Hongloumeng/de/Chapter 116
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Kapitel 116
得通灵幻境悟仙缘 / 送慈柩故乡全孝道
n, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort. Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Sie waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Frau Wang: „Herr Bau-yü benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin. Die Pagen draußen sagen, daß, weil Sie ihm den Jade nicht gegeben haben, er sich nun selbst an seiner Stelle anbiete.“ – „Ausgezeichnet!“, rief Frau Wang. „Und was hat der Mönch darauf gesagt?“ – „Er sagte, er wolle den Jade, nicht den Mann“, antwortete die Magd. „Nicht das Geld?“, fragte Bau-tschai. „Das hatten sie gar nicht erwähnt. Danach standen der Mönch und Herr Bau-yü sich unterhaltend da und lachten zusammen. Doch viel davon habe ich nicht mitbekommen.“ – „Diese kleinen Dummköpfe!“, nörgelte die Dame Wang. „Wenn sie es schon nicht verstanden haben, könnten sie es wenigstens für uns wiederholen. Geh und sag’ ihnen, sie sollen herkommen!“ Die Magd mußte sich einer Befragung der Dame Wang unterziehen. Dann erschien Bee-ming, stand draußen im Flur, mischte sich ein und begrüßte sie durch das Fenster. „Natürlich“, so die Dame Wang, „wenn ihr die Bedeutung nicht von dem verstanden habt, was Herr Bau-yü und der Mönch sagten, sollte es doch wenigstens möglich sein, uns die Worte zu wiederholen.“ – „Alles, was wir gehört haben“, antwortete Bee-ming, „war etwas über einen großen einsamen Berg und ein grünen Bergesfuß. Und dann etwas über ein Land der Täuschungen und „sich auflösende weltliche Bänder“. Für die Dame Wang ergab das genauso wenig Sinn wie für den Pagen. Doch Bau-tschai, die stumm vor sich hin starrte, konnte etwas damit anfangen. Sie wollten gerade jemanden schicken, der Bau-yü zurückholt, bis er selbst breit lächelnd eintrat und verkündete: „Alles ist gut! Alles ist gut!“ Bau-tschai starrte ihn kummervoll an, während die Dame Wang fragte: „Was gab es denn mit dem Mönch zu plaudern?“ „Es war kein Geplauder. Es war ein ernsthaftes Gespräch. Es hat sich herausgestellt, daß er mich kennt und daß er mich im Grunde genommen nur sehen wollte. Er wollte niemals Geld. Er hoffte nur auf eine freundliche Zuwendung, welche gutes Karma hervorruft. Sobald er sich verstanden gefühlt hatte, war er auch schon gegangen. Ganz einfach. Daher wirst du mir sicher zustimmen, daß alles gut ist!“ Frau Wang konnte das nicht glauben und fragte Bee-ming, die immer noch auf der anderen Seite des Fensters stand, ob sie Bau-yüs Geschichte bestätigen könne. Er eilte fort, um den Torwächter zu befragen und kehrte sofort zurück, um zu berichten: „Es ist wahr. Der Mönch ist wirklich fort. Als er ging, sagte er: „Die Herrin braucht sich nicht zu sorgen. Das Geld wollte ich niemals.“ Er sagt, er wolle nur, daß Herr Bau-yü ihn oft besucht. ‚Laß alles mit Karma angereichert werden! In allen Dingen liegt eine feste Bestimmung.‘ Das waren seine Abschiedsworte.“ – „Also war er nur ein guter Mönch“, rief die Dame Wang, „hat ihn irgend jemand gefragt, wo er denn lebt?“ „Der Torwächter meint, der Mönch sagte, Herr Bau-yü würde wissen, wo er ihn zu finden habe.“ Frau Wang wandte sich an Bau-yü: „Nun – und wo lebt er?“ Bau-yü lächelte rätselhaft: „Seine Unterkunft ist weit weg und zugleich ganz in der Nähe. Es hängt alles davon ab, von wo aus man es betrachtet.“ – „Um Himmels willen!“, unterbrach Bau-tschai ihn ungeduldig, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Reiß dich zusammen und hör’ mit dem Unsinn auf! Du weißt, wie sehr Mutter und Vater dich lieben! Und Vater hat dir gesagt, wie wichtig es im Leben sei, Erfolg zu haben!“ – „Zählt das, worüber ich spreche, nicht als Erfolg?“, fragte Bau-yü auf heitere Art. „Kennst du nicht das Sprichwort: ‚Wenn ein Sohn ein Mönch wird, werden die Seelen von sieben Generationen in den Himmel aufsteigen‘? “ Als sie dies hörte, war die Dame Wang noch verzeifelter als vorher: „Unsere Familie ist ruiniert! Hsi-tschun spricht nur noch von ihrer Schwesternschaft, und jetzt fängt auch er noch damit an! Warum soll ich mein Leben dann noch unnötig verlängern?“ Sie begann, hysterisch zu schluchzen. Bau-tschai versuchte sie zu trösten, doch Bau-yü lachte nur und sagte: „Das war ein Scherz! Es gibt doch keinen Grund, das ernst zu nehmen.“ Die Dame Wang trocknete ihre Tränen: „Wie kann man über so etwas nur scherzen?“ In diesem kritischen Augenblick kam eine Magd herein, um die Ankuft von Djia Liän anzukündigen: „Er sieht auch traurig aus, Herrin. Er möchte sich gerne mit ihnen unterhalten.“ Das war ein weiterer Schock für die Dame Wang. „Frag’ ihn bitte, ob er herkommen kann. Frau Bau-tschai ist seine Kusine, also muß er sich um ihre Anwesenheit nicht kümmern!“ Djia Liän kam ordnungsgemäß herein und begrüßte die Dame Wang. Bau-tschai grüßte ihn auch, dann sagte er: „Ich habe eben einen Brief von Vater erhalten“, sagte Djia Liän, „darin steht, er sei schwer krank geworden. Ich muß schnell zu ihm gehen, bevor es zu spät ist!“ Tränen flossen ihm über die Wangen. „Stand in dem Brief, was für eine Krankheit er hat?“, fragte die Dame Wang. „Es begann als eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung entwickelt hat, die sich nun in einem kritischen Stadium befindet. Ein spezieller Botschafter reiste Tag und Nacht, um die Neuigkeiten zu überbringen und sagte, daß wenn sich meine Abreise um einen Tag verzögere, es schon zu spät sein könnte. Ich muß schnellstmöglich aufbrechen. Ich fürchte, da Onkel nun im Süden ist, wird niemand hier sein, um sich um alles zu kümmern. Ihr müßtet dann mit Tchiang-örl und Yün-örl zurechtkommen. So groß ihre Schwächen auch sein mögen, wenigstens sind sie Männer und können mit euch über alles reden, was draußen geschieht. In meinen Gemächern muß man sich nicht um viel kümmern. Tchiu-tung ist die ganze Zeit am Weinen und Klagen und sagt, daß sie gehen will, deshalb habe ich ihrer Familie gesagt, sie solle sie abholen. Das wird das Leben für Ping-örl immerhin erträglicher machen. Es ist niemand da, der sich um Tchiau-djie kümmern kann, ich weiß, doch Ping-örl kommt gut mit ihr zurecht. Tchiau-djie ist ein sehr einfühlsames Mädchen, doch hat sie einen noch härteren Charakter als ihre Mutter, deshalb hoffe ich, daß du sie weitgehend führen kannst, Tantchen.“ Während er sprach, erröteten seine Augen verräterisch, und er nahm ein seidenes Taschentuch aus seiner Betelnußtasche am Bauch und tupfte sie damit ab. „Wenn ihre eigene Großmutter unmittelbar in der Nähe ist, warum vertraust du sie dann mir an?“, fragte die Dame Wang. „Wenn Sie sich so eine Haltung angewöhnen, kann ich mich genau so gut totschlagen!“, sagte Djia Liän zur Dame Wang mit leiser Stimme. „Ich werde nichts mehr sagen, ich bitte dich nur, nett zu mir zu sein und zu tun, was du kannst.“ Er kniete vor ihr. „Steh sofort auf!“, rief die Dame Wang, ihre Augen waren naß vor Tränen. „Was ist das für eine Art, wie Tante und Neffe miteinander reden? Eines sollten wir noch besprechen. Das Kind hat nun sein Alter erreicht. Wenn deinem Vater irgend etwas Unerwartetes zugestoßen ist und du zurückgehalten wirst und wenn in dieser Zeit eine angemessene Familie ein Heiratsangebot macht, soll ich damit dann auf deine Rückkehr warten, oder soll ich deine Mutter während deiner Abwesenheit entscheiden lassen?“ „Natürlich brauchst du nicht auf mich warten. Wenn du und Mutter hier seid, könnt ihr beide so entscheiden, wie ihr es für richtig haltet.“ – „Dann geh jetzt besser“, sagte Frau Wang. „Schreibe deinem Onkel Dschëng eine Nachricht. Sag’ ihm, daß dein Vater in einem bedenklichen Gesundheitszustand ist und daß keine Männer im Haus sind. Bitte ihn, die Beerdigungsriten für Großmutter schnellstmöglich zu beenden und so zügig wie möglich nach Hause zu kommen.“ „Nun gut, Tante.“ Als er gerade gehen wollte, kehrte er noch einmal um und sagte: „Es sollten genug Diener im Haus sein. Doch es ist niemand im Garten. Der Ort ist zu verlassen, besonders da Bau Yung mit den Dschëns zurückgegangen ist und Vetter Ke und Frau Hsüä in ihr altes Gelände in der Nähe des Gartens gezogen sind, um in ihren eigenen Gemächern zu wohnen. Alle Gebäude im Garten sind leer und vernachlässigt. Ihr solltet jemanden schicken, der sich diesen Ort näher anschaut. Das Kloster Gefangenes Grün ist ein Familienstift, und da Miau-yü verschwunden ist, muß etwas mit ihren Begleitern geschehen. Die Oberin glaubt nicht, sie könne selbst eine Entscheidung treffen und möchte, daß jemand aus der Familie das übernimmt.“ „Das wird warten müssen“, antwortete die Dame Wang. „Wenn unser eigener Haushalt schon in solchem Chaos ist, sind wir nicht in der Lage, zusätzliche Verpflichtungen zu übernehmen. Das darfst du auf keinen Fall gegenüber Hsi-tschun erwähnen. Das würde sie nur in ihrem Vorhaben bestärken. Meine Güte, wie weit ist es nur mit uns gekommen? Eine Nonne in der Familie wäre eine Katastrophe!“ – „Das hätte ich schon nicht selbst erwähnt“, sagte Djia Liän, „doch da du es nun getan hast, sollte ich vielleicht meinen Rat anbieten. Hsi-tschun gehört trotz allem zur Ning-guo-Seite der Familie. Von ihren Eltern lebt keiner mehr, ihr älterer Bruder wurde in die Verbannung geschickt, und sie und ihre Schwiegerschwester kommen schlecht miteinander aus. Ich habe gehört, daß sie einige Male versucht hat, Selbstmord zu begehen. Wenn sie wirklich fest entschlossen ist, eine Nonne zu werden, und wir immer noch auf unserer Ablehnung beharren, wird sie sich wirklich das Leben nehmen. Und dann hätten wir sie ganz verloren!“ Die Dame Wang nickte: „Diese Last ist zu schwer für mich! Das gehört wirklich nicht zu meiner Verantwortung. Ich muß es ihrer Schwiegerschwester überlassen, das zu entscheiden.“ Djia Liän sagte noch etwas und brach dann auf. Er rief die Diener herbei und gab ihnen Anweisungen. Dann schrieb er einen Brief an Djia Dschëng und packte seine Sachen. Ping-örl bat ihn, gut auf sich acht zu geben, während Tchiau-djie sehr traurig über die Abreise ihres Vaters war. Djia Liän formulierte seinen Wunsch, sie solle sich um Onkel Wang Jën kümmern, doch das wollte sie nicht. Und wie sie erfuhr, daß Djia Yün-örl und Djia Tchiang-örl außerhalb verpflichtet waren, war sie sehr widerspenstig und sagte nichts mehr. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater und beschloß, zu Hause ein ruhiges Leben mit Ping-örl zu verbringen. Fëng-örl und Hsiau-hung waren seit Hsi-fëngs Tod völlig von der Rolle, in einem Moment wollten sie gehen, im anderen gaben sie vor, krank zu sein. Ping-örl hatte eine junge Dame aus einem anderen Zweig ihrer Familie hergebeten, um bei ihnen zu bleiben, zum Teil, um Tchiau-djie Gesellschaft zu leisten, zum Teil, um sie zu erziehen, doch die einzigen Namen, die ihr einfielen, waren Hsi-luan und Si-djie, die Liebste der Herzoginmutter, und von den beiden hatte Si-djie kürzlich geheiratet, während Hsi-luan verlobt und kurz davor war, das Haus zu verlassen. Djia Yün und Djia Tchiang begleiteten Djia Liän hinaus und kamen dann wieder herein, um den Damen Hsing und Wang zu berichten. Die zwei Männer erfüllten ihre nächtlichen Pflichten im äußeren Studierzimmer, und während des Tages vergnügten sie sich mit den Dienern, veranstalteten Feste und luden verschiedene Freunde ein, die sich als Gastgeber stets abwechselten. Es gab sogar ernsthaftes Glücksspiel. Die Damen hatten davon natürlich keine Ahnung. Eines Tages kamen der Bruder der Dame Hsing, Hsing Dë-tchüän und Wang Jën vorbei. Wie sie erfuhren, daß Yün und Tchiang nun im Jung-guo-Anwesen eingesetzt waren, und wie sie mitbekamen, wie sie ihre Zeit genossen, begannen sie regelmäßig, ‚nach dem Rechten zu sehen‘ und richteten ein regelmäßiges Trinken und Spielen im äußeren Studierzimmer ein. Alle derzeitigen Diener hatten entweder Djia Dschëng oder Djia Liän begleitet und die übrigen männlichen Diener waren Söhne und Neffen von Verwalter Lai und Lin, die nun dem leichten Leben zugeneigt waren, welches ihre Eltern ihnen zufällig vermacht hatten; sie interessierten sich recht wenig für die Grundsätze, wie ein Haushalt vernünftig geführt werden sollte. Da ihre Eltern fort waren, glichen sie jungen Hengsten, die man auf der Weide losgelassen hat. Und durch die zwei jüngeren Herren, die sie weiter anspornten, kannten ihre Vergnügen keine Grenzen. Unter dieser Herrschaft hätte das Familienmotto einfach lauten können: ‚Erlaubt ist, was gefällt.‘ Djia Tchiang hatte überlegt, Bau-yü einzuladen, doch Djia Yün verwarf die Idee schnell: „Der Kerl ist ein absoluter Spaßverderber. Der würde nur Ärger machen. Vor ein oder zwei Jahren hatte ich die perfekte Hochzeit für ihn vorbereitet. Der Vater des Mädchens war ein Steuereintreiber aus einer der Provinzen, die Familie besaß mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen selbst war einfach zuckersüß. Ich habe viele Strapazen auf mich genommen und ihm einen langen Brief geschrieben, doch die Mühe hätte ich mir sparen können. Er ist der reinste Spielverderber.“ Yün blickte um sich, um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte und fuhr fort: „In Wirklichkeit hatte er schon seine neue Frau im Auge! Und dann war da noch Fräulein Dai-yü, davon mußt du gehört haben. Sie starb an gebrochenen Herzen, das ist allgemein bekannt. Und es war alles seine Schuld. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedem gebührt sein eigenes Schicksal in der Liebe, nehme ich an. Alles dasselbe, ich sehe nicht ein, warum er böse auf mich sein und mir alles vermasseln sollte. Vielleicht glaubte er, ich würde in Schulden geraten oder so.“ Djia Tchiang nickte und gab die Idee auf, Bau-yü einzuladen. Was keiner von ihnen wußte, war, daß Bau-yü seit seinem Treffen mit dem Mönch völlig von seinen weltlichen Fesseln gelöst war. Während der Anwesenheit seiner Mutter benahm er sich so normal wie möglich, doch seine Beziehungen zu Bau-tschai und Hsi-jën waren um einiges kälter geworden. Die Mägde hatten von diesem Wandel nichts bemerkt und behandelten ihn wie vorher, wobei sie allerdings von seiner Seite ignoriert wurden. Er schien praktische Haushaltsangelegenheiten völlig vergessen zu haben. Und was seine Studien betrifft, wann immer seine Mutter und Bau-tschai sich danach erkundigten, heuchelte er Strebsamkeit, doch in Wirklichkeit konnte er nur an den Mönch und seine rätselhafte Reise in das Feenreich denken. Jeder um ihn schien so unerträglich banal, und er begann, sich in seiner familiären Umgebung immer weniger wohl zu fühlen. Wenn er von Verpflichtungen befreit war, war es Hsi-tschun, die er als Begleitung aussuchte. Die beiden entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und ihre belebten Unterhaltungen festigten seinen Entschluß. Für Djia Huan und Djia Lan hatte er nur noch wenig Zeit. Djia Huan begann nun, da sein Vater von Zuhause fort und seine Mutter, Frau Dschau, tot war, und seit die Dame Wang ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte, sich zu Djia Tchiang und seinen Kumpanen hingezogen zu fühlen. Tsai-yün, die stets versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, empfing nichts als Beschimpfungen für ihre Mühen. Yü-tschuan bemerkte selbst, daß Bau-yü noch gestörter als zuvor war und fragte ihre Mutter, ob sie aus dem Dienst genommen werden könnte. Derzeit gelang es Bau-yü und Djia Huan auf ihre Weise, die Leute um sich herum abzuschrecken. Djia Lan saß im Gegensatz dazu fleißig studierend an der Seite seiner Mutter. Und wenn er einen Aufsatz beendet hatte, ging er damit zur Familienschule, um Kommentare des Lehrers zu erhalten. Zur Zeit war der Lehrer lange Zeit bettlägerig gewesen, und Djia Lan mußte ständig alleine arbeiten. Seine Mutter Li Wan mochte es immer friedlich und ruhig und, außer die Dame Wang und Bau-tschai zu treffen, tat sie weiter nicht viel, als zu Hause zu sitzen und Djia Lan bei seiner Arbeit zuzusehen. So ging das Leben im Jung-guo-Anwesen weiter, jeder ging seinen eigenen Geschäft nach, was Djia Huan, Djia Tchiang und der Gesellschaft die Freiheit ließ, ungestört fortzufahren. Bald hatten sie alles Familieneigentum heimlich verpfändet oder verkauft, um ihre unehrenhaften Geschäfte zu bezahlen. Djia Huan war am schlimmsten. Seine Hurerei und sein Spiel kannten keine Grenzen. Eines Tages wollten Hsing Dë-tchüän und Wang Jën, die bereits heiter trinkend im Studierzimmer waren Unterhaltung. Sie waren ganz berauscht und verlangten nach ein paar Singmädchen, die sie mit einigen Liedern unterhalten und ihnen beim Zechen Gesellschaft leisten sollten. „Das wird doch die reinste Orgie!“, protestierte Djia Tchiang scherzhaft. „Ich schlage vor, wir veranstalten ein Trinkspiel, um etwas in Stimmung zu kommen.“ Jeder hielt das für eine gute Idee. „Reich’ den Becher auf das Wort ‚Mond‘ weiter,“ schlug Djia Tchiang vor. „Ich nenne einen Vers und zähle, und wer das Wort ‚Mond‘ bekommt, muß trinken und zwei Verse nennen – einen Einleitungs- und einen Endvers – meinen Anweisungen folgend. Die Strafe sind drei große Becher.“ Jeder stimmte seinen Regeln zu. Zuerst trank Djia Tchiang einen Becher zum Auftakt und zitierte dann Li Bos Vers: „Die Pfauenbecher fliegen, der betrunkene Mond...“ Der ‚Mond‘ fiel auf Djia Huan. „Für den Einleitungsvers gib einen Vers mit ‚Cassia‘ “, sagte Djia Tchiang. Djia Huan zitierte einen Vers des Tang-Dichters Wang Djiän: „Kalter Tau benäßt still die Cassia-Blumen...“ – „Und Duft für den Endvers“, folgerte Djia Tchiang. Djia Huan war mit dem Vers eines weiteren Tang-Dichters an der Reihe, Sung Dschï-wën: „Hinter den Wolken weht ein himmlischer Duft...“. „Langweilig! Langweilig!“ beschwerte sich Hsing Dë-tchüän. „Hör’ auf rumzupoetisieren, Huan, alter Junge! Was weißt du schon von Poesie! Das macht überhaupt keinen Spaß. Es reicht, du machst mich krank! Wir machen Schluß und spielen lieber Fingerraten. Der Verlierer trinkt und singt ein Lied, eine doppelte Strafe. Wer nicht singen kann, muß statt dessen einen Witz erzählen. Doch es sollte besser ein lustiger sein.“ Alle stimmten dem neuen Vorschlag zu, und es gab einen großen Lärm, als sie begannen, die Finger auszuwürfeln. Wang Jën war der erste Verlierer. Er trank und sang ein Lied. „Bravo!“, riefen sie und machten weiter. Als nächstes verlor eines der Mädchen. Sie sang ein Lied mit dem Namen „Lilien-Fräulein-Zauberhaft“. Dann war Hsing Dë-tchüän an der Reihe. Jeder wollte, daß er ein Lied sang, doch er beharrte darauf, er sei taubstumm. „Dann erzähl’ uns einen Witz!“ – „Wenn keiner lacht,“ warnte ihn Djia Tchiang, „mußt du auch Strafe zahlen.“ Hsing senkte den Becher und erzählte seine Geschichte: „Meine Damen und Herren: Es war einmal in einem bestimmten Dorf, da waren zwei Tempel, – ein Großer, dem Großen Gott des Nordens gewidmet und daneben ein Kleinerer, dem Dorfgott gewidmet. Der Große Gott lud den Dorfgott immer zum Plaudern ein. Eines Tages wurde ihm etwas aus seinem Tempel gestohlen, und er bat den Dorfgott, der Sache auf den Grund zu gehen. ‚Doch es gibt in dieser Gegend keine Diebe‘, protestierte der Dorfgott. ‚Es muß die Nachlässigkeit einer deiner Torwächter sein. Jemand muß sich hineingeschlichen und die Dinge gestohlen haben.‘ – ‚Unsinn!‘ antwortete der Große Gott. ‚Du hast zur Zeit Schulden. Wenn es einen Dieb gibt, trägst du die Verantwortung. Was soll denn das auch? Du solltest den Dieb besser suchen, als die Torwächter der Nachlässigkeit zu beschuldigen!‘ – ‚Was ich mit nachlässig meinte‘, verdrehte der Dorfgott, ‚ist, daß dein Tempel schlecht plaziert ist, die Drachenlinien müssen sich irren.‘ – ‚Ich wußte nicht, daß du über Fengshui Bescheid weißt‘, kommentierte der Große Gott ungläubig. ‚Erlaube mir, selbst nachzusehen‘, bot der Dorfgott an, ‚und wir werden sehen, was ich sehe.‘ Er ging um den Tempel, untersuchte jede Nische und jedes Versteck und nach einer Weile berichtete er: ‚Mein Herr, hinter deinem Thron ist eine doppelblättrige, rote Tür. Eine unsichere Konstruktion. Ich persönlich habe hinter meinem Thron eine stabile Steinmauer, deshalb wird mir nichts gestohlen. Du kannst dir in der jetztigen Situation einfach damit behelfen, an Stelle des Thrones eine Mauer zu bauen.‘ Dies erschien dem Großen Gott einleuchtend, und er wies die Torwächter an, Arbeiter zu rufen, die eine solche Mauer errichten sollten. ‚Doch wir können uns nicht einmal eine Kerze oder ein Weihrauchstäbchen für diesen Tempel leisten!‘, klagten die Torwächter. ‚Wie können wir uns dann Steine und Mörtel leisten und die Arbeiter bezahlen?‘ Dem Großen Gott fiel keine Lösung ein. Er trug ihnen auf, eine zu finden, doch sie waren zu ratlos dazu. Doch der Schildkrötengeneral, dessen ruhende Steinform zu Füßen des Großen Gottes lag, stand auf und sagte: ‚Ihr seid eine nutzlose Bande! Ich habe eine Idee: reißt die rote Tür nieder und benutzt meinen Bauch, um die Öffnung zu blockieren. Ich bin sicher, das wird seinen Zweck erfüllen.‘ – ‚Ein ausgezeichneter Plan!‘, riefen die Torwächter im Chor, ‚einfach, zuverlässig und umsonst!‘ So wurde der Schildkrötengeneral zur Rückwand, und es herrschte Frieden – eine Weile. Dann begannen wieder, Dinge aus dem Tempel zu verschwinden. Die Torwächter riefen den Dorfgott herbei und klagten: ‚Ihr habt uns Sicherheit garantiert, wenn wir eine Mauer errichten, doch nun seht, was geschehen ist! Wir haben eine Mauer und verlieren immer noch Dinge!‘ – ‚Die Mauer kann nicht stabil genug sein.‘ – ‚Schaut selbst nach,‘ forderten sie. Dies tat der Dorfgott. Die Mauer schien durchaus stabil. Das war seltsam. Dann fühlte er mit seiner Hand. ‚Aaah!‘, rief er, ‚kein Wunder! Ich meinte eine vernünftig gebaute Mauer. Ein alter Dieb könnte diese Mauer herunterdrücken (Djia Tchiang).‘ “ Alle lachten, sogar Tchiang, dessen Name als Grundlage für diesen Witz diente. „Komm schon, Onkel Hsing!“, protestierte er. „Sei fair! Ich habe niemals etwas von Witzen auf Kosten von Namen gesagt! Dafür mußt du einen trinken!“ Onkel Hsing, der bereits ein Blatt im Wind war, gab willig nach. Sie tranken alle noch ein paar Becher und im allgemeinen Rausch ließ der dumme Onkel einige boshafte Bemerkungen über seine Schwester, die Dame Hsing los, während Wang Jën eine entwürdigende Erinnerung an seineSchwester Hsi-fëng beisteuerte, – beide waren voller Bitterkeit. Ihr Beispiel und der Wein verliehen Djia Huan mehr Mut, und auch er lieferte einen Beitrag, bemängelte, wie herzlos Hsi-fëng gewesen sei und wie sie versucht habe, so viele ihrer Leben zu ruinieren. „Ja, die Leute sollten allgemein mehr Anstand zeigen“, stimmten alle ein. „Wie sie Frau Djias Einfluß genutzt hat, jeden zu schikanieren, war furchtbar. Sie war starr, ohne einen Erben zu gebähren. Sie hatte nur eine Tochter. Vergeltung noch zu Lebzeiten!“ Djia Yün, der sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie grob Hsi-fëng einst zu ihm war und wie Tchiau-djie immer anfing zu brüllen, wenn sie ihn erblickte, verfiel dem herrschenden Ton und gab auch seine Schmähungen zum Besten. Djia Tchiang wollte die rachsüchtige Gesellschaft wieder etwas aufheitern: „Laßt uns lieber noch einen Becher trinken! Das Gerede führt doch zu nichts!“ – „Wie alt ist denn die junge Dame, die du erwähnt hast?“, erkundigten sich die beiden Gesangsmädchen. „Ist sie hübsch?“ – „Oh ja“, antwortete Djia Tchiang, „sehr sogar. Sie ist etwa dreizehn.“ – „In diesem Fall ist es eine Schande, daß sie in eine Familie wie eure hineingeboren wurde,“ bemerkten die Mädchen, „wenn sie nur aus einem ehrbaren Haus wäre, könnte sie eine Stellung erreichen, wodurch sie für ihre Familie gute Arbeit finden und haufenweise Geld bringen würde.“ – „Was meinst du?“ – „Wir kennen einen bestimmten mongolischen Prinzen“, antworteten die Mädchen, „er ist wirklich ein Mann der Damen. Er sucht nach einer Konkubine, und die Dame, die seinen Vorstellungen entspricht, könnte mit ihrer ganzen Familie im Palast leben. Was für ein unsagbares Glück das für jemanden wäre!“ Keiner von ihnen schien wirklich zuzuhören, mit Ausnahme von Wang Jën, der sehr nachdenklich aussah. Zunächst sagte er nichts und trank weiter. Ein wenig später kamen zwei junge Männer herein, jüngere Söhne der Verwalter Lai und Lin. „Ihr scheint euch die Zeit gut zu vertreiben, ihr Herren, in Anbetracht der Umstände“, riefen sie. Jeder erhob sich, um sie zu grüßen. „Wo wart ihr zwei denn so lange? Wir haben so lange auf euch gewartet.“ Sie erklärten: „Am frühen Morgen hörten wir das üble Gerücht, unsere Familie sei wieder in ernsthaften Schwierigkeiten; also eilten wir hin, um zu sehen, welche Neuigkeiten im Palast herauszufinden seien. Es stellte sich heraus, daß es gar nichts mit unserer Familie zu tun hatte.“ Alle fragten: „Wenn dem so ist, warum seid ihr dann nicht direkt hergekommen?“ Die beiden erklärten: „Es betraf nicht genau unsere Familie, doch es hat etwas mit uns zu tun. Es war dieser Herr Djia Yü-tsun. Als wir am Palast waren, sahen wir ihn in Ketten gelegt. Man sagte uns, er würde zum Hohen Gericht zu einem Verhör gebracht. Wir wußten, daß er hier regelmäßig zu Besuch war und fürchteten, daß uns dieser Fall doch beträfe, deshalb folgten wir ihm, um zu sehen, was dabei heraus käme.“ „Gut bedacht, Männer!“, rief Djia Yün. „Wir sind euch zu Dank verpflichtet. Setzt euch, trinkt etwas und erzählt uns davon.“ Die zwei setzten sich nach höflicher Zurückhaltung und fuhren trinkend fort: „Dieser Herr Yü-tsun ist bestimmt ein fachverständiger Mann und weiß, wie man die Fäden zu ziehen hat. Bis jetzt hatte er das immer gut getan. Doch er hat einiges Schmiergeld genommen und wurde verraten. Wie wir alle wissen, ist unser derzeitiger erhabener Herrscher überaus weise, mitleidig und wohltätig. Es gibt nur eine Sache, die ihn wirklich erzürnt, und das ist Korruption, jede Form tyrannischen oder schikanierenden Benehmens. Daher beschloß seine Majestät, daß der Beschuldigte in diesem Fall festgenommen und vor Gericht gebracht werden solle. Wenn er für schuldig befunden wird, sieht es sehr schlecht für ihn aus. Wird er frei gesprochen, dann geraten die Männer, die ihn angeklagt haben, in Schwierigkeiten. Es ist überaus beruhigend zu sehen, in welch gerechten Zeiten wir leben! Glückliche Zeiten auf jeden Fall für Beamte.“ – „Wie dein älterer Bruder“, sagten die Männer und bezogen sich dabei auf Verwalter Lai Das ältesten Sohn, Lai Shang-jung. „Er ist Bezirksmagistrat. Er hat wohl für sich ausgesorgt.“ „Wohl wahr“, antwortete der junge Lai, „doch sein Verhalten läßt durchaus zu wünschen übrig, fürchte ich. Seine Stellung wird er nicht so lange behalten.“ – „Hat er sich selbst in einen Engpaß getrieben?“ Lai nickte und senkte sein Glas. „Was für andere Neuigkeiten habt ihr aus dem Palast mitgebracht?“, fragten sie die beiden. „Ach, nicht viel. Eine Zahl Verbrecher an der Küste wurde festgenommen und zum Hohen Gericht geschickt. Während ihrer Verhandlung haben sie wohl sämtliche Mitwirkenden bekannt gegeben, die hier in der Stadt ansässig sind, die alles beobachten und auf eine gute Gelegenheiten für weitere Verbrechen warten. Glücklicherweise haben die zivilen und militärischen Autoritäten hier soweit alles im Griff und sind ihrem Dienst für den Thron so ergeben, daß alle kriminellen Elemente sicher kontrolliert werden.“ – „Wenn ihr von solchen Fällen gehört habt, vielleicht gibt es etwas Neues von unserem Diebstahl?“, fragten die Männer. „Ich fürchte nicht,“ war die Antwort, „ich hörte nur etwas von einem Mann aus den inneren Provinzen, der sich hier in der Stadt dafür Ärger einhandelte, daß er eine Frau entführte und mit ihr an die Küste verschwand. Sie setzte sich zur Wehr und das endete mit ihrem Tod. Sie nahmen ihn an der Grenze fest und richteten ihn auf der Stelle hin.“ – „War Schwester Miau-yü aus dem Kloster Gefangenes Grün nicht unter ähnlichen Umständen entführt worden?“ warf einer der anderen ein. „Könnte sie es nicht gewesen sein?“ – „Sie war es“, murrte Djia Huan. „Woher weißt du das?“, fragten sie ihn. „Sie war eine äußerst unsympathische Person“, sagte Djia Huan. „Sie hielt sich selbst immer für etwas Besseres. Sie mußte nur Bau-yü anschauen, da lächelte sie schon über das ganze Gesicht. Doch meine Existenz hat sie nie zur Kenntnis genommen. Ich hoffe, sie war es!“ „Es werden ständig Leute entführt“, kommentierte jemand. „Es könnte genau so gut jemand anderes gewesen sein.“ „Ich kann mir gut vorstellen, daß sie es war“, sagte Djia Yün. „Vorgestern habe ich gehört, daß eine der Schwestern in der Herberge einen Traum hatte, in welchem Miau-yü ermordet wurde.“ Das wurde mit Spott aufgenommen: „Träume kann man doch nicht ernst nehmen.“ „Traum oder nicht Traum, das ist mir alles gleich“, protestierte Onkel Hsing. „Laßt uns lieber erst zu Abend essen und dann eine ordentliche Partie spielen.“ Das wurde allgemein begrüßt und, sobald sie ihr Essen beendet hatten, spielten sie intensiv. Bis nach Mitternacht waren sie damit beschäftigt, als sie in den inneren Gemächern einen plötzlichen Aufruhr hörten. Sie wurden schließlich informiert, daß Hsi-tschun mit You-schï gestritten hatte und das Ergebnis war, daß sie ihr ganzes Haar abgeschnitten hatte und zu den Damen Hsing und Wang gerannt war. Dort verbeugte sie sich und flehte sie an, ihrem Wunsch nachzugeben. Wenn nicht, so drohte sie, sich sofort das Leben zu nehmen. Die beiden Damen waren mit ihren Nerven am Ende und schickten nach Djia Tchiang und Djia Yün, um einzugreifen. Djia Yün wußte aber, daß dies etwas war, das Hsi-tschun schon längst hätte tun sollen, spätestens seit der fatalen Nacht der Plünderung, als ihr allein die Verantwortung des Hauses übertragen worden war, und ihm schien es, daß es kaum noch Hoffnung gab, sie davon abbringen zu können. Er besprach es mit Djia Tchiang: „Die Dame Wang sagt, wir sollen eingreifen, doch ich wüßte nicht, wie wir etwas erreichen könnten. Das ist eine schwere Verantwortung, und sie wollen sie auf uns abwälzen. Wir müssen uns einiges einfallen lassen, um Hsi-tschun von ihrem Plan abzubringen, und dann, wenn sie nicht zuhören will, müssen wir sie den Damen wieder übergeben. Währenddessen schreibe ich Onkel Liän einen Brief, der uns von aller Schuld befreit.“ Sie stimmten beide seinem Plan zu, riefen die Damen Hsing und Wang und versuchten nun, Hsi-tschun zu überzeugen. Wie vorhergesagt, blieb sie hartnäckig. Wenn sie in keinen Konvent außerhalb des Familiengrundstücks flüchten könne, würde sie sich, wie sie sagte, einige stille Zimmer einrichten, worin sie ihre Sutras rezitieren und ihre Gebete aufsagen konnte. So konnte You-schï sehen, daß die Tanten nicht in der Lage waren, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre eigene Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, war sie los, und sie zwang sich selbst zu einem Kompromiß. „Ich werde sehen, daß ich die Schuld auf mich nehme. Nun gut. Laß sie sagen, daß ich es war, der ich die Schwester meines eigenen Mannes nicht geduldet habe und sie in die Schwesternschaft getrieben habe. Was kümmert es mich? Doch ich kann ihr nicht gestatten, das Haus zu verlassen. Das steht außer Frage. Sie wird hier bleiben müssen. Damen Hsing und Wang, ich bitte Sie, meine Entscheidung zu bezeugen. Djia Tchiang, schreibe bitte einen Brief, worin du meinem Eheman und dem Vetter Liän mitteiltest, was vorgefallen ist.“ Djia Tchiang und Djia Yün stimmten You-schïs Entscheidung zu. Doch um zu erfahren, ob die Damen Hsing und Frau Wang dies auch taten, muß man das nächste Kapitel lesen. 118. Von beißender Abneigung getrieben, planen Onkel und Vetter den Untergang eines unschuldigen Mädchens Von rätselhaften Äußerungen alarmiert, protestieren Frau und Dienerin gegen ihren verwirrten Herrn.
Die Damen Hsing und Wang schlossen aus You-schïs Worten, daß die Situation nicht zu retten war. „Wenn unsere Nichte es wünscht, eine Nonne zu werden“, sagte die Dame Wang mit resignierendem Unterton, „dann muß dies in einem früheren Leben bestimmt worden sein. Dies ist offensichtlich ihr Karma, und wir können nichts tun, um das abzuwenden. Dennoch sieht es sehr schlecht für ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren aus, wenn sie in ein Kloster geht. Das ist unvorstellbar.“ Sie wandte sich an Hsi-tschun: „Deine Schwiegerschwester hat dir die Erlaubnis erteilt, und wir können ihr nur zustimmen. Doch ich muß dich bitten, nicht deinen Kopf zu rasieren. Was zählt, ist deine gedankliche Haltung, nicht deine Frisur. Auch Miau-yü hat ihre Haare nicht rasiert. Und ich muß wieder sagen, daß ich dieses schreckliche Geschäft nicht verstehe! Wie konnte sie sich nur so leicht verführen lassen? Doch egal, wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, dann werden wir uns um deine Unterkunft in geweihten Räumen kümmern. Deine Diener und Mägde sollten bald dorthin geschickt werden, und wir lassen ihnen die Wahl. Diejenigen, die bei dir bleiben wollen, können dies tun, und für die anderen werden wir einen Ehemann finden.“ Hsi-tschun hörte schließlich auf zu weinen und verbeugte sich dankbar vor den Damen Hsing und Wang, Li Wan, You-schï und den anderen Anwesenden. Frau Wang wandte sich nun an Tsai-ping und Hsi-tschuns andere Mägde:„Welche von euch möchte das religiöse Leben eurer Herrin teilen?“ – „Wir werden tun, was immer Sie befehlen, Herrin“, lautete ihre Antwort. Die Dame Wang konnte sich sagen, daß keine von ihnen es wirklich wollte und überlegte, wer sonst eine passende Begleitung für Hsi-tschuns neues Leben war. Hsi-jën stand hinter Bau-yü, erwartete nach Hsi-tschuns Entscheidung zu sehen, daß er weinte oder einen seiner Anfälle bekäme, doch zu ihrer Überraschung und zu ihrem Kummer, seufzte er nur vor Bewunderung und sagte: „Daß ich das erleben darf!“ Bau-tschai gab keinen Kommentar ab. Doch sie hielt ständig Ausschau nach verräterischen Zeichen, um die Gefühle und Absichten ihres Ehemannes einzuschätzen und konnte über dieses offensichtliche Zeichen seines verwirrten Geistes, wie sie glaubte, nur still weinen. Die Dame Wang wollte gerade alle Mägde zur Versammlung rufen, um sie zu befragen, als Dsï-djüan plötzlich erschien und vor ihr niederkniete: „Haben sie bereits entschieden, Madam, wer dazu geeignet ist, Fräulein Hsi-tschun aufzuwarten?“ „Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu zwingen“, antwortete Frau Wang, „wer bereit dazu ist, soll seine Stimme erheben.“ – „Fräulein Hsi-tschun hat ein religiöses Leben gewählt“, sagte Dsï-djüan. „Doch es scheint, daß keine ihrer Mägde ihr Bestreben teilt. Es gibt etwas, das ich gern sagen möchte, Herrin. Zwar wünsche ich nicht, daß Fräulein Hsi-tschun von ihren Mägden getrennt wird, doch man strebt nicht immer nach demselben. Ich habe Fräulein Dai-yü eine lange Zeit gedient, und wie ihr wißt, Herrin, hat sie mich mit einer Güte behandelt, die ich niemals zurückzahlen kann. Als sie starb, war es mein einziger Wunsch, ihr ins Grab zu folgen. Doch weil sie kein Mitglied dieser Familie war und weil ich auch euch allen so viel zu verdanken habe, war es zu schwer für mich, diesen Schritt zu gehen. Da Fräulein Hsi-tschun nun wünscht, eine Schwester zu werden, bitte ich Sie Herrin, daß ich sie begleiten und ihr den Rest meines Lebens dienen darf. Wenn Sie, Herrin, mir nur diesen einen Wunsch erfüllen, werde ich mein Glück finden!“ Als Dsï-djüan zu Ende gesprochen hatte und noch bevor die Damen Hsing und Wang antworten konnten, lachte Bau-yü, der zunächst bei der Erwähnung von Dai-yüs Namen in einen Zustand des Kummers verfallen war, plötzlich laut auf und sprach: „Eigentlich liegt es nicht an mir, das zu sagen, ich weiß, doch da ihr so gut wart, Dsï-djüan zum Arbeiten in meine Gemächer zu schicken, Mutter, hoffe ich, daß ich meine Gedanken frei äußern darf. Bitte erfüllt ihr diesen Wunsch, und erlaubt ihr, diese Entscheidung zu treffen.“ „Wenn irgendeine andere Kusine wegen einer Heirat das Haus verläßt“, antwortete die Dame Wang, „würdest du dir die Augen ausweinen. Doch jetzt, da Hsi-tschun uns verlassen möchte, weil sie eine Nonne werden will, bestärkst du sie noch, anstatt sie davon abzubringen. Ich fürchte, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was in dir vorgeht.“ – „Laßt mich zuerst wissen, ob diese Angelegenheit fest beschlossen ist“, sagte Bau-yü. „Ist Hsi-tschun wirklich fest davon überzeugt? Und hat man ihr endgültig die Erlaubnis erteilt? Wenn das wirklich wahr ist, dann gibt es noch ewas, das ich dir erzählen muß, Mutter. Doch wenn es noch nicht sicher ist, muß ich zurückhalten, was ich weiß.“ „Was für eine seltsame Art zu reden!“, bemerkte Hsi-tschun. „Ganz im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte meine Tanten so einfach überzeugen können? Ich fühle mich genauso wie Dsï-djüan: Wenn sie mich tun lassen, was ich wünsche, halte ich das für einen Segen. Wenn nicht, dann sterbe ich lieber, als mein Leben so weiter zu führen! Also gibt es nichts zu befürchten. Was immer du zu sagen hast, sag’ es.“ – „Wenn ich dir das sage, würde ich kaum ein Geheimnis verraten“, sagte Bau-yü, „Es bezieht sich auf etwas, das ohnehin vorherbestimmt ist. Ich bitte euch alle zuzuhören, während ich ein Gedicht vortrage.“ – „Also wirklich!“ ermahnten sie ihn. „In so einem Moment, in dem Menschen wirklich leiden, denkst du nur an Poesie! Wie fürchterlich!“ – „Es ist keines von mir. Ich habe es einmal irgendwo gesehen. Ich möchte doch nur, daß ihr zuhört.“ – „Nun gut. Dann beeil’ dich. Genug mit dem Geplauder!“ Bau-yü versuchte nicht, sich weiter zu erklären, sondern begann seinen Vortrag: „Wenn du den Zustand der kurzlebigen Frühlingsszenerie betrachtest, wird die Tracht einer schwarzen Nonne bald deine eigene ersetzen. Oje, diese Tochter aus solch einem reichen Hause, sollte an Buddhas Altarlicht alleine schlafen.“ Li Wan und Bau-tschai riefen beide entsetzt: „Oje, er ist radikal geistlich geworden!“ Die Dame Wang schüttelte ihren Kopf und seufzte: „Bau-yü, wo hast du dieses Gedicht nur gelesen?“ Bau-yü war unwillig, noch mehr zu sagen und bemerkte nur: „Bitte frag’ nicht, Mutter! Denke nur an diese Worte!“ Als die Bedeutung des Gedichtes ihr langsam einleuchtete, begann die Dame Wang wieder zu schluchzen: „Letztens sagtest du, es sei ein Scherz, als du davon gesprochen hattest, selbst ein Mönch zu werden. Und nun plötzlich dieses Gedicht! Genug! Ich verstehe. Was soll ich tun? Es gibt nichts, das ich tun kann, außer dich deine eigenen Wege gehen zu lassen. Wenn du nur damit gewartet hättest, bis ich tot bin! Dann hättet ihr machen können, was ihr wollt!“ Bau-tschai versuchte, sie zu trösten, war aber selbst kaum dazu in der Lage. Der Schmerz, den sie ertragen mußte, durchstach ihr Herz wie ein Messer, und dann brach sie zusammen und begann bitterlich zu weinen. Hsi-jën weinte ebenso und mußte von Tjiu-wën gestützt werden. Bau-yü vergoß weder eine Träne, noch bot er irgendeinen Trost an. Er blieb völlig still. Djia Lan und Djia Huan waren bereits gegangen, und nur Li Wan konnte noch versuchen, die Situation zu retten: „Ich glaube einfach, daß Bau-yü selbst über Hsi-tschuns Entscheidung zu traurig ist, daß er nicht mehr weiß, was er sagt. Wir sollten das nicht zu ernst nehmen. Dsï-djüan muß trotzdem eine Antwort erhalten. Wir müssen sie aufstehen lassen. Wird ihre Bitte nun erfüllt oder nicht?“ „Welchen Unterschied macht das schon?“, antwortete die Dame Wang. „Sie hat sich das gut genug überlegt und, wenn jemand fest zu etwas entschlossen ist, kann ihn nichts mehr aufhalten. Ohne Zweifel wird uns Bau-yü erzählen, daß Dsï-djüans Entscheidung vorherbestimmt war.“ Dsï-djüan verbeugte sich und Hsi-tschun dankte der Dame Wang. Dsï-djüan verbeugte sich auch vor Bau-yü und Bau-tschai. „Amitabha!“, rief Bau-yü fromm. „Wie nobel! Wie selten! Ich hätte niemals gedacht, daß du als erste von uns errettet wirst!“ Bau-tschais Selbstbeherrschung versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“ Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“ „Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën. Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts. Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen. Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt.