Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 61
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Kapitel 61: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 61.Um eine Unschuldige zu schonen, vertuscht Bau-yü einen Diebstahl;auf ihre Autorität gestützt, schlichtet Ping-örl einen Rechtsstreit. | Kapitel 61 |
| „Du kleiner Affe!“ schimpfte Frau Liu lachend. „Hast du nicht einen Onkel mehr, wenn sich deine Tante einen Liebhaber nimmt? Was hast du also zu zweifeln? Muß ich dir erst deine Pißpottdeckelfrisur ausreißen, ehe du das Tor aufmachst und mich einläßt?“ | Aus Furcht, beim Rattenfang die Jadevase zu beschädigen, vertuscht Schatzjade [宝玉] den Diebstahl |
| Doch anstatt ihr das Tor zu öffnen, verlangte der Junge lachend: „Wenn du in den Garten gehst, mußt du ein paar Aprikosen für mich stehlen, Tante Liu! Ich warte hier. Und wenn du es vergißt, mache ich dir in Zukunft nicht mehr das Tor auf, wenn du spät in der Nacht Wein oder Öl kaufen gehst. Nicht einmal antworten werde ich dir, und du kannst dir die Kehle ausschreien.“ | Einen ungerechten Fall entscheidend, übt Friedchen [平儿] weise Autorität aus |
| „Also, du bist verrückt!“ sagte Frau Liu und spuckte aus. „Dieses Jahr ist es nicht mehr wie früher. Alles ist unter die einzelnen Frauen aufgeteilt, und mit keiner von ihnen ist gut auszukommen. Kaum daß man unter einem Baum bloß vorbeigeht, funkeln ihre Augen schon wie bei einem Kampfhahn, und da soll man noch die Früchte anrühren? Als ich gestern unter einem Pflaumbaum vorbeikam, flog mir eine Biene ins Gesicht, und als ich sie wegscheuchen wollte, hat das deine feine Tante gesehen, aber weil sie zu weit weg war und es nicht richtig erkennen konnte, dachte sie, ich pflückte Pflaumen, und gleich fing sie an zu zetern. Noch sei Buddha kein Opfer davon gebracht worden, hat sie gesagt, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien nicht zu Hause und hätten noch nichts davon bekommen, und wenn die Herrschaften ihr Teil hätten, würden auch die andern etwas abbekommen. Sie hat sich aufgeführt, als ob sich jemand vor Gier nach diesen Pflaumen umbringen wollte. Konnte ich ihr darauf mit Freundlichkeiten antworten? Vorhaltungen habe ich ihr gemacht. Aber sag einmal, alle deine Tanten und Anverwandten haben etwas im Garten zugeteilt bekommen, warum fragst du da nicht sie, sondern mich? Das ist ja wie mit der Speicherratte, die von der Krähe Reis borgen geht – die ihn bewacht, hat keinen, und die fliegt, soll welchen haben.“ „O weh, o weh!“ sagte der Sklavenjunge lachend. „Wenn du keine hast, dann eben nicht. Wozu das Geschwätz? Ich sehe schon, du brauchst mich in Zukunft nicht mehr. Aber wenn deine Tochter erst ihre schöne Stellung hat, wird sie uns noch oft genug brauchen, und wenn wir nicht reagieren, was dann?“ |
Die Frau Liu [1] lachte und sagte: „Du Affenbalg! Deine leibliche Tante hat sich einen Liebhaber gesucht, da hättest du doch einen Onkel dazugewonnen — was gibt es da zu zweifeln! Soll ich dir etwa die paar Haare vom Kopf reißen! Machst du mir nun die Tür auf und lässt mich hinein oder nicht?" Der kleine Bursche öffnete die Tür noch nicht, sondern hielt sie fest und sagte lachend: „Gute Tante, wenn du jetzt hineingehst, stiehl mir wenigstens ein paar Aprikosen und bring sie mir zum Essen heraus. Ich warte hier. Wenn du es vergisst, dann öffne ich dir künftig mitten in der Nacht, wenn du Wein oder Öl holen willst, nicht mehr die Tür und antworte dir auch nicht — dann kannst du rufen, so viel du willst." Frau Liu spuckte aus und sagte: „Du bist ja ganz verrückt! Dieses Jahr ist es nicht wie in früheren Jahren — die ganzen Sachen sind unter die verschiedenen Damen aufgeteilt worden. Eine jede von ihnen ist versessen darauf; kaum geht jemand unter einem Baum vorbei, glotzen sie schon wie eine Fasanenhenne, und wehe, man rührt das Obst an! Gestern erst ging ich unter dem Pflaumenbaum entlang, da flog mir zufällig eine Biene ins Gesicht, ich wedelte mit der Hand — und prompt hatte deine werte Tante mütterlicherseits es gesehen. Von weitem konnte sie es nicht genau erkennen und meinte, ich pflückte Pflaumen. Da fing sie gleich an, mit schriller Stimme zu schreien: ‚Die sind noch nicht den Buddhas geopfert worden!' und ‚Die Alte Herrin und die Gnädige Frau sind noch nicht zu Hause, die Früchte sind noch nicht nach oben gebracht worden; wenn das geschehen ist, bekommen die Schwägerinnen alle ihren Anteil!' — Gerade als ob jemand vor Gier darauf lauerte, dass die Pflaumen reiften! Da blieb mir auch nichts Gutes zu sagen übrig, und ich habe sie gehörig zurechtgewiesen. Deine Tante mütterlicherseits und zwei, drei Verwandte der Konkubinen haben ja alle die Aufsicht — warum gehst du nicht zu denen und bittest sie, sondern kommst zu mir! Das ist ja wie das Sprichwort sagt: ‚Die Lagerratte bittet die Krähe um Getreide — die, die es bewacht, hat keins, aber die, die fliegt, soll welches haben!'" |
| „Was phantasierst du da, du kleines Affengespenst?“ fragte Frau Liu lächelnd. „Was für eine schöne Stellung soll meine Tochter haben?“ „Mach mir doch nichts vor, ich weiß es schon längst!“ erwiderte der Sklavenjunge ebenfalls lächelnd. „Meinst du, nur ihr habt eure Beziehungen, und wir nicht? Mein Posten ist zwar hier draußen, aber ich habe drinnen ein paar Schwestern, die auch etwas darstellen, und so bleibt uns nichts verborgen.“ Als er das eben sagte, rief drinnen eine alte Sklavenfrau: „Holt endlich Schwägerin Liu, ihr kleinen Affen! Wenn sie jetzt nicht kommt, ist es zu spät.“ Ohne sich noch weiter um den Sklavenjungen zu kümmern, schob Frau Liu rasch das Tor auf, ging hinein und sagte lächelnd: „Keine Sorge! Hier bin ich.“ |
Der kleine Bursche lachte: „Na na na, wenn es eben nichts gibt, dann eben nicht — wozu all das Geschwätz! Ich sehe wohl, du wirst mich künftig nicht mehr brauchen? Wenn Schwester erst einen guten Posten hat, werden die Tage, an denen ihr mich herbeiruft, noch zahlreicher — ich muss nur bereitwillig sein, und alles wird gut." Frau Liu hörte das und lachte: „Du kleiner Affengeist, was führst du wieder im Schilde — was für einen guten Posten soll deine Schwester denn haben?" Der kleine Bursche lachte: „Versucht nicht, mich zu täuschen, ich weiß längst Bescheid. Nicht nur ihr habt Verbindungen nach drinnen — haben wir etwa keine? Ich mag hier draußen nur Handlangerdienste tun, aber drinnen habe ich auch zwei Schwestern, die etwas zu sagen haben — welche Angelegenheit bliebe uns wohl verborgen!" |
| In der Küche waren zwar einige ihrer Gefährtinnen anwesend, aber sie hatten nicht gewagt, selbständig etwas zu entscheiden, und gewartet, daß Frau Liu kam, um die Speisen einzuteilen und austragen zu lassen. „Wo ist Wu-örl?“ erkundigte sich Frau Liu. „Sie ist eben in die Teeküche zu den anderen Mädchen gegangen“, lautete die Antwort. Da legte Frau Liu den Kokosporlingsschnee weg und teilte die Speisen für die einzelnen Gartenhäuser ein. Plötzlich aber erschien das kleine Sklavenmädchen Liän-hua aus den Räumen von Ying-tschun mit der Bestellung: „Schwester Sï-tji läßt sagen, sie möchte eine Schüssel ganz zart geschmorte Eier haben.“ |
Während sie noch redeten, rief eine alte Dienerin von drinnen heraus: „Ihr kleinen Affen, holt schnell eure Tante Liu herbei! Wenn sie nicht bald kommt, ist es zu spät!" Frau Liu hörte das und kümmerte sich nicht mehr um das Gespräch mit dem Burschen, sondern drängte eilig durch die Tür und sagte lachend: „Nur keine Eile, ich bin schon da." Dabei begab sie sich in die Küche — obwohl dort etliche Mitarbeiterinnen waren, wagte keine von ihnen, eigenmächtig zu handeln; alle warteten, dass sie kam, um die Dinge zu regeln und zu verteilen — und fragte die Anwesenden: „Wo ist Wu'er hingegangen?" Alle sagten: „Sie ist gerade in die Teestube gegangen, um ihre Schwestern zu suchen." |
| „Vornehm, vornehm!“ sagte Frau Liu. „Ich weiß nicht warum, aber Eier sind knapp in diesem Jahr. Nicht einmal für zehn Münzen pro Stück bekommt man sie zu kaufen. Als die Herrschaften gestern Lebensmittelgeschenke an die Verwandtschaft schickten, waren vier oder fünf Einkäufer unterwegs und haben mit Mühe und Not zweitausend Eier zusammengebracht. Woher soll ich also welche nehmen? Sag ihr, sie kann sie ein andermal haben.“ „Als sie neulich Bohnenkäse haben wollte, hast du ihr welchen geschickt, der verdorben war, und ich habe eine Standpauke dafür bekommen“, sagte Liän-hua. „Heute will sie Eier, und es sind keine da. Was sind schon Eier für eine Seltenheit! Ich glaube nicht, daß du keine hast. Muß ich erst selber nachsehen?“ Mit diesen Worten trat sie wirklich näher, klappte die Vorratskiste auf und erblickte darin tatsächlich an die zehn Eier. „Und was ist das?“ fragte sie. „Warum hast du dich so? Was wir essen, hat die Herrschaft uns zugeteilt, und es braucht dir nicht darum leid zu tun. Oder hast vielleicht du diese Eier gelegt, daß niemand sie essen darf?“ |
Als Frau Liu das hörte, stellte sie den Fulingcreme-Zucker [2] beiseite und verteilte gemäß den jeweiligen Gemächern die Speisen. Da kam plötzlich die kleine Dienerin Lianhua'er aus Willkommensfrühling [迎春]s Gemach und sagte: „Schwester Schachspielerin [司棋] hat gesagt, sie möchte eine Schale Eier, ganz zart gedünstet." Frau Liu erwiderte: „Was für eine vornehme Dame! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieses Jahr sind die Eier so knapp — man bekommt sie für zehn Kupferstücke das Stück noch nicht. Gestern sollte man den Verwandten Congee-Reis schicken; vier oder fünf Einkäufer gingen los und brachten mit Müh und Not zweitausend Stück zusammen. Wo soll ich die herzaubern? Sag ihr, ein andermal." Lianhua'er sagte: „Neulich hat sie Tofu verlangt, und du hast ihr verdorbenen gebracht — dafür hat sie mich gehörig ausgescholten. Heute verlangt sie Eier und es gibt wieder keine. Was sind das schon für kostbare Sachen! Ich kann einfach nicht glauben, dass es nicht einmal Eier geben soll — lass mich nur nicht selbst welche heraussuchen kommen!" Dabei kam sie wirklich herbei, öffnete den Vorratsbehälter und sah, dass darin tatsächlich etwa zehn Eier lagen. Sie rief: „Sind die etwa nichts? Du bist wirklich unverschämt! Das Essen gehört den Herrschaften, es steht uns zu — warum tut es dir leid? Du hast die Eier ja nicht selbst gelegt, und trotzdem fürchtest du, dass jemand sie isst!" |
| Sofort legte Frau Liu ihre Arbeit aus der Hand, trat näher und sagte: „Hör auf, solchen Unsinn zu schwatzen! Deine Mutter legt vielleicht Eier. Die paar sind alles, was ich noch habe. Damit will ich die Speisen garnieren. Aber solange die Fräulein nicht ausdrücklich danach verlangen, hebe ich sie als Notvorrat auf. Wenn ich sie euch mache, und dann kommt eine Bestellung von den Fräulein, habe ich gar nichts Gutes mehr, nicht einmal Eier. Ihr lebt hier sorglos in Hallen und Höfen, wenn ihr trinken wollt, streckt ihr nur die Hand aus, und wenn ihr essen wollt, macht ihr nur den Mund auf, und Eier sind für euch etwas ganz Gewöhnliches. Es gibt Jahre, in denen es nicht einmal mehr Graswurzeln zu kaufen gibt, von Eiern ganz zu schweigen. Darum rate ich euch, ein bißchen bescheidener zu sein bei dem weißen Reis, den fetten Hühnern und den großen Enten, die ihr tagtäglich bekommt. So verwöhnt seid ihr davon, daß ihr euch jeden Tag etwas anderes ausdenkt – mal Eier und Bohnenkäse, dann wieder Mehlklüter und eingelegte Rüben. Ihr versteht euch wirklich auf Abwechslung! Aber ich bin doch nicht für euch da. Wenn aus jedem Haus ein Extragericht verlangt wird, macht das zusammen mehr als zehn. Da kann ich aufhören, für die Herrschaftsfräulein zu kochen, und sorge nur noch für die Fräulein Dienerinnen.“ |
Frau Liu warf hastig ihre Arbeit hin, kam herüber und sagte: „Halt dein ungewaschenes Maul! Deine Mutter hat die Eier gelegt! Die paar verbliebenen hier sind für die Beilagen zu den Speisen reserviert. Selbst wenn die Fräulein sie nicht verlangen, mag ich sie nicht einmal als Gericht zubereiten — sie sind für Notfälle aufgehoben. Wenn ihr sie aufesst und dann plötzlich welche verlangt werden, gibt es nichts Ordentliches mehr, nicht einmal mehr Eier. Ihr lebt in euren tiefen Gemächern und großen Häusern, streckt die Hand aus, wenn Wasser kommt, und öffnet den Mund, wenn das Essen da ist — ihr wisst nur, dass Eier gewöhnliche Dinge sind, aber von den Marktpreisen draußen habt ihr keine Ahnung. Das ist noch gar nichts — es gab Jahre, da waren nicht einmal mehr Graswurzeln zu haben. Ich sage ihnen: feiner Reis und weißer Reis, jeden Tag fette Hühner und große Enten — da könnten sie doch zufrieden sein! Wenn sie davon genug haben, fangen sie jeden Tag neue Geschichten an: Eier, Tofu, dann noch Weizengluten, eingemachte Rettichschnitzel — allesamt wollen sie den Geschmack abwechseln. Nur bin ich doch nicht euer Dienstmädchen; jedes Gemach verlangt etwas anderes, das sind schon zehn verschiedene Dinge. Dann bräuchte ich mich gar nicht mehr um die eigentlichen Herrschaften zu kümmern und könnte ausschließlich euch Dienerinnen zweiten Ranges versorgen!" |
| Rot im Gesicht, rief Liän-hua: „Wer verlangt jeden Tag etwas anderes von dir, daß du hier schwatzen mußt wie ein Wasserfall? Wozu hat man dich hierher geholt, wenn nicht zu unserer Bequemlichkeit? Als neulich Tschun-yän kam und dir sagte, Schwester Tjing-wën wolle Estragongemüse essen, da hast du gleich gefragt, ob sie es mit Schweinefleisch oder mit Hühnerfleisch wolle. Als Tschun-yän sagte, es solle gar nicht mit Fleisch sein, und dir befahl, es mit Mehlklütern zu schmoren, aber mit wenig Öl, hast du dich sofort entschuldigt, daß du so gedankenlos warst, hast dir die Hände gewaschen und das Essen nicht nur geschmort, sondern auch selber hingetragen. Am liebsten hättest du noch mit dem Schwanz gewedelt. An mir aber willst du jetzt ein Exempel statuieren und schmierst mich hier vor allen Leuten aus.“ „Buddha Amitabha, alle sind meine Zeugen!“ erwiderte Frau Liu. „Nicht nur das eine Mal, sondern immer, seitdem im vergangenen Jahr die Küche hier eingerichtet wurde, lassen die Fräulein und Mädchen aus allen Häusern, wenn sie etwas extra haben wollen, zuerst das Geld bringen, um davon einzukaufen. Das hört sich so schön an – ich verwalte ja nur den Fräulein die Küche, habe nicht viel zu tun und streiche noch einen Gewinn dabei ein. Aber wenn man es einmal überrechnet, kann einem übel werden. Alle Fräulein und Mädchen sind zusammen vierzig bis fünfzig Personen, doch wir bekommen pro Tag nicht mehr als zwei Hühner, zwei Enten, etwas über zehn Djin Schweinefleisch und für eine Münzschnur Gemüse. Rechne dir selber aus, wie weit man damit kommt! Es reicht kaum für die beiden Mahlzeiten am Tag, wie könnte es da genug sein, damit sich der eine dies und der andere jenes bestellen kann und damit wir nachkaufen, wenn jemandem nicht schmeckt, was wir haben. Da wäre es das beste, mit der gnädigen Frau zu sprechen, damit sie die Zuweisungen erhöht, und dann werden genau wie in der großen Küche, wo für die alte gnädige Frau gekocht wird, alle Gerichte, die man sich denken kann, auf eine Tafel geschrieben, jeder ißt, was er möchte, und einmal im Monat wird bar bezahlt. Als sich Fräulein Tan-tschun und Fräulein Bau-tschai neulich abgesprochen hatten, geschmorte Bocksdorntriebe zu essen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Bronzemünzen zu mir. Da habe ich gelacht und gesagt, selbst wenn sie dem dickbäuchigen Buddha Maitreya glichen, könnten die Fräulein nicht für fünfhundert Münzen Bocksdorntriebe essen, zwanzig oder dreißig seien genug, und habe das Restgeld zurückgeschickt. Aber sie haben es nicht genommen und gesagt, ich solle mir Wein dafür kaufen. Außerdem meinten sie, daß es jetzt, wo wir im Garten eine eigene Küche hätten, nicht zu verhindern sei, daß sich die Leute aus den einzelnen Gartenhäusern alles mögliche hier holten. Aber auch Salz und Sojawürze kosteten Geld. Wenn ich ihnen nichts gäbe, sei das nicht gut, aber wenn ich es ihnen gebe, könne ich den Verlust nicht ersetzen, darum solle dies Geld den Fehlbetrag ausgleichen, der dadurch entstehe. Das sind zwei verständige Fräulein, und darum beten wir auch zu Buddha für sie. Dann aber hat Nebenfrau Dschau von der Sache erfahren, ist wütend geworden und hat gesagt, man mache es mir zu leicht. Keine zehn Tage später hat sie eine der kleineren Mägde geschickt, um mal dies und mal das zu verlangen. Mir war wirklich zum Lachen zumute. Jetzt aber macht ihr das zur Regel und verlangt ebenfalls mal dies und mal das. Aber wovon soll ich das alles ersetzen?“ Während sie sich so ereiferte, erschien eine andere Botin von Sï-tji, um Liän-hua zu mahnen, und fragte sie: „Bist du hier gestorben, oder warum kommst du nicht zurück?“ |
Lianhua'er hörte das und errötete, rief: „Wer verlangt denn jeden Tag etwas von dir? Du hältst zwei Wagenladungen Reden! Wenn man dich herbeiruft, dann doch nicht, um dich zu schikanieren, sondern der Bequemlichkeit wegen! Neulich kam Xiaoyan und sagte, Schwester Heitermuster [晴雯] möchte Beifuß-Sprossen essen. Da warst du ganz eifrig und fragtest noch, ob sie die mit Fleisch oder Huhn gebraten haben wollte! Xiaoyan sagte: ‚Eben weil das Fleischige nicht gut war, bat sie dich, ihr Weizengluten zu braten, mit wenig Öl.' Da sagtest du eiligst, du seist ganz verwirrt, wuschest schnell die Hände und brietest es, und wie ein wedelnder Hund trugst du es persönlich hin. Heute aber benutzt du mich als Sündenbock und erzählst das vor allen Leuten!" Frau Liu sagte hastig: „Amitabha! Alle hier können das bezeugen. Nicht nur jenes eine Mal — seit vorletztem Jahr, als ich die Küche übernahm, hat jedes Mal, wenn in irgendeinem Gemach ein Fräulein oder eine Zofe zusätzlich ein halbes Gericht verlangte, immer zuerst jemand Geld gebracht, und ich habe eigens dafür eingekauft. Ohne jeden Grund heißt es, ich hätte es in der Fräulein-Küche bequem und es bliebe etwas übrig — aber wenn man nachrechnet, wird einem ganz übel: Für alle Fräulein und Zofen, vierzig bis fünfzig Personen zusammen, bekomme ich am Tag nur zwei Hühner, zwei Enten, etwa zehn Pfund Fleisch und für einen Faden Kupferstücke Gemüse. Rechnet selbst — wofür reicht das? Nicht einmal die zwei regulären Mahlzeiten lassen sich davon bestreiten, geschweige denn, dass die eine dies bestellt und die andere jenes, und was gekauft wurde, essen sie nicht und wollen etwas anderes. Wenn es schon so ist, dann soll man doch der Gnädigen Frau berichten, den Etat erhöhen, und so wie in der Großen Küche für die Alte Herrin alles vorhandene Gemüse auf Holztafeln aufschreiben und jeden Tag der Reihe nach durchessen; am Monatsende wird dann abgerechnet — das wäre besser. Sogar neulich, als das Dritte Fräulein und Fräulein Bao zufällig vereinbarten, einmal mit Öl und Salz gebratene Goji-Sprossen essen zu wollen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Kupferstücken zu mir. Da musste ich lachen und sagte: ‚Selbst wenn die beiden Fräulein ein dickbäuchiger Maitreya-Buddha wären, könnten sie nicht für fünfhundert Kupferstücke davon essen. Für diese zwanzig, dreißig Kupferstücke kann ich schon aufkommen.' Eilig brachte ich das Geld zurück, aber sie nahmen es nicht an und sagten, ich solle mir davon Wein kaufen. Dann sagten sie noch: ‚Jetzt, wo die Küche hier im Inneren ist, lässt es sich nicht vermeiden, dass die Leute vom Haus kommen und bald Salz, bald Soße holen — alles kostet ja Geld. Wenn du es ihnen nicht gibst, ist es schlecht; gibst du es, kannst du es nicht ersetzen. Nimm dies Geld als Ausgleich für die Sachen, die sie dir gewöhnlich abzapfen.' Das sind wahrhaft verständige und rücksichtsvolle Fräulein — wir können in unserem Herzen nur ein Gebet für sie sprechen! Ohne Grund hat es die Konkubine Zhao dann gehört und war unzufrieden, sagte, ich hätte es zu gut; keine zehn Tage vergehen, ohne dass sie auch ein Dienstmädchen schickt, das bald dies, bald jenes verlangt — da muss ich wirklich lachen. Ihr macht es schon zur Gewohnheit: Wenn es nicht das eine ist, ist es das andere — wo soll ich das alles herholen?" |
| Wütend kehrte Liän-hua in ihre Räume zurück und berichtete Sï-tji mit einigen Ausschmückungen, was vorgefallen war. Als Sï-tji das erfuhr, loderte natürlich die Wut in ihrem Herzen auf, und da ihr Dienst bei Ying-tschuns Abendmahlzeit schon beendet war, führte sie die kleineren Sklavenmädchen zur Küche hinüber. Hier saßen die Küchenfrauen eben beim Essen, aber als sie Sï-tji kommen sahen und erkannten, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte, standen sie eilfertig auf und boten ihr lächelnd an, Platz zu nehmen. Aber Sï-tji gab den kleinen Sklavenmädchen das Kommando: „Werft alle Eßwaren, die sie in Kisten und Schränken haben, den Hunden zum Fraß vor! Niemand soll hier einen Gewinn haben!“ Darauf hatten die Sklavenmädchen nur gewartet. Sofort stürzten sie vor und warfen alles durcheinander. Die Küchenfrauen versuchten unter Zureden, sie wegzuziehen. Gleichzeitig wandten sie sich an Sï-tji mit den Worten: „Ihr habt vielleicht falsch verstanden, was Euch das Mädchen berichtet hat. Selbst wenn Schwägerin Liu nicht einen, sondern acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu kränken. Es stimmt wirklich, daß Eier schwer zu bekommen sind. Aber wir haben ihr eben schon gesagt, daß sie gut und böse nicht zu unterscheiden weiß und daß sie sich überlegen muß, wie sie zu den Dingen kommt, die von ihr verlangt werden. Sie hat ihren Fehler eingesehen und gleich die Eier für Euch aufgestellt. Wenn Ihr es nicht glaubt, seht Euch an, was dort auf dem Feuer steht!“ Erst dieser Zuspruch der Küchenfrauen konnte Sï-tjis Wut ein wenig lindern, und auch die kleinen Sklavenmädchen ließen sich beiseite schieben, ehe sie alles zerschlagen hatten. |
Mitten in dem Durcheinander schickte Schachspielerin erneut jemanden, um Lianhua'er anzutreiben, und ließ sagen: „Bist du dort gestorben? Warum kommst du nicht zurück?" Lianhua'er kehrte aufgebracht zurück und fügte noch eine lange Geschichte hinzu, die sie Schachspielerin erzählte. Als Schachspielerin hörte, stieg ihr unweigerlich der Zorn zu Kopf. Gerade hatte sie Willkommensfrühlings Mahlzeit beendet und kam nun mit den kleinen Mädchen herbei. Dort saßen viele Leute beim Essen; als sie Schachspielerins drohende Haltung sahen, sprangen alle auf, machten lächelnd Platz und boten ihr einen Sitz an. Schachspielerin aber befahl den kleinen Mädchen, zuzugreifen: „Werft sämtliche Speisen aus den Schränken und Kisten heraus, füttert sie den Hunden — dann hat niemand etwas davon!" Die kleinen Mädchen waren geradezu begierig darauf; mit fliegenden Händen stürzten sie sich darauf und warfen alles wild durcheinander. Die Leute hielten sie teils zurück, teils flehten sie Schachspielerin an: „Fräulein, hört nicht auf das Gerede der Kinder. Selbst wenn Schwägerin Liu acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu beleidigen. Dass die Eier schwer zu bekommen sind, stimmt wirklich. Wir haben ihr auch gerade gesagt, sie solle vernünftig sein — was immer es sei, man müsse eben einen Weg finden. Sie hat es eingesehen und hat sofort welche aufgesetzt. Wenn das Fräulein es nicht glaubt, seht nur dort auf dem Herd." |
| Schimpfend und scheltend rumorte Sï-tji dann noch einige Zeit, ehe sie sich überreden ließ zu gehen. Klappernd sammelte Frau Liu die Schalen und Teller zusammen und murrte dabei vor sich hin. Als die Eier fertig gedämpft waren, ließ sie sie zu Sï-tji hinübertragen, Sï-tji aber schüttete sie verächtlich auf die Erde. Doch davon wagte die Botin nichts zu sagen, als sie zurückkam, denn sie fürchtete, es würde ein neuer Skandal daraus entstehen. | Nachdem alle gute Worte eingelegt hatten, legte sich Schachspielerins Zorn allmählich. Die kleinen Mädchen hatten noch nicht alles zertrümmert, also ließ man sie aufhören. Schachspielerin schimpfte und tobte noch eine Weile, wurde dann aber von allen beruhigt und ging. Frau Liu konnte nur Schüsseln und Teller hinwerfen, vor sich hin schimpfen und dann eine Schale gedünstete Eier zubereiten und hinüberschicken lassen. Schachspielerin schüttete sie vollständig auf den Boden. Die Person, die sie gebracht hatte, wagte es nicht zu berichten, aus Furcht, erneut Ärger zu verursachen. |
| Frau Liu gab ihrer Tochter etwas Brühe und eine halbe Schale nüchterne Reissuppe zu essen, dann erzählte sie ihr die Sache mit dem Kokosporlingsschnee. Als Wu-örl alles gehört hatte, wollte sie Fang-guan gern etwas von dem Mittel abgeben, darum wickelte sie die Hälfte davon in ein Stück Papier und machte sich im Schutz der Dämmerung, als nur noch wenige Menschen auf den Beinen waren, auf den Weg zu Fang-guan, wobei sie sich immer im Schatten der Blumen und Weiden hielt. So gelangte sie glücklich bis an das Tor des Hofes der Freude am Roten, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, hier aber konnte sie nicht einfach eintreten, und so blieb sie hinter einem Rosenstrauch stehen und hielt Ausschau. Nach der Zeit, die man brauchte, um eine Schale Tee zu trinken, kam zufällig Tschun-yän heraus, und sofort trat Wu-örl vor und rief sie an. Zuerst wußte Tschun-yän nicht, wer da war. Erst als sie einander dicht gegenüberstanden, konnte sie es erkennen und fragte: „Was willst du hier?“ Lächelnd bat Wu-örl: „Ruf Fang-guan heraus, ich muß mit ihr sprechen.“ Tschun-yän lachte leise, dann sagte sie: „Du bist zu ungeduldig, Schwester. In zehn Tagen etwa wirst du ohnehin hier sein. Warum also kommst du jetzt einfach hergelaufen? Fang-guan ist eben mit einem Auftrag unterwegs, und du müßtest auf sie warten. Sonst aber sag mir, was du ihr sagen wolltest, und ich bestelle es ihr, denn lange wirst du nicht warten können, die Gartentore werden wohl bald geschlossen.“ Also gab Wu-örl ihr den Porlingsschnee und erklärte ihr, was das sei, wie man es einzunehmen müsse und wie es wirke. Dann sagte sie: „Ich habe ein wenig davon bekommen und möchte ihr etwas abgeben. Sei so lieb und gib es ihr. Das ist alles.“ Dann verabschiedete sie sich und ging. Als sie eben in die Gegend am Knöterichstrand kam, erblickte sie plötzlich Lin Dschï-hsiaus Frau, die ihr mit einigen alten Sklavinnen entgegenkam. Da keine Zeit mehr war, sich zu verstecken, blieb Wu-örl nichts anderes übrig, als vorzutreten und zu grüßen. „Ich hatte gehört, du seist krank, warum läufst du dann hier herum?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau. |
Frau Liu gab ihrer Tochter zu trinken — etwas Suppe, eine halbe Schale Congee — und erzählte ihr dann auch die Sache mit dem Fulingcreme-Zucker. Wu'er hörte es und beschloss sofort, etwas davon Fangguan zu schenken. Sie wickelte also die Hälfte in Papier ein und machte sich in der Abenddämmerung, als wenige Leute unterwegs waren, zwischen Blumen und Weiden verborgen auf den Weg, um Fangguan zu suchen. Zu ihrem Glück fragte niemand sie aus. Sie ging geradewegs bis vor das Tor des Yihongyuan [3], wagte aber nicht einzutreten und stand nur vor einem Rosenstrauch, von ferne hinüberschauend. Nachdem sie dort eine Teezeit lang gewartet hatte, kam gerade Xiaoyan heraus. Wu'er eilte ihr entgegen und rief sie an. Xiaoyan wusste nicht, wer es war; erst als sie näher kam, erkannte sie sie und fragte, was sie wolle. Wu'er lachte: „Ruf mir Fangguan heraus, ich möchte mit ihr sprechen." Xiaoyan flüsterte lachend: „Schwester, du bist zu ungeduldig! In zehn Tagen oder so kommst du ohnehin her — warum musst du sie unbedingt suchen? Gerade eben hat man sie nach vorne geschickt. Warte noch ein wenig auf sie. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sage es mir, ich richte es ihr aus. Ich fürchte, du kannst nicht so lange warten; bald wird das Gartentor geschlossen." Wu'er gab Xiaoyan den Fulingcreme-Zucker und erklärte ihr, dies sei Fulingcreme, wie man sie einnehme, wie stärkend sie wirke: „Ich habe davon etwas bekommen und möchte es ihr schenken. Bitte richte es ihr aus und gib es ihr." Damit verabschiedete sie sich und ging zurück. |
| Lächelnd erwiderte Wu-örl: „In den letzten Tagen geht es mir etwas besser, und darum hat mich meine Mutter in den Garten mitgenommen, damit ich auf andere Gedanken komme. Eben habe ich im Auftrag meiner Mutter etwas in den Hof der Freude am Roten gebracht.“ „Das kann doch nicht stimmen“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „gerade erst habe ich deine Mutter getroffen, als sie den Garten verließ, und habe hinter ihr das Tor abgeschlossen. Wenn du in ihrem Auftrag unterwegs wärst, hätte sie mir doch gesagt, daß du hier bist, und wäre nicht einfach hinausgegangen und hätte mich das Tor abschließen lassen. Daran sieht man, daß du lügst.“ „Den Auftrag hatte mir meine Mutter schon heute früh gegeben, aber ich hatte es vergessen, und erst jetzt war es mir wieder eingefallen. Meine Mutter wird gedacht haben, ich hätte den Garten schon verlassen, und hat Euch deshalb nichts gesagt“, versuchte sich Wu-örl herauszureden. Da diese Erklärung unglaubwürdig klang und Wu-örls Gesichtsausdruck unaufrichtig war, wurde Lin Dschï-hsiaus Frau vollends mißtrauisch, zumal Yü-tschuan kürzlich berichtet hatte, es seien Gegenstände aus Dame Wangs Hauptraum verschwunden, und die anderen Sklavenmädchen erklärt hatten, sie wüßten von nichts, so daß der Schuldige noch nicht ermittelt war. |
Als sie gerade die Gegend um den Liaoxu-Teich entlangging, kam ihr plötzlich Frau Lin Zhixiao mit einigen alten Dienerinnen entgegen. Wu'er konnte sich nicht mehr verbergen und musste sie begrüßen. Frau Lin Zhixiao fragte: „Ich hörte, du warst krank — wie kommst du hierher?" Wu'er lächelte höflich: „Weil es mir die letzten zwei Tage besser ging, bin ich mit meiner Mutter hereingekommen, um mich ein wenig zu zerstreuen. Gerade hat mich meine Mutter zum Yihongyuan geschickt, um Küchengerät abzuliefern." Frau Lin Zhixiao sagte: „Das stimmt nicht. Eben habe ich gesehen, wie deine Mutter hinausging, und da habe ich erst das Tor geschlossen. Wenn deine Mutter dich geschickt hätte, warum hat sie mir dann nicht gesagt, dass du noch hier bist? Sie ist einfach hinausgegangen und hat mich das Tor schließen lassen — was hat sie sich dabei gedacht? Es ist klar, dass du lügst." Wu'er wusste darauf nichts zu antworten und sagte nur: „Eigentlich hat meine Mutter mir schon am Morgen gesagt, ich solle die Sachen holen; ich habe es vergessen und erst jetzt daran gedacht. Vermutlich hat meine Mutter irrtümlich gedacht, ich sei schon vorher hinausgegangen, und darum der Frau Hauswirtin nichts gesagt." |
| Zufällig kamen jetzt Tschan-djiä und Liän-hua mit einigen Sklavenfrauen des Weges, und als sie die Situation erkannten, rieten sie Lin Dschï-hsiaus Frau: „Ihr solltet sie genauer verhören! In den letzten Tagen ist sie andauernd hier hereingekommen, und immer so verstohlen, daß man nicht wußte, was man davon halten sollte.“ „Richtig!“ setzte Tschan-djiä noch hinzu. „Schwester Yü-tschuan hat gesagt, im Nebengebäude des Anwesens der gnädigen Frau habe ein Schrank offengestanden und es fehlten allerhand Sachen daraus, und als die zweite junge gnädige Frau Ping-örl zu Yü-tschuan geschickt hat, um etwas Rosennektar zu holen, fehlte auch davon eine Flasche. Es wäre nicht einmal aufgefallen, wenn sie nicht davon gebraucht hätten.“ „Das wußte ich gar nicht“, sagte wieder Liän-hua, „eine Flasche mit Rosennektar habe ich heute gesehen.“ „Wo?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau sofort, die sich in dieser Angelegenheit bisher nicht zu helfen gewußt hatte und auf Hsi-fëngs Geheiß täglich von Ping-örl gemahnt wurde. „Bei ihnen in der Küche“, gab Liän-hua Auskunft. Jetzt befahl Lin Dschï-hsiaus Frau, eine Laterne anzuzünden, dann ging sie an der Spitze der Sklavenfrauen los, um selbst nachzusehen. Aufgeregt erklärte Wu-örl: „Der Rosennektar ist ein Geschenk von Fang-guan aus den Räumen des jungen Herrn.“ „Papperlapapp!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „zunächst ist das ein Beweisstück, und ich werde es melden. Vor der Herrschaft kannst du dich verteidigen.“ Bei diesen Worten betraten sie die Küche, und unter Liän-huas Führung wurde die Flasche mit dem Rosennektar hervorgeholt. Da zu vermuten war, daß noch anderes Diebesgut zum Vorschein kommen würde, wurde eine sorgfältige Durchsuchung vorgenommen, bei der man auf das Päckchen mit dem Kokosporlingsschnee stieß, das ebenfalls mitgenommen wurde. Dann sollte Wu-örl vor Li Wan und Tan-tschun geführt werden, da aber Djia Lan erkrankt war, kümmerte sich Li Wan nicht um Haushaltsangelegenheiten und verwies Lin Dschï-hsiaus Frau an Tan-tschun. |
Frau Lin Zhixiao hörte ihre stockenden Worte und sah ihren verlegenen Ausdruck. Da zudem in den letzten Tagen Yuchuan'er gemeldet hatte, dass im Hauptgebäude drüben Gegenstände abhanden gekommen seien und mehrere Mädchen sich gegenseitig beschuldigten, ohne dass sich die Schuldige fand, wurde sie sofort argwöhnisch. Gerade kamen Xiaochan, Lianhua'er und einige Frauen herbei. Als sie die Szene sahen, sagten sie: „Frau Lin sollte sie einmal verhören. Die letzten Tage rennt sie ständig hier herum — ganz verdächtig, heimlich und verstohlen, wer weiß, was sie treibt." Xiaochan fügte hinzu: „Genau! Gestern sagte Schwester Yuchuan, dass in der Gnädigen Frau Seitenraum der Schrank geöffnet worden sei und allerlei Kleinigkeiten fehlten. Und als die Zweite Herrin Lian Friedchen und Schwester Yuchuan losschickte, um etwas Rosenwasser zu holen, fehlte auch ein Krug davon. Hätte man nicht nach dem Rosenwasser gesucht, wäre es gar nicht aufgefallen." Lianhua'er lachte: „Von dem habe ich zwar nichts gehört, aber heute habe ich tatsächlich eine Flasche für Rosenwasser gesehen." Frau Lin Zhixiao, die ohnehin wegen dieser ungeklärten Sachen beunruhigt war — jeden Tag trieb Phönixglanz [王熙凤] sie durch Friedchen an —, fragte beim Hören dieser Worte hastig, wo sie die Flasche gesehen habe. Lianhua'er sagte: „In deren Küche." Frau Lin Zhixiao befahl sofort, Laternen anzuzünden, und ging mit allen los, um die Küche zu durchsuchen. Wu'er sagte verzweifelt: „Das war ursprünglich ein Geschenk von Fangguan aus dem Zimmer des Zweiten Jungen Herrn Bao!" Frau Lin Zhixiao erwiderte: „Ob es nun von einer ‚eckigen' oder ‚runden Beamtin' ist — es gibt ein Beweisstück; ich werde es nur melden, und dann könnt ihr euch vor eurer Herrschaft verantworten." Damit betraten sie die Küche. Lianhua'er führte sie zur Flasche mit dem Rosenwasser. Aus Furcht, es könnte noch mehr Gestohlenes geben, durchsuchten sie alles gründlich und fanden noch ein Päckchen Fulingcreme-Zucker. Sie nahmen alles mit, führten Wu'er ab und gingen, um Li Schleierfrau [李纨] und Spürfrühling [探春] Bericht zu erstatten. |
| Tan-tschun war bereits in ihre Räume zurückgekehrt, und die Sklavin, die ihr Meldung machen sollte, fand alle Sklavenmädchen im Hof, wo sie die Kühle genossen, während Tan-tschun sich drinnen wusch. Nur Dai-schu erklärte sich bereit, ihr den Fall vorzutragen, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und gesagt, ihr solltet zu Ping-örl gehen, damit sie es der zweiten jungen gnädigen Frau meldet.“ So mußte Lin Dschï-hsiaus Frau ihren Trupp wieder hinausführen und zu Hsi-fëngs Räumen hinübergehen, wo sie zuerst Ping-örl suchte. Als Ping-örl hineinging, um Meldung zu machen, hatte Hsi-fëng sich eben zu Bett gelegt. Sie hörte sich die Sache an und befahl: „Die Mutter bekommt vierzig Schläge mit dem Prügel und wird hinausgeworfen. Sie darf nie wieder zum Innentor herein. Wu-örl bekommt ebenfalls vierzig Schläge und wird sofort aufs Dorf geschickt, um dort entweder verkauft oder verheiratet zu werden.“ Als Ping-örl herauskam und die Entscheidung so, wie sie sie empfangen hatte, an Lin Dschï-hsiaus Frau weitergab, begann Wu-örl vor Angst laut zu weinen. Sie warf sich vor Ping-örl auf die Knie und berichtete ihr in allen Einzelheiten, was sie mit Fang-guan zu tun gehabt hatte. „Das ergibt keine Schwierigkeiten“, sagte Ping-örl darauf. „Morgen werden wir Fang-guan fragen, und dann wissen wir, was wahr ist und was gelogen. Aber der Kokosporlingsschnee ist gerade erst gebracht worden, und wir warten ab, bis die alte gnädige Frau und die gnädige Frau ihn gesehen haben, bevor wir ihn anrühren. Davon hättest du nichts nehmen dürfen.“ Als Wu-örl diesen Vorwurf hörte, erzählte sie rasch, wie sie den Kokosporlingsschnee von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatten. „Dann wärst du ja vollkommen unschuldig, und man wollte dich nur zum Sündenbock machen“, sagte Ping-örl lächelnd und entschied: „Es ist jetzt schon spät, und die junge gnädige Frau hat eben ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, da können wir sie schlecht wegen so einer Lappalie belästigen. Übergebt also Wu-örl den Nachtwachen, damit sie die Nacht über in Gewahrsam bleibt, morgen früh aber spreche ich noch einmal mit der jungen gnädigen Frau, und dann sehen wir weiter.“ |
Zu jener Zeit war Li Schleierfrau gerade deshalb untätig, weil ihr Sohn Lan'ge erkrankt war, und befahl nur, zu Spürfrühling zu gehen. Spürfrühling war bereits in ihre Gemächer zurückgekehrt. Man meldete sich an; die Zofen waren alle im Hof und kühlten sich ab; Spürfrühling war drinnen bei der abendlichen Toilette, und nur Daishu ging hinein, um Bericht zu erstatten. Nach einer Weile kam sie heraus und sagte: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und lässt euch sagen, ihr sollt Friedchen suchen und es der Zweiten Herrin melden." Frau Lin Zhixiao hatte keine andere Wahl und brachte die Sache dorthin. Bei Phönixglanz angekommen, suchte sie zuerst Friedchen auf. Friedchen ging hinein und berichtete Phönixglanz [熙凤]. Phönixglanz hatte sich gerade schlafen gelegt. Als sie von der Sache hörte, ordnete sie an: „Gebt der Mutter vierzig Stockschläge und jagt sie hinaus; sie darf nie wieder den Inneren Hof betreten. Gebt Wu'er vierzig Stockschläge und übergebt sie sofort dem Landgut — ob man sie verkauft oder verheiratet, ist einerlei." Friedchen hörte es, kam heraus und gab Frau Lin Zhixiao die Anweisungen entsprechend weiter. Wu'er war so verängstigt, dass sie schluchzend vor Friedchen niederkniete und ihr die ganze Geschichte mit Fangguan erzählte. Friedchen sagte: „Das ist nicht schwer — morgen braucht man nur Fangguan zu fragen, dann stellt sich heraus, ob es wahr ist oder nicht. Aber der Fulingcreme-Zucker wurde erst neulich als Geschenk gebracht, und man wartete noch auf die Rückkehr der Alten Herrin und der Gnädigen Frau, um ihn ihnen vorzulegen, bevor man ihn anrühren durfte — den hätte man nicht stehlen sollen." Als Wu'er das hörte, erzählte sie eilig auch die Geschichte, dass ihr Onkel ihn ihr geschickt hatte. Friedchen hörte das und lachte: „Wenn das so ist, bist du ja vollkommen unschuldig und wirst nur als Sündenbock benutzt. Jetzt ist es spät, die Herrin hat gerade ihre Medizin genommen und sich hingelegt; ich möchte sie wegen dieser Kleinigkeit nicht belästigen. Für heute soll sie der Nachtwache übergeben und über Nacht bewacht werden; morgen berichte ich der Herrin und man wird weitersehen." Frau Lin Zhixiao wagte nicht zu widersprechen und übergab Wu'er den Nachtwächterinnen zur Bewachung; dann ging sie davon. |
| Lin Dschï-hsiaus Frau wagte nicht zu widersprechen. Sie führte Wu-örl hinaus und übergab sie den Nachtwächtersklavinnen zur Beaufsichtigung, dann ging sie fort. Wu-örl aber befand sich nun in Haft und wagte keinen überflüssigen Schritt zu tun. Hinzu kam noch, daß einige der Sklavenfrauen ihr ins Gewissen redeten, sie hätte so etwas Ehrloses nicht tun dürfen, während andere sich beklagten: „Nachtwache zu halten ist gerade schon schwer genug, und nun müssen wir auch noch eine Diebin bewachen. Wenn sie sich unbemerkt das Leben nimmt oder ausrückt, wird man uns die Schuld geben.“ Es gab aber auch Leute, die mit den Lius verfeindet waren und die sich jetzt höchst zufrieden zeigten und extra kamen, um ihren Spott mit Wu-örl zu treiben. Wu-örl war zugleich wütend und beschämt, doch sie konnte sich bei niemandem beklagen. Kränklich und schwächlich, wie sie war, bekam sie doch die Nacht über keinen Schluck Tee und keinen Schluck Wasser, kein Kissen und auch keine Decke. Unentwegt schluchzte sie bis zum Morgen. |
Wu'er, nun unter Hausarrest gestellt, wagte keinen Schritt zu tun. Einige der Frauen rieten ihr zwar gutmütig, sie hätte solch unschickliche Dinge nicht tun sollen; andere schimpften: „Schon die reguläre Nachtwache ist schwer genug — und nun hat man uns auch noch eine Diebin zur Bewachung gebracht! Wenn sie sich, ohne dass wir es sehen, erhängt oder davonläuft, sind wir schuld." Dazu kamen etliche Leute, die seit langem mit Frau Lius Familie verfeindet waren und dies nun genüsslich auskosteten, um sie zu verhöhnen und zu verspotten. Wu'er fühlte in ihrem Herzen Zorn und Unrecht zugleich und hatte nirgends, wohin sie sich wenden konnte. Ohnehin schüchtern und kränklich, verbrachte sie diese Nacht ohne Tee, ohne Wasser, ohne Bettzeug und Kissen, leise schluchzend bis zum Morgen. |
| Die Feindinnen von Mutter und Tochter Liu, die nichts sehnlicher wünschten, als die beiden hinausgeworfen zu sehen, und die befürchteten, das Urteil könne noch revidiert werden, standen dann in aller Frühe auf und gingen heimlich zu Ping-örl, um sie für sich zu gewinnen. Sie machten ihr Geschenke, lobten ihre resolute Art und berichteten ihr von vielerlei Verfehlungen, derer sich Frau Liu schuldig gemacht haben sollte. Ping-örl sagte zu allem ja, ja und schickte die Frauen fort. Dann begab sie sich in aller Stille zu Hsi-jën hinüber, um sie zu fragen, ob Wu-örl den Rosennektar wirklich von Fang-guan bekommen hatte. „Fang-guan hatte ich welchen gegeben“, bestätigte Hsi-jën. „Aber an wen sie ihn weitergegeben hat, weiß ich nicht.“ Als Hsi-jën sich bei Fang-guan danach erkundigte, bekam diese einen Riesenschreck und beteuerte, sie selbst habe Wu-örl den Rosennektar gebracht. Dann erzählte sie Bau-yü von der Sache, und sofort wurde auch er unruhig und sagte: „Mit dem Rosennektar ist alles klar, aber wenn sie der Sache mit dem Porlingsschnee nachgehen, wird sie natürlich auch darüber wahrheitsgemäß aussagen. Wenn sie dann erfahren, daß ihr Onkel ihn beim Tordienst erhalten hat, ist wieder er bloßgestellt. Stürzen wir ihn da nicht einer Sache wegen ins Unglück, die er nur gut gemeint hat?“ Sofort beriet er sich mit Ping-örl und sagte: „Das mit dem Rosennektar ist erledigt, aber an der Sache mit dem Porlingsschnee ist etwas faul. Liebste Schwester, sag doch Wu-örl, sie solle angeben, den Porlingsschnee habe sie ebenfalls von Fang-guan bekommen, dann ist auch das abgetan.“ „Schön und gut“, wandte Ping-örl lächelnd ein, „aber sie hat gestern schon gesagt, daß sie den Porlingsschnee von ihrem Onkel hat. Wie kann sie jetzt sagen, er käme von dir? Außerdem ist nun für den Rosennektar, der drüben verschwunden ist, noch kein Täter gefunden. Glaubst du, sie lassen jemand straffrei ausgehen, bei dem ein Beweisstück gefunden wurde, und suchen jemand anders? Wer wird die Tat jetzt noch gestehen? Und die Leute würden sich auch nicht damit zufriedengeben.“ Lächelnd trat Tjing-wën näher und sagte: „Den Rosennektar bei der gnädigen Frau hat ganz eindeutig niemand anders als Tsai-yün gestohlen, um ihn dem jungen Herrn Huan zu geben. Wozu also das ganze Gerede?“ „Wer wüßte nicht, daß es so ist?“ entgegnete Ping-örl lächelnd. „Yü-tschuan heult schon vor lauter Aufregung. Wenn man Tsai-yün in aller Stille fragen könnte und sie es zugeben würde, dann könnte Yü-tschuan Ruhe geben, und alle würden mit Stillschweigen darüber hinweggehen. Schließlich haben wir kein Interesse daran, die Sache absichtlich aufzubauschen. Das Dumme ist nur, daß Tsai-yün den Diebstahl nicht nur leugnet, sondern auf Yü-tschuan schiebt. Die beiden haben sich so miteinander verzankt, daß das ganze Haus davon weiß, also können wir nicht so tun, als sei nichts gewesen, und müssen die Sache schon untersuchen. Alle wissen, daß diejenige, die den Diebstahl gemeldet hat, selber der Dieb ist, aber wie sollen wir sie beschuldigen, wenn kein Beweisstück da ist?“ „Laß gut sein!“ sagte Bau-yü. „Ich werde auch das auf mich nehmen. Ich sage, ich wollte ihnen einen Schreck einjagen, und habe den Rosennektar heimlich weggenommen. Dann sind beide Fälle erledigt.“ „Damit würdest du gewiß im Verborgenen eine gute Tat vollbringen, indem du sie vor dem Vorwurf des Diebstahls schützt“, erklärte Hsi-jën, „aber wenn die gnädige Frau davon erfährt, wird sie wieder sagen, du benähmst dich kindisch und wüßtest nicht, was du tust.“ „Das ist doch nur eine Kleinigkeit“, warf Ping-örl lächelnd ein. „Es wäre ein leichtes, das Beweisstück in den Räumen von Nebenfrau Dschau zu finden. Ich habe nur Angst, das würde dem Ansehen eines guten Menschen schaden. Alle andern würde es nicht groß kümmern, diese eine aber würde sich wieder aufregen. Mit ihr hatte ich Mitleid, ihretwegen wollte ich nicht ‚nach der Ratte werfen und dabei die Jadevase zerschlagen.‘“ Bei diesen Worten hatte sie drei Finger in die Luft gestreckt, und Hsi-jën wie auch alle anderen begriffen, sie meinte Tan-tschun, das dritte Fräulein des Hauses. Sofort bestätigten sie: „Du hast recht. Es ist das beste, wir nehmen die Sache auf uns.“ „Wir müssen aber auch die beiden Übeltäter Tsai-yün und Yü-tschuan herrufen und uns ihrer Zustimmung versichern“, ergänzte Ping-örl lächelnd. „Sonst werden sie entlastet und meinen, nicht dies sei der Grund, sondern meine Unfähigkeit, die Sache aufzuklären, und ich hätte euch nur damit belästigt, um den Fall zu einem Abschluß zu bringen. Dann würden die einen weiter stehlen und die andern weiter den Dingen ihren Lauf lassen.“ „Völlig richtig!“ stimmten ihr Hsi-jën und die anderen zu. „Dein Stand muß gewahrt bleiben.“ |
Jene Leute aber, die sich mit Mutter und Tochter nicht vertrugen, konnten es kaum erwarten, dass man sie vertrieb; aus Furcht, am nächsten Tag könnte sich die Lage ändern, standen sie alle frühzeitig auf und gingen heimlich zu Friedchen, um sie zu beeinflussen. Teils schenkten sie ihr etwas, teils schmeichelten sie ihr, wie entschieden und tüchtig sie die Dinge handhabe, und teils erzählten sie ausgiebig von den vielen Vergehen der Mutter im Alltag. Friedchen bejahte alles der Reihe nach und schickte sie weg. Dann ging sie leise zu Dufthauch [袭人] und fragte sie, ob es denn wirklich stimme, dass Fangguan Wu'er das Rosenwasser gegeben habe. Dufthauch sagte: „Das Rosenwasser hat Schatzjade tatsächlich Fangguan gegeben; an wen Fangguan es weitergegeben hat, weiß ich allerdings nicht." Dufthauch fragte daraufhin Fangguan. Als Fangguan das hörte, geriet sie in helle Aufregung und bestätigte eilig, dass sie es selbst geschenkt habe. Fangguan erzählte es sogleich auch Schatzjade. Schatzjade erschrak ebenfalls und sagte: „Mit dem Rosenwasser ist es zwar geklärt, aber wenn die Sache mit dem Fulingcreme-Zucker aufgerollt wird, wird sie natürlich auch wahrheitsgemäß aussagen. Wenn man dann erfährt, dass sie es von ihrem Onkel bekommen hat, gerät dieser auch in Schwierigkeiten — und das gute Geschenk eines anderen hat ihnen nur Unglück gebracht." Eilig beratschlagte er mit Friedchen: „Die Sache mit dem Rosenwasser ist erledigt, aber auch beim Fulingcreme-Zucker gibt es ein Problem. Liebe Schwester, lass sie doch sagen, der sei ebenfalls ein Geschenk von Fangguan — dann wäre alles erledigt." Friedchen lachte: „Das mag ja sein, aber gestern Abend hat sie bereits vor den Leuten gesagt, er sei von ihrem Onkel. Wie kann sie nun plötzlich sagen, du hättest ihn gegeben? Außerdem ist auch beim Rosenwasser drüben noch keine Schuldige gefunden. Wenn man nun die Ertappte mit dem Beweis freilässt, wen soll man dann suchen? Wer würde es noch zugeben? Die Leute wären auch nicht zufrieden." Da kam Heitermuster herein und sagte lachend: „Bei dem Rosenwasser der Gnädigen Frau kommt niemand anderes in Frage — es war ganz offensichtlich Caiyun, die es für Huan'ge gestohlen hat. Redet nicht so wild durcheinander!" Friedchen lachte: „Wer wüsste das nicht! Aber als Yuchuan'er sich weinend an sie wandte und sie leise fragte, und jene es zugab, war Yuchuan'er zufrieden, und alle ließen es auf sich beruhen. Wir werden doch nicht freiwillig diese Sache an uns reißen! Das Ärgerliche ist, dass Caiyun es nicht nur nicht zugibt, sondern Yuchuan'er sogar beschuldigt, sie habe es gestohlen. Die beiden liefern sich einen Schlagabtausch, und das ganze Haus weiß davon — wie sollen wir da unbeteiligt bleiben? Natürlich muss nachgeforscht werden. Aber bekanntlich: ‚Wer den Diebstahl meldet, ist selbst der Dieb' — und ohne Beweis, wie soll man sie überführen?" Schatzjade sagte: „Nun gut, diese Sache nehme ich auch auf mich. Ich sage einfach, ich hätte sie erschrecken wollen und heimlich etwas von der Gnädigen Frau entwendet. Dann sind beide Angelegenheiten erledigt." Dufthauch sagte: „Das wäre allerdings ein gutes Werk — jemandes Diebesruf zu tilgen. Nur: Wenn die Gnädige Frau davon hört, wird sie wieder sagen, du seist kindisch und wüsstest nicht, was sich gehört." Friedchen lachte: „Das ist noch ein kleines Problem. Selbst wenn man jetzt bei Konkubine Zhao das Diebesgut beschlagnahmte — das wäre zwar leicht —, fürchte ich doch, dass es eine anständige Person in ihrem Ansehen verletzen würde. Von allen anderen ganz abgesehen: Diese eine Person — würde sie sich nicht darüber ärgern? Mir tut sie leid; ich möchte nicht ‚beim Rattenfang die Jadevase beschädigen'." Dabei streckte sie drei Finger aus. Dufthauch und die anderen verstanden sofort, dass sie von Spürfrühling sprach. Alle sagten eilig: „Ja, genau so ist es. Am besten nehmen wir es hier auf uns." Friedchen lachte wieder: „Allerdings müssen wir erst diese beiden Übeltäterinnen Caiyun und Yuchuan'er herbeirufen und sie genau befragen, bevor es geht. Sonst glauben sie, sie seien davongekommen — und nicht, weil ich es um ihretwillen so gelöst habe, sondern weil ich die Sache nicht aufklären konnte und es von hier aus regeln musste. Dann werden sie künftig nur noch dreister stehlen und sich nicht mehr darum scheren." Dufthauch und die anderen lachten: „Ganz recht, du musst dir auch ein Hintertürchen offenhalten." |
| Nun ließ Ping-örl die beiden rufen und eröffnete ihnen: „Ihr braucht euch nicht länger aufzuregen, die Diebin ist gefunden.“ „Wo ist sie?“ fragte Yü-tschuan. „Jetzt ist sie bei der zweiten jungen gnädigen Frau drüben“, sagte Ping-örl. „Sie gibt alles zu, was man sie fragt. Aber ich weiß genau, daß nicht sie es war, die gestohlen hat. Die Ärmste gesteht alles nur aus Angst. Dem jungen Herrn tut das so leid, daß er die Hälfte der Schuld auf sich nehmen will. Ich könnte die wahre Schuldige nennen, aber es ist eine von uns, die ich gern mag. Dagegen ist mir die Empfängerin der gestohlenen Sachen gleichgültig. Es würde aber außerdem ein guter Mensch um sein Ansehen gebracht werden. Und das ist der Grund, warum ich den jungen Herrn bitten will, die Sache auf sich zu nehmen, damit allen andern der Ärger erspart bleibt. Jetzt aber möchte ich von euch wissen, wie ihr dazu steht. Wenn ihr in Zukunft genau wie alle andern umsichtig handeln und auf euer Ansehen bedacht sein wollt, werde ich den jungen Herrn bitten. Wenn nicht, dann mache ich der zweiten jungen gnädigen Frau Meldung, damit nicht ein guter Mensch unschuldig leiden muß.“ Diese Worte trieben Tsai-yün die Schamröte in die Wangen, und sie sagte: „Sei unbesorgt, Schwester! Kein guter Mensch soll unschuldig leiden, und kein Unbeteiligter soll um sein Ansehen gebracht werden. Nebenfrau Dschau war es, die mich immer wieder gebeten hat zu stehlen, und so habe ich einiges für den jungen Herrn Huan genommen. Das ist die Wahrheit. Auch wenn die gnädige Frau zu Hause war, haben wir von den Sachen genommen, und jeder hat davon verschenkt. Ich hatte geglaubt, nach ein paar Tagen Aufregung würde alles vergessen sein, aber wenn jetzt ein guter Mensch deswegen leiden soll, kann ich das nicht ertragen. Also bring mich zur zweiten jungen gnädigen Frau, und ich werde alles gestehen.“ Alle waren verwundert über ihren Mut, und Bau-yü sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein anständiger Mensch, Schwester Tsai-yün. Aber du brauchst nichts zu gestehen. Ich werde sagen, ich hätte den Rosennektar heimlich genommen, um euch einen Schreck einzujagen, aber nachdem jetzt ein Skandal daraus geworden ist, wolle ich es zugeben. Ich bitte euch nur um das eine – daß ihr nämlich in Zukunft dafür sorgt, daß es weniger Ärger gibt. Das wäre zu unser aller Vorteil.“ „Warum willst du etwas gestehen, was ich getan habe?“ fragte Tsai-yün. „Ich muß es auf mich nehmen, was immer dabei herauskommt.“ „So geht das nicht!“ wandten Ping-örl und Hsi-jën rasch ein. „Wenn du es gestehst, bringst du unvermeidlich Nebenfrau Dschau mit ins Spiel, und wenn dann Fräulein Tan-tschun davon erfährt, regt sie sich natürlich auf. Darum ist es das beste, wenn Bau-yü die Sache gesteht und niemand weiter damit zu tun hat. Niemand außer uns weiß etwas davon, es ist eine saubere Lösung. In Zukunft aber müssen unbedingt alle vorsichtiger sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, geduldet euch, bis die gnädige Frau wieder da ist. Dann könnt ihr getrost das ganze Haus verschenken, mit uns hat es nichts zu tun.“ |
Friedchen ließ die beiden holen und sagte: „Keine Angst, die Diebin ist gefunden." Yuchuan'er fragte sofort, wo die Diebin sei. Friedchen sagte: „Sie ist gerade im Zimmer der Zweiten Herrin; fragt sie, und sie gesteht alles. Ich weiß in meinem Herzen, dass nicht sie es gestohlen hat; das arme Ding hat vor lauter Angst alles zugegeben. Der Zweite Junge Herr Bao hier hat Mitleid mit ihr und will die Hälfte auf sich nehmen. Ich wollte die Wahrheit sagen, aber die Diebin ist im Alltag eine Schwester, die mir nahesteht; die Hehlerin ist eine gewöhnliche Person; und drittens wäre eine anständige Person in ihrem Ansehen betroffen. Darum bin ich in einer Zwickmühle und muss den Zweiten Jungen Herrn bitten, es zu übernehmen, damit alle in Frieden sind. Nun frage ich euch beide: Wie wollt ihr es halten? Wenn ihr von jetzt an alle aufpasst und den Anstand wahrt, dann bitte ich den Zweiten Jungen Herrn, es auf sich zu nehmen. Andernfalls berichte ich der Zweiten Herrin — dann soll keine Unschuldige leiden." Caiyun hörte das, und ihr stieg die Röte ins Gesicht; ein Gefühl der Scham erfasste sie, und sie sagte: „Schwester, sei unbesorgt. Keine Unschuldige soll leiden, und kein Unbeteiligter soll in seinem Ansehen beschädigt werden. Den Diebstahl hat Konkubine Zhao wieder und wieder auf mich eingeredet; ich habe einiges für Huan'ge genommen — das ist wahr. Selbst wenn die Gnädige Frau zu Hause war, haben wir immer wieder etwas herausgenommen und an Leute verschenkt, das war nichts Ungewöhnliches. Ich dachte, nach ein paar Tagen Aufregung wäre es vorbei. Aber nun, da eine Unschuldige beschuldigt wird, kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Schwester, führe mich zur Herrin; ich gestehe alles." Alle waren erstaunt, dass sie so aufrichtig und mutig war. Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester Caiyun ist wahrhaftig ein rechtschaffener Mensch! Aber du brauchst nichts zuzugeben; ich sage einfach, ich hätte heimlich etwas der Gnädigen Frau entwendet, um euch zu erschrecken und mich zu amüsieren. Nun, da es Ärger gegeben hat, muss ich es natürlich eingestehen. Ich bitte nur die Schwestern, künftig etwas zurückhaltender zu sein, dann ist allen geholfen." Caiyun sagte: „Was ich getan habe — warum sollst du dafür geradestehen? Ob es mich den Kopf kostet oder nicht, ich muss die Folgen tragen." Friedchen und Dufthauch sagten eilig: „So geht es nicht. Wenn du es zugibst, wird unweigerlich auch die Konkubine Zhao hineingezogen. Wenn dann das Dritte Fräulein davon erfährt, wie wird sie sich ärgern! Am besten nimmt der Zweite Junge Herr es auf sich; dann ist alles friedlich. Außerdem erfährt außer uns wenigen niemand davon — wie sauber! Nur müsst ihr in Zukunft alle vorsichtig sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, wartet wenigstens, bis die Gnädige Frau zurück ist — selbst wenn ihr dann das ganze Haus herschenkt, haben wir nichts damit zu schaffen." Caiyun senkte den Kopf, dachte einen Moment nach und stimmte schließlich zu. |
| Tsai-yün senkte den Kopf und dachte ein Weilchen nach, dann stimmte sie zu. Nachdem sie zusammen alles abgesprochen hatten, ging Ping-örl mit Tsai-yün, Yü-tschuan und Fang-guan hinüber, wo die Sklavenfrauen von der Nachtwache saßen, ließ Wu-örl rufen und instruierte sie heimlich, sie solle angeben, auch den Kokosporlingsschnee habe sie von Fang-guan bekommen. Wu-örls Dank fand kein Ende. Nun führte Ping-örl sie mit den anderen Mädchen zu ihren eigenen Räumen hinüber, wo sie Lin Dschï-hsiaus Frau erblickte, die mit einigen Sklavinnen zusammen Frau Liu hergebracht hatte und schon lange wartete. „Ich habe sie in aller Frühe hergeschafft“, meldete Lin Dschï-hsiaus Frau, „und weil ich Angst hatte, nun sei niemand da, der sich um das Essen für die Fräulein kümmert, habe ich einstweilen Tjin Hsiäns Frau damit beauftragt. Berichtet bitte auch das der jungen gnädigen Frau und sagt ihr, sie sei reinlich und umsichtig und könne diese Arbeit in Zukunft ständig machen.“ „Und wer ist Tjin Hsiäns Frau?“ fragte Ping-örl. „Ich glaube nicht, daß ich sie kenne.“ „Sie ist Nachtwächterin am südlichen Nebentor und hat daher am Tage nichts hier zu schaffen, deshalb kennt Ihr sie nicht“, erläuterte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat hohe Backenknochen und große Augen, und sie ist wirklich reinlich und flink.“ „Ja“, bestätigte Yü-tschuan, „wie konntest du sie vergessen? Sie ist die Tante von Sï-tji, die bei Fräulein Ying-tschun dient. Sï-tjis Eltern sind zwar drüben beim alten gnädigen Herrn, aber ihr Onkel und ihre Tante sind hier bei uns.“ Jetzt erst fiel Ping-örl ein, um wen es sich handelte, und lächelnd meinte sie: „Ach, das hättest du gleich sagen sollen, dann hätte ich Bescheid gewußt!“ Und lächelnd setzte sie hinzu: „Das war ein bißchen vorschnell gehandelt. Denn der Fall hat sich aufgeklärt. Auch wer die Sachen aus den Räumen der gnädigen Frau genommen hat, wissen wir jetzt. Bau-yü war es, der hinübergegangen war und diese beiden nichtsnutzigen Dinger um etwas gebeten hatte. Um ihn zu ärgern, haben die beiden gesagt, solange die gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nichts zu nhehmen. Daraufhin hat Bau-yü einen unbeobachteten Augenblick abgepaßt, ist selber hineingegangen und hat einiges weggenommen. Weil die beiden nichts davon wußten, haben sie einen Riesenschreck bekommen. |
So berieten sie alles miteinander. Friedchen nahm die beiden und Fangguan mit und ging zum Vorderhaus, holte aus der Wachstube Wu'er und unterwies sie leise, auch bei dem Fulingcreme-Zucker zu sagen, er sei ein Geschenk Fangguans. Wu'er war unendlich dankbar. Friedchen nahm sie alle mit in ihre eigene Abteilung, wo Frau Lin Zhixiao bereits mit mehreren Frauen wartete und Frau Liu in Gewahrsam hatte. Frau Lin Zhixiao sagte noch zu Friedchen: „Heute Morgen habe ich sie hierhergebracht, und damit im Garten niemand fehlt, der den Fräulein das Essen bereitet, habe ich vorläufig die Frau des Qin Xian dorthin geschickt. Bitte berichtet es der Herrin — sie ist wirklich sauber und gewissenhaft; man könnte sie von nun an dauerhaft dort einsetzen." Friedchen fragte: „Wer ist die Frau des Qin Xian? Ich kenne sie nicht gut." Frau Lin Zhixiao sagte: „Sie hat Nachtdienst in der Südecke des Gartens; tagsüber hat sie nichts zu tun, darum kennt das Fräulein sie nicht so gut. Hohe Wangenknochen, große Augen, sehr sauber und ordentlich." Yuchuan'er sagte: „Richtig! Schwester, erinnerst du dich nicht? Sie ist die Tante von Schachspielerin, der Zofe des Zweiten Fräuleins. Schachspielerins Eltern gehören zwar zum Haushalt des Ersten Herrn, aber ihr Onkel gehört zu unserem Haushalt." Friedchen hörte das und erinnerte sich. Sie lachte: „Oh, hättest du gleich gesagt, dass sie es ist, hätte ich es sofort gewusst." Dann lachte sie: „Da seid ihr ja etwas vorschnell gewesen! Inzwischen ist die Sache von allen Seiten aufgeklärt, und auch bei dem, was neulich im Zimmer der Gnädigen Frau fehlte, ist die Schuldige gefunden. Als Schatzjade neulich herüberkam und von diesen beiden Unholdinnen etwas verlangte, neckten die ihn und sagten, wenn die Gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nicht, etwas herauszugeben. Da hat Schatzjade, als die beiden nicht aufpassten, heimlich etwas herausgenommen. Die beiden wussten es nicht und erschraken ganz furchtbar. Nun, da Schatzjade gehört hat, dass andere in Schwierigkeiten geraten sind, hat er mir alles genau erzählt und mir die Sachen gezeigt — nicht ein einziges Stück fehlte. Der Fulingcreme-Zucker hat Schatzjade von draußen bekommen und schon vielen Leuten geschenkt — nicht nur die Leute im Garten haben davon, auch die älteren Dienerinnen haben sich welchen erbeten und ihn ihren Verwandten mitgebracht, und die verschenkten ihn weiter. Dass Dufthauch ihn Fangguan und deren Freundinnen gegeben hat — das sind private Freundlichkeiten, die unter ihnen üblich sind. Vor ein paar Tagen standen die zwei Körbe noch oben in der Beratungshalle, ordentlich verpackt und unberührt — wie kann man da aufs Geratewohl Leute beschuldigen! Wartet, bis ich es der Herrin berichtet habe." Damit ging sie ins Schlafgemach und erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte genau so, wie sie es vorbereitet hatte. |
| Nachdem Bau-yü jetzt erfahren hat, daß jemand anders verdächtigt wird, hat er mir alles erklärt und die Sachen herausgegeben. Ich habe mich selbst überzeugt, daß nichts fehlt. Den Kokosporlingsschnee hatte Bau-yü von draußen bekommen, und er hat viele Leute damit beschenkt, nicht nur hier im Garten. Selbst die alten Muttchen haben sich welchen erbeten und ihren Verwandten davon gegeben, damit sie ihn einnehmen, aber auch von denen ist etwas davon noch weiterverschenkt worden. Auch Hsi-jën hat Fang-guan und anderen davon gegeben. Daß auch sie ihre privaten Freundschaften haben, ist nichts Außergewöhnliches. Die beiden Korbbehälter aber stehen noch in der Palaverhalle, und die Siegel daran sind unversehrt. Wie kann man also einfach jemand verdächtigen? Jetzt werde ich der jungen gnädigen Frau berichten, und dann sehen wir weiter!“ Damit machte sie kehrt und ging zu Hsi-fëng ins Schlafzimmer, wo sie ihr den Fall mit denselben Worten erklärte. „Schön und gut“, sagte Hsi-fëng, „aber Bau-yü hält Recht und Unrecht nicht auseinander und liebt es, sich um alles und jedes zu kümmern. Wenn man ihn um etwas bittet, wird er nach ein paar guten Worten weich, und wenn man ihm schmeichelt, nimmt er jede Schuld auf sich. Wenn wir ihm diesmal glauben, wie wollen wir dann in Zukunft zurechtkommen, wenn es um größere Dinge geht? Darum sollten wir den Fall gründlichst untersuchen! Meiner Meinung nach sollten wir alle Mägde aus den Räumen der gnädigen Frau hier herüberholen. Wir können sie zwar nicht gut schlagen, aber wir könnten sie in der Sonne auf Porzellanscherben knien lassen und ihnen nichts zu essen und nichts zu trinken geben, und das den ganzen Tag lang, wenn sie nicht reden. Da müßten sie schon aus Eisen sein, wenn sie nach einem Tag nicht gestehen. Und wie man sagt, gehen die Fliegen nicht an ein Ei, wenn es nicht einen Knacks hat. Wenn diese Liu auch nichts gestohlen hat, muß doch etwas mit ihr faul sein, sonst hätten die andern sie nicht bezichtigt. Wir müssen sie ja nicht als Diebin behandeln, aber trotzdem sollte sie aus dem Dienst entfernt werden. Das ist keine Schande.“ „Wozu die Mühe?“ fragte Ping-örl. „Wenn man nachgeben muß, soll man nachgeben. Was ist das schon für eine großartige Affäre, daß Ihr nicht Gnade vor Recht ergehen lassen könnt? Wie sehr Ihr Euch auch ins Zeug legt, Ihr gehört doch nicht hierher, sondern nach drüben. Warum also die Feindschaft der kleinen Leute erwecken und sich ihren Groll zuziehen? Zumal Ihr den Sohn, mit dem Ihr nach tausend Schwierigkeiten endlich schwanger wart, nur deshalb im sechsten oder siebenten Monat verloren habt, weil Ihr Euch immer überanstrengt und alles zu schwer genommen habt. Wäre es da nicht besser, sich nur noch um die Hälfte von allem zu kümmern?“ Lachend sagte Hsi-fëng: „So mach schon, was du willst, kleines Spitzbein! Ich fühle mich eben etwas besser und möchte mich nicht schon wieder ärgern.“ |
Phönixglanz sagte: „Das mag alles stimmen, aber Schatzjade ist einer, der ungeachtet aller Umstände gern Dinge auf sich nimmt. Kaum bitten ihn andere, und er hört zwei freundliche Worte, lässt er sich schon alles aufsetzen — was gäbe es, das er nicht zugeben würde. Wenn wir ihm glauben, wird er künftig auch bei ernsten Angelegenheiten so handeln — wie soll man dann die Leute in Ordnung halten? Man muss noch gründlich nachforschen. Nach meinem Sinn: Holt alle Zofen der Gnädigen Frau her, und wenn man sie auch nicht ohne Weiteres schlagen darf, so lasst sie auf Porzellanscherben knien in der prallen Sonne; gebt ihnen weder Tee noch Essen. Wer an einem Tag nicht gesteht, kniet einen Tag — selbst Eiserne würden dann eingestehen. Und wie man so sagt: ‚Fliegen setzen sich nicht auf Eier ohne Riss.' Auch wenn diese Frau Liu nicht gestohlen hat, muss irgendetwas daran gewesen sein, sonst hätten die Leute nicht von ihr gesprochen. Wenn man sie auch nicht wie eine Diebin bestraft, so soll man sie doch entlassen. Selbst bei Hofe gibt es Fälle, wo Unschuldige mitgehangen werden — so große Ungerechtigkeit ist das auch nicht." Friedchen sagte: „Wozu sich so den Kopf zerbrechen! ‚Wenn es Zeit ist loszulassen, dann lass los' — was kann schon Schlimmes dabei sein, ein wenig Gnade walten zu lassen? Wenn ich es recht bedenke: Wie viel Mühe wir uns auch in diesem Haus geben, am Ende gehen wir ja in jenes Haus drüben. Unnötig, sich die Feindschaft der kleinen Leute zuzuziehen und Groll zu ernten. Zudem hast du selbst allerlei Unglück erlitten — mit Müh und Not warst du schwanger geworden, und im sechsten, siebten Monat hast du es verloren. Wer weiß, ob das nicht von der täglichen Überarbeitung und dem Ärger kam, der dich innerlich verletzt hat. Von jetzt an wäre es doch gut, manches zu sehen und manches zu übersehen und es dabei zu belassen." Diese Worte brachten Phönixglanz zum Lachen. Sie sagte: „Du kleines Biest, mach du es, wie du willst! Mir geht es gerade etwas besser, ich will mich nicht aufregen." Friedchen lachte: „Das ist erst vernünftig!" Damit ging sie hinaus und erledigte alles der Reihe nach. |
| „Das ist recht!“ sagte Ping-örl strahlend und ging hinaus, um dort ihre Anordnungen zu treffen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. |
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. |