Hongloumeng/de/Chapter 102

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 102 · 103 · 104 · 105 · 106 · 107 · 108 · 109 · 110 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 102

宁国府骨肉病灾祲 / 大观园符水驱妖孽

te Bau-tschai. „Sie sagte, daß du und Kusine Hsi-fëng dem zustimmen würden.“ „Ja. Um ehrlich zu sein, Hsi-fëng hat mit mir gesprochen. Ich dachte, es sei der Rede nicht wert und habe deshalb nichts dagegen eingewandt. Dennoch halte ich es für wichtig, dich zu warnen. Das Mädchen erscheint mir nicht sehr vertrauenswürdig. Sie könnte Ärger verursachen. Früher waren einige der Dienstmägde von Bau-yü wie Füchse, ich habe sie entlassen. – Ich bin sicher, du hast davon gehört. Ich schickte dich nach Hause, daß du mit deiner Mutter leben solltest. Jetzt, da du und Bau-yü verheiratet seid, sieht das Ganze etwas anders aus. Doch ich fühle, ich muß es dir erzählen, daß du ein Auge auf sie wirfst. Bedenke, Hsi-jën ist die einzig zuverlässige Magd in deinen Gemächern!“ – „Ja, Mutter.“ Bau-tschai blieb noch eine Weile und ging dann. Nach dem Abendessen besuchte sie Tan-tschun und unterhielt sich lange mit ihr, spendete ihr so viel Trost und erteilte ihr soviele Ratschläge, wie sie konnte. Doch dies müssen wir nicht bis ins kleinste Detail ausführen. Der nächste Tag war der Tag von Tan-tschuns Abreise, und sie kam noch einmal, um sich von Bau-yü zu verabschieden. Er empfand diesen Abschied als sehr schmerzhaft, wie zu erwarten war. Doch als sie ihm ruhig und philosophisch von ihren ‚Verpflichtungen im Leben‘ erzählte, war er schließlich, obwohl er den Kopf zunächst hängen ließ, doch ein wenig heiterer gestimmt. Tan-tschun war erleichtert, daß er in der Lage schien, ihre Zukunft weniger tragisch und in einem helleren Licht zu sehen; und nachdem sie sich von dem Rest der Familie verabschiedet hatte, stieg sie in ihre Sänfte und begab sich auf die lange Reise, die sie über Land und Wasser in den Süden führen würde. Der Garten des Großen Anblicks, einst Heimstatt einer ausgewählten Gesellschaft junger Damen, Schwestern und Kusinen, war seit dem Tod der Kaiserlichen Konkubine verwaist, um allmählig zur Ruine zu werden: Mit Bau-yüs Hochzeit, Dai-yüs Tod und der Abreise von Hsiang-yün und Bau-tjin wohnten immer weniger darin. Dann, als das kalte Wetter einsetzte, zogen Li Wan, ihre Kusinen Li-tji und Li-wën, Hsi-tschun und Tan-tschun sich alle in ihre vorherigen Wohnsitze zurück und versammelten sich nur zusammen im Garten, um sich an besonders angenehmen oder mondhellen Nächten dort zu amüsieren. Ohne Tan-tschun daheim und dem noch genesenden Bau-yü, der drinnen blieb, gab es keinen mehr, der die Vergnügen des Gartens genießen konnte. Es wurde ein verlassener Ort, es lebten nur noch diejenigen dort, die ihn pflegten. Am Tag von Tan-tschuns Abreise kam You-schï noch zum Jung-guo-Anwesen, um sie zu verabschieden. Als sie nach Hause ging, war es bereits spät, und sie entschied, sich den Aufwand, eine Kutsche zu besorgen, zu sparen, indem sie durch den Garten ging; sie benutzte dabei das Seitentor, welches zum Ning-guo-Anwesen führte. Als sie hindurch ging, war sie erschlagen von der verlassenen Aura, die den Ort umgab. Die Gebäude waren unverändert, doch sie bemerkte, daß ein Streifen Land an der Innenseite der Gartenmauer bereits in eine Art Gemüsebeet umgewandelt worden war. Ein tiefes Gefühl der Melancholie überkam sie. Zu Hause angekommen, wurde sie von einem Fieber befallen. Obwohl sie es innerhalb weniger Tage bekämpft hatte, mußte sie sich noch im Bett erholen. Tagsüber war das Fieber kaum spürbar, doch nachts wurde es fast unerträglich, sie fiel ins Delirium und führte verworrene Selbstgespräche. Vetter Dschën schickte sofort nach einem Arzt, der verkündete, sie habe sich erkältet, wobei auch einige Komplikationen entstanden seien. Die Füße, der Magen-Darm-Bereich und der Kopf seien betroffen. Dies erklärte ihr wirres Gerede und die Halluzinationen. Sie würde sich erholen, sobald sich ihre Därme entleert und ihr Blick wieder klar geworden sei. You-schï nahm zwei Dosen der vom Arzt verschriebenen Medizin, doch es gab kein Zeichen der Besserung. Sie war sogar noch verstörter als zuvor. Vetter Dschën war nun ernstlich betroffen und schickte nach Djia Jung: „Besorge die Namen einiger guter Ärzte in der Stadt und hole schnell einen. Wir brauchen eine zweite Meinung.“ – „Doch der Arzt, der zuletzt hier war, ist derzeit sehr angesehen,“ gab Djia Jung zu Bedenken. „Es scheint mir, daß in Mutters Fall keine Medizin helfen wird.“ – „Wie kannst du so etwas sagen!“, rief Vetter Dschën. „Wenn wir ihr keine Medizin mehr geben, lassen wir sie dann einfach sterben?“ – „Ich sagte nicht, man könne ihr nicht helfen“, sagte Djia Jung. „Was mir durch den Kopf ging, war: als Mutter letztlich zum Jung-guo-Anwesen gegangen war, kam sie durch den Garten zurück. Und das Fieber begann, als sie zu Hause angekommen war. Möglicherweise ist sie auf ihrem Weg einem bösen Geist begegnet und ist nun besessen. Zufälligerweise kenne ich einen hervorragenden Wahrsager, mit dem Namen Mau Ban-hsiän. Er kommt aus dem Süden und ist eine Art Fachkundiger des Buches der Wandlungen. Ich denke, wir sollten ihn zuerst um Rat bitten. Vielleicht kann er etwas Licht ins Dunkel bringen. Wenn das nichts bringt, dann suchen wir eben einen weiteren Arzt auf.“ Vetter Dschën stimmte zu, und sie riefen sofort den Wahrsager. Als er kam, saßen er und Djia Jung zusammen im Arbeitszimmer. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, begann Mau Ban-hsiän seine Ansprache: „Wofür wollen mein verehrten Klienten die Wandlungen anrufen?“ „Es betrifft meine Mutter“, sagte Djia Jung, „sie ist erkrankt. Könnten sie einen Heilsspruch aus den Wandlungen für sie suchen?“ – „Gewiß“, antwortete Mau. „Zuerst brauche ich sauberes Wasser, in dem ich meine Hände waschen kann. Könnte mir dann jemand etwas Räucherstäbchen entzünden und einen kleinen Altar aufstellen? Dann kann ich mir den Spruch herauslesen.“ Die Diener führten die Anweisungen aus, und Mau holte aus seiner Brusttasche einen Spruchstäbchenhalter heraus, näherte sich dem Altar, nachdem er seine tiefe Verehrung bezeugt hatte, schüttelte er den Zylinder und sprach dabei folgendes Gebet: „Im Namen des Höchsten Endgültigen, des Yin und des Yang, und der sich ergänzenden Kräfte des Kosmos, im Namen des Heiligen Zeichens, das den Großen Fluß befestigte, welches die Myriaden Verwandlungen des Universums verkörpert und der Heiligen, die in ihrer Weisheit keine sichere Anfrage unbeachtet lassen: hier, in aufrichtigem Glauben, Herr Djia, zum Anlaß der Krankheit seiner Mutter, befragt demütig die Vier Weisen, Fu Xi, den König Wën, den Herzog von Dschou und Konfuzius, von ihren Höhen herabzuschauen und diesem aufrichtigen Gebet eine Antwort zu gewähren. Wenn Böses verborgen liegt, so bringt das Böse ans Licht; wenn Gutes, dann zeigt das Gute. Zuerst erbitten wir, die drei Linien des niederen Trigramms zu erfahren.“ Er drehte den Zylinder herum und die Münzen fielen auf die Ablage. „Ah! Überaus nützlich: für das Erste haben wir ein sich bewegendes Yin.“ Der zweite Wurf ergab ein ruhendes Yang, das Dritte ein weiteres sich bewegendes Ying. Die Münzen auflesend sagte Mau Ban-hsiän: „Das Niedere Trigram wurde übermittelt. Nun laßt uns die drei Linien des Oberen Trigrams erfragen und das Hexagram ist vollständig.“ Diese fielen wie folgt: Yang ruhend, Yin ruhend, Yang ruhend. Mau Ban-hsiän räumte den Zylinder mit den Münzen wieder in die Verpackung und setzte sich. „Wir wollen uns setzen“, sagte er, „laßt uns dies ausführlich überdenken. Wir haben hier das vierundsechzigste Hexagramm ‚Vor der Vollendung’: Die Linie mit der größten Bedeutung für euch und eure Generation ist die dritte, mit Feuer am siebenten Zweig Wu und der Signatur „Ruin“. Das bedeutet mit Sicherheit, daß ein finsteres Unglück bevorsteht. Ihr habt mich beauftragt, die Wandlungen bezüglich der Krankheit eurer Mutter zu befragen; große Aufmerksamkeit sollte man daher dem elterlichen Ersten entgegenbringen, welcher das Zeichen ‚Spektrum‘ beinhaltet, so wie das fünfte. Es scheint, daß Ihre Mutter ernstlich erkrankt ist. Doch es wird sich alles zum Besseren wandeln. Das derzeitige Unglück hängt mit Wasser am ersten Zweig Zi und am zwölften Zweig Hai zusammen; doch wenn dieses Element schwindet, kommt mit dem dritten Zweig Yin Holz und dann Feuer. Das Zeichen ‚Nachkommen‘ am Dritten wirkt dem spektralen Einfluß entgegen und mit der erneuernden Kraft der fortlaufenden Entwicklung der solaren und lunaren Körper, sollte in zwei Tagen das „Spektrum“ eigentlich mit dem Wasser des ersten Zweiges Zi zusammentreffen und Leere erzeugen und am Tag Xu wird alles gut ausgehen. Doch ich sehe, daß das elterliche Erste weitere spektrale Wandlungen beinhaltet. Ich fürchte, euer Vater könnte selbst betroffen werden. Und Ihre eigene persönliche Linie besitzt eine ernste Konzentration ‚Ruin’. Wenn das Wasser seinen Zenit erreicht und die Erde ihre Talsohle, seid auf ein bevorstehendes Unglück gefaßt.“ Danach lehnte sich Mau Ban-hsiän zurück, seinen Bart vorstreckend. Zu Beginn seines Geschwätzes war es Djia Jung, der seine Gesichtszüge kaum unter Kontrolle halten konnte. Doch allmählig beeindruckte ihn Mau Ban-hsiän als ein Mann, der wußte, worüber er sprach, und als er fortfuhr, Unglück für Vetter Dschën zu predigen, nahm ihn Djia Jung sogar noch ernster. „Ihre Ausführungen scheinen mir in der Tat sehr gebildet“, kommentierte er. „Doch ich frage mich, ob sie nicht noch etwas präziser sein könnten bezüglich der Krankheit, die meine Mutter befallen hat?“ – „In dem Hexagramm“, antwortete Mau Ban-hsiän, „wechselt das Feuer am siebenten Zweig Wu in den ersten des Wassers und ist dadurch kontrolliert. Das würde auf eine innere Blockierung deuten, in welcher Kälte und Hitze miteinander verbunden sind. Doch ich fürchte, eine präzise Diagnose geht weit über die Fähigkeiten selbst eines professionellen Lesers der Wandlungen hinaus. Dafür müßten sie das ‚Horoskop der sechs Weisen‘ befragen.“ „Sind sie mit dieser Art von Prophezeiungen auch vertraut?“, fragte Djia Jung. „Bis zu einem gewissen Maß schon“, antwortete Mau Ban-hsiän. Djia Jung bat ihn, das Horoskop zu deuten und schrieb die entsprechenden Bedeutung tragenden Zweige nieder. Mau Ban-hsiän stellte den Prophezeiungskompaß ein und verwendete dabei die Koordinaten für die himmlischen Breiten. Es war ‚Weißer Tiger‘ am elften Zweig Xu zu lesen. „Diese Zusammenstellung“, sagte Mau Ban-hsiän, „ist bekannt als ‚Auflösung der Seele‘. Der ‚Weiße Tiger‘ ist unheilvoll, doch wird er aufgehalten, Unrecht zu tun, wenn er im Zenit des Glücks steht. In diesem Fall liegt er in einer Aura der schlechten Ausdünstungen und erscheint an einer zeitlich bedingten Passage, wo Beschränkung und Tod vorherrschen; es ist weiterhin ein hungriger Tiger, der Schlechtes vorhat. Der Effekt ähnelt dem der geistigen Zerstreuung, die auf einen Schock folgt. Daher auch der Name der Konstellation, der einen Status akuter physischer und mentaler Gefahr bedeutet, von abgrundtiefer Melancholie, bei Krankheit erfolgt der Tod, in einem Prozeß Unglück. Der Tiger nähert sich dem Sonnenuntergang, was bedeutet, daß die Krankheit am Abend ausgebrochen sein muß. Die Worte lauten: ‚In dieser Konstellation ist der Tiger in einem alten Gebäude versteckt, richtet Schaden an oder manifestiert sich auf eine noch deutlichere Weise.‘ Ihr fragtet insbesondere nach euren Eltern. In einer Yang- oder Tageslicht-Umgebung schadet der Tiger den Männern, in einer Yin oder Nacht-Umgebung schadet er den Frauen. Diese Konstellation ist jedenfalls ziemlich bösartig.“ Djia Jung war wie betäubt und wurde aschfahl. „Das klingt alles sehr überzeugend“, sagte er, bevor Mau Ban-hsiän fortfahren konnte. Doch es stimmt nicht exakt mit dem Hexagramm im Buch der Wandlungen überein. Was glauben Sie, wie gefährlich die Situation ist?“ „Keine Angst“, sagte Mau Ban-hsiän. Lassen sie mich etwas gründlicher nachschauen.“ Er neigte nachdenklich seinen Kopf und murmelte für einen Moment zu sich selbst. Dann sagte er: „Alles ist gut, wir sind gerettet! Mein Kompaß zeigt einen ,Befreienden Geist‘ am sechsten Zweig Si. Mit anderen Worten, was wir hier haben, ist eine ‚Zersetzung der Seele’, die zu einer ‚Wiederherstellung des Geistes‘ führt oder Kummer, der zur Freude wird. Es gibt also keinen wirklichen Grund zur Besorgnis. Ihr solltet lediglich achtgeben.“ Djia Jung bezahlte ihn und begleitete ihn hinaus, bevor er zurückkehrte und seinem Vater berichtete: „Der Hellseher sagt, daß Mutter sich ihre Krankheit abends an einem alten Gebäude zugezogen haben muß und sie von der Begegnung mit dem Geist eines ‚Weißen Tigers’, der einer Leiche entsprungen sein muß, herrührt.“ „Sagtest du nicht, daß sie am Abend durch den Garten zurückkam?“ erkundigte sich Vetter Dschën. Sie muß dem Ding direkt in die Arme gelaufen sein. Und ging deine Tante Hsi-fëng nicht auch in den Garten und wurde danach krank? Sie verneint, irgend etwas Außergewöhnlichem begegnet zu sein, doch die Dienerinnen und Mägde erzählten eine andere Geschichte. Sie meinten, sie hätte ein haariges Monster auf einem Berg gesehen, mit Augen wie große Laternen und daß es sogar gesprochen habe. Es versetzte deine Tante Hsi-fëng so in Angst, daß sie nach Hause rannte und sich sofort krank ins Bett legte.“ „Natürlich!“, rief Djia Jung. „Ich erinnere mich! Und ich hörte Bau-yüs Jungen Bee-ming sagen, daß Tjing-wën sich in eine Hibiskusfee verwandelt habe. Dann muß sie den Garten heimsuchen. Und als Kusine Dai-yü starb, konnte man Musik in der Luft hören, also ist es vielleicht auch dort und sucht nach einer anderen Blume. Oh! Es läßt einem das Blut in den Adern gefrieren, wenn man daran denkt, wie viele Feen und Geister sich dort herumtreiben müssen! Einst war es dort absolut sicher, als noch viele Menschen dort wohnten und der Ort mit Leben erfüllt war. Doch nun ist es so einsam dort. Als Mutter hindurchging, ist sie vielleicht auf eine der Blumen getreten oder sie stieß mit einer Fee zusammen. Es klingt, als würde Mau Ban-hsiäns Hexagramm absolut zutreffen.“ „Sprach er von irgendeiner Gefahr?“, fragte Vetter Dschën. „Seiner Meinung nach wird alles am Tag Xu gut ausgehen. Dennoch hoffe ich, daß seine Berechnungen nicht zu genau waren...“ „Was meinst du?“, fragte Vetter Dschën. „Nun, wenn er Recht hat, könnte das für dich in Zukunft Ärger bedeuten.“ Als sie miteinander sprachen, drang der Schrei eines der Dienstmädchen aus den inneren Gemächern: „Fräulein Dschën besteht darauf aufzustehen und in den Garten zu gehen! Die Mägde können sie nicht zurückhalten!“ Vetter Dschën und Djia Jung gingen hinein, um You-schï zu beruhigen. „Der Rote wird kommen und mich holen!“ schrie sie verworren. „Der Grüne ist hinter mir her!“ Die Diener fanden ihr Verhalten zugleich lustig und beängstigend. Vetter Dschën trug einem von ihnen auf, Papiergeld zu besorgen, und im Garten zu verbrennen. In der Nacht war You-schï in Schweiß gebadet, beruhigte sich dann allmählich und am Tag Xu erholte sie sich wieder. Es verbreitete sich schnell das Gerede, der Garten sei verflucht, und seine Gärtner hatten bald zu große Angst, ihren dortigen Pflichten nachzugehen. Die Pflanzen wurden vernachlässigt, die Bäume nicht beschnitten und kein Blumenbeet gegossen. Niemand wagte es, im Dunkeln herumzulaufen, und in der Folge eroberte sich die wilde Natur diesen Bereich wieder zurück. Es wurde sogar so schlimm, daß die Diener selbst im hellen Tageslicht den Garten nur in Begleitung oder mit Knüppeln bewaffnet betraten. Nach einigen Tagen erkrankte Vetter Dschën wie vorhergesagt. Er ließ keinen Arzt kommen. Sowie die Krankheit ausgebrochen war, ging er in den Garten, um zu beten und das Papiergeld zu verbrennen; als es ernst wurde, betete er fieberhaft in seiner Kammer. Er erholte sich, und dann war Djia Jung an der Reihe zu erkranken; und nach Djia Jung die anderen, einer nach dem anderen. Dies ging einige Monate so weiter und beide Haushalte lebten in beständiger Angst. Jedes geringste Knistern oder der Ruf eines Vogels waren verdächtig und von jeder Pflanze oder von jedem Baum befürchtete man, er oder sie würde einen bösen Geist beherbergen. Nun, da der Garten länger verlassen war und nicht mehr benutzt wurde, benötigte man weitere Geldmittel, um den Garten neu aufzubauen, was den Engpaß im Jung-guo-Anwesen noch verstärkte. Die Gartenpfleger sahen keinen Sinn mehr zu bleiben. Sie wollten alle den Ort verlassen und erfanden eine Reihe von Geschichten, um die Gegenwart teuflischer Baum- und Blumengeister zu beweisen. Zuletzt erreichten sie ihr Ziel: Sie zogen aus, das Gartentor wurde sicher verschlossen und niemand wagte hineinzugehen. Feine Häuser, luftige Pavillions, elegante Zimmer und Terassen waren nichts mehr als Nistplätze für Vögel und Höhlen für wilde Tiere. Tjing-wëns Vetter Wu Guee lebte, woran erinnert werden sollte, gegenüber dem hinteren Torhaus des Gartens. Auch Wu Guees Frau erfuhr davon, daß Tjing-wën nach ihrem Tod zu einer Blumenfee wurde und von da an blieb sie jeden Abend drinnen. Eines Tages ging Wu Guee einkaufen und blieb länger fort als gewöhnlich. Seine Frau hatte sich leicht erkältet und nahm tagsüber die falsche Medizin. Wu Guee fand sie, als er an diesem Abend zurückkehrte, tot auf dem Ofenbett. Wegen ihres Rufes der Promiskuität folgerten die Mitglieder des Haushaltes, daß ein Geist über die Gartenmauer geklettert sein mußte und ihr den Lebenssaft ausgesaugt hatte. Dieser Zwischenfall versetzte die Herzoginmutter in große Aufregung. Sie erweiterte die Wache um Bau-yüs Gemächer und ließ diese jede Nacht durchgehend bewachen. Einige der jüngeren Mägde gaben wiederholt vor, rotgesichtige Kreaturen in der Umgebung lauern gesehen zu haben, während andere die Erscheinung einer merkwürdigen weiblichen Schönheit bezeugten. Solche Gerüchte vermehrten sich, und Bau-yü lebte in ständigem Schrecken. Bau-tschai fiel weniger darauf herein und warnte die Mägde, daß weitere Panikmache ihnen eine Tracht Prügel einbrächte. Obwohl sich die Dinge etwas beruhigten, herrschte noch lange eine Atmosphäre großer Besorgnis in beiden Haushalten und mehr als ein Wachtposten wurde eingestellt, was ein weiterer Kostenpunkt war. Djia Schë war der einzige, der nichts von dem glaubte. „So ein guter Garten! Wo soll denn hier ein böser Geist wohnen!“ Er wartete auf einen warmen Tag mit einer milden Brise und ging selbst in den Garten, um ihn zu untersuchen, begleitet von einer großen Zahl bewaffneter Diener. Sie alle hatten ihm davon abgeraten, doch er wollte nicht hören. Als sie den Garten betraten, war die Atmosphäre finster und unheimlich, so ein erdrückendes Yin, daß sie es fast berühren konnten. Djia Schë wollte nicht zurück und seine Diener folgten ihm widerwillig mit verstohlenen Blicken in die versteckten Nebenwege. Ein junger Bursche unter ihnen, der bereits zu Tode erschrocken war, hörte plötzlich ein Rauschen, drehte sich um und sah ein buntes Licht vorbeiflitzen. Er stieß ein entsetztes „Oh!“ hervor, bekam weiche Knie und brach zusammen. Als Djia Schë zurückblickte und anhielt, um ihn zu befragen, antwortete er atemlos: „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Ein Dämon mit gelbem Gesicht und rotem Bart, ganz grün gewandet! Es ist da hoch gegangen, in die Steinhöhle hinter den Büschen!“ Djia Schë war selbst verwirrt. „Hat es sonst noch jemand gesehen?“ Einer der Diener entschied, sich Vorteile aus der Situation zu verschaffen und antwortete: „So klar wie Tageslicht, Herr. Sie waren so weit vorne, und wir wollten sie nicht beunruhigen, Herr. Wir wollten es für uns behalten und so tun, als sei nichts gewesen.“ Djia Schë fehlte nun auch der Mut weiterzugehen. Er kehrte um und ging schnellstmöglich nach Hause, sagte dann den Jungen, die ihn begleitet hatten, daß sie nichts von dem erzählen sollten, was vorgefallen war, lediglich, daß es ein ereignisloser Gang durch den Garten war. Er persönlich brauchte noch einen weiteren Beweis, daß der Garten heimgesucht würde, und dachte darüber nach, daß es ratsam wäre, vom dauistischen Tempel einige Priester zu bestellen, die einen Exorzismus betreiben sollten. Währenddessen sahen seine Diener, die von Natur aus öfter Ärger verursachten, wie verängstigt ihr Herr war und erwogen nicht, die Episode geheim zu halten, sondern schmückten sie mit viel Geschmack und Verzierungen aus und verbereiteten mit ihrem Gerede bei allen höchste Aufregung. Am Ende entschied Djia Schë, daß es keinen anderen Ausweg gäbe, als eine formale Exorzismus-Zeremonie zu veranstalten. Ein passender Tag im Almanach wurde gewählt und im Garten wurde ein Altar aufgestellt, auf einem erhöhten Platz in der Haupthalle des Wiedervereinigungs-Palastes. Bilder der drei Reinen wurden aufgestellt, dort grenzten Figuren an, die den Vorsitz über jede der achtundzwanzig Konstellationen innehatten, und von den Vier Großen Feldherren – Ma, Dschau, Wën und Dschou. Weiter unten in der Halle war der geheiligte Boden vollständig mit einer diagrammatischen Repräsentation der sechsundreißig Himmlischen Feldherren ausgestattet. Die Luft war schwer von Blumenduft und Räucherstäbchen, die Halle war erhellt von Laternen und Kerzen. Äxte, Trommeln, liturgische Instrumente und andere Utensilien wurden an beiden Seiten der Halle aufgereiht und symbolische Banner wurden über jedem der fünf Kardinalpunkte gehißt, in den vier Ecken und im Zentrum. Der dauistische Hohepriester hatte neunundvierzig Diakone für die Zeremonie bestellt, und sie verbrachten den ganzen Tag damit, den Altar vorzubereiten. Dann gingen drei Hauptpriester in der Halle umher, verteilten den Rauch gebündelter Räucherstäbchen, versprengten geweihtes Wasser. Als dies erledigt war, ertönte das Donnern der großen Dharma-Trommeln. Die Hauptpriester setzten nun ihre Siebenstern-Mitren auf und legten ihre Roben an, die mit den neun Himmli-

Aus: Jinyuyuan 1889b. schen Villen und den acht Trigrammen geschmückt waren. Wolkensteiger-Holzschuhe an den Füßen tragend und Elfenbeinstäbe in den Händen haltend, wandten sie sich in ehrerbietigem Flehen an die Weisen. Einen ganzen Tag lang sangen sie geistervertreibende Sprüche aus dem geistervertreibenden Klassiker Dongxuan, einem Text, der für seine Wirksamkeit bekannt war, Unglück und böse Geister zu vertreiben und dafür glückbegünstigende Schwingungen zu vermehren. Dann erstellten sie eine Geisterrolle, welche die himmlischen Feldherren herbeirief. Darauf war mit großem Pinsel geschrieben: Eine Versammlung im Namen der drei Reiche, dem letzten, dem ursprünglichen und dem reinen. Im Namen des obersten Hohepriesters und der talismanischen Kraft, die ihm übertragen wurde, werden alle gütigen Geister der Region zu diesem Altar gerufen, um zu dienen. Die Männer des Jung-guo und Ning-guo-Anwesens wurden von der Gegenwart der Priester ermutigt und versammelten sich im Garten, um die Dämonenjagd zu verfolgen. Die Zuschauer sagten: „Höchst eindrucksvoll, sie rufen alle gütigen Geister herbei und vereinen ihre Kräfte, um selbst die unerbitterlichsten Dämonen zu verscheuchen!“ Sie versammelten sich vor dem Altar, um den Rest der Prozedur zu verfolgen. Die jungen Banner-tragenden Diakone nahmen ihre Stellung in der Halle ein, eine Gruppe an jeder der fünf Weltrichtungen: Norden, Osten, Süden, Westen und Zentrum, und warteten auf Befehle. Die drei Hauptpriester standen auf den niederen Stufen des Altars: einer hielt das Schwert des Gesetzes und das Heilige Wasser, einer das schwarze Siebenstern-Banner und einer die Pfirsichholz-Dämonenpeitsche. Die Musik ließ nach. Es erklangen oben drei Schläge, die Priester stimmten ein Gebet an, und die Schar der Bannerträger begann sich im Kreis zu drehen. Die Priester stiegen dann vom Altar herab und wiesen die Männer der Familie Djia an, sie zu jedem Gebäude zu führen, zu jedem Studio, zu jeder Halle, jedem Pavillion, jeder Kammer, Hütte oder verdecktem Gang, jedem Hügel und jeder Wasserstelle im Garten. Jede Ecke besprenkelten sie mit Weihwasser und schwangen das Schwert des Gesetzes. Bei ihrer Rückkehr, schlugen sie mehrfach einen Bambusschild; das Siebenstern-Banner wurde gehißt und gesegnet und die Diakone bildeten eine Phalanx mit ihren niederen Bannern darum; die Dämonenpeitsche wurde drei Mal in die Luft geschlagen. Dies, dachten die Djias, mußte der Höhepunkt sein. Jetzt am Ende würde die gesamte Geisterschar ausgemacht und gefangen. Sie drängten vor, um zum Ende zu kommen. Doch scheinbar geschah nichts. Keine Erscheinung, kein Geräusch; nur die Stimme des Priesters, der die Diakone anwies, die Gefäße bereit zu stellen. Diese Aufnahmebehälter wurden ordnungsgemäß angebracht und in ihnen versuchten die Priester, die bösen Geister einzufangen und versiegelten sie anschließend. Der Hohepriester schrieb magische zinnoberrote Zeichen, stellte die Gefäße zur Seite und gab den Befehl, sie sollten zurück in den Tempel gebracht werden. Dort sollten sie unter der Pagode vergraben werden, so daß ihr Inhalt sicher aufbewahrt würde. Der zeitweilige Altar wurde abgebaut und den Himmlischen Kräften Dank ausgesprochen. Djia Schë erwies dem Hohepriester seine demütigsten Ehrerbietungen. Danach mußten Djia Jung und die jüngeren Männer der Familie ganz privat herzlich darüber lachen: „Diese ganze Pantomime, um böse Geister zu fangen! Sie hätten uns wenigstens gucken lassen können! Was für eine Farce! Sie haben wahrscheinlich nicht einen geschnappt.“ – „Unsinn!“ stieß Vetter Dschën hervor, als er dies hörte. „Böse Geister benehmen sich überhaupt nicht so. Manchmal verdichten sie sich zu einer groben Masse, manchmal lösen sie sich in Luft auf. Mit so vielen guten Geistern in der Nähe würden sie natürlich nie Gestalt annehmen. Es ist ihr gasförmiger Zustand, um den es geht. Das ist, was Ihre Heiligkeit ergriffen hat, wodurch die Geister unschädlich gemacht wurden. So arbeitet nun mal Magie.“ Die jüngere Generation war nur halb überzeugt und behielt ihr Urteil für sich, bis sie ein Schwinden der dämonischen Aktivität wahrnehmen könnte. Die Diener, denen freundlich mitgeteilt wurde, daß die Geister nun gefangen seien, waren dadurch weniger besorgt, und es wurden keine weiteren Zwischenfälle oder Sichtungen berichtet; währenddessen erholten sich Vetter Dschën und die anderen Invaliden vollständig, es bestand für sie deshalb kein Zweifel an der Wirksamkeit der Zaubersprüche der Priester. Dennoch gab es einen Pagen, der sich sehr über diese Episode amüsierte und seine Begeisterung den anderen mitteilte: „Ich weiß nicht, was ihr voriges Geschäft war, doch als wir mit Herrn Schë im Garten waren, war es nicht mehr als ein großer Fasan, der aus dem Unterholz herausgeflogen war. Der alte Shuai-örl hatte eine Riesenangst und glaubte, er hätte einen Geist gesehen. Wir halfen ihm dabei, einen riesigen Staatsakt daraus zu machen. Die meisten anderen glaubten ihm und standen ihm bei und Herr Schë nahm das Ganze für bare Münze. Nun gut, dann haben die für uns halt einen Hokus-Pokus veranstaltet.“ Doch niemand war von seiner Version der Geschichte überzeugt. Und bestimmt wollte niemand wieder im Garten leben. Einige Tage später, als sich alles etwas beruhigt hatte, dachte Djia Schë, er könnte einige Diener als Pfleger wieder in den Garten schicken, um sicher zu gehen, daß keine unerwünschten Personen dort nachts herumschlichen. Er wollte gerade Anweisungen dazu geben, da kam Djia Liän herein. „Ich habe eben Onkel Wang Dsï-tengs Familie besucht“, sagte er, nachdem er ihn begrüßt hatte, „und wie ich dort war, hörte ich überaus verheerende Neuigkeiten. Onkel Dschëng wurde offensichtlich vom Vizekönig angeklagt. Die Anklage lautet, ihm sei die Kontrolle seiner Untergebenen nicht gelungen und er sei verantwortlich für ein Übermaß an eingenommener Getreidesteuer. Der Vizekönig bat um seine Entlassung.“ Djia Schë war verblüfft: „Das muß ein faules Gerücht sein. Vor wenigen Tagen kam ein Brief von deinem Onkel Dschëng, voll mit guten Neuigkeiten. Er schrieb, Tan-tschun sei sicher angekommen und daß er einen passenden Tag gewählt habe, sie zu ihrem künftigen Ehemann an die Küste zu begleiten. Der Tag verging ohne Unglück. Absolut kein Grund zur Betroffenheit. Zudem wird der Vizekönig mit Tan-tschuns Ehemann verwandt sein und gab eben ein Fest, um die Hochzeit zu feiern. Wie könnte dieser Mann seinen eigenen Verwandten anklagen? Nun, es bringt nichts, so zu spekulieren: du solltest besser zum Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten gehen. Find soviel heraus wie möglich und berichte es mir umgehend.“ Djia Liän brach sofort auf und kehrte nach noch nicht einmal einem halben Tag zurück. „Wie ich befürchtete, Vater. Onkel Dschëng wurde angeklagt. Allerdings ging sein Fall als ein Akt Kaiserlicher Dringlichkeit nicht die normalen Bahnen, sondern wurde direkt von Seiner Majestät behandelt. Ich habe den exakten Wortlaut vom Kaiserlichen Edikt: ‚Nach dem Bericht über Djia Dschëngs Unfähigkeit, seine amtlichen Untergebenen zu kontrollieren und nach dem Bericht über die ungeheure Erhöhung der Getreidesteuer und der grausamen Ausbeutung des gemeinen Volks, die unter seiner Anordnung verübt wurde, verdient er es, entlassen zu werden. Doch weil dies sein erstes Amt in der Provinz ist und weil er als Verwalter unerfahren ist und daher von seinen Untergebenen getäuscht wurde, wird er nur drei Grade zurückgesetzt und durch eine spezielle Anordnung als Untersekretär in der Ministerium für Arbeit wieder eingesetzt. Er muß am Folgetag in die Hauptstadt zurückkehren.’ „Diese Nachrichten sind hoch amtlich. Als ich beim Ministerium war, kam ein Bezirksbeamter von Djianghsi zu einer Audienz. Er sagte, er würde Onkel Dschëng viel schulden und hätte eine hohe Meinung von ihm, doch er habe die falschen Angestellten gehabt. Seine Diener müssen hinter seinem Rücken alle erdenklichen Gemeinheiten begangen haben und die örtlichen Beamten beachtlich unter Druck gesetzt haben. Der Ruf des Onkels war bereits ruiniert. Der Vizekönig wußte bereits länger davon, und auch er war der Meinung, daß Onkel Dschëng eigentlich ein guter Mann sei. Ich weiß nicht genau, warum er ihn letzten Endes doch angeklagt hat. Vielleicht fürchtete er, die Dinge seien ausgeufert und daß noch schlimmerer Ärger folgen würde. Mit dieser eher geringen Last als Anklagepunkt wollte er Onkel Dschëng möglicherweise vor einem übleren Schicksal bewahren.“ Djia Schë unterbrach Djia Liän: „Geh und sag’ deiner Tante Wang schnell Bescheid! Doch beunruhige deine Großmutter nicht!“ Also ging Djia Liän los, um der Dame Wang alles zu berichten. Für die Fortsetzung muß man das nächste Kapitel lesen. 103. Djin-guee stirbt durch eigene Hand, gefangen in einem selbstgewebten Netz Yü-tsun trifft vergeblich einen alten Freund, blind für die höheren Wahrheiten des Dsën.

Djia Liän gab der Dame Wang einen ausführlichen Bericht über Djia Dschëngs Unglück. Am nächsten Tag besuchte er das Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten ein weiteres Mal und berichtete bei seiner Rückkehr alles der Dame Wang. Er versicherte ihr dabei, daß er sein Bestes getan habe, um an der richtigen Stelle ein gutes Wort für Djia Dschëng einzulegen. „Also bist du sicher, daß die Neuigkeiten wahr sind?“, fragte sie. „Gut, dann glaube ich, dein Onkel Dschëng wird nicht allzu unzufrieden zu sein. In der Tat ist es für uns alle eine große Erleichterung. Eine Stelle in der Provinz hat nie wirklich zu ihm gepaßt, und wenn er jetzt nicht heimgekommen wäre, hätten diese Banditen ihn vollständig ruiniert!“ „Woher weißt du das?“, fragte Djia Liän. „Seit dein Onkel Dschëng diese Stelle besetzt hat“, antwortete die Dame Wang, „wurde noch nicht eine Münze hierher geschickt. Im Gegenteil. Er hat hier heimlich nach beträchtlichen Summen verlangt. Schau doch nur, wie die Frauen der Diener, die mit ihm dorthin gegangen sind, sich mit Gold im Haar und Silberschmuck im Gesicht ausstaffiert haben! Es ist offensichtlich, daß ihre Ehemänner hinter Onkel Dschëngs Rücken zu Geld gekommen sind. Er läßt sie damit einfach davonkommen. Wenn dies so weiter gegangen wäre, hätte nicht nur er seine Stelle verloren, die ganze Familie hätte ihren von den Vorfahren erlangten Rang eingebüßt!“ „Da hast du schon recht, Tante“, sagte Djia Liän, „ich schwöre, daß ich schockiert war, solche Neuigkeiten zu hören. Doch jetzt weiß ich über alle Tatsachen des Falles Bescheid und fühle mich richtig erleichtert. So wird es für Onkel Dschëng auf jeden Fall besser sein. Er wird hier in der Hauptstadt ruhig und friedlich ein paar Jahre arbeiten, ohne seinen Ruf weiter zu gefährden. Ich denke, selbst Großmutter wird erleichtert sein, wenn sie die ganze Geschichte hört. Dennoch solltest du es ihr vorsichtig übermitteln.“ „Das werde ich,“ sagte die Dame Wang, „schau trotzdem, was du darüber hinaus noch an Nachrichten erhalten kannst.“ Djia Liän war auf dem Weg nach draußen, als eine von Frau Hsüäs Ammen hastig angerannt kam. Sie begab sich direkt in die Gemächer der Dame Wang und sagte ohne höfliche Umschweife: „Die gnädige Frau sagt, ich soll Ihnen berichten, es gäbe zu Hause wieder fürchterlichen Ärger! Diesmal sei alles sehr weit gekommen!“ „Was für einen Ärger?“, fragte die Dame Wang. „Ach, etwas Schreckliches! Einfach nur schrecklich!“ – „Du dummes Ding!“, rief die Dame Wang. „Verdammt nochmal! Wenn etwas Ernstes passiert ist, dann sag’ mir auch, was es ist!“ – „Herr Ke ist fort, und es ist kein Mann im Haus! Es ist etwas passiert, und wir wissen nicht, was zu tun ist! Werden Sie bitte ein paar Männer rüberschicken, damit die Angelegenheit geregelt werden kann?“ Die Dame Wang hatte immer noch keine Ahnung, wovon sie redete. „Was ist denn nun los? Was sollen die Männer tun?“, fragte sie ungeduldig. „Frau Pan! Sie ist tot!“ platzte die alte Frau endlich heraus. „Pfui!“, rief die Dame Wang aus, als sie das hörte, „also ist diese Hure tot! Die ganze Aufregung dafür?“ – „Aber es ist nicht normal, Herrin. Ich meine, wie sie starb. Sie hat eine Szene gemacht und ist gestorben. Bitte, Herrin, schickt jemanden hinüber!“ Nachdem sie das gesagt hatte, begab sie sich zurück zu den Hsüäs. Die Dame Wang war genervt und erheitert zugleich: „Ehrlich, was für eine hoffnungslose alte Schlampe! Liän, gehst du hinüber und siehst nach? Es ist reine Zeitverschwendung. Glaub’ nicht den Unsinn, den die alte Schachtel sagt.“ Der erste Teil „hinübergehen und nachsehen“ verfehlte die Ohren der Amme völlig. Sie vernahm nur „Zeitverschwendung“ und rannte verärgert zu Frau Hsüä zurück, die ängstlich auf ihre Rückkehr wartete: „Nun, wen wird die Dame Wang schicken?“ Die alte Frau seufzte demonstrativ: „Was für eine Unterstützung der Familie in Zeiten der Krise, muß ich schon sagen! Die Dame wird nicht einen Finger für uns krumm machen! Sie nannte mich nur eine alte Schachtel!“ Dies schien Frau Hsüä wütend zu machen, und sie wurde nervös: „Wenn die Dame nicht hilft, was ist mit unserer eigenen Frau Bau-tschai?“ – „Ich habe nicht gewagt, es ihr zu erzählen“, antwortete die alte Frau. „Wie kann man von ihr irgend ein Handeln erwarten, wenn die Dame nichts unternimmt?“ Frau Hsüä spuckte sie an und schrie verachtungsvoll: „Hast du den Verstand verloren? Die Dame ist eine Djia, aber Bau-tschai ist von mir aufgezogen worden. Sie würde uns nie im Stich lassen!“ Der Unterschied wurde der alten Frau langsam klar. „Dann gehe ich besser los und suche direkt nach ihr!“ Während sie sprachen, kam Djia Liän herein. Er grüßte Frau Hsüä und, nachdem er sein Beileid ausgesprochen hatte, führte er aus: „Als Tante Wang hörte, daß Frau Pan tot sei, befragte sie euer Dienstmädchen, doch ihrer Aussage konnte man keinen Sinn entnehmen. Meine Tante war sehr verärgert und schickte mich, um herauszufinden, um was es ging, und euch beizustehen. Wenn es irgend etwas zu tun gibt, Frau Hsüä, laßt es mich wissen, und ich werde tun, was ich kann.“ Frau Hsüä war selbst über die Amme empört und war dann so zerstreut, daß sie nur weinen konnte. Wie sie nun Djia Liäns Worte vernahm, fand sie wieder zur Sprache: „Ich bin euch zutiefst verpflichtet, Liän. Ich wußte, meine Schwester würde mir beistehen. Ich fürchte, diese alte Frau hat euch völlig falsch verstanden und gab einen völlig irreführenden Eindruck. Jetzt setze dich bitte, und ich erzähle dir die ganze Geschichte.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Wie soll ich sagen...? Nun, kurz zusammengefaßt, meine Schwiegertochter starb keines natürlichen Todes.“ – „Ich nehme an, es war Selbstmord?“ vermutete Djia Liän. „War es die Verzweiflung über Vetter Pans Verhaftung, die sie dazu brachte?“ „Wenn es nur so wäre! Oh, nein. Laß mich erklären! Einige Monate lang tobte sie die ganze Zeit herum, barfuß und mit zerwühlten Haaren. Als sie hörte, daß Pan ein Todesurteil bevorsteht, begann sie nach anfänglichem Heulen sich fürchterlich mit Rouge und Puder zu bemalen. Jeglicher Protest von meiner Seite hätte zu weiteren entsetzlichen Szenen geführt, deshalb stellte ich mich blind. An einem Tag plötzlich kam sie aus einem mir unbekannten Grund und fragte mich, ob Hsiang-ling ihr Gesellschaft leisten könne. Ich sagte ihr: ‚Du hast doch Bau-tschan. Brauchst du wirklich auch Hsiang-ling? Du hast sie nie gemocht, warum fragst du dann nach Ärger?‘ Doch sie bestand darauf, und ich hatte keine Wahl, als Hsiang-ling in ihr Zimmer zu schicken. Das arme Mädchen wagte nicht, sich meinen Anordnungen zu widersetzen und ging, obwohl sie krank war. Seltsamerweise behandelte meine Schwiegertochter sie ganz gut. Ich war begeistert, und obwohl Bau-tschai eine versteckte Absicht vermutete, war ich bereit, meinen Zweifel über Bord zu werfen. Doch vor ein paar Tagen wurde Hsiang-ling wieder krank, und Djin-guee kochte ihr eigenhändig eine Suppe. Sie machte sich sogar die Mühe, sie ihr eigenhändig zu servieren. Arme Hsiang-ling! Es gab einen unglücklichen Unfall. Djin-guee verschüttete die Suppe, als sie sich dem Bett näherte, verbrühte sich selbst und zerbrach auch die Schüssel. Ich hätte erwartet, daß sie Hsiang-ling beschuldigt, doch nein, sie war nicht im geringsten verärgert, besorgte schnell einen Besen, kehrte die Scherben auf und reinigte den Boden. Auch danach schienen die beiden freundlich miteinander zu sein. Dann trug sie gestern abend Bau-tschan auf, zwei Schüsseln Suppe zuzubereiten, worauf sie sagte, sie würde mit Hsiang-ling zusammen essen. Etwas später hörten wir dieses schreckliche Getöse aus ihren Gemächern. Zuerst schrie Bau-tschan sie an, dann schrie auch Hsiang-ling und geriet ins Wanken, lehnte sich an die Wand und schrie um Hilfe. Ich kam sofort herein und fand Djin-guee gekrümmt auf dem Boden, Blut strömte ihr aus Nase und Augen; sie umklammerte fieberhaft ihre Kehle mit beiden Händen und strampelte mit den Füßen in der Luft. Ich war zu Tode erschrocken. Ich bat sie, mir zu erzählen, was passiert sei, doch sie konnte nicht antworten und nach weiteren Minuten des Leidens starb sie. Es sah verdächtig nach einer Vergiftung aus. Dann begann Bau-tschan wieder zu heulen und behauptete, es sei Hsiang-ling gewesen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, daß Hsiang-ling so ein Mensch ist. Außerdem war sie zu krank, um Gift zu besorgen. Wie könnte sie die Kraft haben, so etwas zu tun? Bau-tschan bestand und besteht immer noch darauf, daß Hsiang-ling die Schuldige ist. Mein lieber Liän! Was hätte ich machen sollen? Unter diesen Umständen hatte ich keine andere Wahl, als Hsiang-ling festbinden zu lassen, sie an Bau-tschan weiterzugeben und sie beide in einem Zimmer einzusperren. Bau-tjin und ich haben die ganze Nacht Wache gehalten, und wir schickten jemanden zu euch, sobald die Tore am Morgen geöffnet wurden. Liän, du bist jemand mit klarem Verstand. Was soll ich in dieser Sache tun?“ „Weiß Djin-guees Familie Hsia bereits Bescheid?“, fragte Djia Liän. „Ich hielt es für besser, die ganze Angelegenheit selbst zu entwirren; bevor irgendjemand davon erfährt.“ – „Ich würde dir raten, den Autoritäten zuerst davon zu berichten, daß sie ihre Schlüsse daraus ziehen können. Es ist natürlich, daß wir Bau-tschan verdächtigen, doch sie könnten fragen, was Bau-tschan dazu gebracht haben könnte, ihre eigene Herrin zu vergiften. Und es würde ihnen sicher noch plausibler erscheinen, daß Hsiang-ling es getan hat.“ Während sie sprachen, kamen einige Dienstmädchen aus dem Jung-guo-Anwesen, um die Ankunft von Bau-tschai anzukündigen. Djia Liän entschied, daß er sich nicht zurückziehen würde, obwohl sie streng genommen die Frau seines jüngeren Vetters war, aber sie war ja weiterhin seine Kusine, und er kannte sie seit der Kindheit. Sie begrüßte ihre Mutter und Djia Liän und setzte sich zu Bau-tjin in das innere Zimmer. Frau Hsüä gesellte sich zu ihnen und erzählte ihr die Geschichte.