Hongloumeng/de/Chapter 118

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Kapitel 118

记微嫌舅兄欺弱女 / 惊谜语妻妾谏痴人

wachsinniger. „Das Register weltlichen Ruhmes betretend, Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“ Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die Dame Hsing wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“ Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tchiau-djie zu treffen hat. Es war sehr dumm von deinem Vetter Liän, seine Mutter nicht zu achten und das in die Hände eines anderen zu legen.“ – „Was den Prinzen betrifft, ist es deine Seite der Familie, die er erkennt“, sagte Djia Huan. „Die ganze Sache ist besiegelt, und sie bereiten nun eine große Fuhre an Geschenken für euch vor. Wenn dieser Prinz mit deiner Enkelin verheiratet ist, wird Onkel Schë dir eine wichtige Position verleihen müssen. Es wird uns allen zugute kommen. Ich möchte Mutter bestimmt nicht kritisieren, doch während der ganzen Zeit, als Yüän-tschun eine Kaiserliche Konkubine war, hat sie uns nicht gerade freundlich behandelt. Ich hoffe, Tchiau-djie wird nicht so undankbar sein. Ich muß mit ihr sprechen.“ – „Ja, du solltest mit ihr reden“, sagte die Dame Hsing, „so wird sie sehen, was Du alles für sie getan hast. Ich bin sicher, wenn ihr Vater zu Hause wäre, hätte er nie eine so gute Partie für sie gefunden! Diese dumme Kreatur Ping-örl hat Dinge dagegen gesagt und protestiert, sodaß Deine Mutter nicht zustimmt. Es ist wahrscheinlich nicht mehr als wirres Gezeter. Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst kommt Liän zurück, und sie werden ihn auch gegen uns aufhetzen, und wir werden das Ganze nie durchbekommen.“ „Was den Prinzen betrifft, ist die Sache bereits fest beschlossen“, sagte Djia Huan. „Sie warten nur darauf, daß du das Horoskop schickst. Dann wird sie nach prinzlichem Brauch drei Tage später zur Hochzeit abgeholt. Es gibt nur eine Bedingung, die zu berücksichtigen ist. Sie sagen, in Anbetracht der Umstände, weil es nicht ordnungsgemäß ist, die Enkelin eines entehrten Beamten zu ehelichen, das daß Ganze ohne große Zeremonie ablaufen wird. Später, wenn Onkel Schë begnadigt und wieder in sein Amt eingesetzt ist, wird die Vereinigung mit allen Festlichkeiten gefeiert werden.“ – „Natürlich stimme ich zu“, sagte die Dame Hsing, „was sie vorschlagen, ist nur richtig.“ – „In diesem Fall mußt du ihnen dann nur noch die Acht Zeichen für Tchiau-djies Horoskop schicken.“ – „Dummer Junge! Was können wir Frauen denn machen? Sage besser Yün, er soll es dir aufschreiben!“ Djia Huan war über die Antwort der Dame Hsing begeistert und stimmte ihrem Vorschlag umgehend zu, welcher ihm sehr entgegenkam. Er eilte hinüber, um sich mit Djia Yün zu besprechen, und bat Wang Jën, zum Palast des Prinzen zu gehen, um den Vertrag zu unterschreiben und das Geld zu empfangen. Die Unterhaltung zwischen Djia Huan und der Dame Hsing wurde von einer der Mägde der Dame Hsing gehört, welche mit Ping-örl sehr vertraut war und die deshalb, sobald sich die passende Gelegenheit bot, sofort zu Ping-örl ging und ihr erzählte, was vorgefallen war. Ping-örl hatte die ganze Zeit gewußt, daß dieser Heiratsplan nicht Gutes bringen würde, und hatte Tchiau-djie bereits alles erzählt, was sie darüber wußte. Als sie erstmals hörte, daß sie verheiratet werden sollte, hatte Tchiau-djie die ganze Nacht geweint, sie bestand darauf, daß man auf die Rückkehr ihres Vaters wartete, bevor eine Entscheidung getroffen würde, und verlangte, daß man der Dame Hsing nicht gehorchen sollte. Nun, da die letzten Neuigkeiten eingetroffen waren, begann sie zu heulen und wollte sich selbst bei der Dame Hsing beschweren. Ping-örl hielt sie allerdings davon ab: „Sie müssen sich beruhigen, Fräulein. Die Dame Hsing ist Ihre eigene Großmutter und, da Ihr Vater fort ist, hat sie das Recht, diese Entscheidung zu treffen. Außerdem unterstützt sie Ihr eigener Onkel. Alle hängen darin zusammen und Sie sind allein. Sie werden sie nicht davon abbringen können. Und ich bin nur eine Magd, ich kann nichts sagen. Wir müssen uns selbst einen Plan überlegen und nicht unüberlegt handeln!“ „Seid besser schnell“, riet ihnen die Magd der Dame Hsing, „in wenigen Tagen wird Fräulein Tchiau-djie mitgenommen.“ Mit diesen düsteren Worten kehrte sie in die Gemächer der Dame Hsing zurück. Ping-örl drehte sich um und sah, wie Tchiau-djie zusammengekauert dalag und untröstlich weinte. Sie streckte eine Hand aus, um sie etwas zu trösten: „Es bringt nichts zu weinen, Fräulein. Es gibt jetzt nichts, was Ihr Vater für Sie tun könnte. Von dem, was sie sagen, scheint es, als ob...“ Bevor sie ihren Satz beenden konnte, erschien ein Botschafter der Dame Hsing und kündigte an: „Dies ist in der Tat ein glücklicher Tag für Fräulein Tchiau-djie! Würde Ping-örl bitte vorbereiten, was immer Fräulein Tchiau-djie gern mit sich nehmen möchte. Ihre Aussteuer kann bis Herrn Liäns Wiederkehr warten.“ Ping-örl tat so, als würde sie diesen Anweisungen gehorchen, bis die Dame Wang selbst erschien. Tchiau-djie umarmte sie ängstlich und weinte in ihren Schoß. Die Dame Wang weinte selbst: „Sei doch nicht traurig, Kind. Ich habe mit deiner Großmutter gesprochen und alles getan, was ich für dich tun kann, und man entgegnete mir nichts als Beleidigungen. Ich kann sie nicht davon abbringen. Wir müssen das nun durchstehen und alles so weit wie möglich hinauszögern. Währenddessen müssen wir jemanden zu deinem Vater schicken, um ihm zu berichten, was hier vorgeht.“ „Doch habt ihr es nicht gehört, Herrin?“, sagte Ping-örl, „an diesem Morgen war Herr Huan bei der Dame Hsing. Nach Brauch des Prinzen wird die Braut in drei Tagen abgeholt. Die Dame Hsing hat bereits Herrn Yün gebeten, das Horoskop vorzubereiten. Wenn Herr Liän zurückkehrt, wird alles schon vorbei sein!“ Wie sie hörte, daß Huan involviert war, war die Dame Wang sprachlos vor Zorn. Dann brüllte sie heraus: „Bringt ihn zu mir! Bringt ihn zu mir! Zu mir!“ Ein Diener befolgte gehorsam ihren Befehl, doch kehrte mit der Nachricht zurück, daß Herr Huan an diesem Morgen bereits früh mit Herrn Djia Tchiang und Herrn Wang Jën ausgegangen sei. „Wo ist der Djia Yün?“, fragte die Dame Wang. „Das wissen wir nicht“, lautete die Antwort. Die Leute versammelten sich in Tchiau-djies Zimmer und standen untätig herum. Die Dame Wang besaß nicht mehr die Nerven, um sich direkt mit der Dame Hsing auseinanderzusetzen. Jeder weinte bitterlich auf der Schulter des anderen. Gerade als die Schwermut ihren Tiefpunkt erreicht hatte, kam ein Dienstmädchen herein, um anzukündigen, daß Oma Liu am Tor des Hauses angekommen war. „Wir sind alle völlig durcheinander“, kommentierte die Dame Wang, „wie können wir in so einem Moment Gäste empfangen? Sucht eine Entschuldigung und bittet sie zu gehen.“ – „Vielleicht sollten Sie sie hereinbitten, Herrin“, sagte Ping-örl, „sie ist immerhin Tchiau-djies Ziehmutter. Wir sollten ihr sagen, was hier abläuft.“ Die Dame Wang sagte nichts. Die Amme verließ das Zimmer und kehrte kurze Zeit später mit Oma Liu zurück, die alle anwesenden Damen begrüßte. Als sie sah, daß ihre Augen vom Weinen gerötet waren und da sie nicht wußte, was los war, fragte sie nach einigem Zögern: „Was geht hier vor? Trauert ihr um Frau Liän?“ Die Erwähnung ihrer Mutter ließ Tchiau-djie wieder hemmungslos weinen. „Es gibt keinen Grund, dir die Sache vorzuenthalten, Großmutter“, sagte Ping-örl. „Und als ihre Ziehmutter sollten sie die Wahrheit wissen.“ Sie erzählte Oma Liu nun die ganze Geschichte. Zuerst war Oma Liu entsetzt. Dann, nach einer langen Stille, begann sie zu lachen. „Eine kluge, junge Frau wie du sollte mit schwierigeren Dingen zurecht kommen. Schaut euch die ganzen Balladen an, sie sind voll schlauer Handlungen und Modelle zur Lösung vieler Probleme.“ „Oh, Oma Liu!“, flehte Ping-örl, „wenn dir eine Möglichkeit einfällt, so sag’ sie uns bitte!“ – „Es ist ganz einfach“, sagte die alte Frau. „Wir dürfen es aber niemandem erzählen, und wir müssen einen schnellen Weg und ein Versteck finden – mehr brauchen wir nicht.“ – „Das könnt ihr nicht ernst meinen!“, protestierte Ping-örl, „wo könnte sich eine Familie wie die unsere verstecken?“ – „Nun“, sagte Oma Liu, „wenn ihr bereit dazu seid – und das geht nur, wenn ihr beide in unsere Stadt kommt. Ich kann Fräulein Tchiau-djie verstecken und zur gleichen Zeit werde ich meinen Schwiegersohn beauftragen, einen Mann mit einem Brief, den Fräulein Tchiau-djie selbst schreiben muß, direkt zu Herrn Liän zu schicken. Wenn er erst angekommen ist, wird sich gewiß alles von selbst ergeben.“ „Und wenn die Dame Hsing es herausfindet?“, fragte Ping-örl. „Wissen sie, daß ich hier bin?“, fragte Oma Liu. „Die Dame Hsing lebt vorn und, da sie die Leute immer so garstig behandelt, erzählt ihr niemand, was los ist. Wärt ihr durch das vordere Tor gekommen, hätte sie vielleicht davon gewußt. Aber so, wie es aussieht, haben wir nichts zu befürchten.“ „Nun gut“, sagte Oma Liu, „wir vereinbaren einen Zeitpunkt, und dann trage ich meinem Schwiegersohn auf, einen Wagen zu euch zu schicken.“ – „Wir dürfen keine Zeit verlieren“, drängte Ping-örl, „wir müssen so schnell wie möglich sein.“ Sie ging mit der Dame Wang in den inneren Raum, und nachdem sie alle Diener fortgeschickt hatte, erklärte sie ihr Oma Lius Plan. Die Dame Wang dachte gründlich darüber nach und befand ihn als zu riskant. „Doch es ist unsere einzige Hoffnung!“, flehte Ping-örl, „wenn ich ehrlich zu Ihnen sein darf, Herrin, denke ich, Sie sollten es tun. Sie müssen vorgeben, nichts davon zu wissen. Später können Sie dann zur Dame Hsing gehen und sie fragen, wo Tchiau-djie hingegangen ist. Man wird Herrn Liän eine Nachricht schicken, und sicherlich wird er kurz darauf hier sein.“ Die Dame Wang blieb ruhig und seufzte tief. Tchiau-djie hatte sie reden gehört und fügte ihr Flehen dem von Ping-örl hinzu: „Oh Tantchen, bitte! Rette mich! Ich weiß, daß Vater dir dankbar sein wird, wenn er zurückkommt.“ „Wir müssen mit dem Plan beginnen“, sagte Ping-örl entschlossen. „Ihr könnt in eure Gemächer zurückkehren, Herrin. Doch schickt bitte jemanden, der Tchiau-djies Zimmer bewacht.“ – „Nun gut, doch haltet es geheim!“ drängte die Dame Wang. „Und ihr beide, denkt daran, so viele Kleider und Bettzeug wie möglich mitzunehmen.“ – „Wenn es klappen soll, müssen wir vor allem schnell sein“, sagte Ping-örl, „wenn sie mit dem unterschriebenen Vertrag zurückkommen, wird es zu spät sein!“ Das schien die Dame Wang wieder zur Vernunft zu bringen: „Ja! Natürlich! Ihr müßt euch beeilen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!“ Die Dame Wang kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und bemühte sich, die Dame Hsing in eine Konversation zu verwickeln und hielt sie damit in Schach. Ping-örl beauftragte einen Diener, ihre Sachen vorzubereiten, mit der An­weisung, dabei nicht zu heimlich zu erscheinen. „Wenn irgend jemand her­­einkommt und sieht, was du tust, sag’ einfach, du führst die Anweisungen der Dame Hsing aus und daß du eine Kutsche für Oma Lius Heimreise bestellst.“ In der Zeit wurden die Männer am hinteren Tor bestochen und angewiesen, eine Kutsche zu besorgen. Ping-örl kleidete Tchiau-djie so, daß sie wie Oma Lius Enkelin Tjing-örl aussah und eilte mit ihr hinaus. Sie gab vor, sich von der „Liu Familie“ verabschieden zu wollen und sprang in letzter Minute selbst in die Kutsche. Obwohl das hintere Tor durchgehend geöffnet war, gab es nur einen oder zwei Männer, die es pflichtgemäß zu bewachen hatten. Für die verschiedenen anderen Hausangestellten war das Anwesen so groß und unterbesetzt – in der Tat beinahe menschenleer –, daß es sicher war,

Aus: Chengjiaben 1791. daß ihre Abreise unbemerkt blieb. Allerdings hatte die Dame Hsing den Ruf, gemein zu den Dienern zu sein, und diese mißbilligten, soweit sie es wußten, was sie mit Tchiau-djie vorhatte. Außerdem waren sie auf Ping-örls Seite und allzu bereit, Tchiau-djies Flucht zu übersehen. Die Dame Hsing war überaus erfolgreich in eine Diskussion mit der Dame Wang vertieft und vernahm absolut nichts von der Flucht. Die Dame Wang war immer noch sehr vorsichtig. Nachdem sie mit der Dame Hsing gesprochen hatte, begab sie sich auf den Weg zu Bau-tschai, versuchte dabei, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und saß dort, erfüllt von Zweifeln am Erfolg des Unternehmens. Als sie sah, wie abgelenkt die Dame Wang war, fragte Bau-tschai sie, was in ihr vorging und diese erzählte ihr alles im Vertrauen. „Das ist sehr gefährlich!“, meinte Bau-tschai, „wir müssen schnell Djia Yün finden und ihm auftragen, sein Vorhaben aufzugeben.“ – „Aber ich kann noch nicht einmal Huan finden!“, klagte Frau Wang. „Verhalte dich so, als wüßtest du überhaupt nichts“, empfahl ihr Bau-tschai, „ich werde jemanden finden, der es der Dame Hsing berichtet.“ Die Dame Wang nickte und verließ Bau-tschai, um ihren Plan fortzusetzen. Unsere Geschichte widmet sich nun dem Mongolischen Prinzen. Dieser junge Edelmann war in der Tat nach nichts anderem auf der Suche, als nach ansehnlichen Konkubinen für seinen Harem und nach der Empfehlung eines professionellen Vermittlers hatte er zwei seiner Frauen geschickt, um Tchiau-djie genau zu betrachten. Als sie zurückkamen und ihr Herr sie über die Herkunft der jungen Dame befragte, wagten sie nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Der Prinz war beinahe erschrocken zu hören, daß sie einer so alten und noblen Familie entstammte: „Das ist doch ungeheuerlich! So etwas ist streng verboten! Ich war kurz davor, ein ernsthaftes Verbrechen zu begehen. Außerdem wurde ich bereits bei Seiner Majestät zu einer Audienz geladen und werde in Kürze einen passenden Tag wählen, mich auf die Rückkehr von meiner Reise zu begeben. Falls jemand kommen sollte, um die Angelegenheit weiter zu verfolgen, schickt ihn fort!“ Dies war genau der Tag, an welchem Djia Yün und Wang Jën dem Palast Tchiau-djies Horoskop überbringen wollten. Als sie ankamen, erhielten sie einen groben Empfang: „Seine Hoheit haben angeordnet, daß jede Person, die es wagt, ein Mitglied der Familie Djia zu entehren, wie ein gewöhnlicher Bürger verhaftet und einem Gerichtsverfahren unterzogen wird. Was für eine abscheuliche Art, sich in solch friedlichen Zeiten so zu verhalten!“ Wang Jën und Djia Yün schlichen sich sofort kleinlaut wieder zurück, grummelten zu sich selbst, daß jemand sie betrogen habe, und gingen übelgelaunt getrennte Wege. Djia Huan wartete zu Hause auf Neuigkeiten und war sehr bestürzt, als er die Vorladung der Dame Wang erhielt. Er sah Djia Yün allein nach Hause kommen und eilte zu ihm: „Und? Ist alles in die Wege geleitet?“ Djia Yün stampfte wütend auf den Boden: „Es ist fürchterlich! Irgend etwas ist schief gelaufen! Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist!“ Er erzählte Huan die ganze Geschichte, der zuerst sprachlos vor Wut war, dann platzte er heraus: „Noch an diesem Morgen war ich bei der Dame Hsing und schwärmte ihr von dieser Heirat vor. Aber was soll ich jetzt machen? Ihr wollt mich ruinieren!“ Gerade als sie überlegten, wie sie die Situation retten könnten, ertönte ein wirrer Lärm aus den inneren Gemächern. Sie hörten, wie ihre eigenen Namen gerufen wurden, „von den Damen verlangt“ und sie schlichen sich beschämt in die Gemächer der Dame Wang. „Da habt ihr ja etwas Tolles angerichtet!“, rief die Dame Wang, die sie bereits wutentbrannt erwartete. „Also, jetzt habt ihr Tchiau-djie und Ping-örl in den Tod getrieben! Das Letzte, das ihr tun könnt, ist ihre Leichen zurückbringen.“ Beide knieten zu ihren Füßen nieder. Djia Huan wagte nicht, seinen Mund zu öffnen, doch Djia Yün neigte seinen Kopf und sagte: „Ich hätte nie gewagt, es selbst zu tun. Wir haben diese Heirat nur vor euch erwähnt, Großtante, weil Großonkel Hsing und Onkel Wang es vorgeschlagen haben. Es war alles ihre Idee. Dann stimmte Großtante Hsing allem zu und bat mich, das Horoskop zu schreiben. Jetzt will die andere Seite aussteigen. Wie könnt ihr uns beschuldigen, Tchiau-djie in den Tod getrieben zu haben?“ „Huan hat deiner Großtante Hsing erzählt, daß sie in drei Tagen ankommen würden, um das Mädchen mitzunehmen“, sagte Frau Wang. „Wer hat je von einer ordnungsgemäßen Hochzeit gehört, die in so einer Eile vollzogen wird? Ich werde keine weiteren Fragen stellen. Gebt mir nur Tchiau-djie zurück! Wir werden sehen, was Herr Dschëng bei seiner Ankunft entscheiden wird, wie mit euch zu verfahren ist.“ Die Dame Hsing weinte in stiller Scham. Die Dame Wang wandte sich als nächstes an Djia Huan: „Die unglückliche Frau Dschau hat ihren Sohn offensichtlich genauso niederträchtig hinterlassen, wie sie selbst war!“ Sie rief eine der Mägde, um ihr zu helfen, und begab sich ins Schlafgemach. Alleingelassen begannen Djia Huan, Djia Yün und die Dame Hsing, sich gegenseitig zu beschuldigen, bis einer von ihnen sagte: „Was bringt es denn, sich einander die Schuld zuzuschieben? Das Mädchen ist möglicherweise gar nicht tot. Ping-örl hat sie mit Sicherheit bei irgend einem Verwandten versteckt.“ Die Dame Hsing rief die Wächter von den vorderen und hinteren Toren zu sich und, nachdem sie sie ermahnt hatte, fragte sie sie, wo Tchiau-djie und Ping-örl hingegangen seien. „Es nützt nichts, uns zu fragen, Herrin“, antworteten sie wie aus einem Munde. „Fragt einen der Verwalter, die sollten es eigentlich wissen. Ihr müßt euch keine Sorgen machen, Herrin. Falls die Dame Wang uns befragen sollte, werden wir auch ihr nichts erzählen können. Wenn einer von uns geschlagen wird oder eine Strafe bekommt, so müssen wir alle bestraft werden. Seit Herr Liän gegangen ist, war es eine reine Schande, was in dem Anwesen vorgefallen ist. Wir haben noch nicht einmal unseren Lohn oder die monatliche Getreidezuteilung erhalten. Sie waren nur am Trinken und am Spielen, am Herumschäkern mit hübschen, jungen Theater-Schauspielerinnen, Mädchen wurden eingeladen – sollten sich so die Herren der Familie verhalten?“ Djia Yün und Djia Huan waren still. Es kam ein Diener der Dame Wang mit neuen Anweisungen, Ping-örl und Tchiau-djie so schnell wie möglich zu finden, was sie in noch größere Verzweiflung stürzte. Sie wagten noch nicht einmal, die Diener in Tchiau-djies eigenen Gemächern zu befragen, da sie wußten, daß sie zu feindselig waren, um ihnen zu verraten, wohin die beiden verschwunden sein könnten. Dies konnten sie jedoch der Dame Wang kaum sagen. Stattdessen befragten sie das Haus eines jeden Verwandten und fanden immer noch nicht die geringste Spur. Die Dame Hsing in den inneren und Djia Huan in den äußeren Gemächern verbrachten einige hektische Tage und Nächte. Zuletzt kam der Tag, an dem die Prüfungen beendet waren und die Kandidaten aus ihren Zellen freigelassen wurden. Die Dame Wang wartete gespannt auf die Rückkehr von Bau-yü und Djia Lan, und als der Mittag kam und es immer noch kein Zeichen von ihnen gab, begannen sie, Li Wan und Bau-tschai, sich alle zu sorgen; sie schickten einen Diener nach dem anderen, um herauszufinden, was aus ihnen geworden war. Die Diener konnten keine Neuigkeiten überbringen, und keiner von ihnen wagte es, mit leeren Händen zurückzukehren. Später wurde eine weitere Gruppe mit demselben Auftrag losgeschickt, doch mit dem gleichen Ergebnis. Die drei Damen waren außer sich vor Angst.

Aus: Jinyuyuan 1889a. Als der Abend anbrach, kehrte schließlich einer zurück: es war Djia Lan. Sie waren froh, ihn zu sehen und fragten sofort: „Wo ist Bau-yü?“ Er grüßte sie noch nicht einmal und brach sofort in Tränen aus. „Verloren!“ schluchzte er. Für einige Minuten war die Dame Wang taub. Dann brach sie bewußtlos auf ihrem Ofenbett zusammen. Glücklicherweise waren Tsai-yün und einige der anderen Mägde da, um ihr zu helfen, und sie brachten sie wieder zu sich, dabei weinten sie selbst hysterisch. Bau-tschai starrte mit einem gläsernen Ausdruck in den Augen vor sich hin, während Hsi-jën unentwegt schluchzte. Das einzige, wozu sie Zeit gefunden hatten, war Djia Lan zu schelten: „Dummkopf! Du warst bei Bau-yü – wie konnte er verloren gehen?“ – „Vor dem Examen waren wir im selben Zimmer, wir aßen zusammen, wir schliefen zusammen. Sogar als er hinein ging, waren wir nicht voneinander getrennt, wir waren stets in Sichtweite des Anderen. Heute früh hatte Onkel Bau-yü seinen Zettel eher beendet und wartete auf mich. Wir gaben unsere Zettel zur selben Zeit ab und gingen zusammen. Als wir das Drachentor draußen erreicht hatten, war dort eine große Menge, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Die Diener, die uns abholen wollten, fragten mich, wo er sei, und Li Guee sagte ihnen: „Soeben war er noch klar wie Tageslicht hier, im nächsten Moment war er weg. Wie kann er so plötzlich in der Menge verschwunden sein?“ Ich habe Li Guee und den anderen aufgetragen, sich in Suchtrupps aufzuteilen, während ich mit einigen Männern in jeder Zelle nachsah. Doch es gab kein Zeichen von ihm. Deshalb bin ich so spät zurück.“ Frau Wang hatte währenddessen nur geschluchzt, ohne ein Wort zu sagen. Bau-tschai ahnte bereits im Ansatz die Wahrheit. Hsi-jën weinte untröstlich weiter. Djia Tchiang und die anderen Männer brauchten keine weiteren Anweisungen, sondern brachen sofort in verschiedene Richtungen auf, um die Suche fortzusetzen. Die Sicht war schlecht, jeder war in trüber Stimmung und die Willkommensfeier umsonst vorbereitet. Djia Lan vergaß seine eigene Erschöpfung und wollte mit den anderen losgehen. Doch die Dame Wang hielt ihn zurück: „Mein Kind! Dein Onkel ist verloren. Wenn wir dich auch noch verlieren, ist das mehr, als wir ertragen können! Du erholst dich nun, sei ein guter Junge!“ Er wollte eigentlich nicht zurückbleiben, doch stimmte er zu, als auch You-schï ihr Flehen der Dame Wang überbrachte. Die einzige Person, die in diesem Moment nicht überrascht zu sein schien, war Hsi-tschun. Sie fühlte sich nicht frei, ihre Gedanken mitzuteilen, sondern erkundigte sich bei Bau-tschai: „Hatte Bau-yü den Jadestein bei seinem Aufbruch mit sich genommen?“ „Aber natürlich“, antwortete sie, „ohne ihn geht er nirgendwohin.“ Hsi-tschun war still. Hsi-jën erinnerte sich, wie sie Bau-yü aufgelauert hatten und ihm den Jade aus der Hand rissen, und sie hatten den üblen Verdacht, daß das Unglück des heutigen Tages etwas mit dem Mönch zu tun hatte. Ihr Herz stach sie vor Kummer, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie begann unaufhaltsam zu jammern. Erinnerungen an die Zuneigung, die Bau-yü ihr einst entgegengebracht hatte, überwältigten sie. „Ich weiß, daß ich ihn manchmal genervt habe und er wütend auf mich war. Doch er fand immer einen Weg, damit fertig zu werden. Er war so nett zu mir und so fürsorglich. In erhitzten Momenten hat er oft angekündigt, ein Mönch werden zu wollen. Ich habe ihm nie geglaubt. Und jetzt ist er fort!“ Es war nun zwei Uhr morgens, und es gab immer noch kein Zeichen von Bau-yü. Li Wan, die fürchtete, daß die Dame Wang durch ihren ausschweifenden Kummer Schaden nehmen könne, gab ihr Bestes, sie zu trösten und riet ihr, in ihr Zimmer zu gehen. Der Rest der Familie begleitete sie in ihr Zimmer, mit Ausnahme von der Dame Hsing, die in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte, und Djia Huan, der immer noch niedergeschlagen war und es gar nicht erst gewagt hatte, sich zu zeigen. Frau Wang hatte Djia Lan aufgetragen, zurück in sein Zimmer zu gehen, und verbrachte selbst eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag in der Dämmerung kehrten einige der Diener, die am vorigen Tag losgeschickt worden waren, zurück, um zu berichten, daß sie überall gesucht hätten und es ihnen nicht gelungen war, die geringste Spur von Bau-yü zu entdecken. Über den Morgen kam eine ganze Reihe Verwandter, darunter Tante Hsüä, Hsüä Kë, Schï Hsiang-yün, Bau-tjin und die alte Frau Li, um sich nach der Gesundheit der Dame Wang und Neuigkeiten von Bau-yü zu erkundigen. Nach einigen solcher Tage war die Dame Wang so von Kummer erfüllt, daß sie weder essen noch trinken konnte und ihr Leben in ernster Gefahr zu sein schien. - Da kündigte ein Diener plötzlich einen Botschafter des Kommandanten der Küstenregion an, der die Neuigkeit brachte, Tan-tschun würde am nächsten Tag in der Stadt ankommen. Obwohl dies nicht vollständig den Kummer über Bau-yüs Verschwinden beseitigen konnte, fühlte die Dame Wang zumindest einen Hauch von Trost bei dem Gedanken, Tan-tschun wiederzusehen. Am nächsten Tag erschien Tan-tschun am Jung-guo-Anwesen und alle kamen heraus, um sie zu begrüßen, fanden sie lieblicher als je zuvor und wunderhübsch gekleidet. Als Tan-tschun sah, wie sehr die Dame Wang gealtert war und wie gerötet die Augen eines jeden in der Familie waren, drangen ihr Tränen in die Augen, und es dauerte eine Zeit, bis sie aufhören konnte zu weinen und alle angemessen begrüßen konnte. Es bekümmerte sie auch zu sehen, daß Hsi-tschun die Schwesternschaft gewählt hatte, und sie weinte wieder, doch dann erfuhr sie auch von Bau-yüs seltsames, Verschwinden und von dem vielen Unglück der Familie. Doch war sie mit der Gabe ausgestattet, immer die passenden Worte zu finden, und ihre natürliche Gelassenheit vermittelte der Versammlung zumindest einen Hauch von Ruhe und der Dame Wang und dem Rest der Familie wirklichen Trost. Am nächsten Tag kam ihr Gatte zu Besuch, und als er erfuhr, wie die Dinge standen, bat er sie, zu Hause zu bleiben und ihre Familie zu trösten. Die Mägde und die alten Dienstmädchen, die sie zu ihrem neuen Heim begleitet hatten, waren überaus erfreut über die Wiedervereinigung mit ihren alten Freunden. Der gesamte Haushalt, Herren und Dienerschaft, wartete immer noch ängstlich Tag und Nacht auf Nachrichten von Bau-yü. - In einer Nacht nun, gegen fünf Uhr, kamen einige Diener zum inneren Tor, kündigten an, sie hätten wunderbare Nachrichten zu verkünden; daraufhin eilte eine Handvoll jüngerer Mägde in die inneren Gemächer, ohne den älteren Mägden erst Bescheid zu geben. „Herrin, Damen!“, riefen sie, „wunderbare Neuigkeiten!“ Die Dame Wang glaubte, daß Bau-yü müsse gefunden worden sein, erhob sich aus ihrem Bett und fragte voller Begeisterung: „Wo haben sie ihn gefunden? Schickt ihn sofort zu mir!“ – „Er steht auf dem siebten Platz der Liste der erfolgreichen Kandidaten!“, rief die Magd. „Doch ist er gefunden worden?“ Die Magd war still. Die Dame Wang setzte sich wieder. „Wer ist auf dem siebten Platz?“, fragte Tan-tschun. – „Herr Bau-yü.“ Während sie sprachen, hörten sie von draußen eine Stimme rufen: „Herr Lan hat auch bestanden!“ Ein Diener eilte hinaus, um das offizielle Schreiben zu empfangen, auf welchem geschrieben stand, daß Djia Lan den einhundertdreißigsten Platz in der Liste eingenommen hatte. Da es immer noch nichts Neues über Bau-yüs Verbleib gab, fühlte sich Li Wan nicht frei, ihre Gefühle von Stolz und Freude zum Ausdruck zu bringen. Und die Dame Wang, die erleichtert war, daß Djia Lan bestanden hatte, dachte nur bei sich: „Wenn Bau-yü auch hier wäre, was gäbe das für ein glückliches Fest!“ Bau-tschai war immer noch in einer trüben Stimmung, doch hielt sie es für unangemessen, zu weinen. Die anderen waren damit beschäftigt, ihre Glückwünsche auszusprechen und die heitere Seite des Ganzen zu betrachten: „Da es Bau-yüs Schicksal war zu bestehen, kann er nicht lange verloren bleiben. In ein oder zwei Tagen wird er bestimmt gefunden.“ Diese logische Erwägung ließ die Dame Wang ein wenig lächeln, und man nutzte diese Gelegenheit, um sie zu überzeugen, etwas zu essen und zu trinken. Einen Moment später hörte man Bee-mings Stimme, die aufgeregt vom inneren Tor rief: „Da Herr Bau-yü nun bestanden hat, wird er sicherlich bald gefunden!“ – „Was macht dich da so sicher?“, fragten sie ihn. „Es gibt ein Sprichwort: ‚Wenn ein Mann einmal sein Examen besteht, wird die ganze Welt seinen Namen vernehmen.‘ Jetzt wird jeder Herrn Bau-yüs Namen kennen, und wohin er auch immer geht, irgend jemand wird ihn uns nach Hause bringen.“ – „Dieser Bee-ming mag zwar ein kleiner Teufel sein, doch was er sagt, macht Sinn ,“ stimmten die Mägde überein. Hsi-tschun sah dies anders: „Wie kann ein erwachsener Mann wie Bau-yü verloren gehen? Wenn ihr mich fragt, hat er sich bewußt von den Ketten der Welt gelöst und sich für das Leben eines Mönches entschieden. Und in diesem Fall wird es schwierig sein, ihn zu finden.“ Dies brachte die Damen alle wieder zum Weinen. „Das ist bestimmt wahr“, sagte Li Wan, „da viele Männer der alten Zeit ihren weltlichen Rängen entsagt haben und sich entschieden haben, Buddhas oder Heilige zu werden.“ – „Doch wenn er seine eigenen Eltern verstößt“, seufzte die Dame Wang, „dann verfehlt er seine Pflicht als Heiliger. Und wie kann er in diesem Fall darauf hoffen, ein Heiliger oder ein Buddha zu werden?“ – „Es ist das Beste, vernünftig zu sein“, kommentierte Tan-tschun. „Bau-yü war immer anders. Er hat seinen Jadestein seit seiner Geburt, und jeder hielt dies für günstig. Doch zurückblickend kann ich sehen, daß er ihm nur Unglück gebracht hat. Wenn noch einige Tage vergangen sind und wir ihn immer noch nicht gefunden haben – ich will dich jetzt nicht enttäuschen, Mutter – doch ich denke, in diesem Fall müssen wir die Tatsache einsehen, daß das Schicksal es so beschlossen hat und jenseits unseres Verstehens liegt. Es wäre besser, nicht von ihm zu denken, daß er aus deinem Leib geboren wurde. Sein Schicksal ist nämlich die Frucht des Karmas, das Ergebnis deiner angesammelten Verdienste aus früheren Leben.“ Bau-tschai hörte diesem ruhig zu. Hsi-jën konnte es nicht länger ertragen, ihr Herz schmerzte, ihr war schwindelig, und sie sank bewußtlos zu Boden. Die Dame Wang war ihretwegen sehr betroffen und trug einer der Mägde auf, ihr hochzuhelfen. Djia Huan fühlte sich äußerst schlecht. Auf dem Gipfel seiner Unehre bezüglich der Angelegenheit mit Tchiau-djie kam noch die zusätzliche Demütigung, daß er mit ansehen mußte, daß sein Bruder und sein Neffe ihr Examen bestanden hatten. Er verfluchte Tchiang und Yün dafür, ihn in diesen Ärger getrieben zu haben. Tan-tschun würde ihn gewiß in die Pflicht nehmen, da sie nun zurück war. Und doch hatte er es nicht gewagt, sich zu verstecken. Er war nur noch ein Häufchen erbärmlichen Elends. Am nächsten Tag mußte Djia Lan am Hof erscheinen, um sich für sein erfolgreiches Bestehen zu bedanken. Dort begegnete er Dschën Bau-yü und fand heraus, daß er auch bestanden hatte. So gehörten alle drei zur gleichen „Klasse“. Als Lan Bau-yüs seltsames Verschwinden erwähnte, seufzte Dschën Bau-yü und bot einige Worte des Trostes an. Der leitende Prüfer präsentierte die erfolgreichen Aufsätze der Kandidaten dem Herrscher und seine Majestät las einen nach dem anderen durch und fand sie alle ausgeglichen und überzeugend, dabei bezog er den Umfang des Lernens und die Zuverlässigkeit des Urteils mit ein. Als er zwei Djias aus Nanking auf dem siebten und einhundertdreißigsten Platz bemerkte, fragte er, ob sie in irgendeiner Form mit der Konkubine Djia verwandt seien. Einer der Minister rief Djia Bau-yü und Djia Lan zu einer Befragung bezüglich dieser Angelegenheit herbei. Djia Lan erwähnte bei seiner Ankunft die Umstände des Verschwindens seines Onkels und gab einen vollen Bericht der drei früheren Familiengenerationen, was der Minister umgehend an den Thron weiterleitete. Als Folge dieser Information und, weil seine Majestät ein Herrscher von Weisheit und Mitgefühl waren, wies er den Minister an, in Anbetracht des besonderen Leistungsumfanges der Familie, einen vollen Bericht ihres Falles einzureichen. Dies tat der Minister und verfaßte darüber eine detaillierte Denkschrift. Seine Majestät war so betroffen, daß er dem Minister beim Lesen dieser Schrift befahl, die Fakten, die zu Djia Schës Verurteilung geführt hatten, noch einmal zu überprüfen. Danach fiel der kaiserliche Blick auf eine weitere Beschreibung in der Denkschrift, nämlich dem Erfolg des derzeitigen Feldzuges: Die Störungen an der Küste waren beruhigt, „die See befriedet, die Flüsse gereinigt und den ehrlichen Bürgern war wieder die Freiheit gewährt, ein ungestörtes Leben zu führen“. Seine Majestät war über diese Neuigkeiten höchst erfreut und befahl seiner Schar an Ministern, sich eine passende Belohnung auszudenken und auch eine allgemeine Amnestie im Reich zu verkünden. Als Djia Lan den Hof verlassen und gegangen war, um sich von seinem Prüfer zu verabschieden, hörte er von der Amnestie und eilte nach Hause, um es der Dame Wang und dem Rest der Familie zu erzählen. Alle schienen begeistert, obwohl ihre Heiterkeit durch Bau-yüs Abwesenheit getrübt war. Tante Hsüä war besonders froh über die Neuigkeiten und traf bereits Vorbereitungen für die Bezahlung von Hsüä Pans Bußgeld, da die Aufhebung seines Todesurteils nun Teil der Amnestie war. Einige Tage später wurde angekündigt, daß Dschën Bau-yü und sein Vater ihre Gratulation anbieten wollten, und die Dame Wang schickte Djia Lan hinaus, um sie zu empfangen. Kurz danach kehrte Djia Lan mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurück: „Gute Neuigkeiten! Onkel Dschën Bau-yüs Vater hat am Hof von einem Erlaß gehört, der Großonkel Schë und Onkel Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen begnadigt und den erblichen Ning-guo Rang wiederherstellt. - Djia Dschëng von Jung-guo behält den erblichen Titel, und nach seiner Trauerphase wird er als dauerhafter Sekretär im Arbeitsministerium wieder eingesetzt. Auch das ganze beschlagnahmte Familieneigentum wird wiederhergestellt. Seine Majestät haben Onkel Bau-yüs Aufsatz gelesen und waren höchst begeistert davon. Als sie herausfanden, daß der betroffene Kandidat der jüngere Bruder der kaiserlichen Nebenfrau war, und als der Prinz von Bei-jing noch einige Lobesworte hinzufügte, drückten seine Majestät das Verlangen aus, ihn zu einer Audienz an den Hof zu rufen. Die Minister sagten ihm dann, daß Bau-yü nach dem Examen verschwunden sei; ich war es, der sie an erster Stelle darüber informiert hatte, und daß bereits überall erfolglos nach ihm gesucht würde, worauf seine Majestät ein weiteres Edikt verfaßten, daß alle Besatzungen in der Stadt nach ihm suchen sollten. Du kannst nun beruhigt sein, Großmutter. Wenn sich seine Majestät höchstpersönlich darum kümmern, wird Bau-yü mit Sicherheit bald gefunden.“ Die Dame Wang und der Rest der Familie waren begeistert und beglückwünschten sich gegenseitig zu diesem Ereignis. Währenddessen saßen Djia Huan und seine Gefährten immer noch auf heißen Kohlen und suchten überall nach Tchiau-djie. Diese war, nachdem sie mit Ping-örl und Oma Liu die Stadt verlassen hatte, im Dorf angekommen und in Oma Lius bestem Zimmer einquartiert worden, das zu diesem Anlaß besonders gesäubert worden war. Obwohl ihre tägliche Nahrung bloß aus einfacher Dorfkost bestand, war sie gesund und sauber und mit der kleinen Tjing-örl, die ihnen Gesellschaft leistete, ging es ihr gut. Es gab einige wohlhabende Familien in diesem Dorf, die, als sie gehört hatten, daß ein Fräulein Djia bei Oma Liu war, darauf bestanden, selbst vorbeizuschauen. Sie schwärmten alle über ihre feenhafte Erscheinung und beschenkten sie mit Obst, frischem Gemüse und Wildbret. In der Tat erregte Tchiau-djies Anwesenheit bedenkliche Aufregung. Die reichste Familie waren die Dschous, deren Vermögen sich zum einen aus Geld, zum anderen aus erheblichem Großgrundbesitz zusammensetzte. Sie hatten nur einen einzigen Sohn in der Familie, einen kultivierten, gutaussehenden Burschen von vierzehn Jahren, der von einem Privatlehrer unterrichtet worden war und gerade das vorbereitende Lizenziats-Examen bestanden hatte. Als seine Mutter einen Blick auf Tchiau-djie warf, war sie völlig hingerissen. ‚Was für ein Jammer!‘, dachte sie bei sich mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns, ,ein Junge aus einer ländlichen Familie wie der unseren würde gewiß niemals zu so einem wohlerzogenen Mädchen passen.‘ Eine ganze Weile stand sie dort in Gedanken versunken, und Oma Liu hatte bereits eine Ahnung, was in ihr vorgehen könnte. „Ich weiß, was ihr denkt“, sagte sie, „warum sollte ich keine Hochzeit für euch vorschlagen?“ Frau Dschou lachte: „Macht euch nicht über mich lustig! Eine so große Familie wie die ihrige gemessen an unserem Rang!“ – „Nun, es würde keinem schaden, diesen Vorschlag zu machen“, antwortete Oma Liu. „Wir werden sehen.“ Die beiden beließen es so und gingen ihrer Wege. Oma Liu war begierig zu wissen, was sich zuletzt im Jung-guo-Anwesen ereignet hatte und schickte Ban-örl in die Stadt, um es herauszufinden. Er gelangte an die Straße der zwei Herzöge, wo er eine Ansammlung von Kutschen vor einem Anwesen erblickte und stellte sich so, daß er vernehmen konnte, was es für Neuigkeiten gab. Und dies konnte er hören: „Der Rang beider Familien wurde wiederhergestellt, und sie erhielten ihr beschlagnehmtes Eigentum zurück. Es scheint bei ihnen bergauf zu gehen. Doch der junge Bau-yü ist spurlos verschwunden, nachdem er sein Examen bestanden hatte.“ Ban-örl war begeistert, von der Wiederherstellung der familiären Gunst zu hören, und wollte gerade zurück nach Hause gehen, um seiner Großmutter von diesen erfreulichen Nachrichten zu berichten, als er sah, wie einige Pferde das äußere Tor hochzogen. Die Reiter stiegen ab, und die Torwächter begrüßten sie auf Knien: „Willkommen zu Hause, Herr! Und Glückwunsch! Wie ist die Gesundheit von Herrn Schë?“ „Besser“, antwortete der junge Mann, der zuerst abgestiegen war, „und er hat die großzügige Erlaubnis seiner Majestät erhalten, zurück nach Hause

Tchiau-djie. Aus: Gai Qi 1879. zu kommen.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Was machen diese Männer dort drüben?“

„Seine Majestät haben einen Beamten mit einem Dekret hergeschickt. Sie verlangen nach einem Familienmitglied, um alles beschlagnahmte Eigentum zurückzugeben.“

Der junge Herr wanderte fröhlich hinein, und Ban-örl, der daraus schloß, daß es Djia Liän sein mußte, wartete nicht auf weitere Neuigkeiten, sondern eilte nach Hause, um Oma Liu alles zu berichten. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der alten Dame aus, als sie dies hörte, und sie ging sofort zu Tchiau-djie und gratulierte ihr zu diesen guten Neuigkeiten. „Das haben wir alles dir zu verdanken, Großmutter“, sagte Ping-örl mit einem dankbaren Lächeln, „ohne deine Hilfe hätte Fräulein Tchiau-djie niemals dieses glückliche Ende erlebt.“ Tchiau-djie selbst war noch viel begeisterter. Dann kam der Botschafter, der mit einem Brief an Dija Liän geschickt worden war, zurück. „Herr Liän sagt, er sei sehr dankbar. Er bat mich, Fräulein Tchiau-djie sofort nach Hause zu geleiten und euch diese stattliche Belohnung auszuhändigen.“ Oma Liu war überaus erleichtert, daß sich alles zum Guten gewendet hatte, und sie schickte jemanden, der zwei Kutschen besorgen sollte. Dann bat sie Tchiau-djie und Ping-örl, diese für ihre Heimkehr zu benutzen, doch sie wollten nur ungern aufbrechen. Sie waren mit Oma Lius Heim schon vertraut geworden, und die kleine Tjing-örl war in Tränen aufgelöst, weil sie sich von ihren neu gewonnenen Freunden verabschieden mußte. Oma Liu sah, wie vertraut sie miteinander geworden waren, so sagte sie Tjing-örl, sie könne mit ihnen allen zusammen in der Kutsche bis zur Stadt fahren. Und so begaben sie sich zurück zum Jung-guo-Anwesen. Es soll daran erinnert werden, wie Djia Liän, nachdem er von der schweren Krankheit seines Vaters gehört hatte, sofort zu ihm ins Exil gereist war. Als Vater und Sohn sich dort trafen, gab es eine tränenreiche Szene, die wir hier nun nicht im einzelnen beschreiben müssen. Djia Schës Gesundheit hatte sich gerade wieder ein wenig erholt, und wie Djia Liän einen Brief mit den neuesten und nicht allzu fröhlichen Begebenheiten von zuhause erhielt, bat er seinen Vater um Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach Djia Schës Gesundheit erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“ Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort.