Hongloumeng/de/Chapter 119
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Kapitel 119
中乡魁宝玉却尘缘 / 沐皇恩贾家延世泽
Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach Djia Schës Gesundheit erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“ Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort. Djia Liän begleitete ihn bis zum vorderen Tor, wo gerade einige ländliche Kutschen heranfuhren. Die Torwächter gestatteten es nicht, daß die Kutschen dort halten durften, und ein lauter Streit erhob sich. Djia Liän bemerkte sofort, daß seine Tochter in einer dieser Kutschen sitzen müsse, und begann, die Torwächter wütend anzuschreien: „Ihr Pack elender Köter! Während ich fort war, habt ihr euch gegen euren eigenen Herrn gewendet und meine Tochter von zuhause fortgeschickt. Jetzt wollt ihr sie davon abhalten zurückzukehren! Wollt ihr euch an mir rächen?“ Die Diener hatten Djia Liäns Rückkehr befürchtet, da er gewiß früher oder später herausfinden würde, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und sie bestimmt für ihre Beteiligung daran bestrafen würde. Es war für sie wie ein Schock, ihn bereits so früh so reden zu hören, als ob er schon alles wüßte. Wie das möglich war, konnten sie nicht verstehen. Sie erhoben sich und protestierten: „Während ihr fort wart, Herr, waren einige von uns krank, einige fort. Alles ging von Herr Huan aus, Herrn Tchiang und Herrn Yün, Herr, es hatte nichts mit uns zu tun.“ „Ihr dummen Unfähigen!“, rief Djia Liän, „ich kümmere mich um euch, wenn ich fertig bin. Beeilt euch und laßt diese Kutschen herein!“ Als Djia Liän wieder hereinging, sagte er der Dame Hsing nichts von alledem. Er ging zur Wohnung der Dame Wang, kniete vor ihr nieder und verkündete: „Deinem Voraussehen ist es zu verdanken, Tante Wang, daß meine Tochter sicher zurückgekehrt ist. Ich sollte besser nichts von Vetter Huans Betragen in diesem Fall erzählen, das wird kaum nötig sein. Doch so weit diese Kreatur Yün betroffen ist –, auch beim letzten Mal, als er die Verantwortung zu tragen hatte, gab es nur Ärger, und nun, in den wenigen Monaten, in denen ich fort war, hat er volles Verderben beschert. Meiner Meinung nach sollte er weggeschickt werden und niemals wieder eine Stellung hier erlangen.“ „Und was ist mit deinem Schwiegerbruder, Wang Jën?“, erkundigte sich Frau Wang, „was brachte ihn dazu, sich so verachtenswert zu betragen?“ – „Verschwende keinen Atem für ihn“, antwortete Djia Liän, „um ihn werde ich mich später kümmern.“ Tsai-yün trat ein, um Tchiau-djies Ankunft anzukündigen. Als die Dame Wang sie sah, kamen, obwohl sie nicht lange voneinander getrennt gewesen waren, die quälenden Vermutungen über ihr Verbleiben nach ihrer Flucht wieder. Sie brach zusammen und weinte bitterlich. Tchiau-djie mußte selbst fürchterlich weinen. Djia Liän bedankte sich währenddessen bei Oma Liu. Die Dame Wang bat sie, sich zu setzen, und sie besprachen gemeinsam das ganze Abenteuer. Als Djia Liän Ping-örl wiedersah, überkam ihn große Dankbarkeit für alles, was sie getan hatte und, obwohl er seine Gefühle bei einer solchen Familienversammlung kaum zum Ausdruck bringen durfte, konnte er sich einiger Tränen nicht erwehren. Von diesem Tag an stieg Ping-örl in ihrem Rang immer höher, und sie wurde in die Position einer ordentlichen Frau befördert. Doch nun zu jemand anderem. Die Dame Hsing war sicher, daß es Ärger geben würde, sobald Djia Liän von Tchiau-djies Verschwinden erfahren würde. Wie sie vernahm, daß er sich bei der Dame Wang aufhielt, wurde sie ganz ängstlich und schickte eine Magd zu lauschen. Diese informierte sie bei ihrer Rückkehr darüber, daß Tchiau-djie und Oma Liu sich beide unterhielten, nachdem sie eben zusammen angekommen waren. Plötzlich dämmerte es der Dame Hsing, was sich zugetragen hatte. Sie wußte, daß sie reingelegt worden war und war sehr verärgert über die Dame Wang: „Schürt einfach Ärger zwischen mir und meinem Sohn! Ich frage mich, wer Ping-örl unser Geheimnis verraten haben kann!“ In diesem Moment sah sie Tchiau-djie und Oma Liu in Begleitung von Ping-örl eintreten. Die Dame Wang folgte ihnen, und sie sprach zu ihr, die Schuld an allem auf Djia Yün und Wang Jën abwälzend: „Du bist auf das hereingefallen, was sie sagten, Schwägerin. Du wolltest nur das Beste. Wie konntest du nur etwas von den Ränken und Intrigen wissen, die sie geschmiedet hatten!“ Die Dame Hsing schämte sich sehr. Sie sah, daß die Dame Wang richtig gehandelt hatte und rechnete es ihr hoch an. Von da an beruhigten sich die Spannungen zwischen den beiden Schwägerinnen. Ping-örl sprach mit der Dame Wang und ging dann mit Tchiau-djie, um Bau-tschai zu begrüßen. Sie tauschten beide ihr Beileid aus. „Da die Gunst des Kaisers jetzt wiederhergestellt ist“, sagte Tchiau-djie, „steigt unsere Familie wieder auf. Und sicher wird Onkel Bau-yü zurückkommen.“ Während sie sprachen, kam Tjiu-wën hastig in das Zimmer gerannt und schrie: „Hilfe! Hsi-jën geht es schlecht!“ Doch um zu erfahren, was dann geschah, muß man das nächste Kapitel lesen.
120. Dschën Schï-yin erklärt detailliert das Wesen von Leidenschaft und Illusion Und Djia Yü-tsun faßt den Traum der Roten Kammer zusammen.
Sobald sie von Tjiu-wën hörte, daß Hsi-jën ernsthaft erkrankt war, stürmte Bau-tschai mit Tchiau-djie und Ping-örl herein, um nach ihr zu sehen. Sie fanden sie bewußtlos auf dem Ofenbett liegend, anscheinend hatte sie einen Herzschlag erlitten. Sie flößten ihr abgekochtes, kaltes Wasser ein, und endlich kam sie wieder zu sich, sie geleiteten sie zur Ruhe und schickten nach dem Sterbearzt. „Wie konnte Hsi-jën so plötzlich von uns gerufen werden?“, fragte Tchiau-djie. „Gestern Abend“, antwortete Bau-tschai, „weinte sie sich in einen fürchterlichen Zustand und erlitt einen plötzlichen Schwindelanfall. Mutter bat eine der Mägde, ihr vom Boden aufzuhelfen, und schließlich ging sie schlafen. Es war an dem Abend so viel los, daß wir nicht nach einem Arzt schickten. Nur deshalb konnte es so weit kommen.“ Bald war der Arzt da, und die Frauen zogen sich zurück. Nachdem er Hsi-jëns Puls gefühlt hatte, diagnostizierte er ihren Zustand als Folge übermäßiger Aufregung und Ärger, stellte ein entsprechendes Rezept aus und ging. Hsi-jën hatte tatsächlich mitgehört, oder dachte, sie hätte mitgehört, daß jemand sagte, daß alle von Bau-yüs Mägden entlassen würden, wenn er nicht zurückkehre. Der Schock, dieses zu hören, war es, der sie aufgeregt und ihre Krankheit verschlimmert hatte. Als der Arzt aufgebrochen war und Tjiu-wën hinausgegangen war, um ihre Medizin zu kochen, blieb Hsi-jën alleine auf ihrem Bett liegend zurück und in ihrer Verwirrung dachte sie, Bau-yü vor sich stehen zu sehen. Dann erschien die vage Gestalt eines Mönchs vor ihren Augen, er hielt Seiten eines Registers in Händen und sagte: „Du bist nicht für mich bestimmt. In kommenden Tagen wird jemand anderer kommen, um dich für sich zu beanspruchen.“ Hsi-jën wollte ihn ansprechen, als Tjiu-wën zurückkam. „Deine Medizin ist fertig“, sagte sie, „du solltest sie besser jetzt nehmen.“ Hsi-jën öffnete ihre Augen und erkannte, daß alles ein Traum gewesen war. Sie vertraute sich Tjiu-wën nicht an, sondern schluckte ihre Arznei, lag da und grübelte bei sich: ‚Bau-yü muß mit dem Mönch fortgegangen sein. Ich erinnere mich an den Tag, als er versuchte, den Jadestein zu holen und dem Mönch zu geben, er schien fortlaufen zu wollen. Als ich ihn festzuhalten versuchte, war es nicht sein normales Ich, so wie er mich wegdrückte und fortdrängelte. Er schien sich gar nicht mehr um mich zu kümmern. Seitdem war er stets so kühl gegenüber Frau Bau-tschai und uns anderen gegenüber gleichgültig. Sie sagte zu ihm: „Ich vermute, daß du dies für die Erleuchtung hältst. Aber welche Art von Erleuchtung ist es, wenn du dich von deiner eigenen Frau abwendest? Die gnädige Frau bat mich, dir zu dienen, aber obwohl meine Monatsbezüge die einer Kammerfrau waren, bin ich nie offiziell als eine solche anerkannt worden. Wenn der Herr und die Herrin mich jetzt entlassen und ich darauf bestehe zu bleiben, aus Respekt vor dem Andenken an dich, werden mich die Leute lächerlich finden. Aber wie kann ich es aushalten, Sie zu verlassen, wenn ich mich doch daran erinnere, wie die Dinge zwischen uns waren?“ Sie zerbrach sich den Kopf über ihr Dilemma und erinnerte sich an die ahnungsvollen Worte, die Bau-yü in ihrem Traum zu ihr gesprochen hatte. Sie schwor sich selbst, daß, wenn sie ihr Schicksal nicht mit Bau-yü teilen könnte, sie am liebsten überhaupt nicht mehr leben würde. Dank der Medizin ließ ihr Schmerz jedoch ein wenig nach. Sie fühlte sich schuldig, da sie die ganze Zeit lag, doch zwang sie sich selbst zur Ruhe und quälte sich durch die nächsten paar Tage, bis sie wieder aufstehen und ihrer Herrin zu Diensten sein konnte. Bau-tschai selbst, obwohl sie die ganze Zeit an Bau-yü dachte und in manchem einsamen Moment ihr unglückliches Schicksal beweinen mußte, war damit beschäftigt, ihrer Mutter dabei zu helfen, die Zahlung für Hsüä Pans Bußgeld zu arrangieren, was bei weitem keine leichte Aufgabe war. Doch später mehr dazu. Djia Dschëng war mit dem Sarg der Herzoginmutter in Begleitung von Djia Jung und den Särgen von Tjin-schï, Hsi-fëng, Dai-yü und Yüan-yang in Nanking angekommen. Sie ließen die Mitglieder der Familie Djia beerdigen, und dann brachte Djia Jung Dai-yüs Sarg zu den Gräbern ihrer eigenen Familie, daß er dort begraben werden konnte, während Djia Dschëng sich um die Errichtung der Grabmäler kümmerte. Eines Tages kam dann ein Brief von zuhause an, in welchem er von dem Erfolg las, den Bau-yü und Djia Lan in ihren Examen gehabt hatten, was ihn sehr erfreute, – und von Bau-yüs Verschwinden, was ihn sehr beunruhigte und ihn dazu brachte, seinen Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten und schnellstmöglich zurück nach Hause zu kehren. Auf seiner Rückreise erfuhr er von der vom Kaiser erlassenen Amnestie und erhielt einen weiteren Brief von zuhause, in welchem zu lesen stand, daß Djia Schë und Vetter Dschën begnadigt worden waren, und sie ihre Titel wieder zurückerhalten hatten. Von diesen Neuigkeiten außerordentlich erfreut, beeilte er sich, nach Hause zu kommen und reiste Tag und Nacht. An dem Tag, als sein Boot die Poststelle in Piling erreichte, gab es eine plötzliche Wendung des Wetters, und es begann zu schneien. Er legte an einem stillen, verlassenen Ärmel des Kanals an und schickte seine Diener an Land, um Visitenkarten zu verschicken und einigen Freunden in der Gegend seine Entschuldigung zu übermitteln, da er, sobald sein Boot wieder in Fahrt sei, nicht persönlich bei ihnen vorbeischauen könne. Nur ein Page blieb bei ihm, während er in der Kabine saß und einen Brief nach Hause schrieb, der zu Land sofort verschickt werden sollte. Als er dazu ansetzte, über Bau-yü zu schreiben, hielt er für einen Moment inne und blickte auf. Oben auf dem Deck stand am Eingang zu seiner Kabine eine Figur, deren Silhouette sich leicht vom Schnee abhob. Es war die Figur eines Mannes mit geschorenem Haupt und nackten Füßen, gehüllt in eine weite Robe aus purpurnem Filz. Die Figur kniete nieder und verneigte sich vor Djia Dschëng, der diese besondere Verhaltensweise nicht verstand. Er eilte an Deck mit der Absicht, ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Mann verneigte sich vier Male, stand sodann aufrecht und drückte seine Handflächen vor der Brust wie beim Mönchsgruß zusammen. Djia Dschëng wollte diese Geste eben mit einer Verneigung seines Hauptes erwidern, als er dem Mann in die Augen blickte und ihn mit einem großen Schrecken als Bau-yü erkannte. „Bist du nicht mein Sohn?“, fragte er. Der Mann blieb still, und ein Ausdruck, der Freude und Kummer auszudrücken schien, kam über sein Gesicht. Djia Dschëng fragte wieder: „Wenn du Bau-yü bist, warum bist du dann so gekleidet? Und was führt dich hierher?“ Bevor Bau-yü antworten konnte, erschienen zwei andere Männer an Deck, ein buddhistischer Mönch und ein Dauist. Sie hielten ihn zwischen sich und sagten: „Komm, dein weltliches Karma ist vollständig! Verweile nicht länger!“ Die drei stiegen über den Damm und verschwanden im Schnee. Djia Dschëng eilte ihnen nach, ihrer verschwindenden Spur folgend, doch obwohl er sie vor sich erblicken konnte, schienen sie stets außer Reichweite zu sein. Er konnte sie eine Art Lied singen hören:
„An grünen Berges Fuß verweile ich.
In der Kosmischen Leere streife ich umher. Wer will übertreten, Wer will mit mir gehen, wer will erkunden die unaussprechlichen großen Mysterien der Wildnis, zu welcher ich zurückkehre.“ Djia Dschëng lauschte dem Lied und folgte ihnen weiter, bis sie den Hang eines kleinen Berges erreichten und plötzlich aus seiner Sicht verschwanden. Er war nun schwach und außer Atem durch diese außerordentliche Anstrengung und überaus verwirrt von dem, was er gesehen hatte. Zurückblickend erspähte er seinen Pagen, der ihm nachgeeilt war. „Hast du diese drei Männer vorhin gesehen?“fragte er ihn. „Ja, Herr, das habe ich“, antwortete der Page. „Ich sah, wie Sie ihnen folgten und bin deshalb hinterhergekommen. Dann waren sie verschwunden, und ich konnte außer Ihnen niemanden mehr sehen.“ Djia Dschëng wollte weitergehen, doch alles, was er vor sich sehen konnte, war eine riesige weiße Fläche und keine Menschenseele. Er wußte, daß es mit diesem Zwischenfall mehr auf sich hatte, als er verstehen konnte, und kehrte unwillig um, wobei er seine Spuren zurückfolgte. Die anderen Diener waren gerade zum Schiff ihres Herrn zurückgekehrt, wo sie seine Kabine leer vorfanden und vom Steuermann die Mitteilung erhielten, daß Djia Dschëng an Land gegangen sei, um zwei Mönche und einen Dauisten zu verfolgen. Sie folgten seinen Schritten durch den Schnee und, als sie ihn in der Ferne auf sich zukommen sahen, eilten sie ihm entgegen und kehrten gemeinsam zum Schiff zurück. Djia Dschëng setzte sich nieder, um zu Atem zu kommen, und erzählte ihnen, was geschehen war. Sie wollten seine Autorität nicht anzweifeln und schlugen vor, in dieser Gegend eine Suche nach Bau-yü einzuleiten, doch Djia Dschëng verwarf diese Idee. „Ihr versteht nicht“, sagte er mit einem Seufzen, „dies war wirklich keine übernatürliche Erscheinung. Ich sah diese Männer mit eigenen Augen. Ich hörte sie singen, und die Worte ihres Liedes hatten eine sehr tiefsinnige und rätselhafte Bedeutung. Bau-yü kam mit seiner Jade auf die Welt, und damit hatte es stets etwas Merkwürdiges auf sich. Ich erkannte es als ein schlimmes Omen. Nur weil seine Großmutter derart an ihm hing, haben wir uns so um ihn gekümmert und bis jetzt verzogen. - Diesen Mönch und den Dauisten habe ich schon vorher gesehen, dreimal insgesamt. Das erste Mal war, als sie kamen, um die Macht der Jade zu preisen. Das zweite Mal erschien der Mönch während Bau-yüs schwerer Krankheit und sprach ein Gebet über den Jadestein, was Bau-yü half, sofort zu genesen. Das dritte Mal war, als er uns den Jadestein zurückbrachte, nachdem er verlorengegangen war. Er saß in einem Moment in der Halle, und im nächsten Moment war er verschwunden. Ich hielt dies für äußerst merkwürdig und konnte daraus nur schließen, daß Bau-yü in irgendeiner Weise gesegnet war und daß diese beiden heiligen Männer gekommen waren, um ihn zu beschützen. Doch ich vermute, die Wahrheit ist, daß er selbst aus einer höheren Sphäre stammt und sich auf die Erde niedergelassen hat, um die Prüfungen des menschlichen Lebens zu bestehen. Die ganzen letzten neunzehn Jahre über war seine Großmutter umsonst in ihn vernarrt gewesen! Jetzt erst verstehe ich alles!“ Wie er dies sagte, kamen ihm Tränen in die Augen. „Ja, aber“, protestierte einer der Diener, „wenn Herr Bau-yü wirklich ein unsterblicher buddhistischer Mönch war, wozu mußte er dann erst das Staatsexamen bestehen, bevor er verschwunden ist?“ – „Wie könntest du so etwas auch nur im Ansatz verstehen?“, antwortete Djia Dschëng mit einem Seufzen. „Die Ordnungen im Himmel, die Einsiedler in ihren Hütten, die Geister in ihren Höhlen, alles hat seine eigene Beschaffenheit, eine einzigartige Natur. Wann hast du Bau-yü jemals ernsthaft mit seinen Büchern arbeiten gesehen? Und selbst wenn er es darauf angelegt hätte, war für ihn nichts unmöglich. Seine Natur war wirklich einzigartig.“ Mit der Absicht, daß seine Lebensgeister sich wieder erholen konnten, lenkten sie das Thema auf Djia Lans Erfolg beim Examen und die Wiedererlangung des familiären Glücks. - Dann schrieb Djia Dschëng seinen Brief zu Ende und versiegelte ihn. Er beschrieb in ihm seine Begegnung mit Bau-yü und wies die Familie an, über diesen Verlust nicht zu lange betrübt zu sein; einem der Diener trug er auf, den Brief zum Jung-guo-Anwesen zu bringen, während er selbst seine Reise auf dem Schiff fortsetzte. Doch genug davon. Als Frau Hsüä von der allgemeinen Amnestie hörte, die der Kaiser ausgesprochen hatte, schickte sie Hsüä Kë, um Geld zu leihen, wo immer er konnte, um damit und mit ihrem Ersparten Hsüä Pans Ablöse zu bezahlen. Die Justizbehörde gab schließlich ihre Zustimmung. Sie nahm das Geld als Ausgleich an, und es wurde ein amtliches Schreiben angefertigt, das Hsüä Pans Freilassung genehmigte. Als er mit der Familie wiedervereint war, gab es für ihn unendlich viele Neuigkeiten, manche davon waren traurig, manche heiter. Doch dies können wir ruhig der Vorstellung des Lesers überlassen. Hsüä Pan für seinen Teil leistete einen feierlichen Schwur: „Wenn ich mich jemals wieder so betragen sollte, so möge ich in Stücke gehackt werden.“ Frau Hsüä legte ihm die Hand auf den Mund: „Beschließe nur, deine Wege zu bessern! Es gibt keinen Grund für solche bluttriefenden Schwüre! Nach allem, was Hsiang-ling deinetwegen durchgemacht hat! Wir mögen zwar arm sein, aber es reicht noch zum Leben. Ich meine, du solltest sie zur Frau nehmen. Was denkst du?“ Hsüä Pan nickte zustimmend, während Bau-tschai Tante Hsüäs Vorhaben ihre volle Unterstützung versicherte. Hsiang-ling selbst schien überwältigt und ihr Gesicht färbte sich tiefrot: „Es ist dasselbe, als würde ich Herrn Pan weiter dienen“, sagte sie. „Es wird sich nichts ändern.“ Von nun an nannten sie alle Diener nur noch Frau Pan und schauten mit großer Ehrerbietung zu ihr auf. Hsüä Pan ging darauf bei den Djias vorbei und bedankte sich bei ihnen für alles, was sie für ihn getan hatten. Er wurde von seiner Mutter und Bau-tschai begleitet, und im Jung-guo-Anwesen gab es eine Familienversammlung. Begrüßungen wurden ausgetauscht, und sie unterhielten sich, als plötzlich ein Botschafter erschien und den Brief überrreichte, den Djia Dschëng auf dem Schiff verfaßt hatte. „Der Herr wird in wenigen Tagen hier eintreffen“, berichtete er. Die Dame Wang bat Djia Lan, den Brief laut vorzulesen. Als sie den Abschnitt erreicht hatten, in welchem Djia Dschëng von seiner Begegnung mit Bau-yü berichtete, begannen alle bitterlich zu weinen, die Dame Wang, Bau-tschai und Hsi-jën am meisten von allen. Dann hörten sie zu, wie Djia Lan laut Djia Dschëngs Rat vortrug, daß sie nicht trauern, sondern verstehen sollten, es sei Bau-yüs Schicksal gewesen, daß er die Reinkarnation eines unsterblichen Buddhisten war. „Wäre er jemals in den Status eines Beamten aufgestiegen und hätte seine Laufbahn dann in einer Katastrophe geendet, wäre alles viel schlimmer gewesen“, trösteten sie sich selbst. „Das wäre in öffentlicher Mißbilligung und im Ruin geendet.“ Im Brief hieß es: „Letzten Endes sollten wir uns an der Ehre laben, einen heiligen Mann in der Familie zu haben. Trotzdem war es das Karma seines eigenen Vaters und seiner eigenen Mutter, ihre Tugend, welche ihn dazu brachte, in diese Familie geboren zu werden. Ohne den Wunsch, respektlos zu erscheinen, darf gesagt werden, noch nicht einmal Herrn Djing aus dem Ning-guo-Anwesen, der all die Jahre Joga praktiziert hatte, ist es gelungen, ein Unsterblicher zu werden. Bei Bau-yü war es keine wirkliche Leistung. Wenn man es so betrachtet, sollte es leichter sein, sich keine Sorgen zu machen.“ – „Glaubst du, ich mache es Bau-yü zum Vorwurf, daß er mich verlassen hat?“, schluchzte Frau Wang zu Frau Hsüä. „Nein, doch was mich bekümmert, ist eher das Schicksal seiner armen Frau. Nach nur etwas über einem Jahr der Ehe, wie konnte er nur so gefühllos sein, sie auf diese Weise zu verlassen?“ Frau Hsüä fand dies äußerst herzerweichend, während Bau-tschai selbst beinahe bis zur Ohnmacht geweint hatte. Nachdem sich alle Männer nun in der Vorderen Halle versammelt hatten, fuhr die Dame Wang fort, ihr Herz vor ihrer Schwester auszuschütten: „Bei all diesem Trubel und der Aufregung mußte ich seinetwegen viel erleiden. Wenigstens war es ein Trost, ihn heiraten und sein Examen bestehen zu sehen, und ich hätte vielleicht auf ein Enkelkind hoffen können. Und jetzt das! Wenn ich gewußt hätte, daß es so endet, hätte ich ihn nie an erster Stelle heiraten lassen! Niemals hätte ich zugelassen, daß diesem armen Mädchen ein solches Unglück widerfährt!“ – „All dies hat das Schicksal entschieden“, tröstete sie Frau Hsüä. „Was hätten wir unter diesen Umständen anderes sagen oder tun können? Wir müssen uns selbst gesegnet schätzen, daß meine Tochter ein Kind erwartet und daß du ein Enkelkind haben wirst. Ich bin sicher, daß es ihm trotz allem gut geht und er das Beste daraus macht. Sieh dir nur Li Wan an: ihr Sohn hat sein Provinz-Examen bestanden, und es besteht kein Zweifel, daß der junge Lan nächstes Jahr ein Palastgraduierter und ein Beamter sein wird. Nach allem, was seine Mutter erlitten hat, erhält sie doch noch ihre Entschädigung. Und was meine Tochter betrifft, so weißt du, daß sie kein unbeständiges und launisches Mädchen ist. Um ihretwegen mußt du dich nicht sorgen.“ Die Dame Wang fand die Worte ihrer Schwester, Frau Hsüä, überzeugend und beruhigend. ‚Bau-tschai war als Kind immer so zurückhaltend und bescheiden‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Sie war mit den einfachsten Dingen zufrieden. Vielleicht war ihr deshalb eine solche Vorhersage bestimmt. Vielleicht ist überhaupt alles in der Welt vorherbestimmt! Obwohl Bau-tschai sehr geweint hat, hat sie niemals ihre Würde verloren. Sie hat sogar noch versucht, mich zu trösten. Was für ein besonderes Mädchen sie ist! Ihrem Mann so unähnlich, dem offensichtlich nicht die Freuden dieser Welt beschert waren.‘ Von diesen Gedanken ein wenig getröstet, wandte sich die Dame Wang in Gedanken an Hsi-jën: ‚Keine ihrer anderen Mägde stellt ein Problem dar. Die älteren können verheiratet werden, die jüngeren können Bau-tschai dienen. Doch was soll ich mit Hsi-jën anfangen?‘ Sie fühlte sich nicht wirklich in der gefühlsmäßigen Verfassung, eine große Familienversammlung einzuberufen und entschied, bis zum Abend zu warten, wenn sie allein mit ihrer Schwester reden konnte. Frau Hsüä kam diese Nacht nicht nach Hause, sondern blieb bei Bau-tschai, um sie zu trösten, da sie fürchtete, die Trauer könnte sie doch noch überwältigen. Doch am Ende stellte sich heraus, daß Bau-tschai äußerst vernünftig war. Sie dachte schicksalsergeben über den Lauf der Ereignisse nach und folgerte, daß Bau-yü ohnehin stets eine sehr seltsame Person war und kein Zweifel daran bestand, alles, was sich zugetragen hatte, sei vorherbestimmt gewesen. So gab es keinen Grund, das zu bezweifeln. Mit erhobenem Haupt erklärte sie dies ihrer Mutter, die sichtlich erleichtert war zu hören, daß sie eine solche Haltung eingenommen hatte; sie berichtete es der Dame Wang, als sie sie das nächste Mal sah. Die Dame Wang nickte und seufzte: „Wäre ich wirklich eine so schlechte Frau, hätte mir das Schicksal sicher nicht eine so wunderbare Schwiegertochter beschert!“ Ihr kamen wieder die Tränen, und Frau Hsüä versuchte, sie zu beruhigen. Sie griff das Thema von Hsi-jën auf: „Sie ist in letzter Zeit so abgemagert. Die ganze Zeit grübelt sie nur über Bau-yü. Es ist richtig und gehört sich so für eine Ehefrau, gegenüber ihrem Mann eine solche Ergebenheit zu zeigen, selbst, wenn er kein richtiger Ehemann mehr ist. Und ein Zimmermädchen kann sich ebenso betragen, wenn sie es wünscht. Doch Hsi-jën gehörte niemals offiziell zu Bau-yüs Zimmermädchen, obwohl wir wissen, daß sie es eigentlich doch war.“ „Ja, vor kurzem habe auch ich noch darüber nachgedacht“, sagte die Dame Wang. „Ich habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, um in Ruhe mit dir darüber sprechen zu können. Wenn wir sie einfach des Dienstes verweisen, fürchte ich, wird sie nicht gehen wollen und sich vielleicht sogar das Leben nehmen. Wir könnten sie hierbehalten, doch ich gehe davon aus, daß Herr Dschëng seine Zustimmung nicht geben wird. Das ist ein schwieriges Problem.“ – „Ich glaube kaum, daß Herr Dschëng wünscht, sie sollte allein bleiben und gegenüber Bau-yü ihre Treue behaupten“, sagte Frau Hsüä, „er weiß ja noch nicht einmal, daß sie Bau-yüs Zimmermädchen war. Er hielt sie stets für eine ganz gewöhnliche Magd, daher würde es ihm absurd erscheinen, sie hier zu behalten. Die einzige Lösung für dich wäre, nach einem ihrer Familienmitglieder zu schicken und auf die Dringlichkeit einer Heirat hinzuweisen. Wir können ihr eine großzügige Abfindung überreichen. Sie ist ein gutherziges Mädchen und immer noch sehr jung. Du solltest für sie tun, was du kannst, nach all der Zeit, in der sie hart für euch gearbeitet hat. Laß mich ihr alles ausführlich erklären. Doch jetzt braucht sie noch nicht alles zu erfahren. Zuerst sollten wir uns mit ihrer Familie in Verbindung setzen und diese eine Hochzeit arrangieren lassen. Danach sollten wir Nachforschungen anstellen. Und wenn dann ein möglicher Ehemann für sie gefunden ist und wenn er sich selbst als passend erweist, können wir sie gehen und sich verheiraten lassen.“ „Das ist eine sehr gute Idee. Du hast alles genau durchdacht“, antwortete die Dame Wang. „Wenn wir nicht die Initiative ergreifen, wird Herr Dschëng es tun und sehr taktlos mit ihr umgehen, und damit wären wir für ein weiteres Unglück verantwortlich.“ „Genau denselben Gedanken hatte ich auch“, sagte Frau Hsüä nickend. Nachdem sie sich noch etwas länger unterhalten hatten, verabschiedete sich Frau Hsüä und ging in Bau-tschais Gemächer. Sie fand Hsi-jën in Strömen von Tränen und tat ihr Bestes, sie zu trösten, soweit es unter diesen Umständen noch möglich war. Hsi-jën war ein eher einfaches Mädchen und nicht allzu gesprächig, und zu allem, was Frau Hsüä sagte, gab sie nur knappe Antworten. „Ich bin nur eine Dienerin“, sagte sie schließlich, „und es ist sehr lieb von Ihnen, so mit mir zu reden, Herrin. Ich hätte niemals gewagt, einem der Wünsche der Damen zu widersprechen.“ – „Gutes Mädchen!“, sagte Frau Hsüä, wobei sie überaus zufrieden mit ihr war. Bau-tschai fügte von sich noch ein paar aufrichtende Worte hinzu, und als sie und Tante Hsüä Hsi-jën verließen, fühlten sie sich deutlich erleichtert. Einige Tage später kam Djia Dschëng nach Hause und wurde bei seiner Ankunft von der ganzen Familie begrüßt. Djia Schë und Vetter Dschën waren nun auch aus ihrem Exil zurückgekehrt; sie verbrachten einige Zeit mit Djia Dschëng und tauschten Neuigkeiten aus. Dann ging Djia Dschëng, um nach den Frauen zu sehen. Bau-yüs Abwesenheit warf aber einen düsteren Schatten über die Versammlung, was Djia Dschëng nach bestem Bemühen auszugleichen versuchte. „Es gab für all das einen Grund“, sagte er. Es liegt nun an uns Männern, den hohen Rang unseres öffentlichen Lebens weiterzuführen, und ich hoffe, ihr bringt alle uns zu Hause die nötige Unterstützung entgegen. Wir dürfen auf keinen Fall in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen. Alle Gemächer kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und wir brauchen keinen allgemeinen Verwalter mehr. „Alles in euren Gemächern, überlasse ich euch“, das war besonders an die Dame Wang gerichtet, „geht damit angemessen um.“ Die Dame Wang teilte ihm mit, Bau-tschai erwarte ein Kind und daß allen Mägden von Bau-yü gekündigt werde. Djia Dschëng nickte schweigend. Am folgenden Tag ging er an den Hof, um von den Ministern seine Anweisungen zu erhalten. „Ich bin für die großzügige Gunst seiner Majestät mehr als dankbar“, sagte er, „doch da ich immer noch in meiner Trauerzeit bin, so bitte ich euch, mich anzuweisen, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll.“ Die Minister boten ihm an, eine Gedenkstätte einzurichten. Der Kaiser gewährte Djia Dschëng in seiner Großmut eine Audienz und, nachdem er seinen formalen Dankesbezeugungen zugehört hatte, erteilte er ihm einige kaiserliche Aufträge und erkundigte sich nach seinem Sohn, dem erfolgreichen Provinz-Graduierten. Djia Dschëng erzählte ihm die ganze Geschichte von Bau-yüs Verschwinden. Der Kaiser wunderte sich darüber und bemerkte, daß Bau-yüs Aufsätze sich durch eine besondere Originalität auszeichneten, eine Qualität, die man sonst nur von jenseitigen Seelen erwarten könne. Eine solche Person könnte niemals am Hofe gedient haben, sein Schicksal wäre dies nicht gewesen. Denn ihm war vorbehalten, keine Ehren weltlicher Natur zu empfangen. Es bereitete seiner Majestät eine äußerst große Freude, ihm den religiösen Titel des „Herrn über das unergründliche Wort“ zu verleihen. Djia Dschëng verbeugte sich wieder, um seine Dankbarkeit für diese große Ehre zu bekunden und verabschiedete sich. Bei seiner Rückkehr nach Hause wurde er von Djia Liän und Vetter Dschën empfangen, die begeistert waren, von den Neuigkeiten am Hof zu hören. „Im Jung-guo-Anwesen ist nun wieder alles in Ordnung“, sagte Vetter Dschën, „und mit deiner Zustimmung nehmen wir dort wieder Residenz. Das Kloster Gefangenes Grün im Garten wurde für die Eremitage meiner Schwester Hsi-tschun vorbereitet.“ Nach kurzer Zeit des Nachdenkens hielt Djia Dschëng ihnen eine lange Predigt über die tiefe Dankbarkeit, die sie dem Thron für diese Gunst schuldeten. Djia Liän nutzte die Gelegenheit und lenkte das Thema auf die Hochzeit seiner Tochter: „Vater und Mutter sind beide einverstanden, daß Tchiau-djie mit diesem Herr Dschou verheiratet werden soll.“ Djia Dschëng hatte die Einzelheitgen von Tchiau-djies Geschichte am Abend zuvor gehört und antwortete: „Wenn dies ihre Entscheidung ist, dann soll es so sein. Es gibt nichts gegen das Landleben einzuwenden. Was zählt, ist, daß die Familie aufrichtig ist und der Bursche ein Studium aufnimmt, sodaß er sich in der Welt behaupten kann. Außerdem entstammt nicht jeder Beamte am Hof einer städtischen Familie.“ Djia Liän antwortete angemessen und fuhr fort: „Vater ist in seinem Alter bereits weit fortgeschritten und befindet sich immer mehr in einem phlegmatischen Zustand. Er hat vor, sich für ein paar Jahre zurückzuziehen und dir alles zu überlassen, Onkel.“ – „Eine ruhige Zurückgezogenheit auf dem Land klingt sehr gut für mich“, kommentierte Djia Dschëng, „doch leider verbieten es mir die Verpflichtungen gegenüber dem Thron.“ Djia Dschëng kehrte in seine Gemächer zurück, während Djia Liän jemanden schickte, der Oma Liu zu ihnen bat. Als man ihr mitteilte, daß die Hochzeit vom Herrn genehmigt worden war, erzählte sie es gleich darauf der Dame Wang und den anderen Damen mit einer langen Ausführung über den Erfolg, der dem jungen Mann in der Zukunft bevorstünde, wie seine Familie sich in der Welt behaupten würde und wie viele Söhne und Enkelsöhne ihrer Ehe entspringen würden. Während sie sprach, erschien eine der Mägde, um anzukündigen, daß Hua Dsï-fang, Hsi-jëns Bruder, seine Frau geschickt habe, um seinen Respekt zu erweisen. Die Dame Wang sprach mit der Frau und fand dabei heraus, daß von der Familie Hua eine Hochzeit mit einem gewissen Herrn Djiang vorgeschlagen worden war, der südlich der Stadt lebte, einem jungen Mann mit Eigentum und einem eigenen Pfandhaus. Er war nur wenige Jahre älter als Hsi-jën, doch war er noch nicht verheiratet und sah außergewöhnlich gut aus. Die Dame Wang war mit dieser Beschreibung sehr zufrieden. „Überbringe ihnen meine Zustimmung“, sagte sie. „In ein paar Tagen kann dein Mann kommen, um seine Schwester zu holen und sie zu ihrer Hochzeit zu bringen.“ Sie schickte auch jemanden von ihren Leuten, um diskrete Erkundigungen anzustellen und erhielt positive Rückmeldungen über den Charakter des Mannes, wovon sie Bau-tschai berichtete, und Frau Hsüä fragte, ob man die Neuigkeiten vorsichtig Hsi-jën übermitteln könne. Die arme Hsi-jën war untröstlich bei dem Gedanken, das Jung-guo-Anwesen verlassen zu müssen, doch sie konnte keinen Widerstand leisten. Sie erinnerte sich an den Besuch, den Bau-yü ihr vor Jahren zu Hause abgestattet hatte, und den Eid, den sie daraufhin geschworen hatte, ihn niemals zu verlassen, noch nicht einmal im Tode. ‚Jetzt veranlaßt die Herrin, daß ich dies gegen meinen Willen tue und wenn ich darauf bestehe, alleine und seinem Gedenken treu zu bleiben, werden sich die Leute für mich schämen. Doch wenn ich nun gehe, so ist es nicht mein Wunsch.‘ Sie weinte, bis sie vor lauter Tränen bald würgen mußte. Frau Hsüä und Bau-tschai gaben ihr Bestes, um ihr gut zuzureden und schließlich dachte sie bei sich: ‚Wenn ich hier sterben sollte, wäre das eine schlechte Erwiderung für alles, was die Herrin in der Vergangenheit an guten Dingen für mich getan hat. Ich wäre besser zu Hause gestorben.‘ Endlich verabschiedete sie sich von allen, wobei ihr Herz schwer vor lauter Kummer war. Ebenso schmerzhaft war es für sie, all die anderen Mägde verlassen zu müssen. Fest entschlossen, sich bei der nächsten Gelegenheit das Leben zu nehmen, bestieg sie eine Kutsche und fuhr nach Hause. Als sie zuerst ihren Bruder und seine Frau sah, gab es reichlich Tränen, doch sie konnte es nicht über sich bringen zu sagen, was in ihr vorging. Ihr Bruder zeigte ihr Stück für Stück die Geschenke, die ihr von der Familie Djiang zugesendet worden waren und die Kiste, die er selbst für sie vorbereitet hatte. Ein Teil von dem, erklärte er, war ihm von der Dame Wang gegeben worden, während er einen Teil für sich selbst genutzt hatte. Diese Freundlichkeit machte es für Hsi-jën noch schwerer als vorher, ihren Kummer auszudrücken; nachdem sie zwei Tage bei ihrem Bruder zu Hause verbracht hatte, dachte sie noch einmal gründlich über alles nach: ‚Er hat alles so nett für mich hergerichtet. Wenn ich nun hier sterbe, würde ich ihm damit nicht wehtun?‘ Sie ging dies wieder und wieder in Gedanken durch, und absolut keine Handlungsweise erschien ihr richtig. Ihr Herz hatte sich verknotet. Sie konnte ihr Schicksal nur stoisch erdulden und warten, bis ihre Zeit gekommen war. Der erfolgversprechende Tag im Almanach war für sie gekommen, an dem sie zum Haus ihres Mannes gebracht werden sollte und da sie keinen Aufruhr verursachen wollte, vertröstete sie ihren Kummer auf später und ließ sich auf die hochzeitliche Sänfte heben. An ihrem neuen Zuhause, dachte sie bei sich, würde sie neue Pläne schmieden. Doch sobald sie im Hause Djiang angekommen war, waren alle so aufrichtig und respektvoll zu ihr, ordneten sich ihr als junger, verheirateter Dame unter, die Mägde und Dienstmädchen nannten sie alle ihre Frau Djiang, als sie nur einen Fuß in das Haus gesetzt hatte, sodaß der Tod ihr hier wieder unmöglich erschien: Hier zu sterben wäre für ihn eine große Schmach, dachte sie bei sich; es wäre eine schlechte Erwiderung für all ihre Freundlichkeit. In ihrer Hochzeitsnacht weinte sie pausenlos und hätte sich kaum der Umarmung ihres Gatten hingegeben, wenn er sie nicht mit sehr zärtlicher Zuneigung umgarnt hätte. Am nächsten Tag, als sie gemeinsam ihre Koffer auspackten, bemerkte Djiang unter ihren Sachen ein rotes Halstuch. Daraus folgerte er, daß seine Frau eines der Zimmermädchen von Bau-yü gewesen sein mußte, welchem er einst dieses Band geschenkt hatte. Vorher hatte er gedacht, seine Frau sei nur eine der Mägde der Herzoginmutter gewesen. Er hätte sich niemals träumen lassen, daß er eines Tages Hsi-jën heiraten würde. Djiang Yü-han (nebenbei bemerkt war dies Bau-yüs Schauspielerfreund) war sichtlich bewegt, als er sich an all die Wärme erinnerte, die Bau-yü ihm entgegengebracht hatte und als Konsequenz behandelte er Hsi-jën mit noch größerer Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Er zeigte ihr die damastgrüne Schärpe, die Bau-yü ihm als Tauschmittel für das Halstuch gegeben hatte als eindeutigen Beweis für die Freundschaft ihres Mannes mit ihrem einstigen Herrn. Dies machte Hsi-jën glauben, ihr Leben läge in der Hand des Schicksals, ja daß ihre Hochzeit vorherbestimmt gewesen sei. Diese Wendung verlieh ihr den Mut, ihrem Mann ihr Herz zu öffnen. Djiang erwies sich ihrer wert und brachte ihr tiefe Gefühle entgegen, dazu einen großen Respekt, der sie niemals zwang, eine andere Richtung einzuschlagen; vielmehr brachte er ihr nur noch mehr aufrichtige Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegen. Somit hatte sich Hsi-jën auch der letzten Möglichkeit entledigt, sich jemals das Leben zu nehmen. Geneigter Leser, es ist in der Tat wahr, wie Hsi-jën geschlußfolgert hatte, daß das Leben vorherbestimmt ist und daß dagegen „nichts getan werden kann“. Doch unglücklicherweise wird dieses Argument zu oft von Söhnen und Staatsmännern herangezogen, die sich in einer ungünstigen Situation befinden oder von treuen Witwen und Witwern als Ausrede für moralische Stumpfheit. Es war diese besondere Neigung ihrer Persönlichkeit, die Hsi-jën in das „Zweite Zusatzregister“ verwies. Ein Dichter aus vergangenen Tagen hatte einst geschrieben, als er an dem Tempel vorbeischritt, den er in Gedenken an die Dame der Pfirsischblüte errichtet hatte: „Für die Alten ist der Tod nicht die schlimmste Wahl; Frau Hsi war nicht allein, als sie ihre Schwäche beklagte.“ Hsi-jëns Eheleben ist das erste Kapitel einer anderen Geschichte. Unsere Erzählung widmet sich nun wieder Djia Yü-tsun, der, nachdem er wegen Habsucht und Mißbrauch verurteilt worden war, ebenso aufgrund der allgemeinen Amnestie freigelassen worden war und als gewöhnlicher Bürger in seine Heimatstadt zurückkehren durfte. Er schickte seiner Familie einen Vorboten und reiste selbst mit einem jungen Pagen und einer Kutsche mit Gepäck. Seine Reise führte ihn wieder einmal an die Fähren-Anlegestelle und, wie er sich dem Fluß näherte, sah er einen dauistischen Einsiedler, der aus einer Strohhütte in der Nähe des Flußufers gerannt kam und zur Begrüßung in die Hände klatschte. Dieses Mal erkannte ihn Yü-tsun sofort als Dschën Schï-yin und verneigte sich vor ihm zum Gruß.
„Verehrter Herr Djia“, begann der alte Einsiedler, „ich bin sicher, es ist Ihnen gut ergangen, seit wir uns das letzte Mal begegnet waren?“ –
„Sie, Herr, sind in der Tat mein einstiger Beschützer Herr Dschën, in unsterblicher Gestalt!“, rief Yü-tsun. „Warum habe ich Sie bei unserem letzten Treffen nur nicht erkannt? Im Anschluß daran habe ich vernommen, daß Ihre Hütte durch Feuer zerstört worden sei. Ich war ernsthaft um Ihre Sicherheit besorgt. Ich schätze mich überaus glücklich, diese zweite Gelegenheit erhalten zu haben, Ihre geistige Tiefe bewundern zu dürfen. Leider bin ich immer noch genauso unwissend wie zuvor, wie ihr an meinem jetztigen Zustand erkennen könnt.“ – „Bei der ersten Gelegenheit“, antwortete Dschën Schï-yin, „war Ihre Rangstellung so hoch, daß ich es nicht wagte, mir eure Bekanntschaft anzumaßen. Wegen unserer damaligen Freundschaft, sagte ich ein paar Worte, die Sie allesamt ignorierten. Gesundheit und Armut, Erfolg und Versagen, nichts davon hängt vom Zufall ab. Weder ist unser heutiges Treffen hier ein Zufall noch ein besonderes, wundersames Ereignis. Wir sind nicht weit von meinem Haus, und ich wäre überaus erfreut, wenn Sie bei mir verweilen und den Tag mit mir verbringen würden.“ Djia Yü-tsun willigte begeistert ein, und die beiden Männer gingen Hand in Hand, dabei folgte ihnen der Page mit dem Gepäck in die kleine, einfache Hütte. Schï-yin führte Yü-tsun herein; dieser setzte sich, und der Helfer des alten Mannes brachte ihm Tee. Yü-tsun bat darum, die Geschichte seiner mystischen Umwandlung hören zu dürfen, und Schï-yin lächelte: „Auf eine Weise wurde meine Welt umgewandelt. Sie selbst, Herr, der Sie einer Sphäre des Wohlstandes und Überflusses entstammen, müssen bestimmt von einer Person mit dem Namen Bau-yü gehört haben?“ – „Natürlich“, antwortete Yü-tsun, „zuletzt habe ich das Gerücht gehört, daß er auch in das Dharma aufgestiegen sein soll. Ich habe ihn in vergangenen Tagen einige Male gesehen und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, daß er diesen Schritt gehen würde.“ – „Mir war das schon klar“, sagte Schï-yin. „Ich wußte bereits seit Jahren von seinem Streben.