Hongloumeng/de/Chapter 100

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Kapitel 100

破好事香菱结深恨 / 悲远嫁宝玉感离情

h Unfall“ zu reduzieren. Djia Dschëng knallte mit der Hand auf den Tisch. „Er ist geliefert!“ Er las den Bericht zu Ende: „Der hauptstädtische Gouverneur hat folgenden Auszug das Falles verschickt: Hsüä Pan von Nanking übernachtete, als er durch die Stadt Tai-ping reiste, in Lis Hotel. Einer seiner Kellner, eingestellt beim Besitzer Li, war ein bestimmter Dschang San, mit dem Hsüä vorher nicht bekannt war. Am soundsovielten des Monats sowieso im Jahre sowieso, bestellte Hsüä Pan bei dem Besitzer etwas Wein, da er Wu Liang (ursprünglich aus Tai-ping) eingeladen hatte, mit ihm zu trinken. Als sein Gast kam, schickte er den Kellner Dschang San, ihm den Wein zu bringen. Der Wein war nicht lecker genug, und Hsüä Pan bat ihn, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Dschang San verwies darauf, daß dieser bestimmte Wein bestellt worden war, und es unmöglich wäre, ihn zu ersetzen. Hsüä Pan fand Dschangs Benehmen anmaßend und hob den Becher, um ihm den Wein ins Gesicht zu schütten. Unglücklicherweise warf er den Becher zu fest und der Becher rutschte ihm aus der Hand, gerade als Dschang seinen Kopf beugte, um ein Stäbchen vom Boden aufzuheben. Der Becher traf Dschang auf dem Kopf, es gab einen großen Blutverlust, und er starb kurz darauf. Der Besitzer Li eilte zum Schauplatz, aber es war zu spät, um zu helfen. Er informierte Frau Dschang, geborene Wang, die Mutter des Toten, die zum Hotel kam, nur um ihren Sohn bereits tot vorzufinden. Sie rief die Polizei und reichte eine Klage beim örtlichen Yamen ein. Der daraufhin handelnde Magistrat machte eine Befragung, und der Gerichtsmediziner fertigte das übliche Gutachten an. Zwei wichtige Fakten wurden jedoch ausgelassen: erstens, daß die Scheitelbein-Fraktur drei Fingerbreit lang war; und zweitens, daß Dschang auch Verletzungen am Kreuz in Höhe der Taille hatte. Der Fall wurde hoch zum Präfektur-Yamen geschickt, wo bestätigt wurde, daß Hsüä Pan nur vorhatte, den Wein zu werfen, daß der Becher aus seiner Hand gerutscht war und daß er daher den Tod von Dschang San durch einen Unfall verursacht hatte. Er wurde in der Kategorie ‚Tod durch Unfall‘ dem Gesetz gemäß behandelt, und es wurde ihm erlaubt, ein Bußgeld im Austausch zu zahlen. Der Richter hat die Beweise, die vom Angeklagten, von den verschiedenen Zeugen und von den Verwandten des Toten vorgelegt wurden, untersucht und fand, daß sie nicht widerspruchsfrei waren. Er hat auch die detaillierten Anhaltspunkte, die zu einem Totschlag führen könnten, herausgearbeitet, worin ein Kampf als ein ‚Ringen zwischen zwei Menschen‘ definiert ist, und eine Rauferei als ein ‚Kampf, in welchem die Beteiligten sich gegenseitig schlagen’. Es muß keinen Beweis eines solchen Kampfes oder Ringens geben, wenn die Verteidigung ‚Unfall-Todschlag‘ lautet. Der Fall wurde daher zum Büro des hauptstädtischen Gouverneurs zurückgegeben, um die genauen Fakten zu erheben, auf dessen Basis eine Empfehlung der Verurteilung erreicht werden konnte. Dies ist die Grundlage der endgültigen Beurteilung des Gouverneurs: Hsüä Pan war bereits betrunken, als Dschang San sich weigerte, den Wein zurückzunehmen. Er faßte Dschang an der Hand, und schlug ihm auf den Rücken in Höhe der Taille. Daraufhin begann Dschang Hsüä Pan zu beschimpfen, der dann seinen Becher auf ihn warf, der eine schwere Wunde an seinem Schädel hinterließ. Der Knochen hatte einen Riß, was schwere Verletzungen am Gehirn verursachte und zum sofortigen Tod führte. Mit anderen Worten wurde Dschangs Tod direkt durch die Wucht verursacht, mit der Hsüä Pan den Becher warf. Hsüä Pan sollte daher diese Straftat mit dem Leben bezahlen. Gemäß dem Gesetzbuch im Fall des Totschlags, soll er im Gefängnis bis zur Schwurgerichtssitzung bleiben, und dann gehängt werden. Wu Liang sollte ausgepeitscht werden und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt werden. Der Präfekt, der Kreisbeamte und die Bezirksbehörden, die die unwahre Berufung durchgeführt waren, werden gebeten... Der Bericht brach an diesem Punkt ab, mit der Bemerkung „Fortsetzung folgt“. Djia Dschëng dachte darüber nach, daß er es gewesen war, der auf Frau Hsüäs Bitte, Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt hatte, um die Anklage in Hsüä Pans Fall zu drehen. Wenn dieser Magistrat nun geschnappt worden war und Ermittlungen angestellt wurden, wäre er selbst mit hineingezogen worden. Es war sehr beunruhigend. Er las die nächste Bekanntmachung, aber es handelte sich leider nicht um die Fortsetzung. Er durchsuchte all die übriggebliebenen Artikel, ohne den Schluß des Berichts zu finden. Er war immer beunruhigter und war in Gedanken, als Li Schï-örl hereinkam und sagte: „Werden Sie, bitte, zum Yamen vortreten, um den Vizekönig zu erwarten, Herr? Seine Angestellten haben bereits zwei Mal die Trommel geschlagen.“ Djia Dschëng in Gedanken weit weg und hörte nichts davon. Li mußte sich wiederholen. „Was kann ich tun?“ murmelte Djia Dschëng zu sich selbst. „Ist irgendetwas, Herr?“, fragte Li. Djia Dschëng vertraute Li seine Angst über die Bekanntmachung an. „Sorgen Sie sich nicht zuviel darum, Herr“, sagte Li. „In der Tat, wenn Sie mich fragen, hat Herr Hsüä viel Glück gehabt. In der Hauptstadt hörte ich, daß er viele Frauen eingeladen hatte, genau zu diesem Hotel und daß sie alle zusammen trinken wollten und einen ziemlichen Krawall genau an dem Abend veranstalten wollten, als er den Kellner totgeschlagen hat. Und ich hörte, daß der lokale Mandarin nicht der einzige war, der der Familie einen Gefallen tun sollte. Anscheinend hat Herr Liän ein kleines Vermögen für den Fall gezahlt, und Bestechungsgelder an alle Yamen bezahlt, die darin ver­wickelt waren, um Herrn Pan freizubekommen. Es ist witzig, daß das Gericht dies nicht im Bericht erwähnt. Ich glaube, auf eine Weise wird so etwas einfach erwartet. Nun, diese Affäre ist ans Licht gekommen, die Leute, die darin verwickelt sind, müssen alle damit beschäftigt sein, sich gegenseitig zu decken. Sie versuchen, alles unter den Teppich zu kehren. Sie wollen es wie einen kleineren Fall der Fahrlässigkeit aussehen lassen. Dann ist das Schlimmste, was ihnen passieren kann, daß sie ihre Stellen verlieren. Sie würden niemals zugeben, daß sie Bestechungsgeld angenommen haben. Das ist viel zu ernst. Kümmert Euch nicht darum, ergattert besser die wahre Geschichte! Wir lassen den Vizekönig besser nicht länger warten. „Woher könntest Du das verstehen“, sagte Djia Dschëng, „jene örtliche Behörde fühlt sich schuldig. Um uns diesen Gefallen zu tun, hat er seine Stelle eingebüßt. Und das mag nicht einmal das Ende für ihn sein.“ – „Es ist nicht gut, sich um ihn zu sorgen, Herr“, sagte Li. „Ihre Diener warten nun eine lange Zeit. Sie gehen jetzt besser hinein, um den Vizekönig zu sehen, Herr.“ Um zu wissen, was der Vizekönig von Djia Dschëng wollte, lese man bitte das nächste Kapitel. 100. Hsiang-ling stört eine kunstvolle Verführung und ruft damit tiefen Haß hervor Bau-yü trauert ob einer weiteren Verlobung und beklagt einen bevorstehenden Abschied.

Djia Dschëng war lange Zeit beim Vizekönig, und draußen spekulierten die Diener über die Gründe für die Unterredung. Li Schï-örl wußte auch nichts und vermutete in seiner Unkenntnis, es ginge um die Hungersnot, die aus dem ländlichen Gebieten berichtet wurde und fürchtete das Schlimmste. Endlich kam Djia Dschëng heraus, Li eilte ihm entgegen und wartete nicht, bis sie zu Hause angekommen waren, sondern fragte Djia Dschëng, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten: „Warum dauerte das so lange, Herr? Ich nehme an, es ging um etwas von großer Wichtigkeit.“ Djia Dschëng lächelte: „Nicht wirklich. Es stellte sich heraus, daß der Kommandant der Haimen Region, dessen Sohn meine Tochter versprochen ist, selbst ein Verwandter des Vizekönigs ist. Er hatte ihm einen Brief geschrieben, solle ihn bitten, für mein Wohlergehen zu sorgen. Der Vizekönig war äußerst freundlich und ging sogar so weit, zu sagen: ‚Jetzt sind auch wir verwandt.‘ “ Li freute sich innerlich und fühlte sich dadurch in seinem Tun ermutigt. Er ermutigte Djia Dschëng begeistert, die Hochzeit schnell in die Wege zu leiten. Djia Dschëng dachte aber immer noch an die Geschichte mit Hsüä Pan. Der Nachrichtenaustausch zwischen der Provinz Djianghsi und der Hauptstadt war sehr langsam, und es war schwer für Djia Dschëng herauszubekommen, ob er persönlich in Hsüä Pans Probleme verwickelt war. Bei einer so großen Distanz wäre es für ihn schwierig, den Lauf der Dinge zu Hsüä Pans Gunsten zu beeinflussen. Als er zu seinem eigenen Yamen zurückkehrte, beorderte er einen Diener zur Hauptstadt, um zu erkunden, was genau passiert war, und und gleichzeitig, um der Herzoginmutter eine Nachricht über das Heiratsangebot zu senden. Falls sie zustimmen sollte, schlug er vor, daß Tan-tschun direkt zu ihm geschickt werden sollte, damit die Hochzeit vorbereitet werden konnte. Der Diener eilte schnellstmöglich in die Hauptstadt. Er berichtete zuerst Dame Wang, und dann ging er zum Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten, wo seine Erkundigungen ergaben, daß die einzige Person, die durch den Fall Hsüä Pan zu leiden hatte, der aktive Magistrat von Tai-ping war, der seine Stellung verlor, und daß Djia Dschëng nicht im geringsten verwickelt war. Der Diener schickte Djia Dschëng einen versichernden Brief zurück, blieb selber dort und wartete auf weitere Nachrichten. Der Leser erinnert sich sicherlich noch daran, wie weit Frau Hsüä gegangen war und mit welch enormen Geldbeträgen sie alle Betroffenen hatte bestechen müssen, um das Urteil eines „Unfalltodes“ im frühen Stadium von Hsüä Pans Fall zu erreichen. Sie hatte beabsichtigt, das Geld über die Geschäfte des Familienpfandhauses aufzubringen. Doch als sie von dem neuen Urteil der Strafrichter hörte, waren mehr Bestechungen nötig, brachten jedoch keinen Erfolg. Das Urteil lautete ‚Tod durch Erdrosselung‘ durch das Schwurgericht. Tag und Nacht weinte sie Tränen des Kummers und des Zornes bis zum Herbst, in dem das Urteil verkündet werden sollte. Bau-tschai besuchte sie mehrere Male und versuchte, sie zu trösten: „Bruder Pan muß unter einem unglücklichen Stern geboren sein, Mama! Er hat ja die Familie von Großvater geerbt und sollte ruhig und behaglich leben und den Reichtum schützen. Doch stattdessen muß er nach Nanking und dieses undankbare Geschäft mit Hsiang-ling machen. Er mußte vollständig für den Tod des armen Mannes büßen und es war sein Glück, daß wir in diesen Tages noch über mehr als genug Geld verfügten und ihn so frei bekamen. ‚Man könnte meinen, ein solcher Ärger sei genug gewesen, um ihn zu ändern. Man sollte meinen, er hätte das Leben danach ernster genommen und sich mehr Zeit genommen, sich um seine Mama zu kümmern. Aber nein, sobald wir hier ankamen, war es immer wieder dieselbe Geschichte. Ich hasse es, daran zu denken, wie viele Sorgen er dir bereitet hat, Mama, wie viele Tränen du seinetwegen vergossen hast. Dann war er verheiratet, und wir dachten, das Leben würde für uns nun ein wenig ruhiger. Doch das Schicksal hatte wohl etwas anderes geplant. Ausgerechnet die Frau, die er heiratete, war schrecklich mit ihrem unerträglichen Gehabe, so daß er sich vor ihr außer Haus versteckte. Und sogar das war noch nicht das Ende. Wie das Sprichwort sagt: ,Leute, die viele Feinde haben, laufen auf schmalem Grat und Zusammenstöße sind schwer zu vermeiden!‘ Es hat nur wenige Tage gedauert, bis es ein Menschenleben gekostet hat. Du und Vetter Ke habt alles Mögliche getan. Abgesehen von all dem Geld, daß es Euch gekostet hat, habt Ihr nie aufgehört, überall um Hilfe zu bitten und darüber nachzudenken, wie er frei kommen könnte. Man kann sich mit dem Schicksal nicht anlegen. Er wird den Preis für seine Untaten zahlen müssen. Die meisten Eltern benötigen im Alter die Unterstützung ihrer Kinder und sogar in armen Familien wird ein Mann sein Bestes tun, seiner Mutter eine Schale Reis zu besorgen. Doch was hat Pan getan? Er verschwendete das Glück, was er hatte und ruinierte sogar noch das Leben der Generation seiner Eltern, ließ sie sich zu Tode weinen. Ich weiß, ich sollte das nicht sagen, doch die Wahrheit ist, mein Bruder ist nicht dein Sohn, sondern dein Fluch. Wenn du die Wahrheit immer noch nicht sehen willst, wenn du vom Morgen bis zum Abend und nachts bis morgens weinst, wenn du sogar die Wutausbrüche der Schwägerin Djin-guee ertragen hast: Es bedrückt mich, dich in so einem Zustand zu sehen. Ich wünschte nur, ich könnte immer bei dir sein und helfen, Frieden zu bewahren. Doch ich kann nicht. Bau-yü würde mich niemals zurückkehren lassen, so begriffsstützig er auch sein mag. Vor ein paar Tagen schickte Herr Dschëng eine Nachricht nach Hause, um zu sagen, wie entsetzt er war, den Justizbericht zu lesen. Er hat bereits einen seiner Männer geschickt, um etwas über Pan herauszubekommen. Wie du siehst – so viele Leute versuchen, Pan aus dem Unglück herauszuhelfen, was er sich selbst eingebrockt hat. Ein Glück, daß ich letztendlich in der Nähe bei dir bin. Ich denke, wenn ich weit weg wohnte und hörte, was passiert ist, würde ich mir Sorgen um dich machen, daß du dir das Leben nimmst. Bitte, Mama, gönne dir selbst eine Ruhepause. Sei dankbar, daß Pan noch lebt. Nutze diese Gelegenheit, um Bilanz zu ziehen! Frag’ einen der langgedienten Mitarbeiter in der Firma, um herauszufinden, wem wir was schulden und was man uns schuldet und sieh, wieviel genau übrig bleibt.“ „Liebes Mädchen“, sagte Frau Hsüä weinend, „in den letzten Tagen waren wir zu sehr mit deinem Bruder beschäftigt. Wann immer du zu mir ge-kommen bist, hast du entweder versucht, mich aufzumuntern oder mir die letzten Neuigkeiten vom Yamen zu überbringen. Ich habe dir noch nicht das Schlimmste erzählt. Wir wurden aus dem Register der Hofhändler entfernt. Zwei unserer Pfandhäuser wurden verkauft, und wir haben bereits das Geld vom Verkauf ausgegeben, während der Leiter des anderen Pfandhauses mit Tausenden von Taels verschwunden ist und wir deswegen in einen weiteren Fall verwickelt sind. Dein Vetter Ke war jeden Tag fort, um Geld zu leihen. In der Hauptstadt hat er bereits Zigtausend Taels geliehen, und wir werden eine Hypothek auf unseren Anteil an unseren Grundbesitz in Nanking aufnehmen müssen, um unseren Verpflichtungen nachzukommen. Vor zwei Tagen habe ich sogar das Gerücht gehört, daß der Pfandleihhandel im Nanking bankrott gegangen ist und geschlossen wurde! Wenn das wahr ist, kann ich nicht mehr weiterleben!“ Frau Hsüä begann, hysterisch zu weinen. Bau-tschai standen auch die Tränen in den Augen, doch versuchte sie weiter, sie zu trösten: „Es hat keinen Sinn, daß du an den Finanzen zugrunde gehst, Mama; Vetter Ke wird sich darum kümmern. Ich hasse diese Angestellten, die uns verlassen, weil unser Stern sinkt. Ich kann verstehen, daß sie ihre eigene Haut retten wollen; doch ich weiß, daß manche von ihnen Außenstehende ermutigen, uns weiter zugrunde zu richten. Mein Bruder Pan hat im Laufe der Zeit viele Freunde gewonnen. Doch auch, was sie angeht, ist es Zeitverschwendung, von ihnen Hilfe zu erwarten. Für Feierlichkeiten sind sie gut zu gebrauchen. Doch beim ersten Zeichen von Ärger sind sie fort. Wenn du mich liebst, Mama, dann höre bitte auf meinen Rat! In deinem Alter ist es besser, an sich selbst zu denken und sich weniger um andere zu kümmern. Es sollte nie so weit kommen, daß du dich erkältest oder hungern mußt. Vergiß die Kleider und die Möbel! Laß Djin-guee sie haben! Du kannst nichts gegen sie tun. Nicht viele der Diener und Mägde werden bleiben wollen, also kannst du die meisten von ihnen gehen lassen. Es tut mir leid für Hsiang-ling. Nach allem, was sie ihr Leben lang hier durchgemacht hat, denke ich, solltest du sie bei dir behalten. Wenn es dir an irgendwas mangelt, kann ich immer aushelfen, vorausgesetzt, wir haben es zu Haus. Ich bin sicher, daß wir alle Wünsche erfüllen werden. Und Hsi-jën ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen. Sie weiß um unsere Probleme; in der Tat treibt ihr die geringste Erwähnung deines Namens Tränen in die Augen. Bau-yü weiß nicht so recht, was vor sich geht, also war er auch überhaupt nicht betroffen. Wenn er die Wahrheit mitbekäme, denke ich, wäre er zu Tode er­schrocken.“ – „Gute Tochter“, sagte Frau Hsüä, ohne sie zum Ende kommen zu lassen, „was immer du tust, sag’ ihm kein Wort! Er starb fast an dem Bericht über Fräulein Dai-yü. Heute geht es ihm etwas besser. Wenn er dann wegen uns vor Sorge krank würde, würde es dir noch mehr Kummer bringen! Und dann hätte ich keine Stütze mehr.“ „Daran habe ich auch gedacht“, antwortete Bau-tschai, „deswegen habe ich ihm nie etwas davon gesagt.“ Genau in diesem Moment kam Hsüä Pans Frau Djin-guee ins äußere Zimmer gerannt und schrie: „Was ist so gut daran, am Leben zu sein? Mein Mann ist ohnehin verloren. Reue hat keinen Zweck! Ich werde heute einmal eine richtige Szene machen. Ich werde zur Hinrichtungsstätte marschieren und einen Kampf anzetteln!“ Dann begann sie, ihren Kopf gegen die hölzerne Trennwand zu stoßen, bis sich ihre Frisur löste und ihre Haare wild über die Schulter hingen. Frau Hsüä konnte sie nur in sprachloser Wut anstarren, während Bau-tschai versuchte, vernünftig mit ihrer ‚lieben Schwieger-Schwester‘ zu reden, ‚ihrer guten Schwägerin’, alles ohne Nutzen. „Liebe Schwägerin“, erwiderte Djin-guee, „du bist heute nicht mehr mit uns zu vergleichen. Du und dein lieber Herr Bau-yü werdet glücklich miteinander leben, meine ich, doch ich bin ganz allein. Wozu soll ich noch mein Gesicht wahren!“ Sie kündigte ihr Vorhaben an, zu ihrer Mutter zurückzukehren und rannte auf die Straße. Glücklicherweise waren dort genug Leute, um sie aufzuhalten. Es gelang ihnen schließlich, sie zu beruhigen. Bau-tjin, die die ganze Zeit für die Vorbereitung ihrer Hochzeit bei Frau Hsüä blieb, war so entsetzt über Djin-guees Verhalten, daß sie beschloß, ihr von nun an aus dem Weg zu gehen. Immer wenn Hsüä Kë zu Hause war, wählte Djin-guee eines ihrer aufreizenden Kleider und takelte sich auf, mit schwer gepuderten Wangen, nachgezeichneten Augenbrauen, die Haare auf verlockende Weise hochgesteckt. Sie fädelte es dann ein, hinter seinen Gemächern zu laufen, wo sie extra laut hustete. Oder, wenn er zuhause war, fragte sie unschuldig, wer denn im Zimmer sei. Wenn sie ihn persönlich traf, lauerte sie ihm auf und betörte ihn mit verführerischem Geplauder, lächelte aufgesetzt, war abwechselnd fröhlich und schmollend, spielte ihren ganzen weiblichen Charme aus. Als die Mägde sahen, was sie vorhatte, zogen sie sich schnell zurück. Djin-guee machte bedenkenlos weiter, mit der Absicht, Bau-tschans Pläne, Hsüä Kë zu erobern, zunichte zu machen. Er versuchte für seinen Teil, den Umgang mit ihr zu vermeiden und, wenn es ihm nicht gelang, bemühte er sich, freundlich zu sein, er wollte nur vermeiden, daß sie durch eine direkte Ablehnung eine Szene machte. Doch Djin-guees Versessenheit machte sie für die Wahrheit blind, so daß Hsüä Kës höfliches Verhalten ihr Verlangen nur noch steigerte. Die einzige Kleinigkeit, die ihre Illusion verunzierte, war die Art, wie das Objekt ihrer Begierde sich für jede kleinste Angelegenheit seiner Hsiang-ling anvertraute. Das Sortieren, Flicken und Waschen seiner Kleider, alles wurde ihr übertragen. Und wenn sie, Djin-guee, den Raum betrat, wenn die beiden miteinander redeten, bemerkte sie, wie sie eilig ihrer Wege gingen, als wenn Eifersucht mit im Spiel wäre. Sie konnte sich einfach nicht direkt an Hsüä Kë damit wenden, aus Angst, jede Bemerkung gegen Hsiang-ling würde Hsüä Kë gegen sie einnehmen. Statt dessen entwickelte sie beständig eine tiefere Abneigung gegen ihre Rivalin. Eines Tages kam Bau-tschan in ihr Zimmer und kicherte: „Frau Pan, haben sie Herrn Ke gesehen?“ Djin-guee: „Habe ich nicht.“ Bau-tschan: „Ich sagte Ihnen, er würde uns mit seinem Gerede zum Narren halten. Wenn wir ihm etwas Wein schickten, sagt er, er tränke nicht. Doch gerade eben sah ich ihn bei Hsüäs, nach Alkohol riechend und mit rötlichem Gesicht. Wenn Sie mir nicht glauben, warum warten Sie nicht vor dem Tor auf ihn? Er wird dort entlang gehen. Halten Sie ihn an und fragen Sie ihn! Wir werden sehen, was er sagen wird.“ Djin-guee sagte genervt: „Ich bin sicher, er wird jetzt noch nicht kommen. Wozu sollen wir ihn fragen, wenn er doch kein Herz hat?“ Bau-tschan: „Jetzt seien Sie nicht dumm, Herrin. Warum es nicht ver-suchen? Wenn er spielt, können wir das auch. Wenn nicht, müssen wir uns etwas anderes ausdenken.“ Vielleicht hatte sie ja doch recht, dachte Djin-guee bei sich. Sie schickte Bau-tschan nach draußen, um nach Hsüä Kë Ausschau zu halten und ging wieder einmal zu ihrem Schminktisch. Sie öffnete den Spiegel und betrachtete sich von oben bis unten. Etwas mehr Lippenstift, ein geblümtes Taschentuch, und sie war fertig für die Schlacht. Oder beinahe fertig: Irgend etwas fehlte noch. Doch bevor sie nachdenken konnte, was dieser letzte Schliff sein könnte, hörte sie Bau-tschans Stimme draußen: „Sie sind heute aber gut gelaunt, Herr Ke! Wo haben Sie denn Wein getrunken?“ Das war das Stichwort. Djin-guee hob den Vorhang und ging gerade rechtzeitig hinaus, um Hsüä Kës Antwort zu hören: „Unser Geschäftsführer Herr Dschang feiert heute seinen Geburtstag, und ich mußte einen halben Becher mittrinken. Mein Gesicht brennt immer noch.“ Bevor er zu Ende war, folgte Djin-guees Einsatz: „Der Wein anderer Leute schmeckt wohl besser als unserer, wage ich zu sagen...“ Hsüä Kë spürte die Schärfe dieser Bemerkung und errötete noch mehr. Er ging ihr einen Schritt entgegen und sagte mit einem gewungenen Lächeln: „Aber natürlich nicht, Schwägerin.“ Nun, da die Unterredung beendet war, verschwand Bau-tschan nach innen und ließ sie allein. Djin-guee hatte beabsichtigt, ihrem Liebsten Ärger vorzutäuschen, doch das Erröten seiner Wangen und sein unschuldiger Blick hatten so etwas Jungenhaftes, daß ihr Herz schmolz und ihre gespielte Feindseligkeit schnell ins ferne Land Java verschwand. Sie lächelte. „Du meinst, du trinkst erst, wenn du gezwungen wirst?“ „Gewiß. Ich bin kein echter Trinker.“ „Ich bin froh, das zu hören. Auf jeden Fall besser als dein Vetter, der sich ständig neuen Ärger antrinkt. Wenn du später heiratest, muß deine Frau wenigstens nicht wie ich ewig einsam bleiben. Sie näherte sich ihm mit andeutungsvollen Blicken, und sie fühlte, wie ihre Wangen erröteten. Hsüä Kë sah die ernsthafte Bedrohung und beschloß, so zügig zu verschwinden, wie es nur ging. Djin-guee ahnte das und wollte ihn nicht entkommen lassen. Sie sprang zu ihm und hielt ihn fest im Griff. „Schwägerin!“, rief Hsüä Kë entrüstet, „das gehört sich nicht!“ Er zitterte am ganzen Leib. Djin-guee schlug alle Umsicht in den Wind. „Komm herein zu mir. Ich muß dir etwas Wichtiges sagen.“ Der kritische Augenblick war gerade erreicht, als eine Stimme hinter ihr rief: „Frau Pan! Es ist Hsiang-ling. Sie kommt hier lang!“ Djin-guee war erschrocken und blickte sich um. Bau-tschan hatte den Vorhang beiseite gezogen, um zu sehen, wie das Gespräch verlief. Dann wurde sie von Hsiang-ling gesehen, die aus der anderen Richtung kam und beeilte sich, Djin-guee zu warnen. Djin-guee lockerte in ihrer Panik ihren Griff, und Hsüä Kë nutzte seine Chance zu entkommen. Hsiang-ling hatte selbst nichts bemerkt und ging unschuldig ihrer Wege, bis sie Bau-tschan rufen hörte, sich umblickte und zu ihrem Entsetzen Djin-guee sah, die Hsüä Kë in ihr Gemach zu drängen versuchte. Hsiang-ling drehte sich sofort um und begann mit pochendem Herzen in die Richtung zurückzugehen, aus der sie gekommen war. Djin-guee stand dort eine Weile und starrte in wütender Bestürzung dem flüchtenden Hsüä Kë nach. Dann schnaufte sie laut enttäuscht und kehrte in ihre Gemächer zurück. Seitdem haßte Djin-guee Hsiang-ling bis aufs Mark. Hsiang-ling, die eigentlich auf dem Weg zu Bau-tjin war, als sie auf die beiden gestoßen war, eilte erschrocken zurück in ihr Zimmer. Später am selben Tag war Bau-tschai in den Gemächern der Herzogin­mut­ter und hörte die Dame Wang von der Verlobung sprechen, die Djia Dschëng für Tan-tschun vorgeschlagen hatte. „Ich hörte, daß dieser Junge auch aus Nanking stammt und schon einmal bei uns zu Besuch war“, sagte die Herzoginmutter. „Ich kann nicht verstehen, warum Dschëng nie etwas erwähnt hat.“ „Wir wissen auch nichts darüber“, sagte die Dame Wang. „Ich sehe darin durchaus Vorteile“, sagte die Herzoginmutter. „Meine einzigen Bedenken liegen in der Entfernung. Ich weiß, daß Dschëng zur Zeit dort angestellt ist. Doch angenommen er siedelt um, dann wäre Tan sehr isoliert.“ „Bei Beamten kann man nie wissen, wo sie eingesetzt werden“, antwor­te­te die Dame Wang. „Der Vater des Jungen könnte auch zurück in die Hauptstadt berufen werden. Auch wenn nicht, wird auf die eine oder andere Weise, wie man sagt, das fallende Blatt zur Wurzel zurückkehren‘. Nebenbei

Aus: Jinyuyuan 1889b. ist Dschëngs Vorgesetzter für die Hochzeit, und es wird sehr schwer für ihn ab­zulehnen. Ich glaube, er hat das Ganze bereits mehr oder weniger durch­dacht und hat dir nur wegen einer förmlichen Absegnung geschrieben, Mut­ter.“ „Wenn ihr beide dafür seid“, sagte die Herzoginmutter, „dann ist es schön und gut. Dennoch bekümmert es mich, daran zu denken, wie lange es dauern kann, bis Tan uns besuchen kommt. Wenn es länger als ein oder zwei Jahre dauert, werde ich nicht mehr lang genug leben, um sie wiederzusehen.“ Sie weinte, während sie sprach. „Eine Heirat ist etwas, das Mädchen geschieht, wenn es erwachsen wird“, sagte die Dame Wang, „und sogar wenn die Familie des Mannes aus dem Ort kommt, kann man nie sicher sein, daß die beiden dort bleiben. Falls er nämlich später Beamter wird, kann er auf eine Stelle in der Ferne berufen werden. Wichtig ist doch nur, daß sie miteinander glücklich werden. Nimm Ying-tschuns Fall. Ihr Ehemann wohnt in der Nähe, doch das ist nicht zu ihrem Glück. Man hört oft, daß sie von ihrem Mann geschlagen wird und noch nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, erhält sie nicht einmal zu sehen, geschweige denn zu berühren. Und wie ich höre, wird es sogar noch schlimmer. Er verbietet ihr, uns zu besuchen, und wenn die beiden streiten, behauptet er, wir würden sein Geld benutzen. Armes Kind! Ihre Zukunft sieht finster aus. Vor ein paar Tagen habe ich an sie gedacht, und schickte ein paar Angestellte zu ihr, um im Sonnenhaus vorbeizuschauen. Ying-tschun versteckte sich im Nebenraum und wollte nicht kommen, um sie zu sehen. Sie bestanden darauf einzutreten und fanden sie bei dieser bitteren Kälte mit nichts an außer ein paar abgenutzten, alten Kleidern, das arme Ding. Sie brach vor ihnen zusammen und flehte sie an, von ihrem Elend nicht zu Hause zu berichten. ‚Es ist mein Schicksal, so zu leiden‘ sagte sie. Und wir sollten ihr keine Kleidung und kein Essen mehr schicken. Es erreiche sie nichts, und ihr Mann würde sie dafür nur ein weiteres Mal schlagen, weil sie sich anscheinend bei uns beschwert habe. ‚Du siehst, Mutter, Ying-tschun ist zwar in der Nähe, doch die Nähe macht es nur noch schwerer, das zu ertragen. Ihre Schwiegermutter stellt sich blind, und ihr Schwiegervater weigert sich, überhaupt einzugreifen. Sie ist schlimmer dran als eine deiner niedrigsten Mägde.‘ “ Obwohl Tan nicht meine eigene Tochter ist, bin ich sicher, daß Dschëng nur das Beste für sie tun will. Er hat den Jungen offensichtlich gesehen, und es muß wohl eine gute Partie sein. Deshalb hoffe ich, daß du zustimmst, dann können wir ihr einen glücklichen Tag für eine Reise aussuchen und eine angemessene Eskorte schicken, die sie zu Dschëngs offizieller Residenz begleitet. Ich bin sicher, Dschëng wird dafür sorgen, daß alles ordentlich vorbereitet ist.“ „Dann ist es gut,“ stimmte die Herzoginmutter zu. „Setze Dschëngs Idee um, und ich überlasse es dir, die nötigen Maßnahmen zu treffen. Wähle einen angemessenen Tag für die lange Reise. Gut, damit ist die Angelegenheit beschlossen.“ „Ja, Mutter.“ Bau-tschai konnte alles deutlich hören und dachte, obwohl sie keinen Laut des Protestes von sich gab, traurig bei sich: ‚Tan ist eine unserer Besten. Jetzt wird sie auch noch verheiratet und weit weg geschickt. Jetzt geht einer nach dem anderen.‘ Wie sie sah, daß die Dame Wang sich erhoben hatte, um aufzubrechen, begleitete sie Bau-tschai aus dem Zimmer und kehrte umgehend in ihre Gemächer zurück. Sie sagte Bau-yü nichts von Tan-tschuns Verlobung, aber erzählte es später Hsi-jën, als sie sie allein beim Nähen fand. Hsi-jën war auch sehr unglücklich über die Neuigkeiten. Frau Dschau dagegen war positiv überrascht. ,Das Mädchen hat mir nichts als Geringschätzung entgegengebracht‘, dachte sie bei sich. ,Niemand würde meinen, daß ich als ihre Mutter von ihr schlechter behandelt werde als eine ihrer Mägde! Sie versucht immer andere zu unterstützen, nur nicht ihre eigene Mutter oder ihren Bruder. Wenn sie im Weg stünde, würde Huan-örl niemals die Gelegenheit haben, überhaupt irgendwohin zu kommen. Wenn ihr Vater nach ihr schickt, bin ich froh, sie los zu sein! Ich habe längst aufgegeben, von ihr Respekt zu erwarten. Ich hoffe, es wird ihr so elendig wie Ying-tschun ergehen. Ich wäre zu froh, das zu sehen.‘ Sie eilte hinüber zu Tan-tschuns Gemächern, um ihre ,Glück­wün­sche‘ zu überbringen. „Mädchen, du bist jemand, der bald nach oben kommt!“ frohlockte sie. „Bei deinem Verlobten ist selbstverständlich alles besser als hier. Ich denke, du freust dich darüber. Ich habe dich so viele Jahre ernährt und großgezogen und habe nichts von deinen Vorzügen genießen können. Wenn ich als Mutter auch sieben Zehntel schlecht gewesen sein mag, so gab es doch drei Zehntel Gutes. Bitte vergiß mich nicht, wenn du fortgegangen bist.“ Tan-tschun verweigerte trotzig ihre Antwort und behielt ihren Kopf still über der Nadelarbeit geneigt. Frau Dschau war sichtlich brüskiert und verließ den Raum voller Groll. Tan-tschun sah, wie lächerlich das Verhalten ihrer Mutter war, doch hinterließ es sie zornig und verletzt, sodaß sie für einen Moment im Stillen weinte. Zuletzt ging sie ermüdet und niedergeschlagen hinaus und dachte, sie würde gern bei Bau-yü vorbeischauen. „Erzähl’ mir, Tan“, sagte er, als sie seine Gemächer betrat, „ich weiß, daß du bei Kusine Dai-yü warst, als sie starb und daß du in der Ferne Musik vernommen hast. Glaubst du, es steckt ein unerklärliches Geheimnis dahinter? Denkst du, Kusine Dai-yü war wirklich eine Fee und daß sie bei ihrem Tod lediglich zu ihrem himmlischen Wohnsitz zurückkehrte?“ Tan-tschun lächelte, „das denkst du dir wohl so. Dennoch war es eine seltsame Nacht, das ist wahr; und eine solche Musik hatte ich noch nie zuvor gehört. Wer weiß, vielleicht hast du ja recht.“ Bau-yü sah dies als Bestätigung seiner Annahme. Er erinnerte sich an die Worte des Mannes, dem er in einem merkwürdigen Traum vor ein paar Monaten begegnet war. Dieser hatte gesagt, Dai-yü sei ,kein gewöhnlicher Schatten einer gewöhnlichen Sterblichen‘, sondern ,eine Überirdische, die auf Erden zu Besuch war‘. Das erinnerte ihn plötzlich wieder an die Mondgöttin in der Theatervorführung, die er letztes Jahr gesehen hatte. Die Göttin und Dai-yü besaßen dieselbe Schönheit, trugen das gleiche die Weiblichkeit betonende Gewand und hatten beide dieselbe überirdische Ausstrahlung... Nach einer Weile, nachdem Tan-tschun gegangen war, spürte er den plötzlichen und überwältigenden Drang, Dsï-djüan in seiner Nähe zu haben, und bat die Herzoginmutter, sie in seine Gemächer bringen zu lassen. Dsï-djüan wollte eigentlich nicht zu Bau-yü, doch sie konnte sich kaum einer Anordnung, die von der Herzoginmutter und der Dame Wang kam, verweigern. Wann immer sie bei Bau-yü war, konnte sie nur seufzen, auf eine Art, die sowohl Kummer für ihre Herrin als auch Mißbilligung gegenüber Bau-yü ausdrückte. Hinter dem Rücken der anderen bettelte Bau-yü sie immer an, um etwas über Dai-yü zu erfahren. Sie wußte nicht so recht, was sie sagen sollte. Bau-tschai beobachtete dieses und beschimpfte sie nicht, sondern lobte sie vor anderen stets für ihre Treue gegenüber ihrer Herrin. Bau-tschai hielt dagegen Hsüä-yän, die ja durchaus ihren Einsatz bei den Hochzeitsränken gezeigt hatte, für ein dummes Mädchen. Sie bat die Herzoginmutter und die Dame Wang, sie mit einem der Pagen zu verheiraten, daß sie dann für sich leben könnten. Die Dame Wang hielt daran fest, Dai-yüs Sarg zu einem späteren Zeitpunkt in den Süden zu begleiten, während Ying-ge und die anderen Dienstmädchen Dai-yüs in den Gemächern der Herzogin­mut­ter weiter arbeiteten. Bau-yüs Trauer um Dai-yü und sein allgemeiner Trübsinn wurden noch verstärkt, als er darüber nachdachte, daß die verbliebenen Angestellten der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß wie Wolken in alle Winde zerstreut wurden. Damit erschien ihm ihr Tod plötzlich noch fragwürdiger, so fragwürdig, daß er gar keinen Grund für ihn finden konnte. Plötzlich dachte er daran, daß er gehört hatte, wie klar ihr Verstand war, als sie starb. Er dachte, dies müsse daran liegen, daß diese Unsterbliche wieder in ihre überirdischen Gefilde zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn fröhlicher. Allerdings hörte er in diesem Moment Bau-tschai und Hsi-jën im Nachbarraum über die bevorstehende Hochzeit von Tan-tschun reden. Mit einem Schrei der Bestürzung sank er nieder und weinte auf dem Ofenbett. Bau-tschai und Hsi-jën eilten herbei, um ihm zu helfen mit Rufen wie „Was ist los?“, doch er war zu verwirrt, um zu antworten. Nach einer Weile hatte er sich ausreichend gefaßt, um zu sprechen: „Das war der letzte Schlag, nacheinander werden meine Geschwister und Kusinen von mir genommen, Kusine Dai-yü ist eben in die überirdischen Gefilde zurückgekehrt; meine älteste Schwester ist tot – das ist nicht so schlimm, da wir ja nicht jeden Tag zusammen waren; meine zweitälteste Schwester Ying ist an diesen verdammten Dreckskerl gebunden, und jetzt wird Tan für ihre Hochzeit an das Ende der Welt geschickt, und ich werde sie niemals wiedersehen! Und Schwester Schï Hsiang-yün, wer weiß, wo sie enden wird? Hsüä Bau-tjin ist auch bereits verlobt und wird nicht länger bei uns bleiben. Wird keiner verschont? Wird keiner mehr dableiben? Was mache ich hier alleine?“ Hsi-jën war mit ihren tröstenden Worten am Ende, doch Bau-tschai beruhigte sie mit einem Wink ihrer Hand: „Du brauchst ihn nicht beruhigen. Laß mich ihm stattdessen lieber eine Frage stellen.“ Sie wandte sich an Bau-yü: „Was genau möchtest du eigentlich? Erwartest du von all deinen Schwestern, daß sie zuhause bleiben, bis du alt wirst? Das ist eine Sache des ganzen Lebens und der Zukunft. Wir sprechen hier über andere, die haben ihre eigenen Gedanken und Pläne. Wenn deine Geschwister in der Ferne verheiratet werden, gibt es darüber nicht viel zu sagen. Das ist Sache deines Vaters, was könntest du denn schon dagegen ausrichten? Du bist nicht der einzige Mensch auf der Welt, der seine Kusinen liebt. Doch wenn jeder mit solchen Gefühlen sich so benähme wie du, dann würde auch ich jetzt nicht mehr hier bei dir leben. Mein edler Herr sollte durch das Studium der Bücher eigentlich klug geworden sein. Doch du fängst an, völlig verwirrt zu sein! Wenn du wirklich so denkst, könnten Hsi-jën und ich auch gehen und irgendwo anders leben. Dann kannst du deine Kusinen und Schwestern wieder bitten herzukommen, daß sie sich um dich kümmern.“ Als Bau-yü dies hörte, nahm er beide an der Hand: „Ich weiß, ihr habt ja recht. Doch warum muß das alles so früh passieren? Konnten sie nicht warten, bis ich zu Staub zerfallen bin!“ Hsi-jën legte ihre Hand auf seinen Mund: „Da haben wir es! Noch mehr Unsinn! Sie haben gerade begonnen, sich zu erholen und Ihre Frau bekommt wenigstens wieder etwas Appetit. Wenn Sie noch eine Szene machen, dann werde ich mich nicht mehr um Sie kümmern.“ Bau-yü wußte, daß beide eigentlich etwas Vernünftiges gesagt hatten. Doch in seinem Herzen fand er keinen Zugang zu ihrer wohlbedachten Ansicht. „Was ihr sagt, ist ja vollkommen richtig,“ jammerte er, „doch was kann ich tun? Ich fühle mich so erbärmlich.“ Bau-tschai sagte nichts weiter, doch schickte die heimlich Hsi-jën, ihm ein Beruhigungsmittel zu besorgen. Sie versuchten ihr Bestes, um ihn zu beruhigen, und Hsi-jën schlug Bau-tschai vor, daß sie Tan-tschun bitten sollte, Bau-yü vor ihrer Abreise nicht mehr aufzusuchen. „Es gibt keinen Grund zur Sorge“, sagte Bau-tschai. „In ein oder zwei Tagen, wenn er wieder zur Vernunft gekommen ist, wäre es bestimmt gut, sich mit ihm ausgiebig zu unterhalten. Tan-tschun ist eine äußerst intelligente Person und nicht der Mensch, der anderen etwas vormacht. Ich bin sicher, sie wird ihm einen guten Rat geben und ihn belehren, nicht weiter so zu denken.“ Währenddessen kam Yüan-yang mit einer Nachricht von der Herzoginmutter, die eben erst von Bau-yüs Rückfall gehört hatte. Hsi-jën sollte ihn trösten und ihm auf keinen Fall erlauben, sich aufzuregen. Hsi-jën versicherte Yüan-yang, daß sie die Anweisungen der Herzoginmutter befolgen werde und, nachdem sie eine Weile zusammen gesessen hatten, kehrte Yüan-yang zurück. Die Herzoginmutter war auch mit den Vorbereitungen für Tan-tschuns Abreise befaßt. Obwohl Tan-tschun nicht mit der vollständigen Aussteuer reisen würde, wollte man trotzdem alles Notwendige vorbereiten. Die Herzoginmutter schickte nach Hsi-fëng, berichtete ihr von Djia Dschëngs Entscheidung und übertrug ihr die Planung. Hsi-fëng übernahm diese Verantwortung. Doch um herauszubekommen, wie sie das bewerkstelligte, muß man das nächste Kapitel lesen. 101. Im Garten des Großen Anblicks wiederholt eine Mondlichterscheinung eine uralte Warnung Im Konvent der Verstreuten Blumen prophezeien die Schicksalsstäbe ein seltsames Omen.

Hsi-fëng kehrte in ihre Gemächer zurück und wie sie sah, daß Djia Liän noch nicht zu Hause war, begann sie, die Vorbereitungen für Tan-tschuns Gepäck und Aussteuer zu betreuen. Am späteren Abend, als die Dämmerung in Nacht überging, kam sie plötzlich auf die Idee, Tan-tschun zu besuchen. Sie trug Fëng-örl und zwei anderen Mägden auf, sie zu begleiten und schickte eine von ihnen mit einer Laterne voraus. Wie sie hinausgingen, hatte sich bereits ein strahlender Mond erhoben, so klar wie Wasser, und Hsi-fëng sagte der Magd, welche die Laterne hielt, daß sie sie nun nicht mehr bräuchte und daß sie nach Hause gehen könne. Dann, als sie am Fenster des Teehauses vorbeigingen, wo die Dienstboten sich öfter aufhielten, hörte sie, wie drinnen geredet wurde. Es schien eine belebte Diskussion in Gang zu sein, unterbrochen von gelegentlichem Schluchzen oder Gelächter. ‚Die Ammen scheinen sich für eine Plauderrunde getroffen zu haben‘, Hsi-fëng fühlte sich ein bißchen beunruhigt und schickte Hsiau-hung hinein, um sich scheinbar unbeteiligt unter ihnen umzuhören. „Hör’ gut zu“, sagte sie, „misch dich unter sie und find heraus, worüber sie reden.“ – „Ja, Herrin“, sagte Hsiau-hung und folgte ihrem Auftrag. Hsi-fëng ging weiter in Richtung des Gartens, nur noch in Begleitung von Fëng-örl. Das Tor stand halb offen, und Herrin und Magd konnten es leicht öffnen und eintreten. In dem Garten schien alles unter dem Mondlicht noch klarer und heller als draußen, und der Boden war mit den langen und tiefen Schatten der Bäume bedeckt. Die tiefe Stille wirkte extrem einsam und trostlos. Sie wollten gerade den Weg zum Heiteren Herbstatelier nehmen, als ein Windstoß durch die Bäume wehte, eine Menge Blätter herabfallen ließ, die mit einem raschelnden Geräusch durch die Zweige fielen, das die Krähen weckte und andere dort überwinternde Vögel auffliegen ließ. Hsi-fëng hatte früher am Abend etwas Wein getrunken. Wie der Wind sie nun streifte, begann zu zittern vor Kälte. „Wie kalt!“, sagte Fëng-örl von hinten und versuchte, sich warm zu rubbeln. Die Kälte war zu viel für Hsi-fëng. „Du solltest besser direkt nach Hause gehen und meine ärmellose Hermelinjacke holen. Ich warte auf dich bei Fräulein Tan.“ Feng war froh, für sich selbst etwas Wärmeres zum Anziehen besorgen zu können, nickte und rannte sofort los. Hsi-fëng war stehen geblieben und glaubte, etwas hinter sich gehört zu haben, ein seltsames Geräusch, wie das Schnüffeln eines Tieres. Ihre Haare standen zu Berge und beim Zurücksehen, erblickte sie etwas Schwarzes und Schimmerndes, eine Nase, spitz zulaufend, in ihre Richtung schnaubend und zwei Augen, die wie Laternen glühten. Sie war starr vor Schreck und stieß einen Hilfeschrei aus. Dann sah sie die Kreatur– sie konnte erkennen, daß es eine Art großer Hund war, nicht weit von ihr entfernt, einen buschigen Schwanz hinter sich her ziehend. Er sprang auf einen Erdhügel, stand stocksteif und drehte sich wieder zu ihr, seine Vorderpfoten wie einen grotesken Gruß in die Luft hebend. Hsi-fëng war in einem Zustand äußerster Panik und schüttelte sich hy­ste­risch – sie eilte so schnell sie konnte in Richtung des Heiteren Herbstateliers. Sie hatte beinahe ihr Ziel erreicht und verbarg sich hinter einem Fels, als sie den flüchtigen Blick eines Menschenschattens wahrnahm, der ihr entgegenkam.