Hongloumeng/de/Chapter 109
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Kapitel 109
候芳魂五儿承错爱 / 还孽债迎女返真元
erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“ Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu. Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter. Bei einer Gelegenheit, als sie alle in den Gemächern versammelt waren, kam eine der alten Frauen, deren Aufgabe es war, das Seitentor des Gartens zu bewachen, mit einer Botschaft. „Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün, die zur Zeit im Garten ist, hat gehört, daß die Herzoginmutter krank ist und kommt daher zu Besuch.“ – „Sie kommt so selten“, kommentierten alle, „geht und laßt sie sofort vor!“ Hsi-fëng ging zum Bett der Herzoginmutter, um es ihr zu erzählen, und Hsiu-yän, Miau-yüs alte Freundin, ging hinaus, um sie zu empfangen. Miau-yü trug die Kopfbedeckung einer ungeschorenen Schwester und einen mondweißen Seidenumhang mit dem Flickwerk einer langen, ärmellosen Jacke darüber, abgesetzt mit Seide in wasserblauer Farbe. Sie hatte ihren Umhang mit einer in herbstlichen Farben gewebten Binde geschlossen, worunter sie einen langen, weißen damast-seidenen Rock, mit hellgrauen Mustern verziert, trug. In einer Hand hielt sie eine Gebetskette. Sie folgte der Dienerin und schritt würdevoll herein. Hsiu-yän begrüßte sie: „Als ich auch noch im Garten wohnte, konnte ich öfter kommen und Sie sehen. Doch in letzter Zeit gibt es wenige Diener im Garten, und es ist schwer für mich, allein hinauszugehen. Darüberhinaus ist das Seitentor oft geschlossen. Deswegen konnte ich Euch so lange nicht besuchen. Wie schön es ist, euch heute wiederzusehen!“ – „Ihr und die anderen wart hier immer in geschäftigem Treiben“, antwortete Miau-yü. „Deshalb konnte ich euch, auch als Ihr noch im Garten gewohnt hattet, nicht oft besuchen. Doch ich habe von dem derzeitigen Ärger gehört und erfuhr, daß die Herzoginmutter krank ist. Ich habe an euch gedacht und wollte Bau-tschai sehen. Was für einen Unterschied macht es für mich, ob die Tore geschlossen sind oder nicht? Ich wollte kommen und kam. Wenn ich mich entschieden hätte, nicht zu kommen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob mich jemand sehen wollte.“ Hsiu-yän lachte. „Du hast dich wirklich kein bißchen verändert!“ Dann betraten sie das Zimmer der Herzoginmutter. Alle Damen hießen Miau-yü willkommen und sie ging an das Bett, erkundigte sich nach der Gesundheit der alten Dame und unterhielt sich ein wenig mit ihr. „Du bist ein weiblicher Boddhisattva“, sagte die alte Dame, „sag’ mir, wird es mir besser gehen oder nicht?“ „Eine wohltätige und tugendhafte Person wie sie, Herzoginmutter, wird gewiß ein sehr hohes Alter erreichen“, antwortete Miau-yü. „Sie haben eine leichte Erkältung, und ich bin sicher, ein wenig Medizin wird alles wieder in Ordnung bringen. In ihrem Alter ist es wichtig, sich auszuruhen.“ – „Meine Krankheit liegt nicht an den unglücklichen Umständen“, sagte die Herzoginmutter. „Ich war immer frohen Mutes. Ich weiß nicht, warum ich derzeit Druck in der Brust und einen aufgeblähten Magen habe. Der letzte Arzt, den ich sah, sagte, daß ich mich in letzter Zeit etwas überanstrengt habe. Doch du weißt ganz genau, daß niemand wagt, mich aufzuregen! Ich glaube, der Arzt wußte nicht recht, wovon er sprach. Ich sagte Liän, der erste Arzt habe Recht gehabt. – Ich habe nur Magenbeschwerden und eine Erkältung. Liän sollte ihn morgen wieder herbestellen.“ Sie rief Yüan-yang zu sich: „Sag’ in der Küche Bescheid, es soll etwas Vegetarisches zubereitet werden, sodaß Schwester Miau-yü etwas essen kann, während sie hier ist.“ – „Ich habe bereits gegessen“, sagte Miau-yü, „ich möchte nichts.“ – „Auch wenn du nichts essen möchtest“, sagte die Dame Wang, „bleibe und plaudere doch noch mit uns.“ – „Nun gut, es ist lange her, daß ich das letzte Mal hier war. Ich wollte sowieso wissen, wie es euch allen geht.“ Sie sprach noch etwas länger mit ihnen und sagte dann, daß sie gehen müsse. Wie sie sich umblickte, sah sie Hsi-tschun. „Warum siehst du so dünn aus, Hsi-tschun?“, fragte sie. „Du darfst dich beim Malen nicht zu sehr erschöpfen.“ „Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gemalt“, sagte Hsi-tschun. „Das Zimmer, das ich bewohne, hat zu wenig Licht. Außerdem ist mir zur Zeit nicht nach Malen.“ – „Wo lebst du denn jetzt?“, fragte Miau-yü. „In einem Zimmer östlich des Tores, durch das Ihr eben gekommen seid“, antwortete Hsi-tschun. „Es ist nicht weit, schau’ ruhig mal vorbei.“ – „Das werde ich eines Tages“, antwortete Miau-yü, „wenn ich mich in der richtigen Verfassung dazu befinde.“ Hsi-tschun und die anderen führten sie hinaus und unterhielten sich beim Gehen. Als sie zurückkamen, informierten sie die Mägde, daß der Arzt bei der Herzoginmutter sei, und sie gingen alle ihrer Wege. Im Gegensatz zu jedermanns heiterer Voraussage verschlechterte sich der Zustand der Herzoginmutter weiter. Keine Behandlung, die ihr verordnet wurde, führte zur Besserung, und sie litt unter schwerem Durchfall. Djia Dschëng bemerkte, daß ihr Zustand kritisch wurde und war sehr betroffen. Er schickte einen Botschafter zum Amt, um Bescheid zu geben, daß er zu Hause bleibe. Er selbst und die Dame Wang bereiteten Tag und Nacht die Medizin für die alte Dame zu. Als sie an einem Tag etwas aß und trank, waren sie ein wenig zuversichtlicher. Ein altes Dienstmädchen schob ihren Kopf durch die Tür. Die Dame Wang schickte Tsai-yün hin, um zu sehen, wer es war. Es war eine der Frauen, die Ying-tschun mit zu ihrer Hochzeit genommen hatte. „Warum bist du gekommen?“, fragte sie. „Ich habe eine Ewigkeit gewartet!“, antwortete die alte Frau. „Ich konnte nirgends eine Magd finden und wollte nicht hereinplatzen. Ich war sehr aufgeregt!“ – „Wozu der Aufwand?“, fragte Tsai-yün. „Sag’ nicht, Herr Sun hat Fräulein Ying wieder etwas Schlimmes angetan!“ „Es gibt keine Hoffnung mehr für sie!“, sagte die alte Frau. „Er hatte vorgestern einen seiner Ausbrüche, sie weinte die ganze Nacht, gestern würgte sie und konnte kaum atmen. Sie wollten keinen Arzt rufen und heute ist es sogar noch schlimmer!“ „Die Herzoginmutter ist selbst krank!“, sagte Tsai-yün. „Um Himmels willen, macht nicht so einen Lärm!“ Die Dame Wang hatte diese Unterhaltung von innen gehört. Aus Angst, die Herzoginmutter könnte auf diese Ereignisse schlecht reagieren, trug sie Tsai-yün auf, das Dienstmädchen mitzunehmen und woanders mit ihr zu sprechen. Doch die Herzoginmutter hatte ihre Sinnesschärfe nicht verloren und verstand einen großen Teil der Unterhaltung. „Stirbt sie?“ weinte sie. „Bestimmt nicht“, sagte die Dame Wang. „Diese Frauen haben ihren Sinn für Angemessenheit verloren. Es ging ihr in den letzten Tagen nur etwas schlecht, sie waren deshalb besorgt und wollten einen Arzt kommen lassen.“ – „Sie sollten besser meinen nehmen“, sagte die Herzoginmutter. „Sagt ihm, er soll nach ihr sehen.“ Die Dame Wang beauftragte Tsai-yün, die alte Frau zurück zur Dame Hsing zu schicken, und die alte Frau verließ sie. Die Herzoginmutter wurde auf einmal sehr betrübt. „Von meinen drei Enkelinnen“, sagte sie, „ist die älteste tot. Tan-tschun, meine dritte, ist verheiratet und lebt am anderen Ende der Welt und ich werde sie niemals wiedersehen. Und jetzt Ying-tschun, – ich wußte, daß ihr Leben schwer ist, doch irgendwie glaubte ich, sie würde noch bessere Tage sehen. Jetzt wird sie sterben und sie ist doch noch so jung! Und ich bin hier noch übrig, eine nutzlose, alte Frau ohne Grund, weiter zu leben.“ Die Damen Wang und Yüan-yang versuchten, sie zu trösten. Bau-tschai und Li Wan waren an diesem Tag nicht da, und Hsi-fëng war in den letzten Tagen auch wieder krank. Die DameWang fürchtete, daß die Krankheit der Herzoginmutter durch diesen geistigen Druck noch verschlimmert würde, und schickte sofort nach den anderen Damen, daß diese zur Herzoginmutter kommen möchten. Sie selbst kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und rief Tsai-yün zu sich. „Dieses dumme, alte Dienstmädchen!“, sagte sie ärgerlich, „wenn ich in Zukunft bei der Herzoginmutter bin, wirst du mich nicht noch einmal stören, egal, worum es geht!“ Tsai-yün versprach, diese Anweisungen zu befolgen und sagte nichts mehr. Die alte Frau war inzwischen bei der Dame Hsing angekommen, als die Neuigkeit antraf, daß Ying-tschun gestorben war. Die Dame Hsing brach in Tränen aus. Während Djia Schës Abwesenheit mußte sie Djia Liän zu den Suns schicken, daß er die Familie repräsentieren möge. Die Herzoginmutter war so krank, daß niemand es wagte, ihr die Neuigkeiten zu überbringen.
Ohje, was für ein grausames Ende für so ein zartes Geschöpf, ihre blumenhafte Schönheit war innerhalb eines Ehejahres dahingewelkt!
Niemand von den Djias konnte das Haus mit der Herzoginmutter in einem solchen Zustand verlassen, und die Suns gaben Ying-tschun eine erwartungsgemäß notdürftige Beerdigung. Der Herzoginmutter ging es weiterhin immer schlechter, doch ihre einzigen Gedanken waren stets bei ihren Enkelinnen und Großnichten. Einmal stand Hsiang-yün im Zentrum ihrer Gedanken, und sie schickte eine Magd, um zu sehen, wo sie war. Die Magd kehrte zurück und schlich hinein, um heimlich Yüan-yang zu finden. Yüan-yang stand am Bett sowie die Dame Wang und die anderen Damen. Die Magd, welche nicht stören wollte, ging zurück, um Hu-po zu suchen. „Die Herzoginmutter schickt mich, um Neuigkeiten von Fräulein Hsiang-yün einzuholen“, sagte sie zu Hu-po, „und ich sah, daß sie bitterlich weinte! Ihr Ehemann ist plötzlich krank geworden, und die Ärzte sagen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Im besten Fall kommt es zu einer Auszehrung, und er erlebt noch weitere vier oder fünf Jahre! Du kannst dir vorstellen, wie sehr Fräulein Hsiang-yün das zu schaffen macht! Sie ist von der Krankheit der Herzoginmutter tief bedrückt, doch jetzt kann sie ihr zu Hause einfach nicht verlassen. Sie sagte mir, ich solle die Krankheit ihres Mannes nicht gegenüber der Herzoginmutter erwähnen. Wenn sie nach Fräulein Hsiang-yün fragt, mußt du dir eine Ausrede für ihre Abwesenheit einfallen lassen.“ Hu-po seufzte tief und schickte die Magd nach langem Schweigen fort. Sie dachte auch, es sei unklug, die Herzoginmutter davon zu unterrichten und ging mit der Absicht an ihr Bett, mit Hilfe von Yüan-yang eine erfundene Geschichte zu erzählen. Sie fand die Herzoginmutter leichenblaß und jeder im Raum flüsterte: „Man kann sehen, daß sie von uns geht!“ Hu-po wagte kein Wort zu sagen. Djia Dschëng wandte sich an Djia Liän, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und Djia Liän schlich hinaus, um seine Anweisungen zu geben. Er versammelte draußen den restlichen Hausstand. „Die Herzoginmutter weilt nicht mehr lange unter uns. Ihr müßt sicher gehen, daß alles in Ordnung ist. Zunächst untersucht ihr den Sarg und meßt ihn genau ab. Geht durch alle Gemächer, nehmt eines jeden Maße auf und gebt dem Schneider eine vollständige Liste mit Anweisungen, für jeden Trauergewänder zu schneidern. Sorgt dafür, daß im Garten für die Beerdigung ein Tuch aufgespannt wird und Sargträger bestellt werden. Und haltet die Küche voll besetzt.“ – „Herr Liän“, antwortete Lai Da für die anderen, „machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben bereits an alles gedacht. Doch woher nehmen wir das Geld?“ – „Wir müssen uns nichts leihen“, sagte Djia Liän, „die Herzoginmutter hat selbst vorgesorgt. Der Herr trug mir eben auf, daß er keine Kosten scheuen möchte. Es soll würdevoll vonstatten gehen; wir möchten alles gut präsentieren.“ – „Ja, Herr.“ – Lai Da und die anderen gingen sofort ihren Aufträgen nach, und Djia Liän kehrte in seine eigenen Gemächer zurück. „Wie geht es Frau Liän?“, fragte er Ping-örl. Ping-örl blickte in Richtung des inneren Raumes: „Geht und seht selbst!“ Djia Liän ging hinein. Hsi-fëng war bemüht, sich selbst anzukleiden, doch war sie zu schwach. Sie war auf dem Ofenbett zusammengebrochen und lehnte über dem Ofenbett-Tisch. „Es ist jetzt keine Zeit zum Ausruhen!“, rief Djia Liän. „Mit der Herzoginmutter neigt es sich heute oder morgen zum Ende, und du mußt da sein. Beeil’ dich und sag’, daß hier alles aufgeräumt werden soll. Und nimm dich zusammen, wenn das Schlimmste passiert, werden wir uns nicht zurückziehen können.“
Aus: Jinyuyuan 1889a. „Es ist nichts mehr zum Aufräumen übrig!“, sagte Hsi-fëng bitter. „Nur noch etwas Krempel, nichts, worum man sich sorgen müßte. Geh nur vor, Djia Dschëng könnte nach dir verlangen. Komm wieder, wenn ich vernünftig angezogen bin.“ Djia Liän kehrte in die Gemächer der Herzoginmutter zurück, und berichtete Djia Dschëng leise, daß alle Vorbereitungen getroffen und alle Aufträge erteilt worden seien. Djia Dschëng nickte. Der Kaiserliche Leibarzt wurde angekündigt, und Djia Liän ging hinaus, um ihn zu empfangen. Der Puls der Herzoginmutter wurde gemessen, und dann fuhr der Arzt fort, Djia Liän in gedämpftem Ton zu berichten: „Der Puls der Herzoginmutter ist sehr schwach. Ihr müßt auf das Schlimmste gefaßt sein.“ Djia Liän verstand und überbrachte der Dame Wang und den anderen die Nachricht. Die Dame Wang gab Yüan-yang ein bedeutungsvolles Zeichen und trug ihr auf, die Begräbniskleidung der Herzoginmutter vorzubereiten. Yüan-yang ging sie holen. Die Herzoginmutter öffnete ihre Augen und bat um etwas Tee. Die Dame Hsing brachte ihr eine Tasse Ginseng-Tee, und sie setzte ihre Lippen daran. „Nicht sowas!“ protestierte sie. „Gebt mir vernünftigen Tee!“ Sie wagten nicht, ihr die Bitte zu verweigern und brachten ihr sofort normalen Tee. Sie nahm einen Schluck, dann noch einen und dann kündigte sie an, sie wolle sich aufsetzen. „Mutter,“ flehte Djia Dschëng für die anderen, „was immer du möchtest, du mußt es uns nur sagen. Doch bitte streng dich selbst nicht zu sehr mit dem Sitzen an!“ – „Ich habe etwas getrunken und fühle mich nun besser“, antwortete sie. „Ich möchte gerne sitzen und mich etwas unterhalten.“ Dschën-dschu und die anderen Mägde stützten sie vorsichtig mit den Händen. Sie schien wiederbelebt. Doch ob sie nun weiterlebt oder nicht, das erfährt man im nächsten Kapitel.
110. Die Herzoginmutter stirbt und kehrt zurück ins Land der Schatten Wang Hsi-fëng reizt ihre Stärke aus und büßt die Achtung der Familie ein.
Die Herzoginmutter saß aufrecht im Bett und begann zu sprechen: „Ich war über sechzig Jahre Teil der Familie Djia. Ich habe ein langes Leben gelebt und erfreute mich des vollen Glücks. Ich denke, ich kann sagen, daß alle, mein Ehemann, meine Kinder und Enkel gut erzogen waren. Und was Bau-yü angeht: Ich habe ihn so innig geliebt.“ Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Die Dame Wang schubste Bau-yü an das Bett. Die Herzoginmutter schob eine Hand unter der Bettdecke hervor und faßte ihn bei seiner Hand: „Mein Junge, du mußt mir versprechen, dein Bestes zu tun!“ - „Ja, Großmutter“, sagte Bau-yü, sein Herz war gerührt. Er kämpfte, um sein Weinen zurückzuhalten,und hörte ihr zu, wie sie fort fuhr: „Ich will einen meiner Urenkel sehen, und dann glaube ich, kann mein Herz zur Ruhe kommen. Wo ist mein kleiner Lan?“ Li Wan schubste Lan vor. Die Herzoginmutter ließ Bau-yü gehen und nahm Lan an die Hand. „Du mußt ein guter Junge sein und immer deine Pflichten für deine Mutter tun. Und wenn du groß bist, mußt du Ehre und Ruhm für sie gewinnen! Nun, wo ist Hsi-fëng?“ Hsi-fëng stand an der Seite des Bettes und eilte herum, um die Herzoginmutter zu sehen. „Hier bin ich.“ – „Mein Kind“, sagte Die Herzoginmutter, „dein Problem ist, daß du zu gescheit bist! Versuch’ in Zukunft noch rücksichtsvoller zu sein und halte Frieden mit dem Schicksal. Ich weiß, daß gerade ich nicht von so etwas reden sollte; das meiste, was ich in meinem Leben tat, ist zu versuchen, ehrlich zu sein und mein Unglück mit Geduld zu ertragen. Ich war nie jemand, der fastet oder betet. Die einzige gute Arbeit, die ich jemals tat, war das Abschreiben des Diamanten-Sutras vor einem Jahr oder so. Ich frage mich, ob sie alle bereits verteilt wurden?“ Hsi-fëng informierte sie, daß die Abschriften noch nicht verteilt wurden. „Je eher diese Tat der Ergebenheit vollbracht ist, desto besser“, sagte die alte Dame „Ich weiß, daß mein älterer Sohn Schë und Vetter Dschën im Exil festgehalten werden und nicht hier sein können: aber warum ist Hsiang-yün so herzlos, nicht zu kommen, um mich zu sehen?“ Yüan-yang und ihr anderen Mägde kannten den Grund zu gut, aber sagten nichts. Die Herzoginmutter sah sich als nächstes Bau-tschai an. Als sie dies tat, seufzte sie und errötete im ganzen Gesicht. Djia Dschëng wußte, daß dies ein Zeichen des bevorstehenden Todes war. Er kam mit dem Ginsengtee vor, aber die Zähne der Herzoginmutter waren fest geschlossen. Sie schloß ihre Augen, öffnete sie dann noch einmal und starrte durch das ganze Zimmer. Die Dame Wang und Bau-tschai kamen herbei und unterstützten sie sanft, während die Dame Hsing und Hsi-fëng sie ankleideten. Die alte Dienerin bereitete das Bett vor, wo sie ausgelegt wurde, und arrangierten die Bettdecke. Man hörte ein leichtes Rasseln in ihrem Hals, ein Lächeln stahl sich über ihr Gesicht, und sie war gestorben. Sie war zweiundachtzig Jahre alt. Die Dienerinnen eilten vor, um sie in das Bett zu legen. Djia Dschëng und die anderen Männer knieten im äußeren Zimmer, die Dame Hsing und die anderen Frauen knieten am Bett; von beiden erhob sich der erste Chor des Jammerns. Die Diener hatten draußen alle Vorbereitungen getroffen, und sobald die Nachricht aus den inneren Räumen kam, wurden alle Tore aufgeworfen, vom Haupteingang zu den inneren Toren, die zu den Gemächern der Herzoginmutter führten, und weißes Papier wurde an jede Tür geklebt.0 Das Beerdigungstuch wurde über dem Hof gespannt, und ein Gedächtnistorbogen wurde außerhalb des Haupteingangs errichtet. Jedes Mitglied des Haushalts zog sofort die Trauerkleidung an. Djia Dschëng kündigte dem Ritenamt seinen Verlust und den Anfang seiner siebenundzwanzig-monatigen Trauerzeit an. Das Ritenamt schlug ein Grabmal vor, welches den Anweisungen des Herrschers in dieser Sache entsprechen sollte. Seine Majestät war eine Person von tiefstem Mitgefühl und Freundlichkeit. Seit Generationen hatte die Familie Djia dem Herrscherhaus gedient. Zudem war die Herzoginmutter die Großmutter der kaiserlichen Konkubine Yüän-tschun. Er wies an, daß sie eine Spende von eintausend Tael Silber bekämen, und befahl den Beamten des Ritenamtes, ihnen Geschenke zu geben und ihre Verehrung vor ihrem Sarg auszudrücken. Die Angestellten des Djia-Haushalts wurden losgeschickt, um allen Verwandten und Freunden der Familie die Nachricht vom Tod der Herzoginmutter zu überbringen und sie alle kamen zur Trauerfeier. Während sie wußten, daß die Djias vieles auf der Welt verloren hatten, sahen sie auch, daß die Familie immer noch in der Gunst des Kaisers stand. Ein günstiger Tag wurde für das Begräbnis und die folgende Zeremonie ausgewählt. Seit Djia Schë von zu Hause weg war, war Djia Dschëng der ausführende Kopf der Familie. Zwei der Enkelsöhne der Herzoginmutter, Bau-yü und Djia Huan, und ihr Urenkel Djia Lan, waren alle zu jung, um am Empfang teilzunehmen, sie trauerten am Sarg. Ihr anderer Enkelsohn, Djia Liän war mit der Hilfe von Djia Jung und verschiedenen anderen weiblichen und männlichen Verwandten damit beschäftigt, die Diener zu organisieren. Die Damen Hsing und Wang, Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai sollten die Haupttrauernden sein, und weinten am Sarg. Niemand konnte Hsi-fëng bei den Haushaltsangelegenheiten unterstützen. Frau You-schï, die seit Vetter Dschëns Abreise und ihrer Einsetzung im Jung-guo-Anwesen eine Vertrauensperson geworden war, hatte sich sehr im Hintergrund gehalten, und war sowieso nicht vertraut mit den Arbeiten dieser Seite der Familie. Dann war da noch Djia Jungs neue Frau, die noch unsicherer in dieser Angelegenheit war. Und da war auch Hsi-tschun, die noch immer zu jung und obwohl sie mit dem Jung-guo-Zweig aufgewachsen war, gänzlich unwissend geblieben war, was die Familienbräuche angeht. Keine von ihnen war eine wirklich gute Kandidatin für solche Angelegenheiten. Die einzige Person für diese Arbeit war Hsi-fëng. Wenn Djia Liän für ‚draußen‘ zuständig war, würde es sehr sinnvoll für sie sein, das ‚Drinnen‘ zu erledigen und nach den weiblichen Gästen zu sehen. Sie war in der Vergangenheit immer sehr selbstsicher gewesen und hatte angenommen, daß die Beerdigung der Herzoginmutter der Höhepunkt ihrer Karriere sei, eine Gelegenheit für sie zu beweisen, wie unentbehrlich sie war. Die Damen Hsing und Wang erinnerten sich, wie gut sie die Beerdigung von Tjin Kë-tjing bewältigt hatte, und dachten, sie könnten sich auf sie verlassen, daß sie ihren Erfolg wiederholte. Als sie sie daher von ihren Pflichten als Trauernde freisprachen und sie baten, noch einmal volle Verantwortung als Aufsicht zu übernehmen, konnte Hsi-fëng dies kaum ablehnen. ,Nach allem‘, dachte sie bei sich selbst, ,hatte ich hier immer das Sagen. Die Diener sind daran gewöhnt, Anweisungen von mir zu erhalten. Es waren die Diener der Dame Hsing und You-schï, mit denen man vorher schwer umgehen konnte, und die sind alle gegangen. Es wird weniger angenehm sein, Rechnungen ohne Geld zu begleichen, aber ich werde Geld aus Großmutters Kapital nehmen, es sollte da also kein Problem geben. Es wird auch helfen, Liän als Unterstützng für den Empfang zu haben. Auch, wenn es mir nicht gut geht, denke ich, daß ich fähig bin, es zu schaffen, ohne mich in Verruf zu bringen. Es sollte einfacher sein als Tjin Kë-tjings Beerdigung.“ Sie wartete bis zum Morgen nach dem dritten Tag, an welchem die Zeremonien abgehalten wurden, um den Geist der Verstorbenen zurück im Jenseits willkommen zu heißen. Dann sagte sie Dschou Juees Frau, eine Vollversammlung des Personals zusammenzurufen und die Register mitzubringen. Als sie sie überprüfte, fand sie heraus, daß alle zusammen nur einundzwanzig Männer waren, neunzehn Mägde, und etwa ein Dutzend andere Mädchen. Insgesamt waren es nur über dreißig Personen, das war nicht genug. ‚Nun, wir haben weniger Diener für die Beerdigung der Herzoginmutter, als wir für die von Tjin Kë-tjing hatten!‘, dachte sie betroffen bei sich. ‚Sogar wenn ich extra Menschen aus den Landhäusern anforderte, wäre da noch immer ein ernster Mangel.‘ Sie drehte das Problem immer wieder in ihrem Kopf, als eine der jüngeren Mägde hereinkam: „Fräulein Yüan-yang möchte gerne, daß sie herüberkommen, um sie zu sehen, Frau Liän.“ Etwas widerstrebend ging Hsi-fëng hinüber zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo sie Yüan-yang tränenüberströmt vorfand. Als sie Hsi-fëng sah, hielt sie sie fest und rief: „Setzen Sie sich bitte, Fräulein Liän, und lassen sie mich vor Ihnen einen Kotau machen! Ich weiß, man sollte solche Sachen nicht während einer Trauerphase machen, aber ich muß wirklich einen Kotau machen!“ Yüan-yang fiel auf ihre Knie, und Hsi-fëng streckte ihre Hände aus, um dies zu verhindern. „Komm schon! Was bedeutet das alles? Wenn du etwas auf dem Herzen hast, dann sag’ es einfach!“ Yüan-yang bestand darauf, vor ihr zu knien, und Hsi-fëng fuhr mit ihren Bemühungen fort, sie auf die Füße zu stellen. „Die Beerdigung der Herzoginmutter wurde ganz in ihre und Herrn Lians Hände gelegt“, sagte Yüan-yang. „Die Herzoginmutter hinterließ eine spezielle Geldsumme, um dies zu bezahlen. Während sie lebte, gab die Herzoginmutter nichts für sich selbst aus; nun, da die Zeit für ihre Beerdigung gekommen ist, flehe ich sie an, Fräulein, das Richtige zu tun, und sie auf eine standesgemäße Reise zu schicken! Gerade eben habe ich den Herrn darüber reden hören – ‚Das Buch der Gesänge dies‘, und ‚Konfuzius jenes‘ – ich habe nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. Ich habe folgenden Satz aufgeschnappt: ‚Bei Beerdigungen ist wahre Trauer wichtiger als die Äußerlichkeiten.‘ - Ich bat Frau Bau-tschai zu erklären, was das hieß, und sie sagte, daß der Herr die Beerdigung einfach gestalten will. Er glaubt, daß Trauer aus tiefstem Herzen die treueste Form der Untergebenheit ist und daß ein verschwenderischer Aufwand nicht nötig sei. Aber wie ich das sehe, für jemanden wie die Herzoginmutter, sollten die Dinge etwas größer sein. Ich weiß, ich bin nur eine Dienerin, und habe kein Recht über diese Dinge zu sprechen, aber ich glaube, die Herzoginmutter hat uns beide geliebt, als sie lebte, Fräulein, beide, Sie und mich, und nun da sie tot ist, sind wir es ihr schuldig, sie stilvoll auf die Reise zu schicken! Ich weiß, wie gut sie bei solchen Sachen sind, Fräulein, und ich wollte sie um ihre Unterstützung bitten, so daß wir zusammen entscheiden können, was das Beste ist. Ich war mein ganzes Leben für die Herzoginmutter da, und auch im Tod bin ich ihr verpflichtet! Wenn ich nicht sehe, daß dies richtig gemacht wird, wie sollte ich ihr dann jemals wieder in das Gesicht sehen können?“ Hsi-fëng fand die Art, wie Yüan-yang sprach, eher seltsam. „Mach’ dir keine Sorgen“, antwortete sie. „Natürlich wird alles den richtigen Stil haben. Herr Dschëng mag von dem Geld sprechen, aber wir müssen bestimmte Standards bewahren. Wir werden jede Münze des Geldes für die Dame Djia ausgeben, wenn es sein muß.“ „Bevor sie starb“, sagte Yüan-yang, „sagte die Herzoginmutter, daß alles, was nach der Verteilung in der Familie übrig bleibt, uns zu gute kommen soll. Wenn es da nicht genug Geld für die Beerdigung gibt, Fräulein, dann nehmen sie unseren Anteil der Sachen der Herzoginmutter und verpfänden sie. Was immer der Herr sagen mag, kann er kaum gegen die letzten Wünsche der Herzoginmutter angehen. Er war selbst dort, als sie alles einteilte.“ – „Du warst immer so ein helles Köpfchen“, sagte Hsi-fëng, „was ist heute in dich gefahren?“ – „Nichts ist in mich gefahren“, protestierte Yüan-yang, „ich weiß nur, daß die Dame Hsing sich nicht darum kümmert und daß der Herr zu vorsichtig ist. Es kann sein, daß Sie derselben Meinung sind, wie der Herr, Herrin. Wenn Sie auch befürchten, daß wir ins Gerede kommen, wenn wir mit einem ausgeplünderten Haushalt eine solche anständige Beerdigung aufbringen können. Dann wird niemand sich trauen, der Herzoginmutter angemessen seine Ehre zu erweisen. Das wäre eine sehr schreckliche Sache! Ich bin nur eine Magd, daher ist es natürlich kein persönliches Problem von mir. Aber denken Sie daran, welche Schande das für die Familie wäre?“ „Du brauchst mich nicht daran zu erinnern“, antwortete Hsi-fëng. „Mach’ dir keine Gedanken! Ich kümmere mich um alles.“ Yüan-yang bat Hsi-fëng dringend darum, ihr Bestes zu tun, und gelobte ihre ewige Dankbarkeit. ‚Was für eine merkwürdige Kreatur‘, dachte Hsi-fëng bei sich, als sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ. ‚Ich wundere mich, was in ihrem Kopf vorgeht. Natürlich hat sie recht: Großmutters Beerdigung sollte sehr stilvoll sein. Meine Güte! Ich kann Yüan-yangs Beschwerden nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken! Ich halte mich besser an die Familientradition.’
Aus: Jinyuyuan 1889b. Sie rief Wang Örls Frau herbei, schickte sie mit einer Nachricht zu Djia Liän und bat ihn, zu kommen. „Was willst du von mir?“, fragte er, als er kurz danach ankam, „halte dich nur an deine Angelegenheiten im ‚Inneren‘. Da sollte es keine Probleme geben. Wenn du Zweifel hast, dann halte dich an Onkel Dschëngs Anweisungen.“ „Das ist es“, sagte Hsi-fëng, „was du sagst, trifft die Ängste Yüan-yangs.“ „Welche Ängste sind das?“ Hsi-fëng wiederholte den Kern der Unterhaltung mit Yüan-yang. „Wer kümmert sich schon darum, was die Mägde sagen?“ schnaubte Djia Liän. „Ich war gerade drinnen und habe Onkel Dschëng gesehen, und er sagte: ‚Wir würden gerne etwas Großes für Mutters Begräbnis tun, aber obwohl die Leute verstehen, daß es ihr Geld ist, welches wir ausgeben, weniger gut informierte Beobachter werden uns verdächtigen, daß wir heimlich etwas von unseren eigenen Geldmittel genommen haben. Sie könnten denken, daß wir immer noch versteckten Reichtum besitzen. Natürlich wird niemand‘, fuhr Onkel Dschëng fort, ‚das übriggebliebene Geld, wenn wir nicht alles von ihrem Geld für das Begräbnis ausgeben, für den eigenen Bedarf wollen. Auf die eine oder andere Art sollte es für Großmutter ausgegeben werden. Nun, sie kam aus dem Süden, wir haben Begräbnisland der Vorfahren dort, es sind aber keine Gebäude darauf. Wenn ihr Sarg in den Süden transportiert würde, können wir mit dem Geld, das übrig ist, einige Gebäude auf dem Begräbnisland der Vorfahren aufbauen und einige Hektar Land kaufen, um unsere Opfer zu bringen. Wenn wir jemals selbst in den Süden zurückkehren, wird es nützlich sein und selbst wenn wir dies nicht tun, können wir immer noch die ärmeren Familienmitglieder dort wohnen lassen. Sie können die Räucherstäbchenopfer an den Feiertagen darbringen und regelmäßig die Gräber ausfegen.‘ Das war Onkel Dschëngs Vorschlag. Denkst du nicht, daß es ein anständiger Vorschlag ist? Du schlägst doch sicherlich nicht vor, daß wir den gesamten Betrag für die Beerdigung ausgeben, oder?“ „Wurde schon etwas von dem Geld ausgegeben?“, fragte Hsi-fëng. „Nicht eine Münze“, antwortete Djia Liän. „Ich hörte, daß Mutter, als sie von diesem Vorschlag erfuhr, diesen lobte und ihr Bestes tat, sie beide, ihn und Tante Wang, bei ihren Plänen zu unterstützen. Also was kann ich tun? Ich habe bereits mehrere hundert Tael für das Tuch und die Rechnung der Sargträger eingerechnet, aber das Geld wurde noch nicht freigegeben. Wenn ich gehe und danach frage, sagen sie mir alle, daß das Geld da ist, aber daß ich erst die Arbeit verrichten muß und daß das später verrechnet wird. Es gibt keinen, von dem wir etwas leihen können: die Diener mit etwas eigenem Geld sind alle verschwunden. Als ich die Versammlung einberief, waren manche ‚krank‘, andere ‚auf dem Land‘, während diejenigen, die noch hier waren, nur aus reiner Not blieben und uns nichts nützen. Wie könnte man von ihnen noch Geld verlangen?“ Hsi-fëng war für einen Moment in Gedanken versunken. „Wie willst du es dann machen?“, fragte sie endlich. Als sie sprach, kam eine Magd in das Zimmer: „Da ist eine Nachricht für Sie von der Dame Hsing, Fräulein. Heute ist der dritte Tag des Empfangs der Damen, und die Anordnungen gehen noch immer durcheinander. Die Gäste sollten nicht auf ihr Essen warten müssen, auch der Leichenschmaus wurde gemacht! Sie mußten nach ihren Speisen mehrmals fragen, bevor sie serviert wurden. Und sogar, als die Hauptspeisen ankamen, gab es noch immer keinen Reis. Sicher können wir es besser als so!“ Hsi-fëng eilte hinein, um den Dienern Anweisungen zu geben, das Mittagessen zu servieren, und sie bekamen es hin, etwas Passables vorzuweisen. Unglücklicherweise war da eine ungewöhnlich große Menge an Gästen an diesem Tag, und das Personal war sehr mürrisch und teilnahmslos. Hsi-fëng mußte sie selbst beaufsichtigen. Dann eilte sie hinaus und wies Wang Örls Frau an, eine Vollversammlung der Dienerinnen einzuberufen. Sie gab jeder klare Anweisungen, auf welche jede mit einem sicheren, „Ja, Frau Liän“, antwortete und am Nachmittag mit ihrem Nichtstun so weitermachten. „Seht, wie spät es ist! Warum habt ihr die Speisen für das Abendessen noch nicht serviert?“, fragte Hsi-fëng. „Das Essen zu servieren wäre kein Problem, Fräulein“, kam die Antwort, „wenn wir das nötige Geschirr dafür hätten.“ „Geschirr!“, rief Hsi-fëng. „Das ist eure Aufgabe! Natürlich bekommt ihr alles, was ihr braucht!“ Die Dienerinnen fügten sich widerwillig und improvisierten, während Hsi-fëng sofort in die Hauptwohnung ging, um die Damen Hsing und Wang um die Erlaubnis für die nötigen Geräte zu bitten. Aber um sie herum war immer noch so ein starker Gästeandrang, daß sie sie nicht offen ansprechen konnte. Der Abend kam näher und in ihrer Verzweiflung ging sie zu Yüan-yang und bat sie, das zweite Abendservice der Herzoginmutter nutzen zu dürfen. „Warum kommt ihr und fragt ihn danach?“, rief Yüan-yang, „Herr Liän verpfändete es vor ein paar Jahren! Fragen Sie ihn besser, ob er es jemals wieder ausgelöst hat.“ – „Ich will nicht das Silber“, sagte Hsi-fëng, „das normale Service würde reichen.“ – „Was glaubst, haben die Damen Hsing und You benutzt, seit sie hier eingezogen sind?“, fragte Yüan-yang spitz. Hsi-fëng wußte, daß sie wohl die Wahrheit sagte, und ging sofort zu den Gemächern der Dame Wang, wo sie Yü-tschuan und Tsai-yün dazu überredete, ihr ihr Service zu leihen. Sie machte eine schnelle Inventur mit Tsai-ming und bat darum, daß das Geschirr an die Diener weitergeleitet werde. Yüan-yang sah Hsi-fëng in diesem Zustand der Hektik und dachte, obwohl sie sie nicht zurückrief, um zu klagen, bei sich: ‚Warum vermasselt Frau Liän, die früher so fähig war, die Dinge diesmal so sehr? Die letzten paar Tage waren eine Schande. Das ist eine armselige Form der Dankbarkeit für die Liebe der Herzoginmutter!’ Sie war sich nicht bewußt, daß die Dame Hsing das Geld absichtlich von Hsi-fëng fernhielt. Djia Dschëngs Ansichten über die Haushaltswirtschaft paßten genau zu ihren Zukunftsängsten, und sie sah jeden Tael, der bei der Beerdigung gespart wurde, als Beitrag nicht nur für die Familienreserven, sondern auch für ihre eigene finanzielle Sicherheit an. Ihre Stellung hier wurde von der Tatsache gestärkt, daß strenggenommen der älteste Sohn der Herzoginmutter für die Beerdigung verantwortlich war. Djia Schë war nicht zu Hause, aber Djia Dschëng war ein unverbesserlicher Verfechter der Konventionen, und er antwortete, wann immer er um Rat gefragt wurde: „Frag’ die Dame Hsing, was sie denkt.“ Die Dame Hsing betrachtete Hsi-fëng als extravagant und Djia Liän als nicht vertrauenswürdig und hielt daher stark an jeder Münze des Beerdigungsfonds fest. Yüan-yang jedoch setzte voraus, daß das Geld für die Beerdigung bereits freigegeben worden war und so schrieb sie die gegenwärtige Krise dem Mangel an Eifer und Loyalität seitens Hsi-fëng zu, sie jammerte unaufhörlich vor dem Sarg ihrer toten Herrin. Die Damen Hsing und Wang wußten nur zu gut, über was Yüan-yang klagte, aber bevor sie erkannten, daß die Ursache in ihrer eigenen Ablehnung lag, Hsi-fëng anständig für ihre Aufgabe auszustatten, begannen sie, Hsi-fëng laut zu kritisieren: „Yüan-yang hat recht: Hsi-fëng läßt uns sehr hängen!“ Am Abend rief die Dame Wang Hsi-fëng zu sich und tadelte sie: „Wir mögen in etwas strapazierten Umständen leben, aber wir müssen unsere Standards trotzdem beibehalten. Während der letzten zwei oder drei Tage habe ich bemerkt, daß die Mägde nicht anständig nach unseren Gästen schauten. Sicher hast du es versäumt, ihnen entsprechende Anweisungen zu geben. Bitte gib dir mehr Mühe und zeige etwas mehr Familiengeist!“ Hsi-fëng war sprachlos. Sie hatte die Tatsache aufgebracht, daß sie nicht mit Geld ausgestattet worden war, aber Geld sollte eigentlich Djia Liäns Gebiet sein, während die Dame Wang sich über den ‚inneren‘ Dienst beschwerte. Sie traute sich nicht, etwas zu antworten. „Strenggenommen“, sagte die Dame Hsing, die auf der anderen Seite stand, „sollten deine Tante Wang und ich, als Schwiegertöchter der Herzoginmutter, für den Empfang verantwortlich sein, nicht ein Mitglied der jüngeren Generation; aber wir sind sehr mit der Trauer beschäftigt, und deswegen haben wir dir die Verantwortng übertragen. Denk’ bloß nicht, du könntest nachlässig sein!“ Hsi-fëng wurde rot vor Zorn. Sie war gerade dabei, etwas zu ihrer eigenen Verteidigung zu sagen, als sie draußen eine Trommel hörte: Es war Zeit für das abendliche Papiergeldopfer. Ein Gejammer erhob sich von den versammelten Trauernden und ihre Chance zu sprechen war vorbei. Sie dachte, sie würde bis später warten, aber nach der Opfergabe zwang die Dame Wang sie, ihren Pflichten nachzukommen. „Wir können hier auf die Dinge aufpassen. Du gehst und siehst zu, daß alles für morgen in Ordnung ist.“ Hsi-fëng traute sich nicht, ein Wort zu sagen, sondern ging hinaus, ihre Trauer und ihre Tränen so gut wie möglich verbergend. Sie rief erneut ein Personaltreffen ein und erinnerte alle nochmals an ihre Pflichten: „Die Damen, ihr Lieben, nehmt Rücksicht auf mich, ich bitte euch! Ich bin für alles von den Damen getadelt worden, und das nur, weil ihre eure Arbeit nicht anständig macht. Ihr macht uns alle lächerlich. Ich flehe euch an, euch morgen besonders anzustrengen.“ – „Aber Fräulein“, kam die Antwort, „dies ist nicht das erte Mal, daß Sie die Veranwortung tragen. Sie kennen uns, wir würden uns niemals trauen, ihre Anweisungen zu mißachten. Aber diesmal verlangen die Damen zuviel. Schauen wir auf das letzte Essen: Manche wollten hier essen, manche in ihren eigenen Räumen. Wir baten die Dame So-und-so zu kommen und ihr Essen einzunehmen, und dann erscheint Frau Jemand-Anderes nicht. Wie können wir damit umgehen? Wir flehen sie an, Fräulein, reden sie mit den Mägden der Herzoginmutter und bitten sie sie, nicht so kleinlich zu sein!“ „Die Mägde der Herzoginmutter sind wirklich schwer zufriedenzustellen“, antwortete Hsi-fëng, „und für mich ist es schwer, den Mägden der Herzoginmutter Anweisungen zu geben. Wo ist jemand, mit dem ich sprechen kann?“ „Aber Fräulein Liän! Als Sie die Beerdigung für das Ning-guo-Anwesen durchgeführt haben, ließen Sie Leute schlagen, Sie schimpften sie aus, Sie haben eine sehr harte Linie eingeschlagen – und jeder hörte auf Sie. Werden Sie Ihre Autorität von diesen Mägden in Frage stellen lassen?“ „Bei jener Gelegenheit“, seufzte Hsi-fëng, „hatten die Damen keinen Grund, einen Fehler bei mir zu finden. Aber diesmal sind wir nicht im Ning-guo-Anwesen. Ich bin im eigenen Gebiet, damit überprüfbar und auf dem Präsentierteller. Also findet jeder einen Fehler bei mir. Außerdem, bekomme ich kein Geld, wenn ich darum bitte, es auszuzahlen. Wenn etwas bei dem Empfang gebraucht wird, schicke ich danach und nichts passiert, was kann ich tun?“ „Aber Herr Liän hat auf diesem Gebiet die Verantwortung. Sicher wird er Ihnen Geld geben, was immer Sie an Geld gebrauchen?“ „Das denkt ihr!“, antwortete Hsi-fëng. „Seine Hände sind genauso gebunden wie meine. Er hat keine Kontrolle über das Geld. Er muß selbst nach jeder Münze fragen. Er hat kaum Geld.“ – „Aber hat er nicht das Geld der Herzoginmutter zur Verfügung?“ – „Fragt die Verwalter“, sagte Hsi-fëng. „Die werden es euch sagen.“ – „Kein Wunder, daß sich die männlichen Diener draußen beklagen! Sie sagen, was für eine große Arbeit das hier ist, welche harte Arbeit, und daß es keine Chance gibt, etwas nebenher zu verdienen. Wie können die Dinge nur glatt laufen, wenn es kein Geld gibt?“ – „Genug“, sagte Hsi-fëng. „Alle von euch konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Tut sie, so gut ihr könnt! Wenn ich mehr Klagen der Damen höre, werde ich Euch dafür verantwortlich machen.“ – „Wir tun, was immer Sie uns sagen, Fräulein, wir werden kein Wort sagen. Aber mit all ihren verschiedenen Ideen, wird es schwer sein, jede einzelne der Damen zufrieden zu stellen.“ Hsi-fëng flehte sie an: „Meine Lieben! Helft mir morgen, bitte! Gebt mir eine Chance, die Sache anständig mit den Mägden zu bereden! Und wir werden wieder darüber sprechen.“ Die Diener gingen an ihre Arbeit. Hsi-fëng fühlte sich sehr falsch behandelt, und je mehr sie über die Situation, in der sie war, nachdachte, desto angespannter wurde sie. Beim ersten Licht nach einer schlaflosen Nacht, mußte sie sich noch einmal wegen ihrer Pflichten bei den Damen Hsing und Wang melden. Sie hätte gerne die Mägde diszipliniert, hatte aber Angst, den Groll der Dame Hsing auf sich zu ziehen. Sie hätte sich gerne der Dame Wang anvertraut, aber die Dame Hsing hatte bereits die Dame Wang gegen sie aufgehetzt. Die Mägde machten ihr das Leben noch schwerer als zuvor, als sie sahen, daß die Damen Hsi-fëng nicht unterstützten. Die einzige Ausnahme war Ping-örl, die Hsi-fëng loyal beistand. „Fräulein Liän möchte die Dinge gerne anständig machen“, erklärte sie den anderen, um sie für sich zu gewinnen. „Aber Herr Dschëng und die Damen haben Anweisungen für eine strenge Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“ Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen.