Hongloumeng/de/Chapter 107

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Kapitel 107

散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩

zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt. Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um rituell das Glas Wein zum Abschied zu trinken. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und Vetter Dschën wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen. Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!“ Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!“ „Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer Herr Schë kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“ Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn be­gei­stert an der Hand und ermahnte ihn, sich des neuen Titels würdig zu erweisen. Die Dame Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und war auch überglücklich, Djia Dschëngs Neuigkeiten zu hören. Nur die Dame Hsing und You-schï empfanden ihr Unglück noch stärker, ein Gefühl, das sie kaum zurückhalten konnten. Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben. Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig er war, während Hsi-fëng immer noch krank war und ihre Erfahrungen nicht einbringen konnte, um den Haushalt zu stabilisieren. Die Schulden, die Djia Liän begleichen mußte, stiegen täglich, und es schien beinahe unvermeidlich, daß er weiteres Eigentum und Land verkaufen müßte. Die Diener sahen es kommen. Einige von ihnen waren selbst wohlhabend und waren betrübt, daß Djia Liän sie um Geld bat. Einige verwahrten sich davor und gaben vor, arm zu sein, andere wollten verschwinden und sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter. „Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.“ Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie Bau Yung in Ruhe. Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ – „Ach, denen wird es gut gehen!“, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ – „Hm!“, antwortete der erste, „du magst hier vor Ort leben, doch ich sehe, daß du nicht auf dem Laufenden bist. Ich weiß zwar nichts von ihren Freunden, doch der Major Djia, den du erwähnt hast, ist nur gewöhnlich eingesetzt, und ich sage dir, warum ich dir das erzähle. Ich habe ihn im Jung-guo-Anwesen unzählige Male gesehen; also weiß ich, daß er in der Vergangenheit viel mit ihnen zu tun hatte. Als der Zensor diese Anschuldigungen gegen die Mitglieder der Familie Djia vorbrachte, trug der Kaiser ihm auf, dem ganzen nachzugehen und Tatsachen über den Fall herauszufinden. Und was glaubst du, was er getan hat? Weil er beiden Zweigen der Familie noch jede Menge schuldete und weil er fürchtete, er könnte verdächtigt werden, etwas für seine Familie zu verdecken, ging er in das andere Extrem. Er sagte die schlimmsten Dinge über sie. Das führte überhaupt zu der Plünderung beider Haushalte. Es ist erschreckend, wie die Leute ihre Freunde heutzutage behandeln, nicht wahr?“ Diese beiläufige Konversation bekam jemand zu hören, der nur zu gut wußte, was damit gemeint war. ‚Das so ein Schuft auf dieser Erde überhaupt leben und atmen darf!‘, dachte Bau Yung insgeheim bei sich. ‚Ich frage mich, in welcher Beziehung er zum Herrn steht? Wenn ich ihn zu sehen bekomme, werde ich ihm die Eingeweide herausprügeln! Egal was das für Konsequenzen haben mag!‘ Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!“ Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?“ In seiner Sänfte konnte Djia Yü-tsun den Namen Djia hören und lehnte sich vor, um zu sehen, was da los war. Nur ein weiterer lauter Trunkenbold auf der Straße, nicht der Rede wert. Seine Sänfte bewegte sich weiter und Bau Yung stolperte nach Hause, war dabei sehr zufrieden mit sich und viel zu betrunken, um diskret zu sein. Er machte ein paar Erkundigungen und seine Dienerkollegen bestätigten, daß dieser Major in der Tat seine ganze Karriere der Gunst der Djias zu verdanken hatte. „Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“ Bis jetzt waren die anderen Diener, die Bau Yung allesamt nicht leiden konnten, nicht in der Lage gewesen, Djia Dschëng zu überzeugen, ihn loszuwerden. Auf genau diesen Vorwand hatten sie gewartet, und sie nutzten die Gelegenheit, um dem Herrn zu berichten, er sei betrunken und desorientiert und würde auf der Straße Unruhe stiften. Djia Dschëng war sehr ängstlich, die Autoritäten schon wieder zu provozieren, und war sehr zornig, als er von Bau Yungs tölpelhaftem Verhalten hörte. Er rief ihn zu sich und hielt ihm eine ordentliche Standpauke. Er dachte immer noch, daß er ihn durch seine Verbindung mit den Dschëns nicht zu hart bestrafen sollte und versetzte ihn zur Strafe in den Garten als Wächter, mit der strengen Anweisung, nicht wieder draußen herumzulaufen. Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen. Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel. 108. Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte Fröhlichkeit Wehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.

Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. You-schï und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war. Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsange­legenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen. Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig. Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne. „Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Ke zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbe­wußt­sein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Hsiu-yän, die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“ „Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün. „Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun in ihrem neuen Zuhause sehr glücklich sei, obwohl es so weit weg unten an der Küste ist. Wir haben immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, ich hatte einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Über den jungen Huan sagt man nicht das Beste. Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“ „Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“ „Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“ „Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“ „Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf Wan verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“ „Hsi-fëng hat sich am meisten verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir innerlich übel nehmen, daß ich so glücklich bin.“ Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Denke nicht schlecht von ihnen! Wir müssen alle lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes, kleines Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“ „Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ – „Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“ Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse. Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kam sie zusammen mit Li Wën und Li Tchi an. Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li. „Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“ Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“ Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ – „Schande über dich!“, rief Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“ Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist mehr als ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und Frau Li eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ – „Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, protestierte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ – „Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“ Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf. Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’ Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“ „Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng. „Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus. „Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“ Ying-tschun und der Rest wurden still. Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“ Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You-schï und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Dame Hsing, You-schï und Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl eine Feier das Letzte war, wonach ihnen zumute war, da sie nur an ihren geplünderten Haushalt dachten. Die bloße Tatsache, daß die Herzoginmutter Bau-tschais Geburtstag inmitten ihres Unglücks feierte, war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä herrührte, der Tante ihres zukünftigen Ehemannes, und fragte nicht nach. Dann wurden Wein und Konfekt serviert. „Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“ Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen besonderen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen an. „Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“ Sie gehorchten und setzten sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ – „Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, protestierte Yüan-yang. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ – „Ab mich euch!“ befahl die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“ Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten. Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, daß nicht alle in der Stimmung zum Feiern waren. „Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Warum kann sich keiner von euch richtig amüsieren?“ – „Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“ „Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“ Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“ Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“ Bau-yü mußte kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden. „Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ – „Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ – „Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“ „Wenn es sein muß“, sagte Yüan-yang und ergab sich ihrem Schicksal. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“ Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter. „Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ – „Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ – „Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“ Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ – „Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen. „Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“ „Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“ Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Von ihr aus gezählt, kamen sie dann bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte. „Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“ Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang: „Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ – „Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Ich habe doch keine Chance!“ – „Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als nächste dran und bestimmt falle ich auch herein, dann sitzen wir im selben Boot.“ Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“ Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf. „Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“ Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“ Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf. „Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ – „Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ – „Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“ Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl. Bau-yü war noch nicht an der Reihe, wollte aber auch etwas sagen. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. – „Was ist das?“, fragte er. Yüan-yang lachte. „Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“ Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“. „Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“ Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm, er solle sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen. „Dann sehen wir, wer als nächster dran ist.“ Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“ Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet. „Sieht das nicht schön aus?“, rief er. Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück. ‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘ Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde. Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel. „Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan, die den Wurf der ‚Zwölf Schönheiten‘ hatte. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ – „Dieses Spiel macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll den letzten Wurf machen.“ Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“ Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“. „Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“ „Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“ „Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ – „Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ – „Sehr passend!“, riefen alle. „Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann gibt es Abendbrot.“ Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ – „Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang. „Wer ist mit ihm gegangen?“ Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“ Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete. „Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie. „Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl. „Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“ Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“ „Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er nicht kommen wollte, da er keinen Hunger habe. Sagt, er kommt herüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt hat. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollen.“ Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab. „Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“ „Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd. „Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich. Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei. „Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ – „Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“ „Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“ Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie You-schïs Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in You-schïs Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ – „Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.“ Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“ Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. Als Bau-yü den Garten betrat, wurde er von einem Bild vollständiger Verlassenheit begrüßt, wohin er auch schaute. Die Blumen und Bäume schienen alle zu verdorren, waren ausgetrocknet, und die Farbe blätterte seit langem von den einzelnen Gebäuden.