Hongloumeng/de/Chapter 110

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Kapitel 110

史太君寿终归地府 / 王凤姐力诎失人心

Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“ Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen. Sogar Hsi-fëng selbst wußte, zu ihrer großen Demütigung, daß der Beerdigungsempfang ein Chaos war. Obwohl die Dame Hsing die Frau des älteren Sohnes der Verstorbenen war, war sie fähig, ihre Unwissenheit gegenüber den praktischen Maßnahmen mit folgendem kurzen Text zu rechtfertigen: ‚Trauer ist die Essenz der Demut.‘ - Die Dame Wang folgte dem, wie es all die anderen Damen der Familie taten – mit der einzigen Ausnahme von Li Wan. Sie sah die Schwierigkeiten, die Hsi-fëng hatte, und, obwohl sie sich nicht traute, für sich zu sprechen, seufzte sie und dachte: ‚Es gibt ein Sprichwort: ‚Die Mudan-Blüte kann erst durch den Kontrast zu ihrem Grün ihre wahre Schönheit erweisen.‘ Alle Damen waren immer von Hsi-fëng abhängig. Aber wie kann sie den Damen helfen, wenn die Diener nicht länger auf sie hören? Wenn Tan-tschun zu Hause wäre, könnte sie helfen. Aber so, wie die Dinge liegen, rennen sogar Hsi-fëngs eigene Diener im Kreis herum und reden hinter ihrem Rücken und jammern, daß sie hier keinen Profit machen können und daß sie sich nur für dumm verkaufen lassen. Vater ist ein großer Anhänger der töchterlichen Frömmigkeit. Aber er versteht nichts von praktischen Dingen. Bei so etwas Großem, wie einer Beerdigung, muß man Geld ausgeben, wenn die Dinge anständig laufen sollen. Arme Hsi-fëng! Nach all diesen Jahren, wer hätte da gedacht, daß sie sich bei der Beisetzung der Großmutter als unfähig erweist und ihr Gesicht verliert!“ Als sich eine Gelegenheit bot, sprach Li Wan zu ihren eigenen Dienern: „Nun, behandelt Fräulein Liän nicht respektlos, nur weil es alle anderen tun. Glaubt nicht, daß es für eine Beerdigung reicht, wenn die Leute Trauerkleidung tragen und die Totenwache halten! Glaubt nicht, daß es reichen wird, sich ein paar Tage durchzumogeln. Wenn ihr die anderen in Schwierigkeiten seht, dann müßt ihr helfen. Dies ist eine Familienangelegenheit. Jeder sollte sein Bestes tun, um zu helfen.“ Li Wans vertraute Diener antworteten: „Sie haben sehr recht, Fräulein. Wir würden es im Traum nicht wagen, gegen Fräulein Liän vorzugehen. Aber Yüan-yang und die anderen scheinen sie zu beschuldigen.“ „Ich habe bereits mit Yüan-yang gesprochen“, sagte Li Wan. „Ich habe ihr gesagt, daß es nicht Fräulein Liäns Fehler ist; Fräulein Liän tut alles, was sie kann, um der Herzoginmutter eine anständige Beerdigung zu ermöglichen. Aber sie bekommt kein Geld. Wie kann die schlaueste Schwiegertochter der Welt Reisbrei ohne Reis kochen? Yüan-yang kennt nun die Wahrheit und sie beschuldigt Fräulein Liän nicht länger. Wohlgemerkt, benimmt sich Yüan-yang sehr seltsam, muß ich sagen, sie ist nicht so wie sonst. Als die Herzoginmutter noch lebte und sie liebte und beschützte, hat sie nie einen Ton gesagt, aber nun, da die Herzoginmutter tot ist und ihre Unterstützung weg ist, scheint sie sich auf eine sehr eigene Art zu benehmen. Ich habe Mitleid mit ihr. Sie sollte ihren günstigen Sternen danken, daß Herr Schë nicht zu Hause ist und daß sie diesem Schicksal entkommen ist. Wenn er hier wäre, würde ihre Zukunft wirklich schlimm aussehen.“ Als sie sprach, kam Djia Lan herein. „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen, Mutter“, sagte er. „Die Gäste kamen und gingen den ganzen Tag, und du mußt ganz erschöpft sein. Es ist Zeit für dich auszuruhen. Ich habe nicht einmal in meine Bücher gesehen in den letzten paar Tagen. Heute sagte Großvater, daß ich zu Hause schlafen darf. Ich bin so froh, weil dies bedeutet, daß ich wieder etwas arbeiten kann. Andererseits, wenn die Zeit der Trauer vorbei ist, werde ich alles vergessen haben.“ „Du bist so ein guter Junge!“, sagte seine Mutter. „Natürlich hast du ein Recht darauf, zu studieren. Aber heute solltest du auch etwas ausruhen. Warte bis die Beisetzungsfeier vorüber ist, dann kannst du dich wieder an deine Bücher setzen!“ – „Wenn du schlafen gehst“, antwortete Djia Lan, „gehe ich auch zu Bett und denke dort noch ein bißchen nach.“ Die Diener lobten ihn: „Was für ein wunderbarer Junge! So jung, aber so eifrig, jede Gelegenheit zum Studieren zu nutzen! Nicht wie sein Onkel. Herr Bau-yü mag ein verheirateter Mann sein, aber er ist nie erwachsen geworden. Ihn zu sehen, wie er dort unten mit Herrn Dschëng kniet – so linkisch und bemitleidenswert, darauf brennend, daß Herr Dschëng aufsteht, sodaß er weggehen kann, um Frau Bau-tschai zu finden und das Flüstern anfängt, Gott weiß worüber. Frau Bau-tschai schenkt ihm keine Aufmerksamkeit, und so geht er zu Fräulein Bau-tjin und belästigt sie. Auch sie erhört ihn nicht, und auch Fräulein Hsiu-yän will nicht mit ihm sprechen, und am Ende waren Fräulein Hsi-luan und Fräulein Si-djie die einzigen, die es tun. Sie hängen an jedem seiner Worte. Es scheint, daß Herr Bau-yü noch immer nur ein Interesse im Leben hat: mit den jungen Mädchen zu spielen. Es gibt kein bißchen Dankbarkeit in ihm, für die Art, wie die Herzoginmutter ihn in all den Jahren liebte. Er ist nicht wie Herr Lan! Sie haben sicherlich keinen Grund, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen, Herrin!“ – „Er mag ein guter Junge sein“, kommentierte Li Wan, „aber er ist noch so jung. Wenn er erwachsen ist, wer weiß, was bis dahin aus der Familie geworden ist? Sagt mir, wie hat sich der junge Herr Huan benommen?“ – „Oh, er ist eine richtige Schande!“, antwortete eine der Dienerinnen. „Ein richtiger kleiner Rabauke, hält seine Nase immer in die Angelegenheiten anderer Leute und schleicht sich herum. Selbst wenn er trauern soll, in dem Moment, in dem eine junge Dame ankommt, fängt er an, hinter den Abschirmungen hervorzuschauen.“ – „Huan wird nun sehr erwachsen“, sagte Li Wan. „Neulich hörte ich etwas über seine Verlobung. Aber das mußte wegen der Beerdigung verschoben werden. Nun, kein Getuschel mehr: in so einer großen Familie wie unserer, wo so vieles vor sich geht, wird man nie fähig sein, alles in Ordnung zu bringen. Da war noch etwas anderes, das ich euch fragen wollte. Wurden die Kutschen schon für die Prozession übermorgen vorbereitet?“ „Fräulein Liän war in den letzten paar Tagen sehr beschäftigt“, kam die Antwort, „sie ist in einem entsetzlichen Zustand. Soweit wir wissen, hat sie noch keine Anweisungen wegen der Kutschen gegeben. Gestern hörten wir einen der Männer sagen, daß Herr Liän Herrn Tchiang dafür verantwortlich gemacht hat. Anscheinend haben wir selbst nicht genug Kutschen oder Fahrer, und sie planen, von Verwandten zu leihen.“ Li Wan lächelte: „Seid ihr sicher, daß unsere Verwandten mit dem Verleihen einverstanden sind?“ – „Sie müssen scherzen, Fräulein! Natürlich leihen sie uns ihre Kutschen. Der Ärger ist, daß sie vielleicht ihre eigenen für die Beerdigung nutzen müssen, sodaß es aussieht, daß wir trotzdem welche mieten müssen.“ – „Wir können Kutschen für die Diener mieten. Aber werden wir fähig sein, eine dezente, weiße Beerdigungskutsche für die Herzoginmutter zu finden?“, sagte Li Wan. Die anderen sagten: „Die Dame Hsing und beide, Frau You und Frau Jung vom Ning-guo-Anwesen, haben noch immer keine eigenen Kutschen. Wie sollen sie kommen, wenn wir keine mieten?“ Li Wan seufzte: „Ich erinnere mich an den Tag, als wir dachten, daß es ein Scherz sei, einen unserer Verwandten in einer geliehenen Kutsche zu sehen! Nun werden sie alle über uns lachen. Morgen müßt ihr den männlichen Dienern sagen, daß sie die Kutschen und Pferde lange vorher vorbereiten. Wir wollen in letzter Minute keine Panik.“ „Ja, Fräulein.“ Li Wans Diener machten sich an ihre Arbeit. Unsere Geschichte wendet sich nun Schï Hsiang-yün zu. Zuvor konnte sie wegen der Krankheit ihres Mannes nur einmal zum Trauern kommen. Sie dachte, daß es nun, da es nur zwei Tage vor der Trauerprozession war, ihre Pflicht war, sich auf den Weg zu machen. Und da der Zustand ihres Mannes als Erschöpfung diagnostiziert wurde und er daher nicht mehr in Todesgefahr war, entschied sie sich, noch einmal vorbeizukommen. Sie kam am Tag vor der letzten Todeswache. Sie erinnerte sich an all die Liebe, die die Herzoginmutter für sie hatte, und dann wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrem eigenen Schicksal, einen so angenehmen Mann geheiratet zu haben, einen Mann von so einer Anmut und einem Talent, so einer sanften Natur, nur um ihm zuzusehen, wie er ihr langsam und unaufhaltsam von einer Krankheit genommen wird. Sie weinte mit erneuter Trauer die halbe Nacht, trotz der anhaltenden Anstrengungen von Yüan-yang und den anderen Mädchen, sie zu trösten. Bau-yü war vom Anblick der weinenden Hsiang-yün unerträglich erschüttert, aber er konnte sie inmitten der zeremoniellen Klagen kaum trösten. Die einfache Trauerkleidung, die sie trug, und das Fehlen von Schminke, schienen sie noch schöner zu machen als vor ihrer Hochzeit. Er drehte sich zu Bau-tjin und den anderen Mädchen um. Auch sie waren einfach gekleidet, mit wenig Schmuck. Diese Einfachheit verlieh ihrer Erscheinung Anmut und Charme. Seine Augen ruhten auf Bau-tschai: wie gut ihr die Trauerkleidung stand! Sie sah noch attraktiver aus, als in ihrer Alltagskleidung.“ ‚Die Männer in alter Zeit‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚sagten, daß von all den Blumen keine mit dem Glanz der Pflaumenblüte mithalten kann. Nicht wegen der frühen Blüte, sondern wegen der unvergleichbaren Reinheit des Weißes, der unübertrefflichen Frische und der Feinheit des Geruchs. Wenn nur Kusine Dai-yü nun hier wäre, mit einem einfachen weißen Trauerkleid bekleidet, wie exquisit müßte sie aussehen!’ Er fühlte einen stechenden Schmerz der Trauer, Tränen rollten seine Wangen herunter, und er begann laut und hemmungslos zu schluchzen. Es war trotz allem eine Beerdigung, und niemand würde daran denken, daß dieses Benehmen unangebracht wäre. Die Damen waren bereits damit beschäftigt, Hsiang-yün zu trösten, als sie plötzlich eine andere vertraute Stimme außerhalb der Abschirmung in Klagen ausbrechen hörten. Sie dachten, daß Vetter und Kusine von den Erinnerungen an die vergangene Liebe und Freundlichkeit der Herzoginmutter übermannt wurden und wenige errieten, daß Hsiang-yün und Bau-yü beide ihre privaten Gründe der Trauer hatten. Ihre beherzten Klagen brachten bald alle zum Weinen, und es war an Frau Hsüä und der alten Frau Li, Trost zu bieten. Am folgenden Tag war die nächtliche Trauerwache, und daher war alles geschäftiger als vorher. Hsi-fëng war zu sehr erschöpft, aber es war umsonst, sie mußte kämpfen und sich ihren Weg durch den Morgen mogeln, obwohl sie nun ihre Stimme verloren hatte. Am Nachmittag, als die Anzahl der Gäste anschwoll und aus allen Zimmern Bedürfnisse angemeldet wurden, brach sie zusammen. Da kam eine junge Magd herein: „Hier sind sie also Fräulein! Kein Wunder, daß die Dame Hsing so erzürnt ist! Sie sagte ‚So viele Gäste, ich kann mich unmöglich um alle kümmern. Wo versteckt sich Fräulein Liän? Sie hat sicher ihre Füße hochgelegt!‘ “ Dieser unverdiente Tadel provozierte einen plötzlichen Stoß der Entrü­stung in Hsi-fëng. Sie kämpfte damit, sich zu kontrollieren, aber die Tränen flossen, und alles wurde ihr schwarz vor Augen. Ein kranker Geschmack kam ihr in den Mund, und sie begann Mengen von hellrotem Blut zu erbrechen. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank zu Boden. Glücklicherweise war Ping-örl zur Stelle und eilte herbei, um ihre Herrin zu stützen, als sie dort hockte, Blut rann in einem andauernden Fluß aus ihrem Mund. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überlebte oder nicht, muß man das nächste Kapitel aufschlagen. 111. Eine ergebene Magd erbringt ihre letzte Pflicht und begleitet ihre Herrin in himmlische Gefilde Ein schurkischer Diener nimmt Rache und liefert seine Herren Räubern aus.

Ping-örl eilte hervor und hob mit der Hilfe eines anderen Mädchens Hsi-fëng vom Boden auf. Sie begleiteten sie sanft in ihr Zimmer. Dort legte sie sich vorsichtig auf das Ofenbett, und Ping-örl bat Hsiau-hung sogleich um einen Becher heißes Wasser und diese hielt ihn an ihre Lippen. Hsi-fëng trank einen Schluck und sank dann in einen tiefen Schlaf der Bewußtlosigkeit. Tchiu-tung kam kurz in das Zimmer und sah, wie sie dort lag und ging wieder hinaus. Ping-örl bat sie, nicht zu bleiben, sondern wendete sich stattdessen an Fëng-örl, die an ihrer Seite stand und sagte: „Geh und sag’ es sofort den Damen!“ Fëng-örl informierte die Damen Hsing und Wang, daß Hsi-fëng Blut erbrochen hatte und nicht fähig war, ihre Pflichten weiterhin zu erfüllen. Die Dame Hsing verdächtigte Hsi-fëng der Simulation, aber unterließ es, ihre Verdächtigungen vor ihren weiblichen Verwandten auszusprechen. „Sag’ Fräulein Liän, sie solle sich dann hinlegen“, sagte sie. Niemand machte einen weiteren Kommentar. An diesem Abend kam ein endloser Strom von Verwandten und Freunden, um ihr Beileid zu bekunden, und nur dank der Hilfe von wenigen engen Verwandten konnte der Anschein von Normalität erweckt werden. Hsi-fëngs Abwesenheit war ein Stichwort für viele des Personals, die Arbeit ganz aufzugeben, und wenig stand nun zwischen dem Jung-guo-Anwesen und dem totalem Chaos. Um zehn Uhr abends, als die Gäste, die einen weiten Weg vor sich hatten, gegangen waren, begann sich die Familie, für die Totenwache vorzubereiten, und ein Chor der Klagen erhob sich von den Frauen, die sich innerhalb der Abschirmung für die Beerdigung befanden. Yüan-yang weinte sich selbst in eine Ohnmacht, mußte gestützt werden und wurde energisch geschlagen. Als sie wieder zu sich kam, war alles, was sie sagen konnte: „Die Herzoginmutter war immer so gut zu mir! Ich will mit ihr gehen!“ Ihre Worte wurden nicht ernst genommen, und eher als natürlicher, wenn nicht sogar übertriebener Ausdruck ihrer Trauer verstanden. Später, als die Zeit für die richtige Trauerwache kam, und über hundert Familienmitglieder und Diener für das Ritual zusammenkamen, wurde Yüan-yang nirgendwo gesehen, und in der allgemeinen Aufregung kümmerte sich niemand darum, nach ihr zu suchen. Nun waren Hu-po und die anderen Mägde der Herzoginmutter an der Reihe, zu klagen und ihr Opfer zu bringen, und sie suchten nach Yüan-yang, damit sie sich zu ihnen geselle. Aber sie dachten, sie sei von all dem Weinen zu erschöpft gewesen und gegangen, um sich auszuruhen, also entschieden sie, sie nicht mehr weiter zu suchen. Als das Ritual vorüber war, bat Djia Dschëng Djia Liän sicherzugehen, daß alles für den Leichenzug vorbereitet war, und besprach mit ihm, wer auf das Haus aufpassen sollte, während die Familie abwesend war. „Ich habe Yün-örl befohlen, zu Hause zu bleiben, und die Verantwortung zu übernehmen“, sagte Djia Liän. „Und Lin Dschï-hsiau und seine Familie werden ebenfalls zurückbleiben und die Abnahme des Trauertuchs überwachen. Ich weiß noch nicht, wer von den Damen auf die inneren Gemächer aufpassen soll.“ – „Ich hörte Mutter sagen, Hsi-fëng sei krank und würde nicht gehen“, antwortete Djia Dschëng. „Also wird sie sowieso zu Hause bleiben. Und Vetter Dschëns Frau schlug vor, daß, da sie so krank sei, Hsi-fëng mit Hsi-tschun und ein paar Mägden und Dienerinnen dablieben, um ihr Gesellschaft zu leisten. Zusammen können sie ein Auge auf die Gemächer der Großmutter werfen.“ Djia Liän hatte seine Einwände gegen diesen Vorschlag. ‚Frau Dschën mag Hsi-tschun nicht‘, dachte er bei sich, ‚und hält sie absichtlich von der Prozession ab. Aber Hsi-tschun kann nicht alleine die Verantwortung übernehmen. Und Hsi-fëng ist zu krank, um helfen zu können.‘ „Du solltest nun gehen und dich ausruhen, Onkel“, sagte er zu Djia Dschëng. „Ich werde mich wieder bei dir melden, wenn ich mit Mutter geredet habe.“ Djia Dschëng nickte, und Djia Liän ging zu den Gemächern der Dame Hsing. Früher an diesem Abend brütete Yüan-yang tränenerstickt für sich: ‚Mein ganzes Leben lang habe ich mit der Herzoginmutter verbracht, und nun, da sie tot ist, weiß ich nicht, wohin ich gehen soll. Herr Schë ist nicht zu Hause, das ist etwas, wofür man dankbar sein sollte, aber ich mag die Art nicht, wie sich die Dame Hsing benimmt. Herr Dschëng wird sich nie für mich einsetzen, und auf die eine oder andere Weise sieht meine Zukunft sehr schwarz aus. Die jungen Herren werden versuchen, ihren Kopf durchzusetzen. Wir werden dann alle so behandelt, wie sie wollen, manche werden am Bett festgehalten, manche heiraten ihre Pagen... Nun, ich für meinen Teil will das nicht! Eher sterbe ich! Aber wie? Das ist die Frage.‘ Sie machte sich auf den Weg zum inneren Zimmer der Herzoginmutter. Auf der Türschwelle entdeckte sie einen undeutlichen Umriss, im matten Licht, eine Frau mit einem Strick in der Hand, souverän, als wäre sie gerade dabei, sich am Balken zu erhängen. Yüan-yang war überhaupt nicht erschrocken. ‚Wer kann das sein?‘, fragte sie sich. ‚Jemand, der auf demselben Kurs ist wie ich, aber schon einen Schritt weiter ist.’ „Wer bist du?“, sagte sie laut. „Wir scheinen denselben Gedanken zu haben! Laß uns zusammen sterben!“ Es kam keine Antwort. Yüan-yang ging näher heran und konnte nun sehen, daß es keine der Mägde aus den Gemächern der Herzoginmutter war. Sie schaute genauer hin. Eine kühle Brise umwehte sie, und die Gestalt der Frau löste sich in Luft auf. Yüan-yang stand noch einen Moment länger benebelt dort, dann ging sie zurück in den äußeren Raum und setzte sich gedankenverloren auf die Ecke des Ofenbetts. Plötzlich rief sie: „Natürlich! Das war sie! Herr Jungs erste Frau, vom Ning-guo-Anwesen. Aber sie starb vor langer Zeit. Was hat sie hier gemacht? Ich glaube, sie kam, um mich zu holen. Aber warum mußte sie sich dafür erhängen?“ Nach weiteren Gedanken: „Das ist es! Sie zeigte mir wie!“ Mit diesem Geistesblitz war ihr das Böse bis ins Mark gedrungen, und ihre Entscheidung war endlich getroffen. Sie erhob sich wie in Trance und ging in ihr Badezimmer. Aus ihrem Mitgift-Koffer nahm sie den Haarzopf heraus, den sie sich einmal abgeschnitten hatte, und steckte ihn in den Ausschnitt ihres Kleides. Sie entknotete das Band um ihre Hüfte und hängte ein Ende über den Balken, wo Tjin Kë-tjing gerade gestanden hatte. Dann ergriff sie ein letzter Heulkrampf. Sie hörte, wie sich die Gäste in der Ferne verabschiedeten, und fürchtete, daß jemand hereinkommen könnte und sie überraschte, bevor sie ihre Tat vollenden konnte. Sie zog die Tür zu und holte einen Schemel. Sie stand auf dem Schemel, knüpfte einen Knoten in ihr Band, legte ihren Kopf durch die Schlinge und stieß den Schemel mit dem Fuß fort. ,Endlich!‘ Der letzte Atem war bald aus ihrem Hals gewichen, und ihre sanfte Seele floh aus der sterblichen Hülle. Die wandernde Seele war noch immer unsicher, wohin sie schwinden sollte, als sie noch einmal den matten Umriß von Tjin Kë-tjing vor sich stehen sah. „Frau Jung!“, rief sie, indem sie sich der Erscheinung drängend näherte, „warten Sie auf mich!“ „Ich bin nicht Frau Jung,“ kam die Antwort, „ich bin die jüngere Schwester der Ernüchterung, Kë-tjing.“ „Aber Sie sind definitiv Frau Jung“, protestierte Yüan-yang. „Wie können Sie das verleugnen?“ Die andere antwortete: „Es gibt einen Grund dafür. Ich will dir die wahre Geschichte davon erzählen, und dann wirst du sicher verstehen. Ich habe einmal den höchsten Rang im Tribunal der Liebe und Ernüchterung innegehabt. Unter meiner Verantwortung stand die Vergeltung der Schulden der Leidenschaft. Ich ging hinunter in die menschliche Welt, wo ich natürlicherweise dazu bestimmt war, die führende Wohltäterin zu sein. Meine Mission war, die liebeskranken Jungen und die vor Liebeskummer vergehenden Mädchen sehr schnell zurück zum Tribunal zu bringen und für die Vergeltung ihrer Schulden durch meinen Tod mit einer Anhänger-Halskette zu sorgen. Teil dieser Mission war mein Karma, mich zu strafen. Ich habe nun die Täuschung der sterblichen Liebe durchschaut, erhob mich über das Meer der Leidenschaft, um zum Paradies der Liebe zurückzukehren. Dies hinterläßt eine freie Stelle im Land der Illusionen, im Bereich der zärtlichen Verliebtheit. Du wurdest von der Ernüchterung auserwählt, meinen Platz einzunehmen, und ich wurde geschickt, dich dorthin zu begleiten.“ „Aber ich bin eine leidenschaftslose Person!“ protestierte Yüan-yang. „Wie kann ich als Liebende verstanden werden?“ „Du verstehst nicht“, antwortete die andere, „Erdenmenschen sehen Lust und Liebe als dasselbe an. Das heißt, daß sie alle Arten der Begehrlichkeit und Unsittlichkeit praktizieren, und es als ‚harmlose Romanze‘ abtun. Sie verstehen nicht die wahre Bedeutung des Wortes ‚Liebe‘. Bevor die Gefühle Behagen, Zorn, Trauer und Freude sich in der menschlichen Brust rühren, existiert der ‚natürliche Zustand‘ der Liebe. Das Rühren dieser Gefühle erzeugt Leidenschaft. Unsere Art der Liebe, deine und meine, ist der vorherige natürliche Zustand. Es ist wie eine Knospe, die auf das Öffnen wartet. Diese leidenschaftslose Liebe ist keine wahre Liebe.“ Yüan-yangs Seele signalisierte ihr Verständnis mit einem Nicken, und folgte Tjin Kë-tjing. Als die Wache vorüber war, begannen die Damen Hsing und Wang, Anweisungen an die Diener zu geben, die zurückblieben, um auf das Haus aufzupassen. Hu-po ging hinein, um Yüan-yang zu suchen und um sie über die Sänften zu befragen. Sie suchte erfolglos in den äußeren Räumen der Gemächer der Herzoginmutter, und dann bemerkte sie, daß die Tür zum inneren Zimmer angelehnt war, sie drückte ihre Augen an die Öffnung und lugte hindurch in das halberhellte Innere. Ein Aufflackern der Lampe füllte das Zimmer mit schauerlichen Schatten. Kein Geräusch war aus dem Inneren zu hören, sie kehrte zurück und sagte zu sich: „Wo kann das elende Mädchen hin verschwunden sein?“ Auf ihrem Weg nach draußen begegnete sie Dschën-dschu. „Hast du Yüan-yang gesehen?“, fragte sie. „Nein“, antwortete Dschën-dschu, „ich suche selbst nach ihr. Die Damen wollen mit ihr sprechen. Sehr wahrscheinlich ist sie im inneren Zimmer eingeschlafen.“ – „Ich habe gerade dort nachgesehen – sie schien nicht dort zu sein“, sagte Hu-po. „Die Lampe muß abgedreht werden, und es ist sehr dunkel und unheimlich dort drinnen. Ich bin nicht wirklich hineingegangen. Sollen wir zusammen hineingehen und richtig nachsehen?“ Die zwei Mägde betraten den Raum. Zuerst drehten sie die Lampe ab. „Wer hat den Schemel hierher gestellt?“, rief Dschën-dschu. „Ich wäre fast darüber gestolpert.“ Als sie sprach, sah sie hoch, und ihr entfuhr ein entsetzlicher Schrei. „Oh! Sie fiel zurück und traf Hu-po, die selbst hochschaute, schrie und wie angewurzelt stehenblieb. Ihre Schreie wurden bald gehört und andere Mägde kamen in das Zimmer gerannt. Es gab noch mehr Schreckensschreie, und man schickte sofort nach den Damen Hsing und Wang. Als die Dame Wang und Bau-tschai die Neuigkeiten hörten, brachen sie beide in Tränen aus und machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter, um es selbst zu sehen. „Ich hätte nie gedacht, daß Yüan-yang so etwas tun könnte!“, rief die Dame Hsing. „Schicke sofort jemanden, um Herrn Dschëng zu informieren!“ Bau-yü stand sprachlos, einen Ausdruck von erstarrtem Schrecken in den Augen. Hsi-jën und seine anderen Mägde trösteten ihn: „Weine, wenn du mußt, aber versteinere nicht so!“ Endlich bekam er einen heftigen Heulanfall. ‚Welch ein besonderes Mädchen war Yüan-yang, so einen Tod zu suchen!‘, dachte er bei sich selbst. ‚In ihrem Geschlecht ist sicherlich die klarste Essenz konzentriert! Sie hat einen passenden und noblen Tod gefunden. Wir, Großmutters eigene Enkel, sind jämmerlich in diesem Vergleich. Wir haben uns selbst weniger ergeben gezeigt, als ihre Magd.’ Er fand etwas seltsam Tröstendes in diesem Gedanken, und als Bau-tschai zu ihm kam, um seine Tränen zu trocknen, lächelte er wieder. „Oh Liebes!“, weinte Hsi-jën, „Herr Bau-yü wird wieder verrückt!“ „Es gibt keinen Grund sich zu sorgen“, versicherte Bau-tschai ihr. „Ohne Zweifel hat er seine Gründe!“ Bau-yü war erfreut, daß Bau-tschai dies sagte. ‚Vielleicht versteht sie mich wirklich‘, dachte er bei sich, ,wenn es so ist, ist sie die einzige.‘ Als Djia Dschëng ankam, war er noch in Phantasievorstellungen befangen. „Yüan-yang ist ein lobenswertes Kind!“, rief Djia Dschëng mit einem ernsten Seufzer der Bewunderung. „Die Liebe der Dame Djia war nicht umsonst!“ Er wandte sich an Djia Liän: „Schicke jemanden, um für sie einen Sarg zu kaufen, und leg sie noch in dieser Nacht hinein! Morgen werden ihre Überreste zusammen mit denen von Mutter versandt, und ihr Sarg kann hinter dem ihrer Herrin aufgebahrt werden. Auf diese Art kann ihr nobler Akt ein angemessenes Ende finden.“ Djia Liän ging hinaus, um diese Anweisungen auszuführen, und gab Befehl, Yüan-yangs Körper herunterzuholen und im inneren Zimmer der Herzoginmutter aufbahren zu lassen. Als Ping-örl die Neuigkeiten von Yüan-yangs Freitod hörte, kam sie mit Ying-örl und Hsi-jën sowie einigen anderen Mägden, und sie alle weinten bitterlich vor Yüan-yangs Leiche. Die Gelegenheit nahm Dsï-djüan zum Anlaß, an ihre eigene Zukunft und die Bedenklichkeit ihrer eigenen Situation zu denken, und sie bedauerte, daß sie nicht selbst den Weg Yüan-yangs genommen hatte, und Dai-yü nicht ins Grab gefolgt war. Wenn sie dies getan hätte, hätte sie wenigstens ihre Pflicht als Magd erfüllt und so einen ehrwürdigen Tod gehabt. In Bau-yüs Gemächern tat sie nichts mehr, als die ganze Zeit zu warten. Obwohl er ihr gegenüber sehr aufmerksam und liebevoll war, wußte sie, daß sie davon nichts hatte. All diese Gedanken fügten ihren Klagen eine persönliche Note hinzu. Die Dame Wang schickte sofort nach Yüan-yangs Schwägerin. Sie sagte ihr, daß sie die Beerdigung beaufsichtigen solle, und sie gab, nachdem sie dies mit der Dame Hsing besprochen hatte, Yüan-yangs Schwägerin eine Beihilfe von einhundert Tael vom Geld der Herzoginmutter. Sie versprach auch, alle privaten Sachen von Yüan-yang auszusondern und sie ihr zu geben, sobald sie Zeit hatbe. Die Schwägerin verneigte sich, und, nachdem sie ein paar Zeichen der Trauer gezeigt hatte, freute sich sehr. „Welch wundervollen Mut Yüan-yang zeigte!“, rief sie. „Und was für ein glückliches Mädchen sie ist, so einen Ruhm gewonnen zu haben, und so eine glänzende Beerdigung dafür zu erhalten!“ Eine der nahestehenden Dienerinnen tadelte sie: „Das ist genug von dir! Einhundert Taels sind ein armer Handel für das Leben deiner Schwägerin! Denke daran, wieviel mehr Profit du hättest machen können, wenn du sie Herrn Schë nur schon früher gegeben hättest! Dann könntest du dich noch mehr freuen!“ Die Worte trafen sie sehr, und Yüan-yangs Schwägerin ging mit rotem Kopf. Am inneren Tor traf sie Lin Dschï-hsiau mit einigen Männern, die den Sarg trugen und kehrte mit ihnen zurück; sie half ihnen, den Leichnam von Yüan-yang in den Sarg zu legen, und setzte selbst eine Trauermiene auf. Djia Dschëng verehrte Yüan-yang als eine ‚aus Demut vor ihrer Herrin‘ Gestorbene, schickte nach Räucherduft und erzündete selbst drei Räucherstäbchen vor ihrem Sarg. „Für ihre Treue und ihre Hingabe“, sagte er, indem er eine ernste Verbeugung machte, „sie verdient es, über den Rang einer einfachen Magd erhoben zu werden. Die jüngere Generation muß ihr die Ehre erweisen.“ Bau-yüs Freude kannte keine Grenzen. Er trat nach vorne, mit fast übertriebener Erfurcht verneigte er sich mehrfach mit der Stirn am Boden. Djia Liän erinnerte sich auch an Yüan-yangs vergangene Freundlichkeit ihm gegenüber und wäre ihm sofort darin gefolgt, aber die Dame Hsing hielt ihn zurück: „Einer der Herren ist wirklich genug. Zuviel davon könnte ihre Chancen der Wiedergeburt ruinieren.“ Djia Liän unterließ es. Aber Bau-tschai fühlte sich unwohl bei den Worten der Dame Hsing. „Streng genommen, sollte ich mich nicht vor ihr verneigen“, sagte sie, „aber dies ist ein besonderer Fall. Wir sind alle zu gebunden an unser Einverständnis mit den Lebenden, um einer extremen Zurschaustellung der Trauer nachzugeben. Aber Yüan-yang hat für uns gehandelt. Sie hat den vollsten Ausdruck unserer Demut gezeigt, und nun sollten wir sie bitten, der Großmutter weiterhin in der nächsten Welt an unserer Statt zu dienen. Das wäre wenigstens ein kleines Zeichen unserer Liebe!“ Bau-tschai ging an Ying-örls Arm vor und schüttete ein Trankopfer von Wein vor Yüan-yangs Sarg, die Tränen strömten im Überfluß an ihren Wangen hinunter. Als das Trankopfer beendet war, verneigte sie sich mehrere Male und weinte heftig. Einige der Versammelten kommentierten ironisch, daß nun beide Bau-yü und seine Frau verblödet seien. Andere protestierten, daß ihr Benehmen doch ein gutes Herz bekunde. Manche beschränkten sich darauf, zu bemerken, daß sie wenigstens einen Sinn dafür hatten, was gut und richtig sei. Djia Dschëng war für seinen Teil zufrieden mit ihnen. Er hatte nun die Hausaufsichts-Maßnahmen geregelt, und man stimmte darin überein, daß Hsi-fëng und Hsi-tschun zurückgelassen wurden, während alle anderen Damen an der Prozession teilnehmen würden. Niemand schlief viel in dieser Nacht. Um vier Uhr am Morgen konnte man den Trauerzug draußen zusammenkommen hören, und um sieben Uhr waren alle bereit voranzuschreiten, Djia Dschëng vorweg, in voller Trauerkleidung und weinend, ganz wie es die Riten für den Sohn verlangten. Als der Trauerzug auf die Straße stieß, war diese mit Beerdigungsständen unzähliger Familien gesäumt, was hier nicht im einzelnen beschrieben werden muß. Zum Schluß erreichten sie das Kloster Eiserne Schwelle, und die Särge wurden ausgesetzt, während die trauernden Männer sich vorbereiteten, die Nacht im Tempel zu verbringen. Zu Hause beaufsichtigte Lin Dschï-hsiau die Abnahme des Beerdigungstuches, schraubte vorsichtig die Türen ab und stellte Klappen vor die Fenster, fegte den Hof und bestimmte die Wachen für die Nachtwache. Es war eine sehr gut etablierte Regel im Jung-guo-Anwesen, daß das innerste Tor um zehn Uhr geschlossen wurde, und nach dieser Stunde war der Besuch der inneren Gemächer für die Männer streng verboten. Weibliche Angestellte hielten drinnen Wache. Hsi-fëng hatte sich durch die Ruhe einer Nacht ein bißchen von ihrem Zusammenbruch erholt. Obwohl sie ein wenig gefaßter schien, war sie noch nicht fähig aufzustehen. Ping-örl und Hsi-tschun machten daher eine Besichtigungsrunde und gaben den Frauen der Nachtwache Anweisungen, bevor sie sich in ihre separaten Gemächern zurückzogen. Unsere Erzählung wendet sich nun Dschou Juees Ziehsohn, Hë San, zu, – der, wie man sich vielleicht erinnert, im Vorjahr geschlagen und von Djia Dschën vom Jung-guo-Anwesen vertrieben wurde, weil er mit einem anderen Diener, Bau Örl, gekämpft hatte. Seitdem hatte er die meiste Zeit in Spielhäusern verbracht. Wegen des Todes der Herzoginmutter dachte Hë San, daß es da eine Möglichkeit der Wiedergutmachung oder wenigstens irgendeine Arbeit für ihn gebe, und er fragte am Jung-guo-Anwesen ein paar Tage hintereinander nach. Endlich wurde ihm klar, daß es aussichtslos war, und er kehrte seufzend zurück in eine der Spielhallen, in die er öfter ging, und ließ sich in einen Stuhl fallen. Seine Freunde bemerkten seinen niedergeschlagenen Zustand und fragten ihn: „Hë San, alter Freund, warum versuchst Du nicht einmal Dein Glück? Wer weiß, vielleicht wendet sich dein Glück.“ „Würde ich gerne!“, rief Hë San bitter. „Aber ich habe keine Münze zum Zahlen mehr.“ „Nach all der Zeit, die du bei deinem alten Ziehvater Dschou Juee verbracht hast? Mach’ uns nichts vor!“ „Das denkt ihr! Oh, sie haben genug – Millionen in der Tat, – aber sie behalten alles schön für sich. Sie wollen es nicht ausgeben. Sie hängen daran und am Ende muß es ein Feuer oder einen Dieb geben, damit sie davon ablassen!“ „Du kannst nicht von uns erwarten, daß wir glauben, daß sie so reich sind, nach dem, was man in der Durchsuchung beschlagnahmt hat?“ „Ihr versteht es nicht“, anwortete Hë San. „Es wurde nur das genommen, was sie nicht verstecken konnten. Die alte Dame hatte selbst noch eine Menge, als sie starb, und sie wollen keine Münze davon ausgeben. Es wurde alles in ihr Zimmer geräumt. Sie werden es nach der Beerdigung aufteilen.“ Diese Worte schienen auf ein Mitglied der Gesellschaft einen besonders starken Eindruck gemacht zu haben, denn dieser Mann rief nach einigen weiteren Würfelspielen aus: „Alles was ich tue, ist verlieren! Ich versuche nichts mehr. Ich gehe ins Bett.“ Als er hinausging, nahm er Hë San an die Seite und murmelte: „Auf ein Wort, alter San.“ Hë San folgte ihm hinaus. „Ich kann nicht ertragen, daß ein gescheiter Junge arm ist, das ist doch ungerecht.“ – „Das ist mein Schicksal“, murmelte Hë San, „was kann ich dafür?“ – „Ich dachte nur, da du gesagt hast, daß das Jung-guo-Anwesen voller Geld sei, warum nimmst du nicht selbst etwas?“ – „Bruder“, erwiderte Hë San. „Es mag voller Geld sein, aber das heißt nicht, daß sie uns eine Münze davon abgeben!“ Der Mann lachte. „Nun, wenn sie es nicht weggeben wollen, warum behelfen wir uns dann nicht.“ Hë San begann zu verstehen, worauf er hinaus wollte. „Und wie schlägst du vor, dies zu tun?“, fragte er. „Oh, zeig ein bißchen Mumm, Junge! Sei nicht so schwach!“ war die Antwort. „Ich hätte schon lange meine Finger danach ausgestreckt.“ – „Welche Art ,Mumm‘ hast du da?“ Die Stimme des Mannes wurde zu einem Flüstern: „Wenn du viel Geld daraus machen willst, ist alles, was du tun mußt, mir den Weg hinein zu zeigen – ich habe ein paar Freunde in dieser Art Geschäft, erstklassige Arbeiter. Das sind die Richtigen für diese Arbeit. Und so sind die Djias alle unterwegs zu der Beerdigung, und es sind nur wenige Frauen zu Hause zurückgeblieben. Wohlgemerkt, könnte eine ganze Garnison von Männern nicht meine Freunde einschüchtern... Aber vielleicht hast du Angst?“ „Ich!“, warf Hë San erhitzt ein, „ich habe keine Angst! Glaubst du, ich habe Angst vor dem alten Dschou? Nun, er ist nur deshalb mein Ziehvater, weil seine Frau mich darum gebeten hat. Er ist ein Nichts. Aber das hört sich für mich alles etwas heikel an. Könnte uns viel Ärger bereiten. Die Djias haben Verbindungen zu jedem Amt. Angenommen wir schaffen es, das Zeug herauszuholen, wäre es schwer, es los zu werden.“ „Diesmal hast du Glück“, sagte der andere. „Einige meiner seefahrenden Freunde sind zufällig gerade in diesem Moment hier und warten nur auf einen Dienst wie diesen. Wenn wir nur erst einmal das Geld in unseren Händen haben, würden du und ich hier nur unsere Zeit vergeuden. Wir wären viel besser dran, wenn wir mit meinen Freunden zur See fahren und unser Geld dort ausgeben! Gute Idee, oder? Natürlich, wenn du den Gedanken nicht erträgst, dich von deiner alten Ziehmutter zu trennen, müssen wir sie auch mitnehmen. Laßt uns alle das Glück finden, einverstanden?“ – „Du bist wohl betrunken!“, rief Hë San, „du weißt nicht, wovon du redest. Die ganze Idee ist verrückt.“ Trotzdem nahm er den Mann in eine ruhige Seitenstraße, und die zwei redeten dort noch eine längere Weile, bevor sie getrennte Wege gingen. Unsere Geschichte muß sie für die übrige Zeit dort verlassen. Wir müssen nun aber zum Jung-guo-Anwesen und zu Bau Yung zurück, der, Gartenpfleger geworden war, nachdem er eine Rüge von Djia Dschëng erhalten hatte. Im allgemeinen Betrieb der Beerdigung der Herzoginmutter hatte niemand daran gedacht, ihm eine Aufgabe zu geben. Er war davon nicht betroffen und fuhr mit seinen eigenen Angelegenheiten fort, kochte für sich und führte ein mehr oder weniger sorgloses und unabhängiges Leben. Wenn er sich langweilte, schlief er, und wenn er wach war, übte er mit Säbel und Stock im Garten. Er war sehr wohl über die Prozession für die Herzoginmutter unterrichtet, hatte aber dort keine Aufgabe und machte an jenem Tag einen Spaziergang im Garten. Da sah er den Umriß einer Nonne, begleitet von einer dauistischen Oberin, auf dem Weg zum Seitentor. Sie klopften. Er ging hin: „Wohin gehen sie, Ehrwürdige Mutter?“ Die Oberin antwortete: „Wir hörten, daß die Trauerwache der Dame Djia vorüber ist, und da wir Fräulein Hsi-tschun nicht in der Prozession sehen konnten, dachten wir, sie sei zu Hause geblieben. Die Schwester dachte, sie möchte allein sein, und kam, um sie zu sehen.“ – „Niemand aus der Familie ist zu Hause“, sagte Bau Yung. „Ich bin für den Garten verantwortlich, und ich muß sie bitten, zu ihren Gemächern zurückzukehren. Wenn Sie sie besuchen wollen, warten Sie bitte, bis die Herrschaften von der Prozession zurück sind.“ – „Woher kommst denn du Grobian?“ protestierte die Oberin entrüstet. „Was geht es dich an, wohin wir gehen?“ – „Ich mag Sie nicht,“ anwortete Bau Yung. „Ich habe sie nicht gerufen. Was können Sie da schon machen?“ – „Nun, das ist richtige Meuterei!“, rief die Oberin ärgerlich. „Als die Herzoginmutter noch lebte, hat man uns nie aufgehalten, wenn wir ir­gendwo-

Aus: Jinyuyuan 1889a. hin gingen. Woher kommst denn du, Ganove, daß du anfängst, dich in so einer anmaßenden Art aufzuspielen? Es ist mir egal, wenn du sagst, ich werde hier hinausgehen!“ Sie packte den Türknauf und zog mehrere Male mit all ihrer Kraft daran. Miau-yü war sprachlos vor Wut, als sie dieser Unterhaltung zuhörte. Sie wollte sich gerade schon wieder auf den Heimweg machen, als die alten Damen auf der anderen Seite des Tores vom Streit hörten. Sie machten auf, um nachzuschauen. Sie folgerten, daß Miau-yü von Bau Yung belästigt worden sein müsse, und da sie wußten, daß sie die Damen des Hauses näher kannte, besonders Fräulein Hsi-tschun, fürchteten die alten Frauen, daß Miau-yü später den Vorfall melden könne, weil sie sie nicht durchlassen wollten und dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnten. Sie eilten hinter ihr her: „Wir hatten keine Ahnung, daß Sie hier sind, Oberin. Wir entschuldigen uns dafür, daß wir das Tor so langsam geöffnet haben. Fräulein Hsi-tschun ist zu Hause, und wäre erfreut, Sie zu sehen. Bitte kommen Sie herein. Dieser dumme Hauswart ist neu hier. Er weiß gar nichts. Wir werden später den Damen von ihm berichten. Sie werden ihn schlagen lassen und ihm kündigen.“ Zuerst weigerte sich Miau-yü, ihre Meinung zu ändern. Aber die alten Damen bedrängten sie weiter und bettelten sie an, sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Sie waren schon dabei, auf ihre Knie zu fallen, bis sie am Ende keine andere Wahl hatte, als zurückzukehren und ihnen in das Anwesen zu folgen. Als Bau Yung sah, wie die Dinge standen, machte er verständlicherweise keine weiteren Einwände, sondern ging zurück in sein Zimmer, starrte vor sich hin und brütete in seinen Gedanken. Miau-yü brachte die dauistische Oberin direkt zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie schilderten die Aufregung von eben und redeten eine Weile. „Derzeit gibt es keinen Mann in den inneren Gemächern. Ich habe immer noch ein paar Nächte, bevor die anderen nach Hause kommen“, sagte Hsi-tschun. „Hsi-fëng ist krank, und ich bin ganz alleine. Es ist so langweilig und beängstigend! Wenn ich nur jemanden hätte, der mir Gesellschaft leisten würde! Nun, da Sie den ganzen Weg gekommen sind, wollen Sie nicht die Nacht bleiben? Bitte! Wir könnten Go zusammen spielen und reden.“ Zunächst war Miau-yü abgeneigt. Aber sie hatte Mitleid mit Hsi-tschun, und dann erhellten sich ihre Augen bei der Erwähnung des Spiels Go, und sie war einverstanden zu bleiben. Sie bat die Oberin, zur Einsiedelei zurückzukehren und schickte nach einer der Novizinnen, ihre Teesachen, Kleidung und Bettsachen zu holen. Hsi-tschun war erfreut und wies Tsai-ping an, etwas vom Regenwasservorrat des Vorjahres zu holen, was gelagert und was beiseite gestellt worden war, um Tee zu machen. Miau-yü hatte ihr eigenes Teeservice. Die Novizin kam gerade mit Miau-yüs Dingen an, Hsi-tschun machte Tee, und die zwei ließen sich bald von einer geistigen Unterhaltung tragen, die bis acht Uhr am Abend ging, als Tsai-ping das Go-Brett auslegte und sie sich zum Spielen niedersetzten. Hsi-tschun verlor die ersten zwei Spiele, aber dann gab Miau-yü ihr eine Vorgabe von vier, und sie gewann das nächste Spiel mit einem halben Punkt. Bevor sie sich versahen, war es bereits zwei Uhr in der Früh. Draußen war die Nacht atemlos still. „Ich muß um vier Uhr meditieren“, sagte Miau-yü. „Geh nun, und ruhe! Meine eigene Magd kann auf mich aufpassen.“ Diese wollte noch nicht gehen, aber fügte sich, aus Respekt vor Miau-yüs religiösen Bräuchen.