ist das? Wir wohnen zwar auf dem Land, aber immer noch im Schatten des Kaisers. Diese Hauptstadt Chang'an[5] ist voller Geld — man braucht es nur aufzuheben, aber leider weiß niemand, wie. Zu Hause herumtrampeln hilft auch nichts." Hündchen rief ärgerlich: „Du Alte redest nur vom Ofenrand her — soll ich etwa Räuber und Dieb werden?" Oma Liu erwiderte: „Wer sagt denn, du sollst stehlen? Aber man muss sich doch zusammen etwas ausdenken — oder kommt das Silber etwa von allein in unser Haus?" Hündchen lachte spöttisch: „Wenn ich einen Ausweg wüsste, hätte ich ja nicht bis jetzt gewartet! Ich habe weder Verwandte, die Steuern eintreiben, noch Freunde, die ein Amt bekleiden — was soll ich da tun? Und selbst wenn es solche gäbe — die würden sich wohl kaum um uns kümmern!" Oma Liu sprach: „So ist es nicht. ‚Der Mensch schmiedet Pläne, der Himmel entscheidet.'[6] Wenn wir es versuchen und der Bodhisattva uns segnet, ergibt sich vielleicht eine Gelegenheit. Mir ist tatsächlich eine eingefallen: Damals habt ihr euch doch mit der Wang-Familie in Jinling als Verwandte einschreiben lassen. Vor zwanzig Jahren haben die euch noch recht gut behandelt. Jetzt seid ihr natürlich die Stolzen und wollt nicht mehr zu ihnen gehen — daher die Entfremdung. Ich erinnere mich, dass ich seinerzeit mit deiner Frau dort war. Die zweite Tochter des Hauses war wirklich freundlich und umgänglich, gar nicht hochnäsig. Jetzt ist sie die Gattin des Zweiten Herrn Jia im Prunkwille-Anwesen. Ich habe gehört, dass sie mit den Jahren immer barmherziger geworden ist — sie hat Mitleid mit den Armen und achtet die Alten, gibt Reis und Geld an Mönche und Pilger. Auch wenn der Herr Wang eine Versetzung bekommen hat, wird diese Zweite Tante uns vielleicht noch kennen. Warum gehst du nicht hin und schaust? Vielleicht denkt sie an die alten Zeiten und tut etwas Gutes für uns. Wenn sie nur ein Haar zupft, ist es dicker als unsere Taille!" Frau Liu mischte sich ein: „Was die Alte sagt, stimmt schon — aber mit unserer Visage können wir doch nicht an deren Tür erscheinen! Außerdem lassen uns die Torwächter bestimmt gar nicht erst vor. Da macht man sich nur zum Gespött." Doch Hündchen war ein Mann, der Vorteil und Ruhm nachjagte. Als er dies hörte, regte sich etwas in ihm. Er sagte lachend zu seiner Frau: „Wenn die Schwiegermutter so spricht und außerdem die Zweite Tante früher einmal gesehen hat — warum geht sie nicht morgen hin und testet erst einmal die Stimmung?" Oma Liu rief: „Ach je! Es heißt nicht umsonst: ‚Das Tor des Marquis ist tief wie das Meer.'[7] Was bin ich denn für ein Ding? Die kennen mich dort gar nicht — ich gehe umsonst hin." Hündchen lachte: „Keine Sorge! Ich sag dir einen Trick: Nimm einfach deinen Enkel Brettchen mit und such zuerst die Kammerfrau Zhou Rui[8] auf. Wenn du sie triffst, ist schon halb gewonnen. Dieser Zhou Rui hat damals meinem Vater bei einer Sache geholfen — wir standen uns sehr gut." Oma Liu sagte: „Den kenne ich auch. Nur haben wir so lange nicht miteinander verkehrt, wer weiß, wie es ihm jetzt geht. Na, es hilft nichts — du als Mann mit deiner Visage kannst dort nicht hingehen, und unsere Tochter ist eine junge Frau, die kann auch nicht einfach dort aufkreuzen. Also muss mein altes Gesicht herhalten. Wenn tatsächlich etwas Gutes dabei herauskommt, haben alle etwas davon. Und wenn kein Silber kommt — immerhin habe ich einmal eine Fürstenresidenz gesehen, und mein Leben war nicht umsonst." Alle lachten. Am Abend war der Plan beschlossen. Am nächsten Morgen stand Oma Liu noch vor Tagesanbruch auf, wusch sich und ermahnte den kleinen Brettchen mit ein paar Worten. Brettchen, ein Kind von fünf, sechs Jahren, wusste von nichts; als er hörte, die Großmutter nehme ihn in die Stadt mit, war er selig und stimmte allem zu. So machte sich Oma Liu mit ihm auf den Weg in die Stadt und zur Ning-Rong-Straße. Vor dem Haupttor des Prunkwille-Anwesen mit den steinernen Löwen sah sie ein Gedränge von Sänften und Pferden. Oma Liu wagte nicht näherzukommen, klopfte sich erst den Staub von den Kleidern und redete dem kleinen Brettchen noch einmal gut zu. Dann schlich sie zum Seitentor. Dort saßen einige Männer mit vorgestreckter Brust und dicken Bäuchen auf einer Bank, redeten und gestikulierten. Oma Liu trat demütig heran: „Mögen die edlen Herren Segen empfangen!" Die Männer musterten sie eine Weile und fragten: „Wo kommt Ihr her?" Oma Liu lächelte unterwürfig: „Ich suche den Herrn Zhou, die Kammerfrau der gnädigen Frau. Wäre einer der edlen Herren so freundlich, ihn für mich herauszubitten?" Die Männer beachteten sie kaum; nach einer langen Pause sagte einer: „Wartet drüben an der Mauer — wenn einer von seinem Haushalt herauskommt, könnt Ihr fragen." Ein älterer Mann aber sagte: „Macht ihr die Sache nicht kaputt — warum sie zum Narren halten?" Er wandte sich an Oma Liu: „Herr Zhou ist in den Süden gereist. Er wohnt da hinten. Seine Frau ist aber zu Hause. Geht von hier herum zur Hinterstraße, zum Hintertor — dort könnt Ihr fragen." Oma Liu dankte, nahm Brettchen bei der Hand und ging zur Hintertür herum. Dort standen allerlei Verkaufsstände — Essensverkäufer und Spielzeughändler —, und zwanzig, dreißig Kinder tobten dort herum. Oma Liu hielt eines fest: „Mein Junge, ist eine gewisse Frau Zhou zu Hause?" Die Kinder sagten: „Welche Frau Zhou? Wir haben hier drei Frauen Zhou und noch zwei Ammen Zhou — welche meint Ihr?" Oma Liu sagte: „Die Kammerfrau der gnädigen Frau — Zhou Rui." Ein Kind sagte: „Das ist leicht, kommt mit!" Hüpfend und springend führte es Oma Liu durch das Hintertor an eine Hofmauer und zeigte: „Da wohnt sie." Es rief: „Frau Zhou, eine alte Großmutter sucht Euch — ich hab sie mitgebracht!" Die Frau Zhou kam eilig heraus und fragte: „Wer ist da?" Oma Liu lief lächelnd entgegen: „Guten Tag, Schwester Zhou!" Frau Zhou betrachtete sie eine Weile, bevor sie lachend erkannte: „Aber das ist ja Oma Liu! Wie geht es Euch? Es ist so lange her — ich hätte Euch beinahe nicht erkannt! Kommt doch herein und setzt Euch." Während sie hineingingen, plauderten sie über die alten Zeiten. Frau Zhou ließ Tee bringen, bewunderte den Brettchen, der so groß geworden war, und fragte nach Neuigkeiten. Dann fragte sie: „Seid Ihr heute nur auf der Durchreise, oder seid Ihr eigens gekommen?" Oma Liu antwortete: „Ich bin eigens gekommen, um Euch zu besuchen und der Zweiten Tante meine Aufwartung zu machen. Wenn ich sie sehen dürfte, wäre es wunderbar; wenn nicht, so bitte ich die Schwester, meine Grüße auszurichten." Frau Zhou hatte sofort erraten, warum Oma Liu kam. Da ihr Mann Zhou Rui einst bei einem Grundstückskauf die Hilfe von Hündchen erhalten hatte, konnte sie Oma Liu nicht abweisen; außerdem wollte sie ihren eigenen Einfluss zeigen. Sie sagte lachend: „Keine Sorge, Großmutter! Ihr seid von so weiter her gekommen, ganz aufrichtig — wie könnte ich Euch nicht zum wahren Buddha führen? Eigentlich ist das Melden von Besuchern nicht meine Aufgabe — jeder hier hat seine eigene Zuständigkeit. Unsere Männer kümmern sich nur um die Pacht im Frühjahr und Herbst und begleiten die jungen Herren beim Ausgehen, und ich begleite die Damen und Herrinnen bei ihren Ausfahrten. Aber da Ihr zur Verwandtschaft der gnädigen Frau gehört und mich als vertrauenswürdig genug erachtet, um zu mir zu kommen, will ich ausnahmsweise für Euch vermitteln. Nur eines müsst Ihr wissen, Großmutter: Es ist hier nicht mehr wie vor fünf Jahren. Die gnädige Frau [Dame König] kümmert sich kaum noch um den Haushalt — alles führt jetzt die Zweite Schwiegertochter Lian. Wisst Ihr, wer das ist? Es ist die Nichte der gnädigen Frau — die Tochter des Ersten Onkels, mit dem Rufnamen Feng." Oma Liu staunte: „Ach, die ist es! Kein Wunder — damals sagte ich schon, die wird etwas. Dann muss ich sie heute wohl sehen." Frau Zhou sagte: „Ganz bestimmt. Die gnädige Frau hat so viel zu tun — wenn Besucher kommen, schiebt sie die weniger wichtigen gern ab, und dann empfängt Frau Feng. Heute ist es besser, lieber die gnädige Frau nicht zu behelligen, sondern die junge Frau Feng zu sehen — dann lohnt sich der Besuch." Oma Liu rief: „Amitabha Buddha[9]! Ganz auf Eure Vermittlung verlassen wir uns!" Frau Zhou sagte: „Was redet Ihr! Das Sprichwort sagt: ‚Wer anderen hilft, dem wird geholfen.' Es kostet mich nur ein paar Worte — was schadet es mir?" Sie schickte ein kleines Mädchen, um zu erkundigen, ob die alte Fürstin schon gegessen habe. Während sie warteten, plauderten die beiden. Oma Liu fragte: „Diese Phönixglanz ist doch kaum zwanzig — und sie führt so einen großen Haushalt! Das ist wirklich bemerkenswert." Frau Zhou erwiderte: „Ach, liebe Großmutter, das kann ich Euch gar nicht beschreiben! Diese Frau Feng mag jung sein, aber an Tatkraft übertrifft sie alle Welt. Sie ist so schön wie ein Gemälde und hat zehntausend Einfälle. Und was das Reden betrifft — zehn redegewandte Männer könnten es nicht mit ihr aufnehmen! Wenn Ihr sie seht, werdet Ihr mir glauben. Nur eines: Mit den Dienern ist sie vielleicht etwas streng." Da kam das Mädchen zurück und meldete: „Die alte Fürstin hat fertig gegessen. Die Zweite Schwiegertochter ist bei der gnädigen Frau." Frau Zhou sprang auf: „Schnell, schnell! Jetzt hat sie gerade eine Pause nach dem Essen — da können wir rein. Wenn wir zu spät kommen, drängen sich die Leute, die etwas zu berichten haben, und es ist schwer, ein Wort anzubringen. Und wenn sie dann ihren Mittagsschlaf hält, ist gar keine Zeit mehr." Die beiden stiegen vom Ofenbett, klopften sich die Kleider zurecht; Frau Zhou ermahnte Brettchen noch einmal und führte Oma Liu in Richtung Kette Kaufmann[10] [贾琏]s Wohnung. Zuerst kamen sie in die Empfangshalle, wo Frau Zhou Oma Liu bat, kurz zu warten. Sie selbst ging hinter die Spiegelwand, betrat den Hof und suchte Phönixglanzs engste Vertraute auf, eine große Dienerin namens Friedchen[11] [平儿]. Frau Zhou erklärte ihr die Herkunft der alten Liu und bat um Erlaubnis. Friedchen entschied: „Lasst sie hereinkommen und hier warten." Frau Zhou holte die beiden herein, die Stufen zum Hauptgebäude hinauf. Ein kleines Mädchen schlug den scharlachroten Filzvorhang hoch; kaum betraten sie die Eingangshalle, schlug ihnen ein betäubender Duft ins Gesicht — von unbekannter Herkunft. Es war, als schwebte man auf Wolken. Alles im Raum glitzerte und blendete die Augen. Oma Liu konnte nur noch nicken, mit der Zunge schnalzen und „Buddha sei Dank" murmeln. Man führte sie ins östliche Nebenzimmer — das Schlafzimmer von Kette Kaufmanns Tochter Dajie. Friedchen stand am Bettsockel, musterte Oma Liu kurz, begrüßte sie und bot ihr einen Platz an. Oma Liu sah Friedchens seidene Kleidung, ihr Gold und Silber und ihre blumenhafte Schönheit und hielt sie für Phönixglanz. Gerade wollte sie sie „junge gnädige Frau" nennen, als sie hörte, wie Frau Zhou sie „Fräulein Ping" nannte, und wie Friedchen ihrerseits Frau Zhou „Frau Zhou" nannte — da wurde ihr klar, dass Friedchen nur eine Dienerin von gewissem Rang war. Oma Liu und Brettchen nahmen auf dem Ofenbett Platz, während Friedchen und Frau Zhou sich gegenüber auf den Bettrand setzten. Ein kleines Mädchen brachte Tee. Oma Liu hörte ein regelmäßiges „Klack-klack-klack" — wie das Sieben von Mehl. Sie schaute sich neugierig um und erblickte an einem Pfosten in der Halle ein Kästchen, an dem ein gewichtartiger Gegenstand hin und her pendelte. Sie dachte: „Was ist das für ein Ding? Wozu dient es?" Gerade starrte sie es an, da ertönte ein heller „Dong!" — wie eine goldene Glocke oder ein bronzenes Klangbecken. Vor Schreck riss sie die Augen auf. Dann folgten acht, neun Schläge hintereinander. [Anm.: Es handelt sich um eine westliche Pendeluhr[12] — damals in China eine große Seltenheit.] Ehe sie fragen konnte, liefen die kleinen Dienerinnen alle durcheinander und riefen: „Die gnädige Frau kommt herunter!" Frau Zhou und Friedchen sprangen auf und sagten zur alten Liu: „Wartet hier — wenn es so weit ist, holen wir Euch." Und eilten hinaus. Oma Liu saß still da und lauschte. Von ferne hörte sie Lachen, und ein, zwei Dutzend Frauen in raschelnden Röcken strömten durch die Halle und gingen ins andere Zimmer. Dann kamen zwei, drei Frauen mit großen Lacktabletts herüber und warteten. Man hörte drüben den Ruf: „Tisch decken!" — dann zerstreuten sich die Leute allmählich, bis nur noch die Dienerinnen übrig blieben, die Speisen auftrugen. Nach einer langen Stille wurde ein Tisch ins diesseitige Zimmer gebracht, reich gedeckt mit Schüsseln und Tellern voller Fisch und Fleisch, von denen nur wenig angerührt worden war. Brettchen rief sogleich nach Fleisch, und Oma Liu gab ihm eine Ohrfeige. Da kam Frau Zhou lächelnd herbei und winkte ihnen. Oma Liu verstand, nahm Brettchen und stieg vom Ofenbett. In der Halle flüsterte Frau Zhou ihr noch einige Anweisungen zu, dann führte sie sie ins jenseitige Zimmer. Am Türrahmen hing an einem gemeißelten Kupferhaken ein großer, roter, blütengemusterter Vorhang. Unter dem Südfenster stand ein Ofenbett mit rotem Filz; an der östlichen Wand lehnten ein besticktes Rückenkissen und ein Seitenkissen, dazu eine große goldverzierte grüne Satinmatratze und daneben ein geschnitztes Lackspuckfass. Phönixglanz trug das Herbstpelz-Zobelfell-Zhaojun-Häubchen[13], eine mit Perlen besetzte Stirnbinde, eine pfirsichrote blütengestickte Jacke, eine steinblaue, spitzenbesetzte Jacke mit Graupelz, einen großen roten Krepp-Rock mit Silberfuchsfell — gepudert und geschminkt, aufrecht dazusitzend, mit einer kleinen Kupferzange in der Asche des Handwärmers stochernd. Friedchen stand am Bettrand und hielt ein kleines Lacktablett mit einer kleinen Teetasse. Phönixglanz nahm den Tee nicht an, blickte nicht auf, stocherte weiter in der Asche und fragte langsam: „Warum kommt der Besuch noch nicht herein?" Während sie sprach und sich aufrichtete, um nach dem Tee zu greifen, sah sie, dass Frau Zhou bereits zwei Personen hereingeführt hatte, die vor ihr standen. Erst jetzt machte sie Anstalten aufzustehen — obwohl sie sich noch nicht ganz erhoben hatte, begrüßte sie sie mit strahlendem Lächeln und schalt Frau Zhou, sie nicht früher informiert zu haben. Oma Liu hatte sich bereits mehrmals auf den Boden geworfen und rief: „Der jungen gnädigen Frau unsere Aufwartung!" Phönixglanz sagte eilig: „Schwester Zhou, helft ihr auf — sie soll sich nicht verbeugen! Bitte nehmt Platz. Ich bin noch jung und kenne nicht alle Verwandten — ich weiß gar nicht, welcher Rang Ihr seid, und wage kaum, Euch richtig anzureden." Frau Zhou antwortete schnell: „Das ist die Großmutter, von der ich eben berichtet habe." Phönixglanz nickte. Oma Liu hatte sich bereits auf den Bettrand gesetzt; Brettchen versteckte sich hinter ihr. Man versuchte vergeblich, ihn hervorzulocken und eine Verbeugung machen zu lassen — er weigerte sich hartnäckig. Phönixglanz lächelte: „Unter Verwandten besucht man sich zu selten — so wird man sich fremd. Wer es weiß, sagt, ihr verachtet und meidet uns; wer es nicht weiß, denkt, wir hielten uns für etwas Besseres." Oma Liu murmelte: „Amitabha Buddha! Unsere Familie ist so arm, wir können uns den Weg nicht leisten. Und wenn wir hierherkommen, machen wir der jungen gnädigen Frau nur Schande — selbst die Verwalter sehen uns schief an." Phönixglanz lächelte: „Solche Reden sind unnötig. Wir stützen uns nur auf den leeren Ruhm unserer Vorfahren und sind arme Beamte — wer hat schon was? Nicht mehr als eine leere Fassade aus alten Tagen. Das Sprichwort sagt: ‚Selbst am Kaiserhof gibt es drei Tore voll armer Verwandter' — wie erst bei uns!" Dann fragte sie Frau Zhou, ob sie der gnädigen Frau berichtet habe. Frau Zhou sagte: „Ich warte auf Eure Anweisung." Phönixglanz sagte: „Geh und schau nach — wenn sie beschäftigt ist, lass es; wenn sie Zeit hat, melde es und schau, was sie sagt." Frau Zhou ging. Phönixglanz ließ Brettchen Obst bringen und plauderte ein wenig, als bereits zahlreiche Verwalterinnen erschienen, um Bericht zu erstatten. Friedchen meldete sie. Phönixglanz sagte: „Ich habe hier Gäste — heute Abend können sie wiederkommen. Wenn etwas wirklich Dringendes ist, bring sie direkt herein." Friedchen ging hinaus und kam nach einer Weile zurück: „Ich habe alles abgefragt — nichts Dringendes. Ich habe sie weggeschickt." Phönixglanz nickte. Da kam Frau Zhou zurück und berichtete: „Die gnädige Frau sagt: Heute hat sie keine Zeit. Die Zweite Schwiegertochter soll sie empfangen — das ist dasselbe. Sie dankt für die freundlichen Gedanken. Wenn sie nur zum Plaudern gekommen ist, gut; wenn sie etwas zu sagen hat, soll sie es der Zweiten Schwiegertochter sagen — es ist dasselbe." Oma Liu antwortete: „Es gibt nichts Besonderes — ich bin nur gekommen, um der Tante und der jungen gnädigen Frau guten Tag zu sagen, als Verwandtenpflicht." Frau Zhou sagte: „Wenn es nichts zu sagen gibt, gut; wenn doch, sagt es der Zweiten Schwiegertochter — sie ist wie die gnädige Frau selbst." Dabei warf sie der alten Liu einen Blick zu. Oma Liu verstand, und Scham stieg ihr ins Gesicht, noch bevor sie ein Wort gesagt hatte. Aber warum war sie denn hergekommen? Sie überwand ihre Scham und stammelte: „Eigentlich sollte ich beim ersten Besuch bei der jungen gnädigen Frau so etwas nicht sagen — aber ich bin von so weit hergekommen, und da bleibt mir nichts anderes übrig. Mein Schwiegersohn und seine Frau haben zu Hause nicht einmal zu essen. Jetzt wird es kalt, und es gibt keinen Ausweg — da musste ich meinen Enkel mitnehmen und zu Euch kommen." Doch noch ehe Oma Liu recht ansetzen konnte — da meldeten die Torhüter: „Der junge Herr aus dem Ost-Haus ist da!" Phönixglanz winkte der alten Liu ab: „Sprecht nicht weiter!" Dann fragte sie: „Wo ist Neffe Rong?" Man hörte Stiefelschritte, und herein kam ein siebzehn-, achtzehnjähriger Jüngling von feinem Aussehen und schlanker Gestalt, in leichtem Pelz und edelsteinbesetztem Gürtel. Oma Liu wusste nicht, ob sie sitzen oder stehen sollte — verstecken konnte sie sich auch nicht. Phönixglanz lachte: „Bleibt nur sitzen — das ist mein Neffe." Hibiskus Kaufmann[14] [贾蓉] lächelte: „Mein Vater hat mich geschickt — er möchte die Tante bitten: Die Glaswandschirm-Tischplatte, die die Frau Großonkel neulich geschenkt hat — morgen kommt ein wichtiger Gast, und er möchte sie nur kurz ausleihen und dann sofort zurückbringen." Phönixglanz sagte: „Einen Tag zu spät — gestern habe ich sie schon jemand anderem gegeben." Herrlichkeit Kaufmann grinste und kniete halb auf dem Bettrand: „Wenn die Tante sie nicht hergibt, wird mein Vater sagen, ich hätte nicht richtig gefragt, und ich bekomme eine tüchtige Tracht Prügel! Bitte habt Mitleid mit Eurem Neffen!" Phönixglanz lachte: „Sind denn alle Sachen unserer Wang-Familie so großartig? Bei euch liegt doch genauso schönes Zeug herum — nur meines ist natürlich das Beste." Herrlichkeit Kaufmann bettelte weiter, bis Phönixglanz schließlich Friedchen den Schlüssel zur Dachkammer gab und ein paar zuverlässige Leute anwies, den Wandschirm hinüberzutragen. Herrlichkeit Kaufmann strahlte übers ganze Gesicht: „Ich bringe persönlich Leute mit und trage ihn selbst — die anderen stoßen ihn womöglich an!" Er stand auf und ging. Plötzlich fiel Phönixglanz noch etwas ein, und sie rief durchs Fenster: „Neffe Rong, komm nochmal zurück!" Draußen riefen einige Stimmen: „Junger Herr Rong, bitte kommen Sie zurück!" Herrlichkeit Kaufmann eilte zurück und stand mit hängenden Händen da, auf Anweisungen wartend. Phönixglanz aber trank langsam ihren Tee, sann eine Weile nach und lachte dann: „Ach, lass gut sein. Geh jetzt. Komm nach dem Abendessen nochmal — ich sage es dir dann. Ich habe gerade Gäste und bin müde." Herrlichkeit Kaufmann verneigte sich und zog sich langsam zurück. [Anm.: Dies ist eine jener Szenen, die Phönixglanzs Herrschaftsstil zeigen — sie lässt selbst einen Adeligen warten und dann ohne Ergebnis gehen, um ihre Macht zu demonstrieren.] Nachdem Herrlichkeit Kaufmann gegangen war und Oma Liu sich etwas beruhigt hatte, sprach sie weiter: „Heute bringe ich Euren kleinen Neffen [Brettchen] mit, nicht wegen etwas anderem — nur weil sein Vater und seine Mutter zu Hause nicht einmal zu essen haben. Jetzt wird es kalt, und wir wissen keinen Rat — da mussten wir uns an Euch wenden." Phönixglanz hatte alles längst verstanden und unterbrach sie lächelnd: „Ihr braucht nichts weiter zu sagen — ich weiß Bescheid." Sie fragte Frau Zhou, ob die Herzoginmutter schon gefrühstückt habe. Oma Liu rief: „Wir sind so früh aufgebrochen und hierher geeilt — wo hätten wir Zeit zum Frühstücken gehabt!" Phönixglanz befahl sofort, schnell ein Essen zu bringen. In kurzer Zeit wurde ein Gasttisch im östlichen Zimmer aufgestellt, und Frau Zhou führte Oma Liu und Brettchen zum Essen. Phönixglanz sagte: „Schwester Zhou, versorge sie gut — ich kann leider nicht mitessen." Dann rief sie Frau Zhou zu sich und fragte, was die gnädige Frau genau gesagt habe. Frau Zhou berichtete: „Die gnädige Frau sagt: Sie sind eigentlich nicht wirklich aus einer Familie — nur weil sie den gleichen Namen tragen, hatten sie sich damals, als die Väter noch zusammen im Amt waren, als Verwandte einschreiben lassen. In den letzten Jahren gab es kaum Kontakt. Wenn sie damals kamen, hat man sie auch nie leer ausgehen lassen. Jetzt, da sie zum Besuch kommen, ist das gut gemeint, und man soll sie nicht geringschätzen. Wenn sie etwas auf dem Herzen haben, soll die Schwiegertochter nach eigenem Ermessen entscheiden." Phönixglanz sagte: „Ach so! Dann wundert es mich nicht, dass ich von dieser Verwandtschaft noch nie gehört habe." Als Oma Liu fertig gegessen hatte, kam sie mit Brettchen zurück, leckte sich die Lippen und dankte überschwänglich. Phönixglanz lächelte: „Setzt Euch, Großmutter, und hört mir zu. Ich habe Euer Anliegen verstanden. Unter Verwandten sollte man nicht warten, bis jemand an die Tür klopft, um zu helfen. Aber im Hause sind die Angelegenheiten so zahlreich, und die gnädige Frau wird älter — da vergisst man schon mal jemanden. Zudem bin ich erst seit Kurzem für die Verwaltung zuständig und kenne die ganzen Verwandten noch gar nicht. Außerdem — von außen sieht alles prächtig und mächtig aus, aber in Wirklichkeit hat ein großes Haus auch große Schwierigkeiten, die man kaum jemandem glauben machen kann. Aber da Ihr heute von so weiter her gekommen seid und mich zum ersten Mal um etwas bittet — wie könnte ich Euch mit leeren Händen gehen lassen? Zufällig hat mir die gnädige Frau gestern zwanzig Tael Silber gegeben[15], damit ich den Dienerinnen Winterkleider nähen lasse — das Geld habe ich noch nicht angerührt. Wenn Ihr es nicht zu wenig findet, nehmt es einstweilen." Oma Liu hatte zunächst von den Schwierigkeiten gehört und glaubte schon, es gebe nichts — ihr Herz klopfte vor Angst. Als sie dann von den zwanzig Tael hörte, konnte sie ihre Freude kaum fassen und sagte: „Ach, ich weiß doch auch um Schwierigkeiten! Aber wie das Sprichwort sagt: ‚Ein verhungertes Kamel ist immer noch größer als ein Pferd!' Und wenn Ihr nur ein Haar zupft, ist es dicker als unsere Taille!" Frau Zhou sah, wie grob Oma Liu sprach, und warf ihr Blicke zu. Phönixglanz bemerkte es, lächelte, sagte aber nichts. Sie befahl Friedchen, das Päckchen Silber von gestern zu holen, dazu einen Strang Kupfermünzen, und legte alles vor Oma Liu hin. „Das sind zwanzig Tael Silber — macht dem Kind ein Winterkleid davon. Wenn Ihr es nicht annehmt, seid Ihr mir wirklich böse. Die Münzen sind für die Kutsche. Kommt wieder, wenn Ihr Muße habt — das ist Verwandtenpflicht. Es ist schon spät, ich will Euch nicht zum Schein aufhalten. Richtet zu Hause Grüße aus, wo es sich gebührt." Bei diesen Worten erhob sie sich. Oma Liu dankte tausend- und abertausendmal, nahm Silber und Münzen und ging mit Frau Zhou hinaus. Frau Zhou sagte draußen: „Ach du meine Güte! Als Ihr sie saht — habt Ihr vergessen, wie man redet? Immer nur ‚Euer Neffe', ‚Euer Neffe'! Mal ganz ehrlich — selbst ein leiblicher Neffe müsste höflicher reden! Und der junge Rong ist doch ihr wirklicher Neffe — wo kommt denn plötzlich noch so ein Neffe her?" Oma Liu lachte: „Liebe Schwester, als ich sie sah, war ich so hingerissen — da sind mir die Worte im Hals stecken geblieben!" Die beiden plauderten noch eine Weile in Frau Zhous Wohnung. Oma Liu wollte ein Stück Silber dalassen, damit Frau Zhous Kinder sich Obst kaufen könnten, doch Frau Zhou lehnte entschieden ab. Oma Liu dankte nochmals überschwänglich und ging durch das Hintertor davon. So heißt es denn: In Zeiten des Wohlstands ist man gern barmherzig; Tiefe Dankbarkeit bindet stärker als Verwandtschaft. [Ende des sechsten Kapitels]
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