Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 65
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Kapitel 65: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 65.Djia Liän nimmt heimlich die zweite Schwester You zur Frau,die dritte Schwester You möchte Liu Hsiang-liän zum Mann haben. | Kapitel 65 |
| Als alles, was Djia Liän mit Djia Dschën und Djia Jung abgesprochen hatte, ins Werk gesetzt war, wurden am zweiten Tag des neuen Monats zunächst die alte Frau You und die dritte Schwester You in die neue Wohnung geschickt. Die alte Frau You mußte zwar erkennen, daß Djia Jung ihnen weit mehr versprochen hatte, aber weil immerhin alles sehr ordentlich war, gaben sich Mutter und Tochter zufrieden. Bau Örl und seine Frau waren gleich vom ersten Zusammentreffen an sehr liebenswürdig und nannten Mutter You nicht anders als ‚alte Dame‘ oder gar ‚alte gnädige Frau‘, während sie die dritte Schwester You mit ‚dritte Tante‘ oder ‚Frau Tante‘ anredeten. | Jadeschale Kaufmann [贾琏] heiratet heimlich die Zweite Schwester You |
| Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache wurde die zweite Schwester You in einer schlichten Sänfte gebracht. Weihrauch, Kerzen und Opfergaben standen bereit, das Brautbett war schon gemacht, Wein und Speisen waren zugerichtet, so daß alles seine Ordnung hatte, und bald erschien auch in einer kleinen Sänfte Djia Liän, schmucklos gekleidet. Gemeinsam vollzogen sie ihren Stirnaufschlag vor Himmel und Erde und verbrannten die papiernen Opfergaben. Die alte Frau You sah, daß ihre Tochter von Kopf bis Fuß frisch eingekleidet und neu geschmückt war, wie sie es zu Hause nie gekannt hatte, und führte sie deshalb höchst zufrieden ins Brautgemach. Wie Djia Liän und die zweite Schwester You in dieser Nacht einem Phönixpärchen gleich auf hunderterlei Weise die Freuden der Liebe genossen, braucht nicht erzählt zu werden. | You Sanjie bringt die Brüder Jia mit scharfer Zunge zum Schweigen |
| Je mehr Djia Liän von der zweiten Schwester You sah und je länger er sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und er vermochte ihr gar nicht genug zu schmeicheln. Bau Örl und dem übrigen Gesinde befahl er, sie durchaus nicht anders zu nennen als ‚junge Herrin‘, auch er selbst redete sie so an, und den Namen Hsi-fëng schien er mit einem Pinselstrich aus seinen Gedanken getilgt zu haben. | Es wird erzählt, dass Jadeschale Kaufmann, Schein Kaufmann-Echt [贾珍] und Herrlichkeit Kaufmann [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Frau You und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Herrlichkeit Kaufmann es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Frau You unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Jadeschale Kaufmann in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Frau You sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Jadeschale Kaufmann und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss. |
| Wenn er gelegentlich einmal nach Hause kam, sagte er nur, er habe im Ning-guo-Anwesen zu tun und könne sich nicht losmachen. Hsi-fëng und die anderen wußten, wie eng sein Verhältnis zu Djia Dschën war, und da sie sich denken konnten, daß es viel zu bereden gab, schöpften sie keinen Verdacht. Das zahlreiche Gesinde dagegen kümmerte sich nicht um solche Dinge, und die wenigen Neugierigen, die stets hinter jedem Klatsch her waren, bemühten sich, Djia Liän gefällig zu sein, um sich dadurch kleine Vorteile zu verschaffen. Wer von ihnen hätte also etwas verraten sollen? Djia Liäns Dankbarkeit gegenüber Djia Dschën kannte keine Grenze. Jeden Monat zahlte Djia Liän fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt der Yous. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt, kam er dagegen, aß das Paar nur zu zweit, während Mutter und Tochter sich in ihre Räume zurückzogen und dort aßen. Djia Liän brachte auch all seine Ersparnisse mit, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte, und übergab sie der zweiten Schwester You zur Aufbewahrung. Zwischen Decken und Kissen machte er die zweite Schwester You ausführlich mit dem Charakter und dem Verhalten von Hsi-fëng vertraut und versprach ihr, sie ins Haus zu nehmen, sobald Hsi-fëng tot sei. Dagegen hatte die zweite Schwester You natürlich nichts einzuwenden. So begann sich das Leben des kleinen Haushalts von nicht viel mehr als zehn Personen einzuspielen und gestaltete sich höchst angenehm. |
Jadeschale Kaufmann fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Schein Kaufmann-Echt eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab — sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Jadeschale Kaufmann ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen — keiner wollte etwas verraten. Jadeschale Kaufmann war Schein Kaufmann-Echt daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Jadeschale Kaufmann brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben. |
| Ehe man sich‘s versah, waren zwei Monate vergangen. Im Kloster Eiserne Schwelle waren die Totenmessen zu Ende gelesen, und am Abend kehrte Djia Dschën nach Hause zurück. Da er die Stiefschwestern seiner Frau lange nicht gesehen hatte, wollte er sie gern besuchen. Zuerst aber befahl er einem Sklavenjungen, er solle erkunden gehen, ob Djia Liän dort sei oder nicht. Als der Knabe mit der Meldung zurückkam, er sei nicht dort, war Djia Dschën hocherfreut und schickte sein ganzes Gefolge bis auf zwei vertraute Sklavenjungen fort, die ihm das Pferd führen mußten. Als sie das Haus erreichten, war es eben Zeit, die Lampen anzuzünden. Leise traten sie in den Hof, und die beiden Knaben führten das Pferd in den Stall, um dann in die Gesinderäume zu gehen und zu warten. Djia Dschën trat ins Haus, wo gerade erst die Lampen angezündet worden waren, und begrüßte als Erstes die alte Frau You und ihre jüngere Tochter, dann kam auch die zweite Schwester You zu ihnen heraus, und Djia Dschën redete sie wie früher mit ‚Schwägerin‘ an. |
Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Schein Kaufmann-Echt im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Jadeschale Kaufmann da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Schein Kaufmann-Echt freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten. |
| Als sie Tee tranken und plauderten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Wie bist du mit dem Mann zufrieden, den ich dir verschafft habe? Wenn du ihn nicht genommen hättest, würdest du seinesgleichen auch mit der Laterne nicht finden. Demnächst wird dich noch eure ältere Schwester mit Geschenken besuchen kommen.“ Inzwischen hatten die zweite Schwester You befohlen, Wein und Zuspeisen zurechtzumachen und die Türen zu schließen, da sie als Verwandte unter sich waren und so keine Tabus bestanden. Als Bau Örl hereintrat, um seinen Gruß zu entbieten, redete Djia Dschën ihn an: „Ich habe dich hierher geschickt, weil du ein guter Kerl bist. In Zukunft wird es noch größere Dinge für dich zu tun geben. Nur darfst du nicht außer Hause Wein trinken gehen und irgendwelche Dinge anstellen. Selbstverständlich wird es auch Belohnungen für dich geben. Und da der junge Herr Liän viel zu tun hat und die Leute in seinem Anwesen recht gemischt sind, kannst du unbesorgt zu mir kommen, falls es hier an irgend etwas fehlt. Schließlich bin ich sein Vetter und kein Fremder.“ „Ich habe verstanden“, erwiderte Bau Örl. „Wenn ich nicht alles tue, was in meiner Kraft steht, will ich auf meinen Kopf gern verzichten.“ „Das ist es, was du verstehen solltest“, sagte Djia Dschën und nickte dazu. Dann tranken sie zu viert Wein, und da die zweite Schwester You die Situation durchschaute, forderte sie ihre Mutter auf: „Begleitet mich bitte nach drüben, Mutter! Ich bin so furchtsam.“ Auch die alte Frau You hatte begriffen und ging tatsächlich mit hinaus, so daß bei Djia Dschën und der dritten Schwester You nur die kleinen Sklavenmädchen zurückblieben. Als aber Djia Dschën so eng an die dritte Schwester You heranrückte, daß er sie mit Schulter und Wange berührte, und sich hunderterlei Freiheiten herausnahm, konnten es die Sklavenmädchen nicht länger mit ansehen und zogen sich ebenfalls zurück, damit sich die beiden keinen Zwang anzutun brauchten und miteinander treiben konnten, was immer sie wollten. Djia Dschëns Sklavenjungen saßen in der Küche und tranken mit Bau Örl zusammen Wein, während Bau Örls Frau am Herd stand und kochte, als plötzlich die beiden Sklavenmädchen lachend hereinkamen und ebenfalls Wein verlangten. |
Schein Kaufmann-Echt trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Frau You und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Schein Kaufmann-Echt nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Schein Kaufmann-Echt sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Schein Kaufmann-Echt sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich — treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute — komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Schein Kaufmann-Echt nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Frau You verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Schein Kaufmann-Echt rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben. |
| „Anstatt drüben aufzuwarten, schleicht ihr hierher, und wenn man euch ruft, und ihr seid nicht da, gibt es Ärger“, hielt Bau Örl ihnen vor. „Du dummer versoffener Hahnrei, laß dich mit gelber Brühe vollaufen, und wenn du genug hast, dann klemm deinen Schwanz zwischen die Beine und mach deinen Kadaver lang!“ schimpfte seine Frau. „Es hat doch einen Dreck mit dir zu tun, ob sie rufen oder nicht. Und in jedem Falle bin ja ich da. Auch wenn es ein Gewitter gibt, wirst du doch nicht naß.“ Nun verdankte Bau Örl seinen Aufstieg einzig und allein seiner Frau, und für die jüngste Beförderung galt das erst recht. Obwohl er nichts anderes tat als Geld einstecken und Wein trinken, machte ihm doch weder Djia Liän noch jemand anders einen Vorwurf. Darum gehorchte er seiner Frau aufs Wort, gerade als wäre sie seine Mutter gewesen, und so ging er wirklich schlafen, nachdem er genug getrunken hatte. |
Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Jadeschale Kaufmann und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Schein Kaufmann-Echt gut dastehen. |
| Seine Frau leistete inzwischen den Sklavenmädchen und den Sklavenjungen Gesellschaft und war bemüht, sich bei ihnen lieb Kind zu machen, weil sie hoffte, sie würden dafür bei Djia Dschën ein gutes Wort für sie einlegen. Da hörten sie, als sie gerade im besten Zuge waren, plötzlich ein Klopfen am Tor, und als Bau Örls Frau rasch hinausging und öffnete, sah sie Djia Liän vom Pferd steigen. „War irgend etwas?“ fragte er. „Euer Herr Vetter ist hier, er sitzt im westlichen Seitengebäude“, gab Bau Örls Frau leise Auskunft. Daraufhin ging Djia Liän in seinen Schlafraum, wo er die zweite Schwester You und ihre Mutter vorfand, die bei seinem Eintritt verlegene Gesichter machten. Er tat aber so, als ob er nichts merkte, und befahl: „Bring uns schnell Wein! Wir wollen ein paar Becher trinken, damit wir besser schlafen können. Ich bin schrecklich müde heute.“ Rasch trat die zweite Schwester You auf ihn zu und nahm ihm lächelnd das Obergewand ab, dann reichte sie ihm Tee und stellte ihm tausend Fragen. Djia Liän hatte so viel Freude an ihr, daß ihn das Herz unerträglich zu jucken begann. Bald darauf brachte Bau Örls Frau den Wein, und die beiden tranken einander zu. Die alte Frau You mochte nichts trinken und ging in ihr Zimmer, während eines der beiden Sklavenmädchen erschien, um dem Paar aufzuwarten. |
Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Jadeschale Kaufmann, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Jadeschale Kaufmann hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Jadeschale Kaufmann tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein — ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Jadeschale Kaufmann war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen. |
| Als Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Lung-örl das Pferd in den Stall führte und dort schon ein anderes vorfand, das er bei näherer Betrachtung als Djia Dschëns erkannte, konnte er sich denken, was hier vorging, und begab sich in die Küche, wo er richtig auf Hsi-örl und Schou-örl stieß, die schon beim Wein saßen und sich bei seinem Anblick ebenfalls ihr Teil denken konnten. „Du kommst gerade richtig!“ begrüßten sie ihn lächelnd. „Wir haben nämlich mit dem Pferd unseres Herrn nicht Schritt halten können, und um nicht gegen das nächtliche Ausgehverbot zu verstoßen, haben wir hier um ein Nachtquartier gebeten.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lung-örl: „Schlaft nur hier, es ist Platz genug auf den Ofenbetten! Mich hat mein Herr hergeschickt, um das Monatsgeld zu bringen. Ich habe es der jungen Herrin ausgehändigt und übernachte ebenfalls hier.“ „Wir haben schon eine Menge getrunken“, sagte Hsi-örl, „komm, trink auch einen Becher!“ Aber kaum hatte Lung-örl sich gesetzt und seinen Becher gehoben, hörten sie plötzlich Lärm aus dem Pferdestall. Dort wollten die beiden Pferde einander nicht an der Krippe dulden und hatten begonnen, sich mit den Hufen zu treten. Rasch setzten Lung-örl und die anderen beiden Knaben ihre Becher nieder und stürzten hinaus. Als sie die Pferde mit viel Mühe wieder zur Ruhe gebracht hatten, banden sie sie an anderer Stelle fest, dann kehrten sie in die Küche zurück. „Ihr drei schlaft hier!“ sagte Bau Örls Frau zu ihnen. „Der Tee ist auch fertig, da gehe ich jetzt.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu. Hsi-örl, der schon einige Becher getrunken hatte, konnte kaum noch aus den Augen sehen, und als Lung-örl und Schou-örl die Tür abgeschlossen hatten und sich dann wieder nach ihm umsahen, lag er stocksteif auf dem Ofenbett. Also stießen sie ihn an und baten: „Komm hoch und leg dich ordentlich schlafen! Wenn du nur an dich denkst, sind wir beide schlecht dran.“ Aber Hsi-örl erwiderte ihnen: „Heute wollen wir uns ehrlich und gerecht eine tüchtige Portion Sesambrötchen backen! Und wer den Musterknaben spielen will, dem vögele ich seine Mutter gründlich durch!“ |
Jadeschale Kaufmanns Vertrauensknabe Long'er hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Schein Kaufmann-Echts war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er [1] und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören — deshalb haben wir hier Quartier genommen." Long'er lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken — trink du eine Runde." Long'er setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Long'er und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Long'er und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich — wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Long'er und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging. |
| Lung-örl und Schou-örl merkten, daß er betrunken war, also verzichteten sie auf überflüssige Worte, bliesen das Licht aus und legten sich schlafen, so gut es ging. Auch die zweite Schwester You hatte den Lärm im Pferdestall gehört und war darüber unruhig geworden. Mit ein paar Worten lenkte sie Djia Liän ab. Djia Liän war schon nach wenigen Bechern in Frühlingsstimmung gekommen, also befahl er, den Wein und die Zuspeisen abzutragen, dann verschloß er die Tür und begann sich auszuziehen. Die zweite Schwester You trug nur eine halblange dunkelrote Jacke, und die schwarzen Wolken ihres Haares hingen lose herab. Mit ihren weingeröteten Wangen sah sie noch lieblicher aus als bei Tage. Djia Liän nahm sie in die Arme und sagte lächelnd: „Alle sagen, meine Hexe sei hübsch, ich aber finde, sie ist nicht würdig, dir die Schuhe zu reichen.“ „Ich bin zwar schön, aber ich habe keinen Charakter“, gab die zweite Schwester You zurück. „Mir scheint, die Häßlichen haben es besser.“ „Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?“ fragte Djia Liän sofort. „Ihr haltet mich alle für ein Dummchen, das von nichts eine Ahnung hat“, klagte die zweite Schwester You unter Tränen. „Wir sind jetzt seit zwei Monaten Mann und Frau, das ist keine lange Zeit, aber es reicht, um zu wissen, daß du nicht dumm bist. Ich werde dir im Leben als Mensch und im Tod als Geist gehören. Als deine Frau werde ich mich mein Leben lang auf dich stützen, wie könnte ich dir also auch nur ein Wort verschweigen?! Ich habe eine Stütze gefunden, aber was wird aus meiner jüngeren Schwester? Das, was jetzt ist, ist nichts für ewig. Es muß dauerhaft für sie gesorgt werden.“ „Sei unbesorgt!“ sagte Djia Liän und lächelte, „ich bin nicht von der eifersüchtigen Sorte. Was gewesen ist, weiß ich, darüber brauchst du nicht zu erschrecken. Es muß dir natürlich peinlich sein, daß mein Vetter der Mann deiner Schwester wird, aber ich werde die Ausnahme machen!“ |
Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Jadeschale Kaufmann mit Gerede abzulenken. Jadeschale Kaufmann aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Jadeschale Kaufmann umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause [2] sei eine Schönheit — aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Jadeschale Kaufmann fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung — es muss ein langfristiger Plan her." Jadeschale Kaufmann hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager [3] ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich. |
| Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging in den westlichen Hof, wo er durchs Fenster sah, daß die Lampen hell brannten und die beiden vergnügt beim Wein saßen. Er schob die Tür auf, trat ins Zimmer und sagte lächelnd: „Ich wollte den Herrn Vetter begrüßen, wenn er schon einmal hier ist.“ Djia Dschën brachte vor Scham kein Wort hervor und hatte keine andere Wahl, als aufzustehen und Djia Liän einen Platz anzubieten. „Was ist dir denn?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Haben wir uns nicht immer bestens vertragen? Dafür, was du für mich getan hast, würde ich mich für dich in Stücke hauen lassen, so unendlich dankbar bin ich dir. Wie könnte ich Ruhe finden, wenn du an mir zweifelst? Also benimm dich wieder wie früher, sonst komme ich nie wieder hierher, auch wenn ich dann ohne Sohn sterben muß.“ Bei den letzten Worten kniete er nieder, und verwirrt half ihm Djia Dschën wieder auf. Dabei sagte er nur: „Ich werde alles tun, was du befiehlst, Vetter.“ Sofort rief Djia Liän: „Bringt uns noch Wein, ich will ein paar Becher mit meinem Vetter trinken!“ Dann griff er nach der Hand der dritten Schwester You und forderte sie auf: „Komm her, du sollst auch einen Becher mit dem Vetter deines Mannes trinken!“ „Also, du bist ja einer!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich werde diesen Becher leeren!“ Und schon stürzte er den Wein in einem Zug hinunter. Derweilen stieg die dritte Schwester You aufs Ofenbett, wies mit der Hand auf Djia Liän und sagte lächelnd: „Spar dir deine schönen Worte und laß mich ungeschoren! Meinst du, ich wäre blind? Wenn du Schattentheater spielen willst, mußt du aufpassen, daß du nicht ein Loch in den Bildschirm reißt. Du mußt dir nichts vormachen und darfst dir nicht einbilden, wir wüßten nicht, wie es in eurem Hause zugeht. Wenn ihr beide glaubt, bloß weil ihr ein bißchen schnödes Geld ausgegeben habt, könntet ihr uns beide als Huren betrachten und herkommen, um euch mit uns zu amüsieren, habt ihr euch verrechnet. Ich weiß, daß mit deiner Frau kein Auskommen ist und daß du deshalb meine Schwester als Nebenfrau hierher gebracht hast. Aber einen gestohlenen Gong darf man nicht schlagen. Diese Frau Hsi-fëng würde ich gern einmal treffen, nur um zu sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände sie eigentlich hat. Solange ihr nur schön friedlich bleibt, soll alles gut sein, aber wenn ihr euch nur das mindeste leistet, was wir nicht hinnehmen können, bin ich imstande, euch die Gedärme herauszureißen. Und anschließend fechte ich es mit diesem Weibsstück aus, auch wenn es das Leben kostet, sonst will ich nicht länger die dritte Schwester You sein! – Wein trinken wollt ihr? Also los, trinken wir!“ Mit diesen Worten griff sie nach der Kanne, goß sich einen Becher Wein ein und trank ihn zur Hälfte aus. Dann schlang sie den Arm um Djia Liäns Nacken, flößte ihm den restlichen Wein ein und sagte: „Mit deinem Vetter habe ich schon getrunken, jetzt wollen wir es uns miteinander gemütlich machen!“ Djia Liän wurde vor lauter Schreck wieder nüchtern, und auch Djia Dschën hatte nicht erwartet, daß sich die dritte Schwester You so schamlos benehmen könnte. Beide Vettern waren aus den Freudenhäusern einiges gewöhnt, jetzt aber hatten ihnen die Worte eines jungen Mädchens die Sprache verschlagen. Die dritte Schwester You ließ jedoch nicht locker und rief nach ihrer Schwester. „Wenn wir uns schon vergnügen wollen, müssen wir es zu viert tun!“ verlangte sie. „Sagt nicht das Sprichwort ‚Bequemer als zu Hause hat man es nirgends‘? Sie sind Vettern, und wir sind Schwestern, da sind wir uns doch nicht fremd. Also komm nur!“ Der zweiten Schwester You war die Sache höchst unangenehm, und Djia Dschën glaubte, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um sich wegzustehlen, aber die dritte Schwester You ließ ihn nicht fort. Jetzt begann Djia Dschën zu bereuen, daß er überhaupt gekommen war, denn das hätte er nie erwartet, daß er und Djia Liän nicht auch mit der dritten Schwester You leichtes Spiel haben sollten. |
Jadeschale Kaufmann drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Schein Kaufmann-Echt war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Jadeschale Kaufmann sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht — selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Schein Kaufmann-Echt hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst — ich folge in allem." Jadeschale Kaufmann rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Schein Kaufmann-Echt lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst — Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Jadeschale Kaufmann und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen — aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf[4]! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen — sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Jadeschale Kaufmanns Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken — komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Jadeschale Kaufmann war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Schein Kaufmann-Echt hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden — nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Schein Kaufmann-Echt wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Schein Kaufmann-Echt bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Jadeschale Kaufmann nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen. |
| Die dritte Schwester You trug jetzt ihr Haar in einem losen Knoten, ihre dunkelrote Jacke stand halb offen, so daß ihr lauchgelbes Brusttuch und ein Streifen schneeweißes Fleisch zu sehen waren. Ihre Beine in grünen Hosen und roten Strümpfen sowie ihre ‚Goldlotos‘-Füßchen hielt sie keinen Augenblick züchtig still, mal klopfte sie damit auf den Boden, mal öffnete und schloß sie sie. Ihre Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln hin und her, ihre weidenblattförmigen Brauen wirkten im Lampenlicht wie dunkler Nebel, und ihr sandelduftender Mund schien wie mit Zinnober betupft. Ihre Augen, die sonst klar wie Herbstwasser strahlten, waren nach dem Weingenuß umflort und verführerisch. Mit all dem stellte die dritte Schwester You nicht nur ihre ältere Schwester in den Schatten, nach dem Urteil von Djia Dschën und Djia Liän verfügte keine einzige von den Frauen vornehmen und geringen Standes, die sie bisher gesehen hatten, über solche Zartheit und solchen Charme. Beide Vettern fühlten sich wie betäubt, und als sie unwillkürlich die Hände nach der dritten Schwester You ausstrecken wollten, hatte die Wollüstigkeit des Anblicks sie selbst dazu unfähig gemacht. Mühelos konnte sich die dritte Schwester You davon überzeugen, daß die beiden nichts anderes mehr kannten und nichts anderes mehr sahen als sie. Sie waren nicht einmal mehr imstande, einen vernünftigen Satz zu äußern, und alles, woran sie noch dachten, waren Wein und Lust. Sie selbst dagegen sprach laut und ungeniert, tat sich keinerlei Zwang an und hielt die beiden kräftig zum Narren. Nicht sie hatten die Männer zur Prostituierten gemacht, sie hatten sich vielmehr vor ihr prostituiert. Als die dritte Schwester You genug getrunken hatte und ihre Stimmung verflogen war, erlaubte sie den beiden nicht, länger zu bleiben, und warf sie kurzerhand hinaus. Dann verschloß sie die Tür und legte sich schlafen. |
Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Schein Kaufmann-Echt und Jadeschale Kaufmann hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen — doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus — alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen. |
| Von nun an brauchten nur die Sklavenmädchen oder die alten Sklavenfrauen etwas nicht recht zu machen, schon schimpfte die dritte Schwester You in den höchsten Tönen über Djia Liän, Djia Dschën und Djia Jung und sagte, die drei hätten eine arme Witwe und ihre verwaisten Töchter schändlich betrogen. Djia Dschën seinerseits wagte von nun an nicht mehr, ohne weiteres in die Gasse der Kleinen Blütenzweige zu kommen. Nur manchmal, wenn die dritte Schwester You in der Stimmung dazu war und ihn durch einen Sklavenjungen einladen ließ, traute er sich noch hierher und fügte sich dann stets ihren Wünschen. Die dritte Schwester You aber hatte von Natur aus die unerträgliche Neigung, sich zusätzlich zu ihrer Schönheit und ihrem Charme extravagant herauszustaffieren und mit zahllosen unzüchtigen Gesten und wollüstigen Posen, die ihr keine andere nachmachen konnte, die Männer dahin zu bringen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenlief und die Sinne ihnen schwanden, daß sie sich ihr nähern wollten und nicht durften, sie fliehen wollten und nicht konnten. Sie völlig verwirrt und kopflos zu machen, darin bestand ihr Vergnügen. Ihre Mutter und ihre Schwester bemühten sich nach Kräften, ihr dieses Benehmen auszureden, aber darauf erwiderte sie: „Du bist dumm, Schwester! Wir sind Mädchen wie Gold und Jade, wenn wir uns für nichts und wieder nichts von diesen Strolchen besudeln ließen, müßten wir ja als ganz und gar unfähig gelten. Zumal sie dieses bösartige Frauenzimmer im Hause haben, und wir nur so lange in Sicherheit sind, wie sie nichts von uns weiß. Sobald sie von uns erfährt, gibt es für sie keinen Grund, sich tatenlos mit diesem Zustand abzufinden, und es wird mit Sicherheit einen gewaltigen Skandal geben. Wer dabei überlebt und wer daran zugrunde geht, ist noch gar nicht abzusehen. Wenn ich nicht jetzt die Gelegenheit nutze, um mich über sie lustig zu machen und sie zu demütigen, um mich an ihnen schadlos zu halten, bleibt nachher von mir nur ein schlechter Ruf zurück, und zur Reue ist es dann zu spät.“ Dieser Rede entnahmen ihre Mutter und ihre Schwester, daß sie nicht gewillt war, auf sie zu hören, und damit mußten sie sich notgedrungen abfinden. In bezug auf Kleidung und Speisen wurde die dritte Schwester You von Tag zu Tag wählerischer. Gab man ihr Silber, dann wollte sie Gold, bekam sie Perlen, verlangte sie Edelsteine. Setzte man ihr fettes Gänsefleisch vor, dann ließ sie statt dessen feiste Enten schlachten, wenn sie nicht gar in Zorn geriet und die Speisen mitsamt dem Tisch umwarf. Gefielen ihr die Kleider nicht, die man ihr zuteilte, dannn zerschlitzte sie sie mit der Schere, mochten sie auch aus Seide oder Brokat sein und nagelneu. Und jeden Streifen, den sie abriß, begleitete sie mit einem Fluch. So hatte Djia Dschën keinen einzigen glücklichen Tag mit ihr und gab nur große Mengen Sündengeld für sie aus. |
Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Jadeschale Kaufmann, Schein Kaufmann-Echt und Herrlichkeit Kaufmann, alle drei — sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Schein Kaufmann-Echt wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen — und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen — nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen — das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun — sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Schein Kaufmann-Echt keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus. |
| Wenn Djia Liän kam, hielt er sich nur in den Räumen der zweiten Schwester You auf. Er bereute ein wenig, was er getan hatte, aber andererseits war nun einmal die zweite Schwester You eine sehr gefühlvolle Frau, die ihn für den Rest ihrer Tage als Herrn und Meister betrachtete und die auch stets wußte, wo ihn der Schuh drückte. Ihre Nachgiebigkeit und Friedfertigkeit waren zehnmal größer als die von Hsi-fëng, über alles und jedes beriet sie sich mit ihm und erlaubte sich nicht, auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten selbstherrlich zu entscheiden. Auch in Schönheit, Redeweise und Betragen übertraf sie Hsi-fëng noch zu fünf Zehnteln. Aber wenn sie sich auch gebessert hatte, haftete ihr doch, da sie einmal gestrauchelt war, der Makel der Unzüchtigkeit an, durch den alle ihre Vorzüge null und nichtig wurden. Djia Liän aber sagte dazu: „Welcher Mensch ist schon frei von Fehlern? Die Hauptsache ist, er stellt sie ab, sobald er sie einmal erkannt hat.“ Deshalb rührte er nicht an ihre vergangene Unkeuschheit und hielt sich nur an ihre jetzige Güte. So klebten sie aneinander wie Leim und Lack und waren so vertraut miteinander wie Fisch und Wasser. Sie waren ein Herz und eine Seele, schworen sich, miteinander zu leben und zu sterben, und für Hsi-fëng und Ping-örl war in Djia Liäns Gedanken kein Platz mehr. Noch immer redete die zweite Schwester You zwischen Decken und Kissen auf Djia Liän ein: „Berate dich mit deinem Vetter Dschën und such mit ihm zusammen einen eurer Bekannten aus, um ihn mit meiner Schwester zu verloben! Sie hier im Hause zu behalten ist auf die Dauer nicht das Richtige. Was willst du machen, wenn schließlich ein Skandal daraus wird?“ „Ich habe meinen Vetter neulich schon deswegen angesprochen, aber er will einfach nicht von ihr lassen“, berichtete Djia Liän. „Ich habe gesagt: ‚Sie ist ein schönes, fettes Stück Hammelfleisch, nur leider so heiß, daß man sich den Mund daran verbrennt, eine liebliche Rose, aber mit solchen Stacheln, daß man sich die Hände daran zersticht. Wir kriegen sie bestimmt nicht herum, darum ist die einzige Möglichkeit die, jemand zu suchen, um sie zu verloben.‘ Darauf druckste er nur herum und ließ das Thema fallen. Was also soll ich deiner Meinung nach tun?“ „Sei unbesorgt!“ sagte die zweite Schwester You. „Morgen reden wir meiner Schwester noch einmal zu, und wenn sie einverstanden ist, soll sie so weitermachen wie bisher. Wenn ihm das zuviel wird, kann er nicht anders, als sie zu verloben.“ „Völlig richtig!“ stimmte Djia Liän zu. |
Wenn Jadeschale Kaufmann kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Jadeschale Kaufmann als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Jadeschale Kaufmann sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Jadeschale Kaufmann auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen — wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Jadeschale Kaufmann sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Jadeschale Kaufmann hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan." |
| Am nächsten Tag ließ die zweite Schwester You eine besondere Weintafel herrichten, und Djia Liän ging nicht aus dem Hause. Um die Mittagszeit bat sie dann ihre Schwester herüber und nötigte sie mit der Mutter zusammen auf die Ehrenplätze. Da konnte sich die dritte Schwester You denken, worum es ging, und ohne daß ihre Schwester den Mund aufzumachen brauchte, sagte sie nach der dritten Runde Wein unter Tränen: „Wenn du mich heute eingeladen hast, Schwester, willst du bestimmt über ein wichtiges Zeremoniell mit mir sprechen. Aber ich bin keine Närrin, und so brauchen wir die häßlichen Dinge, die es gegeben hat, nicht wieder und wieder aufzuwärmen. Ich weiß das alles, und es hat keinen Sinn, noch darüber zu reden. Nachdem du deinen Platz im Leben gefunden hast und auch Mutter dadurch eine Bleibe hat, muß ich auch für mich eine Lösung finden, damit alles seine Ordnung hat. Aber diese wichtigste Entscheidung im Leben gilt bis ans Grab, und darum ist sie kein Kinderspiel. Ich habe es mir überlegt und will mich in mein Los fügen, aber ich gehe nur mit jemand, der nach meinem Herzen und meinem Sinn ist. Wenn ihr jemand aussucht, und er wäre reich wie Schï Tschung, talentiert wie Tsau Dschï und schön wie Pan Yüä, wäre mein Leben dennoch vergeudet, wenn er mein Herz nicht gewinnt.“ „Das ist kein Problem“, sagte Djia Liän lächelnd, „wen du uns nennst, der soll es sein. Alle Geschenke geben wir, auch deine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.“ Weinend erklärte die dritte Schwester You: „Meine Schwester weiß, wen ich meine, ich brauche keinen Namen zu nennen.“ Lächelnd fragte Djia Liän nun die zweite Schwester You, wer es sei, aber diese kam nicht darauf, wen ihre Schwester meinte. Während sie sich gemeinsam den Kopf zerbrachen, glaubte Djia Liän plötzlich, er müsse des Rätsels Lösung gefunden haben, darum klatschte er lächelnd in die Hände und sagte: „Ich weiß es! An ihm ist nichts auszusetzen, du hast wirklich einen guten Blick.“ Nun war es an der zweiten Schwester You zu fragen: „Wer ist es?“ „Wen soll sie wohl anders wollen? Bestimmt ist es Bau-yü!“ sagte Djia Liän lächelnd. Schon glaubten die zweite Schwester You und auch ihre Mutter, Djia Liän müsse recht haben, da spuckte die dritte Schwester You aus und fragte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müßten wir wohl zehn Vettern von euch heiraten, ja? Gibt es vielleicht außer in eurer Familie keine guten Männer mehr auf der Welt?“ Verwundert fragten sich die anderen, wen es sonst noch geben könnte, da sagte die dritte Schwester You: „Ihr dürft nicht nur in der unmittelbaren Umgebung suchen! Denk einmal daran, was vor fünf Jahren war, Schwester, dann hast du es!“ |
Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Jadeschale Kaufmann ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An [5] —, wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Jadeschale Kaufmann lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll — die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es — ich brauche es nicht zu sagen." Jadeschale Kaufmann fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Jadeschale Kaufmann: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Jadeschale Kaufmann lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Frau You hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es." |
| Kaum hatte sie das gesagt, kam plötzlich Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Hsing-örl herein und meldete: „Der alte gnädige Herr verlangt dringend nach Euch. Ich habe gesagt, Ihr wärt drüben im Haus Eures Onkels, und bin dann hierher geeilt, um Euch zu holen.“ „Hat gestern niemand nach mir gefragt?“ erkundigte Djia Liän sich rasch. „Ich habe der jungen Herrin gesagt, Ihr wärt im Familientempel, um mit Herrn Dschën noch etwas wegen des hunderttägigen Totenrituals zu besprechen und könntet wohl nicht nach Hause kommen“, berichtete Hsing-örl. |
Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er [6] herein und bat Jadeschale Kaufmann heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Jadeschale Kaufmann fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Jadeschale Kaufmann befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Long'er begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen. |
| Nun befahl Djia Liän, sein Pferd zu holen, und ritt in Lung-örls Begleitung davon, während Hsing-örl zurückbleiben mußte, um aufzuwarten, falls jemand käme. Die zweite Schwester You reichte ihm zwei Teller mit Speisen, ließ einen großen Becher bringen, den sie für ihn mit Wein füllte, und befahl ihm dann, er solle sich vor das Ofenbett hocken und essen und trinken. Dabei begann sie, ihn gründlich auszufragen. Wie alt seine junge Herrin sei, ob sie wirklich so tückisch sei, wie alt die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien, wie viele junge Fräulein im Haus seien – dies und alle möglichen anderen Familienangelegenheiten wollte sie wissen. Hsing-örl hockte lächelnd vor dem Ofenbett und aß, zugleich gab er der alten Frau You und ihren Töchtern einen ausführlichen Bericht über die Verhältnisse im Jung-guo-Anwesen. Dabei sagte er: „Ich tue Dienst am zweiten Tor, dort arbeiten wir schichtweise in zwei Gruppen zu je vier Mann, zusammen sind wir also acht. Einige von uns sind Vertraute der jungen Herrin, die andern Vertraute des jungen Herrn. Die Vertrauten der jungen Herrin wagen wir nicht herauszufordern, sie aber fordern uns heraus. Die junge Herrin selbst hat ein böses Herz und eine spitze Zunge. Unser junger Herr ist sicher nicht schlecht, aber er gilt nicht viel in ihren Augen. Dann ist da noch seine Beischläferin Ping-örl. Das ist ein guter Mensch. Obwohl sie auf der Seite der jungen Herrin steht, tut sie doch hinter ihrem Rücken viel Gutes. Die junge Herrin vergibt uns nicht, wenn wir einen Fehler gemacht haben, aber sie brauchen wir nur zu bitten, dann ist die Sache erledigt. Die junge Herrin ist in der ganzen Familie bei hoch und niedrig verhaßt, alles andere ist nur Verstellung, weil jeder Angst vor ihr hat. Eine Ausnahme bilden lediglich die alte gnädige Frau und die gnädige Frau. Und das liegt nur daran, daß niemand von den Leuten, die sie zu Gesicht bekommen, an die junge Herrin heranreicht, und weil diese ihnen ständig nach dem Munde redet. Darum wird alles getan, was sie sagt, und niemand wagt, sie zu hindern. Am liebsten möchte sie alle Ausgaben einsparen und das Silber zu einem Berg anhäufen, nur damit die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sagen, sie verstehe zu wirtschaften. Wer wüßte nicht, wie sie das Gesinde quält, nur um sich bei den Familienoberen lieb Kind zu machen. Wenn sich etwas Gutes ereignet, wartet sie nicht, bis andere es melden, sondern schiebt sich selbst damit in den Vordergrund. Wenn sich aber etwas Schlechtes ereignet, oder sie selbst hat einen Fehler gemacht, dann zieht sie den Kopf ein und wälzt alles auf andere ab. Ja, sie stellt sich noch daneben und schürt das Feuer. Selbst ihre Schwiegermutter, die erste gnädige Frau, hat nur Verachtung für sie und sagt: ‚Sie ist ein Spatz, der hoch hinaus will, eine Krähe, so schwarz wie die anderen auch. Um die eigene Familie kümmert sie sich nicht, für andere aber läuft sie sich die Hacken ab.‘ Wenn nicht die alte gnädige Frau schützend vor ihr stände, hätte sie sie längst zu sich hinübergenommen.“ „Wer weiß, wie du eines Tages von mir sprechen wirst, wenn du hinter ihrem Rücken so über sie herziehst!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Schließlich stehe ich eine ganze Stufe tiefer als sie, da wirst du wohl über mich noch mehr zu erzählen wissen.“ Sofort fiel Hsing-örl auf die Knie und versicherte: „Müßte ich nicht Angst haben, daß mich der Donner erschlägt, wenn es so wäre, wie Ihr sagt, Herrin? Es wäre für uns alle ein Glück gewesen, wenn der junge Herr gleich beim ersten Mal jemand wie Euch gefunden hätte. Dann hätten wir etwas weniger Schläge und Schelte bekommen und brauchten nicht so in Zittern und Zagen zu leben. Wer von uns Dienern des jungen Herrn lobt Euch nicht heimlich und offen für Eure heilige Tugend und Euer Mitgefühl gegen die Dienerschaft?! Wir haben schon darüber gesprochen, daß wir den jungen Herrn bitten wollen, hierher kommen zu dürfen, um Euch zu dienen.“ „Steh endlich auf, du Affenbrut!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Kaum daß man einen Scherz macht, bekommst du so einen Schreck! Was wolltet ihr hier? Ich frage mich vielmehr, ob nicht ich zu eurer jungen Herrin gehen sollte.“ „Das dürft Ihr auf gar keinen Fall!“ riet ihr Hsing-örl und winkte dabei sogar mit der Hand ab. „Das beste ist, wenn Ihr sie Euer Leben lang nicht zu Gesicht bekommt. Laßt Euch das gesagt sein, Herrin. Wenn sie auch honigsüße Reden führt, ist doch ihr Herz gallebitter. Sie ist falsch und verlogen, während sie Euch mit den Augen anlächelt, zieht sie Euch mit dem Fuß die Beine weg. Sie lodert förmlich vor Liebenswürdigkeit, doch heimlich hält sie schon den Dolch in der Hand. Sie ist einfach zu allem fähig. Wahrscheinlich kann nicht einmal die dritte Tante mit ihrer flinken Zunge gegen sie an, wie sollte ihr da ein gütiger, gesitteter Mensch gewachsen sein, wie Ihr es seid?!“ „Aber was kann sie mir anhaben, wenn ich ihr mit Respekt begegne?“ fragte die zweite Schwester You. „Ihr müßt nicht denken, daß ich vielleicht flunkere, weil ich den Wein getrunken habe“, sagte Hsing-örl. „Selbst wenn Ihr höflich und zuvorkommend seid, wird sie Euch dennoch nie in Frieden lassen, sobald sie festgestellt hat, daß Ihr schöner und beliebter seid als sie. Wenn andere eine Essigflasche sind, so ist sie ein Essigkrug, ja ein ganzer Essigkübel. Wenn der junge Herr eine von den Mägden zu aufmerksam ansieht, bekommt sie es fertig und läßt sie vor seinen Augen windelweich prügeln. Obwohl doch Fräulein Ping-örl seine Beischläferin ist, macht sie es ihr zehnmal zum Vorwurf, wenn sie in ein oder zwei Jahren auch nur einmal mit dem jungen Herrn zusammen ist. Sie hat ihr deswegen so zugesetzt, daß Fräulein Ping-örl in Wut geriet und geheult und getobt hat. ‚Ich bin schließlich nicht auf eigenen Wunsch geworden, was ich bin‘, hat sie gesagt. ‚Ihr habt mir immer wieder zugeredet, und als ich nicht nachgeben wollte, habt Ihr gesagt, das sei Auflehnung. Und jetzt kommt Ihr mir so.‘ Da hat die Herrin sie zufriedengelassen und hat sich sogar bei ihr entschuldigt.“ „Jetzt lügst du aber!“ wandte die zweite Schwester You lächelnd ein. „Was sollte so eine Hexe von einer Beischläferin fürchten?“ „Dazu sagt der Volksmund ‚Alles auf der Welt läßt sich vernünftig erklären‘“, entgegnete Hsing-örl. „Diese Ping-örl ist von klein auf ihre Magd, und von den vieren, die sie bei ihrer Hochzeit mitgebracht hat, ist sie die einzige Vertraute, die ihr geblieben ist, die andern sind verheiratet worden beziehungsweise gestorben. Zur Beischläferin des jungen Herrn hat sie sie gemacht, um zum einen zu zeigen, wie gütig sie ist, und zum andern, um das Herz des jungen Herrn zu fesseln, damit er nicht fremd geht. Außerdem gab es noch einen Grund: Nach den Regeln des Hauses bekommt jeder der jungen Herren, wenn er erwachsen, aber noch nicht verheiratet ist, zwei ‚Aufwärterinnen‘. Die hatte auch unser junger Herr, aber als die junge Herrin ins Haus gekommen war, dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr, da hatte sie die beiden unter irgendwelchen Vorwänden weggeschickt. Dagegen konnte zwar niemand gut etwas sagen, aber ihr selbst war es peinlich, und so hat sie Fräulein Ping-örl gezwungen, die Beischläferin des jungen Herrn zu werden. Dieses Fräulein Ping-örl ist ein rechtschaffener Mensch. Sie hat sich die Sache nie zu Herzen genommen und denkt auch nicht daran, die beiden gegeneinander aufzubringen. Statt dessen dient sie ihrer Herrin treu und aufrichtig, und nur deswegen wird sie von ihr geduldet.“ |
Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan — niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken — um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr — da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer[7]. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne[8]! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben — erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet." |
| „So ist das also!“ sagte die zweite Schwester You. „Aber ich habe gehört, es gibt bei euch noch eine verwitwete junge Herrin und ein paar junge Fräulein. Wie finden die sich denn damit ab, wenn die junge Herrin so gräßlich ist?“ Lächelnd klatschte Hsing-örl in die Hände und sagte: „Ihr kennt unsere junge Witwe nicht, Herrin. Ihr Spitzname ist Großer Bodhisattwa, denn sie ist der gütigste Mensch, den man sich denken kann. Außerdem gibt es in den Hausregeln auch dafür Festlegungen. Verwitwete junge Herrinnen haben sich nicht um das Hauswesen zu kümmern, sondern still und zurückgezogen ihre Witwenschaft zu pflegen. Weil viele junge Fräulein im Hause sind, hat man ihr diese anvertraut, damit sie ihnen Lesen und Schreiben, Nadelarbeiten und Sittlichkeit beibringt. Das ist ihre einzige Aufgabe, um andere Dinge kümmert sie sich nicht. Nur weil die zweite junge Herrin schon so lange krank ist und viele Dinge zu erledigen waren, hat sie eine Zeitlang ausgeholfen. Aber große Entscheidungen hat sie dabei auch nicht getroffen, statt dessen hat sie sich an die herkömmlichen Regeln gehalten, nicht so wie die zweite junge Herrin, die stets viel Gewese macht, um ihre Tüchtigkeit zur Schau zu stellen. Von unserm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“ Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun. Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï. Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“ „Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor. „Das ist es nicht“, sagte Hsing-örl und winkte ab. „Den strengen Anstandsregeln nach müssen wir uns natürlich verborgen halten, das versteht sich von selbst. Aber auch dann wagen wir nicht zu atmen, weil wir Angst haben, mit unserm Atem könnten wir das Fräulein Lin umblasen oder das Fräulein Hsüä zum Schmelzen bringen.“ |
Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein [9] — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die You-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer. |
| Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. |
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. |
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- ↑ Anspielung auf das Sprichwort „sich die Ohren zuhalten und die Glocke stehlen“ (掩耳盗铃 yǎn ěr dào líng): sich selbst etwas vormachen, indem man so tut, als wüsste niemand von der verborgenen Ehe.
- ↑ berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit
- ↑ einer von Jadeschale Kaufmanns vertrauten Burschen
- ↑ Chin. 口蜜腹剑 kǒu mì fù jiàn („Honig im Mund, Schwert im Bauch“) und 两面三刀 liǎng miàn sān dāo („zwei Gesichter, drei Messer“) — bekannte Redewendungen für Falschheit und Hinterlist.
- ↑ Chin. 醉缸 cù gāng, 醉瓮 cù wèng — „Essigkrug“ und „Essigtonne“ sind Steigerungsformen des chinesischen Ausdrucks für krankhafte Eifersucht (吃醋 chī cù, wörtl. „Essig essen“).
- ↑ Urfrühling